POEM
VON TORSTEN SCHWANKE
ERSTER GESANG
I
Siegfried gesunken, Sonne erloschen,
Blut auf dem Boden, Bann ist gelegt.
Gudrun am Gatten, grimmig im Schweigen,
Fassungslos starrt sie das Finster an.
Sie sitzt da, eine Bildsäule aus bleichem Fleisch,
mitten im Prunk der hohen Halle.
Die Krieger kommen, die Schilde gesenkt,
ihre Rüstungen klirren wie Eis auf dem See,
doch sie hört nur die Stille,
die aus seinen Wunden quillt.
Trocken die Augen, Tränen versagt,
Heiß brennt das Herz, doch die Hülle ist Eis.
Keiner der Krieger kürt ihr ein Wort,
Stumm wie der Stahl, der den Stolzen durchbohrt.
Frauen treten herzu, weise und alt,
sie berichten von eigenem Herzeleid,
von erschlagenen Söhnen und brennenden Burgen,
um den Damm ihres Jammers zu brechen.
Doch Gudrun bleibt Fels.
Kein Muskel zuckt in ihrem Antlitz,
das Licht ihrer Augen ist nach innen gewandt,
dorthin, wo die Liebe als Scherbenhaufen liegt.
Grausames Warten, Götter entmachtet,
Nornen nebeln das Nichts herauf.
Reglos die Reine, Raub der Verzweiflung,
Siegfrieds Schlummer wird Schmerz ohne End.
Er, der den Drachen schlug,
liegt nun wie ein Baum im herbstlichen Wald,
gefällt durch die Tücke der eigenen Sippe.
Sein Haar, noch feucht vom Tau des Waldes,
klebt an der Schläfe im geronnenen Rot.
Gudrun sieht die Hand, die den Ring ihr gab,
sie sieht die Lippen, die den Eid geschworen,
und in ihrem Inneren reißt die Welt entzwei,
ohne einen Laut, ohne ein Zittern.
Einsam am Ende, Adel verfällt,
Gattenmord giftet im Geiste nun fort.
Wortlos die Waise, Wut noch im Keim,
Eisig ist Gudrun, dem Ewigen nah.
II
Frauen sich fanden, Frieden zu bringen,
Edle erzählten vom eigenen Leid.
Kummer an Kummer, Knoten aus Schmerz,
Wunden der Weiber, Worte wie Gift.
Zuerst trat Gjaflaug, alt und gebeugt,
deren Haar weiß wie der Gischt des Nordmeers war.
„Sieh mich an, Tochter der Gjuki!“ rief sie,
„Fünf Gatten sah ich im Staub verenden,
zwei Töchter bettete ich ins kalte Grab,
acht Brüder fraß mir das gierige Schwert –
und doch atme ich, und doch lebe ich noch.“
Hartherzig blieb Gudrun, Halt war verloren,
Stumm blieb die Starre, kein Stöhnen entwich.
Trocken die Wangen, Tod in dem Blick,
Fels in der Flutung, furchtbar die Not.
Dann sprach Herborg, die Königin ferner Lande,
mit einer Stimme, die wie gebrochenes Holz klang:
„Sieben Söhne fielen im Süden dem Krieg zum Opfer,
mein Gatte sank unter das tückische Beil.
Vater und Mutter und vier Brüder dazu
verschlang das Meer in einer einzigen Nacht.
Ich selbst musste dienen, als Sklavin im Elend,
band die Schuhe derer, die mein Volk erschlugen.“
Sinnlos das Sprechen, Seelen in Not,
Gudrun nicht glaubte an Güte noch Trost.
Zähren nicht zeigten sich, Zorn war noch fern,
Eisig das Eiland im Ozean Schmerz.
Sie saßen im Kreis, ein Chor der Witwen,
ein Teppich aus Elend, gewebt aus tausend Jahren.
Jede Wunde wurde offenbart,
jedes Schluchzen hallte von den Schilden wider,
doch Gudrun saß wie aus Granit gehauen.
Ihr Schmerz war zu groß für die kleinen Geschichten der Menschen,
er war ein Abgrund, so tief und so weit,
dass kein Wort der Welt den Boden berührte.
Bleich blieb die Braut, Blut auf dem Laken,
Keine der Klagen den Kerker durchbrach.
Siegfried im Schatten, Stille im Saal,
Gudrun versteinert, im Grimm ganz allein.
III
Gullrönd die Gütige, Gjuki-Tochter,
Schritt zu dem Schläfer, Schleier ergriff.
Weg war die Wolle, Wunden entblößt,
Siegfrieds Statt war im Sonnenlicht nackt.
Gullrönd packte das Laken mit festem Griff,
sie riss die Leinwand vom blutigen Leib.
Dort lag er, der Drachentöter, das Licht des Nordens,
das Haupt zur Seite, die Locken verklebt,
die Brust zerrissen vom finsteren Speer.
Sie zwang das Auge der Schwester zum Schauen,
sie drückte den Kopf der Erstarreten nieder,
bis die Totenstarre auf die Lebende traf.
Gudrun nun guckte, Grauen erwachte,
Blut sah die Blasse, Balken zerbrach.
Kummer entkollte, Kaskaden von Tränen,
Heiß rann die Hilfe über Hände und Brust.
Wie das Eis des Winters unter der Märzsonne birst,
so brach das Schweigen in Gudruns Kehl.
Ein Schrei, so gellend, dass die Falken aufschraken,
erfüllte die Halle, zerriss das Gebälk.
Die Tränen, die erstarrt waren, wurden zum Strom,
sie netzten das Antlitz des toten Helden,
ein salziges Opfer auf kaltem Altar.
Schluchzen und Schreien, Schicksal erkannt,
Worte wie Waffen wuchsen im Mund.
„So war mein Siegfried vor Säulen des Hofes,
wie der Lauch, der leuchtend aus Gräsern ragt!“
Sie fand ihre Sprache, doch sie war nun aus Eisen.
Sie pries seine Herrlichkeit, sein strahlendes Wesen,
und verfluchte die Brüder, die den Treueid brachen.
Das Weinen war nicht nur das Ende der Qual,
es war die Taufe für das, was nun folgen musste:
Der bittere Keim einer Rache, die Reiche verbrennt.
Zorn nun im Zittern, Zähren verflogen,
Gudrun ergrimmte, Gier nach Vergeltung.
Tod dem Verrat, das Urteil gesprochen,
Finsternis folgt nun dem fallenden Licht.
IV
Verräter am Volke, Verschwörer im Dunkeln,
Sippe der Sünde, vom Schicksal gezeichnet!
Gunther und Högni, die Hände voll Rot,
Eide sind Asche, die Ehr ist ein Grab.
Gudrun tritt vor, ihr Antlitz wie bleiches Erz,
die Tränen auf den Wangen sind zu Runen gefroren.
Sie weist auf die Wunden, die klaffenden Schlünde,
und ihre Stimme schwillt an wie die Brandung der Nordsee,
wenn der Wintersturm die Klippen zerpeitscht:
„Glaubt ihr, das Gold wird die Gier euch stillen?
Glaubt ihr, der Hort deckt den Mord an dem Freund?
Nein! Das Metall wird an Gliedern euch lasten,
es wird euch wie Blei in die Tiefe der Flut ziehen.
Der Rhein wird das Rheingold im Schlamme verbergen,
doch euer Blut wird die Ströme noch färben,
wenn die Raben das Fleisch von den Knochen euch schälen!“
Ringe sind Reif, die den Rachen euch würgen,
Schätze sind Schlingen, die Schlächter nun fangen.
Wölfe im Wald wittern Wohlgeruch bald,
Fürsten werden Futter im fahlen Geäst.
„Ich sehe die Zukunft durch neblige Schleier:
Ich sehe den Saal, der in Flammen versinkt!
Attila, der Hunne, mit hungrigen Augen,
wird rufen nach Gold, doch er bekommt nur den Tod.
Ihr werdet kriechen, wo ihr einst stolz geschritten,
werdet um Gnade winseln, die ihr Siegfried versagtet.
Gunther! Die Schlangen werden dein Urteil besiegeln,
sie werden sich winden um dein lügendes Herz,
während deine Saiten die Grabnacht besingen!“
Stahl wird euch stechen, Stein wird euch betten,
Einsam im Elend, von Allen verflucht.
Nornen necken die Nichtigen nun,
Gudruns Galle wird Götter noch schrecken.
„Und du, Högni, der du den Speer hast geführt:
Kein Jammer wird kommen aus deiner Brust!
Man wird dich schlachten wie ein Tier auf dem Felde,
dein Herz wird auf silberner Schale mir dienen,
noch zuckend vor Stolz, doch verloren im Nichts.
Ich selbst werde schenken den Wein aus den Schädeln,
werde mischen das Gift mit dem Blut meiner Kinder,
um das Ende zu feiern, das ihr heute begann!“
Grauen wird geboren, Gunst ist entflohen,
Wort ist nun Waffe, der Wille ist fest.
Siegfried ist Schatten, doch Sühne wird heiß,
Nibelungen-Nacht verschlingt nun das Land.
Die Fackeln erlöschen im Hauch ihres Zorns,
die Helden erzittern, die Schilde werden schwer.
Denn Gudrun hat nicht nur ein Ende geweissagt,
sie hat den Untergang in die Erde gestampft.
Sie kehrt dem Hofe den Rücken, dem Lichte, dem Leben,
und wandelt als Schatten in das kommende Leid,
eine Königin der Asche, bis das Feuer alles frisst.
Untergang naht, die Urzeit verhallt,
Eisig ist Ende, das Ewig beginnt.
Gudrun ist Geist, der die Gier nun bewacht,
Finsternis folgt dem fallenden Glanz.
V
Theoderich, Thronloser, Teilhaber am Leid,
Höre die Heldin, die Heimat verlor.
Nach Siegfrieds Sturz und der Sippe Verrat,
Floh ich nach Fernsten, nach Flensburgs Gestade.
Drei Winter saß ich, drei Sommer dazu,
im Saal von König Halb, dem Dänenfürsten.
Dort gab es kein Lachen, kein Festmahl, kein Lied,
nur das rhythmische Schlagen des Weberschiffs,
das hin und her durch die Kette glitt,
wie die Trauer durch mein dorniges Herz.
Weben und Warten, Wolle und Gram,
Fäden des Fluchs, in Farben getaucht.
Bilder des Blutes, Banner der Not,
Gudrun gestaltete Gestern im Tuch.
Ich wob nicht Blumen, ich wob nicht das Laub,
ich wob die Helden in purpurnem Garn.
Dort sah man Sigurds (Siegfrieds) strahlende Schilde,
den Kampf mit dem Drachen am glühenden Hort.
Ich wob das Antlitz des Gatten so klar,
dass ich meinte, der Faden begänne zu atmen,
doch das Rot der Wolle war nur sein Blut.
Schwer war das Schwert, das ich schimmernd wob,
Gunther im Glanze, die Gier in der Brust.
Högni im Hinterhalt, Heimtücke groß,
Wirre des Wirkens, das Wohl war dahin.
Ich wob die Schiffe mit den scharfen Steven,
die uns trugen weg vom Lande der Ahnen.
Frauen in Dänemark lernten von mir,
wie man Schmerz in ein Muster aus Seide bannt.
Mein Finger war wund vom ewigen Zug,
doch wunder war die Seele, die nimmer genas,
während das Gewebe zum Kerker mir wurde.
Einsam am Ende, das Eis in der Hand,
Königin der Knoten, im Kloster der Not.
Tage vertieften das Totengedenk,
Gudrun am Gatter, vom Glück weit entfernt.
„Siehst du, Theoderich, wie die Fäden sich kreuzen?
Mein Leben ist das Tuch, das niemals endet.
Jeder Schuss ein Seufzer, jeder Anschlag ein Schrei.
In Dänemark dachte ich, die Stille sei Trost,
doch der Webstuhl schlug nur den Takt meiner Rache,
bis das Garn zu Ende war – und die Geduld.“
Flucht war kein Frieden, Ferne kein Heil,
Schicksal verschlingt, was die Schöne erdacht.
Nun bin ich Nichts, nur ein Nachhall im Wind,
Gewebe aus Galle, dem Gestern geweiht.
VI
Gunther kam gehend, mit Gold in den Händen,
Högni der Harte, mit Heuchelei im Blick.
Sühne sie suchten, mit Schätzen des Hortes,
Brüder im Bündnis, vom Blute befleckt.
Sie ritten nach Dänemark, die Helme im Licht,
mit Rossen, die schwer an der Beute trugen.
Sie traten vor Gudrun, die am Webstuhl saß,
und schütteten Ringe zu ihren Füßen,
als ließe sich Schmerz wie Getreide bemessen,
als wäre ein Gatte nur eine Ware im Wind.
Reichtum als Rettung, Ringe aus Rotgold,
Blutgeld für Bräute, den Bann zu entmachten.
Gierig das Geben, doch Gudrun blieb kühl,
Eisig die Edle, die Eide noch zählt.
Gunther sprach mit der Zunge des Fuchses:
„Nimm hin, Schwester, was das Schicksal uns gab!
Wir bieten dir Städte und stolze Vasallen,
goldene Hallen und edles Gewand.
Vergiss den Toten, der im Walde verrottet,
denn Leben will leben, und Gold ist die Macht.“
Doch Gudrun sah nicht das Gold an den Händen,
sie sah nur den Schorf an den Spitzen der Speere.
