VON SOPHOKLES
NACHERZÄHLT VON TORSTEN SCHWANKE
Antigone stieß die Tür zum Hof auf und zog ihre jüngere Schwester, Ismene, in die morgendliche Kühle. Ihre Stimme war eine aufgeregte, zischende Anspannung.
"Ismene, meine liebe Schwester!" begann Antigone, ihre Augen suchten Ismenes. "Weißt du etwas? Hat dir irgendetwas, irgendein Wort, irgendein Gerücht, erreicht, das wir beide, die wir noch hier sind, noch nicht erfahren haben? Wir haben schon so viel durchgemacht, seit König Ödipus – unser Vater – verbannt wurde. Es gab kaum eine Trauer, eine Schande oder ein Unglück, das wir nicht schon erlebt hätten. Aber ahnst du, was der neue Herrscher, Kreon, gerade in der ganzen Stadt verkünden ließ? Hast du es gehört, oder bist du dir gar nicht bewusst, welch schreckliches Leid unsere Liebsten nun trifft?"
Ismene sah sie verwirrt an und schüttelte den Kopf. "Nein, Antigone, kein Wort hat mich erreicht – weder ein gutes noch ein schlechtes – seit unsere beiden Brüder an einem einzigen Tag gestorben sind, getötet durch ihre eigenen Hände. Und seit das Heer von Argos letzte Nacht abgezogen ist, weiß ich nichts weiter. Ich bin weder glücklicher noch trauriger als zuvor."
"Das dachte ich mir," erwiderte Antigone scharf. "Deshalb habe ich dich ja extra hierher, aus dem Haus, gerufen, damit du es von mir erfährst."
Ismene spürte die Gefahr in der Luft. "Was ist los? Du siehst aus, als würdest du etwas Schreckliches ankündigen."
Antigones Stimme sank zu einem bitteren Flüstern. "Hat Kreon unsere Brüder nicht auf unterschiedliche Weise behandelt, sie sozusagen abwechselnd geehrt und entehrt? Man sagt, Eteokles wurde nach dem Gesetz beigesetzt, mit allen gebührenden Ehren in die Erde gesenkt. Aber was den anderen betrifft, den armen Polynikes – es wurde in der ganzen Stadt ausgerufen, dass niemand seinen Leichnam beerdigen oder betrauern darf. Man soll ihn unbeweint und ungepflückt liegen lassen, ein süßes Mahl für die Vögel, die nur auf Futter aus sind! Das, sagt man, hat der 'gute' Kreon dir und mir – denn ich bin genauso gemeint – kundgetan. Und er kommt bald selbst, um es den Unwissenden noch einmal klarzumachen. Die Sache ist bitterernst. Wer auch immer das Gesetz bricht und ihn beerdigt, wird öffentlich gesteinigt. Das ist die Lage, Ismene. Und jetzt zeigst du, ob du von edler Geburt bist oder ob du dich als Feigling entpuppen wirst!"
Ismene sank in sich zusammen. "Meine arme Schwester! Wenn die Dinge wirklich so stehen, was können wir tun? Sollen wir es hinnehmen, oder sollen wir gegen das Verbot handeln und ihn beerdigen?"
"Die Frage ist: Wirst du mitmachen? Wirst du mir helfen?" drängte Antigone.
"Das ist verrückt! Was hast du vor?"
"Ich frage dich, ob du mir helfen wirst, unseren Bruder mit den Händen zu bestatten!"
"Du willst den beerdigen, den die ganze Stadt verstoßen hat?" Ismenes Stimme war voller Unglauben.
"Ja, unseren Bruder," bekräftigte Antigone. "Ob du willst oder nicht, ich werde ihn beerdigen. Sie werden mich nicht als Verräterin erwischen, die untreu zu ihrem Blut steht."
"Du bist wahnsinnig! Besonders wenn Kreon es verboten hat!"
"Seine Gesetze gehen mich nichts an," sagte Antigone trotzig.
Ismene flehte: "Oh, bedenk doch, Schwester! Erinnerst du dich, wie unser Vater, gehasst und entehrt, durch seine eigenen Irrtümer zugrunde ging und sich dann selbst die Augen ausstach? Und unsere Mutter, die gleichzeitig seine Frau war – ein doppeltes Unglück! – wie sie ihr Leben mit einem selbstgeknüpften Strick beendete? Und dann die beiden Brüder, die sich an einem Tag gegenseitig töteten! Jetzt sind nur noch wir beide übrig, und sieh doch, wie schlimm es für uns wird, wenn wir mit Gewalt die Befehle und die Macht des Herrschers missachten! Denk auch daran: Wir sind Frauen und können nicht gegen Männer kämpfen. Wir werden von den Mächtigeren beherrscht und müssen gehorchen, selbst wenn es noch so hart ist! Ich persönlich werde die Toten dort unten um Verzeihung bitten, dass ich mich fügen muss, und ich werde die Gesetze der Herrschenden akzeptieren. Es ist einfach sinnlos, etwas Überflüssiges und Unmögliches zu tun."
Antigone sah ihre Schwester Ismene fest an. „Ich werde dich nicht zwingen, und selbst wenn du es jetzt noch tun wolltest, wäre deine Hilfe für mich keine Freude mehr. Du kannst denken und handeln, wie du willst; aber ich werde ihn begraben. Es ist schön, danach zu sterben. Ich werde liebevoll bei dem liegen, den ich geliebt habe, weil ich eine heilige Pflicht erfüllt habe. Es ist wichtiger, den Göttern der Unterwelt zu gefallen als den Menschen hier oben, denn dort werde ich für immer wohnen. Aber du, wenn es dir gefällt, halte das, was vor den Göttern ehrbar ist, für ehrlos.“
Ismene schüttelte den Kopf. „Ich halte es nicht für ehrlos. Aber ich bin einfach nicht dazu geschaffen, gegen die Gesetze der Bürger aufzubegehren.“
„Nimm das als deine Ausrede“, erwiderte Antigone scharf. „Ich aber gehe, um meinem liebsten Bruder ein Grab zu bereiten.“
„Du Arme! Oh, wie sehr fürchte ich um dich!“, rief Ismene.
„Spar dir deine Ratschläge! Kümmere dich um dein eigenes Leben!“, herrschte Antigone sie an.
Ismene flehte: „Meinetwegen. Aber lass die Tat nur niemanden erfahren! Halt dich still! Dann kann ich zumindest mit dir sein.“
Antigone loderte auf: „Nein! Schreie es hinaus! Ich werde dich nur noch mehr hassen, wenn du schweigst und es nicht allen erzählst.“
„Deine Seele leidet so sehr für die Toten“, seufzte Ismene.
„Ich weiß genau, wem ich am meisten gefallen muss“, entgegnete Antigone bestimmt.
„Du könntest es, wenn du nicht das Unmögliche versuchen würdest.“
„Sicher! Wenn ich es nicht schaffe, muss ich es eben lassen.“
„Man sollte gar nicht erst nach dem Unmöglichen streben.“
„Wenn du so etwas sagst, hasse ich dich. Und der Tote hasst dich mit Recht. Aber lass mich und meinen wahnsinnigen Plan das Schreckliche erdulden. Ich bin nicht so empfindlich, dass ich mich vor einem unwürdigen Tod fürchten müsste.“
„Wenn du es so siehst, dann geh. Aber wisse, du sprichst sinnlos, auch wenn du es aus Liebe tust.“
Der Chor der Thebanischen Ältesten. (Hier setzt der Chor ein, der die Schlacht und den Sieg Thebens beschreibt, bevor der neue Herrscher Kreon erscheint.)
O Sonne, schönster Blick, den das siebentorige Theben seit Langem sah! Endlich bist du erschienen, o Licht, o goldener Tag! Du bist über die Bäche von Dirke aufgegangen und hast den Weißschildigen aus Argos – den Mann in voller Rüstung, den Polynikes mit sich gebracht hatte – als flüchtenden Verlierer mit scharfem Zaum davongejagt.
Polynikes war nach einem zweifelhaften Streit mit seinem Bruder über unser Land hergefallen. Er schrie und flog heran wie ein Adler, seine Schwingen schneeweiß, furchterregend mit viel Waffen und Helmen, geschmückt mit Rossschweifen. Er stand drohend über den Palästen, sein Maul um die sieben Tore Thebens voller blutiger Speere. Doch er zog ab, noch bevor er sich an unserem Blut satt trinken konnte und bevor das Feuer des Hephästos die Kronen unserer Türme ergriff.
So wurde das Getümmel des Kriegsgottes Ares dem Feind zu einem Hindernis – dem Feind des Drachenvolkes von Theben. Denn Zeus hasst die Großmäuligkeit zutiefst, und als er sah, wie die Feinde stolz und prahlend mit ihren goldgeschmückten Rüstungen hochzogen, stürzte er sie mit seinem lodernden Blitz nieder. Der Mann, der schon auf den steilen Zinnen stand und begann, den Sieg auszurufen, fiel hart auf den Boden, taumelnd.
Er, der in rasender Menge, wie ein Trunkenbold, mit unglückseligem Wurfwind schnaubte, fand ein anderes Ende als erwartet. Der Kampfgeist teilt jedem ein anderes Los zu, wenn er hart zuschlägt.
Sieben Fürsten, vor sieben Toren aufgestellt, fanden gleiche Schicksale, und sie ließen ihre ehernen Waffen dem triumphierenden Zeus zurück. Ausgenommen davon waren die beiden Abscheulichen, die, von demselben Vater und derselben Mutter geboren, ihre Speere gegeneinander richteten und beide das gleiche Todeslos empfingen.
Nun ist der ruhmreiche Sieg gekommen, günstig für Theben mit seinen vielen Streitwagen. Lasst uns nach diesem Krieg das Vergessen feiern! Geht zu allen Göttertempeln, die ganze Nacht mit Chören tanzend! Lasst den Bacchus-Reigen Theben erbeben!
Aber seht, Kreon, der Sohn des Menökeus, der neue König unserer Gegend, kommt. Nach den neuen Entscheidungen der Götter will er wohl einen Plan verkünden. Er hat die Versammlung der Ältesten einberufen und eine öffentliche Botschaft gesandt.
Kreon begann seine Ansprache, die an eine Versammlung von Männern gerichtet war. „Meine Herren“, hob er an, „unsere Stadt, die Theben, hat schwere Zeiten hinter sich, geschüttelt von einem gewaltigen Sturm, aber die Götter haben sie wieder aufgerichtet und gestärkt. Ich habe euch, die angesehensten Bürger, aus zwei wesentlichen Gründen hierhergerufen. Erstens weiß ich, dass ihr dem Thron von Laios immer treu ergeben wart. Und zweitens habt ihr sowohl Ödipus loyal unterstützt, als er Theben gründete, als auch dessen Kinder, nachdem er gestürzt war.
Nun sind diese beiden Unglücklichen, Eteokles und Polyneikes, in einem einzigen, schrecklichen Tag ums Leben gekommen – sie haben sich gegenseitig im Kampf getötet. Da nun durch dieses doppelte Unglück niemand aus der direkten Linie mehr übrig ist, fällt die Herrschaft und die damit verbundene Macht nun an mich, als nächsten Verwandten.
