EROTISCHE PHILOSOPHIE

VON TORSTEN SCHWANKE



I


Göttliche Gaben des Lebens, Religion und die Liebe, sie spenden,

Richtig genossen, dem Mensch wie dem Staate das Glück.

Aber mißbraucht und verkannt, so bringen sie Elend und Trübsal

Jedem Einzelnen wie jeglichem Bunde der Welt.

Sollte der Sterbliche nicht nach Klarheit streben in beiden?

Dennoch verharrt er in Nacht, träge an Geist und Gemüt.

Seit uns Rousseau und Jacobi das alte Vorurteil wärmten,

Dass das Empfinden erlischt, wo das Erkennen beginnt,

Bleibt der Altar wie das Herz in tiefe Unwissenheit blindlings

Eingehüllt, einsamer noch als das gemeinere Tun.

„Sachen des Herzens“, so ruft man, „bedürfen des Denkens und Grübelns

Nimmermehr!“ – und so verfällt alles der blinden Empirie.

Wunder ist’s nicht, wenn im Chiaroscuro der dämmernden Vernunft

Beide, die Liebe wie Gott, schattenhaft nur noch besteh’n.


Soll nun das Wesen der Liebe im Ausgleich der Geister sich zeigen,

In der Vollendung, die uns führt in des Eros Bereich –

Denn jede Bindung bedarf der Unterwerfung im Höhern –,

Merke dir dies, o Gemüt, was dir die Weisheit gebeut:

Nur das Ungleiche vermag sich zu einen; es tönen nicht gleichlaut

Saiten im lieblichen Chor, Reibung gebiert den Akkord.

Auch lebt Harmonie nicht vor dem Vereinen noch nach dem Vollbringen,

Sondern im Aktus allein, ewig lebendig und wahr.

Wie du das Leben nicht trennst vom Leben, die Einheit vom Einen,

Trennt sich die Liebe auch nie von dem lebendigen Tun.

Zweifach ist ferner der Weg, für den Schöpfer wie für das Geschöpfe:

Erstlich das Unisono, rein noch und ungeprüft da.

Keine Erschütterung stört dies Stadium Unschuld und Friede,

Dennoch verbirgt sich im Keim Sterblichkeit, Mangel und Tod.

Erst im Verlaufe der Zeit wird die Brüchigkeit radikalisch getilgt, dass

Wahrhafter, ewiger Klang fülle das zweite Stadium.

Viel ist gewonnen, wenn du begreifst, dass die Liebe kein Geschenk,

Keine Passivität, kein nur Genossenes sei.

Als ein Aktuoses entfaltet sie sich (o edle, großmütige Liebe!),

Die durch der Liebenden Tat schaffend das Leben bewährt.

Bleibt sie bloß Tatlosigkeit, so trägt sie den Tod in sich selber;

Das uns Gegebene wird uns als Problem auferlegt.

Anders gestaltet die Union sich, je nachdem die Genossen

Gegenüber sich steh’n oder im Bunde vereint;

Gottes-, der Menschen-, der Natur Liebe entspringen demselben

Stamme, wie Cultus und Geist innig verwoben sich seh’n.


Zweifach, so wisse, gelingt die Tilgung der irdischen Schwachheit,

Wenn aus dem ersten Stadium führt uns das Schicksal empor.

Entweder bricht die Entzweiung nicht aus, es reizt nur die Prüfung,

Welche die Liebenden kühn siegreich im Geiste besteh’n;

Rein und unversuchbar gehn sie hervor aus dem Streite,

Und die Versuchung erweist sich als des Werdens Gesetz.

Oder sie fallen im Sturm; es erliegt der Versuchung das Bündnis,

Und die Entzweiung tritt real, trennend und mächtig hervor.

Hier ist nicht länger die bloße Verletzlichkeit weise zu tilgen,

Sondern die wirkliche Kluft fordert Versöhnung nunmehr.

Nennst du „natürlich“ die Liebe, die uns im Beginne gegeben,

Denk an den Paulus und schau, was der Apostel uns lehrt:

Erstlich erschaffen ist nur der natürliche Mensch auf der Erde,

Ehe zum Geistmenschen kühn über die Grenze er schreitet.

Frei von Natur, doch naturlos nicht, so reift die vermittelte Liebe,

Gleichwie das Sakrament heilig im Stoffe sich zeigt.

Zweitgeboren erglänzt nun der Bund in dem höheren Stadium,

Wo sich der Schöpfer dem Kind erst als der Vater enthüllt.