Mörder als Milde, Mord wird vergoldet,
Tückische Treue, am Tische serviert.
Högni der Hasser, mit Hohn in der Stimme,
Bietet den Becher, der Bitterkeit füllt.
Sie mischten den Trank des Vergessens für sie,
mit Kräutern der Heide und Runen der Nacht,
damit sie den Namen des Liebsten verliert,
damit sie den Mord als ein Missgeschick preist.
Sie häuften das Gold, das verfluchte Metall,
das Siegfried einst Fafnir im Kampfe entriss,
doch jedes Stück strahlte wie ein brennendes Auge,
das Gudrun anklagte: „Verrätst du das Herz?“
Schimmernder Schaden, Schätze voll Fluch,
Nibelungen-Neid in Netzen aus Gold.
Sühne ist Sünde, wenn Seelen zerrissen,
Gudrun verachtet, was Gunther ihr reicht.
„Ihr bringt mir den Hort?“, rief sie durch die Halle,
„Ihr bringt mir das Metall, das den Gatten erschlug?
Man kann die Sonne nicht mit Asche bezahlen,
und nicht den Sommer mit gefrorenem Erz!
Ihr kauft euch nicht frei von dem Schrei im Geäst,
wenn der Rabe am Morgen nach Rache noch ruft.“
Finster das Feilschen, Frieden gelogen,
Galle im Glanze, das Gift wirkt nun fort.
Brüder besiegeln ihr baldiges Ende,
Gudrun nimmt Gold – doch sie gibt keinen Trost.
VII
Kriemhild die Glaubende, mit Gift in der Schale,
Mutter voll Macht, die das Meistern versteht.
Runen am Rande, im Rausche gebettet,
Trübe das Trinken, das Trauer verdrängt.
Sie mischte den Becher im fahlen Licht,
mit Kräutern vom Abhang des Totenreichs.
Darin war die Kälte des Nordwinds gefangen,
der Saft der Eibe, die im Schatten gedeiht,
und das Blut von Opfern, die namenlos blieben.
Sie trat an das Lager der bleichen Tochter,
die noch immer den Namen des Toten flüsterte,
als wäre er ein Gebet gegen die Nacht.
Wortlose Weihe, das Wissen zerrinnt,
Gudrun nun greift nach dem gläsernen Kelch.
Schluck um Schluchzen, der Schmerz wird nun leise,
Nebel umnachten das nahe Gedenken.
Der erste Schluck löschte das Bild seines Antlitzes,
das Gold seiner Haare verblasste zu Staub.
Der zweite Schluck stahl ihr den Klang seiner Stimme,
das Lachen im Wald, das die Vögel einst weckte.
Beim dritten Schluck sank die Erinnerung tief,
hinab in den Brunnen, wo die Zeit stillsteht,
bis Siegfried nur noch ein Schatten im Traum war,
ein Fremder, den sie niemals gekannt.
Leere im Leibe, das Lächeln kehrt wieder,
Fremd ist die Frau, die vom Früheren nichts weiß.
Gattenmord gleitet ins Gähnen des Vergessens,
Sinn ist gesunken im Sumpf der Geduld.
Ihre Augen, einst Meere aus bitteren Tränen,
sind nun wie glattpoliertes, ruhiges Glas.
Sie sieht ihre Brüder, die Mörder des Liebsten,
und reicht ihnen die Hand, als wären sie rein.
Die Mutter lächelt, das Werk ist vollbracht:
Die Witwe ist bereit für ein neues Joch,
für den Thron des Hunnen, für Attila den Gierigen,
denn wer keine Wurzeln hat, den treibt der Wind.
Heirat nun harrt, das Heil ist verloren,
Stumm ist die Seele, vom Saft nun betäubt.
Gudrun wird Gattin im Glanz der Vernichtung,
Opfer am Ort, wo das Elend noch wacht.
VIII
Attila der Ärgste, nach Osten gewandt,
Gierig auf Gold, das die Gjuki-Söhne hüten.
Zwang war der Zoll, den die Zitternde zahlte,
Brautfahrt des Bannes, ins Hunnen-Land.
Sie hoben sie auf den goldgesattelten Hengst,
eine Königin aus Eis, die den Weg nicht kennt.
Hinter ihr lagen die Gräber der Heimat,
vor ihr die Steppe, weit und grausam,
wo der Wind nach verbrannter Erde schmeckt.
Ihre Mutter Kriemhild stieß sie voran,
während die Brüder im Schatten sich freuten,
dass die Zeugin ihres Mordes im Osten verschwand.
Ahnung im Argwohn, Alpträume nagen,
Finster das Folgen, die Fahrt ist behaftet.
Gudrun ergrübelt das Gähnen der Zukunft,
Heirat wird Hölle, das Heil ist verspielt.
In den Nächten am Lagerfeuer, wenn der Trank nachließ,
krochen die Schatten wieder über ihr Herz.
Sie sah in den Flammen nicht Attilas Thron,
sondern lodernde Hallen und brechende Schilde.
Sie sah das Gold der Nibelungen,
wie es im Schlamm der Hunnen-Flüsse versinkt,
und spürte den kalten Hauch eines neuen Verrats,
der wie Raureif auf ihrer bleichen Haut lag.
Ehe ohne Ehre, Opfer der Edlen,
Bitter die Becher, die Bald sie kredenzt.
Königin der Klagen, im Käfig der Steppe,
Unheil wird Unglück im Untergang wecken.
„Warum führt ihr mich fort?“, war ihr stummer Schrei,
doch ihre Lippen formten nur das höfische Ja.
Sie sah Attila entgegen, dem Herrn der Horden,
dessen Augen wie Kohlen in der Dunkelheit glühten.
Er begehrte nicht sie, er begehrte das Erbe,
den Schatz ihres Gatten, den Hort aus dem Rhein.
Und Gudrun wusste, tief im erfrorenen Geist:
Diese Hochzeit ist das Totenmahl für ihr gesamtes Geschlecht.
Sturm wird nun steigen, die Steppe erzittern,
Scharfe Schwerter im Schatten gewetzt.
Gudrun nun Gattin, doch Grimm ist ihr Erbe,
Ende der Edlen ist Ewig nun nah.
IX
Hasserfüllt die Herkja, die Hunnen-Magd,
Lügen sie lenkte, das Laster zu schüren.
Gudrun sie griff an, die Gattin des Königs,
Gift in das Gehör des Gatten sie goss.
„Sieh nur, Attila!“, zischte die Kebse im Dunkeln,
„Deine Königin schleicht, wenn die Fackeln erlöschen.
Theoderich, der Gast, der thronlose Fürst,
kennt ihre Gunst und das Glühen der Nacht.
Sie teilt nicht dein Bett, sie teilt nur den Traum
mit dem Fremden aus Bern im verborgenen Raum!“
Argwohn bei Attila, das Antlitz verfinstert,
Treue bezweifelt, die Tücke erwacht.
Gudrun nun gefordert, vor Gästen zu stehen,
Ehre zu erden, die Eifersucht brennt.
Gudrun stand aufrecht, die Kälte im Blick,
das Herz noch betäubt, doch der Stolz ungebogen.
„Kein Lager teilt ich, kein Laster beging ich,
als das Weinen im Dunkeln um das, was ich verlor.
Wir klagten gemeinsam, vom Schicksal vertrieben,
Theoderich und ich – zwei Seelen im Sturm.
Doch wenn du mir misstraust, so rufe das Recht:
Das Kessel-Gericht soll die Wahrheit nun künden!“
Siedend das Schicksal, im Silber-Kessel,
Wahrheit im Wasser, das Wunder nun harrt.
Gudrun wird greifen, die Gerechte sich zeigen,
Lügen der Lasterhaft lohen im Blut.
X
Siedend das Silber, im Suhle-Kessel,
Wallend das Wasser, die Wahrheit zu prüfen.
Gudrun tritt glaubhaft zum glühenden Erz,
Heilig die Hand, die ins Helle nun greift.
Attila befahl, den Kessel zu füllen,
bis der Dampf wie ein Nebel das Gebälk umschlang.
Siebenhundert Männer standen im Kreis,
als die Königin die Ärmel nach oben schlug.
Ihre Arme waren weiß wie der Schnee auf den Alpen,
doch ihr Wille war härter als das Eisen der Waffen.
Tief in das Toben, das Tauchen der Finger,
Gudrun nicht grauste, das Gift zu besiegen.
Edelsteine sie erntete vom ehernen Grund,
Unverletzt war die Unschuld, vom Unglück verschont.
Sie zog die Hand aus der kochenden Flut,
und siehe: Die Haut war glatt und rein,
keine Blase, kein Brand, kein Zeichen der Schande.
„Hier sind die Steine!“, rief sie dem König zu,
„Hier ist mein Recht, das das Feuer nicht frisst!
Lass nun die Lügnerin den Kessel berühren,
damit das Wasser die Wahrheit vollendet.“
Herkja nun heulte, die Hände erbebten,
Grausen ergriff die Gefallene jäh.
Sengend die Strafe, die Sünde gezeichnet,
Lügen verloderten im läuternden Bad.
Kaum berührte die Magd den Rand des Gefäßes,
da schrie sie auf, als das Wasser sie biss.
Ihre Haut zerfiel vor den Augen des Hofes,
ein hässliches Zeugnis für den Neid ihres Herzens.
So wurde Gudrun vom Makel befreit,
doch ihr Herz blieb so kalt wie der Grund des Sees,
denn die Ehre war gerettet – doch das Glück blieb fern.
Recht ist gerochen, die Reine besteht,
Finster die Falsche im Feuer vergeht.
Gudrun am Giebel, im Glanze der Macht,
Stumm in der Stunde, die das Schicksal bewacht.
XI
Wallend das Wasser, im Wunder-Becken,
Dampf stieg zum Dache, die Dunkelheit wich.
Gudrun die Glanzvolle, vor Gästen des Hofes,
Unschuld im Antlitz, den Untergang fern.
Attila der König saß starr auf dem Hochsitz,
um ihn die Hunnen, ein Wald aus Speeren.
Das Feuer darunter fraß gierig am Holz,
bis der Kessel erbebte, ein kochender Schlund.
Gudrun trat vor, ohne Zögern im Schritt,
die weiße Haut bloßgestellt dem beißenden Dunst,
denn wer Siegfried geliebt und das Elend geschaut,
den schreckt die Hitze des Wassers nicht mehr.
Greifen ins Glühende, Gudrun erbebt nicht,
Siedend die Sünde vom Schatten nun trennt.
Tief auf den Talg, zu den Teuren Steinen,
Wortlos die Waise, die Wahrheit sie fischt.
Ihr Arm glitt hinein in die schäumende Flut,
bis zum Ellenbogen umschlungen vom Tod.
Doch die Nornen, die Weberinnen am Schicksalsbaum,
hielten den schützenden Schild über sie.
Die Hitze wurde zur Kühle des Taues,
die Qual wurde fern wie ein Traum aus der Kindheit.
Als sie die Hand aus dem Kessel nun hob,
glänzten die Juwelen in ihrer flachen Hand,
heller als die Flammen, die den Boden beleckten.
Heil ist die Hülle, kein Hauch einer Wunde,
Rein wie das Rauhreif, die Rechte nun strahlt.
Stolz blickt die Starke, auf Stümper und Lügner,
Falschheit verflüchtigt im fahlenen Schein.
Keine Rötung, kein Brandmal, kein Zeichen der Pein
zeichnete das Fleisch der gequälten Frau.
Das Wasser war Richter, das Wasser war Zeuge:
Gudruns Herz war so lauter wie das Silber der Schale.
Die Ankläger schwiegen, die Recken verneigten sich,
denn die Götter selbst hatten das Urteil gesprochen.
Ihre Ehre stand fest wie ein Fels in der Brandung,
während Herkja im Schatten vor Grauen zerging.
Läuterung leuchtet, das Laster ist fort,
Gerechte Gudrun, am grimmigen Ort.
Unverletzt steht sie, im Urteil der Welt,
Königin wieder, die das Kismet nun hält.
XII
Herber der Hohn, nun in Heulen gewandelt,
Angst in den Augen, die Anklage birst.
Herkja die Hinterlist, am Heißesten Kessel,
Zitternd vor Zorn, dem das Zutrauen fehlt.
Attila der König, mit finsterer Braue,
wies auf den Kessel, der mörderisch kochte.
„Greif in die Flut, die die Gattin verschonte!
Ist dein Wort so lauter wie Gudruns Geblüt,
so wird dir das Wasser wie Seide nur schmecken.
Doch wehe der Zunge, die Lügen geschmiedet,
ihr wird das Silber zur brennenden Geißel!“
Sengendes Schicksal, im Schwall der Verzweiflung,
Gierig das Glühen, die Glieder es packt.
Haut wurde Hader, das Heiß fraß das Fleisch,
Schmerzensschrei schallte durch Säulen und Saal.
Kaum dass die Finger die Oberfläche teilten,
biss das siedende Nass bis auf den Knochen.
Das Wasser, das Gudrun wie Tau nur benetzte,
wurde für Herkja zum flüssigen Tod.
Mit rohen Stümpfen, vom Brandmal gezeichnet,
fiel sie zu Boden, vom Wahnsinn gepeitscht –
ein Zeugnis der Götter, in Fleisch nun gehauen,
dass Tücke nicht siegt, wo die Reinheit noch wacht.
