MÄRCHEN-POEM VON TORSTEN SCHWANKE
ERSTER GESANG
Ein Paar besaß – wie viele – einen Sohn,
der Unheil säte, wild und ungebändigt.
Sie schickten ihn fort, denn Bosheit war sein Lohn,
und er zog aus, vom eignen Drang getränkt.
Er wanderte weit, bis in der Städte Kron’
er Arbeit fand, doch bald war’s ihm missgelenkt:
Denn wer nicht taugte, so der Herr befand,
dem riss man ohne Gnade Haut vom Rand.
Der Herr sprach: „Hol das krummste Holz im Wald.“
Doch Errua sah Reben, schnitt sie klein.
Der Meister schwieg, doch innerlich ward’s kalt,
denn Holz war’s nicht – nur Weinstock, karg und fein.
Am nächsten Tag sprach er, schon fast verknallt
in seinen Zorn: „Treibe die Kühe ein,
doch mach kein Loch im Zaun, hör gut mir zu.“
Da schnitt der Bursche sie in Stücke – im Nu.
Der Herr, vor Furcht ums eigene Fell verstummt,
schickt ihn mit Schweinen in das Bergrevier.
Dort haust ein Tartaro, gewaltig, krumm,
doch unser Narr marschiert und fürchtet’s nie.
Die Herden mischen sich – und bald, vermummt
in Kraft, verlangt der Riese Wettspiel hier:
„Wirf einen Stein, so weit du kannst, mein Freund.“
Der Narr stimmt zu – doch abends hat er’s bereut.
Da naht ein altes Weib, geheimnisvoll:
„Wirf keinen Stein – wirf diesen Vogel nur.“
Der Tartaro wirft weit, mit Donnergroll,
doch fällt sein Stein; der Vogel steigt zur Flur
und kehrt nicht wieder. Staunend, zornentroll
verlangt der Riese neue Kraftnatur:
„Wirf Eisen nun!“ – Der Narr verzagt erneut,
doch spricht den Spruch, wie’s ihm die Alte beut.
„Erheb dich, Eisen, flieg bis Salamanca!“
Der Tartaro erbleicht, schreit auf vor Not:
„Dort wohnen meine Eltern – halt, ich danke!
Du würdest sie vernichten, wirf nicht tot!“
So siegt der Narr erneut, und ohne Schranke
stellt Tartaro die nächste Probe rot:
„Reiß eine Eiche aus, wie ich es kann!“
Der Narr wird traurig – doch die Alte nahn’.
Sie gibt ihm Fäden, drei, und spricht: „Nur binde
an jede Eiche einen Faden sacht.“
Der Tartaro reißt eine aus geschwinde,
doch Errua zeigt auf all die Bäume sacht:
„Du hast nur eine – ich hab’ all die Kinde.“
Der Riese schreit: „Nein, nein! Bei Tag und Nacht
brauch’ ich die Eicheln doch für meine Schwein’!“
So siegt der Narr – und darf sein Gast nun sein.
Doch unter’m Bett des Riesen liegt ein Toter.
Der Narr vertauscht die Körper still im Schlaf.
Der Tartaro erwacht, wird zum Despoten,
schlägt auf den Leichnam ein mit Eisenstraf’.
Am Morgen kommt der Narr – lebendig, roter
als je – und sagt: „Nur Flöhe stachen brav.“
Der Riese staunt, erkennt nicht, was geschah,
und trennt die Schweine – doch sie gleichen gar.
Der Narr nimmt alle mit und zieht von dannen.
Er schlachtet eines, steckt die Innerei
sich unters Hemd, rennt vor den Männern, bannen
den Tartaro mit einer List entzwei:
„Er stach sich selbst, um schneller fortzukommen!“
So sagen sie – der Riese glaubt’s dabei,
rammt sich das Messer selbst in seine Brust
und fällt tot um – des Narren letzte Lust.
Zum Herrn kehrt nun der Narr mit seinem Schwein,
versenkt im Morast, samt Schwänzen, die er barg.
Er spricht: „Sie ruhten dort, zu müd zum Sein.“
Der Meister folgt ihm, staunend, wortlos, arg.
Gemeinsam ziehn sie eines Tieres Bein
heraus – doch bald wird jeder Zug zur Plag’:
Nur Schwänze kommen hoch, vom Schlamm getrennt,
und Errua sagt: „So fett, dass nichts mehr rennt.“
Der Herr befiehlt ihm Hacke, Spaten, schnell.
Doch Errua schlägt die Herrin – klatsch! – im Haus.
„Eins oder beides?“, ruft er laut und grell.
„Beide!“, ruft der Herr – und ahnt nicht seinen Graus.
Da trifft die Magd der nächste Schlag zur Stell’,
bis sie fast stirbt; dann holt der Narr hinaus
die Werkzeuge – und schlägt den Herrn sodann,
bis dieser fällt und sich nicht wehren kann.
Er peitscht ihm, wie vertraglich festgelegt,
die Haut vom Rücken, nimmt sein Schwein zur Hand.
Dann zieht er heim, wo seine Mutter pflegt,
und lebt zufrieden, reich an List und Stand.
So wie er gut gelebt, hat er sich hingelegt,
ein Ende mild, wie’s keinem Tor bekannt.
So endet dies – erzählt von Pierre Bertrand,
wie’s einst die Großmutter im Alter fand.
Am nächsten Tag sprach Herr zu Knecht und Rind:
„Treib sie aufs Feld – doch öffne nicht das Tor.“
Der Junge nickt, nimmt Axt und Gabel, blind
für jede Regel, tötet sie im Chor.
Er hackt sie klein, wirft Stück um Stück geschwind
aufs Feld, wie’s ihm geheißen ward zuvor.
Zur Nacht kehrt er zurück, ganz ungerührt:
„Sie weiden dort.“ – Der Herr bleibt stumm, verstört.
Am Morgen drauf: „Hol Holz – doch nur ganz gerade.“
Der Junge geht, fällt Kastanien jung und fein,
die sein Herr selbst gepflanzt – des Hauses Gnade.
Er bringt sie heim; der Meister schweigt, voll Pein.
„Morgen“, spricht dieser, „bring mir krumme Lade,
und ist nur eines grade, wird’s dein Sein.“
Der Junge rodet einen Weinberg groß
und lädt den Wagen – krumm genug fürs Los.
Der Herr verstummt, denn Worte wären leer.
Er schickt ihn in den Wald, wo Tartars hausen,
die Mensch und Tier verschlingen rings umher.
Zehn Schweine gibt er ihm, für zehn Tage Pausen,
und Nahrung auch – „Sie mästen sich schon sehr.“
Der Junge geht, beginnt die weite Sause,
bis eine alte Frau ihn warnend hält:
„Der Tartaro frisst dich – verlass das Feld.“
Sie trägt Walnüsse; er spricht: „Gib mir zwei,
und ich besieg’ ihn.“ Willig reicht sie’s dar.
Er wandert weiter, trifft die nächste, frei
den Faden wickelnd – auch sie warnt vor Gefahr.
„Gib mir zwei Knäuel – und ich schlag’ ihn bei.“
Sie gibt sie ihm; er zieht nun weiter klar.
Ein Schmied erscheint, der spuckt ihm auf Geheiß,
damit der Junge Tartars Kraft zerreiß’.
Er kommt zum Wald, schneidet den Schweinen sacht
die Schwänze ab und birgt sie gut versteckt.
Der Tartaro erscheint in voller Macht:
„Ich fress’ dich!“ – Doch der Junge wirkt nicht erschreckt.
Er reibt zwei Nüsse, droht mit tödlicher Pracht:
„Berührt dich eine, bist du tot, verdreckt.“
Der Riese weicht, frisst nur ein Schwein und kehrt
zurück – und fordert Wettkampf unbeschwert.
Der Tartaro beginnt, den Holzstoß aufzuschichten,
er hackt und schneidet, bis der Berg sich türmt.
Der Junge lässt ihn schwitzen, ohne Pflichten,
und bindet Fäden, während er sich rührt.
„Du machst nur das – ich all dies hier, bei Lichten!“
ruft er und knüpft, bis jeder Baum verziert.
Der Riese stöhnt: „Du bist mir überlegen.“
Er gibt sich geschlagen, kann’s kaum ertragen.
Die zehn Tage vergeh’n; bei Nacht entfacht
der Junge Feuer, glüht den Speichel rot.
Dem schlafenden Tartaro sticht er mit Macht
den Brand ins Auge – und der Riese droht
nicht länger mehr. Er flieht in dunkler Nacht,
nimmt Schweineschwänze, denn die Tiere tot
hat Tartaro gefressen, Tag für Tag.
So zieht er heim – doch nicht mit leerem Schlag.
Am Feenbrunnen steckt er, klug und fein,
die Schwänze in den Schlamm, bis auf nur einen.
Dann läuft er heim und spricht: „Die Schweine mein
sind heimgerannt, so heiß, dass sie erscheinen
versunken dort im Morast – ich zog allein
an einem, doch nur Schwanz blieb mir zum Weinen.“
Der Herr folgt ihm, doch wagt den Schritt nicht rein;
er sieht die Schwänze – glaubt die Lüge sein.
Ratlos, verwirrt, doch an den Vertrag gebunden,
zählt er dem Jungen seine Francs hinab.
Der Knecht, nun reich, kehrt heim nach vielen Stunden,
zu Mutter, Brüdern, stolz und ohne Grab.
Sie leben froh, die Not ist überwunden,
und dem Herrn fehlt, was er besessen hab’.
So endet dies – ein Sieg des Scharfsinns rein,
und wer zu viel besitzt, bleibt oft allein.
Der König ruft Perroquet her zum Thron:
„Du sagst, du holst den Diamant vom Riesen?“
„Gesagt hab’ ich’s nicht“, spricht er, „bei meinem Lohn;
doch wenn Ihr gebt, was ich verlange, sprießen
mir Mut und Kraft.“ – Er fordert Geld als Lohn
und zieht hinaus, um Tartaro zu verdrießen.
Erreicht die Fähre, zahlt dem Mann sein Geld,
und wandert tief in Tartars finstres Feld.
Er findet wieder Farn und deckt sich zu,
die alte Frau hat ihn vergebens fortgescheucht.
Der Tartaro kommt heim, schnauft wie im Nu,
durchwühlt den Farn, doch hat ihn nicht erreicht.
Er frisst und trinkt, legt sich zur nächt’gen Ruh’,
und Perroquet, der leis’ wie Schatten schleicht,
nimmt unterm Kissen ihm den Edelstein
und rennt davon, als bräch’ er sich das Bein.
Der Fährmann setzt ihn über, reich belohnt.
Der Tartaro erscheint und brüllt: „Gib’s her!
Ich geb’ dir alles, was dein Herz bewohnt!“
Doch Perroquet ruft: „Nein!“ und rennt noch mehr.
Im Königshaus wird er mit Ruhm bekrönt,
die Prinzessin liebt ihn, und das Volk noch sehr.
Der neid’sche Prinz jedoch ersinnt sogleich
den nächsten Plan – sein Herz ist dunkel, bleich.
Er sagt zum König: „Perroquet behaupt’,
den Tartaro selbst hierher zu bringen.“
Der König ruft ihn – doch der Junge glaubt
an List und Mut: „Ich will’s versuchen, Dingen
gemäß, die ich verlange.“ Und er tauft
sein Werk: ein Eisenwagen soll’s vollbringen,
ein halber Meter dick, drei Pferde dran,
zwei Hörner, Honig, Federn – dann voran.
Er fährt zur Fähre, bringt die Kutsche schwer
ins Boot, erreicht das Ufer, taucht sodann
in Honig erst, dann Federn – ungeheuer
verwandelt er sich in den Teufelsmann.
Mit Hörnern auf dem Kopf tritt er daher,
klopft an die Tür, wo Tartaro begann:
„Wer bist du?“ – „Ich, der älteste der Höll’!“
Der Riese bebt – und steigt in den Wagen schnell.
Perroquet fährt ihn heim, der Fährmann hilft,
und bald erreicht er Königshof und Tor.
Die Menschen schreien, denn der Riese schwillt
vor Wut, wirft Kugeln wie ein Kind im Chor.
Die Kanonen nützen nichts – doch bald erfüllt
ein andres Waffenarsenal das Ohr:
Der Tartaro fällt, besiegt durch Menschenhand,
und Frieden kehrt zurück ins ganze Land.
Dem Perroquet, der all dies hat vollbracht,
gibt man die Prinzessin – wohlverdient und klar.
Er ruft die Mutter an den Hof bei Nacht,
und beide leben glücklich, Jahr um Jahr.
So endet dies: Ein Knecht, der Großes macht,
wird Herr und Held, wo einst nur Mühsal war.
Ein Märchen zeigt – wer Mut und List vereint,
der siegt, wo rohe Kraft allein nur scheint.
ZWEITER GESANG
Weit über Gipfel, wo der Sturm sich bricht,
lag ausgestreckt die Schlang’ mit sieben Häuptern;
vom Pic du Midi sah sie ins Tal gericht’,
ihr Leib gefüllt die Schluchten bis zum Läutern.
Ein Atemzug – und Herden gab es nicht,
verschlungen waren Menschen, Ziegen, Eutern.
Nur alle Vierteljahr fraß sie – zum Glück –,
sonst blieb vom Land kein Stein, kein Halm zurück.
Da rief das Volk der Täler Rat zusammen,
doch keiner fand ein Mittel gegen sie.
Bis endlich sprach ein Greis mit leisem Beben:
„Wir haben Zeit, bevor sie frisst – noch wie!
Lasst Holz und Eisen häufen, glühend flammen,
ein Feuermeer, so heiß wie Schmiedes Schmied.
Dann weckt sie Lärm; sie saugt es wütend ein –
und dieses Feuer soll ihr Ende sein.“
So taten sie’s: Die Schlange fuhr empört
aus ihrem Schlaf, vom Lärm der Menschen wach.
Sie sah das Glühen, sog – und ungeheuer
fuhr ihr das Feuer brüllend in den Rach’.
Da bebten Berge, Fels und Gletschersteuer,
die Erde stöhnte unter ihrem Schlag.
Sie wand sich, trank die Bäche leer vor Qual –
und starb, den Hang hinab, im letzten Mal.
Doch weiter zieht die Sage ihre Kreise:
In andern Dörfern tauscht man Eisenhaut
gegen ein Fell voll Pulver – gleiche Weise,
nur dass der Held am Ende stets erschaut
den Tod; so endet jede dieser Reise,
wie’s alter bask’scher Überlieferung traut.
Doch anders ist die Mär, die nun beginnt –
wo Tartaro und Heren-Suge sind.
Ein König lebte einst mit Weib und Söhnen,
wie viele, die gewesen sind und sein.
Er fing beim Jagen Tartaro, den dröhnen-
den Riesen, sperrte ihn in Stall und Stein.
Er rief den Hof, um morgen zu verschönen
sein Fest mit diesem Fang, so groß und fein.
Die Prinzen spielten Ball am Stallgemäuer –
der rollte fort, hinein ins Ungeheuer.
Der Jüngste trat zum Gitter, zag und klein:
„Wirf mir den Ball zurück, ich bitt’ dich sehr.“
Da sprach der Tartaro: „Ja, Kind – ich mein’,
ich geb’ ihn dir, doch löse mich vorher.“
Der Junge nickte: „Ja, ja, ich will’s dir sein.“
Da warf der Riese ihm den Ball daher.
So hebt die Mär nun an, die weitergeht –
und bald den Heren-Suge vor uns steht.
Zum zweiten Mal flog nun der Ball hinein,
der Tartaro verlangte neue Schwüre.
Der Junge nickte wieder: „Ja, ich mein’,
ich hol’ dich raus, doch gib mir erst die Küre.“
Er nahm den Ball und ließ den Riesen sein,
doch rollte bald erneut die runde Züre.
Beim dritten Mal sprach Tartaro: „Genug –
erst wenn ich frei bin, kriegst du deinen Flug.“
Der Junge klagte: „Ich hab’ keinen Schlüssel.“
Da sprach der Riese: „Geh zu deiner Mutter.
Sag, dass dir schmerzt das Ohr – ein kleines Grissel.
Sie schaut hinein; dann greif in ihre Futter.
Links trägt sie ihn, den Schlüssel, ohne Fissel.
Nimm ihn heraus, mein Junge, sei nicht stutter.“
So tat er’s – und befreite ihn im Nu;
doch fragte bang: „Was mach’ ich jetzt dazu?“
Der Tartaro sprach: „Geh zurück und klage,
das andre Ohr tu’ weh – sie soll’s dir seh’n.
Dann leg den Schlüssel heimlich, ohne Frage,
ihr wieder in die Tasche, ungeseh’n.“
Er tat es so, und bald zur Abendlage
kam Hof und König, satt vom Festgescheh’n.
Doch leer der Stall – der König schrie vor Zorn:
„Des Frevlers Herz ess’ ich – halbgar, unverorn!“
Die Brüder stritten bald; der eine drohte:
„Ich sag’s dem Vater – Tartaro, die Sach’!“
Die Mutter hörte’s, fürchtete die Note,
gab Geld und Lilie, sprach: „Geh fort, mein Ach.
Man kennt dich als des Königs Sohn im Lote.“
So zog er fort, bis er kein Geld mehr mach’.
Da rief er Tartaro, voll Not und Pein –
und dieser kam, ihm wieder beizustein.
„Geh in die Stadt“, so sprach der Riese weise,
„dort dient ein Gärtner, und du wirst es sein.
Reiß alles aus – doch wächst es schöner leise
am nächsten Tag, und Blumen sprießen fein.
Drei bring den Töchtern, jede auf die Weise,
doch gib die schönste der jüngsten allein.“
So tat er’s – und die Blumen, die er gab,
war’n schöner, als die Welt sie je besab.
Die Jüngste sah den Gärtner mild und helle,
sie brachte ihm das Abendbrot zur Stund’.
Nach Tagen sprach sie: „Nimm mich dir zur Geselle.“
Er aber: „Nein – dem König wär’s zu bunt.“
Da seufzte sie: „In acht Tagen, zur Stelle,
frisst mich die Schlange – so ist’s nun im Bund.“
Er sprach: „Du kommst mir morgen wieder her;
ich find’ dir Hilfe – glaub mir, mehr und mehr.“
Am Morgen rief er Tartaro zur Stelle,
der gab ihm Ross und Schwert und Heldenkleid.
„Geh zu dem Ort, wo sie im Wagen fälle;
öffne mit Stahl die Türen weit und breit.
Schlag zwei der Köpfe ab, in schneller Welle.“
So ritt er hin, bereit zum großen Streit.
Die Jungfrau bat: „Geh fort – es reicht, wenn ich
dem Ungeheuer sterb’, so will es mich.“
Doch Yorge öffnete die sieben Türen,
setzte sich zu ihr, bat: „Schau mein Ohr an.“
Und schnitt zugleich, um sich zu dokumentieren,
von jedem ihrer sieben Kleider dann
ein Stück – sie merkt’s nicht, trotz der sanften Führen.
Da kam die Schlange, fauchte wild heran:
„Statt einem frieß’ ich drei – ein Festbankett!“
Doch Yorge rief: „Kein einz’ger wird hier wett!“
Sie kämpften hart; ein Kopf fiel durch das Eisen,
ein zweiter sank durch Hufschlag in den Staub.
Die Schlange winselte, um Gnad’ zu preisen,
bis morgen nur – und Yorge hielt’s ihr glaub’.
Er ritt davon, ließ sie im Tal verwaisen,
die Jungfrau froh, doch er blieb kühl und taub:
„Ich kann nicht heim – nach Rom führt mein Gelübde.
Doch morgen kommt mein Bruder dir zur Hülf’ dir.“
Am Mittag kam sie wieder mit dem Essen,
er sprach: „Du siehst, ich hielt, was ich versprach.“
Sie aber: „Morgen werd’ ich doch gefressen;
wie könnt’ es anders sein nach solcher Schmach?“
Er lächelte: „Du wirst mich nicht vergessen –
bring mir dein Mahl, ich helf’ dir auch danach.“
So ging sie heim, und er in seinen Garten,
wo still die Blumen auf den Abend warteten.
Am nächsten Tag, zur achten Morgenstunde,
ging Yorge hin zum Tartaro erneut.
Der gab ihm Ross und Schwert in neuer Runde,
ein andres Kleid, das hell wie Feuer leucht’.
Vierzehnfach schloss die Kutsch’ – doch ohne Kunde
sprang jede Tür, sobald das Schwert sie scheucht’.
Er schnitt vierzehn Gewandstücke im Stillen,
und wieder kam die Schlange, wild im Willen.
„Ich fress’ nicht einen – drei!“ so rief sie heiser.
Doch Yorge sprach: „Nicht einen kriegst du heut.“
Er sprang aufs Ross, und wieder ward der Kaiser
der Schlange sturmgleich in den Kampf gebeut.
Ein Kopf fiel durch sein Schwert, ein andrer leiser
durch Huftritt – bis die Schlange Gnade scheut.
