POESIE UND RAUSCH

VON TORSTEN SCHWANKE



Jesus Sirach 31, 27–31:

27 Der Wein ist wie das Leben für den Menschen, wenn er ihn mäßig trinkt. Was ist das für ein Leben, wenn kein Wein da ist, der doch von Anfang an geschaffen ist zur Freude?

28 Der Wein erfreut das Herz und macht gute Laune, wenn er zur rechten Zeit und mäßig getrunken wird.

29 Aber er macht das Herz bitter und führt zu Zank und Fall, wenn man zu viel trinkt aus Zorn und Streitsucht.

30 Trunkenheit macht den Toren voll Unverstand und bringt ihn zu Fall; sie nimmt ihm die Kraft und schlägt ihm Wunden.

31 Schilt deinen Nächsten nicht beim Wein und verachte ihn nicht, wenn er fröhlich ist; gib ihm keine bösen Worte und fordere nichts von ihm zurück, wenn er zecht.



HOMER


Der Becher kreist am Abendfeuer,

wo die Heldensagen keimen,

gefüllt mit dunklem Oinos,

dem Blut der sonnenverbrannten Reben.

Doch nie berührt die Lippe ihn rein –

das kühle Wasser aus der Quelle

zähmt das wilde Feuer der Erde,

denn nur das Maß wahrt die Würde des Menschen,

während der unverdünnte Schluck

den Barbar zeichnet und das Tier erwacht.


Wein ist das Heiligtum der Gastfreundschaft,

das Pfand zwischen Fremden,

der Trank der Tröstung vor der Schlacht

und das Opferglas für die ewigen Götter.

Er schenkt den Achaiern Herzensmut,

löst die starren Zungen der Sänger

und gießt Wärme in die müden Glieder.


Doch die Grenze ist schmal

zwischen göttlichem Trost und Abgrund.

Trunken stürzt Elpenor vom Dach der Kirke,

ein Opfer der eigenen Naivität,

ohne Ruhm im Kampf gefallen.

Und auf der Insel der einäugigen Riesen

wird das süße, schwere Lebenselixier

zur Waffe der Hinterlist:

Polyphem trinkt den ungemischten Wein,

sank dahin in schwerer Betäubung,

bis das glühende Holz ihm das Augenlicht stahl.


Weiter noch reicht der Schatten des Rausches

an den Stränden der Lotophagen:

Dort blüht keine Rebe,

sondern die Honigfrucht des Vergessens.

Ein einziger Bissen löscht die Welt aus –

keine Sehnsucht mehr nach Ithaka,

keine Erinnerung an Weib und Kind,

nur noch das süße, tödliche Dasein

im ewigen, pflichtlosen Schlummer.


So webt Homer das ewige Doppelgesicht:

Der Rausch als Gabe, die das Leben preist,

und als Dämon, der den Geist raubt,

die Heimat tilgt

und den Helden im Dunkeln stranden lässt.



ALKÄOS UND ANAKREON


Wo das Holz der Schiffe am Strand von Lesbos ruht

und der Wind des Meeres durch die Hallen bfeift,

da schenkt Alkaios den Becher ein.

Nicht um zu vergessen, was die Tyrannen taten,

sondern um das Herz zu wappnen

gegen Frost, Verrat und exilische Kälte.

Denn Wein ist der Spiegel des Mannes –

er wäscht die Masken ab,

enthüllt das wahre Gemüt

und ist das einzige Heilmittel,

wenn der Sturm die Welt zerreißt.

Ist es winterlich kalt?

Schenk ein, gieß unbarmherzig nach,

mische das Süße mit dem Feuer,

denn die Sorgen verjagen wir nicht mit Klagen,

sondern mit Dionysos’ dunkler Medizin.


Ganz anders klingt die Leier in Teos und Athen,

wo Anakreon die Rosen im Haar trägt

und den Becher mit leichter Hand neigt.

Kein Wilder ist sein Gott,

sondern ein Freund der Musen und der Kypris,

der den Rausch in sanfte Bahnen lenkt.

Zwei Teile Wasser, ein Teil Wein –

so bleibt der Geist hell,

wenn die Wangen sich röten

und die Knaben und Mädchen im Reigen tanzen.


Für Anakreon ist der Wein die Rüstung gegen das Alter,

das leisere Auftreten der Jahre,

die silbernen Haare an den Schläfen.

Der Trank verjüngt die Seele,

verscheucht die Furcht vor dem dunklen Hades

und verwandelt die verbleibenden Stunden

in ein einziges Fest der Geselligkeit.

Kein Exzess, kein Geschrei der Kentauren,

kein Wutausbruch im Zelt,

sondern das maßvolle Vergessen der Erdenlast

unter den Fittichen des Weingotts.


So reichen sich die zwei Lyriker die Schale:

Der eine schlägt den Felsen des Lebens

und erzwingt den Trost im Kampf,

der andere fängt die flüchtigen Stunden

in einem Tropfen Heiterkeit –

beide gewiss, dass ohne das Blut der Rebe

die menschliche Brust nur eine stumme,

kalte Behausung bliebe.



SOPHOKLES


Auf den Stufen der marmornen Theater Athens,

wo der Bürger den Tempel der Polis verlässt

und ins Antlitz des Abgrunds blickt,

wird der Rausch zur Erschütterung des Seins.

Nicht mehr der Becher beim Mahle,

nicht die sanfte Linderung des Alters –

hier tritt Dionysos selbst auf die Bühne,

der Maskengott, der Winde bringt und Raserei.


Bei Sophokles glimmt noch die Hoffnung,

dass das Blut der Rebe ein Balsam sei,

ein Trost für die gequälte Seele des Menschen,

wenn das Schicksal den Helden niedertritt.

Der Wein schenkt Vergessenheit der Schmerzen,

löst für einen Augenblick die Fesseln der Not

und legt eine milde Hand auf das wunde Gemüt.

Doch schon bei ihm schimmert unter der glatten Fläche

die Ahnung der unberechenbaren Mächte,

die kein sterblicher Verstand je ganz ermisst.


Euripides aber reißt den Vorhang vollends ab

und lässt in den Bacchantern die Urgewalt brechen.

Der Rausch ist hier kein sanfter Schluck,

sondern eine kosmische Invasionsmacht.

Er fährt wie ein Sturmwind in die Frauen Thebens,

reißt sie fort von Webstuhl und Herdstelle,

hinauf in die einsamen, wilden Berge des Kithäron.

Im Efeu-Kranz und mit dem Thyrsosstab

werden sie zu Mänaden – berauscht nicht nur vom Wein,

sondern vom Numen des Gottes selbst,

einem Zustand jenseits aller menschlichen Ordnung.


Hier zeigt sich die grausame Entgrenzung:

Wer den Gott leugnet wie Pentheus,

wer die Vernunft zum alleinigen Maße erhebt

und den Rausch als Barbarei verbannen will,

wird von der entfesselten Ekstase zermalmt.

Im blinden Wahn zerreißt die eigene Mutter Agave

den eigenen Sohn mit bloßen Händen,

hält sein Haupt für die Beute eines Löwen

und erwacht erst am Morgen danach

aus dem blutigen Dämmerlicht des Rausches

zur schrecklichsten Klarheit ihres Lebens.


So wird die Tragödie zum spiegelnden Gefäß

für die doppelte Natur des Dionysischen:

Der Rausch ist Befreiung und Vernichtung zugleich,

ein göttliches Feuer, das Leben spendet,

wenn man es ehrt und ihm Raum gewährt,

aber alles zermalmt und in Trümmer legt,

wenn der Mensch vergisst,

wie schmal die Brücke ist zwischen Geist und Tier.