Mörderin der Milde, im Moor nun versenkt,
Grab in der Gülle, wo der Geist niemals ruht.
Finster das Fangen, im Fauligen Schlamm,
Lügen verloschen im lehmigen Grund.
Sie schleppten die Elende fort aus der Halle,
hinaus in das Land, wo die Irrlichter tanzen.
Dort, wo der Boden nach Moder und Tod riecht,
im hungrigen Moor, das kein Opfer vergisst,
wurde sie tief in den Schlick nun gestoßen.
Kein Stein markiert ihre schändliche Stätte,
nur das Schilf wispert leise von Herkjas Verrat,
während Gudrun im Saale wie Marmor verweilt.
Reinigung reichte der Rächerin nun,
Schmach ist geschunden, das Schicksal getan.
Gudrun am Giebel, im Glanze des Rechts,
Einsam im Eis, das den Edlen gebührt.
XIII
Attila der Ärgste, von Aasgier getrieben,
Lud ein die Lords, zum lockenden Fest.
Gunther und Högni, das Gold war der Köder,
Gjuki-Söhne glitten ins Gähnen der Falle.
Gudrun saß im fernen Saal und hörte den Plan,
sie sah das Netz, das der Gatte gewoben.
Sie sandte Runen, mit Haaren umwunden,
um die Brüder zu warnen vor dem hungrigen Schwert.
Doch das Schicksal ist blind für die Tränen der Frauen:
Die Helden ritten dennoch, mit Schilden im Licht,
direkt in den Rachen des hunnischen Wolfs.
Warnung verhallte, die Waffen nun klirren,
Brüder im Blute, am Boden zerstückelt.
Högni lacht hell, als das Herz man ihm raubt,
Gunther im Graben, mit Giftnattern ststirbt.
Da erwachte in Gudrun das alte Geschlecht.
Vergessen war der Mord am geliebten Siegfried,
erloschen der Fluch, den sie einst ihnen sandte.
Denn das Blut der Brüder schrie lauter als Schmerz,
und der Hass auf den Hunnen wurde zur Flamme.
Sie weinte nicht mehr. Sie plante die Nacht.
Sie wurde zur Walküre im Gewand einer Braut.
Rache nun reift, im Raume der Toten,
Mutter wird Mörderin, Mitleid ist fort.
Söhne des Satrapen, sie schlachtet sie kalt,
Blut in den Bechern, dem Bösen zum Gruße.
Sie lud Attila zum Mahle, dem letzten fürwahr,
sie bot ihm den Wein in den Schädeln der Kinder.
„Iss, König!“, rief sie, und ihre Augen brannten,
„Iss das Fleisch deines Fleisches, das Blut deiner Art!“
Sie sah zu, wie er kaute, vom Grauen nichts ahnend,
bis sie das Messer am Gürtel nun zog,
um das Herz des Unterdrückers der Erde zu finden.
Stahl in den Stolzen, das Sterben beginnt,
Attila eratmet das Ende im Schlaf.
Feuer am First, die Fackeln nun fliegen,
Hallen verheeren, im Hunnen-Brand.
Sie warf den Brand in das Prunkgemach,
die Flammen leckten am Gold der Raubritter.
Gudrun stand mitten im glühenden Regen,
das Ende der Welt war ihr Hochzeitsgeschenk.
Kein Stein blieb auf Stein, kein Erbe blieb übrig,
nur die Asche derer, die Siegfried verrieten,
und die Asche derer, die Gudrun verkauft.
Asche zu Asche, das Alles vergeht,
Nibelungen-Nacht, im Nichts nun verhallt.
Gudrun am Giebel, im Glanz der Vernichtung,
Frieden im Feuer, das Finster ist nah.
XIV
Grausige Gudrun, zur Geißel geworden,
Mutter-Sinn wich dem Mord-Verlangen.
Eigene Erben, aus Attilas Geblüt,
Opferte sie der uralten Rache.
Sie rief die Knaben, die spielend noch lachten,
Erp und Eitil, die Söhne des Hunnen.
Kein Zittern der Hand, als das Eisen sie traf,
kein Zögern im Blick, als das Blut den Grund färbte.
Sie brach den Bann der mütterlichen Liebe,
um die Wurzeln des Reiches im Keim zu ersticken,
denn im Fleisch dieser Kinder lebte der Feind.
Herzen am Herde, in Honig gesotten,
Grausige Gabe, dem Gatten serviert.
Attila nun aß, vom Argwohn verlassen,
Söhne-Fleisch sättigte den Sünder im Saal.
Das Festmahl war laut, die Krieger betrunken,
Attila forderte Wein aus den goldenen Schalen.
Da trat Gudrun vor, bleich wie der Mondschein:
„Du fragtest nach Söhnen, du fragtest nach Erben?
Du findest sie hier, in deinem eigenen Leibe!
Aus ihren Schädeln trinkst du den Met,
ihre Herzen hast du als Wildbret verschlungen!“
Schrecken im Schleier, der Schlaf nun kommt,
Attila gelähmt, vom Leide getroffen.
Gudrun schleicht leise, mit Lanze und Messer,
Mord im Gemach, wo der Mächtige ruht.
Sie wartete, bis der Wein ihn bezwang,
bis der König der Hunnen im Kissen versank.
Mit der Kraft aller Ahnen, der Völsungen Wut,
stieß sie den Stahl durch die Brust des Tyrannen.
Das Blut des Gatten vermischte sich rot
mit dem Blute der Söhne auf dem Teppich der Macht.
Ein Reich für ein Leben, ein Haus für den Mord –
Gudrun stand aufrecht im sterbenden Licht.
Ende der Ehe, mit Eisen besiegeln,
Rache erreicht, das Reich steht in Flammen.
Gudrun am Giebel, im Glanz der Vernichtung,
Asche wird Alles, was Attila besaß.
XV
Lohe am Lager, das Laster verbrennt,
Halle in Heller Hast nun erglüht.
Gudrun mit Glut, das Gestern zu tilgen,
Feuer am First, das das Fürstenhaus frisst.
Sie warf die Fackel in das seidene Tuch,
ließ die Flammen lecken an Pfeiler und Prunk.
Das Gebälk der Hunnen krachte wie Donner,
während der Rauch die Toten umschlang.
Attila im Blute, die Söhne im Schlamm –
alles versank im gierigen Rot.
Gudrun stand draußen, das Antlitz verrußt,
und sah, wie ihr Leben als Asche verflog.
Ufer des Unglücks, am unendlichen Meer,
Wellen nun warten, die Wunde zu kühlen.
Müde die Maid, von Morden gesättigt,
Tiefe sie trachtet, den Tod zu empfahn.
Sie schritt in die Brandung, das kalte Grau,
wo die See gegen schroffe Klippen peitscht.
Sie füllte die Gewänder mit Steinen der Schmach,
wollte hinab in den Schlund der Vergessenheit,
zu Siegfrieds Schatten, in den sandigen Grund.
„Nimm mich!“, schrie sie den Wogen entgegen,
„Lösch diese Flamme, die in mir noch brennt!“
Fluten verweigern, das Fleisch sie nicht fangen,
Wogen sie werfen die Weise ans Land.
Schicksal ist Stärker, der Strand hält sie fest,
Gudrun muss gehen, wo das Grässliche wacht.
Das Meer spie sie aus wie einen bitteren Kern.
Die Wellen trugen sie sanft an den fernen Strand,
als hielten die Nornen den Faden noch fest.
Sie war zu groß für das Grab, zu schwer für die Flut,
verdammt dazu, weiter das Leid zu bezeugen.
So wandert sie fort, eine Königin der Trümmer,
bis an das Ende der menschlichen Zeit,
wo das Schweigen beginnt und die Sage verhallt.
Ewig die Einsam, im Echo der Schlacht,
Gudrun gestaltet die grausame Nacht.
Asche am Atem, vom Abgrund verbannt,
Leid ohne Letzte, im leerenden Land.
ZWEITER GESANG
I
Gudrun, die Glanzvolle,
Ruht in der Recken Burg zu Worms.
Vom Schlummer umschlungen, schaut sie das Schicksal,
Ein Wunderbild, gewoben aus Angst.
Ein Falke, frei, von Federn licht,
Schwingt sich in den Sonnenglanz.
Stolz und stark, der Seele Spiegel,
Meines Herzens Hüter, der lichte Held.
Das Unheil bricht Bahn
Doch aus dem Äther, aus eisiger Höhe,
Stoßen zwei Adler, den Tod im Gefieder.
Sie schlagen den Schönen, sie zerfetzen das Fleisch,
Krallen klammern sich in das kostbare Leben.
Blut benetzt die hellen Schwingen,
Grausam gellen die Schreie im Wind.
Gudrun erwacht, das Weinen beginnt,
Das Omen brennt sich ins bebende Herz.
„Keine Liebe will ich, keinen Leib mir wählen,
Wenn der Preis des Glücks der bittere Gram ist.
Wo die Freude wohnt, da wartet der Jammer,
In der Sonne Schatten lauert das Schwert.“
Sie flieht die Freude, sie meidet die Männer,
Will den Finken nicht fangen, den Falken nicht rufen.
Denn wer sich bindet an irdisches Blühen,
Erntet am Ende nur Asche und Blut.
II
Siegfried der Starke, der stolze Degen,
Sprengt zum Sitz der Söhne Gibichs.
Vom Xantener Land, durch Wind und Wellen,
Eilt der Edle zum Ufer des Stroms.
Sein Harnisch hell, von Gold umglänzt,
Sein Mut so mächtig wie das Morgengrauen.
Nicht als Bittender, als Bezwinger naht er,
Um die holde Maid im Herzen zu werfen.
Doch Gunther, der König, gierig nach Glanz,
Sperrt den Weg zur wonnigen Braut.
„Willst du die Lilie, den Lohn der Liebe,
Musst du mit dem Schwerte das Schicksal wenden.
Kämpfe für mich, wo Kraft mir fehlt,
Beuge die Brünhild, die wilde Braut.
Nur wenn mein Thron in Triumph erstrahlt,
Wird Gudruns Hand dir zur Heirat gereicht.“
„Ein Tausch wird besiegelt aus Trug und Tat,
Wo Helden sich binden an falsches Wort.
Der Falke dient nun dem fremden Willen,
Um der Liebe willen in das Verderben zu rennen.“
Siegfried schweigt, die Seele entschlossen,
Er wählt den Kampf für den königlichen Knecht.
Um Gudrun zu gewinnen, muss er Gunst erstreiten,
Und webt so das Netz, das ihn später verschlingt.
III
Gudrun und Brünhild, die gewaltigen Frauen,
Schreiten zum Schrein des Schöpfers empor.
Wer darf zuerst durch die Zierde der Pforten?
Wessen Haupt trägt das höhere Heil?
„Weiche mir, Gudrun!“, ruft Brünhild die Wilde,
„Dein Gatte ist Knecht, mein Gebieter sein Herr!
Er diente im Norden, er duckte den Nacken,
Siegfried ist Eigenmann, untertan dem Thron!“
Da bricht das Schweigen, das Blut beginnt zu brennen,
Gudrun lacht gellend, den Groll in der Brust.
„Du wahnwitzig Weib! Wer bezwang dich im Bette?
Wer brach deinen Gürtel, wer raubte den Ring?
Nicht Gunther, der Schwache, der zaghafte Zwerg,
Siegfried, mein Gatte, hat dich gebeugt im Geheimen!
Schau her auf das Gold, das Zeichen der Schande,
Du wurdest betrogen vom Besten der Welt!“
Stumm steht die Stolze, vom Schlage getroffen,
Brünhilds Tränen fallen wie Hagel auf Helm.
Der Streit ist gesät, die Saat wird nun sprießen,
Aus Worten werden Schwerter, aus Eifersucht das Ende.
Hagen, der Harte, mit dem hohlen Herzen,
Rüstet zur Jagd in den tiefen Tann.
Er späht nach dem Zeichen, dem verräterischen Vlies,
Wo Gudrun das Kreuzlein aus Seide genäht.
Siegfried der Schnelle, der Sonnengleiche,
Eilt den Hirschen nach, durch Heide und Holz.
Kein Tier ist so flink wie der furchtlose Recke,
Doch das Schicksal wartet am schimmernden Quell.
„Mich dürstet“, spricht Siegfried, der durstige Degen,
Er beugt sich zum Bache, das Haupt tief im Moos.
Das Wasser murmelt von kommendem Morde,
Doch der Held hört nur das Rauschen des Rieds.
Da hebt der von Tronje den tödlichen Speer,
Er zielt auf die Stelle, wo das Herz offen schlägt.
Es klafft das Gewand, es kracht die Esche,
Durch das Kreuz bricht der Stahl in das kostbare Blut.
Der Falke fällt! Die Federn werden rot,
Siegfried ringt, die Erde erbebt.
Er schleudert den Schild nach dem schändlichen Mörder,
Doch die Kraft entweicht ihm, das Licht wird zu Nacht.
„O Gudrun, meine Traute, die Treue wurde gebrochen,
Deine Brüder verkauften mein Leben für List.
Der Wald wird nun Zeuge der ewigen Klage,
Wo der Drachentöter im Dreck nun verbleicht.“
In Worms sitzt Gudrun, am Webstuhl der Sorgen,
Sie spürt den Frost, der ihr Mark nun durchdringt.