War auch der Übergang frei im ersten Falle der Prüfung,

Ist er gehemmt und versperrt nach dem erfolgten Ruin.

Denn ein Reagierendes wuchs, ein Positives, das feindlich uns hemmet;

Ohne das Wegräumen weicht nimmer der lastende Bann.

Sünde kömmt her von dem Sondern, dem Trennen; wir sehen die Wahrheit:

Was uns von Gotte reißt, steht als Reales vor uns.

Wer von dem Liebsten sich wendet, der stellt ein Hemmendes zwischen

Sich und den Freund, und es herrscht Spannung im finsteren Tal.

Darum erscheint das versöhnende Prinzip als Erlöser vom Übel,

Welches die Spannung zerbricht, Frieden dem Geiste verleiht.


Wie sich der Mensch zu dem Schöpfer verhält, so steht er zum Bruder,

So auch zur äuß’ren Natur, die ihn im Leben umgibt.

Hat er mit Gotte gebrochen, so kann er den Nächsten nicht lieben,

Ehe Versöhnung ihm rein öffnet die Pforte zum Licht.

Gesperrt ist der Übergang ihm zum wahren, zum bleibenden Leben,

Wenn nicht das Medium selbst rettend die Wege ihm bahnt.


Gegenseitig versöhnt sich der Herr mit der irrenden Menschheit,

Und aus der Quelle entspringt Liebe der Brüder sodann.

Denn von der göttlichen Kraft durchdrungen, lassen die Menschen

Endlich vom hasserfüllt’ Tun, brechen den ewigen Streit.

Weichen muss auch jene Scheu vor dem Walten der mütterlich’ Erde,

Die uns als fremde Gewalt tückisch und unheimlich schien,

Wie es uns Goethe beschrieben. Wo immer nun Liebe sich gründet,

Wo aus dem Fleische der Geist siegreich zum Himmel entflieht:

Immer liegt ihr ein religiöses, erlösendes Wirken zu Grunde,

Das aus der Knechtschaft der Welt uns in die Freiheit entlässt.


Tägliche Sitte beweist, was heilende Liebe vermöget,

Schau auf den Bund vor dem Zwist, schau auf den Bund in dem Heil!

Töricht behauptet der Wahn, es blühe die Liebe am schönsten,

Wo kein Vergehen sie stört, Reue und Gram sie nicht kennt.

Gleichgestimmte Gemüter vereint nicht das Schicksal im Leben,

Gleichstimmbar nur sind sie, bis die Versöhnung sie schmilzt.

Wer hat es nicht schon erfühlt in der Frauen-, der Freunde-, der Eltern-

Liebe, dass tiefster Ruin festere Bindung gebiert?

Herzblut musste verfließen, geopfert im Schmerze des Bruches,

Dass als unlösbarer Kitt halte das neue Gefüg’.

„Viel hat jene geliebt“, so sprach der Erlöser voll Milde

Über die Freundin, der er reichlich die Sünden vergab.


Sieh, so durchwandert die Liebe, zur Vollendung sich treibend, die Pfade,

Geht durch der Untreue Nacht (Sünde ist jeglicher Trug),

Trägt den Schmerz der Bereuung, die Demut, die bittet um Gnade,

Bis das verzeihende Wort bindet das wehe Gemüt.

Frei nur werde getragen der Schmerz und die Demütigung, höre:

Zwang und der äußere Druck wenden zur Feindschaft den Sinn.

Nie ja bessert den Sünder der nackte Gewissensbisse Stachel,

So wie der Teufel Schar zitternd im Glauben verharret;

Gottesliebe kennen sie nicht und Religion nicht im Abgrund,

Weil sie zu glauben gezwungen, ohne die Freiheit der Wahl.


Verwandt ist die Liebe dem Mitleid, und Platon nannte sie weislich

Tochter des Reichtums, zugleich Tochter der Armut und Not.

Deute dies so: Sie entspringt aus Verzeihen und Reue im Bunde,

Da nur das reichere Herz gütig Vergebung gewährt,

Und nur das arme der Gnade bedarf. Doch brechen wir nimmer

Aus der natürlichen Haft, einsam in Trotz und in Geiz,

Wenn nicht die göttliche Macht der Liebe die Schranken durchbricht, uns

Heitert und tragend erhebt über das eigene Ich.

Wo sich Verzeihung und Reue auf Erden als Friede begegnen,

Wirken die Sterblichen nicht bloß aus der eigenen Kraft:

Höhere, göttliche Führung ist unter die Menschen getreten,

Der sich ein jeglicher Geist willig und opfernd unterwirft.

