VON TORSTEN SCHWANKE
FÜR PROF DR HEIKE WIESNER
Männer meißeln Bedeutung in die Gesichter von Frauen,
Botschaften, welche gerichtet an andere Männer erscheinen.
Hierzu lautete im Lager Achilles’ die Botschaft gewaltig:
„Sieh sie dir an! Meine Beute, vom Heere mir selber zugesprochen!
Beweis mir, dass ich der Mann bin, der ich zu sein seit jeher beanspruche:
Namhaft der Größte der Griechen!“ Hier aber, im Lager Agamemnons,
Hieß es: „Sieh sie dir an! Achilleus’ Beute! Ich nahm sie
Ihm weg; genau so vermag ich dir deine Beute zu nehmen.
Jegliches kann ich dir nehmen, was immer du eigen besitzest!“
Aber Pat Barkers Roman Die Stille der Frauen (im Englischen
Silence of the Girls) hat mächtiges Aufsehen erregt in der Welt der Literatur.
Nahe trat mir das Thema: Die Dichterin sprach diesen Sommer
Auf dem Festival von Edinburgh; meine Betreuerin Graziosi,
Gelehrte Professorin, besprach das Buch für die Zeitschrift.
Darin erzählt uns Barker die Geschichte der Königin Briseis,
Einstens Herrscherin in Lyrnessos, darauf Sklavin Achilles’,
Später des Agamemnon und wieder darauf des Achilles.
Aus der Heimat gerissen, als Trophäe von Händen zu Händen
Weitergereicht. Und der Klappentext fordert uns auf mit den Worten:
„Lerne den größten Mythos der Griechen nun kennen, neu uns
Dargestellt von der Zeugin, welche die Geschichte vergaß!“
Grausam ist die Erzählung, denn Barker beschießt die Leser
Mit all den Schrecken des Krieges, wie ihn Homerus gesungen.
Nicht nur die Ratten, die Seuche und all der Unrat im Lager,
Welcher die Horde der Griechen betraf in den Jahren des Krieges,
Sondern eine Gefahr, die speziell die Frauen bedrohte:
Männer! Briseis fragt sich, was einst aus uns allen werden wird,
Aus den Menschen, die hören die Kunde vom Trojanischen Kriege,
Künftige Leser der Ilias:
„Was wohl werden sie machen aus uns, die Menschen der Zeiten,
Die unvorstellbar fern liegen? Eines weiß ich gewisslich:
Nicht die brutale Realität von Eroberung und Sklaventum
Wollen sie haben! Nichts hören wollen sie von den Massakern
An den Männern und Knaben, noch von der Knechtung der Frauen,
Auch nicht der Mädchen. Wollen nicht wissen, dass wir im Lager
Der Vergewaltigung lebten!“
Die Stille der Frauen gehört zu der Welle
Jener Romane, die aus der Perspektive von Frauen das Epos
Griechischer Vorzeit beleuchten: Von Margaret Atwoods Penelopiade
Über Emily Hausers For the Most Beautiful hin zu der Circe,
Wie sie Madeline Miller gesungen, fehlt keineswegs es
An der weiblichen Sicht auf die Gedichte Homerus’.
Fügt man hinzu Alexanders Übersetzung der Ilias wie auch
Wilsons Übertragung der Odyssee – jeweils die erste Übertragung
Eines Epos ins Englische aus der Feder von Frauen –,
Erhoben wir eine wahrhafte Revolution der Frauen
Im Umgang mit Homerus in unseren Tagen. Grundlegend
Hat sich das Blatt nun gewendet.
Was mich daran fasziniert: Dieser radikale Wandel
Liegt in der Aufnahme nur des Epos, nicht im Gedichte!
Unverändert blieb die Dichtung, verändert hat sich die Art nur,
Wie wir schauen darauf. Es ist nicht Homerus zur Last zu
Legen, dass selten Frauen sein Epos übersetzen ins Deutsche
Oder ins Englische. Auch ist es nicht die Schuld des Homerus,
Dass die Klassische Philologie eine Domäne der Männer
Historisch gewesen. Nicht seine Schuld ist es, dass Gruppen
Wie das Women’s Classical Caucus noch beschwerliche Wege
Vor sich haben. Bücher wie Die Stille der Frauen
Geben den Stumm-gemachten die Stimme zurück – diesen Frauen,
Die von patriarchalischen Welten und männlichem Idiom der
Taten eingeengt waren. Fesselnd sind sie, weil wir die
Alternativen Geschichten hören wollen, die lange Zeit die
Klassische Tradition unterdrückt hat, da nun eine Masse
Kritisch gewordener Menschen lauscht auf die Stimme der Frauen.
Sind dies aber wahrhaft revisionistische Lesarten? Oder
Bringen sie vielmehr ans Licht, was in den Gedichten Homerus’
Ohnehin schon angelegt liegt? In meinem Buch Women of Substance
Zeige ich auf, dass die Männlichkeit der Ilias verbirgt eine Feinheit
Für die weibliche Sicht, die Entfaltung findet im späten
Epos der Odyssee. Keineswegs ist Homerus uninteressiert an
Seinen weiblichen Gestalten – wir müssen allein die Werkzeuge
Finden, um dies zu erkennen!
Fest verwurzelt ist die Darstellung von Frauen im Epos
In der Verdinglichung und dem kommerziellen Gehabe.
Durch verschiedenste Bräuche wie Eheschließung und Kriegsbeute
Sind die Frauen eingebunden ins Netz des Tausches der Männer.
Wahrlich, die erste Frau der Menschheit wird übergeben
Als ein Tausch von List und Tücke zwischen Zeus und Prometheus
(Hesiodus sang es in Theogonie wie in Werken und Tagen);
Schon Pandora („Allbegabte“, „Allgeschenk“) verbindet
Ihr Name direkt mit dem Schenken. Und als Agamemnon
Achilleus’ Zorn zu besänftigen sucht mit Gaben im Neunzehnten Gesang,
Geht die Aufzählung nahtlos vom Metall über auf das Vieh und
Schließlich auf Frauen, ohne dass dabei groß unterschieden würde:
„Sieben Dreifüße trugen sie vor, unberührt von dem Feuer,
Zwanzig glänzende Kessel und sechzehn Ross’ in der Zahl auch;
Führten sodann auch Frauen herbei, verständig in Arbeiten,
Sieben an Zahl, und als achte die schönwangige Briseis.“
Hier nun tritt Pat Barker auf. Den homerischen Frauen wird nämlich
Selbst ein materieller Wert zugeschrieben: So erfahren wir etwa,
Dass Eurykleia einst von Odysseus’ Vater Laertes
Geholt wurde für den Gegenwert von zwanzig Rindern.
Bei der Vergabe von Mitgift und Brautpreis wird der Wert der
Frauen quantifiziert, gemessen an oder zusammen mit Gütern –
Und das ist allein die erträglichere Seite der Verdinglichung!
In diesem Sinne werden die Frauen zu bloßen Objekten,
Welche zum Zwecke des Tausches existieren oder Identität
Erst darin finden. Und doch, wie Lyons im Jahre zweitausend
Zwölf in dem Buche Gefährliche Gaben verfasste: „Wie sehr auch
Männer die Frauen als Objekte des Tausches bestimmen mögen,
Immer besteht die Chance, dass Frauen ein Mittel entdecken,
Ihre eigene Handlungsfähigkeit wirksam zu zeigen.“
In der Passage aus dem neunzehnten Gesang der Ilias
Werden die Frauen gerühmt für ihre Arbeit – was meistens
Meint das Herstellen feiner Webarbeiten im Epos.
Auf den häuslichen Bereich beschränkt, da bleiben sie selber
Überlassen in einer Domäne, worin die Objekte
Blühen. Homerische Frauen nutzen solche Objekte,
Um Handlungsmacht zu erlangen und auszuhandeln im Alltag:
Subversion des männlichen Blicks, da Frauen die Handlung
Genauso ausüben, wie die Männer es glauben zu sehen.
Die Geschichte zu erzählen aus Sicht einer weiblichen Person,
Welche zentral für die Handlung, jedoch in homerischen Landen
Untergeordnet verbleibt, ist somit ein Weg, um den Frauen
Griechischer Urzeit die Stimme zu geben. Ein anderer Weg liegt
Meines Erachtens darin, diese Frauen aus neuem Winkel zu
Schauen – über die Gegenstände, die sie gebrauchen,
Um Handlungsmacht auszuhandeln, sich selber zu zeigen
Und auf eigene Weise zum Ganzen des Werks beizutragen.
Eines der Hauptthemen meines Buches ist Kommunikation:
Das Verständnis, dass Objekte zur Sprache dienen, wenn sonst nicht
Standardwege zur Verfügung stehen – speziell für die Frauen,
Welche als Gestalten verharren im Schatten des Epos.
Sadie Plant zeichnet im Jahre neunzehnhundertsieben
Und neunzig im Buch Zeros + Ones das weibliche Handeln
In der Technologie nach – von Ada Lovelace und ihren
Denkmaschinen hin zu den Bomb Girls oder den Frauen
In den Zentraleinheiten des Telefons. Sie erblickt die
Entwicklung der Technologie als fortlaufenden Ablauf,
Dessen gemeinsamer Nenner das Weben ist: „Der Faden
Ist weder metaphernhaft noch buchstäblich, sondern schlichtweg
Materiell – ein Bündel von Fäden, die durch die Geschichte
Sich der Informatik, Technologie und Wissenschaft winden,
Ebenso durch die Künste.“ Frauen können befreit werden
Durch Technologie, die sich zu Teilen um Sprache und Mitteilung
Dreht. Plant schreibt weiter: „Sie senden Signale einander,
Flüstern in eigenen, seltsamen Codes und Chiffren, die jenseits
Männlicher Fähigkeiten liegen, bewegen sich auf den Pfaden
Flüsternder Munderzählung, welche die Wege der Macht mit
Ihren lateralen Knüpfpunkten einfach umgehen.“
Ähnlich äußert sich Jean Baudrillard in den Cool Memories:
„Sie sind alle gemeinsam verstrickt in geheime Gespräche.