Der Traum vom Falken, er findet sein Ende,
In einer Lache aus Purpur, am kalten Quellgrund.
IV
Gudrun und Brünhild, in Goldgewändern,
Schreiten zum Schwellenstein des Schreins.
Zwei Königinnen, von Zorn entzündet,
Messen die Macht vor der Menge des Volks.
„Weiche mir, Gudrun!“, ruft Brünhild die Wilde,
„Ein Eigenmann kann nicht vor Edle gehn!
Dein Gatte ist Vasall, ein Vasall des Vaters,
Er beugte den Nacken vor Gunthers Gebot.“
Da lacht die Lichte, mit loderndem Blick,
Gudrun gibt Antwort, die Ehre zu rächen:
„Du wahnwitzig Weib, du Wissensleere!
Wie darfst du dich rühmen der Reinheit des Betts?
Nicht Gunther, der König, hat Ketten gesprengt,
Nicht dein Herr hat den Harnisch dir gelöst!
Ein andrer war’s, der im Dunkeln dich bezwang,
Der den Sieg dir geraubt in der Schattennacht.“
Gudrun greift tief in das seidene Gewand,
Sie zerrt ans Licht, was das Leid nun besiegelt.
Der Ring am Finger, der Gürtel von Gold,
Die Beute der Schande, dem Besten entrissen.
„Schau her auf die Zeichen!“, schreit Gudrun im Grimm,
„Hier ist der Beweis deiner bitteren Beugung!
Siegfried war’s, der dich heimlich hielt,
Und mir gab er dies Gold als Gespött für dich!“
Stumm steht die Stolze, von Scham überschüttet,
Brünhilds Antlitz wird bleich wie der Tod.
Das Wort ist gesprochen, das Wohl ist verloren,
Aus dem Zank der Frauen wächst der Zwang zum Mord.
„Ein Ring für die Liebe, ein Gürtel für den Stolz,
Doch beide werden zur Fessel des Fleisches.
Was Gudrun hier hielt als Waffe des Worts,
Wird zum Schafott für den strahlenden Helden.“
V
Hagen, der Hasser, mit dem hohlen Blick,
Tritt vor die Herrin, die heimgesuchte Braut.
Mit Worten wie Honig, doch Herz aus Horn,
Webt er das Netz für das werlose Wild.
„Gudrun, Gebieterin, die Gefahr ist nah,
Feinde erwachen in der fernen Mark.
Siegfried, der Stolze, ist stark in der Schlacht,
Doch ein Panzer aus Horn hüllt den Helden nicht ganz.“
Gudrun, die Gütige, von Grauen gepackt,
Glaubt dem Verräter, der Gunst nur heuchelt.
„Hör mich, Hagen, du Hüter der Burg,
An der Schulter, da schlug ein Schicksalsblatt ein.
Wo die Linde das Blut des Drachen verdeckte,
Dort blieb er weich, dort bebt noch das Fleisch.
Schütze ihn, Hagen! Sei Schild seinem Rücken,
Wenn die Speere dort suchen das sprießende Leben.“
„Nähe ein Zeichen!“, ruft Hagen mit List,
„Ein Kreuzlein aus Seide auf das kostbare Kleid,
Damit ich im Sturm der stählernen Stunden
Den Leib ihm bewache vor bitterem Leid.“
Und Gudrun, die Reine, mit ruheloser Hand,
Stickt das Verderben auf den Sammet der Seide.
Sie zeichnet den Ort für den eisernen Gott,
Und liefert den Liebsten dem Lager des Todes.
Die Hörner erschallen, die Hunde sind laut,
Die Recken reiten in das Rauschen des Walds.
Siegfried, der Schnelle, in Sonnenglanz gehüllt,
Eilt den Hirschen nach durch Heide und Holz.
Er fängt den Bären, er bezwingt das Getier,
Sein Lachen hallt wider im Wipfel des Baums.
Doch der Durst wird zum Dolch, das Dargereichte zum Gift,
Als Hagen ihn lockt zum heimlichen Quell.
„Hier fließen die Wasser!“, ruft der Finsterling laut,
Siegfried entblößt sein strahlendes Haupt.
Er legt die Waffen ins weiche Moos,
Und beugt sich zum Trinken, den Blick auf den Grund.
Da funkelt das Kreuz auf dem hellen Gewand,
Hagen von Tronje hebt den harten Speer.
Kein Gott hält den Arm, keine Gunst hält den Stahl,
Durch die Seide bricht Esche ins edelste Blut.
Tief schneidet der Tod durch die Rippen ins Herz,
Siegfried erbebt, die Erde wird rot.
Das Wasser des Brunnens, einst hell und klar,
Wird zum Spiegel der Schande, zum See aus Purpur.
Die Klage des sterbenden Falken
„O Gudrun, mein Weib, deine Wahrheit war Blindheit,
Deine Brüder sind Diebe an der deutschen Treue.
Der Speer im Rücken ist der Spott auf die Ehre,
Und mein Blut besudelt den Boden der Väter.“
Noch schlägt er mit Schilden, noch schreit er im Zorn,
Doch die Kraft der Drachen kriecht in den Staub.
In Worms wartet Gudrun, am Webstuhl der Nacht,
Während draußen der Falke sein Fiebern beendet.
VI
Gudrun, die Grämliche, im Gewand der Nacht,
Sitzt in der Halle, wo der Hochmut nun herrscht.
Ihr Lachen ist verloschen, ihr Licht ist vergangen,
Seit der Gatte als Leiche vor der Kammertür lag.
Kein Wort des Trostes, nur Wände aus Schweigen,
Die Brüder meiden den Blick ihrer Not.
Nur Hagen, der Harte, mit dem herzlosem Grinsen,
Wacht über den Reichtum, das Raubgut der Toten.
Der Nibelungen Hort, die Hortung des Heils,
Gehört der Witwe als Wergeld und Recht.
Wagen um Wagen, voll Wunder und Zier,
Rollen nach Worms aus dem reißenden Land.
Doch Hagen, der Wolf, fürchtet Waffen und Freunde,
Die Gudrun sich kauft mit dem glühenden Gold.
„Das Weib ist zu mächtig!“, raunt der Mörder im Schatten,
„Ihr Erbe muss schwinden, im Schlamm des Stroms.“
In dunkler Stunde, wenn der Dunst auf dem Rhein liegt,
Führt Hagen die Schätze zum schäumenden Schlund.
Es klirren die Ketten, es kreischen die Achsen,
Als der Hort in die Hiefe der Fluten hinabstürzt.
Das Gold der Alben, der Abglanz der Götter,
Versinkt in den Wirbeln, im ewigen Grab.
Kein Auge soll schauen, wo das Edle nun ruht,
Versenkt und verloren durch Verrat und Gewalt.
„Geraubt ist die Liebe, gerissen das Band,
Nun nahmen sie auch noch das Netz meiner Macht.
Der Rhein birgt das Gold, doch mein Herz birgt den Groll,
Und die Flut wird noch steigen von feurigem Blut.“
Sie steht am Ufer, die Stimme ein Sturm,
Und verflucht die Sippe, die Siegfried verriet.
Wo einst der Falke im Sonnenglast flog,
Nistet nun Rache im rußigen Geist.
VII
Rüdiger der Reiche, der Ritter aus Bechelaren,
Reitet nach Worms durch Regen und Ried.
Ein Werber für Attila, den Herrn der Hunnen,
Der um die Witwe wirbt mit Worten voll Glanz.
„König Attila, der Mächtige, der Meister der Lande,
Sucht eine Braut für sein breites Reich.
Gudrun, die Edle, soll Ehrungen finden,
Wo die Sonne erwacht am Saum der Welt.“
Doch Gudrun, die Gramvolle, im Gewand der Trauer,
Hört nicht auf Liebe, nur auf hämmerndes Blut.
Sie blickt auf die Brüder, die Beuger des Rechts,
Und auf Hagen, den Hund, der ihr Heil sich nahm.
„Soll ich dem Heiden mein Herzblatt reichen?
Soll ich den Thron mit dem Todbringer teilen?
Nur wenn seine Macht mir als Messer dient,
Wenn seine Scharen mir Sühne schenken!“
Sie reicht die Hand, doch das Herz bleibt Stein,
Ein Bündnis wird geschlossen aus Bitterkeit und List.
Nicht als Liebende zieht sie zum Lager der Hunnen,
Sondern als Furie, die das Feuer schürt.
„Zieht hin!“, ruft sie leise, den Zorn im Blick,
„Ich folge dem Rufe ins ferne Land.
Doch ich nehme mein Leid als Lehnsherrn mit,
Und Attilas Krone wird mein Kriegshelm sein.“
„Ein Ring aus Eisen für das Reich der Hunnen,
Ein Brautschatz aus Tränen für den toten Falken.
Wer mich als Gattin nach Osten führt,
Holt sich die Rache in sein eigenes Haus.“
Die Segel blähen sich, die Schar zieht fort,
Worms bleibt zurück im trügerischen Frieden.
Gudrun geht, um zu gewinnen und zu würgen,
Denn ihr Ziel ist nicht Glück, sondern Götterdämmerung.
VIII
Gudrun, die Gebieterin, kehrt dem Giebel den Rücken,
Sie verlässt die Pfunde der pfälzischen Pracht.
Vom Ufer des Rheins, wo das Unglück erwuchs,
Zieht sie von Dannen mit düsterem Geleit.
Kein Blick zurück auf die Zinnen von Worms,
Wo die Brüder noch bangen im beebenden Haus.
Sie reitet nach Osten, wo der Abend nicht endet,
Über Heide und Hügel, durch Hag und Holz.
Pferdehufe hämmern den Hymnus der Rache,
Staub wirbelt auf wie sterbende Hoffnung.
Mit ihr ziehen Schätze, doch das Schönste fehlt,
Denn Siegfrieds Leib modert im Schoß der Erde.
Rüdiger führt sie, der redliche Recke,
Durch Marken und Moore zum mächtigen Attila.
Doch unter dem Schleier, im Schatten der Stirn,
Wächst ein Hunger, den kein Honigwein stillt.
Sie quert die Donau, den dunklen Strom,
Wo die Nixen einst warnten vor notvollem Ende.
Hinter ihr versinkt das Abendland im Nebel,
Vor ihr dehnt sich die Steppe, das sturmgepeitschte Land.
Hier im Osten, bei den Horden der Hunnen,
Will sie die Kraft für den Kernschlag sammeln.
Die Braut des Drachentöters wird zur Königin der Knechte,
Um das Blut der Burgunden im Boden zu trinken.
„Leb wohl, du Rhein, du Raubgrab meines Goldes,
Ich tausche dein Rauschen gegen reißendes Horn.
Ich ziehe ins Fremde, um das Eigene zu fällen,
Und kehre nur heim als das Heer der Vergeltung.“
Eisig ist ihr Atem, einsam ihr Gang,
Gudrun schreitet voran in die Götterdämmerung.
Wo das Gras sich biegt unter hunnischen Hufen,
Wartet die Sühne auf den schändlichen Mord.
IX
Boten des Blutes, beschenkt mit Gold,
Eilen vom Osten zum Ufer des Rheins.
Gudrun lässt rufen, mit geglätteter Stirne,
Die Brüder zum Feste, in die Hallen des Attila.
„Kommt über die Berge, durch Wälder und Weiten,
Lasst uns das Schweigen mit Schenken beenden!
Meine Sehnsucht ist groß nach der Sippe der Väter,
Der Met steht bereit für die Mächtigen von Worms.“
Doch Hagen, der Seher, mit dem schwarzen Sinn,
Spürt den Verrat in der süßen Botschaft.
Er warnt die Könige vor der Wut der Schwester,
Doch Gunthers Hochmut ist härter als Stahl.
„Geht nicht zu den Hunnen!“, ruft Hagen im Grimm,
„In Gudruns Lächeln lauert der Lodesstreich!
Sie hat nicht vergessen den Falken und das Gold,
In ihren Briefen brennt die bittere Rache.“
Doch Giselher und Gernot, vom Glanz verführt,
Schelten den Warner einen Zaghaften und Zwerg.
„Soll ein Burgunde vor dem Weibe beben?
Wir reiten zum Fest, trotz Fluch und Gefahr!“
So rüsten sie Rosse und rüsten das Heer,
Tausend Degen folgen dem tödlichen Ruf.
Sie ziehen von Dannen, in das Dunkel des Schicksals,
Während Hagen den Schild für die Schlacht nun bereit hält.
„Ein Fest wird bereitet, doch der Wein wird zu Blut,
Die Einladung ist nur ein Eispfad zum Grab.
Wer Gudrun vertraut, der vergisst ihr Gesicht,
Das sie einst am Brunnen im Zorne gezeigt.“
Sie reiten zum Strom, den sie nie mehr durchqueren,
Das Schicksal der Nibelungen, es nimmt seinen Lauf.
In Attilas Burg wartet die einsame Witwe,
Und schärft im Geheimen das hunnenstarke Schwert.
X
Gudrun, die Grausame, im Gepränge des Raubtiers,
Wacht über dem Mahle mit mordlustigem Mut.
Kein Gruß schwingt in der Luft, nur Gier und Groll,
Als die Recken sich setzen zum letzten Gelage.
Ein Wort gibt das andre, ein Hieb folgt dem Hohn,
Bis der kleine Ortwin, der Erbe des Throns,
Durch Hagens Klinge sein Ende erfährt.
