PHILOSOPHISCHE GOTTESBEWEISE

I


Anselm von Canterbury (1033–1109) hat mit seinem proslogischen Gottesbeweis eines der faszinierendsten und meistdiskutierten Argumente der Philosophiegeschichte geschaffen. Es ist ein sogenannter ontologischer Gottesbeweis, da er die Existenz Gottes allein aus dem Begriff Gottes herleitet – ohne Beobachtungen der Welt (wie Design oder Ursache) zu benötigen.


Hier ist eine Übersicht über seine Logik, die Struktur und die Kritik.


Das Argument: Gott als das „Größte“

Anselm beginnt nicht mit der Bibel, sondern mit einer Definition, die selbst ein Atheist (den er nach Psalm 14 den „Toren“ nennt) akzeptieren muss, um Gott überhaupt verneinen zu können.


Die Definition

Gott ist das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann (id quo maius cogitari nequit).


Die Beweisführung

Anselm nutzt eine logische Stufenfolge:


Existenz im Verstand: Sogar derjenige, der die Existenz Gottes leugnet, hat eine Vorstellung von Gott in seinem Verstand (sonst wüsste er nicht, was er leugnet).


Existenz in der Realität vs. Verstand: Es ist „größer“ (vollkommener), wenn etwas nicht nur im Verstand existiert, sondern auch in der Wirklichkeit.


Beispiel: Ein gemaltes Bild im Kopf des Künstlers ist weniger „vollkommen“ als das fertig gemalte, physisch existierende Bild.


Der logische Zwang: Wenn Gott das Größte ist, was gedacht werden kann, aber nur im Verstand existierte, dann könnte man sich etwas noch Größeres vorstellen: nämlich einen Gott, der auch in der Realität existiert.


Schlussfolgerung: Da dies ein Widerspruch zur Definition wäre (man kann sich nichts Größeres als das Größte vorstellen), muss Gott notwendigerweise auch in der Realität existieren.


Die Rezeption und Kritik

Anselms Beweis ist brillant, weil er rein apriorisch (unabhängig von Erfahrung) funktioniert. Doch er rief sofort Kritiker auf den Plan:


1. Gaunilo von Marmoutiers: Die „perfekte Insel“

Anselms Zeitgenosse Gaunilo argumentierte, dass man mit dieser Logik alles beweisen könne. Er stellte sich eine „vollkommene Insel“ vor. Wenn sie die vollkommenste wäre, müsste sie nach Anselms Logik existieren.


Anselms Antwort: Das Argument gilt nur für das absolut höchste Wesen, nicht für endliche Dinge wie Inseln.


2. Immanuel Kant: „Sein ist kein Prädikat“

Die berühmteste Kritik kam Jahrhunderte später. Kant argumentierte, dass „Existenz“ (Sein) keine Eigenschaft ist, die eine Sache „größer“ oder „vollkommener“ macht.


Beispiel: 100 Taler im Kopf haben dieselben Eigenschaften (Farbe, Wert, Form) wie 100 Taler in der Tasche. Dass sie da sind, fügt dem Begriff des Talers nichts hinzu.


Anselm ging es dabei übrigens nicht nur um kalte Logik; sein Werk Proslogion ist als Gebet verfasst. Er nannte sein Prinzip fides quaerens intellectum (Glaube, der nach Einsicht sucht). Er glaubte bereits und wollte den Verstand nutzen, um zu verstehen, warum sein Glaube vernünftig ist.



II


Im Gegensatz zu Anselm von Canterbury, der Gott rein aus der Logik des Begriffs beweisen wollte, hielt Thomas von Aquin (1225–1274) diesen Weg für für den menschlichen Verstand nicht gangbar.


In seinem Hauptwerk, der Summa Theologica, stellt er fest: Wir können Gott nicht direkt in seinem Wesen erkennen. Wir können ihn nur indirekt über seine Wirkungen in der Welt erfassen. Das ist der a posteriori Ansatz (vom Nachfolgenden auf die Ursache schließen).


Thomas formulierte die berühmten fünf Wege (Quinque viae):


Die fünf Wege des Thomas von Aquin

1. Der Beweis aus der Bewegung (ex motu)

Alles, was sich in der Welt bewegt, wird von etwas anderem bewegt. Eine unendliche Kette von Bewegern ist logisch unmöglich, da es sonst keinen ersten Impuls gäbe.


