VON TORSTEN SCHWANKE
I
Aus tiefem Schmerz ruft still ein Held,
vom Schatten streng umfangen.
Nach jener Frau, die ihm gefällt,
verlangt sein Herz voll Bangen.
O zartes Bild, so traumverhüllt,
hör doch mein leises Flehen!
Laß dich erwecken, sanft gestillt –
mein Lied, das dir die Sehnsucht füllt,
soll dich zur Liebe wehen.
Ein freier Wächter hört den Klang,
lag still auf hohen Zinnen.
Er fragt, wer hier im Dunkel sang,
wem Liebeswunsch beginne:
„O kühner Held, vertrau dich mir,
ich will dein Klag erlösen.
Begehrst du heiß die Maid von hier –
so bau getrost dein Hoffen mir,
ich werd sie dir erlesen.“
„Mein Glaube ruht auf deinem Wort,
du freier Freund im Schweigen.
Hier mein Gewand – nimm’s mit dir fort,
laß uns kein Unheil zeigen.
Schleich leis dahin in dieser Nacht,
daß keiner dich beschatte.
Die Diener haben leichte Wacht,
drum geh mit sanfter, stiller Macht,
daß keiner dich erhasche.“
„Wach auf, du süße Seelenfrau,
vernimm des Helden Klagen;
er harrt allein in grüner Au,
die Sehnsucht kaum zu tragen.
Nimm Mantel an, doch fürchte nicht,
dir soll kein Leid geschehen.
Hör nur, wie heiß sein Herze spricht,
wie tief ihn deine Liebe sticht,
du wirst dich selbst verstehen.“
Zum dritten Mal der Wächter ruft
und nennt die rechte Stunde;
er steigt hinab mit sicherem Schritt
zum Saal im stillen Bunde.
Er zeigt, daß er ein treuer Mann
ihr stets die Botschaft bringe.
„Ach Wächter, hör – nur tu, was kann
uns schützen vor dem harten Bann,
daß keiner Schläge schwinge.“
„O Wächter, hast mir Freud gebracht,
so wag es nun mit Mute.
Sag meinem Held die gute Macht,
ehren mich nicht die Leute.
Komm heimlich mit, schau still und klar,
ob einer uns will fangen.
Steh bei mir treu, sei mir so nah –
mein Hoffen setzt sich ganz auf dich,
laß uns der Nacht gelangen.“
Die Frau empfängt den Helden sacht,
mit Kuss an warmen Lippen;
in tiefer Lust, bei weicher Nacht
läßt sie den Schleier kippen.
Der Wächter spricht: „Nun ruht in Ruh,
laßt eure Herzen klingen;
ich melde euch den Tag im Nu,
fürwahr, ich halte treu euch zu,
will keine Falschheit bringen.“
Sie lagen lang in süßer Glut,
die Liebe wuchs in Schweigen.
Er streicht ihr Brust in zarter Flut:
„Komm, Lieb, laß dich mir neigen.“
Doch fürchtend sprach sie leis und bang:
„Wenn bald die Hörner schallen –
o Herz, wie wird mir angst und lang,
wenn ich von deinem Arm verlang,
muß Abschied auf mich fallen.“
Der Wächter schaut zum Firmament,
der Osten färbt die Lüfte;
ein frischer Wind den Morgen nennt
und trägt die frühen Düfte.
Der Hahn ruft laut im Wiesental,
die Hunde jagen Schritte;
die Nachtigall im grünen Aal
singt sanft ein letztes Liebesmal:
„Es tagt – o süße Mitte.“
Sie küsst ihn zart zum letzten Mal,
muß ihre Wege trennen:
„Mein Lieb, dein Wort sei mir die Zahl –
in Schwarz will ich mich kleiden.
Schwarz hält das Herz im heißen Leid
und steht dem Treuen eben.
Gott segne dich, mein Seelenweit;
ich fahr in dunkle Einsamkeit,
in Grau will ich nun leben.“
II
Die Morgensterne steigen, Licht entfaltet sich im Blau,
und leise singen Vögel schon vom Kuss des jungen Morgengrau.
Aus Tälern steigt die Freude, über Hügel trägt der Schall,
die Nachtigall erhebt ihr Lied, ein süßes Locken überall.
Vom Turm her ruft der Wächter sanft mit wachgeküsstem Mut:
„Erwache, Hell! Es drängt die Zeit, die Liebe brennt in deinem Blut!“
Er mahnt die junge Maid im Schein der frühen Sonnenkraft,
bewahrt ihr Ehre — doch der Held sehnt sich nach ihrer Leidenschaft.
Die Nachtigall wird müde, schweigt und faltet ihr Gefieder ein.
Die Maid, noch halb im Traum, sieht schon den Tag im Fensterlein.
„Erwach, mein Herz! Wir sind in Not,“ flüstert sie, angstbenetzt und lind,
„eh Vater, Mutter uns entdeck’n — und wir verloren Liebende sind.“
„Nun schweig, mein Lieb, vergiss die Furcht, lass Traurigkeit verwehn;
ich schwing mich über jede Wand, kein Stein kann mich dir widerstehn.