Er ließ sie zieh’n, die Jungfrau bat ihn heim –
doch Yorge sprach: „Nach Rom muss ich allein.“
„Mein Cousin kommt“, so tröstet er die Schöne,
„er ist so mutig, dass er nichts mehr scheut.“
Sie ging zum Vater, der vor lauter Wöhne
den Gärtner pries, doch Yorge blieb erneut
im Garten still, bis sie mit Abendtöne
sein Mahl ihm brachte, wie er’s ihr gebeut.
„Du kamst zurück – so wirst du morgen kommen.“
„Ach wär’ es wahr – ich wär’ vor Glück benommen.“
Am dritten Tag, zur achten Morgenstunde,
ging Yorge wieder hin zum Tartaro.
Der sprach: „Sei still – du siegst in letzter Runde.“
Er gab ihm Ross und Kleid und Schwert dazu,
einen Hund, furchtbar wie ein Sturm im Grunde,
und einen Krug voll wohlriechendem Ruh’.
„Wenn sie dir droht mit Feuer zwischen Enden,
so sag dies Wort – und lass das Wasser spenden.“
Er ritt zur Kutsch’, die Jungfrau rief in Bangen:
„Geh fort – es reicht, wenn ich allein vergeh’.“
Doch Yorge sprach: „Die Türen soll’n nicht hangen.“
Ein Schwertstreich – einundzwanzig sprangen jäh.
Er gab ihr still den Krug, den Tartaro empfangen,
und sprach: „Wenn sie von Feuer spricht – versteh:
Dann gieß mir Wasser über Stirn und Wangen.“
Sie nickte, bebend, doch bereit zum Handeln.
Er bat: „Schau mir ins Ohr“ – und schnitt im Gleiten
einundzwanzig Gewandstücke herab.
Da kam die Schlange, froh, sich auszubreiten:
„Ich fress’ nicht einen – vier!“ so schrie sie knapp.
Doch Yorge rief: „Du wirst uns nicht bestreiten;
kein einz’ger fällt dir heute in den Schnapp.“
Er schwang sich auf das Ross, der Hund sprang vor –
und nun begann der letzte Kampf im Chor.
Das Ross sprang haushoch, wie von Sturm getragen,
der Hund sprang zu, die Schlange fauchte wild.
„Hätt’ ich nur Funken zwischen Schwanz und Zagen,
ich brannt’ euch nieder, Ross und Hund und Bild!“
Da sprach der Held: „Hätt’ ich das Wasser, sagen
könnt’ ich: Ein Kopf fällt dir, wie’s mir gefüllt.“
Die Jungfrau goss – und Duft durchzog die Luft.
So hob er Schwert und trat zum letzten Schuft.
Kaum sprach er’s aus, da sprang die Maid behende,
entkorkte rasch den Krug und goss ihn aus.
Das Wasser floss auf Stirn und Ross und Wende,
auf Hund und Held – und stärkte ihren Strauß.
Ein Kopf fiel durch sein Schwert, ein zweiter Ende
durch Huftritt, und der Hund riss auch hinaus
den letzten – so besiegten sie die Plage,
und tot lag nun die Schlange ohne Frage.
Er nahm die Zungen, warf die Köpfe nieder;
die Jungfrau jubelte vor lauter Glück.
Sie bat ihn, mit ihr heimzukehren wieder,
ihr Vater müsse danken für das Stück.
Doch Yorge sprach: „Nach Rom führt mich mein Lieder,
mein Cousin wartet – ich komm’ einst zurück.“
Sie ging betrübt, doch froh der Rettung Kunde,
und Yorge schritt zum Garten in der Stunde.
Der König rief durchs Land in allen Gauen,
der Held solle erscheinen mit Beweis.
Die Jungfrau kam zum Gärtner, kaum zu trauen,
er fragte mild: „Hat dich die Schlange heiß
gefressen? Nein – so konnt’ ich dir vertrauen.“
Sie sprach, was war – doch bald in schnellem Kreis
kam ein Köhler schwarz, der frech behauptet,
er sei’s gewesen, der das Tier geraubet.
Er zeigte Köpfe – und der König meinte,
das müsse wahr sein, denn der Beweis sei klar.
Die Jungfrau rief: „Nein, Vater, er erscheint’
mir nicht als Retter – jener war ein wahr
stattlicher Herr zu Pferd, nicht so entfeint.“
Doch König sprach: „Kein anderer trat dar.“
Sie weinte, doch gewann sie Zeit mit List,
bis eine Probe angesetzt ihr ist.
Ein Ring aus Diamant soll an der Glocke
hoch hängen; wer im Ritt ihn sauber sticht,
dem sei die Tochter zugesagt – die Locke
der Ehre winkt ihm, wenn das Schwert ihn bricht.
Von nah und fern kam mancher Held zur Docke.
Auch Yorge ritt, vom Tartaro im Licht
mit Ross und Kleid und Schwert erneut versehen –
die Jungfrau sah ihn, konnte’s kaum verstehen.
Er traf den Ring – doch hielt nicht an zum Preise,
er jagte fort, so schnell das Ross nur konnt’.
Der König sprach, in zornig rauer Weise:
„Er flieht, weil er dich nicht begehrt zur Front!“
Er schleudert ihm die Lanze hinterdreise –
sie trifft sein Bein, doch Yorge bleibt am Pont.
Die Jungfrau sah’s und litt in tiefem Schmerz,
denn sie erkannte längst des Gärtners Herz.
Am Abend sah sie ihn mit bandagiertem Beine,
sie fragte leis’, was ihm geschehen sei.
Er sprach: „Ein Schlehendorn, nicht viel, ich meine.“
Doch sie durchschaute still die Gaukelei.
Der König kam – erst widerwillig, kleine
Geduld im Blick – und fragte barsch dabei.
Der Gärtner zeigte, wo die „Schlehe“ stand –
die Lanze steckte noch im Erdenrand.
Der König staunte, fühlte sich betrogen,
doch Yorge öffnete die Brust sodann:
die Lilie glänzte dort, wie aufgezogen,
das Zeichen, dass er Königssohn einst war.
Die Jungfrau sprach: „Er hat mich hoch erhoben,
er ist mein Retter – er sei nun mein Mann.“
Der König schwieg – was blieb ihm noch zu sagen?
Er konnte nur die Hochzeit nun ertragen.
Fünf Schneiderinnen ließ man schnell erscheinen,
fünf Metzger auch – die besten weit und breit.
Den Schneiderinnen zeigt’ er Stoff in kleinen
zerschnittenen Stücken, jedes Teil bereit.
„War je ein Kleid so unvollständig? Einen
Beweis habt ihr – so war’s zur Schlangenzeit.“
Die Metzger sah’n die Köpfe ohne Zungen –
und Yorge zeigt’ die sieben, die er errungen.
Der König gab die Tochter ihm zur Gattin,
doch Yorge sprach: „Ein Gast fehlt noch im Saal.
Mein Vater soll erscheinen bei dem Bratten,
doch ladet ihn in eures Namens Wahl.
Und bringt ihm halbgar Herz – wie einst er tat in
seinem Zornwort – ungesalzen, ohne Mal.“
So kam der Vater, sah das Herz und schwieg –
bis Yorge sprach, was einst sein Zorn ausflieg’.
„Mein armer Vater, hast du denn vergessen,
wie du einst schwurst, mein Herz zu essen roh?
Dies ist ein Schafsherz nur – du sollst ermessen,
wie nah du mir warst, ohne Wissen so.“
Da brach der Vater in die Arme pressen,
und beide weinten, froh und innig froh.
Sie sprachen lang von Tartaro, dem Treuen,
der stets bereit war, ihnen beizustreuen.
So lebte Yorge glücklich mit der Schönen,
im Königsschloss, in Frieden, reich und mild.
Der Tartaro, der treu in allen Tönen,
stand ihnen bei, wie’s Freundschaft nur erfüllt.
Kein Mangel je – in allen Lebensbühnen
war er zur Stelle, stark wie Sturm und Schild.
So endet nun die alte, weite Sage –
von Mut und List und Liebe ohne Klage.
Wie viele auf der Welt, so lebte eine
mit drei heranwachs’gen Söhnen, schlicht und arm.
Der Älteste sprach kühn: „Ich geh’ alleine,
bis ich als Knecht mir finde Dienst und Warm.“
Die Mutter gab ihm Kuchen, Brot und Beine,
er zog hinaus, voll Stolz und jungem Charme.
Doch bald im Wald traf er ein altes Weib –
und zeigte hart und geizig seinen Leib.
Sie bat: „Ein Stückchen nur von deinem Kuchen.“
Er sprach: „Ich werf’ ihn lieber in den Dreck.“
Dann fragte er nach Dienst – sie konnt’ nicht suchen,
sprach „Nein“ – und ließ ihn weiter ohne Zweck.
Er ging durch Wald und Nacht, in finst’ren Buch’n,
da kam ein Bär, gewaltig, groß und keck.
„Erdameise! Wer gab dir hier die Bahn?“
„Ich selbst“, sprach er – da fraß ihn der Titan.
Der Zweite bat die Mutter um denselben
Kuchen und zog hinaus wie einst der Erst’.
Er traf das Weib, doch wollte nicht sich melden
mit Milde – lieber warf er’s in den Dörst.
Er fragte nach dem Dienst, doch ohne Schelben
sprach sie: „Ich weiß nichts“ – und er ging zerberst’.
Der Bär erschien, sprach gleich das alte Wort –
und fraß auch ihn, so war sein Weg sofort.
Der Jüngste bat um Kuchen, mild und leise,
und zog hinaus, so weit der Wald nur reicht.
Er traf das Weib – doch anders war die Weise:
Er gab ihr gern, was sie an Brot erreicht.
Sie sprach: „Ein wenig nur – so ist’s die Reise.
Doch hör: Ein Feind kommt bald, der dich vielleicht
verschlingen will – nimm diesen Stock zur Hand;
ein Schlag genügt, und tot liegt er im Sand.“
Er ging und ging – da kam der Bär entgegen:
„Erdameise! Wer gab dir hier den Mut?“
„Ich selbst“, sprach er – und hob den Stock zum Schlägen,
ein leichter Hieb – der Bär heulte wie Blut.
„Oy, oy, verschone mich! Ich will mich legen!“
Doch sprach der Junge: „Sag mir erst, wie gut
ihr seid an Zahl in eurem finstren Haus.“
„Wir sind wohl sieben.“ – Schlag – und war’s ihm aus.
Er wanderte, bis er den Palast erreichte,
trat ein und sprach: „Habt ihr Bedarf an Knecht?“
Sie riefen: „Ja! Der Hirte ging zur Leichte,
wir brauchen einen neuen, stark und recht.“
So fand er Dienst, wie’s ihm das Schicksal zeigte,
und trat hinein, vom Waldstaub noch bedeckt.
So hebt die neue Sage nun sich an –
vom jüngsten Sohn, der mehr als andre kann.
Sie schickten ihn zur Ruh’, und früh am Morgen
gab man ihm Schafe, weiß wie frischer Schnee.
„Geh nicht zum Berg“, so sprachen sie mit Sorgen,
„dort wimmelt’s wild – die Schafe zieh’n dich eh.“
Doch kaum war er hinaus, begann das Borgen
der Tiere: Auf den Berg drängten sie jäh.
Er folgte – und ein Bär trat ihm entgegen,
so groß, als wollt’ er selbst den Wald bewegen.
„Wer gab dir hier die Erlaubnis?“, brüllte heiser
der Bär. „Ich selbst“, sprach ruhig unser Knecht.
„Dann muss ich dich nun fressen, Fremdgeweiser.“
Doch Yorge hob den Stock – ein Schlag, nicht schlecht.
Der Bär schrie „Oy, verschone mich!“ – doch leiser
fragte er: „Wie viel seid ihr denn gerecht
in eurem Haus?“ – „Zu sechst mit mir“, so klang’s.
Ein Schlag – und tot lag er im Dornengang.
Er barg den Bären tief in Heckenräumen,
trieb Schaf und Lamm zurück ins Abendlicht.
Die Milch floss reich, er machte Käse, Säumen
voll Lob empfing er – Herr und Herrin schlicht.
Am nächsten Tag dasselbe Spiel der Träumen:
Die Schafe stürmten, und der Bär erschien im Gicht.
Ein Schlag – und wieder fiel ein Tier zur Erde,
und täglich sank ein Bär, bis keiner werde.
Am fünften Tag kam einer, alt und träge,
so riesig, dass der Hirte selbst erbebt’.
„Warum bist du hierher?“, sprach er zur Pflege –
doch noch im Wort der Stock den Riesen hebt.
Der Bär schrie „Oy! Verschon’ mich!“, bot zur Wege
Reichtum und Haus, wo er mit ihm gelebt.
Der Hirte ließ ihn leben – vorerst nur –,
und folgte ihm durch Hecken, Höhlenflur.
Sie kamen zu einem Palast voll Prangen,
mit Gold und Silber, Dienern, Rossgeschirr.
Ein Tisch gedeckt mit Speis’ in allen Gangen,
ein Haus, so reich, als wär’s ein Feenrevier.
Der Hirte blieb dort Tage ohne Bangen,
doch dachte bald: „Dies alles sei nun mir.“
Ein Schlag – der alte Bär sank tot zu Boden,
und Yorge nahm den Schatz, wie ihm geboten.
Er kleidete sich prächtig, ritt von dannen,
kam in die Stadt, wo Glocken laut erklang’n.
Man sprach von einer Schlange, die im Tannen-
Gebirg haust’, siebenköpfig, wild und lang.
Ein Opfer täglich – und das Los der Spannen
fiel auf die Königstochter, schön und bang.
Sie stieg allein den Berg hinauf in Trauer –
er folgte ihr, voll Mut und Zauberkrauer.
„Kehr um!“, rief sie, „ich will nicht, dass du stirbst.“
Doch er: „Fürcht’ nichts – ich habe Macht im Stab.“
Da kam die Schlange, wie ein Blitz, der wirbt,
und schoss heran, als wollt’ sie gleich ihr Grab.
Ein Schlag – und Kopf um Kopf fiel, ungetrübt,
bis sieben lagen, tot im Fels hinab.
Die Prinzessin war frei – und er nahm leise
von jedem Kleid ein Stück, wie’s Brauch der Weise.
Auch nahm er jede Zunge, band sie ein
in Seide, wie es Helden stets gebührt.
Er hob die Maid aufs Ross, ritt heimlich heim,
und sie zum Vater, er zum Bären führt.
Die Kunde flog durchs Land in weitem Schein,
der König suchte, wer die Schlange spürt’.
Drei Köhler kamen, brachten sieben Köpfe –
doch keine Zungen – nur die leeren Töpfe.
Der Rat tagt’ lang, doch niemand sonst erschien,
drum wollte man das Los entscheiden lassen.
Da kam der Hirte, herrlich anzuseh’n,
und alle staunten über Ross und Rassen.
Er fragte: „Habt ihr Zungen?“, doch sie schien
zu fehlen – und er ließ die Seide prassen.
Er zeigte Stück für Stück der sieben Kleider –
und alle riefen: „Er! Der wahre Streiter!“
Die Köhler aber, die den Ruhm gestohlen,
bestrich man mit dem Schwefel, hart und klar.
Auf sieben Pulverfässern, ungewollen,
verbrannten sie – und niemand sah sie dar.
Der Hirte nahm die Maid, wie’s ihm empfohlen,
und lebte glücklich, Jahr um Jahr sogar.
Bald war er Herr im Schloss, bald im Palast
des Bären – reich an Glück und ohne Last.
So endet diese Sage, alt und weise,
von Hirtenmut und Zauberstockes Kraft.
Von Schlange, Bären, Feen in der Reise,
von Köhlern, die vergingen in der Haft.
Von Liebe, die sich findet ohne Preise,
und Reichtum, der aus Klugheit sich erschafft.
Ich war einst dort – so spricht die alte Kunde –
und bin nun hier, erzähl’ sie dir im Bunde.
Ein Witwer lebte, arm an Trost und Glück,
mit drei geliebten Töchtern, still und fein.
Die Älteste sprach: „Ich geh ein Stück zurück
ins Land hinaus, ich will nicht länger daheim sein.“
Sie sah die Schnitter, Heu und Ginsterstück,
und kam zurück voll Staunen, hell und rein.
Der Vater lachte nur: „Was soll’s bedeuten?
Die Männer mähen Heu, wie alle Zeiten.“
Die Zweite wollte auch hinaus ins Feld,
und sah dasselbe, was die Schwester sah.
Sie kam zurück und sprach von dieser Welt,
doch Vater sprach: „Das ist doch immer da.“
Da rief die Jüngste: „Auch ich geh ins Feld,
ich seh bestimmt noch etwas wunderbar.“
Der Vater seufzte: „Kind, was willst du sehen?“
„Wie meine Schwestern – irgendwas wird’s schon geben.“
Sie ging denselben Weg, sah Heu und Ginster,
sah Wäscherinnen, Holzfäll’ im Geäst.
Sie fragte: „Seh ich weiter noch was finster?“
Man sprach: „Nur Holzfäll’, wie du sie schon kennst.“
Doch tiefer ging sie, suchte Abenteuer,
bis sie die Schlange packte, hart und fest.
Acht Tage weinte sie, konnt’ kaum noch essen,
drei Jahre blieb sie dort – fast ganz vergessen.
Die Schlange sprach: „Bald endet meine Zeit.
Ein Königssohn bin ich, verflucht zu sein.
In zwei Tagen komm zurück, sei bereit.“
Sie gab ihr Spindel, Rocken, Silber fein,
ein Seidentuch, so weich wie Ewigkeit.
„Findest du mich nicht hier, dann geh allein:
Sieben Paar Schuhe musst du abwärts tragen –
sechs Leder, eins aus Eisen für die Plagen.“
Daheim jedoch verbot der Vater streng,
dass sie zurück zur Schlange jemals gehe.
Er sperrte sie im Turm, hoch, eng und eng,
doch sie entkam, so sehr sie ihn auch flehe.
Sie suchte ihren Herrn, ging Weg um Weg,
lief Schuhe durch, bis nichts mehr an ihr stehe.
Sechs Paar verbraucht – das siebte Eisen schwer,
und immer hieß es: „Kind, du bist noch fern, noch mehr.“
Die Eisenschuh’ fast durch, da hört sie Klang
von Hochzeit, Tanz und Jubel in der Stadt.
„Ein Königssohn wird heut vermählt – wie lang
er suchte, weiß man nicht, doch nun wird’s glatt.“
Sie klopfte an und sprach: „Ich spinne lang,
wenn ihr noch Arbeit habt, ich wär euch matt.“
Man ließ sie ein, sie putzte still die Nase
mit jenem Tuch – der Königin zur Blamage.
Der Königssohn kam heim und sah das Tuch,
das seiner Gabe glich, die er einst gab.
Er sprach: „Zeig her.“ – „Es ist zu schmutzig, such
nicht weiter, Herr.“ – Doch er bestand darauf.
Erkannt hat er sie dann, wie man ein Buch
nach Jahren wiederfindet, kaum geglaubt.
Sie zeigte Rocken, Spindel, Silber helle –
und alle lauschten seiner Märchenschwelle.
„Ich hatt’ einst einen Schlüssel,“ sprach der Mann,
„verlor ihn, ließ mir einen neuen machen.
Dann fand ich den verlornen irgendwann –
nun frag ich euch: Was soll ich damit machen?
Den alten oder neuen nehmen kann
ich beide – doch was sagt ihr zu den Sachen?“
Sie sprach: „War erst der alte gut und klar,
warum ein neuer, wenn der erste wahr?“
Da sprach der König: „So ist’s auch mit dir.
Ich hatte eine Frau – und nun bist du
die neue. Doch die alte steht vor mir,
und ihr gebührt mein Herz, mein Recht, mein Ruh.“
Er wies die neue fort: „Geh heim von hier.“
Und nahm die wieder an, die treu ihm zu.
So enden Märchen, seltsam, hart und wahr –
die Treue siegt, doch selten ohne Gefahr.
DRITTER GESANG
Acheria, der Fuchs, war hungrig sehr,
und wusste nicht, wohin er sich nun wende.
Er sah den Hirten täglich hin und her,
mit Milch und Käse, reichlich ohne Ende.
Da rief er: „Wolf, komm her, ich bitt dich sehr –
wir teilen uns ein Mahl, das ich dir spende.
Du heulst von fern, der Hund beginnt zu bellen,
und ich kann Milch und Quark mir heimlich stellen.“
Der Wolf tat, wie der Fuchs es ihm gesagt,
der Hirte lief davon in großer Eile.
Der Fuchs, der längst im Milchtopf rührend lag,
verschlang die Sahne ohne viel Geheule.
Mit Erde füllte er den Rest behagt,
und deckte obenauf die Sahnenkeule.
„Wähl, Wolf, den Teil, der dir am besten taugt!“
Der Wolf nahm „unten“ – Erde, wie’s ihm graut.
Der Wolf, betrogen, heulte voller Wut,
doch sprach der Fuchs: „So macht’s der Hirt, mein Lieber.“
Er ging davon, satt, frech und wohlgemut,
der Wolf blieb knurrend hinter ihm zurück, wie immer.
Bald plagte Hunger ihn erneut so gut,
dass er nach neuem Schabernack stand Schieber.
Er sah den Jungen mit des Vaters Speise,
und plante schon die nächste Räuberei so leise.