Ich muss jedoch klarstellen: Nur mit Männern, die bereit sind, Recht und Gesetz zu respektieren, kann ein Herrscher im Einklang regieren. Mit anderen ist das kaum möglich. Ich persönlich halte es für erbärmlich, wenn jemand, der eine angesehene Position bekleidet, nicht den Mut hat, seine Meinung offen zu sagen, sondern aus Angst schweigt. Genauso wenig bedeutet mir ein Mann, der seine persönlichen Vorlieben höher stellt als das Wohl seines Vaterlandes.
Zeus, der allsehend ist, ist mein Zeuge: Ich werde niemals schweigen, wenn ich sehe, dass die Bürger in die Irre laufen und dem Wohl der Stadt schaden. Ich werde auch niemals einen Feind der Stadt zu meinem Freund machen, egal wie sehr er mich bedrängt. Denn ich weiß: Nur in der Geschlossenheit liegt unsere Stärke, und wenn wir diesen Kurs halten, werden wir wahre Freunde gewinnen. Nach diesen Prinzipien werde ich die Stadt führen.
Gerade jetzt habe ich den Bürgern Folgendes verkündet, das die Söhne des Ödipus betrifft: Eteokles, der heldenhaft für die Stadt gekämpft und sein Leben geopfert hat, soll mit allen Ehren begraben und geheiligt werden, wie es den edelsten Toten gebührt.
Hingegen, sein Bruder Polyneikes – der aus dem Exil zurückkehrte, um sein Vaterland und dessen Götter mit Feuer und Schwert zu vernichten, sich an verwandtem Blut zu laben und uns in die Sklaverei zu führen – über diesen ergeht mein Befehl, der öffentlich in der Stadt ausgerufen wurde: Niemand darf ihn begraben! Niemand darf um ihn trauern! Sein Leichnam soll unbestattet bleiben, den Vögeln und Hunden als Mahlzeit dienen.
Das ist mein fester Entschluss. Bei mir werden Schlechte niemals mehr geehrt als Gute. Wer es gut mit der Stadt meint, sei er tot oder lebendig, dem werde ich immer denselben Respekt zollen.“
Der Chor trat vor und sprach: „Kreon, Sohn des Menökeus, dies ist deine Meinung über den Feind und den Freund der Stadt. Du verfügst nun über das Gesetz, und das gilt uneingeschränkt, für die Lebenden und die Toten.“
Kreon antwortete bestimmt: „Ihr seid nun dafür verantwortlich, dass diese Anordnung befolgt wird!“
Der Chor entgegnete: „Setz doch junge, kräftige Männer für eine solche Wache ein.“
Kreon verneinte: „Nein, das ist nicht nötig. Die Wache für den Leichnam ist bereits aufgestellt.“
Der Chor: „Aber du nimmst auch uns in die Pflicht, die Bürger!“
Kreon: „Ja, denn es gibt einige, denen dieses Verbot missfallen wird.“
Der Chor seufzte: „Es wird keinen Narren geben, der sich freiwillig in den Tod stürzt.“
Kreon warnte: „Das wäre der Lohn für Ungehorsam. Aber oft hat die Aussicht auf Gewinn einen Menschen ins Verderben gestürzt.“
Ein unerwarteter Besuch
In diesem Moment betrat ein Bote die Szene. Er wirkte niedergeschlagen und zögerlich.
Der Bote: „Mein König, ich werde dir nicht erzählen, wie schnell und leichtfüßig ich hergelaufen bin. Im Gegenteil, oft hielt mich die Sorge an und ließ mich umkehren. Ich führte Selbstgespräche, die mich zermürbten: 'Wohin läufst du, du Ärmster? Was, wenn du Kreon Rechenschaft ablegen musst? Bleibst du zurück, du Elender? Dann wird Kreon es von jemand anderem hören!' Solche Gedanken machten mich unschlüssig und langsam; selbst der kürzeste Weg wurde lang. Letztendlich siegte jedoch die Vernunft: Ich musste herkommen. Auch wenn das, was ich zu sagen habe, vielleicht wertlos ist, ich werde es aussprechen. Ich hoffe nur, dass ich die Folgen meiner Tat – was auch immer geschehen ist – tragen kann.“
Kreon, ungeduldig: „Was ist los? Warum kommst du so mutlos hierher?“
Der Bote: „Ich werde dir alles sagen, was mich betrifft. Ich habe es nicht getan, und ich weiß auch nicht, wer es getan hat. Und ich darf nicht zu Unrecht bestraft werden!“
Kreon starrte den Boten an. „Du siehst dich wohl für einen Weisen. Du umhüllst die Tat und deutest geheimnisvoll auf etwas Neues.“
Der Bote zuckte die Schultern. „Große Taten erfordern nun mal große Anstrengung.“
„Dann sprich es jetzt aus und verschwinde wieder!“, herrschte Kreon.
„Ich sage es dir“, begann der Bote. „Jemand hat den Toten tatsächlich begraben. Einer, der entkommen war, hat die Leiche zweimal mit Staub bedeckt und, wie es sich gehört, die Totenriten vollzogen.“
Kreon war fassungslos. „Was sagst du? Wer hat sich das angemaßt?“
„Es war unbegreiflich“, fuhr der Bote fort. „Nirgendwo war ein Hieb eines Beils oder ein Stoß einer Schaufel zu sehen. Der Boden war fest, nicht umgegraben, keine Radspuren. Es gab kein Zeichen des Täters. Als der Tag anbrach und wir es sahen, traf es uns alle wie ein böses Wunder. Es gab kein aufwendiges Grabmal, nur eine dünne Schicht feinen Staubs – so, als hätte man das Bestattungsverbot nur halbherzig befolgt. Auch keine Spuren von Wild oder Hunden, die gekommen wären, um die Leiche zu zerreißen.“
Die Wachen begannen sofort zu streiten. „Es flogen schlimme Worte hin und her. Jeder Wächter beschuldigte den anderen, und es wäre beinahe zu Handgreiflichkeiten gekommen. Keiner konnte den Verdacht von sich weisen, denn jeder wirkte, als hätte er es getan, aber keiner war der Täter. Jeder hatte eine Ausrede parat.“
„Schließlich waren wir bereit, glühendes Eisen in die Hand zu nehmen und durchs Feuer zu gehen und bei den Göttern zu schwören, dass wir nichts damit zu tun hatten und nichts über denjenigen wussten, der diese Tat geplant oder ausgeführt hatte. Als wir nicht weiterkamen, schlug einer vor, was alle anderen aus Furcht sofort verstummen ließ: Wir müssten die Tat anzeigen und es dir, dem König, nicht verheimlichen. Das war der Beschluss. Das Los fiel auf mich, den Ängstlichsten, um dir diese unwillkommene Wahrheit zu überbringen. Ich weiß, ich bin bei allen unbeliebt, denn niemand mag den Überbringer schlechter Nachrichten.“
Der Chor trat mahnend vor. „Mein König“, sagte der Chorführer. „Mein Gewissen sagt mir schon lange, dieses Werk könnte von den Göttern gelenkt worden sein.“
Kreon war außer sich. „Hör auf damit! Sprich mir ja nicht zu und verleite mich zum Zorn, damit du nicht als Narr und als alter Schwächling dastehst! Es ist eine Ungeheuerlichkeit, zu behaupten, die Götter im Jenseits würden sich um diesen Toten kümmern. Warum sollten sie denjenigen ehren und beschützen, der ihre Tempelsäulen, ihre Opferstätten, ihr Land und ihre Gesetze mit Füßen getreten hat? Hast du je gesehen, dass die Himmlischen einen Bösewicht ehren?“
„Mitnichten! Aber es gibt Leute in der Stadt, die mir deswegen feindlich gesinnt sind, insgeheim murren und die Köpfe schütteln. Und diese Leute beugen ihren Nacken nicht, um sich meiner Herrschaft zu unterwerfen. Ich weiß genau: Diese Leute wurden bestochen, um das hier anzuzetteln.“
Kreon hob warnend den Finger. „Von allen Dingen, die einen Prägestempel tragen, gibt es nichts Schlimmeres als Silber! Es verführt ganze Städte, lockt Männer aus ihren Häusern. Es kann aufrichtige Gemüter verbilden und verwandeln, bis sie schändliche Taten begehen. Es lehrt die Menschen, Gottlosigkeit in jedem Geschäft zu sehen. Alle, die das für Geld getan haben, werden zur Rechenschaft gezogen!“
Kreons Blick verfinsterte sich. „So wahr ich der Herrscher dieses Landes bin: Ich schwöre dir, du musst mir den Täter liefern! Schafft ihn mir lebendig vor Augen, der die Toten ehrt, oder ihr werdet selbst ans Kreuz gehängt, um mir diese frevelhafte Tat zu verraten! Dann werdet ihr sehen, woher man seinen Gewinn nimmt. Dann sollt ihr eure Beute einander vermachen und erkennen, dass nicht alles zum Kauf steht. Denn das weißt du: Mehr Menschen sind durch schändlichen Gewinn betrogen worden, als dass er ihnen genutzt hätte.“
Der Bote fragte vorsichtig: „Gibst du mir einen Auftrag, oder soll ich so zurückkehren?“
Kreon knurrte: „Ist dir bewusst, dass jedes deiner Worte eine Qual für mich ist?“
„Sticht es dich nur im Ohr, oder sticht es dich im Inneren?“, erwiderte der Bote.
„Was kümmert es dich, wo mein Kummer sitzt?“, herrschte Kreon ihn an.
Der Bote zuckte die Achseln. "Der Täter plagt mich, König, aber das Gerücht plagt meine Ohren."
Kreon, sichtlich aufgebracht, fuhr ihn an: "Bei den Göttern! Was für schreckliche Worte spuckst du da aus?"
"Es ist nun mal so", entgegnete der Bote. "Ich stecke nicht mit drin, also kann ich nur das wiedergeben, was ich gehört habe."
"Du bist der Täter!", wetterte Kreon. "Du hast deine Seele für Geld verkauft!"
Der Bote rang mit sich. "Oh weh! Ein Gewissen ohne die reine Wahrheit ist eine furchtbare Bürde!"
Kreon ignorierte ihn. "Also, erklär mir diese Tat! Aber eines sage ich dir: Wenn du oder ihr anderen mir nicht den Schuldigen nennt, dann werdet ihr feststellen, dass ein großer Gewinn auch großen Schaden anrichten kann!" Damit stürmte Kreon davon.
Der Bote sah ihm nach. "Nun, man wird der Sache wohl nachspüren können. Ob man den Täter allerdings auch findet? Solche Dinge geschehen einfach, wie sie eben geschehen. Aber eins ist klar: Sie werden mich so schnell nicht wieder hier sehen. Ich danke den Göttern, dass ich unversehrt und unerwartet davongekommen bin!" Auch er entfernte sich eilig.
Der Chor der alten Männer trat vor und begann, düster zu sprechen.
"Vieles ist gewaltig, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch," sangen sie.
Sie besangen die Macht des Menschen: Er überquert die stürmische See im Winter; er beackert die unermüdliche, erhabene Erde; er fängt Vögel, wilde Tiere und sogar die Kreaturen des Meeres in seinen Netzen. Er hat die Fähigkeit, Pferde und die wilden, Bergbewohnenden Stiere zu zähmen.
