SAVONAROLA

von Torsten Schwanke


Inzwischen wird es wieder Nacht. Die Sterne stehen am Himmel und scheinen in das Zimmer der Eltern des geflohenen Girolamo. Die Mutter steht dort und weint still vor sich hin. Sie ist ganz in Gedanken versunken und beschäftigt sich immer wieder mit dem Brief ihres Sohnes. Sie versucht, seine Worte und seine Entscheidung zu verstehen.

Die Mutter versinkt dabei in einen düsteren Traum und in schwere Gedanken. Der Brief zittert in ihrer Hand. Der Dichter vergleicht das Blatt mit dem letzten Blatt eines dürren Baumes, von dem bereits sein gesamter Schmuck und Reichtum verschwunden ist. So fühlt sich Helena: Wie ein Baum, der alles verloren hat, was ihn einst schmückte, scheint auch sie durch den Fortgang ihres Sohnes beraubt worden zu sein. Der Brief, der eigentlich eine Nachricht des Sohnes ist, wird für sie dadurch zugleich zum Zeichen seines endgültigen Abschieds.

Helena erinnert sich daran, dass an diesem Tag die Kirche das Fest des heiligen Georg, des Märtyrers, feiert. Diese Erinnerung macht ihr Angst. Sie fragt sich, ob sie eine schlimme Vorahnung richtig versteht. Sie spürt in ihrem Herzen eine bedrückende Ahnung und fürchtet, dass Girolamos Schicksal mit dem eines Märtyrers verbunden sein könnte. Wenn ihre innere Ahnung tatsächlich die richtige Bedeutung hat, wäre dies für sie ein schrecklicher Gedanke: Sie könnte ihren Sohn nicht nur für immer verloren haben, sondern er könnte eines Tages als Glaubenskämpfer oder Märtyrer sterben.

Der Vater steht währenddessen am Fenster und blickt hinaus in das Sternenlicht. Im Gegensatz zur Mutter ist sein Herz voller Freude, Vertrauen und Zuversicht. Er betrachtet Girolamos Fortgang nicht als Unglück, sondern als Erfüllung seiner göttlichen Berufung. Während Helena voller Angst ist, antwortet er mit einem feierlichen „Amen! Amen!“. Dieses „Amen“ spricht er gleichsam zum Himmel und zu den Sternen hinauf. Er nimmt die Entscheidung seines Sohnes als etwas an, das letztlich in Gottes Willen liegt.

Girolamo, der von seiner göttlichen Berufung überzeugt ist, macht sich auf den Weg nach Bologna. Er versteht sich als ein von Gott auserwählter Bote. Rastlos zieht er die Straße entlang. Erst als es Abend wird und das Licht der untergehenden Sonne die Stadt erreicht, sieht er in der Ferne die Kreuze auf den Türmen von Bologna funkeln. Damit erkennt er, dass er seinem Ziel nahe ist.

Als Girolamo die Stadt näherkommen sieht, möchte er seinen Schritt noch beschleunigen. Sein Herz ist voller Sehnsucht und Freude, weil er seinem neuen geistlichen Leben entgegengeht. Dann hört er im Wind die Glocken von Bologna herüberklingen. Der Klang der Glocken erfüllt ihn mit noch größerer Erwartung. Für ihn kündigt sich damit die Stadt an, in der seine neue Lebensaufgabe beginnen soll.

Schließlich erreicht Girolamo das Kloster San Domenico. Er klopft an die Klosterpforte und bittet in frommen Worten um Einlass. Die Tür wird ihm geöffnet, und man empfängt ihn freundlich und gastlich. Der erste Eindruck des Klosters ist daher nicht streng oder abweisend, sondern von Milde und christlicher Gastfreundschaft geprägt.

Im Garten des Klosters begegnet Girolamo einem alten Mann mit weißen Haaren. Es handelt sich um den Prior des Klosters. Der alte Mann kümmert sich sorgfältig um die Blumenbeete und geht zwischen den Blumen auf und ab. Er beschäftigt sich aufmerksam und liebevoll mit dem Garten.

Die Wipfel der Bäume bewegen sich leise im Wind, während das Licht der Sonne bereits am Versinken ist. Die Abendstimmung liegt über dem Garten. Auf dem Gesicht des Priors spiegelt sich ein ganzes vergangenes frommes Leben wider. Sein Gesicht verrät, dass er viele Jahre im Glauben gelebt und über religiöse Dinge nachgedacht hat.

Der alte Prior betrachtet nachdenklich die vielen Blumen in seinem Garten. Sein Blick ruht auf den zahlreichen schönen und unterschiedlichen Pflanzen. Er erfreut sich an ihren lieblichen Formen und Gestalten. Die Blumen stehen still und friedlich nebeneinander, und der Prior scheint in ihrer Betrachtung eine tiefere Bedeutung zu suchen.

Während der Prior noch in seinem Garten beschäftigt ist, tritt Girolamo leise hinzu. Er nähert sich dem Klostergarten voller Ehrfurcht und schweigt zunächst. Er möchte den alten Mann nicht stören und wartet geduldig darauf, dass dieser selbst bemerkt, dass ein junger Gast gekommen ist.

Der Prior ist ein alter und weiser Mann. Solche Menschen lassen sich beim Nachdenken nicht gerne unterbrechen. Sie gehen gewissermaßen ihre eigenen geistigen Wege und möchten ihren Gedankengang nicht durch äußere Dinge stören lassen. Zugleich wissen sie aber, wie man einen anderen Menschen freundlich in diese Gedankenwelt hineinführt.

Genau das tut der Prior. Nachdem er Girolamo freundlich begrüßt hat, nimmt er ihn gleich mit in seinen geliebten Garten. Statt das Gespräch sofort mit Fragen zu beginnen, führt er seinen Gast zunächst durch die Welt der Blumen, die ihm selbst so viel bedeutet.

Der Prior erklärt Girolamo, dass Blumen seine Seele erfreuen. Er hört ihnen gewissermaßen zu und versucht, ihr Geheimnis zu verstehen. Die Blumen sind ihm einerseits sehr nahe, weil sie ihn durch ihren Duft und ihre Blüten unmittelbar berühren. Andererseits bleiben sie ihm gerade durch ihr Schweigen geheimnisvoll und fern. Sie können nicht sprechen, und doch scheinen sie etwas mitzuteilen.

Wenn der Prior am Abend durch die Reihen der Blumen geht, wenn es kühl und still geworden ist, bleibt er häufig bei einer bestimmten Gruppe von Pflanzen stehen. Dann versinkt er in süßen Träumereien und denkt über das Wesen der Blumen nach. Aus dieser Betrachtung ist in ihm die Vorstellung entstanden, dass die ganze Welt unter dem Himmel wie ein gewaltiges Kloster sein könnte. Die zahllosen Blumen der Erde bilden in seiner Vorstellung einen großen, reichen „Blumenorden“.

Der Prior fragt sich, ob die Blumen vielleicht ebenfalls nach bestimmten geistlichen Gelübden leben. Er betrachtet sie so, als hätten auch sie sich einem religiösen Leben verschrieben. Sind die Blumen nicht keusch und rein? Leben sie nicht bescheiden und ohne Besitz? Sie verlangen nichts für sich und sind mit Tau und Sonnenschein zufrieden. In ihrer Bedürfnislosigkeit erscheinen sie dem Prior wie vorbildliche Ordensleute.

Auch Gehorsam erkennt der Prior in den Blumen. Wenn der Frühling sie gleichsam zu einer bestimmten Stunde ruft, springen sie gehorsam aus ihrem „Bett“, also aus der Erde, hervor. Sie folgen dem Ruf der Natur und nehmen an der großen „Mette“, dem Gebet der Mönche, teil. Ihren Beitrag zu diesem göttlichen Gottesdienst leisten sie, indem sie ihren Duft wie ein Opfer darbringen.

Der Prior sieht die gesamte Natur somit als eine Art Gottesdienst. Die Blumen leben still, rein, genügsam und gehorsam und erfüllen dadurch ihre eigene Form eines religiösen Dienstes.

Während der Prior diese Gedanken ausspricht, geschieht etwas, das seine Worte beinahe bildlich bestätigt. Dicht und leise fallen Blüten von den Pflanzen herab. Sie berühren die Stirn und die Hände des alten Priors. Es wirkt, als würden die Blumen ihn auf diese Weise still für seine frommen Gedanken belohnen und ihm ihren Dank schenken. Die Natur scheint auf seine Worte zu antworten.

Nach dieser Betrachtung wendet der Prior seinen prüfenden Blick wieder Girolamo zu. Nun interessiert er sich dafür, warum der junge Mann überhaupt in das Kloster gekommen ist. Er hat ihn freundlich empfangen und ihm seine eigene Gedankenwelt gezeigt, aber jetzt möchte er den Gast näher kennenlernen.

Deshalb fragt er Girolamo, welche Wünsche ihn in diese ernsten Mauern des Klosters geführt haben. Er möchte wissen, was der junge Mann sucht und welche Absicht hinter seinem Eintritt steht.

Damit endet der Abschnitt an einem wichtigen Punkt: Girolamo steht am Beginn seines neuen Lebens, und der Prior fordert ihn nun auf, seine eigentliche Berufung und seine Wünsche offenzulegen.

Girolamo senkt bescheiden den Kopf und antwortet dem Prior. Er erklärt ihm offen, was sein tiefster Wunsch ist: Er möchte in das Kloster aufgenommen und mit dem Ordensgewand bekleidet werden. Sein Wunsch besteht also nicht darin, nur eine Zeitlang als Gast im Kloster zu bleiben, sondern selbst Mitglied der geistlichen Gemeinschaft zu werden.

Girolamo bezieht sich auf die drei Gelübde, von denen der Prior zuvor im Zusammenhang mit den Blumen gesprochen hat. Diese drei Gelübde – sinngemäß Armut, Keuschheit und Gehorsam – möchte er selbst auf sich nehmen. Er verspricht, sich diesen Gelübden unerschütterlich zu widmen und ihnen bis zu seinem Tod treu zu bleiben. Seine Entscheidung ist für ihn endgültig und soll bis in den letzten Augenblick seines Lebens gelten.

Der alte Prior betrachtet Girolamo nun lange und aufmerksam. Er ist zugleich erfreut und tief bewegt von dem, was er im Gesicht des jungen Mannes erkennt. Er ahnt, dass in diesem jungen Menschen große Hoffnungen für die Welt verborgen liegen. Die Gesichtszüge Girolamos verraten ihm offenbar einen außergewöhnlichen geistigen und religiösen Menschen. Der Prior erkennt, dass dieser junge Mann möglicherweise eine bedeutende Aufgabe vor sich hat.

Nun wendet sich die Erzählung den Beziehungen und Freundschaften der jungen Menschen zu. Zunächst wird an einen Bund erinnert, der einst unter einem Rosenzelt geschlossen wurde. Es war eine romantische Verbindung in einer Frühlingsnacht, begleitet von Sternenglanz, Wein, blühenden Rosen und dem Gesang der Nachtigallen. Worte, Wein und Blumen schienen dabei gemeinsam auf die Herzen der Menschen einzuwirken.

Doch eine solche Verbindung kann vergehen. Sie gehört zur Jugend und zum Frühling des Lebens und verschwindet möglicherweise ebenso wie die Dinge, die sie umgeben. So wie ein Blatt vom Strauch fällt und ein Lied schließlich verhallt, kann auch eine solche weltliche Liebe oder Freundschaft verschwinden.

Der Rosenstrauch wird im nächsten Frühling wieder neue Rosen hervorbringen, und auch neue Nachtigallen werden geboren. Die Natur ersetzt, was vergangen ist. Ebenso kann auch das menschliche Herz eine neue Liebe finden und sich erneut berauschen. Von allem, was sich verändert und vergeht, bleiben nur die Sterne unverändert. Sie erscheinen als Sinnbild für etwas Dauerhaftes und Treues.

Auch eine Freundschaft, die im Schlachtfeld geschlossen wird, kann sehr stark und eindrucksvoll sein. Zwei Menschen können sich dort durch stumme Blicke verstehen und einander inmitten des Kampfes Mut geben. Um sie herum tobt der Kampf, Waffen klirren und überall ist der Tod von Helden gegenwärtig. Eine solche Verbindung besitzt große Schönheit und Stärke.

Doch auch eine Freundschaft, die im Krieg entstanden ist, kann mit dem Ende des Kampfes verschwinden. Wenn das Getöse der Schlachten verstummt, kann auch der Bund, der unter diesen außergewöhnlichen Umständen entstanden ist, sich lösen. Zwar kann das Herz in der Schlacht noch weiter und tiefer geöffnet sein als unter einem Rosenbogen, aber auch diese Verbindung ist nicht unbedingt von ewiger Dauer.

Der Dichter stellt nun dieser vergänglichen Form von Liebe und Freundschaft eine andere gegenüber: Der einzige Bund, der wirklich lange bestehen kann, ist jener, der in Gott geschlossen wird. Wenn zwei Menschen einander in der Gegenwart Gottes begegnen und ihre Herzen dabei von Ehrfurcht und geistiger Ergriffenheit erfüllt sind, entsteht eine Verbindung, die stärker ist als das bloße menschliche Gefühl. Eine solche Freundschaft soll sogar länger bestehen als das Licht der Sterne.

Genau einen solchen Freundschaftsbund schließen nun Girolamo und Domenico. Sie verbinden sich miteinander in einer feierlichen, Gott geweihten Stunde. Ihre Freundschaft beruht nicht lediglich auf persönlicher Zuneigung oder gemeinsamen Erlebnissen, sondern auf ihrem gemeinsamen Glauben und ihrer gemeinsamen Hingabe an Gott. Deshalb wird ihre Treue nicht einfach mit der Zeit verschwinden.

Die beiden jungen Männer sitzen vertraulich und freundschaftlich miteinander in ihrer Zelle. Es herrscht eine ruhige, vertraute Atmosphäre. Während sie miteinander sprechen, geht draußen die Sonne unter. Das letzte Tageslicht verschwindet allmählich, und genau zu diesem Zeitpunkt verstummt auch ihr letztes Wort. Ihr Gespräch ist damit für diesen Abend beendet.

Sie haben lange und ernsthaft über den böhmischen Kirchenreformer Hieronymus von Prag gesprochen. Ihr Gespräch richtet sich auf dessen Schicksal und auf das seines Freundes Jan Hus. Sie denken darüber nach, wie eine ganze Welt von Leiden und Qualen über diesen Menschen zusammengebrochen ist, ohne dass er dadurch seinen Glauben aufgegeben hätte. Huß steht hier als Beispiel für einen Menschen, der trotz schwerster Verfolgung an seiner Überzeugung festhält.

Girolamo und Domenico denken weiter über diese Männer nach, die als Freunde und „Gotteshelden“ bezeichnet werden. Die Macht des Todes hat sie schließlich überwältigt. Doch sie haben sich von der Todesangst nicht besiegen lassen. Sie waren bereit, ihren Körper zu opfern und sogar verbrannt zu werden, um das Wort des Heils zu verkünden. Gerade darin sehen die beiden jungen Novizen ein Beispiel für höchste religiöse Treue und Opferbereitschaft.

Während sie über diese Märtyrer und Glaubenshelden nachdenken, senken beide jungen Männer ihre Gesichter. Plötzlich verstummen sie vollständig. Sie sitzen still und unbeweglich nebeneinander. Es scheint, als hätten sie die Welt um sich herum verlassen und seien auch ihren Sorgen und Leiden entrückt. Ihre Gedanken sind vollkommen in der Betrachtung ihrer religiösen Vorstellungen versunken.

Ihre Augen sind geschlossen oder zumindest so tief gesenkt, dass sie nichts mehr wahrnehmen. Auch ihre Ohren scheinen für die äußere Welt verschlossen zu sein. Es wirkt, als befänden sie sich in einem tiefen Schlaf. Aber in Wirklichkeit ist ihre Seele nicht eingeschlafen. Sie hat sich vielmehr aus der äußeren Welt zurückgezogen und die „Türen“ des Hauses der Welt für eine Weile geschlossen.

Die Seele der beiden befindet sich nun in einem tiefen geistigen Wald. Dieser „Wald der Betrachtung“ ist kein wirklicher Wald, sondern ein Bild für ihre innere, religiöse Versenkung. Ihre Gedanken haben sich von der sichtbaren Welt entfernt und bewegen sich in einer geheimnisvollen geistigen Landschaft.

Sie befinden sich in einer heiligen Dunkelheit, in der die gewöhnlichen Vorstellungen und Wünsche schweigen. Dort, so empfindet es der Dichter, kann jede Sehnsucht zur Ruhe kommen und geheilt werden.

