NEUHOCHDEUTSCH
VON TORSTEN SCHWANKE
Der Ackermann. Das erste Kapitel.
Grimmiger Tilger aller Leute, schädlicher Ächter aller Welt, schrecklicher Mörder aller Menschen, ihr Tod, euch sei verflucht! Gott, euer Schöpfer, hasse euch; Vermehrung des Unheils wohne euch bei, Unglück hause gewaltig bei euch: Überhaupt geschändet seid für immer! Angst, Not und Jammer verlassen euch nicht, wo ihr wandert; Leid, Betrübnis und Kummer begleiten euch allenthalben; leidige Anfechtung, schändliche Zuversicht und schmachvolle Versehrung, die bezwingen euch grob an jedem Ort; Himmel, Erde, Sonne, Mond, Gestirne, Meer, Flut, Berge, Gefilde, Täler, Auen, der Hölle Abgrund, auch alles, was Leben und Wesen hat, sei euch unhold, ungünstig und verfluche euch ewiglich! In Bosheit versinket, in jämmerlichem Elend verschwindet und in der unwiederbringlichen, schwersten Acht Gottes, aller Leute und jeglicher Schöpfung alle zukünftige Zeit verbleibet! Unverschämter Bösewicht, euer böses Gedächtnis lebe und dauere hin ohne Ende; Grauen und Furcht scheiden von euch nicht, ihr wohnet, wo ihr wohnet: Von mir und aller Welt sei über euch ernstlich „Zeter“ geschrien mit gewundenen Händen!
Der Tod. Das zweite Kapitel.
Hört, hört, hört neue Wunder! Grausame und unerhörte Nachrichten fechten uns an. Von wem die kommen, das ist uns gänzlich fremde. Doch Drohungen, Fluchen, Zetergeschrei, Händewinden und allerlei Angriffe sind wir an allen Enden bisher wohl entgangen. Dennoch, Sohn, wer du bist, melde dich und tue kund, was dir an Leid von uns widerfahren sei, weshalb du uns so unziemlich behandelst, dessen wir vormals ungewohnt sind – obwohl wir doch manchen kunstreichen, edlen, schönen, mächtigen und heftigen Leuten sehr über den Rain (die Grenze) gegrast haben, wovon Witwen und Waisen, Ländern und Leuten Leid zur Genüge geschehen ist. Du tust dem gleich, als sei es dir ernst und als bezwinge dich Not schwerlich. Deine Klage ist ohne Melodie und Reime; daraus prüfen wir, dass du nicht um der Melodie oder des Reimes willen deinem Sinn entweichen willst. Bist du aber tobend, wütend, benommen oder anderswo ohne Sinne, so verzögere und halte inne und sei nicht zu schnell, so schwerlich mit Worten zu fluchen, damit du nicht mit später Reue bekümmert werdest. Wähne nicht, dass du unsere herrliche und gewaltige Macht jemals schwächen könntest. Dennoch nenne dich und verschweige nicht, welcherlei Sachen dir von uns als so zwingende Gewalt begegnet sind. Rechtfertigen wollen wir uns, rechtfertig ist unser Gefährte (unser Tun). Wir wissen nicht, wessen du uns so freventlich ziehst.
Der Ackermann. Das III. Kapitel.
Ich bin es, genannt ein Ackermann, von Vogelfedern (Schreibfedern) ist mein Pflug, und ich wohne im Bömerlande. Gehässig, widerwärtig und widerstrebend soll ich euch immer sein: Denn ihr habt mir den zwölften Buchstaben (das „L“ für Liebe oder den Namen Margareta), meiner Freuden Hort, aus dem Alphabet gar schrecklich entrissen; ihr habt meiner Wonne lichte Sommerblumen mir aus meines Herzens Anger jämmerlich ausgerottet; ihr habt mir meiner Seligkeit Halt, meine auserwählte Turteltaube, arglistig entfremdet: Ihr habt unwiederbringlichen Raub an mir getan! Wäget es selbst, ob ich nicht billig (rechtmäßig) zürne, wüte und klage: Von euch bin ich freudenreichen Wesens beraubt, täglicher guter Lebetage enterbt und aller wonnebringenden Rente entäußert. Tüchtig und froh war ich vormals zu jeder Stunde; kurz und lustvoll war mir jede Weile Tag und Nacht, in gleicher Maße freudenreich, genussreich sie beide; ein jegliches Jahr war mir ein gnadenreiches Jahr. Nun wird zu mir gesprochen: „Scher dich fort!“ – Bei trübem Trank, auf dürrem Ast, betrübt, schwarz und vor Schmerz vergehend bleibe und heule ohne Unterlass! Also treibt mich der Wind, ich schwimme dahin durch des wilden Meeres Flut, die Wellen haben überhand genommen, mein Anker haftet nirgends. Hierum ich ohne Ende schreien will: Ihr Tod, euch sei verflucht!
Der Tod. Das IV. Kapitel.
Wunder nimmt uns solche unerhörte Anfechtung, die uns niemals begegnet ist. Bist du ein Ackermann, wohnhaft im Bömerlande, so dünkt uns, du tust uns heftig Unrecht; denn wir haben in langer Zeit in Böhmen nichts Endgültiges (Entscheidendes) bewirkt, außer nun neulich in einer festen, hübschen Stadt, auf einem Berge wehrhaft gelegen; deren Name wird aus vier Buchstaben – dem achtzehnten, dem ersten, dem dritten und dem dreiundzwanzigsten im Alphabet [R-A-C-W, für Prag/Ratzyn] – geflochten. Da haben wir mit einer ehrbaren, seligen Tochter unsere Gnade gewirkt; ihr Buchstabe war der zwölfte [L, für Liebe oder Lohn]. Sie war ganz fromm und wandelsfrei, denn wir waren gegenwärtig, als sie geboren ward. Da sandte ihr Frau Ehre einen Ehrenmantel und einen Ehrenkranz; die brachte ihr Frau Selde (das Glück). Den Mantel und den Ehrenkranz brachte sie ganz, unzerissen und unbefleckt mit sich bis in die Grube. Unser und ihr Zeuge ist der Erkenner aller Herzen. Guten Gewissens, freundlich, treu, wahrhaftig und überaus gütig war sie gegen alle Leute. Wahrlich, so Beständige und so Geheure (Liebenswürdige) kam uns selten zu Händen. Es sei denn dieselbe, die du meinst: Anders wissen wir keine.
Der Ackermann. Das V. Kapitel.
Ja Herr, ich war ihr Geliebter, sie meine Liebste. Ihr habt sie hin, meine durchleuchtige Augenweide; sie ist dahin, mein Friedensschild vor Ungemach; weg ist meine wahrsagende Wünschelrute. Hin ist hin! Da stehe ich armer Ackermann allein; verschwunden ist mein lichter Stern am Himmel; zur Ruhe gegangen ist meines Heiles Sonne: Auf geht sie nimmermehr! Nicht mehr geht auf mein flutender Morgenstern, erloschen ist sein Schimmern, keinen Zeitvertreib habe ich mehr: Die finstere Nacht ist allenthalben vor meinen Augen. Ich wähne nicht, dass etwas sei, das mir rechte Freude jemals wiederbringen möge, denn meiner Freuden achtbares Banner ist mir leider untergegangen. Zeter! Waffen! (Zu Hilfe!) Von Herzensgrund sei geschrien über das verfluchte Jahr, über den verworfenen Tag und über die leidige Stunde, darin mein steter, harter Diamant zerbrochen ist, darin mein rechtführender Leitstab unbarmherzig mir aus den Händen gerissen wurde, darin mir der Weg zu meines Heiles erneuerndem Jungbrunnen verhauen wurde. Ach ohne Ende, Weh ohne Unterlass und jämmerliches Versinken, Verderben und ewiger Fall sei euch, Tod, als Erbe gegeben! Lasterbefleckter, schandgieriger, würdeloser und griesgrämiger (Tod), sterbet und in der Hölle erstinket! Gott beraube euch eurer Macht und lasse euch zu Pulver zerstieben! Ohne Ziel (Ende) habt ein teuflisches Wesen!
Der Tod. Das VI. Kapitel.
Ein Fuchs schlug einen schlafenden Löwen an die Backen: Darum wurde ihm sein Balg zerrissen; ein Hase zwackte einen Wolf: Noch heute ist er deshalb schwanzlos; eine Katze krallte einen Hund, der da schlafen wollte: Immer muss sie des Hundes Feindschaft tragen. Ebenso willst du dich an uns reiben. Doch glauben wir: Knecht bleibt Knecht, Herr bleibt Herr. Wir wollen beweisen, dass wir recht wägen, recht richten und recht verfahren in der Welt. Wir schonen niemandes Adel, achten große Kunst nicht, sehen keinerlei Schönheit an, wägen Gaben, Liebe, Leid, Alter, Jugend und allerlei Sachen nicht. Wir tun wie die Sonne, die scheint über Gut und Böse: Wir nehmen Gut und Böse in unsere Gewalt. Alle die Meister, die die Geister bezwingen können, müssen uns ihre Geister antworten (übergeben) und aufgeben; die Bilwisse (Kobolde/Dämonen) und die Zauberinnen können vor uns nicht bestehen; es hilft nicht, dass sie auf Krücken reiten, dass sie auf Böcken reiten; die Ärzte, die den Leuten das Leben verlängern, müssen uns zuteilwerden; Wurzeln, Kräuter, Salben und allerlei Apothekerpulver können ihnen nicht helfen. Sollten wir allein den Faltern und den Heuschrecken Rechnung tragen wegen ihres Geschlechts, an der Rechnung würde es nicht genügen. Oder sollten wir durch Arglist oder durch Albernheit, durch Liebe oder durch Leides willen die Leute leben lassen: Aller Welt Kaisertum wäre nun unser, alle Könige hätten ihre Krone auf unser Haupt gesetzt, ihr Zepter in unsere Hand geantwortet (gegeben), des Papstes Stuhl mit seiner dreigekrönten Inful (Mitra) wären wir nun mächtig. Lass stehen dein Fluchen, sage nicht von Poppenfels (unnütze/fabelhafte Dinge) neue Mär; haue nicht über dich, so fliegen dir die Späne nicht in die Augen!