Der Mensch hat die Gabe der Rede, des klugen Gedankens und der städtebeherrschenden Organisation gelernt. Er weiß, wie man feuchte Winterluft meidet und die Pfeile des Unglücks abwehrt. Er ist vielseitig, er kommt überall hin – nur vor einem kann er nicht fliehen: dem Tod. Auch ist er nicht immer in der Lage, sich gegen die unentrinnbaren Seuchen zu schützen.
Ausgestattet mit Verstand und einem Geschick in der Kunst, das seine kühnsten Hoffnungen übertrifft, schlägt der Mensch manchmal den Weg zum Schlechten, manchmal den zum Guten ein. Er missachtet die Gesetze, die er auf Erden und das feierliche, geschworene Gewissen der Naturgewalten. Wenn er im Einklang mit dem Schönen lebt, ist er der Bürger der Stadt. Aber wenn er rücksichtslos und frech handelt, ist er ausgestoßen – mit einem solchen Mann will der Chor weder am Herd sitzen noch gemeinsame Sache machen.
Plötzlich erstarrten sie.
"Doch was für eine Prüfung, die mir die Götter schicken! Ich sehe sie und soll leugnen, dass sie es ist – Antigone!"
"Oh, du Unglückliche, Tochter deines unglückseligen Vaters Ödipus! Welches Verhängnis, welcher Ungehorsam gegen das königliche Gebot und welche Torheit hat dich ergriffen und hierher geführt?"
Der Bote rief aus: "Da ist sie! Sie ist die Täterin! Wir haben sie auf frischer Tat ertappt, als sie das Grab herstellte. Wo ist Kreon?"
Gerade in diesem Moment kehrte der Bote vom Haus des Königs zurück. Kreon, der König, trat ihm entgegen und forderte Aufklärung: „Was ist los? Welche Neuigkeiten bringst du?“
Der Bote war sichtlich erleichtert und erklärte mit beinahe philosophischer Gelassenheit: „Mein König, man sollte sich nie zu sicher sein, was man glaubt. Die Erfahrung lehrt uns eines Besseren. Um ehrlich zu sein: Angesichts Ihrer Drohungen, die mich beim letzten Mal beinahe um den Verstand brachten, hätte ich nie gedacht, dass ich so schnell und so freiwillig hierher zurückkehren würde. Aber nichts ist so angenehm wie eine unerwartete, überwältigende Freude. Obwohl ich geschworen hatte, es nicht zu tun, bin ich hier und bringe die junge Frau mit – wir haben sie dabei ertappt, wie sie das Grab herrichtete. Dieses Mal gab es kein Losverfahren; der Fund gelang allein mir. Nehmen Sie sie, König, und verurteilen und bestrafen Sie sie, wie Sie es für richtig halten! Ich bin zu Recht von diesem Unglück befreit.“
Kreon war ungläubig: „Wie ist es euch gelungen, sie zu fassen? Wo habt ihr sie gefunden?“
Der Bote antwortete kurz und bündig: „Sie hat den Mann begraben. Jetzt wissen Sie alles.“
„Meinst du das ernst? Wiederholst du wirklich, was du gerade gesagt hast?“, fragte Kreon.
„Ich sage es, weil ich sie mit eigenen Augen gesehen habe, wie sie den Toten begrub, obwohl Sie es verboten hatten. Ist das klar genug?“, bekräftigte der Bote.
„Und wie genau wurde sie gesehen und ihre Schuld bewiesen?“
Der Bote erzählte nun detailliert: „Nachdem wir auf Ihren Befehl und unter dem Eindruck Ihrer furchtbaren Drohungen von hier weggegangen waren, entfernten wir sorgfältig den gesamten Staub, der den Toten bedeckte, und legten den Leichnam wieder vollständig bloß. Dann setzten wir uns auf einen erhöhten, luftigen Hügel, aus Angst, er könnte Geruch entwickeln. Jeder von uns spornte den anderen an und drohte damit, dass niemand seine Wache vernachlässigen dürfe. Wir verharrten so lange, bis die Sonne am Himmel ihren tiefsten Punkt erreichte und die Mittagshitze am stärksten war. Plötzlich erhob sich vom Boden ein warmer Windwirbel – ein Sturm, der den Himmel verdunkelt, die Ebene mit Staub füllt und die Blätter von den Bäumen riss. Der ganze Himmel war davon erfüllt. Wir schlossen die Augen und litten die Qualen, die nur göttliche Mächte verursachen können.
Als der Sturm vorüber war, sahen wir sie: das Mädchen. Sie stieß einen scharfen Schrei aus, wie ein Vogel, der in sein leeres Nest zurückkehrt und feststellt, dass seine Jungen verschwunden sind. So jammerte auch sie laut auf, als sie den entblößten Leichnam sah, und schrie Flüche gegen jeden aus, der diese Tat vollbracht hatte. Sie nahm sofort mit beiden Händen Staub und bestreute den Toten, und aus einem gut geschlagenen Bronzegefäß goss sie ihm dreimal die vorgeschriebenen Trankopfer. Wir, die alles beobachtet hatten, stürmten auf sie zu und packten sie. Sie zeigte sich weder erschrocken noch versuchte sie zu leugnen, was sie jetzt und auch schon vorher getan hatte.
Sie war dabei zugleich liebenswürdig und tief betrübt. Denn es ist eine große Erleichterung, selbst aus der Not befreit zu sein. Aber andere in Unglück zu stürzen, macht traurig. Trotzdem: Die eigene Rettung geht vor.“
Kreon wandte sich direkt an Antigone, die den Kopf gesenkt hielt. „Du, die du dein Haupt neigst, sagst du oder leugnest du, dass du die Tat begangen hast?“
Antigone hob den Blick und antwortete entschlossen: „Ich sage, ich habe es getan, und ich leugne es nicht.“
Kreon wandte sich kurz an den Boten: „Du kannst jetzt gehen, wohin du willst, du bist von der schweren Schuld befreit.“ Dann wandte er sich wieder Antigone zu: „Antworte mir kurz und bündig: War dir bekannt, dass öffentlich verkündet wurde, so etwas zu unterlassen?“
„Ich wusste es, natürlich. Die Anordnung war deutlich“, erwiderte Antigone.
„Und du wagtest es dennoch, dieses Gesetz zu übertreten?“
Antigone erklärte ihre Motivation: „Der Göttervater Zeus hat mir dieses Gesetz nicht erlassen, noch hat die Gerechtigkeit der Unterwelt, die die Gesetze unter den Menschen festlegt, mir dies geboten. Auch hielt ich deine menschliche Anordnung nicht für so mächtig, dass sie es mir erlauben würde, die ungeschriebenen, unumstößlichen Gesetze des Himmels zu brechen. Diese Gesetze leben nicht nur heute und gestern, sondern für immer, und niemand weiß, woher sie stammen. Aus Angst vor der Meinung eines Mannes wollte ich nicht riskieren, von den Göttern bestraft zu werden. Ich wusste, dass ich sterben muss, früher oder später, das ist klar, selbst ohne dein Dekret. Wenn ich aber vor meiner Zeit sterbe, sehe ich das als Gewinn. Wer wie ich in so viel Leid lebt, findet im Tod Trost und einen kleinen Vorteil, nicht wahr?
Deshalb ist das Schicksal, das mich jetzt trifft, keine Quelle der Trauer für mich. Wenn ich aber den Sohn meiner Mutter – meinen toten Bruder – unbegraben gelassen hätte, das wäre für mich ein Grund zu tiefer Betrübnis gewesen. Das, was ich jetzt erlebe, ist es nicht. Wenn du mich nun wegen meiner Tat für eine Närrin hältst, dann ist es vielleicht ein Narr, dem ich hier eine kleine Dummheit schuldig bin.“
Der Chor murmelte kopfschüttelnd: „Man sieht die Härte des Vaters im Kind. Aber sie kann das Unheil nicht allein tragen.“
Kreon sah Antigone scharf an. „Du solltest wissen, dass allzu störrische Reden am Ende zu Fall kommen. Selbst das stärkste Eisen bricht und verliert seine Form, wenn es im Ofen geglüht wird. Das siehst du jeden Tag. Und ich weiß, dass man selbst die wildesten, ungebändigsten Pferde kaum mit einem Zaum bändigen kann. Ein Untergebener hat nicht das Recht, sich über seine Verhältnisse zu stellen und große Reden zu schwingen.“
Er ballte die Faust. „Und doch findet diese Frau eine perverse Freude daran, meine klaren Gesetze zu untergraben. Das ist die erste Frechheit. Aber die zweite ist noch schlimmer: Sie prahlt mit ihrer Tat und lacht mir ins Gesicht! Nein! Entweder bin ich jetzt kein Mann mehr, oder sie ist eine, wenn sie ungestraft davonkommt. Und selbst wenn sie die Tochter meiner Schwester wäre, meine nächste Verwandte, die mir heiligste Blutsverwandte in meinem Haus – selbst dann wird sie dem schlimmen Tod nicht entkommen! Das gilt auch für ihre Schwester, Ismene. Ich klage auch sie an, sie hat sich meiner Meinung nach an der Planung dieser Beerdigung beteiligt. Ruft sie heraus! Ich habe sie gerade drinnen toben sehen, außer sich vor Verzweiflung. Ein heimliches Verbrechen verrät sich oft dadurch, dass der Täter gleich danach die Kontrolle verliert, wenn die Tat ans Licht kommt. Ich hasse es zutiefst, wenn jemand bei einer schlimmen Sache ertappt wird und dann versucht, es als Heldentat zu verkaufen!“
Antigone blickte ihn ruhig an. „Willst du, da du mich in deiner Gewalt hast, mehr als mich töten?“
Kreon erwiderte hart: „Nichts weiter. Wenn ich das habe, habe ich alles, was ich brauche.“
Antigone zuckte die Schultern. „Wozu dann diese Worte? Nichts, was du sagst, gefällt mir, und es wird mir niemals gefallen. Und darum sind meine Worte auch dir zuwider. Aber woher könnte ich mir einen edleren Ruhm erwerben, als meinen eigenen Bruder ins Grab zu legen? Denn all diesen Leuten hier gefällt es, das würden sie zugeben, wenn ihnen nur nicht die Angst die Zunge fesseln würde. Aber das Königtum herrscht überall, ist schlau und tut und sagt, was es will.“
Kreon höhnte: „Glaubst du, du allein siehst das so von allen Bürgern Thebens?“
Antigone antwortete kalt: „Auch sie sehen es, aber sie schweigen aus Furcht vor dir.“
Kreon fragte: „Schämst du dich nicht, dich zum Sprecher für diese Ungefragten zu machen?“
Antigone konterte: „Man ehrt doch wohl die Menschen, die zur eigenen Familie gehören.“
Kreon betonte: „Und zur gleichen Familie gehört auch der, der für sein Land gestorben ist!“
Antigone stellte klar: „Es ist das gleiche Blut. Wir sind Kinder des gleichen Geschlechts.“
Kreon empört: „Und du erweist einem gottlosen Verräter die Ehre?“
Antigone sagte: „Der Entschlafene sieht das gewiss anders.“
Kreon entgegnete: „Natürlich, wenn du das Gute mit dem Schlechten gleichsetzt.“
Antigone beharrte: „Er ist nicht mein Knecht, er ist mein Bruder.“
Kreon korrigierte: „Der eine hat das Land zerstört; der andere ist dafür gestorben.“
Antigone seufzte: „Trotzdem hat die Totenwelt solche Gesetze lieb.“
Kreon sagte: „Man darf die Guten und die Schlechten nicht gleich behandeln!“
Antigone entgegnete nachdenklich: „Wer weiß, vielleicht gelten dort unten ganz andere Bräuche.“
Kreon tobte: „Ein Feind bleibt ein Feind, auch wenn er tot ist!“
Antigone gestand: „Ich bin nicht zum Hassen da, sondern zum Lieben.“
Kreon verurteilte sie: „Dann geh hinunter, wenn du lieben willst, und liebe im Totenreich! Solange ich lebe, wird mir keine Frau befehlen!“
Zweite Szene
In diesem Moment betrat Ismene das Tor. Ihr Gang war verzagt, und sie vergoss Tränen, wie es sich für eine Schwester geziemte. Ein Schleier aus Verzweiflung und Entsetzen lag über ihren Augen, und sie wischte sich hastig das Blut von den Schläfen und Wangen.
