VON TORSTEN SCHWANKE
geschrieben für Seine Exzellenz Doktor Marianus
SELIG SIND DIE GEISTLICH ARMEN
Steig aus dem staubigen Tal, o Seele, zum Gipfel des Berges,
Wo das unendliche Licht schweigend den Horizont küsst.
Nicht wie in alten Zeiten verhüllt sich die Gottheit im Dunkel,
Nicht im Gewitter des Gesetzes bricht sich das donnernde Wort;
Sanft wie ein atmender Quell ertönt nun die Stimme des Retters,
Der auf dem Hügel sich setzt, rings von den Jüngern umringt.
Öffne das Ohr des Gemüts und vernimm die unsterblichen Sprüche,
Die er als Stufen des Lichts uns in das Fleisch hinein baut.
Jede Verheißung ein Schritt, ein göttliches Aufwärtsbewegen,
Bis das erlöste Gesicht schaut, was kein Auge geschaut.
„Selig die Armen im Geiste!“ – Wie wunderbar wallet der Anfang!
Macht doch das nackte Verlangen reich uns im ewigen Reich.
Blinder, was rühmst du den Prunk und das Gold in den irdischen Truhen?
Bist du nicht Staub nur und Wind, morgen vom Tode geraubt?
Schau auf den Purpur des Fürsten: Ein glänzendes Laken voll Moder,
Das den geschwollenen Hochmut tarnt vor dem ewigen Blick.
Wahrer Besitz ist der Geist, der sich frei von dem Ballast der Erde
Leicht wie ein Vogel erhebt, fliegend dem Schöpfer entgegen.
Wer sich hier selber nichts ist, dem schenkt sich die Fülle des Weltalls,
Wer seine Hände entleert, füllt sie mit himmlischem Brot.
Willst du begreifen das Maß dieser Armut, so blicke zum Himmel,
Schau auf den ewigen Sohn, welcher die Welt sich erschuf.
Er, der im Lichte thront, unendlich, unmessbar, gewaltig,
Ging in die Enge des Fleischs, nahm Knechtsgestalt an für dich.
Gott ward ein sterblicher Mensch, er trug unsere Not und die Schande,
Wurde so arm und so klein, dass er im Grabe bestand.
Dieses Geheimnis der Liebe, es fordert dein eigenes Sinken:
Beuge den Nacken des Stolzes, werde dem Heiland gleich!
Nicht das erzwungene Darben des Bettlers gefällt dem Erlöser,
Sondern der Wille, der frei bricht das Tyrannen-Ich.
Einst durch den Hochmut fiel der glänzende Morgenstern nieder,
Weil er dem Höchsten sich gleich wähnte im trunkenen Wahn.
Auch den Urahnen traf das schleichende Gift der Erhöhung:
„Werdet wie Gott!“, so sprach listig die schuppige Brut.
Seither schwillt uns die Brust von der Sehnsucht nach eitlem Scheine,
Jeder will Herrscher nur sein, keiner dem Nächsten ein Knecht.
Darum beginnt der Arzt mit dem bitteren Kraut der Entsagung,
Schneidet das eiternde Geschwür unseres Dünkels heraus.
Armut im Geiste zerbricht die uralten Fesseln der Schlange,
Macht aus dem Knecht der Begier wieder ein göttliches Kind.
Und als Belohnung winkt nicht ein irdisch Vergänglichkeits-Zepter,
Nein, das lebendige Reich, welches kein Ende mehr kennt.
Schon hier im Herzen beginnt der unendliche Frieden zu leuchten,
Wenn die begehrende Gier weicht aus dem inneren Raum.
Bürger des Himmels bist du, wenn dir nichts mehr eigen auf Erden,
Gottes unendlicher Thron baut sich im schweigenden Geist.
O welch ein herrlicher Tausch: Das Nichts für das All zu empfangen!
Selig, wer betend versteht, was uns der Meister verhieß.
SELIG SIND DIE SANFTMÜTIGEN
Gern hat die Seele gelernt, sich der eigenen Leere zu beugen,
Frei von dem Ballast der Welt stand sie am Fuße des Bergs.
Doch nun ruft uns das Wort zu der nächsten, der goldneren Stufe,
Wo sich das glühende Herz reinigt im himmlischen Tau.
„Selig die Sanftmütigen!“ – Höre des Meisters unendliche Stimme,
Die wie ein heilender Wind über die Klippen nun weht.
Höher führt uns der Pfad, doch flacher werden die Wogen,
Welche der irdische Sturm wild in die Seele hinein wirft.
Wer das Nichts sich erwählt, muss nun auch den Frieden erstreiten,
Dass kein bitterer Groll störe das göttliche Werk.