Fazit: Es muss einen ersten unbewegten Beweger geben – und das ist Gott.


2. Der Beweis aus der Wirkursache (ex ratione causae efficientis)

In der Welt beobachten wir Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Nichts kann die Ursache seiner selbst sein (man kann nicht vor sich selbst existieren). Auch hier ist eine unendliche Kette unlogisch.


Fazit: Es muss eine erste nicht verursachte Wirkursache geben.


3. Der Beweis aus der Kontingenz (ex possibili et necessarrio)

Dinge in der Natur entstehen und vergehen; sie sind „kontingent“ (sie könnten auch nicht sein). Wenn alles nur kontingent wäre, hätte es einen Zeitpunkt gegeben, an dem gar nichts existierte – dann würde aber auch heute nichts existieren.


Fazit: Es muss ein notwendiges Wesen geben, das seine Notwendigkeit nicht von einem anderen hat.


4. Der Beweis aus den Stufengraden (ex gradibus perfectionis)

Wir nehmen in der Welt Grade wahr: Etwas ist mehr oder weniger gut, wahr oder edel. „Mehr“ oder „Weniger“ setzt einen Maßstab voraus, ein Maximum.


Fazit: Es muss etwas geben, das für alle Seienden die Ursache ihres Seins, ihrer Güte und jeder Vollkommenheit ist – das vollkommenste Wesen.


5. Der Beweis aus der Teleologie / Ordnung (ex gubernatione rerum)

Selbst vernunftlose Naturkörper handeln zielgerichtet (wie ein Pfeil, der vom Schützen gelenkt wird). Die Ordnung und Zweckmäßigkeit der Natur kann nicht Zufall sein.


Fazit: Es muss ein intelligentes Wesen geben, von dem alle Naturdinge auf ein Ziel hin geordnet werden.


Ein wichtiger Hinweis: Der "Gott der Philosophen"

Thomas von Aquin war sich bewusst, dass diese Beweise nur die Existenz eines ersten Prinzips belegen, aber noch nicht das volle christliche Gottesbild (Gott als Liebe, Dreifaltigkeit) erklären. Die Beweise liefern das Fundament der Vernunft, auf dem der Glaube dann durch die Offenbarung (Bibel) aufbaut.



III


Baruch de Spinoza (1632–1677) nahm in der Debatte um den Gottesbeweis eine radikale Sonderstellung ein. Er griff zwar den ontologischen Gottesbeweis von Anselm und Descartes auf, verwandelte ihn aber in ein völlig neues System: den Pantheismus.


Für Spinoza war Gott nicht ein Schöpfer, der außerhalb der Welt steht, sondern Gott ist die Welt (Natur). Sein berühmter Leitsatz dazu lautet: Deus sive Natura (Gott oder die Natur).


Hier sind die zentralen Punkte, wie Spinoza über den Gottesbeweis und die Existenz Gottes dachte:


1. Die Definition der "Substanz"

Spinoza beginnt sein Hauptwerk Ethik nicht mit Beobachtungen, sondern mit Definitionen. Er definiert Gott als die absolute Substanz:


Eine Substanz ist etwas, das „in sich ist und durch sich selbst begriffen wird“ (also nichts anderes braucht, um zu existieren).


Da Gott unendlich ist, kann es logischerweise nur eine einzige Substanz geben. Gäbe es zwei, würde die eine die andere begrenzen – dann wäre keine von beiden unendlich.


2. Sein ontologischer Beweis (Die Notwendigkeit)

Spinoza folgt der Logik Anselms, verschärft sie aber:


Zum Wesen einer Substanz gehört die Existenz.


Wenn Gott als die unendliche Substanz definiert ist, wäre es ein logischer Widerspruch, wenn er nicht existieren würde.


Schlussfolgerung: Gott existiert nicht nur, sondern er existiert notwendig. Es ist unmöglich, dass er nicht existiert.


3. Gott ist kein "Gegenüber" (Kritik an Thomas von Aquin)

Während Thomas von Aquin Gott als die „erste Ursache“ sah, die die Welt von außen angestoßen hat, lehnte Spinoza dies ab:


Für Spinoza ist Gott die immanente Ursache. Er ist nicht der Handwerker, der einen Tisch baut, sondern er ist gleichzeitig der Stoff, die Form und die Kraft, die alles am Leben erhält.