Der Dichter bittet gleichsam darum, diesen heiligen inneren Wald in Ruhe zu lassen. Niemand soll die geistige Versenkung der beiden stören. Die Gedanken werden mit scheuen Rehen verglichen, die sich frei im Wald bewegen. Ein einziges gesprochenes Wort könnte diese empfindlichen, flüchtigen Gedanken erschrecken und vertreiben.

Die „Quelle Gottes“, zu der diese Gedanken gelangen, soll nicht gestört werden. Deshalb soll alles schweigen, damit die beiden jungen Männer ungestört in ihrer geistlichen Betrachtung bleiben können.

Lange sitzen Girolamo und Domenico so nebeneinander. Beide haben den Kopf gesenkt. Ihre Augen sind geschlossen und wirken beinahe wie die Augen eines Toten. Sie sind vollständig in ihre Gedanken versunken und nehmen die äußere Welt kaum noch wahr.

Sie bemerken deshalb auch nicht, was unmittelbar vor ihrer Zelle geschieht. Sie hören nicht, wie der Garten im Abendwind rauscht. Sie hören auch nicht den Gesang des Vogels. Die Geräusche der Natur erreichen sie nicht mehr, weil ihre Aufmerksamkeit vollständig nach innen gerichtet ist.

Ebenso hören sie nicht das helle Glöckchen, das zum Gebet „Ave Maria“ ruft. Das Klosterleben geht draußen nach seiner festen Ordnung weiter, während die beiden Novizen in ihrer

geistigen Versenkung verharren. Selbst das Glockenzeichen, das normalerweise jeden Mönch zum Gebet ruft, dringt nicht in ihr Bewusstsein.

Auch den Prior nehmen sie nicht wahr. Er geht inzwischen durch den Kreuzgang und nähert sich ihrer Zelle. Die beiden hören weder seine Schritte noch bemerken sie, dass er zu ihnen kommt. Der Prior will ihre tiefe Versunkenheit schließlich beenden und sie aus ihrer Betrachtung zurückholen.

Der Prior tritt zu den Novizen und stört damit ihre stille Andacht. Es ist ihm bewusst, dass er ihre geistige Versenkung unterbrechen muss. Eigentlich würde er sie lieber weiter in ihrer Betrachtung lassen, doch das Kloster hat feste Regeln und eine strenge Ordnung.

Die Disziplin des Klosters ruft alle Brüder zum Abendsegen. Deshalb müssen auch Girolamo und Domenico ihre innere Betrachtung verlassen und sich wieder in die gemeinschaftliche Ordnung des Klosterlebens einfügen.

Damit entsteht ein wichtiger Gegensatz: Die beiden jungen Männer haben gerade eine innere, fast mystische Welt erreicht, in der sie sich völlig von der äußeren Welt lösen. Doch die Klosterordnung holt sie zurück. Ihre persönliche geistige Versenkung muss sich der gemeinsamen religiösen Disziplin unterordnen.

Der Prior kann die beiden Novizen nicht allein durch seine Worte aus ihrer tiefen geistigen Versenkung zurückholen. Erst als er ihnen sanft die Hände um die Stirn legt und sie leicht schüttelt, gelingt es ihm, ihre Seelen wieder aus ihrer fernen geistigen Welt zurückzuführen. Sie werden dadurch aus ihrem inneren „Abendgang“ zurückgerufen, also aus jener geistigen Reise, auf der sie sich weit von der sichtbaren Welt entfernt hatten.

Girolamo und Domenico erwachen plötzlich und erschauern. Sie werden aus dem stillen Glück ihrer Betrachtung zurück in die Wirklichkeit gerufen. Diese Rückkehr empfinden sie beinahe mit Bedauern. Es ist, als kämen sie aus einer geistigen Heimat zurück, in der sie sich vollkommen geborgen gefühlt haben. Nun müssen ihre Herzen wieder in die gewöhnliche Welt zurückkehren, die ihnen im Vergleich zu dieser inneren Heimat schwerer und leidvoller erscheint.

Nachdem sie erwacht sind, wenden sich die beiden einander liebevoll zu und fassen sich an. Sie bekräftigen ihre Freundschaft mit einem feierlichen Versprechen: Sie wollen unveränderlich gemeinsam auf dem Weg Gottes bleiben. Jeder von ihnen verspricht dem anderen, ihm als treuer Freund auch in Kampf, Leiden und Schwierigkeiten beizustehen. Dieser Schwur leuchtet ihnen förmlich aus den Augen. Ihre Freundschaft ist nun nicht mehr bloß persönliche Zuneigung, sondern eine geistliche Verbindung.

Die Zeit vergeht. Girolamo hat inzwischen die Priesterweihe empfangen. Er ist also vom einfachen Novizen zum Priester geworden. Aus seinem Mund erklingen nun viele Worte, die den Menschen Segen und geistlichen Trost bringen. Mit jeder Stunde seines Lebens wächst er weiter in seinem Glauben und in seiner Verbindung zu Gott.

Ein einziger großer Wunsch bestimmt nun sein gesamtes Leben. Alles, was er tut und anstrebt, richtet sich auf dieses eine Ziel: Er möchte die Kirche wieder aufrichten und von ihrem gewaltigen Verfall befreien. Girolamo sieht die Kirche in einem Zustand schwerer Krise und Niedergang und empfindet es als seine Aufgabe, gegen diesen Zustand anzukämpfen.

Dabei spricht Girolamo laut und machtvoll aus, was viele Menschen innerlich empfinden. Viele Gläubige tragen Sorgen, Ängste und Schmerzen über den Zustand der Kirche in sich, haben aber vielleicht nicht den Mut oder die Möglichkeit, diese Gedanken selbst auszusprechen. Girolamo gibt diesen Gefühlen eine Stimme. Die Menschen erkennen ihre eigenen verborgenen Sorgen in seinen Worten wieder, und ihre lange unterdrückten Schmerzen können sich durch seine Predigten ausdrücken.

Girolamo hört nicht auf, öffentlich über die Not der Kirche und ihren Hilferuf zu sprechen. Er ruht nicht und zieht von Ort zu Ort, um seine Botschaft zu verkünden. Seine Predigten sind dabei so scharf und anklagend, dass selbst der Papst und die Angehörigen des Klerus seine Worte deutlich zu spüren bekommen. Er kritisiert also nicht nur einzelne Menschen, sondern scheut sich auch nicht, die höchsten kirchlichen Autoritäten anzugreifen.

Girolamo widmet sich mit großem Eifer dem Predigerorden. Während die Jahre vergehen, wird seine Jugendzeit vom Dienst als Prediger ausgefüllt. Er lebt nicht für ein ruhiges oder bequemes Leben, sondern verwendet seine besten Jahre für seine religiöse Aufgabe.

Schließlich wird Girolamo zum Prior des Markusklosters in Florenz. Er hat damit eine bedeutende Stellung innerhalb des Ordens erreicht. Aus dem jungen Mann, der einst seine Eltern verlassen und das Klosterleben gesucht hatte, ist nun ein einflussreicher geistlicher Führer geworden.

Domenico bleibt weiterhin an Girolamos Seite. Er begleitet ihn auf diesem schwierigen und rauen Weg. Girolamo wird als ein mutiger Kämpfer dargestellt, der sich ohne Furcht in den geistlichen Kampf stürzt. Domenico steht ihm dabei wie ein treuer Knappe zur Seite. Der einstige Freund aus den Tagen des Noviziats ist ihm also auch nach Jahren treu geblieben.

Nun wechselt die Szene in eine Gebirgslandschaft. Die Sonne geht hinter den Bergen unter, und der letzte purpurrote Schein des Himmels beleuchtet noch einmal kurz die dunkler

werdende Erde. Gleichzeitig ziehen Nebel durch das Tal. Die Nacht kündigt sich an.

Es beginnt eine kalte Winternacht. Kälte und Regen kommen über das Land, und kein einziger Stern ist am Himmel zu sehen. Trotzdem haben sich verschiedene Menschen – Jäger, Arbeiter und Bauern – zu einer gemeinsamen Wanderung versammelt. Sie sind nicht etwa auf einem gewöhnlichen Spaziergang unterwegs, sondern haben ein gemeinsames Ziel.

Als die Sonne untergeht, erklingt von den Bergen ringsum ein heller Chorgesang. Dieser Gesang wirkt wie ein Gruß an die kommende Wanderstunde. Die Menschen singen trotz der bevorstehenden Nacht voller Freude. Dadurch wird deutlich, dass sie von einer starken inneren Hoffnung erfüllt sind.

Normalerweise würde ein Mensch nach einem langen Arbeitstag seine müden Glieder ausstrecken und sich zur Ruhe legen. Doch diese Menschen tun genau das Gegenteil. Sie brechen zu einer langen nächtlichen Wanderung auf. Deshalb fragt der Dichter, welche Sehnsucht sie dazu treibt, so spät am Abend aufzubrechen und ohne Schlaf weiterzueilen.

Die Wanderer gehen unaufhörlich weiter. Sie machen während der ganzen Nacht keine Rast. Ihr Weg führt durch schwieriges Gelände, über Steine und durch sumpfiges Moor. Ihr Ziel ist es, beim ersten Licht des kommenden Morgens am Tor des Doms zu stehen. Sie wollen unbedingt rechtzeitig dort sein.

Der Dichter vergleicht diese Menschen mit einer durstigen Karawane, die durch eine endlose Wüste zieht. Wenn eine solche Karawane irgendwo innehält und aufmerksam lauscht, kann es geschehen, dass die Menschen glauben, das Geräusch einer Quelle zu hören. Diese Vorstellung erfüllt sie mit Hoffnung, obwohl die Quelle vielleicht noch weit entfernt ist oder überhaupt nicht existiert.

Wenn die erschöpften und durstigen Menschen glauben, das Wasser der Quelle zu hören, beschleunigen sie ihre Schritte. Die bloße Hoffnung auf Wasser gibt ihnen neue Kraft. Sie eilen weiter, obwohl sie zuvor völlig erschöpft waren. Schließlich erreichen sie den Schatten einer Oase, wo eine wirkliche Quelle auf sie wartet und ihren Durst stillt.

Genauso eilen die Wanderer aus den Bergen durch die dunkle Nacht. Sie glauben bereits, in Wind und Regen etwas zu hören, das sie an die Stimme Girolamos erinnert. Sie sehnen sich so stark nach seiner Predigt, dass ihre Erwartung ihnen Geräusche der Natur beinahe wie seine Stimme erscheinen lässt.

Sie erwarten von Girolamo ein Wort, das die Macht Gottes verkündet. Seine Rede besitzt in ihrer Vorstellung eine gewaltige Kraft. Seine Worte sind wie tausend Blitze, die er zusammenrafft und zu einer feurigen Rute bündelt. Mit dieser geistlichen „Feuerrute“ straft er die Sünder und erschüttert diejenigen, die sich von Gott entfernt haben.

Doch Girolamos Wort wirkt nicht nur nach außen. Es dringt auch in die verborgensten Bereiche des menschlichen Herzens ein. Dort entzündet es gewissermaßen einen Funken Gottes. Seine Predigten sind so mächtig, dass sie ganze Menschenmengen ergreifen können. Wenn seine Worte ihre volle Wirkung entfalten, scheint das gesamte Volk innerlich in Flammen zu stehen – nicht im wörtlichen, sondern im geistigen Sinn.

Die Wanderer glauben, seine gewaltige Stimme bereits in der Dunkelheit zu hören. Sie stellen sich vor, wie seine Worte mächtig auf die Menschen herabstürmen. Diese Worte wecken bei sündigen Menschen das Gewissen. Was sie verdrängt und begraben haben, erwacht wieder. Das Gewissen wird bildlich wie ein Toter dargestellt, der aus seinem Grab aufspringt und die Schuldigen mit seinem Schrecken verfolgt.

Doch Girolamos Predigt hat auch eine andere Seite. Sie verkündet nicht nur Gericht und Strafe, sondern auch Frieden. Seine Worte können wie eine frohe Botschaft in das Herz eines Menschen eindringen und es trösten. Gerade aus den tiefsten Wunden des Herzens können dadurch wieder Liebe und Freude wachsen. Girolamo verbindet also scharfe Anklage mit der Hoffnung auf Erlösung und inneren Frieden.

Endlich geht die Nacht zu Ende. Durch die zerrissenen Wolken bricht die Sonne hervor und strahlt hell und freudig auf die Erde. Die lange Wanderung ist vorüber. Als die Menschen den Dom erreichen, stehen sie dicht gedrängt vor seinem Eingang. Sie haben ihr Ziel erreicht.

Das frische Morgenlicht fällt nun auf die vielen Gesichter der Wanderer. Manche von ihnen sind auffallend bleich, weil sie erschöpft sind und unter Entbehrungen leiden. Einige der Menschen können die Anstrengung der nächtlichen Wanderung kaum noch ertragen und brechen an der Schwelle des Doms erschöpft zusammen.

Die Ursache ihrer körperlichen Schwäche liegt auch in der allgemeinen Not dieser Zeit. Hagel hat die Felder der Toskana zerstört und dadurch eine Hungersnot verursacht. Viele der Wanderer haben selbst lange nichts zu essen gehabt. Sie kommen also nicht nur aus religiöser Sehnsucht zu Girolamo, sondern sind zugleich arme und hungernde Menschen.

Doch nun kommen zahlreiche Bürger aus Florenz den erschöpften Wanderern entgegen. Sie behandeln die Ankunft der Fremden beinahe wie ein Freudenfest. Sie bringen ihnen gutes Essen und süßen Wein, damit die Menschen sich stärken können. Die Bürger wollen die Gäste willkommen heißen und ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind.

Überall erklingen freundliche und brüderliche Worte. Die Menschen begrüßen einander und reichen sich die Hände. Die fremden Wanderer werden nicht als Fremde behandelt, sondern finden bei den Menschen aus Florenz Aufnahme, Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Die gemeinsame religiöse Verbundenheit lässt die Unterschiede zwischen den Menschen verschwinden.

Der Dichter zieht daraus eine geistige Schlussfolgerung. Zwar sind die Ähren auf den Feldern wegen des Hagels nicht richtig gewachsen und die materielle Ernte ist zerstört worden. Aber die geistige Saat, die Girolamo in die Herzen der Menschen gelegt hat, ist nicht ohne Frucht geblieben. Obwohl die Felder keine ausreichende Ernte gebracht haben, trägt die „Herzenssaat“ seiner Predigten reiche Früchte.

Nun wird die Szene auf Weihnachten verlegt. Das Tor des Doms steht offen, und die Menschen strömen hinein. Doch nicht jeder, der gekommen ist, wird das bekommen, wonach seine Seele dürstet. Die Quelle, die von der Kanzel herabströmen soll – also das Wort Girolamos –, kann nicht alle gleichermaßen erreichen oder ihre Erwartungen erfüllen.

Der Dom ist bereits überfüllt. Die Stufen des Altars und die Bereiche vor den Bildern sind dicht mit Menschen besetzt. Auch die Sakristei ist voll, ebenso die Gerüste oder erhöhten Plätze an den Wänden. Doch trotz dieser gewaltigen Menschenmenge strömen immer noch weitere Menschen herbei. Alle wollen Girolamo hören.

Schließlich betritt Girolamo selbst die Kanzel. Bevor er zu sprechen beginnt, kniet er still und andächtig nieder. Er bittet Gott um die notwendige Kraft, damit seine Predigt gelingen kann. Er möchte nicht aus eigener menschlicher Kraft sprechen, sondern darum beten, dass Gott seinem Wort Kraft verleiht.

Damit steht Girolamo unmittelbar vor seiner großen Weihnachtspredigt. Die ganze Menschenmenge wartet darauf, dass er spricht, während er selbst noch schweigend vor Gott kniet.

Mariano soll nun auch Aristoteles in seiner Rede erklingen lassen. Aristoteles wird als der Denker dargestellt, der die Gedanken sorgfältig voneinander trennt und das Wahre, das Gute und das Schöne mit großer begrifflicher Feinheit unterscheidet. Doch diese außergewöhnliche geistige Feinheit kann nach dem Urteil des Dichters so weit gehen, dass darüber das menschliche Herz vergessen wird.

Mariano hat bereits die großen Gestalten der klassischen Philosophie und Dichtung gewissermaßen heraufbeschworen. Viele Zuhörer hören ihm begeistert zu, weil seine Rede ganz von klassischer Bildung durchdrungen ist. Die vertrauten Klänge der antiken Welt rauschen ihnen um die Ohren, sodass sie sich für einen Augenblick aus ihrer eigenen Gegenwart entrückt fühlen.

Die Zuhörer werden durch diese kunstvolle Rede gleichsam aus ihrer unmittelbaren Wirklichkeit herausgerissen. Für einen Augenblick sind sie entfernt von aller gegenwärtigen Sünde, Schande, Not und auch von ihrem strafenden Gewissen. Die Welt erscheint ihnen wieder heiter und angenehm; sowohl das Leben als auch der Tod scheinen ihnen beinahe freundlich entgegenzulachen.

