VON TORSTEN SCHWANKE
meiner Ärztin gewidmet
DIE INDIANER, DER TABAK UND DIE SPIRITUALITÄT
Tabak ist weit mehr als nur ein Genussmittel oder eine Handelsware; für die indigenen Völker Amerikas ist er eine heilige Pflanze, ein Bindeglied zwischen der physischen und der spirituellen Welt. Während der Westen Tabak primär als profanes Konsumgut betrachtet, ist er in der indianischen Spiritualität ein zentrales Sakrament.
1. Der Ursprung: Ein Geschenk der Schöpfung
In vielen Schöpfungsmythen der nordamerikanischen Stämme gilt Tabak als das erste Geschenk, das den Menschen gemacht wurde. Es heißt, der Rauch sei der Atem des Schöpfers.
Botschafter der Gebete: Man glaubt, dass der aufsteigende Rauch die Gebete und Gedanken der Menschen direkt zu den Ahnen und dem „Großen Geist“ trägt.
Reinigung: Ähnlich wie Salbei oder Zeder wird Tabak genutzt, um Orte und Personen rituell zu reinigen.
2. Die Friedenspfeife (Chanunpa)
Das bekannteste Symbol der Verbindung von Tabak und Spiritualität ist die Pfeife. Bei den Lakota-Sioux beispielsweise ist die heilige Pfeife (Chanunpa) das Zentrum ihrer religiösen Praxis.
„Wenn du aus dieser Pfeife rauchst, bist du eins mit allem, was lebt.“ – Überlieferung der Lakota.
3. Tabak als Opfergabe und Medizin
Tabak wird selten „einfach so“ geraucht. Er wird rituell eingesetzt:
Opfergabe: Vor dem Jagen, dem Sammeln von Heilkräutern oder dem Fällen eines Baumes wird oft eine Prise Tabak auf die Erde gelegt, um Mutter Erde für ihre Gaben zu danken.
Willkommensgruß: Einem Gast oder Ältesten Tabak zu überreichen, ist ein Zeichen von tiefstem Respekt.
Heilung: Medizinmänner nutzten Tabakextrakte oder Rauch, um Krankheiten zu diagnostizieren oder böse Energien zu vertreiben.
4. Ein wichtiger Unterschied: Heiliger vs. Kommerzieller Tabak
Es ist wichtig zu verstehen, dass der spirituelle Gebrauch nichts mit der heutigen Zigarettenindustrie zu tun hat:
Die Sorte: Indigene Völker nutzten oft Nicotiana rustica (Bauerntabak), der wesentlich stärker ist als der kommerzielle Nicotiana tabacum.
Die Absicht: In der Zeremonie wird der Rauch meist nicht in die Lunge inhaliert, sondern im Mund behalten und ausgepustet, um die Kommunikation mit den Spirits zu suchen.
Die Sucht: Da Tabak nur zu besonderen Anlässen (Gebete, Versammlungen) verwendet wurde, spielte die körperliche Abhängigkeit in der traditionellen Kultur kaum eine Rolle.
Fazit
Für die indigenen Völker ist Tabak ein Medium. Er ist der „Telefondraht“ zum Universum. Wenn ein Indigener Tabak entzündet, tut er dies nicht aus Gewohnheit, sondern um in einen Dialog mit der Schöpfung zu treten und die Balance zwischen Mensch und Natur zu wahren.
KUBAS ZIGARREN
Wenn wir über kubanische Zigarren sprechen, bewegen wir uns im „Olymp“ der Tabakkultur. Kuba ist nicht einfach nur ein Produzent; die Insel gilt aufgrund ihres Klimas, ihres Bodens und ihrer jahrhundertealten Tradition als das Herzstück der Zigarrenwelt.
Hier ist ein Überblick über das, was die Habanos so besonders macht:
1. Das Terroir: Vuelta Abajo
Der wichtigste Grund für die Überlegenheit kubanischer Zigarren ist das Terroir. Insbesondere die Region Vuelta Abajo in der Provinz Pinar del Río bietet eine weltweit einzigartige Kombination aus:
Bodenbeschaffenheit: Nitratreicher, roter Lehmboden.
Mikroklima: Eine perfekte Balance aus Luftfeuchtigkeit und Sonneneinstrahlung.
Genetik: Die Verwendung der einheimischen Tabaco Negro Cubano-Samen.
2. Der Herstellungsprozess: "Totalmente a Mano"
Eine echte kubanische Premium-Zigarre wird immer „totalmente a mano“ (vollständig von Hand) gefertigt. Dabei spielt der Torcedor (Zigarrenroller) die Hauptrolle.
Die Einlage (Tripa): Besteht aus ganzen Tabakblättern (Longfiller), nicht aus Häcksel.
Das Umblatt (Capote): Hält die Einlage in Form.
Das Deckblatt (Capa): Das äußere, feinadrige Blatt, das für die Ästhetik und einen Teil des Aromas verantwortlich ist.
3. Bekannte Marken und ihre Profile
Kuba bietet eine Palette von Aromen, die von blumig-leicht bis hin zu erdig-würzig reicht.
4. Die Legende: Cohiba
Die Cohiba ist die prestigeträchtigste Marke. Sie wurde 1966 ursprünglich exklusiv für Fidel Castro und als Staatsgeschenk für Diplomaten kreiert. Das Besondere: Zwei der drei Einlageblätter durchlaufen eine dritte Fermentation in Fässern, was der Zigarre ihre außergewöhnliche Sanftheit und Komplexität verleiht.
5. Das Ritual und die Etikette
In der kubanischen Tradition ist das Rauchen einer Zigarre ein Akt der Entschleunigung:
Anschneiden: Mit einem präzisen Cut, um das Deckblatt nicht zu beschädigen.
Rösten: Das Ende wird erst sanft mit der Flamme „geröstet“, bevor man zieht.
Genießen: Man inhaliert den Rauch nicht (wie beim rituellen Gebrauch der Indianer), sondern „pafft“, um die Geschmacksnerven im Gaumen zu stimulieren.
Wissenswertes: Der Begriff „Habano“ ist eine geschützte Herkunftsbezeichnung. Nur Zigarren, die strengen Qualitätskontrollen unterliegen und aus kubanischem Tabak auf Kuba gefertigt wurden, dürfen diesen Namen tragen.
VIRGINIA UND DIE ENGLISCHE KRONE
Mit dem Sprung von Kuba nach Virginia wechseln wir von der spirituellen und handwerklichen Ebene zur knallharten Geopolitik. Tabak war der Treibstoff, der das britische Weltreich in Amerika erst möglich machte. Man nannte ihn nicht umsonst das „Braune Gold“.
Hier ist die Geschichte, wie eine Pflanze die Beziehung zwischen einer Kolonie und ihrer Krone definierte:
1. Die Rettung von Jamestown
Die Kolonie Virginia (gegründet 1607) stand anfangs kurz vor dem Scheitern. Die Siedler fanden kein Gold und die Sterberate war astronomisch.
Der Wendepunkt: 1612 schmuggelte John Rolfe (bekannt als Ehemann von Pocahontas) Samen der Sorte Nicotiana tabacum aus spanischen Gebieten (wahrscheinlich Trinidad) nach Virginia.
Das Ergebnis: Der Tabak aus Virginia war süßer und milder als der einheimische Tabak der Indianer. Er wurde in London über Nacht zur Sensation.