CATULL UND HORAZ


Wo der Römische Cäsar die Welt unterwirft,

suchen die Dichter in den Kellergewölben

nach der Quintessenz des Lebens.

Sie greifen zur Amphore,

doch ihre Hände führen den Becher

in völlig unterschiedliche Welten.


Catull verlangt den unverdünnten Brand,

den scharfen Falerner, rein und wild,

denn seine Brust brennt von tausend Flammen –

von Hassen und Lieben, von Zorn und Spott.

Weg mit dem glättenden Wasser!

Gießt ein, bis der Verstand im Feuer schmilzt,

denn die Leidenschaft kennt keine Maße.

Sein Trank ist Treibstoff für den Exzess,

ein Schluck, der die Geliebte Lesbia preist

oder dem Feind das Gift des Spotts ins Antlitz speit.

Hier ist der Rausch kein sanfter Abendsegen,

sondern ein Sturmwind, der die Seele peitscht,

bis sie vor Verlangen bebt oder im Schmerz zerspringt.


Ganz anders hallt der Schritt des Horaz

durch die schattigen Säulengänge des Sabinergutes.

Er holt den alten Caecuber aus dem Siegel,

nicht um im Dunst des Exzesses zu versinken,

sondern um den flüchtigen Tag zu krönen.

Carpe diem – pflücke die Stunde,

denn die Parzen spinnen den Faden unerbittlich,

und der blasse Tod klopft an die Hütte wie an den Palast.


Für Horaz ist der edle Wein das Werkzeug der Aurea Mediocritas,

die goldene Mitte zwischen Nüchternheit und Wahn.

Er löst die Zunge für feine Gespräche,

scheucht die drückenden Sorgen der Welt davon

und lehrt den Geist die gelassene Ruhe.

Doch der Wein gehorcht nur dem, der ihn zähmt:

Mit Wasser gemischt, mit Maße genossen,

wird er zum Symbol menschlicher Weisheit –

ein heller Schein im Schatten der Vergänglichkeit.


So stehen die beiden Römer am selben Tisch:

Catull verbrennt im ungebändigten Feuer des Augenblicks,

während Horaz das Feuer im Becher wiegt,

um dem kalten Hauche der Zeit

mit geistiger Zucht und lächelnder Würde

ein Stück Lebensglück abzutrotzen.



VERGIL


Im gesegneten Schatten der italischen Hügel,

wo der Pflug die dichte Scholle bricht

und die Biene durch den Thyminan summt,

stimmt Vergil das hohe Lied der Arbeit an.

Nicht den wilden, ungezähmten Rausch besingt er,

nicht die ekstatische Wut auf den Bergen,

sondern das Wunder der Zähmung –

den Wein als Frucht der heiligen Symbiose

zwischen dem Schweiß des Menschen und der Gunst des Gottes.


In den Georgica wird Bacchus zum Freund des Sämanns.

Der Dichter lehrt mit weiser Geduld das Handwerk:

Wie man den Rebstaffel gräbt,

die jungen Triebe zärtlich an den Ulmenbaum bindet,

wie man den Boden lockert und den Frost vertreibt.

Hier ist der Weinbau kein blinder Exzess,

sondern die höchste Form der Kultur –

ein Triumph des menschlichen Geistes über die Wildnis,

der das rauhe Land in einen Garten verwandelt.


Der Wein ist das Symbol des ländlichen Friedens,

das Pfand der Ordnung nach den Schrecken der Bürgerkriege.

Er fließt beim Erntedankfest,

wenn die Hirten und Bauern im Gras ruhen,

den Kopf mit Laub gekrönt,

und der Göttin Ceres und dem Bacchus opfern.

Ein Trank, der die müden Glieder der Landmanns stärkt,

der das Herz nach harter Tagewerk weitet

und die Gemeinschaft unter den Sterblichen festigt.


Vergil weiß um die zersetzende Macht des unmäßigen Trankes –

er erinnert an den blutigen Streit der Kentauren,

die vom Wein gepackt den Frieden zerrissen.

Doch in seiner Welt steht das Maß an erster Stelle:

Der Wein dient dem Leben, nicht der Selbstzerstörung.

Er ist der rote Saft der Erde selbst,

getränkt von Sonne, Regen und menschlicher Mühe,

ein göttliches Geschenk, das die Zivilisation begründet,

die Natur versöhnt

und dem Menschen die Würde ländlicher Einfachheit schenkt.



LI BAI UND DU FU


Wo der Gelbe Fluss aus den Wolken bricht

und die Gipfel des Tiantai im Nebel versinken,

da trinken zwei Dichter aus demselben Krug –

und schauen doch in völlig verschiedene Welten.

Ihre Becher sind gefüllt mit dem klaren, süßen Reiswein,

dem Geist des Korns, der die Seele vom Staub der Erde wäscht.


Li Bai, der Unsterbliche, der vom Himmel herabgestiegene Genius,

greift nach dem Krug nicht aus Kummer, sondern aus Sehnsucht nach den Sternen.

Für ihn ist der Reiswein die Leiter zum Unendlichen,

die Waffe gegen die engen Grenzen des menschlichen Ichs.

Wenn er allein unter dem blühenden Baum sitzt,

hebt er das Gefäß empor und lädt den hellen Mond zum Trank,

sieht seinen eigenen Schatten am Boden –

und schon sind sie zu dritt, ein reigen der Einsamkeit.


Im Rausch löst Li Bai die Fesseln der Weltpolitik und des Hofes.

Der Wein zerschmilzt das starre Ego,

bis der Dichter mit dem Wind fließt,

mit den Wolken tanzt und ganz im Tao aufgeht.

Kein Trübsinn hält ihn auf der Erde:

Er trinkt dreihundert Becher auf einen Zug,

verpfändet den kostbaren Mantel und das weiße Roß,

nur um den Trank der Schwerelosigkeit zu kaufen.

Sein Rausch ist kosmische Entgrenzung –

ein kühner Flug durch das Weltall,

wo Leben und Tod, Ruhm und Schande

nur wie der Schaum auf der Welle vergehen.


Ganz anders fällt der Schatten des Bechers bei Du Fu,

dem Dichter-Historiker, dessen Herz am Leid des Volkes blutet.

Mitten in den verheerenden Stürmen der An-Lushan-Rebellion,

flüchtend durch abgebrannte Dörfer, gequält von Armut und Alter,

sucht Du Fu im Reiswein nicht den Flug zu den Sternen,

sondern einen einzigen Augenblick des Standhaltens.


Sein Wein ist ein bitterer Trost,

eine spärliche Medizin gegen die eiskalte Realität.

Während im Palast die Weine verderben und das Fleisch verrottet,

erfrieren an den Landstraßen die Knochen der Armen.

Du Fu trinkt, um das Seufzen der Welt zu ertragen,

um den Schmerz über das zerfallende Reich,

die Trennung von den Freunden und die eigene Gebrechlichkeit

für eine kurze Stunde zu betäuben.

Jeder Schluck ist durchtränkt von Melancholie –

keine kosmische Ekstase, sondern ein leises, trauriges Lächeln

angesichts der grauen Haare im Spiegel

und der unerbittlichen Härte der Geschichte.


So stehen die beiden Giganten der Tang-Dynastie nebeneinander:

Li Bai trinkt den Reiswein, um als Drache in den Himmel zu steigen

und eins zu werden mit der ewigen Natur;

Du Fu trinkt ihn, um die Wurzeln tief in die zerrissene Erde zu graben

und die Tränen der Menschen in Verse zu gießen.



ABU NUWAS


In den goldbedeckten Palästen 

und verborgenen Schenken Bagdads,

wo der Tigris träge durch die Nacht der Kalifen gleitet,

erhebt Abu Nuwas sein Glas gegen den Horizont.

