VON TORSTEN SCHWANKE
An Seine Durchlaucht, Prinz Johann Friedrich,
Herzog von Sachsen, Landgraf von Thüringen,
Markgraf von Meißen, meinen gnädigen Herrn und Patron.
Möge Euer Gnaden mein demütiges Gebet annehmen.
Der freundliche Brief Eurer Gnaden ist kürzlich
in meine Hände gelangt und sein aufmunternder Inhalt
hat mir viel Freude bereitet. Als Antwort übersende ich Ihnen
diese kleine Darstellung des Magnificats,
die ich Ihnen längst versprochen habe,
die aber durch die lästigen Streitereien vieler Gegner
immer wieder unterbrochen wurde.
Wenn ich es länger aufschiebe,
werde ich vor Scham erröten müssen.
Es ist auch nicht angebracht, dass ich weitere Entschuldigungen
vorbringe, damit der jugendliche Geist Euer Gnaden,
der zur Liebe zur Heiligen Schrift neigt,
nicht zurückgeblieben ist
und der durch weitere Übung in derselben
um so mehr aufgewühlt und gestärkt werden könnte.
Dazu wünsche ich Euer Gnaden Gottes Gnade.
Und das ist bitter nötig.
Denn das Wohl vieler liegt in der Macht
eines so mächtigen Fürsten,
wenn er aus sich selbst genommen
und von Gott gnädig regiert wird,
ebenso wie andererseits das Verderben vieler
in seiner Macht liegt, wenn man ihn überlässt sich selbst
und von Gottes Ungnade regiert.
Denn während die Herzen aller Menschen
in Gottes allmächtiger Hand sind,
sagt man nicht ohne Grund nur von Königen und Fürsten:
Das Herz des Königs ist in der Hand des Herrn:
er dreht es, wohin er will.
Wodurch Gott den mächtigen Herren
Seine Furcht einflößen und sie lehren würde,
dass all ihre Gedanken und Absichten
ohne Seine besondere Inspiration nichts sind.
Die Taten anderer Menschen bringen Gewinn oder Verlust
für sie allein oder für nur wenige andere;
aber Herrscher werden nur zu dem besonderen Zweck ernannt,
anderen Menschen entweder zu schaden oder ihnen zu helfen,
und je mehr Menschen, desto größer ihre Herrschaftsbereiche.
Darum nennt die Schrift auch fromme und gottesfürchtige Fürsten
Engel Gottes und sogar Götter;
aber schädliche Fürsten nennt sie Löwen, Drachen
und wilde Tiere, die Gott zu seinen vier Plagen zählt –
Pest, Hungersnot, Krieg und lästige Bestien.
Das Herz des Menschen ist also, da es von Natur aus
Fleisch und Blut ist, von sich aus anfällig für Anmaßung;
und wenn ihm außerdem noch Macht, Reichtum
und Ehre zufallen, so bilden diese einen so starken Ansporn
zu Anmaßung und Selbstüberschätzung,
um ihn dazu zu bewegen, Gott zu vergessen
und seine Untertanen zu verachten.
Da er ungestraft Unrecht tun kann, lässt er sich gehen
und wird zu einem Tier, tut, was er will,
und ist dem Namen nach ein Herrscher,
aber in der Tat ein Monster.
Darum hat der weise Bias treffend gesagt:
Magistratus virum ostendit –
das Amt des Herrschers offenbart,
was für ein Mensch der Herrscher ist.
Was die Untertanen betrifft, so wagen sie es nicht,
sich aus Angst vor den Behörden gehen zu lassen.
Daher alle Herrscher, da sie sich nicht zu fürchten brauchen,
sollten Gott mehr fürchten als andere,
ihn und seine Werke kennen lernen und eifrig wandeln,
wie der heilige Paulus den Römern sagt:
Wer herrscht, der tue es mit Eifer.
Nun kenne ich in der ganzen Schrift nichts,
was einem solchen Zweck so gut dient
wie dieser heilige Hymnus
der allerseligsten Mutter Gottes,
der in der Tat von allen gelernt
und im Gedächtnis behalten werden sollte,
die gut regieren und hilfreiche Herren sein wollen.
Wahrlich, sie singt darin aufs süßeste
von der Gottesfurcht, was für ein Herr er ist,
und besonders, was er mit denen
von hohem und niedrigem Rang zu tun hat.
Möge ein anderer seiner Liebsten zuhören,
die ein weltliches Liedchen singt;
diese reine Jungfrau verdient es wohl,
von einem Prinzen und Herrn gehört zu werden,
wie sie ihm ihr heiliges, keusches und heilsames Lied singt.
Es ist auch ein schöner Brauch, dass dieser Gesang
in allen Kirchen täglich zur Vesper gesungen wird,
und zwar in einem besonderen und angemessenen Rahmen,
der ihn von den anderen Gesängen unterscheidet.
Möge die zärtliche Mutter Gottes selbst
mir den Geist der Weisheit verschaffen,
um dieses ihr Lied gewinnbringend
und gründlich auszulegen,
damit Euer Gnaden wie auch wir alle
daraus heilsame Erkenntnis schöpfen können
und ein lobenswertes Leben, und so dazu kommen,
dieses Magnificat ewig im Himmel zu singen.
Möge Gott uns dazu helfen. Amen.
Hiermit empfehle ich mich Eurer Gnaden
und bete demütig in aller Güte um Eure Gnaden,
meine armselige Bemühung zu empfangen.
Wittenberg, 10. März 1521.
DAS MAGNIFICAT
1. Meine Seele preist den Herrn:
2. Und mein Geist hat sich über Gott, meinen Heiland, gefreut.
3. Denn er hat den niedrigen Stand seiner Magd angesehen: Denn siehe, von nun an werden mich alle Geschlechter selig preisen.
4. Denn der Starke hat Großes an mir getan, und heilig ist sein Name.
5. Und Seine Barmherzigkeit gilt denen, die Ihn fürchten: Von Generation zu Generation.
6. Er hat Stärke gezeigt mit Seinem Arm: Er hat die Stolzen in der Phantasie ihrer Herzen zerstreut.
7. Er hat die Mächtigen von ihren Sitzen gestoßen und die Niedrigen erhöht.
8. Die Hungrigen hat er mit guten Dingen gesättigt, und die Reichen hat er leer fortgeschickt.
9. Er hat seinem Diener Israel geholfen: in Erinnerung an seine Barmherzigkeit.
10. Wie er zu unseren Vätern sprach: zu Abraham und zu seinen Nachkommen in Ewigkeit.
EINLEITUNG
Um diesen heiligen Lobgesang richtig zu verstehen,
müssen wir bedenken, dass die allerseligste Jungfrau Maria
aus ihrer eigenen Erfahrung spricht, in der sie
vom Heiligen Geist erleuchtet und belehrt wurde.
Denn niemand kann Gott oder Sein Wort richtig verstehen,
der solches Verständnis nicht direkt
vom Heiligen Geist erhalten hat.
Aber niemand kann es vom Heiligen Geist empfangen,
ohne es zu erfahren, zu beweisen und zu fühlen.
In solchen Erfahrungen unterweist uns der Heilige Geist
wie in seiner eigenen Schule,
außerhalb derer nichts gelernt wird
als leere Worte und müßige Fabeln.
Als die Heilige Jungfrau dann erlebte,
was Gott Großes in ihr bewirkte,
war sie doch so arm, sanftmütig, verachtet
und von niedrigem Grad,
lehrte der Heilige Geist sie dieses kostbare Wissen
und diese Weisheit, dass Gott ein Herr ist,
dessen Werk nur darin besteht,
sie von niedrigem Grad zu erheben,
die Mächtigen von ihren Sitzen zu stürzen,
kurz gesagt, zu brechen alles, was ganz ist,
und heil zu machen, was zerbrochen ist.
Denn so wie Gott am Anfang der Schöpfung
die Welt aus dem Nichts gemacht hat,
weshalb Er der Schöpfer und Allmächtige genannt wird,
so ist Seine Wirkungsweise immer noch die gleiche.
Sogar jetzt und bis zum Ende der Welt
sind alle Seine Werke so, dass Er aus dem, was nichts,
Wertloses, Verachtetes, Elendes und Totes ist,
etwas Kostbares, Ehrbares, Gesegnetes und Lebendiges macht.
Was auch immer etwas Kostbares, Ehrbares, Gesegnetes
und Lebendiges ist, macht Er zu nichts, wertlos, verachtet,
elend und sterbend. Auf diese Weise kann kein Geschöpf arbeiten;
niemand kann etwas aus nichts hervorbringen.
Deshalb blicken Seine Augen nur in die Tiefe,
nicht in die Höhe; wie es in Daniel heißt:
Du sitzt auf den Cherubim und siehst die Tiefen;
im Psalm: Der Herr ist der Höchste
und blickt auf das Niedrige herab,
und das Hohe kennt er von ferne;
und im Psalm: Wer ist wie der Herr, unser Gott,
der in der Höhe wohnt und herabblickt
auf das Niedrige im Himmel und auf Erden?
Denn da Er der Allerhöchste ist und nichts über Ihm ist,
kann Er nicht über sich erblicken; noch zu beiden Seiten,
denn keiner ist Ihm gleich.
Er muss daher notwendigerweise in sich
und unter sich schauen; und je weiter einer unter ihm ist,
desto besser sieht er ihn.
Die Augen der Welt und der Menschen hingegen
blicken nur über sich und sind stolz erhoben,
wie es im Buch der Sprüche heißt: Es gibt eine Generation,
deren Augen erhaben sind und ihre Augenlider erhoben sind
in der Höhe. Das erleben wir jeden Tag.
Jeder strebt nach dem, was über ihm ist,
nach Ehre, Macht, Reichtum, Wissen,
einem Leben in Leichtigkeit und allem,
was erhaben und groß ist.
Und wo solche Leute sind, gibt es viele Mitläufer,
die ganze Welt versammelt sich um sie,
leistet ihnen gerne Dienste
und möchte an ihrer Seite sein
und an ihrem Rausch teilhaben.
Deshalb beschreibt die Schrift nicht umsonst
nur wenige Könige und Herrscher,
die gottesfürchtige Männer waren.
Andererseits ist niemand bereit, in die Tiefe
mit ihrer Armut, Schande, Verkommenheit, Elend
und Angst zu blicken. Von diesen wenden alle ihre Augen ab.
Wo solche Leute sind, eilt ein jeder davon,
verlässt und meidet sie und überlässt sie sich selbst;
niemand träumt davon, ihnen zu helfen
oder etwas aus ihnen zu machen.
Und so müssen sie notgedrungen in der Tiefe
und in ihrem niedrigen und verachteten Stand bleiben.
Es gibt unter den Menschen keinen Schöpfer,
der aus nichts etwas machen würde,
obwohl es der heilige Paulus lehrt, wenn er sagt:
Liebe Brüder, denkt nicht an hohe Dinge,
sondern macht mit den Niedrigen mit.
Gott allein gehört daher jenes Sehen,
das mit seiner Not in die Tiefe blickt und allen nahe ist,
die in der Tiefe sind; wie der heilige Petrus sagt:
Gott widersteht den Stolzen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
Und dies ist die Quelle der menschlichen Liebe
und des Lobpreises Gottes.
Denn niemand kann Gott preisen,
ohne ihn zuerst zu lieben.
Niemand kann ihn lieben, es sei denn,
Er macht sich ihm auf die liebenswerteste
und vertrauteste Weise bekannt.
Und er kann sich nur durch seine Werke kundtun,
die er in uns offenbart
und die wir in uns fühlen und erfahren.
Aber wo diese Erfahrung ist, nämlich dass Er ein Gott ist,
der in die Tiefe schaut und nur den Armen,
Verachteten, Bedrängten, Elenden, Verlassenen hilft,
da entsteht eine herzliche Liebe zu Ihm,
dem das Herz überfließt vor Freude
und springt und tanzt zum großen Vergnügen,
es hat in Gott Liebe gefunden.
Dort ist der Heilige Geist gegenwärtig
und hat uns durch diese Erfahrung im Handumdrehen
eine so überaus große Erkenntnis und Freude gelehrt.
Darum hat Gott auch uns allen den Tod auferlegt
und Seinen geliebten Kindern und Christen
das Kreuz Christi samt unzähligen Leiden
und Bedrängnissen auferlegt; ja er lässt uns sogar manchmal
in Sünde fallen; damit Er weit in die Tiefe schaue,
vielen Hilfe bringe, mannigfaltige Werke verrichte,
sich als wahrer Schöpfer zeige
und sich dadurch bekannt mache
und der Liebe und des Lobes würdig mache.
Hier, leider, die Welt mit ihren stolzen Augen
behindert Ihn ständig, behindert Sein Sehen,
Wirken und Helfen und unser Wissen, Lieben und Loben
von Ihm und beraubt Ihn all Seiner Herrlichkeit,
selbst seiner Freude, Wonne und Erlösung.
Er warf auch Seinen einzigen und geliebten Sohn Christus
in die Tiefe alles Weh und zeigte an Ihm am deutlichsten,
worauf Sein Sehen, Wirken, Helfen, Verfahren
und Wollen gerichtet ist. Darum ist Christus,
nachdem er all diese Dinge am umfassendsten erfahren hat,
in alle Ewigkeit reich an Erkenntnis,
Liebe und Lobpreisung Gottes;
wie es im Psalm heißt: Du hast ihn überaus erfreut
mit deinem Angesicht – nämlich darin,
dass er dich sieht und dich kennt.
Auch hierhin gehört der Psalm, wo gesagt wird,
dass alle Heiligen im Himmel nichts anderes tun werden,
als Gott zu preisen, weil er sie angeschaut hat,
als sie in der Tiefe waren, und sich ihnen dort offenbart hat
und von ihnen geliebt und gepriesen wird.
Die liebevolle Mutter Christi
tut hier dasselbe und lehrt uns mit ihren Worten
und durch das Beispiel ihrer Erfahrung,
wie man Gott kennt, liebt und lobt.
Denn da sie sich mit vor Freude hüpfendem Herzen
rühmt und Gott lobpreist,
dass Er sie trotz ihres niedrigen Standes
und ihrer Nichtigkeit angesehen hat,
müssen wir unbedingt glauben,
dass sie von armen, verachteten und niedrigen Eltern stammte.
Lasst es uns um des Einfachen willen sehr deutlich machen.
Zweifellos gab es in Jerusalem Töchter des Häuptlings
der Priester und Ratgeber, die reich, attraktiv, jugendlich,
kultiviert und bei allen Menschen hoch angesehen waren;
so wie es heute bei den Töchtern von Königen,
Fürsten und Reichen der Fall ist.
Das gleiche galt auch für viele andere Städte.
Sogar in ihrer eigenen Stadt Nazareth
war sie nicht die Tochter eines der obersten Herrscher,
sondern eine arme und schlichte Bürgertochter,
zu der niemand aufblickte oder sie schätzte.
Für ihre Nachbarn und ihre Töchter
war sie nur ein einfaches Mädchen,
das sich um das Vieh kümmerte
und das Verrichten der Hausarbeit,
und zweifellos nicht mehr geschätzt
als irgendein armes Dienstmädchen heute,
das tut, was ihr über das Haus geboten wird.
Denn so kündigte Jesaja an:
Ein Reis wird aus dem Stamm Isais hervorgehen,
und eine Blume wird aus seiner Wurzel aufgehen,
und der Heilige Geist wird auf ihm ruhen.
Der Stamm und die Wurzel ist die Generation von Jesse
oder David, insbesondere die Jungfrau Maria;
der Reis und die Blume sind Christus.
Nun, genauso unwahrscheinlich, ja unglaublich, ist es,
dass ein schöner Zweig und eine schöne Blume
aus einem trockenen und verdorrten Stamm
und einer Wurzel entspringen sollte,
so unwahrscheinlich war es, dass die Jungfrau Maria
die Mutter eines solchen Kindes werden sollte.
Denn ich nehme an, sie wird Stamm und Wurzel genannt,
nicht nur, weil sie auf übernatürliche Weise
und ohne Verletzung ihrer Jungfräulichkeit
Mutter geworden ist, auch wenn es über der Natur liegt,
aus einem toten Baumstumpf einen Ast wachsen zu lassen,
aber auch aus folgendem Grund: Früher,
in den Tagen Davids und Salomos,
war der königliche Stamm Davids grün und blühend,
glücklich in seiner großen Pracht, Macht und Reichtum
und berühmt in den Augen der Welt.
Aber in den letzten Tagen, als Christus kommen sollte,
hatten die Priester diese Ehre an sich gerissen
und waren die alleinigen Herrscher,
während die königliche Linie Davids
so verarmt und verachtet worden war,
dass sie wie ein toter Stamm war,
sodass es keine Hoffnung mehr gab noch Wahrscheinlichkeit,
dass ein König, der davon abstammte,
jemals zu irgendeinem großen Ruhm gelangen würde.
Aber als alles höchst unwahrscheinlich schien,
kommt Christus und wird von dem verachteten Stamm
geboren, der armen und niedrigen Jungfrau!
Das Reis und die Blume entspringen aus ihr,
die die Tochter von Hannas oder Kaiphas
nicht für die Zofe ihrer bescheidensten Dame
zu haben geruht hätte. So sind Gottes Werk
und Seine Augen in der Tiefe,
aber des Menschen nur in der Höhe.
Soviel zum Anlass des Mariengesangs,
den uns nun im einzelnen betrachten lasst.
Meine Seele verherrlicht den Herrn!
Diese Worte drücken die starke Glut
und überschwängliche Freude aus,
wodurch ihr ganzes Denken und Leben
innerlich im Geist erhoben wird.
Deshalb sagt sie nicht: Ich erhebe den Herrn,
sondern: Meine Seele erhebt Ihn.
Es ist, als ob sie sagte: Mein Leben
und alle meine Sinne schweben in der Liebe
und dem Lob Gottes und in erhabenen Freuden,
damit ich nicht mehr Herrin meiner selbst bin;
ich bin erhaben, mehr als ich mich selbst erhebe,
den Herrn zu preisen.
Das ist die Erfahrung all jener,
durch die die göttliche Süße
und der Geist ausgegossen werden;
sie finden keine Worte, um auszudrücken, was sie fühlen.
Denn den Herrn mit Freuden zu preisen ist kein Menschenwerk;
es ist vielmehr ein freudiges Leiden
und allein das Werk Gottes.
Es kann nicht mit Worten gelehrt werden,
sondern muss in der eigenen Erfahrung gelernt werden.
So wie David sagt: O schmecke und siehe,
dass der Herr süß ist; gesegnet ist der Mann,
der auf ihn vertraut. Er stellt das Schmecken vor das Sehen,
denn diese Süße kann man nicht kennen,
wenn man sie nicht selbst erlebt und gefühlt hat;
und niemand kann zu einer solchen Erfahrung gelangen,
wenn er nicht mit ganzem Herzen auf Gott vertraut,
wenn er in der Tiefe und in der Not ist.
Deshalb beeilt sich David hinzuzufügen:
Gesegnet ist der Mann, der auf Gott vertraut.
Solch jemand wird das Wirken Gottes in sich selbst erfahren
und wird so dazu kommen, Seine Süße zu spüren
und dadurch alle Erkenntnis zu erlangen und Verständnis.
Nehmen wir die Wörter in ihrer Reihenfolge auf.
Das erste ist „meine Seele “. Die Heilige Schrift
weist dem Menschen drei Teile zu:
Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar,
damit euer ganzer Geist, eure Seele und euer Leib
untadelig bewahrt werden für die Wiederkunft
unseres Herrn Jesus Christus.
(Es gibt noch eine andere Unterteilung von jedem dieser drei
und des ganzen Menschen in zwei Teile,
die Geist und Fleisch genannt werden.
Dies ist eine Unterteilung, die nicht der Natur entspricht
des Menschen, sondern seiner Qualitäten.
Die Natur des Menschen besteht aus den drei Teilen:
Geist, Seele und Körper;
und alle diese können gut oder böse sein,
das heißt, sie können Geist oder Fleisch sein.
Aber wir haben es jetzt nicht mit dieser Aufteilung zu tun.)
Der erste Teil, der Geist, ist der höchste, tiefste
und edelste Teil des Menschen.
Durch ihn wird er befähigt, Dinge zu erfassen,
die unbegreiflich, unsichtbar und ewig sind.
Es ist, kurz gesagt, die Wohnstätte des Glaubens
und des Wortes Gottes. Davon spricht David:
Herr, schaffe in meinem Innern einen rechten Geist,
das heißt einen geraden und aufrechten Glauben.
Aber von den Ungläubigen sagt er:
Ihr Herz war nicht recht mit Gott,
und ihr Geist war ihm nicht treu.
Der zweite Teil oder die Seele ist,
soweit es seine Natur betrifft, derselbe Geist,
der jedoch eine andere Funktion erfüllt,
nämlich den Körper zu beleben
und durch den Körper zu wirken.
In der Heiligen Schrift wird sie häufig für das Leben gesetzt;
denn die Seele kann ohne den Körper leben,
aber der Körper hat kein Leben ohne die Seele.
Auch im Schlaf lebt und arbeitet die Seele ohne Unterlass.
Es ist ihre Natur, nicht unverständliche Dinge zu begreifen,
sondern solche Dinge, die die Vernunft wissen
und verstehen kann. In der Tat ist die Vernunft
Licht in dieser Wohnung, und wenn der Geist,
der vom helleren Licht des Glaubens erleuchtet ist,
dieses Licht der Vernunft nicht beherrscht,
kann er nur im Irrtum sein.
Denn es ist zu schwach, sich mit göttlichen Dingen zu befassen.
Diesen beiden Teilen des Menschen
schreibt die Schrift vieles zu, wie Weisheit und Erkenntnis,
Weisheit dem Geist, Erkenntnis der Seele;
ebenso Hass und Liebe,
Entzücken und Entsetzen und dergleichen.
Der dritte Teil ist der Körper mit seinen Gliedern.
Seine Arbeit besteht nur darin, das auszuführen
und anzuwenden, was die Seele weiß und der Geist glaubt.
Nehmen wir dazu ein Beispiel aus der Heiligen Schrift.
In der von Mose gestalteten Stiftshütte
gab es drei getrennte Fächer.
Das erste wurde das Allerheiligste genannt:
hier war Gottes Wohnung, und darin war kein Licht.
Das zweite wurde das Heiligtum genannt:
hier stand ein Leuchter mit sieben Armen und sieben Lampen.
Der dritte hieß Vorhof: dieser lag unter freiem Himmel
und im vollen Licht der Sonne.
In diesem Tabernakel haben wir eine Figur
des christlichen Menschen.
Sein Geist ist das Allerheiligste, wo Gott
in der Dunkelheit wohnt des Glauben, wo kein Licht ist;
denn er glaubt, was er weder sieht noch fühlt noch versteht.
Seine Seele ist der heilige Ort mit seinen sieben Lampen,
das heißt alle Arten von Vernunft, Urteilsvermögen, Wissen
und Verständnis von sichtbaren und körperlichen Dingen.
Sein Leib ist der für alle offene Vorhof,
damit die Menschen seine Werke
und seine Lebensweise sehen können.