Da bricht der Damm, und das Blutbad beginnt.
Halle und Herd werden zum Hort des Todes,
Wo Burgunden und Hunnen im Hasse sich beißen.
Eschene Speere durchbohren die edlen Brünnen,
Und Schilde zersplittern im stählernen Sturm.
„Schlagt sie nieder!“, schreit Gudrun den Scharen,
Sie steht auf der Schwelle, die Seele in Flammen.
Sie sieht ihre Brüder im Sterben sich winden,
Doch das Herz bleibt verschlossen vor Sippschaft und Schmerz.
Als die Schwerter ermatten, lässt sie Fackeln nun fliegen,
Die Halle der Hunnen wird zum Heiteren Brand.
In Qualm und in Hitze, bei glühendem Gebälk,
Trinken die Degen ihr eigenes Blut,
Um den Durst zu stillen im feurigen Tod.
Giselher fällt, und Gernot vergeht,
Nur Gunther und Hagen stehn mitten im Mord.
Sie trotzen der Flamme, sie trotzen der Frau,
Während draußen der Morgen im Rauchschleier wacht.
„Keine Gnade für jene, die den Falken gefällt,
Kein Mitleid für Brüder, die Siegfried verrieten.
Wenn das Haus erst verbrannt ist, ist die Ehre gereinigt,
Und die Rache gesättigt im Aschenregen.“
Gudrun blickt starr in die lohende Glut,
Wo das Erbe der Väter in Trümmern nun liegt.
Das Blutbad am Hofe ist das Ende der Lieder,
Und der Rhein weint im Fernen um die Helden von Worms.
XI
Gudrun, die Grimmige, im Glanz der Ruinen,
Tritt vor den Mörder, den Meister der List.
Hagen in Banden, doch ungebeugt im Geist,
Harrt an der Seite des hinfälligen Königs.
„Gib mir den Hort!“, ruft die Herrin der Hunnen,
„Wo schläft das Gold in der Schwere des Rheins?
Siegfrieds Erbe soll die Sühne nun krönen,
Bevor euch der Tod in die Tiefe entführt.“
Doch Hagen lacht gellend, mit Hohn in der Kehle:
„Kein Mensch soll erfahren, wo das Heiligtum ruht!
Solange ein Herr aus dem Hause der Burgunden
Noch Odem in Brüsten und Blut in den Adern führt,
Bleibt mein Mund wie ein Mauerstein stumm.“
Er schirmt seinen König mit schrecklichem Stolz,
Denn nur ein Lehnsherr darf das Letzte bewahren.
Gudrun erkennt den Kern seines Trotzes,
Und wählt das Verbrechen, das die Welt noch nicht sah.
Sie winkt den Knechten mit kalter Gebärde,
„Bringt mir das Haupt meines Blutes und Fleischs!“
Gunther, der Gütlose, ihr eigener Bruder,
Wird zur Schlachtbank geführt im Schatten der Nacht.
Das Beil bricht den Nacken, das Haupt fällt im Staube,
Gudrun packt das Haar, das blutige Gut.
Sie hält es vor Hagen, das Antlitz des Königs,
Und fordert den Schatz mit stählernem Blick.
„Nun ist er tot, mein Herr und mein Bruder,
Nun lebt kein König mehr, dem die Treue du hältst!
Sprich nun, von Tronje, wo funkelt das Gold?
Wer hütet das Erbe im ewigen Strom?“
Hagen blickt starr auf das grausige Pfand,
Doch sein Herz wird zu Fels in der brandigen Not.
„Nun weiß es nur Gott und ich noch allein,
Und nimmer, du Wütende, wirst du es erben!
Der Schatz bleibt im Rhein, bis zum Ende der Zeit.“
XII
Gudrun, die Grauenhafte, im Glanz der Ruinen,
Hält den Balmung, den beißenden Stahl.
Sie steht über Hagen, dem Hüter des Hortes,
Dessen Schweigen so schwer wie das Schicksal nun wiegt.
„Du nahmst mir den Falken, den Fürsten der Liebe,
Du raubtest das Gold aus dem Grund meiner Hand.
Nun schmeckst du die Schärfe, die Siegfried einst schmiedete,
Und fährst in die Hölle als herrloser Knecht!“
Sie hebt die Klinge, die Krone des Zorns,
Ein Blitzschlag aus Eisen bricht Eigensinn und Stolz.
Hagens Haupt rollt im hunischen Staube,
Doch sein Lächeln bleibt eisig, im Hohn noch gefroren.
Hildebrand, der Alte, der Hüter der Ehre,
Sieht das Grauen mit grimmigem Blick.
„Dass ein Weib einen Recken, den Ruhmreichsten aller,
Erschlägt wie ein Vieh an der blutigen Bank!“
Sein Zorn bricht die Schranken, sein Zustand wird Tod,
Er springt vor die Herrin mit hoch erhobenem Schwert.
Gudrun, die Königin, die Klägerin der Zeiten,
Empfängt den Streich, der ihr Leiden nun endet.
Das Blut der Burgunden, das Blut der Hunnen,
Es fließt in den Rinnen zum reißenden Strom.
Kein Lied mehr in Worms, kein Lachen am Rhein,
Nur Klage und Kummer im kalternden Wind.
Gudrun liegt bleich bei den Brüdern und Feinden,
Ihr Herzschlag verhallt im hämmernden Brand.
Die Rache ist satt, doch die Reiche sind leer,
Das Gold bleibt im Wasser, im ewigen Grab.
„Verlöscht sind die Kerzen, verloren der Glanz,
Wo einst Helden schritten, herrscht Heulen und Not.
Ein Traum von einem Falken, ein Trugbild aus Gold,
Führte ein Volk in den völligen Tod.“
Die Raben umkreisen das rauchende Haus,
Wo Gudrun ihr Schicksal zu Ende nun spann.
Was am Brunnen begann mit dem Bruch einer Treue,
Versinkt nun im Schweigen, im Schatten der Welt.
XIII
Hildebrand der Alte, der Hüter der Ehre,
Steht starr in der Halle, vom Hasse betäubt.
Er sah, wie das Weib den Waffenrock schändete,
Wie Balmung das Haupt des Helden durchdrang.
Ein Recke wie Hagen, der Härteste aller,
Gefallen durch Frauenhand, im Fesselngepäck!
Das bricht dem Waffenmeister das biedere Herz,
Denn die Sitte der Väter wird im Staube zertreten.
„Wehe!“, ruft der Greis mit gellender Stimme,
„Dass der beste der Degen, der Degen vom Rhein,
Hier enden muss wie ein Opferlamm am Block!
Kein Ruhm bleibt der Welt, wenn das Recht so verfällt.“
Er springt aus dem Schatten, die Seele in Flammen,
Sein Schwert sucht die Herrin, die hämische Braut.
Gudrun, die Königin, im Glanz ihrer Rache,
Sieht das Eisen kommen, doch sie weicht nicht zurück.
Kein Schrei bricht ihr Schweigen, kein Suchen nach Schutz,
Sie empfängt den Stahl als stimmigen Lohn.
Hildebrand schlägt zu, mit der Schwere des Grams,
Und spaltet den Leib, der so viel Leid hat gesät.
Das Gold ihrer Krone rollt ins geronnene Blut,
Gudrun sinkt nieder bei den toten Geschwistern.
Ihr Atem verweht im Aschenregen der Halle,
Wo der Rachedurst endlich im Tode nun ruht.
Das Schweigen nach dem Sturm
Attila der König, der Herrscher der Hunnen,
Blickt stumm auf das Sterben, auf den Sturz seines Hauses.
Wo einst Freude scholl, herrscht nun finstere Nacht,
Und die Leichen der Stolzen füllen die Lücken der Bank.
Kein Sieger bleibt übrig im Sumpf der Vergeltung,
Nur Tränen und Trümmer, ein trauriges Reich.
Die Nibelungennot findet ihr niederdrückend Ende,
In der Stille des Morgens, am Saum der Welt.
„Zerschlagen ist die Sippe, zerstört ist das Glück,
Das Schwert hat gefressen, was die Schönheit gebar.
Gudrun und Siegfried, im Grabe vereint,
Lassen nur Klage und den kalten Rhein zurück.“
DRITTER GESANG
I
In Irlands fernen Ufern hob sich das Schicksal.
Hagen, der junge Held, ward von Greifen geraubt,
wild und wüst auf einsamer Insel ausgesetzt.
Dort wuchs er im Wald, ein Wolf unter Vögeln,
bis er das Schwert schwang und die Bestien bezwang.
Drei Maiden fand er, im Meeresschaum geborgen,
Hilde, die Holde, ward ihm zur Hochzeit beschieden.
Heim kehrte der Recke, als König gekrönt,
hart und heftig war sein Regiment in Irland.
Hagens Tochter, die herrliche Hilde,
erstrahlte in Schönheit, doch ihr Vater war schrecklich.
Kein Werber wagte die Reise zu wagen,
denn Hagen schlug jeden Säbelschmied nieder.
Doch Hettel, der Hegeling, im Hegeland herrschend,
entbrannte in Liebe durch Lieder und Sagen.
Er sandte die Boten, die listigen Berater:
Wate den Wilden und Horand mit der Harfe.
In Irlands Hallen hallte die Stimme,
Horand sang so hell, dass die Vögel verstummten.
Die Tiere im Walde, die Fische im Flusse,
sie lauschten dem Liede des listigen Sängers.
Hilde, die Kluge, im Kämmerlein gefangen,
sehnte sich nach dem Sänger und seinem Herrn.
Heimlich entfloh sie, auf Hettels Kiel,
über die Wogen des Westmeers entwich die Schöne.
Hagen, voll Zorn, jagte den Zögernden nach,
auf dem Walserfeld trafen die Waffen zusammen.
Blut floss in Bächen, Brünnen zerbrachen,
Hettel und Hagen hieben mit Macht.
Doch Hilde, die Gütige, glättete den Streit,
Sühne ward geschlossen zwischen Vater und Sohn.
So ward Hilde die Königin, die Mutter der Maid,
aus diesem Stamme entspross schließlich Gudrun.
II
Hettels Helden harrten im Verborgenen,
bis Horands Harfe das Herz der Maid betörte.
In der Nacht geschah die Nahme, das Schiff stach in See,
heimlich entwich die Hilde dem harten Vater.
Auf stolzen Segeln, über stürmische Fluten,
trug die Beute das Banner der Hegelinger heim.
Doch am Horizont harrte schon Hagens Heer,
der Grimm des Königs folgte der Gischte Spur.
Am Gestade der Walser trafen die Waffen aufeinander,
Schild brach an Schild, Speere splittern im Wind.
Hagen, der Wütige, und Hettel, der Werber,
rangen im Reigen des tödlichen Stahls.
Der Sand ward rot, von Reckenblut getränkt,
als der Vater die Tochter im Feindesarm sah.
Da stürzte Hilde zwischen die Streitenden,
mit Worten des Wohlwollens wehrte sie dem Morden.
Der Zorn zerging, die Sühne ward besiegelt,
Hagen reichte dem Hegelinger die Hand zum Gruße.
Ein Fest ward gefeiert, wo zuvor die Fahnen flogen,
Friede zog ein in die Hallen am Meer.
Aus dieser Minne, im Mute geboren,
entspross eine Maid, schöner als der Morgenstern:
Gudrun, das Glanzstück, das Geschöpf der Hoffnung,
um deren Schicksal sich nun die Saga webt.
III
Gudrun, die Glanzvolle, im Glück der Eltern,
erblühte als Rose im Reich der Hegelingen.
Ihr Ruf eilte rasch über rauschende Meere,
dass drei Recken sich drängten um ihre Hand.
Doch Hettel, der Herrscher, hielt die Tochter hoch,
kein Werber schien ihm würdig genug.
Zuerst kam Siegfried, mit Schätzen und Heeren,
doch sein Werben ward mit Worten des Spottes vergolten.
Dann sandte Hartmut die Boten der Hoffnung,
doch Hilde, die Mutter, mied den Normannenstamm,
denn altes Unrecht atmete noch in den Hallen.
Zuletzt ritt Herwig, der beherzte Held,
vor die Tore des Vaters, um Taten sprechen zu lassen.
Herwig der Seeländer, von Hass nicht geblendet,
belagerte Hettels Heimstatt mit Macht.
Da sah Gudrun den Mut des Mannes,
wie er im Speerhagel stand und den Sieg nicht erzwang,
sondern Ehre bewies im Angesicht des Todes.
Ihr Herz schlug dem Helden entgegen,
und der Vater gewährte den Verlobungskuss.
Doch während der Friede im Festmahl noch floss,
braute sich im Norden der Neid von Normannenhand.
IV
Drei Recken drängten zum Dienst an der Maid,
jeder ein König, im Krieg wohl erprobt.
Doch Hettel der Herrscher war hart im Versagen,
denn kein Edler schien ihm ebenbürtig dem Kind.
Vom Mohrenland herauf zog Siegfried mit Stolz,
ein gewaltiger Gast mit glänzendem Gefolge.
Seine Schiffe waren schwarz wie der Schatten der Nacht,
reich an Gold und an Gaben für die Schöne.
Doch sein Werben ward windig und wertlos geachtet,
Hettel wies den Wanderer mit Worten zurück.
Dann blickte Hartmut aus Ormanîe herüber,
ein junger Junker mit jähzornigem Mut.