Schau auf den zürnenden Menschen, wie wild ihm die Adern am Hals schwellen,
Wie aus dem funkelnden Aug' flammet das gallige Blut!
Schaum steht ihm vor dem Mund, die Stimme wird heiser und tierisch,
Jegliche Vernunft flieht aus dem bebenden Haupt.
Nicht mehr Mensch ist er dann, ein Eber, ein reißender Löwe,
Den die rasende Wut blind in die Klingen hinein jagt.
Zorn ist ein giftiger Trank, den der Widersacher uns einschenkt,
Dass sich das heilige Bild, das uns erschuf, ganz verliert.
Wehe dem Geist, der sich beugt unter dieses Tyrannen Befehle,
Er wird zum Sklaven der Nacht, brennend im eigenen Schmerz.
Sanftmut aber ist Kraft! Sie steht wie ein Fels in der Brandung,
An dem die schäumende Flut ohnmächtig brechend zerspellt.
Wenn dich das Schimpfwort trifft, wenn Spötter dich grausam verhöhnen,
Bleibt der sanftmütige Geist königlich, schweigend und rein.
Er schlägt nicht wütend zurück, erwidert nicht Bosheit mit Bosheit,
Sondern er dämpft den Brand mit der Umarmung des Lichts.
So wie der Retter am Kreuz, als die Henker Ihn schmähend durchbohrten,
Flehte: „Vergib ihnen, Herr!“, liebend im Sterben noch groß.
Dies ist die wahre Natur, die Gott uns ins Innere gegeben,
Herrscher zu sein im Gemüt, nicht ein Gefangner der Wut.
Gott schuf den Menschen als Fürst über alle die kriechenden Tiere,
Doch im Inneren haust oft noch ein wilderer Zoo.
Bändige, Christ, den Hengst des Stolzes, den Wolf der Begierde,
Zähme den giftigen Wurm, welcher im Neide sich windet!
Sanftmut legt ihnen den Zaum des göttlichen Logos ins Maul an,
Dass die zerstörerische Kraft nützlich dem Wagen sich fügt.
Dann wird das wilde Begehren zur Sehnsucht nach ewigem Leben,
Und aus dem feurigen Mut wird ein Verteidiger des Rechts.
Heilig ist dieses Geschäft, ein Opfer auf innerm Altare,
Wo die Vernunft als ein Priester rauchenden Weihrauch verbrennt.
„Denn sie werden das Land besitzen!“ – So lautet das Amen.
Doch welch ein Land ist gemeint? Welches verheißt uns das Wort?
Nicht diese Erde voll Blut, die von Kriegen und Grenzen zerfurcht ist,
Wo der Eroberer rafft, was er im Tode verliert.
Diese Materie flieht, sie ist flüchtig wie Nebel am Morgen,
Keinem gehört sie besitzend, jeder ist Gast nur auf ihr.
Nein, eine andere Erde ersteht aus dem Schoße des Himmels,
Fest und unerschütterlich, frei von dem Fluche der Zeit.
Dort, wo das Leben regiert, wo die Heiligen wandeln in Kleidern,
Die aus dem reinsten Licht webte der göttliche Geist.
Aber schon jetzt im Fleisch besitzt der Sanftmütige ein Erbe:
Sich selbst besitzt er ganz, ruhig im Sturme der Welt.
Niemand raubt ihm den Frieden, kein Feind kann die Festung erstürmen,
Weil er die Zügel der Brust fest in den Händen behält.
Wer sich vom Zorn jagen lässt, verliert sein eigenes Wesen,
Wird von den Fremden beherrscht, flüchtig im eigenen Haus.
Doch der Sanftmütige thront als ein König im inneren Saale,
Wo Gott selber als Gast bleibende Wohnung bezieht.
O du selige Ruh, du Vorgeschmack ewigen Lebens,
Führe uns, sanftes Wort, hin zu dem bleibenden Land!
SELIG SIND DIE TRAUERNDEN
Schwerer wird nun der Aufstieg, es hüllen sich dichtere Wolken
Um das erhabene Haupt dieses geheiligten Bergs.
Wunderbar tönte der Ruf nach der Armut und sanftem Verzichte,
Doch nun fordert das Wort Tränen und herben Schmerz.
„Selig, die trauern!“ – So bricht aus dem Munde des Retters die Botschaft,
Die dem natürlichen Sinn dunkel und rätselhaft scheint.
Preist doch die Welt nur das Lachen, den Jubel, die flüchtigen Feste,
Wo sich der törichte Geist trunken im Kreise bewegt.