Gott hat keinen freien Willen, keine Absichten und keine menschenähnlichen Emotionen (wie Zorn oder Liebe). Alles, was geschieht, geschieht nach den ewigen Gesetzen der Natur.


4. Die Welt als "Attribute" Gottes

Wenn Gott die einzige Substanz ist, was sind dann wir Menschen oder die Dinge um uns herum?


Spinoza sagt: Wir sind „Modi“ (Erscheinungsformen) Gottes.


Gott hat unendlich viele Eigenschaften (Attribute), aber wir Menschen können nur zwei davon begreifen: Ausdehnung (Materie/Körper) und Denken (Geist).


Das bedeutet: Ein Stein ist Gott unter dem Attribut der Ausdehnung; ein Gedanke ist Gott unter dem Attribut des Denkens.


Zusammenfassung: Der Unterschied zu Anselm und Thomas

Gegenüber Anselm: Spinoza nutzt zwar die Logik des Begriffs, aber Gott ist bei ihm kein „höchstes Wesen“ im Himmel, sondern das metaphysische Grundgerüst der gesamten Realität.


Gegenüber Thomas: Spinoza lehnt die Vorstellung ab, dass man von der Welt auf einen fernen Schöpfer schließen muss. Da die Welt selbst Teil Gottes ist, ist die Erkenntnis der Naturgesetze gleichzeitig die Erkenntnis Gottes.


Spinozas Fazit: Den Beweis für Gott findet man nicht durch Wunder oder den Blick in den Himmel, sondern durch die Vernunft und das Verständnis der logischen Notwendigkeit des Universums.


Das war damals so revolutionär und provokant, dass Spinoza aus seiner jüdischen Gemeinde ausgestoßen wurde und viele ihn als Atheisten beschimpften, obwohl er paradoxerweise einer der Philosophen war, die am intensivsten über Gott nachgedacht haben.


Interessiert dich, wie die Kirche oder spätere Denker wie Hegel auf diesen „Gott-Natur“-Gedanken reagiert haben?



IV


Immanuel Kant (1724–1804) markiert das „Ende“ der klassischen Gottesbeweise in der Philosophie. In seinem Hauptwerk, der Kritik der reinen Vernunft, unterzieht er die bisherigen Versuche einer radikalen Prüfung und kommt zu dem Schluss: Gott lässt sich mit den Mitteln der theoretischen Vernunft weder beweisen noch widerlegen.


Er teilte die Beweise in drei Kategorien ein und „zertrümmerte“ sie nacheinander:


1. Die Kritik am ontologischen Beweis (Anselm/Descartes)

Dies ist Kants berühmteste Attacke. Er greift das Argument an, dass „Existenz“ eine Vollkommenheit sei, die zum Begriff Gottes dazugehört.


Sein ist kein Reales Prädikat: Kant erklärt, dass „Existenz“ keine Eigenschaft ist, die den Begriff einer Sache bereichert oder vergrößert.


Das Taler-Beispiel: 100 mögliche Taler (der bloße Begriff) haben exakt dieselben Eigenschaften wie 100 wirkliche Taler. Wenn ich sage „sie existieren“, füge ich dem Begriff „Taler“ nichts Neues hinzu, sondern sage nur, dass dieser Begriff in der Welt anzutreffen ist.


Fazit: Man kann die Existenz nicht aus einem bloßen Begriff „herausklauben“. Ob etwas existiert, muss die Erfahrung zeigen, nicht die Logik allein.


2. Die Kritik am kosmologischen Beweis (Thomas von Aquin)

Hier geht es um Gott als „erste Ursache“. Kant argumentiert:


Kausalität hat Grenzen: Das Prinzip von Ursache und Wirkung (Kausalität) ist ein Werkzeug unseres Verstandes, um die Welt der Erscheinungen zu ordnen.


Der Kategorienfehler: Wir dürfen dieses Prinzip nicht auf etwas anwenden, das außerhalb der Sinnenwelt liegt (das „Ding an sich“). Zu sagen, Gott sei die Ursache der Welt, bedeutet, eine Brücke zu schlagen, die unser Verstand logisch nicht begehen kann.