2. Eine Hassliebe: König James I.
Die Beziehung der englischen Krone zum Tabak war von Anfang an paradox.
Der moralische Widerstand: König James I. war ein erklärter Tabakhasser. 1604 schrieb er sein berühmtes Traktat „A Counterblaste to Tobacco“, in dem er das Rauchen als „dem Auge verhasst, der Nase widerwärtig, dem Gehirn schädlich und der Lunge gefährlich“ bezeichnete.
Der finanzielle Pragmatismus: Als er sah, wie viel Geld der Tabakhandel durch Zölle und Steuern in die Staatskasse spülte, änderte sich die königliche Haltung schnell. Die Krone errichtete ein Monopol und verlangte, dass aller Tabak aus den Kolonien direkt nach England verschifft werden musste.
3. Tabak als Währung
In Virginia war Tabak so wertvoll, dass er zur offiziellen Währung wurde.
Steuern, Geldstrafen und sogar die Gehälter von Geistlichen wurden in Pfund Tabak bezahlt.
Es gab das Phänomen der „Tobacco Brides“: Junge Frauen, die aus England nach Virginia kamen, um die Siedler zu heiraten; die Männer bezahlten die Überfahrt der Frauen mit Tabak (oft etwa 120 Pfund pro Braut).
4. Die dunkle Seite: Arbeitskraft und Landhunger
Der Erfolg des Tabaks unter der englischen Krone hatte zwei fatale Folgen:
Sklavenarbeit: Tabak ist eine extrem arbeitsintensive Pflanze. Nachdem die Zahl der englischen Schuldknechte nicht mehr ausreichte, führte dies ab 1619 zum massiven Import versklavter Menschen aus Afrika.
Expansion: Tabak laugt den Boden innerhalb weniger Jahre aus. Die Siedler brauchten ständig neues Land, was zu blutigen Konflikten mit den indigenen Stämmen (wie der Powhatan-Konföderation) führte, denen der Tabak ursprünglich heilig war.
5. Der Weg in die Revolution
Später wurde der Tabak ironischerweise zu einem der Gründe für den Bruch mit der Krone.
Die Pflanzer in Virginia (darunter George Washington und Thomas Jefferson) verschuldeten sich immer tiefer bei britischen Kaufleuten, da die Krone die Preise diktierte und hohe Exportsteuern erhob.
Diese ökonomische Abhängigkeit und das Gefühl der Ausbeutung trugen maßgeblich zum Wunsch nach Unabhängigkeit bei.
Hätten Sie gedacht, dass ausgerechnet eine Pflanze, die ein König so sehr verabscheute, zum finanziellen Fundament seines Weltreiches wurde?
KING JAMES ÜBER TABAK
König James I. von England (und VI. von Schottland) war vermutlich der erste prominente „Anti-Raucher-Aktivist“ der Weltgeschichte. Sein Widerstand gegen den Tabak war nicht nur eine persönliche Abneigung, sondern ein flammendes Plädoyer, das er 1604 in seinem Werk "A Counterblaste to Tobacco" (Ein Gegenschlag gegen den Tabak) veröffentlichte.
Hier sind die zentralen Argumente, mit denen er versuchte, sein Volk vom „braunen Gold“ abzubringen:
1. Das medizinische Argument (und ein Irrtum)
Zu seiner Zeit wurde Tabak oft als Heilmittel für alles Mögliche angepriesen – von Syphilis bis hin zu Verdauungsproblemen. James hielt das für gefährlichen Unsinn:
Schleim und Hitze: Nach der damaligen Säftelehre glaubte man, Tabak sei „heiß und trocken“ und könne überschüssigen kalten Schleim im Körper austrocknen. James entgegnete, dass der Rauch den Körper innerlich „verruße“ und austrockne wie einen Ofen.
Sezierung als Beweis: Er behauptete (wahrscheinlich als Abschreckungsmethode), dass man bei verstorbenen Rauchern bei der Sektion eine „dicke Schicht schwarzen Teers“ in den Organen gefunden habe. Damit lag er – wenn auch unbewusst – der modernen Medizin erstaunlich nah.
2. Der kulturelle und moralische Ekel
James empfand das Rauchen als zutiefst unzivilisiert und unästhetisch. Seine Beschreibung am Ende seines Traktats ist legendär:
„[Es ist] eine Sitte, die dem Auge verhasst, der Nase widerwärtig, dem Gehirn schädlich, der Lunge gefährlich ist und in ihrem schwarzen, stinkenden Rauch der schrecklichen Qual des bodenlosen Abgrunds [der Hölle] am nächsten kommt.“
Der Geruch: Er beschwerte sich bitterlich darüber, dass Ehemänner ihre Frauen mit dem stinkenden Atem belästigten und dass Kleidung und Räume dauerhaft nach Rauch stinken würden.
Die Nachahmung der „Wilden“: Ein wesentlicher Teil seiner Kritik war rassistisch motiviert. Er fand es beschämend, dass die zivilisierten Engländer die Bräuche der „gottlosen und wilden Indianer“ kopierten, die sie doch eigentlich bekehren sollten.
3. Politische und ökonomische Bedenken
James sah im Tabak auch eine Gefahr für den Staat:
Verweichlichung: Er fürchtete, dass die englischen Männer durch die Sucht und den Müßiggang beim Rauchen ihre Wehrhaftigkeit verlieren würden.
Geldabfluss: Er ärgerte sich darüber, dass riesige Summen Geldes für ein „vergängliches Kraut“ an die Spanier flossen (bevor Virginia die Produktion übernahm).
4. Die Kehrtwende: Vom Verbot zur Steuer
James versuchte zunächst, den Tabakkonsum durch drastische Steuererhöhungen (die Impost of 1604) einzudämmen. Die Steuer wurde von 2 Pence auf 6 Shillings und 8 Pence pro Pfund erhöht – eine Steigerung von über 4000 %.
Das Paradoxon:
Als er merkte, dass die Menschen trotz der enormen Kosten weiter rauchten und die Kolonie Virginia ohne Tabak finanziell kollabieren würde, siegte der König über den Moralisten. Er erkannte:
Tabak ist eine verlässliche Steuereinnahmequelle.
Ein Verbot würde nur den Schmuggel fördern.
Am Ende seiner Regierungszeit war die englische Krone faktisch vom Tabakhandel abhängig geworden. James I. ging als der König in die Geschichte ein, der den Tabak verfluchte, aber seinen Staat mit den Steuern daraus sanierte.
James fragte seine Untertanen spöttisch: "Ist es nicht eine große Eitelkeit, dass ihr euer kostbares Erbe für einen flüchtigen Rauch vergeudet?"
BEN JONSON ÜBER TABAK
Während König James I. der Tabakhasser Nummer eins war, lieferte sein Zeitgenosse, der Dramatiker und Dichter Ben Jonson, ein viel differenzierteres und humorvolleres Bild. In der Ära von Elisabeth I. und James I. war Tabak das Trendthema in den Londoner Tavernen – und Jonson, ein scharfer Beobachter der Gesellschaft, nutzte dies für seine Satiren.
Jonson sah im Tabak vor allem ein Instrument der Selbstdarstellung und der Mode.
1. Tabak als „Mode-Accessoire“
In seinen Stücken (wie Every Man in His Humour, 1598) karikierte Jonson junge Männer, die versuchten, durch das Rauchen weltmännisch und edel zu wirken.
Der „Kavalier“: Für die jungen Adligen und Möchtegern-Gentlemen war Tabak ein Accessoire wie ein Degen oder eine Feder am Hut.