In dieser Stimmung werden sogar die Propheten verspottet. Man macht sich über sie lustig, weil sie angeblich viel zu scharf und durchsichtig in die Dinge hineinblicken. Während sie nach der Wahrheit suchen und die menschliche Sünde aufdecken, treten sie nach Mariano bildlich gesprochen plump auf die Rosen, die am Weg wachsen und dort eigentlich freudig und schön blühen.

Mariano dagegen behauptet, diese zarten Rosen zu schonen. Er will das Volk nicht mit einer harten und erschreckenden Verkündigung überfordern. Stattdessen rührt er die Menschen sanft zur Wehmut und führt sie gleichsam mit väterlicher Zärtlichkeit an den ernsten Themen von Schuld und Tod vorbei, ohne sie zu sehr damit zu belasten.

Doch plötzlich verändert sich der Ton seiner Predigt vollständig. Seine Rede wird rau und stürmisch. Mariano lässt nun seinem Herzen freien Lauf und entledigt sich des Hasses und des Neides, die er offenbar bisher hinter seiner schönen und gelehrten Rede verborgen gehalten hat.

Nun beginnt Mariano seinen Angriff auf Girolamo. Er beschimpft ihn als einen, der das Volk betäubt und ihm die Lebensfreude nimmt. Er nennt ihn ein Leichenhuhn, also einen Menschen, der überall Tod und Unglück wittert. Er bezeichnet ihn als Propheten des Unglücks, als Vergifter der Welt und als Räuber der Freude. Außerdem nennt er ihn einen finsteren, stürmischen Asketen, der sich von der Welt abwendet und ihre Freuden verachtet.

Mariano behauptet, Girolamos leidenschaftliche Predigt verbreite ein unheilvolles, glühendes Gift über die Welt. Er vergleicht seinen Einfluss mit einem heißen Wüstensturm, einem Samum, der zerstörerisch über eine schöne Landschaft hinwegfegt. Unter diesem tödlichen Hauch werde die Freude, die eigentlich wie eine lebendige Blume auf dem grünen Lebensanger stehen sollte, zu Boden gerissen und getötet.

Mariano stellt die Berufung Girolamos grundsätzlich infrage. Wenn der Gott der Liebe Girolamo tatsächlich dazu auserwählt habe, das Wort des Heils zu verkünden, warum stifte Girolamo dann Zwietracht? Warum rufe er zum Kampf auf und bringe dadurch sogar blutigen Krieg hervor?

Mariano erinnert Girolamo daran, dass dieser einst der Kirche demütig Gehorsam gelobt habe. Nun aber fragt er spöttisch, ob das wirklich Gehorsam sei, wenn Girolamo mit solcher Wut gegen den Papst und gegen die Kirche auftritt. Für Mariano ist Girolamos prophetischer Widerstand also ein Bruch seines kirchlichen Gehorsams.

Nun wendet sich Mariano wieder unmittelbar an die Zuhörer. Sie sollen dem strengen und bitteren Girolamo nicht glauben, der überall nur Jammer und Elend sieht. Sie sollen sich durch seine Predigten nicht das Leben verderben lassen. Das Leben sei ohnehin so kurz und vergehe viel zu schnell.

Die Menschen sollen deshalb nicht vor allen Freuden und Genüssen zurückschrecken. Mariano warnt davor, sich ständig einzureden, Gott werde jede menschliche Freude sofort zerstören oder verbieten. Gott, so seine Argumentation, müsse nicht gleich jeden fröhlichen Schlag des menschlichen Herzens stören und vernichten.

Der Gott, der sich den Menschen selbst hingegeben hat, schenkt ihnen nach Mariano auch die milden Sonnenstrahlen. Er hat die süßen Trauben an den Reben wachsen lassen und lässt die Nachtigallen im Hain singen. Die Schönheit und Süße der Welt werden hier als Zeichen göttlicher Güte und als Erlaubnis zur Lebensfreude verstanden.

Gott gestattet den vergänglichen Erscheinungen des Lebens, solange sie noch bestehen und bevor sie vom Tod verschlungen werden, sich lächelnd und unter Freudentränen miteinander zu verbinden. Die Menschen dürfen also die kurze Zeit ihres irdischen Daseins genießen, obwohl sie wissen, dass der Tod am Ende alles Irdische beendet.

Mariano behauptet anschließend, Gottes Segen liege sichtbar auf der gegenwärtigen Welt. Er wünscht, dass es niemals anders werden möge. Das Glück der Menschen werde auf sicheren Wegen von Lorenzo de’ Medici geführt.

Lorenzo wird von Mariano als ein fester Schutz, als kluger Ratgeber und als ein Mann dargestellt, der überall helfen und versöhnen könne. Er ist zugleich der Vater der Weisheit und der Künste. Durch seine Förderung werde die Welt schöner und reicher.

Mariano erinnert voller Begeisterung daran, wie erst kürzlich zahlreiche Menschen nach Florenz geeilt seien. Er vergleicht sie ironisch mit einem ungeduldigen Zug von Bettlern. Selbst Gesandte mächtiger auswärtiger Fürsten seien gekommen, um Lorenzos Rat und seine Gunst zu erhalten.

Der Kaiser Friedrich habe einen Gesandten geschickt. Ebenso habe Ludwig, der König von Frankreich, einen Vertreter gesandt. Auch Johann, der Herrscher von Portugal, und Ferdinand von Aragón hätten Gesandte nach Florenz geschickt.

Darüber hinaus hätten andere Herrscher Lorenzo ihre Grüße übermittelt und um seine Unterstützung geworben, darunter der mächtige ungarische König Corvin. Fremde Gewänder, Wappen und Farben hätten Lorenzo umgeben und ihn gleichsam mit einem glänzenden Kranz des Ruhmes umstrahlt.

Selbst kostbare Geräte und Schmuckstücke seien Lorenzo zugesandt worden. Der Sultan, den Mariano hier als Barbaren bezeichnet, habe ihm wertvolle Geschenke aus fernen Ländern Afrikas geschickt. Dazu habe sogar eine Schar seltener Tiere gehört.

Diese wilden Tiere, die aus den entlegenen Wüsten und Ländern herübergebracht worden seien, seien weit gereist, um Lorenzo, den „Stern der Zeit“, zu sehen und zu begrüßen. Lorenzo erscheint in dieser panegyrischen Darstellung fast wie das Zentrum der gesamten damaligen Welt.

Mariano steigert das Bild noch weiter. Die Tiere, die Gott einst aus den paradiesischen Gärten über die ganze Welt zerstreut habe, würden durch Lorenzos Ruf wieder zusammengeführt. Florenz werde dadurch gleichsam zu einem neuen Paradies.

Auch die Pflanzen ferner Länder würden durch Lorenzo nach Florenz gebracht. Die Stürme hätten sie einst über das Meer in weit entfernte Gegenden getragen; nun bringe Lorenzo sie durch seine ausgedehnten Handelsbeziehungen zurück beziehungsweise ihre Düfte und Schätze nach Florenz.

Wenn Lorenzo ruft, so behauptet Mariano, öffnen sich sogar die Gräber Griechenlands. Die verborgenen Schätze der alten griechischen Welt werden aus dem Staub hervorgeholt. Alte Steine, die lange im Dunkel gelegen haben, treten wieder ans Licht und können der Gegenwart ihre einstige Schönheit und Bedeutung mitteilen.

Auch die alten Schriftrollen werden wieder lebendig. Die Stimme der antiken Weisheit erwacht von Neuem. Was während der gewaltigen Umwälzungen der Völker lange verschollen und in tiefer Nacht vergessen gewesen war, wird durch Lorenzo und die Renaissance wiederentdeckt.

Der lebensfrohe Grieche, der schon seit langer Zeit nicht mehr auf der Erde lebt, kann den Menschen der Gegenwart durch sein schönes Lied noch immer eine Träne trocknen. Die Kunst und Weisheit der Antike wird hier als eine geistige Kraft dargestellt, die auch nach Jahrhunderten noch Trost und Schönheit schenken kann.

Mariano erklärt den Zuhörern, sie seien schon auf dieser Erde glücklich, weil Lorenzo zu ihnen gehöre und über sie herrsche beziehungsweise ihnen verbunden sei. Deshalb solle jeder, der diesen heiteren Frieden und die Freude am Segen Gottes stört, als Feind des Glücks betrachtet werden.

Selbst diejenigen, die gefallen und schuldig geworden sind, sollen nicht verzagen. Mariano fordert sie auf, den Mut nicht zu verlieren und vertrauensvoll aufzublicken. Gott habe mehr Liebe und Erbarmen, als ein Mensch jemals durch seine Schuld aufbrauchen könne.

Gott werde die Menschen wegen ihrer zeitlichen Sünden nicht für immer verlassen. Mariano betont sogar, dass Gott die Menschen über alle Maßen liebe. Der Grund dafür sei, dass Gott selbst von Ewigkeit her Mensch geworden sei. Damit berührt Mariano tatsächlich einen tief christlichen Gedanken von Menschwerdung und göttlicher Barmherzigkeit.

Mariano geht nun noch weiter in seine theologische Argumentation hinein. Die Menschheit habe schon lange vor Bethlehem im Licht Gottes geblüht. Die heilige Geschichte habe also nicht erst mit der Geburt Christi begonnen.

Der Strom der göttlichen Geschichte sei bereits vorher aus seiner Quelle hervorgegangen. Zwar habe sich dieser Gottesstrom nie zuvor in der Tiefe und Gewalt über die Menschheit ergossen

wie bei Jesus Christus, als er gleich einem gewaltigen Katarakt vom Himmel herabströmte; dennoch sei Gottes Wirken schon lange vorher in der Menschheit gegenwärtig gewesen.

Deshalb, so schließt Mariano diesen Gedankengang, sollen die Menschen nicht verzagen und auch keinen Hass oder Streit entwickeln, nur weil der Strom der göttlichen Menschlichkeit in ihrer eigenen Zeit langsamer fließe. Sie sollen vielmehr geduldig bleiben und weiterhin auf Gottes Wirken vertrauen.

So spricht Mariano seine Predigt weiter. Während er redet, werden seine Gedanken immer freier und ungehemmter. Die Gedanken bewegen sich nun gleichsam wie freche Reiher um den Strom der heiligen Geschichte. Seine gelehrte und kunstvolle Rede nimmt immer weitere Kreise ein.

Diese Gedanken dürfen nach Mariano ihre Flügel ausbreiten und übermütig und fröhlich umherschwärmen. Doch der Dichter kündigt bereits an, dass dieser scheinbar freie und glänzende Gedankenflug nicht unangefochten bleiben wird. Bald wird der Falke Girolamos herabstoßen und die Reiher seiner Rede niederbeizen.

Mariano hört diesen Glockenruf mit Beklemmung. Obwohl der Klang eigentlich feierlich und klar ist, wird ihm beim Hören unheimlich zumute. Es ist ihm, als hätte er in den Glocken bereits den Grabgesang für seinen eigenen Ruhm gehört. Er ahnt, dass seine bevorstehende Niederlage eingeläutet wird.

Mit einem Mal verlässt ihn sein Mut. Die fröhliche Zuversicht, mit der er eben noch glaubte, seinen Gegner bereits besiegt zu haben, ist verschwunden. Der Glockenklang erschüttert ihn tief und lässt seine bisherigen Hoffnungen unsicher werden.

Als der letzte Glockenton verklungen ist, läuft Mariano hastig in seiner Zelle auf und ab. Da sieht er vor seinem inneren Auge Girolamo, wie dieser auf der Kanzel steht und mit gewaltiger Kraft gegen seine Gegner spricht.

Mariano empfindet nun eifersüchtigen Schmerz über die Ehre, die Girolamo erhält. Er sieht, dass all jene bedeutenden Menschen versammelt sind, die auch bei seiner eigenen Predigt anwesend waren: der Fürst, die Gonfalonieri, der Adel und die Signoria.

Für Mariano wäre es sogar leichter zu ertragen, wenn all diese Menschen über Nacht gestorben wären. Denn dann müsste niemand Zeuge seiner Niederlage werden. Was ihn besonders quält, ist der Gedanke, dass gerade diese angesehenen Personen sehen werden, wie sein Gegner ihn übertrifft.

Er sieht förmlich, wie die Menschen gespannt auf Girolamos Rede lauschen. Das Volk steht dicht gedrängt in der Kirche und wartet darauf, was Savonarola in diesem ernsten geistigen Kampf sagen wird.

Marianos vorherige Ahnung hat ihn nicht getäuscht. Die Glocken, die in der stillen und klaren Morgenluft erklangen, waren für ihn gleichsam eine Vorankündigung dessen, was jetzt geschieht. Was er in ihrem Klang vorausgeahnt hat, wird in der Kirche von San Marco tatsächlich Wirklichkeit: Girolamo beginnt seine mächtige Predigt.

Die Menschenmenge ist so groß, dass der Kirchenraum sie kaum fassen kann. Der Tempel scheint zu klein für die vielen Zuhörer. Und auch manchem einzelnen Menschen wird das Herz eng, als der Prior von San Marco zu sprechen beginnt. Die Spannung ist gewaltig.

Girolamo schildert in leidenschaftlichen und flammend wahrhaftigen Worten, wie schwer die Kirche Christi erkrankt ist. Ihr geistlicher Geist, der einst hoch und frei aufgestiegen war, ist tief zur Erde herabgesunken und nur noch schwach.

Girolamo erklärt, die Kirche sei untreu geworden. Sie sei ohne einen wirklichen Führer und ohne Licht und lasse dadurch ihre Herden verwildern. Die Menschen würden orientierungslos und taumelten schließlich ihrem Gericht entgegen.

Nach Girolamos Darstellung versucht ein Teil des Klerus sogar, den Strahl des Himmels von der Welt fernzuhalten. Er möchte die ganze Erde mit einem schwarzen, künstlich verdunkelnden Zelt der Lüge überspannen. Das göttliche Licht soll die Menschen nicht mehr unmittelbar erreichen.

Der Klerus, so wirft Girolamo seinen Gegnern vor, wolle sogar die Segensgrüße Gottes auffangen, die Gott den leidenden Menschen gesandt hat. Dadurch müssten die armen Herzen bei den Priestern

um Trost bitten, wobei ihnen statt des wahren göttlichen Trostes ein falscher Trost angeboten werde.

Girolamo betont dennoch, dass er die Kirche ehrt. Aber er ehrt sie in ihrem gegenwärtigen Zustand so, wie man eine kranke Mutter ehrt. Eine solche Mutter kann geistig verwirrt sein und sich in heftigen Krämpfen sogar selbst verletzen. Das Bild zeigt: Gerade weil die Kirche seine Mutter ist, kämpft Girolamo gegen ihre Krankheit.

Girolamo weist den Vorwurf zurück, er wolle die Welt vergiften. Er will vielmehr zeigen, welche Gefahren die Welt für die Menschen bereithält. Er bekennt sogar ausdrücklich, dass er Krieg und Zwietracht stiften will – allerdings gegen Lüge und Laster und solange, bis er selbst stirbt.

Wenn die Welt die Menschen durch Schmeicheleien beruhigt und ihr Herz mit angenehmen Dingen erfüllt, dann verbirgt sich darin nach Girolamo eine Gefahr. Die Welt drückt ihnen gleichsam den Judaskuss auf: Sie tut freundlich und schmeichelnd, während sie den Menschen in Wirklichkeit dem Verderben ausliefert.

Die Seele soll sich auf ihrer Wanderung durch diese Welt nicht in ihren vergänglichen Dingen verfangen. Die Blumen und Schönheiten der Erde darf sie berühren, aber nur vorübergehend und leicht – so wie ein Windhauch über die Blüten streicht. Die Seele soll die Welt nicht zu ihrem endgültigen Besitz machen.

Wehe dem Menschen, der sich vollständig an die Welt verkauft hat. Wenn am Ende seines Lebens die Glocke des Feierabends läutet, wird die Welt ihn wie einen erschöpften und mittellosen Knecht fortjagen. Die Welt belohnt ihre Diener nicht dauerhaft; am Ende bleiben Tod und Vergänglichkeit.

Girolamo richtet sich nun direkt an Mariano. Er nennt ihn einen Knecht der Welt und einen Werber für ihre niedrigen Vergnügungen und ihren eitlen Ruhm. Spöttisch nennt er ihn einen „süßen Volksverderber“ und fragt ihn, ob er überhaupt das Evangelium kenne.

Girolamo wirft Mariano vor, ein schlechter Arzt für Menschen zu sein, die unter ihrer Sünde leiden. Statt den Kranken wirkliche Heilung und neues Leben zu bringen, plündere Mariano die Gräber alter heidnischer Kulturen. Er bringe den Menschen nicht lebendigen Glauben, sondern gleichsam einen Totenschmuck aus der Vergangenheit.

