ÜBER DIE TRADITIONALISTEN

VON TORSTEN SCHWANKE



Johannes Paul II.: (ruhig, die Hände gefaltet) Monseigneur, ich habe Sie empfangen, weil mein Herz schwer ist. Wir sind beide Söhne derselben Kirche. Warum lehnen Sie das Zweite Vatikanische Konzil so kategorisch ab? Es war keine Revolution, sondern eine notwendige Entfaltung der Wahrheit für den modernen Menschen.


Marcel Lefebvre: (mit strengem Blick) Heiliger Vater, Sie nennen es Entfaltung, ich nenne es Gift. Das Konzil hat die Fenster der Kirche nicht geöffnet, um frische Luft hereinzulassen, sondern um den Rauch Satans eindringen zu lassen. Die Religionsfreiheit, die Kollegialität, der Ökumenismus – das sind die Parolen der Französischen Revolution, die nun den Altar besetzt haben.


Johannes Paul II.: Aber sehen Sie denn nicht das Wirken des Heiligen Geistes? Das Konzil hat die Kirche nicht verändert, um sie der Welt anzupassen, sondern um die Sprache zu finden, mit der wir Christus heute verkünden können. Die Religionsfreiheit, die Sie so fürchten, ist kein Indifferentismus. Sie ist der Schutz der menschlichen Person vor dem Zwang.


Marcel Lefebvre: Wahrheit und Irrtum können nicht die gleichen Rechte haben, Eure Heiligkeit! Wenn wir sagen, dass jeder Mensch seinen Weg zu Gott nach seinem Gewissen wählen kann, dann erklären wir die Mission der Kirche für beendet. Warum sollten wir noch missionieren, wenn das Heil außerhalb der sichtbaren Kirche so leichtfertig versprochen wird? Extra Ecclesiam nulla salus – das war die Lehre der Väter.


Johannes Paul II.: Und es bleibt die Lehre! Aber die Kirche ist ein lebendiger Leib, kein Museumsstück. In Krakau habe ich unter dem Kommunismus gelernt, dass die Kirche die Freiheit des Gewissens verteidigen muss, um ihre eigene Freiheit zu sichern. Das Konzil hat uns gelehrt, das Wahre und Heilige auch in anderen Religionen zu achten, ohne den Anspruch Christi zu schmälern.


Marcel Lefebvre: (schüttelt den Kopf) Es ist ein humanistischer Optimismus, der die Sünde und den Teufel ignoriert. Die Liturgiereform hat das Opfer zu einem Gemeinschaftsmahl degradiert. Die Autorität des Papstes wird durch die Bischofskonferenzen zerrieben. Sie sitzen auf dem Thron Petri, aber Sie lassen zu, dass das Fundament unter Ihnen weggebrochen wird.


Johannes Paul II.: (beugt sich vor) Marcel, Sie blicken zurück wie auf eine unbewegliche Statue. Die Tradition ist kein statisches Erbe, sie ist ein Fluss, der wächst. Das Konzil steht in organischer Kontinuität mit der Vergangenheit. Ich bitte Sie: Führen Sie Ihre Anhänger nicht in die Isolation. Die Einheit der Kirche ist kostbarer als die Nostalgie für eine bestimmte Epoche.


Marcel Lefebvre: Es ist keine Nostalgie, es ist der Glaube der Jahrhunderte. Ich kann nicht das zerstören, was ich mein Leben lang aufgebaut habe. Ich ziehe es vor, im Ungehorsam gegenüber einer irrigen Neuerung zu sterben, als im Gehorsam gegenüber der Zerstörung des Glaubens zu leben.


Johannes Paul II.: (seufzt tief) Gehorsam ist nicht die Unterwerfung unter einen Menschen, sondern unter das Amt. Wenn Sie das Konzil ablehnen, lehnen Sie die Kirche von heute ab. Und wer die Kirche von heute ablehnt, verliert den Boden, auf dem die Tradition steht.


Marcel Lefebvre: (mit einer Geste der Bestürzung) Heiliger Vater, wir müssen über das Herz der Kirche sprechen: das Heilige Messopfer. Die Missale Romanum von 1969 ist kein katholischer Ritus mehr. Man hat den Altar in einen Tisch verwandelt, den Priester in einen Vorsitzenden und das Opfer in eine Mahlzeit. Wo ist die Ehrfurcht geblieben? Wo ist das Latein, das die Einheit der Weltkirche besiegelte?