Nun bittet Paulus Gott, der ein Gott des Friedens ist,
uns zu heiligen, nicht nur in einem Teil,
sondern ganz, durch und durch, damit Geist, Seele, Leib
und alles heilig seien. Wir könnten viele Gründe nennen,
warum er auf diese Weise betet,
aber das Folgende soll genügen.
Wenn der Geist nicht mehr heilig ist,
dann ist nichts heilig.
Diese Heiligkeit des Geistes ist der Schauplatz
des schlimmsten Konflikts
und die Quelle der größten Gefahr.
Sie besteht in nichts anderem als im Glauben
schlicht und einfach. denn der Geist hat,
wie wir gesehen haben, nichts mit begreiflichen Dingen zu tun.
Aber jetzt kommen falsche Lehrer
und locken den Geist aus der Tür;
der eine bringt dieses Werk hervor,
ein anderer jene Art, Gottseligkeit zu erlangen.
Und wenn der Geist nicht bewahrt wird und weise ist,
wird er hervorkommen und diesen Männern folgen.
Er wird sich auf die äußeren Werke und Regeln stürzen
und sich einbilden, durch sie zur Gottseligkeit
gelangen zu können. Und bevor wir es wissen,
ist der Glaube verloren
und der Geist ist tot in den Augen Gottes.
Dann beginnen die mannigfachen Sekten und Orden.
Dieser wird Kartäuser, jener Franziskaner;
dieser sucht Erlösung durch Fasten, jener durch Beten;
einer nach dem anderen arbeitet,
der andere nach dem anderen.
Doch das sind alles selbstgewählte Werke und Befehle,
nie von Gott befohlen,
sondern von Menschen erfunden.
In sich versunken, haben sie kein Auge für den Glauben,
sondern lehren die Menschen nur,
ihr Vertrauen auf Werke zu setzen,
bis sie so sehr in Werke versunken sind,
dass sie untereinander zerfallen.
Jeder wäre der Größte und verachtet den anderen,
wie es heute unsere prahlenden und polternden
Observanten tun. Gegenüber solchen Werkheiligen
und fromm erscheinenden Lehrern
betet Paulus und nennt Gott einen Gott des Friedens
und der Einheit. Solch ein Gott,
diese gespaltenen, unfriedlichen Heiligen
können ihn weder haben noch behalten,
es sei denn, sie geben ihre eigenen Dinge auf,
stimmen in demselben Geist und Glauben überein
und lernen, dass Werke nichts als Unterschiede,
Sünde und Zwietracht hervorbringen,
während der Glaube allein die Menschen fromm,
vereint und friedfertig macht.
Wie es im Psalm heißt: Gott lässt uns in Einigkeit
im Haus wohnen; und: Siehe, wie gut und wie angenehm es ist,
wenn Brüder in Einheit zusammenwohnen.
Es gibt keinen Frieden, außer wo die Menschen lehren,
dass wir durch keine Arbeit oder äußere Sache
fromm, gerecht und gesegnet sind,
sondern allein durch den Glauben, das heißt,
ein festes Vertrauen auf die unsichtbare Gnade Gottes,
die uns verheißen ist, wie ich gezeigt habe,
ohne größere Länge in den guten Werken.
Aber wo kein Glaube ist, müssen viele Werke sein,
und wo diese sind, weichen Frieden und Einheit,
und Gott kann nicht bleiben.
Deshalb begnügt Paulus sich nicht damit,
hier einfach zu sagen: dein Geist, deine Seele,
sondern er sagt: dein ganzer Geist,
denn davon hängt alles ab.
Er verwendet einen schönen griechischen Ausdruck,
dein Geist, der das ganze Erbe besitzt.
Es ist, als hätte er gesagt: Lasst euch von keiner Werklehre
in die Irre führen. Der gläubige Geist allein
besitzt alle Dinge. Alles hängt vom Glauben des Geistes ab.
Und ich bitte Gott, diesen gleichen Geist,
der das ganze Erbe besitzt,
in Euch zu bewahren gegen die falschen Lehren,
die Werke zur Grundlage unseres Vertrauens
auf Gott machen wollen,
und die nur falsche Nachrichten sind,
weil sie solches Vertrauen nicht
allein auf Gottes Gnade gründen.
Wenn dieser Geist, der das ganze Erbe besitzt,
bewahrt wird, können sowohl Seele
als auch Körper ohne Irrtum und böse Werke bleiben.
Andererseits, wenn der Geist ohne Glauben ist,
kann die Seele samt dem ganzen Leben nicht umhin,
in Bosheit und Irrtum zu verfallen,
wie gut eine Absicht und Meinung sie auch bekennen mag,
und darin ihre eigene Hingabe und Befriedigung finden.
Als Folge dieses Irrtums und dieser falschen Meinung
der Seele werden alle Werke des Körpers
gleichermaßen böse und verdammenswert,
obwohl ein Mensch abtötete sich durch Fasten
und verrichtete die Werke aller Heiligen.
Damit also unsere Werke und unser Leben
nicht vergeblich seien, sondern damit wir wahrhaft
heilig werden, ist es notwendig,
dass Gott zuerst unseren Geist
und dann unsere Seele und unseren Leib bewahrt,
nicht nur vor offenen Sünden. sondern viel mehr
vor falschen und scheinbar guten Werken.
Lasst dies zur Erklärung dieser beiden Worte,
Seele und Geist, genügen;
sie kommen sehr häufig in der Heiligen Schrift vor.
Wir kommen zum Wort Magnificat,
was bedeutet, jemanden zu verherrlichen,
zu erheben, hoch zu schätzen, als jemand,
der die Macht, das Wissen und den Wunsch hat,
viele große und gute Dinge zu vollbringen,
wie die, die in diesem Lobgesang folgen.
So wie ein Buchtitel anzeigt, was der Inhalt des Buches ist,
so wird dieses Wort Magnificat von Maria verwendet,
um anzuzeigen, worum es in ihrem Lobgesang gehen soll,
nämlich um die großen Werke und Taten Gottes
für die Kraft des Irrens unseres Glaubens,
zum Trost aller Niedrigen und zum Schrecken
aller Mächtigen der Erde.
Wir sollen das Lied diesem dreifachen Zweck dienen lassen;
denn sie hat es nicht nur für sich gesungen,
sondern für uns alle, damit wir es ihr nachsingen.
Nun, diese großen Werke Gottes
werden niemanden erschrecken oder trösten,
es sei denn, er glaubt, dass Gott nicht nur die Macht
und das Wissen hat, sondern auch die Bereitschaft
und den herzlichen Wunsch, so große Dinge zu tun.
Nein, es reicht nicht einmal zu glauben,
dass er bereit ist, sie für andere zu tun, aber nicht für Euch.
Das hieße, sich von diesen Werken Gottes zu trennen,
wie es diejenigen tun, die ihn wegen ihrer Kraft nicht fürchten,
und die Kleingläubigen, die wegen ihrer Drangsal
in Verzweiflung geraten. Diese Art von Glauben ist nichts;
er ist tot; er ist wie eine Idee aus einer Geschichte.
Ihr müsst vielmehr, ohne zu schwanken oder zu zweifeln,
Seinen Willen Euch gegenüber erkennen
und fest daran glauben, dass Er Euch auch Großes antun will
und wird. Ein solcher Glaube hat Leben und Sein;
er durchdringt und verändert den ganzen Menschen;
er zwingt dich, dich zu fürchten, wenn du mächtig bist,
und dich zu trösten, wenn du von geringer Stufe bist.
Und je mächtiger du bist, desto mehr musst du fürchten;
je niedriger du bist, desto mehr musst du dich trösten.
Dies vermag keine der beiden anderen Glaubensrichtungen
zu bewirken. Wie wird es dir ergehen in der Todesstunde?
Da musst du unbedingt glauben,
dass Er nicht nur die Macht und das Wissen hat,
sondern auch den Wunsch, dir zu helfen.
Denn es ist in der Tat ein unsäglich großes Werk,
das getan werden muss, um dich
vom ewigen Tod zu befreien, dich zu retten
und dich zum Erben Gottes zu machen.
Diesem Glauben sind alle Dinge möglich,
wie Christus sagt; er allein bleibt;
es kommt auch dazu, die Werke Gottes zu erfahren,
und gelangt so zur Liebe Gottes
und von dort zu Liedern und Lobpreisungen Gottes,
so dass der Mensch ihn hoch schätzt
und ihn wirklich verherrlicht.
Denn Gott wird nicht von uns verherrlicht,
was Sein Wesen betrifft – Er ist unveränderlich –,
aber Er wird in unserem Wissen
und unserer Erfahrung verherrlicht,
wenn wir Ihn hoch schätzen und hoch achten,
besonders in Bezug auf seine Gnade und Güte.
Deshalb sagt die heilige Mutter nicht:
Meine Stimme oder mein Mund,
meine Hand oder meine Gedanken,
meine Vernunft oder mein Wille
verherrlichen den Herrn.
Denn es gibt viele, die Gott mit lauter Stimme preisen,
mit hochtönenden Worten von Ihm predigen,
viel von Ihm reden, streiten und schreiben über ihn
und malen sein Bild; deren Gedanken
oft bei Ihm verweilen und die sich nach Ihm ausstrecken
und mit ihrer Vernunft über Ihn spekulieren;
es gibt auch viele, die Ihn mit falscher Hingabe
und falschem Willen preisen.
Aber Maria sagt: Meine Seele verherrlicht ihn –
das heißt, mein ganzes Leben und Wesen,
mein Verstand und meine Kraft schätzen ihn sehr.
Sie ist gleichsam zu Ihm entrückt
und fühlt sich in Seinen guten und gnädigen Willen erhoben,
wie der folgende Vers zeigt. Dasselbe gilt,
wenn uns jemand ein Zeichen der Bevorzugung erweist;
unser ganzes Leben scheint sich ihm zuzuneigen,
und wir sagen: Ach, ich schätze ihn sehr, das heißt:
Meine Seele macht ihn groß.
Um wie viel mehr wird solch eine lebhafte Neigung
in uns geweckt, wenn wir die Gnade Gottes erfahren,
die in Seinen Werken überaus groß ist.
Alle Worte und Gedanken verblassen uns,
und unser ganzes Leben und unsere ganze Seele
müssen in Bewegung gesetzt werden, als ob alles,
was in uns lebte, in Lobpreis
und Gesang ausbrechen wollte.
Aber hier finden wir zwei Arten falscher Geister,
die das Magnificat nicht richtig singen können.
Erstens gibt es diejenigen, die Ihn nicht preisen werden,
wenn Er ihnen nicht Gutes tut;
wie David sagt: Er wird dich preisen,
wenn du ihm Gutes tust.
Diese scheinen tatsächlich Gott sehr zu preisen;
aber weil sie nicht bereit sind, Unterdrückung zu erleiden
und in der Tiefe zu sein, können sie niemals
die eigentlichen Werke Gottes erfahren
und können Ihn daher niemals wirklich lieben oder preisen.
Die ganze Welt ist heutzutage mit Lobpreis erfüllt
und Gottesdienst, mit Gesang und Predigt,
mit Orgeln und Trompeten,
und das Magnificat wird prächtig gesungen;
aber ach! dass dieser kostbare Gesang
von uns so äußerst ohne Salz oder Geschmack
wiedergegeben werden sollte. Denn wir singen nur,
wenn es uns gut geht; sobald es schlecht geht,
haben wir mit dem Singen aufgehört
und schätzen Gott nicht mehr hoch,
sondern nehmen wir an, er kann
oder will nichts für uns tun.
Dann muss auch das Magnificat schmachten.
Die anderen Arten sind noch gefährlicher.
Sie irren auf der anderen Seite.
Sie erheben sich durch die guten Gaben Gottes
und schreiben sie nicht allein Seiner Güte zu.
Sie selbst wollen an ihnen teilhaben;
ihretwegen würden sie geehrt
und über andere Männer gestellt werden.
Wenn sie die guten Dinge sehen,
die Gott für sie gewirkt hat, fallen sie auf sie
und machen sie sich zu eigen;
sie halten sich für besser als andere,
die solche Dinge nicht haben. Wahrlich,
dies ist eine glatte und schlüpfrige Position.
Die guten Gaben Gottes werden ganz natürlich stolze
und selbstzufriedene Herzen hervorbringen.
Deshalb müssen wir hier dem letzten Wort
Marias Beachtung schenken, das „der Herr “ ist.
Sie sagt nicht: „Meine Seele erhebt sich“
oder „erhebt mich“. Sie will nicht geschätzt werden;
sie verherrlicht allein Gott und gibt Ihm alle Ehre.
Sie lässt sich selbst aus und schreibt alles allein Gott zu,
von dem sie es empfangen hat.
Denn obwohl sie ein so überaus großes Werk Gottes
in sich selbst erlebte, war sie doch immer darauf bedacht,
sich nicht über den demütigsten Sterblichen zu erheben.
Hätte sie das getan, wäre sie wie Luzifer
in die unterste Hölle gesunken.
Sie hatte keinen anderen Gedanken als dies:
Wenn irgendein anderes Mädchen
so gute Dinge von Gott bekommen hätte,
würde sie sich genauso freuen
und es ihr nicht übel nehmen;
ja, sie hielt sich als einzige solcher Ehre für unwürdig
und alle anderen ihrer würdig.
Sie wäre sehr zufrieden gewesen,
wenn Gott ihr diese Segnungen entzogen
und sie vor ihren Augen einer anderen geschenkt hätte.
So wenig erhob sie Anspruch auf irgendetwas,
sondern überließ alle Gaben Gottes frei in Seinen Händen
und war selbst nicht mehr als ein fröhliches Frauenzimmer
und eine bereitwillige Gastgeberin
für einen so großen Gast.
Darum behielt sie auch all diese Dinge für immer.
Das heißt, Gott allein zu verherrlichen,
nur Ihn für groß zu halten und nichts zu beanspruchen.
Wir sehen hier, welch starken Antrieb sie hatte,
nicht in Sünde zu fallen,
so dass es nicht weniger ein Wunder ist,
dass sie sich von Stolz und Arroganz zurückhielt,
als dass sie die Gaben erhielt.
Sag mir, war sie nicht eine wunderbare Seele?
Sie findet sich als Mutter Gottes,
erhaben über alle Sterblichen,
und bleibt dabei so einfach und so ruhig
und zählt keine arme Dienerin unter sich.
O wir armen Sterblichen!
Wenn wir zu ein wenig Reichtum
oder Macht oder Ehre kommen,
ja wenn wir ein bisschen schöner sind als andere Menschen,
können wir es nicht ertragen,
jemandem unter uns gleich gemacht zu werden,
sondern sind über alle Maßen aufgeblasen.
Was sollten wir tun, wenn wir solch große
und erhabene Segnungen besitzen?
Deshalb lässt Gott uns arm und unglücklich bleiben,
weil wir Seine zarten Gaben nicht unbefleckt lassen
und keinen ausgeglichenen Geist bewahren können,
sondern unsere Stimmung steigen oder fallen lassen,
je nachdem Er Seine Gaben gibt oder nimmt.
Aber Marias Herz bleibt immer dasselbe;
sie lässt Gott seinen Willen mit sich haben
und schöpft daraus nur guten Trost,
Freude und Gottvertrauen.
So sollten auch wir handeln;
das wäre ein richtiges Magnificat zu singen.
Und mein Geist hat sich in Gott gefreut, meinem Retter!
Wir haben gesehen, was mit „Geist“ gemeint ist;
es ist das, was durch den Glauben
unbegreifliche Dinge ergreift.
Deshalb nennt Maria Gott ihren Retter oder ihr Heil,
obwohl sie dies weder sah noch spürte,
sondern in sicherer Zuversicht darauf vertraute,
dass er ihr Retter und ihr Heil sei.
Welcher Glaube kam zu ihr durch das Werk,
das Gott in ihr gewirkt hatte.
Und wahrlich, sie bringt die Dinge in die richtige Ordnung,
wenn sie Gott ihren Herrn nennt,
bevor sie Ihn sie nennt Erlöser,
und wenn sie ihn ihren Erlöser nennt,
bevor sie von seinen Werken erzählt.
Wobei sie uns lehrt, Gott nur für sich selbst zu lieben
und zu preisen, und zwar in der richtigen Reihenfolge,
und nicht selbstsüchtig etwas von Seinen Händen zu suchen.
Dies geschieht, wenn man Gott lobt, weil er gut ist,
nur seine bloße Güte betrachtet
und nur darin seine Freude und sein Vergnügen findet.
Das ist eine erhabene, reine und zärtliche Art,
Gott zu lieben und zu preisen,
und kommt dem hohen und zärtlichen Geist
dieser Jungfrau sehr zugute.
Aber die unreinen und perversen Liebenden,
die nichts anderes sind als Parasiten
und die ihren eigenen Vorteil in Gott suchen,
lieben und preisen Seine bloße Güte nicht,
sondern haben ein Auge auf sich und bedenken nur,
wie gut Gott zu ihnen ist,
wie zutiefst lässt er sie seine Güte spüren
und wie viele gute Dinge er ihnen tut.
Sie schätzen ihn hoch, sind voller Freude
und singen seinen Lobpreis,
solange dieses Gefühl anhält.
Aber sobald er sein Gesicht verbirgt
und seine Strahlen der Güte zurückzieht,
die sie bloß und im Elend zurücklässt,
ihre Liebe und ihr Lobpreis sind zu Ende.
Sie sind unfähig, die bloße, ungefühlte Güte,
die in Gott verborgen ist, zu lieben und zu preisen.
Womit sie beweisen, dass ihr Geist
sich nicht über Gott, ihren Erlöser, freute
und dass sie keine wahre Liebe und keinen Lobpreis
für Seine bloße Güte hatten.
Sie freuten sich viel mehr über ihre Errettung
als über ihren Retter, über die Gabe mehr
als über den Geber, über das Geschöpf mehr
als über den Schöpfer. Denn sie sind nicht imstande,
in Überfluss und Mangel, in Reichtum und Armut
einen ausgeglichenen Geist zu bewahren;
wie Paulus sagt: Ich weiß, wie man Überfluss hat
und wie man Mangel leidet.
Hier gelten die Worte im Psalm: Sie werden dich rüsten,
wenn du ihnen Gutes tun wirst.
Das heißt, sie lieben nicht dich, sondern sich selbst;
wenn sie nur deine guten und angenehmen Dinge haben,
kümmern sie sich nicht um dich.
Wie auch Christus zu denen sagte, die ihn suchten:
Wahrlich, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht,
weil ihr Wunder gesehen habt,
sondern weil ihr von den Broten gegessen habt
und satt geworden seid.
Solche unreinen und falschen Geister
verunreinigen alle Gaben Gottes
und hindern ihn daran, ihnen viele Gaben zu geben,
insbesondere die Gabe der Errettung,
wovon das Folgende eine gute Illustration ist:
Es war einmal eine gewisse gottesfürchtige Frau,
die in einer Vision drei Jungfrauen
in der Nähe eines Altars sitzen sah.
Während der Messe sprang ein schöner Knabe vom Altar,
näherte sich der ersten Jungfrau aufs freundlichste,
überhäufte sie mit Liebkosungen
und lächelte ihr liebevoll ins Gesicht.
Daraufhin näherte er sich der zweiten Jungfrau,
war aber nicht so freundlich zu ihr,
er streichelte sie auch nicht, aber er hob ihren Schleier
und schenkte ihr ein freundliches Lächeln.
Aber für die dritte Jungfrau hatte er
kein freundliches Zeichen, schlug sie ins Gesicht
und riß ihr die Haare aus, stieß sie von sich
und ging mit ihr aufs Ungalanteste um.
Dann rannte er schnell zurück zum Altar und verschwand.
Danach wurde die Vision für die Frau
folgendermaßen gedeutet: Die erste der drei Jungfrauen
war eine Figur der unreinen und selbstsüchtigen Geister,
auf die Gott muss viele gute Dinge verschwenden,
und deren Willen er tun muss;
sie sind nicht bereit, Not zu leiden,
sondern müssen immer Freude und Trost in Gott finden
und sind mit Seiner Güte nicht zufrieden.
Die zweite Jungfrau war eine Figur der Geister,
die den Anfang machen, Gott zu dienen,
und bereit sind, auf manches zu verzichten,
aber nicht auf alles, noch frei zu sein
von aller Selbstsucht und Genuss.
Gott muss ihnen hin und wieder zulächeln
und sie seine guten Dinge fühlen lassen,
damit sie dadurch lieben und preisen lernen
Seine bloße Güte. Aber die dritte Jungfrau,
das arme Aschenputtel –
für sie gibt es nichts als Not und Elend;
sie sucht nichts zu genießen
und ist zufrieden damit, zu wissen, dass Gott gut ist,
obwohl sie es niemals erfahren sollte,
obwohl das unmöglich ist.
Sie behält in beiden Ständen einen ausgeglichenen Geist;
sie liebt und preist Gottes Güte genauso sehr,
wenn sie sie nicht fühlt, wie wenn sie es tut.
Sie fällt weder auf die guten Dinge,
wenn sie gegeben werden,
noch fällt sie weg, wenn sie entfernt werden.
Das ist die wahre Braut Christi, die zu ihm sagt:
Ich suche nicht dein, sondern dich;
Du bist mir nicht lieber, wenn es mir gut geht,
noch weniger lieb, wenn es mir schlecht geht.
Solche Geister erfüllen die Worte der Schrift:
Geht nicht vom geraden und rechten Weg Gottes ab,
weder zur Linken noch zur Rechten.
Das heißt, sie sollen Gott gleichmäßig und gerecht lieben
und preisen und nicht ihren eigenen Vorteil
oder Genuss suchen. Solch ein Geist war David,
der, als er von seinem Sohn Absalom
aus Jerusalem vertrieben wurde
und für immer vertrieben zu werden drohte
und sein Königreich und die Gunst Gottes verlieren würde,
sagte: Geh hin; wenn ich Gunst finde in den Augen des Herrn,
er wird mich wieder zurückbringen.
Aber wenn er zu mir sagt: Du gefällst mir nicht;
ich bin bereit.
O welch reiner Geist war das,
die Güte Gottes auch in der größten Not
zu lieben, zu preisen und ihr nachzufolgen!
Ein solcher Geist wird hier von Maria,
der Mutter Gottes, offenbart.
Inmitten solcher überaus großen guten Dinge stehend,
fällt sie nicht auf sie, noch sucht sie ihr eigenes Vergnügen darin,
sondern hält ihren Geist rein,
indem sie die bloße Güte Gottes liebt und lobpreist,
bereit und willens, dass Gott sie ihr entzieht
und verlasse ihren Geist arm und nackt und in Not.
Nun ist es viel schwieriger, inmitten von Reichtum,
Ehre und Macht Mäßigung zu praktizieren
als inmitten von Armut, Unehre und Schwäche,
da erstere mächtige Anreize zum Bösen sind.
Dennoch verdient der wundersame reine Geist Mariens
größeres Lob, weil sie, mit solch überwältigenden Ehren
auf ihrem Haupt gehäuft, nicht stolpert,
sondern so tut, als ob sie es nicht sieht,
gleich und Kämpfe im Weg,
klammert sich nur an Gottes Güte,
die sie weder sieht noch fühlt,
übersieht die guten Dinge, die sie fühlt,
und erfreut sich daran weder,
noch sucht sie ihr eigenes Vergnügen daran.