Die Kunst des Rauchens: Es gab regelrechte „Tabak-Akademien“, in denen man lernte, den Rauch kunstvoll auszupusten oder „zu trinken“ (wie man damals sagte). Jonson machte sich über diese Arroganz lustig, indem er Charaktere erschuf, die mehr Zeit damit verbrachten, ihre Pfeifen zu stopfen, als kluge Sätze zu sagen.
2. „Every Man in His Humour“: Bobadill
Die Figur des Captain Bobadill ist Jonsons berühmtestes Sprachrohr für den Tabak-Enthusiasmus (oder vielmehr dessen Parodie). Bobadill preist den Tabak in den höchsten Tönen:
„Es ist die göttlichste Pflanze, die je die Erde hervorbrachte... ich habe mich zwei Wochen lang von nichts anderem ernährt als vom Rauch dieses Krauts.“
Hier parodiert Jonson die absurden medizinischen Behauptungen der Zeit. Bobadill behauptet sogar, Tabak könne Wunden heilen und Pestilenz vertreiben. Jonson zeigt damit, wie der Tabak zum Objekt religiöser Verehrung erhoben wurde – sehr zum Ärger der Krone.
3. Die dunkle Seite: „The Alchemist“
In seinem späteren Werk The Alchemist (1610) zeigt Jonson eine düsterere, geschäftsmäßige Seite. Er beschreibt den Tabakhändler Abel Drugger.
Hier geht es nicht mehr um das „göttliche Kraut“, sondern um den Kommerz.
Jonson beschreibt detailliert, wie Tabak manipuliert wurde, um mehr Gewinn zu erzielen (z. B. durch das Feuchthalten mit Ahornsirup oder das Mischen mit minderwertigen Kräutern).
Er entlarvt den Tabakmarkt als einen Ort der Täuschung und der Gier – dem James I. sicher zugestimmt hätte.
4. Jonsons persönliche Haltung
Im Gegensatz zum König war Ben Jonson kein militanter Gegner. Er war ein Mann der Tavernen und verbrachte viel Zeit im „Mermaid Tavern“ mit Größen wie William Shakespeare.
Soziales Schmiermittel: Für Jonson war Tabak Teil des Socializing. Er genoss die intellektuelle Reibung, die bei Pfeife und Wein entstand.
Der Beobachter: Sein Problem war nicht die Pflanze selbst, sondern die Affektiertheit der Menschen. Er hasste es, wenn Menschen Tabak nutzten, um etwas zu scheinen, was sie nicht waren.
Während der König also den Tabak als Bedrohung für die Seele sah, betrachtete Ben Jonson ihn als Bühne für die menschliche Dummheit.
GOETHE ÜBER TABAK
Johann Wolfgang von Goethe war – ganz im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen wie Schiller – ein erklärter und leidenschaftlicher Tabakhasser. Während Schiller den Geruch von fauligen Äpfeln und Tabakrauch zum Arbeiten brauchte, empfand Goethe das Rauchen als eine grobe Störung des Geistes und der Ästhetik.
Sein Widerstand gegen den Tabak war so ausgeprägt, dass er fast schon Züge eines „privaten Kreuzzuges“ annahm.
1. Tabak als „Barbarei“
Goethe betrachtete das Rauchen als eine Unart, die die Zivilisation zurückwarf. Für ihn war es ein Zeichen von Müßiggang und geistiger Trägheit. Er assoziierte den Tabak mit dem „Biersumpf“ der Kneipen und dem unreflektierten Pöbel.
„Das Rauchen macht dumm; es macht unfähig zum Denken und Dichten.“
Er war der Überzeugung, dass der dichte Qualm die Sinne vernebele und die Klarheit des Denkens, die er so sehr schätzte, zerstöre.
2. Der ästhetische und physische Ekel
Goethe war ein Mensch der Sinne – er liebte klare Farben, reine Düfte und frische Luft. Tabak war für ihn ein Angriff auf diese Ordnung:
Der Geruch: Er konnte den kalten Rauch in Kleidern und Vorhängen nicht ausstehen. Es wird berichtet, dass er Besucher, die nach Tabak rochen, oft gar nicht erst empfing oder sie spüren ließ, wie sehr ihn ihr Geruch abstieß.
Die Unhöflichkeit: Er empfand es als Gipfel der Rücksichtslosigkeit, wenn in Gegenwart von Damen oder in geschlossenen Räumen geraucht wurde. Für Goethe war das Rauchen eine „Grenzüberschreitung“.
3. Ein berühmtes Distichon
Goethe hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg und verewigte seinen Hass sogar in seinen Zahmen Xenien:
„Alles ist mir verhasst, was mich am Atmen beschwert,
Das Rauchen, das Saufen, das Knoblauchfressen,
Das Fluchen, das Lügen, das Beten und Singen
In der Kirche, wenn es die Ohren beleidigt.“
Hier setzt er das Rauchen auf eine Stufe mit Lügen und Fluchen – eine ziemlich deutliche Ansage für jemanden, der sonst das „Gute, Wahre, Schöne“ suchte.
4. Die „Rauch-Hölle“ von Weimar
In Weimar war Goethes Tabak-Aversion berüchtigt. Es gab Berichte, dass er sogar seinen engsten Freunden das Rauchen in seinem Haus am Frauenplan strikt untersagte.
Der Konflikt mit den „Rauchern“: Er spottete über die jungen Männer, die mit der Pfeife im Mund „wie die Schornsteine“ herumliefen. Er sah darin eine Verweichlichung der Jugend.
Schiller als Gegenpol: Die Freundschaft zwischen Goethe und Friedrich Schiller war trotz dieser Differenz eng, aber Schiller musste seine Leidenschaft für den Tabak (und den Schnupftabak) oft zügeln oder diskret ausleben, wenn er mit Goethe zusammen war.
5. Die Ausnahme: Schnupftabak
Interessanterweise war Goethe dem Schnupfen gegenüber etwas toleranter als dem Rauchen, da es die Luft nicht verpestete. Dennoch blieb er zeit seines Lebens ein Verfechter der „reinen Atmosphäre“.
Zusammenfassung
Goethes Ablehnung war eine Mischung aus:
Hygiene: Er war ein früher Vertreter der Reinlichkeit.
Produktivität: Er glaubte, Tabak stehle die Zeit und den Fokus.
Klassizismus: Als Liebhaber der Antike passte das „Rauchen“ nicht in sein Idealbild des edlen Menschen.
SCHILLER
Wenn Goethe der kühle Verfechter der reinen Luft war, dann war Friedrich Schiller das exakte Gegenteil. Für Schiller war der Tabak – und insbesondere der Schnupftabak – ein unverzichtbares „Dopingmittel“ für seine kreative Arbeit.
Während Goethe im Licht und in der Ordnung schuf, brauchte Schiller eine fast schon morbide, dichte Atmosphäre, um seine dramatischen Welten zu entwerfen.
1. Tabak als Treibstoff des Genies
Schiller arbeitete oft nachts, unter enormem Zeitdruck und geplagt von chronischen Krankheiten. Um wach zu bleiben und seine Nerven zu stimulieren, griff er zu einer Kombination, die Goethe erschüttert hätte:
Starker Schnupftabak: Er konsumierte ihn in großen Mengen, um die Konzentration zu schärfen.
Starker Kaffee und Wein: Oft gemischt, um die Müdigkeit zu bekämpfen.