Kreon starrte Antigone an, die vor ihm stand, unerschrocken und gefasst. Seine Stimme klang vorwurfsvoll und scharf.
„Ja, du! Du sitzt hier drinnen, saugst mich aus wie eine Schlange in ihrem Versteck! Mir wurde doch schon zugetragen, dass ich in meinem eigenen Haus zwei eingebildete Feinde des Throns hege! Jetzt sprich: Warst du an der Beisetzung beteiligt, oder schwörst du Unschuld?“
Ismene, die zweite Schwester, trat hervor, ihre Stimme zitterte kaum.
„Ich habe die Tat vollbracht, wenn sie es zulässt. Ich beteilige mich, und ich übernehme die Schuld.“
Antigone wandte sich ihr energisch zu. „Das wird dir das Gesetz nicht erlauben! Du wolltest nicht, und ich habe dich nicht darum gebeten!“
„Ich schäme mich nicht für dein Unglück“, erwiderte Ismene, „und mache mich zu deiner Gefährtin in diesem Leid.“
„Spar dir das“, konterte Antigone kalt. „Ich mag keine Liebkosungen mit Worten von jenen, die sich im Leben nicht an die allgemein gültigen Regeln halten und nur reden. Das ist mir unten, bei den Toten, egal.“
Ismene flehte sie an. „Schwester, bring mich nicht in Verruf, als könnte ich nicht mit dir sterben und so die Schmach deines Grabes begleichen!“
„Stirb nicht meinen Tod mit“, sagte Antigone bestimmt. „Mach nicht zu deinem, was dich nichts angeht. Mein Tod wird genügen.“
„Was habe ich denn noch an Liebenswertem im Leben, wenn du fort bist?“
„Liebe Kreon“, spottete Antigone. „Ihm zeigst du ja den Weg.“
Ismene seufzte verzweifelt. „Warum quälst du mich so sinnlos?“
„Ich verspotte dich, das ist meine Stärke“, gab Antigone zurück.
„Aber wie kann ich dir jetzt noch nützlich sein?“
„Sei du dir selbst nützlich. Ich gönne dir dein Leben, ganz im Gegenteil zu mir, die ich sterben muss.“
„Ich Arme! Weh! Ist es meine Schuld, dass du stirbst?“
„Du hast dein Teil des Lebens, ich habe den Tod“, fasste Antigone zusammen.
„Aber was ich dir damals gesagt habe, das war doch richtig!“
„Es war schön“, räumte Antigone ein, „aber ich wollte anders gesinnt sein.“
„Aber der Fehler liegt doch jetzt für uns beide gleich.“
„Sei guten Mutes! Du lebst“, sagte Antigone mit einer Spur von Mitleid. „Meine Seele ist schon lange tot, weil ich Toten diene.“
Kreon schüttelte den Kopf. „Ich sage euch: Diese beiden Frauen hier sind die eine sinnlos, die andere auf die Heimat bezogen, aber beide verrückt.“
Ismene blickte Kreon an. „Kein Herz, mein König, auch nicht das, das zur Heimat gehört, bleibt bei solchem Unglück in sich; es gerät außer sich.“
„Du gerätst außer dir“, herrschte Kreon sie an, „weil du dich mit einer Verbrecherin eingelassen hast.“
„Ohne sie habe ich nichts mehr im Leben“, erwiderte Ismene leise.
„Von dieser ist nicht die Rede. Sie ist schon tot in meinem Kopf.“
Ismene wagte einen letzten Einspruch. „Du tötest aber die Braut deines Sohnes!“
„Es gibt auch andere Frauen, die meinem Sohn gefallen können.“
„Keine schickte sich so gut, wie er und sie.“
„Ich warne meine Söhne vor bösen Frauen“, polterte Kreon.
Antigone sah zu Ismene. „Oh liebster Haimon! Wie sehr entehrt er dich!“
„Du bist auch lästig, du und deine Heirat“, Kreon ignorierte Antigone.
Ismene sagte leise: „Du nimmst sie ihm, die ein Teil seines Lebens ist.“
„Die Hölle soll eine solche Verbindung scheiden“, sagte Kreon.
„Es scheint beschlossen, dass sie sterben soll.“
„Für dich und mich ist das beschlossen! Keine Umschweife mehr! Bringt sie hinein, ihr Wachen! Von nun an ist es nötig, dass diese Frauen nicht mehr freigelassen werden. Denn selbst die Starken neigen zur Flucht, wenn sich ihnen das Reich der Unterwelt am Rande des Lebens auftut.“
Antigone und Ismene wurden von den Wachen weggeführt.
Man sagte, glücklich sei die Zeit, in der man das Unglück noch nicht spürt. Doch sobald das Schicksal eines großen, göttlich geführten Hauses einmal ins Wanken gerät, ist der Wahnsinn vorprogrammiert und er wird sich nur noch verstärken. Es ist wie auf der Pontischen See, wenn im Schutz der Nacht und bei bösen thrakischen Winden eine Fischerhütte vom Salzwasser überschwemmt wird. Das dunkle, zerzauste Ufer wird vom Meer grundlegend umgewälzt, und das Stöhnen der Wellen lässt die geschlagenen Küsten widerhallen.
Das einst strahlende Haus des Labdakos, nun im Niedergang begriffen, sah einen Ruin nach dem anderen über sich hereinbrechen. Es war nicht so, dass eine Generation die nächste einfach ablöste – nein, ein Gott selbst schlug sie nieder, und es gab keine Erlösung. Nun traf das Licht des Gerichts die letzte Wurzel, das Haus des Ödipus. Der tödliche, zehrende Staub der Todesgötter fraß es von innen auf, verstärkt durch unbedachte Worte und tobende Leidenschaften.
Oh, du allmächtige Erde! Wer kann deine Macht mit menschlichem Hochmut auch nur annähernd begreifen? Weder der Schlaf, der alles in Vergessenheit versinken lässt, noch die Stürme der ewigen Zeit können dir etwas anhaben. Du, der Reiche, bewahrst den marmornen Glanz des Olymps und kümmerst dich um alles, was war, ist und sein wird. Dennoch – für Sterbliche ist solch ein strenges Gesetz des Denkens oft selbst ein Quell des Wahnsinns im Leben.
Die Hoffnung ist eine rastlose Wanderin, die vielen hilft, aber ebenso viele leichtgläubige Gemüter täuscht. Sie bleibt so lange, bis der Ahnungsloseste merkt, wie ihm die Sohlen vom heißen Feuer brennen. Ein weiser Mann hat einmal ein treffendes Wort gesprochen: Das Übel erscheint oft als das Beste, sobald ein Gott den menschlichen Verstand in die Irre leitet. Doch dieser Wahnsinn wütet selten lange ungestraft.
Und dann kam Hämon. Es war der jüngste Sohn des Kreon, und seine Sorge war unübersehbar. Antigone, die junge, ihm versprochene Braut, sollte sterben. Ihre Liebe, die noch nicht zur Ehe gereift war, schien schon vom tückischen Schicksal heimgesucht.
Kreon sprach seinen Sohn direkt an: „Sohn, vielleicht sind wir, die Sterblichen, kurz davor, eine endgültige Entscheidung zu treffen, die weiser ist als die der Seher. Hast du dein Ohr wegen dieser jungen Frau verschlossen? Bist du in Wut zu deinem Vater gekommen? Oder stehst du mir bei allem, was ich tue, treu zur Seite?“
Hämon erwiderte mit Respekt: „Vater, ich bin dein. Dein milder Verstand gibt mir die richtigen Anweisungen. Ich folge dir gerne. Keine Hochzeit ist mir so wichtig, dass sie mir lieber wäre als dein erfolgreiches Regiment.“
„Gut, mein Sohn“, sagte Kreon. „So muss es sein: Dein Herz muss dem väterlichen Willen folgen. Ein Mann wünscht sich zuallererst ehrbare und loyale Kinder, die Feinde abwehren und Freunde – und den Vater – ehren. Wer allerdings unnütze Kinder zeugt, erzeugt nur Kummer für sich selbst und Spott bei seinen Feinden. Wirf darum jetzt, mein Sohn, wegen einer Frau nicht leichtfertig deinen Verstand weg. Bedenke, eine boshafte Frau, die im Haus wohnt, ist eine kalte Umarmung. Was auf Erden verursacht schlimmere Wunden als eine schlechte Freundin? Halte sie für genauso schlimm wie gottlose Menschen! Lass das Mädchen doch beim Gott der Unterwelt heiraten! Ich habe sie eindeutig beim Ungehorsam ertappt – sie allein war in der ganzen Stadt untreu. Ich darf jetzt nicht als Lügner vor der Stadt dastehen; ich muss sie töten. Sie mag dann von ihrem Bruder singen, so viel sie will. Wenn ich die eigene Familie verderben lasse, wie soll ich dann mit Fremden umgehen? Denn nur wer innerhalb der eigenen Familie gerecht ist, wird auch in der Stadt als rechtlich angesehen. Wer hingegen die Gesetze übertritt, wer Gewaltherrschaft ausüben will oder seine Vorgesetzten kritisiert, der kann von mir kein Lob erwarten.“
Kreon fuhr fort, seine Autorität zu verteidigen: „Wem eine Stadt die Herrschaft übertragen hat, dem muss man in kleinen wie in großen, vernünftigen wie in unsinnigen Dingen gehorchen. Ich bin überzeugt, ein solcher Mann wird gut regieren wollen und wird, wenn es zum Kampf kommt, ein gerechter und tapferer Verbündeter sein. Denn die Anarchie ist das größte Übel. Sie ruiniert Städte, zerreißt Familien und lässt Kampflinien einbrechen. Wo aber Ordnung herrscht, da hält die Autorität die Gemeinschaft zusammen. Sorge also dafür, dass diese Ordnung deine Welt bildet, und weiche niemals einer Frau, in keiner Sache. Denn es ist besser, falls wir fallen müssen, durch die Hand eines Mannes zu fallen, als jemals zuzulassen, dass man uns nachsagt, wir seien schwächer als Frauen!“
Der Chor murmelte zustimmend: „Wenn uns die Finsternis der Zeit nicht blind macht, erscheint das, was du sagst, sehr vernünftig.“
Hämon begann mit tiefer Überzeugung: „Vater, wahre Einsicht, die beste aller Tugenden, kommt uns wie eine himmlische Eingebung von Gott. Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich selbst diese Einsicht besitze, noch weiß ich, ob du in allem, was du angeordnet hast, im Recht bist. Doch von nun an mögen andere dir die Schmeicheleien überbringen. Mein Leben war darauf ausgerichtet, dir beizustehen und alles zu beobachten – was man sagt, was man tut, was man kritisiert. Deine Augen sehen nur das Volk, und deine Ohren sind taub gegenüber jenen Worten, die dir nicht gefallen, weil du zu furchtbar bist, um sie zu hören. Ich aber habe das Vertrauen der Leute gewonnen und höre, wie tief die Trauer in der Stadt um die junge Frau ist.