Sie schenkt dem Einen den Reichtum, dem Andern die Demut der Reue;

Heilig und religiös strahlt der Versöhnung Altar.


Höher stehet der Mittler als jene, die er vermittelt;

Dies ist ein ewiges Recht, welches im Kosmos regiert.

Tiefer offenbart sich die Liebe, die rettend versöhnet,

Als das Gesetz und das Recht, das nur die Sünde bestraft.

So auch im Staate: Wo Fürsten und Völker im Bunde bestehn soll'n,

Dass nicht Despotenwind, noch der Empörung Orkan

Freie Genossen zerstöre, bedarf es der sittlichen Mächte;

Nur Religion hält den Bau frei und organisch vereint.

Seicht und verwerflich erscheinen die Lehren der Staatskunst, die wähnen,

Dass ohne Gotte der Staat wachse und dauernd bestehe,

Oder die nicht es begreifen, dass Völker zur Liebe berufen,

Aus der Natur in den Geist schreiten im höheren Bund.


Nicht in den Stand der Unschuld versetzt uns die heil'ge Versöhnung,

Nicht in das erste Stadium führt sie den Menschen zurück:

Nein, in das zweite, das höhere Stadium reißt sie ihn augenblicks,

Wo uns das Gesetz des Lebens herrlich und mächtig erscheint.

Innige Reunionen sind fester als frühere Bande,

Weil sich das einende Wort tiefer im Schmerze ergreift.

Aus der Zerrüttung entspringt eine neuere, reichere Quelle,

Die das Getrennte nur noch fester an Gotte verkettet.

Teurer ist uns das Kind, das wir vor dem Tode gerettet,

Und die Genesung schmeckt süßer als Tage voll Kraft.

Größere Freude herrscht im Himmel ob einem, der reuig sich wendet,

Als ob den Neunzigern, welche der Buße nicht wert.

Schau den Organismus: Wo Sehnen und Knochen zerbrachen,

Schützt eine Callus-Narbe feste die Zukunft vor Bruch.


Höchste Erfüllung erfährt dies Gesetz in den Epochen der Schöpfung,

Da sich der ewige Gott dreifach den Welten verhieß.

Als der Mensch ward gesendet, ging voraus ein gewaltiges Brechen,

Gleich wie nach heftiger Schlacht Trümmer das Feld nur bedecken;

Restauration war sein Ruf für das eingestürzte Gefüge,

Und aus dem ersten Ruin schuf Gott den Denker der Welt.

Doch als der Mensch dann verfiel und sündig vom Schöpfer sich wandte,

Fasste sich Gott noch einmal tiefer im innersten Kern:

Aus der tiefsten Emanation sandte er Jesus, die Liebe,

Dass er den ewigen Bund unzertrennlich erneu’!

Höchste Erhebung ward dem Geschöpfe im Mittler gegeben,

Und das vergossene Blut diente zum ewigen Kitt.


Flüssig ward durch das Opfer das Herzblut der sterblichen Wesen,

Frei und vom Eise erlöst feiert das Lebensprinzip.

Heimgesucht und befreit von der Erstarrung der ewigen Selbstheit,

Kann nun der Mensch aus der Nacht steigen zum zweiten Stadium.

Die sich verschließende, harte Person ward gnädig geöffnet

Durch diese göttliche Glut, welche die Kälte bezwang.

Da sich der Schöpfer geopfert, vermag sich der Mensch nun zu geben,

Opfert sich Gotte zuerst, dann auch dem Bruder der Welt.

Ohne den Hinterhalt eig’ner Begierden liebt er die Menschen,

Und die Natur wird ihm neu, heilig, befreundet und klar.


Dass diese dritte Epoche der Weltzeit wirklich erschienen,

Zeigt uns der Wandel der Kraft, wie sich die Liebe bewährt.

Vergleiche die Ehe, die Sitten und Rechte der Völker, die ehedem

Dunkel im Heidentum sahn, mit dem christlichen Licht!

Selbst in der feinen Galanterie, wo sie edel sich zeiget,

Spricht sich der Wandel der Zeit deutlich und unverkennbar aus.

Erst durch Christus gelangte das Weib zu der Würde und Ehre,

Bürgerlich frei und geehrt steht sie im Leben nun da.

Große Ursache hat das Geschlecht, die Bewahr’rin der Liebe,

Dass es dem Glauben getreu schütze das heilige Wort.