Frauen weben untereinander ein kollusives Netz der
Verführung.“ Doch lassen sich diese Fäden zurückverfolgen –
Weit vor den Jacquard-Webstuhl, vor Drähte und Software,
Hin zu den gewebten Objekten im homerischen Epos.
Solche informellen Wege und heimlichen Reden sind tief schon
In der archaischen griechischen Dichtung fest verankert.
Auch homerische Frauen nutzen Technologie für die
Eigene Macht, für das Aushandeln von Handlungsräumen innerhalb
Geschlechtsspezifischer Schranken. Luce Irigaray bringt
Diesen Gedanken auf den Punkt: „Was aber, wenn diese
Waren sich weigerten, auf den Markt zu gehen? Und was, wenn
Sie untereinander eine ganz andere Art des Handels
Pflegten?“ Durch ihre Arbeit erschaffen Homers vermeintlich
Verdinglichte Frauen ihre eigene Form des Handels und Wege
Eigener Kommunikation. Barkers Briseis berichtet,
Dass Männer Bedeutung meißeln in die Gesichter von Frauen –
Botschaften, welche gerichtet an andere Männer erscheinen.
Mein Buch zeigt jedoch, dass ebenso viele Botschaften fließen
Unter den Frauen direkt. Und was noch interessanter erscheint:
Während Briseis die Zeichen der Männer zu deuten vermag („die
Botschaft hatte gelautet…“), bleibt der weibliche Code in den
Homerischen Liedern für Männer schlichtweg unlesbar.
Wahrlich handelt es sich hierbei um geheime Gespräche!
Homerische Frauen werden keineswegs bloß objektifiziert;
Sondern sie sind auch versierte Nutzerinnen jeglicher Dinge.
Dies ist etwas, was Homerus klar darstellt und Odysseus
Versteht – was jedoch vielen anderen Männern entging, von
Odysseus’ Alter Ego Aethon im neunzehnten Gesang der
Odyssee bis hin zu modernen Kennern des Epos.
Wahrlich, die Zeit ist reif, dass die Welle des Feminismus
Hieran anknüpft. Blickt man auf die Objekte, die solche Sprache
Möglich machen und über die Botschaften übermittelt werden,
Offenbart sich ein vielschichtiges Netz aus gesendeten wie auch
Empfangenen, verstandenen und missverstandenen Zeichen:
Schichten von Botschaften, welche kodiert und dekodiert werden;
Depeschen, die von einigen Figuren erfasst und von andern
Mächtig übersehen werden. Dies eröffnet uns einen neuartigen
Einblick in die Landschaft der homerischen Welt und Gesellschaft.
Es erlaubt uns, nicht bloß den Ehrenkodex der Männer
Und den Geschenkeaustausch der Elite zu zeichnen, sondern
Ebenso die parallel verlaufenden weiblichen Codes und
Mitteilungen. Darüber hinaus ist die Komplexität dieses
Gesamtbilds ein Zeugnis für die Nuancierung, die Feinheit
Und für die – in der Forschung oft unterdefinierte – Sanftheit
Weiblicher Wesensart in der homerischen Dichtung.
Einst behauptete Bentley im achtzehnten Jahrhundert: Die Ilias
Sei für Männer geschrieben, die Odyssee für die Frauen.
Samuel Butlers Antwort darauf im neunzehnten Jahrhundert
Lautete so: Die Odyssee sei für jeden geschrieben,
Der nur zuhören wollte. Was Bentley meinte, war folgendes:
Dass in der Odyssee die Dinge aus der Perspektive einer
Frau betrachtet werden, nicht aus der Sicht eines Mannes!
Butler formuliert Bentleys Behauptung um von der Frage
Nach den Hörern hin zu der Frage der Autorschaft selber.
Diese Debatte spiegelt erstens den Unterschied in der weiblichen
Präsenz zwischen den homerischen Gesängen wider und zweitens
Die Anziehungskraft der homerischen Dichtung, besonders
Jener Odyssee, auf Frauen. Das ist freilich das äußerste
Ende des Spektrums, da Butler streitbar für eine Dichterin
Der Odyssee eintrat – eine Ansicht, die heute vollkommen
Widerlegt ist. Doch obwohl wir Butlers Schlüsse verwerfen
Können, verdient die Debatte selbst Aufmerksamkeit. Was das
Publikum betrifft, hoffe ich, dass mein Buch dazu beiträgt,
Dass die homerische Dichtung den Frauen verstärkt nun zugänglich
Werde; und was die Autorschaft angeht, müssen wir wahrlich
Keine Dichterin fordern, können aber mit Sicherheit eine
Feine Empfindsamkeit für den weiblichen Blickwinkel erkennen.
In der Anmerkung zur Odyssee-Übersetzung reflektiert nun
Emily Wilson über den Status der Übersetzerin selber:
„Die geschlechtsspezifische Metapher der treuen Übersetzung,
Deren Wert gegenüber dem männlichen Original stets geringer
Erscheint, gewinnt im Kontext der Übersetzung der Odyssee durch
Eine Frau eine ganz eigene Schärfe – eines Epos, das tief von
Weiblicher Treue und männlicher Dominanz geprägt ist.“
Auch der Status der Wissenschaftlerin bedarf der Reflexion.
Wir stehen an einem Wendepunkt in der geschlechtlichen Sicht der
Homer-Forschung – und ich hoffe, dass meine Untersuchung von
Geschlecht, Handlungsmacht und den materiellen Formen uns einen
Neuen Zugang zu diesen Gedichten und Debatten eröffnet.
Nancy Sorkin Rabinowitz’ und Amy Richlins Feminist
Theory and the Classics wie auch McManus’ Classics and Feminism
Lieferten wegweisende Übersichten über die feministische
Wende in der Klassischen Philologie. Ihre Arbeiten führen uns
Direkt zur Frage nach den Wirkungen des Feminismus auf die
Homer-Forschung. In diesem Essay gebe ich einen Überblick
Über die Beiträge der feministischen Homer-Forschung und prüfe
Zudem die Queer Theory als neuartigen Ansatz, um die
Feministische Deutung der homerischen Epen zu mehren.
Mit diesem Ansatz knüpfe ich an McManus’ Nutzung des Konzepts der
Doppelgeschlechtlichkeit an – ein Begriff, den ich verwende
Anstelle des ursprünglichen transgendered, wie ich weiter unten
Erläutere – für ihre feministische Analyse von Vergils
Lateinischem Epos, der Aeneis, und forme diese um. Ihre
Sicht regt dazu an, nach der Komplexität geschlechtlicher
Bilder im Epos zu suchen und deren ideologische Funktion zu
Prüfen; mein Rückgriff auf die Queer Theory stellt ihre Fragen
In den Kontext von geschlechtlicher Norm und Devianz und zieht
Zusätzlich Kategorien der Macht und Sexualität mit ein.
Feministische Lesarten stellen die vielleicht wichtigsten Fortschritte
Dar im Verständnis der homerischen Epen; sie haben meine
Deutung der Gesänge geprägt wie auch Richtung und Weg meiner
Forschung geformt. Ich beginne mit einem ausgewählten Überblick
Über die englischsprachige feministische Forschung zur Ilias
Und zur Odyssee, wobei ein besonderes Augenmerk auf der
Behandlung von Helena und Penelope liegt.
Erst die Forschung der Frauen zur Ilias, welche mit Arthurs’
Wegweisendem Aufsatz begann im Jahre achtzig und eins, hat
Deutlich gezeigt, wie das Epos den Krieg und den Streit als ein Feld nur
Männlicher Herrschaft beschreibt, das beruht auf dem Handel mit Frauen,
Überhaupt nicht vereinbar mit Heim und mit familiärem Leben.
Während fast alle Frauen im Epos als opfernde Wesen
Ohne die Macht und vollkommen entmenschlicht erscheinen im Streben
Männlicher Helden nach Ruhm und nach Ehre, hat Helena meistens
Lassen die Blicke verweilen als vielschichtigere Gestalt dort:
Nicht nur ein Objekt männlicher Gier, vielmehr als Ursache
Auch des Krieges ein mächtiges Subjekt! Suzuki vergleicht nun
In der Studie Helena sowie Briseis als Frauen,
Welche als Fremde von Männern zu Sündenböcken gemacht sind
Für die Konflikte, um eigene Männerbünde zu stärken.
Stützend auf Claders Versuche zu Helenas göttlichen Zügen
Und ihrer Macht, sah Suzuki jedoch auch Helenas Eigen-
Art als der Dichtung erhabene Schöpferin voll von der Schönheit;
So ist sie uns ein vollkommenes, doppelbedeutendes Zeichen.
Clader und eben Suzuki behaupten, dass Helena selber
Als die Ursach des Krieges die zwiespältige Haltung der Männer
Gegen den Krieg als die Quelle von Ruhm und von Tode verkörpert.
Jüngere Forschung der Frauen versucht, die Psychologie wie auch
Rhetorik wohl zu verstehen, die Homerus Helena beigelegt,
Möchte den Anspruch auf ehebruchbezogene Handlung begreifen
Samt der bezüglichen Selbstbeschuldigung. Anknüpfend an frühere
Schriften von Collins und eben Suzuki bemerkte nun Ebbott,
Dass sich Helena selber die Schuld gibt, während kein andrer
Dies je tut, da ein solches Bereden den Wert für den Kriegsgrund
Untergrübe. Laut Ebbott verleiht die Beschuldigung selber
Nemesis Stimme im Epos, hervorgerufen durch all das
Leiden und Sterben. Worman und Roisman wie Blondell erkannten,
Dass Helenas Selbstbezichtigung Scham und Moral ihr verleihet,
Was den Charakter erklärt und sie schöner für Männer erscheinen
Läßt, noch wertvoller auch. Roisman sieht in Helena ferner
Eine voll Reue erfüllte, die edel darum nun noch kämpfet,
Eigene Würde zu wahren im Netz der Verdinglichung durch die
Männer und unter dem Zwang der Aphrodite. Und während
Roisman das Lager mit Paris im dritten Gesange als Zwang sieht,
Deuten es Worman und Blondell als Handeln aus freiem Entschlusse:
Ringen mit Begierden der Aphrodite, wo schlussendlich sie unter-
Liegt; so erscheint uns Helena als das begehrende Subjekt.