Mariano tritt in seiner Rede scheinbar als ein tief gerührter Mensch auf. Er weint, als würde sein Herz zerbrechen. Mit seinen hohlen Händen fängt er gleichsam die reichen Tränenströme auf, die er selbst über das Volk herabregnen lässt.

Girolamo bestreitet jedoch die Echtheit dieser Tränen. Nach seiner Ansicht entspringen sie nicht wirklicher innerer Trauer, sondern bloßer Willkür und theatralischer Übung. Marianos klagende Gesten seien ein eingeübtes Schauspiel, das nur wie echtes Gefühl aussehen solle.

Girolamo nennt Mariano deshalb einen „Kanzelgaukler“. All seine schönen Flötentöne und seine stürmischen Reden mögen eindrucksvoll klingen, aber sie bringen den Sünder nicht wirklich dazu, über seine Schuld zu erröten. Sie erschüttern seine Seele nicht in der Tiefe.

Selbst wenn die Zuhörer bei Marianos Worten seufzen und weinen, hält Girolamo auch diese Tränen für unecht. Sie seien ebenso falsch wie die Tränen Marianos selbst. Es handle sich um eine Art Belohnung, die die Täuschung der Täuschung gebe: Der Redner täuscht, und die Zuhörer antworten mit einer ebenfalls nur oberflächlichen Rührung.

Eine solche Trauer sei deshalb nach Girolamo nicht heilig. Die scheinbare Ergriffenheit, die Marianos Worte in den Zuhörern hervorrufen, sei vielmehr gefährlich. Dieses weichliche und süße Selbstmitleid sei gerade für Menschen, deren Herzen von Schuld verwundet sind, ein Gift.

Girolamo fragt Mariano, ob man denn durch klassisches gelehrtes Gerede wirklich mutig zur Tugend machen und im Glauben stärken könne. In Wirklichkeit, so behauptet er, helfe Mariano mit seiner Rede dem Teufel dabei, dessen Netze wieder zusammenzuflicken. Denn Mariano sei in seinem Innersten durch und durch falsch.

Marianos Wort sei nach Girolamos Urteil eine Verfälschung und eine Verführung. Er lullt den heiligen Schmerz über die Sünde ein, anstatt ihn wachzuhalten. Sogar die Rührung selbst, die eigentlich ein Heilbrunnen sein und durch Tränen zur Reinigung führen könnte, vergiftet er.

Girolamo wirft Mariano vor, das Volk irrezuleiten. Trotzdem könne Mariano dies offenbar ungestraft tun, solange er gleichzeitig Girolamo selbst bekämpfe und sich mit seiner Kraft für Rom und die bestehende kirchliche Ordnung einsetze.

Mariano möchte nach Girolamos Vorwurf die Grenzen zwischen Christentum und Heidentum verwischen. Er möchte beide Bereiche miteinander vermischen, sodass die klare Gestalt des christlichen Glaubens in einem nebelhaften Bild verschwindet.

Ebenso möchte Mariano die Wunde verbergen, die nach Girolamos Auffassung mitten durch das Herz der Menschheit geht. Er wolle außerdem den Alten und den Neuen Bund miteinander vermischen, sodass der entscheidende Unterschied und die Erfüllung des Alten im Neuen Testament nicht mehr deutlich zu erkennen seien.

Doch diese Wunde lässt sich nicht verbergen. Ihr Blut dringt selbst durch den dünnen Schleier hindurch. Deshalb werde die Kirche sich bald erneuern müssen. Sie werde wiederfinden müssen, was sie schon lange verloren hat.

Girolamo geht nun auf die Heilsgeschichte ein. In den Tagen des Alten Bundes war der Mensch noch wie ein Schiff ohne sicheren Kurs. Er trieb auf dem weiten und wilden Ozean der Geschichte und wurde vom Ufer seiner Sehnsucht immer wieder abgetrieben.

Das Gesetz Gottes gab dem Menschen eine Richtung und gebot ihm gleichsam, Land zu suchen. Der Mensch strebte nach einem Hafen des Friedens. Doch die gewaltigen Wellen, die durch den Sündenfall entstanden waren, rissen ihn immer wieder in ihre Strudel hinein und hinderten ihn daran, den sicheren Hafen zu erreichen.

Nun aber ist der Weg durch dieses Meer zum Heil des Menschen bekannt geworden. Der Mensch besitzt eine sichere heilige Kompassnadel. Diese sichere Orientierung ist die Liebe, die durch den Neuen Bund gegeben wurde. Die Liebe weist dem Menschen nun den richtigen Weg zu Gott.

Wenn der Mensch, der im Glauben stark geworden ist, mutig durch die Wellen und Stürme des Lebens rudert, wird sein Schiff unter Gottes Segen bald die hohe See erreichen. Er wird aus den engen und gefährlichen Gewässern herauskommen und den weiten Weg in die Freiheit antreten können.

Dort führt sein Weg schließlich zu den Pfaden der Freude. Die Winde, die seine Segel erfüllen, sind nicht mehr die zerstörerischen Winde der Welt, sondern die Atemzüge Gottes. Diese göttlichen Winde schenken ihm Gnade und treiben sein Lebensschiff den ewigen Freuden entgegen. Sie werden als die ewigen Etesien, die günstigen, beständigen Winde, bezeichnet.

Belohnt wird der Mensch für sein Vertrauen. Wer trotz aller Stürme nicht verzagt und am Glauben festhält, wird schließlich das ersehnte Land erreichen. Dort wird er sogar mehr vorfinden, als er selbst zu hoffen gewagt hat.

Die Menschheit hat sich schon seit uralten Zeiten nach dem Licht Gottes gesehnt. Aber die eigentliche heilige Geschichte, in der Gott selbst in die Menschheit eintritt, beginnt erst mit Bethlehem, mit der Geburt Christi.

Mariano hatte Christus zuvor mit einer Quelle verglichen, die schon immer zur Menschheit hinabgeströmt sei und sich in Bethlehem lediglich besonders laut und sichtbar ergossen habe. Girolamo weist diese Vorstellung zurück und fragt, was denn die alte Quelle eigentlich gewesen sei.

Vor Christus war diese vermeintliche Quelle in Wahrheit nur die Sehnsucht der Menschheit, ihr ahnungsvoller Schmerz und ein heißer Strom einsamer Tränen, der so lange floss, bis endlich der Ersehnte wirklich kam.

Girolamo erkennt in Mariano und seinen Gesinnungsgenossen Menschen, denen die Grenzen des christlichen Glaubens zu eng geworden sind. Nach seinem Verständnis sehen sie Christus nicht mehr als den einzigartigen Gottmenschen, sondern als die Zusammenfassung all jener göttlichen Gedanken, die in der gesamten Menschheit vorhanden seien.

Für Girolamo aber ist Christus nicht bloß die Summe menschlicher Gottesgedanken. Christus ist der Herr der Welt, der die menschliche Gestalt angenommen hat; in ihm sind die Macht des Schöpfers, sein Licht und die ganze Fülle der göttlichen Liebe gegenwärtig.

Girolamo sagt, er kenne Mariano und dessen Gefährten. Sie zweifeln, legen alles nach ihren eigenen Vorstellungen aus und haben die Heilige Schrift Gottes verworfen. Dabei behaupten sie, einen wirklichen Gottmenschen habe es niemals gegeben.

Stattdessen möchten sie Gott lieber als einen göttlichen Baumeister darstellen, der die Welt nach vollkommenen Urbildern und schönen Mustern entworfen habe. Gott erscheint in dieser Vorstellung wie ein feingebildeter Architekt.

Damit spielt Girolamo auf die platonische Gedankenwelt und insbesondere auf die Platonische Akademie in Florenz an. Was ein besonders begabter menschlicher Geist von den göttlichen Ideen auf menschliche Weise erfassen könne, solle nach dieser Auffassung dasjenige sein, was man „Christus“ nennt.

Spätere törichte Menschen, so fährt Girolamo vorausblickend fort, würden eines Tages sagen: Wenn das menschliche Bewusstsein Gott in sich selbst wiederfinde und zu sich selbst zurückkehre, nachdem es Gott gleichsam im Rausch der Schöpfung verloren habe, dann sei die wiedergefundene Idee zugleich der denkende Mensch und Gott, der lebendig in den menschlichen Gliedern wohne.

Die Vorstellung wäre dann, dass Gott die menschliche Gestalt gleichsam umschlinge und als vertrauten Gast aus den Höhen des Himmels in sich aufnehme. Eine solche Verbindung von göttlicher Idee und Mensch wäre zwar ein Gedanke von großer Tiefe und Schönheit.

Aber Girolamo fragt: Sollte eine solche hohe göttliche Idee wirklich nur als Schattenbild durch die Welt irren? Sollte ihr die Macht fehlen, in den wirklichen Raum der Geschichte einzutreten und dort als lebendigste und wirkliche Gestalt zu erscheinen?

Nein, das kann nicht sein. Sollte das Hohe und Göttliche sich damit begnügen, nur als trübe, hohle Vorstellung in Wahngebilden, Schattenbildern, Märchen, Mythen und Symbolen weiterzuleben? Girolamo weist diese Vorstellung entschieden zurück.

Wer jemals den tiefsten Klagen der Menschheit wirklich ausgesetzt gewesen sei und deren Schmerz bis auf den Grund seines Herzens empfunden habe, könne einen Gedanken nicht ertragen, der der Menschheit ihren letzten Trost wieder entreiße.

Wenn Christus nur ein Traum und keine Wirklichkeit wäre, dann wäre das menschliche Leben nichts anderes als ein nächtlicher Gang durch eine Wüste. Niemand wäre da, der dem Menschen Antwort gäbe; stattdessen würde nur eine Horde wilder Bestien über ihn wachen.

Die feindlichen Kräfte der Natur würden den Menschen auf seinem ziellosen Weg von allen Seiten bedrohen. Aus unzähligen dunklen Hinterhalten würden sie lieblos und unaufhörlich über den einsamen Wanderer herfallen.

Selbst wenn der Mensch mit geschärften Sinnen manche dieser Feinde erkennen und überwinden könnte, könnte er den übrigen Gefahren dennoch nicht entkommen. Er müsste seinen heimatlosen Weg weitergehen, ohne endgültige Zuflucht zu finden.

Überall würden eiserne, unerbittliche Naturgesetze die Zähne des Schmerzes schärfen. Krieg und Hunger würden heulend durch die Welt ziehen, während die Pest durch die Finsternis schreitet.

Hinzu kämen Hass, Undankbarkeit und gebrochene Treue. Das Liebste würde man auf der Totenbahre verlieren; im vereinsamten Herzen blieben Schuld und Reue zurück. Die einstigen Freuden würden nur noch als Asche erscheinen, und das Haar würde vor Gram ergrauen.

So würde der Mensch in untröstlicher Trauer weiterwandern, bis er vom Leben völlig erschöpft und todesmatt wäre. Schließlich würde ihm sogar der Glaube daran entfallen, dass seine Seele über den Tod hinaus fortbesteht – dieser Glaube würde von ihm abfallen wie ein welkes Blatt.

Girolamo fordert den armen, verlassenen Menschen auf, dann überall bei Kunst und Weisheit nach Trost zu suchen. Er könne Wein trinken, in den Wald gehen und die Rose oder den Gesang der Nachtigall genießen.

Doch weder Wein noch Kunst, Natur, Rose oder Nachtigall könnten seine tiefsten Klagen beantworten. Nichts davon könnte den schwarzen Abgrund zwischen seinem Leid und einer endgültigen Versöhnung mit Licht erfüllen.

Diese Dinge hätten auch nichts gegen seine Verzweiflung. Wenn der Mensch ohne Hoffnung auf Christus bleibt, würde er schließlich schaudernd in das Grab sinken. So wäre das menschliche Leben und Sterben beschaffen, wenn Christus nicht wirklich auf die Erde gekommen wäre.

Christus aber ist gekommen und hat am Kreuz selbst Schrecken und Leiden auf sich genommen. Dadurch hat er dem Leben und dem Tod ihre zerstörerische Macht über den Menschen genommen.

Gott will dem Menschen über alle Leichen und über alle Schrecken der Natur hinweg seine Vaterhand entgegenreichen. 

Diese rettende Vaterhand wird nach Girolamos Worten jedoch nur dem Christen wirklich sichtbar und erfahrbar.

Bis zum Morgen des Friedens bleibt der Mensch mitten im Kampf dieses Lebens vom Schmerz begleitet. Der tiefste Schmerz und der innerste Gedanke des Menschen sind zunächst miteinander verbunden: Es ist der Gedanke an den Tod.

Deshalb hat Gott die Armen und Leidenden in Schmerz und Tod nicht allein gelassen. Der treue Gott selbst ist am Kreuz aus Liebe und Erbarmen in die menschliche Weise des Leidens und Sterbens eingegangen.

Durch Christus sind nun die bangen Fragen des Menschen gelöst. Das Herz darf erkennen, dass Schmerz und Tod nicht das letzte Wort haben: Sie bilden vielmehr den dunklen Grund, aus dem die Blütenwelt der Liebe hervorbrechen kann.

Deshalb steht die Hoffnung unerschüttert. Selbst der Mensch, der am Rand des Grabes steht, kann mit seinem geistigen Auge den offenen heimischen Himmel sehen. In diesen Himmel ist Christus durch seine Auferstehung vorausgegangen.

Doch all dies bleibt wirkungslos, wenn diese Wahrheit nicht in den Menschen selbst lebendig wird. Sie muss insbesondere in der Kirche lebendig sein. Die Kirche muss gleichsam neu geboren werden und sich aus ihrem bisherigen Zustand erheben.

Die Menschen haben den Glauben zu einer Leiche gemacht, die sie mit scharfem Verstand zerlegen. Aber eine kalte, bleiche Leiche kann ihnen nicht mehr erzählen, was einst ihr seliges Herz bewegt hat. Durch bloße Analyse können sie das lebendige Geheimnis des Glaubens nicht zurückgewinnen.

Girolamo ruft ihnen deshalb zu, dass sie töricht handeln, wenn sie Gott wie einen leblosen Gegenstand betrachten und den Herrn der Welt erforschen wollen wie einen Stein, den man aus dunklen Bergwerken geholt hat und der reglos dem kalten Blick des Betrachters ausgesetzt ist.

So schnell die menschlichen Gedanken auch laufen mögen: Kein noch so angestrengtes Forschen und Grübeln kann Gott auf diese Weise erkennen. Ein Geist kann einen anderen Geist nur erkennen, wenn dieser Geist ihm selbst entgegenkommt und sich ihm offenbart.

Darum sollen die Menschen ihren Geist wie Flügel ausbreiten. Sie sollen ihre Herzen weit öffnen und sich über alle irdischen Hindernisse hinweg auf den unermüdlichen Weg der Sehnsucht nach Gott machen.

Sie sollen Ausschau halten, lauschen, warten und sogar in der Sehnsucht und im Schmerz ausharren, bis Gottes heiliger Hauch sie innerlich durchdringt und seine Wonne sie erschüttert und erfüllt.

Dann erst geschieht wahre Gotteserkenntnis. Sie entsteht nicht aus bloßem Grübeln, sondern aus der lebendigen Begegnung mit Gott. Deshalb lautet Girolamos abschließendes Wort: Gotteserkenntnis ist Gebet.

Der Sprecher richtet sich gegen die Vorstellung, Jesus sei wirklich der verheißene Messias. Er wünscht, dass die Menschen plötzlich erkennen mögen, dass Christus seiner Meinung nach nicht derjenige sei, der am Ende der Zeiten als Richter über die Menschheit erscheinen wird.


Er behauptet weiter, Christus sei auch nicht die göttliche Gestalt gewesen, die das Volk Gottes auf seinem Weg durch die Wüste begleitet, gestärkt und beschützt habe.


Ebenso weist er die Vorstellung zurück, Christus habe bereits vor dem Sündenfall mit den ersten Menschen im Paradies gelebt oder sich ihrer Gemeinschaft erfreut.


Auch die Lehre von der Präexistenz Christi wird bestritten. Nach christlichem Glauben besaß Christus schon vor der Schöpfung göttliche Herrlichkeit; der Sprecher lehnt dies jedoch ab.


Er verweist auf den gekreuzigten und leidenden Jesus und fragt spöttisch, ob dieser wirklich die Verheißungen Davids erfüllt, das Volk Gottes befreit und ihm Glück gebracht habe.


Polemisch behauptet der Sprecher, Jesu Wirken sei nicht von Gott, sondern von Beelzebul ausgegangen. Er bestreitet damit die göttliche Herkunft des Christentums.