„Amsel“, sprach er, „humpel vor dem Knaben,
bis er den Korb abstellt, um dich zu fangen.
Dann will ich uns ein feines Mahl begraben,
wir teilen’s brav, nach unserm alten Drange.“
Die Amsel tat’s, der Junge ließ den Korb begraben,
der Fuchs jedoch – von Gier erfüllt und bange –
verschlang allein die ganze Abendgabe,
und ließ die Amsel ohne ihren Anteil darben.
„Der Wolf ist Feind, die Amsel wird mich hassen,
ich muss hinüber auf die andre Seite.“
So stand er an dem Wasser, nass vom Rassen,
bis kam ein Fährmann, der ihn mitnahm, heute.
„Drei Wahrheiten“, sprach der Fuchs, „will ich dir lassen,
wenn du mich trägst, o Mann, auf deiner Weite.“
Der Mann fuhr los, der Fuchs begann zu lehren,
und sprach drei Sätze, die noch heut verwehren:
„Erstens: Man sagt, Maisbrot sei Weizen gleich –
das stimmt nicht; Weizen bleibt das edle Essen.
Zweitens: Die Nacht sei hell wie Tag zugleich –
doch Tag ist heller, das sei unvergessen.
Drittens: Dein Hosenstoff ist arm und bleich,
und wird noch schlimmer, wirst du nicht ermessen,
dass andre Leute mehr dir zahlen könnten.“
Der Fuchs sprang ans Ufer – und ließ ihn brummen.
Ein Esel zog durch eine Schlucht allein,
beladen schwer mit süßem Malagatrank.
Er sah den Wolf und dachte: „Weh wird sein,
ich finde nirgends Schutz am Felsenhang.“
Doch sprach er höflich: „Herr, probiert den Wein,
er wärmt das Herz und macht den Magen dank.“
Der Wolf jedoch: „Ich bin nicht durstig, Esel –
ich fress dich gleich, samt Kopf und Ohrgehäusel.“
„Herr Wolf“, sprach da der Esel, „lasst mich nur
noch eine Messe hören, eh ich sterbe.“
Der Wolf, verwundert über solche Spur,
sprach: „Gut, doch komm heraus, wenn ich dich werbe.“
Der Esel ging hinein, verriegelte die Tür,
und stand ganz still, als ob er fromm sich färbe.
Der Wolf rief draußen: „Ei, wie lang das dauert!
Fast Palmsonntag, so wie du hier mauerst.“
Da rief der Esel: „Alter Wolf, hab Ruh!
Ich bleib bei Engeln, heut bin ich geborgen.“
Der Wolf schnaubt: „Schlingel, dreckig bist ja du!
Begegn ich dir erneut, dann gnade dir kein Morgen.“
Der Esel sprach: „Geh nach Alagaia zu,
dort findest Schafe, ohne Hundessorgen.“
Der Wolf zog fort, der Esel schlich nach Haus,
und mied des Wolfes Höhle fortan klug und graus.
VIERTER GESANG
Im Bergwald wohnt der wilde Basa-Jaun, ein Ziegenmann,
sein Schritt ist schwer, doch scheu sein tiefes Wesen;
bald Faun, bald Kobold, der sich wärmen kann
am Herd der Hirten, die ihn halb genesen
und halb erschreckt begrüßen, wie man’s kann,
wenn Fremdes nah ist, das man nie ganz lesen.
Sein Schatten schweift durch Hütten, still und sacht,
ein Gast, der lacht – und dennoch Furcht entfacht.
Die Basa-André kämmt golden ihr Haar im Felsgemach,
mal Hexe, mal Meerfrau aus tiefen Quellen;
ihr Blick ist mild, doch birgt er alten Brauch,
der Menschen lockt und dennoch kann zerschellen.
Sie wandelt zwischen Tag und Mondennacht,
ein Wesen, das sich keinem ganz will stellen.
Wo sie erscheint, wird Zauber still und schwer,
ein Hauch von Anderswelt im Bergrevier.
Die kleinen Lamiñak huschen durch die Erde fein,
sie lieben Reinheit, meiden Glockenklänge;
ihr Wort bedeutet oft das Gegenteil,
ihr Tun jedoch bringt Glück für lange Gänge.
Sie stehlen ungetaufte Kinderlein,
doch fügen sonst den Menschen keinen Zwänge.
Sie bauten Brücken, Kirchen – Werk auf Werk –
und wurden um den Lohn betrogen, stark und stark.
Guïllen nennt man sie im Volksgebrauch,
ein Name, der wie Wilhelm klingt im Munde;
sie weben Netze still im Heckenrauch,
ihr Reich ist klein, doch tief in jeder Stunde.
Kein Feenkreis aus Gras, kein Tänzerbrauch,
doch gleichen sie den Feen aus keltischem Bunde.
Nur selten trennt man Hexe, Fee und Bann –
wo Glaube schwindet, wächst das Durcheinand.
Der Wilde schnüffelt, brüllt: „Da ist noch wer!
Bring ihn hervor, sonst friss ich dich alleine.“
Der Älteste tritt zitternd vor ihn her,
und sagt „Ich diene dir“, in stummer Peine.
Der Zweite folgt, der Dritte hinterher,
und alle drei gehorchen seinem Scheine.
Er spricht: „Ihr esst mit mir, dann ruht ihr aus;
doch morgen jagt ihr mit mir weit hinaus.“
Die Schwester daheim wird größer Jahr um Jahr,
bis eines Tages Mais im Hof soll trocknen.
Sie nimmt ein Körnchen, kaum bemerkbar, wahr –
die Herrin schreit, als wollt sie sie erstochen:
„Du endest schlimm, wie deine Brüder, klar!“
Das Mädchen weint, lässt sich zur Mutter locken.
„Hatt’ ich denn Brüder?“ – „Ja, mein Kind, vor Zeit.“
Da spricht sie: „Dann geh ich, heut noch, weit.“
Sie wandert mutig bis zum wilden Haus,
klopft an, tritt ein, erkennt die Brüder nicht.
Der Herr kommt heim und ruft: „Da ist was draus,
verbirg es nicht, ich spür es im Gesicht.“
Sie tritt hervor, wird Dienerin daraus,
und sagt „Ja, Herr“, obwohl ihr Herz zerbricht.
Die Brüder finden sie – und wie sie sehn,
beginnt sie täglich mehr dahinzugehn.
„Warum wirst du so dünn?“ – „Er saugt mir sacht
den kleinen Finger durch die Tür bei Nacht.“
Die Brüder hören’s, fassen Mut und Macht,
beschließen, dass man ihn im Tal umbringt.
Sie lauern ihm, erwischen ihn bei Nacht,
und töten ihn, bevor er neu verschlingt.
Die Frau des Wilden merkt den Mann vermisst,
doch ahnt sie nicht, wie nah die Wahrheit ist.
Sie bringt drei Zähne heim, so groß wie Stein,
und sagt dem Mädchen: „Leg sie in das Becken,
worin die Brüder waschen abends ein.“
Kaum taucht der dritte ein, beginnt’s zu schrecken:
Die Brüder werden Ochsen, schwer und rein,
und müssen nun auf Feldern Futter wecken.
Das Mädchen lebt von Vögeln, die sie finden,
und folgt den Tieren durch die Täler, Winden.
Einst sieht sie unter einer Brücke dann
die Basa‑André sitzen, kalt und bleich.
Sie ruft: „Mach rückgängig, was du getan,
sonst werf ich dich in Feuer, glühend, weich.“
Die Andre sagt: „Hol Haselruten, dann
schlag dreimal jeden Rücken – so wird’s gleich.“
Sie tut’s, und wie der Zauber sich verkehrt,
steh’n ihre Brüder da, wie neu gebärt.
Sie kehren heim ins Schloss des wilden Manns,
das nun verwaist, doch reich an Raum und Dingen.
Dort leben sie in Frieden, ohne Bann,
und lassen Leid und Dunkelheit vergingen.
Die Schwester führt sie mild, so gut sie kann,
und Glück beginnt in ihren Hallen klingen.
So endet, was mit Furcht und Nacht begann –
in Licht, in Heimkehr, und im neuen Plan.
Der kleine Hund, der „Tschu! Tschu!“ winselnd kam,
bekam von ihr ein Häppchen, kaum zu sehen.
Da sprach der Fee‑Gefährte: „Hör nun, Mam’,
was dir die Herrin wollte auferstehen:
Du sollst die Küche fegen, Krug und Kram
gefüllt und sauber halten, nichts verdrehen.
Und wenn sie fragt, so wähle ohne Zwang
den Kohlesack und auch den Eselsschwanz.“
Die Herrin kam, sah alles blank und rein,
und sprach: „Was willst du? Gold oder nur Kohle?“
Das Mädchen lächelte: „Beides ist mir klein,
doch Kohle reicht mir völlig für die Sohle.“
„Und Stirnenschmuck? Ein Stern? Ein Schweif allein?“
„Der Schweif genügt mir“, sprach sie ohne Grolle.
Da gab die Fee ihr Gold und Sternenglanz –
sie ging nach Haus mit Reichtum, Licht und Tanz.
Die Schwester sah den Glanz und rief: „Ich geh
und werde auch der Feen Dienerin!“
Die Mutter warnte: „Nein, mein Kind, oh nee!“
Doch sie bestand darauf mit hartem Sinn.
Sie fand die Fee, die sprach: „Komm mit, o je,
du sollst wie deine Schwester Magd hier drin
die Teller brechen, Krüge schlagen, wild,
und Kindern Schmutz ins schöne Antlitz füllt.“
Der kleine Hund kam wieder, „Tschu! Tschu!“ leis,
doch sie gab nichts und trat ihn voller Zorn.
Die Fee kam heim und sah das Küchenkreis
in Scherben, Krug und Teller ganz verlor’n.
„Was willst du? Gold? Ein Stern?“, so klang ihr Preis.
Sie wählte Gold und Stern – doch ward gebor’n
ein Kohlesack, ein Schweif, der ihr zur Last;
sie ging nach Haus in Tränen, müd und blass.
Der junge Herr bringt sieben Hemden dar
und spricht: „Wenn du sie nähst bis diesem Tage,
so wirst du meine Frau, so wahr ich’s war.“
Sie sitzt und weint, bedrückt von ihrer Plage.
Da kommt eine Hexe alt, mit weißem Haar,
und fragt: „Was quält dich, Kind, in deiner Lage?“
„Ich kann nicht nähen“, sagt sie, „nicht einmal viel –
nur Faden durch ein Öhr, das ist mein Ziel.“
Die Alte spricht: „Ich nähe dir das Kleid,
die Hemden alle, sauber, fein und helle.
Doch merk dir meinen Namen, Ort und Zeit:
Ein Jahr und einen Tag – sonst wird’s zur Falle.
Vergisst du ihn, dann bin ich frei von Leid
und tu mit dir, was ich nur will, zur Stelle.
Marie Kirikitoun – so heiß ich nun;
doch niemand kann den Namen je tun tun.“
Die Hemden sind vollendet, pünktlich, fein,
der junge Herr ist glücklich, nimmt sie heim.
Sie werden Mann und Frau im Sonnenschein,
doch sie bleibt still, ihr Lächeln bleibt nur Schein.
Er richtet Feste aus, Musik und Wein,
doch ihre Trauer schwindet nicht hinein.
Die Diener fragen bang, was ihr wohl fehlt –
ihr Herz bleibt schwer, wie tief es auch verhehlt.
Da kommt ein altes Weib zur Tür herein
und fragt: „Warum so prunkvoll eure Feste?“
Der Diener spricht: „Die Herrin lacht nicht, nein,
und Herr und Hof bemühen sich aufs Beste.“
Die Alte sagt: „Wenn sie gehört, was mein
Ohr heut vernahm, dann lacht sie ohne Reste.“
Man führt sie vor, sie spricht mit hellem Ton
von einer Frau, die sprang von Graben schon:
„Houpa, houpa, Marie Kirikitoun;
niemand wird je den Namen mir behalten!“
Die junge Frau hört’s, schreibt ihn schnell nun,
und fühlt ihr Herz sich heben aus dem Kalten.
Sie dankt der Alten reich, mit Gunst und Lohn,
und als die Hexe kommt, die drohend walten,
ruft sie den Namen laut, mit festem Sinn –
und jede Macht der Hexe fällt dahin.
Die Königin führt sie zum Berg hinan,
wo still ihr Haus in Felsenwinkeln stand.
Ein Hund, Rose genannt, war Patin dann,
und Pretty‑Rose erhielt aus ihrer Hand
den Diamantenglanz, der strahlen kann
wie Sternenlicht auf hoher Himmelswand.
Sie wuchs heran, verspielt mit Hund und Stein,
doch sehnte sich nach Welt und Sonnenschein.
„Hat sie denn keine Häuser?“, fragt sie leis.
Der Hund spricht: „Doch, ein schönes an der Straße.
Ich sag’s der Patin, wenn du willst, ganz heiß.“
So ziehen sie, verlassen Berg und Blase.
Am Balkon stehend, trifft sie dann den Kreis
des Königssohns, der staunt in einem Maße,
dass er sie bittet, mit ihm fortzugehn –
doch ohne Patin könne es nicht geschehn.
Der Hund ruft: „Ohne mich geht sie nicht fort!“
Der Königssohn spricht: „Gut, dann nehm ich dich.“
Doch wie? – Da schmiedet Pretty‑Rose sofort
den Plan: „Ich geb der Patin abends dicht
statt halbem Glas ein volles, starkes Wort;
sie schläft so tief, dass nichts sie mehr erfrischt.
Ich dreh den Schlüssel nur zum Schein im Schloss –
und du holst uns, wenn Mitternacht dich goss.“
Die Patin trinkt das Glas bis auf den Grund,
zu müde, um die Tür noch selbst zu schließen.
Rose dreht den Schlüssel, leis und ohne Kund,
und lässt das Schloss im Dunkel unverschließen.
Um Mitternacht erscheint der Königssohn,
im Wagen, der durch Lüfte kann genießen.
Sie steigen ein, und fort geht’s durch die Nacht –
ins neue Haus, wo neuer Morgen lacht.
Doch früh am Tag ruft Rose: „Du bist nicht schön
wie gestern noch; dein Glanz ist dir genommen.“
Pretty‑Rose seufzt: „Die Patin muss’s versehn
und mir den Diamant vom Haupt genommen.“
Sie bittet Rose, zur Patin hinzustehen
und ihren Glanz zurückzufordern, frommen.
Rose zögert, fürchtet Zorn und Feenhand –
doch Pretty‑Rose fleht sehr, mit Herz und Brand.
So geht sie hin, den Berg hinauf allein,
und ruft: „Gib Pretty‑Rose den Glanz zurück!
Sonst werd ich zornig, Patin, hör hinein –
du wirst schon sehen, was geschieht im Stück!“
Die Patin spricht: „Komm her, tritt ein, mein Stein,
ich mach dir Frühstück, Schokolade, Glück.“
Sie wäscht ihr Füße, legt sie weich zur Ruh
und sagt: „Sie hat den Glanz – sag’s ihr im Nu.“
Rose geht zurück, durch Städte, Gassen, Licht,
und hört zwei Damen spotten über sie.
Der Hund ruft: „Nicht wie ihr, ihr taugt ja nicht!“
Die jungen Herren drohen ihm wie nie.
Er flieht zu Pretty‑Rose, erzählt’s im Licht;
sie stärkt ihn mit Likör, und er wird wie
zuvor. Der König lässt verkünden klar,
dass niemand ihn verletzen dürfe, wahr.
Am Hochzeitstag erscheint die Patin dann
mit Diamant, mit Gold und Silberkleide.
So schön, dass niemand sie betrachten kann,
so strahlt sie, dass man fast vor Glanz sich scheide.
Die Schwägerinnen staunen jedermann:
„Der Hund sprach wahr, sie überstrahlt uns beide!“
Drei Tage glänzt sie, herrlich, hell und rein –
ein Fest aus Licht, aus Glanz und Edelstein.
Die Patin geht, doch Rose bleibt bei ihr stehen.
Sie sagt: „Ich half einst deinen Eltern sehr,
doch was ich gab, ist nun verbraucht, geschehen.
Du gabst genug, nun leben sie nicht schwer.“
Pretty‑Rose hat vier Kinder schon gesehen,
zwei Söhne, Töchter zwei – ein schönes Heer.
Und wie sie gut gelebt in diesem Land,
so starben sie auch gut, von Glück umspannt.
FÜNFTER GESANG
Ein Bursche schlief im Kalkofen versteckt,
als nächtens Hexen kamen, wild im Kreise.
Sie tanzten laut, ihr Spott war unbedeckt,
und eine sprach, sie sei des Hauses Weise,
doch krank, vom Schmerz und Fieber ganz bedeckt;
die Hostie fiel ihr einst – so ging die Reise –
und eine Kröte nahm sie in ihr Maul,
drum bleib die Dame krank in Leid und Graul.
Der Bursche hörte alles, blieb ganz stumm,
bis jede Hexe heimwärts war verschwunden.
Dann ging er rasch zur Kranken, ernst und fromm,
und sprach, was er im nächt’gen Kreis vernommen:
„Die Kröte birgt die Hostie – holt sie drum,
sonst bleibt dein Leib in Krankheit fest gebunden.“
Man tat, was er gesagt, und noch am Tag
verließ die Frau ihr Leid, das sie so plag.
Der Bursche wurde reich dafür belohnt.
Doch abends kam ein bucklig Mägdelein
und sprach: „Du weißt, wo Hexenvolk wohnt –
ich will ihr nächtlich Tun belauschen fein.“
Er zeigte ihr den Ofen, ungeschont;
zur Mitternacht zog Hexenvolk herein.
Sie lachten, schrien, und eine rief sodann:
„Seht nach, was in dem Ofen stecken kann!“
Sie fanden dort das arme, bucklig Kind
und schrien: „Fort! Durch Dorn und Hecken renne!
Durch Ginster, Dornen, wo die Winde sind,
bis Kratzer, Stiche brennen ohne Ende!“
Das Mädchen irrte heimwärts, halb erblindt,
bis endlich früh der Morgen sich bekenne.
Zerschunden kam sie heim, vom Weg gequält –
so hat der Hexensabbat sie verhehlt.
Ein armer Mann zog aus mit seinem Tier,
die Frau daheim, das Kind fast schon geboren.
Im Wirtshaus fand er kaum ein Bettquartier,
ein dunkler Raum, von Licht und Luft verloren.
Da hört er heimlich Mutter, Tochter hier:
„Die Frau des Mannes liegt im Kindbett – morgen
geh ich, das Neugebor’ne zu verzaubern.“
Er tat, als schliefe er, um sie zu belauern.
Sie hob den Herdstein, nahm den Zaubertopf,
strich sich mit Hexensalbe an den Gliedern
und sprach den Spruch, der sie durch Wolken schuf,
durch Hecken ließ und durch die Nacht voll Widern:
„Halb Stund’ hinauf, halb Stund’ im Dornengestrüpp,
halb Stund’ zurück“ – und fort war sie in Lidern.
Der Mann tat’s nach, doch sprach den Spruch verkehrt,
kam heim zerfetzt, doch rechtzeitig und unversehrt.
Er sah die weiße Katze, groß und schwer,
die „miau“ rief – und er schlug fast auf sie ein.
Dann eilte er zurück, durch Dornen her,
um wieder im Gasthaus Gast zu sein.
Die Hexe lag nun krank, ihr Blick war leer;
die Tochter wollte Lohn, doch er verneint.
Er sah die Mutter bleich, vom Zauber matt –
und ging, entschlossen, nie mehr in dies Gasthaus satt.
Doch Unheil kam: Die Kühe starben hin,
die Schweine auch, und Hunger fraß das Haus.
Er traf ein altes Weib mit klarem Sinn,
die sprach: „Leg’ eine Messlatte hinaus
im Stall, geweiht, und leg sie unters Kinn
des Schnabelmaßes – dann ist’s bald vorbei.“
Er tat es so, und um die Mitternacht
kam Katzengestalt – die Hexe, die ihn umgebracht.
Er schlug sie tot, doch blieb in größter Not:
Kein Brot, kein Vieh, kein Korn, kein Funken Leben.
Da traf er einen Herrn, der ihm gebot:
„Ich will dir Geld in reicher Fülle geben,
errätst du nur, woraus der Teufel rot
den Kelch sich macht – doch musst die Seele geben,
wenn du’s nicht weißt.“ Der Mann nahm froh das Geld
und lebte leicht, bis ihn die Furcht befällt.
Die Frist verstrich, er wurde bleich und bang,
ging weit hinaus, um Rat im Wind zu suchen.
An einer Kreuzung hielt er sich entlang,
wo Hexen nachts sich treffen, wild zu fluchen.
Sie tanzten, schrien, und eine sprach im Drang:
„Der Mann, der seine Seele gab, wird’s buchen –
er weiß nicht, woraus Teufels Kelch besteht.“
Die andre sprach: „Von Nägeln, sonntags abgedreht.“
Vor Freude bebend hielt er sich versteckt,
bis Tag anbrach und jede Hexe wich.
Dann ging er heim, vom Glück ganz neu erweckt,
und wartete, bis kam der Tag für ihn.