So kann sie wirklich singen:
Mein Geist freut sich in Gott, meinem Heiland.
Es ist in der Tat ein Geist, der nur im Glauben frohlockt
und sich nicht über die guten Dinge Gottes freut,
die sie fühlte, sondern nur über Gott, den sie nicht fühlte
und der ihr Heil ist, den sie allein im Glauben kennt.
Das sind die wirklich Niedrigen, Nackten,
Hungrigen und Gott-fürchtende Geister,
wie wir weiter unten sehen werden.
Aus alledem können wir wissen und beurteilen,
wie voll die Welt heutzutage ist von falschen Predigern
und falschen Heiligen, die die Ohren der Menschen
mit der Predigt guter Werke füllen.
Es gibt zwar einige, die sie lehren, wie man gute Werke tut,
aber die meisten predigen menschliche Lehren und Werke,
die sie selbst erdacht und aufgestellt haben.
Selbst die besten von ihnen, leider!
sind doch so weit von diesem ebenen und geraden Weg entfernt,
dass sie die Menschen ständig zur rechten Hand treiben,
indem sie gute Werke und ein gottesfürchtiges Leben lehren,
nicht um der Güte Gottes willen,
sondern um des eigenen Vergnügens willen.
Denn wenn es weder Himmel noch Hölle gäbe
und wenn sie sich nicht der guten Gaben Gottes
erfreuen könnten, würden sie seine guten Dinge
ungeliebt und ungelobt lassen.
Diese Männer sind bloße Parasiten und Söldner;
Sklaven, nicht Söhne;
Ausländer, keine Erben.
Sie verwandeln sich in Götzen,
die Gott lieben und preisen soll,
und für die Er genau das tun soll,
was sie für Ihn tun sollten.
Sie haben keinen Geist, noch ist Gott ihr Heil.
Seine guten Gaben sind ihr Retter,
und mit ihnen muss Gott ihnen notwendigerweise
als ihr Diener dienen.
Sie sind die Kinder Israels,
die sich in der Wüste nicht damit begnügten,
Brot vom Himmel zu essen,
sondern denen es nach Fleisch,
Zwiebeln und Knoblauch gierte.
Ach! Die ganze Welt,
alle Klöster und alle Kirchen sind jetzt
mit solchen Leuten gefüllt.
Sie alle wandeln in diesem falschen, perversen
und ungleichen Geist und drängen
und treiben andere dazu, dasselbe zu tun.
Sie erheben gute Werke so hoch, dass sie glauben,
sie könnten damit den Himmel verdienen.
Aber die bloße Güte Gottes sollte vielmehr
vor allem anderen gepredigt und erkannt werden,
und wir sollten lernen, dass, ebenso wie Gott
uns aus reiner Güte ohne jeden Verdienst von Werken rettet,
wir unsererseits das tun sollten und arbeiten
ohne Belohnung oder selbstsüchtig,
um der bloßen Güte Gottes willen.
Wir sollten von ihnen nichts als Sein Wohlgefallen begehren
und uns nicht um eine Belohnung sorgen.
Das wird von selbst kommen, ohne unser Suchen.
Denn obwohl es unmöglich ist,
dass die Belohnung nicht folgen sollte,
wenn wir in einem reinen und richtigen Geist Gutes tun,
ohne an Belohnung oder Vergnügen zu denken;
dennoch wird Gott keinen solchen selbstsüchtigen
und unreinen Geist haben,
noch wird er jemals eine Belohnung erhalten.
Ein Sohn dient seinem Vater freiwillig und ohne Belohnung,
als sein Erbe nur um des Vaters willen.
Aber ein Sohn, der seinem Vater
nur um des Erbes willen diente,
wäre in der Tat ein unnatürliches Kind
und hätte es verdient,
von seinem Vater verstoßen zu werden.
Denn Er hat das Niedrige geachtet Seiner Magd:
Denn siehe, von nun an sollen mich
alle Generationen selig nennen.
Das Wort humilitas wurde von einigen mit Demut übersetzt,
als ob die Jungfrau Maria sich auf ihre Demut bezog
und sich ihrer rühmte; daher nennen sich gewisse Prälaten
auch Demütige. Aber das ist sehr weit gefehlt,
denn niemand kann sich einer guten Sache
in den Augen Gottes ohne Sünde und Verderben rühmen.
In seinen Augen sollten wir uns nur seiner reinen Gnade
und Güte rühmen, die er uns Unwürdigen
zuteil werden lässt; damit nicht unsere Liebe und Lobpreis,
aber nur seine Liebe allein möge in uns wohnen
und uns bewahren. So lehrt uns Salomo:
Stell dich nicht in die Gegenwart des Königs
und stelle dich nicht an die Stelle großer Männer.
Es ist besser, wenn zu dir gesagt wird: Komm herauf!
als dass du vor dem Fürsten erniedrigt würdest.
Wie sollte dieser reinen und gerechten Jungfrau
solcher Stolz und Prahlerei zugeschrieben werden,
als ob sie sich ihrer Demut
in der Gegenwart Gottes rühmte?
Denn Demut ist die höchste aller Tugenden,
und niemand außer den stolzeen Sterblichen kann sich rühmen,
sie zu besitzen. Nur Gott kennt Demut;
Er allein beurteilt es und bringt es ans Licht;
damit niemand weniger von der Demut weiß
als der wahrhaft Demütige.
Die biblische Bedeutung von humiliare
ist demütigen und zunichte machen.
Daher werden Christen
in der Heiligen Schrift häufig
pauperes, afflicti, humiliati genannt –
arm, bedrängt, verachtet.
So heißt es im Psalm: Ich war sehr bedrängt –
das heißt, gedemütigt. Demut ist also nichts anderes
als ein verachtetes und niedriges Gut,
wie es arm, krank, hungrig, durstig,
im Gefängnis, leidend und sterbend ist.
So war Hiob in seinen Bedrängnissen,
David, als er aus seinem Königreich vertrieben wurde,
und Christus
sowie alle Christen in ihren Nöten.
Das sind die Tiefen, von denen wir oben sagten,
dass Gottes Augen nur in sie hineinblicken,
die Menschen aber nur in die Höhe, nämlich auf das,
was herrlich und glorreich ist und sich tapfer zeigt.
Darum wird Jerusalem in der Schrift eine Stadt genannt,
auf die Gottes Augen offen sind –
das heißt, die christliche Kirche liegt in der Tiefe
und wird von der Welt verachtet;
deshalb betrachtet Gott sie und Seine Augen
sind immer auf sie gerichtet, wie er im Psalm sagt:
Ich werde meine Augen auf dich richten.
Der heilige Paulus sagt: Gott hat die Torheit der Welt erwählt,
um die Weisen zu verwirren;
und Gott hat die Schwachen erwählt,
um die Mächtigen zu verwirren;
und das Niedrige der Welt hat Gott erwählt,
ja, und das, was nicht ist, um das, was ist,
zunichte zu machen.
Wodurch Er die Welt mit all ihrer Weisheit
und Macht in Torheit verwandelt
und uns eine andere Weisheit und Macht schenkt.
Da es also Seine Art ist, Dinge zu betrachten,
die in der Tiefe liegen und nicht beachtet werden,
habe ich das Wort humilitas mit Nichtigkeit wiedergegeben.
Deshalb meint Maria Folgendes:
Gott hat mich angesehen,
ein armes, verachtetes und niedriges Mädchen,
obwohl er eine reiche, berühmte, edle und mächtige Königin
hätte finden können, die Tochter von Prinzen und großen Herren.
Er könnte die Tochter von Annas oder Kaiphas gefunden haben,
die das erste Volk im Land waren.
Aber Er ließ Seine reinen und gnädigen Augen
Licht auf mich werfen
und benutzte ein so armes und verachtetes Mädchen,
damit sich niemand seiner Gegenwart rühme,
als ob er dessen würdig wäre, und dass ich alles
als reine Gnade und Güte
und keineswegs als mein Verdienst anerkennen muss
oder meine Würdigkeit.
Nun, wir haben oben ausführlich beschrieben,
wie niedrig der Stand dieser zarten Jungfrau war,
und wie unerwartet diese Ehre ihr zuteil wurde,
dass Gott sie in so überströmender Gnade betrachten sollte.
Daher rühmt sie sich weder ihrer Würdigkeit
noch ihrer Unwürdigkeit, sondern allein
der göttlichen Achtung, die so überaus gütig und gnädig ist,
dass er sich herabließ, auf ein so niedriges Mädchen zu schauen,
und sie in so herrlicher und ehrenhafter Weise anzusehen.
Deshalb tun ihr Unrecht, die meinen,
sie habe sich zwar nicht ihrer Jungfräulichkeit,
aber ihrer Demut gerühmt.
Sie rühmte sich weder des einen noch des anderen,
sondern nur der gnädigen Achtung Gottes.
Daher liegt die Betonung nicht auf dem Wort
humilitatem, sondern auf dem Wort repexit.
Denn nicht ihre Demut,
sondern Gottes Achtung ist zu preisen.
Wenn ein Fürst einen armen Bettler bei der Hand nimmt,
ist nicht die Demut des Bettlers,
sondern die Anmut und Güte des Fürsten zu loben.
Um diese falsche Meinung zu zerstreuen
und echte von falscher Demut zu unterscheiden,
müssen wir ein wenig abschweifen
und das Thema Demut behandeln,
in Bezug auf das viele weit vom Weg abgekommen sind.
Demut nennen wir das, was der heilige Paulus
im Lateinischen „affectus vilitatis
seu sensus humilium rerum“ nennt,
das heißt eine Liebe und Neigung
zu niedrigen und verachteten Dingen.
Nun finden wir hier viele, die Wasser zum Brunnen tragen;
das heißt, die bescheidene Kleidung betreffend,
Gesichter, Gesten, Orte und Worte,
aber mit der Absicht, von den Mächtigen und Reichen,
von Gelehrten und Heiligen, ja, von Gott selbst
als Menschen angesehen zu werden,
die sich an niedrigen Dingen erfreuen.
Denn wenn sie wüssten, dass niemand achtete,
was sie taten, würden sie bald aufgeben.
Das ist eine künstliche Demut.
Denn der böse Blick ist nur auf den Lohn
und das Ergebnis ihrer Demut gerichtet
und nicht auf Kleinigkeiten außer einer Belohnung;
daher, wenn die Belohnung und das Ergebnis
nicht mehr verlockend sind, ihre Demut stoppt.
Solche Leute kann man nicht affekti vilitatis nennen –
sie haben ihr Herz und ihren Willen
auf Dinge niederen Grades gerichtet;
denn sie haben nur ihre Gedanken, Lippen, Hände, Kleidung
und Haltung darin, während ihr Herz
auf große und erhabene Dinge blickt,
die es durch diesen Anschein von Demut zu erreichen hofft.
Dennoch halten sich diese Männer für demütige Heilige.
Aber die wahrhaft Demütigen schauen nicht
auf das Ergebnis der Demut,
sondern betrachten mit einfachem Herzen
die Dinge von niedrigem Grad
und unterhalten sich gerne mit ihnen.
Es kommt ihnen nie in den Sinn, dass sie demütig sind.
Hier fließt das Wasser aus dem Brunnen;
daraus ergibt sich natürlich und selbstverständlich,
dass sie ein demütiges Auftreten, demütige Worte,
Orte, Gesichter und Kleider pflegen
und Großes und Erhabenes so weit wie möglich meiden.
So sagt David im Psalm: Herr,
mein Herz ist nicht hochmütig,
noch meine Augen erhaben.
Und Hiob: Wer gedemütigt wird,
wird in Herrlichkeit sein;
und wer seine Augen niederbeugt,
der wird gerettet werden.
Daher kommen Ehrerbietungen immer unverhofft über sie,
und sie werden alle überrumpelt;
denn sie waren einfach zufrieden
mit ihrer niedrigen Stellung
und strebten nie nach den Höhen.
Aber die falsch Demütigen wundern sich,
warum ihr Ruhm und ihre Ehre
so lange auf sich warten lassen;
ihr heimlicher falscher Stolz begnügt sich nicht
mit ihrem niedrigen Stand,
sondern strebt im Verborgenen immer höher und höher.
Wahre Demut weiß daher nie, dass sie demütig ist,
wie ich gesagt habe; denn wenn sie das wüsste,
würde sie stolz werden von der Betrachtung
einer so schönen Tugend.
Aber es klammert sich mit ganzem Herzen und Verstand
und allen Sinnen an die niedrigen Dinge,
stellt sie sich beständig vor Augen
und grübelt darüber in seinen Gedanken.
Und weil es sie vor Augen hat,
kann es sich selbst nicht sehen
und sich seiner selbst nicht bewusst werden,
geschweige denn der hohen Dinge.
Und deshalb, wenn Ehre und Erhebung kommen,
müssen sie es unvorbereitet hinnehmen und finden,
dass es in Gedanken an andere Dinge versunken ist.
So sagt uns Lukas in seinem ersten Kapitel,
dass Maria über die Worte des Engels beunruhigt war
und sich überlegte, welche Art von Gruß
das konnte sein, da sie so etwas nie erwartet hatte.
Wäre er zu der Tochter des Kaiphas gekommen,
sie hätte sich nicht überlegt,
was für eine Art Gruß das war,
sondern hätte es sofort an sich gedrückt und gedacht:
Ha! was ist das für eine feine Sache
und wie bin ich reich beschenkt!
Falsche Demut hingegen weiß nie, dass sie stolz ist;
denn wenn sie das wüsste,
würde sie bald demütig werden
angesichts dieses hässlichen Lasters.
Aber es klammert sich mit Herz und Verstand und Sinnen
an hohe Dinge, stellt sie sich beständig vor Augen
und grübelt darüber in seinen Gedanken.
Und weil es das tut, kann es sich selbst weder sehen
noch sich seiner selbst bewusst werden.
Daher kommen Ehrungen nicht unbewusst
oder unerwartet zu ihm,
sondern finden ihn in Gedanken daran versunken.
Aber Schmach und Demütigung überrumpeln ihn
und wenn er an etwas ganz anderes denkt.
Es ist daher vergebens, die Menschen Demut zu lehren,
indem man sie lehrt, ihre Augen auf Niedriges zu richten,
und niemand wird stolz, wenn er seine Augen
auf Erhabenes richtet. Nicht die Dinge,
sondern unsere Augen müssen verändert werden;
denn wir müssen unser Leben hier
inmitten von niedrigen und hohen Dingen verbringen.
Es ist unser Auge, das ausgerissen werden muss,
wie Christus sagt. Mose sagt uns nicht,
dass Adam und Eva nach dem Fall
verschiedene Dinge sahen, aber er sagt,
dass ihre Augen geöffnet wurden
und sie sahen, dass sie nackt waren,
obwohl sie zuvor nackt waren
und sich dessen nicht bewusst waren.
Königin Esther trug eine kostbare Krone auf ihrem Kopf,
doch sie sagte, dass es in ihren Augen
nur ein schmutziger Menstruationslappen zu sein schien.
Die erhabenen Dinge wurden ihr nicht aus den Augen entfernt,
aber da sie eine mächtige Königin war,
hatte sie sie in großer Fülle vor sich
und kein niedriges Ding in Sichtweite;
aber ihre Augen waren demütig,
ihr Herz und Sinn blickten nicht auf die erhabenen Dinge,
und so wirkte Gott wunderbare Dinge durch sie.
Es sind also nicht die Dinge, sondern wir,
die in Herz und Sinn verändert werden müssen.
Dann werden wir von uns selbst wissen,
wie man hohe Dinge verachtet und meidet,
und wie man niedrige Dinge schätzt und sucht.
Dann ist Demut wahrlich gut und standhaft in jeder Hinsicht
und ist sich doch nie bewusst, dass sie demütig ist.
Alle Dinge werden gerne getan,
und das Herz ist ungestört,
wie auch immer sich die Dinge verschieben
und wenden mögen, von hoch zu niedrig, von groß zu klein.
Ah, wie viel Stolz lauert hinter diesem demütigen Gewand,
dieser demütigen Rede und diesem bescheidenen Verhalten,
von denen die Welt heute so voll ist.
Die Menschen verachten sich selbst,
um von niemand anderem verachtet zu werden;
sie fliehen vor Ehren,
um dennoch durch Ehren verfolgt zu werden;
sie meiden hohe Dinge,
aber um geschätzt und gelobt zu werden,
und um ihre niedrigen Dinge
nicht allzu niedrig zu halten.
Aber diese heilige Jungfrau weist auf nichts
außer ihrem niedrigen Stand hin.
Sie war damit zufrieden, den Rest ihrer Tage
darin zu verbringen, ohne danach zu trachten,
geehrt oder erhöht zu werden,
ohne sich jemals ihrer eigenen Demut bewusst zu werden.
Denn Demut ist eine so zarte und kostbare Sache,
dass sie es nicht ertragen kann,
ihr eigenes Gesicht zu sehen;
das gehört allein Gottes Augen,
wie es im Psalm heißt: Der auf das Niedrige
im Himmel und auf Erden herabschaut.
Denn wenn jemand seine eigene Demut sehen könnte,
könnte er beurteilen sich selbst des Heils würdig,
und so Gottes Gericht vorwegnehmen;
denn wir wissen, dass Gott wahrhaftig die Demütigen rettet.
Deshalb muss sich Gott notwendigerweise
das Recht vorbehalten, Demut zu kennen und zu betrachten,
und muss es vor uns verbergen, indem er uns Dinge
von niedrigem Grad vor Augen stellt
und uns darin übt, damit wir vergessen,
auf uns selbst zu schauen.
Das ist der Zweck der vielen Leiden,
des Todes und aller Arten von Bedrängnissen,
die wir auf Erden zu tragen haben;
durch die Mühe und Schmerzen, die sie uns zufügen,
sollen wir den bösen Blick ausreißen.
So zeigt uns das kleine Wort humilitas deutlich,
dass die Jungfrau Maria
eine arme, verachtete und niedrige Jungfrau war,
die Gott in ihrem niedrigen Stand diente,
ohne zu wissen, dass sie von Ihm so hoch geschätzt wurde.
Dies sollte uns trösten und uns lehren,
dass wir, obwohl wir bereitwillig gedemütigt
und verachtet werden sollten, nicht verzweifeln
und Gott zornig auf uns finden sollten,
sondern unsere Hoffnung auf seine Gnade setzen
und uns nur Sorgen machen sollten,
dass wir nicht fröhlich sind und zufrieden genug
in unserem niedrigen Stand,
und vielleicht ist unser böser Blick nicht zu weit geöffnet
und täuscht uns, indem er heimlich
nach erhabenen Dingen
und Zufriedenheit mit sich selbst giert,
was der Tod der Demut ist.
Was nützt es den Verdammten,
dass sie bis ins kleinste Maß gedemütigt werden,
da sie nicht bereit und zufrieden sind,
dort zu sein, wo sie sind?
Nochmals, was schadet es allen Engeln,
dass sie in höchstem Maße erhöht sind,
solange sie nicht mit falschem Verlangen
an ihrer Stufe festhalten?
Kurz gesagt, dieser Vers lehrt uns,
Gott richtig zu kennen, weil er uns zeigt,
dass er die Niedrigen und Verachteten liebt.
Denn der kennt Gott recht, der weiß,
dass er die Niedrigen ansieht, wie wir oben gesagt haben.
Aus solchem Wissen fließen Liebe
und Vertrauen zu Gott,
wodurch wir uns Ihm hingeben und Ihm gerne gehorchen.
Wie Jeremia sagt: Lass niemanden glühen
in seiner Weisheit, Macht oder Reichtum,
sondern den, der sich rühmt, soll darin leuchten,
dass er mich versteht und kennt.
Und der heilige Paulus lehrt: Wer sich rühmt,
der rühme sich des Herrn.
Nun, nachdem sie ihren Gott und Retter
mit einem reinen und einzigen Geist geehrt hat
und nachdem sie wahrhaftig das Lob
seiner Güte gesungen hat,
indem sie sich nicht seiner Gaben rühmt,
wendet sich die Muttergottes
an der nächsten Stelle auch dem Lob
seiner Werke und Gaben zu.
Denn wie wir gesehen haben, dürfen wir nicht
auf die guten Gaben Gottes fallen oder uns ihrer rühmen,
sondern unseren Weg durch sie hindurch bahnen
und zu ihm aufsteigen, uns an ihn allein klammern
und seine Güte hoch schätzen.
Daraufhin sollten wir Ihn auch in Seinen Werken preisen,
in denen Er seine Güte für unsere Liebe,
unser Vertrauen und unser Lob zum Ausdruck brachte;
so dass seine Werke nur so viele Anreize sind,
seine bloße Güte, die über uns herrscht,
zu lieben und zu preisen.
Maria beginnt bei sich selbst und singt,
was er für sie getan hat. So erteilt sie uns
eine zweifache Lektion.
Erstens, dass jeder von uns darauf achten sollte,
was Gott für ihn tut, und nicht all die Werke,
die er für andere tut.
Denn niemand wird gerettet durch das,
was Gott einem anderen tut,
sondern nur durch das, was er dir tut.
Als Petrus bezüglich Johannes fragte:
Was soll dieser Mann tun?
Christus antwortete und sprach zu ihm:
Was geht dich das an? Folge mir!
Das heißt: Johannes‘ Werke werden dir nichts nützen;
du musst selbst aufbrechen und abwarten,
was ich dir tun werde.
Aber jetzt ist die Welt einem schrecklichen Missbrauch verfallen –
dem Verkauf und der Verbreitung guter Werke –
durch den bestimmte verwegene Geister
anderen helfen würden, besonders solchen,
die ohne eigene gute Werke leben oder sterben,
so als ob diese Geister getan hätten
einen Übermaß an guten Werken.
Aber der heilige Paulus sagt deutlich:
Jeder wird seinen eigenen Lohn erhalten
nach seiner eigenen Arbeit –
sicherlich nicht nach der eines anderen.
Es wäre nicht so schlimm, wenn sie für andere beten
oder ihre Werke als Fürsprache vor Gott bringen würden.
Da sie aber mit ihren Werken umgehen,
als müssten sie sie verschenken,
wird es zum Skandalgeschäft.
Und was das Schlimmste ist, sie verschenken ihre Werke,
deren Wert sie in Gottes Augen selbst nicht kennen;
denn Gott sieht nicht auf die Werke, sondern auf das Herz
und auf den Glauben, durch den er selbst an uns wirkt.
Darauf achten sie nicht im Geringsten,
sondern vertrauen nur auf die äußeren Werke
und betrügen sich selbst und alle anderen daneben.
Sie sind sogar so weit gegangen, Männer zu überreden,
auf ihren Sterbebetten die Mönchskutte anzuziehen
und vorzugeben, dass jeder,
der in diesem heiligen Habit stirbt,
Ablass für alle seine Sünden erhält und gerettet wird.
So haben sie begonnen, Menschen nicht nur
mit den Werken, sondern auch mit der Kleidung
anderer zu retten. Wenn wir uns nicht darum kümmern,
fürchte ich, dass der böse Geist sie dazu treiben wird,
Menschen durch klösterliche Kost, Zellen
und Begräbnisse in den Himmel zu bringen.
Großer Gott, was für eine finstere Finsternis ist das!
