VON TORSTEN SCHWANKE
NATURPHILOSOPHIE DER AUFKLÄRUNG NACH WIELAND
ERSTES KAPITEL
Die Erkenntnis der Ordnung
Der Flug zur Wahrheit und das Erwachen des Geistes
Erfüllt von deinem Drang, o Weisheit, will ich singen. Möge mir durch dich ein würdiges Lied gelingen! Ein Werk, das du beseelst, wird von keinem gewöhnlichen Impuls angetrieben und von keinem niederen Zweck entehrt. Ein ungewohnter Flug trägt mich dem Himmel zu; umringt von Millionen Sternen lernt mein Geist, sich vom irdischen Staube zu lösen.
Dich, das Urbild jeder Welt und das Ebenbild der Gottheit, dich, o Wahrheit, sehe ich selbst. Der Glanz, der dir entquillt, stärkt mein noch schwaches Auge. So wie dein Liebling Platon dich schaute – er, dessen Blick sich die Natur anvertraute –, so, Göttin, sehe ich dich. Meine Brust hebt sich und wallt in Liebe und einer nie gefühlten Lust zu dir auf. Könnte ich dich doch nur wie er in erhabenen Bildern, voll von Begeisterung und kühnem Feuer, schildern! Dann sollte dieses Gefühl, das mir dein Anblick schenkt – jene Wollust, die stets die reinen Geister erfüllt –, auch die Herzen meiner Brüder erweichen, sie durchfließen und eine nie gekannte Liebe in ihre Seelen gießen.
Komm, Muse, die du seit jeher die Freundin der Wahrheit warst, und zeige ihr himmlisches Bild den entzückten Augen. Komm und male an meiner Stelle – denn dein Pinsel kann nicht trügen – ihr göttliches Angesicht mit ungeschminkten Zügen. So rührt sie auch jenen Blick, den die Nacht der Gewohnheit und das träge Vorurteil gefühllos gemacht haben.
Das Gleichnis vom Wanderer und der träge Sinn
Es ist wie mit einem müden Wanderer, der in einem grünen Schlafgemach aus dichtem Laub auf sanftem Moos schlief: Wenn die Morgenröte mit ihren purpurfarbenen Flügeln die Dämmerung von den halb bestrahlten Hügeln zu uns bringt, wird er vom Licht geweckt. Er regt sich und reibt die Augenlider; der Morgen öffnet sie, doch der Schlummer drückt sie wieder nieder. Das glänzende Feld, die Fülle der Blumendüfte und selbst der erhabene Gesang der frühen Nachtigall berühren seine Sinne zunächst nur schwach, er glaubt es kaum wahrzunehmen. Schließlich rafft er sich auf, und Traum und Schlaf verschwinden. Der nahe Tag grüßt ihn, das erwachte Feld lacht ihm ermuntert zu, und das Auge der Welt – die Sonne – blickt ihn mit sanften Strahlen an. Von neuer Lust entzückt glaubt er, eine völlig neue Welt zu erblicken.
Genauso ergeht es dem trägen Sinn, der bisher rein tierisch fühlte und dachte. Aus dem Schlaf, in den ihn Wahn und Leidenschaft versenkt haben, wird er durch den Gesang erweckt, den mich die Musen lehrten. Die Vorurteile, die seinen Geist beschwerten, fliehen. Er wundert sich, dass er plötzlich so viel Vergnügen empfindet, so viele Schönheit sieht und eine solche Pracht entdeckt, wo sein geschlossener Blick zuvor nichts als unfruchtbaren Sand und schreckliche Wüsten wahrnehmen konnte. In der Welt, die ihm sein Trübsinn einst entstellte, offenbart die Weisheit ihm nun eine neue Schöpfung.
Der Gesang von der Gottheit und die Verblendung der Leugner
Ja, Göttin, die du einst durch die Zungen alter Weisen manch überirdisches Lied von Gott und der Welt gesungen hast, steh deinem Dichter bei! Ihn trägt, von dir selbst bewegt, ein hoher Adlerflug durch alle Sphären. Lass in seinem Geist erhabene Ideen entstehen, die von dir gewirkt und für ihn selbst bewundernswert sind. Er besingt die Gottheit selbst, den Quell dieser schönsten Welt, und wie das Ganze durch ihre Kraft erhalten wird. O möchte die ganze Schöpfung diesen Gesang hören, der sich mit den Chören der Engel um den Thron Gottes mischt!
Doch auch ihr, die ihr durch Stolz und Wahn um jenes Licht gebracht wurdet, in dem sich die Gottheit den Geistern sichtbar macht – ihr, die ein verruchter Trieb selbst gegen Gott aufbegehren lässt und die ihr das Wesen schmäht, das euer eigenes Dasein nährt: Hört meinem Singen zu und fühlt die Macht der Wahrheit!
Aber nein, ihr fühlt sie nicht! Die Todesnacht des Lasters, der Betrug der Sinnlichkeit und der Sturm der Leidenschaften lassen keinen edleren Drang in eurer Seele haften. Durch eigene Schuld gestraft seht ihr die Sonne nicht, wie mächtig ihr Strahl die Finsternis auch durchbricht. Ihr gleicht dem Volk an den Nil-Katarakten, das den Fall des Flusses nicht hört, weil das betäubte Ohr das Tosen im Sturm überhört.
Die kosmische Ordnung und das Gleichnis vom Höhlenbewohner
Wer jedoch mit freiem Blick und klarem Geist den Schritt in das Ganze wagt, den berührt die höchste Wahrheit. Dem verkündet der tausendfache Mund der zeugenden Natur unzweifelhaft das Dasein Gottes. Zwar mag jener, den Sinnlichkeit und Vorurteil verstricken, im Tanz der Himmelsphären nur Verwirrung erblicken; und wenn für uns Sehende der schönste Tag erwacht, ist es für den Blinden ohne seine Schuld ringsumher Nacht.
Stellt euch einmal ein menschliches Wesen vor, das noch nie den Tag gesehen hat. Nahe dem Höllentor, tief im Bauch des Ätna, in schrecklichen Gründen, sei es in einen Palast eingeschlossen, der in dichten Fels gehauen ist. Hier lebe er so, wie einst Merlin von Viviane verzaubert im Hain Brosseliand lag. Sein unsicherer Blick sehe in den schwarzen Marmorzimmern nichts als Gespenster an den glatten Wänden flimmern. Er kenne den Reiz der Vielfalt nicht, jenen süßen Wechsel, der unser Auge erfreut. Ein blasses Schattenspiel einförmiger Ideen bleibe unverändert vor seiner Stirn stehen, und wenn er einschläft, wiege ihn der Schlummer bei mattem Lampenschein zu noch langweiligeren Träumen ein.
Nehmt nun an, dieser Mensch erblicke eines Tages durch neu entdeckte Ritzen das ungewohnte Tageslicht, das in seinen Kerker blitzt. Erstaunt sucht er den Ort, der seine Nacht erhellt, und der geborstene Fels führt ihn hinauf zur Oberwelt. Wie wird ihm da zumute sein! Welcher Strom glänzender Gedanken erweitert plötzlich die engen Schranken seines Geistes, der sich vor lauter Lust kaum wiederkennt! Ein liebliches Feld, von Florens Hand gepflegt, malt ein entzückendes Bild in sein geblendetes Auge. Aus dem blauen Himmelsbogen fühlt er ein Meer von Glanz auf sich herabwogen, das ihn tausendfarbig mit süßer Glut umfängt und ihm plötzlich unzählige Formen sichtbar macht.
Das sanfte Geräusch der Bäche, das Wehen des schlanken Laubes, das immer neue Lied verliebter Nachtigallen, das leise Spiel des Westwinds und das liebliche Gewimmel von tausend Lebewesen im blühenden Gebüsch – die sich alle tausendfach ihres Daseins freuen –, kurzum: Jeder Zauber, den die Schöpferin Natur im wonnevollen Mai wie zu ihrem höchsten Fest verschwenderisch über Anger, Hain und Flur ergießt, strömt in lieblicher Fülle auf seine Sinnen ein. Herz und Seele werden ihm eng vor so viel Lust. „Wo bin ich?“, ruft er aus, „Wie geschieht mir? Bin ich noch der, der ich war? O welch ein Wechsel! Und woher kommt dieses neue Dasein? Kann ein Traum so schön betrügen? Was für ein angenehmer, zum Vergnügen geschaffener Ort! Woher ist das alles? Wo regt sich die Kraft, die mit verborgener Hand so viele Wunder schafft?“
Der Weg von der Oberfläche zur Erkenntnis der Ursache
Vielleicht hält er, wie einst die Völker der jungen Erde, die Sonne für den Gott, durch den alle Dinge entstehen. Aufmerksam bemerkt er bald, dass alles, was er sieht, von ihrem Strahl belebt wird, entsteht, wächst und blüht. In das Innere der Natur weiß er noch nicht vorzudringen; er kennt nur die Oberflächen der körperlichen Dinge. Darum blickt der junge Geist, der noch zu schwach für eine hellere Einsicht ist, noch nicht auf dich, o Gott, den Quell aller Wesen, zurück.
Doch die Betrachtung schärft sein unvollkommenes Wissen und leitet den Verstand allmählich zu tieferen Schlüssen. Der nie gestillte Drang nach neuer Erkenntnis beflügelt seinen Mut und stärkt die Denkkraft. Er lernt die Kette sehen, die alle Dinge miteinander verbindet: wie die bewegte Luft den schnellen Blitz entzündet, wie sich ein Körper stets zur Erde senkt, wie die matte Saat aus der Brust der Wolken getränkt wird. Er begreift die Bilder, die von den Körpern ausgehen und sich mit sanftem Druck in unser Auge ergießen; die innere Kraft des Samens, der aus sich selbst gebiert und die lebendige Frucht im Kleinen bereits in sich trägt; den wunderbaren Bau harmonischer Maschinen (der Körper), die höheren Wesen als lange Wohnung dienen; und schließlich den unermesslichen Raum, in dem sich im Fluss des Äthers ein umstrahltes Heer von Welten drehen muss.
Dies alles und noch mehr zeigen ihm Erfahrung und Vernunft im hellsten Lichte und stärken seine Einsicht. „Ja“, sagt er, „ja, ein Gott bewegt die Wunderuhr der Welt, die er erfand, und beseelt die Natur. Ein begrenzter Arm könnte unmöglich so viele Seltenheiten vollkommener zubereiten als er selbst es ist. Die Welt, die meinem Blick kaum ihre äußere Schale zeigt, erhält sich durch die Macht eines höchsten Geistes. Sie ist zu unvollkommen, um die Ursache ihrer Wirklichkeit in sich selbst zu finden, und doch zu schön, um sich rein zufällig aus dem Nichts zu winden.“
So urteilt die Vernunft, wenn kein gefärbtes Glas den Gegenstand anders zeigt, als das Auge ihn maß. Frei von Vorurteilen, die niedere Seelen niederdrücken, schwingt sie sich mit aufgeklärtem Blick zu Gott auf. Im Ausfluss deiner Huld, vollkommenste Natur, entdeckt jeder Punkt die Spur deines Segens.
Kritik an Epikur und der mechanistischen Welterklärung
Ihr Weisen aller Zeiten, ihr Lieblinge der Wahrheit, bei denen sich Geist und Verstand mit Erfahrung paaren: Wie kommt es, dass euch beim hellen Glanz, in dem sich Gott uns zeigt, dennoch ein trügerisches Licht auf falsche Wege führt? Wie kann es sein, dass ihr beim reinen Strahl entnebelter Begriffe dennoch das Ziel verfehlt – jene grenzenlose Tiefe, in der sich alles gründet, aus der alles fließt, in die alles führt und sich wieder ergießt?
Du, kluger Epikur, du Freund der Seelenruhe, du lehrst, das wahre Gut aus tausend anderen zu wählen. Du kennst den ewigen Trieb, der in den Wesen glimmt und den Hang des Willens allein zum Vergnügen bestimmt. Und doch verkennt dein Scharfsinn den Urquell aller Freuden, an denen sich die erschaffenen Wesen in verschiedenem Maße weiden. Die Gottheit kennst du nicht, die ihre Gegenwart im unbegrenzten Raum so herrlich offenbart.
Aus sinnlosen Stäubchen (Atomen), zusammengefügt durch eine innere Regung, baust du die schönste Welt mittels einer ungeordneten Bewegung. Und aus jenem Geist, der alle Kraft hervorbringt, machst du ein träges Schattenbild, das sich selbst kaum spürt. O hättest du von der Welt, die du dem Zufall, dem tollen Schwarm der Atome und der erdachten Leere zu bauen übergibst, nur einen einzigen Teil wirklich gekannt! Gewiss hättest du dann nicht das diamantene Band, durch welches die Wirkungen an ihre Ursache geschlossen sind, mit so unbedachter und verwegener Hand zerrissen.
Die Widerlegung des reinen Zufalls (Kritik an Epikur)
Wer behauptet, die Welt füge sich durch blinden Zufall, der kennt nicht einmal das kleinste Sandkorn, das dort am Ufer liegt. Verwegen, und doch im Grunde beschämt von der eigenen Wahrnehmung, verwirft dein kühner Mund die weiseste Verbindung unzähliger Zwecke, auf die alles hinsteuert – jene Macht der ewigen Ordnung, die unverletzlich herrscht und die jedes Wesen ehrt. Doch lass uns rationale Gründe hören, und höre auf, uns lediglich mit Träumen zu betören!
Ist nicht jeder Grundsatz, auf dem dein Lehrgebäude steht, von unserer Gutmütigkeit erzwungen und erfleht? Woher stammt denn dein zahlloses Heer stets reger Elemente, das sich angeblich ewig zwecklos bekämpfte, mischte und trennte? Regt sich in ihnen selbst etwa ein Keim der Wirklichkeit, der ohne fremde Kraft im Schoß der Ewigkeit durch inneres Leben emporprosst? Nein! Was sich selbst begrenzt, besitzt nicht jene strahlende Kraft, von der die Gottheit glänzt. Unbelebter Staub, dem die innere Form fehlt und den nichts Vollkommenes schmückt, kann sich nicht selbst erhalten.
Und sprich: Woher stammt der Anstoß, der die Stäubchen von ihrer ursprünglichen, geraden Richtung abweichen lässt? Mit einer schlecht erfundenen Dichtung lässt du das größte Werk der Schöpfung rein zufällig geschehen, während deinen Göttern nichts weiter übrig bleibt, als tatenlos zuzusehen. Wann hätte je ein Sturm vermocht, den sterbenden Feldern Numidiens die Pracht des Frühlings zu verleihen, wenn er mit toller Wut in hohlen Wüsten zischt, in Meeren von Sand wühlt und Erde und Himmel vermengt? Wann hat sein Blasen im Staub, mit dem er spielt, jemals ein Werk hervorgebracht, das dem erhabenen Kunstwerk von Hindelbank gleicht?
Seht nur, wie die schönste Mutter, vom Donnerton des Weltgerichts erweckt, sich durch den zerrissenen Fels, der dieses Wunder bedeckt, aus ihrem Staub erhebt! Wie Unsterblichkeit ihren verklärten Arm belebt! Wie der leichte Stein unter ihrem Stoß zurückweicht! Wie die Seltenheit der Erlösung schon ganz in ihrem Blick glänzt! Ihr triumphierendes Auge scheint in heiligem Entzücken den enthüllten Glanz des Himmels zu erblicken; das Lied der Seraphinen erreicht bereits ihr lauschendes Ohr. Ein junger Engel schwebt an ihrer Brust empor und dankt ihr jetzt zum ersten Mal für sein teuer erkauftes Leben. Der Wanderer sieht es voller Staunen, und fromme Tränen treten ihm in die Augen; er sieht es, wird im Herzen gläubig und fühlt mit heiligem Schauer, dass er unsterblich ist.
So weiß der Geist des Künstlers dem Stoff zu befehlen: Er belebt den toten Stein und haucht dem Marmor eine Seele ein. Aber wann wäre es je dem bloßen Zufall geglückt, ein Werk zu schaffen, das wie die Arbeiten eines Phidias selbst die Weisen entzückt? Wann hat sich in der Baumannshöhle durch ungefähres Aneinanderstoßen jemals ein Laokoon aus weichem Stein geformt?
Dabei ist dieses Meißel-Meisterstück, das einst den Blick aller Griechen mit Rührung auf sich zog, gar nichts gegen ein einziges Staubkorn, aus dem die Pflanzen sprossen. Dort liegt, unbegreiflich klein und von schützenden Häuten umschlossen, die künftige Blume: geformt, wenn auch noch unbelebt, und aus tausend kleinen Fasern mit weiser Kunst gewebt. Unendlich ist für uns die Länge dieser zarten Fasern, unzählbar für unseren Blick die Menge der kleinen Adern, welche die wirksame Natur nach dem in den Wesen liegenden Grundgesetz unendlich schön zusammengefügt hat. Und was ist dieser Staub? Misst man ihn mit unserer Erde, und diese wiederum mit dem Himmel, so wird selbst die Erde zum bloßen Staubkorn. Und all das soll dir der wilde Lauf der Atome erschaffen, indem er Welt auf Welt und Wunder auf Wunder häuft?
Die Kritik am reinen Mechanismus (Kritik an Strato)
Mit gleicher Raserei und noch größerem Siegesmut türmt Strato Schlussfolgerung auf Schlussfolgerung, um die Gottheit zu bekämpfen – ganz so, wie das Heer der Titanen voll toller Wut den Berg Ossa auf den wolkigen Olymp türmte. Man hört ihr Feldgeschrei schon den Himmel durchschallen; doch Zeus sieht sie nur lächelnd an und lässt die Berge über ihnen einstürzen.
Im Inneren der Natur, so lehrt Strato, liege die allgemeine Kraft, die ganz aus sich selbst heraus die Form der Dinge schafft. Kein Geist beherrsche die Welt, um durch weise Wahl Vollkommenheit hervorzubringen und das Böse zu verhindern. Nein, ein rein mechanischer Trieb, den kein Verstand erhellt, bestimme durch das Ineinandergreifen vieler Räder die Veränderungen der Welt. Im Schoß des ewigen Alls, wohin kein menschlicher Blick dringen kann, sprosse – erwärmt vom eigenen Feuer – der Keim aller Dinge. Die Zeit helfe der Natur und nähre, was sie gebar; so wachse, blühe und reife, was anfangs noch ein Unding war. Doch bald darauf wird es wiederum von jenem Schlund verschlungen, aus dessen düsterer Nacht es kaum hervorgedrungen war.
Es ist wie mit Saturn, von dem Hesiod uns singt: Mit wilder Gefräßigkeit verschlingt er die Säuglinge, die Rhea ihm gebiert – den Keim zukünftiger Söhne –, und sein eigenes Fleisch knirscht unter seinen Zähnen. Genauso verschlingt die Natur mit nie gestillter Wut ihr eigenes Fleisch und säuft ihr eigenes Blut; ihr ewig schwangerer Schoß hört nie auf zu gebären, und ihr Harpyienschlund hört nie auf, sich selbst zu verzehren.
Die Unzulänglichkeit des Pantheismus und der Materialismus-Falle
„Nichts“, so sprecht ihr Materialisten, „wird aus Nichts, die Welt muss also ewig sein. Wie Gott sie aus dem Nichts erschaffen haben soll, das leuchtet uns nicht ein; darum ist Gott selbst die Welt.“ Doch die Gestalten des ewigen Stoffes sind keine Wesen, die sich durch sich selbst erhalten. Nichts, was die Sinne wahrnehmen, besteht aus eigener Kraft; es ist die Kraft des Ganzen, die alles bewegt und schafft.
