ATHANASIUS VON ALEXANDRIEN - DAS LEBEN ANTONIUSS

Deutsch von Torsten Schwanke



I


Antonius’ Heimatland war Ägypten, gesegnetes Erdreich,

wo ihn edle, begüterte Eltern im Glauben erzogen.

Christlich nährten sie ihn in dem Haus, das allein er kannte;

nur sie selbst und das Blut der Familie waren ihm nahe.

Als er heranwuchs, mied er die Zeichen der sprechenden Buchstaben,

fürchtend, das Lernen verknüpfe sein Herz mit dem Treiben der Knaben;

denn, wie Jakob es sagt, sein einziges Sehnen und Trachten

war es, schlicht im Hause zu wohnen, in stiller Einfalt.

Führte man ihn zur Kirche, so suchte er nicht das Gelächter,

mischte sich nicht in Scherz und Spiel der lärmenden Kinder;

wuchs er heran, so wich er der Trägheit und lässigen Schwäche.

Aufmerksam las er und barg die Frucht des Gelesnen im Herzen.

Vater und Mutter erwies er Gehorsam in ehrender Treue;

obwohl sie im Wohlstand lebten, verlangte er niemals nach Üppem,

suchte nicht feine Speisen noch sinnliche Freuden des Gaumens,

sondern begnügte sich still mit dem Maß, das man ihm gewährte,

wollte nichts, was darüber hinausging, nichts als das Nötige.



II


Als nun Vater und Mutter verschiednen, verließen sie ihn noch

jung an Jahren, mit achtzehn, vielleicht schon zwanzig gezählt kaum,

und ihm blieb eine Schwester zurück, noch zart in den Jahren.

Sorgsam verwaltete er Haus und Erbe, wie Pflicht es verlangte.

Doch kaum war ein halbes Jahr in stiller Ordnung verflossen,

als er eines Tages, gewohnt mit glühender Andacht zur Kirche

gehend, im Innern erwog, wie einst die heiligen Apostel

Christus gefolgt waren und alles Irdische ließen;

wie auch viele, wie Lukas berichtet in heiligen Taten,

Äcker verkauften und Gut und legten den Preis vor die Füße

der Apostel, damit er den Armen gerechtlich verteilt sei,

und wie groß jener Lohn, der droben im Himmel sie krönte.

Während sein Geist noch erfüllt war von solchen brennenden Bildern,

trat er in Gottes Haus zu eben der Stunde des Wortes,

da im Evangelium klang, was der Herr zu dem reichen

Jüngling sprach: Willst du vollkommen sein, so verkaufe dein Alles,

gib es den Armen hin und folge mir nach — und im Himmel

wird dir ein Schatz bereitet. Antonius hörte die Worte,

nahm sie als göttlichen Wink, als seien sie einzig für ihn dort

laut geworden; was er zuvor gedacht, erschien ihm bestätigt.

Eilig kehrte er heim und verschenkte den Nachbarn im Dorfe

alles Erbgut, damit sie fortan nicht mehr verbunden

wären mit ihm noch mit der Schwester durch irdische Bande.

Dreihundert Maßen umfasste das Land, fruchtbar und lieblich,

alles gab er dahin; und was an Geräten und Hausrat

ihm noch geblieben, verkaufte er gänzlich und ohne Zögern.

Was er an Silber erhielt, verteilte er freudig den Armen,

bis auf weniges nur, das er sorglich der Schwester bewahrte.



III


Als er ein andermal wieder die Schwelle der Kirche betrat und

hörte das Wort des Herrn, das sprach: Sorgt euch nicht um den Morgen,

konnte sein Herz nicht länger verweilen im Lärm dieser Welt mehr.

Was ihm noch blieb, das gab er den Ärmsten mit freudiger Hand hin,

übergab seine Schwester sodann in die Obhut von Mädchen,

keusch und voll Tugend, bewährt in der Furcht vor Gott und der Liebe

reiner Jungfräulichkeit, dass sie im Glauben erzogen.

Selbst aber ließ er das Haus und suchte das Leben der Stille,

wachte über sich selbst und übte strengste Enthaltsamkeit.

Denn noch waren in Ägypten nur wenige Häuser der Einsamen,

keiner von ihnen noch kühn genug, tief in die Wüste zu ziehen;

wer um sein Heil mit Ernst sich sorgte, der lebte zurückgezogen,

irgendwo nahe dem Dorf, in Einsamkeit und Gebet.

Nahe bei Antonius wohnte auf kleinem, bescheidenem Acker

einst ein greiser Mann, der von Jugend an einsam gelebt hatte.

Als er ihn sah und innerlich brannte von löblichem Eifer,

wollte er ihm sich gleichstellen, sein Beispiel still nachahmend,

wohnte fortan auch selbst an einem Ort fern vom Dorfe.

Hörte er irgendwo von Männern, die eifrig und wachsam

wuchsen im Werk der Askese, so folgte er, gleich einer Biene,

klug ihrem Ruf, besuchte sie gern und kehrte nicht heim, eh

er aus dem Wort ihres Mundes Belehrung gesammelt im Herzen,

die ihm diente, sein Leben in christlicher Sanftmut zu formen.


So nun gestärkt im Geist und gesammelt zum Dienst an dem Höchsten,

dachte er nicht mehr an Eltern noch Freunde noch irdische Bande,

sondern nur daran allein, mit jeglicher Kraft zu erstreben

die Vollendung des einsamen Lebens in heiliger Ordnung.

Arbeitete fleißig mit Händen, der Schrift sich bewusst und gedenkend:

Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen — so lebte

er nach dem Wort; was er brauchte, behielt er in schlichter Genügsamkeit,

alles übrige aber verteilte er freudig den Armen.

Oft und inständig betete er, denn er hatte gelernt ja,

dass man ohne Unterlass im Herzen beten solle.

Las er die Schrift, so las er mit solcher gesammelter Treue,

dass nichts Entnommenes je seinem treuen Gedächtnis

entglitt; sein Geist war selbst ihm Buch und bewahrende Tafel.



IV


Diese Lebensweise gewann ihm die Herzen aller, die ihn kannten.

Freudig beugte er sich den Dienern Gottes, die er besuchte,

lernend von jedem, was ihn im einsamen Ringen auszeichnete.

Eines gefiel ihm der sanfte Umgang, dem andern das Ausharren

treu im Gebet; er sah bei diesem die Süße des Geistes,

jenem die Güte des Herzens; er prägte sich nächtliche Wachen,

eines unermüdlichen Fleißes Liebe zum heiligen Lernen.

Mancher rührte ihn durch Geduld, durch Fasten und strenge

Zucht; ihr einziges Lager war oft die nackte Erde.

Achtsam betrachtete er die Milde des einen, die feste

Standhaftigkeit des andern im Weg der christlichen Übung.

Tief in sein Herz schrieb er die Liebe zu Jesus Christus,

die sie alle verband, und die brüderliche Nächstenliebe.

So, von diesen Bildern im Innern reichlich erfüllt nun,

kehrte er wieder zurück in die Stille der eigenen Klause,

ging dort die Tugenden durch, die er vielfach verteilt gesehen,

und er bemühte sich ernstlich, alle in sich zu vereinen.

Nicht nach Vorrang verlangte er je vor den Männern des Alters,

nur darin wetteiferte er, der Letzte zu sein in den Übungen;

doch auch hierin verletzte er keinen, erregte kein Murren,

vielmehr freuten sie sich, wenn sie solches an ihm wahrnahmen.

Darum nannten ihn alle, die heiligen Freunde der Nähe,

die ihn kannten und sahen, wie still er lebte, den Liebling

Gottes; die einen begrüßten ihn zärtlich als ihren Sohn noch,

andere wieder als Bruder in gleicher geistlicher Würde.



V


Doch der Verderber des Guten, der alles Lobenswerte hasset,

konnte es nicht ertragen, zu sehen, wie solch ein Jüngling

glühte vor Eifer und stand auf so heiligem, festem Entschlusse,

ihm mit gesamter Macht entgegenzutreten im Kampfe.

Erste Versuchung war’s, ihm vor Augen die Dinge zu führen,

die er verlassen: Besitz und Erbe, Sorge der Schwester,

Adel der Herkunft, Verlockung des Reichtums, lockenden Ruhmes

eitles Begehren, die vielfach vermischten Freuden der Sinne,

alles, was süß erscheint im vergänglichen Leben der Welt.

Andrerseits stellte er ihm die Mühen der Tugend vor Augen,

harte Beschwernis des Weges, die Schwäche des irdischen Leibes,

lange Zeit noch zu leben — so flüsterte trügerisch List ihm.

Schließlich erhob er in seinem Geist wie Staub und wie Wolken

wirre Gedanken in Scharen, den Sinn zu verdunkeln und schwächen.

Doch da er sah, dass der feste Entschluss des Antonius unerschüttert

blieb, dass sein Glaube ihn warf und sein ständiges Beten

alle Anschläge zerstob, da griff er, beschämt und doch trotzig,

nach den Waffen der Lenden, von denen die Schrift einst redet:

jene ersten Hinterhalte, die Jünglinge meist erdulden.

Nächtlich beunruhigt’ er ihn, bei Tage quälte er ihn auch,

dass die Umstehenden sähen den Kampf, der zwischen ihnen tobte.


Unreine Bilder sandte der Dämon ihm in die Gedanken;

Antonius trieb sie hinweg durch inständiges Flehen im Herzen.

Kitzelte frech seine Sinne der Feind, so errötete jener,

als wär’s eigene Schuld, und er stärkte den Leib durch Gebete,

durch den Glauben und durch das Wachen in nächtlicher Stunde.

Als sich der Dämon besiegt sah, nahm er im Dunkel die Form an

einer Frau und ahmte verführerisch jegliche Regung.

Doch Antonius hob seinen Geist zu Jesus Christus

und erwog die Würde der Seele, die Gott uns geschenket,

löschte die glühenden Kohlen, womit er das Herz ihm entzünden

wollte durch Trug und durch täuschende Bilder der Lust.

Noch mehr zeigte der Feind ihm die Süße vergänglicher Freuden;

aber Antonius stellte, wie zornig und voll heiliger Trauer,

sich die ewigen Qualen vor Augen, die drohen den Huren.


So waren all seine Mühen durch heilige Einsicht entkräftet,

machtlos blieb er, dem Knecht des Herrn Schaden zu bringen.

Welche größere Schmach kann den wagenen Feind wohl treffen,

der sich Gott gleichzusetzen vermisst, als dieses zu sehen:

dass ihn ein Mensch noch jugendlich höhnisch bezwingt und verspottet,

dass ihn ein Wesen aus brüchigem Fleisch zu Boden geschlagen,

er, der sich rühmt, durch geistige Kraft über Fleisch zu erhaben.

Doch der Herr, der aus Liebe zu uns sterbliches Fleisch annahm,

stand seinem Diener bei und machte ihn siegreich im Kampfe,

auf dass ein jeder, der ringt, mit dem Apostel bekenne:

Nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die wirksam in mir ist.



VI


Als nun der höllische Drache erkannte, dass er vergeblich

Antonius zu bezwingen versuchte mit listigen Künsten,

der ihn so freimütig stets aus dem Herzen verworfen,

knirschte er wild mit den Zähnen, wie es die Schrift uns verkündet,

flammte in Wut und erschien in der trügerischen Gestalt eines Kindes,

finster von Farbe wie sein verdorbener, nächtlicher Geist war.

Da ihm die Täuschung misslang, bekannte er selbst seine Niederlage,

trat nicht mehr streitend mit Bildern und stummen Gedanken,

sondern er redete laut mit menschlicher, klagender Stimme:

Viele, so sprach er, habe ich trügend betört und bezwungen;

nun aber wollte ich dich, wie so oft schon, angreifen im Kampfe,

um dich vom mühsamen Pfad deiner Askese zu wenden,

doch ich erkannte dabei die Schwäche der eigenen Kräfte.

Antonius fragte ihn ruhig: Wer bist du, der so zu mir spricht?

Klagend erwiderte er: Ich bin der Geist der Unzucht geheißen,

ich es bin, der die Sinne der Jugend verlockend erregt hat.

Wie viele habe ich betrogen, die keusch zu leben beschlossen!

Über mich klagt der Prophet, wenn er spricht zu den Fehlenden:

Ihr seid getäuscht vom Geiste der Unzucht — ich war es, der siegte.