Das heimliche Gerücht: „Soll diese unschuldigste aller Frauen so jämmerlich sterben für eine Tat, die höchst ruhmvoll war? Sie hat ihren gefallenen Bruder vor den geierhaften Vögeln und den gefräßigen Hunden gerettet und ihm ein Grab gewährt. Soll sie für so etwas nicht des goldenen Ruhms wert sein?“
Dieses dunkle Gerede verbreitet sich im Geheimen. Doch, Vater, wenn es dir gut geht, ist kein Besitz und keine Ehre wichtiger für mich. Für Kinder gibt es keinen gottähnlicheren, besseren Ruf, als wenn der Vater blüht und die Kinder ihm ehrfurchtsvoll begegnen.
Lass nicht zu, dass du jetzt eine einzige, starre Meinung hegst und glaubst, nur du allein seist im Recht. Denn jeder, der sich einbildet, er allein besitze Verstand, Sprache und Urteilskraft, würde sich als leer erweisen, wenn man sein Innerstes enthüllen könnte. Es ist keine Schande für einen weisen Mann, viel zu lernen und in nichts zu übertreiben.
Schau dir die Bäume an, die dem reißenden Bachlauf nachgeben – sie behalten ihre Zweige. Diejenigen aber, die sich widersetzen, werden entwurzelt. Genauso wird ein stolzes Schiff, das sich weigert, auch nur ein wenig abzuweichen, schließlich kieloben sinken. Gib nach, wo der Geist der Vernunft es verlangt, und erlaube eine Änderung. Selbst wenn meine Worte jugendlich erscheinen, so steckt in ihnen doch die Weisheit eines reifen Mannes, der vollkommenes Wissen besitzt. Und selbst wenn dem nicht so ist – was selten vorkommt – ist es gut, auch von guten Worten zu lernen.“
Der Chor wandte sich an den Herrscher: „Mein König, es ist nur recht, dass du von ihm lernst, wenn er zur rechten Zeit spricht. Aber auch er muss von dir lernen. Denn beide Stimmen haben vernünftig gesprochen.“
Kreon fragte sarkastisch: „Soll ich in meinem Alter noch lernen, von einem jungen Mann wie diesem belehrt zu werden?“
Hämon entgegnete: „Niemals. Aber ich bin jung, und man sollte nicht so sehr auf das Alter achten als auf die Tat.“
Kreon spottete: „Nennst du es eine gute Tat, dem zu huldigen, was dem Gesetz des Staates widerspricht?“
Hämon erwiderte: „Ich rate nicht dazu, Missetätern Frömmigkeit zu erweisen.“
Kreon beharrte: „Ist diese Frau nicht eine Missetäterin?“
Hämon widersprach: „Das benachbarte Volk von Theben spricht nicht so.“
Kreon wies ihn zurecht: „Ich bestimme, was hier in diesem Land geschehen muss!“
Hämon sagte vorwurfsvoll: „Das klingt sehr anmaßend und jugendlich!“
Kreon herrschte ihn an: „Soll etwa ein anderer über dieses Land herrschen?“
Hämon korrigierte: „Ein Land ist kein rechtmäßiges Eigentum, das einem einzigen Mann gehört.“
Kreon fragte: „Sagt man nicht, die Stadt gehört dem Herrscher?“
Hämon konterte: „Du wärst nur in der Wildnis ein wahrer Alleinherrscher!“
Kreon zog eine bittere Schlussfolgerung: „Dieser hier ist anscheinend ein Verbündeter des Weibes.“
Hämon klärte ihn auf: „Nur wenn du das Weib bist. Ich sorge mich um dich.“
Kreon rief empört: „Oh, wie schändlich! Du ziehst vor Gericht gegen deinen eigenen Vater!“
Hämon erklärte: „Weil ich sehe, wie du dem Recht ins Angesicht lügst.“
Kreon fragte wütend: „Lüge ich, wenn ich zu meinem ursprünglichen Befehl stehe?“
Hämon schloss: „Das tust du, wenn du den heiligen Namen der Götter nicht ehrst.“
Kreon blickte seinen Sohn Hämon mit beißender Verachtung an. "Du schamloser Kerl, schlimmer als eine Frau!"
Hämon erwiderte ruhig: "Ich lasse mich nicht von Schlechtem bestimmen."
"Willst du dich etwa ihr zuliebe so bloßstellen?" fragte Kreon ungläubig.
"Ich setze mich für sie, für dich, für mich – und für die Götter der Toten ein," entgegnete Hämon.
Kreon schnitt ihm das Wort ab. "Es ist zu spät. Du wirst sie nicht lebend zur Frau nehmen."
"Dann soll sie sterben," rief Hämon, ein kalter Schimmer in seinen Augen. "Aber wenn sie stirbt, verdirbt sie einen mit!"
"Hast du das wirklich ausgesprochen?" Kreon war empört. "So frech nach diesem Zornesausbruch?"
"Für jemanden mit einem leeren Verstand mag das frech sein," konterte Hämon.
"Halt ein und besinne dich! Auch du kannst einen leeren Verstand haben," warnte Kreon.
Hämon schüttelte den Kopf. "Wenn du es selbst nicht wärst, hielte ich dich für treulos."
"Lass das Frauengeschwätz der Schönrednerei! Damit betörst du mich nicht!" Kreon fuhr ihn an.
"Du willst reden, aber nichts hören," stellte Hämon fest.
"So ist es!" Kreon schwor. "Beim Himmel meiner Väter! Du sollst mich nicht länger mit solchen Vorwürfen kränken! Schafft dieses Ding weg! Sie soll sofort, hier, vor den Augen ihres Bräutigams, sterben!"
Hämon wich keinen Schritt zurück. "Nein, ganz gewiss nicht vor meinen Augen! Denke das bloß nicht. Sie wird nicht in meiner Nähe zugrunde gehen. Und mein Gesicht wirst du nie wieder sehen. Bleib du bei denen, die dir gehören, und herrsche ungestört."
Hämon ging wütend ab.
Der Chor murmelte besorgt: "Der junge Mann, mein König, ist im Zorn davongestürmt. Ein solches Gemüt kann im Leid gefährlich werden."
"Er soll tun, was er will!" entgegnete Kreon trotzig. "Er soll sich für größer halten als ein Mann! Aber er wird die Mädchen nicht vor dem Tode retten."
"Du denkst, du musst beide töten?" fragte der Chor.
"Nein, die andere, die nicht beteiligt war – die verschone ich. Du hast recht," sagte Kreon.
"Und wie gedenkst du, jene zu töten?"
"Sie wird lebendig in einen Felsengrund gebracht, einen einsamen Ort, wo kein Mensch ist. Man wird ihr genug Nahrung mitgeben, um die Stadt nicht vollständig zu beflecken. Dort soll sie zu dem Todesgott beten, den sie so sehr verehrt. Vielleicht geschieht es, dass sie niemals stirbt." Kreon sah triumphierend. "Auf diese Weise wird sie zur Einsicht kommen, wenn auch erst zu spät und geisterhaft, dass es überflüssig ist, Tote zu ehren."
Kreon ging ab.
Antigones Einzug
Der Chor verharrte allein.
"O Geist der Liebe," begann der Chor, "der du im Kampf stets siegreich bist! Du Friedensgeist, der über dem Geschäft einschläft, über der zarten Wange der Jungfrau wacht, über Wassern und Häusern schwebt, auch über dem Freien! Fast zerbrichst du das Herz der Unsterblichen und der schlafenden Menschen. Wer von dir erfasst wird, ist nicht mehr bei sich selbst. Du zwingst den Sinn der Gerechten dazu, unrecht zu handeln, damit sie in die Schmach fliehen."
"Du hältst dich hier auf, in diesem blutverwandten Streit unter Männern, und wirfst ihn durcheinander. Deine Macht wird niemals zuschanden. Sie liegt im flehenden Blick der Braut, zu Beginn des großen Verstehens. Denn die göttliche Schönheit spielt ein unkriegerisches Spiel."
Der Chor seufzte. "Aber jetzt überschreite ich selbst das Gesetz. Ich muss das ansehen, und ich kann den Tränenfluss nicht länger halten, da ich Antigone zu ihrem alles schweigenden Ruhebett gehen sehe."
Antigone trat hervor, ihre Stimme erfüllt von tragischer Endgültigkeit. "Seht mich, ihr Bürger von Theben, wie ich meinen letzten Weg gehe und das letzte Licht der Sonne erblicke. Wird es das Ende sein? Der Tod, der alles zum Schweigen bringt, führt mich lebendig zum Ufer des Acheron. Ich bin nicht für Hochzeiten ausersehen, kein Brautlied wird für mich gesungen. Stattdessen bin ich dem Gott der Unterwelt vermählt."
Der Chor der Ältesten erwiderte mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid. "Dennoch gehst du nicht unwürdig, sondern mit Ruhm geleitet, hinüber in die Totenkammer. Dich trifft keine zerstörerische Krankheit, und du fällst nicht durch die Hand des Henkers. Du bist die Einzige unter den Sterblichen, die ihr eigenes, selbstgewähltes Leben lebt, während sie in die Welt der Toten hinabsteigt."
Antigone schüttelte den Kopf, die Worte des Chors konnten ihren Schmerz nicht lindern. "Ich erinnere mich an die Geschichte von Niobe, der phrygischen Königin, die am Sipylos-Gebirge in Stein verwandelt wurde. Man sagt, der Fels sei von Efeu überwuchert, windet sich langsam zusammen, und der Winter weilt ewig bei ihr. Aus ihren steinernen Wimpern fließen schneeweiße Tränen. Genau wie sie werde ich nun von einem Schicksal in ein steinernes Bett gebracht."
Der Chor versuchte, sie zu trösten, indem er ihren Mut hervorhob. "Niobe war göttlicher Herkunft, wir aber sind aus Erde geschaffen. Du vergehst, das ist wahr, doch es ist etwas Großes, zu wissen, dass du ein Schicksal wie das der Götter gewählt hast – lebendig zu sterben."
"Ach! Ihr spottet meiner!", rief Antigone verzweifelt. "Warum rühmt ihr mich, die noch unter den Schutzgeistern der Heimat weilt und noch lebt? Oh Stadt, oh ihr wohlhabenden Männer Thebens! Ihr dirzeischen Quellen! Ihr Wälder rings um die wagenbefahrenen Wege Thebens! Ihr müsst mir eines Tages bezeugen, wie ich, ohne dass meine Lieben um mich weinen durften, nach welch grausamen Gesetzen ich in diese felsige Kluft, in dieses unerhörte Grab muss! Ich Arme! Ich gehöre weder zu den Lebenden noch zu den Toten!"