Johannes Paul II.: (ruhig, aber bestimmt) Marcel, die Sprache mag sich geändert haben, aber das Mysterium bleibt dasselbe. Das Konzil wollte, dass die Gläubigen nicht mehr wie stumme Zuschauer in den Bänken sitzen. Sie sollen actuosa participatio erleben – eine tätige Teilnahme. Wenn ein polnischer Arbeiter oder ein afrikanischer Bauer die Worte der Wandlung in seiner Muttersprache hört, begegnet er Christus direkter.


Marcel Lefebvre: Direkter? Oder profaner? Indem man sich der Welt anpasst, verliert man das Heilige. In der alten Messe (Tridentinische Messe) blickt der Priester nach Osten, zu Gott hin (ad orientem). In Ihrer neuen Messe blickt er auf das Volk. Es ist eine anthropozentrische Feier geworden – der Mensch feiert sich selbst, anstatt Gott anzubeten. Es ist eine „Protestantisierung“ unserer heiligsten Güter.


Johannes Paul II.: Das ist ein hartes Wort, Monseigneur. Der Priester blickt zum Volk, weil er das Volk zum Tisch des Herrn einlädt, so wie Christus es beim Letzten Abendmahl tat. Die Liturgie ist sowohl Opfer als auch Mahl. Wir haben nichts vom Opfercharakter aufgegeben; wir haben lediglich die Mauern niedergerissen, die das Volk vom Altar trennten. Das Latein ist ein Schatz, ja, aber die Kirche muss atmen können – mit beiden Lungenflügeln, der Tradition und der lebendigen Gegenwart.


Marcel Lefebvre: Aber diese „Gegenwart“ führt zum Chaos! In den Pfarreien wird experimentiert: Gitarrenmusik statt Gregorianik, Handkommunion statt Kniefall. Das Sakrale wird mit Füßen getreten. Wenn man die Form zerstört, zerstört man am Ende den Inhalt. Wer den Ritus ändert, ändert das Dogma. Lex orandi, lex credendi.


Johannes Paul II.: Missbräuche in der Umsetzung rechtfertigen nicht die Ablehnung der Reform an sich. Ich leide selbst unter liturgischen Entgleisungen. Aber die Antwort darauf ist nicht die Rückkehr in eine erstarrte Vergangenheit, sondern eine würdige Feier des neuen Ritus. Die Kirche kann nicht vorschreiben, dass der Geist Gottes nur in einer toten Sprache wirken darf.


Marcel Lefebvre: Latein ist nicht tot, es ist ewig. Es schützt das Mysterium vor der Profanität des Alltags. Wenn Sie die alte Messe verbieten oder einschränken, schneiden Sie die Wurzeln ab, die den Baum der Kirche zweitausend Jahre lang genährt haben. Ich kann meine Seminaristen in Écône nicht lehren, eine Messe zu feiern, die den Geist des Protestantismus atmet.


Johannes Paul II.: (legt die Hand auf den Arm des Erzbischofs) Ich verbiete die Vergangenheit nicht, Marcel. Aber ich fordere die Gemeinschaft mit der lebenden Kirche. Wenn Sie die Messe des Konzils als häretisch bezeichnen, stellen Sie sich außerhalb der Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri. Ist Ihnen ein Ritus wichtiger als die Einheit des Leibes Christi?


Marcel Lefebvre: (leise, aber unnachgiebig) Wenn der Nachfolger Petri sich von der Tradition abwendet, muss ich der Tradition treu bleiben, um Petrus treu zu sein. (mit bebender Stimme) Heiliger Vater, wir kommen nun zum gefährlichsten Punkt: Dignitatis Humanae, die Erklärung über die Religionsfreiheit. Das Konzil behauptet, dass der Mensch ein Recht darauf habe, seinen Irrtum öffentlich zu leben. Damit entthronen Sie Christus, den König! Wenn der Staat nicht mehr verpflichtet ist, die wahre Religion zu schützen, wird der Laizismus zum Gesetz und der Abfall vom Glauben zur Pflicht.


Johannes Paul II.: (ruhig, mit der Erfahrung des Widerstands gegen den Totalitarismus) Monseigneur, Sie missverstehen die Freiheit. Christus hat niemanden gezwungen, ihm zu folgen. Der Glaube ist ein freier Akt der Liebe oder er ist gar nichts. Wenn wir die Religionsfreiheit fordern, tun wir das nicht, um den Irrtum zu adeln, sondern um die Würde der menschlichen Person zu schützen. Ein Gott, der durch staatliches Gesetz erzwungen wird, ist nicht der Gott des Evangeliums.


