KOMMENTAR ZU KURT MARTI
VON TORSTEN SCHWANKE
„und maria trat
aus ihren bildern
und kletterte
von ihren altären herab
und sie wurde
das mädchen courage
die heilig kecke jeanne d'arc
und sie war
seraphina vom freien geist
rebellin gegen männermacht und hierarchie
und sie bot
in käthe der kräutermuhme
aufständischen bauern ein versteck
und sie wurde
millionenfach als hexe
zur ehre des götzen verbrannt
und sie war
die kleine therese
aber rosa luxemburg auch
und sie war
simone weil „la vierge rouge"
und zeugin des absoluten
und sie wurde
zur madonna leone die nackt
auf dem löwen für ihre indios reitet –
und sie war und sie ist
vielleibig vielstimmig
die subversive hoffnung
ihres gesangs“
Kurt Marti
AN MUTTER COURAGE
Mutter Courage,
du gehst durch den Staub der Straßen,
durch Märkte, durch Ruinen,
durch die langen Schatten der Geschichte.
Dein Wagen knarrt
wie das Gedächtnis der Armen,
beladen mit Brot, mit Geschichten,
mit dem Mut derer,
die nicht gelernt haben zu schweigen.
Maria, Schwester der Mütter,
du stehst an ihrer Seite.
Nicht hoch über den Wolken,
sondern im Lärm der Welt,
wo Kinder weinen
und Soldaten marschieren.
Du hältst keinen goldenen Thron,
sondern ein Herz
voll Wunden und Hoffnung.
Mutter Courage,
du ziehst weiter
durch das Feld der Mächtigen,
die ihre Karten spielen
mit Ländern, mit Leben.
Doch deine Schritte
sind ein Psalm aus Staub.
Denn irgendwo zwischen Kanonen
und dem Rufen der Händler
wächst das Reich Gottes
wie Gras
durch den Riss im Asphalt.
Maria,
du kennst diesen Weg.
Du hast ihn gegangen
mit einem Kind auf dem Arm
und der Angst der Flüchtenden im Atem.
Darum segnest du
die Frauen mit rauen Händen,
die Brot schneiden
für eine hungrige Welt.
Und du sagst leise:
Selig sind nicht die Sieger.
Selig sind die,
die den Wagen weiterziehen,
trotz der Nacht.
Mutter Courage,
wenn deine Räder im Schlamm versinken,
steht Maria neben dir.
Nicht als Königin,
sondern als Mutter im Exil.
Und gemeinsam
tragen sie das Morgen
wie eine heimliche Flamme
unter ihren Mänteln.
AN JEANNE D‘ARC
Jeanne,
Tochter des Windes von Domrémy,
du hörtest Stimmen
nicht aus den Palästen,
sondern aus dem Schweigen der Felder.
Der Boden war noch feucht
vom Atem der Armen,
und dort
sprach Gott.
Maria stand neben dir,
nicht als Statue aus Stein,
sondern als Schwester
im Staub der Wege.
Sie legte kein Schwert
in deine Hand,
sondern Feuer
in dein Herz.
Jeanne,
du gingst zwischen Soldaten
wie eine Kerze im Sturm,
und doch brannte dein Licht
heller als die Banner der Könige.
Die Mächtigen fragten dich nach Gehorsam,
doch du kanntest eine andere Ordnung:
den Gott der Hirten,
den Gott der Mädchen,
den Gott derer
deren Namen niemand schreibt.
Maria kannte dieses Lied.
Sie sang es einst
im Magnificat,
als sie sprach
von gestürzten Thronen
und erhobenen Niedrigen.
Dieses Lied
ging in deine Schritte über.
Darum fürchteten sie dich,
Jeanne,
mehr als tausend Schwerter.
Denn ein Mädchen
das auf Gott hört
kann die Mauern der Reiche
zum Zittern bringen.
Und als das Feuer kam,
stand Maria im Rauch,
unsichtbar für die Richter,
doch nah
wie der Atem einer Mutter.
Sie nahm deine Angst
in ihre Hände
und verwandelte sie
in Morgenlicht.
Jeanne,
Schwester der Aufständischen,
Tochter des Magnificat —
dein Name
ist noch immer
eine Fackel
in den Nächten der Welt.