Der Ackermann. Das VII. Kapitel.
Könnte ich fluchen, könnte ich schelten, könnte ich euch verspeien, dass euch Schlimmeres als Übel geschähe, das hättet ihr schnöde wohl an mir verdient. Denn nach großem Leide soll große Klage folgen: Unmenschlich handelte ich, wenn ich solch lobliche Gottesgabe, die niemand als Gott allein geben mag, nicht beweinte. Wahrlich, trauern soll ich immer: Entflogen ist mir mein ehrenreicher Falke, meine tugendhafte Frau. Billig (rechtmäßig) klage ich, denn sie war edel von Geburt, reich an Ehren, schön, tüchtig und über alle ihre Gefährtinnen hinausgewachsen an Gestalt, wahrhaftig und züchtig in ihren Worten, keusch am Leibe, von guter und fröhlicher Gemeinschaft – ich schweige, denn ich bin zu schwach, all ihre Ehre und Tugend, die Gott selbst ihr mitgeteilt hat, vollends auszusprechen; Herr Tod, ihr wisst es selber. Um solch großes Herzleid soll ich euch mit Recht belangen. Wahrlich, wäre etwas Gutes an euch, es sollte euch selber erbarmen. Ich will mich von euch wenden, von euch nichts Gutes sagen; mit all meinem Vermögen will ich euch ewiglich widerstreben: Alle Schöpfung Gottes soll mir beistehen, gegen euch zu wirken; euch neide und hasse alles, was da ist im Himmel, auf Erden und in der Hölle!
Der Tod. Das VIII. Kapitel.
Des Himmels Thron den guten Geistern, der Hölle Abgrund den bösen, irdische Lande hat Gott uns zum Erbteil gegeben. Dem Himmel Friede und Lohn nach den Tugenden, der Hölle Pein und Strafung nach den Sünden, der Erde Kloß und des Meeres Strom mit all ihrem Gehalt hat uns der Mächtige, aller Welten Herzog, mit den Worten befohlen, dass wir alle Überflüssigkeit ausreuten und ausjäten sollen. Nimm vor dich (bedenke), du dummer Mann, prüfe und grabe mit dem Grabstichel deines Sinnes in die Vernunft, so findest du: Hätten wir seit der Zeit des ersten, aus Lehm gekleckten Mannes Leute auf Erden, Tiere und Würmer in der Wüste und in wilden Heiden, schuppentragende und schlüpfrige Fische in der Flut an Zuwachs und Mehrung nicht ausgerottet – vor kleinen Mücken könnte nun niemand bestehen, vor Wölfen dürfte nun niemand hinaus; es würde ein Mensch den anderen fressen, ein Tier das andere, ein jegliches lebendige Geschöpf das andere, denn Nahrung würde ihnen gebrechen, die Erde würde ihnen zu enge. Er ist dumm, der die Sterblichen beweint. Lass ab! Die Lebendigen mit den Lebendigen, die Toten mit den Toten, wie es bisher gewesen ist. Bedenke besser, du Dummer, was du klagst und was du beklagen solltest!
Der Ackermann. Das IX. Kapitel.
Unwiderbringlich meinen höchsten Hort habe ich verloren; soll ich nicht traurig sein? Jämmerlich muss ich bis an mein Ende harren, aller Freuden beraubt. Der milde Gott, der mächtige Herr, räche mich an euch, arger Trauermacher! Enteignet habt ihr mich aller Wonne, beraubt lieber Lebetage, entfremdet großer Ehren. Große Ehre hatte ich, wenn die Gute, die reine Tochter mit ihren Kindern in reinem Neste gefiel. Tot ist die Henne, die da solche Hühner aufzog. O Gott, du gewaltiger Herr, wie lieb sah ich es mir an, wenn sie so züchtigen Ganges pflegte und alle Ehre zu bedenken wusste und sie das menschliche Geschlecht so lieblich sah und sprach: „Dank, Lob und Ehre habe die zarte Tochter; ihr und ihren Nestlingen gönne Gott alles Gute!“ Könnte ich dafür Gott wohl danken, wahrlich, ich täte es mit Recht. Welchen armen Mann hätte er bald so reichlich begabt? Man rede, was man wolle: Wen Gott mit einem reinen, züchtigen und schönen Weibe begabt, die Gabe heißt Gabe und ist eine Gabe vor aller irdischen, äußerlichen Gabe. O aller gewaltigster Himmelsgraf, wie wohl ist dem geschehen, den du mit einem reinen, unbefleckten Gatten begattet hast! Freue dich, ehrsamer Mann, eines reinen Weibes; freue dich, reines Weib, eines ehrsamen Mannes: Gott gebe euch Freude beiden! Was weiß davon ein dummer Mann, der aus diesem Jungbrunnen nie getrunken hat? Allein mir ist zwingendes Herzleid geschehen, dennoch danke ich Gott inniglich, dass ich die unberückte (tugendhafte) Tochter gekannt habe. Euch, böser Tod, aller Leute Feind, sei Gott ewiglich gehässig!
Der Tod. Das X. Kapitel.
Du hast nicht aus dem Brunnen der Weisheit getrunken: Das erkenne ich an deinen Worten. Das Wirken in der Natur hast du nicht gesehen; in die Mischung weltlicher Sachen hast du nicht geblickt; in die irdische Verwandlung hast du nicht hineingeschaut: Ein unverständiger Welpe bist du. Merke, wie die lieblichen Rosen und die stark riechenden Lilien in den Gärten, wie die kräftigen Wurzeln und die Lust spendenden Blumen in den Auen, wie die feststehenden Steine und die hochgewachsenen Bäume in wilden Gefilden, wie die krafthabenden Bären und die starkgewaltigen Löwen in schrecklichen Wüsten, wie die hochgewachsenen starken Recken, wie die behenden, abenteuerlustigen, hochgelehrten und in allerlei Meisterschaft wohlbegabten Leute und wie alle irdischen Kreaturen – wie künstlich, wie lieblich, wie stark sie auch sein mögen, wie lange sie sich halten, wie lange sie es auch treiben – zunichtewerden und allenthalben verfallen müssen. Und wenn nun alle Menschengeschlechter, die gewesen sind oder noch werden, vom Wesen zum Nichtwesen kommen müssen, weshalb sollte die Gelobte, die du beweinst, das Vorrecht genießen, dass ihr nicht geschähe wie allen anderen und allen anderen wie ihr? Du selber wirst uns nicht entrinnen, wie wenig du dessen jetzt auch glaubst. „Alle hernach!“, muss ein jeder von euch sprechen. Deine Klage ist nichtig; sie hilft dir nicht, sie entspringt tauben Sinnen.
Der Ackermann. Das XI. Kapitel.
Gott, der über mich und euch gewaltig ist, dem vertraue ich wohl, dass er mich vor euch beschirmen und die begangene Übeltat, die ihr an mir verübt habt, streng an euch rächen werde. Gaukelhaft tragt ihr mir Dinge vor, unter die Wahrheit mischt ihr Falsches und wollt mir mein ungeheures Sinnesleid, Vernunftleid und Herzleid aus den Augen, aus den Sinnen und aus dem Gemüt schlagen. Ihr bewirkt nichts, denn mich reut mein schwerer, schmerzlicher Verlust, den ich niemals wieder gutmachen kann. Für alles Weh und Ungemach war sie meine heilsame Arznei, Gottes Dienerin, meines Willens Pflegerin, meines Leibes Aufwärterin, meiner Ehre und ihrer Ehre tägliche und nächtliche Wächterin war sie unverdrossen. Was ihr befohlen (anvertraut) war, das wurde von ihr ganz, rein und unversehrt, oft mit Vermehrung zurückgegeben. Ehre, Zucht, Keuschheit, Milde, Treue, Maß, Sorge und Bescheidenheit wohnten stetig an ihrem Hofe; Scham trug stetig der Ehre Spiegel vor ihren Augen; Gott war ihr günstiger Beschützer. Er war auch mir günstig und gnädig um ihretwillen: Heil, Seligkeit und Glück standen mir bei um ihretwillen. Das hatte sie bei Gott erworben und verdient, die reine Hausfrau. Lohn und gnädigen Sold gib ihr, milter Lohner aller treuen Diener, allerreichster Herr! Tu ihr gnädiger, als ich es ihr wünschen kann! Ach, ach, ach! Unverschämter Mörder, Herr Tod, böser Lasterbalg! Der Züchtiger sei euer Richter und binde euch, „Vergib mir!“ sprechend, in sein Netz!
Der Tod. Das XII. Kapitel.
Könntest du recht messen, wägen, zählen oder dichten, so ließest du aus deinem hohlen Kopfe nicht solche Rede. Du fluchst und bittest um Rache, unvorsichtig und ohne Notwendigkeit. Was taugt solch Eselhaftigkeit? Wir haben zuvor ausgesprochen, wie künstlich, wie kunstenreich, edel, ehrenhaft, tüchtig, artig alles ist, was da lebt, und dass es von unserer Hand enden muss; dennoch schwatzt du und sprichst, all dein Glück sei an deinem reinen, frommen Weibe gelegen. Soll nach deiner Meinung Glück an Weibern liegen, so wollen wir dir wohl raten, dass du beim Glück bleibest. Achte nur darauf, dass es nicht zu Unglück gerate! Sage uns: Als du zuerst dein lobliches Weib nahmst, fandest du sie fromm oder machtest du sie fromm? Hast du sie fromm gefunden, so suche vernünftig: Du findest noch viele fromme, reine Frauen auf Erden, von denen dir eine zur Ehe werden mag; hast du sie aber fromm gemacht, so freue dich: Du bist der lebendige Meister, der noch ein frommes Weib erziehen und machen kann. Ich sage dir aber eine andere Wahrheit: Je mehr dir Liebes wird, desto mehr Leid widerfährt dir; hättest du dich der Liebe enthalten, so wärst du nun des Leides entladen; je größere Liebe man kennt, desto größeres Leid ist es, die Liebe zu entbehren. Weib, Kind, Schatz und alles irdische Gut muss etwas Freude am Anfang und mehr Leid am Ende bringen; alle irdische Liebe muss zu Leid werden: Leid ist der Liebe Ende, der Freuden Ende ist Trauern, nach Lust muss Unlust kommen, des Willens Ende ist Unwillen – zu solchem Ende laufen alle lebendigen Dinge. Lerne es besser, wenn du mit Klugheit prahlen willst!