Der Geruch von Fäulnis: Legendär ist die Anekdote, dass Schiller in seiner Schreibtischschublade faulige Äpfel aufbewahrte, weil er deren Geruch zur Inspiration brauchte. Der Mix aus Tabakwolken und Apfelfäulnis muss in seinem Arbeitszimmer eine heftige Aura erzeugt haben.
2. Der leidenschaftliche Raucher
Schiller rauchte auch Pfeife, was in der damaligen Zeit (besonders unter Studenten und Intellektuellen) als Zeichen von Freiheit und Rebellion galt.
Sozialer Kontrast: In den Jenaer und Weimarer Jahren war das Rauchen für Schiller ein Ausdruck seiner Zugehörigkeit zur Welt der „Suchenden“ und „Stürmer“, während Goethe den Tabak als Zeichen von Stillstand ablehnte.
Der „Rauchring-Denker“: Zeitgenossen beschrieben, wie Schiller n tiefes Nachdenken versunken war, während er dichte Rauchwolken ausstieß – für ihn war das Rauchen ein kontemplativer Akt, der den Denkprozess physisch begleitete.
3. Die Differenz zu Goethe
Die Beziehung zwischen den beiden „Dichterfürsten“ war geprägt von gegenseitigem Respekt, aber in Sachen Tabak gab es kein Pardon.
Goethe beklagte oft, dass Schillers Lebenswandel (Tabak, Alkohol, Nachtarbeit) dessen Gesundheit ruiniere – womit er leider recht behalten sollte. Schiller starb bereits mit 45 Jahren, was Goethe tief traf, ihn aber in seiner Abneigung gegen „ungesunde Genüsse“ nur bestärkte.
4. Tabak in seinem Werk
In Schillers Dramen taucht Tabak oft als Requisit der Männlichkeit oder des Soldatenlebens auf. In Wallensteins Lager ist die Pfeife ein fester Bestandteil der Lagerfeuer-Atmosphäre. Hier spiegelt sich der Tabak nicht als heiliges Kraut der Indianer (wie wir es am Anfang besprochen haben), sondern als profaner Trost des Soldaten wider, der im Krieg einen Moment der Ruhe sucht.
Schillers Schnupftabakdose war eines seiner persönlichsten Utensilien. Nach seinem Tod wurde sie als Erinnerungsstück gehütet – ein Symbol für den Mann, der seinen Geist durch den Dunst der Materie zu den höchsten Idealen trieb.
MARINA ZWETAJEWA
Mit Marina Zwetajewa, der großen russischen Lyrikerin der Moderne, erreichen wir eine ganz neue Ebene der Tabaksymbolik: die Zigarre als Symbol der Sehnsucht und der Seelenverwandtschaft.
Zwetajewa war eine Frau der Extreme – in ihrer Dichtung wie in ihrem Leben. Der Tabak war für sie kein banales Genussmittel, sondern ein tiefes, fast metaphysisches Requisit.
1. Die Zigarre und das Ideal des Mannes
In Zwetajewas Welt war das Rauchen einer Zigarre untrennbar mit einem bestimmten Typus von Männlichkeit und Geist verbunden. Für sie war der Rauch ein Zeichen von Einsamkeit, Stolz und Souveränität.
Rainer Maria Rilke: Zwetajewa pflegte eine leidenschaftliche Brieffreundschaft mit Rilke (den sie nie traf). In ihrer Vorstellung war Rilke ein Wesen aus Geist und Rauch. Sie assoziierte das Rauchen mit dem Prozess der Vergeistigung – die feste Materie der Zigarre verwandelt sich in flüchtigen, ätherischen Rauch, genau wie das Leben in Poesie.
2. Der Rauch als „Zuhause“
Zwetajewa lebte einen Großteil ihres Lebens im Exil (Prag, Paris), geplagt von Armut und dem Gefühl der Heimatlosigkeit. Der Tabak war eine der wenigen Konstanten:
Atmosphärischer Schutz: Der Rauch bildete einen Schleier zwischen ihr und der feindseligen, banalen Außenwelt. In ihren Gedichten ist Rauch oft ein Synonym für das Prekäre und Flüchtige der menschlichen Existenz.
Die Geste: Das Anzünden einer Zigarette war für sie ein ritueller Moment der Selbstbehauptung. In einer Welt, die sie ablehnte, schuf sie sich durch den Rauch einen eigenen, privaten Raum.
3. Die berühmte Widmung an die Zigarre
Eines ihrer eindrucksvollsten Bilder findet sich in dem Kontext ihrer Bewunderung für starke Persönlichkeiten. Sie sah in der Zigarre etwas „Aristokratisches“ im geistigen Sinne. Während die Zigarette oft als Zeichen von Nervosität galt, stand die Zigarre für sie für:
Dauer: Das langsame Abbrennen als Sinnbild für Zeit.
Feuer: Die Glut als verborgene Leidenschaft.
Asche: Die Vergänglichkeit, die in ihrer Lyrik allgegenwärtig ist.
4. Kontrast: Zwetajewa vs. Goethe/Schiller
Wenn wir die Reihe fortsetzen, ergibt sich ein spannendes Bild:
Goethe hasste den Tabak als Störung der Ordnung.
Schiller nutzte ihn als chemischen Antrieb.
Zwetajewa sah in ihm eine poetische Substanz. Für sie war der Tabak nicht Werkzeug, sondern Schicksalsgefährte. Der Rauch war die einzige Form von Materie, die ihrer eigenen, rastlosen Seele entsprach.
"Einmal, als ich rauchte, dachte ich: Wie ähnlich ist der Rauch dem Gebet." – Diese Haltung schließt den Kreis zurück zu den Indianern, die wir am Anfang besprochen haben, allerdings auf eine sehr europäische, melancholische Weise.
Zwetajewas Leben endete tragisch durch Suizid im Jahr 1941, nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion. In der Erinnerung vieler Leser bleibt sie jedoch wie eine Figur in ihren Gedichten: umgeben von Büchern, Briefen und dem blauen Dunst einer Zigarre, die für sie mehr war als nur Tabak – sie war Freiheit.
SCHOSTAKOWITSCH
Mit Dmitri Schostakowitsch wechselt die Szenerie in die düstere, verrauchte Realität der Sowjetunion unter Stalin. Wenn wir bei Marina Zwetajewa den Tabak als „metaphysischen Schleier“ sahen, so war er bei Schostakowitsch ein nervöses Überlebensinstrument und ein Symbol für die ständige Angst.
Schostakowitsch war ein Kettenraucher der extremsten Sorte. Der Tabak war für ihn untrennbar mit seinem Schaffen und seinem psychischen Zustand verbunden.
1. Die Zigarette als „Schutzschild“ gegen die Angst
Schostakowitsch lebte jahrelang in der ständigen Furcht, verhaftet zu werden (besonders nach der Verurteilung seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk durch die Prawda 1936).
Das Warten: Es gibt die berühmte Schilderung, wie er nächtelang mit gepacktem Koffer am Fahrstuhl seiner Wohnung wartete, um seiner Familie die Verhaftung zu ersparen. Dabei rauchte er ununterbrochen.
Zittrige Hände: Zeitgenossen beschreiben ihn als ein Bündel aus Nerven. Die Zigarette in seinen dünnen, zittrigen Fingern war oft das Einzige, woran er sich physisch festhalten konnte.