Du nimmst mir Sinn und Atem fort, mein Mut wird ganz von dir gewiegt;
so Gott es will, kehr ich zu dir, wenn Nacht erneut die Welt besiegt.“
Die Maid steht still auf hohem Stein, ihr Herz in Sehnsucht ganz versunken;
sie fragt, wie sie den Liebsten wohl vor Blicken sicher fortgeschmungen.
Ein weißes Tuch, so rein wie Schnee, hebt sie in zitternder Hand empor,
damit er sanft am Stoff entlang hinüberschwebt zum äußeren Tor.
„Nun geh, mein Herz, und sei behüt’, der Himmel möge dich bewahren!
Du machst mich müd vor süßer Glut, vor heimlich glühenden Gefahren;
mein junges Herz, das eben noch vor Freude schlug, ist bang erwacht —
so trenn ich mich von dir und sag dir tausendmal: gute Nacht.“
Wer dieses Lied uns neu gesungen, zwei junge Händler taten’s sacht;
sie haben’s gut und klug erdacht —
und wünschen jeder jungen Maid viel tausendmal: gute Nacht.
III
Der Mond, so hell und silberklar,
Schwebt überm Fenster still.
Dort sitzt ein Liebespaar ganz nah –
Die Nacht verweilt, so lang sie will.
Der Wächter hoch auf Zinnenstein
Erhebt ein Lied so sacht:
„Zum Herrn sollst du nun eilig sein,
Mach kurz ihm deine Nacht.“
„Zu deinem Herrn, dort geh ich nicht,
Er ist mir nicht mehr hold;
Zu lange schlief ich im Gesicht
Der Jungfrau stolz und gold.“
„Hast du zu lange dort geruht
Bei seiner stolzen Maid,
So hängt man dich bei Tagesblut –
Der Galgen längst bereit.“
„Warum denn soll ich hängen schon?
Ich stahl kein Gold, kein Trieb;
Nur eines trug mich stets davon:
Mein Herz liebt, was die Fräulein liebt.“
IV
Wach auf, mein Herz, du Schöne,
zart-liebste Seele mein.
Schon klingt im Wald ein Töne
von kleinen Vögelein.
Sie singen süß und leise,
als bräch im Ostens Morgenschein
durch Gold die Himmelsreise.
Ich hör den Hahn laut krähen,
der Tag rückt näher sacht.
Die kühlen Lüfte wehen,
die Sterne fliehn der Nacht.
O Nachtigall, du reine,
sing uns die zarte Melodei,
verkünd den Tag mit Scheine.
Der Himmel hebt die Farben:
Aus Weiß wird mildes Blau.
Die Nacht beginnt zu darben,
die Wolken werden grau.
Die Morgenröte naht im Schleichen:
Wach auf, mein Lieb, mach Herz und Wege frei —
die dunklen Stunden weichen.
Ich wollt dir Boten senden,
der meine Sehnsucht wirbt;
doch könnt er sich abwenden,
daß unsre Liebe stirbt.
Drum komm zu mir alleine,
o Lieb, sei unerschrocken nah —
in Treue nenn ich deine.
Ich darf kaum Menschen trauen,
Herzlieb, in dieser Frist;
zu viele, die nur schauen,
was nicht ihr eigen ist.
Sie gönnen keinem Freuden,
ihr Neid ist wie ein schwarzer Mist —
doch will ich mich nicht scheiden.
Du hast mein Herz gefangen
mit innig heißer Glut;
so oft bin ich gegangen
in Sehnsucht ohne Mut.
Darf ich dich endlich sehen,
so wird mein Herz in süßer Flut —
die Wahrheit kann ich’s jehen.
Mein Herz erleidet Schmerzen
und bitterschwere Pein;
wo zwei verliebte Herzen
doch nicht beisammen sein.
Keins will das andre meiden —
und dennoch stehen wir allein.
Die Wahrheit muß ich leiden.
Gesegnet sei die Stunde,
da du geboren bist!
Gott grüß mir deinen Munde,
den keiner je vergisst.
Kein Lieb soll mir mehr werden —
o Herz, verlaß mich nicht, o Frist!
Du bist mein Trost auf Erden.
So merk auf mein Gesinge,
es ist kein Scherz dabei;
der Neider kalte Zunge
bringt allzu oft Entlei.
Er will uns beide schneiden.
Gott geb dir tausend Nächte treu —
nun muß ich von dir scheiden.
V
Wach auf, du meine Schöne,
Herzallerliebste mein.
Schon klingt ein süßes Töne
von kleinen Vögelein.
Ihr Lied beginnt zu klingen,
als wollte schon des Tages Schein
vom Ost her zu uns dringen.
Ich höre Hahnen krähen,
und fühl den Morgen nah.
Die kühlen Lüfte wehen,
der Himmel steht noch klar.
Und aus der Nachtens Halle
erklingt erneut ihr sanfter Klang—
Frau Nachtigallens Schalle.
Der Himmel hebt die Schleier,
wird weiß und dann zu Blau.
Die Wolken, Nachtgetreuer,
verwandeln sich in Grau.
Die Morgenröt will schleichen,
wach auf, mein Lieb, befreie mich—
die Nacht beginnt zu weichen.
VI
Ich stand im frühen Morgen
verborgen, ganz allein,
an abgestillten Sorgen,
da drang ein Flüstern ein:
Ein Mädchen, zart wie Blütenschein,
stand bebend vor dem Jungen—
es müsse Abschied sein.