Der Ackermann. Das XIII. Kapitel.
Nach dem Schaden folgt der Spott; das empfinden die Betrübten wohl. So geschieht es mir von euch beschädigtem Manne. Der Liebe habt ihr mich entwöhnt, an Leid habt ihr mich gewöhnt; solange Gott will, muss ich es von euch erleiden. Wie stumpf ich auch bin, wie wenig ich kann und wie wenig ich bei sinnreichen Meistern an Weisheit gezecht habe, dennoch weiß ich wohl, dass ihr meiner Ehre Räuber, meiner Freuden Dieb, meiner guten Lebetage Stehler, meiner Wonne Vernichter und der Zerstörer von allem seid, was mir ein wonnevolles Leben bereitet und gelobt hat. Wessen soll ich mich nun freuen? Wo soll ich Trost suchen? Wohin soll ich Zuflucht haben? Wo soll ich eine Heilstätte finden? Wo soll ich getreuen Rat holen? Hin ist hin! Hin ist all meine Freude! Vor der Zeit ist sie uns verschwunden; zu früh ist sie uns entwichen; allzu schnell habt ihr sie uns entrissen, die Teure, die Liebe, da ihr mich zum Witwer und meine Kinder zu Waisen so ungnädig gemacht habt. Elend, allein und voller Leid bleibe ich durch euch ohne Ersatz; Besserung konnte mir von euch nach dieser großen Missetat noch nie widerfahren. Wie ist das, Herr Tod, aller Leute Ehebrecher? An euch kann niemand etwas Gutes verdienen; nach der Untat wollt ihr niemandem Genugtuung tun, niemanden wollt ihr entschädigen. Ich erkenne: Barmherzigkeit wohnt nicht bei euch; ans Fluchen seid ihr gewöhnt; gnadenlos seid ihr an allen Orten. Solche Wohltat, wie ihr sie an den Leuten beweist, solche Gnade, wie die Leute sie von euch empfangen, solchen Lohn, wie ihr ihn den Leuten gebet, solch ein Ende, wie ihr es den Leuten bereitet – das schicke euch der, der des Todes und Lebens gewaltig ist! Fürst der himmlischen Schar, ersetze mir den ungeheuren Verlust, den großen Schaden, das unsägliche Trübsal und das jämmerliche Waisendasein! Dabei räche mich an dem Erzschurken, dem Tode, Gott, du Rächer aller Untat!
Der Tod. Das XIV. Kapitel.
Unnütz geredet ist wie geschwiegen; besser geschwiegen als töricht geredet. Auf törichte Rede folgt Krieg, auf Krieg Feindschaft, auf Feindschaft Unruhe, auf Unruhe Versehrung, auf Versehrung Wehtag, auf Wehtag muss jedem verwirrten Manne späte Reue begegnen. Krieg mutest du uns an. Du klagst, wie wir dir Leid getan haben an deiner überaus lieben Frau. Ihr ist gütig und gnädig geschehen: In fröhlicher Jugend, bei stolzem Leibe, in den besten Lebetagen, in besten Ehren, zur besten Zeit, mit ungekränktem Ansehen haben wir sie in unsere Gnade empfangen. Das haben gelobt, das haben begehrt alle Weisen, wenn sie sprachen: „Am besten ist es zu sterben, wenn es am besten beliebt zu leben.“ Der ist nicht wohl gestorben, der zu sterben begehrt hat; der hat zu lange gelebt, der uns um das Sterben angerufen hat; Weh und Ungemach ihm, wer mit des Alters Bürden überladen wird: Bei allem Reichtum muss er arm sein! In dem Jahr, als die Himmelfahrt offen war, am Kettenfeiertag des Himmelspförtners [St. Peter ad Vincula, 1. August], als man vom Anfang der Welt 6599 Jahre zählte [nach damaliger Zeitrechnung das Jahr 1400], ließen wir die selige Märtyrerin bei der Kindesgeburt dieses kurz scheinende Elend räumen, in der Absicht, dass sie zu Gottes Erbe in ewige Freude, in immerwährendes Leben und zu unendlicher Ruhe nach gutem Verdienst gnädig kommen sollte. Wie gehässig du uns auch bist, wir wollen dir wünschen und gönnen, dass deine Seele mit der ihren dort in himmlischer Wohnung, dein Leib mit dem ihren Bein bei Bein allhier in der Erden Gruft sein sollte. Bürge wollten wir dir werden: Ihr gutes Tun käme dir zugute. Schweig, halte inne! So wenig du der Sonne ihr Licht, dem Mond seine Kälte, dem Feuer seine Hitze oder dem Wasser seine Nässe benehmen kannst, so wenig kannst du uns unserer Macht berauben!
Der Ackermann. Das XV. Kapitel.
Einer beschönigten Ausrede bedarf wohl ein schuldiger Mann. So tut ihr auch. Süß und sauer, linde und hart, gütig und scharf pflegt ihr euch denen zu zeigen, die ihr zu betrügen meint; das ist an mir offenbar geworden. Wie sehr ihr euch auch rechtfertigt, so weiß ich doch, dass ich die Ehrenvolle, Durchschöne wegen eurer geschwinden Ungnade schmerzlich entbehren muss. Auch weiß ich wohl, dass außer Gott und euch niemand solcher Gewalt mächtig ist. Nun bin ich von Gott nicht so geplagt worden: Denn hätte ich gegen Gott gefehlt, wie es leider oft geschehen ist, so hätte er das an mir gerächt oder es hätte mir die Buße (Wandelsühne) wieder gutgemacht. Ihr seid der Übeltäter. Darum wüsste ich gern, wer ihr seid, was ihr seid, wie ihr seid, von woher ihr seid und wozu ihr taugt, dass ihr so viel Gewalt habt und ohne Absage mich so übel gefordert (angegriffen), meinen wonnereichen Anger verwüstet, meiner Stärke Turm untergraben und gefällt habt. Ei Gott, aller betrübten Herzen Tröster, tröste mich und entschädige mich armen, betrübten, elenden, einsamen Mann! Gib, Herr, Plage, bringe Widerwärtigkeit, lege Bedrängnis an und vertilge den gräulichen Tod, der dein und unser aller Feind ist! Wahrlich, Herr, in deinem Wirken ist nichts Gräulicheres, nichts Scheußlicheres, nichts Schädlicheres, nichts Herberes, nichts Ungerechteres als der Tod! Er betrübt und verwirrt dir all deine irdische Herrschaft; eher das Tüchtige als das Untüchtige nimmt er hin; schädliche, alte, sieche, unnütze Leute lässt er oft allhier, die Guten und die Nützlichen reißt er alle fort. Richte, Herr, richte über den falschen Richter!
Der Tod. Das XVI. Kapitel.
Was böse ist, das nennen sinnlose Leute gut; was gut ist, das heißen sie böse: Das Gleiche tust auch du. Falschen Gerichts ziehst du uns; uns tust du Unrecht. Darin wollen wir dich unterweisen. Du fragst, wer wir seien: Wir sind Gottes Werkzeug, Herr Tod, ein recht schaffender Mäher. Unsere Sense geht vor sich (immer geradeaus). Weiße, schwarze, rote, braune, grüne, blaue, graue, gelbe und allerlei Glanzblumen und Gras haut sie vor sich nieder, ihrer Pracht, ihrer Kraft, ihrer Tugend nicht geachtet. Da genießt das Veilchen nicht seiner schönen Farbe, seines reichen Geruchs, seiner wohlschmeckenden Säfte. Siehe, das ist Gerechtigkeit. Uns haben die Römer und die Poeten als gerecht eingestuft, denn sie kannten uns besser als du. – Du fragst, was wir seien: Wir sind nichts und sind doch etwas. Deshalb nichts, weil wir weder Leben noch Wesen noch Gestalt noch Bestand haben, kein Geist sind, nicht sichtbar sind, nicht greifbar sind; deshalb etwas, weil wir des Lebens Ende sind, des Wesens Ende, des Nichtwesens Anfang, ein Mittelding zwischen beiden. Wir sind ein Ereignis, das alle Leute fällt. Die großen Riesen müssen vor uns fallen; in hohen Schulen bleiben wir Sieger; alle Wesen, die Leben haben, müssen von uns verwandelt werden. – Du fragst, wie wir seien: Ununterscheidbar (blind/unparteiisch) sind wir. Doch einst war unsere Figur zu Rom in einem Tempel an einer Wand gemalt als ein Mann auf einem Ochsen, dem die Augen verbunden waren; derselbe Mann führte eine Haue in seiner rechten Hand und eine Schaufel in der linken Hand. Damit kämpfte er auf dem Ochsen. Gegen ihn schlug, warf und stritt eine große Menge Volkes, allerlei Leute, jeder Mensch mit dem Werkzeug seines Handwerks; da war auch die Nonne mit dem Psalter. Die schlugen und warfen nach dem Mann auf dem Ochsen in unserer Bedeutung; doch bezwang der Tod sie und begrub sie alle. Pythagoras gleicht uns dem Schein eines Mannes an, der Basiliskenaugen hätte, die in alle Enden der Welt wanderten und vor dessen Angesicht alle lebendigen Kreaturen sterben müssten. – Du fragst, von woher wir seien: Wir sind aus dem irdischen Paradies. Da schuf uns Gott und nannte uns bei unserem rechten Namen, als er sprach: „Welchen Tages ihr von der Frucht esset, des Todes werdet ihr sterben.“ Darum schreiben wir uns so: Wir, Tod, Herr und Gewaltiger auf Erden, in der Luft und des Meeres Flut. – Du fragst, wozu wir tauglich seien: Nun hast du zuvor gehört, dass wir der Welt mehr Nutzen als Unnutz bringen. Hör auf, lass dich begnügen und danke uns, dass dir von uns so gütig geschehen ist!
Der Ackermann. Das XVII. Kapitel.