Ihr Betrogenen! Euer eigener Schluss fällt auf euch selbst zurück, und euer eigener Fuß verwickelt sich in den Stricken, die ihr uns gelegt habt. Der richtige Verstand des Spruches, auf den ihr euch so trotzig beruft, ist euch völlig unbekannt. Das grenzenlose Reich, in dem alles schwebt, zeigt uns nur ein einziges Wesen, das wahrhaft durch sich selber lebt. Es hängt von niemandem ab, wird von keinem Ding eingeschränkt, und sein vollkommener Wille wird nur von ihm selbst gelenkt. Kein Makel vermag den Glanz der Strahlen zu verdunkeln, die ewig ungeschwächt in seinem Antlitz funkeln.
Die Schar der anderen Wesen jedoch – die man die Welt nennt – ist durch verschiedene Grade der Unvollkommenheit gekennzeichnet. Dem Besten fehlt immer noch etwas. Selbst die schönste Frau blickt nur ungern in den Grund eines stillen Gewässers, wenn dieses ihr geliebtes Spiegelbild mit kleinen Schönheitsfehlern zeigt. Nichts ist hier auf Erden absolut; der allerhellste Geist sieht immer noch Stufen über sich, die er noch nicht erstiegen hat, und selbst der größte Glückspilz fühlt Unlust mitten im Vergnügen.
Wer nun so deutlich in seiner eigenen Brust das sichere Merkmal trägt, dass eine fremde Kraft sein träges Wesen bewegt – wie kann der behaupten, ewig zu sein und keine schöpfende Ursache zu kennen? Wer ist so sehr ein Tor, dasjenige einen Gott zu nennen, das nie bleibt, was es war, dem es immer an etwas gebricht, das stets erst noch werden soll und ununterbrochen mit dem Tode kämpft?
Hier zeigt sich der Irrtum, dem ihr zu entgehen hofftet: Wie kann ein endliches Ding aus eigener Kraft entstehen? Muss zwischen dem, was wirkt, und dem, was aus dieser Wirkung fließt, nicht ein logisches Verhältnis bestehen, das beide zusammenbezieht? Kann sich etwa ein Baum aus eigener Kraft selbst zimmern? Kann das Purpurrot der Morgenröte ohne den Sonnenglanz schimmern? Wann schmückt sich das blumenvolle Tal jemals von ganz allein, wenn man ihm den heißen Strahl raubt, der alle Samen wärmt? Das zu behaupten hieße, dem Nichts die göttliche Macht zuzusprechen, Welten aus seinem öden Schoß zu gebären!
Viel leichter hätten einst die Harmonien Amphions die stolzen Mauern Thebens aus Schutt und Steinen emporziehen können; viel eher hätten sich die schönen Glieder der Venus aus leichtem Schaum bilden und vom lauen Westwind belebt werden können, als dass sich aus eigener Kraft – durch den Trieb blinder Räder – Stratons Welt erschafft. Wenn du die Gottheit nicht von deinem Weltganzen trennen willst, dann musst du zu deiner eigenen Schande einräumen, dass in dem Wahngebäude, das du auf Sand gebaut hast und dessen Einsturz gewiss ist, letztlich doch aus dem Nichts ein Etwas wird.
Das Fazit: Schiffbruch der Freigeister und die wahre Weisheit
Dies ist der trügerische Fels, den beide nicht vermeiden: Sowohl Leucipp als auch Strato erleiden hier denselben Schiffbruch. Was soll jene Notwendigkeit sein, die durch keinen Verstand bestimmt wird? Was ist die Schar der Atome, die im leeren Raum schwimmt, bald von der geraden Bahn abweicht, sich ohne Ordnung drängt und sich aneinanderhängt, wie es der Zufall gerade will? Das ist ein Begriff, der keinen echten Sinn in sich trägt; er ist so leer an Verstand wie das Gehirn des Freigeists selbst.
Hoch über jenem Schwarm derer, die sich von ihr entfernen, sitzt mit wolkenfreier Stirn die Weisheit bei den Sternen. Sie dringt mit freiem Blick und unverwandtem Sinn durch den gesamten Raum aller Welten bis zum Throne Gottes vor. Ein nie versiegender Strom von reinem, unvermischtem Lichte umfließt sein Heiligtum; kein sterbliches Auge ertrüge unverzehrt jenen Glanz, in dessen stiller Flut ein ungezähltes Heer verklärter Geister ruht.
Hier fühlt man dein Dasein, o Herr der Cherubinen! Hier strahlst du sie an, hier schenkst du dich ihnen. Gesättigt von reiner Wonne und befreit von jedem irdischen Begehren, vergessen sie die Welt und sehen sie nur noch in dir. Was unsere Augen auf Erden nur in matten Spiegeln glänzen sehen, das schauen sie im Urbild selbst – und zwar ohne Grenzen.
So weit dringt mein eigener Geist zwar nicht vor; doch zeigen mir Raum und Zeit auch hier unten den mächtigen und unumstößlichen Beweis deiner Göttlichkeit.
Der unauslöschliche Gottesgedanke im Menschen
Ja, selbst in seiner eigenen Brust findet der Mensch von deinen Zügen ein unauslöschliches Bild, das als zarter Abdruck dort liegt. Kaum blickt er in die Welt, kaum berührt die Pracht der Schöpfung seine Sinne, so findet er dich darin. Ein unbekannter Zug, der viel zu stark ist, um ihm zu widerstehen, verknüpft unendlich schnell die größten Ideen in seiner Vorstellungskraft; daraus entsteht ein Bild von dir, das seine sehnende Begierde reizt, ergreift und entzückt.
Dieses Zeichen deiner Macht, die alle Wesen bewegt, hast du den Geistern von Ewigkeit an eingeprägt. Der ungebildete Samojede und der wilde Hottentotte fühlen diesen Zug in sich und ehren eine Gottheit; ein inneres Gefühl lehrt sie dein Dasein. Es mangelt ihnen lediglich an der Denkkraft, es sich selbst rational zu erklären. Weil der eine im dunklen Bild Gott selbst nicht rein zu erkennen vermag, betet er ein Stück Holz an, und der andere den Mond.
Dies ist der innere Trieb, der, tief in uns hineingesenkt, die Herzen mit dringender Gewalt zu dir lenkt – ein Trieb, den selbst ein Philosoph wie Cesare Cremonini mit ängstlichem Verdruß, und viel zu oft für seine Seelenruhe, im eigenen Busen fühlen muss. Vergeblich versucht er, diesen Drang mit trügerischen Argumenten und manchem kühnen Trugschluss aus seiner Brust zu winden. Kein Standbild aus Porphyr trotzt dem Zahn der Zeit mehr, kein Eichbaum steht so fest und lacht dem Neid des Nordwinds so sehr Hohn, wie die vom Schöpfer selbst geprägten Eigenschaften und sein ursprüngliches Bild in unserer Seele haften.
Vergeblich behauptest du hier – du, dessen Zorn uns schilt –, die bloße Einbildungskraft entwerfe dieses Bild von sich aus, indem sie aus dem Stoff aller nur denkbaren Vollkommenheiten etwas zusammenfügt und so das herstellt, was nach der Lehre der Weisen in Wahrheit aus einer höheren Wirkung fließt und ein ewiges Denkmal aus der Hand des Schöpfers ist. Erforsche doch nur einmal die Natur der flüchtigen Ideen, die durch die schöpferische Kraft der Phantasie entstehen! Ein einziges Beispiel macht den Unterschied völlig klar: Erträume dir ein Hirngespinst, wie es uns einst Horaz gemalt hat – das Haupt gleiche einem schönen Weib mit reizvollem Mund und Augen, doch am schuppenartigen Leib schließt sich ein Delphinschwanz an, und ein mit Federn geschmückter Pferdehals ist den Schultern angeflickt. Hat dieses Werk der reinen Phantasie jemals jemanden im Innersten berührt oder durch geheimen Zwang zum Glauben überführt?
Nein, das vermag nur das angeborene Bild zu tun, das mit stiller Kraft von ihm, dem Urbild selbst, in unser Herz gelegt wurde! Uns treibt ein süßer Zug, sobald wir uns seiner bewusst werden, es sogleich als wahr zu erkennen. So macht ein innerer Sinn jeden Widerspruch zu Spott, und tief in unserer Brust erschallt es: Es ist ein Gott!
Gott als überfließendes Meer der Vollkommenheit
Es ist ein Gott, durch den ich aus dem Nichts ins Dasein gedrungen bin! So ruft uns die Natur mit Millionen Zungen zu, und dem jauchzenden Geschrei aller Schöpfungen stimmt in unserer Brust ein stiller Zeuge bei. Du bist, Unendlicher, den keine menschliche Größe messen kann, ein Meer von Vollkommenheit, das ewig überfließt. Aus ihm tränkt ein stetiger Strom die geschaffenen Wesen, der sich dennoch unverringert wieder in dich zurücksenkt. Kein fremdes Wesen kann jene reine Wonne mehren, die du allein aus dir selbst schöpfst; du kannst der Welt vollkommen entbehren. O lehre mich selbst – denn mein Ohr ist dir geweiht – den schöpferischen Grund unserer Wirklichkeit!
Wie dort jenes Meer aus goldenen Feuerwellen, die Sonne, nicht umhin kann, die Himmelsphären zu erhellen, die ein allmächtiger Schwung um sie zu fliegen drängt; und wie der schattige Planet, der ihren Schein empfängt, diesen begierig in sich zieht und die geborgten Strahlen weiter auf seine Monde wirft, ohne es ihr jemals heimzahlen zu können – ganz unbesorgt darüber, wer ihm die holde Wärme leiht, während er bloß von ihr die Fruchtbarkeit der Samen empfängt; und wie jene Sonne sich freut, ihre Glut der Welt umsonst zu schenken und der Natur ein allgemeines Leben einzuflößen: Genau so ist auch die Gottheit, freilich in absoluter Vollkommenheit, zum Heil der Kreatur in steter Wirksamkeit.
Das ewige Band zwischen Gott und Schöpfung
Kann die Gottheit unendlich sein und nichts von Schränken wissen, solange die Wesen noch im kalten Nichts schlummern müssen? Nein, der Vollkommenste kann ohne uns nicht sein; sein ewiges Dasein schließt auch unser Dasein mit ein. Untrennbar ist das Band, das Kraft und Wirkung vereint: Gott denkt die Welt in sich, und was er denkt, das erscheint.
Dies ist der sichere Grund, auf den zu aller Zeit die Weisesten unter denen, die sich der Weisheit weihen, die Ewigkeit und die stete Dauer der Schöpfung gegründet haben – eine Dauer, die ein unsterbliches Band an ihren Schöpfer bindet. Moses, der Führer jenes Volkes, das Gott sich auserwählte, besingt uns die Geburt der Welt, beseelt von Gottes Geist. Er tut dies nicht nach der Art der Philosophen, um den Menschen das Innere der Natur durch tiefschürfendes Wissen aufzuschließen. Das ist nicht sein Endzweck. Es genügt, dass uns sein Licht, hell genug für seine Absicht, die düsteren Nebel bricht, in denen sich die Weltweisen – oft scharfsinnig genug, um sich gründlich zu irren – in den Labyrinthen verwirren, die sie selbst gebaut haben.
Mit ungekünstelter und göttlich-hoher Pracht erzählt sein heiliger Mund, wie aus der Nacht des Abgrunds, aus jenem Stoff, der nur von Gott seine Wirklichkeit empfangen hat, das kraftvolle Wort des Schöpfers die Welt hervorgezogen hat. Nicht, weil der ewige Geist, der uns das Leben einblies, erst zu einer bestimmten, messbaren Zeit den Raum entstehen ließ. Nein, er tat dies bloß, um jenen alten Wahn der Weisen zu verdrängen, der den vermischten Stoff ungeformter Dinge aus sich selbst heraus ewig sein lassen und ihn Gott entziehen will. Dies lehrte schon ein Hermes Trismegistos am vierzehnmündigen Nil, und dies hat den Magiern ein Zoroaster vorgesungen. Und genau dieser Irrthum ist es, den Moses bezwungen hat, der, indem er uns die Entstehung unserer Welt erzählt, die Kette nicht zerrreißt, die sie an andere Welten bindet.
Kritik am Konzept einer zeitweiligen Untätigkeit Gottes
So fällt der Widerspruch, den man aus den heiligen Büchern gegen eine Wahrheit konstruiert, die durch tausend rationale Gründe gesichert ist. Ein Wesen, das stets wirkt und stets mit gleicher Kraft, das keinen Wechsel kennt und nicht bald ruht, bald schafft; ein Wesen, dessen Eigenschaften, die wir Menschen verwegen voneinander trennen, in ständigem Ausfluss sind und keinen Zuwachs kennen – wie könnte ein solches Wesen eine Ewigkeit lang untätig ruhen? Fehlte es ihm vielleicht an Macht, sodass es ganze Äonen völlig unwirksam verbrachte? Oder fehlte es ihm an Güte? Missgönnte er uns etwa das Leben, das seine Allmacht uns von Ewigkeit her geben kann? Ohnmächtig seufzte die Welt im öden Grab des Unwesens, sie seufzte nach Wirklichkeit – und wer sollte sie ihr verwehren? Etwa er, der nur zu winken braucht, damit sich Sonnen drehen? O Liebe, soll dich ein so niederer Erdwurm auf diese Weise schmähen?
Die höchste Macht ist nicht wie das reine Vermögen des Aristoteles bloß theoretisch zum Wirken bereit – wie eine Kraft, die schlummernd darauf warten kann, bis sie, durch die Zeit erweckt, das, was vorher nur glimmte, in volle Flammen schlagen lässt.
Es ist wie mit einem reißenden Strom, der, von Dämmen eingeschränkt, seine schäumenden Wellen gegen den verhassten Wall drängt. Er bäumt die wilde Flut auf, stürmt gegen die Felsenstücke, bespritzt die Wolken selbst und rauscht aufgepeitscht zurück. Doch endlich weicht der Schutt dem ständig erneuerten Stoß, die Steine trennen sich, das Band der Pfähle löst sich auf. Erfreut fühlt der Fluss die festen Eichen wanken und bricht mit neuer Kraft durch die verhassten Schranken; nichts hemmt nun mehr seinen Lauf, er reißt vom nahen Hain bejahrte Tannen aus und bringt Felsen zum Einsturz.
Genauso fesselst du die Macht, durch welche die Welt entstanden ist – die unumschränkte Macht – mit frevelhaften Gedankengängen. Bei dir bekämpft das Nichts Gott, und erst nach langem Streit weicht es, von ihm besiegt, der neugeborenen Zeit.
Das Paradoxon von Endlichkeit und Ewigkeit
Vergeblich versuchst du dich mit unhaltbaren, vom Vorurteil beschönigten Gründen diesem Vorwurf zu entziehen. Du sagst, und das nicht ohne Scheinrecht: Die Schuld daran, dass die Natur nicht ewig dauern kann, trage allein die Kreatur. Es seien die inhärenten Grenzen der Dinge, welche die Allmacht Gottes hemmen und sich seinem schaffenden Gebot entgegenstellen. Ein eingeschränktes Ding existiere nur in Raum und Zeit; sein Wesen selbst vertrage sich schlicht nicht mit der Ewigkeit.
Würde dieses Argument tatsächlich stichhaltig sein, dann müsste es noch weitaus mehr gelten, als du eigentlich beweisen willst: Es würde den Welten und allem, was Gott selbst nicht ist, das Dasein überhaupt absprechen! Wir alle lägen dann immer noch im Grab des alten Unwesens. Das Wesen strebt nach dem Dasein, und was ihm zum Leben fehlt, kann es sich selbst zwar nicht geben, aber Gott kann es ihm verleihen. Dies gilt für jeden einzelnen Punkt der ewig teilbaren Zeit: Stets sind wir bereit zu werden, und stets ist er bereit zu schaffen.
In der Ewigkeit lässt sich das Dasein niemals mit dem Nichtsein paaren, und dass wir im Hier und Jetzt existieren, zeigt, dass wir im Grunde immer waren. Zudem lehrt ihr Materialisten ja selbst die Unvergänglichkeit der Wesen, die jetzt existieren. Wenn eine ewige Zeit, die sich unaufhörlich in die Zukunft ergießt, für euch denkbar ist, nun, dann gesteht uns – sofern ihr folgerichtig schließen wollt – trotz aller Endlichkeit auch diese Wahrheit zu: Was ohne Ende sein kann, das kann auch ohne Anfang gewesen sein.
Die Ewigkeit der Welt und die Unwandelbarkeit Gottes
Die Welt fing in Wahrheit niemals an und wird sich niemals enden; sie liegt von Ewigkeit her in den Händen ihres Meisters. Sie wird durch seine Kraft bewegt, die ewig wirken muss – und zwar stets im gleichen Maße, ohne zeitlichen Stillstand und ohne ein Verfließen im menschlichen Sinne. Wähnt nur nicht, diese Lehre verkleinere den Ewigen! Nein, sie gereicht vielmehr zu seiner größeren Ehre.
Die Welt ist zwar ewig, doch ihre Dauer ist nur eine stete Zeit, die endlos immer weiterfließt. Jene Kraft, die ewig in den beschränkten Dingen wirkt, verlässt stets ihr altes Gleis, um sich höher aufzuschwingen: Nie ist die Natur im Jetzt das, was sie im nächsten Moment erst wird; nie bleibt sie das, was sie zuvor war, und was sie überhaupt ist, wird uns Sterblichen nur durch ihr äußeres Erscheinen offenbar.
Dich aber, Herr der Welt, fliehen jeglicher Wechsel, jeglicher Grad der Unvollkommenheit und die Zwänge der Zeit. Du unbegreifliches Meer vollkommener Beständigkeit bleibst ohne jede Änderung so, wie du dich stets gezeigt hast, während unsere menschliche Kraft durch ewige Stufen und Grade emporsteigt. Auch Welten trifft irgendwann der Tod, und der Glanz der Sonnen erlischt, so wie eine Blume welkt, die lange Zeit kein Tau erfrischt hat. Nur du allein bleibst in gleichem Alter stehen; kein neuer Himmel wird dich jemals noch größer sehen, als du es ohnehin schon bist.
Die Kritik am Dualismus und das Mücken-Gleichnis
Die Welt ist Gottes Werk und dauert ewige Zeiten – dies, Muse, war bisher der Inhalt deines Gesangs. Doch wie ist sie eigentlich gebaut? Entdeckt auch ihre Pracht jene Weisheit, die sie schuf, und die Macht ihres Meisters? Hier, Göttin, stärke mich, da ich jenen Wahn bestreite, den Zoroaster früh lehrte und Mani spät erneute – jenen Wahn, den später Pierre Bayle, der so gern den Zorn der Theologen durch seinen Mutwillen reizt, mit neuem Scharfsinn und Witz schmückte.
Die Mängel unserer Welt, die gleich den Sonnenflecken nur den geringsten Teil von ihrem wahren Glanz verdecken, verführten zu jeder Zeit die Schar der kurzsichtigen Geister. Von Wahnsinn aufgebläht und arm an reifem Wissen, zu beschränkt, um die edle Pracht der kosmischen Ordnung zu bemerken – die sich ohnehin nur jenen Augen offenbart, die sich mit Weisheit stärken –, nennt der Verwegene dasjenige schlecht, was er nicht richtig sieht, weil sich ein falscher Nebel um seine Sinne zieht.
Es ist wie mit einer kleinen Mücke, die an jenem berühmten Götterbild des Phidias klebt, in dessen Nachruhm noch sein großer Meister weiterlebt: Ihr vieläugiger Blick ist in einen engen Kreis gezwängt, der kaum eine Spanne vom gesamten Kunstwerk umfasst. Sie sieht seine Schönheit nicht, noch ahnt sie jenes heilige Grauen, das jeden menschlichen Betrachter erfasst, wenn der allmächtige Wink von Jupiters Augenbrauen Olymp und Erde erzittern lässt. Der hohe Reiz der Formen, die Pracht des Faltenwurfs, jenes Auge, das den Gott dem ersten Blick offenbart, indem es mild auf den Guten sieht und den Frevler niederschreckt, sowie die Majestät, die auf der hohen Stirn thront, und die mit Ernst gepaarte Huld, die auf den Lippen wohnt – der ganze Jupiter geht in der Schwäche des Mückenauges völlig verloren. Dafür entdeckt sie auf der Fläche, die ihre winzigen Füße trägt, die Rauhigkeit des Marmors, der ihr wie ein mit Zacken übersäter Felsen vorkommt.