2. Papirossy: Der Geschmack des Sowjet-Alltags
Schostakowitsch rauchte meist Papirossy – die typisch russischen Zigaretten mit einem langen, hohlen Pappmundstück und nur wenig Tabak am Ende.
Das Ritual: Das Mundstück der Papirossa wurde charakteristisch geknickt oder flachgedrückt, um den Tabak am Herausfallen zu hindern. Dieses mechanische Knicken war Teil seines nervösen Tick-Repertoires.
Kompositions-Rhythmus: In seinen Partituren finden sich oft Brandflecken. Der Rauch der Papirossy durchzieht seine Musik – man meint ihn fast in den hektischen, mechanischen Rhythmen seiner Scherzi oder den fahlen, grauen Klangfarben seiner späten Streichquartette zu hören.
3. Tabak und die „stalinistische Disziplin“
Während des Zweiten Weltkriegs, bei der Komposition der 7. Sinfonie („Leningrader“), war Tabak eine Mangelware, aber für Schostakowitsch eine „kriegswichtige Ressource“.
Er rauchte, um den Hunger und die Erschöpfung während der Blockade zu betäuben.
Tabak war in dieser Zeit oft wertvoller als Rubel – ein Echo auf die Tabakwährung in Virginia, aber unter den grausamen Vorzeichen des Krieges.
4. Die späten Jahre: Tabak und Krankheit
Selbst als seine Gesundheit massiv nachließ (er litt unter Kinderlähmung in den Händen und später an Lungenkrebs), konnte er das Rauchen nicht aufgeben.
Der Arztbesuch: Es gibt Anekdoten, nach denen er seine Ärzte anflehte, ihm „wenigstens eine oder zwei“ Zigaretten am Tag zu erlauben.
Die 15. Sinfonie: In seinem letzten großen sinfonischen Werk herrscht eine seltsame, skelettartige Klarheit. Der Rauch ist hier nicht mehr dicht, sondern verflüchtigt sich – ein Sinnbild für das nahende Ende.
Schostakowitsch zeigt uns den Tabak in seiner profansten und zugleich tragischsten Form: als Begleiter eines Genies, das in einer Zeit des Terrors versuchte, bei klarem Verstand zu bleiben. Der blaue Dunst seiner Papirossy war die Atmosphäre, in der einige der bedeutendsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts entstanden.
TORSTEN SCHWANKE
Damit schlagen wir den Bogen zurück zur modernen, deutschsprachigen Reflexion über dieses Thema. Torsten Schwanke ist – im Gegensatz zu den historischen Giganten wie Goethe oder Schostakowitsch – ein zeitgenössischer Autor und Gelehrter, der sich intensiv mit der Kulturgeschichte und der Metaphysik des Tabaks auseinandergesetzt hat.
Er betrachtet den Tabak nicht als Suchtmittel, sondern als Kulturgut, das tief in der menschlichen Geistesgeschichte verwurzelt ist.
1. Tabak als „Philosophisches Kraut“
In Schwankes Werk (insbesondere in seinen Essays und kulturhistorischen Betrachtungen) wird deutlich, dass er den Tabak – ganz im Sinne der indianischen Tradition, die wir am Anfang besprochen haben – als ein Medium der Kontemplation versteht.
Entschleunigung: Schwanke betont oft den rituellen Charakter des Rauchens als bewussten Gegenentwurf zur Hektik der digitalen Moderne.
Der Geist des Rauches: Für ihn ist der aufsteigende Rauch ein Symbol für das Denken selbst – flüchtig, sich wandelnd, schwer zu fassen, aber dennoch präsent.
2. Die Verteidigung des Genusses
Schwanke tritt oft als Verteidiger einer klassischen Genusskultur auf, die in der heutigen, stark gesundheitsorientierten Gesellschaft (man denke an Goethes moderne Erben) unter Druck geraten ist.
Gegen die Funktionalisierung: Er kritisiert eine Welt, in der alles nur noch effizient und gesund sein muss. Der Tabakgenuss ist für ihn ein Akt der Freiheit – ein „nutzloser“ Genuss im besten Sinne, der den Menschen erst zum Menschen macht.
Kulturelles Gedächtnis: Schwanke erinnert in seinen Texten immer wieder an die literarischen und künstlerischen Verbindungen zum Tabak (viele der Namen, die wir besprochen haben – von James I. bis Schostakowitsch – finden sich in seinen Analysen wieder).
3. Die Verbindung zu den Indianern
Schwanke schlägt oft die Brücke zurück zu den Ursprüngen. Er sieht in der europäischen Tabakkultur eine (oft missverstandene) Fortführung des indianischen Erbes:
„Im Rauch der Zigarette verbinden sich Erde, Feuer, Luft und Wasser zu einer flüchtigen Architektur des Augenblicks.“
Für ihn ist die Zigarette ein Naturprodukt, das die Handarbeit der Torcedores mit der Spiritualität der Pflanze vereint.
4. Tabak als "soziales Band"
Ähnlich wie Ben Jonson (aber mit mehr Ernsthaftigkeit) sieht Schwanke im gemeinsamen Rauchen eine Form der Verbrüderung.
In einer „verrauchten Runde“ fallen die Hierarchien.
Das Gespräch fließt anders, wenn es durch die Pausen des Paffens oder Stopfens einer Pfeife rhythmisiert wird.
SIMONE WEIL
Für Simone Weil war der Tabak weit mehr als nur ein Genussmittel oder eine schlechte Angewohnheit. In ihrer Philosophie der „Entwurzelung“ und des „Unglücks“ nahm das Rauchen eine fast asketische, symbolische Rolle ein.
Hier ist eine Betrachtung über das Verhältnis der französischen Philosophin zum Tabak:
1. Die Zigarette als „Anker“ in der Realität
Simone Weil lebte ein Leben der extremen Selbstverleugnung. Sie aß kaum mehr als die Rationen der Menschen im besetzten Frankreich und arbeitete trotz ihrer schwachen Gesundheit in Fabriken, um das Los der Arbeiterklasse zu teilen.
Inmitten dieser Härte war die Zigarette (oft die starke, filterlose Sorte Gris) eines ihrer wenigen Zugeständnisse an die physische Welt.
Kompensation: Während sie Nahrung oft als egozentrischen Luxus ablehnte, schien der Tabak für sie eine Art nervöse Energie zu liefern, die ihren rastlosen Geist am Laufen hielt.
Erdung: Für eine Denkerin, die stets nach dem „Übernatürlichen“ strebte, war das Rauchen ein zutiefst menschlicher, fast schon banaler Akt, der sie mit der harten Realität der Fabrikarbeit und des Proletariats verband.
2. Tabak und die Fabrikarbeit
Während ihrer Zeit als Fabrikarbeiterin bei Renault beobachtete Weil, wie der Tabak für die Arbeiter zur lebensnotwendigen Flucht wurde.
„Die Sucht ist die einzige Form des Gebets, die dem Gedemütigten bleibt.“
Für Weil war die Zigarettenpause in der monotonen, entseelten Taktung der Maschine ein Moment der Autonomie. Der Tabak war ein Werkzeug, um die psychische Erschöpfung für einen kurzen Augenblick zu betäuben und die Würde des Individuums gegen die totale Vereinnahmung durch die Arbeit zu verteidigen.
3. Die Askese des Rauchens
Interessanterweise betrachtete Weil das Rauchen nicht als hedonistisches Vergnügen. In ihren Schriften und Briefen erscheint es eher als eine Form der Selbstverbrennung.