Der Herr erschien, von Teufeln gut bedeckt,
und fragte: „Weißt du’s?“ – Er sprach feierlich:
„Aus Nägeln, die ein Christ am Sonntag schneidet.“
Der Teufel schrie – und unser Mann entgleitet.
Er ging nach Haus, befreit von Bann und Schuld,
und fand sein Weib und Kind in neuem Leben.
Die Not verging, es kam ihm Gottes Huld,
und nie mehr ließ er Hexen sich ergeben.
Er trug sein Los mit Mut und großer Geduld,
und wusste nun, was Worte alles geben:
Ein Spruch kann retten, einer kann verderben –
drum soll der Mensch mit klarem Herzen sterben.
Ein reiches Paar, doch kinderlos im Leid,
denn jedes Kind, das kam, verging im Sterben.
Nun kam ein Sohn zur Welt in stiller Zeit,
und Hoffnung schien das alte Glück zu färben.
Zwei Burschen hörten’s, dachten schon bereit,
ein Schaf zu stehlen, um sich zu verwerben.
Der eine ging – da traf er spät im Gang
die alte Hex’, die sprach vom Kind und Zwang.
Sie sagte: „Wenn das Kind nur einmal niest
und keiner spricht den heiligen Spruch dagegen,
dann bin ich’s, die das Neugebor’ne liest
und hol es mir – so leicht ist’s, mich zu pflegen.“
Der Junge hörte’s, und als es niest, erschließt
er laut den Spruch, den Hexen nicht ertragen:
„Domine stekan!“ – rief er in den Raum,
und rettete das Kind vor Hexentraum.
Sie dankten ihm und gaben ihm zum Lohn
das schönste Schaf, das ihre Herde kannte.
Doch ach – der Teufel nahm das Kind davon,
ließ’s an dem Weg, wo niemand es erkannte.
Ein Kutscher fand’s, und seine Frau, davon
entzückt, nahm’s auf, wie’s Gott selbst ihr gesandte.
Das Kind gedieh, ward schön und klug und rein –
ihr eigenes blieb klein wie ein Stein.
Denn in der Wiege lag ein Teufelsding,
das trank und trank und wuchs doch niemals weiter.
Die Eltern litten unter diesem Ring
von Rätsel, Kummer, Nächten ohne Heiter.
Das fremde Kind jedoch, ein junger Spring,
ward zwölf und sprach: „Ich werde Mönch, nicht Streiter.“
Die Pflegeeltern baten: „Werde Priester!“
Doch er blieb fest – sein Wunsch war ihm der liebste.
Mit achtzehn las er Messe, still und klar.
Da kam die weiße Taube zu ihm nieder
und sprach: „Dein Vater ist in großer Gefahr;
ein Mord geschah – man führt ihn bald hinwieder.“
Sie tauschten ihre Gestalt, und wunderbar
erschien der Mönch, der ging den Weg hinüber.
Er bat, man solle ihn zum Grab geleiten,
um dort die Wahrheit aus dem Tod zu breiten.
Er öffnete das Grab, rief Leben an,
der Tote stand und sprach mit matter Stimme.
„Ist dieser Mann der Mörder, dieser Mann?“
„Nein“, sprach der Tote, sank zurück ins Grimme.
Der Mönch, der wusste nun, was Wahrheit kann,
und ließ die Schuld im Dunkel ohne Stimme.
Der Vater lud ihn ein zum Festmahl groß –
doch sprach der Mönch: „Ein andrer Tag ist los.“
Am Festtag kam er, sah das falsche Kind,
das achtzehn Jahr’ im Bett wie neugeboren.
Er betete – und Feuer, Sturm und Wind
entrissen Teufelsform, die dort gefroren.
Das Haus erbebte, Flammen jagten blind,
der Dämon floh, vom heiligen Wort zerrissen.
Der Mönch sprach leis: „Sei froh, dass er nun fort –
ein solches Kind bringt keinem Segen dort.“
Der Vater weinte, doch die Mutter sah
den Frieden wieder in das Haus sich senken.
Der Mönch ging fort, so still wie er einst da,
und ließ die Welt sich neu im Guten denken.
Das fremde Kind, das wahre, blieb ihm nah,
und alle konnten Gottes Schutz sich schenken.
So endet dies – mit Licht nach dunkler Bahn,
wie’s oft im Leben kommt für jedermann.
Die Welt erstaunte über seine Macht,
doch seine Mutter blieb in stillen Schmerzen.
Da sprach der Mönch, was ihn zum Sohn ihr macht,
und öffnete ihr tief verwund’te Herzen:
Wie ihn der Teufel einst zur Nacht gebracht,
wie fremde Hände ihn bewahrten, Kerzen
der Güte, die ihn groß und heilig zogen –
und wie er nun zurück zu ihr geflogen.
Die Eltern hörten’s, staunten, weinten leis,
denn Gottes Wege sind oft tief verborgen.
Der Mönch erzählte schlicht, doch ohne Preis,
wie Liebe ihn getragen all die Morgen.
Ein Festmahl folgte, reich an Brot und Schweiß,
und alle fühlten Frieden nach den Sorgen.
Dann kehrte er ins Kloster still zurück,
und ließ die Welt erfüllt von neuem Glück.
Die Eltern lebten weiter schlicht und rein,
in Ehrbarkeit, wie’s Menschen ziemt und frommen.
Und wie ihr Leben gut war, klar und fein,
so ist auch guter Tod zu ihnen gekommen.
Der Mönch blieb fern, doch nie im Herzen klein,
denn Blut und Segen sind zusammengeflommen.
So endet dies – ein Weg durch Nacht und Licht,
wie’s oft im Leben ist, doch selten im Gedicht.
SECHSTER GESANG
Ein armes Paar, vom Schicksal hart bedrängt,
von Kinderschar und Not fast aufgerieben,
der Mann im Wald, wo still der Morgen hängt,
sucht Holz, um nur das Leben zu verschieben.
Da tritt ein Herr hervor, ihm wohlgesinnt,
doch fremd sein Blick, von dunklem Glanz umtrieben:
Er bietet Gold für eines Kindes Taufe,
und arm wie er war, nahm er’s ohne Laufe.
Die Frau, kaum guter Hoffnung, bang und still,
weiß nicht, wohin den seltnen Paten rufen;
doch plötzlich steht er da, wie’s Schicksal will,
als wär er aus den Wolken hergestufen.
Er tauft das Kind, gibt ihm den Namen kühn,
den selbst die Berge hallend wieder rufen:
Malbrouk – und eh der Tag zur Neige sank,
verschwand er mit dem Kind, so schnell wie Dampf.
Der Knabe wuchs im Haus des fremden Manns,
bei einer Hexe und drei Töchtern allen;
mit sieben Jahren maß er Riesenmaß,
ein Wunder, das den Alten wohlgefallen.
Doch als er fragt, wo sei sein eig’nes Haus,
da spricht der Pate, streng in kaltem Schallen:
„Drei Tage nur, dann kehrst du heimwärts wieder,
geh zu dem Berg – dort findest du die Brüder.“
Er fand sie dort beim Holz, in schlichtem Tun,
sie glaubten nicht, was er von sich erzählte;
doch als die Eltern staunten, war’s getan,
und Freude ward, die alle Sorgen stählte.
Er sprach: „Kommt mit, beim Paten ist noch Raum.“
Die Brüder folgten ihm, wie er’s erwähnte.
Doch Hexe sah in ihnen Unheil drohen
und schwor, sie binnen dreier Nächte zu töten.
Der junge Malbrouk aber war nicht blind,
er tauschte Kron’ und Mütz’ in kluger Weise;
die Töchter trugen nun, was ihnen bestimmt,
und er die Kronen – eine List auf leise.
Der Alte kam, erfüllte seinen Schwur,
doch traf die eignen Kinder in dem Kreise.
Malbrouk entfloh mit Brüdern, Stiefeln schnell,
die sieben Meilen trugen, leicht wie Fell.
Sie kamen zu des Königs trübem Hof,
wo Trauer lag auf Hallen, Gängen, Zinnen.
Drei Töchter fehlten, niemand fand sie noch,
kein Held vermochte, ihren Ort zu sinnen.
Da sprach Malbrouk: „Ich bringe sie zurück.“
Der König ließ ihn ohne Zögern beginnen.
Mit Brüdern zog er aus, voll Mut und Kraft,
dem Schicksal nach, das tief im Dunkel schafft.
Am Wege saß ein altes Weib gebeugt,
das ihnen riet, was keiner sonst gewusst:
„Dreihundert Faden Seil, ein Eimerzeug,
und eine Glocke holt, wie’s sein muss.“
Der König gab’s, und bald am Brunnenrand
begann die Fahrt hinab in schwarze Brust.
Die Brüder scheiterten, von Angst erfasst,
doch Malbrouk stieg hinab mit fester Last.
Er fand ein Haus im Grund der Erdennacht,
dort saß die erste Königstochter schweigend,
mit einer Schlange, die im Schlummer wacht,
ihr Haupt auf ihrem Schoß, in Träumen steigend.
Sie warnte ihn: „Noch schläft er kurze Zeit,
doch wenn er naht, wird Tod herniedersteigend.“
Er hob das Schlangenhaupt mit sanfter Hand
und zog sie heimwärts in das Oberland.
Die zweite Schwester fand er, schön und bleich,
ein Löwenhaupt lag schwer auf ihrem Schoße;
sie warnte ihn: „Noch schläft er – flieh sogleich,
sein Zorn macht selbst die Felsen scharf und große.“
Doch Malbrouk sprach: „Leg nieder sacht das Reich
des Löwenhaupts, so still wie Frühlingsrose.“
Sie tat’s, und er, im Eimer fest umfangen,
stieg aufwärts heim, von Brüdern hochgezogen.
Dem König sandten sie die frohe Kunde,
zwei Töchter seien frei aus dunklen Räumen.
Er kam in Eile, dankte jede Stunde,
sein Herz begann vor Glück sich zu versäumen.
Er bot Malbrouk die Wahl aus ihrem Bunde,
doch dieser sprach, als dürft er kaum sich träumen:
„Die dritte, die noch leidet, sei die meine;
die andern beiden nehmt, ihr Brüder, reine.“
So zog er fort, allein, dem Ziel entgegen,
und alle Vögel riefen ihm entgegen:
der Falke, Wolf, der Hund auf alten Wegen,
die Ameise sogar aus dunklen Stegen.
Sie stritten um ein Schaf seit vielen Tagen,
und baten ihn, das Mahl gerecht zu legen.
Er teilte klug, gab jedem seinen Teil,
und ging, doch bang, ob nicht sein Ende feil.
Da rief die Ameis’ ihm: „Komm, wir sind dir hold,
du sollst nicht ohne Gabe weitergehen.
Sprich: ‚Jesus, Ameise!‘ – und wie Gold
verwandelt sich dein Leib, kaum auszusprechen.“
Der Falke sprach: „Sprich meinen Namen, bold,
und du wirst fliegen, hoch auf Himmelswegen.“
Der Wolf, der Hund gaben dieselben Worte,
und Malbrouk zog gestärkt an fremde Orte.
Ein Specht, der rot die Stirn im Walde trug,
sprach warnend: „Suchst du des Königs dritte Maid?
Sie wohnt gefangen, fern genug,
jenseits des Roten Meers, in Einsamkeit.
Nur Ameisen gelangen durch den Trug
der engen Gitter, die kein Mensch befreit.“
Malbrouk, erfreut, dass Hoffnung ihm geblieben,
flog weiter, von den Winden rasch getrieben.
Er rief: „Jesus, Falke!“ – und im Nu
war er ein Vogel, kühn und leicht zu tragen.
Er flog zur Insel, fand die Tore zu,
kein Spalt für Menschen, selbst nicht für die Klagen.
Da sprach er: „Jesus, Ameise!“ – im Schuh
des kleinsten Raums vermochte er zu jagen.
Er sah die Maid, so schön wie Morgenglühen,
und rief: „Jesus, Mann!“ – vor ihr zu stehen.
Sie schrie: „O flieh! Dein Leben ist vorbei,
er kommt zurück, das Ungeheuer, bald.
Um Viertel vor der Neun ist’s einerlei,
ob Mut du hast – er frisst dich ohne Halt.“
Doch Malbrouk sprach: „Ich werde klein wie Brei,
als Ameise mich bergen, leis und kalt.
Doch kratze nicht zu fest, wenn ich dich küsse,
sonst end’ ich unter deiner zarten Büße.“
Da kam das Ungeheuer, schwer und breit,
mit Schlangenfraß und Ungeziefergaben.
Der Maid jedoch gab’s Tauben, zart und weit,
als wär in ihm ein Rest von alten Gnaden.
Er sprach: „Mein Kopf! Schlag zu, es ist soweit!“
Sie hob den Hammer kaum mit ihren Laden,
doch traf so fest sie konnte seine Stirn –
und er verschwand, als wär er nie im Hirn.
Die Maid schlug zu, bis ihr die Kräfte schwanden,
und seufzte: „Ach, wie wär ich arm allein,
wenn du einst stürbest, fern in fremden Landen.“
Er sprach: „Ich sterbe nicht; das muss so sein.
Wer weiß, wie man mich tötet, kennt den Bann,
ein tiefes, dunkles, unentdecktes Sein.“
Sie flehte: „Sag’s mir, wem sollt’ ich’s verraten?
Kein Mensch erreicht dies Haus, kein Wind, kein Pfad hin.“
Er zögerte, doch endlich brach der Stein
des Schweigens, und er sprach mit schwerem Beben:
„Ein Wolf im Wald muss erst erschlagen sein;
in ihm ein Fuchs, im Fuchs ein Taub’ am Leben.
Die Taube trägt ein Ei auf ihrem Schein;
wer mir damit die Stirn berührt, wird geben
den Schlag, der mich vernichtet ohne Gnade.
Doch wer soll’s wissen? Niemand kennt die Pfade.“
Die Maid sprach leis: „Zum Glück weiß niemand’s hier.“
Das Ungeheuer ging, und wie beflügelt
sprang Malbrouk auf, die Kunde brannte ihm
wie Feuer, das die Nacht zum Morgen riegelt.
Er suchte gleich den Wald, und vor ihm schier
stand schon der Wolf, der drohend Zähne spiegelt.
Er rief: „Jesus, Wolf!“ – und ward zum Tier,
warf sich auf ihn und rang ihn hart zu vier.
Er würgte ihn, bis jede Kraft verging,
und ließ ihn liegen, starr im düstren Moos.
Dann eilte er zur Maid und sprach: „Es ging
wie kaum erhofft; der erste Feind ist los.“
Doch kaum war’s ausgesprochen, kam das Ding
zurück und klagte: „Ach, mein Kopf, so groß
die Schmerzen! Schlag, o schlag, ich kann’s nicht tragen.“
Die Maid schlug zu, bis ihre Arme klagen.
Er ging erneut; Malbrouk, nun Hund geworden,
zerriss den Fuchs, der aus dem Wolf entwich.
Er öffnete ihn – und aus dunklen Orten
entflog die Taube, leicht und königlich.
„Jesus, Habicht!“ – und schon war er im Norden
des Himmels, stürzte nieder fürchterlich,
griff sie mit Krallen, nahm das Ei vom Haupt
und flog zur Maid, die staunend ihm vertraut.
„Nun bist du dran“, sprach er, „ich bleib verborgen.“
Er ward zur Ameise, verschwand im Kleid.
Das Ungeheuer kam, voll Angst und Sorgen:
„Sie haben Wolf und Fuchs und Taub’ befreit,
das Ei genommen – ach, was wird aus morgen?“
Er zeigte ihr die Stirn, in Todesleid.
Da schlug sie zu, das Ei in ihrer Hand –
und tot sank er, wie Sand im Wüstenland.
Malbrouk erschien, die Freiheit war gewonnen,
und sprach: „Nun heim zu deinem Vaterhaus.“
Er rief: „Jesus, Falke!“ – und im Sonnen-
licht flog er mit ihr über Meer hinaus.
Der König sandte Boten, als vernommen
die frohe Kunde war; und Fest und Schmaus
erfüllten Hof und Hallen, froh und heiter.
Doch Malbrouk sprach: „Ich zieh noch einmal weiter.“
„Ich muss die Mitgift holen, die mir ziemt.“
Der König bat: „Du hast schon mehr als viel.“
Doch Malbrouk blieb bei dem, was er bestimmt,
und ging zum Paten, fern vom Hofgespiel.
Dort sah er eine Kuh, die golden glimmt,
mit Hörnern, reich an diamantnem Ziel.
Ein Knabe hütet sie; Malbrouk spricht leise:
„Der Meister ruft dich – geh, auf schnelle Weise.“
Der Knabe suchte lang, doch fand er nicht
die Kuh mit Hörnern, golden wie die Sonne.
Denn Malbrouk war schon fort, im Morgenlicht,
und trug sie heim, erfüllt von stiller Wonne.
Er schenkte sie der Braut, die froh im Pflicht
des Glückes stand und lächelte voll Bronne.
Der König sprach: „Nun heirate, mein Sohn!“
Doch Malbrouk sprach: „Noch fehlt mir ein Lohn.“
Er suchte wieder seines Paten Haus,
den Mond zu stehlen, der in Nächten glühte
und sieben Meilen weitwarf seinen Strauß
von Licht, das selbst die finstre Stunde blühte.
Der Alte trank ein Fass voll Wasser aus
an jedem Abend, wenn die Nacht erblühte.
Malbrouk jedoch entleerte still das Fass,
so dass der Durst den Alten übermaß.
Der Alte rief: „Ich sterbe ohne Trank!
Hol Wasser mir, ich kann’s nicht länger tragen!“
Die Hexe sprach: „Zünd an den Mond, mein Dank,
und stell ihn hoch, damit wir Wege wagen.“
Er tat’s, und stellte ihn auf Dach und Schrank,
damit die Nacht nicht droh’ in dunklen Tagen.
Da schlich Malbrouk herbei, nahm still das Licht
und trug’s zum König – wie ein Dieb im Nichts.
Der König staunte: „Großes hast du vollbracht,
nun heirate!“ Doch Malbrouk sprach: „Noch nicht.
Ich bringe mehr, das meiner Würde lacht.“
Denn seines Paten Geige, hell und schlicht,
die spielte schon bei leisester Beracht
und klang durch sieben Meilen wie ein Licht,
die wollt er stehlen – doch kaum fasst er sie,
da kam der Alte, wild wie ein Orkan im Schnee.
Er packte ihn und warf ihn in den Käfig,
aus Eisen hart, und rief: „Heut wirst du braten!“
Die Hexe half ihm, freudig, unergiebig
an Gnade, die sie nie im Herzen hatten.
Der Alte ging in Wald, in Pfad und Stegig,
die Frau begann das Holz zu spalten, glatten.
Da sprach Malbrouk: „Lasst mich die Arbeit tun,
ihr könnt mich dennoch heut zum Abend ruhn.“
Sie ließ ihn frei – und kaum war sie gewendet,
da hob er einen Block, so schwer wie Stein,
und schlug sie nieder, dass ihr Leben endet.
Er kochte sie im Kessel, groß und rein,
ließ Feuer lodern, dass der Duft sich sendet,
und nahm die Geige, stolz wie Sonnenschein.
Der Alte hörte’s Spiel und sprach voll Lust:
„Sie feiert schon den Tod des frechen Wust.“
Er kam nach Haus, sah Kessel, Feuer, Glut,
und dachte, froh: „Sie kocht den Feind für mich.“
Doch als er nähertrat, da sank sein Mut,
denn lange Haare ragten fürchterlich.
Er zog sie raus – und sah in kaltem Blut,
dass seine Frau im Sud lag jämmerlich.
Er schrie vor Wut, doch Malbrouk war schon fort,
zum König flog er heim, an seinen Ort.
Dort heiratete er die schöne Maid,
und Feste klangen durch die goldnen Hallen.
Der König, alt und müd von langer Zeit,
gab ihm die Krone, ließ die Pflicht ihm fallen.
Malbrouk regierte weise, stark und weit,
und ließ die Brüder auch zu Königen wallen.
So endete sein Weg in Glück und Ruh –
und neue Märchen öffnen sich im Nu.
Die Söhne wuchsen heran zu stolzen Knaben,
drei Brüder, gleich an Antlitz, Kraft und Mut.
Der eine sprach: „Ich will die Länder haben,
die Welt durchstreifen, fern vom eignen Blut.“
Die Eltern baten, ihn daheim zu laben,
doch Sehnsucht brannte heiß in seinem Gut.
So ritt er fort mit Hund und Pferd und Schwert,
dem weiten Weg, der ihm das Herz begehrt.
Er kam in eine Stadt, voll Gram und Klagen,
im Wirtshaus weinte man um jeden Tisch.
Er fragte: „Was bedrückt euch so an Tagen,
dass selbst der Wein euch bitter wird und frisch?“
Man sprach: „Im Berg wohnt eine Schlange, tragen
muss täglich einer sich ihr vor den Tisch.
Das Los fiel heut auf unsres Königs Kind,
drum weint die Stadt, weil wir verloren sind.“
Der Jüngling ritt hinauf zum Felsenhang,
versteckt, bis die Prinzessin einsam stand.