Eine Mönchsmütze macht einen Mann fromm und rette ihn!
Wo ist dann der Glaube nötig?
Lasst uns alle Mönche werden
oder alle in Kutten sterben!
Welche Mengen an Stoff würden allein auf diese Weise
zur Herstellung von Mönchskutten verwendet werden!
Hüte dich, hüte dich vor den Wölfen in solchem Schafspelz;
sie werden dich täuschen und dich in Stücke reißen.
Denke daran, dass Gott auch Sein Werk in dir hat,
und gründe deine Erlösung auf keine anderen Werke
als die, die Gott allein in dir wirkt,
wie du die Jungfrau Maria hier tun siehst.
Es ist richtig und angemessen, sich dabei
von der Fürbitte anderer unterstützen zu lassen;
wir sollten alle füreinander beten und arbeiten.
Aber niemand sollte von den Werken anderer abhängig sein,
ohne die Werke Gottes in sich selbst.
Jeder soll sich und seinen Gott
mit allem Eifer so betrachten, als ob Gott und er
die einzigen Personen im Himmel und auf Erden wären
und als ob Gott mit niemand anderem
als mit ihm zu tun hätte. Daraufhin darf er auch
auf die Werke anderer blicken.
Zweitens lehrt sie uns, dass jeder danach streben sollte,
Gott an erster Stelle zu preisen,
indem er ihm die Werke zeigt, die er an ihm getan hat,
und ihn dann für die Werke lobt,
die er an anderen getan hat.
So lesen wir, dass Paulus und Barnabas
den Aposteln die Werke verkündeten,
die Gott durch sie vollbracht hatte,
und dass die Apostel ihrerseits diejenigen wiederholten,
die Er durch sie vollbracht hatte.
Dasselbe wurde von den Aposteln
in Bezug auf die Erscheinungen Christi getan
nach seiner Auferstehung.
So entstand ein gemeinsames Jubeln und Loben Gottes,
jeder lobte die dem anderen zuteil gewordene Gnade,
am meisten aber die ihm selbst zuteil gewordene,
so viel bescheidener sie auch war als die der anderen.
Sie waren so einfachen Herzens,
dass alle wünschten, nicht im Besitz der Gaben
an erster Stelle zu stehen, sondern Gott zu preisen
und zu lieben, denn Gott selbst
und seine bloße Güte genügten ihnen,
so klein seine Gaben auch sein mögen.
Aber die Söldner und Mietlinge werden grün vor Neid,
wenn sie bemerken, dass sie nicht in erster Linie
die guten Dinge Gottes besitzen;
anstatt zu loben, murren sie,
weil sie anderen gleich oder niedriger gestellt sind,
wie die Weingärtner im Evangelium,
die gegen den Gutsherrn des Hauses murrten,
nicht weil er ihnen Unrecht getan hätte,
sondern weil er sie gleichstellte den anderen Arbeitern,
indem sie alle den gleichen Pfennig bekamen.
Trotzdem finden wir heute Menschen,
die die Güte Gottes nicht preisen,
weil sie nicht sehen können,
dass sie dasselbe empfangen haben wie der hl. Petrus
oder irgendein anderer der Heiligen
oder als dieser oder jener Mann, der auf Erden lebt.
Sie meinen, sie würden Gott auch preisen und lieben,
wenn sie so viel besäßen,
und sie verachten die guten Gaben Gottes,
mit denen sie so reichlich überschüttet werden
und die sie überhaupt übersehen,
wie Leben, Körper, Vernunft, Güter, Ehre, Freunde,
der Dienst der Sonne und aller erschaffenen Dinge.
Und selbst wenn sie all die guten Dinge von Maria hätten,
würden sie Gott in ihnen dennoch nicht erkennen
noch ihn ihretwegen preisen.
Denn wie Christus in Lukas sagt:
Wer im Geringsten treu ist, ist auch im Großen treu;
und wer im Geringsten ungerecht ist,
der ist auch im Großen ungerecht.
Weil sie das Kleine und das Wenige verachten,
sind sie des Vielen und des Großen nicht würdig.
Aber wenn sie Gott lobten im Wenigen,
würde ihnen auch das Viele hinzugefügt werden.
Sie handeln so, wie sie es tun,
weil sie über sich und nicht unter sich schauen;
wenn sie unter sich schauen würden, würden sie viele finden,
die nicht die Hälfte von dem haben, was sie haben,
und dennoch in Gott zufrieden sind und sein Lob singen.
Ein Vogel pfeift seinen Schlaf
und freut sich über die Gaben, die er hat;
nicht murrt er, weil er nicht die Gabe der Sprache hat.
Ein Hund springt fröhlich umher und ist zufrieden,
obwohl ihm die Gabe der Vernunft fehlt.
Alle Tiere leben in Zufriedenheit und dienen Gott,
den sie lieben und loben.
Nur das böse, widerwillige Auge des Menschen
ist niemals zufrieden, noch kann es wegen seiner Undankbarkeit
und seines Stolzes jemals wirklich zufrieden sein.
Es möchte immer den besten Platz beim Fest haben
und der Hauptgast sein; es ist nicht bereit, Gott zu ehren,
sondern möchte lieber von Gott geehrt werden.
Es gibt eine Geschichte aus den Tagen
des Konstanzer Konzils von zwei Kardinälen,
die auf einem Ausritt einen Hirten auf einem Feld
stehen und weinen sahen. Einer der beiden Kardinäle,
der eine gute Seele war und nicht bereit war, vorbeizugehen,
ohne dem Mann etwas Trost zu spenden,
ritt auf ihn zu und fragte ihn, warum er weine.
Der Hirte, der verwundet weinte,
antwortete lange Zeit auf die Frage des Kardinals.
Schließlich zeigte er mit dem Finger auf eine Kröte und sagte:
Ich weine, weil Gott mich so begünstigt hat,
ein Mensch zu sein, und nicht abscheulich wie dieses Reptil,
und ich habe es noch nie anerkannt
noch ihm dafür gedankt und ihn gepriesen.
Der Kardinal schlug sich an die Brust und zitterte so heftig,
dass er von seinem Reittier fiel.
Er musste zu seiner Herberge getragen werden und rief:
Ach, heiliger Augustinus, wie wahr hast du gesagt:
Die Ungelehrten springen auf
und nehmen den Himmel mit Gewalt,
und wir mit all unserer Gelehrsamkeit sehen,
wie wir uns suhlen in Fleisch und Blut!
Nun, ich glaube, dieser Hirte war weder reich
noch schön noch mächtig; dennoch hatte er
einen so klaren Einblick in die guten Gaben Gottes
und dachte so tief darüber nach, dass er darin mehr fand,
als er begreifen konnte. Maria bekennt,
dass das wichtigste Werk, das Gott für sie vollbracht hat,
darin bestand, sie zu betrachten,
was in der Tat das größte seiner Werke ist,
von dem alle anderen abhängen
und von denen sie alle abstammen.
Denn wo es geschieht, dass Gott einem Menschen
sein Angesicht zuwendet, um ihn anzusehen,
da ist nichts als Gnade und Erlösung,
und alle Gaben und Werke müssen notwendigerweise folgen.
So lesen wir in Mose, dass Er Abel
und seine Opfergabe respektierte,
aber Kain und seine Opfergabe nicht respektierte.
Hier ist der Ursprung der vielen Gebete im Psalter,
dass dieser Gott sein Angesicht über uns erheben möchte,
dass er sein Angesicht nicht vor uns verbergen möchte,
dass er sein Angesicht über uns leuchten lassen möchte.
Und da Maria selbst dies als das Wichtigste betrachtet,
weist sie darauf hin, indem sie sagt: Siehe,
da er mich angesehen hat, werden mich selig preisen
alle Geschlechter. Beachte, dass sie nicht sagt,
dass Menschen allerlei Gutes über sie sprechen,
ihre Tugenden preisen, ihre Jungfräulichkeit
oder ihre Demut preisen oder über das singen sollen,
was sie getan hat. Aber allein wegen dieser einen Sache,
dass Gott sie angesehen hat, werden die Menschen
sie selig nennen. Das bedeutet, Gott
die ganze Ehre so vollständig wie möglich zu geben.
Deshalb weist sie auf Gottes Ansehen hin
und sagt: Denn siehe, von nun an werden mich selig preisen
alle Geschlechter. Das heißt, von der Zeit an,
wo Gott mein niedriges Gut ansah,
werde ich gesegnet genannt.
Nicht sie wird damit gepriesen,
sondern Gottes Gnade zu ihr.
Nein, sie verachtet sich selbst, indem sie sagt,
ihr niedriger Stand sei von Gott angesehen worden.
Deshalb erwähnt sie auch ihre Glückseligkeit,
bevor sie die Werke aufzählt, die Gott an ihr getan hat,
und schreibt alles der Tatsache zu, dass Gott
ihren niedrigen Stand betrachtete.
Daraus können wir lernen, ihr die Ehre
und Hingabe zu erweisen, die ihr zustehen.
Wie soll man sie ansprechen?
Behalte diese Worte im Gedächtnis
und sie werden dich lehren zu sagen:
O heilige Jungfrau, Mutter Gottes,
du warst nichts und verachtet; doch Gott
in seiner Gnade hat dich angesehen
und so große Dinge in dir gewirkt.
Du warst keiner von ihnen würdig,
aber die reiche und überfließende Gnade Gottes war auf dir,
weit über deine Verdienste.
Sei gegrüßt, gesegnet seist du von nun an und für immer,
einen solchen Gott zu finden.
Du brauchst auch nicht zu befürchten,
dass sie dir übel nehmen wird, wenn wir sie
einer solchen Gnade unwürdig nennen.
Denn wahrlich, sie hat nicht gelogen,
als sie selbst ihre Unwürdigkeit und Nichtigkeit anerkannte,
die Gott nicht wegen eines Verdienstes an ihr,
sondern allein aufgrund seiner Gnade ansah.
Aber sie nimmt es übel, dass die eitlen Schwätzer
so viel über ihre Verdienste predigen und schreiben.
Sie wollen ihr Können beweisen
und sehen nicht, wie sie das Magnifikat verderben,
die Gottesmutter zur Lügnerin machen
und die Gnade Gottes schmälern.
Denn in dem Maße, wie wir ihr Verdienst
und Würdigkeit zuschreiben, verringern wir
die Gnade Gottes und verringern
die Wahrheit des Magnifikat.
Der Engel grüßt sie aber als hoch begnadet von Gott,
und weil der Herr mit ihr ist, weshalb sie
unter den Frauen gesegnet ist.
Darum sind alle, die ihr so viel Lob und Ehre
auf ihr Haupt häufen, nicht weit davon entfernt,
sie zum Götzen zu machen, als sei sie besorgt,
dass die Menschen sie ehren und Gutes von ihr erwarten,
wenn sie es in Wahrheit von sich abstößt,
und möchte, dass wir Gott in ihr ehren
und durch sie zu einem guten Vertrauen
in seine Gnade kommen.
Wer ihr also die gebührende Ehre erweisen will,
darf sie nicht allein und für sich betrachten,
sondern sie in die Gegenwart Gottes
und weit unter Ihn stellen,
muss sie dort aller Ehre berauben
und ihr geringes Gut achten, wie sie selbst sagt;
er sollte dann über die überaus reiche Gnade Gottes staunen,
der eine so arme und verachtete Sterbliche ansieht,
umarmt und segnet.
In Bezug auf sie wirst du also dazu bewegt,
Gott für seine Gnade zu lieben und zu preisen,
und dazu hingezogen, alles Gute bei Ihm zu suchen,
der die Armen, Verachteten und Niedrigen nicht ablehnt,
sondern gnädig ansieht. So wird dein Herz im Glauben,
in der Liebe und in der Hoffnung gestärkt.
Was, denkst du, würde sie mehr erfreuen,
als wenn du so durch sie zu Gott kommst und von ihr lernst,
deine Hoffnung und dein Vertrauen auf Ihn zu setzen,
ungeachtet deines verachteten und niedrigen Standes,
im Leben wie im Tod?
Sie will nicht, dass du zu ihr kommst,
sondern durch sie zu Gott.
Nichts würde ihr wiederum mehr gefallen,
als wenn du dich ängstlich
von allen erhabenen Dingen abwendest,
auf die die Menschen ihr Herz richten,
da Gott selbst in seiner Mutter
nichts Höheres fand oder begehrte.
Aber die Meister, die die selige Jungfrau so schildern
und porträtieren, dass an ihr nichts zu verachten ist,
sondern nur Großes und Erhabenes,
was tun sie, als uns ihr gegenüberzustellen
statt sie Gott? Wodurch sie uns ängstlich machen
und das schöne Bild der Jungfrau verbergen,
wie die Bilder in der Fastenzeit bedeckt sind.
Denn sie nehmen uns ihr Beispiel,
an dem wir uns trösten könnten;
sie machen eine Ausnahme von ihr
und stellen sie über alle Beispiele.
Aber sie sollte und würde es selbst gerne sein,
das beste Beispiel für die Gnade Gottes,
um die ganze Welt zum Vertrauen zu bewegen,
diese Gnade zu lieben und zu preisen,
damit durch sie die Herzen aller Menschen
mit solcher Gotteserkenntnis erfüllt werden,
dass sie getrost sagen können:
O du selige Jungfrau, Mutter Gottes,
welch großen Trost hat Gott uns erwiesen in dir,
indem du deine Unwürdigkeit und deinen niedrigen Stand
so gnädig betrachtest.
Hiermit werden wir ermutigt zu glauben,
dass er uns Arme und Niedrige fortan nicht verachten,
sondern auch uns gnädig achten wird nach deinem Beispiel.
Bitte, erzähle; wenn David, Petrus, Paulus,
Maria Magdalena und dergleichen Beispiele sind,
um unser Vertrauen in Gott
und unseren Glauben zu stärken,
aufgrund der großen Gnade,
die ihnen ohne ihre Würdigkeit zum Trost aller zuteil wird,
will nicht auch die Gottesgebärerin
aller Welt gern ein solches Vorbild sein?
Aber jetzt kann sie das nicht sein
wegen der überschwänglichen Lobredner
und leeren Schwätzer, die den Menschen
aus diesem Vers nicht zeigen,
wie sich die überwältigenden Reichtümer Gottes
in ihr mit ihrer äußersten Armut vereinen,
die göttliche Ehre mit ihrem geringen Stand,
die göttliche Herrlichkeit mit ihrer Schmach,
die göttliche Größe mit ihrer Kleinheit,
die göttliche Güte mit ihrem Mangel an Verdienst,
die göttliche Gnade mit ihrer Unwürdigkeit.
Dadurch würde unsere Liebe und Zuneigung zu Gott
mit allem Vertrauen wachsen und zunehmen,
wozu in der Tat ihr Leben und ihre Werke
sowie die Leben und Werke aller Heiligen
aufgezeichnet wurden. Aber jetzt finden wir diejenigen,
die zu ihr um Hilfe und Trost kommen,
als ob sie eine Göttin wäre, so dass ich befürchte,
dass es jetzt mehr Götzendienst auf der Welt gibt
als je zuvor. Aber genug davon für den Augenblick.
Den lateinischen Ausdruck omnes generationes
habe ich mit Kindeskindern wiedergegeben,
obwohl er wörtlich „alle Generationen“ bedeutet.
Aber das ist ein obskurer Ausdruck,
und viele haben sich durch diese Passage schwer getan,
zu wissen, wie es sein kann, dass alle Generationen
sie segnen werden, da die Juden, die Heiden
und viele böse Christen sie lästern oder verachten,
sie selig zu nennen. Sie verstehen unter dem Wort
„Generationen“ die Gesamtheit der Menschheit,
wobei hier eher die natürliche Abstammungslinie
vom Vater gemeint ist, Sohn, Enkel,
wobei jedes Mitglied eine Generation genannt wird.
Die Jungfrau Maria will einfach sagen,
dass ihr Lob von einer Generation
zur anderen gesungen wird,
sodass es nie eine Zeit geben wird,
in der sie nicht gelobt wird.
Dies zeigt sie an, indem sie sagt:
Siehe, von nun an alle Geschlechter.
Das heißt, es beginnt jetzt
und wird sich durch alle Generationen
bis zu den Kindeskindern fortsetzen.
Das Wort makariousi bedeutet mehr als nur selig zu nennen;
seine Bedeutung ist eher segnen oder selig machen.
Dies besteht nicht nur darin, die Worte zu sagen,
das Knie zu beugen, den Kopf zu neigen, den Hut zu ziehen,
Bilder zu machen oder Kirchen zu bauen;
das können sogar die Bösen tun.
Aber es geschieht mit aller Kraft
und mit gerader Aufrichtigkeit, wenn das Herz,
bewegt von ihrer Niedrigkeit
und Gottes gnädiger Rücksicht auf sie,
wie wir gesehen haben, sich über Gott freut
und von ganzem Herzen sagt oder denkt:
O Du gesegnete Jungfrau Maria!
Sie zu segnen bedeutet also, ihr die Ehre zu erweisen,
die ihr zusteht, wie wir gesehen haben.
Denn er ist mächtig und hat große Dinge an mir getan
und heilig ist sein Name! Hier singt sie in einem Hauch
alle Werke, die Gott an ihr getan hat,
und achtet auf die rechte Ordnung.
In der vorangehenden Strophe sang sie von Gottes Achtung
und gnädigem Wohlwollen ihr gegenüber, was in der Tat
das größte und wichtigste Werk der Gnade ist.
Jetzt kommt sie zu den Werken und Geschenken.
Denn Gott gibt einigen wirklich viele gute Dinge
und schmückt sie reich,
wie Er es Luzifer im Himmel getan hat.
Er verteilt seine Gaben unter der Menge;
aber Er betrachtet sie deshalb nicht.
Seine guten Dinge sind nur Geschenke,
das letzte aber für eine Zeit;
aber seine Gnade und Achtung sind das Erbe, das ewig währt,
wie der heilige Paulus sagt:
Die Gnade Gottes ist ewiges Leben.
Indem er uns die Gaben gibt, gibt er nur das, was ihm gehört,
aber in seiner Gnade und seiner Rücksicht auf uns
gibt er sich selbst. In den Gaben berühren wir seine Hand,
aber in seiner gnädigen Betrachtung
empfangen wir sein Herz, seinen Geist,
seinen Verstand und seinen Willen.
Daher stellt die selige Jungfrau seinen Respekt
an die erste und höchste Stelle
und beginnt nicht damit, zu sagen:
Alle Geschlechter werden mich selig preisen,
weil Er Großes an mir getan hat, wie dieser Vers sagt;
aber sie beginnt, wie der vorangehende Vers zeigt:
Er hat mein niedriges Gut betrachtet.
Wo Gottes gnädiger Wille ist, da sind auch seine Gaben;
aber andererseits ist dort, wo seine Gaben sind,
nicht auch sein gnädiger Wille.
Dieser Vers folgt daher logisch auf den vorhergehenden Vers.
Wir lesen bei Mose, dass Abraham
den Söhnen seiner Nebenfrauen Geschenke gab,
aber Isaak, seinem natürlichen Sohn
von seiner wahren Gehilfin Sarah, gab er das ganze Erbe.
So möchte Gott, dass seine wahren Kinder
nicht auf seine Güter und Gaben vertrauen,
seien sie geistlich oder weltlich,
wie groß sie auch sein mögen, sondern
auf seine Gnade und auf sich selbst,
ohne jedoch die Gaben zu verachten.
Maria zählt auch keine besonderen guten Dinge auf,
sondern fasst sie alle in einem Wort zusammen
und sagt: Er hat große Dinge an mir getan,
das heißt: Alles, was er an mir getan hat, ist groß.
Dabei lehrt sie uns, dass je mehr Hingabe im Herzen ist,
desto weniger Worte fallen.
Denn sie hat das Gefühl, dass sie es,
so sehr sie sich auch anstrengen und versuchen mag,
nicht in Worte fassen kann.
Deshalb sind diese wenigen Worte des Geistes
so groß und tief, dass niemand sie verstehen kann,
ohne zumindest teilweise denselben Geist zu haben.
Aber für die Ungeistigen, die mit vielen Worten
und viel lautem Lärm umgehen,
scheinen solche Worte völlig unzureichend
und völlig ohne Salz oder Geschmack zu sein.
Christus lehrt uns auch, nicht viel zu reden, wenn wir beten,
wie es die Heiden tun, denn sie denken,
dass sie erhört werden, weil sie viel reden.
Auch heute gibt es in den Kirchen
ein großes Glockenläuten, Posaunenblasen,
Singen, Rufen und Stimmen,
und doch fürchte ich eine köstliche kleine Anbetung Gottes,
der im Geist und in der Wahrheit angebetet werden möchte.
Salomo sagt: Wer seinen Freund mit lauter Stimme segnet,
frühmorgens aufstehend, dem wird es als Fluch gelten.
Denn ein solcher erweckt den Verdacht, dass er bestrebt ist,
eine böse Sache zu schmücken; er protestiert zu viel
und besiegelt nur sein eigenes Ende.
Wer dagegen seinen Nächsten mit lauter Stimme verflucht
und frühmorgens aufsteht (also nicht gleichgültig,
sondern mit großem Eifer und Dringlichkeit),
ist als ein Lobpreiser seines Nächsten anzusehen.
Denn die Menschen glauben ihm nicht,
sondern halten ihn für von Hass und bösem Herzen getrieben;
er schadet seiner eigenen Sache
und hilft der seines Nächsten.
Auf die gleiche Weise daran zu denken,
Gott mit vielen Worten und großem Lärm anzubeten,
ihn entweder für taub oder unwissend zu halten
und anzunehmen, wir müssten ihn wecken oder belehren.
Eine solche Meinung über Gott neigt eher
zu seiner Schande und Unehre
als zu seiner Anbetung. Aber wenn man in der Tiefe
seines Herzens über Seine göttlichen Werke nachdenkt
und sie mit Staunen und Dankbarkeit betrachtet,
so dass man aus großer Glut eher in Seufzer und Stöhnen
als in Reden ausbricht; wenn die Worte,
weder gut gewählt noch vorgeschrieben,
so hervor strömen, dass der Geist mit ihnen
und den Worten brodelt, lebend und Hände und Füße habend,
ja, dass der ganze Leib und das ganze Leben
mit allen seinen Gliedern nach Äußerung strebt
und sich anstrengt – das ist wahrlich
eine Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit,
und solche Worte sind ganz Feuer, Licht und Leben.
Wie David sagt: Herr, dein Wort ist überaus geläutert;
und wieder: Meine Lippen sollen eine Hymne hervorbringen,
selbst wenn kochendes Wasser überläuft und brodelt,
unfähig, sich vor der großen Hitze im Topf zurückzuhalten.
Von dieser Art sind die Worte der seligen Jungfrau
in diesem ihrer Hymne, wenige,
aber tiefgründig und mächtig.
Solche Seelen nennt Paulus spiritu ferventes,
inbrünstig und im Geiste brodelnd,
und lehrt uns, es auch zu sein.
Die großen Dinge sind nichts Geringeres,
als dass sie die Mutter Gottes wurde,
in deren Arbeit ihr so viele und so große gute Dinge
zuteil werden, die das menschliche Verständnis übersteigen.