Er spottet der Wüste, spottet der alten Beduinenklagen

um verwehte Zeltspuren und verlorene Liebschaften –

denn seine Welt ist die Nacht, der Samt 

und das rote Gold des Khamr.


Mit frecher Stirn und funkelndem Geist

durchbricht er das heilige Gebot der Nüchternheit.

Für Abu Nuwas ist der Wein kein bloßer Trank,

sondern die reine, flüssige Sonne,

eingefangen im Kristall der Becher,

so hell, dass sie das Dunkel der Schenke erleuchtet.

Er besingt den funkelnden Saft,

der älter ist als die Traube selbst,

ein Äther aus Licht, Geist und berauschender Magie.


Seine Khamriyyat sind Manifeste der Freiheit –

eine ästhetische Rebellion mitten am abbasidischen Hof.

Er preist den Zechgenuss bis zum Morgengrauen,

die Schönheit der jugendlichen Mundschenken,

deren Blicke süßer betäuben als der Trank,

und die schmutzigen, verruchten Tavernen der Vorstadt,

in denen Muslime, Christen und Zoroastrier

im gemeinsamen Rausch die Grenzen der Welt vergessen.


Sündige offen, ruft er den orthodoxen Eiferern zu,

denn die Barmherzigkeit Gottes ist unendlich –

wie sollte sie sich offenbaren, wenn der Mensch nicht sündigt?

Der Rausch wird bei ihm zur Kunstform erhoben,

zur Feier des Augenblicks gegen das Diktat der Sitte.

Der Wein befreit die Seele von der Heuchelei der Frommen,

lüftet die Schleier der Angst

und verwandelt das Erdenleben in ein glänzendes Fest

aus Poesie, Musik, Wollust und ungebundener Eleganz.



OMAR CHAYYAM


Wo die Wüste von Isfahan und Nischapur 

den Staub der Jahrhunderte verweht,

rechnet der Astronom und Mathematiker 

die Bahnen der Gestirne nach.

Er vermisst den Himmel, spaltet die Zahlen 

und sieht das unerbittliche Rad der Zeit,

das Könige zu Staub mahlt und Paläste in Trümmer legt.

Aus demselben Staub, so weiß er, 

werden morgen die Krüge geformt,

aus denen die Zecher trinken –

und in dieser düsteren Klarheit 

greift Omar Chayyām nach der Schale.


In den unsterblichen Vierzeilern 

seiner Rubāʻīyāt wird der Wein

zum schärfsten Pfeil 

gegen die Scheinheiligkeit der Frommen.

Er spottet der Mullahs und Asketen,

die das Paradies im Jenseits feilbieten,

während sie im Diesseits das Leben verfluchen.

Warum auf Versprechungen 

im Nebel der Zukunft warten,

wenn die flüssige Sonne hier und jetzt im Becher funkelt?

Der Wein ist ihm das einzig reale Elixier –

eine Rebellion des Geistes gegen das eiserne Dogma,

ein Bekenntnis zur Gegenwart im Angesicht des Nichts.


Doch der Trank des Chayyām besitzt zwei Gesichter.

Einerseits ist er die handfeste Medizin

gegen die Bitterkeit der Vergänglichkeit:

Trink, ruft er uns zu, denn du weißt nicht, woher du kamst,

und du weißt nicht, wohin du gehst!

Der Wein betäubt den Bohrschmerz des Verstandes,

der an den unlösbaren Rätseln des Schicksals zerbricht,

und verwandelt die Furcht vor dem Tod in ein Lächeln.


Zugleich aber schimmert im tiefen Rot des Bechers

die mystische Glut der Sufis.

Der Rausch wird zur Metapher 

für die Entgrenzung der Seele,

ein Entgleiten aus den eng gesteckten Grenzen des Ego.

Im Spiegel des Weines erkennt der Weise 

die Eitelkeit weltlichen Strebens:

Ruhm, Macht und Gelehrsamkeit 

zerfallen wie Rauch im Wind,

während die göttliche Ekstase des Augenblicks

den Sterblichen für einen Herzschlag lang 

mit der Ewigkeit vereint.


So wird der Krug bei Omar Chayyām zum Altar des Daseins:

Ein Trank der schwermütigen Weisheit,

der uns lehrt, die Erde zu lieben, solange wir auf ihr gehen,

den Schatten der Vergänglichkeit mit einem Schluck zu vertreiben

und die Freiheit des Herzens 

gegen den Wahn der Welt zu verteidigen.



HAFIZ UND RUMI


Bevor die Rebe erschaffen wurde auf Erden,

war unsere Seele schon trunken vom ewigen Wein.

In der Schenke des Schöpfers goss er den Funken

in das Gefäß unseres Fleisches,

auf dass wir ewig nach Hause drängen.


Weg mit dem Becher aus Ton und Glas!

Sie schenken nur Betäubung, die am Morgen verfliegt

und einen schwereren Kopf im Staube zurücklässt.

Wir aber suchen den Trank, der die Welt entflammt,

den ungebundenen Strom des Lichtes,

der nicht durch die Kehle fließt,

sondern die Brust von innen zerbricht.


Wenn der Schenke der Liebe die Schale neigt,

verliert der Verstand seinen stolzen Thron.

Der Gelehrte vergisst seine Bücher,

der Asket wirft seinen Mantel ins Feuer,

und die Füße beginnen zu tanzen

im Rhythmus der kreisenden Sphären.


Trink diesen Wein, der nicht aus der Traube tropft,

und du wirst sehen, dass der Tod nur ein Schatten ist!

Du wirst trunken vom Leben selbst,

ein Tropfen, der in den Ozean stürzt,

um nie mehr Tropfen zu sein,

sondern die unendliche Flut.


Reiche mir den Becher, o Sāqī,

denn die Liebe schien zuerst so leicht,

doch nun kommen die Stürme der Nacht!

Lass den Wächter der Tugend schelten und zürnen –

wir haben das Haus der Vernunft längst niedergebrannt,

um Raum für die Glut zu schaffen.


In der Wölbung des Bechers spiegelt sich die Welt.

Was die Gelehrten in tausend Foliobanden suchen

und doch nicht finden in ihrer dunklen Kammer,

das enthüllt ein einziger Schluck aus der Hand des Geliebten:

Die Eitelkeit der Kronen, das Werden und Vergehn,

und das unsterbliche Lächeln der ewigen Schönheit.


Trink Wein auf den Rosenblättern des Gartens!

Kümmere dich nicht um das Geschwätz der Orthodoxen,

die im Paradies Milch und Honig erwarten,

aber hier auf Erden das Leben verfluchen.

Unser Gebet ist der Seufzer der Sehnsucht,

unser Tempel die Schenke der Ruinen.


Wenn Hafiz trunken singt, horchen die Engel im Himmel,

denn sein Rausch ist kein Verbrechen gegen das Licht,

sondern die reinste Wahrheit eines Herzens,

das die Masken der Welt abgeworfen hat,

um nackt und trunken vor Gott zu stehen.



WALTHER VON DER VOGELWEIDE


Wenn der Winter die Eichen entlaubt

und der Reif über die Auen zieht,

da tritt der Dichter an den gedeckten Tische.

Er hebt den Becher mit gemessener Hand,

nicht um im Dunst der Sinne zu versinken,

sondern um das Herz zu erwärmen

für das hohe Lied der Frau Minne.


Der Wein ist ein Gast der Zucht –

er schenkt dem Hofe die helle Freude,

löst die Zungen für feinen Spruch

und vertreibt die düsteren Schatten der Sorge.

Doch wo die Mäßigung fällt,

da weicht die Ehre des Mannes.