„Herzlieb, ich hab vernommen,
du willst bald fort von hier.
Wann wirst du wiederkommen?
Das sag, ich bitt, zu mir.“
Er sprach: „Du fragst nach meiner Zeit—
nur Wolken ziehn darüber,
ich weiß nicht Tag noch Weite.“
Das Mädchen weinte leise,
ihr Herz war schwer und wund:
„Sag mir, auf welche Weise
ich halten soll den Bund.
Für dich setz ich mein Leben ein—
wärst du nur hier geblieben,
ich gäb mich Jahr und Stein.“
Der Knabe, sanft im Tone,
sprach: „Lieb, ich fühle dich.
Doch schwindet schnell dein Lohne,
ein Jahr verginge mich.
Dann würd es dennoch Ende sein—
drum bitt ich dich von Herzen:
Stimm in mein Schweigen ein.“
Da rief sie laut: „O Schmerzen!
O Mord an meinem Glück!
Wie kannst du mir das Herze
zerreißen Stück für Stück?
Für dich geb ich mein Gut, mein Ehr,
und müsst ich mit dir wandern,
wär jeder Schritt nicht schwer.“
Der Knab sprach still, in Güte:
„Mein Schatz, bei allem Gut,
ergib dich nicht dem Blute
von überschäumtem Mut.
Denk an die Freunde, die dich tragen,
die in der Nähe bleiben
und treu zur Seite sagen.“
Dann wandte er sich schweigend,
ließ sie im Dämmer stehn.
Sie schmückte sich, verzweifelnd,
zog sich ins Dunkel sehn.
Und weinte, bis der Atem brach—
so sang ein alter Schreiber,
wie Lieb zum Ende sprach.
VII
Der Wächter auf dem Türmlein saß,
ins Horn blies er die frühen Töne.
„Wer noch bei seinem Liebling liegt,
steh auf, die Nacht ist längst verfliegt,
der Tag wirft schon die Krone
aus Sonne.“
Das Mädchen fuhr aus Federn auf,
den jungen Morgen zu begrüßen.
„Bleib liegen doch, mein Herz aus Gold,
es ist noch lange nicht so hell, wie’s tönt und schellt —
der Wächter hat gelogen,
betrogen.“
Zum Brunnen ging das Mädchen dann,
um kühles Wasser sich zu schöpfen.
Da traf sie ihn, den süßen Knab,
der nachts in ihrem Arme lag,
und flüsterte ihr leise:
„Guten Morgen… ganz im Geheimen.“
„Guten Morgen, guten Morgen, mein
tausendfach geliebter Schatz.
Wie hast du heut die Nacht verbracht?“
„In deinem Arm, so sacht und sacht,
hab ich mein Herz verloren —
verloren.“
„Wenn du dein Ehr verschlafen hast,
so soll dich’s nicht bekümmern.
Denn ich bin ja der gleiche Knab,
der Gut und Geld zu geben hat,
ich werd dir deine Ehre
bezahlen — reichlich.“
„Meine Ehr, o meine Ehr,
die kannst du niemals lösen.
Wenn Feuer eng bei Feuer ruht
und selbst ein Schnee dazwischen tut,
dann muss es trotzdem brennen —
ja brennen.“
„Meine Ehr, o meine Ehr,
die kannst du mir nicht kaufen.
Wenn Feuer, Schwefel beieinander glühn
und selbst noch Pech dazwischen zieht,
dann wird’s am Ende brennen —
tief brennen.“
VIII
Soll nicht der Mond noch heller glühen,
die Sonne zögernd später gehn,
so will ich dennoch heut’ dich suchen,
wie ich’s in jeder Nacht gesehn.
Kaum trat ich auf die stille Straße,
da hob mein Lied sich sanft und klar;
es schwang sich hoch aus meiner Kehle,
bis du am Fenster sichtbar warst.
„Steh still, mein Lieb, halt an den Atem,
rühr dich nicht, mach keinen Ton;
sonst weckst du Vater, weckst die Mutter –
und dann ist’s aus mit uns zwei schon.“
Was frag ich nach Vater, frag nach Mutter?
Vor deinem Fenster muss ich stehn;
dein schönes Angesicht zu schauen,
drum muss ich über Wege gehn.
Da standen sie, ganz eng beisammen,
mit Mund an Mund, so zart und fein;
der Wächter blies den frühen Morgen:
„Ade – es muss geschieden sein.“
Ach Trennen, Trennen, herbes Trennen,
wie tut’s dem jungen Herzen weh!
Dass ich mein süßes Lieb muss missen –
vergessen werd ich’s nimmermehr.
IX
Wohlauf, wohlauf! Mit klarer Stimm’
ruft uns der Wächter drüben.
Wer noch im Arm der Liebsten liegt,
der soll sich eilig üben,
denn durch den Schleier frühes Rot
bricht schon der Tag herüber.
„Wach auf, wach auf!“ so ruft es hell
vom Turm im Morgenwinde.
Und wo zwei Liebende beisamm’
da hält ein zärtlich Binde
ihr Herz vor jedem bösen Schlag,
daß nichts sich schlimm verbinde.