Denn nur Gemüter, die rein mit dem ewigen Vater versöhnt sind,

Finden im Irdischen auch liebend und ewig zusammen.


Darum nenn ich das Weib die getreue Bewahr'rin der Liebe:

Denn in dem Manne erwacht herrisch die Lust als Beginn.

Ihr folgt erst die Liebe; doch schau das Gesetz bei dem Weibe:

Dort folgt weislich die Lust erst der Entzündung des Herz’s.

Minder fähig ist sie, die beiden Elemente zu trennen,

Als es dem Manne gelingt in seiner kälteren Art.

Was nun der Mann ihr bewusst im Beginne gewähret, die Lust, ist

Schlechter; das Weib aber gibt Liebe, das bessere Gut.

Gegen die Würde des Weibes im Bunde der Geschlechter gilt nimmer

Jeglicher Missbrauch der Welt (Schlechtestes folgt aus dem Besten!).

Auch nicht der Einwand, dass sie ja im Manne die Flamme entzündet,

Während der Jungfrau Sinn rein an dem Jüngling erwacht.

Denn unschuldig und blind erweckt sie die Lust in dem Manne,

Der sie empfängt, und sie gibt Liebe bewusst ihm zurück.


Bleibt die Geschlechtsliebe bloß in den Banden der rohen Natur noch,

Führt sie die Elemente nie zur Vollendung empor;

Nie vereint sie Erhabenheit rein mit der Demut im Geiste,

Nimmer befreit sie die Person von dem sachlichen Zwang.

Wo dies Wunder geschieht, da nahm sie den Glauben im Herzen

Auf, und das göttliche Licht weiht den erhabenen Bund.

Denk an die Kräfte, wenn wild sie in sündiger Ehe sich trennen,

Wo nur Opposition, Kampflust und Feindschaft regiert:

Übermut bricht sich dann Bahn (Despotenlust, Hoffart der Mächt'gen)

Und Niederträchtigkeit folgt stumm als der Sklaven Begier.

Diese Gewalten zerstören den Staat und das Leben der Menschen;

Doch die Familie heilt, segnend als heiliger Hort.


Tritt die Geschlechtsliebe nun in das höhere Stadium feierlich,

Nimmt sie den Glauben in sich, reift die Gemeinschaft der Güter.

Denn das höchste Gut des Sterblichen hier auf der Erde

Ist, dass das göttliche Bild, das er im Herzen bewahrt,

Wieder lebendig erglänze, vereint mit dem ewigen Vater,

Was ihm, wie wir gehört, nur durch Versöhnung gelingt.

Tretend im Bunde zusammen, verzichten die beiden Geliebten

Auf die einsame Pflicht, einsam zu reifen im Licht.

Solidarisch verbinden sie Streben und Ringen und Leiden,

Teilen den Schmerz der Verspätung, teilen die Freude des Heils.

Gemeinsam durchschreiten sie nun den Prozess der Versöhnung;

Bis an die Pforten der Höll’ folgt die Getreue dem Freund.


Wenn die Vermählten im Fleische die Gattungseinheit begründen,

Nicht separatistisch und blind schließend den irdischen Bund,

Sondern ihn weitertragen im Strome der kommenden Enkel,

Nimmt die Natur ein Gesicht höherer Ordnung nun an.

Segen bringt die Geburt, wenn sie das Ebenbild Gotte

Wieder im Menschen erneu’t, heilend das kranke Geschlecht;

Oder sie wirket als Fluch für die kommenden Generationen,

Wenn sich die Sünde vererbt, dunkel von Vater auf Sohn.


Anfangs erscheint den Geliebten der Partner in göttlichem Glanze,

Schöner und reiner und gut, weit über irdisches Maß.

Diese Phantasmagorie, dies Entzücken der ersten Erweckung,

Nehme das Paar als ein’ Ruf, welcher zur Arbeit sie treibt:

Dass sie im Wirken erreichen, was ihnen im Spiegel der Liebe

Ahndend als himmlisches Licht flüchtig am Morgen erschien.

Töricht mißbrauchen die Meisten die flüchtige Morgenröte,

Eitel im Müßiggang nur spiegelnd das eigene Ich.

Böhme hat uns gewiesen, wie einst der gefallene Adam,

Da er das Bildnis verlor, sank in die fleischliche Haft;

Dennoch erglänzt ihm die Jungfrau (die heilige, himmlische Sophia)

Mitten im Elend der Nacht, gleich wie ein leitender Stern.

Weisheit ist Weiserin uns und führt aus der Fremde zur Heimat;

Führer und Leuchter und Schild steht sie im Inneren da.