So trinkt der Sänger mit Verstand:

Ein Schluck auf den lichten Mai,

ein Schluck auf das Land, das die Tugend ehrt,

damit der Geist scharf bleibe

und die Saite der Laute rein erklinge

im Dienst der Schönheit.



VAGANTEN


In der Schenke zählt kein Dogma mehr!

Hier ruht das Pergament,

hier schweigt das Latein der Kathedralen,

wenn der Krug von Hand zu Hand fliegt,

gefüllt mit dem schäumenden Blut der Reben

und dem bitteren Sud des Bieres.


Wir trinken auf die Freiheit der Straße,

wir trinken auf die Armen und die Vagabunden!

Es trinkt der Bischof, es trinkt der Knecht,

es trinkt der Papst mit dem Bettelmann,

es trinkt die Dirne, es trinkt der Mönch,

bis der Verstand im Taumel verbrennt.


Der Becher ist der große Richter:

Vor ihm gibt es keine Stände,

kein Gold, das vor dem Kater schützt,

keine Prälatenwürde, die nicht im Staube rollt.

Wer mit uns zecht, verspielt das Hemd,

verflucht das Glück, lacht dem Tod ins Gesicht –

denn morgen schon frisst uns die Wiese,

und heute gehört die Nacht dem Bacchus!



DANTE


Wo die dunkle Tiefe der Hölle stöhnt

und der kalte, ewige Regen

die Seelen der Maßlosen im Schlamm zermalmt,

da zeigt sich die dunkle Fratze des bloßen Fleischrausches.

Wer sein Leben im Dunst des Bechers ertränkte,

ohne Maß, ohne Lenkung durch die Vernunft,

liegt nun stumm und gesichtslos in der Erde,

überbellt vom dreiköpfigen Schlund des Cerberus –

ein Opfer der niederen Lust,

die den Geist im Schlamm ersticken ließ.


Doch steigt der Fuß hinauf zum Läuterungsberg,

wo das Licht des Himmels die Terrassen streift,

da öffnet der Dichter das Buch der Natur

und schaut das Geheimnis der Rebe mit den Augen des Geistes.


Betrachte die Wärme der Sonne,

wie sie herniedersteigt in den Weinstock,

sich gießt in den bitteren Saft der Traube

und ihn wandelt in süßes, feuriges Leben!

Der Wein ist kein bloßes Getrank der Erde –

er ist das Werk der Sonne, getraut mit dem Holz,

ein physikalisches Wunder der Schöpfung,

dazu bestimmt, die müden Glieder zu stärken

und dem Gemüt ein Bild des Höheren zu schenken.


So wie der Sonnenstrahl den Saft der Traube adelt

und aus der rohen Erdfeuchte edlen Wein gebiert,

so senkt sich das göttliche Licht

in die empfängliche Seele des Menschen.

Es weckt die Vernunft, entflammt die Liebe

und verwandelt das Erdenwesen

in ein Gefäß der Himmelskraft.


Der Rausch des Fleisches ist Blindheit und Sturz,

doch die Trunkenheit des Geistes –

getränkt vom Licht der höchsten Liebe –

ist das Erwachen der Seele,

die über sich selbst hinauswächst,

bis sie lächelnd vor dem ewigen Lichte steht.



PETRARCA UND BOCCACCIO


In der kühlen Einsamkeit des Tals,

wo das Quellwasser über die Steine murmelt,

sucht der Dichter nicht das Feuer im Becher,

sondern die reine, ungetrübte Klarheit der Seele.


Jeder Rausch ist ihm eine Verfinsterung des Geistes,

ein freiwilliger Raub der menschlichen Würde,

der die scharfen Linien des Verstandes im Dunst auflöst.

Wie sollte der Mensch sein eigenes Herz erforschen,

wie die Stimmen von Cicero und Augustinus vernehmen,

wenn das Blut im Fieber des Weines ras't?


Petrarca fordert die Zucht des Gedankens:

Der Wein mag den Tisch der Mäßigung zieren,

ein spärlicher Tropfen zur Stärkung der müden Hülle,

doch das Ideal bleibt die kühle Nüchternheit.

Nur wer das Becherglas beiseite schiebt,

behält den freien Blick auf die Vergänglichkeit der Welt,

beherrscht die Sturmwogen der Leidenschaft

und hält das Buch des Lebens mit unzitterner Hand.


Wenn die schwarze Seuche 

durch die Gassen von Florenz kriecht

und der Tod mit kalter Hand an jedes Tor klopft,

flieht die Jugend hinauf 

in die blühenden Hügel von Fiesole.

Sie treten nicht in die Klöster der Buße,

sondern setzen sich unter die Lauben des Gartens

an festlich gedeckte Tische.


Hier kreist der feurige Wein der Toskana,

nicht zur blinden Selbstzerstörung,

sondern als Elixier des aufrechten Daseins.

Der Becher lüftet das schwere Tuch der Angst,

schenkt den Lippen den Schwung der Erzählung

und füllt die Räume mit Lachen, Gesang und Liebe.


Gegen den Gestank der Verwesung und des Verfalls

setzen sie den Duft der Reben und die Pracht des Auges.

Der Wein ist bei Boccaccio das Pfand der Gemeinschaft,

die feine Würze der Renaissance,

die das Erdenleben in all seiner Buntheit feiert:

Ein fröhlicher Trank der Hoffnung,

der dem Wüten des Todes die Stirn bietet

und dem flüchtigen Augenblick seine süßeste Frucht abtrotzt.



RABELAIS


Aus den gigantischen Bäuchen der Riesen

bricht ein Lachen, das die Festungsmauern 

des Mittelalters erschüttert,

wenn der feurige Wein in Bächen durch die Kehlen stürzt.

Weg mit den verstaubten Folianten der Scholastiker,

weg mit der düsteren Buße 

und den verdorrten Sätzen der Paragraphenreiter!

Hier schenkt das Leben selbst ein,

ohne Maß, ohne Furcht, mit vollen Händen.


Der Wein ist bei Rabelais der wahre Treibstoff des Geistes –

ein Saft der Befreiung, der den Verstand nicht vernebelt,

sondern die Ketten der Dummheit und der Heuchelei sprengt.

Trinken heißt hier: Die Welt in sich einsaugen,

wissbegierig sein, das Dasein kosten bis zum Grund

und dem Erdenleben mit offenem Visier begegnen.


Im tiefen Heiligtum des Orakels,

vor der kristallenen Göttlichen Flasche,

verstummen die viel Worten der Gelehrten.

Kein langes Dogma hallt aus der Tiefe,

sondern ein einziger, klirrender Spruch,

der wie der Schlag eines Bechers auf das Eichenholz trifft:

TRINCH! – TRINK!


Trink das Wissen, trink die Freude, trink die Liebe!

Labe dich an der unendlichen Fülle der Schöpfung,

sei frei und tu, was du willst,

denn im Blute der Rebe wohnt die Wahrheit,

die den Menschen aufrichtet,

ihn zum Lachen bringt

und ihn vor den dunklen Schatten der Welt bewahrt.



VILLON


In den finsteren Spelunken von Paris,

wo der Gestank von feuchtem Stroh, Unrat und Schweiß

die niedrigen Balken der Decke schwärzt,

sitzt der Dichter der Verworfenen

vor dem Riss im Krug.


Kein edler Caecuber, kein Schimmer von Arkadien –

nur der saure, billige Landwein,

der wie Essig über die Zunge brennt,

ist sein Gefährte durch die verfluchte Nacht.

Der Trank ist die Rüstung des Bettlers:

Er jagt den Frost aus den knöchernen Gliedern,

stillt für Stunden den nagenden Hunger

und legt ein stumpfes Tuch über die Angst vor den Hächern.