Genauso schränkt auch die Dummheit ihre nebelhaften Ideen in einen engen Kreis ein – denn das Ganze zu übersehen, ist das Werk weitaus größerer Geister –; das allgemeine Band, das alle Teile zusammenfügt, bleibt ihr stets unbekannt. Deswegen findet sie die Schöpfung überall voller Mängel. Sie würde am liebsten aus allen Würmern Engel machen und klagt darüber, dass ein öder Fels keine bunten Tulpen hervorbringt oder die Nachtigall nicht nach den Regeln der Kunstmusik singt. Allein der Weise belächelt diesen eingebildeten Klugen: Er kennt den Bau des Ganzen und die Fugen aller Teile, er besitzt den wahren Maßstab, der ihr Verhältnis zueinander misst, und findet letztlich so vieles schön, dass er den vermeintlichen Fehler gern vergisst.
Zoroasters Suche nach dem Ursprung des Übels
Aus jenem trüben Quell, der von Lehm und Sand geschwollen ist, ist bis auf unsere Zeit ein tödliches Gift geflossen. Statt mit Behutsamkeit der Wahrheit nachzuspüren, bleibt der verdrossene Verstand stets an der Oberfläche stehen; man speist sich mit Träumen, die das Gehirn verwirren, und beglückwünscht sich auch noch dazu, so angenehm zu irren.
In einem tiefen Wald in der öden Flur Baktriens verliert sich Zoroaster im tiefen Erforschen der Natur. Die dichtbelaubte Nacht der umschatteten Felder führt seinen einsamen Sinn auf schreckenerregende Bilder. Er forscht dem Übel nach, das alle Menschen plagt und mit geschärftem Zahn an ihren Herzen nagt. Selbst denjenigen, den der königliche Purpur bedeckt und dem alles gewährt scheint, verlässt der Kummer nie, der seine Lust verzehrt; der Glanz, der ihn umgibt, blendet nur den Verstand des Pöbels und überstreicht ein schimmerndes Elend mit falscher Pracht.
Wir nähren tief in uns selbst den Keim zu ständigen Plagen; er hat seine Wurzel mitten in unsere Brust geschlagen, die das durchschlungene Herz mit tausend Adern füllt und die du selbst, o Weisheit, vergeblich auszurotten versuchst. Der Geist sieht sich trauernd in träge Fesseln geschlossen; sein schwacher Nachen wird vom Strom der Zeit unaufhaltsam hingerissen. Die Süßigkeit der Wollust wird durch Überdruss vergällt, und der Hunger des Tantalus nagt mitten im größten Genuß an uns. Uns betrügt ein Gespenst: Ein reizvolles Schaugericht quält unseren trockenen Gaumen, während es dem Auge schmeichelt. Es ist wie mit dem Geist der Creusa, der sich dem Äneas zeigt und sein bekümmertes Herz mit falscher Hoffnung nährt – dreimal streckt er den Arm nach dem geliebten Schatten aus, und dreimal entzieht sie sich dem Kuss des bangen Gatten. So flieht die Seelenruhe, das niemals feste Ziel betrogner Geister, vor demjenigen, der sie umfangen will; hingegen schwärmt stets ein ganzes Heer von blassen Sorgen bei jedem Schritt um uns herum und ängstigt uns bereits für den morgigen Tag. Vergeblich wird der Gram durch die Lust des Augenblicks verscheucht: Er gleicht dem parthischen Reiter, der gerade dann siegt, wenn er flieht. Kaum scheint er zu entfliehen, so kehrt er nur umso stärker zurück und schwingt sein trauriges Gefieder um unser Haupt.
Die Entstehung des dualistischen Irrtums
Aus diesem Blickwinkel betrachtet Zoroaster nun die allgemeine Not, diese ständige Folter unserer Brust. Er spürt der Ursache nach und erstaunt darüber, in deinen Werken, o Mithra, scheinbar unzählige Gebrechen zu bemerken. „Nein!“, ruft er schließlich aus, „du erbarmungsvoller Gott, du lebst nicht von Blut und suchst nicht unseren Tod. Es gibt ein boshaftes Wesen, das uns das Dasein missgönnt; sein Herz ist ein ständiges Feuer, in dem Zorn und Rache brennen. Es labt sich an unseren Tränen und nährt seine unglückselige Glut mit unserem Blut wie mit fettem Öl. Das angstvolle Getön der Seufzer liebt es weitaus mehr zu hören als jene Harmonie der himmlischen Sphären, die dich, Mithra, erfreut. Von ihm stammt alle Not, die uns bis zum Ende dieses bangen Lebens droht und die erst dem Tode weicht, der unseren Jammer verkürzt – ach, uns aber vielleicht sogar in ewigen Schlummer stürzt!“
So folgert der Weise der Perser und findet in den vom Mythos umnebelten Geschichten des grauen Altertums scheinbar das, was seine Meinung bestärkt. Der geschichtliche Einfall der Völker und die strenge Faust alter Helden ließen im Orient blutige Spuren zurück und schienen dem neuen Wahn mit Nachdruck recht zu geben. So hecken der Scharfsinn des Denkers und die Unwissenheit des Volkes gemeinsam den Irrtum aus; genährt von der Zeit wächst er heran und schützt sich mit den Zungen seiner Priester, bis das Alterthum ihm schließlich jenen Beifall erzwingt, den ihm bei seiner Entstehung der Leichtsinn des Volkes gab: Nun blüht der Wahn empor, und zwar direkt auf dem Grab der Wahrheit.
Der ewige Kampf im persischen Weltbild
Zwei Wesen ehrt und scheut das alte Persien mit völlig unterschiedlichen Trieben. Das eine Wesen macht sich beliebt: Es pflanzt den Samen der Tugend in unsere Brust und pflegt die zarte Frucht mit warmem Sonnenschein. Das andere Wesen gleicht der Nacht: Mit kalter Finsternis hemmt es die Kraft der Strahlen, die von Ormuzd fließen. Ein ewiger Zweikampf trennt die Schar der Himmelsgeister, und nichts Geringeres als unser menschliches Glück steht dabei auf dem Spiel.
Das gute Wesen führt die unerfahrene Jugend, der ihre eigene Unschuld oft zum Verhängnis wird, den steilen Weg der Tugend hinauf; sein zärtlich-ernster Blick folgt ihnen, wohin sie auch ziehen, und verwandelt Dornen oft in lieblichen Jasmin. Hingegen hört Ahriman, der darauf versessen ist, uns zu kränken, niemals auf, über neuen Stoff zu unserer Pein nachzudenken. Bald lockt er uns mit List in einer reizenden Gestalt – und ein liebenswürdiger Feind besitzt zehnmal mehr Macht als einer, der offen die Waffen zeigt, die unser Leben bedrohen. Ein Feind, der sich offen erklärt, befiehlt uns, ihn zu meiden; wohingegen demjenigen, der lächeln, uns umarmen und küssen kann, schon oft der kühnste Held zum Opfer gefallen ist.
Auf diese Weise ist es dem Tyrannen oft geglückt, mit seiner Zauberei ein schwaches Herz zu berücken. Kein Proteus wandelt so oft seine trügerische Gestalt, und so vielfach sah dich, Vertumnus, die Flur der spröden Nymphe Pomona nicht, bis du schließlich mit schmeichlerischen Falten als ein graues Weib ihre süße Gunst erhieltest. Voller Wunder fühlte Pomona bei dem Gruß – so gut er sich auch verstellt hatte – sogleich den allzu frischen Kuss; so küsst die bloße Freundschaft nicht! Sie stutzt, ihre Wangen glühen, doch plötzlich fühlt sie sich schon weitaus feuriger umfangen; sie sträubt sich vergeblich, da sie zu schwach für einen ernsthaften Widerstand ist, und krönt mit ihrem Zaudern nur den Sieg des holden Feindes.
Genauso zeigt sich Ahriman in mancherlei Gestalten, um seinen Endzweck zu erreichen – denn sein ganzes Spiel zielt auf unseren Tod ab. Von jedem Gegenstand nimmt er Farbe und Form an und betrügt so gleichzeitig den Wahn verschiedener Seher. Er weiß sich blitzschnell in die Form unseres eigenen Herzens zu drängen und andere Neigungen auch auf andere Weise zu berücken: Er nutzt Dianas Gürtel zum Verderben der Callisto und füllt den Schoß der Danae mit einer goldenen Flut. Wenn ihm die List einmal nicht gelingt, dann schreckt er mit Blitzen, und selbst Ormuzd kann den Menschen oft nicht vor ihm schützen.
Die wahre Quelle des Übels und das Reich der Möglichkeiten
Dies also ist die Quelle des Übels, so wie Zoroaster sie sich erträumte: Er suchte außerhalb von uns, was in Wahrheit tief in unserer eigenen Brust aus einer inneren Quelle entspringt. Um den philosophischen Knoten aufzulösen, machte er das Übel kurzerhand zu einem ewigen, eigenständigen Wesen. Allein vor solchen Fabeln bebt die Kühnheit des Zweiflers nicht; du, o Wahrheit, bist es allein, die seine Waffen bricht. Durch dich will ich die Macht geschärfter Zweifel dämpfen, die Vorurteile zerstreuen und für die Gottheit kämpfen.
Im ewigen Verstand der göttlichen Natur schwebt ein unendliches Bild der gesamten Schöpfung, völlig frei von allen Schatten. Hier stehen in langen Reihen all jene Wesen, die sich der reinen Möglichkeit erfreuen: Unendlich ist die Schar, die hier ihren Platz hat und sich vom öden Nichts dem Unerschaffenen nähert. Hier fehlt es an keiner Kraft, an keinem wirksamen Vermögen und an keinem Wesen, das sich selbst zu fühlen und zu bewegen vermag.
Die beste aller möglichen Welten
Dies ist der wahre Stoff der Welt. Ihm verlieh die weise Macht, die ihn unsterblich schuf, die Pracht der schönsten aller Formen. Sie hat die Schar der Wesen nach Verwandtschaft und Ähnlichkeit miteinander verbunden und jenes Grundgesetz der Ordnung etabliert, das jede Wirkung stets an ihre eigene Ursache knüpft und verhindert, dass die Natur in unvorhersehbaren Sprüngen rein zufällig und epikureisch umherhüpft.
Die schöne Symmetrie, die Eintracht in den Teilen, die durch verschiedenartige Wege letztlich doch den besten Zweck erreichen; die wohlgesparte Kraft, die genau abgewogene Zeit, der ausgemessene Raum und die Vielfalt, die stets mit Einfachheit vermählt ist; dazu das kunstvolle Arrangement, dass im Vergangenen immer schon der Samen der Zukunft liegt – dies alles ist das Werk des ewigen Verstandes, der für den reichsten Stoff die schönste Form erfand.
Die geringe Zahl der Mängel verschwindet angesichts der Größe des Guten; sie gleicht kaum einem winzigen Punkt, den ich mit der Unermesslichkeit von Sonnen vergleiche. Die Welt ist ja nicht Gott selbst; es genügt völlig, dass ihre Pracht sie, gleich nach dem Schöpfer, zum höchsten aller Wesen macht. Sie ist so groß und so gut, wie Gott selbst sie nur bereiten konnte: ein vollkommener Inbegriff aller realisierbaren Möglichkeiten. So führt sie die Schar der Wesen, am Ende rein von allen Mängeln, auf dem bestmöglichen Weg wieder in ihren göttlichen Ursprung zurück.
ZWEITES KAPITEL
Kosmos, Geist und Materie
Das Wesen der Welt und der Ursprung der Schwärmerei
Die Welt – dieses gewaltige Reich voller lebendiger Wirklichkeiten – ist in ihrer Substanz kein Werk, das in messbarer Zeit entstanden ist. Zwar befinden sich alle Dinge in einem ständigen Fluss der Veränderung und entwickeln sich immer weiter, doch ihr eigentliches Sein existiert von jeher, untrennbar verbunden mit dem Schöpfer. Das Universum hängt vollkommen von Seiner schöpferischen Macht ab; würde sich diese Kraft nur für einen Augenblick zurückziehen, würde das gesamte All sofort in das finstere Grab des Nichts stürzen.
Doch wie wirkt diese göttliche Kraft? Und wie weit kann es uns mit unserem beschränkten Verstand gelingen, in das Unermessliche vorzudringen?
Schon die ältesten Weisen, angefangen bei den Lehren des mythischen Hermes Trismegistos, haben jenen Irrglauben in die Welt gesetzt, der bis heute am Indus in Indien verehrt wird. Es ist jene orientalische Philosophie, die später vom neuplatonischen Philosophen Plotin im Alexandria des 3. Jahrhunderts neu belebt, vom jüdischen Kabbalisten Rabbi Schimeon Ben Jochai im 2. Jahrhundert mystisch verdunkelt und schließlich im blassen Schein von Jakob Böhmes theosophischem Werk Aurora diffus weitergetragen wurde. Eine allzu produktive, überhitzte Fantasie ist die Mutter all dieser metaphysischen Schwärmereien. Sie verwechselt und vermischt ständig reale Dinge mit bloßen Sinnbildern, die uns eigentlich nur als sprachliche Veranschaulichung dienen sollten.
Die historischen Irrtümer: Stoiker, Plotin und die Kabbala
Die Irrtümer dieser Denker haben sich wie schlammiges Wasser in viele Kanäle ergossen:
Die Stoiker um Zenon lehrten, dass die Welt durch die Absonderung der Elemente aus der Ur-Materie entstand. Sie glaubten an ein feurig-ätherisches, göttliches Wesen, das das All durchfließt und allem Leben und Verstand schenkt – eine Weltordnung, die zwar von Vorsehung, letztlich aber von unerbittlicher Naturnotwendigkeit und Schicksal bestimmt ist.
Plotin wiederum verglich Gott mit einem unendlichen Ozean, aus dem die Geisterwelt in verschiedenen Stufen der Klarheit hervorquillt. Der leblose Stoff, die Materie, ist für ihn nur der Schaum auf den Wellen – eine kalte Rinde, die den Ursprung alles Bösen bildet.
Die kabbalistische Lehre des Ben Jochai übernahm dieses Fundament Plotins und schmückte es mit orientalischen Bildern aus. Sie behauptet, dass alle Dinge aus der göttlichen Natur ausfließen und irgendwann dorthin zurückkehren. In unendlichen ätherischen Räumen soll ein grenzloses, reines Licht (das Or Heënsoph) strahlen. Der erste Ausfluss dieses Lichts wird als Ur-Mensch (Adam Kadmon) bezeichnet, dessen Kraft sich in zehn Kanäle (die Sephiroth) ergießt. Je weiter sich diese Kanäle vom göttlichen Ursprung entfernen, desto schwächer wird ihr Glanz. Die höchste, reinste Welt nennen sie Aziluth. Darunter leuchtet die Welt der Geister (Briah) mit bereits blasserem Schein und erhellt die finstere, unbelebte Unterwelt der Materie.
Doch halten wir hier inne und meiden diese heiligen Dunkelheiten – ihr unsichtbares Licht erschließt sich ohnehin nur den Eingeweihten. So gebiert sich der Irrtum im Schoß der heißen Fantasie und wächst durch den Beifall der Masse. Kaum schlägt ein intellektueller Herkules diesem hundertköpfigen Drachen des Wahnsinns einen Kopf ab, wachsen schon neue Rachen nach. Nur die wahre Weisheit kann diesen Wahn mit dem Blitz der Vernunft vertreiben.
Die wahre Natur der Schöpfung und das Missverständnis der Kunst
Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die gesamte Welt wird von aktiven Kräften angetrieben, die sich aus innerem Antrieb verändern und bewegen. Die innere Form und der Unterschied zwischen den Wesen basieren auf dieser Aktivität. Dennoch ist die schaffende Kraft nicht identisch mit dem, was aus ihr hervorgeht – so wie die Nachtigall nicht mit ihrem Lied gleichzusetzen ist.
Die Wirkung dieser Kraft ist bei den Geschöpfen immer abgestuft und erreicht niemals die Vollkommenheit der Quelle, aus der sie entspringt. Nur Gott ist, was er ist, und ruht in sich selbst. Uns Menschen hingegen würde das bodenlose Nichts wie ein Schattenreich quälen, wenn die göttliche Urkraft unsere eigenen Kräfte nicht ununterbrochen beleben würde. Hier zeigt sich das ewige Band zwischen Schöpfer und Geschöpf: Jedes Streben, ob körperlich oder geistig, lebt nur durch Gott. Auch wenn die Veränderungen und Fehler der Kräfte von den unvollkommenen Wesen selbst stammen und nicht von Gott, so bleibt das Wirken des Schöpfers doch immer konstant – er schafft niemals weniger oder mehr als von Ewigkeit her vorgesehen.
An dieser Stelle verleitet uns die Fantasie oft zu einem falschen Umkehrschluss. Wenn ein Bildhauer wie Lysipp ein Meisterwerk vollendet, benötigt die Skulptur nach dem letzten Pinsel- oder Meißelstrich ihren Schöpfer nicht mehr. Wenn Praxiteles seine wunderschöne Venus-Statue fertiggestellt hat, steht sie für sich allein und überdauert den Künstler um Jahrhunderte.
Die Fantasie schließt daraus fälschlicherweise: Was einmal geschaffen ist, besteht nun aus eigener Kraft. Doch dieser Vergleich hinkt gewaltig! Der menschliche Künstler formt nur bereits existierenden Stein um und gibt ihm eine neue äußere Gestalt – er erschafft ihn nicht aus dem Nichts. Die Lebenskraft der Geschöpfe hingegen kann sich niemals vom ewigen Schöpfer lösen. Der Grund für ihre Existenz liegt nicht in ihnen selbst. Egal wie hoch sich ein Wesen entwickelt, es wird niemals zu Gott; alles, was es besitzt, muss es in jedem einzelnen Augenblick neu von Gott empfangen.
Der Zweck der Welt: Glückseligkeit und Empfindung
Der Zweck der Schöpfung ist es, die Herrlichkeit und Güte des Meisters widerzuspiegeln. Gott erschuf eine Welt, die auf seiner Liebe gründet und von seinem schaffenden Licht durchflutet wird. Die Ehre Gottes zeigt sich im Glück seiner Werke. Was uns glücklich macht, vermehrt seinen Ruhm.
Dieses Fundament trägt zwei große Säulen unserer Erkenntnis:
Alles, was empfindungsfähig ist, macht das Wesen der Schöpfung aus.
Das Glück der geistigen Wesen liegt im Streben nach einer besseren, höheren Zukunft.
Wenn das Glück der Geschöpfe das einzige Ziel des Schöpfers ist, dann hat er so vielen Wesen wie nur möglich Empfindung und Gefühl eingehaucht. Denn was nützt dem toten Stoff die Sonne, wenn niemand da ist, der ihre Wärme spürt? Erkennt ein Gemälde von Van Dyck seine eigene Schönheit? Kann sich ein Spiegel selbst über seine Reflexion freuen? Spürt ein Kunstwerk den Stolz und die Bewunderung der Menschen, die um es herumstehen? Nein, das leblose Objekt bleibt sich selbst fremd, hört das Lob nicht und erfreut nur die Blicke anderer.
Kritik am modernen Materialismus
Schon das Altertum hat das rein geistige Wesen, das völlig unabhängig von der Materie existiert, oft verkannt und glaubte, Geister bestünden aus einem himmlischen, unverwüstlichen Feuer. Doch auch unsere moderne Zeit ist vom Irrtum befleckt. Der Materialismus streckt sein stolzes Haupt aus den Ruinen alter Philosophien und flößt den Menschen das schleichende Gift ein, dass der Geist sich niemals von der Materie befreien könne – dass nach dem Tod alles vorbei sei.