Sie sprach: „Geh fort! Dein Leben währt nicht lang,
die Schlange frisst dich wie mich unverwandt.“
Doch er blieb fest, voll Mut und ohne Bang,
das Schwert bereit, den Hund zur Seite stand.
Da zischte laut das Untier, kam heran –
der Hund sprang vor, und schon begann der Bann.
Er fasste sie, die siebenköpfige Brut,
der Hund hielt fest, so stark wie Sturmgebraus.
Der Jüngling hob das Schwert mit tapfrem Mut
und schlug die sieben Köpfe sauber aus.
Er nahm die Zungen, rot wie frisches Blut,
und barg sie still in seiner Tasche aus.
Von jedem Kleid der Maid schnitt er ein Stück,
zum Zeichen ihres Dankes und des Glücks.
Er kehrte heim ins Wirtshaus, still und schlicht,
doch bald verkündete der König laut:
„Wer tötete das Untier, der erhält Gewicht
an Reich und Tochter, wird mein treuer Braut.“
Ein Köhler fand die Köpfe, ohne Licht
der Wahrheit, und trat vor, als wär er traut.
Die Prinzessin sprach: „Das ist nicht mein Held.“
Doch niemand sonst trat vor die Königswelt.
Schon rüstet man die Hochzeit, prunkvoll, groß,
als sie den wahren Retter fern erspäht.
Man holt ihn her, der Köhler wird nervös,
doch zeigt die Köpfe, wie es ihm gerät.
Der Jüngling spricht: „Öffnet die Mäuler bloß.“
Sie öffnen – ohne Zungen, leer und spät.
Da zeigt er selbst die sieben Zungen klar
und sieben Stoffe – Wahrheit wird offenbar.
Den Köhler warf man in des Feuers Brand,
und unser Held erhielt die Königstochter.
Sie lebten froh, befreit war nun das Land,
die Menschen priesen ihn als Schlangenpochter.
Doch als er nachts am Fenster sinnend stand,
sah er ein Schloss im Mondlicht, hell und softer.
Er fragte leis: „Was ist dies fremde Haus?“
Die Frau sprach bang: „Wer hingeht, kommt nicht raus.“
Er aber sprach: „Ich muss den Ort erkunden.“
Sie bat ihn, doch sein Wille blieb wie Stein.
Er nahm sein Pferd, den Hund, das Schwert verbunden,
und ritt zum Schloss im bleichen Mondenschein.
Er suchte lang, bis er die Tür gefunden,
halb verborgen, klein wie eines Kindes Bein.
Er klopfte – eine Alte ließ ihn ein,
mit Tisch und Speise, reich wie Sonnenschein.
Sie drängte ihn zu essen – kaum getan,
verwandelte er sich in ein Ungeheuer.
Gefangen war er nun, kein Weg voran,
kein Schritt zurück, kein Trost, kein Licht, kein Feuer.
Daheim begann der Brunnen heiß zu nahn,
wie’s einst der Fisch verhieß im alten Steuer.
Die Eltern weinten, wussten: „Er ist fort.“
Der Bruder sprach: „Ich folge ihm zum Ort.“
Er ritt denselben Weg, mit Hund und Pferd,
und kam ins Wirtshaus, wo man ihn erkannte.
Man rief den König, der ihn hoch verehrt,
und bald die Prinzessin zu ihm hinwandte.
Wie einst, so kniet sie nieder, still verklärt,
und er tritt ans Fenster, wo die Nacht verbrannte.
Er sieht das Schloss im Mondlicht, hell und weiß –
und fragt sie leis, was dieses Wunder sei.
Die Prinzessin sprach: „Du weißt doch selbst genau,
dass keiner je zurückkehrt aus dem Haus.
Du warst schon dort – o geh nicht wieder, schau,
der Weg führt nur ins Dunkel ohne Aus.“
Doch er, vom Drang getrieben, kühn und rau,
riss sich von ihr und ritt im Sturm hinaus.
Mit Hund und Pferd durchstreifte er die Nacht,
bis er die Tür, halbblind, verborgen, sacht.
Da trat die Alte vor ihn, grau und krumm,
und sprach: „Was suchst du hier? Was willst du sehen?
Wer eintritt, wird im Innern starr und stumm,
kein Mensch vermag lebendig fortzugehen.“
Er sprach: „Gerade deshalb komm ich um,
um zu erfahren, was im Haus geschehen.“
Da gab sie ihm die Taube, warm und weich,
und sprach: „Dies sei dein Schutz im Zauberreich.“
„Im Schloss wohnt eine Alte, schlimm und wild,
sie zwingt dich, von den Speisen dort zu essen.
Doch wenn du klug bist, zeigst du ihr das Bild
der Taube, die du nicht wirst je vergessen.
Du zwingst sie, dass sie selbst davon erfüllt
den Bissen nimmt – dann wird sie dich ermessen.
Denn wer sie speist, gewinnt die Macht im Haus,
und zwingt sie, ihre Zauber zu tun aus.“
Er fand die Tür, klopft an, tritt mutig ein,
der Tisch gedeckt mit Speisen, reich und schwer.
Sie drängt ihn, doch er spricht: „Ich kann nicht, nein,
ich habe eine Taube noch, nicht leer.“
Er zwingt sie, selbst davon zu essen, klein
der Bissen, doch er wirkt wie Zauberspeer.
Da bebt sie, fühlt die Macht, die ihn umgibt,
und weiß, dass sie nun seinen Willen liebt.
Er sprach: „Sag mir, was hast du dort getan
mit meinen Brüdern? Sprich, ich will es wissen.“
Sie leugnet erst, doch als der Hund begann
zu knurren, musste sie die Wahrheit wissen.
Er drohte: „Sag’s, sonst packt er dich sodann.“
Da zeigte sie, von Angst und Zwang zerrissen,
die schrecklichsten Gestalten, die sie hielt –
zwei Monster, die sie einst aus Menschen schielt.
Er zwang sie, ihre Zauber rückwärts zu vollbringen,
die Brüder, Pferde, Hunde zu befreien.
Sie tat’s, und bald sah man die Brüder springen,
wie einst, in menschlich warmen, klaren Reihen.
Sie eilten fort, die Freiheit neu zu singen,
zum König, wo die Hallen weit gedeihen.
Dort staunte man, drei Männer gleich an Blick,
ein Spiegelbild, dreifach, im gleichen Glück.
Die Prinzessin rang um Worte, bang und leis,
denn keiner unterschied sich von den zwei’n.
Da trat der Held hervor, der einst den Kreis
der Schlangenköpfe brach mit Mut allein.
Er zeigte Zungen, Stoff und Ehrenpreis,
und alle wussten: Dies muss er wohl sein.
Man ehrte ihn, beschenkte Eltern, Brüder,
und Jubel klang durch alle Königsgüter.
Die Alte aber, die das Unheil spann,
ward auf dem Markt verbrannt in heißer Glut.
Das Schloss, das einst die Brüder bannen kann,
ward ihnen übergeben, reich und gut.
Sie lebten froh, wie’s Märchen enden kann,
in Frieden, Liebe, ohne neue Blut.
Drei Brüder, gleich an Mut und gleicher Art –
so endet dies, was wundersam ward zart.
Ein Jüngling zog, wie viele, in die Welt,
und fand am Weg die Dose, unscheinbar.
Er öffnete sie – und wie’s ihm missfällt,
sprach sie: „Que quieres?“ hell und sonderbar.
Er schrak, verbarg sie schnell im Mantel, hält
sie fest, doch denkt: „Vielleicht ist’s wunderbar.“
Er öffnet sie erneut – und wie zuvor
sprach sie: „Que quieres?“ wieder ihm ins Ohr.
Da sprach er: „Füll den Hut mir ganz mit Gold.“
Und kaum gesagt, da war er reich und froh.
Er staunte sehr, wie leicht das Glück ihm rollt,
und ging, als wär die Welt ein lichter Floh.
Er wanderte durch Wälder, jung und bold,
bis er ein Schloss erblickte, groß und roh.
Der König fragte: „Suchst du hier ein Haus?“
Er schwieg – doch sah das Schloss so stolz daraus.
Am Abend sprach die Dose wieder leis:
„Que quieres?“ – und er sprach: „Hier soll entstehen
ein Schloss aus Gold und Silber, ohne Preis,
mit Diamantfliesen, die im Lichte wehen.“
Kaum war’s gesagt, da stand es, hell und heiß,
ein Wunder, das kein Mensch zuvor gesehen.
Der König sah’s und sprach: „Du bist ein Mann
von Macht – komm her, dass ich dich ehren kann.“
Er gab ihm seine Tochter, reich und schön,
und alle wohnten in dem neuen Haus.
Doch bald begann die Königin zu höhn’,
von Neid zerfressen, dunkel, kalt und graus.
Sie stahl die Dose nachts, man konnt’s nicht sehn,
und floh mit Mann und Dienern weit hinaus.
Sie sprach: „Bring uns ans Rote Meer hinüber,
doch lass die Tochter hier und ihren Lieb’er.“
Am Morgen fand das Paar sich arm und leer,
das Schloss verschwunden, auch die Dose fort.
Der Jüngling sprach: „Ich bleib nicht länger hier,
ich such mein Glück an jedem fremden Ort.“
Er nahm sein Pferd, so schwer beladen sehr,
und ritt, bis Gold und Kraft verging am Bord.
Er suchte weiter, bettelnd, müd und matt,
bis einer sprach: „Der Mond kennt jeden Pfad.“
Er ritt so weit, bis selbst die Sterne schwiegen,
und kam zum Haus der Mutter dieses Lichts.
Sie sprach: „Mein Sohn wird dich gewiss besiegen,
er frisst, was kommt – verschwinde, ehe er’s bricht.“
Doch er erzählte ihr von all den Kriegen,
vom Schloss, vom Diebstahl, von des Schicksals Pflicht.
Da kam der Mond und sprach: „Ich rieche dich –
zeig dich hervor, verbirg dich nicht vor mich.“
Er trat hervor und fragte ihn sodann,
ob er das Schloss gesehen auf der Reise,
mit Gold und Diamant, das ihm entrann,
geraubt von einer Königin, so leise.
Der Mond sprach: „Nein, ich sah es niemals, Mann,
doch meine Schwester reist in weiter Kreise.
Die Sonne geht viel weiter als ich kann –
geh hin zu ihr, sie weiß vielleicht den Bann.“
Er wanderte, vom Schicksal hart geschlagen,
sein Pferd halb schwach, er selbst vom Hunger hohl.
Er bettelte, um nur den Tag zu tragen,
und suchte weiter, ohne Rast und Wohl.
Da kam er zu der Sonne nach den Plagen,
ihr Haus so hell wie glühend heißer Kohl.
Die Mutter sprach: „Mein Sohn frisst Christen gern –
verlass den Ort, sonst bist du bald nicht mehr.“
Er aber sprach: „Ich bleibe, was auch sei.
Ich bin so elend, dass mir nichts mehr graut.“
Er schilderte sein Leid, sein Schloss, so frei
von Gleichen, Gold und Edelstein gebaut.
Die Frau verbarg ihn, hielt ihn still dabei,
bis schon die Sonne kam, in Glut getaut.
Sie rief: „Ich rieche Christen – bring ihn her!“
Die Mutter bat: „Er ist ein armer Herr.“
Da trat er vor und fragte sie sodann,
ob sie das Schloss gesehen auf der Reise,
mit Gold und Diamant, das ihm entrann,
geraubt von einer Königin, so leise.
Die Sonne sprach: „Ich sah es nicht, doch kann
der Südwind wissen, was ich nicht durchkreise.
Er dringt in jeden Winkel, jedes Land –
geh hin zu ihm, er weiß, was dir entbrannt.“
Er zog erneut, so weit die Wege gingen,
sein Pferd versorgend, selbst vom Betteln matt.
Er kam zum Haus des Südwinds, hörte klingen
der Fässer, die die Mutter mühsam hat.
Sie sprach: „Mein Sohn wird dich in Stücke bringen,
wenn Hunger ihn in wilden Zorn gepackt.“
Er aber sprach: „Ich fürchte nichts mehr sehr –
ich bin so elend, dass ich nichts begehr.“
Sie barg ihn unterm Treppenstein versteckt.
Da kam der Südwind, stürmisch wie ein Meer.
Er roch den Christen, rief: „Hol ihn! Direkt!
Ich muss ihn fressen, bring ihn rasch daher!“
Die Mutter sprach: „Iss erst, was dich erweckt,
und trink – er kommt von Sonne, weit und schwer.“
Da ließ er ihn hervor, und jener Mann
erzählt vom Schloss, das ihm entrissen dann.
Der Südwind sprach: „Ich sah es heut sogar,
bin tausendmal daran vorbeigeflogen.
Es liegt jenseits des Roten Meeres klar,
so weit, dass selbst die Sterne kaum dort wogen.“
Der Jüngling rief: „O sag mir, wo es war!“
Er sprach: „Dort drüben, fern auf alten Bogen.“
Da zog der Mann, vom Mut erneut erfüllt,
bis er die Stadt erreicht, die Sehnsucht stillt.
Er suchte Arbeit – „Braucht ihr einen Gärtner?“
Man sprach: „Der alte ging, wir nehmen dich.“
Er sah sein Schloss – o Freude, heller, zärtner,
als je zuvor, doch fremd und königlich.
Er diente still, gewann das Herz der Wärter,
und schmeichelte dem Mädchen klug und schlicht.
Er bat sie leis, die Dose ihm zu zeigen –
und sah, wohin sie nachts die Hände neigen.
Als alles schlief, da schlich er leis hinein,
nahm seine Dose, hielt sie fest und warm.
Er öffnete sie – und wie im alten Schein
sprach sie: „Que quieres?“ hell aus ihrem Arm.
Er rief: „Que quieres, bring uns heim, hinein
in unser Land – und stürz in Tod und Harm
den König, Königin und all ihr Heer,
ertränk sie alle in dem Roten Meer.“
Kaum war’s gesagt, da hob ein Sturm ihn fort,
und trug ihn heim zur Frau, die ihn ersehnte.
Das Schloss erschien am alten, heimatlichen Ort,
und alles Leid, das einst sein Herz verhöhnte,
verging wie Rauch. Die andern starben dort,
im Roten Meer, das ihre Schuld vergönnte.
Er lebte froh mit ihr in Glück und Ruh –
so endet dies, und Märchen schließen zu.
Er tat, was ihm die Schlange auferlegt,
ging früh zum Strand und sprach von seinem Tun.
Sie nickte nur, als hätt’ sie längst erwägt,
und sprach: „Hol zwölf Matrosen, stark und nun
zahl jedem doppelt, wie es ihm bewegt.“
Er tat’s, und bald begann das Werk zu ruhn.
Der Schiffbauer staunte, wie der Arme reich
so viel im Voraus zahlte, kühn und gleich.
Die Schlange gab ihm Gold für Mast und Kiel,
für Segel, Tauwerk, Planken, jedes Stück.
Ein leerer Raum im Rumpf war ihr zu viel,
dort stellte man die große Truh’ zurück.
Sie kroch hinein, als wär’s ihr Lebensziel,
und sprach: „Nun fahr!“ – und wünschte stilles Glück.
Die Mannschaft wusste nicht, was unten lag,
doch Mahistruba sah sie jeden Tag.
Das Schiff fuhr weit, kein Mensch kannte den Pfad,
kein Hafen, den sie suchten, war bekannt.
Da sprach die Schlange: „Bald kommt Sturm und Bad,
Himmel und Erde mischen sich im Sand.
Um Mitternacht fliegt über uns ein Rad
von schwarzem Vogel – töte ihn mit Hand.
Frag deine Männer, ob ein Jäger sei,
der Schwalben trifft im Flug, so schnell und frei.“
Ein Mann trat vor: „Ich treffe, was da fliegt.“
„Umso besser“, sprach der Kapitän erfreut.
Er ging zur Schlange, die schon alles wiegt,
und gab ihm Trank, der Kraft und Mut erneut.
Man band den Jäger fest, damit er siegt,
und als der Vogel kam, so schwarz wie Heut’,
da schrie er laut – und unser Mann traf ihn.
Die See ward glatt, als wär sie Glas und Sinn.
Die Schlange sprach: „Ich weiß es längst, mein Freund.“
Das Schiff fuhr weiter, ruhig, ohne Pein.
Doch eines Tages, als der Wind sich beugt,
sprach sie: „Ein Hafen müsste nahe sein.“
Er sah ihn schon, wo sich die Küste zeugt,
und sprach: „Er liegt vor uns im Sonnenschein.“
„So gut“, sprach sie, „frag, ob ein Läufer lebt,
der Hasen fängt, wenn er durchs Dickicht schwebt.“
Ein Mann trat vor: „Ich fang im Lauf den Has’!“
„Umso besser“, sprach der Kapitän erneut.
Die Schlange sprach: „Bring ihn zum Berg im Gras,
dort steht ein Haus, von einer Alten betreut.
Er soll drei Dinge holen, ohne Spaß:
Stahl, Feuerstein und Zunder – unverstreut.
Doch jedes Mal muss er getrennt zurück,
auf einem neuen Weg, sonst fehlt das Glück.“
Der Läufer ging, sah dort die Alte stehen,
mit roten Augen, drehend wie im Wind.
Er bat um Wasser, sprach von seinem Gehen,
von Durst und Not, wie’s Wanderer oft sind.
Sie sah zum Herd, als wollt’ sie nichts verstehen,
und sprach: „Ich geb dir etwas, armes Kind.“
Doch als sie ging, griff er den Stahl vom Ort
und rannte los – die Alte hinter fort.
Sie packte ihn, als er das Schiff erreicht,
und riss ihm Haut und Mantelstück vom Leib.
Er schrie vor Schmerz, doch war das Ziel erreicht,
der Stahl gerettet, trotz des wilden Weib.
Der Kapitän sprach: „Schlange, sieh, was schleicht –
er lebt, doch welch ein grausam, blut’ger Hieb.“
Sie gab ihm Trank und Salbe, stark und klar,
und sprach: „Bis morgen ist er, wie er war.“
Er rief: „Ich geh nicht wieder zu der Frau!
Der Teufel hol sie, ich bleib fern von ihr.“
Doch als der Morgen kam, gesund genau,
sprach er: „Ich muss – es ist des Schicksals Tür.“
Er zog ein Hemd an, ärmellos und rau,
und alte Hosen, arm wie ein Papier.
Er bat die Alte: „Lass mich an dein Feuer,
ich irr seit Tagen, frier’ wie ein Ungeheuer.“
Sie sprach nur: „Nein.“ – so hart wie kalter Stein.
Und dort endet der Abschnitt deiner Sage.
Der Läufer steht vor ihr, im Schmerz allein,
und sucht den Weg durch List und neue Klage.
Die Spannung wächst – was wird sein nächster Stein?
Wie überwindet er die Alte, diese Plage?
Die Antwort folgt im nächsten großen Lied,
wenn du es willst, erzähl ich, wie’s geschieht.
„Habt Mitleid doch mit mir, so schwach, so wund!“ –
so fleht der Mann, vom Schicksal hart geschlagen.
„Nur einen kleinen Dienst, aus gutem Grund!“
Doch sie, vom Argwohn starr, will nichts mehr wagen:
*„Man täuschte mich erst gestern, tief im Grund
des Herzens brennt die Furcht vor neuen Plagen.“
Da spricht der Fremde mild, voll Zuversicht:
„Nicht Trug ist alles, was die Welt durchbricht.“
Die Alte steigt vom Sitz, dem Herd entgegen,
und bückt sich schwer, das Feuerholz zu heben.
Da fasst der Mann den Stein – in jähem Regen
von Angst und Mut beginnt er wild zu streben;
er rennt, als wollt er brechen seine Wegen,
doch sie, so alt sie scheint, bleibt ihm ergeben:
Sie holt ihn ein, als er das Schiff erreicht,
reißt Hemd und Haut – und dennoch weicht er nicht.
Der Kapitän tritt vor die Schlangengestalt:
„Den Stein besitzen wir.“ – „Ich weiß es lange.“
Er reicht ihm Trank und Heilung ohne Halt,
damit der Mann genese von dem Drange.
Doch dieser spricht: „Die Frau mit rotem Wald
von Augen – nie mehr seh ich solch Verlange.“
Sie mahnen ihn: „Das Zunderkästchen fehlt.“
Er trinkt erneut – und neu wird ihm die Welt.
Er kleidet sich wie Schiffbruch, halb entblößt,
und sucht die Alte, bittend um ein Brot.
Er klagt: „Ich weiß nicht, wo mein Pfad sich löst;
hab Mitleid, Frau, ich bin in großer Not.“
Sie spricht: „Geh, wo du willst; mein Haus ist böst
bedroht von Feinden, täglich droht mir Tod.“
Er fleht: „Was kann ein Armer dir denn rauben?“
Da steht sie auf – und lässt sich doch berauben.
Er greift das Kästchen, flieht mit raschem Schritt;
die Alte jagt ihn, doch er bleibt voraus.
Er springt ins Schiff – sie reißt an ihm, und mit
der Haut vom Hals bis zu den Sohlen raus.
Er stürzt zu Boden, keiner weiß, ob mit
dem Leben noch verbunden dieses Graus.
Da ruft die Alte: „Ich verfluch euch alle!“
Und schweigt – als fiele Frost in jede Halle.