Marcel Lefebvre: Das ist liberales Denken, das direkt aus den Logen der Freimaurer stammt! Die Päpste vor dem Konzil – Pius IX., Pius X. – haben diesen Indifferentismus verurteilt. Sie sagen jetzt, alle Religionen seien Wege zum Heil. Sie beten in Assisi mit Hindus, Buddhisten und Protestanten. Damit suggerieren Sie den Gläubigen, dass es egal sei, welcher Konfession man angehört. Das ist der Ruin der Mission!


Johannes Paul II.: (bestimmt) In Assisi beten wir nicht zusammen, sondern wir sind zusammen, um zu beten. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Der Ökumenismus ist kein Ausverkauf der Wahrheit. Aber wir müssen anerkennen, dass der Heilige Geist auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der Kirche wirkt. Wir suchen das, was uns eint, ohne das zu verleugnen, was uns trennt. Glauben Sie wirklich, dass Gott die Gebete von Millionen Menschen ignoriert, nur weil sie nicht katholisch getauft sind?


Marcel Lefebvre: Ich glaube an das Wort Christi: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Wenn wir den Dialog über das Dogma stellen, verraten wir die Märtyrer, die lieber starben, als ein Körnchen Weihrauch vor fremden Götzen zu verbrennen. Ihre Ökumene macht die Kirche zu einer Organisation unter vielen, zu einem religiösen Supermarkt.


Johannes Paul II.: (erhebt sich leicht) Und ich sage Ihnen: Die Kirche Christi ist kein exklusiver Club für die Gerechten. Sie ist ein Sakrament der Einheit für die ganze Menschheit. Wir können uns nicht in einer Festung verbarrikadieren, während die Welt nach Hoffnung dürstet. Die Religionsfreiheit ist das stärkste Werkzeug gegen die Tyrannei. Wer dem Menschen die Freiheit nimmt, die Wahrheit zu suchen, nimmt ihm die Menschlichkeit.


Marcel Lefebvre: Freiheit ohne die Wahrheit ist Zügellosigkeit. Wenn die Kirche nicht mehr klar sagt: „Das ist die Wahrheit, und alles andere ist Irrtum“, dann verliert sie ihr Salz. Sie führen die Herde in einen Nebel, in dem alle Katzen grau sind. Ich kann diesen Kurs nicht mitgehen. Es ist der Weg in den religiösen Selbstmord.


Johannes Paul II.: (sieht ihm traurig in die Augen) Sie wählen die Isolation im Namen einer Reinheit, die es so nie gab. Die Kirche ist immer gewachsen, sie hat sich immer entfaltet. Wenn Sie die Hand, die das Konzil Ihnen reicht, ausschlagen, brechen Sie nicht mit mir – Sie brechen mit dem lebendigen Leib Christi, der sich durch die Geschichte bewegt.


Marcel Lefebvre: (mit einer Geste auf die Weltkarte) Heiliger Vater, schauen Sie sich die Nationen an! Seit das Konzil die Religionsfreiheit verkündet hat, stürzen die katholischen Staaten einer nach dem anderen in den Abgrund des Laizismus. Kolumbien, Spanien, Italien – überall wird das Gesetz Gottes aus der Verfassung gestrichen. Wenn Christus nicht mehr über die Gesetze herrscht, herrscht der Teufel durch den Relativismus.


Johannes Paul II.: (nachdenklich) Monseigneur, die „Konfessionsstaaten“ der Vergangenheit waren oft nur Fassaden. In meiner Heimat Polen hat der Staat Gott offiziell bekämpft, aber im Herzen des Volkes war Christus König. Ein Staat, der den Glauben per Gesetz erzwingt, erzeugt Heuchler, keine Heiligen. Die Kirche braucht keinen staatlichen Schutzschirm mehr; sie braucht die Freiheit, das Gewissen der Menschen zu bilden.


Marcel Lefebvre: Das ist eine Illusion! Ein neutraler Staat ist niemals neutral; er wird zwangsläufig antichristlich. Wenn der Staat die Abtreibung, die Scheidung und die Gotteslästerung erlaubt, weil er „neutral“ sein will, dann lädt er das Strafgericht Gottes auf sich. Die Kirche hat die Pflicht, den Staat zu taufen, nicht sich von ihm scheiden zu lassen. Quas Primas von Pius XI. ist nicht aufgehoben: Christus muss König der Gesellschaft sein, nicht nur ein privates Gefühl im Herzen.