Das Lasterhafte und Ungerechte hofft durch diesen Glauben, den Blitzen des göttlichen Richters, der inneren Angst und der künftigen Verantwortung zu entkommen. Und der menschliche Witz hilft bereitwillig dabei, dieser Lüge das Gewand der Wahrheit überzustreifen.
O du Tor! Für eine kurze, flüchtige und kaum halb genossene irdische Lust soll dich das Grab des Todes mit ewiger Nacht bedecken? Dein Verstand verspottet das Glück der Ewigkeit, und dabei genießt du im Hier und Jetzt doch kaum mehr als die wertlosen, vergänglichen Hülsen der Zeit.
Der Kampf um die Seele: Vernunft gegen den Materialismus
Die Verlockung des Freigeists und die Grenzen des Verstandes
Die Fantasie ist es, die unaufhörlich den Wahn erzeugt und nährt. Sie hat auch jenen materialistischen Irrtum großgezogen, den ich bekämpfen will: Aus ihrem unerschöpflichen Bilderschatz schmückt sie diesen Irrglauben so reizvoll aus, dass ansprechende Bilder den Platz von echten Argumenten einnehmen.
Fragt man einen solchen Freigeist und drängt ihn mit logischen Argumenten, wird er sich kaum zweifelnd aus dem Netz der Vernunft winden können. Stattdessen fragt er höhnisch: „Was bitteschön soll man sich unter dem Wort Geist vorstellen? Ist das nicht ein leerer Schall, der uns mit Unsinn abspeist? Kann etwas existieren, das keinen Körper hat und völlig von der Materie getrennt ist? Wäre das nicht genau das, was wir das absolute Nichts oder die Leere nennen?“
So argumentierte schon der antike Dichter Lukrez, und ohne vor Scham rot zu werden, stimmen ihm selbst in unserer heutigen Zeit noch viele falsche Weise zu. Sie bezweifeln – ganz im Gegensatz zu den Lehren von Gottfried Wilhelm Leibniz –, dass ein immaterieller Geist eine so unendliche Fülle von Gedanken und Bildern hervorbringen kann. Schließlich widersprechen diese Bilder dem inneren Wesen des Geistes, der ja unkörperlich ist, keinen Sinn berührt und weder Stoff noch räumliche Ausdehnung besitzt.
Und schließlich – das ist der Kern ihrer Argumentation – fragen sie: „Wer sagt uns denn, dass wir schon alle Kräfte der Materie kennen? Vielleicht kann Materie ja doch denken!“
Betrogene Sterbliche! Ihr seht vom unbegrenzten Universum noch nicht einmal den äußersten Rand oder die bloße Schale, und doch rühmt ihr euch selbstgefällig, das innerste Herz der Dinge zu kennen. Ihr tut so, als hättet ihr die Himmel selbst durchrannt – ganz so wie der gelehrte Jesuit Pater Athanasius Kircher im 17. Jahrhundert, der über alles schrieb, was man wissen und nicht wissen kann, der ägyptische Hieroglyphen und geheimnisvolle chinesische Schriften entzifferte, die Unterwelt wie ein Erdgeist beschrieb und in einer ekstatischen fiktiven Reise die Planeten und den Himmel durchquerte.
Was für eine Anmaßung! Der Mensch ist ein kaum ins Dasein getretenes Nichts, das von einem kurzen Lebenswind wie eine Seifenblase aufgebläht wird, die schon wieder vergeht, noch ehe sie richtig da war. Und als ein so törrichtes Wesen willst du ohne Steuer, Mast, Kompass und Leitstern auf einem Ozean voller Klippen segeln?
Da hatten es die ersten Seefahrer der Mythologie – die Argonauten – wesentlich leichter, als sie im hölzernen Bauch ihres Schiffes das tosende Meer erkundeten. Die Meeresnymphen sahen damals staunend ein fliegendes Holz durch die schäumenden Wellen pflügen, auf dem Schilde und Rüstungen glänzten. Doch jene Helden wurden von einer Gottheit geschützt; Athene selbst führte sie, und der Preis des Goldenen Vlieses spornte sie an. Du aber, schwacher menschlicher Geist, wie kannst du es wagen, ganz ohne göttliche Hilfe und ohne das Licht der Vernunft die finstere See der Metaphysik zu durchqueren? Verwegen ziehst du den Schluss, die Materie könne fühlen und denken, bloß weil es dir an Verstand und Sinneskraft fehlt, das wahre Wesen des Geistes zu begreifen.
Ist das etwa der „helle Geist“, den ihr Materialisten so sehr feiert? Jener göttliche Funke, der angeblich den Tod überdauert? In euren Augen entsteht er doch nur mit dem Leib, blüht mit ihm auf, nimmt mit ihm ab und vergeht am Ende genau wie der Körper im Nichts!
Die Widerlegung der materialistischen Philosophie: Das Argument der Einheit
Dies ist der Trugschluss jener Dichter und Denker, die ihren Witz verschwenden und – wie der französische Schriftsteller Saint-Hyacinthe in seinem Werk über die denkende Statue des Pygmalion – nur ein naives Publikum mit glitzernden Worten blenden.
Das zeitgenössische Frankreich bringt kaum einen seichten Geist hervor, der sich nicht an diesem Thema versucht: Stolz verhöhnen sie die Vernunft, schlagen echte Argumente mit billigen Witzen nieder und tönen mit großen Worten. Doch dichtet nur weiter! Verwandelt ruhig, wie Pygmalion, das leblose Marmorbild in eine fühlende Frau. Ihr mögt uns mit euren poetischen Märchen betrügen und Reime aufeinanderstapeln – hier aber, in der Philosophie, sollen harte Argumente siegen.
Ihr behauptet also, die Materie selbst fühle und denke in uns. Sie sei es, die Bilder aufnehme, abspeichere, trenne und neu verknüpfe. Sie gieße sich in die Formen, die der Körper ihr vorgebe, und sie sei es, die in unserer Brust wünsche, fürchte, hoffe, hasse und liebe.
Doch antwortet mir auf eine Frage: Da Materie unendlich teilbar ist, fließt diese geistige Kraft dann aus allen einzelnen Teilen dieses denkenden Stoffes? Wenn ihr das bejaht, bringt ihr eure eigene Theorie zum Einsturz. Schon der antike Philosoph Plotin hat vor langer Zeit ein logisches Argument formuliert, vor dem euer intellektuelles Luftschloss nicht mehr zu retten ist.
Denn überlegt einmal: Wenn das Bild, das die Materie wahrnimmt, in jedem einzelnen materiellen Teilchen als Ganzes existiert, dann müsste ja jeder Gegenstand unendlich oft gleichzeitig erkannt werden! Ihr würdet nicht wie der wahnsinnige Orest zwei Sonnen am Himmel sehen, sondern unzählige Sonnen würden vor euren Augen stehen. Alles, was euren Blick trifft oder eure Sinne rührt, würde unendlich oft in euer Gehirn projiziert. Jedes Gefühl, jeder Hass und jedes Begehren würde sich in eurer Brust millionenfach vervielfachen. Wer das glaubt, den kann selbst alle Nieswurz der Insel Antikyra nicht von seinem Wahnsinn heilen!
Wenn ihr diesem logischen Pfeil klug ausweichen wollt, müsst ihr eure These abändern und sagen: „Nein, jedes Teilchen der Materie fühlt nur ein kleines Bruchstück des Gesamtbildes.“
Doch nun fragt euch selbst, wenn ihr im Moment des Denkens euer Bewusstsein reflektiert: Ist dieses Gefühl in euch etwa geteilt oder zerrissen? Nein! Nur eine einzige, unteilbare Kraft kann verschiedene Sinneseindrücke zu einer einzigen Wirkung zusammenfassen. Alles, was der Verstand ergründet, der hohe Flug des Scharfsinns, die logischen Schlussfolgerungen und der freie Wille – all das lässt sich nicht in materielle Teile zerlegen oder in stoffliche Bilder pressen.
Ein Beispiel soll das verdeutlichen: Ihr geht in einen Wald, um im Schatten Schutz vor der brennenden Sonne zu suchen. Im selben Augenblick steigt von den Wiesen ein süßer Blumenduft auf und erreicht eure Nase. Gleichzeitig hört euer Ohr den Gesang einer Nachtigall, der von den fernen Felsen als Echo widerhallt.
Nach eurer materialistischen Theorie müsste sich nun jedes dieser Bilder isoliert in einem anderen Teil des Gehirns abspielen. Der Duft der Blumen prägt sich schließlich ganz anders ein als das Spiegeln der Sonne auf dem Wasser. Jedes Teilchen würde nur sich selbst fühlen und könnte nichts von den anderen wissen: Das eine Teilchen spiegelt den grünen Wald, das andere wird vom Blumenduft berauscht, und ein drittes nimmt den Vogelsang wahr.
Doch widerspricht das nicht völlig eurer eigenen inneren Erfahrung? Wenn der Geist den Blick auf sich selbst richtet, erkennt er dann nicht einen einzigen Mittelpunkt, in dem alle Bilder aus allen Sinnen wie ein Strom zusammenlaufen? Ein Philosoph wie Nicolas Malebranche, der messerscharf logische Ketten bildet und die Zusammenhänge der Sätze durchschaut, könnte niemals durch ein Labyrinth von Ideen die Wahrheit entdecken, wenn es in ihm nicht ein einziges, unteilbares Wesen gäbe, das all diese Begriffe zusammenfügt und lenkt. Ohne diese geistige Einheit würden die verschiedenen Sinneseindrücke im Gehirn feindlich aufeinanderprallen und sich gegenseitig zerstören.
Die Materie ist es also nicht, die denkt. Ein fundamentaler Unterschied trennt die Geistigkeit vom ausgedehnten Stoff: Die Materie kann sich zwar bewegen, aber sie fühlt sich selbst nicht; der Geist hingegen fühlt und denkt, besitzt aber von sich aus keine körperliche Bewegung. Der ewige Verstand Gottes hat die Unempfindlichkeit so weit wie möglich aus seiner Schöpfung verbannt. Dennoch kann die Geisterwelt den Stoff nicht völlig verdrängen. Warum? Weil die Materie den unkörperlichen Geistern nützt. Sie fördert deren Zweck, indem die körperliche Bewegung dem Geist das Werkzeug liefert, das ihm zum Wirken in der Welt fehlt.
Die beste aller Welten und die Vielfalt der Schöpfung
Das eigentliche Ziel, das Gott sich für sein Wohlwollen ausgesucht hat, ist die beseelte Schaar der edleren, geistigen Wesen. Sie sind nach seinem eigenen Ebenbild geschaffen, besitzen die Fähigkeit zu fühlen und tragen in ihrem Innersten ein tiefes Verlangen nach Freude. Das Vaterherz Gottes schlägt für diese geliebten Kinder, und er möchte keine neidischen Grenzen, die sein glücklich machendes Wirken behindern. Sein Wille ist unser Glück – auch wenn eine völlig identische Seligkeit für alle durch die natürliche Verschiedenheit der Wesen unmöglich ist.
„Warum aber“, so fragt der Zweifler im Sinne der alten manichäischen Philosophie, „hat Gott uns dann nicht gleich als vollkommene Engel erschaffen? Als Wesen, die fest im Guten verankert und frei von Fehlern und Mängeln sind?“
O du Tor! Mit dem gleichen Recht könntest du die Erde anklagen, weil sie neben der Pracht der Nelken, Lilien und bunten Tulpen auch Disteln, Löwenzahn und gewöhnliches Gras wachsen lässt. Vielleicht verlangst du auch, dass auf dem Meer stetig sanfte Westwinde wehen, dass die Wellen des Ozeans aus süßem Nektar bestehen, dass öde Wüstensände von Blumen blühen und Schiffe an Klippen aus echten Diamanten zerschellen?
Wenn dir diese Realität missfällt, dann flieh aus einer Welt, die den Gesetzen der Natur gehorcht! Zaubere dir ein eigenes Fantasiereich, in dem Hitze kühlt, in dem der rauschende Bach Opernarien singt und im Frühling Rubine und Perlen aus der Erde sprießen.
Wie unendlich eintönig und eng wäre eine Welt, die ausschließlich Halbgötter und Engel beherbergte, die alle im exakt gleichen Licht dieselbe gleichförmige Wonne erlebten! Wie klein und armselig wäre dann die Vielfalt der Schöpfung. Gerade in der unendlichen Fülle der verschiedenen Stufen, die alle zu einem einzigen großen Endzweck beitragen und sich in harmonischer Vielfalt ergänzen, zeigt sich die wahre Größe des Schöpfers.
Das Weltmeer des Glücks, der Stufenbau der Wesen und die Macht der Liebe
Die ewige Liebe und die Überwindung des Leidens
Könnte die Gottheit es denn ertragen zu sehen, dass ein unzählbares Heer von Wesen, die alle für eine feine, abgestufte Stufe des Glücks geschaffen sind, vergeblich nach dem Dasein lechzt? Wäre das mit der ewigen Liebe vereinbar? Niemals! Gott wendet sich uns mit einem allumfassenden Impuls zu und flößt jedem Wesen – genau nach dessen individueller Fassungskraft – Wirklichkeit und ein maßgeschneidertes Stück Lebensfreude ein.
Das Elend, das die niederen Schöpfungsklassen im Hier und Jetzt erleiden, wird sich im Laufe der Zeit nach und nach in einem unendlichen Meer von Freuden auflösen. Die gesamte Summe des Übels auf der Welt, so riesig sie dem skeptischen Philosophen Pierre Bayle auch erscheinen mag, ist letztlich kaum mehr als ein einzelner Regentropfen, der im unendlichen Weltmeer versinkt. Sie verblasst völlig im Vergleich zu dem unermesslichen Glück, das kommende, ferne Zeitalter – von denen selbst die alten Titanen der Mythologie nichts ahnten – für die Geister bereithalten.
Der innere Unterschied in der wesentlichen Kraft ist es, der die Einzigartigkeit jeder einzelnen Substanz ausmacht. Die unterschiedliche Fähigkeit, bewusste Gedanken zu formen, teilt das große Heer der Wesen in wohlbemessene Schranken ein. Dabei verbindet ein geheimes Band alle Geister untereinander und knüpft Arten und Geschlechter nach ihren inneren Ähnlichkeiten zusammen.
Dies ist jener schöpferische Hauch der Liebe, den schon der mystische Sänger Orpheus in seinen Hymnen als erstgeborenen Urquell von Göttern und Menschen besang, der die Schlüssel zu Himmel, Erde und Meer besitzt und das Urlicht über die Welt brachte. Es ist dasselbe Prinzip, durch das der antike Naturphilosoph Empedokles den ewigen Streit der Elemente überwand – er begriff das Universum durch die Urkräfte der Anziehung und Abstoßung, die er metaphorisch als „Freundschaft“ und „Feindschaft“ bezeichnete.
Die kosmische Leiter: Vom Cherub bis zum Menschen
So entstand die Geisterwelt, die durch Ideen lebt und sich mit unterschiedlicher Kraft und Dynamik zur Gottheit erhebt. Die göttliche Weisheit hat sie in unzählige Klassen eingeteilt, die jedoch nicht starr sind, sondern die Wesen nach einer bestimmten Zeit immer höher steigen lassen. Nach dem Gesetz der Natur streben die einen mit brennendem Verlangen zu ihrer Quelle, während andere sich noch in geistiger Erstarrung und Todesnähe befinden.
Der Cherub: Dort oben, bekränzt mit stillem, reinem Licht, strahlt eine geistige Sonne einen Cherub mit unvermischter Wonne an. Sein scharfes Auge blickt mühelos durch die Nebel unserer irdischen Welt; kein trübes Vorurteil verdunkelt seinen hellen Sinn. Ihm zeigt sich die Natur in ihrer völlig unverhüllten Schönheit, und sein geistiges Ohr wird vom Lobgesang der Himmelssphären entzückt. Neue, uns unbekannte Sinne führen ihn in das innerste Heiligtum der großen Schöpfung ein, wo der Ruhm des Schöpfers wie eine ewige Flamme auf unvergänglichen Altären brennt. Er teilt seine Seligkeit mit tausenden Engelschören, blickt direkt auf das Urbild der Wahrheit, und reine Liebe erfüllt seine Brust. So nähert er sich unaufhörlich der Urquelle aller Geister und wird im Näherkommen von immer reineren Strahlen erleuchtet.
Der suchende Mensch: Weit darunter, auf einer viel unsichereren und zweifelhafteren Bahn, drängt sich die noch unreife menschliche Seele zur inneren Ruhe empor. Was hilft dem Menschen die Vernunft, die ihn eigentlich glücklich machen könnte, wenn sein Wille sich nicht konsequent an ihr orientiert? Sein Herz verlangt nach Lust, doch die falsche, überhitzte Fantasie verdoppelt den Reiz der Verlockungen und raubt ihm gleichzeitig das wahre Glück. Sie entflammt die Begierde, ohne sie stillen zu können, und lockt den oft betrogenen Willen mit eitlem, oberflächlichem Glanz. Während der Mensch rastlos hin und her eilt, um ein Gut zu suchen, das ständig vor ihm flieht, ertönt plötzlich der süße, verführerische Zaubergesang der Wollust.
Der Palast der Wollust und die Rettung durch die Tugend
In einem blumenreichen Tal, wo sich unter dem Schatten von Myrten die Tauben der Venus im stillen Laube paaren, wo alles scherzt und liebt und ein unsichtbarer Dunst süßer Seufzer im lauen Wind verfliegt – dort liegt die Zauberin Wollust auf einem Bett aus betörenden Rosen.
Amor, der kleine Sohn der Venus, schlingt sich unermüdlich wie Epheu um ihre heiße Brust, und ihr funkelndes Auge reizt zu verbotenen Genüssen. Ihr schwarzes Haar, das leicht um ihren Nacken schwebt, verströmt kostbaren Balsam. Lüstern atmet sie den Westwind ein, um ihren matten Gaumen zu kühlen. Ein ganzes Heer von Liebesgöttern umringt sie und spielt sorglos; doch inmitten ihres Scherzens schwirren unsichtbare, giftige Pfeile in die ungeschützten Herzen der Vorbeigebanderten. Sogar der trunkene Weingott Bacchus liegt ihr zu Füßen. Vom sanften Schall der Flöten zur Üppigkeit geweckt, erhebt er sich, um den Chor der Faunen und Mänaden, die in den Schatten flohen, zu einem wilden, zügellosen Tanz aufzufordern.
Dies ist der Hofstaat der Wollust. Aus diesem magischen Garten ruft sie dem Wanderer mit ihrem allzu süßen Mund zu. Sie betört sein williges Herz; er küsst sein eigenes Verderben und saugt aus ihrem Blick ein süßes, schleichendes Sterben.
Doch wenn die Zauberin ihn eine kurze Zeit berückt hat, raubt ihm ein einziger Moment der Ernüchterung alles, was ihn vorher entzückt hat. Es ist wie ein betrügerischer Traum, der uns im Schlaf glücklich macht, unsere Sehnsucht aber nur mit einem holden Gespenst täuscht und uns nach dem Erwachen kaum einen schwachen Rest der Freude lässt – den Schatten eines Schattens –, was den Schmerz nur noch größer macht. Wo eben noch lauter Anmut war, sieht der Verführte plötzlich nur noch schroffe Klippen und toten Sand. Armidas süße Lippen und ihr lustvolles Auge sind mitsamt den Liebesgöttern spurlos verschwunden. Stattdessen sieht er sich mit Abscheu vom dürren Arm des Ekels und der Reue umfangen.
Bald bleicht die kalte Furcht seine schnell verblühten Wangen, wenn das eigene Gewissen ihm die Strafe androht. Bald treibt die späte Scham ihm das verhasste Rot ins blasse Angesicht. Von der genossenen Freude bleibt nichts als eine quälende Begierde zurück, die an seinem Innersten nagt.