Der Knab’ war tief in Schlaf versenkt,
so süß, so traumversunken;
die Maid — in sanfter Klugheit — neigt
sich über ihn, kaum trunken,
und weckt ihn leis mit einem Kuß:
Nun naht das harte Scheiden.
Denn wer uns scheidet, das ist der Tod,
der trennt mit kaltem Hauche.
Er nimmt so manches rote Mund,
so manchen zarten Bauche.
O reichster Gott, in deiner Güt’
bewahr uns vor dem Grauche!
Der Knab’ sprang schnell auf sein Geschirr,
ritt fort in Morgengrauen;
die Jungfrau lief ihm weinend nach,
ihr Herz tat ihm vertrauen.
„Reitest du fort, mein feiner Knab’,
wird all mein Sehnen schauen.“
X
Es blies ein Jäger ins Horn in der Nacht,
sein Ruf hat im Weizen den Wind entfacht.
Fiderallala, fiderallala –
sein Ruf durch Korn und Halme lacht.
Er schreitet hinaus in den dämmernden Wald,
da trifft ihn ein Mädchen, so schön und so kalt.
„Bist du des Edelmanns Tochter fein?
So führ mich heim in dein Kämmerlein.“
„In meinem Gemach, da ruht mein Begehr,
du weißt es doch, du weißt es sehr.“
Sie liegen beisammen, die Nacht wird weit,
bis leise das Glöcklein sechs schlägt zur Zeit.
„Steh auf, mein Jäger, der Morgen ist da,
die Vögel pfeifen – erwach, aha.“
„Ob Vögel pfeifen oder nicht –
von meiner Liebsten weich ich nicht.“
„Getrennt, getrennt – es muss wohl sein,
sonst brechen sie ein mit Pulver und Stein.“
XI
Es sinkt die Nacht, so samtenschwer,
Und jedes Fenster glimmt nicht mehr.
Die Welt legt still den Atem zu,
Schließt ihre müden Augen ruh.
Doch leise pocht es an der Tür,
Ein Flüstern dringt so sanft zu mir:
„Mein Lieb, ich bin’s – mach auf, lass ein,
Ich mag nicht länger draußen sein.“
„Ich öffne nicht, noch lass ich ein,
Bis Vater, Mutter schlafen sein.
Der Vater sitzt beim letzten Wein,
Der schläft gleich ein beim Kerzenschein.“
„Ach Liebste, bitte, öffne mir,
Ich sehne mich so heiß nach dir,
Nach deinem Mund, so weich, so rund,
Tausend Küsse jede Stund.“
XII
Schläfst du noch, mein Leben?
Es ist wohl Zeit, sich zu erheben.
Ein Vöglein, zärtlich angetan,
hebt auf dem Lindenzweig zu singen an.
„Ich schlief so mild—dein frühes Wecken,
so eilig, kann mein Herz erschrecken.
Doch Lieb ohne Leid ist nimmer frei;
du rufst mich, Freundin—also sei.“
Da hob die Frau ihr stilles Weinen:
„Du reitest fort, lässt mich alleine.
Wann kehrst du heim zurück zu mir?
Ach—meine Freud nimmst du fort mit dir.“
XIII
Wenn Abend sinkt und Schatten stehn,
zieht leise er durch stille Gassen;
vor ihrer Tür bleibt er umweht:
„Mein schönster Schatz, steig auf, spät spät –
laß mich zu dir, laß Herz erfassen.“
Doch sie spricht leise durch das Holz:
„Ich darf dir heut die Tür nicht öffnen.
Vielleicht sieht uns ein lausches Paar,
und folgt uns heim – verrät uns gar;
wir dürfen unsre Lust nicht schöpfen.“
Die Glocke schlägt die zehnte Stund,
die Wächter gehn mit schweren Schritten.
„Hoch auf, ihr Jungen, steigt hinweg!
Der Morgen drängt, der Tag, er weckt!“
So ruft ihr Ruf aus dunklen Mitten.
Das Mädchen aber, scheu und wild,
gleitet hinab unter die Läden:
„Bleib liegen, Liebster, wohn im Traum –
noch ruht die Nacht im weiten Raum;
die Wächter wollten uns nur mähen.“
Als sechs der Morgenstunden schlägt,
geht sie zum Brunnen, Wasser holen.
Da trifft sie ihn, noch müd im Schritt,
den Knaben, der bei ihr geliebt.
Sie grüßt ihn sacht im Morgenschwolen.
„Den Gruß, mein Lieb? Nach dieser Nacht?
Wie hast du wohl in mir geruhet?“
– „Ich schlief in deinem warmen Arm,
so tief, daß Gott selbst hielt mich warm –
doch meine Ehr hab ich verblutet.“
Er spricht: „Wenn deine Ehre sank,
so will ich sie dir reich bezahlen
mit Silber hell und Gold so rot,
mit jedem Taler, Brot für Not –
ich will dich heben aus den Qualen.“
„Gott strafe dich, du Bösewicht!
Mit Gold kannst du mich nicht erlösen.
Kein Taler heilt, was du mir nahmst,
kein Gold, das du in Händen hast –
du mußt mir meine Ehr selbst lösen.“
Und ehe dreimal voll der Mond
am Himmel stand in Silbergluten,
da führt er sie zum Hochaltar –
und gab ihr dort, was heilig war.
Und Gott ließ seine Gnade bluten.