Seine Mutter, Gerlind, die giftige Wölfin,
stachelte den Sohn zum Sieg über die Schande.
Er sandte Boten mit Bitten und Briefen,
doch die Hegelinge hielten das Haus für zu gering;
Hilde die Königin höhnte der Normannen.
Zuletzt kam Herwig, der Herr über Seeland,
ein Recke, der nicht nur nach Reichtum schielte.
Als sein Botengang brach an der Brüstung des Hofes,
kam er mit Heerkraft, um die Hochzeit zu forwingen.
Im Sturm der Speere, vor Stolzenburgs Mauern,
kreuzte er die Klinge mit Hettels altem Stahl.
Da erkannte die Maid seinen mutigen Geist,
und die Liebe lohte im Lärm der Schlacht.
So ward Herwig der Hegelinge Eidgenosse,
während Siegfried grollte und Hartmut auf Rache sann.
V
Herwig der Kühne, am Hof der Hegelinge,
bewies seine Kraft im Klirren der Klingen.
Nicht durch Bitten und Bangen, sondern mit beherzter Tat,
rang er dem Schwiegervater den Stolz aus der Brust.
Hettel sah den Helden, sah des Recken Reinheit,
und reichte die Hand zum Ruhme des Friedens.
Doch die wichtigste Stimme, die Wahl der Schönen,
fiel auf den Seeländer, den Sieger der Herzen.
Gudrun, die Gütige, sah Herwigs Gebaren,
wie er furchtlos im Feuer der Fehde stand.
Sie reichte ihm den Ring, das Recht der Verlobten,
ein Band aus Gold, das zwei Burgen vereint.
Segen sprach der Vater, Sieg ward verkündet,
in der Halle der Ahnen ward das Hochzeitsmahl geplant.
Met floss in Massen, Männer sangen Lieder,
von der Minne, die Mut und Milde verband.
Der Friede schien gefestigt, die Feinde fern,
ein Himmel voller Hoffnung über Hegeland.
Doch während die Becher noch blitzten im Licht,
schlich der Schatten des Siegfried über das Meer.
Der Moorländer wollte die Maid nicht missen,
und sein Heerhaufen rüstete zum hinterlistigen Schlag.
VI
In der Stunde der Not, als die Männer im Moorland stritten,
brach das Unheil über das uferlose Land.
Hettel und Herwig, die Helden des Bundes,
zogen gegen Siegfried, den zürnenden Gast.
Die Heime blieben hüllenlos, das Haus ohne Wächter,
nur Weiber und Waisen harrten im Hof.
Das wusste der Normane, der neidische Hartmut,
er sah die Lücke in der Lehnsherren Macht.
Mit sechzig Schiffen, im Schutze des Nebels,
glitt Hartmut herbei, die Halle zu stürmen.
Kein Wächter blies das Warnungshorn,
als die Fremden den Frieden des Hofes brachen.
Gudrun, die Reine, im Garten der Frauen,
sah die Banner der Bösen am Strande wehen.
Hartmut der Harte, von Hochmut getrieben,
forderte die Maid als Mitgift des Raubs.
Die Türen zerbrachen, der Trug ward zur Tat,
Gudrun ward gepackt von der Gier der Normannen.
Trotz Weinen und Widerstand, trotz Worten der Not,
zerrten sie die Schöne zum schaukelnden Kiel.
Mit ihr die Maiden, die Mädchen des Hofes,
wurden als Beute an Bord gezerrt.
Die Segel blähten sich, das Schicksal nahm Lauf,
Hartmut entfloh mit dem herzoglichen Pfand.
Hinter ihnen rauchte das Reich der Hegelingen,
ein raubendes Feuer fraß Hab und Gut.
Auf den Wellen des Westmeers, im Winde der Nacht,
trug der Entführer die Ehrlose fort,
während im fernen Feld der Vater noch ahnungslos stritt.
So begann die Leidenszeit, das Los der Gefangnen,
fern der Heimat, im Hause der Feinde.
VII
Der Himmel verdunkelte sich, als das Heer der Hegelinge
die Fährte der Flüchtenden im Wellengang fand.
Auf dem Wülpensand, im Wogenschwall,
holten die Hegelinge die Hasenhändigen ein.
Hettel der Herrscher, von Hass entflammt,
und Herwig der Verlobte, voll Herzeleid,
sprangen vom Bord in die brandende See.
Mit Schild und Speer durch die Sintflut watend,
suchten sie Rache für den Raub der Maid.
Dort traf Hettel auf den harten Ludwig,
Hartmuts Vater, den Herrn der Normannen.
Zwei Kronen prallten im Klirren des Stahls,
Alterskraft gegen alte Feindschaft.
Doch das Glück war dem Guten an diesem Tage fern:
Ludwig der Listige landete den Streich,
der den König der Küsten zu Boden zwang.
Hettel fiel im Heidesand, sein Haupt sank nieder,
das Banner der Hegelinge beugte sich dem Tod.
Während die Hegelinge um den Herrn noch klagten,
stießen die Schiffe der Schänder vom Land.
Gudrun sah vom Verdeck aus das Verderben,
sah den Vater im Blute am Ufer liegen.
Ein Schrei der Verzweiflung scholl über die See,
doch die Riemen der Feinde rauschten unerbittlich.
Die Entführer entwichen ins offene Meer,
mit Gudrun als Gefangener nach Ormanîe hin.
Zurück blieb ein Heer ohne Haupt und ohne Hoffnung,
am Wülpensand, wo der Wind nur die Toten besang.
VIII
Jahre rannen dahin wie jammervolle Fluten,
Gudrun blieb gefangen im Gegnerland.
Hartmut, der Herrscher, mit höflichen Worten,
bot ihr die Krone, das Königreich, den Thron.
Doch die Maid blieb mutig, ihr Maß war die Treue,
kein Gold konnte Gudrun zum Gattenkuss zwingen.
„Ich bin Herwigs“, so hallte ihr Stolz,
„eher sterbe ich einsam, als den Schergen zu wählen.“
Hartmut der Normane, vom Hass nicht ganz blind,
sah die Schönheit der Standhaften und staunte.
Er wollte die Liebe nicht mit Listen erzwingen,
sondern die Widerspenstige mit Warten bezwingen.
Doch im Hintergrund lauerte das hässliche Weib:
Gerlind, die Königin, die giftige Wölfin.
Sie grollte ob der Güte, die der Sohn noch bewies,
und sann auf Pein, um den Panzer zu brechen.
Über das Meer gingen die Mainächte und Winter,
der Wind brachte Kunde von der fernen Küste.
Doch kein Segel der Sippe, kein Schiff der Retter,
erschien am Horizont der hoffenden Maid.
Dennoch blieb Gudrun der Gattengelübde eingedenk,
eine Säule der Sühne im Sturmland der Feinde.
Da die Milde des Sohnes die Maid nicht beugte,
übergab Hartmut sie der Mutter zur Zucht.
IX
Das Schicksal wendete sich zur bittersten Not,
als die Wölfin Gerlind die Walstatt der Ehre betrat.
Da die Maid nicht nachgab, ward die Mutter zur Qual,
Gerlind die Grimmige, voll Gift und voll Neid.
„Wenn die Krone dir zu kostbar, sei das Kleid dir zu schwer!“
Sie nahm der Königin den königlichen Glanz
und stieß sie in den Staub der Sklavenfron.
Barfuß im Bitterfrost, über beißenden Schnee,
musste Gudrun zum Gestade des Meeres gehn.
Wo die Wellen peitschen und der Wind das Fleisch schneidet,
wusch sie die Linnen der lachenden Feinde.
Ihre Hände, einst hell und an Harfen gewöhnt,
wurden rot vom Reif und vom reißenden Eis.
Doch trotz Frost und Fesseln, trotz furchtbarer Pein,
blieb ihr Geist so gerade wie das Gedächtnis an Herwig.
Die Tränen, die tropften in das tiefe Meer,
wurden zu Perlen der Prüfung und Kraft.
Gerlind die Böse wollte das Beugen erzwingen,
doch Gudrun am Waschstrand blieb im Widerstand groß.
So verging die Zeit, bis der Tag der Erlösung nahte,
und zwei Vögel – oder Boten – über den Wogen erschienen.
X
In der tiefsten Verzweiflung, am Ufer der Tränen,
sandte der Himmel ein helles Zeichen.
Am Waschstrand im Winter, wo die Wellen brachen,
stand Gudrun im Gischt, vom Grame gezeichnet.
Da glitt ein Vogel, weiß wie die Wolken,
hernieder zum Heidesand, wo die Maid harrte.
Kein tierisches Tier war’s, das dort tauchte,
ein göttlicher Geist sprach aus glänzendem Gefieder.
Die Stimme des Vogels stillte den Sturm:
„Gudrun, du Geduldige, dein Glück ist nah!
Nicht umsonst hast du ausgeharrt im eisigen Wind,
nicht vergebens die Treue dem Toten geglaubt.
Deine Sippe segelt auf stolzen Planken,
die Retter sind rege auf rauschender Flut!“
Der Vogel entschwand in den weiten Horizont,
doch er ließ die Wärme im Wundenherzen zurück.
Gudrun erhob das Haupt, das härmende,
und blickte mit Sehnsucht auf das silberne Meer.
Die Linnen im Wasser wurden ihr leicht,
denn sie wusste: Die Rache der Hegelinge reift.
Mit diesem Wissen im Winkel der Seele
trotzte sie Gerlind mit geheimem Stolz,
bis die Segel der Seeländer am Rande der Welt erschienen.
XI
In der Kälte des Morgens, im klirrenden Eis,
nahten zwei Recken dem rauschenden Ufer.
Herwig der Held und Ortwin der Bruder,
sie stiegen vom Bord in das beißende Meer.
Am Waschstrand erblickten sie weibliche Gestalten,
die im Hemd nur dem Hohn des Winters trotzten.
Sie sahen die Maid, die mitleidlos fror,
doch im Antlitz der Armen schien adelig Blut.
Sie grüßten die Wäscherin mit höfischen Worten,
doch Gudrun verbarg ihr Grämen und Leid.
Da blitzte am Finger, im blassen Licht,
ein Kleinod von Gold, das die Ketten der Zeit zerbrach.
Der Ring, den sie einst beim Verlobungskuss empfing,
ward zum Zeugen der Zugehörigkeit und Zier.
In Lumpen und Leid stand die Königstochter,
doch Herwig herzte die härmende Braut.
Kein Stolz hielt ihn fern von der staubigen Magd,
denn ihre Treue war teurer als täuschender Glanz.
Sie schworen beim Sande, beim Sieg und beim Tod:
Noch ehe die Sonne zum Schlummer sich neigt,
soll das Haus der Normannen im Heuer versinken.
Mit dem Ring als Rechtfertigung und der Rache im Sinn,
warfen sie die Wäsche in die wilden Fluten.
Gudrun kehrte zur Burg zurück – als Sturmbotin.
XII
Die Stunde der Vergeltung, der Stahl der Gerechten,
brach nun mit Gewalt über die Gesteine von Ormanîe.
Im Morgengrauen wallte der Mordbrand herauf,
die Segel der Retter säumten das Meer.
Wate der Wilde, mit wütender Kraft,
stieß ins Horn, dass die Hallen erbebten.
Tausend Helme blitzten im hellen Licht,
als das Heer der Hegelinge den Hafen gewann.
Sie rannten gegen die Riegel, die Riesen aus dem Norden,
Äxte fraßen sich in Eichenholz und Eisen.
Herwig voran, mit hocherhobenem Schild,
suchte den Weg zu der Wäscherin Glück.
Von den Zinnen zischten die Zornespfeile,
doch der Strom der Streiter war nicht zu stoppen.
Feuer fraß die Fahnen, der Fels ward heiß,
der Rauch der Rache stieg zum Himmel empor.
In den Gängen der Burg, wo Gudrun einst litt,
klangen nun die Klingen der befreienden Brüder.
Die Wölfin Gerlind, in ihrem Winkel versteckt,
hörte das Heulen der herannahenden Not.
Die Mauern wankten, das Morden nahm Lauf,
bis die Banner der Hegelinge auf den Brüstungen wehten.
Inmitten des Brandes suchte Wate nach der Wölfin,
während Herwig die Braut aus dem Bann der Feinde riss.
XIII
Inmitten von Mord und Meuchelbrand,
bewies die Maid ihre Milde und Macht.
Wate der Wilde, mit wunden Händen,
durchschritt die Hallen im Heißhunger nach Blut.
Er suchte die Sippe, die Schänder der Ehre,
um das Geschlecht der Normannen im Grimm zu tilgen.
Schon hob er den Stahl gegen Hartmut den Herrn,
um das Leben des Räubers im Leide zu enden.
Doch Gudrun trat vor die gleißende Klinge,
ihr Wort ward zum Walle gegen die Wut.
„Genug ist des Blutes am Boden geflossen,
lasst Gnade walten, wo der Gegner erliegt!“
Sie schützte den Feind, der sie schmählich geraubt,
denn ihr Herz war zu hoch für hasserfüllte Rache.
An ihrer Seite zitterte Ortrun,
die Schwester des Schänders, in Schrecken gefangen.
Doch Gudrun vergaß nicht die Güte der Maid,
die ihr in Dunkelheit ein Dasein ermöglichte.