Gott aber segnet das Weinen! Er öffnet das Tor uns durch Klagen,
Weil nur im tiefen Tal echtes Genesen beginnt.
Zweierlei Trauer bewohnt das zerbrechliche Herz des Geschöpfes:
Eine raubt uns das Licht, führend zum ewigen Tod;
Wenn du um Schätze weinst, die der Rost und die Diebe dir nehmen,
Wenn dich das Schicksal beugt, weil dir die Ehre entglitt.
Das ist die Trauer der Welt, ein fleischlich und galliges Schmachten,
Das wie ein nagender Wurm blind an den Kräften nur zehrt.
Doch die andere Trauer entspringt aus dem Brunnen des Geistes,
Sie ist ein heiliger Schmerz, welcher die Seele erlöst.
Sie weint nicht um das Gold, nicht um Güter, die morgen vermodern,
Sondern sie klagt um das Heil, das uns im Ur-Fall verlorenging.
Wie ein vertriebener Fürst, der in Knechtschaft und staubigen Ketten
Fernab der Heimat gedenkt seines Palastes aus Gold,
So sitzt die Seele im Fleisch und schaut auf die eigene Armut,
Seit sie das Paradies floh durch die verbotene Frucht.
Einstmals umkleidet mit Licht, ein Genosse der heiligen Engel,
Schaut sie sich nackt nun und bloß, schutzlos dem Tode geweiht.
Sünde und Krankheit und Schmerz und das finstere Schweigen des Grabes –
Dies ist das bittere Los, das uns die Erde nun reicht.
Wer diese Wunde begreift und den Abstand zum göttlichen Wesen,
Dessen Auge wird feucht, dessen Gemüt wird zum Strom.
Weine nur, gläubige Seele! Die Tränen sind heilende Wasser,
Die von dem inneren Aug' waschen den staubigen Schleier.
So wie der Ackermann tief mit dem Pflug die Scholle zerreißt,
Dass die verborgene Erd' offen den Samen empfängt,
So bricht die geistliche Trauer den steinig verhärteten Sinn auf,
Dass das lebendige Wort tief in die Tiefe sich senkt.
Ohne das Weinen vertrocknet das Herz im Vergnügen der Sinne,
Wird wie ein Wüstenland, dornig und unfruchtbar, wild.
Tränen sind Tau aus dem Himmel; sie kühlen das Brennen der Triebe,
Löschen das feurige Gift, das uns die Schlange geschenkt.
„Denn sie sollen getröstet werden!“ – O seliges Ende des Leidens!
Gott selbst neigt sich herab, wischend das Auge uns ab.
Nicht ein vergänglicher Trost, den die Menschen mit Worten uns stammeln,
Nein, der lebendige Geist zieht als ein Tröster nun ein.
Er schenkt den Frieden, der höher als jegliche menschliche Klugheit,
Gießt die unendliche Luft Seiner Erbarmung uns ein.
Jede Träne des Glaubens wird dort zu Perlen verwandelt,
Wo das unvergängliche Licht jegliches Dunkel vertreibt.
Wer hier im Zeitlichen sät mit Weinen und seufzendem Flehen,
Erntet im ewigen Tag Garben voll himmlischer Pracht.
SELIG, DIE DÜRSTEN NACH GERECHTIGKEIT
Nun hat die reinigende Trauer den Boden der Seele geöffnet,
Und aus den Tränen ersteht neues, gewaltiges Flehn.
Höher führt uns der Retter, er prüft das innerste Sehnen,
Fragt nach dem tiefsten Trieb, der uns im Fleische bewegt.
„Selig, die hungert und dürstet!“ – O horcht auf das göttliche Rätsel:
Macht uns der Mangel doch reich, treibt uns das Schmachten zum Heil!
Nicht nach dem Brote der Erde verlangt der geheiligte Wandrer,
Nicht nach dem Becher voll Wein, welcher die Sinne betäubt.
Ein unendlicher Hunger ergreift die erlösten Gemüter,
Die auf den Höhen des Geists suchen das bleibende Gut.
Schau auf den Bettler der Welt: Er isst und er hungert doch wieder,
Und was der Magen empfängt, fällt in die Grube zurück.
Flüchtig ist jegliche Lust, die der Gaumen im Schmatzen erfahret,
Morgen schon wallet der Leib wieder im alten Verlangen.
Reichtum und Ehre und Pracht sind Speisen, die niemals uns sättigen,
Weil sie das unsterbliche Wesen füttern mit Schatten und Wind.
Wie ein Fiebernder trinkt aus dem Brunnen und brennt nur noch stärker,
So trinkt der Erdenmensch blind aus dem Pokal der Begier.