Hierin verkörpert sie eben die Unsicherheit ehelicher Treue,
Welche den Stammbaum bedroht und das Feuer des Streites entzündet.
Reich an Gehalt ist die Forschung der Frauen zur Odyssee ferner
(Welche zur Mitte der Neunzigerjahre die Höhe erreichte),
Gleichen Fragen nach Subjektivität und den Rollen Penelopes
Folgend. Leser des Epos bemerkten ja lange schon alle,
Wie die Gesänge der Frau mehr Raum, mehr Stimme und Aufmerksamkeit
Geben als einst die Ilias. Penelope wahrt ja vor allem
Haus und die Herrschaft des Gatten intakt für die Wiederkehr dessen,
Und das Gedicht verleiht ihr für Treu und Vortrefflichkeit Kleos,
Was nach gemeinem Verständnis die Klugheit und Treue umfasst wohl.
Manche Forscher wie Foley und Marquardt, Winkler und Felson
Sehen Penelope wahrlich als ebenbürtige Heldin,
Gleichend Odysseus an List, die die Freier gelenkt und den eignen
Kurs nun gesteuert; nach Winklers Verständnis erahnt sie die Wahrheit,
Wirkt mit dem Gatten geheim nun zusammen zum Sturze der Freier.
Jüngst hat Clayton erklärt, dass Penelopes Weben und Lösen
Eigentlich Bild und Metapher der vielgestaltigen Dichtung
Selbst in der Odyssee sei.
Andere Forscherinnen hingegen
Hinterfragten, wie weit die Odyssee Frauen erhöht oder ehrt wohl.
Doherty meint, dass die mächtigen Frauen des Epos als Köder
Dienen, um Frauen als Hörer zu locken, doch selber im Innern
Einer vom Manne beherrschten Geschichte nur wenig vermögen.
Murnaghan zeigte zusammen mit Holmberg in vielen Studien,
Dass Penelope eigentlich ohne die Macht ist, beschränkt auch
In dem Wissen, und dass Odysseus zusammen mit Pallas
Athene jegliches Handeln zu Gunsten des Mannes lenken.
Diese und andere Forscher – wie Katz, Wohl, Schein und auch Zeitlin –
Haben erkannt, dass die Treue der Frauen und ihre Vortrefflichkeit
Ständig in Frage gestellt wird durch Penelopes Zwiespalt
Gegen die Freier und auch durch gefährliche Frauen wie Helena
Oder Klytaimnestra, die Folien bilden der Heldin.
Meistens stimmen sie überein: Penelope zeiget sich schließlich
Als die treue Ausnahme, welche die Regel bestärket
Von der Frau als Bedrohung, die man durch männliche Mächte
Und politisches Ausschließen neutralisieren muss!
Foley argumentiert hingegen gegen die Meinung,
Dass Penelopes Handeln moralisch zweifelhaft sei; ihre
Königin handelt als sittliche Kraft, die, wiewohl von den Dingen
Eng eingeschränkt, wohlüberlegt und verlässlich dem Gatten
Treu verbleibet. In meinem eigenen jüngsten Aufsatze,
Welcher Penelopes Flehen zu Pandareos’ Töchtern
Und die Stellung als Pandora-Gestalt im letzten Drittel
Epos untersucht, vertrete ich dieses: Dass Umstand wie Handeln
Großteils lenken die äußeren Mächte, Homer aber dennoch
Gibt der Königin eignen und unabhängigen Willen –
Willen, welcher bestimmt ist durch Treue zum Gatten Odysseus
Wie zu Telemachos. Meines Erachtens bestätigt diese
Bindung aus Hilflosigkeit und aus freier, ergebener Haltung
Doppelt die Macht der patriarchalischen Welt in dem Epos.
Wohin gehen wir nun? In Classics and Feminism führten
McManus ein ein neuartiges Blicken der Doppelgeschlechtlichkeit
In Vergils Aeneis und wandten es an. Sie bezeichnen
Stellen, wo Helden, die eindeutig einem Geschlechte gehören,
Gleichzeitig Rollen übernehmen, welche dem andern
Zugeschrieben, und so sich mit beiden Geschlechtern verbinden.
So erscheint in dem ersten Gesang der Aeneis die Dido
Als die getreue Witwe Sychaeus’ eindeutig als weiblich,
Aber erscheint auch als mächtige, hochgeachtete Herrscherin
Karthagos – eine Rolle, die männlich konnotiert dasteht.
Solche Doppelgeschlechtlichkeit, die von Werten geprägt ist,
Wird getrennt von den negativ eingestuften Rollenwechseln:
„Unangemessenes Ausüben einer Rolle des andern
Teils und dem Drang, jenes andere Wesen zu werden im Handeln.“
Nutzbringend braucht McManus die Doppelgeschlechtlichkeit hierbei,
Um die scheinbare, überall sichtbare Abwertung aller
Weiblichen Züge und Ehrerhebung des Männlichen wieder
Auf der Bildebene der Aeneis neu zu gestalten.
Sie verfolgt, wie die Doppelgeschlechtlichkeit ausgewählte
Frauen wie Dido in gänzlich neuem Lichte erstrahlen
Läßt und dadurch das Weibliche wahrlich erhöht – was wiederum
Aeneas’ eignes doppelgeschlechtliches Wesen als Krieger
Und zugleich als feminisiertes Opfer Junos und Schicksals
Wie als Exempel der tüchtigen Pietas duldsamer macht.
McManus’ Blick auf die Doppelgeschlechtlichkeit lässt uns genauer
Prüfen, wie Geschlecht konstruiert und bewertet wird im Epos.
Dieses Phänomen, welches von mir Doppelgeschlechtlichkeit
Hier genannt wird, benennet McManus als transgendered im Buche
(Übernehmend den Sinn aus der Soziologie). Doch wiewohl auch
Dieser Ansatz erhellend für Bedeutungen unseres Epos,
Zeigt sich die Wahl der Begriffe als zweifelhaft und voller Schranken.
Denn für McManus ist transgendered bloß ein theoretisches Denken,
Keine gelebte Natur. Doch wirkliche Menschen gebrauchten
Und gebrauchen den Begriff transgender zum Beschreiben von sich selbst
Und von andern auf Weisen, die abweichen von dem akademischen
Gebrauch. Heutzutage bezeichnet transgender die eigne
Persönliche Haltung, bestimmt durch das Nichtkonformsein mit dem
Zugewiesenen Geschlecht, oft Binaritäten sprengend.
McManus’ Sprachgebrauch setzt im Gegensatze zum heutigen
Begriff essentialistische Geschlechter wie „männlich“ und „weiblich“
Voraus als Kategorien und baut sie noch auf. Und zudem
Nimmt McManus nicht wahr, wie Sexualität mit Geschlecht sich
Bindet, noch prüft sie das Verhältnis von Macht und Geschlecht direkt.
Ich möchte nun die Queer Theory als eine umfassendere
Weise vorstellen, um Geschlecht und Sexualität zu betrachten,
Fokussiert auf die Frage, wie Mächte von diesen Begriffen
Geformt werden und jene gestalten. Die Queer Theory vermag uns
Gute Dienste zu leisten im Verständnis homerischer Lieder,
Da sie – anders als einst die Aeneis – dem Symbolischen
Männlich und Weiblich nicht ohne Weiteres Werte zuweisen.
Statt in den Grenzen von „männlich“ und „weiblich“ zu verharren,
Hinterfragen Vertreter der Theorie, wie Machtsysteme
Bestimmte Rollen und Handlungen prägen als Norm und als wertvoll,
Andere aber als abweichend – queer – und moralisch verdächtig!
Wer als queer gilt, fordert die normativen Gesellschaften
Heraus; bedroht die Systeme durch Andersartigkeit mächtig.
Für die Wächter des Status quo ist das Überwachen der Geister
Nötig, um alte Ordnungen fest zu bewahren im Staate;
Aus der andern Perspektive jedoch bergen queere
Kräfte ein großes Potenzial zum radikalen Wandel!
Gleichwohl verknüpft man das Wort queer zumeist mit Lesben und Schwulen,
Bisexuellem Empfinden und transgendered Sein in der Welt auch.
Manche Forscher jedoch gebrauchten den Begriff für Subjekte,
Die zwar heterosexuell, aber gar nicht im Sinne der Norm sind –
Die als sexuell abweichend gelten oder geschlechtlich
Und auf dieser Basis an Ränder gedrängt sind im Staate.
Cathy Cohen zeigte beispielsweise, dass Arme der Farbe
In den Staaten Amerikas, welche verleumdet wegen
Nicht-normativem Sex und eigenen Formen der Ehe,
Als queer gälten und wohl einzubeziehen in die Wege
Queerer Politik seien.
Ich schlage nun vor, dass es nützlich,
Helena wie Penelope im Rahmen der Queerheit zu schauen,
Um die eigene Stellung wie ideologische Funktion
Besser im Rahmen des Epos zu fassen. Zuvörderst so glaube
Ich, dass der Dichter Helena darstellt in der Ilias
Wegen destruktiver Abweichung von den Normen als ein queeres
Subjekt. In dem ersten Gesang stellt Homerus durch Briseis
Und Chryseis die normgemäße Frau dar als stummes,
Machtloses Opfer, worüber Männer die Herrschaft bewahren.