Ich war es auch, der dich so oft bedrängte und quälte,

den du jedoch stets vertrieben und machtlos zurückgewiesen.


Antonius aber, erfüllt von Dank und neuem Vertrauen,

sprach zu ihm fest und gewann aus den Worten des Feindes noch Stärke:

Also bist du verächtlich, ein schwarzer Geist von geringer

Kraft und mit kindischer Schwäche beladen — so fürchte ich dich nicht.

Nicht mehr kümmere ich mich, dir Raum im Herzen zu geben;

denn der Herr ist meine Stärke, ich spotte der feindlichen Mächte.

Als dies der Geist der Finsternis hörte, erschrak er zutiefst und

floh auf der Stelle und wagte nicht länger, ihm nahe zu kommen.



VII


Dies war der erste Sieg, den Antonius rang im Kampfe,

oder vielmehr der Sieg, den Christus in ihm sich erwarb hat,

der in unserem Fleisch die Sünde verdammte, auf dass wir

nicht nach dem Fleische mehr lebten, sondern im Geiste gerecht sei’n.

Doch Antonius hielt den Feind nicht völlig gebrochen und nieder,

wurde nicht lässig im Eifer, blieb wachsam mit nüchternem Herzen.

Auch der Dämon hielt sich nicht besiegt, sondern stellte ihm weiter

listige Fallen und kreiste wie brüllender Löwe um ihn her,

spähend nach einer Gelegenheit, Schaden zu bringen dem Knechte.

Antonius wusste aus Schrift und Übung der Alten sehr wohl dies:

Dass der Verführer sich wandelt in vielerlei trügerische Formen

und, wo er offen nicht siegt, mit andern Netzen ihn fangen

will; denn nichts ist ihm lieber, als Menschen zur Sünde zu stürzen.

Darum bezwang er den Leib noch strenger, hielt ihn in Knechtschaft,

dass er, im einen Gefecht als Sieger bewährt, nicht im andern

unterliege; so fasste er Mut zu noch härterem Leben.

Viele bewunderten ihn; doch ihm erschien alle Strenge

süß, da die Liebe zur Askese in ihm sich zur mächtigen

Gewohnheit formte, sodass er bei jeder sich bietenden Stunde

eifrig die Mühen ergriff und jegliche Arbeit aufsuchte.


Seine Nachtwachen waren so groß, dass er oftmals die Stunden

völliger Nächte verbrachte, ohne die Augen zu schließen,

nicht nur einmal, sondern so oft, dass Staunen sie weckten.

Einmal am Tage nur aß er, wenn untergegangen die Sonne,

oder auch erst am zweiten; ja manchmal vergingen ihm dreie

Tage, ehe er Nahrung berührte. Sein Essen war schlicht nur:

Brot und Salz; und sein Trank war einzig das klare Wasser.

Von Fleisch und Wein ist nicht nötig zu sprechen; die Einsamen alle

kannten den Gebrauch nicht mehr als er selbst ihn kannte.

Wollte er ruhen, so war sein Lager geflochtenes Schilfrohr

oder ein raues Haarhemd; meist jedoch schlief er auf Erde.

Nie rieb er Öl auf den Leib, denn oft sprach er dieses den Jüngern:

Besser ist es, durch Eifer die Freudigkeit offen zu zeigen,

mit der wir Mühen des einsamen Lebens willig ertragen,

als nach Bequemem zu suchen, das weiche den Körper nur mache.

Mehr noch: man solle sich üben in heiliger Maßhaltung, stets eingedenk

dessen, was Paulus bekennt: Ich bin stark, wenn ich schwach bin.

Denn so, erklärte er, wächst der Seele die wahre Kraft erst,

wenn wir die Lust des Leibes beschneiden und ordnen.


Wahrlich, man kann nicht genug diese weise Erwägung bewundern,

die uns zeigt, dass Antonius Tugend nicht maß an der Dauer

seiner Übung noch an der Ruhe der äußeren Zeiten,

sondern am Eifer des Herzens und treuer Beharrlichkeit.

Nie gedachte er dessen, wie viel er schon heilig gerungen,

lebte vielmehr, als hätte er eben erst angefangen,

schritt mit größerer Mühe von Tag zu Tag weiter voran noch

auf dem Pfad der Vollendung des einsamen Lebens, stets mahnend

sich an das Wort des Apostels: Vergiss, was hinter dir liegt, und

strecke dich aus nach dem Ziel, das vor dir liegt in der Zukunft.

Auch das Wort des Elias bewahrte er lebendig im Herzen:

So wahr der Herr lebt, ich muss heut vor seinem Angesicht stehen.

Darum, so sprach er, heißt es „heute“, weil keine vergangne

Zeit uns zählt; als beginne man täglich neu zu dienen.

So bemühte er sich, jeden Tag so vor Gott zu erscheinen:

rein im Gewissen, bereit im Herzen, geneigt zum Gehorsam,

ihm allein zu gefallen und einzig seinem Willen zu folgen.

Darum lehrte er auch, dass alle, die Einsamkeit wählen,

Elias nehmen zum Führer, zum Herrn und leuchtenden Vorbild,

dass sie in seinen Taten, wie in einem spiegelnden Bilde,

sähen, wie einer zu leben hat, der Gott allein sich geweiht hat.



VIII


Antonius aber, der sich nun enger beschränkte im Leben,

zog sich zu Gräbern zurück, weit draußen fern von der Stadt her.

Einen der Freunde bat er, ihm zeitweise Brot zu bringen;

dann trat er ein in eines der Gräber, schloss hinter sich fest zu

die schwere Tür und blieb dort ganz allein mit Gott und dem Ringen.

Doch der Dämon ertrug es nicht mehr und fürchtete ernstlich,

dass bald die Wüste sich fülle mit Scharen von heiligen Einsamen.

Nächtlich erschien er daher mit großem Gefolge der Bosheit,

fiel über Antonius her und schlug ihn mit wütender Härte,

warf ihn verwundet zu Boden, bedeckt von zahllosen Wunden,

sprachlos vor Schmerz, den kein Mund mehr zu fassen vermochte,

Qualen erleidend so groß, dass keine menschliche Folter

je sie an Grausamkeit hätte erreichen oder vergleichen.

Doch die Vorsehung Gottes, die niemals verlässt, die ihm hoffen,

sandte am nächsten Tag jenen Freund mit dem Brot zu dem Grabe.

Als er die Tür nun öffnete, sah er ihn liegen wie leblos,

hob ihn erschrocken empor und trug ihn auf Schultern behutsam

hin zur Kirche des Dorfes und legte ihn dort auf den Boden.

Viele Verwandte und Nachbarn eilten zusammen und setzten

sich um ihn her, denn sie meinten, er sei schon tot und verschieden.

Aber zur Stunde der Nacht, da Mitternacht still sich neigte,

kam Antonius wieder zu sich, erhob seine Augen

und sah: sie alle waren entschlafen — nur einer noch wachte,

treu bei ihm stehend: der Freund, den Gott ihm bewahrt hatte.



IX


Da nun winkte er leise dem Freunde, ihn bittend, ihn wieder,

ohne die Schlafenden aufzuwecken, zum Grabe zu tragen.

Dieser erfüllte die Bitte; Antonius schloss wie zuvor fest

hinter sich zu die Tür und blieb wieder allein mit dem Kampfe.

Doch von den Wunden geschwächt, die der Feind ihm geschlagen,

konnte er nicht mehr stehen und lag auf dem Boden im Beten.

Als er das Flehen vollendet, da rief er mit lauterer Stimme:

Hier bin ich, Antonius; keinen Schaden vermagst du mir zuzufügen.

Magst du mich noch so schlagen — nichts trennt mich von Jesu Liebe.

Und er sang aus dem Psalme das Wort voll unerschütterten Mutes:

Kämen auch Heere heran, mein Herz wird nicht zittern vor Furcht mehr.

Solches waren Gedanken und Worte des einsamen Heiligen.


Doch der unversöhnliche Feind, der Erzböse der Heiligen, staunte,

dass er, so grausam misshandelt, den Mut noch trug, wiederzukehren.

Da versammelte er seine Schar, die wütenden Geister,

gleich wie tollwüt’ge Hunde, bereit, die Gerechten zu zerreißen,

sprach, von Bosheit und Zorn ganz brennend, zu ihnen die Worte:

Seht, wir vermochten den Mann nicht zu bändigen — weder

durch den Geist der Unzucht noch durch die Qualen des Leibes;

mehr noch, er trotzt uns frech. So lasst uns neue Verderbnisse

ersinnen; leicht ist es uns, der Menschen zu schaden auf mancherlei Weise.

Kaum war dies Wort gesprochen, da tobte ein höllischer Lärm hier,

dass die vier Wände der Zelle erbebten im dröhnenden Schrecken.

Und sie drangen herein, in Gestalten verwandelter Tiere,

füllten den Ort mit grausigen Bildern und schrecklicher Vielfalt:

Löwen und Bären erschienen, Leoparden, Stiere und Wölfe,

Nattern und Skorpione und zahllose schleichende Schlangen.

Jedes der Tiere erhob den Schrei, der seiner Natur war:

Löwen sie brüllten, als wollten sie gierig ihn ganz verschlingen;

Stiere stürmten heran, als durchbohrten sie ihn mit den Hörnern;

Wölfe sprangen mit Raserei; und die Schlangen am Boden

krochen und schnellten hervor. Kein Blick war ohne Verderben,

kein Gezisch und Geschrei, das nicht grauenhaft schallte dem Ohr.


So ward Antonius rings von Schlägen und Wunden bedecket;

zahlreicher wurden die Male an seinem gemarterten Leibe.

Doch sein Geist, unbezwinglich im Staunen der Engel, blieb wachsam,

standhaft und ruhig inmitten des Tobens und wütenden Angriffs.

Während der Körper vor Schmerz laut stöhnte aus vielen Verwundungen,

blieb sein Geist in derselben gesammelten, hellen Besonnenheit.

Und er sprach, wie zum Spott, zu den tobenden Mächten der Finsternis:

Hättet ihr Kraft, so genügte ein Einziger gegen mich völlig;

doch weil Gott eure Macht zerstört, sucht ihr mich einzuschüchtern

durch die Menge allein. Nichts zeigt eure Schwäche so deutlich,

als dass ihr euch kleidet in Formen vernunftloser Tiere.

Und er fuhr fort voll mutiger Kraft und unerschüttertem Glauben:

Habt ihr Gewalt — und hat Gott sie euch wirklich gegeben —

warum zögert ihr noch, mich fühlen zu lassen den Schaden?

Habt ihr sie nicht — warum bemüht ihr euch sinnlos und fruchtlos?

Wisst ihr nicht, dass das Zeichen des Kreuzes und mein Vertrauen

auf meinen Herrn mir sind wie eine uneinnehmbare Mauer

gegen all euer Trachten, all eure listigen Angriffe?


Da nun die Dämonen sahen, dass alle Gewalt war vergeblich,

knirschten sie wütend mit Zähnen, vom Zorne verzehrt und beschämet,

weil der, den sie verhöhnen wollten, sie selbst nun verspottete.



X


Jesus Christus, der nie seinen treuen Diener verlässet,

kam ihm vom Himmel zu Hilfe im äußersten Drang des Gefechtes.

Antonius hob nun den Blick und sah, wie das Dach sich halb öffnete,

wie ein strahlender Glanz aus der Höhe die Finsternis spaltete,

rings ihn umleuchtend mit Licht, das die Schatten vertrieb und die Angst nahm.

Plötzlich entschwanden die Dämonen, lautlos und machtlos zerstreut nun,

alle Schmerzen verstummten, und ruhig kehrte das Gebäude

wieder zurück in den Stand, den es vormals besessen.

Sofort erkannte Antonius: Der Herr ist gekommen zur Hilfe,

füllt diesen Ort mit seiner lebendigen, heiligen Gegenwart.

Als er nun völlig gesammelt, von allem Übel befreit war,

sprach er zum Licht, das ihn sanft und durchdringend umstrahlte:

Wo warst du, Herr, mein Meister? Warum bist du nicht früher

gekommen, um meinen Schmerz zu lindern im härtesten Ringen?

Da hörte er eine Stimme, die mild und doch mächtig ihm antwortete:

Antonius, ich war hier; doch wollte ich Zeuge sein deines

Kampfes. Nun sehe ich klar, wie tapfer du standest im Leiden,

ohne den Mühen der Feinde auch nur ein wenig zu weichen.