Als Beweis führt er an, dass das Böse angeblich weiterhin in der Welt existiere. Wäre Christus wirklich der Erlöser gewesen, hätte er Satan und seine Mächte endgültig besiegen müssen.


Nach vierzehn Jahrhunderten Christentum, so die Behauptung, seien die Teufel immer noch gegenwärtig. Daraus zieht der Sprecher den Schluss, dass Christi Werk gescheitert sei.


Er fragt weiter, weshalb Christus heute keine Wunder mehr vollbringe. Für ihn scheint die ausbleibende Wunderkraft ein Zeichen dafür zu sein, dass die christliche Hoffnung die Welt enttäuscht habe.


Noch immer gebe es Krankheit, Elend und Leid. Deshalb stellt der Sprecher die Frage, wo die verheißene Erlösung geblieben sei.


Er verweist besonders auf Menschen, die weiterhin krank, besessen oder hilfsbedürftig sind. Wenn Christus wirklich alle Macht besitze, warum werde dieses Leiden nicht beseitigt?


Als Beispiel nennt er eine schwerkranke Frau. Er fordert den Nazarener heraus, sie zu heilen, wie es die Evangelien berichten.


Sollte Christus nicht eingreifen, werde die Kirche zugrunde gehen. Die Formulierung, Satan werde dann um seine Frau weinen, ist eine bösartige und spöttische Polemik gegen die Kirche.


Nun greift der Sprecher die biblische Geschichte von den Dämonen auf, die Christus aus Besessenen austrieb und in eine Schweineherde fahren ließ.


Diese Dämonen seien, so die satirische Behauptung, nicht vernichtet worden. Sie seien vielmehr bis nach Rom gelangt und dort wieder an Land gekommen.


Das Bild der Schweine wird nun auf die römische Kirche übertragen. Die Aussage ist eine scharfe antikirchliche Satire und soll Rom als Sitz geistiger Verderbnis darstellen.


Der Sprecher erinnert an ein Bibelwort, in dem Gott Israel mit einer frühen Feige vergleicht. Israel erscheint darin als erste und kostbare Frucht seiner Fürsorge.


Nun beklagt er, dass dieses von Gott erwählte Volk durch die „Schweine“, also die verderbten Mächte der Gegenwart, erniedrigt und beschmutzt werde.


Anschließend erzählt er eine düstere Legende über Papst Innozenz VIII. Der sterbende Papst wird in satirischer Form als Tier dargestellt.


Ein Arzt erklärt, dass gewöhnliche Heilmittel nicht mehr helfen würden. Nur eine Blutübertragung könne den Papst noch retten.


Der Sterbende verlangt daraufhin drei Knaben, deren Blut ihm übertragen werden solle. Die Erzählung greift eine historische Legende auf, die häufig in antikirchlicher Polemik verwendet wurde.


Mit Entsetzen schildert der Sprecher, wie das Blut unschuldiger Kinder für die Rettung eines verdorbenen Menschen vergossen werden soll.


Die Kinder sterben. Die Szene dient als Symbol größter moralischer Verdorbenheit innerhalb der kirchlichen Hierarchie.


Ein Jude, der Augenzeuge gewesen sein soll, verlässt voller Zorn den Ort des Geschehens und ruft seine Anklage in die Nacht hinaus.


Die Anwesenden erschrecken über seine Worte. Obwohl sie schweigen, werden sie von dem gehörten Vorwurf tief getroffen.


Der Erzähler fragt, ob man diesen Mann für verrückt halten dürfe. Sein Schmerz sei so groß, dass seine Worte nur deshalb verworren erscheinen.


Er sei nicht wahnsinnig, sondern zutiefst unglücklich. Das erlebte Leid habe ihn geprägt und verfolge ihn bis an sein Lebensende.


Selbst wenn seine Worte übertrieben oder wirr wirken, spiegeln sie dennoch einen Teil der Wirklichkeit wider. Auch ein zerbrochener Spiegel zeigt noch ein erkennbares Bild.


Der Erzähler erklärt, dass Savonarolas düstere Prophezeiungen sich erfüllen. Über die Apenninen komme eine Gefahr, die wie ein gewaltiges Gewitter über Italien hereinbreche.


Gemeint ist der Einmarsch der Franzosen unter König Karl VIII. Sie ziehen plündernd und kämpfend durch Italien und bringen Krieg und Zerstörung.


Der König verfolgt nach Ansicht des Dichters einen falschen Ruhm. Sein Streben nach Eroberungen entspringt Eitelkeit und Machtgier.


Die französischen Truppen rücken weiter vor. Die Schrecken des Krieges häufen sich mit jedem Schritt.


Bereits bei der Erstürmung von Fivizzano werden die Bewohner niedergemacht. Niemand wird verschont.


Männer, Frauen und Kinder fallen dem Angriff zum Opfer. Danach bewegt sich das Heer auf Florenz zu.


Die Bürger von Florenz geraten in Angst. Sie wenden sich an Pietro de’ Medici, den Sohn Lorenzos, und erwarten von ihm die Rettung.


Pietro soll ein Heer aufstellen, den Feind bekämpfen oder zumindest durch geschickte Verhandlungen die Stadt schützen.


Doch alle Hoffnung erweist sich als vergeblich. Lorenzo ist tot, und sein Sohn besitzt zwar die Macht des Hauses Medici, aber nicht dessen Fähigkeiten.


Pietro wird als mutlos und unfähig dargestellt. Ihm fehlen die Klugheit, die Entschlossenheit und die Ausstrahlung seines Vaters.


Bildlich schaut Lorenzo aus dem Reich der Toten auf die Ereignisse. Er muss erkennen, dass die Hoffnungen, die er in seine Herrschaft gesetzt hat, zusammenbrechen.


Das Werk, das er sein Leben lang aufgebaut hat, beginnt unter seinem Nachfolger zu zerfallen.


Pietro zieht tatsächlich zu den Franzosen. Doch statt für sein Vaterland einzustehen, unterwirft er sich dem Gegner.


Er bittet demütig um Gnade und nimmt sogar die eigene Demütigung in Kauf. An die Stelle von Widerstand tritt Unterwerfung.


Der französische König hört diese Bitten mit erstaunter Verachtung. Pietro erscheint ihm als schwacher Mann, dessen Stimme zittert und dessen Mut versagt.


Der große Name der Medici hilft Pietro nicht mehr. Im Gegenteil: Die ruhmreiche Herkunft macht seine Schwäche nur umso sichtbarer. Er gleicht einem Bettler, der sich mit einer Fürstenkrone schmückt, ohne deren Würde ausfüllen zu können.


Anstatt den französischen König entschieden zurückzuweisen, gibt Pietro ihm sofort wichtige Stützpunkte preis. Er überlässt ihm den Hafen von Livorno und befestigte Burgen in der Toskana.


Darüber hinaus verspricht er dem Feind hohe Geldzahlungen. Als er nach Florenz zurückkehrt, erwarten die Bürger seinen Bericht, doch nicht mit Hoffnung, sondern mit Misstrauen.


Seine Demütigung führt dazu, dass der lange angestaute Hass gegen die Herrschaft der Medici offen hervorbricht. Die Autorität des Hauses, die seit Jahrzehnten bestand, beginnt endgültig zu zerfallen.


Pietro zieht noch immer mit fürstlichem Prunk vor den Regierungspalast. Doch statt Ehrfurcht begegnet ihm nun offener Volkszorn. Die Menge verflucht ihn und fordert die Vertreibung der Medici.


Selbst die Signoria, die Regierungsbehörde von Florenz, weist ihn verächtlich ab. Straßenjungen verfolgen ihn und verspotten ihn öffentlich.


Sein Freund Orsini versucht noch, ihn mit bewaffneten Anhängern zu schützen. Doch die politische Macht Pietros ist bereits unwiederbringlich verloren.


Pietro flieht aus der Stadt. Währenddessen stürmt die aufgebrachte Menge den Medici-Palast und plündert ihn.


Die kostbaren Schätze der Familie werden aus den Räumen geschleppt. Wertvolle Kunstgegenstände und Sammlerstücke fallen dem Chaos zum Opfer.


Kameen, Münzen, Juwelen, kostbare Gefäße und Goldgeschirr werden wahllos geraubt. Die einst geordnete Pracht verschwindet im Durcheinander der Plünderung.


Auch Kunstwerke werden zerstört. Gemälde werden zerrissen, Bücher verwüstet und Marmorstatuen zerschlagen.


Der Dichter bemerkt dazu allgemein, dass ein entfesselter Mob häufig gerade die Werke des Geistes zerstört. Was er weder geschaffen noch verstanden hat, vernichtet er oft blindlings aus Wut.


Nun wechselt die Szene. Drei schweigsame Männer wandern von Florenz nach Bologna. Ihre Niedergeschlagenheit macht deutlich, dass sie einen schweren Verlust erlitten haben.


Die Wanderer schauen immer wieder traurig zurück nach Florenz. Es ist der Blick auf eine Heimat und ein Glück, das sie verloren haben.


In der Ferne erkennen sie noch die Türme der Stadt. Ihr Vorfahr Cosimo hatte die Macht und den Ruhm des Hauses begründet, doch seine Nachkommen verlassen nun als Vertriebene dieselbe Stadt.


Viele Vorüberreisende erkennen die drei Brüder Medici trotz ihrer einfachen Verkleidung. Ihr Sturz ist allgemein bekannt.


Dennoch grüßt sie kaum jemand. Manche empfinden zwar Mitleid, wagen es aber nicht zu zeigen. Andere lachen offen über ihr Unglück.


Die Brüder denken schmerzlich an die frühere Allmacht ihres Vaters Lorenzo zurück. Sie empfinden die Verbannung als schlechte Belohnung für seine Leistungen.


Der Dichter fügt jedoch eine moralische Bemerkung hinzu. Menschen sind nur dann dauerhaft dankbar, wenn die empfangenen Wohltaten sie auch innerlich verbessert haben. Wohltaten allein erzeugen keine bleibende Dankbarkeit.


Während die Medici fliehen, zieht der französische König triumphierend in Florenz ein. Seine glänzende Rüstung strahlt im Sonnenlicht und unterstreicht seinen Sieg.


Die höchsten Beamten der Stadt müssen ihm ehrerbietig die Zügel seines Pferdes halten. Als Zeichen des Machtwechsels wird sogar das Wappen der Medici vor ihn geworfen.


Die Symbole der Medici werden erniedrigt. Die Figuren des Wappens werden vom Pferd des Königs niedergetreten.


Besonders die berühmten Medici-Kugeln werden von den Hufen zerstampft. Dieses Bild verdeutlicht, wie rasch politischer Erfolg und Glück vergehen können.


Der Dichter fragt nun besorgt, wer Florenz vor dem Sieger retten könne. Wer werde den König aufhalten, der seine Macht gegen die Stadt richtet?


Wer könne das mächtige französische Heer vertreiben, das die Stadt bedroht und unter Druck setzt?


Als Antwort erscheint Savonarola. Der Prediger wird hier als geistlicher Kämpfer dargestellt. Mutig tritt er dem siegreichen König entgegen.


Er hält Karl VIII. ein Kruzifix vor Augen und erinnert ihn an die höhere Macht Gottes. Nicht menschliche Herrscher, sondern Christus sei der wahre Herr der Welt.


Savonarola warnt den König, dass Gott sein Heer ebenso schnell vernichten könne, wie ein Sturm Spreu verweht. Militärische Stärke biete keinen Schutz vor göttlichem Gericht.


Der Prediger macht deutlich, wie gering selbst der mächtigste Herrscher vor Gott ist. Der König mag über viele Menschen herausragen, bleibt aber dennoch nur ein sterblicher Mensch.


Die Bürger haben zu Ehren des Königs ihre Tore geöffnet und ihm einen triumphalen Einzug ermöglicht. Savonarola mahnt jedoch, sich darauf nichts einzubilden, denn die Herrschaft eines Königs kann jederzeit enden.


Gott habe gesehen, wie Karl stolz und selbstherrlich in die Stadt eingeritten sei. Sein Auftreten habe den Eindruck erweckt, als wolle er göttliche Größe für sich selbst beanspruchen.


Savonarola beginnt damit, den König vor Hochmut zu warnen. Der Triumphzug, den Karl als Zeichen seines Ruhmes betrachtet, kann vor Gott leicht zur Anklage werden. Alle menschliche Macht bleibt vergänglich und steht letztlich unter dem Urteil Gottes.


Savonarola erinnert den König daran, dass er sich in seinem Triumphzug vielleicht zu sehr erhöht habe. Hätte er wirklich über Gott nachgedacht, so hätte ihn die Größe des Himmels und seines Schöpfers mit Ehrfurcht und Demut erfüllen müssen.


Der Prediger fordert Karl auf, Milde zu zeigen. Statt Eroberungen und Gewalt solle er es sich genügen lassen, die Herzen der Menschen zu gewinnen. Nur dann könne er auf Gottes Segen hoffen.


Savonarolas Worte verfehlen ihre Wirkung nicht. Der König fühlt sich von seiner moralischen Autorität beeindruckt und verlässt Florenz schließlich in friedlicher Gesinnung.


Nun wendet sich der Dichter wieder der inneren Lage von Florenz zu. Die äußere Gefahr ist gebannt, doch ein neuer Konflikt ist entstanden: Wer soll die Stadt künftig regieren?


Es stellt sich die grundlegende politische Frage, ob die Macht bei einem einzelnen Herrscher liegen soll oder beim Volk selbst.


Monarchie und Republik stehen einander gegenüber. Beide Seiten behaupten, das Wohl des Volkes zu vertreten. Die Entscheidung wirkt schwierig und folgenreich.


Savonarola ruft die Bürger im Dom zusammen. Durch seine gewaltige Überzeugungskraft gewinnt die republikanische Sache die Unterstützung des Volkes.


Sein Ziel geht jedoch über eine bloße Republik hinaus. Er strebt eine Gottesordnung an, eine von christlichen Grundsätzen bestimmte Gesellschaft. Florenz soll zu einem Zentrum religiöser Erneuerung werden.


Savonarola glaubt, dass wahre Freiheit nur dort möglich sei, wo Menschen allein Christus als höchste Autorität anerkennen. In einer solchen Freiheit könne der christliche Glaube am besten gedeihen.


Savonarola setzt seinen Kampf unbeirrt fort. Ohne sich einschüchtern zu lassen, tritt er gegen Unterdrückung, moralische Verfehlungen und geistige Irrtümer auf.


Dadurch macht er sich viele Feinde. Die Anhänger der päpstlichen Partei, zahlreiche Sünder und schließlich auch der Papst selbst empfinden ihn als Bedrohung.


Wenn er vom Kloster San Marco zum Dom geht, wird er oft beschimpft. Flüche und Schmähungen begleiten seinen Weg.


Seine Anhänger schützen ihn deshalb. Bewaffnete Freunde sichern den Weg zur Kanzel, damit er ungehindert predigen kann.


Nun berichtet Savonarola dem Volk von einem Erlebnis. Eines Abends saß er allein in seiner Klosterzelle, als ihn ein Besucher aufsuchte.


Dieser Besucher war ein Gesandter des Papstes. Mit freundlichen Worten versuchte er, Savonarola zum Schweigen zu bewegen und ihm dafür hohe kirchliche Ehren zu versprechen.


Konkret bot man ihm den Kardinalshut an. Wenn er seine Angriffe auf Rom einstellen würde, könnte er zu den höchsten Würdenträgern der Kirche aufsteigen.


Savonarola lehnt das Angebot entschieden ab. Weltliche Ehren interessieren ihn nicht. Er spricht stattdessen von einem anderen roten Hut.


Mit diesem anderen roten Hut meint er sein mögliches Martyrium. Lieber wolle er sein Blut für die Wahrheit vergießen, als Macht und Würden anzunehmen.


Deshalb kündigt er an, seinen Kampf gegen die Missstände in Rom fortzuführen. Weder Versprechungen noch Drohungen sollen ihn davon abbringen.


Savonarola erklärt, dass seiner Meinung nach der Teufel in die römische Kirchenverwaltung eingedrungen sei. Die Kurie erscheine ihm von moralischer Korruption beherrscht.


Er beschreibt dies mit dem Bild eines höllischen Karnevals. Das Böse habe sich religiöse Gewänder angezogen und spiele nun eine Täuschung vor.


Selbst heilige Rituale würden missbraucht. Was eigentlich Gott dienen sollte, werde zur bloßen Maske und zum Schauspiel.


Der Teufel singt in seiner Bildsprache Kirchenlieder, bedient die Orgel und bewegt sich scheinbar fromm im Gotteshaus. Damit wird die Heuchelei angeprangert.


Zwischen Gottesdienst und Ausschweifung bestehe nach Savonarolas Ansicht kaum noch ein Unterschied. Die Kirchenführer würden sich abwechselnd dem Vergnügen und dem Altar widmen.