AN SERAPHINA VOM FREIEN GEIST
Seraphina vom freien Geist,
Schwester des ungezähmten Atems,
du gingst durch Städte,
durch Klöster,
durch die engen Tore der Angst
mit offenen Händen.
Sie sagten:
Gott wohnt in Mauern,
in Büchern,
in den Siegeln der Herren.
Doch du hörtest
einen anderen Klang —
Gott
im Herzschlag der Armen,
im Lachen der Kinder,
im Wind
der über die Felder streicht
ohne Erlaubnis.
Maria ging mit dir.
Nicht die gekrönte Königin
aus den Altären der Mächtigen,
sondern Miriam von Nazareth,
die junge Frau
die ein Lied gegen die Throne sang.
Sie erkannte dich sofort.
Denn auch du
trugst das Magnificat
nicht auf Pergament,
sondern im Blut.
Seraphina,
sie nannten dich gefährlich.
Weil du sagtest:
Die Seele ist frei.
Der Geist ist nicht käuflich.
Kein Kaiser, kein Bischof
kann die Flamme Gottes
einsperren.
Darum stellten sie Fragen,
schrieben Urteile,
zündeten Holz an.
Doch das Feuer
versteht nichts von Freiheit.
Es brennt nur
den Körper.
Der Geist
geht weiter.
Maria stand
im Rauch der Scheiterhaufen,
wie sie einst
unter dem Kreuz stand.
Still,
doch stärker
als alle Gerichte.
Und sie flüsterte:
Tochter,
der Geist
gehört niemandem.
Er weht
wo er will.
Seraphina vom freien Geist,
dein Name ist kein Schatten
in den Archiven der Angst.
Er ist ein Funke.
Und irgendwo
in den Nächten der Welt
nimmt ihn jemand auf
und geht weiter.
AN KÄTHE, DIE KRÄUTERMUHME
Käthe,
Kräutermuhme am Rand des Dorfes,
deine Hände riechen nach Thymian,
nach Beifuß,
nach Erde,
die mehr weiß als die Bücher der Herren.
Du gehst über Wiesen
wie über eine aufgeschlagene Schrift,
und jedes Blatt
spricht.
Die Kranken kommen
bei Nacht,
wenn die Glocken schweigen
und die Ärzte schlafen.
Du kochst Wasser,
du zerreibst Blätter,
du flüsterst alte Namen
der Pflanzen
die Gott selbst gesät hat
in den Falten der Welt.
Maria sitzt manchmal bei dir.
Nicht in Blau und Gold,
sondern mit hochgekrempelten Ärmeln,
eine Schale in den Händen,
in der Kamille schwimmt
wie kleine Sonnen.
Ihr sprecht wenig.
Denn ihr kennt beide
das Wissen der Mütter:
dass Heilung
oft leise ist
wie Tau am Morgen.
Doch die Mächtigen
fürchten leises Wissen.
Sie fragen:
Woher kommt diese Kraft?
Wer hat sie dir erlaubt?
Käthe,
du lächelst nur
und zeigst auf den Garten.
Dort wächst das Evangelium
zwischen Brennnesseln.
Maria erkennt es.
Sie hat es selbst gesehen
in Nazareth,
als Frauen Brot kneteten
und Kinder heilten
mit Öl und Geduld.
Darum stellt sie sich neben dich
wenn sie flüstern:
Hexe.
Gefährlich.
Ungehorsam.
Sie sagt:
Selig sind die Hüterinnen der Kräuter,
denn sie kennen
die Geduld der Erde.
Käthe, Kräutermuhme,
deine Beete sind kleine Altäre,
deine Töpfe
sind Kelche des Lebens.
Und wenn der Wind
durch den Garten geht,
trägt er den Duft deiner Arbeit
weit über die Felder —
wie einen Segen
für eine müde Welt.
AN DIE VERBRANNTEN HEXEN
Schwestern im Rauch,
Namenlose der Protokolle,
Frauen aus Dörfern und Wäldern,
deren Stimmen man band
wie Bündel trockenes Holz.
Man führte euch auf Plätze,
wo die Menge atmete
wie ein Tier aus Angst.
Sie sagten:
Gott verlange das Feuer.
Doch Gott war nicht im Feuer.
Er war
in euren Händen,
die Kinder geboren hatten,
Brot gebrochen,
Kräuter gesammelt im Morgentau.