Sie legte den Arm um die ängstliche Freundin:
„Diese Reine soll ruhen vor dem reißenden Schwert,
denn sie gab mir Trost, als ich Trauer trug.“
So blieb die Königin im Kampfeslärm Siegerin,
nicht mit dem Säbel, sondern durch Sittsamkeit und Sinn.
Die Männer senkten die Mörderwaffen,
beschämt von der Größe der gequälten Maid.
Gudrun die Gütige, aus Gischt und aus Schnee,
stieg empor als die Heilerin von Hass und von Weh.
Nur eine entging der milden Hand: Gerlind, die Wölfin.
Für sie gab es keine Sühne im Sinne der Gerechten.
XIV
Der Brand war gelöscht, die Burg war gewonnen,
Wates wilde Wut war im Widerhall verklungen.
Wo zuvor die Klingen auf Knochen trafen,
ward nun der Estrich mit Ehre gekehrt.
Gudrun, die Gütige, im Glanz ihrer Würde,
hob das Haupt über den Hader der Zeit.
Sie sah nicht die Schande, die schmerzlichen Jahre,
sie sah eine Zukunft, die Zwiezwist begrub.
Zuerst trat Herwig, der Held aus Seeland,
vor die Maid, die er mangels der Hoffnung gesucht.
Kein Waschkleid mehr trug sie, kein winterlich Tuch,
in Seide und Smaragd stand die Schöne vor ihm.
Der Ring, der am Waschstrand die Rettung verhieß,
ward nun zum Siegel der sicheren Minne.
Hegeling und Seeland, in Segen verschlungen,
feierten die Hochzeit, die der Himmel gewollt.
Doch Gudrun blickte auf Ortrun, die Ängstliche,
die Tochter der Feinde, die Freundschaft ihr gab.
„Du sollst nicht büßen für des Vaters Verbrechen!“
Sie rief ihren Bruder, den beherzten Ortwin:
„Nimm diese Rose zur Rechten dir an!“
So ward der Hass der Häuser begraben,
da der Hegelinger die Normanin herzend umschloss.
Ein Kuss löschte aus, was der Krieg einst entfacht.
Zuletzt stand Hartmut, der herrlose Räuber,
vor der Frau, die er fesseln und freien gewollt.
Gudrun sah Hildburg, die holde Vertraute,
die mit ihr im Elend am Ufer geharrt.
„Du, Hartmut, sollst heilen durch Hildburgs Geleit!“
Sie gab dem Gefangenen die Gefährtin zur Hand,
dass aus dem Entführer ein Edler erwachse.
So fand selbst der Schänder zur Sühne zurück.
Drei Reigen sich drehten, drei Reiche genesen,
die Hörner erschollen zum höflichen Gruß.
Nicht als Beutezug, sondern als Brautfahrt der Völker,
stießen die Kiele vom Küstensand ab.
Gudrun, die Meisterin der milden Gesinnung,
hatte das Nibelungen-Los niedergeworfen:
Wo dort alle starben, fingen hier alle an,
ein Leben zu weben, das der Liebe gehört.
So hallt durch die Hallen der Hegelinge der Sang:
Dass Güte mehr wiegt als der grimmigste Zwang.
Das Lied ist zu Ende, die Liebe bleibt wahr,
Gudrun die Gute – strahlend und klar.
VIERTER GESANG
I
Grau rollt der Rhein am Gibichungenwall,
Wo Nebel netzen die nackten Steine.
In der Halle hoch hocken die Erben,
Gudrun die Glanzvolle, Gunther der König,
Und im Schatten der Säule: Hagen, der Seher.
Stumm saßen sie, die Schicksalserben,
Kein Kinderlachen klang durch die Kammern,
Kein Hochzeitsmet heilte den Hochmut.
Einsam am Ufer, ungepaart die Edlen,
Wie frostige Felsen im fließenden Strom.
Da erhob sich der Hagere, Höpni’s Erbe,
Mit finsterem Blick und Worten wie Widerhaken.
Er trat zum Throne, wo der Träge wachte,
Und sprach zum Bruder den beißenden Spott:
„Hörst du den Wind, Gunther, den Weber des Ruhms?
Er trägt keinen Namen von Söhnen deines Stammes.
Ein Haus ohne Herrin ist wie ein Helm ohne Zier,
Ein Schwert ohne Scheide, das im Schranke verrostet.
Wach auf, Gibichung! Die Welt ist weit,
Und dein Bett bleibt leer wie ein geplündertes Grab.“
Hagen wob die Worte, er wand die Glieder
Der Gier und der Geltung um Gunthers Geist.
Er wies auf Gudrun, die weiße Maid,
Die am Fenster stand und den Wellen lauschte:
Die Braut für den König: „Hinter dem Feuer, auf flammendem Berg,
Schläft Brünnhild, die Starke, die Schildmaid des Nordens.
Nur wer sie bezwingt, ist der Welt zu Gebote,
Nur sie kann den Glanz deines Geschlechts gebären.“
Der Gatte: „Wer schützt den Rhein, wenn der Raubzug beginnt?
Wir brauchen den Besten, den Bezwinger des Drachen.
Siegfried, der Stolze, mit dem Schatz der Nibelungen,
Soll Gudruns Gürtel lösen und unser Gastrecht binden.“
Gunther vernahm es, die Gier erwachte,
Das Blut der Ahnen begehrte den Besitz.
Gudrun erbebte, sie ahnte das Gift,
Das Hagen so höflich in Hoffnung goss.
„So sei es!“ schrie Gunther. „Wir suchen den Sieg!
Siegfried soll kommen, die Schwester zu freien,
Und ich hole die Walküre aus dem wallenden Brand.“
So wurde gewoben das Gewand aus Verrat,
In der Halle am Rhein, wo das Unheil nun hauste.
Hagen lächelte leise. Der Plan war bereit.
II
Hörner hallten am Himmelsrand,
Vom Strome her stampften die Hufe des Hengstes.
Siegfried nahte, der strahlende Sieger,
Mit dem Schatze belastet, die Stirn voller Licht.
Er ritt in den Hof, wo der Hinterhalt harrte,
Unwissend des Netzes, das Neid ihm geknüpft.
Hagen stand düster, doch Gunther gab Gruß,
Man bot ihm die Bank und das Brot der Gastung.
Doch in der Küche, im kühlen Schatten,
Mischte die Maid das Maß des Vergessens.
Gudrun, die Gütige – nun Geisel der Gier –
Hielt die Schale aus Gold mit zitternder Gunst.
Hagen hatte die Kräuter dem Kelche beigemengt:
Alraune, die nachts im Nebel geschrien,
Lethe-Kraut, das den Lebenslauf löscht,
Und ein Tropfen des Blutes, das Bindung zerbricht.
„Trink, Recke!“ raunte der Ratgeber leise,
„Trink auf das Haus und das Heil der Geschwister.
Lösche den Durst deiner langen Reise,
Und finde den Frieden in diesem Palast.“
Siegfried erhob die schwere Schale,
Er pries den Wirt und die weiße Maid.
Ein Schluck nur – ein Schauder – die Welt stand still.
Wie Asche im Wind verwehte die Wisperstimme
Jener Frau, die er einst im Feuer gefunden.
Vergessen war der Fels und die Flammenwand.
Vergessen der Eid und der leuchtende Ring.
Vergessen Brünnhildes bittender Blick.
Sein Gedächtnis wurde ein weißes Blatt,
Beschrieben nur noch mit Gudruns Gestalt.
Als er die Augen zum zweiten Mal öffnete,
Sah er Gudrun, als sähe er Gott.
Der Zauber fraß sich in Sehnen und Seele,
Das alte Band war mit Gewalt zerschnitten.
„Wer ist die Maid?“ fragte der Held mit Verlangen,
„Deren Antlitz mir heller als die Sonne erscheint?
König Gunther, gib mir die Schwester zur Ehe,
Denn ohne ihr Lächeln erlischt mir das Licht.“
Hagen im Schatten grinste zufrieden:
Der Drache war zahm, der Weg war nun frei.
III
In der Halle hallte der Hochzeitsschwur,
Doch hinter dem Jubel johlte der Trug.
Siegfried, der Seelenlose, vom Trank betört,
Griff nach der Hand der Gibichungentochter.
„Gudrun sei mein!“ so rief er den Ahnen,
„Für diese Rose raub ich die Welt!“
Doch Gunther, der König, hielt inne im Kauf,
Sein Blick war begehrlich, nach Norden gewandt.
Er forderte Zins für die Zusage der Schwester,
Einen Preis, der in Flammen und Falschheit bestand.
Hagen trat vor, der Architekt der Angst,
Er legte die Pläne auf den steinernen Tisch.
Ein Handel wurde geschlossen im Schatten des Rheins,
Wo Ehre gegen Fleisch und Macht getauscht:
„Ich kann sie nicht brechen“, gestand Gunther bang,
„Ihr Speer ist der Tod, ihr Feuer mein Grab.“
Da sprach Siegfried, vom Zauber gezeichnet:
„Ich nehme deine Gestalt, ich trage dein Gewand,
Ich springe durchs Feuer für dein falsches Glück.“
Sie reichten sich Hände, die bald Blut befleckte,
Ein Blutsbruderschaftseid besiegelte den Spott.
Gudrun blickte bleich auf den brüchigen Bund,
Sie liebte den Helden, doch sie kaufte ihn teuer
Mit der Lüge, die nun ihren Bruder bekleidete.
Siegfried zog den Helm über das helle Haupt,
Die Züge verzerrten sich, das Wesen entwich.
Wo der Drachentöter stand, schien nun Gunther zu ragen,
Ein Trugbild aus Stahl für die Braut in den Bergen.
Die Segel blähten sich, das Schiff schnitt die Flut,
Zwei Männer suchten eine Frau für den Thron.
Der eine begehrte, was er nicht bezwingen konnte,
Der andere bezwang, was er längst vergessen hatte.
Am Ufer blieb Gudrun, das Herz voller Schwere,
Während am Horizont die Waberlohe stieg –
Das Feuer, das alles in Asche verwandeln sollte.
IV
Das Wasser des Rheins widerspiegelte den Widerschein,
Von tausend Fackeln, die das Ufer verzehrten.
Die Kiele der Schiffe schnitten den Schlamm,
Heimkehrten die Helden aus dem Hort des Feuers.
An Bord stand Siegfried, die Maske nun abgelegt,
Und neben ihm Brünnhild, die gebeugte Gewalt,
Gefesselt in Scham, weil sie den Falschen nun wähnte
Als den, der die Lohe als Sieger durchschritt.
Gudrun eilte zum Wall, ihr Gewand wehte weiß,
Wie der Schaum auf den Kronen der kalten Fluten.
Sie sah ihren Gatten, den geliebten Betrogenen,
Und vergaß in der Gier das Gift in seinem Geist.
Die Halle der Gibichungen war hoch aufgerichtet,
Mit Teppichen bunt und mit Bechern voll Wein.
Ein Doppelbund wurde den Göttern verkündet,
Ein Fest, wie es weder der Vater noch Ahn
In den Mauern am Strom je gesehen.
Das erste Paar: Gunther und Brünnhild, die schweigende Braut,
Deren Augen wie Blitze im Dunkeln noch drohten.
Das zweite Paar: Siegfried und Gudrun, das strahlende Glück,
Ein Bund aus Vergessen und flammendem Fleisch.
„Heil dir, Siegfried!“ schrie das Volk in den Gassen,
„Heil der Gudrun, die den Drachen nun bändigt!“
Und die Harfen erklangen, sie lügten den Frieden,
Während Hagen im Abseits die Klingen schon schliff.
Vor dem Altar der Alten, im Angesicht Odins,
Wurden die Ringe getauscht und die Schwüre geraunt.
Gudrun fühlte das Gold, es war warm auf der Haut,
Sie blickte zu Siegfried, ihrem herrlichen Herrn,
Der sie ansah mit Augen, die keine Vergangenheit kannten.
Kein Schatten von Island, kein Funke vom Fels,
Trübte den Blick, den er der Maid nun schenkte.
Er legte den Arm um die schlanke Gestalt,
Und Gudrun, berauscht von dem Sieg über das Schicksal,
Küßte den Mund, der Brünnhild einst gehörte.
Man reichte den Met in den massiven Pokalen,
Die Trinkhörner kreisten, der Jubel war laut.
Gudrun lachte, ihr Herz war ein hupfender Vogel,
Denn der Held war ihr eigen, der Schatz war im Haus.
Doch am Ende der Tafel, im Fackelschein bleich,
Saß Brünnhild und starrte auf Siegfrieds Hand.
Dort glänzte ein Ring – der Nibelungen Reif –
Den Siegfried ihr raubte in Gunthers Gestalt.
Gudrun bemerkte das Beben der Rivalin nicht,
Sie wiegte sich sicher im Schoße der Nacht,
Während die Hochzeitstrommeln den Untergang schlugen.
Der Rhein floss weiter, tief und geheim,
Er trug das Gelächter und den drohenden Fluch
Hinaus in die Schwärze der kommenden Zeit.
V
Die Harfen verstummten, das Lachen erstarb,
Wie Frost, der den blühenden Garten verheert.
Brünnhild, die Stolze, am Ehrentisch sitzend,
Erhob sich wie Wetter, das im Westen sich türmt.
Ihr Auge, ein Adler, fixierte die Beute:
Dort glänzte am Finger des Drachentöters
Der Reif aus dem Raube, das Siegel der Schande,
Den Siegfried ihr entriss in der Nacht der Not.