XIV
Wach auf, mein Hort, hör mein Wort,
vernimms aus tiefster Seele.
Mein Herz ist wild, von Sehnsucht mild,
damit ich dich erwähle.
Ich leg auf dich mein ganz Begier,
glaub du es mir –
laß mich in Treue ruhn bei dir.
Du junger Knab, laß ab, laß ab,
du bist mir allzu glühend.
Und folgt’ ich dir, so fürcht ich mir,
die Ruh wär bald verfliegend.
Doch dank ich dir, du lieber Gast,
für deine Last
an Treue, die du mir erwiesen.
O Frau, o Licht, ich will dir nicht
in irgendeiner Weise schaden.
Käm einer her und hört’ uns mehr,
er müßt uns falsch befragen.
Doch glaub mir still, so wie ich will,
du reines Weib –
kein Spott soll je dein Herz beladen.
XV
Als Wächterruf die Dächer traf,
da rief er durch die Stille:
„Steht auf, ihr Liebenden, und wacht!
Wo zwei sich finden in der Nacht,
da flammt der junge Morgen – so helle.“
Das Mädchen hob das Herz aus Schlaf,
der Blick wollt’ Licht erhaschen.
„Sei still, mein Knab, sei still bei mir,
noch schweigt die Welt im Dämmrungszier;
der Wächter ließ uns träumen – und täuschte.“
„Hat er uns je im Traum betört,
komm, leg dich her – noch einmal.
Leg deinen Atem zu mir hin;
im nächsten Jahr gehörst du mir,
mein Eigen wirst du werden – mein Herzmal.“
„Dein Eigen werd ich nimmer sein,
das sollst du sicher wissen.
Schwörst du mit Treu, daß außer mir
kein andres Herz dir leuchtet hier,
dann glaub ich deinen Worten – vielleicht.“
Als morgens dann der Himmel brach
und sich die Nebel lichteten,
ging sie zum Brunnen, müde sacht,
und traf den Knab der stillen Nacht,
er grüßte sie verstohlen – doch strahlend.
„Guten Morgen, du mein tausend Schatz,
wie hast du heimlich geruhet?“
„Ich lag in deinem Arm so warm,
vergaß die Stunden ganz im Schwarm;
mein Ehr’ hab ich verloren – o wehe.“
„Dein Ehr’, dein Ehr’, sie schwindet nicht,
laß Reu dir nicht das Herz binden.
Ich bin ein Knab von Gut und Gold,
der geben kann, was du nur wollt’ –
ich zahl dir deine Ehre – mit Silber.“
„Mein Ehr’, mein Ehr’, die kaufst du nicht,
du lieber Narr des Feuers.
Wenn Stroh und Funken beieinander sind
und selbst der Schnee vom Sturm gewinnt,
so wird es dennoch brennen – und brennen.“
XVI
Im ersten Grau der frühen Zeit
Der Wächter sitzt auf hohem Turm,
sein Ruf durchstreift den Morgensturm:
„Steht auf, steht auf, die Nacht entgleit –
wer noch beim Liebsten ruht so sacht,
dem naht bereits der junge Tag.“
Das Mädchen schreckt aus warmer Ruh’,
will sehn, was draußen werde.
Er zieht sie nah: „Mein Herz, bleib du,
noch liegt die Nacht auf dieser Erde.
Der Wächter hat uns nur geneckt,
sein Ruf die Dunkelheit erschreckt.“
Am Brunnen dann, im Wasserschein,
geht sie den Krug zu füllen.
Da tritt ihr Liebster, jung und fein,
mit Blicken, die noch Nächte stillen.
Er grüßt sie sanft im Morgengold:
„Guten Morgen, du, der ich so hold.“
„Guten Morgen, mein tausendfacher Schatz,
wie hast du denn geruht?
Ich schlief in deinem starken Arm,
so tief, so warm, so wohlgemut—
doch ach, mein Ehr ist nun dahin,
die Nacht nahm mir, was ich besaß in Sinn.“
Er legt die Hand ihr an die Brust:
„Wenn ich dein Ehr genommen hab’,
dann nehm ich’s auf in Liebeslust
und trag es, weil ich’s tragen mag.
Mein Vater zählt an reichem Gut,
er gibt dir Gold für deinen Mut.“
XVII
Der Wächter blies den jungen Tag.
Auf hoher Zinn er mahnend lag.
Er rief ins erste Morgenlicht:
„Wo zwei in süßer Liebe sich
Umfangen kaum,
da trennt sie bald des Tages Saum.“
„So höre, Knab, und merk mein Wort:
Noch ist die helle Stunde fort.
Der Mond bricht durch die Wolken sacht;
Der Wächter schreckt uns nur zur Nacht.
Ich sag es dir:
Die Mitternacht verweilt noch hier.“
Er zog sie warm an seine Brust,
gab Herz an Herz, gab Lust an Lust.
Sie schieden sich zur frühen Zeit;
Der Knab ritt über Tau und Heid
ins Morgenblau:
„Behüt dich Gott, mein schöne Frau!“
Das Fräulein rief voll bangem Weh:
„Mein Lieb, ade – o geh! o geh!