Aber im dritten Gesang erscheint uns Helena als ein
Sprechendes Subjekt, welches die eignen Verhältnisse lenket
Aus unbeständigem Drang, der wechselt von Paris zum Gatten
Menelaos zurück – und im sechsten flirtet sie gar noch
Mit Hektor! Wenn Helena Aphrodite voll Zornes entgegen-
Tritt und andeutet, dass die Göttin die Nebenbuhlerin
Jetzt um Paris als sexuelles Objekt sei, und um den Ruf sorgt
Unter den Damen Trojas, übernimmt diese Heldin
Aggressive, vollkommen statusbewusste Empfindung,
Die man ehedem sah bei Helden wie einst dem Achilles,
Und wagt es, selbst mit der Gottheit zu rechten!
Zudem bestätigt
Andromaches Auftreten im sechsten Gesang und vertieft nur
Weibliche Normen im Gegensatze zu Helena. Einer-
Seits ist die sterbliche Andromache Hektor einzig ergeben,
Sorgt sich um Astyanax, versucht, den Mann von der Schlachtbank
Abzuhalten, und ohne die Macht, um das künftige Schicksal
Als Kriegsgefangene abzuwenden. Doch andererseits hat
Helena, göttlicher Abkunft, mehr als den einen Ehemann,
Lässt die Tochter zurück, treibt Paris mitten in den Kampf
Und behauptet ihr Handeln als Ursache Krieges und Dichtung.
Queere Subjekte werden im Allgemeinen herabgewürdigt,
Und die Ilias rügt Helenas queeren Ehebruch, welcher
Als die Ursache gilt von Leiden und Tod, durch die eigne
Schuldbezichtigung. Doch wie ich darlegte, gibt ihr kein andrer
Schuld, noch wird sie dichterisch oder sozial an den Rand gedrängt –
Prominent erscheint sie im Epos als Mitglied im König-
Lichen Haufe der Troer, Schönheit wie Begehrenswürdigkeit
Stehen im Lichte, und sie spricht gar als die letzte Person im
Vierundzwanzigsten Gesang. Die Ilias stellt ihre Queerheit
Zwiespältig dar, nicht rein als etwas Negatives, weil sie
Zentral erscheint für das Schaffen des Kriegsepos. Solche Queerheit
Untergräbt bestehende Sozialgefüge, und eben
Diese Erschütterung ist das Thema der Ilias; welcher
Streit von Helena ausging, bildet den Grund der Erzählung –
Eigentliche Raison d’Être! In dichterischer Entlastung
Suchen männliche Helden, Helenas Queerheit zu leugnen,
Indem sie die Schuld ihr absprechen und als geraubtes
Opfer einer Vergewaltigung darstellen oder als Spielball
Göttlicher Mächte. Dennoch macht Homerus die Queerheit
Helenas sichtbar in Worten und Taten und zeigt uns die Abweichung
Als den Schlüssel zu seinem Epos vom Kriege. In der Tat
Legt dies nahe, dass selbst die Ilias in dem Gedenken
An den Umsturz im Staate vielleicht als queeres Gedicht gilt!
Penelope deut’ ich im Gegensatze dazu als ein Beispiel
Heteronormativer Frauen, und glaube, dass ihre Gestalt uns
Dient zum Unterscheiden der Odyssee von der Ilias.
In der Odyssee wird Penelope wegen der Treue
Hoch gepriesen und durch diese Treue bestimmt auch.
Solche Treue erweist sich im Schützen – nach Kräften – des Hauses
Oder der Haltung des Odysseus, des Sohnes Telemachos
Sowie der Stellung im Lande Ithaka. So unterscheidet
Sie sich positiv von den negativen queeren Gestalten,
Welche die Ordnung und Odysseus’ Autonomie und die Herrschaft
Gefährden (Kalypso und Kirke, Sirenen wie Skylla und Charybdis),
Untergraben (die Mägde) oder zerstören (Klytaimnestra,
Helena). Penelope ist insofern heteronormativ,
Als sie trachtet, den Status quo zu wahren im Lande,
Was ein Epos erlaubt über Rettung normativer Mächte –
Ganz das Gegenteil queeren Handelns der Auflösung Trojas.
Der Blickwinkel der Queer Theory hilft uns, Penelopes Funktion
Sowie das normative Handeln im Epos zu schauen –
Trotz der vielschichtigen Darstellung dieser Penelope
Als vollkommen kluge, fähige, unabhängige Frau, die
Doppelgeschlechtlich erscheint. Penelope meistert die Lage
Schlauerweise im Palast während der Abwesenheit des
Gatten; bei seiner Wiederkehr vergleicht sie Odysseus
Mit einem tüchtigen König, dessen Herrschaft dem Reiche
Fülle bringt und Vortrefflichkeit. Foley zeigte jedoch schon,
Wie Vergleiche mit vertauschten Geschlechterrollen dazu
Beitragen, dass die gleichgesinnte Penelope wie auch
Odysseus gegenseitige Rollen erproben, wiewohl sie
Schließlich fest verankert bleiben in ihren vom Staate
Vorgeschriebenen Mächtesphären – mit Odysseus als Herrscher.
Mag Penelope männliche Pflichten übernehmen am Hofe,
Macht maßt sie sich nicht an, nimmt keineswegs Odysseus’ Stelle;
Sondern sie wahrt die bestehende Männerwelt, statt sie zu stürzen.
Eben die Queer Theory, angewandt auf die Gesänge Homerus’,
Setzet das wissenschaftliche Projekt der Forschenden fort nun,
Zu dem McManus Beiträge geleistet im Laufe der Jahre
Und das sie engagiert verteidigt im Buche dokumentierte.
Es lenkt die feministische Sicht auf die Formen der Normen
Und der Abweichung hin, fragt, wie die Begriffe erschaffen
Werden und welchem Zweck im Gefüge der Gattung sie dienen.
Dadurch bietet sie eine neue Option, um die Macht, das
Geschlecht und die Sexualität zusammen im Geiste zu fassen.
So begann ich, die Queer Theory hier als ein Mittel zu nutzen,
Was Doherty einst die offene, stärkende Lesart
Nannte bezüglich der Ilias – als einem Epos, das eine
Queere Gestalt bevorzugt und den Umsturz der Ordnung besinget –,
Sowie als geschlossene, gegnerische Sicht auf das Epos
Einer Odyssee, das die Rettung der alten, von Männern
Herrschten Gefüge feiert im Staate. Ich hoffe zu zeigen,
Dass die Queer Theory als ein fruchtbarer Zugang sich einreiht
In die Vielfalt der Forschung, die beiträgt zu unserm Verstehen
Jener Poetik Homers und der Form der Geschlechter in Dichtung.
Jeder im Volke hat wohl schon gehört von Odysseus, dem Manne,
Der mit dem hölzernen Pferde die List ersann gegen Troja,
Und von der sprichwörtlich langen, erduldeten Reise nach Hause.
Seine sogenannte Odyssee ging ein in die Sprache:
Heute gebrauchen wir dieses Begriffswort für eine vollkommen
Schwierige, lange Fahrt mit Wendungen vielerlei Art auch.
Doch in dem Aufsatze stehen keineswegs dieser Odysseus
Und seine Fahrten im Mittelpunkt unseres Suchens. Vielmehr
Geht es um Frauen des Mythos, nämlich Penelope selber
Wie um die Mägde. Vergleicht man sie mit den Frauen der Sage,
Ist Penelope allen bekannt, da die Männer seit Zeiten
Sie als die ideale Ehefrau immer bezeichnet;
Ihre Ergebenheit diente als Vorbild für etliche Frauen,
In der Reallandschaft wie in der Welt fiktionaler Dichtung,
Prägte die Blicke auf Rollen der Frauen im Leben gewaltig.
Aber die stereotype, gehorsame Form Penelopes
Ist veraltet, ungenau und ungerecht vollkommen.
Aus diesem Grunde versuchten ja viele Autoren, die Gesänge
Oder Teile davon in jeglicher Gattung zu wandeln.
So zeigt eine Gedichtsammlung Duffys mit Namen The World’s Wife
Geschichten und Mythen aus der Sicht der vergessenen Frauen.
Duffy gebraucht in den Versen den Witz wie auch spielende Mittel,
Um den Gestalten wie etwa Penelope Stimme zu geben,
Damit sie eigene Gedanken und eigene Fühle verkünden.
Duffys Gedicht weist jegliche Deutung der wartenden Gattin
Ab und kritisiert das Bild von Odysseus als Helden.
Aber nicht Lyrik allein ward verfasst, um die alten Narrative
Umzugestalten; zeitgenössische Autoren gebrauchten
Andere Gattungen oft, um neue und andere Sichten
Gegen die antiken Geschichten zu setzen – wie Graziosis
Sachbuch The Gods of Olympus oder Ruhls Komödie Eurydice.
Zu den gefeierten Werken der Prosa zählt wohl die Novelle
Unter dem Namen Die Penelopiad. Diese Erzählung
Zeigt das Geschehen im Mythos aus zweierlei Blicken der Menschen:
Einerseits stellt es Penelopes Sicht dar, andrerseits jene
Ihrer Mägde. Atwood, bekannt für den schauerromantischen Stil und
Ihre Schriften zur Politik der Geschlechter, interessiert
Sich für den Mythos der Hellenen schon seit den sechziger Jahren.
Atwood zufolge verblassen die Mythen, doch sterben sie niemals:
Kehren im Dunkel zurück, verkörpern sich neu in den Zeiten,
Sprechen in neuen Sprachen und nehmen nun andere Bedeutungen an.
Diese Gelegenheit – unbekannten, übergangenen Blicken
Stimme zu geben – bewog sie, die Odyssee umzugestalten.