Maria stand unter dem Himmel
über euren Scheiterhaufen.
Nicht fern,
nicht stumm aus Stein,
sondern mit dem Gesicht
einer Mutter,
die den Schmerz der Welt kennt.
Sie erinnerte sich
an das Magnificat —
an das Lied
von gestürzten Thronen
und erhobenen Niedrigen.
Darum weinte sie nicht nur.
Sie bewahrte eure Namen
im Gedächtnis der Erde.
Anna aus dem Schwarzwald,
Grete aus dem Moor,
Elsa aus der Stadtmauer —
und tausend andere,
deren Namen verbrannten
bevor sie geschrieben wurden.
Doch die Asche
ist ein seltsamer Same.
Sie sinkt in den Boden,
still,
unscheinbar.
Und eines Tages
wachsen daraus Stimmen.
Frauen,
die wieder Kräuter sammeln,
wieder Bücher schreiben,
wieder sagen:
Die Seele gehört Gott,
nicht den Richtern.
Schwestern im Rauch,
euer Feuer
war nicht das Ende.
Es war ein dunkler Morgen.
Und Maria
geht noch immer
durch die Felder der Geschichte,
sammelt eure Funken
in ihrem Mantel
und trägt sie weiter
in die Zukunft der Armen.
AN THERESE VON LISIEUX
Kleine Schwester aus Lisieux,
du hattest keine Banner,
keine Armeen,
keine großen Plätze,
auf denen dein Name gerufen wurde.
Nur einen stillen Gang im Kloster,
eine Kerze,
ein Herz
so klein
wie ein Samenkorn.
Doch Gott
liebt die Samenkörner.
Thérèse,
du hast verstanden,
was die Mächtigen übersehen:
dass die Welt nicht nur
durch Könige fällt
oder durch Generäle brennt,
sondern auch
durch die kleinen Akte der Liebe
gerettet wird.
Maria kannte diesen Weg.
Sie sah dich
im Garten des Klosters,
wie du eine Rose betrachtetest
als wäre sie ein Evangelium.
Und sie lächelte.
Denn auch sie
hatte einmal nur gesagt:
Ja.
Ein kleines Wort
gegen die großen Imperien.
Die Welt nennt dich
die kleine Blume.
Aber Blumen
brechen den Asphalt.
Sie wachsen
wo niemand sie befiehlt,
sie öffnen sich
für die Armen,
für die Müden,
für die,
die glauben
dass ihre Liebe zu klein ist.
Thérèse,
du hast das Geheimnis der Befreiung
in der Hand gehalten
wie eine einfache Kerze:
dass jeder Akt der Güte
ein Riss ist
im System der Gewalt.
Und Maria
geht noch immer
durch die Gänge der Welt
und streut deine Rosen
auf die Wege der Menschen
die glauben
sie könnten nichts verändern.
Doch dort
wo eine Rose fällt,
beginnt schon
ein anderes Reich.
AN ROSA LUXEMBURG
Rosa Luxemburg,
kleine Frau
mit der großen Unruhe der Welt im Herzen,
du gingst durch die Straßen
der Fabrikstädte
wo der Rauch der Schornsteine
wie ein dunkles Evangelium
über den Armen hing.
Du sahst
was viele nicht sehen wollten:
die Hände der Arbeiter
aufgerissen vom Eisen,
die Kinder
die zu früh erwachsen wurden,
die Frauen
deren Müdigkeit niemand zählte.
Und du sagtest:
Die Welt kann anders sein.
Maria hörte dieses Wort.
Denn auch sie
hatte einmal gesungen
von gestürzten Thronen
und von Hungrigen
die satt werden.
Das Lied
wanderte durch die Jahrhunderte
und fand
in deinem Mund
eine neue Stimme.
Rosa,
sie sperrten dich ein
zwischen Mauern
die nach Angst rochen.
Doch selbst dort
sahst du noch den Himmel.
Du schriebst von Vögeln,
von Wolken,
von dem leisen Glück
einer lebendigen Welt.
Die Freiheit, sagtest du,
ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.
Maria nickte
im stillen Raum deiner Zelle.
Denn Gott
fürchtet keine Freiheit.
Er pflanzt sie
wie einen wilden Baum
in die Herzen der Menschen.