Wehe der hungernden Seele, die Steine für Brot sich erwählt hat,
Und an den Fleischtöpfen Knecht bleibt in dem fernen Ägypten!
Was ist Gerechtigkeit, nach der uns so brennend soll dürsten?
Frage den Apostel des Lichts, frage den weisen Logos!
Sie ist kein menschliches Maß, kein Gesetzbuch, von Richtern geschrieben,
Sie ist das lebendige Wort, welches vom Himmel her kam.
Christus ist selber das Brot, das dem Tod die Gefangnen entreißet,
Er ist der fließende Quell, welcher das Leben gebiert.
Wer nach Gerechtigkeit hungert, der hungert nach Gottes Erscheinen,
Wünscht, dass der Heiland im Geist werde die tägliche Kost.
Ihn zu genießen ist Kraft, Seine Tugend im Herzen zu tragen,
Macht aus dem sterblichen Staub einen Genossen des Lichts.
Reich ist der Tisch uns gedeckt auf dem Gipfel des göttlichen Berges,
Heilig und köstlich der Trank, welchen der Schöpfer uns reicht.
Reicht als den ersten Gang uns die Demut, die Speise der Engel,
Darauf die Liebe, die sanft schmelzen lässt jeglichen Groll.
Weisheit ist goldener Wein, der den klärenden Geist uns erleuchtet,
Reinheit das reinste Gewürz, das uns vor Fäulnis bewahrt.
Koste das göttliche Mahl! Hier verlierst du das Siechtum der Sünde,
Hier wird die Seele verjüngt, wachsen die Flügel ihr neu.
Glücklich das liebende Herz, das an diesem Altare darf speisen,
Wo das unsterbliche Lamm Schenke und Opfer zugleich.
„Denn sie sollen gesättigt werden!“ – So lautet das herrliche Amen.
Doch wer ermisst dieses Wort? Wie wird das Wunder vollbracht?
Hier auf der Erde bedeutet Genuss das Erlöschen der Sehnsucht,
Sättigung bringt den Ekel, Fülle das matte Gefühl.
Göttliche Fülle jedoch entzündet das Sehnen nur neuer,
Wer von dem Strome genießt, dürstet noch tiefer nach Ihm.
Es ist ein seliges Schweben: Du hast, was du suchest, im Herzen,
Und doch erweiterst du dich, suchst es im ewigen Flug.
Fülle wird niemals zur Last, und der Hunger wird niemals zur Qual mehr,
Weil uns die Unendlichkeit speist, wandelnd von Licht zu Licht.
SELIG DIE BARMHERZIGEN
Höher und strahlender ragt nun die Leiter im ewigen Äther,
Fünfmal hat nun der Mund Gottes das Schweigen durchbrochen.
Wer nach Gerechtigkeit hungert, der bleibt nicht im einsamen Tempel,
Nein, ihn drängt das Gesetz hin zu dem leidenden Fleisch.
„Selig, die barmherzig sind!“ – Wie süß strömt der Klang aus den Höhen,
Wie ein mildernder Tau, welcher die Schöpfung durchweht.
Gott fordert Taten der Liebe! Das Auge, das weinend sich öffnete,
Muss nun den Bruder im Staub sehen mit helfendem Blick.
Nicht im Hochmut des Geistes ersteigen wir Gottes Gezelte,
Nur an der Hand des Geringen finden wir Einlass und Licht.
Wenn du nach Gott dich sehnst und Seine Gestalt willst gewinnen,
Frage dich, was Ihn bewegt, was Sein Geheimnis erklärt.
Ist es die Allmacht allein, die Welten aus Nichts zu erschaffen?
Ist es das donnernde Recht, welches die Sünder erschreckt?
Nein, Seine Herrlichkeit ist das unendliche Neigen zum Schwachen,
Dass Er das fallende Kind hebt aus dem schlammigen Pfuhl.
Barmherzigkeit ist der Name, in dem Er Sich selber geoffenbart,
Wer diese Tugend ergreift, trägt das lebendige Bild.
Mensch, du wirst Gott am ähnlichsten dann, wenn du öffnest die Arme,
Wenn du dem Feinde verzeihst, heilest die schmerzende Brust.
Schau auf den hungernden Bettler, der frierend an deiner Schwelle sitzt,
Sieh das zerlumpte Gewand, schau auf das hohle Gesicht!
Dünke dich nicht als ein Wesen aus edlerem Stoffe gegossen,
Seine gequälte Natur ist ja dieselbe wie deine.
Einen Urvater teilen wir alle, aus Erde geformt ist der Reiche,
Und in das Grab sinkt der Fürst, so wie der Sklave vergeht.