Darum will ich dir stets zur Seite stehen und deinen Namen

machen bekannt in der Welt.


Als Antonius dieses vernahm nun,

richtete er sich auf zum Gebet und fühlte in sich eine Stärke,

größer als je zuvor, und erkannte mit stiller Gewissheit:

Gott hatte ihm Kraft zurückgegeben in reicherem Maße.

Fünfunddreißig an Jahren war er zu jener heiligen Stunde.



XI


Eifriger nun als zuvor, auf dem Pfade der göttlichen Tugend, Schritt er zum Greise herbei, den die Rede schon früher erwähnte. Bittend beschwor er ihn nun, in die Einsamkeit mit ihm zu ziehen, Doch der Betagte schlug’s aus, wegen Alter und fehlender Sitte. Einsam und ohne Verzug hielt Antonius Kurs auf die Berge.


Aber der Feind, der den brennenden Geist und den Eifer bemerkte, Warf ihm, um jenen Entschluss zu vereiteln, ein Blendwerk entgegen: Mitten im Pfad lag glänzend und groß eine Schale aus Silber. Hell den Betrug des unreinen Geistes erkennt der Gerechte, Blieb vor der Schale nun stehn und entlarvte den Dämon im Golde.


„Woher käme“, so sprach er zu sich, „dieses Prachtstück der Menschen 

Hier in die Wüste hinein, wo kein Pfad und kein Wandrer zu finden? 

Hätte ein Reisender dies hier verloren, so groß wie es scheinet, Hätt’ er es sicher bemerkt und am leeren Ort wiedergefunden. Täuschung ist dies nur von dir, o Dämon, und listiger Anschlag!


Nimmer verzögerst du so, was ich freudig zu tun mich entschlossen. 

Behalte dein Silber für dich und geh unter mit deinem Geschenke!“



XII


Der Sieg über das Gold und der Rückzug in die Burg

Weiter den Weg nun verfolgend, erblickt er, kein Blendwerk wie früher, 

Sondern in Wahrheit und echt, eine riesige Masse von Golde. Später bezeugt er zwar selbst, dass das Gold dort wahrhaftig gelegen, 

Doch ob der Feind es gezeigt, um die Seele im Fall zu bestricken, Oder ein Engel des Herrn, um den Diener im Glauben zu prüfen,


Und um dem Dämon zu zeigen, wie wenig das Kostbare wert sei: Niemand vermag es zu sagen, wir wissen es nicht zu berichten. Staunend betrachtet Antonius zwar die gewaltige Menge, 

Schreitet jedoch wie durch Feuer hinweg und enteilet dem Orte, Fliehend vor irdischem Schatz, um den Vorsatz im Geist zu besiegeln.


Suchend die Berge erreicht er und findet jenseits des Flusses Einsam ein altes Kastell, das von Schlangen und Vieh war besiedelt. 

Dort nun schlug er sein Lager auf, wählte die Burg sich zur Heimat; 

Alle die Tiere entwichen sogleich, wie von Geistern getrieben. Brot nur, für Wochen gebacken, wie’s Brauch ist im Lande Thebais,

Führte er mit sich als Speise, die niemals durch Fäulnis verderbet. Wasser begehrt’ er nicht mehr, als er feierlich dort nun einzog, Gleich wie in Gottes Altar, und die Pforte verschloss hinter sich dann. 

Einsam verblieb er im Innern und ließ niemanden zu sich herein. Lange verweilt’ er dort so, und nur zweimal im Jahre empfing er

Brot, das von oben durchs Dach ihm die Freunde zum Leben gereicht.



XIII


Der Kampf gegen die unsichtbaren Scharen

Freunde, die gläubig ihn suchten und draußen im Freien verweilten, 

Weil er die Pforte verschloss und sie niemals im Innern empfing, Hörten ein Murmeln im Haus, wie von lärmenden Scharen der Menschen, 

Welche mit kläglicher Stimme und drohendem Rufe ihm sagten: „Weiche von hier, dieser Ort ist der unsrige, geh aus der Wüste!


Glaubst du, du könntest bestehn gegen uns und die Netze der Bosheit?“ 

Jene, die draußen es hörten, vermeinten, es kämpften dort Männer, Die mit den Leitern gestiegen, um Streit mit dem Heilgen zu führen. 

Doch durch die Ritzen der Mauer erblickten sie niemanden drinnen; 

Furcht nun ergriff sie sogleich, und sie riefen den Namen des Freundes.


Dieser, voll Mitleid für sie, doch voll Stolz gegenüber dem Feinde, Trat an die Mauer heran, um die zitternden Seelen zu stärken. Und er ermahnte sie oft, wenn sie kamen, um nach ihm zu schauen, Gott nur zu preisen und laut die Gebete des Psalters zu rufen: „Gott wird den Arm nun erheben, die Feinde des Herrn zu zerstreuen!


Fliehen wird jeder, der hasst, vor dem göttlichen Antlitz der Klarheit; 

Gleichwie der Rauch sich verliert, so vergehen die Sündigen alle, Und wie das Wachs vor der Glut, so zerschmelzen sie vor der Gegenwart Gottes. 

Ringsum von Feinden umzingelt und bittend den Beistand des Höchsten, 

Habe den Sieg ich errungen durch Hilfe, die Gott mir verliehen.“



XIV


Zwanzig Jahre verbrachte Antonius so in der Stille, 

Niemandem sichtbar und treu seinem Gott in der Abgeschiedenheit. 

Doch als die Freunde mit Macht nun die Pforte zu brechen versuchten, 

Trat er hervor, wie ein Priester entgleitet dem heiligen Tempel, Ganz von dem Geiste erfüllt und gestärkt durch die göttliche Gnade.


Staunend erblickte das Volk ihn zum ersten Mal außerhalb Mauern, 

Denn er erschien ihnen kräftiger noch als in früheren Tagen. Weder war feist er geworden noch mager durch Fasten und Kämpfe, 

Gleich war sein Antlitz geblieben, wie einst vor dem Gang in die Wüste, 

Heiter und ruhig sein Sinn und von keinerlei Trübsal gebrochen.


Weder durch Freude bewegt noch von finsterer Strenge gezeichnet, 

Stand er inmitten der Menge, die ehrend ihn wollte begrüßen. 

Frei von dem Dünkel des Ruhms und von jeglichem Unmut des Herzens, 

Zeigte er Maß und Vernunft, die sein Inneres weise regierten. Kranke genas er durch Gott und trieb aus die unreinen Geister.


Süße und Kraft war den Worten gegeben, die Leidende tröstten, Feinde versöhnte er sanft und ermahnte sie alle zur Liebe, 

Welche wir Jesus, dem Herrn, mit dem ganzen Gemüte verdanken. Mahnen auch tat er sie ernst an das Wohl in der künftigen Weltzeit Und an die Huld unsres Gottes, der schickte den Sohn in das Leiden.


So nun bewegte er viele, die Einsamkeit freudig zu wählen; 

Berge bewohnten sie nun und in Klöstern vereinten sie Seelen, Ließen den Reichtum zurück, um als Bürger des Himmels zu leben.


XV


Die Überquerung des Wassers und der Eifer des Vaters

Als ihn die Pflicht nun gerufen, die Scharen der Schüler zu schauen, 

Musst’ er das Wasser bei Arsinoë, voll von Krokodilen, durchschreiten. 

Betend erhob er den Geist und durchschritt die gefährlichen Fluten, 

Ohne dass ihm oder jenen, die folgten, ein Übel begegnet’. 

Heim in sein Kloster gekehrt, verringert’ er nimmer die Strenge,

Die er als Jüngling schon übte mit Fasten und mühevoller Arbeit. Eifrig ermahnt’ er die Seelen derer, die einsam schon lebten, Lockte auch viele noch an, dieses heilige Leben zu wählen. 

Segen verlieh nun der Herr seinen Worten und Taten in Fülle, 

Dass mancherorts nun die Klöster wie blühende Gärten entstanden,

Welche ihn alle als Vater und leitenden Hirten verehrten.



XVI


Als sich die Eremiten an einem der Tage versammelten, 

Baten sie ihn um ein Wort, um die Seelen im Geist zu erbauen. Und in ägyptischer Sprache begann er die Brüder zu lehren: „Obzwar die Schrift uns genügt, um den Pfad des Heils zu erkennen, 

Ziert es den Gläubigen doch, sich im brüderlich Wort zu bestärken.


Sagt mir als Kinder, was ihr an Frömmigkeit weise erworben; 

Ich jedoch, älter an Jahren, erzähle euch, was ich erfahren. 

Hütet vor allem den Vorsatz und lasst in dem Eifer nicht nach nun, Werdet nicht müde am Werk und sagt nicht: ‚Wir dienten schon lange.‘ 

Sondern erneuert den Geist, als begänne die Reise erst heute.


Denn was ist menschliches Leben, gemessen an künftigen Zeiten? Nichts ist die Spanne der Welt vor der Unendlichkeit Gottes. Tauschet ihr Waren im Alltag, so gleichet der Wert sich im Handel; 

Anders jedoch ist der Kauf, den wir tun für das ewige Leben: Gering ist der Preis, den wir geben, für das, was uns droben erwartet.


Siebzig Jahre nur währet die Zeit, die dem Menschen gegeben, Achtzig vielleicht, wenn die Kraft und die Stärke dem Körper noch eigen; 

Was darüber hinausgeht, ist Mühsal und Elend und Schmerzen. Dienten wir achtzig Jahre dem Herrn in der Stille der Wüste, 

Wird uns die Herrlichkeit doch nicht nach Maßen der Zeit nur vergolten.


Endlos regieren wir dort und empfangen die Krone der Ehre; Nicht diese Erde ist Erbe des Kampfes, wir erben den Himmel. Legen den sterblichen Leib wir nun ab, so wird er verkläret, 

Ganz in Unsterblichkeit neu von der Gnade des Schöpfers gekleidet. 

Werdet nicht mutlos, o Kinder, und seid nicht im Geiste ungeduldig.


Dünkt euch nicht groß vor dem Herrn, als hättet ihr vieles geopfert, 

Denn was wir hier auch erleiden, es wiegt nicht die Herrlichkeit auf uns, 

Welche uns Gott hat bereitet und die er uns einst wird enthüllen.“



XVII


Keiner von euch soll nun denken, er hätte gar Vieles verlassen, Wenn er dem Irdischen entsagt und den weltlichen Gütern den Rücken. 

Denn wie die Erde ein Punkt nur im weiten Gefüge des Himmels, So ist das Ganze doch nichts, um das Reich Gottes sich zu erwerben. 

Wer eine Drachme nur gibt, um der hundert sogleich zu gewinnen,

Der hat nicht vieles verloren, er hat sich am Handel bereichert. Hätte ein Mensch auch die Erde besessen und gäbe sie willig, Hätt’ er für Himmlisches dennoch nur Kleines und Geringes gegeben. 

Wer nur ein Äckerlein lässt, der kann wahrlich von Opfern nicht sprechen; 

Häuser und Reichtum und Gold, auf die einer mit Stolz mag blicken,

Soll er nicht rühmen noch reuen, denn alles entgleitet im Sterben. Muss er es lassen im Tod, so fällt es den Erben zum Lose, 

Die es vielleicht nicht bewahren, wie’s weise der Prediger lehret. Darum so lasset uns frei und mit Eifer für Gott alles geben, Strebend allein nach dem Reich, das im Himmel uns ewig bereitet.


Wünschet euch nichts zu besitzen, was wir nicht zum Grabe mitnehmen; 

Sondern erwerbet euch Schätze, die folgen uns über die Schwelle: Klugheit und Mäßigung auch und Gerechtigkeit, Stärke im Geiste, Wissen um heilige Dinge und Liebe zum Nächsten und Armen, Glauben an Jesus, den Herrn, und Sanftmut und gastliche Güte.



XVIII


Hütet euch aber davor, dass die Trägheit den Geist nicht betöre; Dienstbar dem Herrn nur zu sein, sei das Ziel und die tägliche Pflicht uns. 