Der Kapitän zur Schlange: „Wir sind nah
dem Ziel, doch unser Läufer liegt in Schmerzen.“
Sie spricht: „Er lebt; am Morgen wird er da
mit neuer Kraft und unversehrtem Herzen.
Ihr seid gerettet; tut, was ich euch sah:
Feuert die sieben Schüsse, ohne Scherzen.“
Er tut’s – und kehrt zurück, wie ihr befohlen,
als hätt ein Gott die Stunde selbst verhohlen.
„Noch zwölf!“ – so spricht die Schlange – „Fürchtet nicht.
Die Polizei wird kommen, euch zu binden.
Ihr werdet flehn, man solle euer Licht
nicht löschen, eh sie prüfen, ob sie finden
an Bord ein Recht zum Strang, der euch vernicht’.“
So kommt es: Richter, Wachen, die geschwinden
die Mannschaft fesseln, werfen sie ins Loch.
Der Kapitän spricht leise: „Bald – jedoch…“
Am nächsten Tag verlangt er vor den König.
Der spricht: „Zum Strang! Die Schüsse sind Verbrechen.
Seit sieben Jahren schweigt die Stadt – so wenig
war Trost mir, seit mein Sohn sich musste rächen
am Schicksal, das ihn nahm.“ – Der Mann, versöhnig,
spricht: „Herr, lasst erst das Schiff euch offen sprechen.“
Sie gehen an Bord – und welch ein Angesicht:
Der Sohn des Königs steht im Sonnenlicht.
Er schildert, wie die Alte ihn gebannt,
als Schlange sieben Jahre ließ vergehen;
wie täglich an des Meeres stillem Rand
der Kapitän ihn sah und ließ ihn stehen,
und sprach: „Auch dich hat Gott mit Herz ernannt.“
Da löst’ der Zauber sich in mildem Wehen.
Der König weint – und hebt das Urteil auf;
der Lauf des Schicksals nimmt nun guten Lauf.
Die Männer werden frei; der Kapitän
erhält zwei Töchter, Schiff und reiche Gaben.
Die Mannschaft darf in Frieden weitergehn
und hat genug, um lebenslang zu haben.
Der König und sein Sohn, vom Glück umwehn,
sie leben gut – und sterben gut, erhaben.
So endet, wie ein Märchen enden soll,
ein Weg, der dunkel war – und dennoch voll.
SIEBTER GESANG
Ein König hatte einen Sohn, genannt der Drache,
Der lebte wild und warf das Geld herab.
Bald schwand das Gut in Prunk und eitler Sache,
Bis auch der Vater ihm sein Erbteil gab.
Mit einem Knecht, der ihm im Angesichte
Ganz ähnlich war, zog er von dannen fort,
Verpraßte schnell des Goldes letzte Schichte,
Bis Not sie trieb an einen dunklen Ort.
Im tiefen Wald ein Schloss voll Pracht sie fanden,
Der Tisch gedeckt mit Speise, edel, rein,
Doch kein Besitzer war darin vorhanden;
Sie schliefen wohl im weichen Bett hinein.
Am Morgen ging der Prinz im Garten wandeln,
Ein Feigenbaum stand grün im Sonnenlicht,
Da rief eine Stimme, klagend vom Behandeln:
„Ach, welche Qual! O weh, du kennst mich nicht!“
„Erscheine mir!“, rief er in die Alleen.
Die Stimme sprach: „Das bringt dir schwere Pein.
Lass dich des Nachts von bösen Geistern quälen,
Und schweigst du still, so wirst du mich befreien.“
Und wie erhofft, als elf die Glocken schlugen,
Kroch wilder Schmerz durch sein Gebein und Blut,
Doch stumm ertrug er, was die Dämonen trugen,
Bis laut der Hahn vertrieb die Schreckensbrut.
Am Morgen lief er hin zum Feigenbaume:
Bis zu den Achseln ragt’ ein Mädchen dort!
„Noch schwerer wird die Nacht in diesem Raume“,
So sprach das Bild, „brichst du dein Schweigewort?“
Sie quälten ihn noch mehr beim zweiten Male,
Doch hielt er stand. Am Tag stand sie im Licht
Schon bis zum Knie im schönen Gartentale,
Doch sprach sie bang: „Das Letzte droht dir nicht!“
Die dritte Nacht bracht’ einen lahmen Schergen,
Der hieb ihm voller Wut die Glieder ab;
Doch Drache schwieg, um ihren Geist zu bergen,
Bis Kukuruku neues Leben gab.
Die Glieder heil, die Jungfrau ganz erstanden!
Sie flohen schnell in eine ferne Stadt.
Sie sprach zum Wirt: „Wenn er mich will aus Banden,
Soll er am Brunnen warten, nüchtern, matt.“
Doch ach, am Brunnen griff er in die Taschen,
Vergaß das Fasten, aß ein Nüßlein klein,
Verfiel in Schlaf, statt wachsam aufzupassen –
Sie kam, sah ihn und ließ ein Tüchlein sein.
Am zweiten Tag fraß er die Walnuss wieder,
Am dritten trieb ein Apfel ihn in Ruh.
Sie schwand zur Stadt der Viertel traurig nieder,
Und gab dem Knecht den Ring für ihn dazu.
„Gott weiß, wann ich die Stadt der Viertel finde!“
So spricht der Prinz und trennt sich von dem Knecht.
Er fliegt davon, getragen von dem Winde,
Bis er an einem Berge Halt sich macht.
Ein frommer Mann reicht Weihwasser den Gästen,
Doch von der Stadt hat er noch nie gehört;
Er pfeift den Vögeln, Ost, Süd, Nord und Westen,
Doch keinem ist der ferne Ort beschert.
„Zwei Brüder hab ich“, spricht der Greis von Sinnen,
„Der eine herrscht auf einem andren Hang
Wohl über Tiere, die mehr Wissen spinnen.“
Der Drache fliegt dorthin im Vogelsang.
Der Bruder pfeift; herbei, mit wildem Grollen,
Kriecht groß und klein, dass Drache zitternd steht.
Sie wissen nichts. Doch eh die Tränen rollen,
Sieht man den Adler, der als Letzter naht.
„Ich komme frisch von dort!“, ruft stolz der Aar.
Der Alte spricht: „So trag ihn durch die Luft!“
Der Vogel krächzt: „Ich tu es, folgsam, wahr,
Wenn er mit Fleisch mir füttert meine Kluft,
Sooft ich öffn’ den Schnabel auf dem Wege.“
Ein ganzer Ochs wird für den Flug bereit’t.
Sie steigen auf; durch Wolken ohne Stege
Fliegt nun das Tier, das nach dem Futter schreit.
Sie müssen weit das offne Meer bezwingen,
Das Fleisch wird knapp, der Ochse ist verzehrt.
Auf einem Fels im Meer die Schwingen singen,
Der Adler hungert, sperrt den Schnabel, beschwert.
Da schneidet Drache, um nicht zu verenden,
Sich selbst ein Stück vom eignen Schenkelfleisch,
Gibt es dem Aar mit blutend-treuen Händen;
So trägt er ihn ans Ufer, wild und kreisch.
„Hier ist die Stadt! Nun geh auf deinen Pfaden!“
Der Adler fliegt zurück in seine Nacht.
Der Prinz, nun lahm, hört bald vom Festgeladen:
Die Königstochter wird zum Altar gebracht!
Er zahlt die Wacht mit heimlichen Moneten,
Versteckt sich stumm in einer Kirchenwand,
Und als der Priester anhebt, zu gebieten,
Ruft er: „Einspruch!“, und tritt aus dem Gewand.
Er zeigt den Ring, die Tücher aus den Tagen,
Die Braut erkennt ihn, ruft mit hellem Schein:
„Er litt für mich, hat alles treu ertragen,
Nur dieser Held soll mein Gemahl nun sein!“
Der andre Bräutigam muss schamvoll weichen,
Sie feiern groß, trotz seiner Schmerzen schwer.
Ihr Glück im Leben war fortan ohn' Gleichen –
Damals war ich dort, doch jetzt bin ich hier.
Es lebte einst, wie oft auf dieser Erden,
Ein Knabe arm mit seiner Mutter Leid.
Er wollte fort, um besser aufzuwerden,
Denn solches Leben bot nur Bitterkeit.
Die Mutter weinte, ließ ihn dennoch ziehen.
Im tiefen Wald trat ihm ein Herr zur Hand,
Der bot ihm Dienst; und vor dem Elend fliehend,
Folgte der Knab' ihm in ein schönes Land.
Der Herr gab ihm die Schlüssel aller Türen,
Es fehle nie an Speise und an Trank;
Er müsse nur die Rösser fleißig führen,
Im Stalle dort, wo manches Tier versank.
Der Meister schied. Im Stalle bei den Wesen
Sprach eine weiße Stute voller Schmerz:
„Ach, treuer Fidel, lass mich hier genesen,
Rette mich fort, es reut dich nicht dein Herz!“
Der Junge stutzte vor der Stute Munde,
Er sprach: „Ich darf nicht brechen mein Gebot!“
Sie bat: „Hol einen Topf aus dieser Runde,
Wasch Haupt und Hand im Wasser vor der Not!“
Fidel gehorcht’; da sah er silbern glänzen
Die eignen Hände, rein wie eitles Gold!
Er wusch sie matt zurück in Fleisch und Grenzen,
Doch unterm Hute blieb das Haar ihm hold.
Die Zeit vergeht, der Meister blieb im Weiten.
Die Stute sprach: „Weißt du, wie lang du hier?“
Er sagte: „Wohl sechs Monate entgleiten?“
„Sechs Jahre!“, rief das kluge Göttertier.
„Und bricht das siebte an, bist du verloren,
Verzaubert wie wir alle in dem Haus –
Der Herr ist selbst der Teufel, tief geboren!“
Da packte Fidel Grauen, Angst und Graus.
Er stieg aufs Ross, sie flohen aus den Hallen.
Die Stute sprach: „Siehst du, was uns bedroht?“
„Am Himmel seh ich schwarze Wolken wallen!“
Das Tier schlug auf die Erde in der Not:
„O Erde, schaff aus deiner dunklen Kraft
Ein Nebelmeer, das ihn im Fluge fängt!“
Sie ritten fort, doch bald das Monster schafft
Den Weg zurück, der nah und näher drängt.
„Lass Hagel fallen auf des Teufels Pfade!“
So rief das Tier. Doch wieder kam er her.
Da schlug der Huf zum letzten Mal im Rade:
„Ein tiefer Fluss verschlinge ihn im Meer!“
Der Teufel sank im Strome ohne Matten.
Die Stute sprach: „Zum König reite nun!
Werd Gärtner dort im Schloss der sanften Schatten,
Die Blumen blühn, ohn' dass du Hand musst tun.“
Die jüngste Tochter bracht' ihm jeden Abend
Das schlichte Mahl und liebt’ den Gärtner sehr.
Sie sprach von Ehre, sich an ihm erlabend:
„Dich will ich frein, kein andrer kommt mir her!“
Er sprach von Armut und von niedrem Stande,
Dass solch ein Traum ihr Herz nur eitel bricht;
Da ward sie krank im weiten Königshande,
Und selbst der Arzt fand eine Rettung nicht.
„Bringt mir den Gärtner mit der klaren Brühe!“
Der König wusch und kleidet' ihn in Seid'.
Die alte Amme, voller Hexenmühe,
Versteckte sich im Bett vor falschem Neid.
Die Hexe schlich zum König mit den Worten,
Was dort geredet ward im Kämmerlein;
Doch Fidel gab die Suppe vor den Pforten
Dem treuen Hund – der sank als Totenbein.
Die Hexe ward im Feuertod gerichtet.
Die Prinzessin fand in Fidels kleiner Welt
Den kahlen Kopf, der hell wie Sonne lichtete,
Dass sie vor Liebe ganz den Sinn verstellt.
Der Vater sprach: „So zieht in jene Klüfte,
Kein Geld, kein Erbe sei euch je gewährt!“
Doch Fidels gülden Haar in sanfter Lüfte
Ward bald zu Gold, das reich ihr Haus ernährt.
Da brach ein Krieg aus in des Königs Reichen.
Prinzessin bat: „Lasst meinen Gatten ziehn!“
Der König lacht’: „Der Maulwurfsgrillen-Gleiche?
Er bleibe heim, was nützt ein Tor wie ihn!“
Doch gab er ihm ein blindes, lahmes Rösslein,
Das tief im Schlamm bald steckenbleiben musst’.
Da naht’ die weiße Stute aus dem Schlösslein
Mit Schwert und Lanze für die Heldenbrust.
„Reit an den Schwägern fort zu jenen Toren,
Berühr sie nur, und Frieden bricht herein!“
Fidel flog los, wie neu im Geist geboren,
Die Pforten brachen vor dem Edelstein.
Die Feinde riefen Fest und tausend Feiern,
Sie gaben ihm den Schlüssel, reich und schwer.
Der Krieg war aus! Den Schwägern, den Gemäuern,
Rief er im Gehn: „Zieht heim, es kämpft kein Heer!“
Er saß im Schlamm beim alten, blinden Pferde,
Die Schwäger lachten, als sie ihn gesehn:
„Hast du die Zeit verträumt auf dieser Erde?“
Er sagte: „Ja“, und ließ sie schamlos gehn.
Er sandte fort das Rösslein aus den Sagen,
Und ritt nach Haus in seine stille Welt.
Er schwieg von Sieg und all den großen Taten –
Und lebte froh im finstren Bergezelt.
Der König geizte nach den jungen Tagen,
Denn blind und alt war seine Lebenszeit.
„Wer bringt das Wasser mir aus fernen Sagen,
Das Sehgewicht und Jugend mir verleiht?“
Die Schwäger zogen fort mit goldnen Reifen,
Doch fanden nichts und blieben lüstern stehn
In einer Stadt, um Wollust zu ergreifen;
Da dachte Fidel: „Ich muss aufwärts gehn.“
Er traf im Wald ein Mütterchen von Jahren,
Das wies ihm zwei Eidechsen im Gefecht:
Die eine tot, die andre tat bewahren
Ein Zauberkraut, das Leben spendet recht.
Er brach das Gras. Die Alte gab zwei Flaschen:
„Für Sehkraft eins, und eins für Jugendschein!
Tausch es für Gold, das ihre Frauen bauten,
Die Äpfel der Verräter seien dein!“
Er rief die Ware aus auf jenen Gassen,
Die Schwäger gaben hin das Gold der Braut,
Sie heilten einen Hund, um aufzupassen,
Und brachten dann dem König das Gemaut.
Der König trank, ward jung und konnte schauen!
Er lud zum Feste alle Welt im Kreis;
Fidel zwang seine Gattin mit Vertrauen,
Dass sie beim Mahle dienten nach Geheiß.
Beim Frühstücken sprach kühn ein alter Degen:
„Gibt’s keine Mär, die dieser Kreis versteht?“
Fidel sprach: „Ja, doch manchem unbeguemen
Wird wohl das Wort, das aus dem Munde geht.“
Der König legt’ das Schwert auf blanke Tische:
„Die Spitze treffe den, der Lügen spinnt!“
Da hob Fidel zu reden an, das Frische,
Vom lahmen Pferd, das in den Schlamm gerinnt.
Er zog die Papiere und die schweren
Schatzschlüssel aus dem Rock vor aller Sicht.
Der König staunte tief in hohen Ehren.
Dann sprach Fidel vom Tausch im Sonnenlicht:
„Zwei goldne Äpfel zahlt’ man für das Leben!“
Die Gattin schrie: „Woher kam dieser Hort?“
Weil sie als Erste sprach in diesem Beben,
Erschlug Fidel sie mit des Königs Mord.
Der König weinte um die eigne Tochter,
Doch Fidel sprach: „Sei ruhig, alter Mann!
Wie ich sie brach, so heile ich sie wieder.“
Er rührte sie mit Eidechsenkraut sodann.
Sie stand gesund auf ihren lichten Füßen!
Der König sprach: „Die Krone sei nun dein,
Doch ach, dein Schorf wird dich den Thron verdrießen!“
Da trat die Prinzessin ins Licht hinein.
Sie riss das Tuch von Fidels kahlem Haupte,
Das glänzte sonnenhaft und wundervoll:
„Seht hier den Schorf, an den Ihr fälschlich glaubtet!“
Der König rief, dass Lob den Saal durchscholl:
„Die Krone steht auf diesem Haupte besser!“
Er setzte sie ihm auf mit reicher Hand.
Die Schwäger trieb er in das Felsgewässer –
Und Fidel herrschte glücklich überm Land.
Es lebte einst, wie oft auf dieser Erden,
Ein armer Sohn mit seiner Mutter Not.
Im Elend konnt’ er nicht mehr glücklich werden,
Drum zog er fort und suchte neues Brot.
Im tiefen Wald, an eines Schlosses Pforten,
Trat ihm ein Riese, Tartaro, zur Hand:
„Wo blickt dein Sinn hin, an den dunklen Orten,
Du kleine Erdenameise im Land?“
„Ich will mich bessern und in Treue dienen!“,
So sprach der Knab' und hielt der Wahrheit Stand.
Der Riese lacht’: „Weil du mir treu erschienen,
Sollst du nicht sterben durch des Meisters Hand.
Drei Tauben kommen bald im Garten baden,
Sie legen ab ihr feines Federkleid.
Nimm jenes Fell, das in der Mitte geladen,
Und gib es nicht ohn' Eid in dieser Zeit!“
Am nächsten Tag sah er die Jungfraun gleiten,
Er stahl das Fell, das in der Mitte lag.
Zwei Schwestern flohen in die fernen Weiten,
Die dritte bat im Fluss den lichten Tag.
Er sprach: „Nur wenn du schwörst, mir beizustehen,
Gibt meine Hand dir dein Gewand zurück!“
Sie gab ihr Wort; er ließ das Mädchen gehen,
Und folgte ihr zum Schlosse fürs Geschick.
Der Vater dort sprach von den schweren Dingen:
„Die Eichen musst du roden mit der Hand!
Die Wurzeln, Äste, Stämme recht verbringen,
Dann pflügen, eggen dieses weite Land!
Sä’ aus den Weizen, ernte ihn in Eile,
Und back ein Brot mir vor dem Mittagsschlag!
Gelingt es nicht in dieser kurzen Weile,
Ist es dein Tod und dein verlorner Tag.“
Der Junge saß im Wald und weinte Zähren,
Es schlug schon elf, da trat sie zu ihm her:
„Halt blind die Augen, um dich zu bewähren,
Ich helfe dir, verzage jetzt nicht mehr!“
Sie warf den ersten Kamm in hohe Lüfte:
„Kamm, rode aus des Waldes wilden Hain!“
Da brachen Stämme, Wurzeln in die Klüfte,
Und Ordnung zog in das Gehölz hinein.
Der zweite Kamm tat bald den Weizen säen,
Der dritte buk das Brot im Augenlicht.
„Weh uns“, rief sie, „wenn deine Augen spähen,
Eh dieses Werk ganz in sich selbst zerbricht!“
Er hielt sie zu. Das Fladenbrot war fertig,
Der König staunte, als er es verzehrt.
Doch sprach die Frau, dem Teufel gleichwertig:
„Er liebt die Tochter, die dein Herz begehrt!“
Die böse Königin ersann die Listen:
„Hol meinen Ring, der tief im Strome liegt!“
Sie wies ihm Schwerter, die im Saale blitzten,
Doch er wählt’ stur den Säbel, ganz verrußt.
Am Ufer weint’ er in des Mittags Sorgen,
Da trat die Taubenprinzessin heran:
„Zerschneid mein Fleisch, es bleibt mir nicht verborgen,
Und wirf die Stücke in die Flut sodann!“
Der Junge zitterte vor solchem Grauen:
„Lieber sterb ich, als dass ich dich verletz!“
Doch sie befahl’s, um auf die Zeit zu bauen,
So hieb er zu nach magischem Gesetz.
Er warf die Glieder in des Stromes Wellen,
Doch ach, ein Stückchen von dem kleinen Zeh –
Des Fingers Spitze blieb am Schuhgestelle
An einem Eisennagel hängen, weh!
Sie stieg herauf: „Es fehlt ein kleines Gliede!“
Er fand das Fleisch und gab ihr schnell den Ring.
Sie eilt' zum Schloss im kühnen Mittagsfriede,
Schlug hart die Tür, dass wild ihr Ruf erging:
„Ach, mein Finger!“, schrie sie vor den Zeugen,
Um zu verbergen, was im Fluss geschah.
Der Teufelskönig zwang den Knecht zu beugen:
„Zähm mir drei Stuten und ein Ross, das naht!“
Des Abends sprach sie: „Hör auf meine Worte!
Das wilde Ross, das ist mein Vater selbst!
Schlag auf die Nase ihm am wilden Orte,
Dass du den Teufel in die Schranken stellst!
Die erste Stute ist die ält'ste Schwester,
Triff ihre Brust mit aller deiner Macht!
Ich komme letzt, doch schlag den Boden fester,
Tu nur, als ob dein Streich mir Leiden bracht'.“
Am Morgen kam das Ross mit wildem Schäumen,
Doch unsrer Knabe traf die Nase schwer.