Denn daraus folgt alle Ehre, alle Seligkeit
und ihr einzigartiger Platz in der ganzen Menschheit,
unter denen sie ihresgleichen sucht,
nämlich, dass sie ein Kind vom Vater im Himmel hatte,
und ein solches Kind.
Sie selbst findet keinen Namen für dieses Werk,
es ist zu groß; alles, was sie tun kann,
ist in den inbrünstigen Schrei auszubrechen,
es sind großartige Dinge, unmöglich zu beschreiben
oder zu definieren. Daher haben die Menschen
ihre ganze Herrlichkeit in ein einziges Wort gedrängt
und sie Mutter Gottes genannt.
Niemand kann etwas Größeres über sie oder zu ihr sagen,
obwohl er so viele Zungen hatte, wie es Blätter
an den Bäumen oder Gras auf den Feldern
oder Sterne am Himmel oder Sand am Meer gibt.
Es muss im Herzen darüber nachgedacht werden,
was es bedeutet, Mutter Gottes zu sein.
Auch Maria schreibt alles freiwillig der Gnade Gottes zu,
nicht ihrem Verdienst. Denn obwohl sie
ohne Sünde war, war diese Gnade
doch zu überwältigend groß,
als dass sie sie in irgendeiner Weise verdient hätte.
Wie sollte ein Geschöpf es verdienen,
Mutter Gottes zu werden!
Obwohl einige Schreiberlinge viel Aufhebens
um ihre Würdigkeit für eine solche Mutterschaft machen,
werde ich ihr dennoch mehr glauben als ihnen.
Sie sagt, ihr niedriger Stand wurde von Gott angesehen,
noch war das eine Belohnung für irgendetwas,
was sie getan hatte, aber er hat mir große Dinge getan;
er hat dies aus eigenem Antrieb ohne mein Zutun getan.
Denn niemals in ihrem ganzen Leben
hat sie daran gedacht, Mutter Gottes zu werden,
noch weniger hat sie sich darauf vorbereitet.
Die Nachricht traf sie völlig unerwartet,
wie Lukas berichtet.
Aber Verdienst ist nicht unvorbereitet auf seinen Lohn,
sondern sucht und erwartet ihn bewusst.
Es ist kein stichhaltiges Argument dagegen,
die Worte der Hymne Regina coeli laetare zu zitieren:
Den du zu tragen verdienst, und noch einmal:
Den zu tragen du würdig warst.
Denn dieselben Dinge werden vom heiligen Kreuz besungen,
das ein Ding aus Holz und unwürdig war.
Die Worte sind in diesem Sinne zu verstehen:
Um Gottesmutter zu werden, muss sie eine Frau,
eine Jungfrau, aus dem Stamm Juda sein,
und muss der Engelsbotschaft glauben,
um dafür tauglich zu werden, wie die Schriften vorhergesagt.
Da das Holz keinen anderen Verdienst oder Wert hatte,
als dass es geeignet war, zu einem Kreuz gemacht zu werden,
und von Gott dazu bestimmt war,
so lag ihre einzige Würdigkeit, Mutter Gottes zu werden,
darin, dass sie dazu geeignet
und dazu bestimmt war;
damit es reine Gnade sei und kein Lohn,
damit wir Gottes Gnade, Anbetung und Ehre
nicht dadurch entziehen, dass wir ihr zu viel zuschreiben.
Denn es ist besser, ihr zu viel zu nehmen
als der Gnade Gottes. Tatsächlich können wir ihr
nicht zu viel nehmen, da sie wie alle anderen Kreaturen
aus dem Nichts erschaffen wurde.
Aber wir können leicht zu viel von der Gnade wegnehmen,
was eine gefährliche Sache ist und ihr nicht gut gefällt.
Es ist auch notwendig, sich in Grenzen zu halten
und nicht zu viel davon zu halten, sie Königin
des Himmels zu nennen, was ein wahrer Name ist
und sie dennoch nicht zu einer Göttin macht,
die Gaben gewähren oder Hilfe leisten könnte,
wie manche annehmen, beten und flehen lieber zu ihr
als zu Gott. Sie gibt nichts, Gott gibt alles,
wie wir in den folgenden Worten sehen:
Er, der mächtig ist. Wahrlich, mit diesen Worten
nimmt sie allen Geschöpfen alle Macht
und verleiht sie allein Gott.
Was für eine große Kühnheit von Seiten
eines so jungen und zarten Mädchens!
Sie wagt es, durch dieses eine Wort alle Starken schwach,
alle Mächtigen ohnmächtig, alle Weisen töricht,
alle Berühmten verachtet
und Gott allein zum Besitzer aller Kraft,
Weisheit und Herrlichkeit zu machen.
Denn dies ist die Bedeutung des Ausdrucks „der Mächtige“.
Es gibt keinen, der etwas tut,
aber wie St. Paulus sagt: Gott wirkt alles in allem,
und die Werke aller Geschöpfe sind Gottes Werke.
So wie wir im Glaubensbekenntnis bekennen:
Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen.
Er ist allmächtig, weil es allein seine Macht ist,
die in allem und durch alles und über alles wirkt.
So singt die heilige Anna, die Mutter Samuels:
Durch Stärke wird niemand siegen.
Und der heilige Paulus schreibt:
Nicht, dass wir von uns selbst genug wären,
etwas von uns zu denken;
aber unsere Genugtuung ist von Gott.
Dies ist ein äußerst wichtiger Glaubensartikel,
der viele Dinge enthält; es legt allen Stolz, Arroganz,
Blasphemie, Ruhm und falsches Vertrauen
vollständig nieder und erhebt Gott allein.
Es weist auf den Grund hin, warum Gott allein
erhöht werden soll – weil Er alles tut.
Das ist leicht gesagt, aber schwer zu glauben
und ins Leben zu übersetzen. Denn diejenigen,
die es in ihrem Leben ausführen,
sind äußerst friedfertige, gelassene
und einfach herzige Menschen,
die auf nichts Anspruch erheben, wohl wissend,
dass es nicht ihnen, sondern Gottes gehört.
Dies also ist der Sinn dieser Worte der Muttergottes:
In all diesen großen und guten Dingen ist nichts von mir,
als dass er, der allein alles tut
und dessen Macht in allem wirkt,
an mir getan hat große Dinge.
Denn das Wort „mächtig“ bezeichnet keine ruhende Macht,
wie man von einem weltlichen König sagt, er sei mächtig,
auch wenn er still sitzt und nichts tut.
Aber es bezeichnet eine energetische Kraft,
eine kontinuierliche Aktivität,
die ohne Unterlass wirkt. Denn Gott ruht nicht,
sondern wirkt ohne Unterlass, wie Christus sagt:
Mein Vater wirkt bis hierher und ich wirke.
Im gleichen Sinne sagt Paulus: Er kann über alles tun,
worum wir bitten – das heißt, er tut immer mehr,
als wir bitten; das ist sein Weg
und so wirkt seine Kraft. Deshalb habe ich gesagt,
dass Maria kein Idol sein möchte;
sie tut nichts, Gott tut alles.
Wir sollten sie anrufen, damit Gott um ihretwillen
gewährt und tut, was wir erbitten.
So sind auch alle anderen Heiligen anzurufen,
damit das Werk in jeder Weise Gottes allein sei.
Deshalb fügt sie hinzu: Und heilig ist sein Name.
Das heißt: Da ich keinen Anspruch auf das Werk erhebe,
erhebe ich auch keinen Anspruch auf den Namen und Ruhm.
Denn der Name und Ruhm gehören allein Ihm,
der die Arbeit tut. Es ist nicht gerecht,
dass einer die Arbeit macht
und ein anderer den Ruhm hat und nimmt den Ruhm.
Ich bin nur die Werkstatt, in der er sein Werk ausführt;
mit der Arbeit selbst hatte ich nichts zu tun.
Niemand sollte mich daher preisen oder mir die Ehre geben,
die Mutter Gottes geworden zu sein, sondern Gott allein
und sein Werk sind in mir zu ehren und zu preisen.
Es genügt, mir zu gratulieren und mich selig zu nennen,
weil Gott mich gebraucht
und Seine Werke in mir gewirkt hat.
Siehe, wie sie alles auf Gott zurückführt,
keine Werke beansprucht, keine Ehre, keinen Ruhm.
Sie benimmt sich wie früher, als sie von alledem
noch nichts hatte; sie verlangt keine höheren Ehren als zuvor.
Sie ist nicht aufgeblasen, rühmt sich nicht
und verkündet nicht mit lauter Stimme,
dass sie Mutter Gottes geworden ist.
Sie sucht keinen Ruhm,
sondern geht ihren gewohnten Haushaltspflichten nach,
melkt die Kühe, kocht das Essen, wäscht Töpfe und Kessel,
fegt die Zimmer aus und verrichtet
die Arbeit eines Dienstmädchens – Dienerin
oder Hausmutter in Niedrigkeit
und verächtlichen Aufgaben, als kümmerte sie sich nicht
um solch überaus große Gaben und Gnaden.
Sie wurde unter anderen Frauen und ihren Nachbarinnn
nicht höher geschätzt als zuvor,
und wollte es auch nicht sein, sondern blieb
eine arme Dorffrau, eine aus der großen Menge.
O wie einfach und rein war ihr Herz,
wie sonderbar war diese Seele!
Was für großartige Dinge verbergen sich hier
unter diesem bescheidenen Äußeren!
Wie viele werden mit ihr in Berührung gekommen sein,
mit ihr geredet, gegessen und getrunken haben,
die sie vielleicht verachtet und für ein gemeines,
armes und einfaches Dorfmädchen gehalten haben,
und die, wenn sie es gewusst hätten,
vor Schrecken vor ihr geflohen wären.
Das ist die Bedeutung des Satzes „Heilig ist sein Name“.
Denn „heilig“ bedeutet abgesondert und Gott geweiht,
dass niemand es berühren oder beschmutzen sollte,
aber alle es in Ehren halten sollten.
Und „Name“ bedeutet ein guter Bericht,
Ruhm, Lob und Ehre. So soll jeder
den Namen Gottes in Ruhe lassen,
ihn nicht anfassen oder sich aneignen.
Es ist ein Bild davon, wenn wir lesen,
dass Moses ein Öl aus heiliger Salbe machte,
auf Gottes Befehl, und verbot direkt,
dass es auf das Fleisch eines Mannes gegossen wurde.
Das heißt, niemand sollte sich selbst
den Namen Gottes zuschreiben.
Denn wir entweihen Gottes Namen,
wenn wir uns loben oder ehren lassen,
oder wenn wir Freude an uns selbst haben
und uns unserer Werke oder unseres Besitzes rühmen,
wie es der Lauf der Welt ist,
der den Namen Gottes ständig entehrt und entweiht.
Aber wie die Werke allein sind, so sollte auch
der Name sein sein. Und alle,
die so seinen Namen heiligen
und sich alle Ehre und Herrlichkeit versagen,
ehren seinen Namen zu Recht
und werden daher durch ihn geheiligt.
So lesen wir in Mose, dass die kostbare Salbe so heilig war,
dass sie alles heiligte, was sie berührte.
Dass, wenn Gottes Name von uns geheiligt wird,
so dass wir darin keine Arbeit, Ruhm
oder Selbstzufriedenheit beanspruchen,
er zu Recht geehrt wird
und uns seinerseits berührt und heiligt.
Deshalb müssen wir auf der Hut sein,
denn wir können auf Erden nicht
auf Gottes Wohltaten verzichten
und können daher nicht ohne Namen und Ehre sein.
Wenn Menschen uns Lob und Ehre erweisen,
sollten wir vom Beispiel der Mutter Gottes profitieren
und uns jederzeit mit diesem Vers wappnen,
um die richtige Antwort zu geben
und solche Ehre und Lob richtig zu verwenden.
Wir sollten offen sagen oder zumindest
in unserem Herzen denken: O Herr Gott,
Dein ist dieses Werk, das wird gelobt und gefeiert.
Dein sei auch der Name. Nicht ich habe es getan,
sondern du, der du alles vermagst,
und heilig ist dein Name.
Wir sollten dieses Lob und diese Ehre weder verwerfen,
als ob sie falsch wären, noch sie verachten,
als ob sie nichts wären; aber weigere dich,
sie als zu kostbar oder edel anzunehmen,
und schreibe sie Ihm im Himmel zu, dem sie gehören.
Dies ist eine Lehre aus diesem kostbaren Vers.
Es liefert uns auch eine Antwort auf die Frage,
die manche vielleicht stellen,
ob niemand einen anderen ehren sollte.
St. Paulus sagt tatsächlich,
dass wir danach streben sollten,
einander in Ehre zu bevorzugen.
Aber niemand soll die ihm zuteil gewordene Ehre
annehmen oder sich selbst nehmen,
sondern soll sie heiligen und Gott zuschreiben,
dem sie gebührt, indem er allerlei gute Werke verrichtet,
aus denen Ehre kommt. Denn niemand soll
ein unehrenhaftes Leben führen.
Aber wenn er ehrenhaft leben will,
muss ihm Ehre erwiesen werden.
Dennoch ist ein ehrenhaftes Leben das Geschenk
und Werk Gottes, so sollte auch der Name
ihm allein gehören, heilig und unbefleckt
von Selbstgefälligkeit. Dafür beten wir im Vaterunser
Geheiligt werde dein Name.
Und seine Barmherzigkeit ist auf denen, die ihn fürchten:
Von Generation zu Generation.
Wir müssen uns an den Schriftgebrauch gewöhnen,
wonach Generationen, wie wir oben gesagt haben,
die Abfolge der im Laufe der Natur Geborenen sind,
ein Mensch, der vom anderen abstammt.
Daher ist das deutsche Wort Gechlechter
keine adäquate Übersetzung,
obwohl ich es nicht besser weiß.
Denn unter Gechlechter verstehen wir Familien.
Aber das Wort bedeutet hier die natürliche Nachfolge
vom Vater zum Sohn und Sohnessohn,
wobei jedes einzelne Mitglied
eine Generation genannt wird;
damit das Folgende keine schlechte Übersetzung wäre,
und seine Barmherzigkeit währt bis zu den Kindeskindern
derer, die ihn fürchten.
Dies ist ein sehr gebräuchlicher Ausdruck
in der Heiligen Schrift und hat seinen Ursprung
in den Worten Gottes unter dem Ersten Gebot,
die auf dem Berg Sinai zu Moses
und allen Menschen gesprochen wurden:
Ich bin dein Gott, stark und eifersüchtig:
Suche die Sünden der Väter über die Kinder
bis zur dritten und vierten Generation heim
unter denen, die mich hassen,
und Barmherzigkeit gegenüber vielen tausend Generationen
unter denen, die mich lieben und meine Gebote halten.
Nachdem Maria von sich selbst
und den guten Dingen, die sie von Gott hatte, gesungen
und sein Lob gesungen hat, wiederholt sie nun
alle Werke Gottes, die er im Allgemeinen
in allen Menschen wirkt, und singt sein Lob
auch für sie, indem sie uns lehrt,
richtig zu verstehen das Werk, die Methode, das Wesen
und den Willen Gottes. Auch viele Philosophen
und Menschen mit großem Scharfsinn
haben sich bemüht, das Wesen Gottes herauszufinden;
sie haben viel über ihn geschrieben,
der eine so, der andere so, und doch sind alle
blind geworden über ihrer Aufgabe
und verfehlten die richtige Einsicht.
Und in der Tat ist es das Größte im Himmel und auf Erden,
Gott recht zu kennen,
wenn einem das zugestanden werden darf.
Dies lehrt uns die Gottesmutter
hier auf meisterhafte Weise,
wenn man nur ihren Sinn verstehen will,
so wie sie es oben auch in und durch ihre eigene
Erfahrung gelehrt hat.
Wie kann man Gott besser kennen
als in den Werken, in denen er ganz er selbst ist?
Wer seine Werke richtig versteht,
kann sein Wesen und seinen Willen,
sein Herz und seinen Sinn nicht erkennen.
Daher ist es eine Kunst, seine Werke zu verstehen,
die erlernt werden muss. Und damit wir es lernen können,
zählt Maria in den folgenden vier Versen
sechs göttliche Werke unter ebenso vielen Klassen
von Personen auf. Sie teilt die ganze Welt
in zwei Teile und weist jeder Seite drei Werke
und drei Klassen von Menschen zu,
so dass jede Seite in der anderen
ihr genaues Gegenstück hat.
Sie beschreibt die Werke Gottes
in jedem dieser beiden Teile, ihn so gut darstellend,
dass es nicht besser gemacht werden könnte.
Diese Unterteilung ist gut durchdacht
und wird durch andere Passagen
der Heiligen Schrift bestätigt. Zum Beispiel
sagt Gott: Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit,
der Starke rühme sich nicht seiner Stärke,
der Reiche rühme sich nicht seines Reichtums,
sondern der sich rühme, rühme sich dessen,
dass er mich versteht und kennt, dass ich der Herr bin,
der auf Erden Güte, Recht und Gerechtigkeit ausübt;
denn an diesen Dingen habe ich Gefallen,
spricht der Herr. Dies ist ein edler Text
und stimmt gut mit diesem Hymnus
der Muttergottes überein.
Hier sehen wir, dass auch er alles, was in der Welt ist,
in drei Teile teilt – Weisheit, Macht und Reichtum –
und sie alle niederlegt, indem er sagt,
dass sich niemand dieser Dinge rühmen sollte,
denn niemand wird ihn darin finden,
noch wird Er sich freuen darin.
Er stellt ihnen drei andere gegenüber –
liebende Güte, Gericht und Gerechtigkeit.
In diesen Dingen, sagt Er, bin ich zu finden;
ja, ich übe sie aus, so nah bin ich ihnen;
ich übe sie auch nicht im Himmel aus,
sondern auf der Erde, wo mich Menschen finden können.
Und wer Mich so versteht, mag sich wohl rühmen
und darauf vertrauen. Denn ist er nicht weise,
sondern arm im Geiste,
so ist Meine Güte mit ihm;
wenn er nicht mächtig, sondern erniedrigt ist,
ist mein Urteil an seiner Seite, um ihn zu retten;
ist er nicht reich, sondern arm und bedürftig,
um so mehr hat er von meiner Gerechtigkeit.
Unter Weisheit schließt er alle geistlichen Besitztümer
und Gaben ein, durch die ein Mensch
Popularität, Ruhm und einen guten Ruf erlangen kann,
wie der folgende Vers zeigen wird.
Solche Gaben sind Verstand, Vernunft,
Witz, Wissen, Frömmigkeit, Tugend,
ein gottesfürchtiges Leben, kurz, was in der Seele ist,
was die Menschen göttlich und geistig nennen,
alles große und hohe Gaben, aber keine davon Gott.
Unter Macht schließt er alle Autorität,
Adel,Freunde, hohe Stellung und Ehre,
sei es in Bezug auf weltliche oder geistliche Güter
oder Personen (obwohl es in der Schrift
keine geistliche Autorität oder Macht gibt,
sondern nur Diener und Untertanen,)
zusammen mit allen damit verbundenen Rechten,
Freiheiten und Privilegien. Zu Reichtümern
gehören Gesundheit, Schönheit, Lust, Kraft
und alle äußeren Güter, die dem Körper
widerfahren können. Im Gegensatz zu diesen dreien
stehen die Armen im Geiste, die Unterdrückten,
und die, denen das Lebensnotwendige fehlt.
Betrachten wir nun diese sechs Werke der Reihe nach.
Das erste Werk Gottes ist die Barmherzigkeit.
Davon handelt unser Vers: Seine Barmherzigkeit
ist auf denen, die ihn fürchten:
von Generation zu Generation.
Sie beginnt mit dem Höchsten und Größten,
mit den geistigen und inneren Gütern,
die die eitlen, stolzen und halsstarrigen Menschen
auf Erden hervorbringen. Kein Reicher oder Mächtiger
ist so aufgeblasen und kühn wie ein solcher Klugscheißer,
der fühlt und weiß, dass er im Recht ist,
alles von einer Sache versteht und klüger ist
als andere Leute. Besonders wenn er findet,
dass er nachgeben oder sich im Unrecht bekennen sollte,
wird er so unverschämt und ist so völlig frei
von Gottesfurcht, dass er sich zu rühmen wagt,
unfehlbar zu sein, erklärt Gott auf seiner Seite
und die anderen auf der Seite des Teufels
und hat die Frechheit, sich auf das Gericht
Gottes zu berufen. Wenn solch einer die nötige
Macht besitzt, stürzt er kopfüber los,
verfolgt, verurteilt, verleumdet, tötet, verbannt
und vernichtet alle, die mit ihm uneins sind,
und sagt hinterher, er habe alles zur Ehre
und Herrlichkeit Gottes getan. Er ist so sicher
wie kaum ein Engel im Himmel, viel Dank
und Verdienst vor Gott zu verdienen.
O was für eine Blase haben wir hier!
Wie viel hat Gottes Wort über solche Menschen zu sagen,
und mit wie vielen schmerzlichen Dingen droht es ihnen!
Aber sie fühlen sie weniger als der Amboss den Hammer
des Schmiedes. Das ist ein großes, weit verbreitetes Übel.
Christus sagt über solche Männer:
Es kommt die Zeit, dass jeder, der euch tötet,
denken wird, dass er Gott dient.
Und der Psalm sagt Folgendes über sie:
Er bläst alle seine Feinde an. Er hat gesagt:
Ich werde niemals in Not geraten,
wie wer sagen würde: Ich bin im Recht, ich tue gut,
Gott wird mich reich belohnen usw.
Das waren die Leute von Moab,
von denen wir lesen: Wir haben von Moab gehört
(es ist überaus stolz ), seine Erhabenheit
und seine Arroganz und sein Stolz und der Hochmut
seines Herzens und seine Empörung
sind mehr als seine Stärke. So sehen wir,
dass solche Männer in ihrer großen Arroganz
gerne mehr tun würden, als sie können.
So war das Volk der Juden in seinem Umgang mit Christus
und den Aposteln. Das waren die Freunde von St. Hiob,
der mit außerordentlicher Weisheit
gegen sie argumentierte
und Gott in den erhabensten Worten lobte und predigte.
Solche Leute werden dir kein Gehör schenken;
es ist unmöglich, dass sie sich irren oder nachgeben.
Sie müssen sich durchsetzen,
obwohl die ganze Welt zugrunde geht.
Die Schrift kann nicht genug Vorwürfe
für eine so verlorene Mannschaft finden.
Jetzt nennt es sie eine Natter, die sich die Ohren verstopft,
damit sie nicht hört; jetzt ein Einhorn,
das nicht gezähmt werden kann;
wieder einen wütenden Löwe, einen mächtigen,
unverrückbaren Felsen, einen Drachen.
Aber nirgendwo werden sie treffender dargestellt
als in Hiob, wo er sie Behemoth nennt.
Behema ist ein einzelnes Tier, Behemoth
eine Herde von Tieren, das heißt, ein Volk,
das einen bestialischen Geist hat
und nicht willens ist, vom Geist Gottes regiert zu werden.
In diesen Kapiteln beschreibt Gott sie als Augen
wie die Morgenröte, denn ihre Klugheit ist grenzenlos.