Niemals erdreistet ein Knecht sich zu sagen: „Ich ruh’ mich nun heute, 

Weil ich am gestrigen Tage die Arbeit schon fleißig vollendet.“ Nicht auf das Frühere pocht er, um künftig den Dienst zu verweigern,


Sondern er zeiget sich stets mit dem gleichen Gehorsam dem Meister, 

Um dem Gebieter zu gefallen und Strafe und Zorn zu entgehen. 

So auch wir: Lasset uns fest in der heiligen Lebensart bleiben, Wissend, dass Gott uns die früheren Werke nicht gütig belohnet, Wenn wir am heutigen Tag in der Trägheit den Eifer verlieren.


Grollend wird Gott uns betrachten, wenn nachlässig wir nun geworden, 

Wie es Prophet Hesekiel einst in den Schriften verkündet. 

Denket an Judas sogleich: Durch die Untreue einer nur Nacht hat Gänzlich er alles verloren, was früher an Früchten erntete.



XIX


Darum, o Kinder, verharret nun fest in der Ordnung der Regeln, Werdet nicht mutlos, denn Gott ist ein Helfer dem guten Entschlusse. 

Dass uns die Trägheit nicht fange, gedenkt an die Worte des Mittlers: 

„Täglich erleid’ ich den Tod“, so verkündet es Paulus, der Bote. Wenn wir so leben, als müssten wir heute die Erde verlassen,


Werden wir niemals der Sünde verfallen und Gott nicht erzürnen. Wenn du am Morgen erwachst, so bedenke mit gläubigem Sinne, Dass du den Abend vielleicht nicht erlebst in dem irdischen Körper; 

Legst du zur Ruhe dich nieder, so wähne, den Tag nicht zu schauen. 

Denn unser Leben ist flüchtig, gelenkt von der göttlichen Güte.


Haltet ihr dies im Gemüt und gedenkt ihr beständig des Endes, Wird keine Gier euch beflecken, kein Zorn wird das Herz mehr betrüben. 

Schätze der Erde zu häufen, wird euch dann als Eitelkeit scheinen; Stündlich den Tod nun erwartend, verlangt ihr nach weltlichen Dingen 

Nimmermehr, sondern vergebt allen jenen, die Schuld euch bereitet.


Keinerlei Fleischeslust wird dann die Seele im Wahnsinn verstricken; 

Flüchtig und brüchig erscheinen die Freuden, die heute noch locken. 

Furcht vor dem Jüngsten Gericht wird die sündigen Triebe ersticken, 

Denn die Erwartung der Qualen, die jenseits der Schwelle bereitet, Hält uns den Geist stets bereit und bewahrt uns vor jeglichem Falle.



XX


Da wir den Pfad nun beschritten, den Weg zu der göttlichen Tugend, 

Eilet mit Mut zu dem Ziele, das wir uns als Ende gesetzt haben. Keiner von euch soll nun blicken zurück, so wie Lots Weib es tat einst, 

Denn wer die Hand an den Pflug legt und schaut auf das, was dahinter, 

Ist für das Reich unsres Gottes nicht würdig und gänzlich untauglich.


Rückwärts zu schauen bedeutet, den heiligen Vorsatz zu reuen, Wieder dem Weltlauf zu folgen und irdischen Trieben zu frönen. Lasst euch vom Namen der Tugend nicht schrecken, als wär’ sie was Fremdes; 

Nicht in der Ferne zu suchen, nein, tief in uns selbst ist sie eigen, Leicht zu ergreifen für jeden, der guten und festen Entschlusses.


Griechen befahren die Meere und reisen in ferne Gebiete, 

Nur um die Künste zu lernen und Wissen der Welt zu erwerben; Wir doch bedürfen der Reise nicht, um zu dem Himmel zu finden, Denn wie der Herr uns verkündet: „Das Reich Gottes ist in euch selber.“ 

Tugend bedarf nur des Wollens, da sie aus dem Innern entspringet.


Ist doch der Teil unsrer Seele, der geistig und wissend begabt ist, Tugendhaft dann, wenn er rein bleibt, so wie er am Anfang geschaffen.

Schön war die Seele und recht, als der Schöpfer sie bildete einstens; 

Darum rief Josua mahnend: „Richtet das Herz auf zum Schöpfer!“, 

Und auch Johannes der Täufer: „Macht gerade die Wege des Herren!“


Seelen, die aufrecht verbleiben, bewahren die Reinheit der Schöpfung; 

Doch wenn sie abweicht und wankt und sich fern von der Ordnung entfernet, 

Wird sie als boshaft bezeichnet und als eine Seele, die krank ist. Nicht ist es schwierig zu tun, was ich heute euch allen nun rate: Bleiben wir so, wie wir wurden, so sind wir der Tugend ergeben.


Geben wir aber uns hin den Gedanken, die bös und verderbt sind, Werden wir wahrlich als Schlechte am Ende des Weges gerichtet. Wäre es nötig, zur Tugend weit aus sich heraus nun zu gehen, Gäb’ ich es zu, dass die Mühe und Schwierigkeit groß für uns wäre;


Aber da alles in uns ist, so lasst uns die Seele bewachen, 

Dass wir sie rein Gott bewahren, als hätt’ er sie uns nur geliehen. Er soll das Werk in uns schauen und sagen: „Dies ist meine Schöpfung.“

Ringen wir also, damit uns der Zorn nicht der Sinne beraube, Noch dass die Lust uns besiege und finstere Gier uns bezwinge.


Seid auf der Hut vor dem Feinde, der heimlich im Schatten uns lauert, 

Denn wir bekämpfen nicht Menschen, die sterblich und schwach sind wie wir auch, 

Sondern wir streiten mit Mächten, die herrschend die Lüfte bewohnen. 

Grausam und listig sind jene, die uns mit dem Falle bedrohen; Groß ist die Zahl ihrer Scharen, die rings uns mit Trugbildern täuschen.



Kapitel XXI


Sorgsam müssen wir stets der eigenen Neigung uns widmen,

Dass sie uns nimmer der Herrschaft wilder Gelüste unterwerfe.

Steht doch geschrieben gedruckt: Nicht fördert des Menschen Erbittrung

Gottes gerechtes Gebot. Wenn Lust empfängt, so gebiert sie

Sünde, und ist sie vollendet, gebiert sie den Tod für die Seele.

Leben wir also in Reinheit, so wahren wir volles Vertrauen,

Hüten das Herz mit Bedacht, wie uns lehrt das heilige Wortstück,

Dass kein überraschender Feind uns schleichend im Innern bestehle.

Mächtige Gegnerschaft droht uns, voll Tücke und finsterer Bosheit:

Dämonen sind es; wir kämpfen ja nicht nur mit Fleisch und mit Blute,

Sondern mit Fürsten der Zeit, den Mächten, die herrschen im Dunkeln,

Gegen die Geister der Bosheit, die hoch in den Lüften regieren.

Nicht weit weg sind sie uns, den Raum um uns füllen sie gänzlich,

Untereinander verschieden an Art. Viel gäbe es wahrlich

Über die Ausgeburt hier und die Kenntnis der Wesen zu sagen,

Doch ich überlasse das Wort den Kundigen, welche es besser

Fassen, und zeige euch nur, was nötig zu wissen euch ansteht,

Dass ihr die Tücken durchschaut, womit sie uns täuschen und stürzen.



Kapitel XXII


Wisset vor allem nun dies: Die Dämonen, die so wir benennen,

Wurden als solche von Gott nicht geschaffen, denn Gut ist sein Schaffen.

Rein erschaffen im Anbeginn, verloren sie selber die Freiheit

Und die vollkommene Glut, die sie einst im Himmel erfreute,

Stürzten sich tief in den Sumpf der Unreinheiten und täuschten

Mit dem gefälschten Schein die Heiden in jeglichem Lande.

Weil sie nichts so sehr hassen wie uns, die christlichen Seelen,

Bieten sie jegliche Tücke nun auf, um die Bahn uns zu sperren,

Dass wir zum Himmel nicht steigen, die Plätze aufs Neue zu füllen,

Die sie durch Stolz und Empörung verloren auf ewig im Abgrund.

Darum bedürfen wir viel des Gebets und der heiligen Übung,

Dass uns der Heilige Geist das Erkennen der Geister verleihe.

Dann erst schauen wir klar, wer unter ihnen die mindere Bosheit

Trägt und wer vollends verderbt, zu welcher Verwüstung ein jeder

Treibt und mit welchen Mitteln wir sie in die Flucht noch schlagen.

Denn vielgestaltig ist ihre Gefahr und kein Hinterhalt fremd ihm.

Dies auch wusste der selige Apostel und rief es uns Allen:

„Wohl sind bekannt uns die Sinnen des Feindes.“ Da sie uns prüfen,

Müssen wir schützend einander beistehen, der Schar zu begegnen.

Dieses gebietet die eigene Erfahrung mir, Kinder, zu sagen.



Kapitel XXIII


Wisset denn auch, dass die Feinde des Menschengeschlechtes in Wut sind,

Sehend, wie Einsame treu und alle Christen im Glauben

Freudig durch Werke der Tugend nach oben wachsen und reifen.

Gleich nun greifen sie an mit Versuchung, werfen auf Wege

Hindernisse voll Tücke und schlechte Gedanken ins Herz ein.

Aber erschreckt nicht vor ihnen und fürchtet nicht ihre Drohung!

Wenig vermögen sie dort, wo Fasten und Glaube an Christus

Sie im Verlangen zerschmettern. Doch lassen sie nimmer vom Kampfe,

Kommen aufs Neue zurück mit noch größerer Kraft und Finette.

Können sie nicht unser Herz zur schmutzigen Lust überreden,

Greifen sie anders uns an: Schreckbilder werfen sie schlau hin,

Wandeln die eigne Gestalt in Weiber, Schlangen und Riesen,

Wildes Getier und in Scharen von Kriegern, um uns zu hemen.

Aber die Visionen verschwinden wie Rauch vor den Augen,

Wappnen wir fest uns mit Glauben und schlagen das Zeichen des Kreuzes.


Frechheit und Kühnheit jedoch treibt jene aufs Neue zum Angriff.

Rühmend behaupten sie nun, die Zukunft im Voraus zu schauen,

Zeigen sich riesenhaft hoch, dass die Köpfe die Dächer berühren,

Breit von Gestalt, um mit Blendwerk das Herz zu verwirren, das standhielt.

Bleibt aber fest unser Geist in Hoffnung und Glauben verankert,



Kapitel XXIV


Bringen sie schließlich den Fürsten des Unglücks hervor, wie geschrieben

Gott ihn dem Hiob beschrieb in den Worten des Heiligen Buches:


Seine Augen erstrahlen gleichwie der Morgenseite Gestirnstück,

Brennende Fackeln entfahren dem Mund und Flammenwirbel.

Aus den Nüstern des Ungeheuers steigt meilenweit Rauch auf,

Dicht wie im glühenden Ofen.


So erscheint er voll Schrecken und Bosheit,

Rühmt sich und verheißt uns Großes, um uns zu betrügen,

Wie ihn der Schöpfer im Buche des Hiob noch weiter geschildert:


Eisen erscheint ihm wie Spreu und Messing wie morsches Gehölze,

Schwämmen gleicht ihm das Meer und die Hölle nennt er sein Reichstück,

Über die Tiefen des Abgrunds geht stolz sein täglicher Wandelschritt.


Auch beim Propheten lesen wir laut von dem Feinde der Menschen:

„Jagen will ich sie nach, bis ich sie unter die Macht mir gebogen!“

Und bei Jesaja steht geschrieben: „Ich nehme die Erde,

Wie man ein Vogelnest nimmt und die Eier raubt aus den Zweigen,

Wenn sie die Eltern verließen.“


So spricht der Geister Verderber,

Bietet die Kühnheit auf, den Gerechten im Netz zu umgarnen.

Stehen wir treu, so fürchten wir nimmer die Lügen des Feindes,

Wissend, dass niemals ein wahres Wort seinen Lippen entgleitet.

Denn all sein Prahlen verhindert nicht, dass der Erlöser den Drachen

Fängt wie mit Hakenspitze, ihn zäumt wie das feurige Rossobjekt,

Ihm mit dem Eisenring verschließt die lästernden Lippen.

Manchmal erscheint er gefangen wie ein winziger Vogel im Netze,

Gott zum Spielzeug gemacht, und manchmal tritt ihn der Christenfuß

Platt wie Skorpione und Schlangen. Das zeigt unser heiliges Leben:

Er, der die Meere zu trocknen versprach und die Erde zu knechten,

Kann unser Leben nicht störend hemmen noch hindern mein Sprechen!