Und als die Nacht kam
und die Gewalt der Mächtigen
deinen Körper traf,
ging dein Wort
nicht unter.
Es ging
durch die Straßen,
durch die Bücher,
durch die Träume derer
die noch immer hoffen.
Rosa Luxemburg,
Schwester der Unruhigen,
Tochter des unvollendeten Morgens —
dein Name
ist noch immer
eine rote Blume
im Schnee der Geschichte.
Und Maria
geht durch die Welt
und hebt sie auf,
damit niemand vergisst
wie Hoffnung aussieht.
AN SIMONE WEIL
Simone Weil,
Jungfrau des roten Feuers,
Sucherin zwischen Fabrikhalle
und Kapelle der Stille.
Du gingst dorthin,
wo Denken
nicht sicher bleibt.
In die Werkstätten
des Schmerzes,
zu den Arbeitern
deren Hände
die Welt tragen
und doch unsichtbar bleiben.
Du wolltest verstehen
nicht aus der Höhe der Bücher,
sondern aus der Schwere des Eisens,
aus dem Rhythmus der Maschinen
die die Körper erschöpfen.
Simone,
du nanntest es Aufmerksamkeit.
Ein heiliges Schauen
auf den Leidenden,
ohne ihn zu besitzen,
ohne ihn zu erklären.
Maria kannte diese Aufmerksamkeit.
Sie stand einst
unter einem Kreuz
und tat nichts
als sehen,
bleiben,
lieben.
Darum erkannte sie dich.
In deinem Hunger
nach Wahrheit,
in deinem Ringen
zwischen Gott
und der Wunde der Welt.
La vierge rouge,
sie nannten dich so,
weil dein Herz brannte
für Gerechtigkeit
und doch rein bleiben wollte
vom Stolz der Sieger.
Du wusstest:
Gott
ist nicht auf der Seite der Macht.
Er ist
in der Schwere der Fabrikluft,
im erschöpften Blick
einer Arbeiterin,
im Brot
das geteilt wird.
Simone,
deine Gedanken
sind keine Türme.
Sie sind Brunnen.
Wer sich über sie beugt
sieht tief
in das Wasser der Wahrheit
und erschrickt
über die Klarheit.
Und Maria
geht noch immer
durch die Welt
mit diesem stillen Wissen:
dass Aufmerksamkeit
eine Form der Liebe ist,
und Liebe
die heimlichste
aller Revolutionen.
AN MADONNA LEONE
Madonna Leone,
Frau der offenen Sonne,
du reitest über die roten Wege
der Berge und Wälder,
wo der Wind
die alten Sprachen der Erde spricht.
Der Löwe unter dir
ist kein Tier der Gewalt,
sondern der Mut
der Völker,
die lange schweigen mussten.
Man sagt,
du trägst keine Krone,
kein Gewand aus Gold.
Nur Haut,
nur Atem,
nur den unverborgenen Körper
der Schöpfung.
Denn vor Gott
ist nichts beschämt.
Die Flüsse fließen nackt,
die Bäume stehen nackt im Regen,
und auch der Mensch
wurde ohne Rüstung geboren.
Madonna Leone,
du reitest für die Indios,
für die Kinder des Waldes,
deren Erde geraubt wurde
von Männern mit Karten,
Kreuzen
und Verträgen aus Eisen.
Maria geht neben dir.
Nicht fern in Kathedralen,
sondern auf den staubigen Pfaden
zwischen Maisfeldern und Flüssen.
Sie erkennt dich sofort.
Denn auch sie
war einst nur eine Frau
aus einem vergessenen Dorf,
die das Lied der Niedrigen sang.
Der Löwe brüllt
gegen die Plantagen,
gegen die Minen,
gegen die Gesetze
die die Erde zu Ware machen.
Doch du
legst deine Hand
auf seine Mähne.
Und dein Blick sagt:
Die Erde
gehört nicht den Königen.
Sie gehört den Kindern,
den Alten,
den Hütern der Wälder.
Madonna Leone,
wenn du durch die Täler ziehst,
zittert die alte Ordnung.
Denn eine Frau
die keine Angst vor ihrer eigenen Würde hat
ist gefährlicher
als tausend Armeen.
Und Maria
geht mit dir
durch den Morgen der Welt,
während der Löwe
seinen Schritt setzt
in Richtung
einer freieren Erde.