Ein alter Mann neue Mär, ein gelehrter Mann unbekannte Mär, ein weit gereister Mann und einer, gegen den niemand zu reden wagt, trauen sich wohl, erlogene Mär zu erzählen, weil sie wegen der Unkenntnis der Sachen ungestraft bleiben. Da ihr nun auch ein solcher alter Mann seid, so mögt ihr wohl dichten. Obwohl ihr im Paradies als ein Mäher eingesetzt seid und behauptet, das Rechte zu treffen, so haut eure Sense doch uneben: Recht prächtige Blumen reißt sie aus, die Disteln lässt sie stehen; Unkraut bleibt bestehen, die guten Kräuter müssen verderben. Ihr sagt, eure Sense haue vor sich nieder. Wie verhält es sich dann damit, dass sie mehr Disteln als gute Blumen, mehr Mäuse als Kamele, mehr böse Leute als gute unversehrt bestehen lässt? Nennt mir mit dem Munde, zeigt mir mit dem Finger: Wo sind die frommen, achtbaren Leute, wie sie vor Zeiten waren? Ich wähne, ihr habt sie fortgenommen. Fort mit ihnen ist auch meine Liebste; die Unnützen sind aber übrig geblieben. Wo sind sie hin, die auf Erden wohnten und mit Gott redeten, an ihm Huld, Gnade und auch Reichtum erwarben? Wo sind sie hin, die auf Erden saßen, unter den Gestirnen umhergingen und die Planeten erklärten? Wo sind sie hin, die sinnreichen, die meisterlichen, die gerechten, die tüchtigen Leute, von denen die Chroniken so viel sagen? Ihr habt sie alle und meine Zarte ermordet; die Schnöden sind noch da. Wer ist daran schuld? Würdet ihr die Wahrheit bekennen, Herr Tod, ihr würdet euch selber nennen. Ihr behauptet fest, wie recht ihr richtet und niemanden schont, da eure Sense nacheinander fällend haut. Ich stand dabei und sah mit meinen Augen zwei ungeheure Scharen Volkes – jede hatte über dreitausend Mann – miteinander streiten auf einer grünen Heide; die wateten im Blute bis unter die Knöchel. Darunter schnurrtet und wirrtet ihr gar geschäftig an allen Enden. Dabei tötetet ihr etliche, etliche ließt ihr leben. Mehr Knechte als Herren sah ich tot liegen. Da klaubtet ihr einen aus dem anderen wie die teigigen (überreifen) Birnen. Ist das recht gemäht? Ist das recht gerichtet? Geht so euer Sensenstreich vor sich? Wohlan, liebe Kinder, wohlan! Reiten wir entgegen, entbieten und sagen wir Lob und Ehre dem Tode, der so recht richtet! Gottes Gericht ist kaum so „gerecht“.
Der Tod. Das XVIII. Kapitel.
Wer von einer Sache nichts weiß, der kann von der Sache nichts sagen. So ist es uns auch mit euch ergangen. Wir wussten nicht, dass ihr ein so vortrefflicher Mann seid. Wir haben euch lange Zeit gekannt; wir hatten euch aber vergessen. Wir waren dabei, als Frau Weisheit euch die Weisheit mitteilte; als Herr Salomo auf dem Totenbett euch seine Weisheit überreichte; als Gott all die Gewalt, die er Herrn Moses im Ägypterland verliehen hatte, euch verlieh; als ihr einen Löwen am Bein nahmt und ihn an die Wand schlugt; wir sahen euch die Sterne zählen, den Meeressand und seine Fische berechnen, die Regentropfen reiten; wir sahen gern, dass ihr den Wettlauf gegen den Hasen gewannt; zu Babylon vor König Soldan sahen wir euch Kost und Trank in großen Ehren und Würden kredenzen; als ihr das Banner vor Alexander führtet, als er Darius besiegte, da schauten wir zu und gönnten euch wohl die Ehre; als ihr zu Academia und zu Athen mit hohen kunstreichen Meistern, die auch über die Gottheit meisterlich sprechen konnten, abenteuerlich disputiertet und ihnen mit Kunst meisterlich oblagt (siegtet), da sahen wir uns das überaus gerne an; als ihr Neronem (Nero) unterwiest, dass er Gutes tun und geduldig sein sollte, da hörten wir gütig zu. Uns wunderte, dass ihr Kaiser Julius in einem Schiff aus Rohr über das wilde Meer führtet, trotz aller Sturmwinde. In eurer Werkstatt sahen wir euch ein edles Gewand aus dem Regenbogen wirken; darein wurden Engel, Vögel, Tiere, Fische und allerlei Gewürm gestaltet; darein waren auch die Eule und der Affe in Webweise eingetragen. Überaus sehr lachten wir und wurden euretwegen rühmselig, als ihr zu Paris auf dem Glücksrad saßt, auf den Händen tanztet, in der schwarzen Kunst wirktet und die Teufel in ein seltsames Glas banntet. Als euch Gott in seinen Rat berief zum Gespräch über Frau Evas Fall, da erst wurden wir eurer großen Weisheit inne. Hätten wir euch zuvor erkannt, wir hätten euch gefolgt; wir hätten euer Weib und alle Leute ewig leben lassen; das hätten wir euch allein zu Ehren getan: Denn ihr seid zumal ein kluger Esel!
Der Ackermann. Das XIX. Kapitel.
Gespött und Übelbehandlung müssen die Leute oft um der Wahrheit willen aushalten. In gleicher Weise geschieht es mir: Unmöglicher Dinge rühmt ihr mich, unerhörter Werke Wirkens. Gewalt übt ihr überaus viel aus, gar übel seid ihr an mir gefahren, das bekümmert mich allzu sehr. Wenn ich dann darüber rede, so seid ihr mir gehässig und werdet voller Zorn. Wer übel tut und nicht wiedergutmachen will und Strafe nicht annehmen und leiden will, sondern mit Übermut allen Dingen widerstrebt, der soll recht wohl achtgeben, dass ihm danach nicht Unwille begegne! Nehmt ein Beispiel an mir! Wie zu kurz, wie zu lange, wie ungütig, wie unrecht ihr an mir gehandelt habt, dennoch dulde ich es und räche es nicht, wie ich es von Rechts wegen sollte. Noch heute will ich der Bessere sein: Habe ich mich irgendwie ungebührlich oder unhübsch gegen euch benommen, so unterweist mich darin; ich will gern und willig umkehren. Ist dem aber nicht so, so entschädigt mich für meinen Schaden oder unterweist mich, wie ich über mein großes Herzleid hinwegkomme. Wahrlich, so übel geschah es nie einem Mann. Über das alles sollt ihr meine Bescheidenheit sehen. Entweder ihr bringt wieder (macht gut), was ihr an meiner Sorgenvertreiberin, an mir und an meinen Kindern Arges begangen habt, oder kommt deshalb mit mir vor Gott, der da mein, euer und aller Welt rechter Richter ist. Ihr könntet mich leicht erbitten (überreden), ich wollte es euch selbst überlassen. Ich vertraute euch wohl, ihr würdet eure Ungerechtigkeit selbst erkennen und danach mir Genüge tun nach der großen Untat. Übt die Bescheidenheit, andernfalls müsste der Hammer den Amboss treffen, Härte gegen Härte stehen, es komme, wozu es komme!
Der Tod. Das XX. Kapitel.
Mit guter Rede werden die Leute besänftigt; Bescheidenheit erhält die Leute in Ruhe; Geduld bringt die Leute zu Ehren; ein zorniger Mann kann einen Mann nicht richten (entscheiden). Hättest du uns vormals gütig angesprochen, wir hätten dich gütig unterwiesen, dass du nicht rechtmäßig den Tod deines Weibes beklagen und beweinen solltest. Hast du nicht den Weisen gekannt, der im Bade sterben wollte [Seneca], oder seine Bücher gelesen, dass niemand den Tod der Sterblichen beklagen soll? Weißt du das nicht, so wisse: Sobald ein Mensch geboren wird, hat er sogleich den Leihkauf (den Trunk zur Besiegelung) getrunken, dass er sterben soll. Des Anfangs Geschwisterkind ist das Ende. Wer ausgesandt wird, der ist pflichtig, wiederzukommen. Was ohnehin geschehen soll, dagegen soll sich niemand wehren. Was alle Leute leiden müssen, dem soll einer nicht widersprechen. Was ein Mensch entlehnt, das soll er wiedergeben. In der Fremde (im Elend) bauen alle Leute auf Erden. Von Etwas zu Nichts müssen sie werden. Auf schnellem Fuße läuft des Menschen Leben dahin: jetzt lebend, im Handumdrehen gestorben. – Mit kurzer Rede beschlossen: Jeder Mensch ist uns einen Tod schuldig und es ist ihm angeerbt zu sterben. Beweinest du aber deines Weibes Jugend, so tust du Unrecht; sobald ein Mensch lebendig wird, ist er alt genug zu sterben. Du meinst vielleicht, das Alter sei ein edler Hort? Nein, es ist süchtig, arbeitsam (mühselig), ungestalt, kalt und gefällt allen Leuten übel; es taugt nichts und ist zu allen Sachen untauglich: Zeitige Äpfel fallen gern in den Kot; reife Birnen fallen gern in die Pfützen. Beklagst du dann ihre Schönheit, so tust du kindisch: Eines jeglichen Menschen Schönheit muss entweder das Alter oder der Tod vernichten. Alle rosenfarbenen Mündlein müssen aschefarben werden, alle roten Wänglein müssen bleich werden, alle lichten Äuglein müssen dunkel werden. Hast du nicht gelesen, wie Hermes, der Weise, lehrt, wie sich ein Mann hüten soll vor schönen Weibern, und spricht: „Was schön ist, das ist mit täglicher Sorge schwer zu bewahren, weil es alle Leute begehren; was scheußlich ist, das ist leicht zu behalten, weil es allen Leuten missfällt.“ Lass es fahren! Klage nicht über sehnsüchtigen Verlust, den du nicht wiedergutmachen kannst.
Der Ackermann. Das XXI. Kapitel.