Achten wir nicht auf sein Wort, denn Lüge ist all sein Gehabe,

Fürchten wir keines der Trugbilder, die nur als Schemen erscheinen.

Denn das Licht, das er zeigt, ist falsch, ein Abglanz des Feuers,

Das für die Ewigkeit ihm zur Strafe bereitet im Abgrund.

So will er uns erschrecken mit Flammen, die selbst ihn verbrennen;

Kaum erscheinen sie uns, so schwinden sie, ohne zu schaden.

Keinen Grund gibt es zu furchtsamem Zagen vor allen Dämonen:

Jesus Christus zerschlägt die Maschinen des Feindes auf ewig.



Kapitel XXV


Schlau sind jene und stets auf vielfältige Weise gewandelt:

Oftmals hören wir sie, ohn' dass sie die Blicke erblicken,

Psalmen verändern im Klang und Worte der Schrift uns zitieren.

Lesen wir leise, so hallen sie nach wie das Echo im Felsen,

Wecken uns auf aus dem Schlaf und mahnen mit Nachdruck zum Beten,

Dass sie die Ruhe uns rauben und nimmer die Kräfte genesen.

Wandeln erscheinen sie oft in den Gewändern der Einsamkeitspflege,

Führen erbauliche Reden, um schlau das Gemüt zu verführen.

Aber vernehmet sie nicht! Auch wenn sie euch mahnen zum Beten

Oder zu maßlosem Fasten, verweigernd die Speise des Leibes,

Oder euch drängen zur Reue für Sünde, die längst schon vergeben.

Nichts davon tun sie aus Frömmigkeit, nichts aus aufrichtigem Herzen,

Sondern sie wollen den Einfältigen stürzen in tiefste Verzweiflung,

Dass ihm das einsame Leben als Last und Verderben erscheine.



Kapitel XXVI


Darum verkündet der Prophet den Fluch über jeglichen Begleiter:

Wehe dem Menschen, der Not und Verderben der Seele bereitet!

Führen die Reden doch nur vom Pfade der Tugend uns abwärts.

Sprachen die Dämonen wahr, gebot ihnen Jesus zu schweigen,

Als sie ihm riefen entgegen: Du bist der Geborene Gottes!

Dass sie die heilige Lehre nicht mischen mit eigner Verderbnis.

Haben wir selber die Schrift und die Freiheit, die Gott uns verliehen,

Ziemt es sich nicht, dass der Teufel uns lehrt, der das Eigene brach.

Darum verbietet ihm Gott das heilige Wort auf den Lippen,

Spricht durch David den Spruch zu dem Sünder voll finsterer Tücke:

„Warum redest du noch von den ewigen Rechten des Schöpfers?“

Nichts ist den Dämonen fremd, um die Einfalt im Geiste zu täuschen:

Lärmen sie laut in der Nacht, so brechen sie aus in Gelächter,

Pfeifen voll Spott, und verharren wir fest, so beginnen sie Klagen.



Kapitel XXVII


Darum verschließt ihnen Gott den Mund, und wir Heiligen folgen,

Dass wir nicht weichen im Mut und der Väter Exempel vergessen.

Sprach doch der Psalmist einst, als der Sünder sich gegen ihn aufwarf:

„Ich blieb stumm in der Not, verharrte in tiefem Demütigen,

Wagte kein einziges Wort.“ Und an anderer Stelle geschrieben:

„Gleich wie ein Tauber vernahm ich es nicht und blieb wie ein Stummer.“

Achten wir also darauf, den Feinden kein Gehör zu gewähren,

Mögen sie mahnen zum Fasten, noch mutiger schreiten wir vorwärts!

Fürchtet sie nicht, wenn sie drohen mit Tod und mit finsterer Gewalt,

Schwach ist die Macht ihrer Tücke und gänzlich auf Drohung beschränkt.



Kapitel XXVIII


Bisher sprach ich nur flüchtig von all den Tücken des Feindes;

Nützlich jedoch ist es euch, dies tiefer im Geist zu bewahren:

Als unser Heiland erschien, da schlug er den Gegner darnieder,

Raubte ihm alle Gewalt. So gleicht er den gestürzten Tyrannen,

Die, weil die Macht ihnen fehlt, nur noch drohen mit eitlen Gebärden.

Denkt ihr dies gründlich bedenkt, fällt leicht euch das Spotten der Geister.

Wären sie an den Körper gebunden wie wir in der Weltzeit,

Könnten sie sagen, sie fänden uns nicht in den Winkel versteckt;

Aber sie dringen durch Wände und fliegen durch Weiten der Lüfte,

Stets zur Bosheit bereit, wie der Herr von dem Teufel bezeugte:

Er ist der Vater der Lügen und war ein Mörder von Anbeginn.

Dass sie uns dennoch nicht töten, beweist ihre völlige Ohnmacht!

Hassen sie doch unser heiliges Leben vor allem auf Erden,

Können von wegen der Schwäche den Hinterhalt dennoch nicht vollenden.

Keine Liebe zur Tugend hält sie zurück uns zu schaden,

Aber die Macht fehlt dem Willen, drum bleibt ihnen einzig das Drohen.

Sähen sie Macht in den Händen, kein Christe verbliebe im Leben;

Ist doch der Dienst für den Herrn ein Gräuel im Sinne des Sünders.

Weil sie uns schaden nicht können, entlädt sich die Wut in ihnen selber.

Hätten sie Kraft, so bräuchten sie nicht in den Scharen zu kommen,

Zeigten nicht Fratzen und Schreckbilder, Kinder im Geiste zu täuschen;

Wer die Gewalt besitzt, der handelt sogleich ohne Lärmen.

Sie jedoch spielen wie Gaukler auf Bohnen und wechseln die Masken,

Was nur bezeugt, wie verfehlt und wie ohnmächtig all ihr Beginnen.

Gottes Engel hingegen, gesandt zu den Heeren Assurs,

Brauchte kein Lärmen, kein Heer und keine erborgte Gestalt:

Ruhig vollstreckte er Macht und schlug in demselbigen Augblick

Hundertfünfundachtzigtausend Mann in die ewige Nacht.

Jene Dämonen jedoch, die der himmlischen Kräfte entbehren,

Müssen mit eitlen Phantomen die Herzen der Menschen erschrecken.



Kapitel XXIX


Mancher mag fragen vielleicht und gedenken des Duldenden Hiob:

„Wie doch vermochte der Feind ihm das Hab und das Gut zu entwenden,

Söhne und Töchter zu töten und schmerzende Wunden zu schlagen?“

Wisset: Es stammte die Macht nicht vom Teufel, es fügte der Schöpfer,

Der ihm die Prüfung gestattete, um das Gemüt zu bewähren.

Denn um Erlaubnis nur bat er und musste die Beugung erfahren,

Was uns erweist, dass der Widersacher dem Frommen nicht schadet,

Wenn ihm die Höchste Gewalt nicht zuvor die Verrichtung gestattet.

Bat er doch mehrmals darum, was die eigene Ohnmacht enthüllte!

Nicht einmal Vieh auf den Weiden vermocht’ er zu rühren ohn' Einwill'g'ung.

Selbst in die Herde der Schweine zu fahren, erbat er flehend.

Machtlos beim Borstenvieh – wie denn vermöcht’ er das Schicksal des Menschen,

Der nach dem Bilde des Ewigen hoch in den Rängen erschaffen?



Kapitel XXX


Einsam gebührt nur dem Höchsten die Furcht, doch die Dämonen verachtet!

Je mehr sie drängen mit Tücke, je mehr durch die Übung erstarkt nur!

Glaube voll Festigkeit wappnet die Seele mit mächtigen Waffen:

Fürchten sie Fasten und Wachen der Einsamen, liebevoll Dienen,

Armut im Geiste und Milde, den Frieden des Herzens und Demut,

Oder die Liebe zu Gott, die im Busen voll Klarheit entflammet.

Darum erzittern die Geister und suchen die Bahnen zu versperren,

Dass kein Gerechter entstehe, der tretend sie nieder erdrücke.



Kapitel XXXI


Glaubet nicht an ihr Behaupten, als wüssten sie Reiche der Zukunft!

Kommen sie eilig und künden den Besuch von den Brüdern im Voraus,

Prahlen sie nur mit Geschwindsein, als hätten sie Wissen empfangen.

Da ihr Gebilde viel leichter als unseres Leibes Beschwerde,

Eilen sie schneller als Boten zu Fuß oder Reiter auf Rossen.

Nichts ist prophetisch daran, denn das Wissen der kommenden Dinge

Bleibet dem Höchsten vorbehalten, der Welten und Zeiten überschaut.

Gleich wie ein Dieb aus der Ferne berichten sie bloß, was geschehen,

Durcheilen Räume der Luft, um die Neuigkeit rasch zu verbreiten.

Käme ein Wandrer daher aus Thebais, sie sähen ihn gehen,

Eilten voraus in der Schnelligkeit, kündeten früh seine Ankunft.

Macht’ er jedoch auf dem Wege kehrt, so stünden sie lügenhaft da.



Kapitel XXXII


Selbst das Anschwellen der Ströme benutzen sie schlau zur Täuschung:

Sehen sie Regengüsse im Land Äthiopien fallen,

Melden sie Eile voll Nilflut den Völkern im Ackerbaulande.

Jeglicher Mensch auf der Höhe der Wache vermöchte das Gleiche,

Sähe den Nahenden früher als jene, die unten im Tale.

Bricht aber trocken das Wetter herein durch die Fügung des Schöpfers,

Werden sie lügenhaft bloßgestellt, so wie die Orakel der Griechen,

Welche durch Götzengestalten die Herden der Sterblichen täuschten.



Kapitel XXXIII


Doch die Orakel verstummten, als Christus erschien in der Weltzeit,

Lügengewebe zerschlug er und machte das Blendwerk zunichte.

Ahnung ist alles nur, so wie der Arzt aus Erfahrendem kündet,

Oder der Schiffer die Stürme berechnet am Stande der Wolken.

Welchen Gewinne gewährt es, zu wissen, was morgen geschehe?

Bringt es uns näher zur Tugend und macht es die Seelen vollkommener?

Keiner wird wegen des Nichtwissens einst vor dem Richter verurteilt.



Kapitel XXXIV


Achten wir nicht auf das Künftige! Ringen wir mutig im Kampfe,

Dass wir durch heilige Übungen Wohlgefallen vor Gott erlangen!

Bitten wir nimmer um Hellseherei als Belohnung des Lebens,

Sondern um Beistand im Streite voll Sieg gegen Geister der Finsternis.

Wer aber Sehnsucht nach Einsicht bewahrt, der halte sich makellos rein:

Aus der Unschuld der Taufe empfängt die gereinigte Seele

Offenbarungen Gottes, die höher als jeglicher Trugschluss.

So sah das Auge Elias einst Gehazi im Verborgenen wandeln,

Schauet die Truppen der Engel, die feurig im Kreise ihn schützten.



Kapitel XXXV


Nahen sie nächtlich als Engelsgestalten mit schmeichelnden Worten,

Preisen das einsame Leben und nennen euch heilig und selig,

Schließet die Ohren voll Festigkeit! Zeichnet das Zeichen des Kreuzes

Über die Häuser und betet – sogleich entfliehen die Schemen.

Vor dem Gestaltnis des Kreuzes erschrecken sie tief in der Seele,

Weil unser Heiland am Holze entmachtet sie hat und entblößet.


Eins von dem andern zu trennen, fällt leicht mit der Gnade des Schöpfers:

Wenn gute Engel erscheinen, bringen sie Frieden und Wonne,

Schreien nicht laut auf den Strassen, noch straggen sie streitend umher.

Süß ist die Gegenwart stets, voll Erhellung und ruhigem Troststück;

Furcht, die den Sterblichen packt vor der höheren Natur der Gestalten,

Nehmen sie gütig sogleich, wie der Bote dem Zacharias zurief:

„Fürchte dich nicht!“, und den Frauen am Grabe voll himmlischem Trost.



Kapitel XXXVI


Umgekehrt bringt böser Geister Erscheinen Verwirrung:

Lärmend nahmen sie Einzug mit finster geschreitem Getummel,

Gleich wie Räuber und wilde Gesellen in nächtlicher Dunkelheit,

Schrecken schleudernd ins Herz und Verwirrung im Innern erweckend.