Hier, wo die Würfel auf den Eichentischen rollen

und die Dirnen das letzte Hemd verspielen,

bricht der Rausch nicht in feine Strophen aus,

sondern in beißenden, blutigen Spott.

Der Wein schärft die Zunge des Paria

gegen die fetten Buchtitel der Herren Bischöfe,

gegen die Richter im Mantel von Marderfell,

die den kleinen Dieb hängen,

während der große im Palast zecht.


So schluckt Villon die Reste des sauren Saftes,

blickt durch den dämmerigen Dunst der Schenke

und sieht bereits den Strick,

der im Wind des Ausfalltores schaukelt.

Sein Rausch ist die letzte, wilde Freiheit des Verurteilten:

Ein Lachen im Angesicht des Henkers,

ein Schluck gegen das kalte Nichts –

getrunken auf der flüchtigen Schwelle

zwischen der Pfütze und dem Galgen.



GOETHE


Aus dem Glase von Kristall

steigt die Sonne des Rheins,

gefangen im goldenen Tropfen des Steinweins.

Nicht um den Geist in Finsternis zu stürzen,

nicht um die Würde des Mannes im Staube zu wälzen,

schenkt der Dichter die Schale ein –

sondern um dem Erdenleben Glanz zu verleihen,

wenn die Stunden der Reife nahen.


Wie anders tobt das rohe Getöse in Auerbachs Keller!

Wo das dumpfe Saufen der Burschen

den Menschen zum Tiere herabwürdigt,

da entspringt dem Tisch nur der Zauber des Mephisto,

ein falsches Feuer, das die Lippen verbrennt

und den Verstand im Unrat ersticken lässt.

Der blinde Taumel ist dem Dichter ein Gräuel,

ein Raub an der göttlichen Form.


Doch wie leuchtet der Saft im West-östlichen Divan!

Wenn der Schenke mit zarten Händen den Becher reicht,

wird der Wein zum Befeuchter der Wange,

zum Erwecker der schlafenden Lieder.

Hier reicht sich der Orient dem Okzident die Hand:

Der Trank befreit das Herz von der Schwere des Alters,

lüftet die Schleier der Sorge

und entflammt das Wort zu reinster Poesie.


So feiert Goethe das Geschenk des Bacchus:

Als hohe Kultur, als Maß und Gesetz,

als flüssigen Geist, der die Seele durchglüht,

ohne sie zu verbrennen –

ein edles Lebenselixier,

das den Menschen mit dem Kosmos versöhnt

und die flüchtige Stunde zur Ewigkeit adelt.



NOVALIS


Nicht aus den irdischen Schenken der Welt

schöpft der Dichter das goldene Licht,

sondern aus dem tiefen Heiligtum der Nacht,

wo die Sterne wie stille Flammen brennen.


Der Wein ist ihm kein Trank der Vergessenheit,

kein Betäubungsmittel für den flüchtigen Tag –

er ist das Blut der Erde,

getränkt vom unendlichen Äther,

ein feuriger Strom, der das Himmelslicht

in das dunkle Gefäß des Fleisches gießt.


Wenn Brot und Wein sich auf dem Altar der Liebe gatten,

zerbricht die harte Schale des Daseins.

Das Irdische verflüchtigt sich im süßen Rausch,

die Trennung von Tod und Leben hebt sich auf,

und der Geist erkennt seine ewige Heimat.


Der Rausch bei Novalis ist das Erwachen der Seele:

Ein magisches Durchdringen aller Dinge,

wo der Becher zur Brücke wird

hinüber in das Reich der Geliebten,

wo die Träne sich in Sternenlicht verwandelt

und das Herz in unendlicher Liebe

mit dem Herzen des Universums schlägt.



EICHENDORFF


Wenn der Posthornklang durch die Sommernacht hallt

und die Burgen im Mondlicht träumen,

da hebt der Wanderer den Pokal

am Hang des rebenumkränzten Rheins.


Der Wein ist ihm kein finsterer Dämon,

kein Becher, der den Verstand im Unrat ertränkt,

sondern ein Strahl der ewigen Sonne,

gefangen in der kühlen Nacht.

Er löst die Zunge für das uralte Lied,

das in allen Dingen schläft,

und lässt die Brust von sehnsüchtiger Freude schwellen.


Im Funkeln des goldenen Saftes

fließen die Grenzen der Welt dahin:

Das Rauschen der Wipfel, das Leuchten der Sterne,

die ferne Weite der Täler –

alles wird zum einzigen, seligen Taumel der Seele.

Der Rausch ist hier ein leises Erwachen,

ein Flug der Gedanken über die Grenzen der Zeit,

geführt vom Zauber der Romantik.


Doch wenn der Morgen durch die Wipfel blickt

und der Tau die Wiesen kühlt,

neigt der Dichter das Haupt in Demut.

Der Wein war ihm nur ein schimmernder Bote,

ein Ahnen der ewigen Heimat,

die jenseits aller Irdischkeit

im stillen Lichte Gottes ruht.



ETA HOFFMANN


In der dämmerigen Stube von Lutter & Wegner,

wo die Kerzen im blauen Rauch des Punsches flackern

und die Schatten an den Wänden zu Fratzen gerinnen,

sitzt der Dichter am Rande zweier Welten.


Der Trank ist kein Bote sanfter Naturandacht –

er ist ein feuriges, dämonisches Elixier.

Sobald der Dampf des Siedenden die Stirn berührt

und der dunkle Wein die Adern durchglüht,

reißt das glatte Gewebe des bürgerlichen Alltags.

Das Philistertum versinkt in dicker Nüchternheit,

während aus den Winkeln die Geister steigen.


Hier zeigt der Rausch sein doppeltes, schauderhaftes Antlitz:

Er ist der schöpferische Funke,

der dem Dichter die Augen für das Wunderbare öffnet,

der die Automaten zum Leben erweckt

und die goldgrünen Schlänglein im Holunderbusch singen lässt.

Doch er ist zugleich der Abgrund,

der den Menschen in den Wahnsinn stürzt,

der den Doppelgänger aus dem Spiegel lockt

und die Seele an die dunklen Mächte verstrickt.


Im Becher gärt nicht bloß der Saft der Rebe –

es ist das Elixier des Teufels selbst,

ein Rausch, der verführt, berauscht und zerrüttet.

Hoffmann balanciert auf der Messerschneide:

Er trinkt, um der enge der Nüchternheit zu entfliehen,

wissend, dass jeder Schluck

ihn näher an jenen Abgrund führt,

wo das Lachen der Fantasie

in das Rasen des Wahns umschlägt.



LORD BYRON


In den düsteren Hallen von Newstead Abbey,

wo der Wind durch die gebrochenen Bogen der Abtei pfeift,

hebt der Lord den grässlichen Pokal:

Einen echten menschlichen Schädel,

in blankes Silber gefasst,

gefüllt mit dem Blut der Rebe.


Ein Hohn auf das Grab, ein Spott auf die Verwesung!

Trinkt, ruft er den Zechern zu,

ehe die Würmer unseren eigenen Kopf bewohnen!

Der Rausch ist bei Byron kein harmloses Vergnügen –

er ist ein Akt der Rebellion,

ein Stolzieren am Rande des Abgrunds,

wo der aristokratische Hochmut die Welt verachtet.


Wenn der Brandy die Adern entflammt

und der Weltschmerz die Brust wie ein eiserner Panzer schnürt,

greift er zur dunklen Flasche des Laudanums.

Die feuchte Tropfen der Opiumtinktur

sind das Elixier der Dämmerung:

Sie dämpfen das wilde Rasen der inneren Unruhe,

verwandeln die Qual der Wirklichkeit

in psychedelische Traumwelten,

wo Schattenreiche und wilde Phantasmen steigen.