Gute Zurechtweisung gütig aufnehmen und danach handeln, das soll ein weiser Mann tun! So höre ich die Klugen sagen. Eure Zurechtweisung ist auch erträglich. Wenn nun ein guter Erzieher auch ein guter Wegweiser sein soll, so ratet und unterweist mich, wie ich so unsägliches Leid, so jämmerlichen Kummer, so übermäßig große Betrübnis aus dem Herzen, aus dem Gemüt und aus den Sinnen ausgraben, austilgen und ausjagen soll. Bei Gott, unaussprechliches Herzleid ist mir geschehen, da meine züchtige, getreue und beständige Hausfrau mir so schnell entrissen wurde; sie tot, ich Witwer, meine Kinder zu Waisen geworden sind. O Herr Tod, alle Welt klagt über euch und ich auch. Doch da es nie einen so bösen Mann gab, dass er nicht in irgendetwas gut wäre: Ratet, helft und steuert bei, wie ich so schweres Leid vom Herzen werfen möge und wie meine Kinder für eine solche reine Mutter entschädigt werden; andernfalls ich mutlos und sie immer traurig sein müssen. Und das sollt ihr mir nicht verübeln, denn ich sehe, dass unter unvernünftigen Tieren ein Gatte um des anderen Tod trauert aus angeborenem Zwange. Hilfe, Rat und Wiedergutmachung seid ihr mir schuldig, denn ihr habt mir den Schaden getan. Wo dies nicht geschähe, da hätte Gott in seiner Allmacht nirgends Rache: Gerächt müsste es werden an euch, und sollte dafür Haue und Schaufel nochmals bemüht werden.
Der Tod. Das XXII. Kapitel.
Gack! gack! gack! schnattert die Gans; Lamm! Lamm! spricht der Wolf; man predige, was man wolle: Solch ein Gespinst spinnst auch du. Wir haben dir zuvor dargelegt, dass der Tod der Sterblichen unbeklagenswert sein soll. Seitdem wir nun einmal ein Zöllner sind, dem alle Menschen ihr Leben zollen und verzollen müssen, weshalb wehrst du dich dann? Denn wahrlich, wer uns täuschen will, der täuscht sich selber. Lass dir eingehen und vernimm: Das Leben ist um des Sterbens willen geschaffen; wäre Leben nicht, wären wir nicht, unser Geschäft wäre nicht; damit wäre auch nicht die Ordnung der Welt. Entweder du bist sehr leidend oder Unvernunft haust bei dir. Bist du unvernünftig, so bitte Gott, dir Vernunft zu verleihen; bist du aber leidend, so brich ab, lass fahren, nimm dir vor, dass der Leute Leben auf Erden ein Wind ist! Du bittest um Rat, wie du Leid aus dem Herzen bringen sollst: Aristoteles hat dich es schon gelehrt, dass Freude, Leid, Furcht und Hoffnung – diese vier – alle Welt bekümmern und namentlich die, die sich vor ihnen nicht zu hüten wissen. Freude und Furcht verkürzen, Leid und Hoffnung verlängern die Zeit. Wer diese vier nicht ganz aus dem Gemüt treibt, der muss allezeit in Sorge sein. Nach Freude muss Trübsal, nach Liebe Leid hier auf Erden kommen. Liebe und Leid müssen miteinander sein. Eines Ende ist des anderen Anfang. Leid und Liebe ist nichts anderes, als wenn ein Mensch etwas in seinen Sinn furchtlos aufnimmt und das nicht austreiben will; gleicherweise wie mit Genügsamkeit niemand arm und mit Ungenügsamkeit niemand reich sein kann; denn Genügen und Ungenügen liegen nicht an Hab und Gut noch an auswendigen Sachen, sondern im Gemüt. Wer alle Liebe nicht aus dem Herzen treiben will, der muss gegenwärtiges Leid allezeit tragen: Treibe aus dem Herzen, aus dem Sinn und aus dem Gemüt das Gedächtnis an die Liebe, sogleich wirst du des Trauerns enthoben sein. Sobald du etwas verloren hast und es nicht wiedergutmachen kannst, tue so, als sei es nie dein gewesen: Dahin fliegt dein Trauern. Wirst du das nicht tun, so hast du mehr Leid vor dir; denn nach eines jeden Kindes Tode widerfährt dir Herzleid, nach deinem Tode auch Herzleid in allen, dir und ihnen, wenn ihr euch scheiden sollt. Du willst, dass sie für die Mutter entschädigt werden. Kannst du vergangene Jahre, gesprochene Worte und verlorene Jungfräulichkeit zurückbringen, so bringst du die Mutter deiner Kinder zurück. Ich habe dir genug geraten. Kannst du es verstehen, stumpfer Pickel?
Der Ackermann. Das XXIII. Kapitel.
In die Länge wird man der Wahrheit gewahr; wie man sagt: Lange gelernt, etwas gekonnt. Eure Sprüche sind süß und lustig, davon ich nun etwas empfinde. Doch sollten Freude, Liebe, Wonne und Kurzweil aus der Welt vertrieben werden, so stünde es übel um die Welt. Darin will ich mich auf die Römer berufen. Die haben es selbst getan und haben das ihre Kinder gelehrt, dass sie Liebe in Ehren halten sollten, turnieren, stechen (beim Turnier), tanzen, wettlaufen, springen und allerlei züchtige Höfllichkeit treiben sollten in müßiger Zeit, in der Absicht, dass sie in dieser Zeit der Bosheit enthoben wären. Denn des menschlichen Gemütes Sinn kann nicht müßig sein: Entweder Gutes oder Böses muss der Sinn allezeit wirken; im Schlafe will er nicht müßig sein. Würden dann dem Sinne gute Gedanken genommen, so würden ihm böse eingehen. Gut raus, böse rein; böse raus, gut rein: Dieser Wechsel muss bis an das Ende der Welt währen. Seit Freude, Zucht, Scham und andere Höfllichkeit aus der Welt vertrieben sind, seitdem ist sie voller Bosheit, Schande, Gespött, Untreue und Verräterei geworden; das seht ihr täglich. Sollte ich dann das Gedächtnis meiner Allerliebsten aus dem Sinn treiben, so würden mir böse Erinnerungen wieder in den Sinn kommen: Umso mehr will ich meiner Allerliebsten immerzu gedenken. Wenn große Herzensliebe in großes Herzensleid verwandelt wird, wer kann das so schnell vergessen? Böse Leute tun das. Gute Freunde denken stetig aneinander; ferne Wege, lange Jahre scheiden liebe Freunde nicht. Ist sie mir leiblich tot, in meinem Gedächtnis lebt sie mir doch immer. Herr Tod, ihr müsst getreulicher raten, soll euer Rat irgendetwas Nützliches bringen, andernfalls müsst ihr Fledermäuse vor dem Sperber der Vögel Feindschaft tragen!
Der Tod. Das XXIV. Kapitel.
Liebe nicht allzu lieb, Leid nicht allzu leid soll bei Gewinn und bei Verlust beim weisen Manne sein: Das tust du nicht. Wer um Rat bittet und dem Rat nicht folgen will, dem ist auch nicht zu raten. Unser gütiger Rat kann bei dir nichts bewirken. Es sei dir nun lieb oder leid, wir wollen dir die Wahrheit an das Sonnenlicht legen, es höre, wer da wolle. Deine kurze Vernunft, dein abgeschnittener Sinn, dein hohles Herz wollen aus Leuten mehr machen, als sie sein mögen. Du machst aus einem Menschen, was du willst; es kann aber nicht mehr sein, als ich dir sagen will mit Erlaubnis aller reinen Frauen: Ein Mensch wird in Sünden empfangen, mit unreinem, ungenanntem Unflat im mütterlichen Leibe genährt, nackt geboren und ist ein beschmierter Bienenstock, ein ganzer Unlust (Ekel), ein unreiner Mist, ein Kotfass, eine Wurmspeise, ein Stankhaus, ein unlustiger Spülzuber, ein faules Aas, ein Schimmelkasten, ein bodenloser Sack, eine löchrige Tasche, ein Blasebalg, ein gieriger Schlund, ein stinkender Leimtiegel, ein übelriechender Harnkrug, ein übelschmeckender Eimer, ein betrügerischer Puppenschein, ein lehmener Raubbau, ein unersättlicher Löschtrog und ein gemaltes Begräbnis. Es merke, wer da wolle: Ein jeglicher ganz geformter Mensch hat neun Löcher in seinem Leibe, aus denen allen so unlustiger und unreiner Unflat fließt, dass nichts Unreineres sein mag. So einen schönen Menschen sahst du nie – hättest du die Augen eines Luchses und könntest ihn inwendig durchschauen, dir würde davor grauen. Nimm und zieh von der schönsten Frau die Farbe des Schneiders (die Kleider) ab, so siehst du eine schändliche Puppe, eine schier welkende Blume und kurz dauernden Schein und einen bald fallenden Erdenknollen. Zeige mir eine Handvoll Schönheit aller schönen Frauen, die vor hundert Jahren gelebt haben – ausgenommen die gemalten an den Wänden – und habe dafür die Kaiserkrone zu eigen! Lass hinfließen Liebe, lass hinfließen Leid! Lass den Rhein rinnen wie anderes Wasser, du weiser Götze aus Eseldorf!
Der Ackermann. Das XXV. Kapitel.