Johannes Paul II.: Christus herrscht durch die Wahrheit, nicht durch das Schwert oder das Gesetzbuch. Der moderne Staat muss ein Raum sein, in dem alle Menschen – auch wir Katholiken – ihre Berufung ohne Furcht leben können. Wenn wir das Vorrecht für uns fordern, geben wir den Tyrannen die moralische Rechtfertigung, uns zu verfolgen, wo wir in der Minderheit sind. Unsere Macht ist das Zeugnis, nicht das Dekret.


Marcel Lefebvre: (bitter) Sie tauschen das göttliche Recht gegen die Menschenrechte ein. Aber die Rechte des Menschen ohne die Rechte Gottes sind ein Kartenhaus. Sie werden sehen: In diesem freien Staat, den Sie preisen, wird die Kirche bald an den Rand gedrängt und mundtot gemacht. Man wird uns tolerieren wie einen Folklore-Verein, aber nicht mehr als die Stimme der ewigen Wahrheit.


Johannes Paul II.: (steht auf, geht zum Fenster) Vielleicht ist das unser Schicksal: eine „kleine Herde“ zu sein, die wie Sauerteig wirkt. Ich fürchte mich nicht vor der Freiheit. Ich fürchte mich nur vor einer Kirche, die die Welt durch Zwang bekehren will. Gott ist die Freiheit selbst. (mit tiefer Ernsthaftigkeit) Marcel, wir haben über die Liturgie, das Konzil und den Staat gesprochen. Doch am Ende steht die Frage der Einheit. Ich bin der Nachfolger Petri. Wenn Sie meine Autorität und die des Konzils ablehnen, wen erkennen Sie dann noch an? Ein Soldat kann nicht behaupten, seinem König treu zu sein, während er die Befehle des Königs missachtet.


Marcel Lefebvre: (ruhig, fast traurig) Heiliger Vater, mein Gehorsam gilt dem ewigen Rom, nicht dem Rom der Neuerer. Wenn ein Vater seinem Kind befiehlt, Gift zu trinken, muss das Kind ungehorsam sein, um zu überleben. Ich sehe, wie der Glaube überall verdunstet. Ich sehe leere Seminare und entweihte Kirchen. Mein „Ungehorsam“ ist ein Akt der Treue zur Kirche aller Zeiten.


Johannes Paul II.: Sie ernennen sich selbst zum Richter über den Papst! Das ist kein katholischer Geist mehr. Die Verheißung Christi an Petrus – „Was du auf Erden binden wirst...“ – gilt nicht nur für die Vergangenheit. Der Heilige Geist verlässt die Kirche nicht im Jahr 1962. Wenn Sie Priester weihen oder gar Bischöfe ohne päpstliches Mandat, dann reißen Sie das Gewand Christi entzwei. Das ist das Schisma.


Marcel Lefebvre: Ein Schisma setzt voraus, dass man eine neue Kirche gründen will. Ich will das nicht! Ich bewahre nur das, was immer war. Sie sagen, ich solle gehorchen, aber Sie verlangen von mir, die Messe meiner Priesterweihe und das Dogma meiner Vorfahren zu verraten. Ich kann nicht glauben, dass der Gehorsam gegenüber einem aktuellen Papst den Gehorsam gegenüber zweitausend Jahren Lehramt aufheben kann.


Johannes Paul II.: (schlägt sanft auf den Tisch) Aber wer interpretiert dieses Lehramt? Sie oder der lebende Nachfolger Petri? Wenn jeder Bischof für sich entscheiden darf, was „Tradition“ ist und was nicht, dann wird die Kirche zu einer Ansammlung von Sekten. Der Gehorsam ist das Band, das uns zusammenhält. Ohne ihn gibt es keine Katholizität.


Marcel Lefebvre: Dann ist es eine Tragödie. Ich stehe vor Gott und meinem Gewissen. Wenn ich Ihnen folge, zerstöre ich die Zukunft der Priester, die ich ausgebildet habe. Wenn ich Ihnen widerstehe, nennen Sie mich einen Rebellen. Aber ich weiß, dass die Geschichte mir recht geben wird, wenn der Nebel dieses Konzils sich verzogen hat.


Johannes Paul II.: (erhebt sich, das Gespräch beendend) Ich bete für Sie, Marcel. Aber wissen Sie eines: Wer sich von der sichtbaren Gemeinschaft mit dem Papst trennt, verliert das Fundament, auf dem er zu stehen glaubt. Die Tradition ist kein Buch, das man zuschlägt; sie ist der lebendige Atem der Kirche unter der Führung Petri.