Wenn du dem Hungernden Brot reichst, so fütterst du dein eigenes Fleisch nur,
Weil in dem leidenden Leib sich dir die Menschheit zeigt.
Schließe das Herz nicht zu vor dem Seufzen des elenden Bruders,
Dass dir im kommenden Sturm nicht auch die Zuflucht gebricht.
Wehe dem Geizigen, welcher das Gold in den Kammern bewacht,
Und dessen Herz wie ein Stein schweiget beim Jammer der Welt.
Glaubt er, er trage den Schatz durch das finstere Tor des Todes?
Er lässt das Metall hier zurück, nackt steht er vor dem Gericht.
O welch ein törichter Tausch, für glänzende Scherben der Erde
Zu verlieren das Recht auf das unendliche Licht!
Gib von dem Reichtum, der flüchtig, dem Armen, so säst du für ewig,
Wandelst die Münze aus Erz um in das himmlische Gold.
Was du dem Geringsten geschenkt aus reinem, erbarmendem Herzen,
Findest du alles erneut vor dem thronenden Lamm.
„Denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“ – O schau auf das Echo,
Das aus der Ewigkeit bricht, wenn uns das Schicksal befragt.
Gott, der Unendliche, Heilige, bedarf nicht der menschlichen Gaben,
Doch Er bestellt Sich den Bund: Wie du gerichtet, so wird's.
Wenn du erbarmungslos warst, wie willst du um Gnade dann flehen,
Wenn dich die Schuld wie ein Berg drückt vor dem Richterstuhl nieder?
Aber das mitleidige Herz darf ohne Erbeben hintreten,
Weil seine eigenen Taten sprechen als Anwalt des Lichts.
Milde besiegt das Gesetz! So fließt aus dem irdischen Mitleid
Am Ende der unendliche Strom, welcher die Seele erlöst.
SELIG DIE REINEN HERZENS SIND
Höher hinauf führt der Pfad, wo die Luft schon wie flüssiges Gold glänzt,
Sechsmal ertönt nun der Ruf, reinigend unser Gemüt.
Hinter uns bleibt das Getümmel der Welt und das Wirken der Liebe,
Einsam und schweigend verlangt nun das Gezelt nach dem Gast.
„Selig, die reines Herzens sind!“ – O erzittere, Seele,
Wenn aus dem Munde des Herrn bricht das gewaltige Wort.
Denn hier berühren wir Gott! Das Versprechen durchbricht alle Grenzen,
Öffnet das Auge des Geists für das unendliche Licht.
Wer darf den Gipfel betreten, auf dem sich die Gottheit entschleiert?
Nur wer das Innerste hält lauter und makellos rein.
Doch wie ergreift das Geschöpf, was kein menschlicher Sinn kann erfassen?
Gott ist ein flammender Quell, welcher im Dunkeln verweilt.
Er ist unendlich, unmessbar, erhaben ob Sternen und Zeiten,
Kein Gedanke umschließt Seines Verstandes Bereich.
Selbst die Seraphim decken ihr Antlitz mit Flügeln des Schauers,
Wenn Sein thronendes Licht bebend den Kosmos durchläuft.
Mose erblickte nur dunkel den Rücken im Nebel des Berges,
Niemand schaut das Gesicht, ohne zu sinken in Tod.
Wie verheißt uns der Retter dann das, was unmöglich dem Fleische?
Wie wird das Wunder vollbracht, das uns das Schauen geschenkt?
Suche die Gottheit nicht fernab im unendlichen Äther,
Wandere nicht durch das All, messend die Bahnen der Nacht!
In dir selber verbirgt sich das Licht, das die Welten erschaffen,
Gott goss Sein eigenes Bild tief in dein Wesen hinein.
Als Er den Menschen erschuf aus dem unschuldigen Staube der Erde,
Prägte Er Tugend und Pracht Seiner Natur uns ins Herz.
Doch wie ein Spiegel, den Schlamm und der ätzende Rost ganz verdunkeln,
Nimmer das Antlitz des Lichts rein zu reflektieren vermag,
So hat die Sünde das göttliche Bild im Gemüte begraben,
Fleischliche Gier und der Neid deckten den Diamanten mit Nacht.
Darum gilt es zu reinigen nun das befleckte Gefäße,
Dass aus dem Schmutze der Zeit wieder das Urbild ersteht.
Wische den Staub der Begierden hinweg durch das Weinen des Glaubens,
Schneide das Wuchern des Fleischs mit dem Skalpell des Verzichts!
So wie der Goldschmied das Erz in die glühenden Flammen hineinwirft,
Bis sich die Schlacke löst, glänzend das Edelmetall,
So muss das Herz sich befreien von jeglichem irdischen Triebe,
Dass kein fremder Geruch störe den heiligen Raum.