Pfui euch, böser Schandensack! Wie vernichtet, übel behandelt und entehrt ihr den werten Menschen, Gottes allerliebste Kreatur, womit ihr auch die Gottheit schwächt! Alererst erkenne ich, dass ihr lügenhaft seid und nicht im Paradies geschaffen wurdet, wie ihr behauptet. Wäret ihr im Paradies geschaffen, so wüsstet ihr, dass Gott den Menschen und alle Dinge erschaffen hat, sie allzumal gut erschaffen hat, den Menschen über sie alle gesetzt hat, ihm die Herrschaft über sie alle befohlen und seinen Füßen untertänig gemacht hat, sodass der Mensch über die Tiere des Erdkreises, die Vögel des Himmels, die Fische des Meeres und alle Früchte der Erde herrschen soll, wie er es auch tut. Sollte dann der Mensch so schnöde, böse und unrein sein, wie ihr sprecht, wahrlich, so hätte Gott gar unreinlich und gar unnütz gewirkt. Sollte Gottes allmächtige und würdige Hand so ein unreines und unflätiges Menschwerk gewirkt haben, wie ihr schreibt, ein strafbarer und befleckter Schöpfer wäre er. Dann stünde auch das nicht fest, dass Gott alle Dinge und den Menschen über sie alle überaus gut erschaffen hätte. Herr Tod, lasst euer unnützes Geschwätz! Ihr schändet Gottes allerhübschestes Werk. Engel, Teufel, Kobolde, Klagemütter (Gespenster), das sind Geister, die in Gottes Zwang bestehen: Der Mensch aber ist das allerachtbarste, das allerbehendeste und das allerfreieste Werkstück Gottes. Ihm selber gleich hat Gott ihn gebildet, wie er auch selber in der ersten Erschaffung der Welt gesprochen hat. Wo hat je ein Werkmann ein so behendes und reiches Werkstück gewirkt, einen so wirkmächtigen kleinen Kloß wie eines Menschen Haupt? In dem ist kunstenreiche Kunst allen Göttern vergleichbar verborgen: Da ist im Augapfel das Gesicht, das allergewisseste Zeugnis, meisterlich in Spiegelweise eingearbeitet; bis an des Himmels klare Zirkel wirkt es. Da ist in den Ohren das fernwirkende Hören, gar durchsichtig mit einem dünnen Fell vergittert zur Prüfung und Unterscheidung mancherlei süßen Getöns. Da ist in der Nase der Geruch, durch zwei Löcher ein und aus gehend, gar sinnig gezimmert zur behaglichen Sanftheit alles lustvollen und wonnevollen Riechens, das da Nahrung der Seele ist. Da sind im Munde Zähne, alles Leibfutters tägliches mahlendes Einsacken; dazu der Zunge dünnes Blatt, den Leuten ganz der Menschen Meinung zu wissen bringend; auch ist da des Geschmacks allerlei kostbare, lustvolle Prüfung. Dabei sind im Kopfe aus Herzensgrund gehende Sinne, mit denen ein Mensch, wie fern er will, gar schnell reicht; in die Gottheit und darüber hinaus klimmt der Mensch mit den Sinnen. Allein der Mensch ist empfänglich für die Vernunft, den edlen Hort. Er allein ist der liebliche Kloß, dessen Gleichen niemand außer Gott wirken kann, darin so behende Arbeit, alle Kunst und Meisterschaft mit Weisheit gewirkt sind. Lasst fahren, Herr Tod! Ihr seid des Menschen Feind: Darum sprecht ihr kein Gutes von ihm!
Der Tod. Das XXVI. Kapitel.
Schelten, Fluchen, Wünschen, wie viel es auch sei, kann keinen Sack, wie klein er auch ist, füllen. Dazu: Wider viel redende Leute ist nicht mit Worten zu kämpfen. Es gehe nun voran mit deiner Meinung, dass ein Mensch aller Künste, Hübschheit und Würdigkeit voll sei – dennoch muss er in unser Netz fallen, mit unserem Garn muss er weggezogen werden. Grammatica, Grundfeste aller guten Rede, hilft da nicht mit ihren scharfen und wohlgegerbten Worten; Rhetorica, blühender Grund der Liebkosung, hilft da nicht mit ihren blühenden und rein gefärbten Reden; Logica, der Wahrheit und Unwahrheit vorsichtige Entscheiderin, hilft da nicht mit ihrem verdeckten Verschlagen (Listen), mit der Verleitung der Wahrheit und Krümmerei; Geometria, der Erde Prüferin, Schätzerin und Messerin, hilft da nicht mit ihrem unfehlbaren Maß, mit ihren rechten Abgewichten; Arithmetica, der Zahlen behende Ausrichterin, hilft da nicht mit ihrer Rechnung, mit ihrem Rechnen, mit ihren behenden Ziffern; Astronomia, des Gestirns Meisterin, hilft da nicht mit ihrer Sternengewalt, mit dem Einfluss der Planeten; Musica, des Gesangs und der Stimme geordnete Handreiferin, hilft da nicht mit ihrem süßen Getön, mit ihren feinen Stimmen. Philosophia, Acker der Weisheit, in göttlicher und in natürlicher Erkenntnis und in guter Sitten Wirkung geackert und gesät und vollkommen gewachsen; Physica mit ihren mancherlei helfenden Tränken; Alchimia mit der Metalle seltsamer Verwandlung; Geomantie, mit Setzung der Planeten und des Himmelsreifens Zeichen auf Erden allerlei Fragen behende Beantworterin; Pyromantie, eilige und wahrhaftige Wahrsagerin aus dem Feuer; Hydromantie, in des Wassers Wirken die Entwürfin der Zukunft; Astrologie, mit überirdischen Sachen des irdischen Laufes Auslegerin; Chiromantie, nach der Hände und des Handtellers Kreisen hübsche Wahrsagerin; Nigromantie (Nekromantie), mit der Toten Opferfinger und mit dem Siegel der Geister gewaltige Bezwingerin; Notenkunst (magische Kunst) mit ihren hübschen Gebeten, mit ihrer starken Beschwörung; Augur, der Vögel Gerede Vernehmer und daraus zukünftiger Sachen wahrhafter Zusager; Aruspex, nach des Altaropfers Rauch in die Zukunft deutende Ausrichtung; Pedomantie mit Kindergedärmen und Ornomantie (Oinomantie) mit Auerhahndärmen-Wahrsagerei; Jurist, der gewissenlose Christ, hilft da nicht mit des Rechts und Unrechts Fürsprechung, mit seinen krummen Urteilen. Diese und andere, dem Vorgenannten anhängende Künste helfen gar nicht: Jeder Mensch muss einmal von uns umgestürzt, in unserem Walktrog gewalkt und in unserem Rollfass gefegt werden. Das glaube, du üppiger Gauknecht!
Der Ackermann. Das XXVII. Kapitel.
Man soll nicht Übel mit Übel rächen; geduldig soll ein Mann sein, gebieten die Lehren der Tugend. Diesem Pfad will ich folgen, ob ihr vielleicht nach eurer Ungeduld noch geduldig werdet. Ich entnehme eurer Rede: Ihr meint, ihr ratet mir gar getreulich. Wohnt Treue bei euch, so ratet mir mit Treue in der Art eines geschworenen Eides: In was für ein Wesen (Lebensform) soll ich nun mein Leben richten? Ich bin vormals in der lieben, lustigen Ehe gewesen; wozu soll ich mich nun wenden? In weltlichen oder in geistlichen Stand? Die stehen mir beide offen. Ich nahm mir im Sinne allerlei Lebensformen der Leute vor, schätzte und wog sie mit Fleiß: Unvollkommen, brüchig und etwas gar zu sehr mit Sünden behaftet fand ich sie alle. In Zweifel bin ich, wohin ich mich kehren soll: Mit Gebrechen ist aller Leute Stand bekümmert. Herr Tod, ratet! Rat ist not! In meinem Sinne finde, wähne und glaube ich fürwahr, dass niemals ein so reines, gütliches Nest und Wesen für die Seele kommen kann wie das eheliche Leben. Ich sage: Wüsste ich, dass mir in der Ehe gelingen sollte wie zuvor, in der wollte ich leben, solange mein Leben lebendig wäre. Wunnesam, lustvoll, froh und wohlgemut ist ein Mann, der ein biederer (tüchtiges) Weib hat, er wandere, wo er wandere. Einem jeden solchen Mann ist es auch lieb, nach Nahrung (Unterhalt) zu streben und zu trachten; ihm ist es auch lieb, Ehre mit Ehre, Treue mit Treue, Gut mit Gutem zu bezahlen und zu vergelten. Er braucht sie nicht zu hüten; denn sie ist die beste Hut, die ein frommes Weib sich selber tut. Wer seinem Weibe nicht glauben und vertrauen will, der muss in ständigen Sorgen stecken. Herr von Oberlanden, Fürst von viel Seligkeit: Wohl ihm, den du so mit einer reinen Bettgenossin begabest! Er soll den Himmel ansehen und dir mit aufgereckten Händen danken alle Tage. Tut das Beste, Herr Tod, vielvermögender Herr!
Der Tod. Das XXVIII. Kapitel.
Loben ohne Ende, Schänden ohne Ziel – was sie sich einmal vornehmen, das pflegen etliche Leute zu tun. Bei Loben und bei Schänden soll aber Fug und Maß sein; damit, wenn man eines von beiden bedarf, man seine rechte Stelle habe. Du lobst ohne Maßen das eheliche Leben; jedoch wollen wir dir vom ehelichen Leben sagen, unberührt aller reinen Frauen: Sobald ein Mann ein Weib nimmt, alsbald ist er mit ihr zusammen in unserer Gefangenschaft. Sofort hat er einen Handschlag (Verpflichtung), einen Anhang, einen Handschlitten (eine Last), ein Joch, ein Kummet, eine Bürde, eine schwere Last, einen Fegeteufel, eine tägliche Rostfeile, derer er von Rechts wegen nicht entbehren mag, solange wir an ihm nicht unsere Gnade (den Tod) walten lassen. Ein beweibter Mann hat Donner, Schauer, Füchse und Schlangen alle Tage in seinem Hause. Ein Weib trachtet alle Tage danach, dass sie der Mann werde: Zieht er herauf, so zieht sie herab; will er so, so will sie anders; will er dahin, so will sie dorthin – solches Spiels wird er satt und bleibt sieglos alle Tage. Trügen, Listen, Schmeicheln, Spinnen, Liebkosen, Widerspenstigkeit, Lachen, Weinen kann sie wohl in einem Augenblick; angeboren ist es ihr. Siech zur Arbeit, gesund zur Wollust, dazu zahm und wild ist sie, wenn sie es bedarf. Um Widerworte zu finden, braucht sie keinen Ratgeber. Gebotene Dinge nicht zu tun, verbotene Dinge zu tun, befleißigt sie sich allezeit. Das ist ihr zu süß, das ist ihr zu sauer; davon ist ihr zu viel, davon ist ihr zu wenig; nun ist es zu früh, nun ist es zu spät – so wird alles bestraft (kritisiert). Wird dann etwas von ihr gelobt, so muss das mit Schanden in einem Drechselstuhl gedreht werden; dennoch wird das Loben oft mit Gespött gemischt. Einem Mann, der in der Ehe lebt, kann kein Mittelweg helfen: Ist er zu gütig, ist er zu scharf – an beidem wird er mit Schaden bestraft; er sei nur halb gütig oder halb scharf, dennoch gibt es da keinen Mittelweg: Schädlich oder strafbar wird es immer. Alle Tage neue Anmutungen oder Keifen, alle Wochen fremde Aufsässigkeit oder Gemurre, alle Monate neuer unlustiger Unflat oder Groll, alle Jahre neue Kleidung oder tägliches Strafen muss ein beweibter Mann haben, er gewinne es (das Geld dafür), wo er wolle. Der Gebrechen der Nacht sei ganz vergessen; aus Altersgründen schämen wir uns. Schonten wir nicht die biderben (tüchtigen) Frauen, von den unbiderben könnten wir viel mehr singen und sagen. Wisse, was du lobst: Du erkennst Gold nicht neben Blei!