Viele Menschen seien deshalb verzweifelt und meinten, die Kirche Christi stehe vor dem Zusammenbruch.


Andere erklärten die Kirche bereits für vollständig beherrscht von finsteren Mächten. Der Dichter spielt hier auf religiöse Gruppen an, die hinter der sichtbaren Kirche eine böse Macht am Werk sahen.


Die schlimmsten Verbrechen, Betrug, Gewalt, Unmoral und Mord, würden nach Meinung dieser Kritiker in der Gestalt eines Papstes verkörpert sein. Die Aussage richtet sich gegen die damaligen Zustände unter den Borgias.


Savonarola widerspricht jedoch der völligen Verzweiflung. Nicht jeder Papst und nicht die Kirche selbst seien mit diesen Missständen gleichzusetzen.


Insbesondere erklärt er, dass ein korrupter Papst nicht das wahre Christentum verkörpere. Je höher das Böse steige, desto näher rücke sein Sturz.


Um Hoffnung zu machen, erzählt Savonarola ein Gleichnis. Darin liegt eine reiche Frau schwer krank und scheint bereits tot zu sein.


Ihre vermeintlichen Freunde glauben, sie sei gestorben. Noch bevor sie begraben wird, beginnen sie damit, ihren Besitz unter sich aufzuteilen.


Gierig durchsuchen sie ihre Schränke und reißen wertvolle Erinnerungsstücke, Schmuck und Kostbarkeiten an sich.


Schließlich streiten sie sogar um persönliche Gegenstände der Frau, unter anderem um ihre festlichen Kleider und ihren Hochzeitsschmuck.


Die Frau selbst kann sich nicht bewegen. Ihr Körper ist wie gelähmt, doch ihr Bewusstsein ist nicht völlig erloschen. Sie nimmt wahr, was geschieht.


Unter dem Leichentuch hört sie, wie die Räuber Stück für Stück ihr Eigentum forttragen, und leidet innerlich darunter.


Als die Diebe schließlich an ihren wertvollsten Besitz gelangen, an ihr altes Evangelienbuch, erreicht ihr Schmerz den Höhepunkt.


In diesem Augenblick kehrt die Lebenskraft zurück. Ihr Herz beginnt wieder zu schlagen, das Blut strömt in ihre Wangen, und sie richtet sich plötzlich auf.


Die erschrockenen Plünderer fliehen voller Angst. Das Gleichnis soll zeigen, dass auch eine scheinbar sterbende Kirche durch ihre Bindung an das Evangelium wieder zum Leben erwachen kann. Solange das Wort Gottes noch vorhanden ist, besteht Hoffnung auf Erneuerung.


Die Frau, die sich sonst mit künstlichem Rot ihre Wangen verschönerte, möchte nun keine Schminke mehr benutzen. Ihr Gesicht ist welk und bleich geworden. Sie schämt sich davor, ihre Schönheit noch künstlich hervorzuheben, weil sie daran denken muss, dass vielleicht schon bald die Würmer ihren Körper verzehren werden.

Auch ein Mensch, der zuvor bereit war, seinen Feind mit einem scharfen Dolch niederzustoßen, verliert angesichts der allgegenwärtigen Leichen die Lust am Töten. Der Anblick des Todes macht selbst den gewalttätigen Menschen nachdenklich und lässt seine Mordlust erlöschen.

Die ständige Bedrohung, das dumpfe Gefühl des Todes und die bedrückende Angst haben alle persönlichen Wünsche und Leidenschaften vertrieben. Selbst die wilden Kräfte, die sonst die Menschen zu Hass, Begierde und Gewalt treiben, werden durch das Unglück besänftigt. Die „Furien des Unglücks“ sind zahm geworden.

Die Pferde, die die Leichenwagen ziehen, werden weder am Tag noch in der Nacht ausgespannt. Ununterbrochen müssen sie die Toten fortbringen. Auf den Gesichtern der Menschen liegt Verzweiflung, und die gewohnte Sprache scheint ihre Ordnung zu verlieren, weil die Menschen vor Angst und Entsetzen kaum noch wissen, was sie sagen sollen.

Auch die Liebe selbst hat ihre Sprache verloren. Ihr Atem und ihr Kuss können tödlich sein, weil die Krankheit durch Nähe und Berührung übertragen wird. Die Liebe, die normalerweise sanft und heilbringend erscheint, hat sich deshalb gewissermaßen mit dem Tod verbündet.

Früher nahm ein Mensch Geschenke und kleine Liebeszeichen dankbar entgegen. Solche Gegenstände erinnerten ihn an die Liebe und bewahrten die Erinnerung an den geliebten Menschen. Nun aber haftet gerade an diesen Zeichen der Verderbnis die Gefahr der Ansteckung.

Was früher ein Schmuckstück der Liebe war, kann jetzt den Tod mit sich bringen. An einem Geschenk, das Zärtlichkeit ausdrücken sollte, kann die Krankheit haften. Selbst ein schmeichelndes Liebesgedicht oder ein Sonett wird in dieser Welt des Todes von der Vorstellung des Verderbens überschattet.

Der Dichter richtet sich nun mitleidsvoll an eine Mutter und fordert sie auf, zu zittern, während sie ihr Kind stillt. Denn sie kann nicht wissen, ob nicht gerade durch ihre eigene Brust die tödliche Krankheit in den Körper ihres Kindes gelangt. Selbst die innigste Verbindung zwischen Mutter und Kind ist durch die Pest zu einer Quelle der Angst geworden.

Nun beginnt ein neuer Abschnitt. Zwei große Künstler wollen die Nacht im prächtigen Garten der Medici verbringen. Dort möchten sie bei dem klaren und milden Mondlicht die Statuen der griechischen Kunst betrachten.

Buonarotti, also Michelangelo, geht dort gern gemeinsam mit seinem Freund Leonardo da Vinci umher. Zwischen den Bäumen und unter dem Sternenhimmel sprechen die beiden Künstler über ihre Kunst und über die großen Dinge, die sie bewegen.

Für diese Nacht haben sie sich mit Krügen voll Falernerwein ausgerüstet. Dieser berühmte Wein erinnert an die Antike und besonders an Horaz, der ihn in seinen Gedichten besang und seine Freunde zum Trinken und Genießen aufforderte.

Die beiden Künstler wollen den Freunden, die bereits gestorben sind, symbolisch noch einen Becher Wein darbringen. Während sie die Schönheit der griechischen Statuen betrachten, wollen sie auf das Andenken ihrer verstorbenen Freunde trinken und zugleich die große Kunst der Griechen feiern.

Und selbst wenn der Tod auch nach ihnen verlangen sollte, wollen sie ihn nicht ängstlich fliehen. Sie wollen den Tod hier, mitten unter den schönen Kunstwerken und inmitten der Frühlingsnatur, empfangen.

Die griechischen Statuen stehen schweigend da und blicken auf die menschliche Klage herab. Sie scheinen dieselbe Art von Leid schon in der Antike gesehen zu haben, etwa in Athen. Ihre Gesichter bleiben dabei vollkommen ruhig und schön.

Auch als einst der tote Freund des Perikles an ihnen vorübergetragen wurde, blieb kein Ausdruck des Leidens auf ihren Gesichtern zurück. Die idealen Götterbilder der Antike scheinen gegenüber dem menschlichen Schmerz unberührt und unveränderlich zu bleiben.

Während die Menschen unter der Pest leiden, ist die Frühlingsnatur voller Leben. Die milden Frühlingslüfte flüstern und spielen miteinander. Zwischen den Lauben leuchten Glühwürmchen wie kleine schwankende Lichter und beleuchten die verborgenen Rosen.

Der Wind nimmt den Blumen ihr süßes Geheimnis, ihren Duft, und trägt ihn durch den ganzen Wald. Die Natur scheint ihren eigenen Frühling und ihre Freude völlig unbeeindruckt vom Leiden der Menschen zu feiern.

In den Büschen singen die Nachtigallen ungestört ihre Liebeslieder. Die mondbeschienenen Springbrunnen rauschen, während eine Wolke heiter über den Himmel zieht. Überall herrscht Schönheit und Harmonie.

Michelangelo und Leonardo stehen voller Bewunderung vor einer Statue des Apollo. Sie betrachten die vollkommene Schönheit des griechischen Kunstwerks.

Doch plötzlich fährt ein Leichenwagen an ihnen vorbei. Während die Künstler in der Schönheit der Antike versunken sind, dringt von draußen der laute Klageruf der Menschen zu ihnen herein.

Der Kontrast ist erschütternd: Gerade als der Leichenwagen vorbeizieht, scheinen die Nachtigallen noch freudiger zu singen. Die Blumen duften noch stärker, der Mond durchbricht die letzten Wolken, und sogar Apollo scheint noch heiterer zu lächeln.

Als der Lärm des Leichenzugs langsam hinter den Gartenmauern verhallt, erfasst die beiden Künstler eine bittere Trauer. Zugleich wächst in ihnen ein zorniges Gefühl gegen die scheinbar gleichgültige Schönheit der antiken Kunst und der Natur.

Zuvor hatten sie noch ihre Becher erhoben und auf ihre verstorbenen Freunde getrunken. Sie hatten dabei auch den griechischen Göttern zugeprostet und deren Schönheit gefeiert.

Nun aber wendet sich Michelangelo plötzlich gegen die Apollo-Statue. Er nennt den Gott einen Mörder und Orakelsager und wirft ihm vor, das menschliche Leid nur spöttisch anzulächeln.

In seinem Zorn schleudert Michelangelo seinen Becher gegen die Marmorstatue. Der Becher schlägt gegen die Brust des griechischen Gottes und zerbricht dort. Damit weist er symbolisch die scheinbar unberührte Schönheit der heidnischen Antike zurück.

Michelangelo fordert Leonardo auf, den Garten zu verlassen. Die ganze Umgebung erscheint ihm plötzlich fremd und leer.

Die fröhlichen Vögel bringen ihn nun zum Weinen, und selbst der Duft der Blumen bedrückt ihn. Was ihm kurz zuvor noch schön und beglückend erschien, wird angesichts des Todes unerträglich.

Er erkennt nun einen grundlegenden Widerspruch: Inmitten der herrlichen Natur und der vollkommenen antiken Kunst steht das menschliche Leiden. Die Schönheit der Natur und die Schönheit der griechischen Kunst scheinen vom menschlichen Herzen abgeschnitten zu sein und dem Leid sogar mit ihrer Freude zu spotten.

Doch dann entdeckt Michelangelo über den Zweigen im Mondlicht ein Kirchenkreuz. Er fragt Leonardo, ob dieser ebenfalls sehe, wie sich Gott von oben zu den Menschen herabneige und voller Mitleid auf ihre Not schaue.

Wieder fährt ein Leichenwagen an der Gartenmauer vorbei. Doch nun sieht Michelangelo in dem Kreuz einen Trost. Das Kreuz weist über den Tod hinaus und gibt der Klage eine Richtung auf eine andere, ewige Heimat.

Der Anblick erinnert ihn an ein früheres Wort Girolamos. Was der streng predigende Mönch einst dem sterbenden Lorenzo gesagt hatte, wird durch die jetzige Erfahrung wieder lebendig in Michelangelos Herzen. Seine Erinnerung an Girolamo verbindet sich mit dem Anblick des Kreuzes und des Todes.

Michelangelo beginnt sogar zu weinen – aber seine Tränen sind nun nicht mehr bloß Ausdruck von Verzweiflung. Durch den Schmerz hat sich sein Blick verändert. Gerade durch die Erfahrung des Leidens hat sich ihm plötzlich eine tiefere Welt eröffnet: die Welt der christlichen Kunst.

Michelangelo erkennt nun, dass die christliche Kunst etwas besitzt, das ihm in der antiken Kunst fehlt. Sie kann den menschlichen Schmerz aufnehmen, ohne ihn einfach mit Schönheit zu überdecken. Sie verbindet Schönheit mit Leid, Erlösung und Hoffnung.

Die antiken Kunstwerke erscheinen ihm deshalb plötzlich nur noch als schöner Trümmerhaufen einer vergangenen Welt. Ihre Schönheit ist zwar groß, aber sie kann nach seiner neuen Erkenntnis nicht die eigentliche Grundlage des menschlichen Lebens ersetzen. Sie droht vielmehr, die Menschen von ihren eigenen geistlichen Wurzeln abzuschneiden.

Leonardo antwortet zunächst nicht. Er ist ebenfalls traurig, aber seine Trauer ist stiller und milder als die leidenschaftliche Empörung Michelangelos.

Doch kaum ist der letzte Klageruf verklungen, beginnt auch in Leonardos Seele bereits etwas Neues zu entstehen. In seiner gewaltigen Vorstellungskraft erscheinen neue, große Bilder.

Ein himmlisches Bild entzündet sich in seiner Brust wie ein plötzlich aufleuchtender Strahl. Er sieht innerlich die Szene, in der Jesus beim Abendmahl den Aposteln das Vermächtnis gibt: Sie sollen seiner gedenken. Die Erinnerung an Christus wird damit zum geistigen Gegenbild zu den stummen griechischen Götterbildern.

Auch Michelangelo selbst wird von einem neuen Bild überwältigt. Der leidenschaftliche und ungestüme Künstler bedeckt seine Augen mit der Hand. Er ist zugleich erschüttert und begeistert von dem Bild, das in seinem Inneren entsteht.

Aus seinem heftigen Schmerz heraus erscheint plötzlich, wie ein Sonnenstrahl, der durch dunkle Gewitterwolken bricht, die Vision der Kreuzabnahme Christi. Das Leiden, das ihn gerade noch bedrückt hat, verwandelt sich dadurch in eine christliche Kunstvorstellung: Der tote Christus wird vom Kreuz genommen, und gerade in diesem Bild des tiefsten Schmerzes eröffnet sich eine neue, geistliche Schönheit.

Michelangelo sieht in einem einzigen, von geistiger Eingebung erfüllten Augenblick vier Gestalten vor seinem inneren Auge. Die Vision ist so stark, dass er einen kühnen Entschluss fasst: Er will alle vier Figuren gemeinsam aus einem einzigen Stück Marmor heraus meißeln.

Während in Florenz Angst, Tod und sittlicher Verfall herrschen, gibt es nur einen Menschen, der sein Herz in klarer, unerschütterlicher Ruhe bewahren kann. Nur einer blickt dem Sterben ohne Furcht entgegen: Girolamo.

Der Prior ist trotz aller Anstrengungen noch nicht erschöpft. Bis spät in die Nacht wacht er allein in seiner Zelle. Seit dem frühen Morgen hat er sich um Kranke gekümmert, Menschen getröstet und die Toten bestattet.

Viele Bettler, die von allen anderen Menschen verlassen worden sind, begegnen Girolamo auf den Straßen. Während die Gesellschaft diese Armen meidet und von sich stößt, nimmt Girolamo sie barmherzig in sein Kloster auf und lässt sie dort versorgen.

Auch wenn einer dieser Bettler schließlich an der Pest sterben musste, hatte er doch vielleicht noch etwas Gutes erfahren: Girolamos freundliches Wort könnte das liebevollste Wort gewesen sein, das dieser arme, verbitterte und freudlose Mensch jemals in seinem Leben gehört hatte.

Nachdem die Seele des Bettlers diesen dunklen Ort des Leidens verlassen hatte, klang dieses liebevolle Wort des Priors in seinem Gedächtnis beziehungsweise in seiner letzten geistigen Erinnerung versöhnend nach. Der Sterbende nahm also nicht nur Krankheit und Elend mit sich, sondern auch die Erinnerung an Girolamos menschliche Güte.

Girolamo sitzt später bei einer kleinen Lampe in seiner Zelle. Dort denkt und arbeitet er weiter. Seine geistige Kraft scheint unerschöpflich zu sein, weil er aus einer inneren Quelle schöpft, aus der er immer wieder Mut und Stärke gewinnt.

Seinen Tag widmet er den Kranken. Er versteht seine Aufgabe gewissermaßen darin, ein Arzt für die gesamte Christenheit zu sein. Die Sorge um die kranken Menschen erfüllt seinen Tag; während der stillen Nacht widmet er sich einem noch größeren geistlichen Gedanken.

Girolamo beginnt nun mächtige Briefe zu schreiben. In ihnen beschreibt er eindringlich, leidenschaftlich und nach seiner Überzeugung wahrhaftig, wie tief der Abgrund geworden ist und wie groß die Gefahr für die Kirche ist.

Er schreibt an den Kaiser und erklärt ihm, dass Gott die Kirche erneuern wolle. Deshalb versucht Girolamo, den Kaiser dazu zu bewegen, seine Pflicht als christlicher Herrscher wahrzunehmen und die Kirche zu schützen.

