RESTAURIERT VON TORSTEN SCHWANKE
HERAKLES UND CEYX
Die Rekonstruktion der verlorenen Werke Hesiods in deutschen Hexametern erfordert eine Annäherung an den archaischen Stil: feierlich, formelhaft und mit dem für den Epos typischen epischen Fluss.
Hier ist eine metrische Übertragung ausgewählter Fragmente in den daktylischen Hexameter.
I. Die Astronomie
Fragment 1: Die Pleiaden
„Siehe, die Sterblichen nennen die Schwestern mit Namen Plejaden,
Wenn sie am Himmel erscheinen, die stürmischen, weithin leuchtend.
Schöne Teygata auch, und Electra mit dunklem Gesichte,
Alcyone, Asterope hell, und die dunkle Celaeno,
Maia, und Merope, welche der mächtige Atlas gezeuget.
Maia, die Hermes gebar, den Verkünder der Götter, im Schatten
Tief in den Bergen von Cyllene, fern von den Menschen verborgen.“
Fragment 2: Die Hyaden
„Nymphen wie Grazien sind sie, Phaesyle und edle Coronis,
Cleeia, reich an der Krone, und liebliche Phaco daneben,
Eudora, langwallend das Kleid – die Geschlechter der Menschen
Nennen sie Hyaden dort auf der Erde, die alles ernähret.“
Fragment 4: Orion
„Poseidon gab ihm als Geschenk, auf den Wogen zu wandeln,
Fest wie auf trockenem Land, doch sein Schicksal war dennoch besiegelt.
Als er das Tierreich der Erde bedrohte, da sandte die Erde
Zornig den riesigen Skorpion, dessen Stich ihn im Leben
Schnell unterwarf; nun glänzt er als Sternbild am nächtlichen Himmel,
Denkmal der Manneskraft, während der Skorpion ihn verfolget.“
II. Die Voraussetzungen von Chiron
Fragment 1: Die Weisheit
„Präge dir alles, was weise, in tiefes Gemüte fest ein nun:
Wenn du als Erster den heimischen Herd dann wieder betreten,
Opfere pflichtig den Göttern, den ewigen, köstliche Gaben.“
Fragment 2: Die Gerechtigkeit
„Fälle kein Urteil, bevor du nicht beidseitig alles vernommen,
Wahre das Maß, denn die Klage von beiden muss hörend du prüfen.“
III. Die Großen Werke
Fragment 1: Die Saat der Tat
„Wenn ein Sterblicher Böses gesät, wird er Böses auch ernten,
Wahre Gerechtigkeit wird ihm zuteil, wenn die Menschen ihm wieder
Gleiches vergelten, wie er einst gehandelt an ihnen mit Tücke.“
IV. Die Idaeischen Dactylen
Fragment 1: Die Entdeckung des Eisens
„Kretas Gefilde, sie lehrten zuerst, wie das Eisen zu schmelzen,
Wie man das Erz in der Flamme bezwingt, durch die Kunst der Dactylen.“
V. Die Ehe von Ceyx
Fragment 1: Herakles
„Als er aus Magnesia kam, um nach kühlendem Wasser zu suchen,
Ließen die Freunde den Helden zurück, da er ferne vom Schiff war,
Herakles, dessen Taten weit über die Gestade hallen.“
Die „Großen Eoien“ stellen in ihrer fragmentarischen Überlieferung eine Fortführung und Erweiterung der hesiodeischen Genealogien dar, die den Fokus stärker auf heldische Abstammungslinien und ätiologische Mythen legten. Hier ist eine metrische Rekonstruktion in deutschen Hexametern:
VI. Aus den „Großen Eoien“
Fragment 2: Herakles und Alkmene – Das Los des Helden
„Mein Sohn, wahrhaftig, Zeus, der Vater, hat dich berufen,
Unter den Sterblichen all der Mühseligste zu sein, doch zugleich auch
Unter den Edlen der Beste; so haben das Schicksal und Klotho
Dir die Tapferkeit einst als ein leuchtendes Los zugewiesen.“
Fragment 5: Phyla und Thero – Die Schönheit der Nymphen
„Phylas vermählte sich dann mit der Tochter des edlen Iolaos,
Leipephile, die den Göttern an Schönheit des Leibes wohl gliche.
Diese gebar ihm im Palast den Sohn, den glänzenden Hippotades,
Und die schöne Thero, die gleich wie die Strahlen des Mondes erstrahlte.