Zorn und Hochmut und Geiz sind die Flecken, die Blindheit uns bringen,
Kehre sie aus deinem Haus, werde bescheiden und rein!
„Denn sie werden Gott schauen!“ – O schau auf das strahlende Wunder,
Wenn sich das Fenster der Brust öffnet dem ewigen Tag.
Nicht in den Wolken des Himmels erscheint dir die Majestät dann,
In dir selber erglänzt Seiner Erbarmung Gesicht.
Wer eine Quelle besitzt, der braucht nicht nach Brunnen zu laufen,
Wer einen Spiegel putzt, sieht die Gestalt, die er sucht.
Gottes Gerechtigkeit, Weisheit und Frieden und unendliche Reinheit
Werden im lauteren Geist greifbar und lebendiges Gut.
Du schaust Gott, weil du Ihn liebst, weil Er in dir Gestalt nahm,
Selig das reinste Herz, welches Ihn schweigend umfasst!
SELIG DIE FRIEDENSSTIFTER
Siebenmal hat nun die Stimme des Meisters den Äther durchbrochen,
Siebenmal rief uns das Licht, führend zum ewigen Thron.
Wer in dem lauteren Herzen das Antlitz des Königs geschaut hat,
Bleibt nicht im schweigenden Raum, unbewegt von der Not.
„Selig die Friedfertigen!“ – Hört, wie die heilige Stufe
Nun aus dem inneren Glanz bricht in die schmerzende Welt.
Gott ruft die Heiler der Erde! Das Band, das die Sünde zerrissen,
Soll durch die schaffende Hand wieder ein Ganzes nun sein.
Frieden verheißt uns der Mund, doch fordert er mutiges Streiten
Gegen das nagende Gift, welches die Brüder entzweit.
Schau auf die kranke Natur: Wie die Elemente sich befehden,
Wie in dem menschlichen Stamm herrscht der zerstörende Hass!
Bruder erhebt gegen Bruder das Schwert aus dem Dunkel des Neides,
Völker versinken im Blut, blind für das gemeinsame Heil.
Unfriede ist eine Seuche, vom Fürsten der Finsternis ausgesät,
Dass sich des Schöpfers Entwurf ganz in der Spaltung verliert.
Und in uns selber beginnt das grausame Schlagen der Waffen,
Wenn das begehrende Fleisch wider die Weisheit rebelliert.
Solange im inneren Saale die wilden Begierden noch toben,
Bleibt auch das äußere Werk dornig und schattenhaft, wild.
Willst du ein Friedensstifter den leidenden Menschen erstehen,
Schaffe zuerst in dir selbst Ordnung und göttliches Recht!
Zähme den Zorn, den Tyrannen, der gallig das Urteil verdunkelt,
Fessle die gierige Sucht, welche nach Fremdem verlangt.
Lass die Vernunft auf dem Throne des Herzens als Richterin walten,
Dass sich das niedere Volk nützlich dem Logos nun fügt.
Wenn im Gemüte das Schweigen der heiligen Ordnung erblühet,
Wird aus der menschlichen Brust Gottes unendlicher Quell.
Dann erst strömt aus dem Geiste die Kraft, die die Wogen da draußen
Mit einem einzigen Wort glättet im stürmischen Meer.
Heilig und groß ist das Amt dessen, der Brücken nun bauet,
Wo das verbitterte Herz Mauern aus Schweigen errichtet.
Wenn du den Hasser besänftigst mit milden und klärenden Worten,
Wenn du den Feinden die Hand reichst über Gräber hinweg,
Tust du das göttliche Werk, das der Sohn auf der Erde vollbracht hat,
Als Er den himmlischen Vater versöhnte mit unserem Staub.
Er brach die tödliche Wand, die den Menschen von Eden getrennt hielt,
Goss Seinen ewigen Frieden über die Schöpfung herab.
Wer nun den Unfrieden tilgt, wer Liebe sät, wo man sich befehdet,
Trägt des Erlösers Gewand, wirkend im selben Geist.
„Denn sie werden Kinder des höchsten Gottes geheißen!“ –
O welch ein herrlicher Lohn, den uns der Meister verheißt!
Nicht bloß als Knechte und Diener im Vorhof des Tempels zu stehen,
Gott nennt uns Familie nun, nimmt uns als Erben herauf.
Wer Seinen Frieden verbreitet, empfängt Seine eigene Natur auch,
Weil sich im Wirken des Sohns spiegelt des Vaters Gesicht.