Es wich zurück. Aus alten Waldesträumen
Sprengten die Stuten wütend vor ihn her.
Er traf die erste auf die zarten Brüste,
Die zweite auch, bis sie im Staub erblich.
Als drittes Tier die Jüngste ihn begrüßte,
Schlug er die Erde – und das Wunder wich.
Am nächsten Tag sah man den König klagen,
Sein Mund war blau, sein Angesicht voll Ruß.
Die Schwestern stöhnten von den harten Schlägen,
Die Jüngste tat, als ob sie leiden muss.
Der Meister sprach: „Wähl blind aus meinen Töchtern,
Du bist ein Knecht von seltner Klugheit fort!“
Sie wispert' ihm: „Halt Ausschau nach den Wächtern –
Der Finger fehlt mir, nimm mich auf mein Wort!“
Die Türen zu! Die Älteste trat näher,
Sie reicht’ die Hand dem blind-erwählten Knecht.
Er sprach: „Zu schwer!“, als scharfes Geistes Späher,
„An dieser Hand find ich mein Glück nicht recht.“
Die Zweite naht’ im abgemessnen Schritte,
Er fühlt’ sofort, dass ihr ein Finger fehlt:
„Das ist die Meine aus der Schwestern Mitte!“
Sie wurden flugs als Ehepaar vermählt.
Doch wenig Tage durften sie genießen,
Die Braut sprach bang: „Wir müssen schleunig fliehn!
Mein Vater wird uns sonst das Blut vergießen.“
Um zehn Uhr nachts sah man sie vornberziehn.
Sie spie drei Tropfen Speichel vor die Pforten:
„Sprich du für mich, wenn man nach uns begehrt!“
Um Mitternacht rief dort mit lauten Worten
Der Teufelsvater, dem der Einlass wehrt.
„Jetzt darf kein Mensch in diese Stube dringen!“,
So rief der Speichel treu an ihrer Statt.
Der Teufel fluchte vor den Stubengenken,
Bis er die Tür am End' zertrümmert hat.
Da sah er wild das leere Bettgestelle!
Er raste laut zu seiner bösen Frau:
„Sie flohen fort als Bundesgenossen helle,
Doch ich find' sie im weiten Weltenblau!“
Sie eilten fort. Die Braut sprach unterm Gehen:
„Ich kann mich nicht mehr wenden in der Not;
Blick du zurück, was ist im Wind zu sehen?“
Er rief: „Ein Monster droht uns mit dem Tod!“
Sie warf den ersten Kamm in weite Fernen:
„Schaff Dorn und Hecken vor des Vaters Fuß,
Und unsre Bahn sei frei im Licht der Sterne!“
Der Weg gehorchte ihrem Zaubergruß.
Doch bald darauf sah er im Wolkenbette
Das Grauen nahbahrn aus dem finstren Tal.
Sie warf den zweiten Kamm zur Rettungskette:
„Nebel und Hagel stürze auf ihn schmal!“
Ein dritter Blick: Der Feind war ihnen nahe,
Da rief sie laut den letzten Kamm herbei:
„Ein tiefer Fluss verschlinge den, ich sahe!“
Der Vater sank im Strome ohne Schrei.
„Nun sind wir frei!“, so sprach sie voller Segen.
Sie kamen an der Christen Grenze Stand.
Sie rief: „Ich darf mich nicht hineinbewegen,
Getauft muss ich erst werden für dies Land.
Hol einen Priester mir für Gottes Ehren,
Doch hüte dich vor jedem Kuss im Haus!
Küsst dich ein Mensch, wird sich dein Geist verkehren,
Und mein Gedächtnis löscht im Herzen aus.“
Er zog dahin, versprach die Treue schwer,
Doch als er trat in seiner Ahnen Mitte,
Lief eine alte Tante hinterher,
Gab ihm zwei Küsse nach der Sippe Sitte.
Da war’s vorbei! Der Geist ward ihm geraubt,
Er hat die eig’ne Gattin ganz vergessen,
Lebt’ froh dahin, vergnügt und unbelaubt,
Vom süßen Gift des Heimatlands besessen.
Die treue Frau, die stumm im Walde stand,
Sah, dass der Gatte nimmermehr erschien.
Sie schlug ihr Stöcklein auf den nackten Sand:
„Ein Prachthotel soll hier im Grünen blühn!
Mit Dienern voll, mit Speisen ohne Geld!“
Der Zauber wirkte vor den Waldesbäumen.
Der Prinz ging jagen in der grünen Welt
Mit zwei Genossen aus den Jugendträumen.
„Seht dort das Haus, wo man umsonst darf speisen!“
Sie kehrten ein. Sie kannte ihn sogleich,
Doch er sah blind den Gastbetrieb der Weisen,
Vergaß die Braut aus ihrem Tränenreich.
Die Freunde war’n von ihrer Pracht betört,
Der erste bat, die Nacht bei ihr zu weilen.
„Gewiss!“, sprach sie. Der zweite hat’s gehört:
„Morgen bin ich’s!“, rief er in Liebeseilen.
Der Gatte sprach: „So komm ich übermorgen!“
Sie nickte Ja. Der erste blieb im Saal.
Doch als das Bett sollt' tilgen seine Sorgen,
Sprach sie zu ihm mit feinem Spott zumal:
„Du warst Chorknab' und riechst nach Puderstaub,
Hier ist ein Kamm, kämm aus das weiße Haar!“
Er kämmte wild, doch blieb das Haupt nicht taub –
Es staubte fort, bis hell der Morgen war.
„Du stehst schon auf, eh ich zu dir gelangte?“,
Rief er beschämt. Sie sprach: „Der Tag bricht ein!“
Er ging nach Haus, verschwieg, was ihm gebangte,
Der zweite Freund zog froh ins Haus hinein.
Nach gutem Mahle sprach die kluge Maid:
„Wasch deine Füße in dem Kupferkruge!“
Er wusch den links, der rechts war voller Kleid,
Und wusch sich wund im eitlen Täuschungszuge.
Der Fuß blieb schwarz, sosehr er sich auch mühte,
Bis auch für ihn das Morgenlicht erschien.
Nun war der Gatte dran; in voller Blüte
Bewirtet’ sie mit bestem Wein auch ihn.
Sie gingen auf das Zimmer in der Nacht,
Bereit zum Schlaf, der alle Schuld bemisst.
Sie sah ihn an in ihrer Schönheit Pracht
And sprach zu ihm: „Mach aus das Lampenlicht!“
Er bläst es aus – doch heller brennt die Kerze!
Er pustet wild, das Licht flammt wieder auf.
So steht er da in seinem Hemdenmerze
Und kämpft die Nacht mit diesem Flammenlauf.
Er kriegt die Lampe nimmermehr gelöscht,
Bis matt der Tag durchs Fensterlein bricht rein.
Sein stolzer Sinn ist ganz vom Schein erschöpft,
Da tritt die kluge Jungfrau zu ihm ein.
„Erkennst du mich auch heute nicht, Gemahl?
Vergaßt du ganz die Braut am Christenrand,
Die auf dich wartete im tiefen Tal,
Als du zogst fort für einen Priesterstand?“
Da schlug der Jüngling sich an seine Stirn,
Der Zauber wich, die Wahrheit brach sich Bahn:
„Es war die Tante, die mein arm Gehirn
Mit Küssen stahl, dass ich dich nicht mehr sah!“
„Es tut mir leid, o glaub mir, teures Licht!
Ich wollt’ es nicht, es war der Tante Schuld!“
Sie lächelte: „Verzage länger nicht,
Du büßtest treu, ich schenke dir mein' Huld.
Auch deine Freunde blieben rein und bloß:
Der eine kämmte Staub aus seinem Haar,
Der andre wusch den Fuß vom Schmutze los –
Und keiner kam mir nah, wie es wahr.“
„Nun geh und hole mir den Gottesmann,
Dass er mich tauf' für dein geliebtes Land!“
Der Jüngling lief, so schnell er laufen kann,
Und bracht' den Priester an den Waldesrand.
Das Wasser floss, die Sünde war verraucht,
Sie zog als Christin mit dem Gatten fort.
Wo einst die Armut ihre Not gehaucht,
Erreichten sie der alten Mutter Ort.
Sie nahm ihr Stöcklein, schlug auf Gottes Erde:
„Ein Königsschloss soll hier im Glanze stehn!
Mit reichem Gut und einer Pferdeherde,
Und davor soll ein Prachtgarten erblühn!“
Sobald das Wort dem lichten Mund entwich,
Stand da der Hof in Silber und in Gold.
Das graue Elend vor dem Wunder wich,
Das Glück war nun der armen Mutter hold.
Sie lebten reich in jenen schönen Hallen,
Vergaßen ganz die alte Sorgenzeit.
Kein böser Zauber konnt' sie mehr befallen,
Ihr Bund war frei von Hass und falschem Neid.
Die Liebe siegte über Teufels Macht,
Die Kämme schwiegen im Palast so hehr.
Und wie sie gut gelebt bei Tag und Nacht,
So starben sie – und ich bin wieder hier.
ACHTER GESANG
Es lebte einst ein Mann von großem Gut,
Laur-Cantons hieß er, reich an Gold und Schätzen;
Doch wegen seines Rufs und wilder Wut
Wollt’ keine Maid ihr Herz an ihn versetzen.
Ein Winzer bangte schon um Leib und Blut,
Als jener sprach, um ihn in Angst zu hetzen:
„Gib mir ein Töchterlein von deinen dreien,
Sonst wird dein Tod dich von der Sorge befreien!“
Der Vater kehrt’ betrübt im Herzen heim,
Die ält’ren Schwestern wiesen es zurück.
Da sprach die Jüngste: „Lass das Trauern sein,
Ich wag’ den Schritt und wende das Geschick!
Dir soll kein Leid geschehn durch diesen Frei’n,
Ich folge ihm und suche dort mein Glück.“
Sie zog vermählt in sein Palasttor ein,
Umgeben bald von Samt und güld’nem Schein.
Der König rief den Herrn bald in den Krieg,
Er sprach zur Gattin: „Leb in Saus und Braus!“
Sie aber schwor, dieweil er ferne blieb,
Zu wahren treu und sittsam jener Haus.
Am Hofe traf er – den der Neid wohl trieb –
Ein’ Krämer, der fordert’ ihn zum Kampfe heraus:
Er wettet’ all sein Gut, dass er’s verstünde,
Dass er den Weg in ihrer Kammer fünde.
Laur-Cantons setzte hunderttausend Francs,
Dass seine Frau dem Fremden widerstehe.
Der Krämer lief im Sinnen des Gewinns
Zum festen Schloss, auf dass ihm dort ergehe,
Was er erhofft’. Doch trotz des falschen Scheins
Verschloss sie fest die Tür vor seiner Nähe:
„Wirf deinen Brief nur in den Kasten rein!“
Er musste draußen in der Kälte schrein.
Voll Zorn entfloh der Krämer in den Wald,
Da trat zu ihm ein altes Weib heran.
Er fluchte erst, doch bat sie ihn alsbald,
Zu klagen, was ihm solches Leid getan.
Sie war ein Hexenweib von Macht und Gestalt
Und sprach: „Ich helfe dir bei deinem Plan!“
Mit Äpfeln zog sie los, der Dame hold,
Und log, sie sei die Amme, treu wie Gold.
Die Dame öffnet’ ahnungslos das Tor,
Präsentiert’ Gewänder und Geschmeide rein.
Die Hexe stahl – dieweil die Maid verlor
Den Blick darauf – die Kette ganz geheim,
Auf der ihr Name stand. Der Dieb im Moor,
Der Krämer, kauft’ der Alten Kleider fein
Und zeigt’ dem Gatten stolz das gold’ne Pfand:
„Sieh her, ich war in deiner Frau Gewand!“
Voll wilder Wut ritt Laur-Cantons nach Haus,
Befahl der Gattin, sich im Prunk zu zeigen.
„Wo ist dein Schmuck?“, so rief er laut heraus.
Sie sprach: „Ich fand ihn nicht im Truhenreigen.“
Da packt’ er sie und ritt im Sturmesbraus
Zum wilden Meer, um ihre Stimm' zu beugen:
Er schloss sie in ein Holzbehältnis ein
Und warf sie tief in die Gezeiten hinein.
Doch Menschen fanden an dem Strand das Holz,
Sie schlugen an die Truhe mit Begehren.
Da rief’s von drinnen, lieblich und doch stolz:
„Seid achtsam, lasst ein Lebendes gewähren!“
Man half ihr raus; sie lohnte es mit Gold,
Zog Männersachen an, um sich zu wehren,
Und ging ins Gasthaus, unerkannt und frei,
Als edler Herr, ganz ohne Tyrannei.
Sie hört’, dass seit wohl sieben langen Jahren
Des Königs Tochter siech darniederlag.
Als Arzt verkleidet, mit den weisen Scharen,
Zog sie zum Schlosse noch am selben Tag.
Sie mischt’ aus Kräutern, die im Felde waren,
Ein Heilgetränk, das wahre Wunder pflag:
Schon beim Dritten Schluck sprang die Maid gesund,
Voll Fröhlichkeit, aus ihrem Bettenmund.
Der König rief: „Verlang, was dir gefällt!“
Sie sprach: „Kein Gold, nur Gouverneur zu sein
In dieser Stadt, der über Recht und Welt
Hier fortan richtet, weise und allein!“
Man nannt’ ihr Namen, die der Hof enthält,
Laur-Cantons’ Name brach auch mit hinein.
Sie zog im Prunk in ihren neuen Thron
Und fordert’ nun des Schicksals späten Lohn.
Sie ließ den Gatten holen durch die Wache,
Zwei Schergen führten ihn gefesselt vor.
Nun stand er da, bereit für Gottes Rache,
Dieweil er ganz den stolzen Sinn verlor.
Die Gouverneurin sprach zur ernsten Sache,
Erhob die Stimm’ zum Richterthron empor:
„Wo ist dein Weib? Was hast du ihr getan?“
Er sprach: „Ich weiß nichts“, und sah sie zitternd an.
Sie wies zum Galgen, der im Winde schwang:
„Wer hier die Wahrheit bricht, dem droht der Strick!“
Da wich der Stolz, dem Gatten wurde bang,
Er rief die Reue in die Brust zurück:
Er sprach vom Krämer und dem falschen Zwang,
Von jener Wette und dem Kettenstück,
Und wie er dann, von wildem Zorn versehrt,
Die eig’ne Frau dem tiefen Meer beschert.
Der Krämer ward geholt, gestand in Pein,
Und auch die Hexe brachten sie herbei.
Acht Knappen schlossen das betagte Schwein
In feste Ketten wegen Hexerei.
Sieben Fässer Pulver schichtete man fein,
Darauf die Alte unter lautem Schrei:
Die Lunte brannte, Schuss auf Schuss entwich,
Sie flog im Rauch dahin – und niemand sah sie mehr.
Der Krämer büßte seine Tat am Seil.
Laur-Cantons kniete vor der Herrin hin,
Erbat Vergebung für sein sündig Heil,
Da milderte sich ihre Richterstimm’.
Sie gab ihm Gnade und sein Amt als Teil,
Blieb Gouvernante ihm mit treuem Sinn;
Den alten Vater holten sie herzu
And lebten froh in selb’ger Liebesruh’.
(So schwor Louise Amyot, alt und weise,
Dass diese Mär sich wahrhaft so erweise.)
Es war ein Paar, dem ward ein Sohn geschenkt,
Der Vater zog als Hauptmann auf das Meer.
Die Mutter hat den Knaben stets gelenkt
Zur alten Schule, fleißig hin und her.
Doch wenn der Vater heim die Segel lenkt,
Fragt er nach Seiner Weisheit stolz und hehr.
Die Mutter sprach: „Er lernte nicht viel ein.“
Auch beim zweiten Mal sprach das Kind nur: „Nein.“
Der Hauptmann ging zum Meister voller Groll:
„Lernt mein Junge denn gar nichts an dem Ort?“
Der Meister sprach: „Mein Fass ist gar nicht voll,
Ich pflanze nichts in ihn durch Tat und Wort.“
Da rief der Vater: „Sag, was werden soll!
Was lerntest du?“ Der Knabe sprach sofort:
„Ich lernte nur, was keinem sonst gelingt:
Zu deuten, was ein Vogel singt!“
„Der Vögel Sang!“, rief jener voller Spott,
„Komm mit an Bord, du taugst nicht für das Land!“
Auf hoher See, nach altem Seemannsbrauch,
Ließ sich ein Vogel nieder an der Wand,
Am Heck des Schiffs, und sang im Winde auch:
„Wirittitti, kirikiriki!“, schallt’ es am Strand.
„Sag“, rief der Vater, „was verkündet er?“
Der Junge sprach: „Es deutet auf uns zwei.“
„Er singt, dass ich jetzt steh’ in deiner Pflicht,
Doch du wirst einst vor mir im Staube stehn!“
Da wich die Liebe aus des Vaters Gesicht,
Er wollt’ des Sohnes Stolz nicht länger sehn.
Er schlug ein Fass, das hielt das Tageslicht
Vom Knaben fern, und ließ ihn untergehn:
Er warf es in die Fluten, wild und schwer,
Ein Sturm trieb es ans Ufer aus dem Meer.
Ein König schritt am Strand im selben Lauf,
Sah das Gefäß und rief nach seinen Knechten.
Sie setzten an, zu brechen das Holz herauf,
Da rief’s von drinnen leise von dem Rechten:
„Ganz sachte nur, brecht mir das Schloss nicht auf,
Hier drinnen lebt ein Mensch in diesen Nächten!“
Sie öffneten – der Junge trat ans Licht,
Der König nahm ihn auf in Fürstenpflicht.
Der Junge wuchs und nahm die Königmaid
Zur lieben Frau im reichen Hochzeitssaal.
Da kam ein Sturm in jene Ferne weit,
Der warf des Vaters Schiff mit einem Mal
An eben diesen Strand zur selben Zeit.
Der Hauptmann ging zum Schloss im tiefen Tal:
Er sah den Sohn, doch kannt’ er ihn nicht mehr,
Und ward sein Knecht im Hause, beugte sich schwer.
Eines Tages sprach der Fürstensohn zum Knecht:
„Weißt du denn, wer ich bin, mein guter Mann?“
Der Alte sprach: „Nein, Herr, ich diene recht.“
Da blickt’ der Junge ihn mit Güte an:
„Ich bin dein Sohn, den du im Fass so schlecht
Dem Meer übergabst, weil jener Sang begann.
Der Vögel Spruch hat sich nun treu erfüllt!“
Da ward der alte Schmerz in Freud’ gestillt.
Ein reiches Paar, gesegnet mit viel Knaben,
Trug gegen einen Sohn besond’ren Groll;
Denn jener schien an Geisterstimmen laben
Sich oft zu müssen, die ihm raunten voll:
Dass einst die Eltern vor ihm knien werden,
Um ihm zu dienen auf der weiten Erden.
Die Mutter, wild von Hochmut und von Wut,
Beschloss zu vergießen seines Herzens Blut.
Zwei Diener rief sie heimlich zu sich her:
„Führt ihn hinaus und bringt mir sein Genick!
Schneidet sein Herz heraus, das fordr' ich sehr!“
Am nächsten Morgen schickt’ sie ihn ein Stück
Zum fernen Wald. Doch dort im Gehn da sprach
Ein Knecht zum andern, dass er’s Recht zerbrach:
Sie stritten wild, der Gute siegte bald,
Ein Hund musst’ sterben statt des Knab’n im Wald.
Das Hundeherz brachten sie der Herrin hin,
Die schon bereute ihre harte Tat.
Der Knabe aber zog mit freiem Sinn
Nach Rom hinfort auf ungebahntem Pfad.
Zwei Wand’rer traf er, die ihn lieblich grüßten
And ihn begleiteten durch jene Wüsten.
Als Nacht heraufzog, fanden sie ein Haus,
Das tief im Walde streckte Schatten aus.
Man bot den dreien Essen und ein Bett,
Doch Raunen scholl dem Knaben ins Gehör:
„Dies ist ein Ort des Bluts, kein Zufluchtsbett,
Wärst du nur fort, die Rettung ist sonst schwer!“
Und Mitternacht erbebte das Gehöft,
Als jene Räuber heimgekehrt vom Geschäft;
Die Wirtin sprach: „Drei Schläfer liegen dort!“
Da sprang der Knabe mit den Freunden fort.
Sie wanderten den Tag im Sonnenschein,
Bis wieder Dunkelheit die Welt umschloss.
Ein schönes Schloss lud zur Beherbergung ein,
Doch sprach der Herr, dieweil er Tränen floss:
„Hier herrscht kein Frieden, denn seit sieben Jahren
Schreit uns’re Tochter vor den Schmerzensscharen.“
Die Freunde sprachen: „Heile du die Maid!“
Er tat es auch und brach das lange Leid.
Der Vater sprach voll Dankbarkeit und Lust:
„Sei fortan Herr in diesem reichen Haus!“
Doch jener zog, das Wissen in der Brust,
Nach Rom hinfort und schlug das Erbe aus.
Die Maid trug einen Ring von schönem Schein,
Den teilte nun der Vater ganz allein:
Die eine Hälft’ gab er dem edlen Gast,
Der weiterzog, befreit von aller Last.