Heimlicher Rückgriff: Kant zeigt auf, dass der kosmologische Beweis am Ende doch wieder den ontologischen braucht, um die „erste Ursache“ als „notwendiges Wesen“ zu definieren – und den hat er ja bereits widerlegt.


3. Die Kritik am physikotheologischen Beweis (Teleologie)

Dies ist der Beweis aus der Ordnung und Schönheit der Natur (der „Uhrmacher“-Beweis). Kant hatte für diesen Beweis den größten Respekt, hielt ihn aber dennoch für unzureichend.


Der Architekt vs. der Schöpfer: Selbst wenn die Welt geordnet ist, beweist das höchstens einen sehr weisen „Weltbaumeister“, der vorhandenen Stoff geordnet hat, aber noch lange keinen allmächtigen Schöpfer aus dem Nichts.


Lücke in der Logik: Die Ordnung der Welt ist endlich – daraus lässt sich logisch kein unendlicher Gott ableiten.


Die Wende: Der Moralische Gottesbeweis

Nachdem Kant Gott zur „theoretischen Unmöglichkeit“ erklärt hatte, holte er ihn durch die Hintertür der Ethik wieder zurück. Er sagte: Wir können Gott zwar nicht wissen, aber wir müssen ihn postulieren (voraussetzen).


Das höchste Gut: Der Mensch strebt danach, dass Glückseligkeit und Würdigkeit (Moral) zusammenfallen.


Die Gerechtigkeitslücke: In der realen Welt sind gute Menschen oft unglücklich und schlechte glücklich.


Die Postulate: Damit Moral überhaupt Sinn ergibt, müssen wir drei Dinge annehmen:


Die Freiheit des Willens.


Die Unsterblichkeit der Seele (für den Fortschritt zum Guten).


Die Existenz Gottes, als Garant dafür, dass am Ende Moral und Glückseligkeit in Einklang gebracht werden.


Kants berühmtes Zitat dazu: > „Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.“


Zusammenfassung

Für Kant ist Gott kein Gegenstand der Wissenschaft, sondern eine notwendige Idee der praktischen Vernunft. Er macht Gott von einer Frage der Logik zu einer Frage der Lebensführung.



V


Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) ist in dieser Debatte der große „Rehabilitator“. Während Kant die Gottesbeweise als logisch gescheitert erklärte, war Hegel der Meinung, dass Kant den Geist und die Vernunft unterschätzt habe.


Für Hegel sind die Gottesbeweise nicht einfach nur fehlerhafte Rechnungen, sondern notwendige Etappen des menschlichen Geistes, der sich zu Gott emporhebt.


1. Die Kritik an Kant: Das "leere" Denken

Hegel warf Kant vor, dass seine Kritik am ontologischen Beweis (das Taler-Beispiel) hinke.


Das Argument: Ein Taler ist ein endliches, triviales Ding. Bei endlichen Dingen ist es klar, dass Begriff und Existenz getrennt sind (ich kann einen Taler denken, ohne ihn zu haben).


Hegels Einwand: Gott ist aber das Unendliche. Das Wesen des Unendlichen ist es gerade, sich zu realisieren. Ein Gott, der nur eine Idee im Kopf wäre und keine Realität hätte, wäre mangelhaft und somit gar nicht Gott.


Fazit: Für Hegel ist der ontologische Beweis der einzig wahre, weil im Absoluten Denken und Sein eins sind.


2. Die Beweise als "Erhebung des Geistes"

Hegel sah die klassischen Beweise (kosmologisch, teleologisch etc.) nicht als mathematische Beweisketten, sondern als Beschreibungen des Denkweges:


Der Geist betrachtet die endliche Welt (Thomas von Aquin).


Er erkennt die Mangelhaftigkeit und Zufälligkeit dieser Welt.


Durch diesen Mangel wird der Geist logisch dazu gedrängt, das Unendliche (Gott) zu setzen.


Der „Beweis“ ist also der Prozess, in dem der Mensch erkennt, dass die Welt ohne Gott gar keine Konsistenz hätte.


3. Gott als "Absoluter Geist"

Hegel verändert das Gottesbild radikal (ähnlich wie Spinoza, aber dynamischer):


Gott ist bei Hegel kein fertiges Gegenüber, das im Jenseits thront.