Auch den König von Frankreich will er durch einen mutigen und freimütigen Brief aufrütteln. Er fragt sinngemäß, ob dieser Herrscher angesichts der Not der Kirche und ihres Hilferufs nicht erschüttert und zum Handeln bewegt werden müsse.

Den Königen von Spanien schreibt er ebenfalls und erinnert sie daran, dass Gott die Könige nicht ohne Grund auf Throne gesetzt habe. Auch den König von Ungarn und den König von England fordert er mit scharfen Worten auf, ihre christliche Verantwortung wahrzunehmen.

Girolamo fordert alle diese Herrscher auf, gemeinsam ein christliches Konzil einzuberufen. Bei diesem Konzil will er selbst erscheinen und für die Heiligkeit und Erneuerung der Kirche eintreten.

Dort will er seine Stimme erheben und das Oberhaupt der Kirche anklagen. Er will den Papst wegen seines sündhaften Lebens offen zur Rechenschaft ziehen und ihn als einen Sünder ansprechen, der selbst nicht wirklich an Gott glaube.

Besonders scharf richtet sich seine Anklage gegen den Borgia-Papst. Girolamo wirft ihm vor, die heilige Tiara durch Täuschung und für schnödes Geld erworben zu haben. Nun trage er diese päpstliche Krone, obwohl er nach Girolamos Darstellung wie ein Antichrist handle.

Nun wird Girolamo – hier als Savonarola bezeichnet – vom Papst offiziell verurteilt. Er wird als Ketzer, falscher Prophet, untreuer Hirte, Rebell und Aufwiegler des Volkes bezeichnet. Wegen dieser Vorwürfe spricht der Papst den Kirchenbann über ihn aus.

Während der Bann verkündet werden soll, erfüllt der Jubel seiner Gegner die Umgebung des Doms. Zur gleichen Zeit läuten die Totenglocken, und das päpstliche Schreiben über den Kirchenbann wird öffentlich vor dem Volk bekannt gemacht.

Ein Bischof erscheint im feierlichen Ornat und verkündet den schrecklichen Bannspruch. Vier Fackeln werden angezündet und anschließend unter einem Fluch ausgelöscht. Die symbolische Handlung soll zeigen, dass Girolamo aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen wird.

Der Bischof erklärt, der Papst habe Girolamo bereits dreimal nach Rom gerufen und ihm die Möglichkeit zur Begnadigung angeboten. Girolamo habe diese Aufforderungen jedoch nicht befolgt, sondern seinen angeblich frevelhaften Kampf sogar noch heftiger fortgesetzt.

Dann wird ihm gesagt, das Licht der Gnade solle für ihn erlöschen, so wie die Flamme dieser Kerzen ausgelöscht werde. Er solle nun allein weitergehen – verflucht und in geistlicher Finsternis.

Girolamo wird vorgeworfen, mit seinem frechen und lügnerischen Mund Irrlehren und Spaltung unter die Menschen gebracht zu haben. Deshalb stoße ihn die Kirche aus ihrer Gemeinschaft hinaus und überlasse ihn der geistlichen „Heidennacht“.

Sollte Girolamo trotz des Verbots noch einmal predigen, so werde jeder, der diese Predigt besuche, ebenfalls als vom Kirchenbann getroffen gelten. Wer ihm zuhört, werde also selbst als ausgeschlossen und verflucht betrachtet.

Dem Gebannten soll kein Segen mehr zuteilwerden. Die Sakramente sollen ihm verweigert werden, und wenn er sterbe, solle sein Leichnam nicht auf geweihter Erde bestattet werden.

Die vier Fackeln sind angezündet und anschließend unter dem Bannfluch gelöscht worden. Diese Handlung soll der Welt verkünden, dass die kirchliche Gemeinschaft gleichsam zusammengebrochen oder in Gefahr sei.

Doch der Dichter deutet das Symbol sofort gegen diejenigen, die den Bann ausgesprochen haben. Die vier ausgelöschten Lichter erinnern an die vier Evangelisten. Die kirchlichen Richter zeigen dadurch paradoxerweise selbst, wie sie versuchen, etwas auszulöschen, was Gott selbst entzündet hat.

Aber die vier Evangelien lassen sich nicht auslöschen. Sie brennen nach dieser poetischen Deutung unauslöschlich weiter, weil der Atem Gottes sie entzündet hat. Ihr Licht soll durch die tiefste Nacht der Sünde hindurch bis zum Paradies leuchten.

Der Priester schweigt nach dem Bannspruch. Auch das Volk ist von dumpfem Schrecken ergriffen und verstummt. Die Glocke klingt weiter durch den Dom, während der Rauch der ausgelöschten Fackeln noch langsam durch den Raum zieht.

Gerade an diesem Ort ist nun der Fluch ausgesprochen worden, an dem Girolamo seit Jahren seine Segensworte gesprochen hatte. Von hier aus hatte er die Seelen der Menschen im Gebet zu Gott geführt. Der Gegensatz zwischen seinem früheren Wirken und dem jetzigen Bann wird dadurch besonders scharf.

Nun stellt sich die entscheidende Frage: Wird Girolamo sich dem Kirchenbann beugen? Wird er, weil er von der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen worden ist, seine Verkündigung einstellen und das Wort des Heils verschweigen?

Der Bischof verlässt den Dom. Eine lange Reihe von Geistlichen folgt ihm. Diese Kleriker sind Girolamo gegenüber feindselig eingestellt und hassen den Gebannten. Gleichzeitig strömt das aufgebrachte Volk lärmend herbei.

Die Gegner Girolamos jubeln über seine Exkommunikation und verbreiten den Bann mit großem Eifer von Mund zu Mund. Seine Freunde dagegen lassen sich weder vom Papst noch vom Bann beeindrucken. Sie treten weiterhin für den Mann ein, den sie lieben und verehren.

Kaum hat sich die Gewalt der Pest etwas abgeschwächt und sind die schlimmsten Wunden der Todeszeit ein wenig verheilt, kehrt auch der alte sittliche Verfall zurück. Die Menschen, die gerade erst vom Tod erschüttert worden waren, beginnen wieder zu ihrem früheren ausschweifenden Leben zurückzukehren.

Auf den Straßen erklingen wieder Lieder und Musik. Die Menschen singen miteinander um die Wette. Manche Lieder sind Spottlieder, andere Sonette, die sich über Girolamo und seine strenge Sittenpredigt lustig machen.

Das Laster scheint nun sogar durch das Verhalten des Papstes gesellschaftlich aufgewertet worden zu sein. Weil der Papst den Mönch, der das Laster am schärfsten angeprangert hatte, so hart bestraft hat, fühlen sich die Menschen in ihrem sündhaften Verhalten offenbar bestätigt.

Gerade zum Trotz gegenüber dem strengen Sittenprediger beginnt man wieder zu spielen, zu trinken und sich sexuellen Ausschweifungen hinzugeben. Die ohnehin dreisten jungen Männer werden noch frecher und häufen bewusst Schuld auf Schuld. So scheint die Stadt nach der kurzen Erschütterung durch die Pest wieder in jenes moralische Leben zurückzufallen, das Girolamo zuvor so leidenschaftlich bekämpft hatte.

Nachts versammeln sich aufgebrachte junge Männer vor dem Kloster San Marco und halten dort lärmend Wache. Sie werfen mit großer Gewalt Steine in die Zellen der Mönche und beschimpfen sie mit Flüchen und Schmähungen.

Überall, wo sich ein Freund Savonarolas in der Öffentlichkeit zeigt, wird er verspottet und verhöhnt. Die Gegner versuchen, die Anhänger des Predigers einzuschüchtern und lächerlich zu machen. Doch trotz dieser Feindseligkeit bleiben seine Freunde ihm treu.

Die Freunde können Savonarolas Worte nicht vergessen. Im Gegenteil: Gerade die Verfolgung bewirkt, dass sie seine Predigten noch tiefer in ihre Herzen aufnehmen. Seine Worte werden für sie zu einem kostbaren Schatz, den sie als das Beste und Wertvollste ihres Lebens bewahren.

Besonders Domenico, der treueste Freund Girolamos, wird von Spott und Verleumdungen angegriffen. Aber er lässt sich davon nicht einschüchtern. Er ist bereit, das gleiche Schicksal wie sein Freund zu tragen und öffentlich zu ihm zu stehen.

Domenico stellt sich den wütenden Gegnern entgegen und ruft es offen auf den Straßen aus: Der Fluch der Bösen kann sich am Ende als Segen Gottes erweisen. Die Nacht geht bereits zu Ende, und der Morgen beginnt zu grauen.

Domenico vergleicht die gegenwärtige Finsternis mit einem schwarzen und dichten Nebel. Auch wenn die „römische Nacht“ sich über die Welt gelegt hat und ihre Gegner versuchen, das Licht zu bannen, kann die Dunkelheit den kommenden Tag nicht verhindern. Die Nacht muss vor dem Tageslicht weichen, und ihr Bann bleibt vergeblich.

Domenico erklärt weiter, dass Savonarolas eindringliche Mahnungen und das ständige Ringen seines Herzens um die Erneuerung der Kirche wahr seien. Die Kirche müsse sich erneuern – und gerade deshalb betrachtet Domenico Girolamo als einen Propheten, der diese notwendige Erneuerung ankündigt.

Domenico verkündet seine Überzeugung nicht nur auf der Straße, sondern auch von der Kanzel. Entschlossen erklärt er, dass er seinen Freund bis zu seinem letzten Atemzug nicht verlassen werde.

Er fordert das Volk auf, sich nicht von den Machenschaften und dem Zorn der Gegner einschüchtern zu lassen. Niemand solle sich von dem Kirchenbann so verängstigen lassen, dass er Savonarola nicht mehr zuhört. Wenn Girolamo spricht, sollen die Menschen auf seine Worte achten und sich nicht durch die Drohungen seiner Feinde davon abhalten lassen.

Domenico erklärt, dass der Glaube der höchste Segen sei. Selbst wenn ein Mensch wegen des Kirchenbanns kein geweihtes Begräbnis erhält, sei es besser, seinen müden Leib in ein ungeweihtes Grab zu legen, als dass seine Seele geistlich zugrunde gehe. Der äußere kirchliche Status ist für ihn weniger wichtig als die Bewahrung des Glaubens.

Trotz dieser Zuversicht beginnt bei manchen Christen die Hoffnung zu schwanken. Der schreckliche Bann hat nun denjenigen getroffen, den sie für Italiens reinsten und edelsten Mann halten. Die Nachricht vom Bann verbreitet sich überall, durch die Täler und über die Berge.

Viele fragen sich nun verzweifelt, wer ihnen künftig die Wahrheit verkünden soll. Wer wird so mutig wie Savonarola gegen das Böse kämpfen? Wer wird siegen? Wer wird ihre Herzen gegen den Teufel verteidigen, wenn ihr großer geistlicher Held nun selbst gefangen oder zum Schweigen gebracht wird?

So hört man viele Christen klagen. Durch das Land zieht sich wie eine dunkle Wolke eine bedrückende Mutlosigkeit. Die Nachricht vom Bann verbreitet Verzagtheit und Angst, wohin sie auch gelangt.

Auch Menschen, die weit von Florenz entfernt leben, bedauern nun doppelt, dass sie früher versäumt haben, Savonarolas Worte zu hören. Jetzt fragen sie sich, ob sie seine Stimme vielleicht nie wieder hören werden.

Deshalb ziehen Scharen von Menschen nach Florenz. Sie wollen Savonarola wenigstens noch einmal sehen. Vielleicht, so hoffen sie, können sie ihn noch rechtzeitig erreichen und von ihm einen letzten Abschiedsgruß erhalten, falls sein Leben bald gewaltsam beendet werden sollte.

Doch diese Angst ist noch verfrüht. So weit ist es noch nicht gekommen, dass Savonarola in Ketten gelegt wurde. Er ist noch frei und setzt seinen großen geistlichen Kampf fort.

Der Lärm des Kirchenbanns hält ihn nicht von seinem Weg ab. Er geht unbeirrt weiter auf seinen Wegen, die er als Wege Gottes betrachtet. So wenig, wie das Zirpen der Zikaden den Schritt eines Helden aufhält, lässt er sich durch die Drohungen und Geräusche seiner Gegner stören.

Die Grillen und Zikaden erinnern den Menschen gleichsam daran, dass auch der Held bald vom Rasen des Grabes bedeckt sein kann. Aber Girolamo empfindet den Gedanken an den Tod nicht nur als Schrecken. Der Tod wird für ihn zu einer süßen Ahnung des Kommenden. Deshalb geht er ohne Furcht weiter.

Girolamo kämpft weiterhin treu für die Sache Gottes und führt den geistlichen Streit unbeirrt fort. Seine Kanzelrede wird nun zu einer unmittelbaren Antwort auf den Kirchenbann.

Girolamo erklärt, dass die Prälaten allein keineswegs die Kirche bilden und auch nicht den größten oder wichtigsten Teil der Kirche darstellen. Die Kirche muss vielmehr aus allen Gläubigen bestehen, in denen der Glaube und der Heilige Geist lebendig sind.

Christus, der am Kreuz gestorben ist, ist nach Girolamos Worten der einzige eigentliche Mittler zwischen Gott und den Menschen. Der Klerus soll den Menschen auf dem Weg zum Frieden mit Gott führen und ihnen den Weg zeigen, aber er selbst ist nicht der Mittler an Christi Stelle.

Das Evangelium ist für Girolamo das eigentliche Leben der Kirche. An ihm allein soll sich entscheiden, was gültig ist. Das Evangelium soll im Streit darüber, was wirklich Kirche Christi ist, der maßgebliche Maßstab und das endgültige Urteil sein.

Girolamo bezeichnet diesen Glauben an das Evangelium als die bleibende Wurzel. Sie ist unerschütterlich und treibt unaufhörlich neues Leben hervor. Wie bei einem Baum der Saft von der Wurzel durch die Äste weitergegeben wird, so soll die lebendige Überlieferung aus der ursprünglichen Glaubenswurzel hervorgehen.

Er vergleicht die Kirche mit einer Eiche. Ihr grünes Leben kommt zwar aus ihrer Wurzel, aber auch sie kann nicht ohne Himmel, Gnade, Tau und Sonnenschein bestehen. Das göttliche Leben muss von oben her erhalten werden.

Was jedoch nicht wirklich aus dieser Wurzel hervorgegangen ist, hält Girolamo für falsch, selbst wenn es sich selbst als heilig bezeichnet. Ein Mensch mit klarem Blick könne erkennen, was zur Eiche gehört und was nur fremd auf ihr wächst. Deshalb verwendet er das Bild der Mistel: Sie sitzt auf der Eiche, ist aber nicht Teil ihrer eigentlichen Wurzel und ihres natürlichen Wachstums.

Der Baum des Glaubens, der Leben schenkt, ist für Girolamo von Gottes Sohn selbst gepflanzt worden. Die Mistel dagegen, die sich wuchernd an die Eiche heftet, steht für ihn für eine falsche oder verfälschte Tradition, die zwar den Anschein des Heiligen trägt, aber nicht aus der eigentlichen Glaubenswurzel stammt.

Im grünen Laub der Eiche können die Vögel singen, und Girolamo verbindet damit das Bild der Seelen, die im wahren Glauben glücklich und geborgen leben. Die Beeren der Mistel dagegen werden zum Bild einer gefährlichen Falle: Wie Vogelleim halten sie die Seelen fest und führen sie dem Teufel zu.

Girolamo erklärt, seine Gegner würden einen vergeblichen Kampf gegen Gott führen. Selbst wenn der Tod ihn bald verschlingen sollte, werde am Ende die starke Hand Gottes siegen. Gott selbst habe ihn gleichsam als Werkzeug oder Hammer in seiner Hand, durch den er sein Werk vollbringt.

Dann greift Girolamo die gegenwärtige Gestalt der Kirche noch schärfer an. Er bezeichnet sie als ein jämmerliches Truggebäude, das zwar den Namen „Kirche Christi“ trägt, aber nicht vom Heiligen Geist errichtet worden sei. Es sei vielmehr ein Bauwerk, das menschliche Frechheit und irdische Begierde aufgetürmt hätten.

Girolamo kündigt deshalb an, dass die Hand des Herrn dieses falsche Gebäude niederreißen werde. Alles, was seine Gegner aufgebaut hätten, werde zerbrechen und sich zerstreuen. Er ist davon überzeugt, dass die Klage von Millionen menschlicher Herzen und die Liebe Gottes zu den Menschen dafür bürgen, dass dieses Gericht kommen werde.

Nun wechselt die Handlung nach Rom. Der Papst ist an diesem Tag missmutig und düster. Mariano versucht vergeblich, seine schlechte Stimmung durch schmeichelnde Worte zu vertreiben. Jedes Wort, das Mariano spricht, ist voller Unterwürfigkeit und schmeichelt dem Papst, ohne ihn wirklich aufzuheitern.