Kummer senket den Blick, Ekel wächst vor der Einsamkeit Pflege,

Geist wird schwach und betrübt von Gedächtnis an Heimat und Eltern,

Todesangst schleicht herbei und Begierden nach weltlichem Schimmer.

Sollte die Vision dich erschrecken und weichen sogleich dann,

Weicht der Schrecken vollends und folgt nun die seligste Freude,

Wird dein Inneres ruhig, voll Glauben und mächtiger Hoffnung,

Regt sich Liebe zu Gott dir im Herzen mit reinster Empfindung,

Fasse voll Vertrauen den Mut und bete zum Himmel:

Solcher Friede erweist die Heiligkeit göttlicher Geister!

So erfreute sich einst der Erzvater Gott zu erblicken,

So erbebte das Kind Johannes im Schoße der Mutter.

Doch wenn Lärmen und Schrecken verbleiben mit Drohung des Todes,

Und Gestalten der Welt dich umringen mit eitlen Phantomen,

Wisse: So prüfen die Bösen dich bloß mit spottendem Scheine!



Kapitel XXXVII


Bestes Zeichen bleibt stets, wenn die Seele in Ängsten verharret;

Niemals nehmen die Teufel die Angst aus dem Herzen des Menschen,

Wie es Gabriel einst bei Maria und Zacharias vollbrachte.

Sondern je mehr sie das Zagen erblicken, je mehr der Schreckbilder

Stellen sie hin vor den Geist, bis der Leidende zitternd sich beuge,

Anbetung ihnen zu zollen. So täuschten sie Völker der Heiden,

Dass man die Fratzen verehrte als Götter auf Erden.

Unser Erlöser jedoch verwarf diese Tücke des Feindes;

Als ihn der Versucher bedrängte, da rief er dem Satan entgegen:

„Weiche von hinnen von mir! Denn geschrieben steht ewig gedruckt:

Beten sollst du den Herrn nur allein an und dienen dem Schöpfer!“

Achten wir also nicht mehr auf die Lügen des düsteren Geistes,

Da unser Heiland die Worte gesprochen, dass bebend der Dämon

Sich an die göttliche Macht und die Drohung des Schöpfers erinnere.



Kapitel XXXVIII


Eines noch lege ich euch an das Herz, geliebteste Kinder:

Brüstet euch nimmer voll Stolz, wenn Dämonen ihr siegreich vertreibet,

Blähet euch eitel nicht auf, wenn ihr Kranke durch Wunder geheilet!

Rühmt nicht denjenigen bloß, der die Geister der Finsternis austreibt,

Oder verachtet den Bruder, dem solches nicht gnädig verliehen.

Sondern betrachtet die Tugend in heiligen Übungen stets nur,

Trachtet ihr nach im Gemüt und sucht sie im Eifer zu mehren.

Wunder zu wirken liegt nicht in der Macht unsres eigenen Wollens,

Gottes Werk ist es allein. Und so sprach der Erlöser den Jünger:

„Freut euch nicht darüber bloß, dass Dämonen euch weichen im Kampfe,

Sondern freut euch vielmehr, dass die Namen im Himmel geschrieben!“

Dass sie geschrieben dort stehen, bezeugt euer heiliges Leben,

Während das Austreiben bloß eine Gnade des Schöpfers erweiset.

Darum sprach er zu jenen, die Wunder statt Tugenden priesen:

„Wahrlich, ich kenne euch nicht!“ Denn er kennet die Gottlosen nimmer.

Darum betet von Herzen um Gabe der Geister-Erkenntnis,

Dass uns kein schwankender Wind von den Pfaden der Wahrheit entführe.



Kapitel XXXIX


Schließen wollte ich schon die Unterweisung im Kreise der Brüder,

Ohne zu sagen von dem, was mir selber im Leben begegnet.

Doch ihr sollt nicht gedenken, ich hätte dies frei mir ersonnen:

Dass ihr die Wahrheit erkennt und erfahrt aus eigener Prüfung,

Sage ich offen noch mehr von den Tücken und Fallen der Geister,

Wenn es auch unklug erscheint. Doch Gott sieht die Lauterkeit meines

Herzens und weiß, dass ich einzig aus Liebe zu euren Seelen

Spreche, damit ihr im Geiste gewinnt an himmlischer Stärke.


Wie oft riefen sie laut, ich sei heilig, und ich hab sie verflucht!

Wie oft prophezeiten sie Fluten des Nilstroms und hielten mich auf!

Manchmal umringten sie mich mit Drohungen schrecklicher Truppen,

Reiter und Fußvolk voll Waffen; ich sang die Verse des Psalms:

„Jene vertrauen auf Wagen und Rosse, wir aber rühmen

Einzig den Namen des Herrn!“ Und im Beten zerschmolz ihre Macht.


Nachts auch kamen sie einst mit vorgetäuschter Helligkeit zu mir,

Riefen: „Wir kommen, Antonius, jetzt, um dein Dunkel zu erhellen!“

Schloss ich die Augen voll Gebet, verlosch das verfluchte Gebilde.

Monate später zitierten sie Psalmen und Heilige Schriften;

Aber ich blieb wie ein Tauber stumm verharrend im Gebete.

Bebte die Zelle einmal, so betete ich zu dem Schöpfer,

Dass nicht die Seele mir wanke. Da klatschten sie hohnvoll die Hände,

Sprangen voll Spott und pfiffen; doch als ich Psalmen gesungen,

Fingen sie heulend zu klagen an, gänzlich der Kräfte entblößet.

Da gepriesen sei Gott, der die Frechheit der Geister zerschmettert!



Kapitel XL


Eines der Tage erschien mir der Dämon voll ungeheurer Größe,

Hatte die Frechheit und sprach: „Ich bin die Gewalt und die Fügung

Gottes für dich, und verlangen kannst du von mir, was du wünschst!“

Da rief laut ich den Namen des Erlösers und spuckte dem Unhold

Mitten ins Antlitz hinein. Und als ich ihn schlagen gestanden,

Schwand das Gebilde sogleich samt all den Dämonen im Gefolge,

Sobald der heiligste Name erschallte im Weiten des Raumes.


Wiederum kam der Betrüger, als fasting ich saß in der Zelle,

Trat im Gewand eines Einsamen ein und reichte mir Brote:

„Iss nun und ruhe dich aus von den viel zu gewaltigen Mühen!

Bist doch ein Mensch wie die andern und wirst der Kasteiung erliegen!“

Doch ich erkannte die Tücke sogleich und erhob mich zum Beten.

Das unselige Wesen vermocht’ es nicht länger zu dulden,

Fiel in Ohnmacht vor mir und entwich wie ein Rauch durch die Türen.


Oft auch legte er Gold mir im Sande der Einsamkeit nieder,

Dass ich es rühre und schaue; doch singing die Psalmen des Schöpfers,

Ließ ich den Plunder verdorren. Oft bedeckt’ er mit Wunden den Körper,

Doch ich sprach fest: „Nichts scheidet mich je von der Liebe des Herren!“

Bei diesen Worten schlug wütend die Söldnerschar auf sich selber.

Nicht ich bezwang jene Macht, noch zerschlug ich die finsteren Waffen;

Sondern der Herr war es selbst, der verkündete allen den Siegsspruch:

„Satan sah ich wie Blitze vom Himmel hernieder gestürzt!“


Dies, geliebteste Kinder, geschah mir persönlich im Leben,

Und ich erzählte es euch, wie der heilige Apostel es lehrte,

Dass kein Erschrecken und keines der Trugbilder euren Entschluss schwäche.



Kapitel XLI


Weil mich der Wunsch überkam, euch wachsen zu sehen in Tugend,

Schritt ich hinweg über Grenzen der Klugheit; drum vernehmet noch eines,

Dass eure Sicherheit mehre im Kampfe mit jenen Dämonen.

Glaubet mir frei, denn ich lüge euch nicht in den heiligen Worten:

Als einst klopfte ein Gast an die Tür meines Einsiedlerklosters,

Trat ich heraus und erblickte den Mann von gewaltiger Größe.

Als ich ihn fragte, wer sei er, da gab er mir Antwort und sagte:

„Satan bin ich!“ – „Was suchst du an diesem Orte?“, so rief ich.

Er nun erwiderte klagend: „Warum nur verfluchen mich Christen?

Warum beschuldigen alle die Einsamen mich ohne Ursach’?“ –

„Warum quälst du sie denn?“, so entgegnet’ ich ihm auf die Klage.

„Gar nicht sorge ich mich um die Mönche!“, so sprach er betrübt dann,

„Sie nur beunruhigen sich; denn zerschlagen ist all meine Stärke.

Haben sie nicht in den Schriften gelesen: ‚Der Feind ist entwaffnet,

All seine Städte zerstört‘? Nicht ein einziges Nest bleibt mir eigen,

Waffen besitze ich nicht, und kein Ort ist mir länger verblieben!

Christen erfülle die Welt, und die Wüsten sind dicht von den Mönchen!

Mögen sie wachen über sich selbst und das Fluchen vergessen!“


Da bewunderte tief ich die Gnade des Schöpfers und sprach dann:

„Obwohl du lügst ohne Unterlass stets und die Wahrheit verabscheust,

Hast du sie eben gesagt wider Willen voll göttlichem Zwange!

Denn als Christus erschien in der Welt, da entwaffnet’ er gänzlich

Deine Gewalt und hat tief auf den Boden dich niedergetreten!“

Als der Betrüger den Namen des Heilands vernahm, da entflammte

Stärker die Glut seiner Qualen, und schwindend entwich er sogleich.



Kapitel XLII


Wenn er gestand, dass er nichts mehr vermag, so verachten wir alle

Jene Dämonen und fürchten uns nicht vor dem Knurren der Hunde!

Da wir die Schwäche durchschauen, verwerfen wir eitles Erschrecken.

Denket nicht zitternd im Herzen: „Was, wenn der Teufel mich angreift?

Was, wenn er plötzlich mich stürzt und in Ängste und Nöte mir stürze?“

Keinen Gedanken von diesen bewahrt, noch betrübet die Seelen!

Sondern voll Freuden gedenket der Rettung und wisset voll Glauben:

Gott ist mit uns, der die Mächte der Finsternis siegreich vertrieb!

Immer ist gegenwärtig der Herr, dass sie gar nichts vermögen.

Denn sie gestalten die Schemen und Bilder genau nach dem Zustande,

Den sie im Innern uns finden: Erblicken sie Ängste im Geiste,

Greifen sie an wie die Diebe das Haus, das von keinem bewacht wird,

Mehren die Sorgen durch schreckende Visionen und drohende Fratzen.

Sehen sie aber das Herz voller Freude verankert im Schöpfer,

Sinnend über Gebote des Herrn und die Allmacht der Rettung,

Können die bösen Dämonen nichts richten und weichen beschämt ab.

Als er den Hiob voll Waffen erblickte, da wich der Versucher;

Judas jedoch, der der Waffen entblößt war, geriet in die Knechtschaft.

Darum bewahret im Geiste die heiligen, lauteren Sinnen,

Freuet euch stets in der Hoffnung auf künftige Güter des Himmels!

Dann erst schwindet das Blendwerk wie Rauch vor den Blicken der Frommen.



Kapitel XLIII


Dass ihr euch weniger fürchtet vor alldem, erhaltet ein Zeichen:

Wenn eine Vision euch erscheint, so erforschet voll Vertrauen,

Ohne von Furcht sich verwirren zu lassen, und fraget das Bildnis:

„Wer bist du selber, und woher kommst du gegangen zu mir?“

Ist es ein heiliger Engel, so bringt seine Antwort die Klarheit,

Wandelt die Sorgen sogleich in die süßeste, reinste Erbauung.

Ist es ein Dämon jedoch, so erschrickt er vor Festigkeit eurer

Seele und weicht; denn das sicherste Zeichen des standhaften Geistes

Ist es, zu fragen voll Mut: „Wer bist du und woher gekommen?“

So ward dem Sohne von Nun einst enthüllt, was zu wissen er wünschte,

Und dem Daniel konnte der Geister Betrug nicht entgehen.



Kapitel XLIV


Als nun Antonius geendet die Rede, da wurden die Herzen

In der Versammlung voll Freude; es wuchs das Verlangen zur Tugend,

Flog die Trägheit davon aus den Sinnen der horchenden Brüder,

Wurden die Eitlen geheilt, die vorher von sich Großes gedacht.