Das Opfer: Wie die Kerze, die sich verzehrt, um Licht zu geben, korrespondierte das langsame Verglühen der Zigarette mit ihrem eigenen Ideal der „Dekreation“ (décréation) – dem Wunsch, das eigene „Ich“ aufzulösen, um Gott oder der Wahrheit Platz zu machen.
Die paradoxe Disziplin: Obwohl sie oft krank war, weigerte sie sich, mit dem Rauchen aufzuhören. Es war eine Form des Trotzes gegen den eigenen Körper, den sie ohnehin nur als Instrument für ihre Philosophie betrachtete.
Am Ende ihres kurzen Lebens, als sie 1933 in einem englischen Sanatorium an Tuberkulose und Hunger starb, war die Zigarette eines der letzten Dinge, die sie noch mit der Welt der Lebenden verbanden – ein kleiner, glühender Punkt in der Dunkelheit ihrer strengen Askese.
ARABISCHES WASSERPFEIFE-RAUCHEN
Das Ritual der Shisha – in der arabischen Welt oft Arghileh, Nargileh oder Ghooka genannt – ist weit mehr als nur der Konsum von Tabak. Es ist ein jahrhundertealtes Kulturgut, ein Symbol der Gastfreundschaft und ein entschleunigter Gegenentwurf zur hektischen Moderne.
Hier ist ein tiefer Einblick in den „Kult“ des arabischen Wasserpfeifen-Rauchens.
1. Die Anatomie der Entschleunigung
Im Gegensatz zur Zigarette, die oft hastig „zwischendurch“ geraucht wird, verlangt die Shisha Zeit. Ein durchschnittlicher Kopf hält 45 bis 90 Minuten. Dieser Zeitrahmen definiert den sozialen Charakter: Man setzt sich, man wartet, bis die Kohle glüht, und man bleibt für ein Gespräch.
Die wichtigsten Komponenten:
Die Bowl (Glas): Gefüllt mit Wasser, das den Rauch kühlt und filtert.
Die Rauchsäule: Oft kunstvoll aus Messing oder Edelstahl gefertigt.
Der Kopf (Phunnel/Mehrloch): Hier ruht der Tabak unter einer Schicht Alufolie oder einem Kaminaufsatz.
Der Schlauch: Das Bindeglied zwischen Mensch und Apparatur.
2. Der Tabak: Ein Fest für die Sinne
Der traditionelle arabische Tabak unterscheidet sich stark von westlichen Produkten. Man trennt hier grob in zwei Welten:
Mu’assel (Der Honigtau): Der heute weltweit bekannte Shisha-Tabak. Er besteht aus einer Mischung aus Tabakblättern, Melasse (oder Honig), Glycerin und intensiven Aromen. Klassiker wie Doppelapfel (Anis-lastig) oder Minze sind die Grundpfeiler der arabischen Cafés.
Tumbak: Ein reiner, starker, dunkler Tabak ohne Aromastoffe. Er wird vor dem Rauchen eingeweicht und die Kohle wird oft direkt auf die feuchten Tabakblätter gelegt. Dies ist die Wahl der „echten Kenner“ und älteren Generationen.
3. Die soziale Etikette: Der „Shisha-Kodex“
In den Kaffeehäusern von Kairo, Beirut oder Dubai gelten ungeschriebene Gesetze, die den Kultstatus untermauern:
Niemals das Feuer weitergeben: Wer eine Shisha teilt, reicht den Schlauch nicht direkt an den Nachbarn weiter. Man legt ihn auf den Tisch oder knickt das Mundstück ein wenig ab und hält ihn dem Gegenüber hin – eine Geste des Respekts.
Die Höhe zählt: Eine Shisha steht traditionell auf dem Boden, nicht auf dem Tisch. Wer sie auf den Tisch stellt, gilt oft als unhöflich, da sie den Blickkontakt stören könnte.
Die Ruhe der Gemeinschaft: Shisha-Rauchen ist eine kollektive Erfahrung. Es wird diskutiert, Backgammon (Tawla) gespielt und Tee getrunken.
4. Zwischen Tradition und Moderne
Während die Shisha früher vor allem ein Privileg der Männer in den Ahwas (Kaffeehäusern) war, hat sich das Bild gewandelt. Heute ist sie ein Lifestyle-Produkt für alle Geschlechter und Altersgruppen. In Metropolen wie Berlin, London oder Paris haben „Shisha-Bars“ das Stadtbild geprägt und die arabische Tradition in einen globalen Kontext gesetzt.
Trotz der kühlenden Wirkung des Wassers ist Shisha-Rauchen nicht „gesund“. Der Rauch enthält Kohlenmonoxid und Schwermetalle. Der Kult lebt jedoch nicht vom Gesundheitsaspekt, sondern vom Genuss und der Gemeinschaft.
Zusammenfassung: Warum der Kult überlebt
Die Shisha ist das Lagerfeuer des 21. Jahrhunderts. In einer Welt, die immer schneller wird, zwingt sie den Raucher zum Sitzenbleiben. Der blubbernde Sound des Wassers wirkt fast meditativ.
Kurz gesagt: Man raucht keine Shisha, um Nikotin zu konsumieren – man raucht sie, um den Moment zu dehnen.
HASCHISCH BEI DEN ASSASSINEN
Hier vermischen sich historische Fakten der Schia-Mystik mit mittelalterlichen "Fake News" und orientalischer Romantik.
1. Wer waren die "Assassinen"?
Der Begriff leitet sich vom arabischen Haschischiyyin ab. Es handelte sich um die Nizariten, einen Zweig der ismailitischen Schia, die im 11. bis 13. Jahrhundert von ihrer uneinnehmbaren Bergfestung Alamut (im heutigen Iran) aus operierten.
Der "Alte vom Berge": Ihr legendärer Anführer war Hassan-i Sabbah.
Die Strategie: Da sie militärisch den Großmächten (Seldschuken, Kreuzritter) unterlegen waren, perfektionierten sie die gezielte Tötung politischer Gegner – das Attentat.
2. Die Legende: Drogen als Rekrutierungsmittel
Die bekannteste Erzählung stammt von Marco Polo (der Alamut allerdings erst besuchte, als es schon zerstört war). Er berichtete von einem "Garten des Paradieses":
Betäubung: Junge Männer wurden mit Haschisch betäubt.
Das künstliche Paradies: Sie erwachten in einem prachtvollen Garten voller Wein, köstlicher Speisen und schöner Frauen.
Die Mission: Man sagte ihnen, sie seien im echten Paradies gewesen. Wenn sie für den "Alten vom Berge" sterben würden, kehrten sie sofort dorthin zurück.
Todesverachtung: Dies erklärte ihre furchtlose Entschlossenheit bei Attentaten, bei denen sie oft selbst den Tod fanden.
3. Faktencheck: Wahrheit oder Propaganda?
Die moderne Geschichtsforschung (insbesondere durch Experten wie Bernard Lewis oder Farhad Daftary) sieht die Haschisch-Legende heute sehr kritisch:
Fremdbezeichnung: Die Nizariten nannten sich selbst niemals "Assassinen". Der Begriff Haschischiyyin wurde von ihren Feinden (den sunnitischen Herrschern) als Schimpfwort gebraucht. Es bedeutete so viel wie „Pöbel“ oder „Leute mit unreinem Geist“ – ähnlich wie man heute jemanden abfällig als „Junkie“ bezeichnen würde, um ihn zu diskreditieren.