Der Chor fasste ihr Schicksal zusammen. "Du gehörst nicht zu den Lebenden und nicht zu den Gestorbenen. Du bist bis an die äußerste Grenze der Kühnheit, bis zur höchsten Spitze des Rechts gegangen. Darum bist du tief gefallen, Kind. Du stirbst für den Kampf deiner Väter."
Antigone brach endgültig zusammen, der Schmerz ihrer Familie überwältigte sie. "Du hast die bittersten meiner Sorgen berührt – die vielfältige Klage um meinen Vater und unser gesamtes labdakidisches Geschick. Ach, die verhängnisvolle Verbindung meiner Eltern! Die unglückliche Umarmung meiner Mutter mit meinem Vater, aus der ich, die Trübsinnige, geboren wurde und zu der ich nun, ohne Mann, verflucht, zurückkehren muss. Oh, mein Bruder Polyneikes! Dein unseliger Tod in dieser gefährlichen Fehde zieht mich, die Letzte, mit dir hinab."
Der Chor zog sich in eine nüchterne Beobachtung zurück. "Gottesfurcht ist ehrenhaft. Aber Macht, wenn sie herausgefordert wird, weicht nicht. Dich hat dein zorniges Beharren auf deinem eigenen Willen ins Verderben gestürzt."
Antigone sprach ihre letzten Worte an die Welt. "Unbeweint, ohne Freunde und ohne Ehemann werde ich Traurige auf diesen vorbereiteten Weg geführt. Mir ist es nicht mehr bestimmt, dieses heilige Auge der Sonne zu sehen. Mein Schicksal, das Tränenlose, wird von niemandem betrauert oder geliebt."
Kreon betrat die Szene, um das endgültige Urteil zu sprechen. "Ihr wisst, dass Singen und Klagen einem zum Tode Verurteilten nichts nützen, solange noch geredet wird. Führt sie sofort weg! Bringt sie, wie befohlen, in die dunkle Gruft. Schließt sie dort ein und lasst sie allein zurück. Mag sie dort sterben müssen oder mag sie lebend unter diesem Dach aus Stein verharren. Unsere Hände bleiben rein, was dieses Mädchen betrifft. Doch sie hat kein Anrecht mehr auf das Leben über der Erde."
Antigone sah auf das düstere Loch vor sich, das ihre Gruft sein sollte. "Mein Grab! Mein Brautgemach!" dachte sie bitter. "Dieses unterirdische Haus wird mich für immer festhalten."
Sie spürte, wie sie sich auf eine Reise vorbereitete, um ihre Familie zu treffen – die Toten. Die meisten von ihnen waren schon lange gegangen, in ein Reich, wo ein zornig-mitleidiges Licht die Verstorbenen willkommen hieß. Und nun musste sie, die Letzte von ihnen, auf die schlimmstmögliche Art sterben, mitten aus dem Leben gerissen.
Doch in dieser bitteren Stunde klammerte sie sich an eine Hoffnung: Sie würde geliebt ankommen.
"Vater, ich komme zu dir, und ich weiß, du wirst mich lieben", flüsterte sie. "Auch du, meine Mutter. Und du, mein geliebter Bruder, mein Polynikes!"
Sie erinnerte sich daran, wie sie alle mit eigener Hand für die Bestattung vorbereitet hatte. Sie hatte ihre Leiber geschmückt und Trankopfer über ihren Gräbern dargebracht.
"Und gerade weil ich dich jetzt bestattet habe, Polynikes, muss ich gehen", dachte sie. "Ich habe dir die letzte Ehre erwiesen, obwohl es verboten war. Und selbst die Götter müssen mir das als tugendhaft anrechnen."
Kein anderer Grund hätte sie zu diesem Aufstand getrieben. Sie hätte diese Tat nicht begangen, wenn sie eine Mutter mit Kindern oder eine verheiratete Frau wäre, deren Gatte gestorben wäre. Ein toter Gatte konnte durch einen neuen ersetzt werden, ein verlorenes Kind durch ein weiteres.
"Aber wenn Mutter und Vater tot sind, wer kann mir dann einen neuen Bruder schenken?", fragte sie die leere Luft.
Nach diesem unumstößlichen Gesetz der Familie hatte sie gehandelt. Doch für Kreon war es eine unverzeihliche Sünde, ein Akt waghalsigen Trotzes.
Nun führte er sie fort. Sie war noch unverheiratet, hatte nie eine Hochzeitsnacht erlebt, nie ein Kind genährt. Einsam und unglücklich wurde sie jetzt, lebendig, in die Wildnis der Toten verbannt.
"Welches Recht der Götter habe ich verletzt?", schrie sie in ihrer Verzweiflung. "Warum soll ich zu den Himmelsmächten aufblicken, wem soll ich meine Not klagen? Ich habe Frömmigkeit geübt, und dafür werde ich als gottlos bestraft!"
Sie atmete tief durch und fand eine letzte Haltung: "Wenn mein Handeln in den Augen der Götter gut war, dann akzeptiere ich mein Leiden als Strafe für eine Sünde, die ich nicht kenne. Aber wenn diese hier Unrecht haben", sie meinte Kreon und seine Männer, "dann mögen sie nicht geringeres Unglück erleiden, als sie mir antun!"
Der Chor der Ältesten von Theben murmelte besorgt: Die Seele dieser Frau ist immer noch von denselben Stürmen hin- und hergerissen.
Kreon, der König, befahl den Wachen: Beeilt euch! Wenn ihr zögert, werdet ihr selbst noch Tränen wegen dieser Verzögerung vergießen.
Antigone stieß einen letzten Schrei aus: Oh weh! Dieses letzte Wort des Königs ist mein Todesurteil.
Kreon warnte die Menge: Ich rate euch: Niemand wagt es, ihr noch ein Wort zu sagen.
Kreon drehte sich um und ging.
Antigone blickte auf ihre Heimatstadt, Theben. "Oh, du Stadt meiner Väter," sagte sie, ihre Stimme brach. "Ihr wohlwollenden Geister meiner Vorfahren, soll das alles sein? Werde ich nun abgeführt und nie wieder hier verweilen?" Sie wandte sich an die Umstehenden, ihre königliche Würde trotz der Fesseln unübersehbar. "Seht mich an, die letzte Königin, die Herrscherin Thebens! Seht, welche Strafe ich von diesen 'anständigen' Männern erleide, nur weil ich mich an die Gesetze der Götter gehalten habe."
Der Chor erwiderte leise, fast wie ein Kommentar aus der Ferne:
"Auch Danaë musste einst die Himmelslichter gegen die Geduld eines eisernen Gitters tauschen," sangen sie. "Sie lag gefesselt im Dunkel eines steinernen Kerkers. Dabei war sie doch von edler Geburt, Kind! Sie zählte die goldenen Stunden dem Vater der Zeit entgegen."
"Doch die Macht des Schicksals ist schrecklich und unentrinnbar," fuhren sie fort, ihre Worte wurden ernster. "Weder Regen noch Kampfgeist, weder Mauern noch die brausenden Ozeane können ihr Einhalt gebieten, auch nicht die schnellsten schwarzen Schiffe."
Sie erinnerten an andere, die vom Schicksal eingeholt wurden: "Wütend und schnell wurde Dryas' Sohn, der König der Edonen, gepackt, weil er sich in seinem überschwänglichen Hochmut über Dionysos lustig gemacht hatte. Er wurde unter einem Haufen herabstürzender Steine begraben."
"Dort weinte er fast seinen Wahnsinn und seinen blühenden Zorn aus. Im Taumel lernte er, wie man mit beleidigender Zunge den Gott verhöhnt. Denn er hatte die Frauen, die von der Gottheit erfüllt waren, zum Stillstand gebracht, das ekstatische Feuer unterdrückt und die Musen, die die Flöten lieben, gereizt."
Die Erzählung wechselte zu einem anderen furchtbaren Ereignis: "In der Nähe der himmelblauen Felsen, wo das Meer an beiden Enden um die Ufer des Bosporus und den Busen von Salmydessos schlägt, im Land der Thraker, sah der Kampfgeist zu, wie die beiden Söhne des Phineus von ihrer wilden Stiefmutter geblendet wurden. Es war finster in ihren mutwilligen Augenringen."
"Sie wurden mit Speerstichen verwundet, unter blutigen Händen und spitzen Nadeln gequält," klagte der Chor. "Die armen Jungen vergingen fast vor Gram über das Leid ihrer Mutter, obwohl sie aus einer unglücklichen Ehe stammten. Jene aber, ihre Mutter, entstammte dem uralten Geschlecht der Erechtheiden. Sie wurde in fernen Höhlen aufgezogen, in den Stürmen ihres Vaters, des Nordwinds Boreas, und auf einem geraden Hügel mit Pferden gefüttert, ein Kind der Götter. Doch auch auf ihr, o Kind Antigone, ruhte das große Schicksal."
In diesem Moment wird Antigone abgeführt.
Tiresias, der blinde Seher, wurde von einem Jungen geführt, der seine Augen war.
Tiresias: "Ihr Herrscher Thebens! Wir kommen gemeinsam diesen Weg, ein Blinder, der durch einen Sehenden geführt wird. So gehen wir, die Blinden, mit Wegweisern."
Kreon: "Was gibt es Neues, alter Tiresias?"
Tiresias: "Ich werde es dir sagen, aber höre auf den Seher."
Kreon: "Ich war dir auch in der Vergangenheit nicht abgeneigt."
Tiresias: "Gerade deshalb lenkst du das Schiff der Stadt auf geradem Kurs."
Kreon: "Ich habe Gutes erfahren und bezeuge es."
Tiresias: "Nun, in diesem kritischen Moment, denke noch einmal nach."
Kreon: "Was ist es denn? Dein Mund flößt mir Furcht ein."
Tiresias: "Du weißt es, aber jetzt hörst du die Zeichen meiner Kunst. Ich saß auf meinem alten Stuhl, dem Vogelorakel, wo Vögel aus allen Richtungen zusammenkommen. Da hörte ich ein Geschrei, wie ich es noch nie zuvor gehört hatte. Sie kreischten wild und voller Wut, zerrten einander mit ihren Krallen. Es war Mord, das erkannte ich, denn das Rauschen ihrer Flügel war unmissverständlich. Schnell erschrak ich und versuchte, eine Feuerprobe auf den Altären zu machen. Aber Hephaistos' Flamme erstrahlte nicht aus den Opfern. Stattdessen fraß der feuchte Geruch aus der Asche die Schenkel und stieg rauchend auf, und ein großer Zorn breitete sich aus. Die feuchten Schenkel lagen offen, unbedeckt vom Fett."
Tiresias stützte sich auf den Jungen. "Das habe ich von meinem Begleiter hier erfahren, die tödliche Erklärung der zeichenlosen Zeremonien. Er führt mich, und ich führe andere. Und das ist es: Deine Stadt ist krank wegen deiner Haltung! Denn die Altäre und Feuerstellen sind voll von dem Fraß der Vögel und Hunde, der von dem unbestatteten Sohn des Ödipus stammt. Die Götter nehmen unsere Gebete bei den Opfern nicht mehr an, noch die Flamme der Schenkel. Auch das wohlbedeutende Geschrei der Vögel bleibt aus, denn ihr Gefieder hat das Fett von totem Menschenblut gegessen. Das bedenke nun, mein Kind!"