Der Ackermann. Das XXIX. Kapitel.
Frauenschänder müssen geschändet werden, sprechen der Wahrheit Meister. Wie geschieht euch dann, Herr Tod? Euer unvernünftiges Frauenschänden – wie wohl es mit der Frauen Erlaubnis sei – doch ist es wahrlich euch schändlich und den Frauen schmachvoll. In manches weisen Meisters Schrift findet man, dass ohne des Weibes Hilfe niemand mit Seligkeit gesteuert (geführt) werden mag; denn Weib und Kinder zu haben, ist nicht der geringste Teil der irdischen Seligkeit. Mit solcher Wahrheit hat den trostreichen Römer Boethius die Philosophie, die weise Meisterin, hingelegt (getröstet). Ein jeder abenteuerliche und sinnige Mann ist mir dessen Zeuge: Keines Mannes Zucht kann bestehen, sie sei denn gemeistert mit der Frauen Zucht. Es sage, wer es wolle: Ein züchtiges, schönes, keusches und an Ehren unberührtes Weib geht vor alle irdische Augenweide. So männlichen Mann sah ich nie, der recht mutig wurde, er wurde denn mit der Frauen Trost gestärkt. Wo die gute Versammlung ist, da sieht man es alle Tage: Auf allen Plätzen, auf allen Höfen, in allen Turnieren, in allen Heerfahrten tun die Frauen immer das Beste. Wer in der Frauen Dienste ist, der muss sich aller Missetat enthalten. Rechte Zucht und Ehre lernen die werten Männer in ihrer (der Frauen) Schule. Irdischer Freuden sind die Frauen gewaltig; sie schaffen, dass ihnen zu Ehren alle Höflichkeit und Kurzweil auf Erden geschieht. Einer reinen Frau Fingerdrohen straft und züchtigt vor allen Waffen einen frommen Mann. Ohne Liebkosung (Schmeichelei) mit kurzer Rede: Aller Welt Aufrechterhaltung, Festigung und Mehrung sind die werten Frauen. Jedoch muss beim Golde Blei, beim Weizen der Lolch (Unkraut), bei allerlei Münze Falschgeld und bei Weibern Unweiber sein; dennoch sollen die Guten nicht für die Bösen büßen: Das glaubet, Hauptmann vom Berge!
Der Tod. Das XXX. Kapitel.
Einen Kolben für einen Goldklumpen, eine Scherbe für einen Topas, einen Kieselstein für einen Rubin nimmt ein Narr; die Heuscheune eine Burg, die Donau das Meer, den Mäusebussard einen Falken nennt der Tor. Ebenso lobst du der Augen Lust, die Ursachen schätzt du nicht; denn du weißt nicht, dass alles, was in der Welt ist, entweder Begehrung des Fleisches oder Begehrung der Augen oder Hochmut des Lebens ist. Die Begehrung des Fleisches ist der Wollust, die Begehrung der Augen dem Gut oder dem Besitz, der Hochmut des Lebens der Ehre zugeneigt. Das Gut bringt Gier und Geiz, die Wollust macht Geilheit und Unkeuschheit, die Ehre bringt Hochmut und Ruhm. Von Gut müssen stets Unruhe und Furcht, von Wollust Bosheit und Sünde, von Ehre Eitelkeit und Prahlserei kommen. Könntest du das vernehmen, du würdest Eitelkeit in aller Welt finden; und geschähe dir dann Liebe oder Leid, das würdest du dann gütlich leiden und uns auch ungestraft lassen. Aber so viel wie ein Esel leiern kann, so viel kannst du die Wahrheit vernehmen. Darum sind wir so sehr mit dir bekümmert. Als wir Pyramus, den Jüngling, von Thysbe, der Maid, die beide eine Seele und einen Willen hatten, schieden; als wir König Alexander aller Welt Herrschaft entzogen; als wir Paris von Troja und Helena von Griechenland vernichteten: Da wurden wir nicht so sehr wie von dir beschimpft. Wegen Kaiser Karl, Markgraf Wilhelm, Dietrich von Bern, dem starken Boppe und wegen des hürnenen Siegfried haben wir nicht so viel Mühe gehabt. Aristoteles und Avicenna beklagen noch heute viele Leute: Dennoch sind wir ungestört geblieben. Als David, der Geduldige, und Salomo, der Weisheit Schrein, starben, da wurde uns mehr gedankt als geflucht. Die vor uns waren, die sind alle dahin; du und alle, die nun sind oder noch werden, müssen alle hinterher: Dennoch bleiben wir, der Tod, hier Herr!
Der Ackermann. Das XXXI. Kapitel.
Eigene Rede verurteilt oft einen Mann, und besonders einen, der erst das eine und danach ein anderes redet. Ihr habt zuvor gesprochen: Ihr seid etwas und doch nichts, auch kein Geist, und seid des Lebens Ende, und euch seien alle irdischen Leute befohlen. So sprecht ihr nun: Wir müssen alle dahin und ihr, Herr Tod, bleibet hier Herr. Zwei widersprüchliche Reden können miteinander nicht wahr sein. Sollen wir vom Leben alle dahin scheiden und soll das irdische Leben ganz ein Ende haben, und seid ihr, wie ihr sprecht, des Lebens Ende, so merke ich: Wenn nimmer Leben ist, so wird nimmer Sterben und Tod sein. Wo kommt ihr dann hin, Herr Tod? Im Himmel könnt ihr nicht wohnen, der ist allein den guten Geistern gegeben. Kein Geist seid ihr nach eurer Rede. Wenn ihr dann auf Erden nimmer zu schaffen habt und die Erde nimmer währt, so müsst ihr des Gerichts wegen in die Hölle; darin müsst ihr ohne Ende kriechen. Da werden auch die Lebendigen und die Toten an euch gerächt. Nach eurer Wechselrede kann sich niemand richten. Sollen alle irdischen Dinge so böse, schnöde und untauglich beschaffen und gewirkt sein, so ist das gegen Gott geredet, und dessen ist er von Anfang der Welt an nie bezichtigt worden. Tugend geliebt, Bosheit gehasst, Sünde übersehen und gerächt hat Gott bisher. Ich glaube, danach tue er auch dasselbe. Ich habe von Jugend auf gehört, gelesen und gelernt, wie Gott alle Dinge gut erschaffen habe. Ihr sprecht, wie alle irdischen lebenden Wesen Ende nehmen sollen: So spricht Plato und andere Weise, dass in allen Sachen des einen Zerstörung des anderen Entstehung sei, und wie alle Dinge auf Zeugenschaft gebaut sind, und wie des Himmels Lauf und der Erde Lauf, von einem in das andere verwandelt, in seiner Wirkung ewig sei. Mit eurer Wankelrede, auf die niemand bauen soll, wollt ihr mich von meiner Klage abschrecken. Deshalb berufe ich mich mit euch an Gott, meinen Heiland. Herr Tod, mein Verderber, damit gebe euch Gott ein böses Amen!
Der Tod. Das XXXII. Kapitel.
Oft kann ein Mann, wenn er anhebt zu reden, sofern ihm nicht Einhalt geboten wird, nicht aufhören. Du bist auch aus demselben Stempel gewirkt. Wir haben gesprochen und sprechen noch (damit wollen wir ein Ende machen): Die Erde und all ihr Gehalt ist auf Unstetigkeit gebaut. In dieser Zeit ist sie wandelbar geworden, denn alle Dinge haben sich verkehrt: Das Hintere nach vorn, das Vordere nach hinten, das Untere zum Berge, das Obere zum Tal, das Linke zum Rechten, das Rechte zum Linken hat die meiste Menge Volkes gekehrt. In des Feuers Flammenbeständigkeit habe ich alles menschliche Geschlecht getreten: Einen Schein zu greifen oder einen guten, getreuen, beistehenden Freund zu finden, ist auf Erden nahezu unmöglich geworden. Alle Menschen sind mehr zur Bosheit als zum Guten geneigt. Tut nun jemand etwas Gutes, so tut er es uns fürchtend. Alle Leute mit all ihrem Wirken sind voller Eitelkeit geworden. Ihr Leib, ihr Weib, ihre Kinder, ihre Ehre, ihr Gut und all ihr Vermögen flieht alles dahin, im Augenblick verschwindet es, mit dem Winde verweht es: Weder der Schein noch der Schatten kann bleiben. Merke, prüfe, sieh und schaue, was nun der Menschen Kinder auf Erden haben: Wie sie Berg und Tal, Stock und Stein, Wald und Gefilde, Alpen und Wildnis, des Meeres Grund, der Erde Tiefe um irdischen Gutes willen in Regen, Wind, Donner, Schauer, Schnee und in allerlei Unwetter durchfahren; wie sie Schächte, Stollen und tiefe Gruben in die Erde graben, der Erde Adern durchbauen, Glanzerze suchen, die sie um der Seltenheit willen vor allen Dingen lieb haben; wie sie Holz in Wäldern fällen, Gewänder weben, Häuser den Schwalben gleich hinklecksen, Baumgärten pflanzen und pfropfen, das Erdreich ackern, Weinbau betreiben, Mühlen bauen, Zehntzinse eintreiben, Fischerei, Weidwerk und Jagd bestellen, große Herden Vieh zusammen treiben, viele Knechte und Mägde haben, hohe Pferde reiten, Gold, Silber, Edelsteine, reiche Gewänder und allerlei andere Habe in Häusern und Kisten voll haben, Wollust und Wonnen pflegen, wonach sie Tag und Nacht streben und trachten – was ist das alles? Alles ist eine Eitelkeit und eine Versehrung der Seele, eine Vergänglichkeit wie der gestrige Tag, der vergangen ist. Mit Krieg und mit Raub gewinnen sie es; denn je mehr man hat, desto mehr wurde geraubt. Zu Kriegen und Wirren lassen sie es hinter sich. O die sterbliche Menschheit ist stetig in Ängsten, in Trübsal, in Leid, in Sorgen, in Fürchten, in Scheu, in Wehtagen, in Siechtagen, in Trauern, in Arbeit, in Betrübnis, in Jammer, in Kummer und in mancherlei Widerwärtigkeit; und je mehr ein Mann irdisches Gut hat, desto mehr Widerwärtigkeit begegnet ihm. Doch ist das das Allergrößte, dass ein Mensch nicht wissen kann, wann, wo oder wie wir über ihn urplötzlich fallen und ihn jagen, den Weg der Sterblichen zu laufen. Die Bürde müssen tragen Herren und Knechte, Mann und Weib, reich und arm, gut und böse, jung und alt. O leidige Zuversicht, wie wenig achten deiner die Dummen! Wenn es zu spät ist, so wollen sie alle fromm werden. Das ist alles Eitelkeit über Eitelkeit und Beschwerung der Seele. Darum lass dein Klagen sein! Tritt in welchen Orden du willst, du findest Gebrechen und Eitelkeit darin. Jedoch kehre dich vom Bösen und tue das Gute; suche den Frieden und tue ihn stetig; über alle irdischen Dinge habe lieb ein reines und lauteres Gewissen! Und dass wir dir recht geraten haben, deshalb kommen wir mit dir vor Gott, den Ewigen, den Großen und den Starken.