Findet im Bunde des Geistes sich Mannheit und Weibheit zusammen,

Wird das Verlöbnis der Seele herrlich im Glauben besiegelt.

Unter der Form der Geliebten erblickt er die göttliche Jungfrau,

Und der Geliebten erscheint er als der schützende Geist.

Hellsichtig blickt sie hindurch durch die Hülle der irdischen Formen:

Dies bringt Ekstase dem Geist, dies bringt den Silberblick her.

Höherer Zweck ist die heil’ge, gemeinsame Wiederverkörperung,

Dass sich als Kinder des Herrn beide gebären aufs Neu’.

Wie einst Adams Entstellung im Innern des Geistes begonnen,

Eh sich im Schlafe der Leib trennte in Männlein und Weib,

So muss die Restauration im Inneren leise beginnen,

Noch im lebendigen Leib, eh uns der Tod erst befreit.

Heilen soll uns die Liebe von jeglicher lähmenden Halbheit,

Ergänzung findet der Mann, Ganzheit das Weib im Verein.

Darum ist Unlust und Kreuz von der Lust der Liebe zu trennen

Niemals; der Mensch muss mit Schmerz weichen, wo freudig er ging.

Denn die selbstsücht‘ge Natur, die als Mannheit und Weibheit noch streitet,

Ist das gemeinsame Kreuz, das man im Zeitleben trägt.

Würde dies Ringen der Liebe im Kampf mit dem Teufel (dem Feinde

Jeglicher Wiedergeburt) dramatisch ein Dichter uns nahn:

Wahrhafter wär’ es und kühner und reicher an Poesie noch,

Als was uns Sänger bisher sangen im blinden Wahn.

Mögen die Sätze der Erotik beweisen, dass Wissenschaft leuchtet,

Wo das Geschwätz Unverstand, Bosheit und Dummheit gebiert.

Schlechtigkeit zeigt sich im irdischen Eros, dieweil er so blind ist;

Hellsehend aber und frei strahlet der himmlische Gott.



II


Kaufmannsbücher vermerken genau, was wir nehmen und geben,

Soll und Haben bestimmt, wer wem verpflichtet nun ist.

Genauso rechnet die Liebe: Indem sich die Eine dem Andern

Gibt, wird dieser Schuldner, schenkt er sich, wird sie es ihm.

Aber auch Gott kann sich nimmer dir schenken, wenn du dich ihm weigerst,

Ihm dich nicht gläubig vertraust, lassend dich ganz in die Hand.

Doch er entzieht sich dir nie, wenn gläubig du selbst dich ihm hingibst;

Gott ist, o Wunder der Welt, Schuldner dem Menschen sodann.


Herrschend besitze ich sie, bin Herr der Geliebten im Leben,

Doch sie besitzt mich sodann, herrscht als Gebieterin mir.

Kann ich dem Wesen, das ich so liebe, ein Freudenfest schenken,

Bin ich von Mangel befreit, Schmerz und Bedürfnis entfliehn.

Nehm’ ich ihr Leiden hinweg, empfange ich selber das Glück nur;

Gleichen Dank sind wir schuldig dem Liebenden stets.

Deshalb sagt man mit Recht, dass die Liebe das, was sie uns spendet,

Überall doppelt verbucht, kreidet es zweifach uns an.


Mancher behauptet wohl auch, der Liebende danke der Liebsten

Dafür schon innig, dass sie Liebe von ihm nur empfängt.

Schauest du näher jedoch, so siehst du: Es kann dich nur lieben,

Lassen von dir sich geliebt, wer dich im Herzen erwählt.


Einzig die Liebe macht frei, sie schenkt uns den edelsten Freisinn,

Weil sie das herrschende Recht trennt von der Pflicht nicht im Dienst;

Niemals trennt sie Besitz vom Besessensein, niemals das Nehmen

Vom Sich-Geben, das uns frei an den Andern verliert.


Nichts ist törichter wohl, als an Eigenliebe zu glauben,

Niemand umarmt sich doch selbst, liebt sich im Spiegel allein.

Wer sich zu lieben begehrt und selbst sich bewundernd betrachten,

Sucht nur im Zeugnis der Welt Zweifel zu tilgen im Geist,

Zweifel an eigener Güte; doch wird es ihm niemals gelingen,

Innen bleibt er verarmt, einsam und leer im Genuss.


Niemals ist Geber die Gabe, die Gabe ist niemals der Geber,

Dennoch schenkt sich im Gut jener, der liebend es reicht.