Der Seher nahm einen mahnenden Ton an. "Allen Menschen ist es gemein, Fehler zu machen. Wenn aber jemand einen Fehler macht, ist er nicht sofort ehrlos oder unglücklich, wenn er, nachdem er in ein Unglück geraten ist, sich heilen lässt und nicht starrsinnig bleibt. Denn Starrsinn zeugt von Grobheit. Gib dem Toten nach und verfolge ihn nicht mehr, der ohnehin schon fort ist. Welche Macht ist es schon, Tote zu töten? Ich sage es dir zum Wohle. Es ist eine Freude zu lernen, wenn jemand gut spricht und man das Gesagte beherzigt."
Kreon stieß einen verärgerten Laut aus. „Alter Mann“, knurrte er, „ihr alle legt auf mich an, als wäre ich das Ziel eines Schützen! Ich bin nicht ungeschult in euren Weissagungen. Schon lange durchschaue ich eure Tricks, ich bin es leid, betrogen zu werden.“
Er fuchtelte mit der Hand abweisend in die Luft. „Geht doch! Kauft euch das Gold und das Elektrum von den Händlern aus Sardes und Indien, wenn ihr es wollt. Aber diesen Mann werdet ihr nicht beerdigen! Selbst wenn der Donnerkeil zuckend ihn vor Gottes Thron als Speise tragen wollte, ich lasse ihn nicht begraben! Ich fürchte die Krankheiten des Himmels nicht. Ich weiß, kein Mensch kann die Götter reizen. Doch wisst dies, Greis Teiresias: Auch sehr mächtige Sterbliche stürzen sehr tief, wenn sie so wie ihr, des Vorteils wegen, hässliche Worte als schön ausgeben.“
Teiresias seufzte leise. „Ach“, sagte er. „Ist das gesagt worden? Weiß es jemand?“
„Was meinst du? Was soll diese allgemeine Frage?“, herrschte Kreon ihn an.
„Um wie viel ist heute Freundlichkeit weniger wert als Wohlstand?“, fragte der Seher zurück.
Kreon zuckte die Schultern. „Ich denke, wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt, ist der Verlust nicht groß.“
„Du aber“, konterte Teiresias, „bist völlig von dieser Krankheit befallen.“
Kreon zügelte seinen Zorn. „Ich will dem Seher nicht mit üblen Worten widersprechen.“
„Aber genau das tust du, wenn du sagst, meine Prophezeiung sei falsch!“, entgegnete Teiresias.
Kreon lachte kalt. „Ihr Seher liebt nun mal alle das Silber.“
„Und ihr Tyrannen liebt schändlichen Gewinn!“, schoss Teiresias zurück.
„Bist du dir bewusst, dass du zu einem Feldherrn sprichst?“, warnte Kreon.
„Das weiß ich“, sagte Teiresias ruhig. „Denn durch meine Hilfe hast du diese Stadt gewonnen.“
„Du bist ein weiser Seher“, meinte Kreon, „liebst aber dennoch das Unrecht.“
Teiresias spannte sich an. „Du reizt mich dazu, auszusprechen, was noch unerschütterlich in meinen Gedanken ruht.“
„Nun, dann sprich es aus! Aber sprich nicht des Vorteils wegen!“, forderte Kreon heraus.
„Scheine ich dir wirklich immer noch so sehr dein Teil zu sein?“, fragte Teiresias.
„Du wirst meinen Sinn nicht täuschen, das sei dir gewiss!“, entgegnete Kreon trotzig.
„Aber du sollst wissen“, sprach Teiresias mit lauter, fester Stimme, „dass du von nun an nicht mehr lange unter der eifersüchtigen Sonne brüten wirst. Denn bald wirst du selbst mit einem Toten aus deinem eigenen Inneren für die Toten bezahlen.“
Der Seher hob drohend den Stab. „Für den, den du von oben herabgeworfen hast und dessen Seele du schändlich in der Gruft wohnen ließest. Und für den anderen, den du unbegraben oben liegen lässt – den schicksallosen, unheiligen Toten des Todesgotts, der weder dich noch die Götter im Himmel etwas angeht, aber du übst so Gewalt aus.“
„Deshalb“, fuhr Teiresias fort, seine Stimme hallte im Raum, „lauern dir im Jenseits die Spötter und die Richterinnen der Götter auf, auf wunderbar verderbliche Weise, damit du in den gleichen Übeln getroffen wirst. Dann beurteile, ob ich das etwa dumm des Silbers wegen sage! Es dauert nicht mehr lange, dann wird Wehklage von Männern und Frauen in deinen Häusern erschallen.“
„Jede Stadt muss in Missverständnis zugrunde gehen“, mahnte der alte Mann, „deren Leichname Hunde und wilde Tiere zur Ruhe bringen, oder wenn ein Vogel mit unheiligem Geruch zum geweihten Herd der Stadt kommt. So steht es um dich! Du bist verärgert, gewiss. Ich aber habe die Pfeile aus dem Herzen meines Mutes fest entsandt. Und ihrer Hitze entgehst du nicht!“
Er wandte sich an seinen Begleiter. „Kind, führ uns ins Haus, damit dieser hier seinen Mut an Jüngeren auslassen kann. Und er mag lernen, seine Zunge stiller zu gebrauchen und sein Gemüt besser zu stimmen, als es jetzt ist.“
Mit diesen Worten verließ Teiresias den erzürnten Kreon.
Der Chor (stellvertretend für die Ältesten der Stadt) trat vor König Kreon. „Herrscher“, begann er, „dieser Mann, der Seher, hat eine ernste Prophezeiung gemacht. Wir wissen aus Erfahrung – und wir haben alle schon graue Haare bekommen, wie du siehst –, dass er unserer Stadt noch nie eine Lüge erzählt hat.“
Kreon seufzte und wirkte innerlich zerrissen. „Ich weiß das selbst, und mein Verstand ist verwirrt“, gab er zu. „Nachzugeben ist eine große Sache, eine schwere Entscheidung. Aber wenn jemand aus bloßer Überheblichkeit meinen Mut herausfordert, dann wird es schwierig.“
Der Chor blieb beharrlich: „Du brauchst jetzt einen klugen Rat, Kreon, Sohn des Menökeus.“
Kreon, nun bereit zum Zuhören, fragte: „Was soll ich tun? Sag es mir, ich werde folgen.“
Der Chor sprach die Forderung aus, die die Götter verlangten: „Geh und befreie die junge Frau – Antigone – aus ihrem Felsengefängnis und gib dem, der draußen liegt – Polyneikes – ein ordentliches Grab.“
„Du befürwortest das also und hältst es für gut?“, fragte Kreon nach der Bestätigung.
„So schnell wie möglich, mein König“, drängte der Chor. „Denn die Strafe der Götter ereilt den Böswilligen mit schnellen Füßen und zögert nicht lange.“
Kreon brach fast zusammen. „Oh, wehe mir. Ich kann kaum. Ich bringe nicht den Mut dazu auf, es zu tun. Aber gegen das Unvermeidliche der Not kann man nicht kämpfen.“
„Tu es jetzt“, forderte der Chor unmissverständlich. „Komm, lass alle anderen Gedanken und Überlegungen fahren.“
Kreon nickte mit der Entscheidung, die er widerstrebend getroffen hatte. „Gut. So wie ich bin, will ich sofort gehen. Diener! Egal, ob ihr gerade hier seid oder nicht! Nehmt Äxte zur Hand und eilt zu dem Ort, den ihr kennt! Ich selbst, da sich meine Meinung geändert hat und ich sie selbst gefesselt habe, werde sie auch selbst befreien. Ich fürchte, es ist das Beste, das bestehende Gesetz der Götter aufrechtzuerhalten und auf diese Weise zu handeln.“
Der Chor der thebanischen Alten begann seine Litanei, indem er den Gott des Weins und der Ekstase anflehte.
"O Gott, du Schöpfer der Namen, Stolz der Gewässer, die Kadmos liebte, du Echo des Donners, Teil des Urvaters der Erde! Du durchstreifst Italien und bist doch überall gegenwärtig. Obwohl wir dich kaum begreifen, herrschst du auch im tiefsten Geheimnis von Eleusis. Doch hier, in unserer Mutterstadt, im berauschten Theben, lebst du am kalten Fluss Ismenos und bei jenen Drachenzähnen, die einst gesät wurden.
Wir haben dich gesehen, wie du dem Opferrauch entstiegst, der über die Felshänge kroch, am Cocytus, wo die Bäche wie im Rausch stürzen, und in den Wäldern Kastalias. Aus fernen, lauschenden Quellen unter den nyssäischen Bergen steigt dein Ruf auf, und grüne, traubenbeladene Ufer erwecken dich. Wir bitten dich: Kehre zurück nach Theben, in diese Gassen, die dich einst bejubelten! Du ehrst diese Stadt vor allen anderen, weil deine Mutter hier vom Blitz getroffen wurde.
Jetzt aber liegt die ganze Stadt danieder, befallen von einer schrecklichen Krankheit. Wir müssen den Weg der Sühne gehen, hinauf auf den Parnass oder durch die seufzende Furt. O du, der sich in Feuer verwandelt! Du Anführer der Sterne und Hüter aller Geheimnisse! Sohn des Zeus, erscheine uns! Komm zusammen mit deinen thiasischen Naxierinnen, den wilden, wachenden Frauen, die dir, dem jauchzenden Herrn, den Chor singen!"
Der Zusammenbruch des Tyrannen
Die Szene wechselt. Ein Bote tritt vor den Chor, kurz darauf erscheint Eurydice.
Der Bote hob an, tief nachdenklich: "Nachbarn des Kadmos und Amphions, ich kann nicht länger behaupten, das Leben eines Menschen – egal wie es verläuft – sei zu loben oder zu tadeln. Das Schicksal zieht den Glücklichen wie den Unglücklichen ohne Vorwarnung empor und stürzt ihn wieder herab. Kein Prophet kann die Zukunft wirklich voraussagen.
Früher beneidete ich Kreon: Er rettete unser Land vor den Feinden, gewann die alleinige Herrschaft über Theben, regierte, blühte auf und hatte gesegnete Kinder. Nun ist all das zerstört. Ein Leben ohne Freude ist für mich wertlos. Man mag sagen, er sei im Haus reich, und er führt das Leben eines Herrschers. Aber wenn ihm die Freude entgleitet, dann würde ich für all seinen Reichtum nicht einmal den Schatten eines Rauches kaufen, so wenig ist es wert."
Der Chor fragte: "Was lässt dich so über unseren Herrscher klagen?"
Der Bote antwortete mit kalter Klarheit: "Sie sind tot. Die Lebenden tragen die Schuld."
Der Chor stieß hervor: "Wer tötete wen? Wer liegt da? Sprich es aus!"
Der Bote enthüllte die Tragödie: "Hämon ist gefallen, seine eigenen Hände sind blutig."
Der Chor war fassungslos: "Durch die Hand seines Vaters oder durch seine eigene?"
Der Bote bestätigte: "Durch seine eigene. Er starb, um seinem Vater seinen Zorn zu zeigen."
