VON TORSTEN SCHWANKE
BENSERSIEL
Wo der Deich die weite Welt begrenzt
und das Watt im Abendlicht sanft glänzt,
liegt ein Ort, vom Wind emporgehoben,
von Möwenschrei und Meer umwoben:
Bensersiel, du Tor zum Glück,
wer dich verlässt, kehrt bald zurück.
Am Badestrand, im feinen Sand,
schaut man hinaus aufs weite Land.
Die bunten Körbe stehn in Reihn,
hier lädt das Meer zum Träumen ein.
Und zieht das Wasser sich zurück,
beginnt das nächste Abenteuer-Glück:
Das Wattenmeer, so wild und frei,
gibt Schätze preis und Allerlei.
Der Hafen pulsiert im Gezeitentakt,
wo die Vorfreude die Herzen packt.
Die bunten Kutter fahrn hinaus,
die Fähre bringt die Gäste raus –
nach Langeoog, der Insel nah,
ist Bensersiel der Startpunkt da.
Wird es mal kühl und weht der Wind,
man Schutz in der Nordseetherme find’t.
Im warmen Nass, bei Spiel und Spaß,
vergisst man schnell, wie kalt es draußen was.
Und im Kurpark grünt es wunderbar,
ein Ort der Ruhe, das ist klar.
ESKE, DIE VENUS DER NORDSEE
Wenn der Abendwind über den Deich von Bensersiel fegt
und die Sonne wie ein glühender Bernstein
im Wattenmeer versinkt, erzählen sich die Küstenbewohner
gerne die Geschichte von Eske. Sie nennen sie ehrfürchtig
die Venus der Nordsee – eine Frau, deren Schönheit
und Wesen so ungezähmt waren wie das Meer selbst.
Eske war keine gewöhnliche Friesin.
Ihr auffälligstes Merkmal war ihr langes, dichtes Haar,
das im Sonnenlicht leuchtete wie flüssiges Kupfer
oder ein loderndes Leuchtfeuer in der Nacht.
Während die meisten Menschen an der Küste
die wettergegerbte, stille Art des Nordens teilten,
lag in Eskes lichten Augen das Funkeln der Sterne
und die Tiefe des Meeres.
Sie brauchte keinen Prunk und keine samtenen Gewänder.
Ihre Schönheit war rein, geformt von der salzigen Brise,
dem Sand und den Gezeiten. Wenn sie barfuß
durch das Watt schritt, schien selbst die Nordsee
für einen Moment stillzuhalten.
Doch Eske war weit mehr als nur ein hübscher Anblick.
Die Fischer von Bensersiel
und den umliegenden Küstenorten sahen in ihr
einen Glücksbringer, eine mystische Gestalt:
Das Leuchtfeuer in der Not:
Es hieß, wenn ein schwerer Herbststurm
die Kutter draußen auf offener See überraschte,
stand Eske am äußersten Punkt der Hafeneinfahrt.
Ihr rotes Haar, das im Sturm peitschte,
wies den Seefahrern den Weg zurück in den sicheren Hafen –
wie ein lebendiger Leuchtturm.
Die Stimme des Meeres:
Die alten Kapitäne schworen, dass Eske
den Gesang der Wellen verstand. Sie wusste genau,
wann das Watt seine Schätze freigab und wann man
der See mit tiefem Respekt begegnen musste.
Man sagt, Eske wurde nie alt. Sie war und bleibt
der Inbegriff der Nordsee: stolz, wunderschön,
manchmal unberechenbar, aber von einer tiefen,
unvergesslichen Faszination.
Wenn du heute am Strand von Bensersiel stehst,
die Augen schließt und das Rauschen der Wellen hörst,
kannst du sie vielleicht spüren.
Und wenn das letzte Licht des Tages
den Himmel in ein tiefes, warmes Rot taucht,
dann weißt du: Die Venus der Nordsee
kämmt sich gerade ihr rotes Haar im Wind.
HEIKE
Es ist so merkwürdig und leer,
ich hör dein Lachen gar nicht mehr.
Der Flur ist still, das Haus verwaist,
weil du, o Gott, in Urlaub gereist.