Und der Empfänger empfängt den Geber selbst in dem Geschenke,

Sofern Liebe den Geist öffnet für das, was er nimmt.

Schenk’ ich die Gabe dir reich und gebe mein Herz nicht darein mit,

Lieb’ ich dich nicht, und nimmst du mich nicht wahr, liebst du nicht mich.


Lieben heißt Dienen dem Andern, so tief, dass die Mühe des Dienstes

Leicht aus sich selber heraus Liebe im Herzen gebiert.

Gerne zu tun und zu leiden, zu darben fürs Wohl des Geliebten,

Das ist ihr Wesen; und wer nichts mehr zu opfern vermag,

Nichts mehr zu missen versteht, kein Leiden mehr trägt für den Andern,

Dessen Feuer erlischt, Liebe verlässt seine Brust.


Nicht das Dienen macht knechtisch, nicht Arbeit erniedrigt den Menschen,

Sondern der Dienst nur, der ganz Liebe und Achtung vertreibt.

Liebesdienst aber befreit uns, erhebt das Gemüt und beglückt uns;

Töricht ist, wer durch den Geiz, dienstlos zu leben, befreit.


Nicht die sichtbare Speise ernährt uns und sättigt den Körper,

Sondern ein heimlicher Geist, welcher verborgen in ihr,

Welcher inkognito wirkt; und nehmen wir diese Nahrung,

Treten die Mächte mit uns, die sie erschufen, in Bund.

Wenn am Himmel die Sonne mit Licht und mit Wärme die Pflanzen

Segnet, speist und geweiht Leben im Keime erweckt –

(Denn was die Sonne nicht segnet, das kann auch auf Erden nicht grünen) –

Spricht sie zu ihnen herab: „Nehmet und esset von mir!“

Doch sie zerreißt sich ja nicht in den zahllosen Hostien unten,

Bleibt am Himmel dieselbe, strahlend im ewigen Licht.


Niemals besitzt man ein Du als Person unmittelbar im Genusse,

Es sei denn, dass es zur Sach’ schandbar herab sich gestuft.

Darum ist jedes Sich-Geben ein Opfer, das liebend wir bringen;

Wer diesen Wechsel nicht sieht, welcher sich ständig vollzieht –

Wie sich das Selbstische wandelt zur Ganzheit der losen Natur hin –

Der versteht weder den Geist, noch was die Liebe vermag.

Hieraus begreift man das Wesen des Geists, der androgyn gegründet,

Seine Natur in sich trägt, nicht in der Welt sich verliert.

Wahre Liebe wird wahr, wenn beide die Kräfte des Selbstseins

Und des Entselbstens zugleich wecken im wechselnden Spiel.


Eigentlich nährt und erhält ein Herz nur das andere Herze,

Bei jeder anderen Kost bleibt uns die Seele doch leer.

Wie nun der Mensch nur vom Menschen lebt und das Leben empfängt hier,

Kann er dem Anderen auch Gift und der Todestrank sein.

Töricht sind darum die Menschen zu nennen, die sorgsam und ängstlich

Wählen die Speise dem Bauch, prüfen, was nahrhaft und gut,

Aber so achtlos und blind die Nahrung des Herzens verschmähen,

Welche die Seele vergiftet oder mit Leben erfüllt.


Gäbe es nicht in der Mitte das göttliche Zentralherze,

Dessen Gemeinschaft uns nährt, drinnen wir finden die Ruh’,

Könnten die Menschen sich nie wechselseitig im Leben erhalten,

Fänden im Anderen nicht Nahrung und stärkende Kraft.


Leichtsinn führte uns oft, der Zufall, ja Sünde zusammen,

Doch folgt daraus noch nicht, dass auch das Bleiben ein Fluch.

Denn es vermag ja der Mensch aus schlechten, geringen Motiven

Etwas Höh’res zu baun, Gutes zu wecken im Geist.

Not und die dürftige Pflicht verknüpfen die Menschen im Leben,

Doch das Bündnis besteht, wenn auch die Not schon verging.

So ist die Liebe Natur, als Unmittelbares gegeben,

Aber als Aufgabe auch, dass sie durch Tat sich verklärt.


Klagst du über die Flucht und die Eitelkeit irdischer Liebe?

Du nur hättest das Fleisch wandelnd ins Ewige hier,

Hättest der Zeit es entrissen, zeitfrei das Vergängliche machend,

Statt dass du reichlich der Zeit opferst das flüchtige Glück.