Sterblicher Staub wird erhoben zu unvergänglichen Würden,
Bürger des Himmels bist du, frei von dem Fluche der Zeit.
Selig das liebende Herz, das den Frieden als Krone erstritten,
Es ruht am Herzen des Vaters, ewig im göttlichen Licht.
SELIG DIE VERFOLGTEN
Nun ist das Ende erreicht, es schließt sich die heilige Leiter,
Achtmal hat nun der Logos brechend das Schweigen vollbracht.
Ganz im unendlichen Lichte steht nun der gereinigte Wandrer,
Doch um den Gipfel des Bergs toben die Stürme der Nacht.
„Selig, die Jagd und Verfolgung leiden um göttliche Rechte!“ –
Hört, wie der König des Heils krönt das vollendete Werk.
Nicht mehr um sanfte Gefühle, nicht nur um das innere Schweigen,
Nun geht es fest in den Kampf, stehend im feurigen Brand.
Wer Gott im Herzen trägt schauend, den hasst die Finsternis draußen,
Weil sein lebendiges Licht richtet der Erde Betrug.
Warum erheben die Völker des Abgrunds die rasenden Waffen
Gegen das unschuldige Lamm, das nur den Frieden sät?
Weil die versteinerten Herzen die Wahrheit wie Dornen durchbohret,
Und des Gerechten Gesicht spiegelt ihr eignes Gericht.
Sündiges Fleisch will schlafen im Schlamm der eigenen Triebe,
Doch der Tugendhafte stört, leuchtend wie Tagesgestirn.
Darum entbrennt der Tyrann, es schmieden die Schänder die Ketten,
Glaubend, sie tilgen das Licht, wenn sie den Leib nur erschlagen.
Törichter Wahn der Verfolger! Sie graben ihr eigenes Grab nur,
Während der leidende Christ fliegt aus dem Kerker zum Thron.
Erzittere nicht vor dem Richter, o Seele, wenn Schwerter dir drohen,
Wenn dich der Pöbel verhöhnt, speiend dir Geißeln ins Fleisch!
Schau auf das glühende Feuer: Es frisst nur das morsche Gehölze,
Aber das reinste Metall glänzt in den Flammen erst recht.
So wird das Herz im Martyrium frei von den letzten Schlacken,
Jegliche Furcht vor dem Tod schmilzt in der göttlichen Glut.
Schmähungen werden zu Kronen, die Wunden zu purpurnen Seiden,
Die dir der Bräutigam selbst webt für den ewigen Tag.
Niemand raubt dir den Schatz, den du im Sterben verteidigst,
Weil das vergossene Blut bricht der Vergänglichkeit Macht.
„Freut euch!“, ruft die Stimme, „frohlockt in jeglicher Trübsal!“ –
Wie wird das Wunder vollbracht, das uns im Leiden lässt singen?
Wenn der gefesselte Leib zittert am hölzernen Kreuze,
Öffnet der Heilige Geist weit uns das himmlische Tor.
Schon sieht das Auge den Himmel, es schauen die sterbenden Zeugen
Christus zur Rechten des Vaters, wartend mit reichem Gewinn.
Kurz ist der Augenblick Schmerz, ein flüchtiger Seufzer im Fleische,
Doch die Belohnung steht fest, ewig und unermessbar, groß.
Darum gingen die Väter mit Jauchzen den Löwen entgegen,
Als ob zum Hochzeitsfest riefe der flötende Klang.
„Denn ihrer ist das Himmelreich!“ – Schau auf das göttliche Amen,
Das nun den Anfang berührt, schließend den herrlichen Ring.
Mit diesem Reiche begann es, als wir uns als Arme gebeugt vor Gott,
Und mit dem Reiche schließt nun sich der heroische Pfad.
Wer durch die Armut, die Sanftmut, das Weinen, den Hunger nach Tugend,
Durch das erbarmende Tun und durch die Reinheit des Geists,
Wer durch den stiftenden Frieden am Ende das Sterben bezwungen,
Der hat den Kosmos besiegt, thronend im ewigen Licht.
Gott ist sein Alles nun! Weg sind die Schatten der Erde,
Ewig im Schauen des Vaters wallet die Seele im Licht.
INWIEFERN DIE ALLERSELIGSTE JUNGFRAU MARIA ALL DIES ERFÜLLT
Kein erhabener Thron trug die Braut des unendlichen Vaters,
In der Bescheidenheit glänzte das reinste Gefäß.
„Siehe die Magd des Herrn!“ – So sprach die demütige Jungfrau,
Als Ihr der Engel des Lichts brachte das große Geschick.
Völlig entleert von Sich selbst, frei von dem Dünkel der Erde,
Machte Sie Raum in der Brust, dass Sich die Gottheit erfand.