Gott ist der Absolute Geist, der sich in der Geschichte, in der Kunst, der Religion und der Philosophie erst selbst verwirklicht und erkennt.


Die Gottesbeweise sind Gottes Selbstbewusstsein: Wenn der Mensch Gott beweist, ist das ein Moment, in dem Gott durch den menschlichen Geist zu sich selbst kommt.


Hegels "Vorlesungen über die Beweise vom Dasein Gottes"

Kurz vor seinem Tod hielt Hegel eine ganze Vorlesungsreihe zu diesem Thema. Sein Ziel war es, die Religion wieder mit der Vernunft zu versöhnen. Er wollte zeigen: Glaube ist nicht unvernünftig, sondern die höchste Form der Vernunft, die nur noch nicht die Form des logischen Begriffs gefunden hat.


Hegels Kerngedanke: Gott ist kein Objekt, das man beweist wie eine chemische Formel. Gott ist der Prozess des Denkens selbst, der erkennt, dass alles Endliche im Unendlichen gründet.



VI


Robert Spaemann (1927–2018), einer der bedeutendsten christlichen Philosophen der jüngeren Zeit, hat keinen „neuen“ physikalischen Beweis vorgelegt. Stattdessen hat er ein tiefgründiges anthropologisch-sprachphilosophisches Argument entwickelt.


Sein Beweis wird oft als der „Beweis aus der Grammatik“ oder das Argument der unbedingten Bejahung bezeichnet. Er findet sich vor allem in seinem Werk „Der letzte Gottesbeweis“.


Hier ist die Logik seines Arguments:


1. Das Problem der „letzten Instanz“

Spaemann knüpft an ein fundamentales menschliches Bedürfnis an: Dass unser Leben, unsere Gedanken und unser Leid einen bleibenden Sinn haben.


Die Vergänglichkeit: Alles, was wir tun, verschwindet irgendwann aus dem Gedächtnis der Menschheit. Wenn es keine Instanz gibt, die sich erinnert, ist es am Ende so, als hätte es uns nie gegeben.


Die Wahrheit: Wenn ich sage „Dies ist wahr“, beanspruche ich eine Gültigkeit, die über den Moment hinausgeht. Wenn Wahrheit aber nur ein chemischer Prozess in meinem Kopf ist, der mit meinem Tod verpufft, dann gibt es eigentlich keine „Wahrheit“, sondern nur temporäre Zustände.


2. Der „Gottesbeweis“ aus der Zukunft (Das Futur II)

Spaemann nutzt eine geniale grammatikalische Wendung: das Futur II („Es wird gewesen sein“).


Wir leben unser Leben im Hinblick darauf, dass es einmal „gewesen sein wird“.


Damit dieser Satz einen Sinn ergibt, muss es jemanden geben, für den unser Leben bleibt.


Das Argument: Wir können nicht sinnvoll leben, ohne vorauszusetzen, dass das, was wir jetzt tun, eine ewige Bedeutung hat. Ein „absolutes Vergessen“ am Ende der Zeit würde die Bedeutung von allem, was wir jetzt tun, im Kern zerstören.


3. Gott als der „Hörer“ und „Wissende“

Spaemann argumentiert, dass Gott die notwendige Bedingung dafür ist, dass Sätze über die Vergangenheit überhaupt einen Wahrheitswert haben.


Wenn ein unschuldiges Kind im Wald stirbt und niemand es sieht, und wenn die Menschheit irgendwann ausstirbt: Ist es dann „wahr“, dass dieses Kind gelitten hat?


Ohne einen unendlichen Geist, der dieses Ereignis „bewahrt“, gäbe es keine Wahrheit über die Vergangenheit mehr, sobald die Zeugen tot sind.


Da wir aber davon überzeugt sind, dass Unrecht Unrecht bleibt (auch wenn niemand mehr da ist), setzen wir unbewusst eine Instanz voraus, die dieses Wissen hütet.


Spaemann sagt nicht, dass man Gott wie eine mathematische Gleichung beweisen kann. Er sagt: Wer die Vernunft und die Wahrheit ernst nimmt, kommt an der Voraussetzung Gottes nicht vorbei.


Atheismus ist für Spaemann letztlich der Verzicht darauf, dass die Welt und das eigene Leben einen endgültigen Sinn haben. Er nannte es die „Normalisierung des Nihilismus“.