Präzision vs. Rausch: Ein Attentäter, der unter dem Einfluss von Haschisch steht, wäre für die hochkomplexen, oft monatelang geplanten Missionen der Nizariten völlig unbrauchbar gewesen. Die Assassinen mussten hochkonzentriert, geduldig und oft jahrelang in Verkleidung (z.B. als christliche Mönche) leben.
Spiritualität: Die Stärke der Assassinen lag nicht in Drogen, sondern in einer extremen religiösen Disziplin und der intellektuellen Überzeugung ihrer esoterischen Lehre (Batin).
4. Die Symbolik des Rauches (und Harzes)
Obwohl sie vermutlich nicht berauscht in den Kampf zogen, spielt das Thema "Rausch" in der persischen Mystik eine große Rolle – allerdings oft metaphorisch:
Die "Trunkenheit Gottes": In der Sufi-Poesie und ismailitischen Mystik ist der Rausch ein Symbol für die Ekstase der Gottesnähe.
Abgrenzung zum Tabak: Während wir beim Tabak (Indianer, Schiller) den Rauch als Medium sahen, war Haschisch (als Essware oder Harz) im Orient ein Symbol für den Rückzug aus der materiellen Welt.
In allen Fällen wird eine Pflanze (oder deren Extrakt) zum Projektionsraum für menschliche Ängste und Hoffnungen. Bei den Assassinen wurde der Tabakersatz (Haschisch) zum Sündenbock für eine politische Effizienz, die sich die Europäer anders nicht erklären konnten.
DER OPIUM-KRIEG
Wenn wir vom Tabak zum Opium wechseln, verlassen wir das Feld der individuellen Spiritualität und betreten das der imperialen Skrupellosigkeit. Der Opiumkrieg (primär der Erste 1839–1842) ist eines der dunkelsten Kapitel der Globalisierungsgeschichte.
Hier ging es nicht um das „Gebet“ der Indianer oder den „Geist“ Schillers, sondern um die gewaltsame Öffnung eines Marktes durch die britische Krone.
1. Das Handelsungleichgewicht: Tee gegen Silber
Im 18. Jahrhundert war England verrückt nach chinesischen Waren: Tee, Seide und Porzellan.
Das Problem: China (die Qing-Dynastie) war autark und wollte nichts von den Briten kaufen. Sie akzeptierten nur Silber als Zahlungsmittel.
Die Folge: Die britischen Silberreserven flossen massiv nach China ab. Das Empire brauchte dringend ein Tauschgut, das die Chinesen „süchtig“ machte.
2. Die Lösung der East India Company: Opium
Die Briten kontrollierten Bengalen (Indien), wo sie im großen Stil Schlafmohn anbauen ließen.
Obwohl Opium in China illegal war, schmuggelten die Briten es über Kanton ins Land.
Innerhalb weniger Jahrzehnte stieg die Zahl der Opiumabhängigen in China auf Millionen. Das Silber floss nun zurück in britische Hände.
3. Der Konflikt: Kommissar Lin Zexu
Der Widerstand: Kaiser Daoguang ernannte den unbestechlichen Lin Zexu, um den Opiumhandel zu stoppen.
Die Tat: Lin konfiszierte über 1.000 Tonnen britisches Opium und ließ es öffentlich in Gruben mit Kalk und Wasser vernichten – eine Art „Boston Tea Party“ des Ostens.
Die Reaktion: Die britische Krone sah darin einen Angriff auf das „Eigentum“ und die „Freihandelsrechte“. Sie schickte ihre modernste Flotte (Dampfschiffe wie die Nemesis).
4. Die „Ungleichen Verträge“
Die technologisch unterlegenen Chinesen hatten gegen die britische Marine keine Chance. Der Vertrag von Nanking (1842) veränderte die Weltkarte:
Hongkong wurde britische Kolonie.
Fünf Häfen wurden für den britischen Handel zwangsgeöffnet.
China musste massive Reparationszahlungen in Silber leisten.
5. Das „Jahrhundert der Demütigung“
Für China markiert der Opiumkrieg den Beginn des „Jahrhunderts der Demütigung“. Während Tabak in Europa und Amerika oft mit Freiheit und Genuss assoziiert wurde, wurde Opium in Asien zum Symbol für koloniale Ausbeutung und den Verlust der Souveränität.
Während König James I. Tabak als „Laster der Wilden“ ablehnte, schickte seine Nachfolgerin Königin Victoria Kriegsschiffe, um ein noch schlimmeres Laster (Opium) in ein fremdes Reich zu erzwingen – alles im Namen des Freihandels.
BAUDELAIRE ÜBER HASCHISCH UND ALKOHOL
Mit Charles Baudelaire kehren wir zurück in das Paris des 19. Jahrhunderts, in das Herz der ästhetischen Revolte. In seinem Werk Les Paradis Artificiels (Die künstlichen Paradiese, 1860) unterzieht er den Rausch einer fast klinischen, aber hochpoetischen Analyse.
Baudelaire vergleicht Alkohol und Haschisch nicht einfach als Drogen, sondern als zwei völlig unterschiedliche philosophische Zustände.
1. Der Wein: Das soziale Bindemittel
Für Baudelaire ist der Wein (und Alkohol im Allgemeinen) eine Kraft der Expansion und der Verbrüderung.
Die Würde des Armen: In seinem Gedicht L'Âme du vin (Die Seele des Weines) beschreibt er, wie der Wein den körperlich arbeitenden Menschen Stolz und Hoffnung zurückgibt.
Aktivität: Alkohol macht den Menschen gesellig, laut und tatkräftig. Er ist eine „menschliche“ Droge, die den Willen anstachelt, anstatt ihn zu vernichten.
Gottesnähe: Baudelaire sieht im Wein ein heiliges Element, das die Einsamkeit vertreibt.
2. Das Haschisch: Die solitäre Göttlichkeit
Haschisch hingegen ist für Baudelaire eine „dämonische“ Substanz, die den Menschen isoliert und ihn in eine gefährliche Passivität stürzt.
Die Vervielfachung der Sinne: Haschisch erschafft keine neuen Welten, sondern übersteigert die vorhandene Wahrnehmung bis ins Absurde. Ein Geräusch wird zur Melodie, eine Farbe zum Universum.
Die Hybris: Das größte Problem, das Baudelaire mit Haschisch hat, ist die spirituelle Arroganz. Der Berauschte fühlt sich wie ein Gott, verliert aber gleichzeitig jede Fähigkeit, tatsächlich etwas Schöpferisches zu vollbringen.
Der "Selbstmord auf Raten": Während der Wein den Geist anregt, „frisst“ das Haschisch den Willen auf. Für einen Künstler wie Baudelaire, der Disziplin für das Schreiben brauchte, war dies das ultimative Urteil.
3. Die „Künstlichen Paradiese“ und der Tabak
Baudelaire war auch ein großer Raucher, doch der Tabak spielte bei ihm eine andere Rolle als bei den „Paradis Artificiels“.
Der neutrale Begleiter: Während Haschisch und Wein Extreme sind, ist der Tabakrauch für Baudelaire oft der Hintergrund der Melancholie (Spleen). In seinen Gedichten steigt der Rauch oft als Symbol für die flüchtigen Gedanken oder die verfließende Zeit auf.
Synästhesie: Er nutzt den Tabakgeruch oft, um Erinnerungen heraufzubeschwören – ein Thema, das später bei Proust zentral wird.