In diesem Rausch glüht die Seele des Verbannten:

Kein Trost, keine Versöhnung mit Gott oder den Menschen,

sondern die stolze Pose des Gefallenen,

der im Exzess sein eigenes Denkmal meißelt.

Der Trank schenkt ihm die Dämonie der Strophe,

den wilden Schwung des Childe Harold,

getrunken aus den Tiefen der Verzweiflung –

ein brennendes Feuer, das den Körper verzehrt,

um den Geist in unsterblichem Glanz zu hinterlassen.



EDGAR ALLAN POE


In den eisigen Schatten von Baltimore und Philadelphia,

wo der Hunger an den Wänden nagt

und die geliebte Virginia dem Bluthusten verfällt,

sucht der Dichter keinen Lorbeer,

sondern das brennende Gifte im Glas.


Der Cognac ist ihm kein Bote der Musen,

kein eleganter Tropfen für frohe Runden –

er ist das eiserne Tor zur Hölle,

eine dunkle Sucht, die über ihn kommt

wie ein schwarzer, raubtiermäßiger Anfall.

Ein einziger Schluck genügt,

um den scharfen Verstand zu zertrümmern

und den Mann in die Umnachtung zu stürzen.


Hier gärt keine wohlfeile Romantik:

Der Alkohol bringt den schleichenden Wahn,

die lähmende Schuld, die das Herz zerfrisst,

wenn das Pendel der Zeit unerbittlich schwingt

und der Rabe sein ewiges Niemalsmehr rät.

Der Rausch ist das Spiegelbild des Abgrunds –

das schleichende Entsetzen vor dem eigenen Tun,

das den Mörder treibt, das Herz unter den Dielen zu hören.


So wird das Gift des Brandy zur Tragödie des Lebens:

Es zerstört die Existenz, bringt Armut und Schande,

und doch gießt es die düstere, namenlose Farbe

in die Abgründe seiner Erzählungen.

Poe trinkt nicht, um zu schaffen,

er trinkt, weil das Dasein ihn zermalmt –

bis die verflochtene Nacht von Sucht und Umnachtung

ihn stumm auf dem Straßenpflaster zurücklässt.



BAUDELAIRE


Über dem grauen Asphalt von Paris,

wo der Spleen wie ein feuchter Nebel durch die Gassen kriecht,

erhebt der Dichter des Modernismus das Glas.

Enivrez-vous! – Seid trunken!

Ob von Wein, von Poesie oder von Tugend,

egal – aber seid trunken, um die eisige Last der Zeit

nicht auf den Schultern zu spüren!


Der Wein ist bei Baudelaire der einzige wahre Gefährte:

Ein heilsamer, warmer Strom,

der dem armen Lumpensammler die Würde wiedergibt,

dem müden Arbeiter das Herz erwärmt

und dem Dichter den Schwung für die Strophe schenkt.

Im Weine lebt ein dankbares Herz –

er adelt das Elend der Großstadt

und verwandelt den Schmutz der Straße in ein kurzes Fest.


Doch wenn der grüne Absinth die Augen weitet

und der schwere Rauch des Haschischs die Stube füllt,

betritt der Geist das Reich der künstlichen Paradiese.

Ein Rausch der Täuschung!

Das Hirn dehnt sich aus zum Universum,

die Farben singen, die Töne leuchten,

und der Mensch glaubt sich für einen Augenblick wie Gott.


Doch der Preis für diesen Traum ist tödlich:

Das künstliche Paradies fordert die Seele als Pfand.

Es schenkt die Vision, aber raubt die Kraft zur Tat,

es lähmt den Willen, zermalmt die Zucht des Schaffenden

und hinterlässt am Morgen nur Asche, Ohnmacht und Spleen.

So bleibt der Dichter zurück im kalten Licht des Tages –

wissend, dass der wahre Himmel nicht im Gifte liegt,

sondern im harten, unerbittlichen Meißeln des Wortes.



RIMBAUD UND VERLAINE


In der kühlen Dämmerung des Cafés,

wo das Eiswasser langsam über den Zucker brennt,

tropft das grüne Gift in das Kristallglas.

Ein blasses, milchiges Opalamorph entsteht,

während die Flöte des Absinths die Zunge betäubt

und der Welt ihre harten Kanten nimmt.


Hier gärt die leise, weinende Melancholie:

Ein Rausch wie Regen auf den Dächern von Paris,

weich, zerronnen, voll sanfter Verzweiflung.

Der Trank löst die Verse in pure Musik auf,

schenkt das Verlangen nach Vergebung

und das schleichende Vergessen der eigenen Schuld.


Doch die grüne Fee führt zwei Klingen:

Gegen die Schwermut reicht sie die Hand,

um im nächsten Augenblick den Verstand zu zerschmettern.

Aus dem sanften Träumer bricht das wilde Tier,

der Schuss fällt in der engen Kammer zu Brüssel,

und zurück bleibt nur der Ruin eines Lebens.


Am Ende sitzt der gealterte Dichter im Siechenhaus,

das verblichene Glas vor der zitternden Hand,

und weiß, dass die schimmernde Nymphe aus Wermut

ihm die süßesten Lieder stahl,

um ihm nur die Schande des Bettes zu lassen.


Nicht zum Trost der schwachen Seele,

nicht zum Betäuben des alltäglichen Ekel

greift der Knabendichter nach der Wermutflasche.

Der Absinth ist ihm das Messer des Seziermessers,

eine chemische Waffe gegen die Grenzen des Geistes!


Seher werden! schreit die junge Stirn.

Durch ein langes, ungeheures und wohlüberlegtes

Zerrütten aller Sinne

muss der Dichter die alte Welt zertrümmern.

Er trinkt die Hölle, gießt das Feuer in die Adern,

bis die Farben zu Tönen werden,

die Sprache ihre Fesseln sprengt

und das verheißene Unbekannte vor den Augen brennt.


Im grünen Dunst des Glases

sieht er die trunkenen Schiffe über den Ozean stürzen,

sieht Kathedralen im Meer versinken

und das Reich der Zukunft leuchten.

Der Rausch ist hier kein sanfter Schlummer –

es ist eine blutige, heilige Selbstverbrennung!


Er erträgt die Qualen der Verwandlung,

nimmt alle Gifte der Erde in sich auf,

um das große, namenlose Licht zu erbeuten –

bis das Experiment vollbracht ist,

die Poesie im Feuer verzehrt

und der Dichter das Schweigen der Wüste sucht.



GEORG TRAKL


Aus den braunen Apothekerflaschen

tropft das eiskalte Vergessen in das Blut.

Kein sanfter Maienwein, kein heiterer Gesang –

nur der schwere, dunkle Saft der Mohnkapsel,

das weiße Pulver der Auslöschung

und der feurige Schankwein der Vorstadtknajpen.


Der Rausch ist bei Trakl das dünne Eis

über dem Abgrund des Wahnsinns.

Er trinkt, um das Schreien in der eigenen Brust zu ersticken,

um das Antlitz der Toten zu verhüllen,

die durch die dämmerigen Flure seiner Kindheit gleiten.

Die Welt ist ihm ein verfallender Garten,

ein herbstlicher Weiher, über den der Todesengel zieht.


Im Dunst des Morphiums und der schweren Becher

verwandelt sich die Schmerzgestalt der Erde

in schwermütige, leuchtende Bilder:

Der schwarze Vogel, der im entlaubten Geäst schreit,

das blaue Wild, das im Schatten des Waldrandes stirbt,

und das leise Verbluten des Abendrot.


Doch kein Gift vermag den Fluch zu brechen.

Als die Kriegsnacht über Grodek hereinbricht

und die Schreie der Zermalmten durch die Scheune hallen,

zerbricht der letzte Schutzwall der Betäubung.