Der Chor seufzte: "Wie wahr sprichst du, Bote, das Unheil ist eingetreten."
Der Bote nickte. "So steht es. Und das ist noch nicht alles, was wir betrachten müssen."
Der Chor sah auf: "Haltet ein! Da kommt Kreons unglückliche Gemahlin, Eurydice. Hat sie die Nachricht im Haus gehört, oder kommt sie zufällig?"
Eurydike, die Frau des Königs Kreon, war auf dem Weg zum Tempel der Göttin Pallas Athene. Sie wollte dort beten, doch als sie gerade die Riegel des Tores aufzog, traf sie mitten im Haus ein Schrei, eine Stimme, die unmissverständlich Unglück ankündigte.
Sie fuhr zurück, so erschrocken, dass sie ihren Mägden in Ohnmacht in die Arme fiel. Als sie wieder zu sich kam, forderte sie: "Welches Gerücht war das? Sagt es mir noch einmal. Ich bin in Schicksalsschlägen erprobt und werde es ertragen."
Der Bote, der von draußen kam, bezeugte: "Ich, verehrte Königin, berichte Ihnen als Augenzeuge. Ich werde kein Wort der Wahrheit unterschlagen. Was würde es mir nützen, Sie jetzt zu beschwichtigen, wenn ich später als Lügner dastünde? Die Wahrheit ist immer der geradeste Weg."
Er erzählte, dass er Kreon zum Hochfeld begleitet hatte, wo der Leichnam des Polynikes, zerfleischt von Hunden, lag. Nachdem sie die Götter Enodia und Pluto um Milde angefleht hatten, wuschen sie den Toten feierlich, bedeckten ihn mit frischen Zweigen, so gut es ging, und schichteten einen Hügel aus Heimaterde über ihn.
Der Weg zum Grab
"Danach", fuhr der Bote fort, "machten wir uns auf den Weg zur Felshöhle, dem steinernen Grabmal, das für die Jungfrau Antigone bestimmt war."
Dort angekommen, hörte jemand im Inneren der Grabkammer eine laute Klage. Er eilte zu Kreon und berichtete es ihm. Als Kreon sich näherte, hörte er die dunkle, quälende Stimme deutlicher. Da stieß er einen schmerzvollen Schrei aus und rief voller Jammer: "Oh weh! Bin ich mein eigener Prophet? Beschreite ich wirklich den unglücklichsten aller möglichen Wege? Die Stimme meines Sohnes rührt mich! Diener, geht schnell zum Grab, seht euch den Riegel genau an, der aus der Mauer gerissen ist. Geht hinein und findet heraus, ob ich die Stimme des Haimon höre oder ob ein Gott mich täuscht!"
Sie taten, wie ihr ängstlicher Herr es befohlen hatte. Als sie tiefer in die Grabkammer vordrangen, sahen sie Antigone. Sie hing am Gürtel ihres Leinengewandes, um den Hals geschlungen. Und Haimon? Er lag ausgestreckt am Boden und umarmte sie. Er warf sich um ihren Körper, wehklagte um sein verlorenes Brautbett und klagte die Tat seines Vaters und sein eigenes unglückliches Schicksal an.
Die Tragödie des Sohnes
Kreon stieß einen Entsetzensschrei aus, als er dies sah. Er ging hinein zu seinem Sohn, weinte und rief: "Mein armes Kind, was hast du getan? Was hattest du im Sinn? Durch welch schreckliches Geschick bist du gestorben? Komm heraus, mein Sohn, ich flehe dich an!"
Der Sohn starrte ihn nur mit wilden Augen an, antwortete nicht und wandte sich ab. Er zog sein zweischneidiges Schwert und zielte zuerst auf den Vater. Doch als Kreon, erschrocken, zur Flucht wandte, verfehlte Haimon ihn. In einem Wutanfall und tiefstem Gram stieß sich der Unglückliche die Spitze des Schwertes mitten in seine Seite.
Noch bei Bewusstsein, sank er hin, umarmte die sterbende Antigone und küsste ihren feuchten Arm. Dann stieß er einen blutigen Atemhauch über ihre weiße Wange aus.
Nun lag der Tote beim Toten. Die schüchterne Erfüllung ihrer Hochzeit fand nun in den Häusern der Totenwelt statt. Der Bote schloss seine Rede mit der Erkenntnis, dass dies die verwirrende Natur des menschlichen Daseins zeige und wie groß das Leid sei, das ein Mann über sich selbst bringen könne.
Eurydike wandte sich ab und verließ den Ort.
Die Reaktion des Chores
Der Chor: "Wie deuten wir das? Die Königin ging fort, ohne ein Wort des Guten oder Schlechten zu sagen."
Der Bote: "Ich bin auch verwundert, aber ich hoffe, dass sie ihre Trauer über das Unglück ihres Sohnes nicht vor der Stadt zeigen wollte. Wahrscheinlich geht sie in ihre Gemächer, um dort mit ihren Mägden über das Leid des Hauses zu klagen. Sie ist nicht so unbedacht, dass sie einfach verschwinden würde."
Der Chor: "Ich weiß nicht. Aber dieses allzu große Schweigen scheint mir nach solchen Schreien ein unheilvolles Zeichen zu sein."
Der Bote: "Lassen Sie uns ins Haus gehen und sehen, ob sie ihren Schmerz nicht heimlich in ihrem Herzen verbirgt. Sie haben Recht: Allzu großes Schweigen kann eine tiefere Bedeutung haben."
(In diesem Moment kommt Kreon selbst. Er trägt etwas Schweres in seinen Händen – die Leiche seines Sohnes.)
Der Chor: "Aber seht, da kommt der König. Er trägt eine schreckliche Mahnung in seinen Händen. Es ist richtig, dies zu sagen: Sein Fehler ist nicht von außen gekommen, er hat es selbst verschuldet."
Kreon: "Ach, meine sinnlosen Entscheidungen! Mein harter, verhängnisvoller Fehler! Wie kann ich sehen, dass ich durch mich selbst Verwandte getötet habe und Getötete vor mir liegen! Wehe mir! Meine armseligen Beschlüsse! Mein Kind! Früh gestorben! Wehe, wehe, wehe! Gestorben bist du, ausgelöscht durch meine Torheit, nicht deine eigene!"
Der Chor: "Oh, dass du die Wahrheit nur so spät erkennen musstest!"
Kreon: "Ich habe es durch die Angst gelernt. Ein Gott hat mich dort oben mit großer Wucht gepackt, geschlagen und auf wilden Wegen geschüttelt! Ach! Ach! Wehe den Mühen der Menschen! Den Mühseligen!"
Ein Bote trat vor König Kreon. Er wirkte erschöpft, seine Stimme brach.
„Mein Herr“, begann der Bote, „was du bereits in deinen Armen hältst, ist nur ein Teil. Du musst auch ins Haus kommen, um das nächste Unglück mit eigenen Augen zu sehen.“
Kreon, der bereits den Leichnam seines Sohnes Haimon trug, sah ihn mit leerem Blick an. „Was könnte schlimmer sein als das Schlimme, das ich schon ertrage?“
„Deine Frau ist tot“, erwiderte der Bote. „Die Mutter dieses Toten. Sie windet sich noch von den frisch zugefügten Wunden.“
Kreon stieß einen gellenden Schrei aus. „Io! Io! Du schmutziger Hafen der Unterwelt! Was? Mich nun? Verderbst du mich endgültig? Weh! Der du mir diese schlimme Nachricht überbringst, führst du so triumphierendes Geschrei? Weh! Weh! Das hat den Mann ins Verderben gestürzt! Was sagst du, Mann? Was bringst du mir Neues? Weh! Weh! Weh! Geschlachtet auf dem Boden liegt der Leib meiner Frau, ein Teil des allgemeinen Zerfalls!“
„Du kannst es selbst sehen“, sagte der Bote. „Sie ist noch nicht weggebracht worden.“
„O weh mir!“, klagte Kreon. „Muss ich Armer auch dieses zweite Unglück noch sehen? Welches Schicksal erwartet mich jetzt noch? Ich halte gerade das tote Kind in meinen Händen, ich Armer, und sehe den nächsten Toten vor mir liegen. Ach, ach, du leidvolle Mutter! Ach, mein Kind!“
Der Chor murmelte: „Wie ist sie getroffen, wie von allen Seiten geschlachtet!“
Kreon drehte sich zum Boten um: „Sie schlägt die schwarzen Augen auf. Was klagt sie?“
„Sie hat zuerst das ruhmreiche Schicksal ihres früher gestorbenen Sohnes Megareus beklagt. Dann wehklagte sie um diesen hier. Und ganz zum Schluss hat sie deine Freveltaten gepriesen, dich, den Mörder deiner eigenen Kinder.“
„Weh! Weh! Weh! Weh!“, schrie Kreon, von Furcht ergriffen. „Ich will fliehen! Warum hat mich niemand mit entgegengehaltenem Schwert erschlagen? Ich Feigling! Ach! Ach! In feiger Not bin ich gefangen!“
Der Bote ermahnte ihn: „Da du die Schuld an all dem trägst, gib nun auch Befehl bezüglich der Toten.“
„Aber welche Art von Mord hat sie freigesetzt?“, fragte Kreon.
„Sie stach sich selbst in die Leber“, erklärte der Bote, „als die Kunde vom Leid ihres Sohnes laut zu ihr drang.“
„O weh mir! Mir! Dies gehört keinem anderen Menschen. Die Schuld daran ist ganz allein meine. Ich habe dich getötet, ich. Io! Ihr Diener! Führt mich eilig weg! Geleitet mich, Schritt für Schritt, mich, der nun nichts mehr ist als ein Niemand.“
Der Chor versuchte, ihm Trost zu spenden: „Wenn es im Unglück noch Vorteil gibt, so nutze ihn; denn das große Übel liegt nun kurz vor deinen Füßen.“
„O komm! O komm!“, flehte Kreon. „Erscheine, du schönstes meiner Verhängnisse, bring mir den endgültigen, den letzten Tag! Komm! O komm, damit ich den nächsten Tag nicht mehr sehen muss!“
Der Bote erwiderte: „Das wird kommen. Aber was soll mit dem Geschehenen geschehen? Das ist das, was uns jetzt obliegt.“
„Was ich gesagt habe, das wünsche ich mir eben“, wiederholte Kreon seinen Todeswunsch.
„Du darfst nichts wünschen“, belehrte ihn der Bote. „Kein Sterblicher wird von dem ihm vorbestimmten Schicksal befreit.“
„Führt diesen eitlen Mann Schritt für Schritt fort“, befahl Kreon. „Ich, der ich dich, mein Kind, und auch sie, ungerne getötet habe, ich Armer weiß nicht, wen ich ansehen soll, und nicht, wohin ich gehe. Denn das ganze Wirrwarr hat sich hier in meinen Händen und hier auf meinem Haupt, mir durch ein wildes Schicksal aufgetürmt.“
Der Chor schloss mit einer Mahnung: „Einsicht ist weit mehr wert als Glückseligkeit. Man darf das, was göttlich ist, nicht entheiligen. Die großen Blicke aber, die Vergeltung der hohen Schultern für große Taten, sie haben uns im Alter gelehrt, nachzudenken.“