Doch während er dort liegt, seufzt, seine Not beweint und sich ohne Hoffnung nach einem Retter sehnt, blickst du, o Tugend, ihn an! Umglänzt von einem sanften, reinen Licht und voller tiefem Mitleid schaust du ihn mit tröstendem Gesicht an. Die Kraft, die mit deinen Blicken in sein Herz fließt, belebt den am Boden zerstörten Geist mit neuem Mut. Du hebst den Gefallenen liebreich auf und führst ihn an deiner Seite deinen hohen Weg entlang – hin zu einer besseren Ewigkeit.
Die niedere Schöpfung und das Potenzial des Unscheinbaren
Auf einer noch viel geringeren Stufe der Schöpfung existiert ein schwächeres Wesen – wie etwa eine Raupe in ihrem unscheinbaren Kleid –, das paradoxerweise oft unseren Neid erregt. Mit weitaus weniger Vernunft ausgestattet als wir, kennt es unsere existenziellen Plagen gar nicht und verbringt sein kurzes Maß an Tagen in steter, einfacher Lust.
Befreit vom bleichen Neid, der unsere menschliche Ruhe auffrisst, und von der eklen Unbeständigkeit, die unsere Freuden stört, schmeckt dieses kleine Wesen einfach den gegenwärtigen Moment. Es verliert keine Zeit mit schwierigen Entscheidungen und besitzt gar nicht die intellektuellen Mittel, um sich sinnreich selbst zu quälen. Der kühle Schoß einer Rose oder der purpurne Grund einer Nelke reizen dieses Wesen genauso, wie der schöne Mund der geliebten Amine den Hirten Myrtill reizt. Das Leben dieses kleinen Geschöpfs ist reines Gefühl; es schwimmt in trunkenen Freuden, und seine Wonne wird durch kein vorausschauendes Leiden getrübt.
Zwar schließt ein sehr enger Kreis seine noch dunklen Sinne ein, allein es wird nicht für immer in diesem Zustand der Kindheit bleiben. Die Zeit und jener evolutionäre Weg, auf dem alle Wesen unaufhörlich aufsteigen, werden ihm einst ein völlig neues Feld der Wahrnehmung eröffnen. Voller Wunder und Staunen wird es dann, aufgenommen in die Reihen der höheren Geister, sein neues Dasein und eine völlig neue Welt betrachten.
Fazit: Das bittersüße Streben nach Vollkommenheit
So ist alles, was fühlt und denkt, in viele verschiedene Stufen eingeteilt: Doch kein Wesen ist ganz ohne Freude, und keines ist frei von Mängeln. Selbst der reinste Cherub spürt die Grenzen seiner Endlichkeit, und auf den unscheinbarsten Wurm warten in der Zukunft bessere Zeiten.
Von Gottes Hand geformt, stellt die Gesamtheit aller Substanzen den ersten, großen Entwurf seines göttlichen Wesens dar. Je näher sie sich zu ihrem ewigen Urbild umkehren, desto herrlicher kann sein reiner Glanz sie verklären. All diese Wesen nehmen sich selbst wahr, sobald sich ein geistiges Abbild der äußeren Welt vor ihren inneren Augen aufbaut. Dieses Bild erweckt in den berührten Herzen bei dem einen Liebe und Lust, bei dem anderen Hass und Schmerzen. Die Richtung unseres Willens kann niemals völlig gleichgültig sein; jeder Eindruck flößt uns entweder Abneigung oder Zuneigung ein.
Auf diese Weise hat der höchste Geist Gottes das, was ihn selbst in absoluter Vollkommenheit schmückt, als ein oft gebrochenes, sanftes Licht in seine Geschöpfe eingeprägt. Aus der Urquelle aller Möglichkeiten – dem göttlichen Verstand – wurde die menschliche Vorstellungskraft mit weiser Kunst abgeleitet. Und der Strom unserer Begierden, die letztlich immer zurück zur Urquelle drängen, zeigt uns zumindest ein Schattenbild des allerbesten, göttlichen Willens.
Kein Geist verschmäht freiwillig sein Glück oder liebt bewusst das, was ihn kränkt, weil sein Wille von Natur aus zum Bösen tendieren würde. Nein, es sind die Verblendung des Verstandes und die ungezügelte Leidenschaft, die unsere leichtgläubigen Herzen betrügen und uns mit falschem Reiz zu schmerzhaften Vergnügungen locken.
Die wahre Liebe umfasst nur das, was sie durch Schönheit berührt, was gut und nützlich erscheint und reine Freude gebiert. Sie ist der schönste Strahl aus dem Blick des Schöpfers, die Wurzel all unserer irdischen Lust und der Keim für ein höheres, zukünftiges Glück. Dieser edle Trieb erfüllt unsere Brust mit Zärtlichkeit für das, was Gott selbst liebt: für die Vollkommenheit. Wo schöne Ordnung durch weise Verbindung besticht, öffnet die Liebe unser Herz, um sie lebhaft zu empfinden. Sie treibt unseren Verstand an und spornt ihn an, wenn ihn die geistige Trägheit besiegt. Der Wahn der Vorurteile und der Irrtum fliehen vor ihr. Die Liebe gibt sich niemals zufrieden und hört nicht auf, den Geist so lange sanft zu fordern, bis er wieder auf die rechte Spur der holden Weisheit findet – jener Weisheit, die sich von wahrer Zufriedenheit nährt, der einzig wahren Nahrung für die Seele.
Die Apotheose der Liebe, der Drang nach Ruhm und die kosmische Leiter
Die Allmacht der wahren Liebe
O Liebe! Du bist der süße, anziehende Zug hin zu Wesen, die uns gleichen, und du herrschst unbegrenzt in allen Reichen der Schöpfung. Dich fühlt der schwächste Wurm im Staub, dich fühlen die höchsten Seraphim im Himmel, ja, dich fühlt der Schöpfer selbst! Du bist es, die uns letztlich zu ihm zurückführt. Du schenkst uns die schönsten und besten Freuden unseres Daseins, und keine andere irdische Lust ist so groß, dass sie selbst die Leiden aufwiegen könnte, die du manchmal mit dir bringst.
Könnte mein Gesang nur so hoch klingen wie ein himmlisches Lied – so rein, wie dein ewiges Feuer in den Cherubim glüht, so süß wie deine Lust und so stark wie deine Impulse! Dann würde ich es wagen, dein Lob kühn zu besingen, und du, o Liebe, solltest der erhabene Inhalt meines heiligsten Gedichts sein.
Weicht zurück, ihr trunkenen Sänger, die ihr bloß von fleischlicher Lust und Wein lallt! Ihr, die ihr dort, wo beim wilden Tanz der Faunen die Flöten schallen, auf dem Schoß feiler Phrynen und Kurtisanen mit schwerer Zunge singt. Entweiht nicht diesen Namen, der den Engeln heilig ist und mit dem der Himmel selbst den unerschaffenen Gott grüßt! Es ist der Name, dessen Macht die besseren Welten ehren und dessen Wunder uns einst die Ewigkeit lehren wird.
Denn all die schönsten Bündnisse, die unsere Seele kennt – die keusche Flamme der Ehe, der Ursprung liebevoller Verwandtschaft und jene mächtigen Sympathien, durch die sich verwandte Seelen magisch anziehen –, ja selbst du, treue Freundschaft, du süßer Trost des Lebens, der unserem Dasein erst seinen Reiz, seine Sicherheit und seine Schönheit verleiht: Sie alle, bis hin zur universellen Nächstenliebe, mit der wir im Geiste das gesamte Menschengeschlecht und die Natur umarmen, sind nur ein einziger Strahl von dir. Es ist dein schöpferischer Hauch, o Liebe, der dieses Feuer in unserer ansonsten so kalten Brust entfacht hat.
Der Drang nach Ruhm: Motor des menschlichen Geistes
Geschwisterlich verwandt mit diesem schönen Liebestrieb ist die Begierde nach Ruhm, die Liebe zum edlen Lorbeerkranz. Auch dieser Drang ist unserem Geist vom Himmel in die Wiege gelegt worden, denn er spornt uns zur Tugend und zu Höchstleistungen an. Von dieser Glut entflammt, schwang sich einst ein mythologischer Prometheus zur Sonne empor, um den Menschen das verbotene Feuer zu bringen, und nahm dafür seine harte Strafe in Kauf. Dieser Drang war es, der die ersten Menschenvölker davon wegbrachte, sich bloß von Eicheln zu ernähren, und der den späteren Prunk ihrer Enkel aus der Seide eines einfachen Seidenspinners entstehen ließ.
Durch das Verlangen nach Ruhm erfand ein weiser Ahnherr wie Teut die ersten Samen der Wissenschaft, und durch ihn überleben die Namen erblasster Helden den physischen Tod. Die Ruhmbegierde verleiht dem Geist der Weisen beflügelte Kraft und hebt sie auf einer sonst unerreichbaren Bahn empor zu den Sternen:
Die Schattenseite: Die Hybris des ungezügelten Ehrgeizes
Doch genau derselbe Trieb wird – wenn die Vernunft ihn nicht in strengen Zügeln hält und seine zerstörerische Hitze bricht – zu einer rastlosen Plage für den Menschen und die ganze Welt. Im Zustand der紀Maßlosigkeit opfert er die Seelen unzähliger erschlagener Brüder seiner eigenen Wut.
Dieser blinde Ehrgeiz spornte einst die Herrscher am Nil, die Pharaonen, dazu an, dem Himmel nahezukommen und künstliche Berge aus gebranntem Stein und Lehm zu errichten. Dort, zusammengefügt unter unendlichen Qualen und mit dem Blut von Sklaven, liegen ihre modernden Gebeine nun in öden, vergessenen Winkeln der Pyramiden.
Derselbe Trieb führte einst Alexanders Armee, den Sohn Philipps von Makedonien, im blutigen Triumph durch entvölkerte Länder bis an den Strand des Indus. Er feuerte Julius Cäsar dazu an, die Freiheit der Römischen Republik zu zertrümmern, um sich im bleichen, sterbenden Glanz seines destabilisierten Vaterlandes als Alleinherrscher zu sonnen. Er ist es, der den Dolch des vermeintlichen Günstlings tief in die Brust seines eigenen Fürsten stößt – blind für jede zuvor empfangene Wohltat. Ja, dieser Drang bewaffnet sogar jene Narren, die sich gegen Gott selbst auflehnen, obwohl ein einziger Wink des Allmächtigen genügen würde, um sie zu vernichten.
So weicht die Ruhmbegierde, die der Himmel uns eigentlich als positiven Antrieb gab, sofort vom geraden Weg ab, sobald ihr der Führer – die Vernunft – fehlt. Eigentlich soll sie den unsterblichen Geist von dieser irdischen Kugel wegführen, um ihn auf strahlenreicheren Sternen auf ein höheres Schicksal vorzubereiten. Doch allzu oft lässt sie sich von falschem Stolz aufblähen; sie hebt den Menschen empor, lässt ihn steigen, nur damit er kurz darauf tief im Staube landet. Genau so stürzte einst der mythologische Phaethon ab, als die wilden Sonnenpferde den lenkenden Herrn vermissten und den Himmelswagen im Sturzflug zur mütterlichen Erde rissen.
Doch dieser wiederkehrende Fall lehrt den betrogenen Menschengeist letztlich eine Lektion. Er sucht so lange weiter, bis ihm ein sicheres, unbestechliches Licht die wahre Laufbahn zeigt – jenen Pfad, auf dem sich die wahren Helden durch manche Feinde durchgeschlagen und ihren hart errungenen Preis schließlich zum Himmel getragen haben. Denn der absolute Gipfel allen Ruhms, den die menschliche Begierde je erreichen kann, ist der strahlende Glanz eines Engels, der in seiner moralischen Vollkommenheit seinem Schöpfer gleicht. Je reifer wir im Laufe der Zeit für dieses Glück werden, desto stärker wird dieser innere Brand entfacht, je näher wir dem Ziel kommen – bis schließlich unser gesamtes Sein dankbar in seine göttliche Urquelle zurücksinkt und reine, unvermischte Lust in vollen Strömen genießt.
Das harmonische Ganze: Die unendliche kosmische Leiter
Dies ist der schönste und vollkommenste Teil des gesamten Universums: das unbegrenzte Reich empfindungsfähiger Wesen. Sie alle stehen auf einer gewaltigen kosmischen Leiter, die nach oben und unten hin kein Ende besitzt.
Auf dieser Stufenfolge – angefangen vom geringsten, mikroskopischen Wurm, der kaum von einem eigenen Lebensimpuls beseelt wird, bis hinauf zum höchsten Cherub, der sich in der Anschauung Gottes verliert – spiegelt eine unzählbare Schar von Geschöpfen das Ebenbild des Schöpfers wider. Jedes tut dies in einem anderen, ungleich hellen Glanz; doch jedes von ihnen liebt die Schönheit, sehnt sich nach tiefer Glückseligkeit und nutzt und entfaltet seine inneren Kräfte.
Es ist ein dynamisches, hoffnungsvolles Universum: Jedes einzelne Wesen wird im Laufe der Zeit mit einem immer reineren Licht geschmückt und blickt mit einem immer helleren, klareren Auge in eine bessere, grenzenlose Zukunft.
DRITTES KAPITEL
Die griechische Philosophie und der Begriff von Geist und Materie
In der Frühzeit der Philosophie, im klugen Griechenland, war der Gedanke an etwas, das völlig von der Materie getrennt ist – also der reine Geist –, noch völlig fremd und unbekannt. Weder Anaxagoras mit seinem ansonsten so scharfen Verstand noch Platon mit seinen Dichtungen über die Ur-Ideen trennten jemals den Geist ganz vom Stoff. Auch der ernste Aristoteles (der Stagirit) und Zenon von Citium folgten diesem Weg und irrten sich. Musste ihr Begriff von den körperlichen Dingen daher nicht zwangsläufig im Dunkeln bleiben und mit Vorurteilen kämpfen? Die Schule Epikurs fügt die gesamte Geisterwelt einfach aus geistlosen Atomen zusammen und trotzt damit der Vernunft. Leukipp macht diese Teilchen gezackt, damit sie sich leichter verbinden, und Empedokles von Agrigent gefällt es, sie abzurunden. Thales wiederum baut die Welt aus einer samenreichen Ur-Flut auf; die Wahrheit stimmt ihm darin sogar zu. Doch auch er teilt dieses Element bloß in Atome auf und lässt die Formen der Dinge aus deren Fließen entstehen.
Der Aufbruch in die Naturforschung
Anstatt nur beim äußeren Schein und den bloßen Oberflächeneffekten (den „Farben“) stehenzubleiben, drängt es mich, zum ersten Grund der Dinge vorzustoßen. Mich packt derselbe Drang, den jene alten Dichter fühlten, als sie die Natur besangen. Die Wahrheit lockt mich in den Hain des Akademos (die Akademie Platons in Athen), um ihr forschend nachzugehen. Mutig wird sich mein Geist in das Dunkel wagen und bis in den innersten Kern der Materie blicken.
Die erste und wesentliche Eigenschaft, die uns der Stoff offenbart, ist seine Ausdehnung: Er besteht aus gleichartigen Teilen. Wer leugnet, dass selbst das kleinste Teilchen Materie ausgedehnt sein muss, verstrickt sich in Widersprüche. Er müsste sonst behaupten, dass selbst die Geisterwelt aus dichtem Stoff zusammengesetzt ist.
Die Kritik an Leibniz und seiner Monadenlehre
Hier ruft mich die Muse von den alten Pfaden ab, hin zu Gottfried Wilhelm Leibniz, dem Schmuck Germaniens. Dein heller Geist hat uns zwar aus dem alten Dunkel befreit und neues Licht in die Naturlehre gebracht; doch weil kein Mensch der Wahrheit unfehlbar folgt, bist auch du vom Weg abgewichen. Aber solch ein Irrtum ist rühmlich, wo selbst Engel im Dunkeln tappen und nur Gott allein fehlerfrei ist.
Die Materie weicht scheu vor deinem System zurück: Du füllst den unendlichen, leeren Raum stattdessen mit reinen Geistigkeiten (Monaden). Ausdehnung und Form erklärst du zu bloßen Sinnestäuschungen, die nur entstehen, weil unsere menschliche Wahrnehmung verworren ist. Das war zu viel gewagt! Dein Heer von Monaden wird an unumstößlichen Vernunftgründen scheitern.
Angenommen, die Materie löst sich für den Philosophen in absolut einfache, unteilbare Urelemente auf, die nur durch eine innere Regung überhaupt existieren: Dann müsste ja auch die Bewegung, der ständige Fluss der Dinge, in diesen Monaden selbst liegen. Damit dichtet dein Lehrbegriff reinen Geistern Eigenschaften an (wie Bewegung und Stoß), die eigentlich nur physischen Körpern zukommen.
Kann dein heller Geist sich diese Monade überhaupt ohne ein sinnliches Bild vorstellen? Ertappt sich die Fantasie nicht heimlich dabei, diesen rein geistigen Gedanken sofort in die Form eines winzigen, räumlichen Punktes oder Stäubchens zu pressen? Aus dieser Mischung (Geist und Punkt) erschaffst du ein seltsames Fabeltier. Weder die Wüste Sahara noch die absurdesten Dichtererfindungen des Horaz haben je so etwas Seltsames hervorgebracht. Selbst deine Monaden, als sie voll Verlangen wie Pallas Athene aus deinem Haupte sprangen, mussten erschrecken und sich darüber wundern, wie du sie verwandelt hast.
Was sich dem Wesen nach völlig vom Körper unterscheidet, kann auch keine körperlichen Wirkungen erleiden. Was wirklich einfach (unteilbar) ist, gleicht einer Seele und besitzt Empfindungsfähigkeit; es gehört zum Geisterreich. Nun ist Gott die Liebe selbst – würde er es zulassen, dass ein fühlendes Wesen wie ein toter, gefühlloser Gegenstand existiert? Nein, alles Einfache nimmt an seiner Güte teil und besitzt ein denkendes Gemüt.
Wie aber soll ein Geist zwei völlig gegensätzliche Kräfte in sich vereinen und sich doppelt bemühen? Widerspricht das nicht der Natur unkörperlicher Substanzen? Es ist unmöglich. Beuge dich der Vernunft und gestehe ein, dass sich deine Monade nicht als Element der Materie eignet. Eher schnitzt man aus einem Feigenbaum einen Gott Merkur oder formt die Venus aus Gischt, als dass echte Materie aus Milliarden von unvorstellbaren, geistähnlichen Monaden entstehen könnte.
Sag uns, wie soll eine Monade eine andere antreiben oder bewegen? Geschieht das durch Stoß? Wie können sie sich berühren, wenn sie gar keine Ausdehnung haben? Wie spüren sie fremden Druck? Da bleibt dir wohl nur die Flucht in die traditionelle Schulphilosophie, zu den „verborgenen Kräften“ (qualitates occultae), um dir dichterisch aus der Klemme zu helfen – so wie ein schlechter Dramatiker einen Gott aus der Maschine (deus ex machina) schweben lässt, um einen verfahrenen Theaterknoten zu lösen.
Das unbewusste Spiegeln der Welt
Und noch eine Eigenschaft der Monaden zeigt, wie sehr der eigene Witz den Verstand täuschen kann: Leibniz behauptet, die niedrigste Klasse dieser geistigen Wesen bilde die Materie. In diese legt er ein ideales, unbewusstes Bild des gesamten, unermesslichen Universums. Doch sie fühlen nichts davon; wie träge Austern verschlafen sie die Ewigkeit.
Sie gleichen der berühmten antiken Marmorstatue der Venus von Knidos: Wenn ein verliebter Jüngling sie voller Verzweiflung küsst und umarmt, fühlt der schöne Stein überhaupt nichts. Genauso wenig fühlt die schlafende Monade das Bild der Welt in sich. Es wäre für sie völlig gleichgültig, ob sie auf Ariosts Mond (wo alle verlorenen Dinge landen) oder in Platons utopischem Staat existierte.