Gott schirm dich vor des Lebens Not;
Denk, Herzgeliebter, mein Gebot:
Was immer sei –
mein Herz bleibt dir doch ewig treu.“
Dann löst er sacht von ihrer Hand
den goldnen Ring, ein Liebespfand:
„Sieh her, mein Herz, er sei zuletzt
das Kleinod, das dein Leid ergötzt
in stiller Frist;
weil du mir doch die Liebste bist.“
Der dieses Lied gedichtet hat,
er wachte drüber Nacht für Nacht.
Ein toller Knab – von hohem Preis,
dem Dienen schöner Frauen heiß.
Und mich erfreut
dein roter Mund zu jeder Zeit.
XVIII
Derweil ich träumend lag,
ein Herzschlag vor dem Tag,
da wisperte im Morgengrau
ein Schwalbenruf so zart und lau,
ein Herzschlag vor dem Tag.
„Hör zu, was ich dir sag:
Dein Lieb, das ich verklag.
Während ich dir dies Lied geweiht,
liegt er an fremder Arme Seit‘,
ein Herzschlag vor dem Tag.“
O weh! Nicht weiter sag,
mein Herz, das hören mag
kein Wort mehr über seinen Schwur.
Flieg fort, nimm mit die bange Spur—
ein Herzschlag vor dem Tag.
Ach, Liebe, die ich trag’,
so flüchtig wie der Tag.
Wie Morgentau im ersten Licht
vergeht sie still—und bleibt mir nicht,
ein Herzschlag vor dem Tag.
XIX
Des Abends, wenn die Stille sinkt,
verschließ ich sacht die Tür.
Ein Halm aus goldner Gerste klingt,
als Wächter steht er hier.
Doch schließ sie nicht so streng die Tür,
mein Lieb, ich bitte sacht.
Ich trag mein Herz auf Wegen zu dir
durch deine weiche Nacht.
Bei mir die Nacht zu bleiben — ach,
das darf und soll nicht sein.
So steh ich draußen, still und wach,
im kühlen Erdenschein.
Die Rosenblätter decken sacht
den Schlaf auf meinem Arm,
bis Liebe mich zum Schweigen bringt
und Gott sich mein erbarm’.
Wer eines Mädchens Herz begehrt,
muss jung sein, klar und rein,
muss tausend Wege unversehrt
verlassen — für das eine Ein.
Wer zarte Lämmer weiden will,
muss Hirte, treu, auch sein,
muss wandern über Hügel still
und Schäflein hüten, klein.
Wer scheues Wild zu jagen sucht,
muss Jäger mutig sein,
mit Pulverspur und Atemflucht
im Wald aus Harz und Stein.
XX
Die Sonne ist verblichen,
die Sterne stehn bereit.
Die Nacht kommt leis’ geschlichen
im dunklen Festgewand der Zeit.
Der Mond steigt still im Schweigen,
ein Wächter hebt den Hut:
„Wer Sehnsucht trägt im Reigen
und Lieb will nicht verschweigen,
der fasse rasch sich Mut.“
Ein junger Bursch vernommen
ruft sachte durch die Ruh’:
„Ach Wächter, treuer Frommer,
gib deine Weis mir zu.
Wie soll ich’s richtig wagen,
damit sie mir gehört?“
— „Geh heimlich, ohne Klagen,
eh’ ich beginn zu sagen,
und dass dich niemand stört.“
Der Knab, kaum noch verborgen,
schleicht zu ihr ganz allein.
Er flüstert voll von Sorgen:
„O zartes Fräulein mein,
ich bring euch neue Kunde,
und zweifle selber dran:
Es harrt im Wiesengrunde
ein Mann mit tiefer Wunde,
vielleicht euer liebster Mann.“
Die Jungfrau sprach mit Sinnen:
„Dich täuscht der Schattenfall.
Der Mond ließ silbern klingen,
die Sterne wisperten überall.“
— „O holde Maid, o Reine,
ich schwör’s euch treu und klar:
Er liegt in grüner Aue,
sein Leib von Schmerz ganz blaue—
doch liebt er euch fürwahr.“
Die Maid erschrickt in Schmerzen,
ihr Herz wird eng und schwer.
Sie kann kein Glück mehr herzen,
die Botschaft trifft sie sehr.
Sie legt ein weißes Hemde,
so schlicht, so warm, so sacht,
und als ihn wiederfindet,
ihr Herz vor Glück zerrinnet,
und zärtlich hält sie Wacht.
Der Knab, der will sich schmiegen
an ihre Brust so sacht.
Sie lässt die Nähe fliegen
mit einem Kuss der Nacht.
Er ringt in leisen Trieben
mit ihr, der zarten Maid,
doch oben auf den Zinnen
beginnt ein Lied zu klingen,
ein Gruß zur Abendzeit:
„Gott segne dir das Herzen,
du edles Mädchen fein.
Du fügst mir süße Schmerzen,
es kann nicht anders sein.
Nun muss ich von dir scheiden,
du edles Mädchen fein.
Ich zieh durch weite Heiden
in Braun mich will ich kleiden,
durch Klee und Veilchen rein.“
XXI
Drei-, viermal geh ich ums Haus herum,
fünf-, sechsmal durch den Garten.
Komm, Liebste, öffne mir die Tür –
ich kann nicht länger warten.
Ich bleib im Bett, ich lass dich nicht,
die Tür bleibt fest verriegelt.