Der Moment der Entscheidung (30. Juni 1988)


Johannes Paul II.: (mit tiefer Trauer in der Stimme) Marcel, Sie haben die Schwelle überschritten. Ich habe Ihnen einen rechtlichen Weg angeboten, ein Protokoll zur Versöhnung. Doch Sie haben sich entschieden, ohne päpstliches Mandat vier Bischöfe zu weihen. Wissen Sie, was das bedeutet? Nach dem Kirchenrecht ziehen Sie sich damit die Exkommunikation als Tatstrafe zu.


Marcel Lefebvre: (gefasst, fast stoisch) Heiliger Vater, ich handle nicht aus Rebellion, sondern aus Notstand. Die Kirche blutet aus. Wenn ich keine Bischöfe weihe, die den wahren Glauben und die alte Messe bewahren, wird die Tradition mit mir sterben. Der Notstand suspendiert das positive Gesetz. Ich gehorche einem höheren Gesetz: dem Heil der Seelen (Salus animarum).


Johannes Paul II.: (energisch) Es gibt keinen Notstand, der den Bruch der Einheit rechtfertigt! Ein Bischof ohne Gemeinschaft mit dem Papst ist wie ein Zweig, der sich vom Baum trennt. Er mag noch grün erscheinen, aber er hat keine Wurzel mehr. Die Exkommunikation tritt in dem Moment ein, in dem Sie die Weihehandlung vollziehen – ganz automatisch, durch die Tat selbst (Latae Sententiae). Ich muss es nicht einmal mehr aussprechen; Sie selbst schließen sich aus.


Marcel Lefebvre: Wenn die Exkommunikation der Preis dafür ist, katholisch zu bleiben, dann nehme ich sie an. Man kann nicht exkommuniziert werden, weil man treu zu den Päpsten der Vergangenheit steht. Wenn Sie mich verurteilen, verurteilen Sie Pius V., Pius IX. und Pius X. Mein „Schisma“ ist in Wahrheit die Treue zum ewigen Rom gegen das modernistische Rom.


Johannes Paul II.: (schüttelt den Kopf) Sie berufen sich auf tote Päpste, um dem lebenden Petrus zu widerstehen. Das ist die Tragödie. Die Strafe dient nicht dazu, Sie zu vernichten, sondern Sie zur Umkehr zu rufen. Aber solange Sie die Autorität des Konzils und des amtierenden Papstes leugnen, bleibt die Wunde offen. Sie führen Tausende Gläubige in die Irre. - - (mit einer weiten Geste) Marcel, das Aggiornamento war kein Bruch mit der Vergangenheit, sondern ein Akt der Liebe zur Welt. Wir mussten den Staub der Jahrhunderte von den Fenstern wischen, damit das Licht des Evangeliums die Menschen von heute wieder erreicht. Die Kirche darf nicht in einer Sprache der Scholastik verharren, die niemand mehr versteht.


Marcel Lefebvre: (bitter) „Heutigmachung“ – das klingt nach Anpassung an den Zeitgeist. Die Kirche ist nicht dazu da, sich der Welt anzupassen, sondern die Welt zu bekehren! Wenn Sie die Wahrheit „heutig“ machen wollen, verdünnen Sie sie so weit, bis sie nichts mehr kostet. Das Aggiornamento ist in Wahrheit ein „Aggiornamento“ an die liberale Moderne, die Gott schon lange den Rücken gekehrt hat.


Johannes Paul II.: Aber der Glaube ist keine statische Formel! Er ist wie ein Same, der in verschiedene Böden gepflanzt wird. In Krakau haben wir das Evangelium gegen den Atheismus gelebt – nicht mit alten Dekreten, sondern mit einem lebendigen Zeugnis. Das Konzil wollte die Kirche pastoral erneuern, damit sie nicht als Fremdkörper in der Geschichte wahrgenommen wird.


Marcel Lefebvre: Pastoral ohne Dogma ist Blindheit. Unter dem Vorwand des Aggiornamento haben Sie die Liturgie entkernt, die Disziplin aufgelöst und die Priesterseminare geleert. Sie haben versucht, den Modernismus zu taufen, aber der Modernismus hat stattdessen die Kirche infiltriert. Eine Kirche, die ständig versucht, „auf der Höhe der Zeit“ zu sein, wird morgen schon veraltet sein.