Die Rede des Fürsten über viel Seligkeit, des allmächtigen Gottes Urteil.
Das XXXIII. Kapitel. [Gottes Urteil]
Der Lenz, der Sommer, der Herbst und der Winter, die vier Erquicker und Erhalter des Jahres, die wurden uneins in großem Streit. Ein jeder rühmte sich seines guten Willens und seines Wirkens in Regen, Windwehen und [Sonnenschein] und ein jeglicher wollte in seinem Wirken der Beste sein. Der Lenz sprach, er erquicke und mache sprießend alle Früchte; der Sommer sprach, er mache reif und zeitig alle Früchte; der Herbst sprach, er brächte und sammelte beide ein, in Stadel, in Keller und in die Häuser, alle Früchte; der Winter sprach, er verzehre und nutze alle Früchte und vertreibe alle gifttragenden Würmer. Sie rühmten sich und stritten fest; sie hatten aber vergessen, dass sie sich einer gewaltigen Herrschaft rühmten, die ihnen von Gott verliehen war.
Ebenso tut ihr beide. Der Kläger beklagt seinen Verlust, als ob er sein Erbrecht wäre; er bedenkt nicht, dass dieser ihm von uns nur geliehen war. Der Tod rühmt sich einer gewaltigen Herrschaft, die er doch allein von uns als Lehen empfangen hat. Der eine beklagt, was nicht sein ist, der andere rühmt sich einer Herrschaft, die er nicht aus sich selber hat. Jedoch der Streit ist nicht ganz ohne Grund: Ihr habt beide wohl gefochten; den einen zwingt das Leid zu klagen, den anderen die Anfechtung des Klägers, die Wahrheit zu sagen. Darum, Kläger, habe Ehre! Tod, habe Sieg! Da jeder Mensch dem Tode das Leben, den Leib der Erde und die Seele uns pflichtig ist zu geben.
Das XXXIV. Kapitel. [Das Gebet des Ackermanns]
Immer wachender Wächter aller Welt, Gott aller Götter, Herr, wunderbarer Herr aller Herren, allmächtigster aller Geister, Fürst aller Fürstentümer, Brunnen, aus dem alle Gutheit fließt, Heiliger aller Heiligen, Kröner und die Krone, Lohnender und der Lohn, Kurfürst, in dessen Kurfürstentum alle Wahl liegt: Wohl ihm, der Gefolgschaft von dir empfängt! Der Engel Freude und Wonne, Abbild der allerhöchsten Formen, altergreiser Jüngling, erhöre mich!
O Licht, das kein anderes Licht empfängt; Licht, das alles auswendige Licht verfinstert und verblendet; Schein, vor dem jeder andere Schein verschwindet; Schein, im Vergleich zu dem alle Lichter Finsternis sind, zu dem jeder Schein ein Schatten ist und dem jeder Schatten erscheint; Licht, das am Anfang gesprochen hat: Es werde Licht! Feuer, das unauslöschlich immer brennt; Anfang und Ende, erhöre mich!
Heil und Seligkeit über alles Heil und alle Seligkeit; Weg ohne alles Irren zum ewigen Leben; Bestes, über das hinaus nichts Besseres ist; Leben, dem alle Dinge leben; Wahrheit über alle wahrhaftige Wahrheit; Weisheit, die alle Weisheit umschließt; aller Stärke Gewaltiger; Beobachter von rechter und ungerechter Hand und Wiederbringer aller Brüche; ganz vermögend in allen Kräften; Sättigung der Bedürftigen, Labung der Kranken; Siegel der allerhöchsten Majestät; Beschluss der himmlischen Harmonie; einziger Kenner aller menschlichen Gedanken, Schöpfer ungleicher Bilder aller Menschenantlitze; gewaltiger Planet aller Planeten, ganz wirkender Einfluss des gesamten Gestirns, des himmlischen Hofes gewaltiger und wonnesamer Hofmeister; Zwang, vor dem alle himmlische Ordnung aus ihrem ewigen Angelpunkt niemals treten darf, lichte Sonne, erhöre mich!
Aller Seuchen heilender Arzt; Meister aller Meister; alleiniger Vater aller Schöpfung; an allen Wegen und an allen Enden gegenwärtiger Zuschauer; aus der Mutter Leibe bis in der Erde Gruft selbstmächtiger Begleiter; Bildner aller Formen; Grundfeste aller guten Werke; Liebhaber aller Reinheit, Hasser aller Unflätigkeit; Lohner aller guten Dinge; allein gerechter Richter; Einziger, aus dessen Anfang alle Sache ewiglich niemals weicht, erhöre mich!
Nothelfer in allen Ängsten; fester Knoten, den niemand aufbinden kann; vollkommenes Wesen, das aller Vollkommenheit mächtig ist; aller heimlichen und niemandem bekannten Sachen wahrhaftiger Kenner; Spender ewiger Freuden, Zerstörer irdischer Wonnen; Wirt, Gesinde und Hausgenosse aller guten Leute; Jäger, dem alle Spuren unverborge sind; aller Sinne ein feiner Einlass; rechter und zusammenhaltender Mittelpunkt aller Zirkelmaße; gnädiger Erhörer aller zu dir Rufenden, erhöre mich!
Naher beistehender [Helfer]... (Hinweis: Der Text verbindet sich hier mit den eingeschobenen Abschnitten):
Ewiges Licht, ewiges Immerlicht; recht fahrender Seemann, dessen Schiff niemals untergeht; Panierführer, unter dessen Banner niemand sieglos wird; der Hölle Stifter; der Erde Erbauer; des Meeres Strom Bändiger; der Luft Unstetigkeit Mischer; des Feuers Hitze Stärker; aller Elemente Erschaffer; von Donner, Blitz, Nebel, Schauer, Schnee, Regen, Regenbogen, Mehltau, Wind, Reif und all ihrer Mitwirkung einziger Werkmeister; alles himmlischen Heeres gewaltiger Herzog; unerschütterlicher Kaiser; aller sanftmütigster, aller stärkster, aller barmherzigster Schöpfer, erbarme dich und erhöre mich!
Schatz, von dem alle Schätze entspringen; Ursprung, aus dem alle reinen Ausflüsse fließen; Leiter, nach dem niemand fehlgeht; in allen Nöten unerlässlich, zu dem alle guten Dinge wie zum Weisel (Königin) der Bienen ziehen und sich halten; Ursache aller Dinge, erhöre mich!
Empfange gnädiglich, Herr, die Seele meiner allerliebsten Frau. Gib ihr ewige Ruhe, erquicke sie mit dem Tau deiner Gnade, behalte sie unter dem Schatten deiner Flügel. Nimm sie, Herr, in die vollkommene Freude, wo die geringste Freude größer ist, als alles, was hier die Welt je als Freude empfunden hat. Lass sie, Herr, wohnen in deinem Reiche mit den Seligen. Es lebe ihre Seele, von der ich ein Stück bin, in deiner unendlichen Güte. Amen.
Naher, beistehender Helfer aller Bedürftigen; Trauerwender aller, die auf dich hoffen; der Hungernden Wiederfüller; aus Nichts Etwas, aus Etwas Nichts allein vermögender Schöpfer; aller zeitweiligen Wesen, zeitlichen Wesen und ewigen Wesen ganz mächtiger Erquicker, Erhalter und Vernichter, dessen Wesen so, wie du in dir selber bist, niemand ausrichten, ausmessen, entwerfen oder erfassen kann; ganzes Gut über alle Güter; allerwürdigster ewiger Herr Jesu, empfange gnädiglich den Geist, empfange gütlich die Seele meiner allerliebsten Frau! Die ewige Ruhe gib ihr, mit deinem Gnadentau labe sie, unter dem Schatten deiner Flügel behalte sie; nimm sie, Herr, in die vollkommene Genüge, wo dem Geringsten wie dem Größten genügt wird. Lass sie, Herr, dort, von woher sie gekommen ist, wohnen in deinem Reiche bei den ewigen seligen Geistern!
Mich reut (Ich betrauere) Karine, mein auserwähltes Weib. Gönne ihr, gnadenreicher Herr, sich in dem Spiegel deiner allmächtigen und ewigen Gottheit ewiglich zu ersehen, zu beschauen und zu erfreuen, in welchem sich alle engelischen Chöre erleuchten.
Alles, was unter des ewigen Fahnenträgers Fahne gehört, was für eine Kreatur es auch sei, helfe mir aus Herzensgrund seliglich mit Innigkeit sprechen:
Amen!