Du warst bei einer andern Nacht –
mein Herz ist aufgewiegelt.
Doch liebes Herz, nimm’s mir nicht krumm,
dass ich so spät erschienen;
die Lust, die Glut, die Sehnsucht tief
war stärker als all’s Ringen.
An meiner Hand ein schlichter Ring,
zwei Namen still verwoben.
Wenn’s Gott gefällt, führt seine Hand
uns zwei in treuem Loben.
Denn Gott, der Himmel, Erde hält,
der Wege still bereitet,
führt dich und mich – durch Nacht und Zeit –
bis Liebe uns begleitet.
XXII
Dunkel sind bereits die Fenster,
alles schweigt im Haus.
Nur Verliebte, blasse Gespenster
schleichen leis’ hinaus.
Horch! Es schlägt die Zwölf vom Turme,
dumpf in meinem Ohr;
schon erhebt sich aus dem Sturme
Geisterzug hervor.
(Nachtwächter)
Was dort schleicht vor diesen Türen?
Mag dem nach ich geh’n—
denn ich kann in dem Gemurre
kaum ein Wort versteh’n.
(Sänger)
Kalte Nachtluft streicht mich leise,
zieht durch Mark und Sinn;
ach daheim wär’s warm und weise,
wenn ich sicher bin.
(Nachtwächter)
Nein, der Teufel soll dich holen—
wärst du klüger doch!
Mußt in solchen Nachtzeit-Stolen
schleichen durch das Loch?
(Sänger)
Ach, ihr Leute, öffnet Fenster,
helft mir aus der Qual!
Hilfe! Hilfe! Wilde Gespenster
drohn mir überall!
(Nachtwächter)
Was? Gespenster? Hör dein Poltern—
mach mir keinen Schreck!
Was dort flattert unterm Foltern?
Nein—du Dieb, geh weg!
(Sänger)
Ach, ich irr im dunklen Schweigen,
seh’ nicht, wo ich bin.
Dort—ein Funkeln—Licht im Neigen,
führt mich doch dahin.
(Nachtwächter)
Komm heran, ich will dich fragen—
willst du spukend geh’n?
Du willst nachts auf dunklen Pfaden
stehlen vor mir steh’n?
(Sänger)
Nein, ich bin kein Dieb, das sieht man
mir doch deutlich an.
Drum, o Wächter, laß mich Friedmann
meines Weges ziehn.
(Nachtwächter)
Nein, das geht nicht! Du mußt mit mir
auf die Wache gehn.
Willst du nicht, dann soll mein Rufen
bald zum Mark dir drehn.
(Sänger)
Ach, was nützt es, guter Wächter,
wenn du mich beschimpfst?
Nimm den Taler—und das Nächt’ger
Dunkel du mir nimmst.
(Nachtwächter)
Ja, du bist wohl ehrlich, Bursche—
hab’s mir überlegt.
Nichts für ungut, Gott bewahr’ dich—
Nacht sei dir gesegnet.
XXIII
Ein Knabe ging die Gassen lang,
getrieben von Verlangen.
Er schlich zur Liebsten still und bang,
stand vor dem Schlafgemach so lang –
sein Herz wollt fast zersprangen.
„Stehst du schon lang vor meiner Tür?
Ich darf dich nicht hereinen.
Doch schwörst du sieben Eide mir,
dass niemand sah dich außer mir,
so sollst du bei mir weinen.“
„Die Eide schwör ich nimmermehr,
sie lasten viel zu schwer.
Es könnt im Schatten einer steh’n,
uns beide heimlich prüfend seh’n –
und dann verrät uns wer.“
Die Nachtigall am Fenster saß
und sang in hellem Klingen:
„Wer jetzt bei seiner Liebsten lag,
der eile fort, es graut der Tag,
die Morgenlüfte springen.“
Am frühen Tag, die Sonne wach,
ging sie das Wasser holen.
Den schmalen Steg sie überfach,
da traf des Jägers Knecht sie sacht:
„Feinslieb, wie hast du’s wohl empfunden?“
„Wie ich geschlafen hab die Nacht,
das darf ich dir gestehen:
In Armen lag ich warm und sacht,
in Liebesglut, von Gott bewacht –
doch ließ ich Ehr vergehen.“
„Hab ich dir nicht erst gestern sacht
gesagt, du sollst dich halten?
Hättst du dein Kämmerlein bewacht,
den Knaben nicht herein gelacht –
die Ehr blieb dir, die alte.“
„Dein Ehr, die ist nun hingeweht,
die mein hab ich behalten.
Denn was man tut und spät versteht,
das führt in Leid, wie’s oft geschieht –
so heißt es bei den Alten.“
XXIV
Es flog ein kleines Waldvöglein,
zur Liebsten an das Fensterlein.
Es klopfte sacht und heimlich fein
mit seinem goldnen Schnäbelein:
„Erwach, mein Herz, und lass mich ein –
so weit bin ich gezogen,
geleitet nur vom Willen dein.“
„Bist du so weit geflogen hin,
geführt von meinem Herzenssinn –
so komm heut Nacht, wenn Mitternacht
den Mond still über Dächer macht.
Dann birg ich dich in warmen Arm,
halt dich in sanftem Schließen
an meine weiße Brust so warm.“
XXV
Es ging ein junger Wanderer
zum Fenster leis’ bei Nacht:
„Bist du dort drin, mein Herzenslicht?