Wichtig zu nennen ist aber, dass ebenso viele Autoren
Anfingen, Stimmen der Frauen zurückzufordern in Büchern,
Indem sie bekannte Klassiker umschrieben aus der Perspektive
Weiblicher Wesen und echter Erfahrung. Beliebte Adaptionen
Sind Madeline Millers Circe wie auch Die Stille der Frauen
Aus der Feder Pat Barkers. Solche Neuerzählungen bringen
Neues und Aktualisiertes in Formen bestehender Stoffe.
Abgewandt von der Sichtweise männlicher Helden, erschaffen
Solche Erzählungen Mythen, die weibliches Wesen und Freiheit
Wahrlich erheben; und passen die alten Geschichten den Werten
Unserer Tage nun an und bewahren die Sagen für spätere Zeiten.
Forschende Frauen der Dichtung wie Ostriker und auch Macmillan
Habens verhandelt als Wünschen nach Neuinterpretation alter
Mythen und Schenkung der Stimme den ehedem totgeschwiegenen
Seelen – benennend das Handeln als feministischen Wandel.
Hauptziel dieses Versuches ist die Beleuchtung wie auch die
Korrektur fester Klischees über Rollen der Geschlechter im Mythos.
Indem sie kritische Blicke mit antiken Mythen verbinden,
Sind solche Neuerzählungen keineswegs bloße Antworten
Auf die klassische Tradition; sie sind vielmehr lebendige
Kräfte im Kanon der Gegenwart, wertvolle Beiträge zu Fragen
Über das Stiften von Sinn in der Dichtung des neuen Jahrhunderts.
Darum vertrete ich diese Ansicht: Solche Überarbeitungen
Griechischer Mythen vermögen die Macht patriarchalischen Wesens
In der Kultur und Gesellschaft vollkommen zu wandeln im Geist auch.
Überdies bieten sie Frauen die Chance, endlich die eigne
Sprache zu pflegen, die eignen Gehalte zu schätzen und nutzbar
Zu machen im steten Prozesse der Formung von Kultur und Gedanken.
Um nun die dauernde Macht der Erzählung im Mythos zu zeigen,
Richte ich Blicke genauer auf Atwoods Novelle Penelopiad:
Indem sie falsche Beschreibungen über die Frauen korrigiert,
Eigne Gefühle und Gedanken zu äußern erlaubt, bietet
Diese Erzählung ein rettendes Wort, das Erfahrungen wahrer
Frauen umfasst und die Gleiche der Blicke in Dichtung und Leben
Mächtig unterstützt. Vor dem Prüfen der Dichtung der Novelle
Gebe ich erst einen Überblick über die Fäden bei Homerus
Und die Gestalt der Penelope dort im Epos vom Helden.
Daraufhin zeig' ich, wie Atwoods Dichtung Penelope darstellt,
Wie die Erzählung bricht mit den Formeln der Rollen im Leben;
Schließlich analysiere ich noch die Funktion der Mägde.
Homers Odyssee gilt als ein einziges Werk der Dichtung
Mächtigen Rufs in den Ländern der Erde, das tief die Gesinnung
Prägte der Völker Europas, besonders in Tagen der Blüte.
Vierundzwanzig Gesänge verzeichnen die Reise des Helden
Odysseus, Herrscher von Ithaka, welcher nach trojanischem Kriege
Sucht nach dem Pfade nach Hause. Es gilt das Gedicht als die Fortsetzung
Jener Ilias, welche Homerus als Erstlingswerk sang.
Keineswegs folget die Handlung der Zeit in der Ordnung der Dinge:
Mitten im Strom der Geschehnisse hebt das Gedicht an zu singen;
Macht uns das Frühere erst in Rückblenden deutlich greifbar.
Vier der Gesänge zu Beginn spielen in Ithaka, schildern
Leben und Leiden Penelopes wie ihres Sohnes Telemachos.
Beide erwehren sich zäh der Freier im Palaste des Helden,
Welche die Heimkehr bezweifeln und fordern die Ehe der Herrscherin,
Damit ein Jeder das Reich des Odysseus und Güter ererbe.
Später führen vier weitere Gesänge den Helden Odysseus
Ein, den die Nymphe Kalypso auf Ogygia sieben der Jahre
Fest im Gehege behielt. Und als jene die Freiheit ihm wiedergab,
Erduldet Odysseus den Schiffbruch, den der Erdschütterer sandte,
Strandet am Lande Scheria, wo ihn die Phäaken empfangen,
Denen er kühn die Geschichten der abenteuerlichen Fahrt erzählt.
Zwischen den Gesängen von neun bis zwölf gedenket Odysseus
Aller der Leiden, die er und die Gefährten erduldeten einst:
Gleich wie die Flucht vor den Lotophagen mit zauberhaftem Fraße,
Dem einäugigen Sohne des Poseidon, Polyphemus,
Wie vor den Laistrygonen; bis schließlich zur Zauberin Kirke,
Welche die Hälfte der Männer in Borstenvieh wandelte rasch.
Nach einem Jahre im Hause der Kirke entweichen die Männer,
Langend am Rande der Erde, wo Opfer dem Tode gebracht werden.
Jenes beschwört den Teiresias auf und die Schatten der Toten,
Darunter die Mutter, welche berichtet von Sorgen im Hause.
Später, von Kirke beraten, durchsegeln sie Skylla und Charybdis,
Schlachten die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios frevelnd,
Der sie mit neuem Zerbrechen des Schiffes bestraft in den Wellen,
Wo alle Männer ertrinken. Allein nur Odysseus gerettet
Treibt an die Küste Ogygias, wo ihn Kalypso gefangen
Hält als Bulten und Liebhaber sieben der Jahre.
Schließlich berichtet die Hälfte der letzten Gesänge des Epos
Von der Ankunft im Lande von Ithaka, wo er den Freiern
Muss gegenüberstehen. Nach dem Hören der Kunde im Palaste,
Verkleidet als Bettler erschleicht er die Heimat, und heckt mit dem Sohne
Pläne der Rache aus. Es veranstaltet sodann Penelope
Einen Bewerb mit dem Bogen der Freier, zu wählen den Gatten.
Diesen Bewerb gewinnt nun Odysseus, enthüllt die Gestalt sich,
Tötet die Freier im Saale und heißt Telemachos strenger
Hand auch die Mägde des Hauses richten, die buhlten mit Freiern.
Da Penelope nur zu Beginn und am Ende des Epos erscheint
Und ihre Gestalt meist durch die Blicke Odysseus’ gezeigt wird,
Nimmt sie vollkommen die passive Rolle im Strome der Tat ein.
Gleich zu Beginn des Gedichts wird Penelope bloß als die Tochter
Des Ikarios und als die Mutter des edlen Telemachos
Eingeführt; so enthüllt sich uns wenig nur über den Geist ihr.
Nur wenn sie selber vom Gatten erzählt, erfahren die Leser
Gedanken und Fühlen bezüglich der Trennung und böser Intrigen,
Die von den Freiern im Palaste sie täglich zu dulden genötigt.
Gänzlich von Kümmerniss schwer zieht Trauer sich durch die Gesänge,
Während sie entweder reichlich zerfließt in dem Rheine der Tränen
Oder untröstlich schluchzt, vom Schmerze gequälet im Herzen.
Diese Darstellung wecket den Schein, dass sie gänzlich vom Fühlen
Hingerissen verbleibt, ohne Einfluss auf eignes Beginnen.
Dies erweist sich auch da, als der Sohn sich erhebt zur Nachforschung:
Als er entronnen war, da versagten auf der Stelle die Knie ihr,
Wie auch das Herz; sie verharrete stumm, und die Tränen gefüllt nun
Hatten die Blicke. So steht sie als hilfloses, schmerzerfülltes
Wesen da, stützend sich stets auf den Mann oder kühneren Sohn nur.
Dennoch täuscht Penelope mehr als drei Jahre die Freier!
Durch den berüchtigten Trick mit dem Tuch und das kluge Verhalten
Gelingt es ihr mächtig, die Männer zu lenken, zu schützen den Sohn auch.
Als sie die Täuschung erfuhren, benannten die Freier die Königin
Ausnahmslos als die Göttin der List und beschrieben die Kniffe:
„Seit nunmehr drei Jahren, es geht ins vierte schon hin nun,
Treibt sie das Spiel mit unser aller Herzen, erwecket
Hoffnungen jedem, verspricht uns dies, deutet anderes an auch;
Aber die ganze Zeit hat etwas andres im Sinn sie!
Dies war das neueste Meisterstück ihrer gewaltigen Falschheit:
Aufgestellt hat sie im Saale den mächtigen Webstuhl und angetreten
Gewebe zu weben, und hielt uns hin mit den Worten:
‚Jünglinge, die ihr mich freit, geduldet euch, wie ihr auch dränget,
Bis ich das Laken zu Ende gebracht!‘ So webte sie tagsüber
An dem gewaltigen Gewebe – doch nachts, beim Scheine der Fackeln,
Trennte sie alles wieder auf, was am Tage sie schuf hier!“
Folglich ist Penelope keineswegs ohne die Macht im Palaste,
Da ihre Tricks Verstand erweisen und Klugheit, und helfend
Führen, dass sie das eigne Geschick mit Gestalten versehe.
Trotz all dem rühmet Penelope stets den Odysseus nach Jahren
Seiner Abwesenheit noch, trotz Not, die sie täglich umgibt hier.
Nennet ihn löwenherzigen Mann, der herausragt in Tugenden,
Dessen Ruhm erschallt durch die Weite der Erde. Doch nicht nur
Sie bewundert den edlen Charakter des Manns: Denn Athena
Nennet ihn stark und verkündet dem Sohne, dass, wenn er des Vaters
Echter Sprössling sei, er tapfer und tüchtig wie jener
Werde. Penelopes Treue, Athenas Lob und die Liebe
Einer Kalypso und Kirke verstärken die Haltung der Welt nun,
Dass die Frauen den Männern gefallen und Ränge erkennen.