Weil Sie als Ärmste Sich bog vor dem ewigen Willen des Schöpfers,
Sank Er als reichster Gewinn tief in Ihr jungfräulich Fleisch.
Niemals erbebt Ihr Gemüt von den stürmischen Wogen des Zornes,
Sanft wie ein schweigender See spiegelte Sie das Gesetz.
Als man das Wunder geschmäht, als Herodes die Knäblein erwürgte,
Blieb Sie im Schweigen des Geists königlich, duldend und rein.
Sie hat die Erde besessen – denn Er, der die Erde erschaffen,
Ruhte als wehrloses Kind zärtlich an Ihrer Brust.
Ihre Sanftmut zähmte den wilden Aufruhr der Zeiten,
Weil Sie den Frieden der Welt schützte im flüchtigen Lauf.
O wie durchbohrte das Schwert, das einst Simeon Ihr prophezeit hat,
Ihre mütterliche Brust unter dem hölzernen Stamm!
Da Sie den Einzigen sah, Den Sie unter dem Herzen getragen,
Blutig, verspottet, zerfetzt, sterbend im grausamen Licht.
Tränen des Glaubens vergoss Sie, die tiefste, die heiligste Klage,
Weinend um unseres Fleischs Sünden und tödlichen Fall.
Doch aus der Trauer entsprang Ihr der unvergängliche Trost dann,
Als aus dem Grabe der Sohn siegreich im Glänzen erstand.
„Hungrige füllt Er mit Gütern!“ – So sang Ihre prophetische Stimme,
Als Sie im Jubel des Geists pries des Allmächtigen Recht.
Ihr unendlicher Durst galt nicht den Schätzen der Erde,
Nach der Gerechtigkeit nur wallte Ihr liebend Gemüt.
Und Sie ward herrlich gesättigt! Sie trug ja das Brot aus dem Himmel,
Christus, den fließenden Quell, welcher den Hunger verjagt.
Speisend den Ernährer des Alls, ward Sie zur himmlischen Mensa,
Wo uns die Tugend des Sohns ewige Nahrung bereitet.
Sie ist die Pforte des Mitleids, durch die das Erbarmen herabstieg,
Als sich die sündige Welt wand im unendlichen Schmerz.
In dem Städtchen von Kana sah Sie die Not der Geladenen:
„Wein fehlt dem Feste!“ – So sprach bittend Ihr mütterlich Wort.
Stets ist Ihr Auge gewandt hin zu den leidenden Kindern,
Sie ist der Zuflucht Asyl, wenn uns die Hoffnung gebricht.
Weil Sie Barmherzigkeit übte im Bergen des göttlichen Wortes,
Fand Sie Erbarmung vor Gott, thronend als Königin hoch.
O du unbefleckter Spiegel, in dem Sich die Gottheit erblickte,
Keinerlei Staub der Begier trübte Dein lauteres Herz!
Rein war die Wohnung des Geistes, kein Rost und kein Makel der Sünde
Verdunkelte jemals den Glanz Deines Gesichts für das Licht.
Weil Du ganz rein warst im Herzen, durftest Du Gott nicht nur schauen –
Nein, Du empfingst Ihn als Gast, schließend Ihn ein in den Schoß.
Was den Seraphim schauervoll bleibt und unendlich verborgen,
Schautest Du liebend und nah, Auge in Auge mit Ihm.
Durch Dich wurde der Frieden, der uralt gebrochene, wieder
Heilig und fest geknüpft zwischen Himmel und Staub.
Du hast den Mittler geboren, Den Fürsten des ewigen Reiches,
Welcher den Hass in der Welt brach durch das Opfer des Lichts.
Wahre Friedensstifterin bist Du! Du brachtest die feindlichen Welten
Zusammen in Deinem Gemüt, ruhig im göttlichen Bund.
Darum wirst Du vor allen Tochter des Höchsten geheißen,
Die als ein göttliches Kind über die Engel hervorragt.
Auch die Verfolgung und Jagd blieben der Mutter nicht fremde,
Als Sie durch nächtlichen Sand floh vor des Königs Tyrann.
Unter dem Kreuze stand Sie, geschmäht von den Lippen der Spötter,
Tragend das geistliche Schwert, leidend im Sterben des Sohns.
Ihr ganzes Leben war Kampf, stehend im Feuer der Prüfung,
Doch Sie erbebte niemals vor der Verfolger Betrug.
Nun ist das Himmelreich Ihr! Aufgenommen in Herrlichkeits-Chöre,
Trägt Sie die Krone aus Licht, Alpha und Omega gleich.