Der Papst hatte lange geschwiegen und den Ärger über Savonarola in sich hineingefressen. Nun aber bricht sein Zorn endlich hervor. Das lange Schweigen kann seine Wut nicht länger zurückhalten.

Der Papst empört sich darüber, dass Girolamo sich seinem Willen nicht beugt. Er nennt ihn einen zutiefst treulosen Sohn

der Kirche. Savonarola wage es weiterhin, prophetische Behauptungen aufzustellen und offen zur Rebellion zu predigen.

Dann zeigt der Papst Mariano einen Brief, den er mit größter Empörung betrachtet. Er bezeichnet Savonarola darin als ein Ungeheuer und behauptet, der Teufel selbst habe ihm die Worte in das Herz eingegeben. Zugleich erkennt er an, dass der Brief außerordentlich kraftvoll geschrieben und von leidenschaftlicher rhetorischer Energie erfüllt ist. Savonarola hat diesen Brief an den Kaiser gerichtet.

Der Papst erzählt, wie er an diesen Brief gelangt ist. Sein „braver Fuchs im Hermelin“, womit er einen Mann von hoher Stellung und im geistlichen oder höfischen Gewand meint, hat den Brief abgefangen. Gemeint ist Sforza. Dieser hat das Schreiben an sich genommen und ist damit eilends zum Papst gekommen, um ihm damit einen Dienst zu erweisen.

Während Savonarola verhört wird, schreibt ein Notar seine Aussagen gewissenhaft auf. Doch versteckt sitzt noch ein zweiter Schreiber im Hintergrund, der seine Worte heimlich verfälscht.


Dieser Fälscher versteht es geschickt, Aussagen umzustellen, zu kürzen oder zu erweitern. Dadurch entsteht der Eindruck, Savonarola habe sich selbst als Ketzer und Aufrührer schuldig bekannt.


Als das Verhör beendet ist, in dem Savonarola seinen Überzeugungen treu geblieben war, und der offizielle Notar die letzten Zeilen niederschreibt, geschieht etwas Entscheidendes.


Aus seinem Versteck tritt Ceccone hervor. Er trägt die Schriftstücke verborgen bei sich und verfolgt die Absicht, Savonarola zu schaden.


Ein Gerichtsbeamter kommt auf ihn zu und reicht ihm die Prozessakten mit der Bemerkung, dies seien die Geständnisse des Angeklagten.


Ceccone gibt vor, den Fall zu bedauern und den Richtern Glück zu wünschen. Doch die echten Protokolle behält er zurück und liefert stattdessen die gefälschten Dokumente aus.


Savonarola wird rasch zurück ins Gefängnis gebracht. Währenddessen begutachten die Richter neugierig die gefälschten Akten.


Sie sind begeistert von dem Inhalt. Sofort fertigt ein Schreiber Abschriften an, und eilende Boten bringen die Dokumente nach Rom zum Papst.


Das Volk lauscht begierig. Ceccone tritt auf und liest seine Fälschung mit lauter Stimme und großer Dreistigkeit öffentlich vor.


Der aufgebrachte Pöbel ruft daraufhin, man solle Savonarola herbringen, damit man ihn in Stücke reißen könne. Seine Freunde hören dies mit stillem Schmerz und Misstrauen.


Ceccone behauptet frech, Savonarola wage es nicht, vor die Menge zu treten.


Er erklärt weiter, der Prophet habe erfahren, dass das Volk ihn steinigen und zerreißen würde.


Dann versichert er der Menge, sie solle zufrieden sein. Das Gericht werde den Ketzer und Aufrührer bald öffentlich bestrafen.


Daraufhin zerstreut sich die Menge allmählich. Die Richter atmen erleichtert auf, während Savonarolas Freunde von Hoffnungslosigkeit erfüllt werden.


Noch vor Tagesanbruch herrscht auf dem Marktplatz geschäftiges Treiben. Überall wird gesägt, gehämmert und gezimmert.


Doch diesmal werden keine Marktstände errichtet, wie sonst an diesem Ort, wo Waren angeboten werden.


Die Frühlingssonne beleuchtet stattdessen ein Bauwerk des Todes. Es werden drei Tribünen und ein Schafott aufgebaut.


Sogar Savonarolas Anhänger werden gezwungen, unter Spott und Hohn ihrer Feinde am Aufbau des Richtplatzes mitzuarbeiten.


Der Bischof von Vasona betritt die erste Tribüne, begleitet von seinen Geistlichen. Er soll den Auftrag des Papstes ausführen.


Bevor die Verurteilten dem weltlichen Gericht übergeben werden, soll er ihnen ihre Stellung als Geistliche aberkennen. Feierlich spricht er das Urteil.


Er erklärt im Namen der Dreifaltigkeit und kraft der Autorität des Papsttums, dass Girolamo bestraft werde.


Savonarola werde aller geistlichen Gewänder, Weihen, Rechte und Privilegien beraubt, die mit dem Priesteramt verbunden seien.


Die Kirche stoße ihn aus ihrer Gemeinschaft aus, weil er ihr nach Ansicht seiner Gegner Schande bereitet und sie verraten habe. Deshalb überlasse sie ihn nun dem Henker.


Nun beginnt die Zeremonie der Entkleidung. Die Kirche nimmt symbolisch alles zurück, was sie ihm einst verliehen hat.


Stufe um Stufe werden ihm Gewänder und Zeichen seines geistlichen Amtes abgenommen.


Ein Mönch ruft klagend „Wehe, Prophet!“, während man Savonarola das Brevier, das Messgewand, die Stola, die Alba und das Skapulier wegnimmt.


Savonarola erträgt diese öffentliche Demütigung mit großer Ruhe. Sein Blick richtet sich gelassen und vertrauensvoll zum Himmel.


Zuletzt wird ihm auch das Ordensgewand genommen, das er einst als Novize erhalten hatte. Dabei färbt sich sein Gesicht vor Scham leicht rot.


Der Bischof verkündet, die Kirche Christi stoße ihn aus. Sowohl die kämpfende Kirche auf Erden als auch die triumphierende Kirche im Himmel seien von ihm getrennt.


Savonarola widerspricht. Er erklärt, dass man ihn zwar aus der irdischen Kirche ausschließen könne, nicht aber aus der ewigen, siegreichen Gemeinschaft Gottes.


Wie Savonarola die Schmach tapfer erträgt, so tut es auch sein treuer Gefährte Domenico.


Auch Domenico steht nun nur noch in einfacher Kleidung da, seiner Würden beraubt und öffentlich verhöhnt.


Anschließend werden beide rasch zur zweiten Tribüne geführt.


Dort verkünden die päpstlichen Beauftragten, dass der Papst beide wegen ihrer angeblichen Irrlehren als Ketzer verurteilt habe.


Gleichzeitig erklären sie jedoch, die Barmherzigkeit des Papstes wolle ihnen einen längeren Aufenthalt im Fegefeuer ersparen.


Ihr Tod im Feuer werde ihnen stattdessen als vorweggenommenes Fegefeuer angerechnet und ihre Seelen reinigen.


Mit der dritten Tribüne endet die Zeremonie. Dort wird ihnen, angeblich gestützt auf ihre Geständnisse, das Todesurteil der Signorie verkündet.


Auch Domenico nimmt nun sein Todesurteil ergeben an. Kraft und Trost findet er dabei im Anblick Savonarolas.


Savonarolas Gesicht auf dem Weg zum Tod zeigt nicht das eines Schuldigen, der angesichts des nahen Endes von Angst überwältigt wird und zusammenbricht.


Ebenso wenig ist es das Gesicht eines fanatischen Eiferers, der voller Trotz und Hass selbst in den letzten Augenblicken noch Flüche und wilde Leidenschaft ausstrahlt.


Vielmehr liegt auf seinem Gesicht tiefer Frieden. Sein Schweigen gleicht einem glücklichen Gebet. Es ist, als lausche er bereits einem Lied aus seiner himmlischen Heimat, das ihm Trost spendet.


Seine Augen leuchten hell, und seine Wangen wirken beinahe wieder frisch und lebendig. Es scheint, als würde ihn bereits ein himmlischer Willkommensgruß bescheinen.


Als er zum Schafott schreitet und viele seiner Freunde ihm unter Tränen die Arme entgegenstrecken, richtet er noch ein letztes Wort an sie.


Er fordert sie auf, mutig zu bleiben. Wenn sein Körper verbrannt und seine Asche vom Wind verweht werde, sollten sie daran denken, dass diese Asche nur den Blüten des göttlichen Frühlings gleiche.


Da drängt sich ein alter Mann durch die Menge. Er kann den Blick nicht von Savonarolas außergewöhnlicher Gestalt abwenden.


Es ist Tubal, ein Mann, der bislang als heftiger Feind des Christentums beschrieben wird. Während er auf Savonarola blickt, laufen ihm die Tränen über das Gesicht.


Als der Verurteilte freudig und furchtlos seinem Tod entgegengeht und ihn mit einem freundlichen Blick ansieht, geschieht etwas in Tubal.


Der Jude fühlt sich innerlich überwunden. Savonarolas Blick dringt tief in sein verhärtetes Herz ein und weckt dort Liebe und Mitgefühl.


Der alte Mann erlebt eine geistige Wandlung. Seine innere Zerrissenheit wird geheilt. Durch Savonarola glaubt er Christus selbst zu begegnen.


Er ruft aus, dass er Savonarola glaube und überzeugt sei, dass Gott mit ihm sei. Niemand könne so ruhig und glücklich in den Tod gehen, außer jemand, der für den Messias sterbe.


Tubal versucht, zu Savonarola zu gelangen, doch die Menschenmenge hält ihn zurück. Trotzdem ruft er laut seinen Namen und preist ihn.


Verzweifelt bittet er die Menschen, ihn durchzulassen. Er möchte noch vor Savonarolas Tod von ihm getauft werden.


Selbst wenn man Wasser verweigere oder Savonarola keine Gelegenheit mehr gebe zu handeln, wünsche er wenigstens, dass seine eigenen Tränen als Taufe dienen und Savonarola ihn segne.


Savonarola hört diese Bitte. Feierlich antwortet er, dass er ihn in seinen Tränen taufe und ihn mit dem Zeichen des Kreuzes segne.


Nun besteigen die beiden Verurteilten das Schafott. Domenico schweigt entschlossen, während Savonarola auf der Leiter laut das christliche Glaubensbekenntnis spricht.


Oben angekommen beendet Savonarola das Glaubensbekenntnis mit den Worten „Und das ewige Leben. Amen.“ Anschließend nickt er seinem Freund zum letzten Mal zu.


Die beiden stehen nun auf dem Scheiterhaufen, umringt von den Knechten des Henkers. Savonarola hebt noch einmal die rechte Hand und segnet das Volk.


Die Schergen bereiten geschäftig die Hinrichtung vor. Einige ketten die beiden an die Pfähle.


Andere streuen Schießpulver über das trockene Reisig und prüfen die Windrichtung, damit das Feuer möglichst schnell brennt.


Auf ein Signal hin werden die Scheiterhaufen entzündet. Der Wind fährt durch das Gerüst und facht die Flammen weiter an.


Der Dichter unterbricht nun die Erzählung und beklagt, dass niemand auf der Welt je wieder Savonarolas Gesicht sehen werde.


Nie wieder werde man die Liebe und das Gottvertrauen erkennen können, die aus seinen Augen strahlten.


Nie wieder werde man den Ausdruck von Leid in seinem Gesicht sehen, den selbst sein Lächeln nicht ganz verbergen konnte.


Auch seine hohe Stirn, auf der sich die Spuren seines rastlosen Denkens und seines Freiheitsstrebens eingeprägt hatten, werde verschwinden.


Ebenso vergeht die Harmonie seiner Persönlichkeit, die Reinheit seines Charakters und die geistige Schönheit, die sein Gesicht ausdrückte.


Auch seine religiöse Begeisterung und seine Sehnsucht, alle Menschen glücklich zu machen, werden mit ihm untergehen.


All dies wird vom Feuer vernichtet und zu Asche verbrannt. Die Flammen schlagen empor und verschlingen ihren Opferstoff.


Doch plötzlich trennt ein Windstoß Rauch und Feuer. Für einen Augenblick erscheint Savonarolas brennende rechte Hand, als wolle sie das Volk noch ein letztes Mal segnen.


Darauf folgt ein leidenschaftlicher Ausruf des Dichters an die Menschen. Er nennt sie töricht und fragt, was sie eigentlich getan hätten.


Er fragt, wer jemals zurückgeben könne, was durch diese Tat verloren gegangen sei.


Die Menschen hätten gerade denjenigen vernichtet, der ihr Freund gewesen sei und sich ihres Leids angenommen habe.


Mit Savonarola hätten sie das treueste Herz verloren, ohne zu begreifen, welchen geistigen Verlust sie dadurch erlitten.


Was nütze Sonnenschein und die Schönheit der Welt, wenn ein Mensch vergehe, der es so gut mit ihnen gemeint habe?


Wäre der Frühling selbst mit einem Herzen ausgestattet, so würde auch er über diesen Tod klagen, denn ein solcher Mensch sei unersetzlich.


Zwar könnten die Menschen weiterhin die Wälder genießen, ihre Früchte essen, dem Gesang der Vögel lauschen und sich an klaren Bächen erfrischen.


Doch in den Augen des Dichters haben sie symbolisch den schönsten Wald zerstört, der ihnen Schutz und Nahrung gegeben hatte.


Sie haben die reinste Quelle verschüttet und den herrlichsten Vogel vertrieben. Mit diesen Bildern beschreibt der Dichter den Verlust Savonarolas für die Menschheit.


Savonarolas Gesicht gleicht nicht dem eines schuldigen Menschen, der auf dem Weg zum Tod von Angst überwältigt wird und verzweifelt zusammenbricht.


Ebenso wenig zeigt es den trotzigen Fanatiker, der voller Hass und Leidenschaft selbst im Angesicht des Todes noch flucht und kämpft.


Sein Gesicht strahlt vielmehr tiefen Frieden aus. Sein Schweigen wirkt wie ein Gebet. Es ist, als lausche er bereits den Klängen seiner himmlischen Heimat.


Seine Augen leuchten hell, und seine Wangen gewinnen wieder Farbe.


Der Dichter deutet dies als Zeichen eines himmlischen Willkommens, das dem Leidenden entgegenstrahlt.


Allmählich erlöschen die Flammen des Scheiterhaufens. Das Feuer brennt aus, und die Henker sammeln die letzten Überreste zusammen.


Mit der Asche eilen sie zum Ufer des Arno.


Was nicht bereits vom Wind verweht worden ist, werfen sie in den Fluss.


Sie gönnen Savonarola nicht einmal ein Grab. Deshalb verstreuen sie seine Asche im Wasser.


Doch der Feuertod kann seine Botschaft nicht vernichten.


Savonarolas Worte leben weiter. Sie gehen aus Rauch und Flammen gestärkt hervor und verbreiten sich immer weiter.


Am Ende werden sie siegen.


Sein Kampf war nicht vergeblich.


Auch seine Leiden und sein Märtyrertod waren nicht umsonst.


Der Dichter ist überzeugt, dass die Menschheit niemals so gleichgültig und verdorben sein wird, dass ein göttlicher Geisteshauch spurlos an allen Herzen vorübergeht.


Die Wahrheit setzt sich letztlich durch.


Die Gegner geraten ins Wanken.


Der „Frühling Gottes“, also eine Zeit der Erneuerung, bricht an.


Der kranken und erschöpften Kirche weht neue, heilende Luft entgegen.


Die alten Lügen vergleicht der Dichter mit riesigen Schneelawinen.


Während eines langen Winters haben sich diese Massen von Täuschungen über die Berge angesammelt.


Dann aber treffen sie auf die Kraft des Frühlings.


Auch das Licht Gottes wirkt auf sie ein.


Dadurch verlieren die Lawinen ihre Schwere und Festigkeit.


Sie lösen sich langsam vom festen Felsgrund.


Dann genügt ein einziger Ruf, der die Luft erschüttert.


Sofort stürzen die Lawinen krachend in die Tiefe.


Das Bild bedeutet: Sobald die Wahrheit ausgesprochen wird, brechen die angesammelten Irrtümer zusammen.


Savonarolas Körper wird vernichtet, seine Ideen aber nicht. Seine Asche verschwindet im Fluss, doch sein Wort lebt fort und bewirkt langfristig eine Erneuerung der Kirche und der Menschen.


Seine Liebe wirkt über den Tod hinaus. Das zeigt die Figur des alten Tubal: Aus einem Christenhasser wird ein versöhnter Mensch. Damit erscheint Savonarolas eigentlicher Sieg nicht politisch, sondern geistig und menschlich. Seine letzte Bekehrung geschieht sogar noch nach seinem Tod.