Der Dichter greift nach der tödlichen Dosis –

ein finaler, eiskalter Rausch,

der die brennende Stirn für immer kühlt

und den Sehenden hinabsenkt

in das ewige Schweigen des Himmels.



BERTHOLD BRECHT


Keine Hymne an die Traube,

kein Geschwätz vom heiligen Geist im Glase!

In den Kneipen der Ausgebeuteten,

wo der Zigarrenrauch die Lungen teert

und der Billig-Schnaps im Magen brennt,

wird nicht geschwärmt – hier wird bezahlt.


Der Trank ist die Rüstung der Armen

gegen die Eiszeit der Verhältnisse.

Man säuft, um das Schuften zu vergessen,

um die Wut über den Magerlohn zu ersticken

und den Körper für die nächste Schicht zu flicken.

Der Rausch ist kein Flug in die Sterne,

sondern die kurze, teuer gekaufte Pause

im Mahlwerk der großen Stadt.


Seht die Herren in den feinen Salons:

Sie trinken den Sekt auf die Rendite,

während der Knecht im Schlamm verreckt!

In Mahagonny zählt nur die Barzahlung,

wer nicht zechen kann, wird aufgehängt,

denn die Moral ist ein Luxus der Satten,

und das Fressen kommt vor der Moral.


So zeigt Brecht das Glas ohne Romantik:

Ein Schmiermittel der Gesellschaft,

eine Ware im Schaufenster des Kapitals.

Trinkt nur, ruft der Dichter den Zechern zu,

doch vergesst über dem Becher nicht das Denken –

denn die Ernüchterung kommt am Morgen,

und die Welt verändert sich nicht

durch den Kater im Kopf,

sondern durch den Eingriff der Tat!



JOHANNES R BECHER


In den fiebrigen Nächten der Jugend

schreit die Seele im Morphiumentzug.

Der Äther zischt durch die Adern,

der Schnaps verbrennt die zerrissene Brust,

während der junge Dichter im Wahn der Großstadt taumelt.

Der Rausch ist ein vulkanischer Ausbruch –

ein hysterisches Zerfetzen der alten Formen,

ein blutiger Schrei nach Erlösung

in einer Welt, die im Krieg verblutet.


Das Gift war die Waffe gegen den Vater,

der Spritzenstich die Flucht vor dem eigenen Schmerz,

wenn die Visionen im Opiumrauch

wie glühende Kaskaden über die Stirn stürzten.

Ein Dasein am Rande des Abgrunds,

wo der Tod im Nebel der Drogen lauerte

und der Dichter im Taumel seine eigene Jugend zertrümmerte.


Doch aus dem Aschehaufen des Verfalls

erhebt sich der gewandelte Mann.

Weg mit den Giften der Dekadenz,

weg mit dem bürgerlichen Siechtum der Nacht!

Der Rausch der Zerstörung weicht der Disziplin:

Das Wort wird zum Merschritt,

der Dichter zum Baumeister der neuen Zeit.


Nun gilt nicht mehr die Ekstase des Morphiums,

sondern die kühle, strenge Klarheit des Geistes.

Der Wein am Tisch der Genossen

ist kein Betäubungsmittel mehr,

sondern ein maßvolles Pfand der Gemeinschaft.

Die Wilde Poesie wird gezähmt zum Hymnus,

der Rausch weicht der eiserne Pflicht –

denn die Zukunft fordert den wachen Verstand,

der nicht im Gifte ertrinkt,

sondern die Welt nach dem Gesetze der Tat neu erschafft.



GOTTFRIED BENN


Im eisigen Licht des Sektionssaals

schweigt der Verstand vor dem zerfallenden Fleisch.

Das Großhirn – ein verfluchtes Geschwür der Evolution,

das den Menschen in die Kälte der Isolation stößt

und ihn mit dem Messer der Analyse martert.


Da greift der Dichter nach der Chemikalie.

Ein Schluck, ein Hauch von Äther,

und das Gefängnis des Ichs bricht auf!

Der Rausch ist keine süße Träumerei,

sondern das biochemische Tor zur Flucht:

Rückkehr in die warmen, urtümlichen Meere,

wo das Leben noch ohne Schmerz,

ohne Geist und ohne Geschichte strömte.


O dass wir unsere Ur-Ahnen wären!

Im Rausch schmelzen die scharfen Konturen der Welt.

Das Wort entbindet sich von der Logik,

wird zur reinen, magischen Frequenz,

zum schimmernden Gebilde aus Klang und Trunkenheit.

Südliche Inseln, antike Mythen und blauer Dunst

steigen auf aus dem Abgrund des Blutes.


Doch die Narkose verfliegt,

und zurück bleibt die feine, artistische Kälte.

Benn setzt den Becher ab und nimmt die Feder:

Der Rausch lieferte das glühende Material,

doch erst die eiskalte Zucht der Form

meißelt aus dem Schmerz des Bewusstseins

das vollendete, unsterbliche Gedicht.



ERNST JÜNGER


Der Geist betritt das Laboratorium der Narkose

nicht als Sklave, sondern als wacher Kartograph.

Der Becher oder die winzige Phiole auf dem Tisch

ist kein Gefäß der Vergessenheit,

sondern der Schlüssel zu verschlossenen 

Palästen des Bewusstseins.


Wo andere im Sumpf der Betäubung versinken,

hält der Psychonaut das Steuerrad 

der Aufmerksamkeit fest in der Hand.

Das Meskalin entfaltet seine magische Geometrie:

Die Räume dehnen sich ins Unendliche,

Farben beginnen in unbekannten Spektren zu tönen,

und die Zeit verharmlost sich zum stehenden Augenblick.


Kein wilder Taumel, keine feige Flucht vor der Welt –

sondern ein Vorstoß an die Grenzen des Seins.

Der Äther lüftet den Schleier der Materie,

das LSD offenbart die kristallinen Strukturen des Kosmos,

während der Betrachter auf dem Lehnstuhl verharrt

und das Schauspiel mit aristokratischer Ruhe misst.


Der Rausch wird bei Jünger zur inneren Entdeckungsreise:

Ein Abstieg in die Schächte der Vorzeit,

ein Flug über die Gipfel der Wahrnehmung,

stets gesichert durch das Seil der Selbsterkenntnis.

Wenn das Experiment verweht und die Nüchternheit zurückkehrt,

bleibt nicht die Öde des Katers,

sondern die reiche Ausbeute des Forschers,

der dem Geheimnis der Welt ein Stückchen Land abgetrotzt hat.



JACK KEROUAC UND ALLEN GINSBERG


Die Straße ruft durch die amerikanische Nacht,

und die Schreibmaschine klappert wie ein Maschinengewehr!

Aufgedreht vom weißen Pulver des Benzedrins,

getrieben vom wilden Bop der Saxophone,

stürzt der Dichter durch den unendlichen Kontinent.


Kein Halt, keine Korrektur, kein Punkt und kein Komma –

das Leben muss fließen wie der Mississippi!

Der Rausch ist der Motor des Schreibens,

ein hemmungsloser Ausbruch aus der Enge der Vorstädte,

wo die sauberen Vorgärten im Schlaf des Wohlstands ersticken.

Hier zählt nur der Augenblick,

der Wind im Haar, das Glühen der Wüste

und die heilig-verrückten Gefährten der Nacht.


Doch wenn der Rausch des Amphetamins verfliegt,

bleibt die eiskalte Einsamkeit der Raststätte.

Da greift die Hand nach der Flasche:

Der Billigwein und der feurige Whisky

sollen das Rasen des Herzens dämpfen,

die Dämonen des Ruhms vertreiben

und das nagende Heimweh betäuben.


Aus dem freien Helden der Landstraße

wird der gebrochene Mann im Schatten der Bar.