Männer der Odyssee werten die Frauen indessen herab stets:
Gegen Kalypso beschreibt Odysseus die Gattin mit weitaus
Weniger schmeichelnden Worten: „Sie reicht nicht heran an die Schönheit
Deiner Gestalt; sie ist sterblich allein, doch du alterst und stirbst nie!“
Als er den Seher Teiresias rief, erschien auch der Schatten
Agamemnons, des Königs, und riet dem Odysseus im Dunkeln:
Lass deiner Frau nicht zu viel durchgehen, vertrau ihr nicht gänzlich,
Sage nicht alles, was wahr ist, verbirget das meiste im Geiste!
Obwohl Agamemnon Penelope standhaft und weise
Nennet, erklärt er dem Helden sodann, dass die Zeiten des Glaubens
An die Treue der Frauen auf ewig vorüber nun sind wohl!
Dennoch lobt er am Ende Penelope wiederum, sprechend:
„Welch eine vortreffliche, treue Frau hast du gewonnen!
Welch ein Verstand war in deiner Penelope, wie gut sie deiner
Gedachte! Der Ruhm ihrer Tugend wird niemals vergehen!
Einen Gesang stimmen die Götter an für die Menschheit,
Lied voll des Ruhmes zum Lob der besonnenen Penelope!“
Penelope wird also wiederum als der Inbegriff wahrer
Treue gepriesen dafür, dass sie ehelich pflichtgemäß handelte;
Und das Lied, das Agamemnon erwähnt, ward am Ende ihr Erbe.
Während Homers Odyssee den klugen Helden Odysseus
Einzig im Mittelpunkt zeigt und Penelope größtenteils bindet
An die Rolle der treu verharrenden, leidenden Gattin,
Kehrt Margaret Atwood in der Novelle Die Penelopiad vollkommen
Diese Perspektive um: Indem sie die Stimme Penelope
Und den zwölf hingerichteten Mägden übergibt in dem Buche,
Verleiht sie Frauen die Sprache, um alte patriarchalische
Bilder der Welt der Antike zu prüfen und neu zu gestalten.
Nichts als ein Rückblick im Hades des einundzwanzigsten Säkulums
Wird Penelopes Rede, gestaltet als spöttisches Epos.
Gänzlich entlarvt wird Odysseus in dieser Fassung als Lügner,
Keineswegs tadelloser Heroe, vielmehr ein Verschlagener.
Wie seine Mythen auf Täuschungen ruhten, enthüllte sie rasch nun,
Fordert die Frauen zuhauf, nicht länger der Täuschung der Männer
Blind zu vertrauen.
„Wahrlich, es war seine Kunst: Zu Narr'n die Geschöpfe zu machen.
Alles gelang ihm, worin eine weitere Meisterschaft lag noch:
Stets davonzukommen!“
Während der Gatte fern weilte, wuchs über die Grenzen der Ohnmacht
Penelope weit hinaus: Die Güter des Staates im Lande
Ithaka lenkte sie selbst, erweisend, dass Frauen im Handeln
Aufblühen können. Dabei agiert sie metaphernreich wie das
Wasser im Flusse – geschmeidig, gewandt und weichend – im Staate,
Der von den Männern Beherrschug erfährt, um das Überleben
Möglich zu machen, ohne Not Widerstände zu wecken.
Auch die berüchtigte List mit dem Leichentuch wandelt den Sinn sich:
Weben wird nun Instrument zur eigenen Selbstbestimmung!
Indem Penelope eingesteht, dass die Worte der Freier
Angenehm waren und sie keineswegs frei ist von Schwächen,
Zeichnet sie Atwood als vielschichtige, moderne Gestalt uns.
Schließlich begegnen sich beide als Ebenbürtige, nämlich
Sehr tiefgründige, schamlose Lügner im Saale des Hauses,
Wodurch die alte Macht der Geschlechter vollkommen erschüttert.
Während Penelope versucht, die eigne Gestalt zu erheben,
Weitet Atwood den feministischen Diskurs in der Dichtung
Aus zur soziokulturellen Analyse von Klassen.
Durch den Chor der hingerichteten Mägde des Palastes
Verleiht sie den stummen Opfern der Sklaverei eine Stimme.
Doppelte Funktion hat der Chor: Er untergräbt die Erzählung
Der Penelope und klagt die patriarchalische Justiz an.
In dem Kapitel der Verhandlung des Helden Odysseus
Setzet der Chor den Odysseus vor ein Gericht unserer Tage.
Wiewohl Richter den Mord an den Mägden als keineswegs wichtig
Abtun und freisprechen den Täter, verschaffen im Hades
Sich die Sklavinnen Rache: Als unerbitterliche Schatten
Folgen sie Schrittes dem Schritt des Odysseus auf ewigen Wegen.
Keineswegs ist Penelope einzig die Frau, die im Buche
Gegen die Rollen sich auflehnt: Literarische Formeln
Fragen nicht bloß nach Geschlecht, beleuchten auch tiefere Klüfte.
In der Novelle rückt Margaret Atwood die Trennung der Klassen
Wie die Hierarchie der antiken Welt in die Mitte,
Schenkend den zwölf Mägden die Sprache – jenen Gestalten,
Die bei Homerus gänzlich übergangen im Epos verharren.
Atwood betonte selbst, dass ihr primärer Anreiz zum Werk lag
Darin, vergessenen Schicksalen Raum zu geben im Schaffen:
„Nicht stichhaltig ist die Geschichte, wie Homerus sie sang uns,
Voll von Unstimmigkeiten! Mich haben die hingerichteten
Mägde seit jeher verfolgt – in der Penelopiad nun auch
Verfolgen sie Penelope selbst!“ Wie Penelopes Rede
Möchte das Heldennarrativ demontieren, so bleibt doch
Ihre Perspektive getrübt von dem Drang nach dem eigenen
Reinwaschen; übersieht sie das Leid der Beherrschten im Staate.
Atwoods Anliegen besteht nicht darin, eine einzelne
Frau zu erhöhen; vielmehr verzeichnet sie weibliches Schicksal
Als Kollektiv und zeigt, dass Frauen ungeachtet der Stände
Vor demselben Kampfe stehen: Dem Recht auf die Stimme!
Indem sie die Mägde als Stellvertreterinnen des Missbrauchs
In das Zentrum stellt, zeigt Atwood, wie Schemata früher
Gebraucht wurden, Gewalt gegen Frauen zu rechtfertigen stets auch.
Zugleich bricht dieser kollektive Ansatz mit gängigen Wegen:
Während Penelopes Bericht das Einzelne schildert,
Verkörpert der Chor der Mägde ein tiefes, gemeinsames Schicksal.
Dies unterstreicht die Einsicht, dass nie eine einzelne Stimme
Muster für alle Lebensrealitäten der Frauen zu sein vermag.
Nach dem Vorbild des Drama der Griechen verwendet die Dichterin
Einen Chor, der den Mägden erlaubet, vom Elend des Dienstes
Selbst zu berichten und spöttisch die Taten der Helden zu richten.
Dadurch entsteht eine dritte, vollkommen freie Perspektive,
Welche Penelopes Rede bricht, die Fragen nach Klasse
Wie nach Geschlecht verknüpft und das Epos vollkommen umgestaltet.
Ein zentrales Anliegen der Schilderung der Mägde ist wahrlich
Die Anprangerung der gesellschaftlichen Unterdrückung.
Im Gegensatze zu Penelope, welche als edle
Prinzessin in Wohlstand aufwuchs, war das Leben der Mägde
Schon von Geburt an gezeichnet von tiefster Armut und Elend:
„Den falschen Eltern entsprangen wir einst: Nur armen Gestalten,
Sklaveneltern und Bauersleuten und leibeigenen Seelen;
Eltern, die uns verkauften, von welchen gestohlen wir wurden.
Diese Eltern waren ja nimmer Halbgötter noch Nymphen,
Oder Najaden. Schon als Kinder mussten wir schuften
In den Hallen vom Morgen bis abends! Man sagte uns deutlich,
Dass wir weder Mutter noch Vater besäßen im Leben.
Man sagte uns allen, wir seien schmutzig. Wir waren
Schmutzig! Schmutz war unsere Sorge und Schmutz unser Geschäft,
Schmutz war die Spezialität und Schmutz war unsere Schuld auch:
Wir waren wahrlich die schmutzigen Mädchen des Hauses!“
Als eine Handelsware erachtet, lebten sie lediglich
Als ein Objekt der Wünsche für Herren. Das Mussen der Lust bot
Ständige Erniedrigung nur und die doppelte Not durch die Stände
Wie durch das weibliche Wesen. Es blieb nur schweigender Gehorsam;
Gar kein Recht war gegeben bei Homerus, eigene Wege
Oder die eigne Geschichte zu schildern. In Atwoods Novelle
Brechen die Mägde jedoch aus der Passivität in den Dingen,
Treten als fühlende, denkende Menschen hervor mit Geschichte.
Aus Penelopes Blicken erscheinen sie nicht als Besitz nur,
Sondern als engste Vertraute und Freundinnen fern des Gemahls auch.
Penelope nennet die zwölf lebendige, liebliche Mädchen,
Zählt sie zu jüngsten und schönsten Gestalten des Hauses im Staate.
Weihte sie ein in den Plan mit dem Tuch und nutzte sie helfend:
„Sie waren meine verlässlichsten Augen und Ohren im Palast.
Gemeinsam trennten wir nachts bei verschlossenen Türen im Scheine
Jener Fackeln drei Jahre hindurch das Gewebe vollkommen.
Erzählten einander Geschichten, während wir täuschten die Freier;
Lösten Rätsel und scherzten. Wir waren beinahe wie Schwestern!“
Während die Mägde im Mythos der Alten wegen der freiwilligen
Unzucht mit Freiern als Frevlerinnen hingerichtet erscheinen,
Enthüllet die Fassung von Atwood das Ausmaß zwingender Umstände:
„Einige wurden unglücklicherweise vergewaltigt im Palaste,
Andere verführt oder stark unter Druck gesetzt in den Wänden,
Dass sie nachgaben, statt Widerstand zu leisten.“ Obwohl die Herrscherin
Tröstend ihnen erschien, ermutigte jene die Mägde,
Gezielt den Freiern zu nahen und lauschend sie auszuhorchen:
„Ihr müsst vorgeben, in diese Männer verliebt zu sein gänzlich.