Alle lernten verachten die Tücken und Fallen der Geister,

Preisend die Gnade, die Gott seinem Diener so reichlich verliehen.

Und so entstanden Klöster auf Bergen gleich heiligen Tempeln,

Reich an den Chören der Männer, die Psalmen dem Schöpfer gesungen,

Schriften studierten, im Fasten verharrten, im Beten und Dienen,

Arbeit verrichtend mit Händen, um den Armen die Gabe zu reichen,

Lebend in göttlicher Liebe und herrlichster Einigkeit stets.


Wahrlich, man sah jene Orte wie Länder, von Weltsinn geschieden,

Deren Bewohner nur strebten nach Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Wahrheit.

Keiner erlitt dort Unrecht, noch fügte er Schaden dem Bruder,

Nimmer erschallten die Drohungen harter Verwalter im Lande;

Sondern erfüllt war die Wüste von heiligen Scharen der Mönche,

Welche nur eines ersehnten: Zu wachsen im Pfade der Tugend.

Wer diese Klöster erblickte und all die bewundernswert’ Ordnung,

Rief voller Staunen die Worte des Propheten hinaus in die Lande:


„O wie schön sind die Zelte fürwahr, die du bauest, o Jakob,

Und deine Hütten, Israel!

Wie die Täler, vom Grunde der Wälder umschattet im Lichte,

Wie die Gärten, bewässert von fließenden Bächen der Quelle;

Wie die Zeltbauten alle, errichtet vom Arme des Schöpfers,

Und wie die Zedern am Wasser!“



Kapitel XLV


Brauchgemäß lebte Antonius fortan im kleinen Gehege,

Wuchs mit unendlichem Eifer empor zu den Höhen der Tugend,

Hielt die Behausung des Himmels vor Augen den sehnenden Blicken.

Seufzend ersehnt’ er die Heimat und schämte sich tief in der Seele

Wegen der Schwäche des Leibes, des Essens, des Schlafs und der Notdurft.

Saßen die Jünger beim Mahle, gedachte er geistiger Speise,

Stand von den Brüdern rasch auf und entwich in die Stille der Zelle,

Gleich als schämte er sich, von Menschen beim Essen erblickt zu werden.


Darum ermahnte er alle: Dem Heile der Seele gebühre

Sorgsamste Pflege voll Eifer, dem Leibe nur spärlichste Fristung,

Dass sich der Geist nicht ergebe den Lüsten der Welt und der Knechtschaft!

Hat doch der Heiland gelehrt: Nicht sollt ihr euch sorgen ums Leben,

Was ihr nun esset und trinkt, womit ihr die Glieder umhüllet.

Solches Begehren gehört den Ungläubigen; euer Erzeuger

Weiß um die Notdurft vollkommen. Drum suchet das Göttliche Reich nur,

Strebet nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das Andere werden!



Kapitel XLVI


Als nun Maximian grauenvoll tobte im Blute der Christen,

Führte man Zeugen des Glaubens gefangen zum Sitz Alexandrias.

Da verließ er die Zelle und folgte den Spuren der Brüder:

„Lasst uns zum Kampfe nun ziehen, die Glorie der Brüder zu teilen,

Oder Bewunderer zu sein des Triumphs!“ Denn er brannte vor Sehnsucht,

Selber den Märtyrertod zu erleiden für den Namen des Heilands.

Da er sich selber nicht opfern durfte, so diente er eifrig

Jenen in Bergwerk und Kerker. Und stellte man sie vor die Richter,

Mahnte er alle zum Standhalten fest bis zum Ende des Lebens.

Der Richter, erzürnt ob des Mutes, verbot den Einsamen strengstens,

Sich beim Gerichte zu zeigen oder im Weichbild der Stadt noch zu weilen.

Dennoch blieb er unerschrocken im Glauben; am folgenden Tage

Wusch er die Kutte und stellte sich hoch auf den Weg des Gerichts hin,

Dass ihn der Richter erblickte mit all dem Gefolge der Häscher.

Gerne gesehnt hätt’ er sich nach dem Tode; doch fügte es Gott anders,

Dass er zum Lehrer der Einsamen werde im Wüstenbereich.



Kapitel XLVII


Als nun die grausame Zeit der Verfolgung ihr Ende gefunden,

Kehrte er heim in die Zelle. Dort brachte sein heiliges Leben

Ihm das Verdienst des Martyriums täglich von Neuem am Leibe:

Trug ein Gewand aus den Haaren der Ziegen und drüber das Leder,

Das er bis hin zu dem Tode nie ablegte von den Gebeinen;

Wusch auch den Körper nie ab, noch reinigt’ er jemals die Füße,

Wurde vollkommen entblößt von den Blicken der Menschen nicht gesehen,

Bis man ihn trug in die Erde.



Kapitel XLVIII


Als er in Stille nun verblieb,

Kam Martinianus, ein Kriegsmann, zu stören die Ruhe der Zelle,

Flehend um Hilfe für die Tochter, die schrecklich der Teufel tormented.

Als er pochte an Türen, da öffnete keineswegs Antonius;

Blickte nur oben heraus und rief: „Was quälst du mich, Mensch?

Bin ein Sterblicher wie du! Doch glaubst du an Gott in der Höhe,

Bete zu Christus voll Glaube, und Besserung wird dir gewährt!“

Da glaubte der Kriegsmann voll Hoffnung, und heimgelangt fand er die Tochter

Gänzlich befreit von dem Übel. Und viele der Kranken genasen

Draußen vor seinen Türen durch betende Blicke zum Schöpfer.



Kapitel LXI


Als er den Andrang erblickte, da fürchtet’ er eitle Begierden,

Dass man zu hoch von ihm denke und mehr als ein Sterblicher schätze.

Drum beschloss er zu fliehen ins Hohe Thebais zur Stille.

Nahm sich ein Brot von den Jüngern und saß an dem Ufer des Flusses,

Wartend auf Schiffe. Da hörte er droben die Stimme des Schöpfers:

„Antonius, wohin gehst du?“ Er antwortete ruhig dem Rufen:

„Weil mich die Menschen beunruhigen, will ich nach Ober-Thebais,

Dass ich dem Zudrang entgehe.“ Da sprach die Stimme von Neuem:

„Ziehst du auch dort hin, wo Hirten nur weiden auf kargen Gefilden,

Wachsen die Sorgen dir doppelt. Doch suchst du die tiefere Stille,

Wandere tiefer hinein in die Wüste!“ Er fragte: „Wer zeigt mir

Dort hin den Pfad?“ Da wies ihm die Stimme die Schar Sarazener,

Welche des Weges zog. Und er schloss sich den Wandrern voll Freude an.

Drei Tage zog er durch Öde und kam an den ragenden Berg hin,

Wo eine lautere Quelle mit köstlichstem Wasser entsprang.

Unten im Talle lagen ein paar wild wachsende Palmen.



Kapitel L


Liebe empfand er sogleich für den Ort, wie die Stimme verkündet.

Blieb an dem Berge alleine, vom Brote der Wandrer verpflegt;

Jene Sarazener brachten ihm Freude voll Nahrung zurücke,

Auch von den Früchten der Palmen empfing er die Stärkung des Leibes.

Als seine Jünger erfuhren den Ort, da beschickten sie klagend

Den Vater mit Brot; doch um ihnen die Last zu ersparen,

Bat er um Hacke und Axt und den Samen des Weizens zur Einsaat.

An dem Gebirge bestellte er sorgsam das kleine Gefilde,

Wässert’ es gut aus der Quelle und erntete jährlich die Speise,

Dass er nun keinem zur Last fiel.


Am Anfang kamen die Tiere der Wüste,

Tranken am Brunnen und traten das Saatgut mit Füßen darnieder.

Sanft ergriff er ein Tier und rief den Gefährten entgegen:

„Warum schädigt ihr mich, wo ich euch keineswegs schädige?

Weichet von hinnen im Namen des Herrn und kehrt nimmer wieder!“

Und auf das Wort hin entflohen die Bestien voll Schrecken im Geiste,

Wagten fortan nicht mehr, den heiligen Boden zu betreten.



Kapitel L


Liebe empfand er sogleich für den Ort, wie die Stimme verkündet.

Blieb an dem Berge alleine, vom Brote der Wandrer verpflegt;

Jene Sarazener brachten ihm Freude voll Nahrung zurücke,

Auch von den Früchten der Palmen empfing er die Stärkung des Leibes.

Als seine Jünger erfuhren den Ort, da beschickten sie klagend

Den Vater mit Brot; doch um ihnen die Last zu ersparen,

Bat er um Hacke und Axt und den Samen des Weizens zur Einsaat.

An dem Gebirge bestellte er sorgsam das kleine Gefilde,

Wässert’ es gut aus der Quelle und erntete jährlich die Speise,

Dass er nun keinem zur Last fiel.


Am Anfang kamen die Tiere der Wüste,

Tranken am Brunnen und traten das Saatgut mit Füßen darnieder.

Sanft ergriff er ein Tier und rief den Gefährten entgegen:

„Warum schädigt ihr mich, wo ich euch keineswegs schädige?

Weichet von hinnen im Namen des Herrn und kehrt nimmer wieder!“

Und auf das Wort hin entflohen die Bestien voll Schrecken im Geiste,

Wagten fortan nicht mehr, den heiligen Boden zu betreten.



Kapitel LI


So verblieb er alleine am Fuß des gewaltigen Berges,

Gab sich dem Gebete vollkommen hin und den Übungen Gottes.

Weil er gealtert bereits, so brachten die hilfreichen Brüder

Monatlich Öl ihm und Oliven zur Stärkung der schwindenden Kräfte.

Aber wie viele der Kämpfe bestritt er an diesem Orte!

Nicht mit dem Fleisch und dem Blute, wie einst der Apostel verkündet,

Sondern mit Fürsten der Zeit und den Geistern im dunklen Bereiche.

Brüder, die kamen, vernahmen das Lärmen verwirrter Stimmen,

Gleich wie von Kriegern, die streitend im Schlage zusammenschlagen.

Nachts sah man Bestien den Berg vollfüllen und Antonius mitten

Beteiligt am Kampfe, im Beten die feindliche Macht zu besiegen.

Keineswegs schreckt’ ihn die Wut der Unhold' und wilden Dämonen;

Unerschütterlich blieb er im Geiste wie ragend der Zion.

Eher erzitterte Satan vor ihm als der Einsame vor ihm,

Und die Geschöpfe der Wüste wurden sanftmütig im Blicke.



Kapitel LII


Gegen ihn knirschte der Teufel voll Wut mit den feurigen Zähnen;

Aber Antonius suchte beim Heiland die Zuflucht im Gebete.

Eines der Nächte entsandte der Feind ihm die Bestien der Öde,

Dass man vermeinen mochte, kein Wild bleibe rückwärts in Höhlen.

Ringsum umringten sie ihn mit aufgesperrten Räuber-Lefzen,

Drohend zu beißen. Da sprach der Heilige ruhig zu ihnen:

„Gab euch Gott die Gewalt, mich zu fressen, so bin ich erbötig;

Schicken Dämonen euch her, so entweichet sogleich aus den Blicken!

Bin ich doch Knecht des Erlösers!“ Und blitzschnell entwichen die Bestien,

Gleich als peitschte das Wort sie hinweg in die Weiten der Öde.



Kapitel LIII


Wenige Tage darauf, als er fleißig geflochten die Körbe,

Zog ein Betrüger am Seile des Handwerks dicht an den Türen.

Als er hinaustrat, erblickte er solch ein seltsames Scheusal:

Menschlich geformt an den Schenkeln, im Übrigen völlig wie Esel.

Segnend schlug er das Kreuz und rief dem Ungeheuer entgegen:

„Knecht bin ich Jesus Christi! Hat er dich gesandt, so verharre!“

Bei diesen Worten entfloh das Gebilde im Sauseschritt mitten

Auf der Bahn und fiel tot darnieder; die Höllischen wichen,

Weil all ihr Sinnen vergeblich gewesen, den Alten zu stürzen.



Kapitel LIV


Als ihn die Jünger gebeten, den Berg zu verlassen zur Einkehr,

Zug er hinab mit den Brüdern; ein Kamel trug Wasser und Brote.