VII


Spaemanns Verteidigung gegen die moderne Hirnforschung und den reduktionistischen Materialismus (die Idee, dass wir nur „Biomaschinen“ sind) ist eines seiner schärfsten philosophischen Messer. Er greift dabei nicht die Naturwissenschaft an sich an, sondern deren Anspruch, die ganze Wahrheit gepachtet zu haben.


Sein Gegenargument lässt sich in drei zentrale Punkte zusammenfassen:


1. Das „Argument der Vernunft“ (Der performative Widerspruch)

Naturwissenschaftler wie Richard Dawkins oder Sam Harris argumentieren oft, dass unser Denken nur das Ergebnis evolutionärer Anpassung und neuronaler Feuerung im Gehirn ist.


Spaemanns Einwand: Wenn mein Gedanke „Gott existiert nicht“ nur ein chemischer Prozess ist, der durch Evolution auf Überleben (und nicht auf Wahrheit) programmiert wurde, dann gilt das auch für den Gedanken des Wissenschaftlers: „Alles ist nur Chemie“.


Die Konsequenz: Wenn alles Denken nur Biologie ist, verlieren wir den Maßstab für Wahrheit. Ein chemischer Prozess ist nicht „wahr“ oder „falsch“, er passiert einfach.


Das Fazit: Wer behauptet, die Wissenschaft sage die Wahrheit, muss voraussetzen, dass der menschliche Geist fähig ist, aus der rein biologischen Kausalität auszubrechen. Er setzt also eine geistige Freiheit voraus, die er materiell gar nicht erklären kann.


2. Die „Innenseite“ der Welt (Qualia)

Die Hirnforschung kann messen, welche Areale leuchten, wenn wir Schmerz empfinden oder Liebe fühlen.


Spaemanns Einwand: Die Messung der Gehirnströme ist die Außenansicht. Das eigentliche Erleben des Schmerzes (das „Ich-Gefühl“) ist die Innenansicht.


Man kann eine Erdbeere chemisch perfekt analysieren, aber man kann das „Rot-Sehen“ oder das „Süß-Schmecken“ nicht in ein Reagenzglas füllen.


Für Spaemann ist diese Subjektivität (das „Ich“) ein Hinweis darauf, dass die Welt nicht nur aus Materie besteht. Er nennt das die Nicht-Hintergehbarkeit der Person.


3. Teleologie vs. Zufall

Die moderne Biologie sagt: „Das Auge ist entstanden, damit wir sehen können“ (Zweckmäßigkeit), behauptet aber gleichzeitig, alles sei nur blinder Zufall.


Spaemanns Einwand: Wir können die Natur gar nicht beschreiben, ohne ihr Zwecke zu unterstellen. Ein Herz „pumpt Blut“, es schlägt nicht einfach nur zufällig rhythmisch.


Wenn die Natur aber Zwecke verfolgt, stellt sich die Frage nach dem „Woher“ dieser Zielrichtung. Spaemann sieht hier (ähnlich wie Thomas von Aquin im 5. Weg) eine übergeordnete Vernunft am Werk, die er Gott nennt.


Ein prägnanter Vergleich: Das Buch

Spaemann nutzt oft ein schönes Bild, um den Fehler der Hirnforschung aufzuzeigen:


Stell dir ein Buch vor. Ein Physiker kann das Gewicht des Papiers messen, ein Chemiker die Zusammensetzung der Tinte analysieren. Sie sagen die „Wahrheit“ über das Buch. Aber sie finden im Papier und in der Tinte nicht den Sinn der Geschichte, die darin steht.


Für Spaemann ist Gott der Autor dieser Geschichte. Die Wissenschaftler analysieren nur das Papier (das Gehirn) und die Tinte (die Neuronen), behaupten dann aber fälschlicherweise, es gäbe gar keine Geschichte (den Geist/Gott).


Was das für uns bedeutet

Spaemann fordert uns heraus: Entweder wir sind wirklich nur komplizierte Computer aus Fleisch – dann ist aber auch die Wissenschaft wertlos, weil sie keine „Wahrheit“ mehr kennt, sondern nur „Datenverarbeitung“. Oder wir sind Personen mit einem Geist, der zur Wahrheit fähig ist – dann aber deutet dieser Geist auf einen unendlichen Ursprung hin.