Ich sitze hier in meinem Raum
und glaube es vor Einsamkeit kaum.
Wie schnell man sich doch dran gewöhnt,
dass nebenan ein Leben tönt!
So bete ich den ganzen Tag,
weil ich die Stille kaum ertrag:
„Ach Herr, die Heike ist verreist...“
bis du im Flur mich wieder grüßt.
HEIKE
Heike, wo ist sie? Sie ist nicht mehr hier!
Sie gönnt sich die Freiheit, das spür’n wir mit ihr.
Sie badet im Meer, lässt sich treiben im Blau,
sucht Muscheln am Strand, ganz genau.
Im Strandkorb da liest sie, die Welt wird ganz klein,
sie baut eine Burg in dem warmen Sande fein.
Ein Eis in der Hand, ja, das Leben schmeckt süße,
als Künstlerin des Glücks schickt sie uns Grüße.
AN ESKE
Am Nordseestrand, im weichen Sand,
da nimmst du Muscheln in die Hand.
Du baust ein Schloss, so fest und groß,
und lässt den Alltag endlich los.
An deinem Wall, ganz fein und klar,
wird sichtbar, was mein Wunsch auch war:
Schreib „Torsten“ in den Sand hinein,
als Zeichen, dass ich dein bin fein.
Denn während du die Burg bewachst,
und in die weite Ferne lachst,
da denk ich fest an dich, mein Schatz,
an jedem einsam-leeren Platz.
HEIKE
Ach, aus Heikes Küche zog es sonst so fein,
Da lud der Duft zum Träumen mich oft ein.
Von Knoblauch, Braten, würzig und so schwer,
Doch nun ist Stille – und der Herd bleibt leer.
Sie weilt in fernen Landen, weit von hier,
Die Küche schweigt, kein Duft erreicht mich mehr, dafür
Weht nun der Tabakrauch vom Nachbarn her,
Das Heimweh nach dem Gaumenschmaus wiegt schwer.
HEIKE
Der Meister Beethoven, er hört’ keinen Ton,
die Stille umfing ihn, des Schicksals Lohn.
Auch ich bin nicht frei von der Ohren Gebrechen,
die Welt lässt sich manchmal nur leise besprechen.
Wenn Heike zu Hause, im Haus nebenan,
fängt meine Vorsicht zu wirken an.
Da schalte ich leise, nur flüsternd das Licht,
der Klang der Musik erreicht mich nicht.
Doch heute ist alles in weiter Ferne,
sie weilt an dem Meer unter funkelndem Sterne,
Im Zelt, in der Ruhe, von Wellen umspült,
während hier mich die Hitze der Nacht nicht kühlt.
Kein Schlaf will sich finden, es staut sich die Not,
da dreh ich nun auf, trotz dem einsamen Tod.
Die Musik erfüllt nun den Raum, laut und schwer,
denn Heike - schläft ja nun fern an dem Meer.
HEIKE UND ESKE
Am Strand, wo die Wellen den Sand sanft berühren,
sich Eske und Heike im Wasser nun spüren.
Sie lachen, sie planschen im Nordseewind,
dass man bestaunt, wie die zwei Nixen sind.
Die Männer am Ufer halten den Blick,
vergessen die Zeit und das eigene Glück.
Sie suchen den Horizont, finden ihn kaum,
denn die beiden Damen sind ein Traum.
Wo soll man hinschaun? Was soll man noch sagen?
Man kann es bei ihrem Anblick kaum wagen.
Denn beide sind wunderschön, strahlend und frei,
und machen das Herz der Männer scheu.
SEHNSUCHT
Die Stadt, sie glüht, die Luft steht still,
Kein Lüftchen weht, wie ich es will.
Im Hochhaus, hoch auf engem Raum,
Ist Kühlung nur ein ferner Traum.
Ich schwitze hier, die Sonne brennt,
Die Stadt, die keine Pause kennt.
Doch meine Sehnsucht zieht mich weit
In eine kühle Meereszeit.
Zur Nordsee will ich, an den Strand,
Den Wind zu spüren, nackt das Land.