Glauben sie, ihr steht auf ihrer Seite, vertrauen sie euch rasch.
Ich hieß sie sogar, voll Spott von mir, Telemachos und Odysseus
Zu reden, um die Täuschung vollkommen zu machen im Saale!“
Damit nimmt Atwood den Mägden das Stigma mutwilliger Schuld nun;
Handelten sie doch schlicht im Auftrag der eigenen Herrin.
Doch zeigt sich zugleich hier die Brüchigkeit weiblichen Bundes:
Sobald es hart auf hart kommt, wiegen die Hierarchien der Klassen
Wie die Mächte der Männer schwerer als weibliche Hilfe.
Penelope gibt zwar zu, dass das Einbinden unüberlegt war,
Ihr eigener Leichtsinn zur Aufdeckung führte des Tricks auch.
Da jedoch niemand außer ihr und den Sklavinnen wusste
Von dem Geschehen, galt das Betragen der Mägde am Ende
Gegen den Heimkehrer wiederum als unentschuldbarer Verrat.
Ohne die Möglichkeit, eigne Geschichten zu äußern, erhing man
Alle die Frauen. Penelope beweinte sie zwar in dem Saale,
Griff doch keineswegs ein: „Was hätte ich tun sollen? Jammern
Bringt meine reizenden Mädchen keineswegs wiederum ins Leben.
Tot ist tot!“, so sprach sie zu sich in den Stunden der Trauer.
In dem Hades nutzen die Mägde die Stimme, zu widersprechen
Jeglichem Berichte Penelopes; werfen der Königin Schuld vor
An dem Mord und behaupten, dass jene mit Freiern geschlafen.
Aus der Furcht vor Verrat durch die Mägde habe sie wissentlich
Deren Hinrichtung lenkend provoziert. In Kapiteln des Buches
Zitieren sie Worte Penelopes mit Eurykleia der Amme,
Wo Penelope heißt, die Mägde als unloyal zu brandmarken,
Um den Mund ihnen vollkommen zu stopfen, zu sichern die Ehre.
Penelope erscheint hier als Frau, die das eigne Erhalten
Eiskalt sichert auf Rücken der Ärmeren. Oder wie Collins
Treffend es fasst: „Als eine Wahl zu treffen erschien ihr,
Wählte sie ohne Bedenken die Seite der herrschenden Macht nur!“
Dadurch verliert Penelopes Rede die gültige Wahrheit:
Da sie sich selber als geübte Lügnerin nennet
Und die Sklavinnen zeigen, dass Wahrheit selten eindeutig,
Gerät das Vertrauen in jede der Schilderungen ins Wanken.
Alle Subjekte erweisen sich parteiisch im Handeln:
Nicht nur Männer gestalten Mythen nach eignen Interessen –
Frauen nutzen Konstruktionen zur Wahrung der eigenen Ziele.
Atwood selber verweigert die finale Lösung der Fragen,
Überlässt es den Lesern, zwischen den Reden zu wägen;
Wahrheit liegt wie ein Haufen bunt durcheinandergeworfener
Kleidung dazwischen.
Doch richtet sich Wut der Sklavinnen keineswegs
Gegen Penelope nur, sondern trifft den Odysseus mit Härte,
Welcher die Morde vollzog. Sie nennen die blutige Tat nur
Einen Akt der Mißgunst, Rachsucht und einen Mord um die Ehre!
Mit treffender Satire und schwarzem Humor verbindet
Atwood antike Stoffe mit modernen Mitteln Dichtung,
Um die Kontinuität der Ausbeutung bis in die Zeiten
Unserer Tage zu zeigen im Bilde der ewigen Dichtung.
Dies nun gipfelt im Kapitel sechsundzwanzig des Buches:
Wo ein Gerichtsprozess, den die Mägde auf Video zeigten,
Stellt den Helden Odysseus vor Richtende heutiger Tage.
Mordes klagen sie an den Odysseus in Kälte des Saales!
Jener beruft sich auf Recht, da die Sklavinnen ohne die Erlaubnis
Mit den Feinden des Hauses die Betten geteilt in der Nachtzeit.
Obwohl Richter gestehen, dass Sex ohne Willen Vergewaltigung
Darstellt und Sklavinnen niemals die Wahl noch die Freiheit besaßen,
Wird die Anklage letztlich niedergeschlagen im Saale:
Gelten müsse der Maßstab der damaligen Zeiten im Leben,
Und es wäre bedauerlich, wegen der Vorfälle da nun
Eine glanzvolle Heldenkarriere zu schädigen gänzlich!
Dieses Kapitel verhöhnt patriarchalische Ränge,
Die den mächtigen Mann vor den Konsequenzen beschützen.
Obgleich Logik und Rede das Urteil der Richter der Welt nicht
Abzuändern vermögen, verschaffen die Mägde sich Rache!
Als unerbittliche Schatten verbleiben sie nahe dem Helden,
Wandeln von stummen Opfern zur ewigen, wirkenden Mahnung:
„Jetzt wirst du uns nie mehr los, egal wohin du auch gehest:
Weder im jetzigen Leben noch drüben im Reiche der Schatten,
Oder in andern Gestalten! Wir schauen durch alle Verkleidung!
Direkt folgen wir dir, wir folgen dir wie eine Rauchfahne!
Wir sind die Dienstmädchen alle, wir sind hier, um dir zu dienen,
Um es dir heimzuzahlen! Wir werden dich niemals verlassen,
Kleben an dir wie der Schatten, so weich und unerbittlich wie Leim nun:
Hübsche Mädchen im Saale, geordnet alle in Reihen!“
So wird der Chor der Sklavinnen Sprache für jegliche Frauen,
Welche erlitten das Leid unter Herrschaften männlicher Kräfte,
Oder von einer Justiz, die auf Vorrechte schaut, verlassen
Wurden. Über den Chor verlangen sie, was sie im Leben
Nie erhielten zuvor: Das Recht auf die eigene Rede!
Obwohl Mythen oft gelten als alt und verstaubte Erzählung,
Zeiget diese Arbeit ihr mächtiges Wirken im Leben.
Durch Adaptionen und Wandlung der Mythen der Alten im Buche
Lassen sich Stoffe gebrauchen, um Kaste und Stand der Geschlechter
Tief zu hinterfragen im Geist. Wie der Beitrag gezeiget,
Schaffen Neuerzählungen Räume den Dichterinnen im Lande,
Um alternative Wege der Dichtung entfalten zu lassen.
Dies erlaubt den Frauen, sich gegen die Rollen zu erheben,
Die ihnen Männer aufzwangen in früheren Tagen der Zeiten.
So unterstützt die Wende im Mythos das Ziel einer Freiheit,
Strebt eine faire Darstellung an für die Frauen in Dichtung.
Sowohl Penelope als auch die Mägde verfassen
Eigenen Widerstand gegen die Sicht bei Homerus im Epos.
Indem Atwood die Form des kanonischen Epos zerbricht nun,
Neue Gestalten erschafft für Penelope wie für die Mägde –
Ohne zu weit von den Wegen der Odyssee abzuweichen –,
Plädiert sie kühn für die Wende im Urteil der menschlichen Normen,
Welche die Stimmen der Frauen beschneiden bis heute im Leben.
Obwohl sie die Wahrheit erst kundtun können nach Tagen des Todes,
Weil patriarchalische Welten die Sprache den Frauen versagten,
Fordern sie aktiv heraus die traditionellen Rollen:
Schreiben sich selber nun neu, überschreiten Geschichten und Zeiten,
Lachen und singen im Geist und verwirklichen eignes Bestehen!
Dies macht Atwoods Novelle zur Sage, die wert ist der Rede:
Durch das Wechselspiel von Geschlechter- und Klassenunterschieden,
Reich an Schichten der Rede, Reflexionen und Blicken
Schafft die Dichterin Werke von bleibender Macht in der Welt nun.
Während Homers Penelope nur in den Sagen des Gatten
Eine untergeordnete Rolle der wartenden Gattin
Einnimmt, bietet Atwoods Penelope weitaus noch mehr dar:
Vermittelt echte Erfahrung der Frauen und zeigt Autonomie uns.
Doch Penelope steht nicht allein auf der Bühne des Gedichts:
Ihre Version konkurriert mit Berichten der hingerichteten
Mägde, welche geopfert, da sie der Herrin gehorchten.
Diese Gestalten fordern uns auf, die Wahrheit der Erzählungen
Stets zu hinterfragen, und rücken die Not der Klassen ins Licht nun.
Schließlich gilt jenes Wort: Indem nun Atwood die Stimme
Freilegt, schaffet sie Mythen, die Blicke auf Welten verändern,
Welche uns näher zur Wahrheit und Selbstverwirklichung bringen,
Und die Hoffnung bewahren auf Welten, wo Frauen sich lösen
Aus den Zwängen der Zeiten, zu freien Gestalten zu werden.
Wiewohl fiktiv die Gestalten im Buche, so sprechen sie dennoch
Frauen der heutigen Zeit unmittelbar an in dem Herzen.
Durch das Verweben moderner Einflüsse knüpfet die Dichtung
Tradition und Erfindung mit Fragen der heutigen Tage
Und mit der eignen Realität uns. So wird es den Lesern
Möglich, sich gänzlich mit Figuren und Handlung zu binden.
Dennoch sind feministische Pfade nur Schritte zur ersten
Besserung weiblicher Darstellung in der Geschichte der Bücher.