Der Alkohol verzehrt den Körper,

löscht das Leuchten der Augen

und verwandelt den wilden Gesang der Straße

in das stumme Verbluten eines Getriebenen.


Ich sah die besten Köpfe meiner Generation

vom Wahn zerstört, hungrig, hysterisch, nackt,

wie sie sich durch die finsteren Straßen 

der Negro-Viertel schleppten,

auf der Suche nach dem wütenden Fix!


Ginsberg erhebt die Stimme wie ein alttestamentlicher Prophet

mitten im Qualm der New Yorker Sumpf-Cafés.

Der Rauch des Marihuanas steigt auf wie Weihrauch,

und das heilige Fleisch des Peyote-Kaktus

reißt die eiserne Decke des Himmels auf.


Hier ist der Rausch ein heiliger Aufstand!

Gegen Moloch, den Roboter-Gott der Banken und Bomben,

gegen die Kälte der Kasernen und die Enge der Irrenanstalten.

Die Halluzination wird zur Waffe:

Sie zeigt die Engel, die auf den Dächern von Brooklyn leuchten,

sie verbindet das Stöhnen der Verzweifelten

mit den Gesängen der indischen Gurus.


Der Dichter ist kein Betrachter mehr,

er ist der Schamane, der das Gift der Welt austrinkt,

um es in kosmischen Rhythmus und Liebe zu verwandeln.

Ein ekstatisches Schreien, das die Mauern zum Einsturz bringt,

wo der Rausch die Seele von den Ketten befreit

und die nackte Menschlichkeit

in den Armen der Ewigkeit wiegt.



CHARLES BUKOWSKI


Keine grünen Feen, keine heiligen Engel,

kein Geschwätz von Schopenhauer oder den Musen!

Auf dem wackligen Tisch im billigen Motel

stehen sechs leere Dosen Schlitz

und eine angetrunkene Flasche Gut-Rotwein.


Trinken ist Arbeit. Trinken ist die einzige Art,

wie ein Mann die Tage übersteht,

ohne sich gleich an den nächsten Türrahmen zu hängen.

Wenn das Bier durch die Kehle rinnt,

wird die Scheißwelt da draußen ein bisschen leiser:

Die Vermieter, die Arschlöcher im Postamt,

die Frauen, die dein Herz und dein Konto leerräumen.


Der Rausch ist kein Flug in den Himmel –

er ist das Eintreten der Tür zur eigenen Höhle.

Du sitzt da im Unterhemd,

die Zigarette brennt dir die Finger verbrennt,

und die alte Underwood-Schreibmaschine knattert

wie ein alter Traktor im Dreck.

Du tippst, weil du saufst, und du saufst, weil du tippst.


Am Morgen kommt der Kater:

Der Kopf wie ein Schraubstock, die Zunge aus Leder,

das Pisse-Gefühl im Mund und die Angst vor dem Tag.

Doch Bukowski jammert nicht.

Er spuckt ins Waschbecken, dreht den Hahn auf,

greift nach dem ersten kalten Bier im Kühlschrank –

und fängt von vorne an.



JÖRG FAUSER


Keine bunten Mandalas über dem Bosporus,

kein süßer Traum vom psychedelischen Himmel –

nur die nackte, dröhnende Geilheit der Nadel,

das kalte Löffelchen im billigen Hotelzimmer von Istanbul.


Heroin ist kein Ausflug in die Poesie.

Es ist die weiße Belagerung des Körpers,

der chemische Verschluss aller Poren,

bis der Mensch zu einem Bündel 

aus Venen und Schmerz schrumpft.

Fauser kennt die Straßenecken von Frankfurt,

das feuchte Pflaster am Hauptbahnhof,

wo die Träume der Sechzigerjahre

im Ausguss der Bahnhofstoilette verfaulen.


Als der Stoff verweht und der Affe die Knochen zermalmt,

bleibt nicht das Jammern, sondern das Schreiben.

Weg mit dem akademischen Zierrat,

weg mit dem verweichlichten Geplänkel der Feuilletons!

Das Wort muss treffen wie eine Faust,

muss riechen nach kaltem Rauch, 

nasser Straße und billigem Korn.


Der Alkohol übernimmt die Nachtschicht:

Ein paar Bier an der Stehbar, ein schneller Schnaps,

um das Zittern der Fingernagel zu dämpfen

und die Nüchternheit des Morgens zu ertragen.

Der Rausch ist hier kein Zaubertrank –

er ist der Treibstoff des Außenseiters,

der auf dem schmalen Grat 

zwischen Zeitungsstand und Bordstein geht,

bis die Straße ihn am Ende schweigend verschlingt.



SCHWANKE


Nicht um den Verstand im Unrat zu ertränken,

nicht um den Helden im Taumel zu spielen,

greift die Hand nach dem schimmernden Glas.

Es ist der leise Wunsch nach Einhalt,

wenn die Welt zu laut, die Erinnerung zu schwer

und die Einsamkeit im Raum zu greifbar wird.


Die Substanzen der Moderne tragen keine antiken Namen mehr:

Sie heißen Tröstung im Verborgenen,

flüchtiges Betäuben der Abendstunden,

ein Mittel gegen das Zittern des Herzens,

wenn die Verluste der Jahre wie Schatten

an den Wänden des Zimmers aufsteigen.

Der Rausch ist der flüssige Schirm gegen die Kälte,

eine stille Zuflucht des verwundeten Gemüts.


Doch der Dichter überlässt die Seele nicht dem Chaos.

Wo die Woge des Schmerzes 

die Welt zu überschwemmen droht,

setzt er das Maß der Form dagegen:

Das Wort fügt sich in die gefestigte Zeile,

der Rhythmus stützt den schwankenden Schritt,

und der Vers wird zum klaren, schützenden Gefäß.


Die Kunst berauscht sich nicht am Abgrund –

sie misst ihn aus mit mitfühlendem Blick.

Sie wandelt die Stummheit des Leids in Gesang,

bricht das Gifte durch die Zucht des Gedankens

und schenkt dem Suchenden, der im Dunkeln tastet,

keine betäubende Illusion,

sondern die bleibende Würde der gebeteten Sprache.



ODE AN DAS BLUT CHRISTI


In den Tiefen des Schweigens, wo die Welten erbeben,

steigt das heilige Opfer aus der Fülle der Zeit:

Ein unendlicher Strom, uns zum Trost und zum Leben,

us der Wunde der Liebe in die Erdenzeit weit.

Nicht der Saft roher Reben, nicht das Rauschen der Sinnen,

nicht der flüchtige Taumel, der im Morgen verweht,

kann den Abgrund des Herzens, das Verlangen gewinnen,

das im Schmerze des Daseins nach Erlösung fleht.

O du köstliches Blut aus der Seite des Herrn,

das die Schuld dieser Erde unaussprechlich versöhnt!

In der Nacht unseres Zögerns leuchtest du wie ein Stern,

der den sterblichen Menschen mit dem Ewigen krönt.

Aus dem Becher des Heilands fließt die reine Barmherzigkeit,

die den Wunden der Seele ihre Schärfe entzieht,

die die Trauer verwandelt in die Freude der Ewigkeit

und das stumme Verzweifeln in ein ewiges Lied.

Wo die Gifte der Welt nur Zerstörung bereiten

und der Suchende taumelt auf dem schmalen Grat,

da gießt du deinen Frieden durch die Risse der Zeiten

und geleitest den Wandrer auf den klaren Pfad.

Sei gepriesen, o Kelch, der das Leben umschließt,

sei gepriesen, du Strom, der die Schöpfung geheilt!

Wo das Blut des Erlösers in die Herzen ergießt,

ist die Nacht überwunden und die Wunde geheilt.