Thero, sie lag in der Umarmung des fernhinwirkenden Gottes,
Und sie gebar den Chairon, den kräftigen Bändiger edler Rossgespanne.“
Fragment 11: Endymion – Der Betrug der Wolke
„Denn ihn entführte der Gott, der Ägide, zum Sitz der Unsterblichen,
Doch er begehrte die Gattin des Zeus mit frevelndem Herzen.
Jener, der Listige, täuschte ihn dann mit dem Trug einer Wolke,
Dass er, vom Wahn ergriffen, die Göttin im Geiste nur schaute;
Darum ward er verstoßen und sank in das Dunkel des Hades.“
Fragment 16: Hermes und Battus – Der Verrat des Hirten
„Hermes trieb auf dem Pfad die Herden des Sohnes von Admetos,
Durch das Land der Pelasger und durch die Gefilde von Phthia,
Bis er den Wachposten Battus erreichte auf felsigem Gipfel.
Battus, er schwor auf das Vieh, kein Wort zu verraten dem Fremden,
Doch als der Gott, ihn prüfend, die Robe als Gabe ihm darbot,
Brach der Verräter den Schwur; da schlug ihn der Götterbote
Mit dem Stabe, und Stein ward der Mensch, den Frost und Hitze nun halten.“
VII. Fragmente zur Ehe von Ceyx
Fragment 1: Herakles
„Wahrlich, der Gute bereitet den Guten die Feste der Freude,
Wenn sie zusammen am Tisch sich versammeln, den Gastfreund zu ehren;
Herakles pflegte des Ceyx Haus in Trachis oft zu besuchen,
Immer den freundlichen Gruß dem Wirt und der Gattin zu spenden.“
Fragment 5: Das Ende des Mahls
„Als sie das Herz an der Speise gelabt und das Ende der Feier,
Des gleichberechtigten Mahls, nun erfuhren in glücklichem Geiste,
Holten sie aus dem Gehölz die Mutter der Mutter, die trockne,
Damit sie, vom Feuer verzehrt, nun ende im lodenden Flammen.“
Anmerkung zur Übertragung:
Die „Großen Eoien“ zeichnen sich durch ihren katalogartigen Charakter aus, der weniger den mythologischen Erzählfluss sucht, sondern die Einbettung von Helden in die genealogische Ordnung des Kosmos. Die gewählten Hexameter spiegeln diese archaische Formelhaftigkeit wider, wobei insbesondere die ätiologischen Momente (wie die Verwandlung des Battus oder die Geburt des Hippotades) in den Vordergrund gestellt wurden.
Die Melampodie und der Aigimios erweitern das epische Spektrum Hesiods um seherische Mythen und die archaische Ordnung der Stämme. Die folgende Rekonstruktion übersetzt die fragmentarischen Zeugnisse in die epische Form des deutschen Hexameters.
VIII. Die Melampodie
Fragment 1: Mopsus und Calchas – Das Rätsel vom Feigenbaum
„Calchas, der Seher, der einst aus dem troischen Lande zurückkam,
Traf bei Clarus auf Mopsus, den Seher, an Weisheit weit über ihm.
Calchas sprach zu dem Manne: ‚Wie viele, o Mopsus, bezeichnest
Du die Zahl dieser Feigen am Baum, der so klein uns erscheinet?‘
Mopsus entgegnete kühn: ‚Zehntausend sind’s, wie ich zähle,
Ein Scheffel füllt sich mit den Früchten, doch eine bleibt einsam,
Die du nimmer vermagst, in das Maß der Vollendung zu fügen.‘
Und es erwies sich als wahr, und der Tod holte Calchas in Kürze.“
Fragment 3: Teiresias – Das Urteil über die Lust
„Zwei sich paarende Schlangen erblickte der Seher am Berge,
Tötete erst das Weibchen und ward in ein Weib dann verwandelt;
Später, da er auch das Männchen erschlug, ward er wieder der Eine.
Zeus und die göttliche Hera, sie fragten ihn nun, wer die Wonne
Mehr bei der Liebe genieße – das Weib oder aber der Mann nun?
Zehn Teile misst er dem Weibe zu, einen nur schenkt er dem Manne;
Hera, vom Zorne ergriffen, entzog ihm das Licht seiner Augen,
Doch der Göttervater verlieh ihm den Blick in die künftige Stunde.“
IX. Der Aigimios
Fragment 2: Peleus und Thetis – Die Prüfung des Sterblichen
„Thetis, die silbern gekleidete, wollte die Söhne des Peleus
Prüfen im Wasserbecken, um dort die Sterblichkeit auszulöschen.