Wozu hilft es ihr also, dieses Bild der Welt in sich zu tragen? Wenn man antwortet: „Sie mehrt die Pracht des Universums“, so ist das eine schwache Ausrede. Was nützt ihr Dasein, wenn es weder ihr selbst noch anderen bewusst hilft?
Hier ging einfach die Fantasie mit den Philosophen durch: Man erklärt uns, diese Monaden seien unkörperliche Spiegel, in die sich die Welt einprägt. Wie scharfsinning! Doch wozu sollte man die Welt mit unzähligen Spiegeln füllen? Vielleicht gibt es in der Geisterwelt eitle Narzisse, die sich so geistig von sich selbst entzückt vor diese Monaden stellen, weil überall ihr eigenes Bild zurückstrahlt und ihren Blick sättigt.
Die Unendlichkeit des Stoffes und die Grenzen des Verstandes
O Wahrheit, die selbst von deinem Liebling Leibniz verfehlt wurde: Dich wählen wir zur Richterin in diesem Streit! Lehre uns den wahren Grund der Körper und trenne mit weiser Hand das Geistige vom Stofflichen, die Leibniz viel zu eng miteinander verbunden hat.
Was den toten Stoff unendlich vom Geist trennt, ist die Tatsache, dass er in seinen Teilen keine feste Zahl kennt. Selbst sein kleinstes Teilchen bleibt, egal wie oft man es zerschneidet, stets ein physischer Körper und lässt sich immer weiter teilen. Genau diese Struktur gibt der Materie die Fähigkeit, sich selbst zu bewegen und andere Körper durch Druck und Stoß anzutreiben.
Diese Ausdehnung unterscheidet den Stoff vom Geist: Der Geist besitzt keine räumliche Ausdehnung und keine geometrische Form. Er ist stattdessen einzig dazu fähig, Ideen und Empfindungen zu haben, zu leben, zu wollen, zu trennen und zu verbinden.
Zwar wirft uns die Gegenseite vor, eine unendliche Teilbarkeit der Materie sei widersinnig. Doch damit wagen sie zu viel, denn die Geometrie und die Mathematik widersprechen ihnen. Teilt nicht der scharfe Geist eines Mathematikers wie Bernoulli Bruchzahlen in unendlich viele, unzählbare Teile auf?
Man beharrt zwar stur darauf, dass alles einen fassbaren, endlichen Grund haben müsse. Doch wo will man diesen festen Grund im uferlosen Abgrund der Ewigkeit finden? Kannst du das Unendliche jemals ganz ergründen oder einen Maßstab für das Unermessliche anlegen? Man wendet außerdem ein, dass eine konkrete, endliche Form des Stoffes beweise, dass er nicht unendlich teilbar sein könne. Was für ein übereilter Schluss! Nur weil unser unvollkommener Geist die Materie in Formen und Schranken wahrnimmt, soll sie messbar und begrenzt sein?
Lehrt uns die Natur nicht an so vielen Beispielen, dass etwas, das wir in Grenzen wahrnehmen, in einem anderen Sinne völlig grenzenlos sein kann? Selbst der hellste Engel (Seraph) fühlt, dass er ein endliches Wesen ist, obwohl seine Lebensdauer durch keinen Lauf der Sterne gemessen werden kann.
Es ist eine allgemeine menschliche Marotte, stolz all das abzulehnen, was man nicht begreifen kann. Dabei: Was verstehen wir überhaupt ganz? Ist nicht das gesamte Universum voller dunkler Wunder, die wir nur ehrfürchtig empfinden, aber nicht intellektuell begreifen können? Wer kann schon die Ewigkeit ermessen? Kann ein Denker wie d'Alembert bestimmen, wie viele Welten im tiefen Weltäther schwimmen? Sag mir: Was sind Zeit und Raum? Wo ist die Quelle des Lichts? Welche Grenze trennt die Schöpfung vom reinen Nichts? O Mensch, der du im Grunde nichts begreifst und doch alles erklären willst: Wann endlich wird die Weisheit dich das sokratische Zweifeln lehren?
Atome und die Härte der Materie
Der Körper wirkt und leidet, und seine Materie bleibt immer ausgedehnt – egal, wie weit ein Naturforscher wie Halley sie theoretisch zerlegt: Sie wird niemals ganz in Geistiges aufgelöst. Genauso wenig verwandelt sich ein Geist jemals in einen Körper, verliert seine Denkkraft oder funktioniert wie eine bloße Maschine.
Der Geist kann zwar denken, sich aber nicht physisch bewegen und nimmt auch körperliche Eindrücke nicht unmittelbar in sich auf. Die Materie hingegen kann sich – durch eine vom Schöpfer eingepflanzte Naturkraft – selbst bewegen und andere stoßen.
Doch obwohl die Natur in der makroskopischen Welt unendlich vielfältig erscheint, zeigt sie uns, dass sie den Stoff in der Realität nicht unendlich weit zerteilt; sie feilt die Sonnenstäubchen nicht ewig in noch kleinere Stücke. Nein, letztlich bleibt die Natur bei winzigen Ur-Splittern stehen, die an Härte selbst den Diamanten übertreffen (den Atomen).
Diese Lehre, so sagt man, hat schon der Phönizier Moschos die Einwohner von Sidon und Tyrus gelehrt. Sie fand lange Zeit großen Beifall, bis Leukipp und Epikur sie missbrauchten, indem sie die Entstehung der Welt dem reinen, blinden Zufall unterwarfen. Erst Pierre Gassendi hat die Atomenlehre wieder von diesem Joch des Atheismus befreit.
Das Gleichnis vom Steuermann
Wie ein verirrtes Schiff das dunkle Meer durchpflügt, über dessen breiter Fläche eine dichte Wolkendecke liegt – während der brausende Wind die Segel trügerisch aufbläht, kein leitender Stern den blinden Kurs anzeigt und der besorgte Steuermann (Palinur) verzweifelt zum bewölkten Himmel blickt, um den rettenden Großen Bären zu entdecken; wie er dann, nach langer Angst in Sturm und Nacht, endlich einen fernen Lichtstrahl erblickt, der die Wolken durchbricht und ihm den Weg durch die gefährlichen Wellen zeigt: Genauso sucht auch der Philosoph die dunkle Spur der Wahrheit. Ohne Führer irrt er auf unbekanntem Feld umher und ist überglücklich, wenn durch die Nacht der verworrenen Begriffe ein treuer Lichtstrahl aufleuchtet, der ihn sicher in den Hafen der Erkenntnis steuert.
Die Kritik an der antiken Wahrnehmungstheorie (Einstrom der Bilder)
O Wahrheit, leuchte durch unsere Dunkelheit und zeige uns, wie man die falschen Pfade meidet! Wie viele Denker haben den rechten Weg verfehlt, weil sie sich die finstere Schar der mittelalterlichen Scholastiker (wie Wilhelm von Ockham) zu Führern gewählt haben?
Vergessend, dass ein immaterieller Geist nicht direkt von physischem Stoff beeinflusst werden kann, übernahm man blind die fehlerhaften Sätze von Aristoteles. Man stellte sich vor, dass ein materieller Lebensgeist (der „Nervensaft“) direkt in die Seele fließt und umgekehrt die Seele in den Körper strömt. Die Bilder der Außenwelt, so dachte man, drücken sich in unsere Sinne ein; dort formt eine flüchtige Flüssigkeit den Widerschein der Dinge, der dann unbegreiflich schnell in unsere Seele strahlt und ein körperliches, ausgedehntes Bild in die völlig unausgedehnte Seele hineinmalt.
So hat es sich Aristoteles, dieser einstige Gott der Universitäten, vorgestellt. Doch hat er damit den Geist nicht im Grunde aus einem besonders zarten Stoff gemacht?
Wer jedoch gelernt hat, den Geist streng vom Stoff zu trennen, kann diesem griechischen Pfad nicht mehr ungestraft folgen. Sag mir, der du die Seele mit dem Leib vermischen willst: Wie bitteschön soll sich ein körperliches, dreidimensionales Bild in etwas Unausgedehntes einprägen? Wie kann etwas, das Teile hat, das berühren, was keine Teile hat? Wie soll der materielle Nervensaft seine physische Natur verlieren? Verwandelt sich die ätherische Flüssigkeit des Gehirns etwa plötzlich in eine abstrakte Idee, sobald sie die Grenze zur Seele überschreitet?
Und selbst wenn dieser Nervensaft durch geheime, unentdeckte Gänge bis in die Seele dränge: Wie könnte sich sein Eindruck so blitzschnell verändern, wie sich die Bilder der Außenwelt vor unseren Augen abwechseln?
Stell dir vor, du stehst in einem hohen, majestätischen Eichenwald, umgeben von dichtem Laub und duftenden Sträuchern. Das flüssige Gold der Sonne wirft ein zitterndes Licht auf die grünen Wipfel und blendet deine Augen. Ein klarer Bach murmelt durch die Wiesen und betaut die jungen Blumen. Das wunderschöne Rot der Rosen lacht dich an und haucht süße Düfte durch die warme Luft in deine feinsten Nerven. Du siehst und fühlst das alles, der ganze Hain bewegt sich, und jedes rauschende Blatt wird zu einem Ton, der fröhlich um dich singt.
Sag mir: Wie fällt dieses gewaltige, komplexe Bild, das du in diesem Moment mit allen Sinnen gleichzeitig aufnimmst, in deinen Geist zurück, der doch völlig einfach und unteilbar ist? Müsste sich nicht – wenn deine unlogische Theorie stimmte – ein riesiges, ungezähltes Heer von körperlichen Bildern durch den mechanischen Druck des Nervensafts gleichzeitig in die Seele quetschen?
Wer diese physische Bilderflut mit der immateriellen Natur der Seele vereinbaren will, der beweist denselben absurden Witz wie ein Maler, der Wildschweine in die Meereswellen malt, Hirsche in den dünnen Wolken weiden lässt und behauptet, der betrunkene Fisch meide für immer das Wasser.
Das Lob auf Leibniz und der Übergang zur Harmonie
Doch was halten wir uns länger mit solchen alten, erträumten Irrtümern auf? Dich, Leibniz, hat ein adlerschneller Flug direkt in das Geheimnis der Natur getragen. Vergeblich hatte sie sich in eine dichte Decke gehüllt; du hast ihr den Schleier weggezogen und sie unverschleiert erblickt.
Zwar versuchte sie beschämt, als sie so nackt vor dir stand, dein Auge mit zauberischen Dunstkreisen und philosophischen Verwirrungen zu täuschen – und beinahe wäre es ihr auch gelungen. Doch die grandiose Entdeckung, die du ihr am Ende abgelauscht hast – die Lehre von der Prästabilierten Harmonie –, bleibt von all diesen physikalischen Flecken frei. Sie ist es wert, von meinem Lied feierlich besungen zu werden.
Die Stufen des Geistes und die unbewussten Bilder
Die Seele nimmt die Welt ganz aus sich selbst heraus wahr, denn ihr eigentliches Wesen ist das Denken; der physische Körper kann ihr keine materiellen Bilder einfließen lassen. Stattdessen trägt jeder Geist von Natur aus ein inneres, ideales Abbild des gesamten Universums in sich.
Sogar die niedrigste, am tiefsten schlummernde Monade besitzt dieses Weltbild entsprechend ihrer eigenen, kleinen Stufe. Bei ihr ist dieses Bild zwar noch von dichten Wolken und einer angeborenen Nacht bedeckt, bis sich ihre innere Kraft irgendwann stärkt und zu echtem Gefühl erwacht. Doch selbst die herrlichsten, glänzendsten Engel (die Cherubim) sind, wenn man unendliche Zeiten vorausdenkt, immer noch von den Grenzen der kreatürlichen Dunkelheit umgeben, da nur Gott allein vollkommen klares Licht besitzt.
Leibniz platziert die schlafenden Monaden an den äußersten Rand der weiten Geisterwelt. Auch in ihnen ist der gesamte Bauplan der Schöpfung wie in einer Skizze angelegt. Doch wozu? Für sie ist er im Moment nutzlos, da sie ihn nicht lesen können. Kein Lichtstrahl erhellt ihr Inneres, kein Blitz durchbricht ihre Wolken. Ohne Hilfe von außen und zu schwach, um sich selbst zu erheben, verschlafen sie ihr völlig unbewusstes Leben wie tote Materie.
Die zweite Klasse der Wesen besitzt bereits Empfindungsfähigkeit. Zwar ist es auch bei ihnen noch dunkel, doch ihnen leuchtet gewissermaßen schon der Mond: Die erwachende Kraft der Seele dehnt sich jugendlich aus und erweitert ihre Grenzen. Allerdings ist sie noch unfähig zu rein geistigen, abstrakten Gedanken und nährt sich nur über die Sinne mit der einfachen, groben Stoffwelt (die Tierwelt).
Die dritte Klasse schließlich wandert dem klaren Tageslicht der Vernunft entgegen – wenn auch in völlig verschiedenen Stufen. Wir Menschen stehen hierbei an den äußeren Grenzen; uns scheint das Licht der Wahrheit erst wie eine ferne, dämmernde Morgensonne anzuglänzen. Wir hoffen und warten auf den vollen Tag, der den höheren Geistwesen bereits strahlt und deren Weltbegriff in vollkommenem Glanz malt.
So wird in jedem einzelnen Geist – gemischt aus individuellem Licht und Schatten, die sich in tausend Mustern paaren – das gesamte Universum im Kleinen nachgeahmt (Mikrokosmos). Unaufhörlich bricht ein neuer Erkenntnisstrahl durch die Nebel und steigert die Kräfte des Geistes. Alles, was die Seele jemals fühlen und erfahren wird, liegt im Grunde schon von Anfang an verborgen in ihr selbst bereit. Es wird durch den Lauf der Zeit lediglich entwickelt und aufgeweckt.
Das Uhrengleichnis der Prästabilierten Harmonie
Der Körper ist in seiner Funktionsweise exakt wie der Geist aufgebaut, denn alles, was er tut und erleidet, entspringt seiner eigenen, inneren Natur und stimmt perfekt mit der Seele überein. Seine Bewegung erhält er rein mechanisch aus dem Spiel seiner Muskelfasern und dem Lauf seiner inneren Räder.
Der Geist befiehlt dem Körper nicht; doch durch das schöpferische Urwort Gottes verläuft das Wirken von Körper und Seele in einer perfekten Parallele nebeneinander her.
Es ist genau wie in einer waldreichen Berglandschaft, wo sich zwei felsige Klippen gegenüberstehen: Wenn der Jäger am frühen Morgen sein Lied anstimmt, gibt das unsichtbare Echo der Bergnymphe die Melodie exakt wieder. Wie der Jäger ruft und singt, so antwortet der Widerhall im selben Ton durch die Luft.
Genauso steht jede Veränderung des Körpers in einer harmonischen, untrennbaren Verbindung mit den inneren Empfindungen der Seele. Wie die Seele will und fühlt, so agiert und leidet gleichzeitig der Körper. Jedes Teil erfüllt exakt seine eigene Aufgabe, ohne dass das eine das andere direkt befehlen müsste.
In dem Moment, als Brutus' Geist den Entschluss fasste, den patriotischen Dolch in Cäsars Brust zu stoßen, streckte sich im selben Augenblick seine Hand aus – wohlgemerkt nicht durch einen physischen Ruck des Geistes gesteuert, sondern durch den eigenen, perfekt parallel ablaufenden mechanischen Antrieb des Körpers. Die Hand zückt den Dolch und führt den tödlichen Stoß aus. Und Cäsars Seele fühlt im selben Moment den Tod, obwohl der geweihte Stahl mechanisch gesehen nur seinen Körper durchbohrt.
Eine feierliche Hommage an Leibniz
Dies ist ein schwacher Entwurf jenes intellektuellen Wunderwerks, das die scharfsinnige Vernunft erbaut hat und das zum großen Gegenstand der Denker unserer Zeit wurde.
O Geist von seltenen Gaben, du wärst es wert gewesen, dass dir das Schicksal eine bessere Epoche geschenkt hätte! In dir verjüngt sich der Geist Platons. Du wärst jener antiken Zeiten würdig gewesen, die wir uns heute vergeblich zurückwünschen: Als die edle Armut eines Aristides noch geehrt wurde, als ein Dion den königlichen Hof verließ, um lieber an Platons Akademie zu lernen; als Tugend gelebte Praxis war und derjenige als weise galt, der durch sein tatsächliches Leben zeigte, wie man richtig leben soll.
Dort, lieber Leibniz, hätte sich für die Kraft deiner Tugend eine würdige Bühne voller großer Aufgaben aufgetan. Dort hätte dein genialer Geist, der hier bei uns vom Joch der Fürstenhöfe erdrückt wird und mit logischen Lehrformen spielen muss, ein freies Volk beglückt. Anstatt sich in Deutschland lediglich zum Anführer von Gelehrtensekte zu erheben, hättest du im antiken Griechenland wie Phocion gelebt und dem Historiker Plutarch Stoff für die Biografien der größten Männer geliefert.
Pierre Bayle – Die Kritik des modernen Skeptikers
Doch nun tritt der moderne Sextus Empiricus auf: Pierre Bayle, der in so mancher philosophischen Schlacht die Scharen derer, die vermeintlich alles wissen (die Dogmatiker), bestürzt zur Flucht geschlagen hat. Vor ihm erzittern die stolzen Systembauer. Stolz auf seinen scharfen Witz hat Bayle auch das stolze Lehrgebäude von Leibniz erschüttert. Unter vielen philosophischen Pfeilen, die stumpf zu Boden fielen, hat er doch einige abgeschossen, die ihr Ziel trafen. O Muse Klio, sage mir: Wo hat Bayle die Verteidigung von Leibniz durchbrochen, und wo hat ihm die nackte Wahrheit den Sieg verweigert?
Zuerst bestürmt sein Witz die Vorstellung vom Körper als einer reinen „Wunderuhr“. Doch hier greift er Granit mit Strohhalmen an. Schaut euch seinen Einwurf an – wen kann dieses oberflächliche Argument ernsthaft täuschen?
Bayle fragt spöttisch:
„Wie sollte es jemals möglich sein, ein Schiff so perfekt zu bauen, dass es ganz ohne einen Steuermann, der den Kurs bestimmt, aus rein innerem, mechanischem Antrieb den Weg zu einem fernen Hafen findet? Ein Schiff, das Klippen ausweicht, die es gar nicht vorhersehen konnte; das selbstständig frisches Wasser einnimmt, das Drehen des Windes belauscht, ohne Belehrung das ferne Herannahen eines Sturms wittert, im richtigen Moment den Anker wirft und die Segel einzieht? Ein Schiff, das von keinem Geist und von keinen Menschenhänden gelenkt wird und sich ganz von alleine steuert und wendet? Wer zweifelt daran, dass solch ein Schiff ein reines Hirngespinst, ein absurdes Märchen aus dem Feenreich wäre? Und doch wäre dieses Schiff im Vergleich zu Cäsars Körper – nach der Lehre eures Leibniz – das reinste Kinderspiel!“
Doch dieser Pfeil, so scharf Bayles Witz ihn auch zugespitzt hat, ist am Ende nur ein harmloses Scheinfeuerwerkes, ein bloßer Scheinblitz. Beweist sein Vergleich etwa, dass ein hochkomplexer, von inneren Rädern bewegter Naturautomat, dessen physische Federn harmonisch auf die Seele abgestimmt sind, ein Ding der Unmöglichkeit sein muss?
Im pompösen Prunk seiner blendenden, skeptischen Gedanken offenbart Bayle hier im Grunde nichts weiter als die Schranken seines eigenen Verstandes. Er sagt schlicht: „Kein Mensch kann das begreifen.“ Das leugnen wir ja gar nicht! Aber gilt deshalb sofort der logische Schluss: „Weil wir es nicht begreifen, muss es eine bloße Erfindung sein“?