Sein Fell ist so hart, dass er lacht,
um den Bogenschützen und die, die den Speer schwingen,
zu verachten; das heißt, wenn ihnen gepredigt wird,
lachen sie darüber, denn ihr Recht
darf nicht in Frage gestellt werden.
Wiederum sind seine Schuppen miteinander verbunden,
dass keine Luft zwischen sie kommen kann;
das heißt, sie halten so eng zusammen,
dass kein Geist Gottes in sie eindringen kann.
Sein Herz, sagt der Herr, ist fest wie ein Schmiedeamboss;
es ist der Körper des Teufels.
Deshalb schreibt er auch dem Teufel die gleichen Dinge zu.
Das sind vor allem der Anti-Papst und seine Herde heute
und diese vielen Tage. Sie tun all diese Dinge
und schlimmer als je zuvor; es gibt kein Zuhören
und kein Nachgeben, es nützt nichts zu reden,
zu beraten, zu bitten oder zu drohen. Es ist einfach:
Wir sind im Recht, und es hat kein Ende,
ungeachtet aller anderen, obwohl es die ganze Welt ist.
Aber jemand könnte sagen: Wie ist das?
Sind wir nicht verpflichtet, das Recht zu verteidigen?
Sollen wir die Wahrheit ruhen lassen?
Ist uns nicht geboten, um des Rechts und der Wahrheit willen
zu sterben? Haben die heiligen Märtyrer
nicht um des Evangeliums willen gelitten?
Und Christus selbst, wollte er nicht im Recht sein?
Es kommt in der Tat vor, dass solche Männer zuweilen
öffentlich (und wie sie schwatzen, vor Gott ) im Recht sind
und dass sie weise und gut handeln.
Ich antworte: Hier ist es höchste Zeit und nötig,
dass wir unsere Augen öffnen,
denn hier liegt der Kern der ganzen Sache.
Alles hängt von unserem richtigen Verständnis von
„im Recht sein“ ab. Es ist wahr,
wir sollen alles um der Wahrheit und des Rechtes willen
leiden und es nicht leugnen, so unwichtig
die Sache auch sein mag. Es kann auch sein,
dass diese Männer dann und wann im Recht sind;
aber sie verderben alles, indem sie ihr Recht
nicht richtig geltend machen, indem sie es nicht
mit Furcht angehen und Gott nicht vor Augen haben.
Sie halten es für ausreichend, dass es richtig ist,
und wollen es dann aus eigener Kraft fortsetzen
und ausführen. So verwandeln sie ihr Recht in ein Unrecht,
selbst wenn es an sich richtig war.
Aber es ist viel gefährlicher, wenn sie nur glauben,
im Recht zu sein, sich aber nicht sicher sind;
wie sie es in den wichtigen Angelegenheiten tun,
die Gott und sein Recht betreffen.
Lass uns jedoch zuerst auf das greifbarere
Menschenrecht eingehen und ein einfaches
Beispiel verwenden, das alle verstehen können.
Ist es nicht wahr, dass Geld, Eigentum, Körper,
Frau, Kind, Freunde und dergleichen gute Dinge sind,
die von Gott selbst geschaffen und gegeben wurden?
Da sie also Gottes Gaben sind und nicht deine eigenen,
stell dir vor, er würde dich auf die Probe stellen,
um zu erfahren, ob du bereit wärst,
sie um seinetwillen loszulassen
und eher an ihm festzuhalten
als an solchen seinen Gaben. Angenommen,
er hat einen Feind erweckt, der dich ganz
oder teilweise davon beraubt hat,
oder du hast sie durch Tod
oder ein anderes Unglück verloren.
Glaubst du, du hättest berechtigten Grund zu
Wut und Sturm, und sie mit Gewalt wieder zu nehmen,
oder ungeduldig zu schmollen,
bis sie dir zurückgegeben werden?
Und wenn du sagtest, dass sie gute Dinge
und Gottes Geschöpfe seien, die
mit seinen eigenen Händen gemacht wurden,
und dass du, da die ganze Schrift
solche Dinge gut nennt, entschlossen warst,
Gottes Wort zu erfüllen und solche Güter
auf Kosten des Lebens zu verteidigen
oder zurückzubekommen, oder ihren Verlust
nicht bereitwillig ertragen
oder sie mit Geduld gehen zu lassen –
was für eine Farce wäre das!
Um in diesem Fall das Richtige zu tun,
solltest du nicht durcheinander eilen,
sondern Gott fürchten und sprechen: Lieber Herr,
es sind gute Dinge und Gaben von dir,
wie dein eigenes Wort und deine Schrift sagt;
dennoch weiß ich nicht, ob du mir erlaubst,
sie zu behalten. Wusste ich, dass ich sie nicht haben sollte,
ich würde keinen Finger rühren, um sie zurückzubekommen.
Wüsste ich, dass du sie lieber in meinem Besitz
belassen möchtest als in dem anderer,
dann würde ich deinem Willen dienen,
indem ich sie unter Gefahr fürs Leben zurücknehme.
Aber jetzt, da ich beides nicht kenne, und einsehe,
dass du sie mir vorläufig nehmen lässt,
übergebe ich dir die Sache. Ich werde abwarten,
was ich tun soll, und bereit sein, sie zu haben
oder auf sie zu verzichten, auch Frau und Kinder.
Das, merkt man, ist eine richtige Seele
und eine, die Gott fürchtet.
Es gibt Gottes Barmherzigkeit, wie die Gottesmutter singt.
Daher können wir sehen, warum Abraham, David
und das Volk Israel in vergangenen Zeiten
Krieg führten und viele töteten.
Sie zogen durch den Willen Gottes in den Kampf,
sie standen in Furcht und kämpften
nicht um der Güter willen, sondern weil Gott
ihnen befahl zu kämpfen; wie die Erzählungen zeigen,
in denen dieses Gebot Gottes steht meist am Anfang.
Auf diese Weise wird die Wahrheit nicht geleugnet,
denn die Wahrheit erklärt, dass sie gute Dinge
und Geschöpfe Gottes sind.
Aber dieselbe Wahrheit sagt und lehrt auch,
dass ihr solche guten Dinge loslassen,
jederzeit bereit sein sollt, darauf zu verzichten,
wenn Gott es so will, und immer an Gott
allein festhalten sollt. Die Wahrheit, die sagt,
dass sie gut sind, zwingt euch nicht,
die guten Dinge zurückzunehmen oder zu sagen,
dass sie nicht gut sind, aber sie zwingt euch,
sie mit Gleichmut zu betrachten
und zu bekennen, dass sie gut und nicht böse sind.
Genauso müssen wir mit dem Rechten
und den mannigfachen guten Dingen der Vernunft
oder Weisheit umgehen.
Wer kann daran zweifeln, dass Recht etwas Gutes
und eine Gabe Gottes ist? Gottes Wort selbst sagt,
dass Recht gut ist, und niemand sollte zugeben,
dass seine gute und gerechte Sache
ungerecht oder böse ist, sondern eher dafür sterben
und alles loslassen, was nicht Gott ist.
Andernfalls würde man Gott und sein Wort verleugnen,
denn er sagt, dass Recht gut und nicht böse ist.
Aber wenn dir solches Recht abgerungen
oder unterdrückt wird, würdest du darum schreien,
stürmen und wüten und die ganze Welt töten?
Einige tun dies; sie schreien zum Himmel,
richten allerlei Unheil an, ruinieren Land und Leute
und füllen die Welt mit Krieg und Blutvergießen.
Woher wisst ihr, ob es Gottes Wille ist,
dass ihr ein solches Geschenk und Recht behaltet?
Es gehört ihm, und er kann es dir heute
oder morgen nehmen, äußerlich oder innerlich,
durch Freund oder Feind, wie er will. Er prüft dich,
ob du um seines Willens willen auf dein Recht verzichten,
im Unrecht sein und leiden wirst Unrecht,
ertragen Schande für Ihn und halten nur an Ihm fest.
Wenn du Gott fürchtest und denkst: Herr, es ist dein;
ich werde es nicht behalten, es sei denn,
ich weiß, dass Du willst, dass ich es habe.
Nimm mir, was du willst, sei nur du mein Gott –
dann erfüllt sich dieser Vers: Seine Barmherzigkeit
ist auf denen, die ihn fürchten,
die nichts tun werden, was nicht seinem Willen fremd ist.
Dann werden beide Seiten des Wortes Gottes beachtet:
Erstens bekennst du, dass das Recht,
deine Vernunft, Erkenntnis, Weisheit
und alle deine Gedanken, richtig und gut sind,
wie Gottes Wort lehrt. Zweitens bist du bereit,
um Gottes willen auf solche guten Dinge zu verzichten,
um zu Unrecht geplündert
und vor der Welt beschämt zu werden,
wie es auch Gottes Wort lehrt.
Das Rechte und Gute zu bekennen ist eine Sache,
es zu erlangen eine andere.
Es genügt dir zuzugeben, dass du im Recht bist;
wenn du es nicht erreichen kannst, übergib es Gott.
Dir ist das Bekenntnis anvertraut, was Gott
für sich reserviert hat. Wenn Er will,
dass du es auch erlangst, wird Er es Selbst ausführen
oder es dir in den Weg legen, ohne dass du daran denkst,
sodass du es in Besitz nehmen und den Sieg erringen musst,
vor allem, was du erbeten oder gedacht hast.
Wenn Er nicht möchte, dass du es erlangst,
lass Seine Barmherzigkeit für dich ausreichen.
Obwohl sie dir den Sieg des Rechts vorenthalten,
können sie dir das Geständnis nicht vorenthalten.
So müssen wir uns nicht von den guten Dingen
Gottes fernhalten, sondern uns sündhaft
und falsch an ihnen festhalten;
damit wir sie gebrauchen oder ihren Mangel
mit Gleichmut erleiden und uns,
was auch immer geschehen mag, an Gott allein klammern.
O das sollten alle Fürsten und Herrscher wissen,
die sich nicht damit begnügen, das Recht zu bekennen,
es ohne Gottesfurcht sofort erlangen
und den Sieg erringen wollen;
die die Welt mit Blutvergießen und Elend füllen
und denken, was sie tun, sei richtig und gut gemacht,
weil sie eine gerechte Sache haben oder meinen,
sie hätten eine gerechte Sache. Was ist das anderes
als der stolze und hochmütige Moab,
der sich für würdig erachtet, das Recht zu besitzen,
dieses feine und edle Gut und Geschenk Gottes;
wenn es sich in den Augen Gottes für richtig hält,
es ist wegen seiner Sünden nicht würdig,
auf der Erde zu leben oder eine Kruste Brot zu essen.
O Blindheit, Blindheit!
Wer ist des geringsten Geschöpfes Gottes würdig?
Doch wollen wir nicht nur die höchsten Geschöpfe,
Recht, Weisheit und Ehre besitzen,
sondern sie behalten oder wieder in Besitz nehmen
mit wütendem Blutvergießen und jedem Unglück.
Daraufhin gehen wir und beten, fasten,
hören die Messe und gründen Kirchen,
mit solch blutigen, wütenden, rasenden Herzen,
es ist ein Wunder, dass die Steine nicht platzen
uns ins Gesicht. Hier stellt sich eine Frage.
Wenn ein Herrscher sein Land und seine Untertanen
nicht gegen Unrecht verteidigt, sondern meinem Rat folgt,
keinen Widerstand leistet und sich alle nehmen lässt,
was würde aus der Welt werden?
Ich werde kurz meine Sicht der Dinge darlegen.
Die weltliche Macht ist verpflichtet,
ihre Untertanen zu verteidigen,
wie ich schon oft gesagt habe;
denn sie trägt das Schwert, um die fürchten zu machen,
die solche göttlichen Lehren nicht beachten,
und sie zu zwingen, andere in Frieden zu lassen.
Und darin sucht die weltliche Macht
nicht ihren eigenen, sondern den Vorteil
ihres Nächsten und Gottes Ehre;
sie würde gerne schweigen
und ihr Schwert rosten lassen,
wenn Gott sie nicht dazu bestimmt hätte,
den Übeltätern ein Hindernis zu sein.
Doch sollte diese Verteidigung ihrer Untertanen
nicht mit noch größerem Schaden einhergehen;
das wäre nur ein Sprung von der Bratpfanne ins Feuer.
Es ist eine schlechte Verteidigung,
um einer Person willen eine ganze Stadt
einer Gefahr auszusetzen
oder das ganze Land zu riskieren
für ein einzelnes Dorf oder eine Burg,
es sei denn, Gott hätte dies
durch einen besonderen Befehl angeordnet,
wie Er es in alter Zeit tat.
Wenn ein Raubritter einem Bürger
seinen Besitz beraubt und du, mein Herr,
dein Heer gegen ihn führst,
um dieses Unrecht zu bestrafen,
und dabei das ganze Land verwüstest,
wer wird den größeren Schaden angerichtet haben,
der Ritter oder der Herr?
David blinzelte bei vielen Dingen,
wenn er nicht in der Lage war, zu bestrafen,
ohne anderen Schaden zuzufügen.
Alle Herrscher müssen dasselbe tun.
Andererseits muss ein Bürger
um der Gemeinschaft willen ein gewisses Maß
an Leiden ertragen und nicht verlangen,
dass alle anderen Menschen um seinetwillen
den größeren Schaden erleiden.
Christus wollte nicht, dass das Unkraut eingesammelt wird,
damit nicht auch der Weizen mit ausgerottet wird.
Wenn die Menschen bei jeder Provokation
in den Krieg zögen
und an keiner Beleidigung vorbeigingen,
würden wir niemals Frieden haben
und nichts als Zerstörung haben.
Deshalb ist richtig oder falsch niemals
ein ausreichender Grund, um wahllos zu bestrafen
oder Krieg zu führen. Es ist ein ausreichender Grund,
um innerhalb von Grenzen zu bestrafen,
ohne einen anderen zu zerstören.
Der Herr oder Herrscher muss immer darauf achten,
was davon profitiert die ganze Masse
seiner Untertanen und nicht irgendeinen Teil.
Der Hausvater wird nie reich werden,
der, weil man seiner Gans eine Feder ausgerissen hat,
ihm die ganze Gans hinterher schleudert.
Es ist jetzt nicht die Zeit, auf das Thema Krieg einzugehen.
Dasselbe müssen wir in den göttlichen Dingen tun,
wie dem Glauben und dem Evangelium,
die die höchsten Güter sind
und die niemand loslassen sollte.
Aber das Recht, die Gunst, die Ehre
und die Akzeptanz von ihnen
müssen wir in die Waagschale werfen
und sie Gott anvertrauen.
Wir sollten uns nicht darum kümmern,
etwas zu erlangen, sondern bekennen
und es bereitwillig ertragen,
geschmäht zu werden, vor aller Welt verfolgt,
verbannt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt
oder auf andere Weise getötet,
als Ungerechte, Betrüger, Ketzer, Abtrünnige,
Lästerer und was nicht; denn dann
ist Gottes Barmherzigkeit auf uns.
Sie können uns den Glauben und die Wahrheit
nicht nehmen, auch wenn sie uns das Leben nehmen.
Es gibt jedoch nur wenige, die wüten und sich ärgern,
um den Sieg in dieser Angelegenheit zu erlangen
und zu erringen, wie es die Menschen
in zeitlichen Gütern und Rechten tun.
Es gibt auch wenige, die es richtig
und aus Prinzip bekennen.
Aber wir sollten trauern und klagen für die anderen,
die durch die Niederlage des Evangeliums
an der Errettung ihrer Seele gehindert werden.
Ja, wir sollten viel lieber (jedoch als in den Augen Gottes)
wegen der Verletzung der Seelen,
die die Moabiter um ihrer eigenen zeitlichen
Güter und Rechte zufügen, wie wir oben sagten,
klagen und arbeiten. Denn es ist beklagenswert,
wenn Gottes Wort nicht den Sieg erringt,
beklagenswert nicht für den Beichtvater,
aber für die, die dadurch gerettet werden sollten.
Daher finden wir in den Propheten, in Christus,
und bei den Aposteln, solch einen Kummer
und Wehklagen über die Unterdrückung
des Wortes Gottes, die dennoch froh waren,
jede Ungerechtigkeit und Verletzung zu tragen.
Denn von der Erlangung dieses Gutes
hängt weit mehr ab als von jedem anderen.
Doch niemand sollte Gewalt anwenden
oder ein solches Recht des Evangeliums
durch Wut und Unvernunft bewahren
oder wiedererlangen; er sollte sich lieber
vor Gott als vielleicht nicht würdig demütigen,
dass so etwas Großes und Gutes durch ihn getan werde,
und alles seiner Barmherzigkeit
mit Gebet und Klage anvertrauen.
Das ist also das erste Werk Gottes,
dass Er allen gnädig ist, die bereit sind,
auf ihre eigene Meinung, ihr Recht, ihre Weisheit
und alle geistlichen Güter zu verzichten
und bereit sind, arm im Geist zu sein.
Das sind diejenigen, die Gott wahrhaftig fürchten,
die sich nichts für würdig halten, sei es noch so klein,
und froh sind, nackt und bloß vor Gott
und den Menschen zu sein; die alles,
was sie haben, Seiner reinen Gnade zuschreiben,
die den Unwürdigen zuteil wird;
die es mit Lob und Furcht gebrauchen
und Danksagung, als gehöre es einem anderen,
und die nicht ihren eigenen Willen, ihr Verlangen
oder ihre Ehre suchen, sondern nur
den seinen, dem es gehört.
Maria weist auch darauf hin,
wie viel lieber Gott solche Barmherzigkeit zeigt,
die Sein edelstes Werk ist,
als ihr Gegenstück, Seine Stärke;
denn sie sagt, dieses Werk Gottes
dauert ohne Unterlass von Generation zu Generation
derer, die ihn fürchten, während seine Kraft
nur bis zur dritten und vierten Generation andauert,
und hat in dem folgenden Vers
keine Zeit oder Grenze dafür gesetzt.
Er hat Stärke gezeigt mit seinem Arm:
Er hat die Stolzen in der Vorstellung
ihrer Herzen zerstreut.
Ich vertraue darauf, dass niemand
durch meine Übersetzung verwirrt wird.
Oben habe ich diesen Vers wiedergegeben:
Er zeigt Stärke, und hier: Er hat Stärke gezeigt.
Ich habe dies getan, damit wir diese Worte
besser verstehen können,
die nicht an eine Zeit gebunden sind,
sondern allgemein die Werke Gottes darstellen sollen,
die Er immer getan hat, immer tut und immer tun wird.
Daher wäre das Folgende eine angemessene Übersetzung:
Gott ist ein Herr, dessen Werke
von solcher Art sind, dass er die Stolzen mächtig zerstreut
und denen gnädig ist, die ihn fürchten.
Der Arm Gottes bedeutet in der Heiligen Schrift
Gottes eigene Kraft, durch die Er
ohne das Medium irgendeines Geschöpfs wirkt.
Diese Arbeit wird still und im Verborgenen verrichtet,
und niemand wird sich dessen bewusst,
bis alles vollendet ist; so dass diese Macht
oder dieser Arm nur durch den Glauben
erkannt und verstanden werden kann.
Deshalb klagt Jesaja, dass so wenige
an diesen Arm glauben, und sagt:
Wer hat unserem Bericht geglaubt?
und wem wird der Arm des Herrn offenbart?
Diese Dinge sind so, weil, wie er weiter sagt,
alles im Verborgenen und ohne den Anschein
von Macht geschieht. Wir lesen auch in Habakuk,
dass Hörner aus Gottes Händen kommen,
um seine mächtige Macht anzuzeigen;
und doch heißt es: Da war das Verbergen seiner Macht.
Was ist die Bedeutung davon?
Das bedeutet, dass, wenn Gott
durch seine Geschöpfe wirkt, deutlich wird,
wo die Stärke und wo die Schwäche liegt.
Daher das Sprichwort: Gott hilft sich selbst.
Welcher Prinz zum Beispiel auch immer
eine Schlacht gewinnt, es ist ersichtlich,
dass Gott den anderen durch ihn besiegt hat.
Wenn ein Mensch von einem Wolf gefressen
oder anderweitig verletzt wird, ist es offensichtlich,
dass dies durch die Kreatur geschehen ist.
So macht oder zerbricht Gott
ein Geschöpf durch ein anderes.
Wer fällt, fällt; wer steht, steht.
Anders ist es aber, wenn Gott selbst
mit seinem eigenen Arm wirkt.
Dann wird etwas zerstört oder aufgerichtet,
bevor man es merkt, und niemand sieht es geschehen.
Solche Werke verrichtet Er nur
unter den zwei Abteilungen der Menschheit,
den Gottesfürchtigen und den Bösen.
Er lässt zu, dass die Gottesfürchtigen
machtlos und erniedrigt werden,
bis jeder glaubt, ihr Ende sei nahe,
wenn Er ihnen gerade in diesen Dingen
mit all Seiner Macht gegenwärtig ist,
doch so verborgen und im Verborgenen,
dass sogar die, die unter der Unterdrückung leiden,
es nicht fühlen, sondern nur glauben.
Es gibt die Fülle von Gottes Kraft
und Seinen ausgestreckten Arm.
Denn wo die Kraft des Menschen endet,
beginnt die Kraft Gottes,
sofern der Glaube gegenwärtig ist und auf Ihn wartet.
Und wenn die Unterdrückung ein Ende hat,
zeigt sich, welch große Stärke
unter der Schwäche verborgen war.
Trotzdem war Christus am Kreuz machtlos,
und doch vollbrachte er dort sein mächtigstes Werk
und besiegte Sünde, Tod, Welt, Hölle, Teufel
und alles Böse. So waren alle Märtyrer
stark und überwanden.
So werden auch alle Leidenden
und Unterdrückten überwinden.
Deshalb heißt es: Lass die Schwachen sagen:
Ich bin stark – jedoch im Glauben
und ohne es zu fühlen, bis es vollbracht ist.
Wieder lässt Gott zu, dass die andere Hälfte
der Menschheit groß wird und sich mächtig erhöht.
Er entzieht ihnen seine Kraft
und lässt sie sich allein
in ihrer eigenen Kraft aufblähen.
Denn wo die Stärke des Menschen beginnt,
endet die Stärke Gottes.
Wenn ihre Blase voll aufgeblasen ist
und jeder annimmt, dass sie gewonnen
und überwunden haben, und sie sich selbst
sicher und geborgen fühlen und etwas erreicht haben,
dann sticht Gott in die Blase und alles ist vorbei.
Die armen Betrüger wissen nicht,
dass sie, selbst wenn sie sich aufblähen
und stark werden, von Gott verlassen sind
und Gottes Arm nicht mit ihnen ist.
Deshalb hat ihr Wohlstand ausgedient,
verschwindet wie eine Seifenblase
und ist, als ob er nie gewesen wäre.
Darauf bezieht sich der Psalmist.
Er war beunruhigt, als er die Reichtümer,
den Stolz und den Wohlstand
der Bösen in der Welt sah.
Schließlich sagte er: Als ich dachte, das zu wissen,
war es zu schmerzhaft für mich,
bis ich in die verborgenen Dinge Gott es sah;
da verstand ich ihr letztes Ende.
Denn ich sah, dass sie wegen ihrer eigenen Täuschung
erhaben sind; als sie erhoben wurden,
hast du sie niedergeworfen.