Viele vergingen in Flammen und Fluten, bis Peleus erzürnte,
Hinderte jäh sie daran, den Sohn Achilles zu tauchen.“
Fragment 5: Io und der Wächter
„Hera gab ihm den Wächter, den Argus, an Stärke gewaltig,
Vierfach schauen die Augen des Unmüden weit durch die Lande,
Niemals fällt ihm der Schlaf auf das Lid, stets wachsam bei Tage.“
Fragment 8: Die Teilung des Stammes
„Dreifach nannten sie nun das Volk, das sich niedergelassen,
Weil sie das Land in drei Teile geteilt, um der Ordnung zu dienen;
Pelasger, Achaier und Dorer, sie gründeten Siedlungen dorten.“
X. Fragmente unbekannter Herkunft
Fragment 1: Linus – Der Klagegesang
„Urania, Muse des Himmels, gebar den Linus als Sohn uns,
Allen Sterblichen schön, der den Sängern die Harfe geleitet.
Wenn sie das Fest nun beginnen und wenn sie das Ende vollenden,
Rufen sie Linus beim Namen, in Klage den Sänger besingend.“
Die verbleibenden Fragmente – oft als „Dubia“ oder als lose Reste verlorener Zusammenhänge klassifiziert – spiegeln die immense Bandbreite hesiodeischer Dichtung wider: von kosmogonischen Weisheiten bis hin zu profanen Details des Alltags. In dieser letzten Rekonstruktion werden diese Stücke in Hexameter gefasst, um den hesiodeischen Ton der Weltordnung und des menschlichen Schicksals abzurunden.
XI. Weisheit, Macht und das göttliche Walten
Fragment 3: Zeus, der Herrscher
„Denn er allein ist der König und Herr der unsterblichen Götter,
Niemand unter den Edlen, der ihm an der Macht noch wetteifert.“
Fragment 8: Die Verteilung der Gaben
„Dem Aiakos schenkte der Olympier Macht in den Händen,
Weisheit den Söhnen des Amthaon, Reichtum den Söhnen des Atreus.“
Fragment 18: Die Torheit des Begehrens
„Töricht der Mann, der verlässt, was er hat in den eigenen Händen,
Und voll Gier dem nachjagt, was fern ihm bleibt und unerreichbar.“
Fragment 20: Der Wert des Alten
„Wie auch immer die Stadt ihre Opfer den Himmlischen darbringt,
Halte am alten Brauch fest, denn das Hergebrachte ist das Beste.“
XII. Mythen und Gestalten
Fragment 5: Die Hesperiden
„Töchter der Nacht, die jenseits des Ozeans goldenes Glänzen
Hüten in wachsamer Ruh: Aegle, Erythea, Hesperethusa.“
Fragment 10: Amazonomachie
„Telemon, niemals gesättigt von Schlacht und dem lärmenden Streite,
Brachte den Sieg uns heim, da er die stolze Melanippe
Jählings zu Boden gestreckt, die Zerstörerin, Schwester der Königin.“
XIII. Szenen aus dem Leben (Fragmente unbekannter Herkunft)
Fragment 11: Das Mahl
„Zuerst rösteten sie das Fleisch an dem Feuer des Herdes,
Sorgsam zogen sie dann es herab von den Spitzen der Spieße.“
Fragment 17: Der Fluss Parthenius
„Sanft entfließt der Parthenius, gleich wie die zierliche Jungfrau,
Ruhig im Bett, das die Erde ihm bot, in den bebenden Ufern.“
Epilog: Das Vermächtnis der Musen (Fragment 5 & 23 kombiniert)
„Musen, die einem Mann das Wissen verleihen und Weisheit,
Wunderbar sind die Worte, die sie ihm in den Mund nun legen;
Denn wen die Götter auch ehren, dem folgt der Bericht der Sterblichen,
Guten Rufes begleitet, auf all seinen Pfaden des Lebens.“
Abschließende Bemerkung:
Mit dieser Übertragung findet die Arbeit an den hesiodeischen Fragmenten ihren Abschluss. Die metrische Form unterstreicht, dass selbst in den kleinsten, oft nur aus einem einzigen Vers bestehenden Trümmern, der Geist eines Dichters lebte, der versuchte, das Chaos der Mythen in die feste Ordnung des Hexameters – und damit in die Ordnung der menschlichen Erfahrung – zu zwingen.