Dürre beherrschte das Land, denn die Quellen entsprangen am Berge,

Drum ging der Vorrat zu Ende im Sengen der drückenden Hitze.

Machtlos sanken sie nieder, verwacht von dem harten Verdursten,

Ließen das Reittier voll Hoffnungslosigkeit in der Einöde fahren.

Seufzer entstießen dem Alten beim Anblick der leidenden Brüder;

Ein stück weichend, beugt’ er die Knie und rief zu dem Schöpfer.

Gleich antwortete Gott: An der Stelle des Betens entsprang nun

Köstliches Wasser zum Tranke. Da tranken die Brüder voll Labsal,

Füllten die Schläuche und fanden das Reittier am Felsen verfangen,

Tränkten es auch und vollendeten glücklich die Reise zur Einkehr.


Als er die Klöster betrat, empfingen die Einsamen feiernd

Ihren Erzieher; er teilte die geistigen Güter voll Milde.

Süße Erbauung und Freude erfüllte die Herzen der Mönche.

Auch seine Schwester erblickt' er von Neuem, die keusch in den Jahren

Ergraut war und den Jungfrauen als Mutter im Glauben voransteht.



Kapitel LV


Später kehrte er zurück in die Stille des ragenden Berges.

Viele der Einsamen suchten ihn dort, und Gehölze der Kranken

Füllten den Ort, um Zuspruch und Heilung im Glauben zu finden.

Jedem ermahnte er streng: „Haltet fest an dem Retter der Welt!

Liebet ihn innig im Herzen und reiniget alle Gedanken;

Meidet den Fraß und den Eitelkeitswahn und betet voll Eifer!

Morgens und abends laßt Psalmen ertönen zum Lobpreis des Schöpfers!

Tragt die Gebote im Geiste und folgt den Exempeln der Frommen!

Lasset die Sonne nie über dem Zorn und den Sünden untergehen,

Dass weder Tag noch die Nacht eure Fehler bezeuge im Lichte!“


Selber ermahnte er alle: „Prüfet euch täglich im Innern!

Richtet euch selbst, dass ihr aufhöret, Sünden im Geiste zu nähren.

Wer ohne Fehl ist, der blähe sich keineswegs auf in dem Dünkel,

Sondern er warte geduldig das Urteil des göttlichen Richters!

Schreibet die Regungen nieder und führet Buch über die Sünden,

Gleich als müsste man allen die Fehler vor Augen entfalten!

Wer seine Taten notiert, wird vor Scham die Gedanken bezähmen,

Gleich wie im Blicke der Brüder die Unzucht im Keime erstickt.“



Kapitel LVI


Solche Gebote gab Antonius jenen, die kamen.

Voller Erbarmen erhörte er alle, die litten an Seuchen,

Flehte zu Gott, und oft schenkte der Herr die Genesung den Kranken.

Dennoch rühmte er nie sich der Wunder, noch murrt’ er im Herzen,

Wenn ihm die Bitte versagt blieb, sondern erwiderte Dankspruch,

Mahnend die Armen zu Duldung: „Nicht von Menschen hängt Heilung,

Sondern von Gott nur allein, der da waltet nach heiligem Willen.“



Kapitel LVII


Einst kam Fronton herbei aus dem Kaiserpalaste gerannt,

Schrecklich geplagt von der Krankheit, sodass er die Zunge zerbiss

Und sich die Augen herauszureißen im Wahnwitz zu trachten schien.

Kniefallend bat er den Greis um das Gebet für die Heilung.

Antonius sprach: „Kehre heim, und Genesung wird dir zuteil!“

Als aber Fronton verharrte und tagelang blieb an dem Berge,

Rief der Heilige wiederum: „Hier wirst du nimmer genesen!

Ziehe nach Ägypten hinab, und dort schaust du das Wunder!“

Da glaubte der Mann und ging hin; und sobald er das Land betrat,

Ward er gesund, wie es Gott dem Erleuchteten vorher geoffenbart.



Kapitel LVIII


Auch ein Jungfräulein kam aus Busiris in Tripoli fernher,

Schrecklich entstellt an dem Antlitz von grässlichem Eiter und Unrat,

Welcher aus Nase und Augen und Ohren in Würmern herabfloss;

Völlig gelähmt auch am Leib und verdreht an den Blicken der Augen.

Ihre Eltern gehorchten dem Glauben und brachten die Tochter;

Hielten am Fuße des Berges beim heiligen Paphnutius an.

Als nun die Boten den Berg erstiegen, um Antonius zu bitten,

Sprach er, bevor sie den Mund noch öffneten, alles im Geiste:

Welche Gebrechen das Mädchen gequält und wo sie verweilte.

Sprach dann zu ihnen: „Geht hin! Wenn sie lebt, so ist sie genesen!

Braucht doch kein elender Mensch wie ich die Gesundheit zu spenden;

Gott nur allein heilt die Armen, die gläubig ihn rufen im Gebete.“

Und sie kehrten zurück und fanden das Mädchen vollkommen

Heil bei Paphnutius stehen, und Freude erfüllte die Eltern.



Kapitel LIX


Zwei der Einsiedler wanderten einst in der sengenden Wüste;

Wasser gebrach ihnen gänzlich, und einer erlag dem Verdursten.

Kraftlos lag auch der andre am Boden, das Leben zu hauchen.

Da rief Antonius, sitzend am Berge, zwei Jünger herbei:

„Nimmt eine Flasche voll Wasser und eilet zum Wege Ägyptens!

Einer der Einsamen starb schon, der andre verschmachtet im Sande;

Gott hat es mir im Gebete gezeigt!“ Da liefen die Brüder,

Fanden den Leichnam im Sande und scharrten ihn ein in die Erde;

Tränkten den andren voll Labsal und brachten ihn heim zu dem Greise.

Gott nur allein trifft die Wahl, wer da stirbt und wer da gerettet wird;

Doch bewundern wir tief, dass der Greis in der Fernsicht geschaut.



Kapitel LX


Wiederum saß er am Berge und blickte gen Himmel empor;

Sah eine Seele getragen im Lichte von heiligen Engelchören.

Sinnend staunte der Greis und begehrte das Wunder zu wissen.

Da erschallte die Stimme: „Es ist die Seele des Ammon,

Welcher in Nitria lebte und nun ging zum Schöpfer im Tode!“

Dreizehn Tagereisen entfernt lag der Ort jener Zelle.

Staunend vernahmen die Jünger die Kunde vom Scheiden des Vaters.

Ammon war wohl ihnen kund durch die Wunder der früheren Tage:

Als er einst schamhaft den Fluss überschreiten wollt’ ohne Entblößung,

Ward er vom Engel hinübergetragen, ohne das Wasser zu rühren.

Einen Monat danach traf die Nachricht aus Nitria ein,

Dass zur selbigen Stunde der Heilige ging in den Himmel.

Alle bewunderten tief die Erleuchtung im Geiste des Greises,

Der die Verklärung des Bruders geschaut aus der Ferne der Wüste.



Kapitel LXI


Als Graf Archelaus am Berge betete bei dem Greise,

Fleht’ er für Polykratia aus Laodicea voll Jammer.

Gegen Schmerzen im Leib und den Seiten litt froh die Jungfrau.

Gott erhörte den Segen des Alten; der Graf schrieb die Stunde

Auf sein Täfellein nieder, und heimgekehrt fand er die Tochter

Gänzlich geheilt zur selbigen Stunde des heiligsten Betens.



Kapitel LXII


Gleichfalls schaute der Heilige voraus, wenn Gäste sich nahten,

Kündigte Monat und Stunde und Anlass des Kommens im Voraus.

Etliche kamen aus Sehnsucht nur, andere Heilung zu suchen,

Manche vom Teufel befreit zu werden; und keinem der Wandrer

Ward der Beschwer der Reise zur Last, denn gestärkt von der Gnade

Kehrten sie alle voll Freude zurück in die Heimat der Menschen.



Kapitel LXIII


Als er die Brüder besuchte im Schiff auf dem schäumenden Flusse,

Roch er allein einen grässlichen Gestank, den die Schiffer

Auf das Salz und die Fische schoben; doch widersprach der Erleuchtete.

Plötzlich schrie aus dem Versteck ein besessener Knabe voll Wut auf.

Gleich beschwor ihn Antonius laut im Namen des Heilands:

Schnell entwich der Dämon, und die Seefahrer sahen voll Staunen,

Dass nur vom höllischen Geist jener Scheusal-Gestank stammte.



Kapitel LXIV


Ein vom Dämon gequälter Jüngling ward hergebracht zitternd,

Der seine Fäkalien fraß und nicht wusste, wohin man ihn führte.

Antonius wachte die Nacht durch im Beten voll tiefstem Erbarmen.

Bei dem Erscheinen des Morgens stürzte der Jüngling voll Toben

Auf den Heiligen los; doch der Greis rief den Brüdern entgegen:

„Zürnet ihm nicht! Denn nicht er war es selbst, sondern der Teufel,

Welcher nun tobend entweicht!“ Und sogleich ward der Jüngling genesen,

Fiel dem Heiligen dankend um den Hals und lobte den Schöpfer.



Kapitel LXV


Einst erhob man den Geist des Erleuchteten mitten am Tage

In die Lüfte empor; dort sperrten die finsteren Geister

Ihm den Weg und wollten die Sünden der Jugend erforschen.

Doch die Engel des Himmels riefen entgegen den Höllischen:

„Alles Vergangene tilgte der Herr! Nur seitdem er dem Schöpfer

Dient in der Einsamkeit, dürft ihr die Anklagen bringen!“

Da verstummten die Teufel voll Scham, und der Pfad ward ihm freier.

Heimgekehrt in den Leib, vergaß er die speisende Nahrung,

Sinnend, wie schwer doch der Kampf mit den Geistern der Lüfte im Sein ist.



Kapitel LXVII


Duldend ertrug er die Leiden und dachte sehr gering von sich selber,

Ehrte die Diener der Kirche und neigte das Haupt vor den Priestern.

Gott verlieh seinem Antlitz die Gabe von himmlischer Anmut:

Trat ein Fremder ins Lager der Mönche, den Alten zu schauen,

Eilte er zielgerichtet auf ihn zu, getrieben vom Blicke.

Nicht an Wuchs und Gestalt, doch an Reinheit der Seele und Frieden

Ragte er über die andern heraus. Das Herz voller Freude

Spiegelte heiter das Antlitz ihm wider im Leuchten des Glaubens,

Dass kein Kummer die Stirn ihm betrübte und Ruhe ihn schmückte.



Kapitel LXVIII


Reinhaltend bewahrte er stets den Glauben im Herzen,

Mied die Meletianer voll Abscheu und jegliche Spaltung.

Freundschaft pflegt’ er mit Manichäern und Ketzern keineswegs,

Sondern ermahnte sie streng, den Irrtum zu lassen.

Denn die Gemeinschaft mit ihnen gereiche zum Ruin der Seele.

Gleichfalls verabscheut’ er tief die Irrlehre Arius’

Und verbot jedem die Nähe zu solchem Verderben.



Kapitel LXIX


Als einst Arianer den Berg erstiegen voll Tücke,

Jagte er sie hinweg und rief den Betrügern entgegen:

„Giftiger sind eure Worte noch als die Schlangen im Sande!“

Auf das Bitten der Bischöfe zog er nach Alexandria hinunter,

Kämpfte öffentlich wider die gottlose Schar der Arianer,

Lahrte: Der Sohn ist kein Geschöpf und entstand nicht aus Nichts,

Sondern das ewige Wort und die Weisheit des Vaters!

Machtlos sei die Finsternis vor dem ewigen Lichte.

Wer das Geschöpf wie den Schöpfer verehrt, gleicht Heiden im Geiste;

Darum erhebe sich jedes Geschöpf wider die Ketzerei!



Kapitel LXX


Jubeln erfüllte das Volk ob der Predigt des Heiligen.

Massen strömten herbei, auch Priester der Heiden im Tempel,

Riefen: „Lasst uns den Mann Gottes erblicken im Lichte!“

Viele Berührungen suchten sie nur, um Rettung zu finden;

Und in den wenigen Tagen bekehrten sich Tausende gläubig.

Als man besorgt ihn befragen wollt’ ob des Andrangs der Menschen,

Lächelt’ er ruhig und sprach: „Sie sind keineswegs zahlreicher

Als die Dämonen, die täglich wir bekämpfen am Berge.“