Und als sie kamen vor die Stadt der Pracht,
Begannen all die Glocken von allein
Zu läuten laut mit wunderbarer Macht;
Das Volk lief her und stimmte jubelnd ein:
„Es muss der Heil’ge Vater heut’ erscheinen!“
Sie griffen ihn, den Großen wie den Kleinen,
And hoben ihn empor zum Papstthron hoch,
Den jene Stimme ihm einst prophezeit’ doch.
Die Mutter siechte hin in schwerer Reu’,
Sie bat den Mann, nach Rom mit ihr zu gehn;
Auch die zwei Knechte folgten ihr getreu,
Um vor dem Richterstuhle Gottes zu stehn.
Laut in der Kirche, vor der Menschen Menge,
Rief sie die Beichte in die Hallengänge.
Der Papst hört’ es, trat vor ihr Angesicht,
Voll Mitleid sprach er, als der Tag anbricht:
„Ich bin dein Sohn! Dir sei die Schuld vergeben!“
Da brach vor Freude jener Eltern Herz,
Der Tod beend’te jäh ihr irdisch Leben,
Befreit von Sünden und von tiefem Schmerz.
Den guten Knecht belohnt’ er mit dem Pfand:
Der halbe Ring führt’ ihn ins Brautgewand
Der reichen Maid, dieweil im Bergesland
Der böse Knecht als Köhler noch verbrennt.
Es lebte einst bei seiner Mutter arm
Ein junger Mann, dem Geist nach schlicht und eigen,
Der zog hinaus, dass sich sein Los erbarm’,
Um in der Welt zu Wohlstand aufzusteigen.
Die Mutter ließ ihn gehn mit großem Harm.
Er schritt durch Wälder, wo die Vögel schweigen,
Und fand ein Haus, das prachtvoll anzusehn;
Dort sollt’ er nachts mit wilden Räubern gehn.
Er sah die Bande bald mit Silber prangen,
Der Hauptmann sprach zu ihm an einem Tag:
„Ein reicher Herr wird auf dem Pfad hergelangen,
Den raube aus, nimm, was er geben mag,
Und weigert er sich, nimm ihn im Gefangen’
Und schlag ihn tot!“ Der Jüngling litt Verzag,
Doch wartet’ er, bis er den Reiter sah,
Und trat ihm kühn in den Weg, ganz nah.
„Dein Geld her oder stirb!“, so rief er laut.
Der Herr gab seinen Beutel ohne Grollen.
„Das reicht mir nicht, auf das ich hab’ geschaut:
Dein Pferd und Kleid ist’s, was wir haben wollen!“
Sie tauschten fort, und froh um seine Haut
Zog jener ab; der Knabe ließ sich trollen
Auf stolzem Ross zur Mutter schnell nach Haus,
Und breitete den neuen Reichtum aus.
Die Mutter sprach’s im Dorfe bald herum,
Bis auch der Bürgermeister davon hörte.
Er rief den Sohn, der trat vor ihn stumm,
Dieweil die Mutter bangen Schmerz verspürte.
Der Junge sprach: „Ich trieb das Handwerk krumm,
Doch floß kein Blut, das meine Hand berührte.“
Der Richter sprach: „Stiehlst du mein bestes Pferd
Mir heute Nacht nicht, bist du des Todes wert!“
Der Junge tröst’t die Mutter in der Nacht,
Zog alte Lumpen über seine Glieder,
Erhob den Stock und schlich mit kluger Bedacht
Als Bettler hin zum reichen Hofe nieder.
Man wies ihn ab, doch hat er’s so gemacht,
Dass man im Stall ihm gönnt’ ein Lager wieder.
Drei Knechte saßen auf den Pferden wach,
Bis Mitternacht schlug an das Scheunendach.
Als Mitternacht im Dunkeln schallte leise,
Ging er zum Knecht, der auf dem Besten schlief:
„Die Stunde schlug, geh schlafen nach der Weise!“
Der Bursche ging, dieweil der Schlummer rief.
Der Dieb stieg auf und ritt auf leiser Reise
Zum Tore raus, durchs Dunkel weit und tief.
Am Morgen zog er stolz zum Marktplatz hin,
Das edle Ross zu verkaufen mit Gewinn.
Der Bürgermeister fand den Stall halbleer,
Voll Zorn und Wut rief er die Mutter herbei.
Sie sprach: „Mein Sohn verkauft ein Pferd so hehr.“
Man rief den Knaben aus der Schenkereien.
Der Herr sprach: „Gestern siegtest du zwar sehr,
Doch heute droht dir neue Tyrannei:
Stiehlst du mir nicht mein Brot, das im Ofen glüht,
Ist morgen früh dein Lebenslicht verblüht!“
Der Rat der Stadt und alle fernen Gäste
Versammelten sich vor dem Ofenrund;
Sie spielten, tanzten, feierten die Feste,
Zu wachen fleißig bis zur Morgenstund’.
Der Junge ging nach altbewährter Beste
Mit kleinem Hammer an des Ofens Grund:
Ein Loch schlug er von hinten in die Wand,
Holt’ all das Brot und floh ins Heimatland.
Am nächsten Tag war stolz der Herr im Haus,
Weil man das Tor so treu bewacht im Licht.
Er schickte seine Dienerin hinaus,
Zu holen Brot fürs erste Frühstücksgericht.
Doch als sie öffnet’, wich der Stolz im Graus:
Die Sonne schien von hinten im Gesicht!
Der Junge ging schon wieder auf den Markt,
Dieweil die Mutter bang um ihn verzagte.
Der Bürgermeister sprach im wilden Zorn:
„Heut’ Nacht musst du die Laken mir entwenden,
Die unterm Bett wir haben ganz von vorn,
Sonst wird dein junges Leben baldig enden!“
Der Knabe schuf aus Lumpen wie geborn
Ein falsches Bild von sich mit geschickten Händen,
Zog es an Schnur und Stange hoch ans Haus –
Die Wachen schossen wild im Sturmesbraus.
„Hurra!“, so scholl es, „er ist tot und kalt!“
Der Herr sprang auf, zu sehn das blut’ge Spiel.
Der Junge schlüpfte in das Bett alsbald,
Wo nun die Gattin einsam schlummern fiel.
„Es friert mich sehr!“, rief er mit Stimmgewalt,
Zog Decken, Laken an sich mit Ziel.
„Ich geh’ geschwind, ob man ihn schon begräbt!“,
Sprach er zur Frau, und floh, dieweil er lebt.
Die Wachen stachen draußen auf den Geist,
Der Herr trat zitternd wieder in den Raum.
Die Frau sprach: „Dass du mich so frieren heißt!
Du gingst doch eben hin und her im Traum.“
„Ich ging nicht fort!“, rief er, vom Zorn gespeist.
Da sucht’ er Laken – doch er fand sie kaum.
Die Kerze brennt’, das Bett war nackt und leer,
Die Gattin flehte: „Lass ihn gehn, mein Herr!“
Doch unerbittlich rief er ihn am Morgen,
Die Mutter bangt’ um ihres Sohnes Heil;
Denn diesmal schien er nicht mehr fest geborgen,
Der Richter sprach das letzte harte Beil:
„Stiehlst du des Pfarrers, meines Bruders, Sorgen –
All sein Vermögen und des Geldes Teil –
Heut’ Nacht nicht Raub, so bist du bald Gericht!“
Der Knabe ging und wich der Sorge nicht.
Zur Mitternacht schlich er ins Kirchenhaus,
Zog an das schönste, gold’ne Festgewand,
Zündet’ die Kerzen und die Lampen aus,
Und schlug die Glocken laut mit starker Hand:
„Dilin, don, don!“, so scholl es weit hinaus.
Der Pfarrer lief herbei mit Geistverstand;
Da rief vom Hochaltar die Stimme hehr:
„Werft nieder euch! Ich bin der Gott und Herr!
Ich kam herab, um euch zu mir zu führen,
Der Tod naht euch in dieser späten Nacht;
Doch eh’ die Seelen meine Himmel spüren,
Bringt all das Gold und eures Hauses Pracht,
Bringt her den Schatz, der hinter euren Türen,
Legt ihn altarwärts nieder mit Bedacht!“
Der Pfarrer zittert’ vor der heil’gen Macht,
Dieweil der schlaue Knabe heimlich lacht.
Der Pfarrer lief und holt’ sein ganzes Gut,
Der Junge wies ihn auf des Turmes Spitzen:
„Ihr geht ins Fegefeuer nun voll Mut,
Doch sollt ihr bald im Himmelssaale sitzen!“
Er band ihn in den Sack mit wilder Wut
And schleppt’ ihn fort, trotz Flehen und Beschwitzen:
„Zimpi und zampa!“ poltert’ es die Stufen,
Der Priester konnt’ nur „Ay! und ay!“ noch rufen.
Er warf den Pfarrer in den Hühnerstall.
Des Morgens kam die Magd, das Vieh zu speisen,
Sie sah den Sack, der sprang mit lautem Schall,
Die Herrin lief herbei mit Schreckenseisen.
Sie rief zum Gatten: „Sieh den Sündenfall!
Lass diesen Dieb doch endlich weiterreisen!
Wer weiß, was für ein Teufel dort drin haust?“
Dem Amtmann hat es vor dem Sack gegraut.
Man rief den Jungen schnell zum Hofe her,
Er sollt’ den Sack vor aller Welt entsiegeln.
Er sprach: „Das Tier da drin bewegt sich sehr,
Kein Francs-Betrag kann meine Angst verringern!“
„Nimm zehntausend!“, so bat der Amtmann sehr.
„Nein, nein!“, rief er mit abgewandten Fingern.
Erst als die Fünfzigtausend bar gezählt,
Hat er den Sack vom Pfaffenknäuel entpfählt.
Der Priester kroch heraus, ganz ohne Geld,
Der schlaue Dieb zog froh zu seiner Mutter;
Sie lebten reich und glücklich in der Welt,
Mit gutem Wein und fettem Schaf und Futter.
Der Bürgermeister war vom Thron gefällt,
Sein Bruder arm, es fehlte Brot und Butter.
Und wenn sie gut gelebt in jener Zeit,
So starben sie auch wohl in Seligkeit.
Ein reicher Herr besaß ein’ einz’gen Sohn,
Dessen Verstand im Lernen nicht erwachte.
Der Vater schuf ein Schiff zum Spotte schon,
Das er mit Sand bis an die Ränderfrachtete.
Als Kapitän, ganz ohne klugen Ton,
Zog Juan aus, dieweil die Mannschaft lachte.
Sie kamen weit in ein sandloses Land
Und tauschten dort mit Gold den bloßen Sand.
Vor einer Kirche sah er Volk und Knecht’,
Die spuckten auf die Leiche eines Mannes.
Man sprach: „Er zahlte seine Schulden schlecht,
Nun fault er hier im Banne des Gespannes.“
Da gab Juan all sein Gold dem Recht,
Beglich die Schuld des Toten und des Bannes.
Die Mannschaft fluchte wild im Zornesschein,
Denn ohne Geld traf man im Hafen ein.
Der Vater grollt’, doch schickt’ er ihn erneut,
Beladen mit viel Eisen auf die Wogen.
Er verkauft’ es gut; doch ward sein Herz erfreut,
Als er am Markt sah Christen hergezogen:
Die Wilden boten acht der Menschenleut’.
Er kauft’ sie alle, vom Mitleid betrogen!
Sieben schickt’ er heim, doch eine Maid blieb hier:
Marie Louise, wunderschön von Zier.
Der Vater tobte, stieß den Jungen aus.
Juan ließ die Maid als Bild am Bug verew’gen;
Sie fuhren fort zum fernen Vaterhaus
Der Königstochter, durch des Meeres Regen.
Der Erste Offizier, ein lahmer Graus,
Trat voller Neid dem Glück der zwei entgegen:
Er rief Juan ans Deck bei Tageslicht,
Um ihm zu zeigen einen Wunderfisch.
Er stieß Juan hinab ins tiefe Meer,
Und niemand sah den feigen, bösen Streich.
Der Lahme log und schmeichelt’ fortan sehr
Der Königstochter, die nun traurig-bleich.
Ein Engel holt’ Juan aus den Wellen schwer
Und setzt’ ihn auf ein Felseneiland reich,
Wo man ihm täglich Speise niederschwang,
Dieweil sein Haar wie wilder Seetang sprang.
Das Schiff erreicht’ Marie Louises Strand,
Der König lief herbei mit Freudentränen;
Sie sprach vom Knaben, der sie frei erfand,
Doch auch vom Lahmen und des Vaters Sehnen.
Man drängt’ die Maid zu einem neuen Band,
Sie musst’ sich fügen nach des Jahres Dehnen:
„Ein Jahr und einen Tag wart’ ich noch aus,
Dann führ’ ich diesen Zweiten in mein Haus.“
Das Jahr verging, die Stunde schlug herbei,
Juan saß im Moos auf seinem kahlen Steine;
Sein Bart war lang, die Kleider schwer wie Blei,
Da trat der Engel zu ihm im Vereine:
„Marie Louise feiert Tyrannei,
Sie wird vermählt im hellen Kerzenscheine!
Möchtest du heute bei der Hochzeit sein?“
Juan blickt’ auf und sprach voll Sehnsucht: „Ja!“
Der Engel sprach: „Ich bringe dich zum Fest,
Doch musst dein Ehrenwort du mir vermachen:
Dass du mir treu die Hälfte jener lässt,
Die Marie Louise wird als Kind erwachen,
Nach einem Jahr!“ Juan verspricht es fest.
Der Engel trug ihn durch des Windes Rachen
Bis vor das Tor. Es war des Toten Geist,
Den er am Kircheneingang einst erlöst.
Er bat um Almosen am Hochzeitstag,
Der König herzte mild die armen Leute;
Doch riefen Knechte, dass man ihn nicht mag,
Weil Schmutz und Moder sein Gewand bedeute.
Juan trat vor den Tisch, wo Wehmut lag,
Marie Louise sah ihn dort im Treute:
Sie kannt’ das Taschentuch in seiner Hand,
Das sie ihm einst geschenkt im fernen Land.
Sie sprach zum Vater: „Lass den Armen ein,
Ich wasche ihn und geb' ihm neue Kleider!“
Der König gab es nach, so ward er rein,
Und saß am Tische unter all den Neider’.
Man bat um Märchen bei des Weines Schein,
Juan sprach: „Schließt die Türen, seid bescheider,
Und gebt mir alle Schlüssel in die Hand,
Damit ich künde, was ich fern erfand.“
Er sprach vom Sand, vom Toten und dem Geld,
Der lahme Steuermann erbleichte schnelle;
Er bat um Schlüssel, die Juan behält,
Doch niemand half ihm aus der Richterfalle.
Juan sprach vom Eisen und der Sklavenwelt:
„Dort sitzt die Achte aus der Christenställe!“
Der König sah des Lahmen böse List –
Man verbrannt’ ihn auf dem Markt, wie recht es ist.
Juan und seine Braut im Eheglück
Bekamen bald ein Kind nach Gottes Segen.
Ein Jahr verging, da trat der Geist zurück,
Um einzufordern, was Juan gelegen.
Der Vater zog das Messer, Stück für Stück,
Bereit, die Pflicht dem Schwüre zuzubewegen.
Der Engel hielt den Arm: „Dein Wort stand fest!
Behalt das Kind, das Gott dir leben lässt.“
Es lebte einst ein Knabe, wild und kühn,
Juan de Kalais, der wollt’ zur See hinziehen.
Die Mutter gab ein Schiff mit Schätzen grün,
Er stach in See, um in die Welt zu fliehen.
In einer Stadt sah er im Gassenmühn
Ein Volk, das einen Toten tat verziehen:
Auf einem Misthaufen, mit Seil und Band,
Schleppten sie ihn durch Schmutz und nassen Sand.
„Er stirbt im Dreck, weil er uns Geld verschrieb!“,
So riefen sie, „er wird hier ganz verrotten!“
Juan de Kalais, den das Mitleid trieb,
Beglich die Schulden vor den gier’gen Rotten.
Er ließ erfeuern, was an Gut verblieb,
Verkauft’ die Ladung unter wilden Spotten,
Verkauft’ das Schiff, dieweil es nicht erreicht’ –
Und kehrte heim, an barem Gelde leicht.
Die Mutter schalt ihn einen Narren laut:
„Wer so verschwendet, wird im Leben darben!“
Doch weil er wieder auf die Wellen schaut,
Kauft’ sie ein Schifflein, das von alten Farben,
Mit Werg und Teer und Harz nur schlecht gebaut;
So zog er fort zu neuen Erntegarben.
Ein englisches Kriegsschiff traf ihn auf der See,
Dessen Kapitän rief laut aus großer Höh’:
„Du musst mir eine holde Maid abkaufen!“,
So rief der Engländer im Windeswehn.
Juan sprach: „Ich habe nichts als karge Haufen
Von Teer und Werg, kein Gold ist hier zu sehn!“
Der Kaper sprach: „Lass uns den Tausch belaufen,
Gib mir das Harz, so mag es gut geschehn!“
Juan blickt’ auf die Ladung, arm und klein:
„Das ist nicht viel wert für die Dame rein.“
Der Brite schwört, das Tauschgut sei ihm teuer,
Sie wechseln Ware; heim kehrt der Gesand’.
Die Mutter flucht vor Zorn und Reuefeuer,
Weil alle Habe nun aus ihrer Hand.
Doch Juan vermählt sich frei und ungeheuer
Mit jener Maid, die er auf See erfand:
Marie Madeleine gab ihm Ring und Pflicht,
Dass er im Port Portugals Flagge hisst.
Drei Schüsse ließ er aus Kanonen krachen,
Am fernen Ufer bebte Hof und Thron.
Der König kam, um streng das Recht zu wachen,
Zu fangen jene, die da schossen schon.
Doch Juan zeigt’ der Flagge buntes Lachen,
Das Taschentuch mit ihrer Stirne Lohn:
„Marie Madeleine lebt!“, so rief er laut,
Der König weint’ vor Freude um die Braut.
Ein alter General, der nach ihr schmachte
Und stets von ihr verstoßen war mit Spott,
Begleitet’ Juan, dieweil er tückisch dachte,
Zu holen jene Königstochter flott.
Auf hoher See, als nachts die Welle wachte,
Rief er: „Sieh her, welch großer Fisch von Gott!“
Juan bog das Haupt – im selben Augenblick
Stieß ihn der Schurke in das Meer zurück.
Der General entführt’ die holde Schöne,
Und log dem König: „Juan ertrank im Meer!“
Marie Madeleine stieß zurück die Töne,
Die um sie warben, traurig und beschwert:
Sieben Jahre schloss sie sich im Raum der Söhne
Voll Wehmut ein, dieweil kein Trost einkehrt’.
Erst als die Zeit verrann, gab sie dem Drängen
Des Vaters nach, sich dem Gesetz zu mengen.
Juan blieb sieben Jahr auf nacktem Steine,
Er trank das Meer und aß den Seetang rauh.
Da trat ein Fuchs zu ihm im Mondenscheine:
„Morg’n feiert Portugal die Hochzeitsschau!
Was gibst du mir, wenn ich dich dort vereine
Mit deiner holden, königlichen Frau?“
„Die Hälfte von dem Gut, das ich besitze,
Und was mir folget in des Lebens Blitze!“
Der Fuchs trug ihn zum Schlosstor durch die Lüfte.
Als Knecht verkleidet, trat Juan hinein.
Die Zofe sah ihn, roch des Meeres Düfte,
Und rief der Herrin: „Juan kehrt wieder heim!“
Die Prinzessin lief herzu durch die Klüfte,
Erkannt’ den Ring im hellen Kerzenschein:
Sie warf sich ihm an seine treue Brust,
Und führt’ ihn hin zum Saal voll Festeslust.
Beim Mahle bat der König um Geschichten,
Juan zog sein Schwert und legt’ es auf das Tuch:
„Wer spricht, den wird dies scharfe Eisen richten!“
Und er begann des Lebens harten Fluch:
Vom Toten sprach er, den er musst’ belichten,
Vom Frauentausch und von des Freunds Betrug,
Der ihn ins Meer stieß vor der Hochzeit Pracht –
Da ward der König wild in seiner Macht.
Man griff den General bei hellen Bränden
Und verbrannt’ ihn auf dem Markt zu Asche rein.
Juan ward reich, gesegnet von den Händen
Des Königs; und ein Knabe trat herein,
Als nach dem Jahr des Fuchses Schritte fänden
Den Weg zum Haus, zu teilen das Gestein:
Ketten und Gold legt’ er in Haufen zwei,
Und Juan stand dem Schwüre ehrlich bei.
„Die Hälfte von all deinem Gut auf Erden!“,
Rief nun das Tier, „das Kind gehört mir halb!“
Juan zog das Schwert, dieweil die Blicke sterben,
Bereit zu teilen, was ihm Gott gesalbt.
Da schlug der Fuchs die Pfote, es zu verderben:
„Dein Herz ist gut, das Schicksal hat gewallt!
Ich bin des Toten Geist, den du befreit,
Ich flieg’ als Taube in die Ewigkeit!“
(Laurentine sang es nach der Mutter Weise,
Dass diese Mär im Lied uns stets beweise.)