Ein kleines Zelt, die Nacht ist klar,
Die Sterne leuchten wunderbar.
Und dazu dann, ein süßes Glück,
Hol ich mir meine Ruh zurück:
Mit Eske und mit Heike fein
Bei Eis am Stiel beisammen sein.
ESKE
Als Gottes Sohn den Vater stieß
vom hohen Thron, den er verließ,
entmannt ward er im Zornesstreit,
sein Glied sank in die Ewigkeit:
Es fiel hinab zur Nordsee weit,
in tiefe, blaue Einsamkeit.
Dort schäumte auf die kühle Flut,
aus Männlichkeit ward junge Glut.
Aus weißem Gischt, im kalten Nass,
da wuchs heran was Schönes, was:
Eske stieg empor, wie Licht so rein,
mit Locken, rot wie Morgen-Schein.
Der Mund ein Erdbeer-Mund so rot,
die Haut wie Schnee, der niemals droht.
Die Form war so vollendet schön,
man sah sie auf den Wogen stehn.
Sie ritt auf Wellen, sanft und sacht,
Nach Bensersiel, durchs Licht der Nacht.
Und als der Fuß den Sand berührt,
das Land den Hauch des Lebens spürt.
Wo eben noch der Boden schlief,
ein Leben aus der Tiefe rief:
Da blüht der Sanddorn, golden-hell,
und Hagebutten-Wein, ein Quell.
HEIKE
Die Stadt glüht auf, der Asphalt bebt,
während Heike durchs tiefe Blau entschwebt.
Sie schwimmt im Golf, wo die Sonne brennt,
vom Friesen-Strand, den sie gut kennt.
Ich sitz’ im Hochhaus, die Luft steht still,
die Hitze, die ich gar nicht will.
Das Wannchen klein, ein Tropfen nur,
auf meiner trocknen Sommertour.
Doch in der Wanne, kühles Nass,
da spielt die Phantasie mit Spaß.
Ich schließe die Augen, das Meer ist nah,
und bin bei ihr – ganz wunderbar.
HEIKES WIEDERKUNFT
Der Vorhang weicht, das Warten endet bald,
die Nachricht durch die weiten Räume schallt:
Heike kehrt zurück, sie ist nicht mehr fern,
sie leuchtet heller als der hellste Stern.
Ich schmücke den Altar mit grünen Zweigen,
will meine Freude laut der Welt nun zeigen.
Feldblumen bunt und Rosen, zart und schwer,
leg’ ich zu ihren Füßen dankbar her.
Die Engel stimmen ihre Posaunen an,
ein goldner Klang zieht durch den Himmelsplan.
Der Donner applaudiert mit tiefem Grollen,
als wollt’ er ihr den Weg mit Jubel zollen.
Die Blitze zucken hell durch dunkle Nacht,
haben den Pfad für sie wohl frei gemacht.
Und Nachtigallen singen ihr zu Ehren,
kein Weib der Welt kann dieses Lied entbehren.
VENUS ESKE
Aus Nordsee-Schaum, vom Salz geküsst,
Ist Venus Eske uns entsprossen.
Wo sie den Dünensand begrüßt,
Ist Strandhafer aufgeschossen.
Sie wandert durch das flache Land,
Wo graue Alltagsgeister weichen,
Sie reicht uns ihre milde Hand,
Um Freude in das Herz zu reichen.
Nun ist sie hier, in Oldenburg,
Der Stadt, die ihr nun Gold bereitet.
Sie ist des Lebens schöne Burg,
Die sanft durch alle Wege leitet.
Ein Tempel funkelt hell im Licht,
Gebaut aus Gold für ihre Ehre.
Dort beten Männer – voller Pflicht –,
Dass Weisheit ihre Seele nähre.
Die Frauen flehen still um Glück,
Um Segen für das neue Leben.
Der Tempel weist den Weg zurück,
Ihr darf das Kind die Zukunft geben.
So leuchte nun der goldne Bau,
In Oldenburgs vertrautem Garten,
Ein Heim für Venus, reine Frau,
Auf die wir alle freudig warten.