Ich hab an dich gedacht.“
Da sprach sie: „Ja, ich hör dich wohl,
doch einlassen darf ich nicht;
ich gab mein Wort schon einem Mann –
und keinem andern nicht.“
„Dem du dein Herz versprochen hast,
mein Lieb, der bin doch ich.
Reich mir die Hand, die zarte, weiße –
vielleicht erkennst du mich.“
„Du schmeckst nach kalter Erde nur …
bist du der Tod, mein Freund?“
„Wie sollt’ ich nicht nach Erde schmecken,
hab ich doch tief geweint.
Weck Vater auf und Mutter auch,
weck alle Seelen dein;
ein grünes Kränzlein trag ich dir
bis in den Himmel rein.“
XXVI
Es ist die Stunde, müd und sacht,
die meine Sehnsucht wieder entfacht.
Bevor ich selbst zur Ruhe geh,
muß ich zu meinem Liebchen stehn.
Wer klopft so sanft im Dunkel an,
daß ich nicht widerstehn mehr kann?
„Ich bin’s, dein Herz, dein süßer Schein –
steh auf, mein Schatz, und laß mich ein.“
„Ich kann dich jetzt nicht lassen rein,
die Eltern wollen wach noch sein.
Doch lehn dich still an jene Wand –
bald schläft das ganze Haus im Land.“
„Ich kann in Schatten nicht mehr stehn,
seh schon das erste Morgenwehn.
Zwei Sterne glühn im Himmelszelt –
bei dir wär mir die ganze Welt.“
XXVII
Es ist noch dunkel, kaum ein Schein,
doch bricht der Morgen golden ein.
Hätt’ ich den Tag in meinem Raum,
er blieb gefangen wie ein Traum.
„Doch deine Fessel will ich nicht,
ich geh’ ins Licht, verlass’ die Schicht.“
Fährst du ins Licht und lässt mich hier –
was bleibt zuletzt dann noch von dir?
„Was soll ich lassen als Gewinn?
Mir geht es schlecht, ich fall dahin.“
Geht’s dir nicht gut — mir tut es leid;
mein Lieb verließ mich schon zur Zeit.
Er gab mir Abschied viel zu früh,
gehorcht nun einer fremden Glüh’.
Liebt er ein Weib, such ich einen Mann —
so reißt die alte Liebe an.
„Ach Frau, ihr tragt so stolzen Schein,
ich dacht’, ihr müsst von Adel sein.“
Bin ich auch eines Grafen Weib —
er nährt mit Stolz doch nur den Leib.
XXVIII
Es tagt am Rand der Höhen,
es dämmert überm Land;
wer heimlich Lust will säen,
der mache sich zur Wand.
Wer still sein Glück will finden
mit ganzer Innigkeit,
der spreche leis zum Hüter –
der gibt ihm Weg und Zeit.
Es schlief ein schönes Mädchen
in stiller Kammer sacht;
ein Traum ließ sie erschrecken,
sie rief die Magd zur Nacht.
„O fürchte dich nicht, Holde,
mein lieblich süßes Herz!
Ich bin dein treuer Diener,
ich hüte dich vor Schmerz.“
„Bist du mein treuer Diener,
und meintest du es wahr,
so würd mein Herz sich öffnen,
und Leid würd offenbar.“
Da lagen sie beisammen
die ganze Nacht so lind,
in weißen Arm verschlungen,
wie zwei im gleichen Wind.
Doch endlich sprach der Ritter:
„Nun muss ich gehn, es naht
der Morgen in den Zweigen,
wo Widerstreit ans Blatt
die Vögel sanft erheben –
es ruft der neue Tag.“
XXIX
Es ritt ein junger Reiter sacht,
achtzehn und heiß wie Sommernacht,
er schlich auf weichen Hufespuren
zur Tür des Mädchens zwischen Fluren:
„Steh auf, Geliebte, lass mich ein.“
Sie sprach: „Ich lass hier niemand ein,
nur Graf und Herr mit Gold und Schein.
Ein Reiter ohne Rang und Habe
tritt nicht herein durch meine Schwelle,
kein armer Bursch, so sehr er flehe.“
Da wandt’ sich stolz das Reiterlein,
legt feine, lichte Kleider ein,
kehrt wieder, schwebend wie der Wind,
zur Hütte, wo die Schatten sind:
„Steh auf, mein Mädchen, lass mich ein.“
Das Mädchen fühlt den Glanz herein,
ihr Herz beginnt sich zu befreien.
Sie öffnet leise, sanft und warm,
nimmt ihn in ihren weichen Arm:
„Ich dacht’, ich ließ nur Reiche ein –
doch du darfst heut mein König sein.“
So lagen sie in Mondesglut,
ihr Atem trank sich frisch und gut.
Die Nacht war lang, die Sehnsucht süß,
ein Läuten wehte übers Wies’:
„Steh auf, der Morgen ruft zur Zeit.“
Er lächelt träge, müd und weit:
„Zur Messe bin ich nicht bereit.
Ich hab in keiner Schrift studiert –
nur Herz und Haut hab ich gespürt.
Ich weiß nur dies: Bei dir zu sein
ist alle Weisheit, groß und rein.“