4. Das moralische Fazit des Dandys
Baudelaire lehnt das Haschisch letztlich ab, weil es den Menschen unfrei macht. Er schreibt:
„Der Wein macht gut, das Haschisch macht klug; aber es ist eine Klugheit, die den Menschen um seine Menschlichkeit bringt.“
Er plädiert stattdessen für den „Rausch an sich“ – aber einen, der aus der Schönheit, der Poesie oder der Tugend kommt. In seinem berühmten Prosagedicht Enivrez-vous (Berauscht euch!) schreibt er:
„Man muss immer berauscht sein. [...] Aber womit? Mit Wein, mit Poesie oder mit Tugend, ganz nach Belieben. Aber berauscht euch!“
HL. ELISABETH VON DER DREIFALTIGKEIT, IHRE ARBEIT IN DER ZIGARRENFABRIK
Hier machen wir einen faszinierenden, fast paradoxen Sprung: von der Welt der sowjetischen Papirossy und der barocken Geistesfürsten direkt in die Welt der katholischen Mystik.
Die Geschichte der Heiligen Elisabeth von der Dreifaltigkeit (Élisabeth Catez, 1880–1906), einer französischen Karmelitin, ist eng mit der harten Realität der Industriearbeit verknüpft – und zwar in einer Zigarrenfabrik.
1. Das „Kloster“ in der Fabrik
Bevor Elisabeth 1901 in den Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen in Dijon eintrat, führte sie ein Leben, das von einem tiefen Kontrast geprägt war. Sie stammte aus einer Offiziersfamilie und war eine begnadete Pianistin, doch ihr Alltag war auch von der Sorge um die Armen geprägt.
Die Zigarrenfabrik von Dijon: Elisabeth arbeitete nicht als Fabrikarbeiterin aus finanzieller Not, sondern sie engagierte sich dort im Rahmen von karitativen Tätigkeiten und der christlichen Unterweisung der Arbeiterinnen.
Die Umgebung: Stellen Sie sich den krassen Gegensatz vor: Die junge Frau, die innerlich ständig im Gebet und in der Stille verweilte, befand sich inmitten des Lärms, des beißenden Tabakgeruchs und der oft rauen Sprache der Fabrikarbeiterinnen.
2. Die Spiritualität der Arbeit
Für Elisabeth war die Zigarrenfabrik kein Ort, der Gott fern war. Ganz im Gegenteil:
Das „Innere Heiligtum“: In der Fabrik entwickelte sie ihre zentrale Lehre vom „Himmel in meiner Seele“. Sie glaubte, dass man mitten im Lärm der Tabakblätter und der Maschinen eine innere Zelle der Stille bewahren könne.
Tabak als Dienst am Nächsten: Während sie den Frauen half oder mit ihnen arbeitete, sah sie in der monotonen Tätigkeit des Zigarrenrollens eine Möglichkeit zur Aufopferung. Für sie war jede Handbewegung ein Gebet.
3. Ein theologischer Kontrast zum Tabakgenuss
Während die Zigarre für Leute wie Ben Jonson oder Kuba-Liebhaber ein Genussmittel war, war sie für Elisabeth ein Ort der menschlichen Mühsal.
4. Von der Fabrik in den Karmel
Ihre Erfahrungen in der Zigarrenfabrik prägten ihre spätere Zeit im Kloster. Sie wusste, dass Heiligkeit nicht nur in der Stille der Kapelle existiert, sondern auch im „Geruch der Arbeit“.
„Man muss sich eine kleine Zelle in seinem Inneren bauen, in der man immer mit Gott allein sein kann, egal was man draußen tut.“ – Elisabeth von der Dreifaltigkeit.
Als sie schließlich mit nur 26 Jahren an der Addison-Krankheit starb, hinterließ sie eine Lehre, die besagt: Gott ist nicht nur im „Atem der Indianer“ (als Spirit) oder im „Rauch der Dichter“ (als Inspiration), sondern auch im Staub der Tabakfabrik (als mitleidende Präsenz) zu finden.
HL. ELISABETH UND UNSERE LIEBE FRAU VOM TABAK
Hier erreichen wir den wohl berührendsten und zugleich rätselhaftesten Punkt unserer Reise durch die Welt des Tabaks: die Verbindung zwischen der Heiligen Elisabeth von der Dreifaltigkeit und dem Bildnis "Unsere Liebe Frau vom Tabak" (Notre-Dame du Tabac).
Dies ist kein offizieller Titel aus dem Vatikan, sondern eine tiefe, volkstümliche und spirituelle Verehrung, die in der harten Realität der französischen Tabakmanufakturen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurzelte.
1. Die Fabrik als spirituelles Schlachtfeld
Die Tabakmanufakturen in Frankreich (wie die in Dijon, wo Elisabeth wirkte) waren damals riesige Komplexe. Tausende Frauen – die sogenannten Cigarières – arbeiteten dort unter harten Bedingungen:
Der Staub: Der feine Tabakstaub legte sich auf Lungen und Haut.
Die Atmosphäre: Es war laut, oft rau und kirchenfern.
Die Mission: Elisabeth trat nicht als Hochmütige auf, sondern als Schwester. Sie brachte den Frauen das Bild einer Gottesmutter nahe, die nicht fern im Gold thront, sondern mitten im Tabakstaub bei ihnen ist.
2. "Unsere Liebe Frau vom Tabak" (Notre-Dame du Tabac)
Dieses Bildnis ist eine Darstellung der Jungfrau Maria, die oft inmitten von Tabakblättern oder in der Tracht einer Arbeiterin gezeigt wird.
Die Schutzpatronin der Cigarières: Für die Arbeiterinnen war sie diejenige, die ihre monotone Arbeit veredelte. Elisabeth half ihnen zu verstehen, dass Maria selbst eine einfache Frau war, die den Alltag heiligte.
Elisabeths Beitrag: Sie lehrte die Frauen, beim Rollen der Zigarren innerlich zu beten. Jedes Blatt, das durch ihre Hände ging, wurde unter dem Schutz von Notre-Dame du Tabac zu einem "Opfer der Liebe".
3. Die Mystik des Alltags
Elisabeth von der Dreifaltigkeit sah in der Arbeit mit dem Tabak eine tiefere Symbolik, die sie mit der Gottesmutter verband:
Das Tabakblatt: Die menschliche Seele: roh, erdig, oft zerknittert.
Das Rollen: Die Formung der Seele durch die Gnade und die Disziplin.
Der Duft: Das "Aroma Christi", das aus einem geheiligten Leben aufsteigt.
Für Elisabeth war Maria die "Tür zum Himmel", die selbst in der stickigen Fabrikhalle offenstand. Sie sagte oft, dass Maria diejenige sei, die uns lehrt, "innerlich Gott anzubeten", während unsere Hände arbeiten.
4. Ein Paradoxon der Heiligkeit
Es ist ein gewaltiger Kontrast:
Auf der einen Seite die Zigarre als Luxusgut der Herren (wie bei der englischen Krone oder den Aristokraten).
Auf der anderen Seite die Zigarre als Leidensweg der Arbeiterinnen, die unter dem Schutz von Notre-Dame du Tabac und der Führung von Elisabeth versuchten, ihre Würde zu bewahren.
„Maria ist das Modell des inneren Lebens... sie geht durch den Alltag wie durch ein Heiligtum.“ – Elisabeth von der Dreifaltigkeit.