Zudem zeigt uns doch schon die menschliche Handwerkskunst, wie leicht sich der Skeptiker beschämen lässt: Denkt an die hölzerne, fliegende Taube des Archytas oder an das sprechende mechanische Bildnis des Albertus Magnus. Man weiß, dass die Menschen diese Kunstwerke damals für pure Zauberei hielten! Und wenn es schon dem schwachen menschlichen Verstand gelingen kann, die Grenzen seiner natürlichen Kraft zu durchbrechen – wie töricht ist es dann, den unumschränkten Geist Gottes in Schranken zwingen zu wollen, denen sich in unserer Zeit schon ein genialer Mechaniker wie Jacques de Vaucanson (mit seinen lebensechten Automaten und Flötenspielern) entzieht! O Bayle, lerne von einem allmächtigen Gott mit größerer Ehrfurcht zu denken, der mit seinem gewaltigen Arm die gesamten Himmel zu lenken weiß!
Das Problem der plötzlichen Veränderungen (Kausalität in der Seele)
Mit weitaus größerem Erfolg hat Bayle jedoch den tatsächlich schwächsten Punkt der leibnizischen Erfindung attackiert und dort mit neuem Mut seinen Angriff verstärkt. Liegt die eigentliche Schwachstelle dieses Systems nicht in der Erklärung der menschlichen Seele selbst? Leibniz nennt sie ein „geistiges Uhrwerk“ und behauptet, alles, was in ihr geschieht, entwickle sich rein logisch aus ihrer eigenen, inneren Form. Er lehrt uns, dass die sinnlichen Ideen in uns bloß durch das ewige, unaufhaltsame Gesetz der psychologischen Ordnung entstehen. Jeder Zustand der Seele hat seinen logischen Grund im vorhergehenden Zustand und kündigt bereits den nächsten an. Die schönste, lückenlose Harmonie muss die Bilder unserer Gedanken verknüpfen; der Geist kann – genau wie die Natur – keine gesetzlosen Sprünge machen.
Aber, so fragt Bayle vollkommen zu Recht: Widerspricht dem nicht unsere alltägliche Erfahrung? Wie oft vertauschen wir in unserem Bewusstsein blitzschnell das hellste Licht mit der tiefsten Nacht? Wie oft entsteht ein innerer Zustand, der den vorherigen schlagartig verdrängt, ohne dass man im vorherigen Zustand auch nur den geringsten Keim oder Grund für das Folgende finden könnte?
Nehmen wir den Dichter Anakreon: Berauscht von Liebe und Wein, glücklich an der Brust seiner Geliebten Phyllis, vertauscht er im Bruchteil einer Sekunde diese höchste Lebenslust mit dem bitteren Tod. Kaum labt der süße Traubensaft seinen alten Gaumen, da raubt ihm ein verschluckter Traubenkern mitten im Genuss das Leben. Wie passt der plötzliche, brutale Tod zu Cyperns süßem Wein und zu Phyllis' zärtlichem Kuss? Wo bitteschön ist hier das logische Bindeglied in der inneren Ideenabfolge seiner Seele?
Oder betrachten wir Julius Cäsar: Von Lorbeerkränzen umgeben sitzt er im Senat inmitten der unterworfenen Väter Roms. Der unterdrückte Staat begrüßt ihn scheinbar als seinen großen Retter. Doch kaum fühlt er sich als absoluter Herr des Vaterlandes, da spürt er auch schon den Dolchstoß und die Hand seiner Mörder.
Sag an, du, der du Cäsars Geist wie eine lückenlose psychische Maschine ablaufen lässt: Wie kann sich ein inneres Bild in der Seele so unfassbar schnell in sein absolutes Gegenteil verwandeln? Wie soll sich das plötzliche Gefühl des tötenden Dolches aus dem Zustand ableiten lassen, dass ihm als absolutem Monarchen gerade kaum noch die Krone fehlte? Kaum sieht er sich in Gedanken noch von seinem geliebten Brutus umarmt und geküsst, da sieht er im nächsten Moment real sein Blut durch eben diesen Brutus fließen.
Wie sollte sich diese brutale Wendung bitteschön allein aus Cäsars bisheriger Seelenverfassung begründen? Ein solcher Sprung ist psychologisch unmöglich, der Abstand zwischen den Gedanken viel zu groß! Wer glaubt, dass die Seele solche Sprünge ganz aus sich selbst erzeugt, der muss auch das allergrößte Paradoxon für glaubwürdig halten!
Kann sich Leibniz aus dieser logischen Schlinge winden? Ein Genie wie er kann es natürlich. Er rettet sein System durch eine kühne Behauptung: Er dichtet, dass sich das Bild des gesamten, synchronen Weltalls in jeder einzelnen Seele enthüllt. Alles, was wir zu einer bestimmten Zeit in uns empfinden, hat seinen Grund somit nicht nur in unserer persönlichen Gedankenlinie, sondern spiegelt das zeitgleiche Geschehen der gesamten restlichen Welt wider.
Leibniz würde Bayle antworten:
„O Skeptiker! Könntest du nur bis in den tiefsten Schoß der Geisterwelt blicken und ihre wahre Form abseits des äußeren, verwirrenden Scheins betrachten – gewiss, dann würde dich die schönste, lückenlose Ordnung zutiefst rühren, wo sich deine Augen im Moment noch in düsteren Nebeln verlieren. Genau wie ein kosmisches, harmonisches Band den individuellen Geist an seinen Körper bindet, so ist auch jeder einzelne Geist perfekt nach dem Vorbild des gesamten Universums gebaut. Er lässt die ganze Welt in einer wunderbaren, lückenlosen Reihe von Ideen aufleuchten, die in jedem Augenblick absolut synchron mit dem großen, realen Urbild der Schöpfung übereinstimmen.“
Bayles vernichtendes Urteil über die unbewusste Weltseele
„Ein schönes Hirngespenst wurde noch nie im Traum geküsst! Wie schade, dass diese Theorie von Leibniz nicht ebenso wahr wie reizend ist! Doch sobald wir sie nur ganz leicht berühren, wird sie uns – wie es die Art von Hirngespinsten ist – sofort durch die Finger schlüpfen.“
Dieses umfassende Weltbild, das Leibniz in jedem Geist verankert sieht, ist nach seiner eigenen Lehre größtenteils in tiefste Nacht gesenkt. Ja, die niedrigsten Monaden hält sogar ein ewiger Schlaf umfangen, und sie werden niemals zu einem echten Selbstbewusstsein gelangen. Doch wo bleibt hier die Spur vom göttlichen Verstand? Gott hat doch alles, was er schuf, an eine kluge Absicht gebunden und wägt jedes Sandkorn am Meeresufer nach weisen Zwecken genauso ab wie die größten Sterne!
„Mehr noch: Dieses angebliche Weltbild wird von Leibniz eine ‚Idee‘ genannt, obwohl die menschliche Seele im Grunde nur den allerkleinsten Teil davon bewusst kennt. Wie bitte? Meine unbewusste Monade soll die Prachtruinen von Babylon, Ninive und Baalbek in sich tragen? Sie sind mir noch nie vor dem inneren Auge erschienen! Alle Welten, die um fremde Sonnen kreisen, und die fernen Himmel selbst spiegeln sich in mir – und ich kann in mir selbst nicht die geringste Spur dieser Miniaturgemälde erkennen? Diese riesige Bildergalerie, vor der ich mein Leben lang stehe und in der ich absolut nichts sehen kann – die nennst du eine Idee? Ist es möglich, dass dir, lieber Leibniz, der fundamentale Unterschied zwischen realen Bildern und abstrakten Ideen abhandengekommen ist, weil dein Witz sie hier wild vermengt?“
Der Unterschied zwischen Kunstwerk und Gedanke
Nehmen wir die Statue der Venus, der ein antiker Maler wie Apelles durch Farben fast echtes Leben eingehaucht hat, und vergleichen wir sie mit jener Venus, die ihm beim Malen als Ideal im Geiste vorschwebte. Beide sind Bilder und zeigen denselben Gegenstand. Was aber unterscheidet sie, und was ist jedem von ihnen eigen?
Das eine Bild wirft die Kunst physisch auf die flache Leinwand: Es ist selbst ein materieller Körper und wirkt direkt auf unsere äußeren Sinne. Das andere Bild hingegen hängt im Geist – einem Ort, der keine materiellen Teile und keine räumliche Ausdehnung kennt, und wo kein äußerer Sinn es ohne ein Symbol oder Zeichen sehen kann.
Das äußere Kunstwerk ist von dem Künstler, der es entworfen hat, getrennt. Es existiert unabhängig von ihm weiter und wird auch von Fremden ohne ihn wahrgenommen. Das innere Ideal hingegen lässt sich nicht von seinem Meister scheiden: Es lebt nur in ihm und verschwindet augenblicklich, sobald es ihn verlassen soll – genau wie das Spiegelbild, in dem sich der schöne Narziss im Bach selbst vergisst, sofort verschwunden ist, sobald er sich vom Ufer entfernt.
Das gemalte Bild ist bloßer, toter Schein. Ob es ein inneres Leben besitzt oder nicht, kann ihm nichts geben oder nehmen. Würde kein Kunstkenner es betrachten und hätte kein Künstler es je gemalt, stünde es im Bildersaal so stumm und ungerührt wie eine Leiche im Grab. Das geistige Ideal in unserer Seele hingegen fühlt sich selbst; es braucht keine fremden Zeugen von außen und kann sich zur Selbstbeobachtung auf sich selbst zurückbeugen.
Das endliche Gefäß und das unendliche Meer
Doch es gibt einen noch stärkeren Grund gegen Leibniz: Das gesamte Universum ist ein uferloses Meer, das kein geschaffenes Wesen jemals ermessen kann. Es hatte nie einen Anfang und wird nie aufhören zu existieren; sein ewiger Raum wird von keinen Mauern umschlossen. Was folgt daraus? Dass sich das unendliche Weltall logischerweise nur demjenigen ganz vor die Augen stellen kann, der es selbst erschaffen hat. Kein endlicher Verstand umfasst die Unendlichkeit in seinen Gedanken – selbst der größte Engel (Cherub) fühlt hier die Schranken seiner Natur.
So wenig wie ein grönländischer Wal den gesamten Ozean verschlingen kann – obwohl er dem Meer trotzt und scheinbar ganze Flussmündungen leerzutrinken vermag –, so wenig begreift der menschliche Geist das Universum. Die gewaltigen Wasserströme, die der Wal prustend aus seiner Nase drängt, sind im Vergleich zum Ozean nur ein winziger Tropfen, der noch außen am Eimer hängt. Genauso wenig fasst ein geschaffener Geist, wie hell und tief er auch immer denken mag, das grenzenlose Meer des ewigen Alls. Gott allein zählt die Gesamtsumme der ewigen Ideen, und ihm allein steht es zu, sein eigenes Werk ganz zu überblicken!
Damit bricht die Antwort in sich zusammen, mit der Leibniz die Zunge des Skeptikers Bayle binden wollte und die Bayle viel zu früh den Sieg aus den Händen riss. Die „Prästabilierte Harmonie“ gerät ins Wanken, und ihre philosophischen Pfeiler beben. O Muse, hilf mir nun, ein besseres System aufzubauen!
Das ätherische Geist-Kleid
Die weise Hand des Schöpfers hat in Wahrheit jede Geistigkeit (jede Seele) in einen ganz feinen, hochentwickelten Körper gehüllt. Ein unsichtbares Kleid, gewebt aus einem ganz reinen, unvergänglichen Stoff, umhüllt diese geistigen Wesen untrennbar für alle Zeit.
Der mechanische Druck der äußeren Körper, der unsere groben Sinne berührt, wird unbegreiflich schnell in diesen feinen, inneren Leib weitergeleitet. Hier formt sich dann das eigentliche Fundament unserer Ideen und lässt den inneren Geist diejenigen Gegenstände klar sehen, die seinen feinen Leib berührt haben. Der Geist selbst bliebe ohne Licht und in ständiger Nacht, wenn ihm dieser Vermittlungsdienst des feinen Leibes fehlte.
Und doch stößt der Körper die Bilder nicht grobmechanisch in die Seele hinein; er liefert ihr nur das Anschauungsmaterial (den „Vorwurf“) und führt im Gegenzug die Befehle aus, die die Seele ihm zuwinkt. Sobald sich ein Gegenstand der Außenwelt in diesem feinen Leib abmalte, den Gott mit dem Geist verbunden hat, empfindet der Geist etwas. Er hätte niemals etwas empfunden, wenn er in diesem feinen Körper nicht den passenden Abdruck gefunden hätte.
Du fragst nun: Wer soll das begreifen? O Freund, besinne dich, verstehe mich erst richtig und dann urteile über mich! Mein Ansatz erklärt zwar nicht die endgültige, mysteriische Entstehung der Ideen oder wie sie biologisch-metaphysisch aus dem Schoß des Geistes hervorgehen; aber er vermeidet elegant die logischen Fehler, die man mit gutem Recht sowohl bei Aristoteles (dem Stagiriten) als auch bei Leibniz tadeln muss.
Es ist doch unter den Weisen längst bekannt, dass außerhalb unserer Welt, in anderen Sphären des Universums, zehntausend andere Arten von Sinnen möglich sind, durch die fremde Wesen dort empfinden. Wer versteht schon, wie das genau geschieht? Wer von uns könnte mit unseren menschlichen Begriffen die Funktionsweise solcher völlig fremden Sinne beschreiben? Kein logischer Widerspruch verbietet es, dass Seelen – selbst wenn sie irgendwann einmal völlig vom Druck des groben irdischen Körpers befreit sind – dennoch ohne ein feinstoffliches Organ nicht denken und nicht empfinden können; auch wenn unsere Fantasie das genaue „Wie“ nicht ergründen kann.
Das unzerstörbare Uhrwerk der Liebe
So steht nun der Grundsatz fest, der unser philosophisches Lehrgebäude trägt und zu dem Leibniz selbst im Grunde das Fundament gelegt hat. Doch wie ist dieser zarte, ätherische Leib beschaffen, der jede Seele kleidet und den die Verwesung im Grab nicht berühren kann?
Er ist das größte Meisterwerk der göttlichen Weisheit und Macht, die mit vereinter Hand das Universum hervorgebracht haben. Kein Werk preist den Schöpfer mehr – selbst nicht jene riesigen Sonnen, die einst aus dem ersten Ur-Licht zu fester Materie geronnen sind –, als dieses lebendige Wunderuhrwerk, das ganz aus eigenem Antrieb schlägt und sich absolut harmonisch an den Zustand des Geistes anpasst. Es empfängt die Bilder der Außenwelt und setzt die Beschlüsse des Geistes augenblicklich in die Tat um.
Ein Beispiel: Pamphil liebt Sylvia. Sie kommt ihm entgegen, er sieht sie gehen, sein Geist will ihr sofort nachlaufen – und im selben Augenblick muss sich auch sein Körper in ihre Richtung drehen. Der Körper tut dies aus einem perfekt synchronen, inneren Antrieb. Der Geist muss ihm keinen mechanischen Befehl erteilen; der wunderbare Bau der biologischen Sehnen und Muskeln (die „Federn“) weiß von Natur aus, was die Seele wählt, und setzt es um.
Die Schöne und Pamphil empfinden beide das reizende Gefühl der Liebe, die sie zueinander ruft; der feine Leib nährt diese innere Regung und folgt dem Grundgesetz der harmonischen Bewegung. Es nähert sich Mund zu Mund, genau in dem Moment, da sich ihre Seelen einander nähern. Die beiden fachen die süße Glut durch tausend Küsse an, die wie kostbares ätherisches Öl die zarten Flammen der Leidenschaft vermehren, bis sie, völlig berauscht, im Küssen die Zeit vergessen.
So stimmt dieser feine, innere Leib perfekt mit den Empfindungen der Seele überein: Er muss instinktiv fliehen, was die Seele hasst, und leidenschaftlich suchen, was sie liebt. Er wird bis in alle Ewigkeit nach diesen harmonischen Regeln schlagen – denn das ist der unumstößliche Plan des Schöpfers!
Gott, vor dem die gesamte dunkle Zukunft offenliegt, hat diesen feinen Körper für die Ewigkeit an den Geist gekoppelt. Dieses Werk nutzt sich niemals ab, der Antrieb seiner Federn stockt nie, und den präzise ineinandergreifenden Rädern fehlt es niemals an Richtigkeit. Der Stoff, aus dem der Schöpfer ihn entstehen ließ, ist in all seinen Teilen vollkommen gleichmäßig und leidet keinen Riß.
Woher entsteht denn der biologische Tod? Nur daraus, dass sich ungleichartige Teile voneinander scheiden, weil die Natur sie nicht mehr zusammenhalten kann. Doch bei diesem feinen Leib ist alles absolut homogen, gleichmäßig und unzerstörbar fest. Kein Fels, der den Steinmetz ins Schwitzen bringt, kein ewiger Diamant aus Indien und kein goldener Schild aus Peru ist so unbezwingbar und sicher vor Zerstückelung wie dieses Kleid.
Schon Platon und der antike Philosoph Plotin haben lange vor unserer Zeit gelehrt, dass die Seele aus dem Gehirn ein unsichtbares, ätherisches Kleid mitnimmt, das sie überall umfließt und das sie beim Tod des groben, irdischen Körpers niemals verliert.
Der Körper als Spiegel der geheimen Seele
Hier zeigt sich nun der wahre Nutzen der Materie, die selbst zwar nicht denken kann, aber den geistigen Wesen all ihre Gefühle, Freuden und Genüsse überhaupt erst ermöglicht.
Es ist genau wie bei dem klaren, glatten Brunnen im Wald, in dem sich die schöne Schäferin Phyllis so oft betrachtet: Das Wasser selbst kann natürlich nicht empfinden – sonst, Phyllis, würde es dich augenblicklich lieben! –, und dennoch könnte sich ohne diesen schmeichelhaften Brunnen keine einzige Schäferin selbst sehen. Die Materie dient allein dem Geist: Sie liefert den Ideen den ersten, konkreten Aufriss und lässt die Seele überhaupt erst erkennen, was außerhalb von ihr geschieht. Sie leiht der Seele ihre physikalische Kraft und bewegt sie in eine neue Nachbarschaft.
Die Materie vermag es sogar, rein abstrakten Ideen und körperlosen Dingen eine sichtbare Gestalt, Farben und das richtige Licht zu verleihen. Durch den Körper offenbart sich oft das tiefste Geheimnis der Seele.
Wenn die spröde Selinde von einer heimlichen Liebe ergriffen wird, färbt der Körper ihre Wangen im Nu rosarot wie die Morgenröte (Aurora) und malt ihr inneres Gefühl für alle sichtbar auf ihr Gesicht. O verliebter Schäfer, wie willst du jemals die Gunst dieser Schönen erlangen, solange du nur schüchtern schweigst und sie schmachtend ansiehst? Lässt dich ihr Auge denn nicht hoffen, das sie selbst kaum noch kontrollieren kann? Und selbst wenn sie ihren Blick streng bezwingt, verrät das zitternde Erröten ihrer Wangen dein ganzes Glück: Es lockt dich an und widerspricht im selben Moment dem strengen Blick, den sie sich mühsam abverlangt.
Das beseelte Universum und die Leiter der Wesen
Da der leblose Stoff die Welt aber nicht um seiner selbst willen vergrößert, und da die Materie überhaupt nur deshalb wirklich existiert, weil kein geistiges Wesen sie für seine Erfahrung entbehren kann, hat die göttliche Weisheit auch nur genau so viel Materie erschaffen, wie absolut notwendig ist, um die an sich stillen Seelen in Aktion und Wirksamkeit zu bringen.