Ein Schrei brach die Stille, zerriss die Standarten,
Ein Klagelaut, kälter als nordscher Schnee:
„Betrug!“, rief die Königin, „Blutiger Trug!
Dort steht der Dieb, der mein Lager geschändet,
Der den Ring mir geraubt, den der Gatte mir gab!
Gunther, mein König – wer brach meine Wehr?
Warst du es im Feuer, oder dieser Vasall?“
Gudrun, die Braut, die im Glanze noch badete,
Fühlte das Eis an ihr Herzblatt nun rücken.
Sie sah die Rivalin, die bebende Recke,
Und sah auf den Ring an des Gatten Hand.
Ein Schatten des Zweifels, ein flüchtiger Schauder,
Trübte den Spiegel ihrer jungen Liebe.
„Siegfried“, so flüsterte sie, bleich vor Entsetzen,
„Was kündet die Frau mit dem flammenden Blick?
Gehört ihr das Gold? Warst du auf dem Felsen?
Sprich, dass die Lüge den Frieden nicht bricht!“
Siegfried, umfangen vom Nebel des Tranks,
Verstand nicht den Ursprung des wilden Zorns.
Sein Geist war gefangen in Hagens Geflecht,
Die Wahrheit vom Felsen war tief ihm begraben.
Er trat vor die Menge, die Stirn voller Unschuld,
Und legte die Hand auf den scharfen Stahl,
Den Speer, den ihm Hagen hinhielt zum Schwur:
„Bei Wotan und allen den ewigen Mächten:
Ich kenne die Frau nur als Braut meines Bruders!
Nie rührte ich sie, nie brach ich den Eid,
Mein Schwert lag als Wächter zwischen uns beiden.“
Die Worte klangen wie Glocken aus Erz,
Doch Brünnhilde lachte, ein Lachen voll Galle.
Sie sah in die Augen, die sie einst geliebt,
Und fand dort nur Leere und fremden Glanz.
Gudrun vernahm des Geliebten Gestimme,
Sie klammerte sich an den Schwur wie an Stroh.
„Er lügt nicht!“, rief sie, die Zweifel verscheuchend,
„Mein Siegfried ist edel, sein Blut ist wie Gold!“
Sie reichte ihm tröstend die zitternde Hand,
Doch im Rücken der Braut stand der schweigende Hagen.
Er sah, wie der Riss durch das Bündnis nun klaffte,
Wie Neid und Verzweiflung die Herzen zerfielen.
Gudrun war Gattin, doch Brünnhild war Braut –
In einer Welt, die auf Lügen gebaut.
Draußen am Ufer, da grollte der Rhein,
Er wusste: Der Ring fordert Opfer und Pein.
VI
Das Sonnenrad sank hinter schwarze Tannen,
Ein kühler Hauch kroch den Strom herauf.
Im dichten Forst, wo die Farne flüstern,
Hatten die Jäger das Wild umstellt.
Doch Hagen, der Unhold, suchte kein Hirschblut,
Sein Hunger galt dem Hort des Lichts.
Siegfried, der Sorglose, kniete am Quell,
Die Lippen im Wasser, die Wehr fern im Gras.
Da blitzte der Stahl, von hinten geführt,
Durch die Stelle im Rücken, die keine Haut schützte,
Wo das Blatt einst den Panzer aus Horn durchbrach.
Ein Stoß – ein Stöhnen – das Schicksal vollendet.
Die Nacht senkte sich über den Gibichungenhof,
Gudrun wachte am Fenster, vom Unheil gewittert.
Sie hörte das Schlurfen von schweren Schritten,
Das Knirschen von Kies unter lastender Not.
Fackeln flackerten, rauchig und rot,
Sie warfen lange Schatten an die kalkigen Wände.
„Halt ein!“ rief sie hinab in das Dunkel,
Doch keine Antwort gab die Männerreih.
Nur das dumpfe Geräusch, als man Holz auf Holz legte,
Ein Schauer durchlief sie, vom Scheitel zum Fuß.
Sie rannte hinunter, das Haar fliegend im Wind,
Die Tore sprangen auf vor der Herrin des Hauses.
Dort lag er, auf Zweigen, auf blutigem Farn,
Siegfried, der Strahlende, gelöscht wie ein Licht.
Sein Auge war starr, seine Hand war erkaltet,
Die den Ring noch trug, den das Verderben geschmiedet.
Gudrun stieß einen Schrei aus, der die Eulen verscheuchte,
Ein Klagegeheul, das den Rhein erzittern ließ.
Sie warf sich auf ihn, auf die kalte Brust,
Und benetzte mit Zähren das starre Gesicht.
„Wer hat mir die Sonne vom Himmel gerissen?
Wer brach den Bund, den der Trank uns gewebt?
Oh, Siegfried, mein Gatte, mein Stolz und mein Sterben,
Dein Blut ist der Wein, den ich niemals gewollt!“
Hagen trat vor aus dem Kreis der Jäger,
Das Blut des Helden klebte noch an seinem Rock.
Er blickte auf Gudrun, die am Boden zerbrach,
Und seine Stimme war trocken wie brechendes Reisig:
„Das Schicksal hat Jagd auf den Jäger gemacht.
Ein Eber hat ihn im Dickicht geschlagen,
Ein Ungetüm, das keinen Namen kennt.“
Doch Gudrun sah auf die Wunde im Rücken,
Sie sah in das hasserfüllte Auge des Bruders.
In diesem Moment, im Schmerz der Erkenntnis,
Zerrann der Zauber, der Trank und der Trug:
Sie sah die Intrige, das Netz und den Mord,
Und im Schatten des Toten begann ihr Gericht.
VII
Die Kerzen flackerten im kalten Hauch,
Der durch die Ritzen der Halle kroch.
Gudrun saß starr beim bleichen Leichnam,
Die Finger verkrallt in den toten Stoff.
Doch plötzlich – wie Blitze, die Wolken zerreißen –
Wichen die Schleier vom sehenden Geist.
Das Gift des Gedächtnisraubs verlor seine Kraft,
Als das Blut des Geliebten den Boden benetzte.
Ein Schauder, so scharf wie die Klinge des Bruders,
Schnitt durch ihr Herz und die heilige Lüge.
Sie sah nun den Becher, das goldene Becken,
Und den Saft der Alraune, den sie ihm gereicht.
Sie blickte auf Siegfrieds friedliche Züge,
Die im Tode nun trugen, was das Leben verbot:
Einen fernen Glanz, eine Sehnsucht nach Norden,
Ein Lächeln für eine, die sie nicht war.
Gudrun begriff mit der Qual der Verdammten,
Dass seine Liebe nur Larve und List war.
Nicht aus Willen: Er kam nicht als Freier zu ihrem Herd.
Nicht aus Wahl: Sein Herz war besiegelt, bevor er sie sah.
Nur durch Zwang: Der Trank war die Kette, die ihn gebunden,
Ein Sklave des Zaubers, ein Raub ihrer Gier.
„Ich hielt einen Adler im Käfig der Lügen“,
Klagte sie leise, die Stimme voll Gram.
„Ich kaufte mir Küsse mit Kräutern und Trug,
Während sein Geist auf dem Feuerfels weilte.
Oh, Siegfried, du warst mir niemals so fern,
Wie in der Stunde, da du 'Gudrun' gelallt.“
Sie sah auf ihre Hände, die bleich und befleckt,
Vom Blute des Mannes und dem Schmutz des Verrats.
Hagen hatte den Speer geführt in den Rücken,
Doch sie hatte die Seele des Recken vergiftet.
Jedes Wort seiner Zärtlichkeit schmeckte nun nach Galle,
Jeder Schwur seiner Treue war ein Echo des Tranks.
Gudrun erkannte: Sie war nicht die Braut,
Sie war nur der Kerkermeister seines Glücks.
Die Trauer um ihn wurde zum Hass auf sich selbst,
Und auf das Geschlecht, das den Helden geschändet.
In der Stille der Halle, beim Leichenwacht-Licht,
Erlosch die letzte Glut ihrer jugendlichen Pracht.
Was blieb, war die Kälte des Rheins in den Adern,
Und die Gewissheit: Ihr Glück war nur Schaum,
Geboren aus Bosheit und sterbend im Blut.
VIII
Die Fackeln im Saal verblassten zu Grau,
Als Gudrun sich hob vom blutigen Grund.
Der Schmerz war nicht länger ein schreiendes Kind,
Er war nun ein Stein, der die Seele beschwerte.
Sie sah auf die Tote, sie sah auf den Ring,
Und fühlte die Schwere der Schuld und der Scham.
Wie ein Dieb, der beim Raub des Lichts wird ertappt,
Wollte sie weichen vom heiligen Platz.
Sie sah Brünnhild nahen, wie Eisen so fest,
Die Augen zwei Sterne voll frostiger Wahrheit.
Kein Trank hatte jene jemals getäuscht,
Kein Zauber das Band ihrer Herzen gebeugt.
Gudrun trat rückwärts, die Hände gefaltet,
Sie wich von dem Mann, der ihr nie ganz gehörte.
Mit gesenktem Haupt, das die Krone nun drückte,
Gab sie den Raum für die rechtmäßige Braut.
Inmitten der Stille der gaffenden Krieger
Sprach sie die Worte, die das Ende besiegelten:
„Nimm ihn dir, Walküre, Tochter des Sturms.
Mein Haus war sein Kerker, mein Kuss war sein Gift.
Ich hielt nur den Leib, doch du hälst das Licht,
Dass er einst im Feuer dir schwörend versprach.
Ich bin nur die Witwe des Trugs und der Tränen,
Du bist die Gattin, die den Geist ihm befreit.“
Brünnhilde schritt vor, ohne Blick für die Maid,
Ihr Stolz war die Brücke zum jenseitigen Land.
Sie ordnete Siegfried das zerzauste Haar,
Sie legte den Ring auf die erkaltete Hand.
Gudrun sah zu aus der Tiefe des Saals,
Wie eine Fremde am eigenen Herd,
Während die Rivalin das Feuer beschwor.
Kein Anspruch mehr: Sie forderte weder das Gold noch den Ruhm.
Kein Wort des Hasses: Sie ließ die Walküre das Urteil nun fällen.
Das Schweigen der Maid: Sie wurde zum Schatten am Rande des Rheins.
Während draußen die Scheiterhaufen sich türmten,
Und die Flammen den Himmel in Purpur getaucht,
Zog Gudrun den Schleier tief in das Gesicht.
Sie überließ Siegfried dem lodernden Grab,
Und Brünnhild den Sprung in den ewigen Tod.
Sie blieb zurück in den steinernen Hallen,
Umgeben von Brüdern, die Mörder nun waren.
Ihr Teil war das Erbe der aschenen Tage,
Das Wissen um Liebe, die niemals begann,
Und das Rauschen des Stroms, der die Wahrheit begrub.
Der Glanz war vergangen, das Lied war verweht,
Gudrun stand einsam, wo die Geschichte nun schwiege.
IX
Die Lohe leckte am Saum des Himmels,
Ein roter Rachen, der die Nacht verschlang.
Brünnhild war gesprungen, ein Funke im Sturm,
Hinein in den Scheiterhaufen, zum Liebsten ins Licht.
Und wie das Feuer die Leiber verzehrte,
Da schwoll der Rhein über Ufer und Wall,
Die Töchter der Tiefe forderten ihr Gold,
Den Reif, der die Welt in den Abgrund gerissen.
Gudrun stand einsam auf zitterndem Zinnen,
Den Blick starr gerichtet auf das sterbende Glühen.
Hagen schrie noch im schäumenden Strudel,
Doch die Gier wurde endlich vom Wasser erstickt.
Hoch im Norden, wo die Sterne verblassen,
Ergriff der Brand auch die Hallen von Walhall.
Das alte Geschlecht, das auf Lügen gebaut,
Sank in die Asche der ewigen Zeit.
Die Götter vergingen im flammenden Grab,
Ihre Ordnung zerbrach wie mürbes Gebein,
Und der Ring – der Fluchbringer – sank in den Schlamm,
Dorthin, wo er rein und im Dunkeln nun ruht.
Gudrun blieb stehen, ein Schatten im Nichts,
Verschont vom Feuer, doch von Kälte verzehrt.
Sie war die Zeugin des großen Vergehens,
Die letzte der Gibichungen, namenlos fast.
Das Kleid war verrußt, die Augen waren trocken,
Denn Tränen versiehen, wenn die Welt um uns birst.
„Das Gold ist im Fluss, die Götter sind Staub“,
Flüsterte sie in den rauchigen Wind.
„Ich lebe noch fort, doch was ist mein Los?
Ein Herz ohne Schlag, ein Haus ohne Licht,
Ich bin nur das Echo eines vergessenen Lieds.“
Kein Hornruf erscholl mehr, kein Schwertklang erklang,
Nur das Rauschen des Wassers, das alles vergisst.
Gudrun wandte sich ab vom lodernden Ufer,
Sie schritt in die Stille der kommenden Nacht.
Ihr Weg führte fort von den Trümmern des Ruhms,
In ein Dasein aus Schatten und grauem Gedächtnis.
Der Rhein floss weiter, gewaltig und schwer,
Er trug das Verhängnis hinaus in das Meer.
Das Lied der Nibelungen war endlich verstummt,
Und mit ihm die Frau, die zu viel hatte geliebt –
Und doch niemals wirklich geliebt worden war.