Wie werden sie wie in einem Augenblick
ins Verderben gebracht! sie sind,
als wären sie nie gewesen,
wie ein Traum, wenn man erwacht.
Ich habe die Gottlosen hoch erhaben gesehen
und erhaben wie die Zedern des Libanon.
Und ich ging vorüber, und siehe, er war nicht mehr;
und ich suchte ihn,
und seine Stätte wurde nicht gefunden.
Aufgrund unseres Mangels an Glauben
können wir nicht ein wenig zögern,
bis die Zeit kommt, in der auch wir sehen werden,
wie die Barmherzigkeit Gottes
mit all seiner Macht mit denen ist, die ihn fürchten,
und der Arm Gottes mit aller Strenge und Macht
gegen die Stolzen. O Treuloser!
wir tasten mit unseren Händen
nach der Barmherzigkeit und dem Arm Gottes,
und da wir sie nicht fühlen können, glauben wir,
unsere Sache sei verloren
und die unserer Feinde gewonnen,
als ob Gottes Gnade und Barmherzigkeit
uns verlassen hätte und sein Arm
hätte sich gegen uns gewendet.
Dies tun wir, weil wir Seine eigentlichen Werke
nicht kennen und kennen daher Ihn nicht,
weder Seine Barmherzigkeit noch Seinen Arm.
Denn Er muss und wird durch Glauben erkannt werden;
daher müssen unser Sinn und unsere Vernunft
die Augen schließen. Dies ist das Auge,
das uns beleidigt; darum muss es ausgerissen
und von uns geworfen werden.
Dies sind also die beiden gegensätzlichen
Werke Gottes, aus denen wir erfahren,
dass Er gewillt ist, weit entfernt
von den Weisen und Klugen zu sein,
und nahe den Toren und denen,
die gezwungen sind, im Unrecht zu sein.
Das macht Gott liebenswert und preiswürdig
und tröstet Seele und Leib und all unsere Kräfte.
Wir kommen zu den Worten:
Er zerstreut die Stolzen in der Vorstellung ihrer Herzen.
Diese Zerstreuung geschieht, wie wir gesagt haben,
wenn ihre Klugheit auf dem Höhepunkt ist
und wenn sie von ihrer eigenen Weisheit erfüllt sind;
dann ist Gottes Weisheit wahrlich nicht mehr bei ihnen.
Und wie könnte er sie besser zerstreuen,
als indem er sie seiner ewigen Weisheit beraubt
und sie mit ihrer eigenen zeitlichen,
kurzlebigen und vergänglichen Weisheit
erfüllen lässt? Denn Maria sagt:
Die Stolzen in der Vorstellung ihres Herzens –
das heißt, die, die sich an ihren eigenen Meinungen,
Gedanken und Vernunft erfreuen,
die nicht Gott, sondern ihr Herz inspiriert,
und die sie allein für richtig und gut
und weise halten vor allen anderen.
Darum erheben sie sich über die Gottesfürchtigen,
setzen die Meinung und das Recht anderer herab,
schütten Schande darüber
und verfolgen sie bis zum Äußersten,
damit ihre eigene Sache auf jeden Fall recht habe
und aufrechterhalten werde.
Wenn sie das geschafft haben,
rühmen sie sich und prahlen laut;
wie es die Juden mit Christus taten,
die nicht sahen, dass ihre Sache vernichtet
und zunichte gemacht wurde,
aber Christus zur Herrlichkeit erhöht.
Wir bemerken also, dass unser Vers
von geistlichen Gütern handelt
und wie man darin Gottes zweifaches Wirken
erkennen kann. Es zeigt uns, dass wir gerne
arm im Geiste und im Unrecht sein sollten
und unsere Gegner im Recht sein lassen sollten.
Sie werden nicht lange andauern;
das Versprechen ist zu stark für sie.
Sie können Gottes Arm nicht entkommen,
sondern müssen erliegen und so tief gebracht werden,
wie sie einst hoch waren,
wenn wir es nur glauben wollen.
Aber wo es keinen Glauben gibt,
vollbringt Gott solche Werke nicht;
Er zieht seinen Arm zurück
und wirkt offen durch die Geschöpfe.
Aber dies sind nicht Seine eigentlichen Werke,
durch die Er erkannt werden kann,
denn in ihnen vermischt sich die Kraft der Geschöpfe
mit Seiner eigenen Kraft.
Sie sind nicht Gottes eigene reine Werke,
wie sie es sein müssen, wenn niemand
mit Ihm arbeitet und Er allein die Arbeit tut,
die Er tut, wenn wir machtlos werden
und in unserem Recht oder unserer Meinung
unterdrückt werden, und lassen
Gottes Kraft in uns wirken.
Was sind das für kostbare Werke!
Mit welcher Meisterschaft trifft Maria
hier die perversen Heuchler!
Sie schaut weder auf ihre Hände noch in ihre Augen,
sondern in ihre Herzen, wenn sie sagt:
die Stolzen in der Phantasie ihrer Herzen.
Sie bezieht sich insbesondere auf die Feinde
der göttlichen Wahrheit, wie die Juden
in ihrer Opposition zu Christus,
und die Menschen von heute.
Denn diese Gelehrten und Heiligen
sind nicht stolz auf ihre Kleidung oder ihr Verhalten ;
sie beten viel, fasten viel, predigen und studieren viel;
sie lesen auch Messe,
gehen demütig mit gesenktem Kopf
und meiden teure Kleidung. Sie denken,
es gibt keine größeren Feinde
für den Stolz, Irrtum und Heuchelei,
noch bessere Freunde der Wahrheit
und Gottes, als sie selbst.
Wie sonst könnten sie der Wahrheit
so großen Schaden zufügen,
wenn sie nicht so heilige, fromme
und gelehrte Leute wären? Ihre Taten
machen nach außen eine mutige Show
und beeindrucken das einfache Volk.
O sie haben gute Herzen und meinen es gut,
sie rufen den guten Gott an
und bemitleiden ihren armer Jesus,
der so ungerecht und stolz war
und nicht so fromm wie sie.
Er sagt von ihnen: Die göttliche Weisheit
wird gerechtfertigt durch ihre Kinder –
das heißt: Sie sind gerechter und weiser als ich,
der ich die göttliche Weisheit selbst bin;
was immer ich tue, ist falsch,
und ich werde von ihnen belehrt.
Diese Männer sind das giftigste
und schädlichste Volk der Welt,
ihre Herzen sind voller satanischem Stolz.
Es gibt keine Hilfe für sie;
sie werden unseren Rat nicht beachten.
Es betrifft sie nicht; das überlassen sie
armen Sündern, für die eine solche Lehre
notwendig ist, aber nicht für sie.
Johannes nennt sie eine Schlangengeneration,
und Christus tut es auch.
Das sind die recht Schuldigen, die Gott nicht fürchten,
und nur geeignet sind, dass Gott sie
mit ihrem Stolz zerstreut,
weil niemand das Recht
und die Weisheit mehr verfolgt als sie –
doch um Gottes und der Gerechtigkeit willen.
Daher müssen sie notwendigerweise
an erster Stelle unter den drei Feinden Gottes
auf dieser Seite stehen. Denn die Reichen
sind am wenigsten Seine Feinde;
die Mächtigen sind viel feindseliger;
aber diese Klugscheißer
sind die schlimmsten von allen
wegen ihres Einflusses auf andere.
Die Reichen zerstören untereinander die Wahrheit;
die Mächtigen vertreiben sie von anderen;
aber diese Weisen löschen die Wahrheit selbst
vollständig aus und ersetzen sie
durch andere Dinge, die Einbildung
ihres eigenen Herzens, damit die Wahrheit
nicht wieder in ihr eigenes Herz kommen kann.
So viel die Wahrheit selbst besser ist als die Menschen,
unter denen sie wohnt, so viel schlimmer
sind die Weisen als die Mächtigen und Reichen.
O Gott ist ihr besonderer Feind,
wie sie es verdient haben.
Er hat die Mächtigen von ihren Sitzen gestürzt.
Dieses Werk und die folgenden
sind aus den beiden vorhergehenden Werken
leicht verständlich. Denn so wie Gott
die Weisen und Klugen
in ihre eigenen Gedanken und Vorstellungen zerstreut,
auf die sie sich verlassen, und ihren Stolz
an denen auslassen, die Gott fürchten,
die notwendigerweise im Unrecht sind
und ihr Recht und ihre Meinung
zurückgewiesen sehen müssen (was hauptsächlich
geschieht um des Wortes Gottes willen);
genauso zerstört Er die Mächtigen und Großen
mit ihrer Kraft und Autorität und setzt sie nieder,
auf die sie angewiesen sind,
und lassen ihren Stolz an ihren Untergebenen,
den Gottesfürchtigen und Schwachen, aus,
die durch ihre Hände Verletzungen, Schmerzen,
Tod und alle möglichen Übel erleiden müssen.
Und so wie Er diejenigen tröstet,
die für Recht, Wahrheit und Wort
Unrecht und Schande erleiden müssen,
so tröstet Er auch diejenigen,
die Unrecht und Böses erleiden müssen.
Und so sehr Er Letztere tröstet,
so sehr erschreckt Er Erstere.
Aber auch dies muss alles im Glauben erkannt
und erwartet werden. Denn Er vernichtet
die Mächtigen nicht so plötzlich, wie sie es verdienen,
sondern lässt sie eine Zeit lang ziehen,
bis ihre Macht ihren Höhepunkt erreicht hat.
Wenn dies getan ist, unterstützt Gott sie nicht,
noch kann sie sich selbst unterstützen;
sie bricht von ihrem eigenen Gewicht
ohne Krachen und Geräusch zusammen,
und die Unterdrückten werden erhoben,
auch ohne Geräusch, denn Gottes Kraft ist in ihnen,
und sie allein bleibt, wenn die Kraft
der Mächtigen gefallen ist.
Beachte jedoch, dass Maria nicht sagt,
dass er die Sitze zerbricht,
sondern dass er die Mächtigen von ihren Sitzen wirft.
Sie sagt auch nicht, dass er die Niedrigen
in ihrer niedrigen Stufe belässt, sondern sie erhöht.
Denn solange die Erde bleibt,
müssen Autorität, Herrschaft, Macht
und Sitze notwendigerweise bestehen bleiben.
Aber Gott wird nicht lange zulassen,
dass Menschen sie missbrauchen
und gegen Ihn aufbringen,
den Frommen Ungerechtigkeit und Gewalt zufügen
und sich daran ergötzen, sich ihrer rühmen
und sie nicht im Dienst verwenden der Gottesfurcht,
zu Seinem Lob und zur Verteidigung der Gerechtigkeit.
Wir sehen in allen Geschichten und in der Erfahrung,
dass er ein Königreich niederschlägt
und ein anderes erhöht,
ein Fürstentum erhöht und ein anderes niederwirft,
ein Volk vermehrt und ein anderes zerstört;
wie Er es mit Assyrien, Babylon, Persien, Griechenland
und Rom tat, obwohl sie dachten,
dass sie für immer auf ihren Sitzen sitzen sollten.
Er zerstört auch nicht Vernunft, Weisheit und Recht;
denn wenn die Welt weitergehen soll,
müssen diese Dinge bleiben.
Aber er zerstört den Hochmut und die Hochmütigen,
die diese Dinge für eigennützige Zwecke verwenden,
sich daran erfreuen, Gott nicht fürchten,
sondern die Gottesfürchtigen
und das göttliche Recht durch sie verfolgen
und so die schönen Gaben Gottes missbrauchen
und sie verkehren gegen ihn.
Nun, in göttlichen Dingen pflegen
die Klugen und stolzen Weisen
mit den Mächtigen gemeinsame Sache zu machen
und sie zu überreden, gegen die Wahrheit
Partei zu ergreifen; wie es im Psalm geschrieben steht:
Die Könige der Erde stellen sich auf,
und die Fürsten beraten miteinander
gegen den Herrn und gegen seinen Gesalbten.
Denn Wahrheit und Recht müssen immer
von den Weisen, Mächtigen und Reichen
angegriffen werden, das heißt von der Welt
mit ihren Größten und Besten.
Daher tröstet der Heilige Geist
Wahrheit und Recht durch den Mund dieser Mutter
und befiehlt ihnen, sich weder zu täuschen
noch zu fürchten. Lass sie weise,
mächtig und reich sein: es wird nicht lange dauern.
Denn wenn die Heiligen und Gelehrten
zusammen mit den mächtigen Herren
und den Reichen nicht gegen, sondern für
das Recht und die Wahrheit wären,
was würde aus dem Unrecht werden?
Wer würde das Böse erleiden?
Aber dazu darf es nie kommen.
Die Gelehrten, Heiligen, Mächtigen, Großen
und Reichen und die Besten, die die Welt hat,
müssen kämpfen gegen Gott und das Recht
und des Teufels eigen sein.
Wie es in Habakuk heißt: Sein Fleisch
ist köstlich und auserlesen – das heißt,
der böse Geist hat einen äußerst feinen Gaumen
und genießt es, sich an den allerbesten,
köstlichsten und erlesensten Bissen zu laben,
wie ein Bär am Honig. Daher sind
die gelehrten und heiligen Heuchler,
die großen Herren und die Reichen
des Teufels eigene Leckerbissen.
Auf der anderen Seite die, die die Welt ablehnt,
die Armen, Niedrigen, Einfältigen und Verachteten,
Gott hat sie erwählt, wie Paulus sagt,
und bewirkt, dass der beste Teil der Menschheit
Leid über den niedrigsten Teil bringt,
damit die Menschen wissen,
dass unsere Errettung nicht in der Macht
und den Werken des Menschen besteht,
sondern in Gott allein, wie auch Paulus sagt.
Daher ist viel Wahrheit in diesen Aussprüchen:
Je mehr die Menschen wissen,
desto schlechter werden sie.
Ein Prinz, ein seltener Vogel im Himmel.
Hier reich, dort arm.
Denn Gelehrte werden ihren Stolz nicht aufgeben,
noch die Mächtigen ihre Unterdrückung,
noch die Reichen ihre Vergnügungen.
So wedelt die Welt mit dem Schwanz.
Und erhöht die Niedrigen.
Die Niedrigen sind hier nicht die Demütigen,
sondern solche, die in den Augen der Welt
verächtlich und überhaupt nichts sind.
Es ist derselbe Ausdruck, den Maria
auf sich selbst anwendete –
Er hat den niedrigen Stand seiner Magd betrachtet.
Dennoch sind diejenigen, die bereit sind, nichts zu sein
und von Herzen demütig und nicht danach streben,
groß zu sein, wirklich demütig.
Wenn Er sie nun erhöht, bedeutet das nicht,
dass Er sie auf die Sitze derer setzen wird,
die Er ausgestoßen hat; genauso wenig
wie wenn Er denen, die Ihn fürchten, Barmherzigkeit erweist,
setzt Er sie an die Stelle der Gelehrten, der Stolzen.
Er gewährt ihnen vielmehr, geistlich
und in Gott erhöht zu werden
und Richter über Sitze und Macht zu sein,
sowohl hier als auch im Himmel;
denn sie haben mehr Wissen
als alle Gelehrten und Mächtigen.
Wie das geht, wurde oben gesagt
und braucht nicht wiederholt zu werden.
All dies wird für den Trost gesagt
des Leidens und des Schreckens der Tyrannen,
wenn wir nur genug Glauben hätten, es zu glauben.
Er hat die Hungrigen mit guten Dingen gesättigt,
und die Reichen hat er leer weggeschickt.
Wir sagten, dass mit denen von niedrigem Grad
nicht diejenigen gemeint sind, die verachtet
und nichts im Anschein sind, sondern diejenigen,
die bereit sind, in einem solchen Zustand zu sein,
besonders wenn sie um Gottes Wort
oder des Rechts willen dazu gezwungen wurden.
Unter den Hungrigen sind aber nicht die zu verstehen,
die wenig oder nichts zu essen haben, sondern die,
die gerne leiden, besonders wenn sie um Gottes willen
oder der Wahrheit willen von anderen
gewaltsam dazu gezwungen werden.
Wer ist niedriger, verachteter und bedürftiger
als der Teufel und die Verdammten,
oder als Menschen, die wegen ihrer bösen Taten
gefoltert, ausgehungert oder getötet werden,
oder alle, die gegen ihren Willen niedrig und arm sind?
Doch das hilft ihnen nicht, sondern vergrößert nur ihr Elend.
Von ihnen spricht die Gottesmutter nicht,
sondern von denen, die eins sind mit Gott
und Gott mit ihnen, und die
an ihn glauben und ihm vertrauen.
Andererseits, was hinderten ihre Reichtümer
die heiligen Väter Abraham, Isaak und Jakob?
Welches Hindernis war sein königlicher Thron für David
oder seine Autorität in Babylon für Daniel?
oder ihre hohe Stellung oder große Reichtümer
denen, die sie hatten oder heute haben,
vorausgesetzt, dass sie ihr Herz nicht an sie hängen
noch ihr Eigenes in ihnen suchen?
Salomo sagt: Der Herr wägt die Geister –
das heißt, er urteilt nicht nach dem Äußeren,
ob jemand reich oder arm, hoch oder niedrig ist,
sondern nach dem Geist
und wie er sich innerlich verhält.
Es muss solche Unterschiede und Unterscheidungen
von Personen und Stationen in unserem Leben
hier auf Erden geben, doch das Herz
sollte weder an ihnen festhalten noch vor ihnen fliehen –
nicht an den Hohen und Reichen festhalten,
noch vor den Armen und Niedrigen fliehen.
So heißt es auch im Psalm:
Gott prüft die Herzen und Nieren –
also ist Er ein gerechter Richter.
Aber die Menschen urteilen nach dem Äußeren;
deshalb irren sie sich oft.
Diese Arbeiten werden, wie die oben erwähnten,
im Verborgenen durchgeführt,
so dass niemand davon Kenntnis hat,
bis sie zu Ende sind. Ein reicher Mann
ist sich nicht bewusst, wie leer und elend
er wirklich ist, bis er stirbt
oder anderweitig Verluste erleidet.
Erst dann sieht er, wie all seine Güter nichts waren,
wie es im Psalm heißt:
Sie haben ihren Schlaf entschlafen;
und alle Reichen haben nichts in ihrer Hand gefunden.
Auf der anderen Seite die Hungrigen und Durstigen
wissen nicht, wie voller guter Dinge sie sind,
bis sie ans Ende kommen. Dann finden sie
die Worte Christi wahr: Selig sind,
die hungern und dürsten; denn sie werden satt werden,
und hier das tröstliche Versprechen der Gottesmutter:
Er hat die Hungrigen mit guten Dingen gesättigt.
Es ist völlig unmöglich für Gott,
jemanden, der auf Ihn vertraut,
an Hunger sterben zu lassen;
Alle Engel müssen eher kommen und ihn speisen.
Elia wurde von Raben gefüttert,
und lebte viele Tage von einer Handvoll Mehl,
er und die Witwe von Sarepta.
Gott kann diejenigen nicht verlassen,
die ihm vertrauen. Daher sagt David:
Ich bin jung gewesen und bin jetzt alt,
und doch habe ich den Gerechten nicht verlassen gesehen
noch seine Nachkommen um Brot betteln.
Nun, der ist gerecht, der auf Gott vertraut.
Wieder im Psalm: Die Reichen haben gemangelt
und gelitten Hunger; aber denen,
die den Herrn suchen, wird nichts Gutes vorenthalten.
Und die heilige Anna, die Mutter Samuels,
sagt: „Die vorher satt waren,
haben sich für Brot verdingt,
und die Hungrigen werden satt.
Aber unser erbärmlicher Unglaube
hindert Gott immer daran, solche Werke
in uns zu wirken, und uns selbst daran,
sie zu erfahren und zu erkennen.
Wir wünschen uns, satt zu werden
und alles in Hülle und Fülle zu haben,
bevor Hunger und Verlangen eintreffen.
Wir treffen Vorkehrungen für zukünftigen Hunger und Not,
damit wir Gott und seine Werke nicht mehr brauchen.
Was ist das für ein Glaube, der auf Gott vertraut,
wenn man dabei fühlt und weiß,
dass man Güter auf Lager hat,
womit man sich selbst helfen kann?
Aufgrund unseres Unglaubens sehen wir
Gottes Wort, die Wahrheit und das Rechte besiegt
und das Falsche triumphiert,
und doch schweigt man, tadelt nicht, spricht es nicht aus,
verhindert es nicht, sondern lässt die Dinge laufen,
wie sie wollen. Wieso denn? Wir haben Angst,
dass auch wir angegriffen und verarmt werden
und dann vor Hunger sterben
und für immer niedergestreckt werden könnten.
Das bedeutet, zeitliche Güter höher zu schätzen als Gott
und sie an die Stelle Gottes als Götzen zu setzen.
Wenn wir dies tun, verdienen wir es nicht,
diese angenehme Verheißung Gottes zu hören
oder zu verstehen – dass er die Niedrigen erhöht,
die Mächtigen erniedrigt, die Armen sättigt
und die Reichen leert. Wir verdienen es nicht,
jemals zur Erkenntnis Seiner Werke zu gelangen,
ohne die es keine Errettung gibt.
Wir müssen daher für immer verdammt sein,
denn: Weil sie die Werke des Herrn nicht achten
noch das Wirken seiner Hände,
wird er sie zerstören und nicht aufbauen.
Und das zu Recht; weil sie seinen Verheißungen
nicht glauben, aber nennen Ihn
einen unbeständigen, lügenden Gott.
Sie wagen es nicht, ein Wagnis einzugehen
oder sich auf die Kraft Seiner Worte zu verlassen,
so wenig schätzen sie Seine Wahrheit.
Es ist in der Tat notwendig, dass wir
einen Versuch machen
und uns auf Seine Worte wagen;
denn Maria sagt nicht, er habe die Vollen gesättigt
und sie hoch erhöht, sondern die Hungrigen
hat er gesättigt und die Niedrigen erhöht.
Sie müssen unbedingt die Prise Armut
inmitten Ihres Hungers spüren
und durch Erfahrung lernen,
was Hunger und Armut sind,
ohne Versorgung und ohne Hilfe bei sich selbst
oder einem anderen Menschen,
sondern nur bei Gott; damit das Werk Gottes
allein sei und unmöglich von jemand anderem
getan werden könne. Du musst nicht nur
von einem niedrigen Zustand denken und sprechen,
sondern tatsächlich in einen niedrigen Zustand geraten
und darin gefangen sein, ohne menschliche Hilfe,
damit Gott allein das Werk tun kann.
Oder wenn es nicht so weit kommen sollte,
müssen Sie es zumindest wünschen
und nicht davor zurückschrecken.
Wir sind Christen und haben das Evangelium,
das weder der Teufel noch die Menschen ertragen können,
damit wir in Armut und Niedrigkeit kommen
und Gott dadurch sein Werk in uns haben kann.
Denken Sie nur für sich selbst nach
und Sie werden sehen, dass,
wenn Gott Sie sättigen würde,
bevor Sie hungrig waren,
oder Sie erhöhen würde,
bevor Sie erniedrigt wurden,
Er notwendigerweise auf die Ebene
eines Zauberers oder Beschwörers herabsinken muss;
Er wäre nicht in der Lage, das zu tun, was Er verspricht,
und alle Seine Werke wären ein bloßer Scherz,
während geschrieben steht:
Seine Werke sind Wahrheit und lautere Wahrheit.