Um die Beherrschung durch Männer in Sprache vollkommen zu brechen,
Müssen wir diese Beherrschung hinterfragen im Geist auch,
Müssen wir Wege erforschen, um echte Erfahrung der Frauen
Dauerhaft nun im Kanon der Dichtung verankern zu können.
Dennoch bin ich überzeugt, dass Neuerzählungen Frauen
Mächtig befähigen, Teil von Welten der Dichtung zu werden,
Ihren Wert zu erkennen. Denn Frauen werden keineswegs einzig
Durch von Männern verfasste Geschichten bestimmt in dem Leben:
Wie Penelope zeigt und die Mägde, vermögen sie selber
Eigene Wege zu gehen und eigne Geschichten zu schreiben!
Homer’s Daughters beleuchtet ein wichtiges, keineswegs bisher
Ausreichend erforschtes Feld der Rezeption des Homerus:
Reicher Empfang durch Dichterinnen im Laufe des Säkulums.
Fiona Cox hat zusammen mit Elena Theodorakopoulos
Fünfzehn Beiträge vereint, die durch Worte der beiden
Eingeführt und im Nachwort von Emily Wilson vollendet
Werden. Und obwohl keine klare Gliederung vorliegt im Buche,
Widmen sich erste Kapitel den Frauen im Dialoge zur Ilias,
Während die folgenden zehn von der Odyssee her berichten.
Dieser Bericht betrachter die Fäden und Spannungen eher
Als jedes einzelne Stück. Zwei Beiträge verdienen jedoch
Sondern Erwähnung vorab: Emily Spiers über Kae Tempest,
Sowie auch Emily Wilson zum Übersetzen Homerus aus Blicken
Weiblichen Wesens. Es führt Emily Spiers in die Verse
Tempests ein, die Dichtung elitärer Klassik verbindet
Mit den Klängen der heutigen Kunst, und Männlichkeitsbilder
Kühn hinterfragt. Ihre Analyse nutzt nun Strategien
Aus Zukunftsforschung und öffnet Frische auf Fragen der Rede,
Schriftlichkeit wie auch Stiftung von Bünden in heutigen Tagen.
Und im Epiloge skizziert Emily Wilson die sieben
Mittel für feministisches Übersetzen und decket die Mängel
Schleichender Abwertung auf in den Stellen des Epos.
Klar und einprägsam sollte der Aufsatz zur Pflicht für Studierende
Werden wie auch für die Lehrenden antiker Welten im Unterricht!
Was den Gesamtband betrifft, wird Homer’s Daughters den Forschenden
Sicher ein nützliches Werk für Beispiele weiblicher Antwort
Auf Homerus verbleiben; doch entfaltet das Ganze als Aufsatz
Keineswegs Wirkung, die über die Summe der Teile hinausgeht.
In der Einleitung heben Cox und Theodorakopoulos Muster
Hervor, die im Bande erscheinen: So brechen Autorinnen
Oft die Gesänge Homers, dass sie von den Sorgen der Frauen
Sprechen; und gleich als Antwort auf Schweigen der Damen im Epos
Sagen sie treffend, dass Krieg und Sprechen die Sache der Frau sind.
Während die Herausgeberinnen jene Gemeinsamkeiten
Zeigen, versäumen sie weit interessantere Brüche.
Das Fehlen von Verweisen verdammt die Gespräche im Bande,
Die sich hätten entfalten gekonnt, zu traurigem Schweigen.
Das bedeutendste aller gedämpften Gespräche im Buche
Trifft die Frage, was überhaupt feministische Dichtung
Ausmacht. Zeigt sich doch, dass manche Besprochene – wie etwa
Simone Weil, Christa Wolf, Margaret Atwood wie auch Adèle Geras –
Gänzlich davor zurückschreckten, das Label zu tragen.
Beiträgerinnen umtanzen die Frage; sie wägen den Gehalt
Ihrer Texte zwar ab, hinterfragen die Kriterien selten.
Christa Wolf: Zwar räumet Nancy Rabinowitz Wolfs
Eigene Weigerung ein, den Stempel zu tragen im Leben,
Decket in Kassandra dennoch Wirkungen auf –
Wie experimentelle Ästhetik, Zitieren der Alten,
Oder die Utopie eines Raumes außerhalb Trojas.
Margaret Atwood: Jasmine Richards hingegen missachtet
Atwoods Zögern vollkommen und urteilt, dass Die Penelopiad
Fehlgeschlagen als Wandlung erscheine, da sie das Verhältnis
Zwischen den Dichterinnen und Ahnen als spaltend inszeniert.
Adèle Geras: Und die Annahme, feministische Texte
Müssten utopisch erscheinen in Blicken auf Rollen der Frauen,
Taucht bei Francesca Richards auf in der Prüfung von Geras’
Ithaka. Richards bemerkt, dass der Roman zwar als feministisch
Gelten könnte, die Fülle der Dinge jedoch viel komplexer
Sei, da Geras als Autorin für Kinder sich gänzlich verpflichtet
Fühlte, die Baugrenzen weiblicher Macht historisch zu zeichnen.
Alice Oswald: Es zeigt Hahnemann Oswalds Memorial
Als „feministisch auf zweiten Blick“ und scheidet von andern
Forschenden dadurch sich ab, dass sie Kriterien offen
Darlegt. Für Hahnemann gilt ein Text als feministisch,
Wenn er männlichen Rang hinterfragt, die Präsenz der Frauen
Wieder einfügt oder die Frau vom Sündenbock frei macht.
Kirke im Lied: Murnaghan wie auch Roberts wählen die feinsten
Wege zu Kirke im Raum moderner Dichtung der Frauen.
Sie erkennen, dass Frauen, die nicht feministischen Wünschen
Gänzlich entsprechen an Macht, Denkanstöße gewähren
Und die Ordnungen scharf hinterfragen in früheren Tagen.
Neben diesen Versuchen, die Grenzen des Feldes zu stecken,
Deuten viele im Bande schon an, dass Feminismus
Einen einengenden Stand darstellen kann für die Dichter.
Genevieve Lively schlägt vor, die Grenzen zu brechen,
Welche die Analyse von H. D.s Gesängen beherrschten.
Catherine Burke nennt jene Versuche reduktiv und empfiehlt,
Dichtung von Weil wie Bespaloff im fruchtbareren Felde
Guter Übersetzungen des Säkulums anzusiedeln.
Ebenso merken die Frauen im Eingang an, dass die Werke
Oft im Blick auf die Menschlichkeit weit über Frauen hinausgehn.
Selbst Hahnemann, welche antrat zu zeigen, dass Oswalds
Werk feministisch erscheine, bekennt, dass das Label zu eng sei:
Humanistisch erscheine das Lied, posthumanistisch sogar schon,
Da im Zentrum die Menschheit, tief in der Natur nun verwurzelt,
Stehet. Doch bleibt die Debatte zum Bund humanistischer Wege
Gänzlich unerwähnt wie die Sicht ökologischer Fragen.
Keineswegs schadet es gar, dass die Ansichten stark sich unterscheiden,
Wenn jede Position klar steht im Gespräch mit den andern.
Doch in diesem Bande agieren die Dichterinnen isoliert.
Hätte man sie ermutigt zu echtem Gespräch mit der Lehre,
Hätte Homer’s Daughters Gewinn für das Thema gebracht nun.
Ebenso dreht sich das zweite versäumte Gespräch um die Fragen
Echter Abstammung im Lied. Die Besprochenen antworten selten
Einzig Homerus allein. Genevieve Lively betrachter
H. D.s Helen in Egypt, das Fäden des Stesichoros,
Des Euripides wie auch Homers miteinander verknüpft.
Auch Christa Wolfs Kassandra entgegnet keineswegs einzig
Jener Ilias nur, sondern antwortet auch Aischylos.
Oft auch bilden moderne Texte die Brille der Dichtung:
Polly Stoker zeigt auf, dass Cooks Achilles die Verse
Durch die Brille von Keats wie auch Shakespeare betrachte im Geist nun;
Victoria Reuter vergleicht Francisca Aguirres
Ítaca, welches vorrangig Kavafis Ithaka antwortet.
Diese Beziehungen sind somit vielschichtig vermittelt:
Wer Homerus entgegnet, durchschreibt den männlichen Kanon
Aller Nachfolger auch. Jasmine Richards zeichnet voll Sorgen
Bilder von Atwoods Werk als Ausdruck weiblicher Ängste
Gegenüber den Ahnen. Stoker blickt hoffnungsvoll vorwärts,
Nimmt an, dass Cooks Achilles eine Kette der Mütter
Zeichnet, welche dem Ruhm des epischen Dichters Erneuerung bringe.
Neben theoretischen Lücken weist das Werk ein Versäumnis
Schwerer Art auf. War es doch Ziel, eine Reihe von Welten
Abzubilden im Buch. Dennoch ist kein einziges Stück hier
Männern oder Frauen von Farbe noch Fernen des Südens gewidmet!
Von den fünfzehn Autoren sind sechs britannischer Herkunft,
Drei aus Amerika nordwärts, drei französisch, zwei deutsch und
Eine Spanierin nur; alle sind weiß in der Farbe!
Diese Vernachlässigung bleibet unverständlich vollkommen,
Da es keineswegs mangelt an Werken von Frauen der Welt nun,
Welche mit Homerus gerungen – wie Gwendolyn Brooks auch,
Toni Morrison, Anna Julia Cooper, Lorna Goodison,
Oder Linda Lê. Ihr Fehlen verarmet das Werk nun
Und verfestigt die falsche Sicht auf den klassischen Kanon
Als das ausschließliche Erbe der weißen Menschen Europas.
Schließlich lässt sich gestehen: Homer’s Daughters eröffnet
Eine wichtige Debatte zur Wirkung Homers bei den Frauen.
Wer an einzelnen Dichterinnen interessiert ist, wird reichlich
Wertvolles finden im Buch. Doch lässt das Werk Fragen vollauf neu
Offen und regt hoffentlich an zu tieferen Wegen der Dichtung!