Und selbst wenn Er Seine Werke ausführen würde,
sobald Sie die erste Prise Mangel
oder Niedrigkeit verspürten,
oder Ihnen in einer leichten Not helfen würde,
wären solche Werke Seiner göttlichen Macht
und Majestät völlig unwürdig;
denn der Psalm sagt von ihnen: Groß sind die Werke
des Herrn, erwählt nach all seinem Willen.
Nehmen wir den umgekehrten Fall an.
Wenn er die Reichen und die von hohem Rang
erniedrigen würde, bevor sie entweder reich
oder hoch sind, wie würde er vorgehen?
Sie müssen erst so weit aufgestiegen
und zu so großen Reichtümern gekommen sein,
dass sie selbst und alle anderen meinten –
ja, dass es tatsächlich so sei,
dass niemand sie niedermachen,
niemand sie aufhalten könne
und dass sie ihrer selbst sicher seien
und sagten, was Jesaja über Babylon schreibt:
Höre nun dies, du Feine und Zuversichtliche,
die du in deinem Herzen sagst:
Ich bin es und niemand sonst außer mir;
ich werde nicht als Witwe sitzen,
noch werde ich den Verlust kennen meiner Kinder
(das heißt, von Macht und Hilfe).
Aber diese beiden Dinge werden
an einem Tag zu dir kommen.
Nur dann kann Gott seine Werke in ihnen wirken.
So ließ er es zu, dass der Pharao
sich gegen die Kinder Israels auflehnte
und sie unterdrückte, wie er selbst sagt:
Darum habe ich dich erweckt,
um an dir meine Macht zu zeigen;
und dass mein Name auf der ganzen Erde
verkündet werde. Von solchen Beispielen
ist die Bibel voll, wobei sie nichts als Gottes
Werk und Wort lehrt und das Werk und Wort
der Menschen ablehnt. Siehe, welch starker Trost ist es,
dass nicht der Mensch, sondern Gott den Hungrigen gibt,
und dass Er ihnen nicht nur dies oder jenes gibt,
sondern sie sättigt und vollkommen sättigt.
Maria sagt außerdem: mit guten Dingen.
Das heißt, diese Fülle soll harmlos, heilsam
und rettend sein und Körper, Seele
und all ihren Kräften zugute kommen.
Aber es zeigt auch, dass die Hungrigen,
bevor sie satt werden, an allem Guten ermangeln
und von allem Mangel erfüllt sind.
Denn Reichtümer umfassen hier, wie gesagt,
allerlei zeitliche Güter zur Befriedigung
der leiblichen Bedürfnisse,
worüber sich auch die Seele freut.
Trotzdem bedeutet Hunger hier nicht nur
den Mangel an Nahrung, sondern
an allen zeitlichen Gütern. Denn ein Mensch
kann auf alles andere als Nahrung verzichten,
so dass fast alle Güter dazu da sind,
ihn mit Nahrung zu versorgen,
ohne die kein Mensch leben kann,
auch wenn er ohne Kleidung, Haus, Geld und Besitz
leben könnte unter den Mitmenschen.
Die Schrift bezeichnet daher hier zeitliche Güter
nach dem Teil von ihnen, dessen Bedarf und Gebrauch
am wesentlichsten sind und auf den wir
am wenigsten verzichten können.
So nennt sie auch Geizhälse und weltliche Habsüchtige
Diener des eigenen Bauches.
Und Paulus nennt ihren Bauch ihren Gott.
Wie könnte man stärker und bequemer
dazu bewegt werden, Hunger und Armut
bereitwillig zu ertragen, als durch diese schönen Worte
der Mutter Gottes, dass Gott
alle Hungrigen mit guten Dingen sättigen wird?
Wen diese Worte und solcher Ruhm
und Lob der Armut nicht bewegen,
der ist gewiss ohne Glauben und Vertrauen,
ein wahrer Heide. Andererseits,
wie könnte man eine vernichtendere Anklage
gegen den Reichtum erheben
oder die Reichen schmerzlicher erschrecken,
als wenn man sagt, dass Gott sie leer wegschickt?
O wie groß und überfließend ist Gottes Fülle
und Gottes Sendung! Wie völlig vergeblich
ist hier die Hilfe oder der Rat irgendeiner Kreatur!
Ein Mann erschrickt, wenn er hört,
dass sein Vater ihn verstoßen hat oder dass er
bei seinem Herrn in Ungnade gefallen ist.
Doch wir Reichen und Hochgestellten erschrecken nicht,
wenn wir hören, dass Gott uns verleugnet,
ja nicht nur verleugnet, sondern droht zu brechen,
zu demütigen und uns leer wegzuschicken!
Dagegen ist es eine Freude, wenn der Vater gut
und der Herr gnädig ist, und mancher
so viel Wert auf diese Dinge legt,
dass er dafür Leben und Besitz hingibt.
Wir haben hier eine solche Verheißung Gottes
und so starker Trost – doch wir können sie
weder gebrauchen noch genießen,
ihm weder dafür danken noch uns daran erfreuen!
O elender Unglaube! hart und fest
wie Stock und Stein, um so große Dinge nicht zu fühlen.
Lassen Sie dies in Bezug auf die Werke Gottes genügen.
Er hat seinem Diener Israel geholfen:
In Erinnerung an Seine Barmherzigkeit.
Nachdem Maria die Werke Gottes in ihr
und in allen Menschen aufgezählt hat,
kehrt sie zum Anfang und zum Wesentlichen zurück.
Sie schließt das Magnifikat mit der Erwähnung
des allergrößten aller Werke Gottes –
der Menschwerdung des Sohnes Gottes.
Sie bekennt sich freiwillig als Dienerin
und Magd der ganzen Welt, indem sie bekennt,
dass dieses Werk, das in ihr verrichtet wurde,
nicht nur für sie, sondern für ganz Israel getan wurde.
Aber sie teilt Israel in zwei Teile
und bezieht sich nur auf den Teil, der Gottes Diener ist.
Nun ist niemand Gottes Diener außer dem,
der Ihn seinen Gott sein lässt
und Seine Werke in Ihm tun lässt,
von denen wir oben sprachen, Ach!
das Wort „Gottesdienst“ hat heutzutage
eine so seltsame Bedeutung und Verwendung angenommen,
dass, wer es hört, nicht an diese Werke Gottes denkt,
sondern an das Läuten der Glocken,
das Holz und den Stein der Kirchen,
den Weihrauchtopf, das Flackern der Kerzen,
das Gemurmel in den Kirchen,
das Gold, Silber und die Edelsteine
in den Chorgewändern der Knaben und Zelebranten,
von Kelchen und Monstranzen,
von Orgeln und Bildnissen,
von Prozessionen und Kirchgängen
und vor allem von Lippengeplapper
und Rosenkränzerasseln. Dies, ach! ist es,
was der Dienst Gottes jetzt bedeutet.
Von solchem Dienst weiß Gott überhaupt nichts,
während wir nichts als dies wissen.
Wir singen das Magnifikat täglich
in einem besonderen Ton und mit wunderschönem Pomp,
und je öfter wir es singen, desto mehr verstummen wir
seine wahre Musik und Bedeutung.
Doch der Text steht fest.
Wenn wir diese Werke Gottes nicht lernen und erfahren,
wird es keinen Dienst geben an Gott,
kein Israel, keine Gnade, keine Barmherzigkeit,
keinen Gott; obwohl wir uns mit Singen
und Läuten in den Kirchen umbringen
und alle Güter der ganzen Welt hineinschleppen.
Gott hat keines dieser Dinge befohlen;
daher kann es keinen Zweifel geben,
dass Er daran kein Vergnügen hat.
Nun, das Israel, das Gottes Diener ist,
profitiert von der Menschwerdung Christi.
Das ist Sein eigenes geliebtes Volk,
um dessentwillen Er auch Mensch geworden ist,
um es von der Macht des Teufels,
der Sünde, des Todes und der Hölle zu erlösen
und es zur Gerechtigkeit, zum ewigen Leben
und zur Erlösung zu führen. Das ist die Hilfe,
von der Maria singt. Wie Paulus sagt:
Christus gab sich selbst für uns hin,
damit er sich ein besonderes Volk reinige;
und St. Peter: Ihr seid ein heiliges Volk,
ein besonderes Volk,
eine königliche Priesterschaft.
Dies sind die Reichtümer
der grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes,
die wir nicht durch Verdienst,
sondern durch reine Gnade empfangen haben.
Deshalb singt sie: Er hat seiner Barmherzigkeit gedacht.
Sie sagt nicht: Er hat an unseren Verdienst
und unsere Würdigkeit gedacht.
Wir waren zwar in Not, aber durchaus unwürdig.
Darin besteht sein Lob und seine Herrlichkeit,
während unsere Prahlerei und Anmaßung
schweigen müssen. Es gab für Ihn nichts zu beachten,
was Ihn bewegen könnte, außer Seine Barmherzigkeit,
und diesen Namen wollte Er bekannt machen.
Aber warum sagt sie: Er erinnerte sich
und nicht: Er betrachtete?
Weil Er diese Barmherzigkeit versprochen hatte,
wie der folgende Vers zeigt.
Nun hatte er lange gewartet, bevor er es zeigte,
bis es schien, als hätte er es vergessen –
so wie alle seine Werke so scheinen,
als ob er uns vergessen würde –
aber als er kam, war zu sehen,
dass er es nicht vergessen hatte,
sondern fortwährend hatte im Sinn,
sein Versprechen zu erfüllen.
Es ist wahr, dass das Wort Israel
nur die Juden bedeutet und nicht uns Heiden.
Aber weil sie Ihn nicht haben wollten,
wählte Er dennoch einige aus ihrer Zahl aus
und befriedigte dadurch den Namen Israel
und machte fortan daraus ein geistiges Israel.
Dies wurde gezeigt, als der heilige Patriarch Jakob
mit dem Engel rang, der das Gelenk seiner Hüfte zerrte,
um zu zeigen, dass seine Kinder fortan
nicht mehr mit ihrer fleischlichen Geburt prahlen sollten,
wie es die Juden tun. Deshalb erhielt er auch
einen neuen Namen, dass er fortan Israel heißen sollte,
als Patriarch, der nicht nur Jakob war,
der Vater der fleischlichen Kinder, aber Israel,
der Vater der geistigen Kinder.
Damit stimmt das Wort Israel überein,
denn es bedeutet ein Fürst bei Gott.
Das ist ein allerhöchster und heiliger Name
und enthält in sich das große Wunder,
dass ein Mensch durch die Gnade Gottes
gleichsam bei Gott gesiegt hat,
damit Gott tut, was der Mensch begehrt.
Dasselbe sehen wir im Fall der christlichen Kirche.
Durch Christus ist sie mit Gott als Braut
ihres Bräutigams verbunden,
so dass die Braut ein Recht auf
und Macht über den Körper ihres Bräutigams
und all seine Besitztümer hat;
all das kommt durch den Glauben zustande.
Durch den Glauben tut der Mensch was Gott will;
Gott wiederum tut, was der Mensch will.
Israel bedeutet also einen gottähnlichen,
Gott besiegenden Menschen,
der ein Herr in Gott, mit Gott und durch Gott ist,
der fähig ist, alle Dinge zu tun.
Das ist die Bedeutung von Israel.
Als Jakob nun mit dem Engel gerungen und gesiegt hatte,
sprach er zu ihm: Dein Name soll Israel heißen;
denn da du Macht hast bei Gott,
wirst du auch Macht haben bei Menschen.
Zu diesem Thema gäbe es noch viel mehr zu sagen,
denn Israel ist ein seltsames und tiefes Geheimnis.
Wie er zu unseren Vätern sprach:
Abraham und seinem Samen für immer.
Hier werden alle Verdienste und Anmaßungen erniedrigt
und allein Gottes Gnade und Barmherzigkeit erhöht.
Denn Gott hat Israel nicht wegen ihrer Verdienste
aufgenommen, sondern wegen seiner eigenen Verheißung.
In reiner Gnade hat er das Versprechen gegeben,
in reiner Gnade hat er es auch erfüllt.
Deshalb sagt der heilige Paulus,
dass Gott Abraham vierhundert Jahre zuvor
die Verheißung gegeben hatte, vor dem Gesetz Moses,
damit sich niemand rühme, er habe solche Gnade
und Verheißung durch das Gesetz
oder die Werke des Gesetzes verdient und erlangt.
Dieselbe Verheißung lobt und erhebt die Gottesmutter
hier über alles andere und schreibt dieses Werk
der Menschwerdung Gottes allein
der unverdienten Verheißung der göttlichen Gnade zu,
die Abraham gegeben wurde.
Die Verheißung Gottes an Abraham
ist besonders in Genesis aufgezeichnet
und wird außerdem an vielen anderen Stellen erwähnt.
Es lautet wie folgt: Bei mir selbst habe ich geschworen:
In deinem Samen sollen gesegnet werden
alle Geschlechter oder Nationen der Erde.
Diese Worte werden vom heiligen Paulus
und von allen Propheten hoch geschätzt,
und das mögen sie wohl sein.
Denn in diesen Worten wurden Abraham
und alle seine Nachkommen bewahrt und gerettet,
und in ihnen müssen auch wir alle gerettet werden;
denn darin ist Christus als der Retter
der ganzen Welt enthalten und verheißen.
Dies ist Abrahams Schoß,
in dem alle aufbewahrt wurden,
die vor Christi Geburt gerettet wurden;
ohne diese Worte wurde niemand gerettet,
obwohl er alle guten Werke getan hätte.
An erster Stelle folgt aus diesen Worten Gottes,
dass ohne Christus die ganze Welt
in Sünde und Verdammnis ist
und mit all ihrem Tun und Wissen verflucht ist.
Denn wenn Er sagt, dass nicht einige,
sondern alle Nationen in Abrahams Samen
gesegnet werden sollen, dann wird
ohne Abrahams Samen keine Nation gesegnet werden.
Was war für Gott nötig, so feierlich
und mit einem so mächtigen Eid zu versprechen,
dass Er sie segnen würde,
wenn sie bereits gesegnet waren
und nicht eher verflucht?
Aus diesem Ausspruch zogen die Propheten
viele Schlüsse; nämlich, dass alle Menschen
böse sind, alle Lügner, falsch und blind,
kurz gesagt, ohne Gott, so dass es im Schriftgebrauch
keine große Ehre ist, ein Mensch genannt zu werden,
da in Gottes Augen der Name des Menschen
nicht besser ist als der Name des Lügners
oder Treulosen in den Augen der Welt.
Der Mensch ist durch Adams Fall
so vollständig verdorben,
dass ihm der Fluch innewohnt
und gleichsam zu seiner Natur geworden ist.
Daraus folgt zweitens, dass dieser Same Abrahams
nicht im gemeinsamen Lauf der Natur
von einem Mann und einer Frau geboren werden konnte;
denn eine solche Geburt ist verflucht
und bringt nichts als verfluchten Samen hervor,
wie wir gerade gesagt haben.
Nun, wenn die ganze Welt durch diesen Samen Abrahams
vom Fluch erlöst und dadurch gesegnet werden sollte,
wie das Wort und der Eid Gottes verkünden,
der Same selbst muss zuerst gesegnet
und von diesem Fluch weder berührt noch befleckt werden,
sondern reiner Segen sein, voller Gnade und Wahrheit.
Nochmals, wenn Gott, der nicht lügen kann,
mit einem Eid erklärt hat, dass es Abrahams
natürlicher Same sein sollte, das heißt,
ein natürliches und echtes Kind,
geboren aus seinem Fleisch und Blut,
dann muss dieser Same notwendigerweise
ein wahrer, natürlicher Mensch sein,
des Fleisches und Blutes Abrahams.
Hier haben wir also einen Widerspruch,
das natürliche Fleisch und Blut Abrahams,
und doch nicht im Lauf der Natur geboren,
von Mann und Frau. Deshalb verwendet er
das Wort „dein Same“, nicht „dein Kind“,
um sehr klar und sicher zu machen,
dass es sein natürliches Fleisch und Blut sein sollte,
so wie der Same ist. Denn ein Kind
muss nicht sein leibliches Kind sein, wie jeder weiß,
nun, wer wird die Mittel finden, Gottes Wort
zu begründen und Schwur, worin
so widersprüchliche Dinge nebeneinander liegen?
Gott selbst hat diese Sache getan.
Er ist in der Lage, das zu halten, was er versprochen hat,
auch wenn es niemand verstehen mag, bevor es eintritt;
denn sein Wort und Werk verlangen nicht den Beweis
der Vernunft, sondern einen freien und reinen Glauben.
Siehe, wie er die beiden verband.
Er erweckt Abraham, den natürlichen Sohn
einer seiner Töchter, einer reinen Jungfrau, Maria,
durch den Heiligen Geist
und ohne dass sie einen Mann kennt, einen Samen.
Hier gab es keine natürliche Empfängnis
mit ihrem Fluch, noch konnte sie diesen Samen berühren;
und doch ist es der natürliche Same Abrahams,
so wahrhaftig wie alle anderen Kinder Abrahams.
Das ist der gesegnete Same Abrahams,
in dem die ganze Welt von ihrem Fluch befreit wird.
Denn wer an diesen Samen glaubt, Ihn anruft,
Ihn bekennt und in Ihm bleibt,
dem ist aller Fluch vergeben und aller Segen gegeben,
wie das Wort und der Eid Gottes besagen:
In deinem Samen werden alle Völker der Erde gesegnet.
Das heißt, was gesegnet werden soll,
muss und soll gesegnet werden
durch diesen Samen und auf keine andere Weise.
Dies ist Abrahams Same, gezeugt
von keinem seiner Söhne, wie die Juden
immer zuversichtlich erwarteten,
sondern allein von dieser seiner Tochter Maria geboren.
Das ist es, was die liebevolle Mutter
dieses Samens hier meint, wenn sie sagt:
Er hat seinem Knecht Israel geholfen,
wie er Abraham und all seinem Samen verheißen hat.
Sie fand das Versprechen in sich erfüllt;
daher sagt sie: Es ist jetzt erfüllt;
Er hat Hilfe gebracht und sein Wort gehalten,
nur im Gedenken an seine Barmherzigkeit.
Hier haben wir die Grundlage des Evangeliums
und sehen, warum all seine Lehren und Predigten
die Menschen zum Glauben an Christus
und in Abrahams Schoß treiben.
Denn wo dieser Glaube nicht vorhanden ist,
kann kein anderer Weg erdacht
oder Hilfe gegeben werden,
um diesen gesegneten Samen zu ergreifen.
Und tatsächlich hängt die ganze Bibel
an diesem Eid Gottes, denn in der Bibel
hat alles mit Christus zu tun.
Außerdem sehen wir, dass alle Väter
im Alten Testament zusammen
mit allen heiligen Propheten den gleichen Glauben
und das gleiche Evangelium hatten wie wir,
wie Paulus sagt; denn sie alle blieben
in festem Glauben an diesen Eid Gottes
und an Abrahams Schoß und wurden darin bewahrt.
Der einzige Unterschied ist,
dass sie an das Kommen glaubten
und den Samen versprachen;
wir glauben an den Samen, der gekommen ist
und gegeben wurde. Aber es ist alles
die eine Wahrheit der Verheißung
und daher auch ein Glaube, ein Geist, ein Christus,
ein Herr, jetzt wie damals und in Ewigkeit,
wie Paulus im Hebräerbrief sagt.
Aber die spätere Weitergabe des Gesetzes
an die Juden ist dieser Verheißung nicht ebenbürtig.
Das Gesetz wurde gegeben, damit sie
durch sein Licht ihren verfluchten Zustand
besser erkennen und den verheißenen Samen
umso inbrünstiger und herzlicher begehren;
worin sie einen Vorteil gegenüber
der ganzen heidnischen Welt hatten.
Aber sie verwandelten diesen Vorteil
in einen Nachteil; sie verpflichteten sich,
das Gesetz aus eigener Kraft zu halten,
und lernten nicht daraus ihren bedürftigen
und verfluchten Zustand. So verschlossen sie
die Tür hinter sich selbst, so dass der Same
gezwungen war, an ihnen vorbeizugehen.
Sie bleiben immer noch in diesem Zustand,
aber Gott gebe es nicht für lange. Amen.
Dies war der Grund für den Streit,
den alle Propheten mit ihnen hatten.
Denn die Propheten haben den Zweck des Gesetzes
gut verstanden, nämlich dass die Menschen
dadurch ihre verfluchte Natur erkennen
und lernen sollten, Christus anzurufen.
Daher verurteilten sie alle guten Werke
und alles im Leben der Juden, was diesem Zweck
nicht entsprach. Darum wurden die Juden
zornig auf sie und töteten sie als Männer,
die den Dienst Gottes, gute Werke
und ein gottgefälliges Leben verurteilten;
auch als die Heuchler und gnadenlosen Heiligen
es immer tun, worüber wir viel sagen könnten.
Wenn Maria sagt: Sein Same für immer,
müssen wir „ewig“ so verstehen, dass diese Gnade
Abrahams Samen (die Juden ) von dieser Zeit an
durch alle Zeiten bis zum Jüngsten Tag erhalten soll.
Obwohl die überwiegende Mehrheit von ihnen
verhärtet ist, gibt es doch immer einige,
wenn auch nur wenige, die sich zu Christus bekehren
und an Ihn glauben. Denn diese Verheißung Gottes
liegt nicht darin, dass die Verheißung Abraham
und seinen Nachkommen gegeben wurde,
nicht für ein Jahr oder für tausend Jahre,
sondern in secula, also von Generation zu Generation,
ohne Ende. Wir sollten daher die Juden
nicht so unfreundlich behandeln,
denn es sind zukünftige Christen unter ihnen,
und sie wenden sich jeden Tag ab.
Außerdem haben nur sie und nicht wir Heiden
diese Verheißung, dass es immer Christen
unter Abrahams Samen geben wird,
die den gesegneten Samen anerkennen,
wer weiß wie oder wann?
Was unsere Sache betrifft, so beruht sie
auf reiner Gnade, ohne ein Versprechen Gottes.
Wenn wir ein christliches Leben führten
und es mit Freundlichkeit zu Christus führten,
gäbe es die richtige Antwort.
Wer möchte Christ werden, wenn er sieht,
wie Christen in einem so unchristlichen Geist
mit Menschen umgehen? Nicht so,
meine lieben Christen. Sag ihnen die Wahrheit
in aller Güte; wenn sie es nicht annehmen,
lass sie gehen. Wie viele Christen gibt es,
die Christus verachten, sein Wort nicht hören
und schlimmer sind als Juden oder Heiden!
Doch wir lassen sie in Ruhe
und fallen ihnen sogar zu Füßen
und verehren sie fast wie Götter.
Das möge für den Augenblick genügen.
Wir beten zu Gott, um uns dieses Magnificat
recht verständlich zu machen, ein Verständnis,
das nicht nur in glänzenden Worten besteht,
sondern in glühendem Leben an Leib und Seele.
Möge Christus uns dies durch die Fürbitte
und um seiner lieben Mutter Maria willen
gewähren. Amen. Jesus und Maria.