Was dieses gewaltige Universum in Wahrheit umschließt, ist nichts als die ewige Schar der Geister, die fühlen und denken. Jedes einzelne Glied dieser unendlichen Gemeinschaft zeigt sich in einem feinen Körper, durch den es sich nach und nach auf immer höhere Stufen der Vollkommenheit hinaufschwingt.
Die riesigen Sonnen, die sich dort oben in majestätischen Wirbeln drehen, die Planeten, die Luft und das weite Meer – alles, was wir mit unseren Augen sehen, ist nicht einfach nur ein stummer, toter Stoff, der unbeseelt altert und vergeht. Es sind in Wahrheit durch und durch beseelte Wesen, deren äußere Gestalt uns hier als Himmelskörper entgegentritt!
Gott, der alles, was er erschuf, in eine weise und harmonische Ordnung fügte, hat dieses unermessliche Heer der Lebewesen in einen tausendfachen Rang unterteilt – in Klassen ohne Zahl, die sich dicht andrängen und gemeinsam den Raum des Universums ausfüllen.
So entsteht die eigentliche Gestalt der Welt: Sie zeigt sich in jedem einzelnen Geist und in jeder Gattung von Wesen in einem völlig anderen, einzigartigen Licht. Und in demselben Maße, wie sich die Geisterwelt im Laufe der Ewigkeit immer höher schwingt, wird auch das Universum selbst immer schöner und verjüngt sich bis in alle Ewigkeit.
VIERTES KAPITEL
Die Natur als beseeltes Ganzes: Die Hierarchie der Geister
Vom Wesen der Materie und dem göttlichen Plan
Ich besang in meinen Liedern, wie Gottes Gnade unzählige Wesen in einer unermesslichen Ordnung erschaffen und zu Empfängern seiner Liebe erwählt hat. Die göttliche Weisheit hat diese Wesen in Körper gehüllt. Nach der individuellen Beschaffenheit dieses Organismus formt und entwickelt sich das menschliche Denkvermögen.
Die gesamte Welt ist im Grunde nichts anderes als ein Universum aus reinen Geistwesen, in die unablässig Ströme des Lebens aus der Urquelle des Seins fließen. Die formenreiche Materie selbst besitzt keine Gefühle; ihr einziger Lebenszweck besteht darin, diesen Geistwesen zu dienen.
Der Irrtum der rein materiellen Weltsicht
Wie leicht lassen sich selbst weise Menschen täuschen und zu dem Trugschluss verleiten: Weil wir von den Dingen nur die äußere Oberfläche sehen, sei die Körperwelt bloß eine tote, willkürlich begrenzte Last.
Nein! Alles, was unsere Sinne wahrnehmen, was sich unseren Augen zeigt, was unsere Gefühle erregt und in unseren Ohren widerhallt, sind Formen der Materie, die in ihrem Inneren Geister umschließen. Die sichtbare Welt ist nur die äußere Hülle eines lebendigen Kerns.
Die Reise durch die Hierarchie der Wesen
Führe mich nun, Muse, durch die gesamte Rangordnung aller Wesen: von jenen ganz schwachen Kreaturen, die das Licht scheuen, bis hin zum reinsten Geist, der im ewigen, uferlosen Lichtmeer um den Thron Gottes lebt. Zeige mir, wie der Kosmos alle Klassen von Lebewesen harmonisch zusammenfügt, und wie die Natur Formen und Schönheit erschafft, die unsere menschlichen Sinne oft täuschen.
Unser gesamtes Sonnensystem, das sich voller Energie um die im Mittelpunkt ruhende Sonne dreht – welche ihr lebensspendendes Licht zu sechzehn Planeten sendet, die von einer unsichtbaren Kraft auf ihren Bahnen gehalten werden –, scheint im Vergleich zur Unendlichkeit des Raumes noch der unvollkommenste Teil zu sein und beherbergt die am niedrigsten entwickelten Geistwesen.
Das Schicksal der Menschen auf der Erde
Hier befindet sich die dunkle Erdkugel, an die sich die Menschen klammern und auf der sie sich um ein schimmerndes Nichts drängen, das doch niemandem dauerhaft bleibt. Auch wenn die Erde in der Hierarchie der Welten einen der untersten Plätze einnimmt, ist sie dennoch voller unerkannter Schätze. Sie soll die menschliche Seele auf ein höheres Glück vorbereiten. Deshalb wurde sie mit so vielen Schönheiten ausgestattet.
Doch obwohl der Reiz der Welt groß ist, verwandelt die Gewohnheit ihn für uns bald in bittere Unzufriedenheit. Der kurze Aufenthalt auf dieser viel zu kleinen Erde – die kaum mehr als einer Herberge gleicht – soll uns das Leben zwar versüßen, aber es soll kein bleibendes Paradies sein. Die Freuden, die uns irdische Güter gewähren, sind nur ein Vorgeschmack. Sie sollen das Verlangen in uns anfachen, mit Fleiß nach dem wahren, ewigen Leben zu streben und aus dieser irdischen Dämmerung zu erwachen.
Doch wie bedauernswert ist das Menschenvolk! Ihr wahrer Lebenszweck, euer Zustand und selbst eure Hoffnungen sind euch unbekannt. Ihr vergesst, welches Glück die Arme nach euch ausstreckt, und klammert euch an irdischen Besitz, der euren Durst nach Sinn nur noch vergrößert. Ihr merkt es sogar selbst: Unzufrieden verlasst ihr das eine Gut und rennt tausend anderen Dingen hinterher. Doch euer nie satter Geist wird auch diese bald als zu flüchtig empfinden, um euch von eurem ewigen Verlangen zu erlösen. Ein scheinbar schönes Hindernis lockt euch trügerisch an, und vor lauter kurzfristigem Vergnügen vergesst ihr euer eigentliches Ziel und euren Lebensweg.
So lockten einst die Sirenen den Odysseus mit ihrem zauberhaft süßen, aber tödlichen Gesang vom Strand aus. Und das kleine Heer seiner Gefährten, das den Sirenen entkam, verfiel dem süßen Lotus, der ihre Augen und Zungen gefangen nahm. Das raue Heimatland Ithaka war plötzlich vergessen; doch der Held Odysseus zog unaufhaltsam weiter und ließ sie den Lotus essen.
O Mensch, wann lernst du endlich, wofür du in Ewigkeit bestimmt bist und dass dein Herz viel zu groß für diesen kleinen Erdball ist?
Die Welt des Mikrokosmos: Das Mineralreich
Ganz nah am Nichts, im unbeleuchteten Raum, existiert ein trauriges Heer von Wesen. Ohne inneres Licht nehmen sie sich selbst kaum wahr. Der tiefe Schlaf, in dem sie gefangen sind, wird kaum von einem schwachen Sinneneindruck gestört, der von außen in ihren Körper dringt. Auch sie sind in ein Kleid aus dichtem Stoff gehüllt. Weil sie jedoch kein höheres Bewusstsein mit der Welt verbindet, ist es kein Wunder, dass sie ihr eigenes dunkles Dasein kaum spüren. Sie fühlen zwar, aber nur extrem schwach. Sie sind zu träge für den Schmerz und noch nicht reif für die Freude. Tatenlos verharren sie im ständigen Gleichgewicht – frei von bitterem Leid, aber unfähig zu echtem Vergnügen.
Aus diesen einfachsten Wesen sind die festen Körper aufgebaut, die man im Mineralreich zusammenfasst.
Naturforscher wie Antoni van Leeuwenhoek haben uns mit dem Mikroskop gezeigt, was das menschliche Auge sonst niemals sehen könnte. Sie zeigten der staunenden Welt, dass alle Materie lebt und selbst ein scheinbar totes Sandkorn von winzigen Tierchen belebt ist. Vor diesem Scharfsinn ist die Unwissenheit verschwunden; der kleinste Punkt der Erde erwies sich als bewohnt.
Auch die Erfahrung bestätigt also, was uns die Vernunft gebietet. Doch kein Vergrößerungsglas der Welt kann den Blick bis zum alleruntersten Geschlecht der Schöpfung zurückführen. Diese Urwesen sind aus einem so feinen Stoff erbaut, dass kein Mikroskopiker sie jemals erblicken wird. Sie lassen sich nicht weiter in noch kleinere Wesen teilen. Das Kleingewürm hingegen, von dem Forscher wie Hooke oder Swammerdam Millionen in einem einzigen Wassertropfen nachwiesen, besitzt einen sichtbaren Körper, der sich fortpflanzen und verjüngen kann. Dies beweist, dass es unter ihnen noch weitaus tiefere Klassen von Existenz geben muss. Doch irgendwo am Ende gelangt der Geist zur einfachsten Gattung, die hinter allen anderen zurücksteht – auch wenn ihr der Trost bleibt, dass die Zeit sie irgendwann aufwecken und auf eine höhere Stufe heben wird.
Die Vielfalt und Harmonie der Schöpfung
Jedes einzelne Mitglied dieser unermesslichen Zahl von Wesen, selbst aus der niedrigsten Schicht, trägt ein natürliches, unverwechselbares Merkmal, das es von allen anderen unterscheidet. Die Kraft, die es bewegt, und der Körper, der es umhüllt, sind absolut einzigartig. Auch das, was dieses Wesen im Moment empfindet – selbst wenn seine inneren Bilder nur matt und vereinzelt sind –, ist niemals völlig identisch mit dem Erleben eines anderen Wesens, selbst wenn dieses ihm noch so ähnlich sieht.
Welch eine unendliche Vielfalt zeigt sich hier dem Auge! Welche Weisheit, welch ein Weltgeist! Selbst die höchsten Engel (die Seraphim) stehen staunend vor dieser Größe und können sie nicht erfassen, selbst wenn sie mathematisch Dimension auf Dimension häufen. Mehr noch: Ein ewiges Band knüpft jedes noch so kleine Geistwesen der niedrigsten Stufe an das große Ganze an. Denn alle Wesen bewegen sich auf dieselben göttlichen Ziele zu und tragen auf ihre Weise zur Schönheit des gesamten Universums bei.
Der Schöpfer hat durch die Kraft der Liebe den inneren Widerstreit der Materie geschlichtet und die Vielfalt harmonisch geordnet. Auch dort, wo unsere unvollkommenen Sinne nur monotone Gleichförmigkeit wahrnehmen, strahlen Ordnung, Schönheit und Freude in eine aufgeklärte, spirituelle Seele. Kein finsteres Chaos vermischt die miteinander kämpfenden Substanzen; hier herrscht die ordnende Hand der Weisheit und sorgt für Frieden im Universum.
Das Pflanzenreich
Um eine Stufe höher aufgerichtet, beseelt das Pflanzenreich eine bessere Klasse von Wesen, die jedoch den Tieren noch nicht gleichsteht. Auch dir, du schönen und fruchtbaren Pflanzenwelt, ist in deinem anmutigen Körper ein Wesen angeboren, das sich selbst und sein Dasein genießt. Kein einziges Gras und kein vermeintlich wertloses Kraut wird vom Morgentau erfrischt, das nicht durch seinen klugen Aufbau aus fein gefügten Kapillaren und Röhren dem in ihm wohnenden Geist echte Empfindungen vermitteln könnte.
Darüber lacht ihr nur, ihr pedantischen und verstaubten Philosophen (wie die alten, realitätsfernen Denker der Megarischen Schule), die ihr die sichtbare Welt leugnet und stur gegen die spürbaren Tatsachen der Natur und des gesunden Menschenverstands ankämpft!
Das Empfindungsvermögen der Pflanzen und Tiere
Das Gefühlsleben der Pflanzenwelt
Ist es wirklich so kühn zu behaupten, dass auch Pflanzen Empfindungen besitzen? Die Muse tut es nicht; sowohl die milde Weisheit als auch die praktische Erfahrung haben längst erkannt, dass sie von Leben erfüllt sind. Schaut man sich den Bau ihrer Glieder an – ein Meisterwerk, das selbst die klügsten Denker in Erstaunen versetzt, weil sie es kaum vollständig begreifen können –, zeigt sich dann nicht eine unübersehbare Ähnlichkeit mit dem Körper der Tiere?
Ein wunderbares Geflecht aus feinen Nerven nimmt die aufgesaugten Nährstoffe und Dämpfe auf. Es verarbeitet sie zu einer Art süßem Blut, das, von der Sonne erwärmt, durch die Adern in alle Teile der Pflanze fließt. Durch tausende kleinste Röhren atmet der pflanzliche Körper Luft ein, die sein Leben nährt.
Ist der Körper der Tiere nicht mit genau derselben Kunst gewebt? Sogar die Fortpflanzung, durch die jede Art ihr Überleben sichert, läuft ähnlich ab: Pflanzen besitzen eigene Fortpflanzungsorgane, die sich geschlechtlich trennen und sich ohne das Prinzip der Liebe und des Austauschs nicht erneuern können.
Durch dich, Venus Paphia, lebt die gesamte Natur! Auch die Blumen spüren deine Kraft; dein evolutionärer Trieb bringt sie überhaupt erst hervor. Sobald dein warmer Frühlingshauch auf lauen Flügeln den rauen Nordwind verjagt und Schnee und Wolken vertreibt, bricht ein jugendliches Grün aus dem Schoß der Erde. Die Samen dehnen sich aus und spüren diesen Lebenstrieb – die ganze Erde atmet die ihr eingeflößte Liebe. Die Bäume legen ihr grünes Kleid an, die Vögel rufen dir frohlockend zu, und selbst das Meer wird ruhig und heiter. Ein unbeschreiblicher Glanz tritt in die Augen junger Frauen, und ihre Brust schwillt von einem ganz neuen, sehnsuchtsvollen Verlangen. Das alles bewirkst du, Liebe, und durch diesen süßen, natürlichen Zwang erhält sich der gesamte Erdkreis.
Wenn ich also mit dem großen Naturforscher Carl von Linné so viele Parallelen zwischen den Pflanzen und den Tieren finde – wenn die Pflanze einen durchorganisierten, lebendigen Körper besitzt, der einen aromatischen Saft wie Blut durch tausend Adern führt –, was hindert uns dann daran, ihr genau wie den Tieren eine Seele zuzusprechen? Kann es im unendlichen Geisterreich an einer solchen Stufe des Seins fehlen?
Man wende nicht ein: „Wir sehen doch gar keine Sinnesorgane, mit denen sie fremde Eindrücke wahrnehmen könnten.“ Seit wann hat uns die Natur all ihre Geheimnisse offenbart? Bleibt uns nicht der größte Teil ihrer Absichten verborgen? Auch das Argument, dass Pflanzen sich nicht von der Stelle bewegen können, widerlegt meine These nicht. Das träge Volk der Austern klebt schließlich auch fest an den Felsen und verändert seinen Ort nur durch äußere Gewalt.
Die Pflanze ist keineswegs regungslos: Schon früh am Morgen öffnet sie ihren halb geschlossenen Kelch den ersten Sonnenstrahlen und schließt ihre sternengleichen Blütenblätter wieder, sobald die Sonne am Abend verschwindet. Sie wendet ihr blühendes Haupt verliebt der Sonne zu, grüßt sie beim Erwachen und sucht mit ihr die Ruhe.
Die dämmernde Wahrnehmung der Flora
Die Seelen, die wir den Pflanzen zugestehen, stehen in ihrer Entwicklung dem tierischen Leben bereits sehr nahe. Sie sind weitaus aktiver als die Mineralien, die unter ihnen im Tiefschlaf liegen, und ihre Lebenskraft vollbringt schon eine höhere, geistige Arbeit. Sie fühlen, weil ihr Körper ihnen Bilder der Außenwelt vermittelt. Doch da ihr Bewusstsein von der Welt noch dämmernd und ungeklärt ist, fühlen sie nur schwach und ungenau.
Und was fühlen sie? Vielleicht erfreut sie der sanfte Kuss des Westwinds; vielleicht genießen sie den Balsam ihrer eigenen Düfte und atmen voller Lust die süße Frühlingsluft. Wer wollte bezweifeln, dass das wärmende Licht der Sonne und die reine Luft ihnen großes Vergnügen bereiten? Auch der Tau, mit dem sie in lauen Nächten getränkt werden, wird sich nicht ohne eine gewisse Lust in ihre Adern senken.
Hier öffnet sich ein weites Feld für die Fantasie der Dichter, auf dem sie ihren Geist spielen lassen können. Doch all ihre begeisterten Lieder bleiben letztlich nur eine schöne Vermutung, und die Muse der Geschichte (Klio) schweigt ernst bei Dingen, die sich nicht streng beweisen lassen.
Die Stufenleiter der Tierwelt
Von der Muschel bis zum Säugetier
Es liegt ein unermesslich weiter Raum zwischen dem stolzen, alten Libanon-Zederbaum und jenen Tieren, die sich selbst „vernünftig“ nennen (und die vor lauter Hochmut oft ihre eigene Herkunft vergessen).
Die Welt der Schalentiere: Das stachelige Heer der Muscheln steht den Pflanzen noch extrem nahe. Ihr kaum belebtes Fleisch wird von einer rauen Schale umschlossen, die jedoch bewundernswert gedreht, mathematisch exakt gekerbt und von Natur aus so kunstvoll gefärbt ist, dass sie jede menschliche Kunst beschämt. In diesem dunklen Labyrinth, das kein Sonnenstrahl durchdringt, versteinert sich so manches weiche Ei zu einer kostbaren Perle.
Die Welt der Fische: Das stumme Volk der Fische bewegt sich flink in den unergründlichen Pfaden des Wassers. Obwohl sie sich aktiv bewegen, ist ihr stumpfer Sinn der unbewussten Pflanzenwelt oft noch näher als den höher entwickelten Tieren.
Die Welt der Insekten und Würmer: Den Raum zwischen den Fischen und den höher entwickelten Landtieren füllt das Heer der Insekten und Würmer aus. Sie bevölkern die Erde und die Luft, nagen an harten Rinden und graben sich selbst durch den härtesten Marmor.
Die Welt der Landsäugetiere: In den dunklen Wäldern brüllen die wilden Raubtiere, die durch ihre körperliche Kraft den Schwächeren gefährlich werden. Doch die göttliche Weisheit hat sie in unbewohnbare Wüsteneien verbannt, wo Hitze und Dürre herrschen, weit weg von uns Menschen. Uns nützt oft erst ihr Tod (durch Pelz oder Leder); von anderen zahmen Tieren wiederum nützt uns das Leben, da sie uns bereitwillig Milch und warme Wolle geben. Wieder andere, deren Fleisch wir nicht essen, leihen uns als starke Last- und Arbeitstiere ihren Rücken. Ja, selbst das wilde Vieh hat der Mensch durch List und Gewalt dazu gezwungen, das Joch zu tragen.
Das Reich der Vögel und das Lob der Naturforschung
Die freie Luft belebt das Reich der Vögel, die der Morgensonne ihr frühes Lied darbringen. Das reine Element, in dem sie mutig schweben, scheint das Reich des Adlers weit über das niedere, bodengebundene Vieh zu erheben.
Der kluge Fleiß der Schwalbe, die kunstvoll ihr Nest baut, und der Gesang der Nachtigall, der selbst die Bäume zu erfreuen scheint – all das nähert sie dem Menschlichen an. Wie wunderbar ist die Vielfalt ihrer Stimme, die mal gurgelt, mal tief singt und sich dann wieder blitzschnell in die Höhe schraubt! Die ganze Luft hallt wider von ihrer Lebensfreude, wenn im Frühling der Liebestrieb ihre kleine Brust erfüllt und alles, was empfindungsfähig ist, in neuer Energie aufblüht.
Welch eine hohe Kunst zeigt sich im Aufbau dieser wunderschönen Körper, in welche die Natur die verschiedenen Arten gehüllt hat! Selbst eine winzige Mücke – ein oft völlig unbeachtetes Tier – beweist in der perfekten Konstruktion ihres gliederreichen Körpers als absolutes Meisterwerk, dass sie von Gott gebaut wurde.
Hättest du, antiker Philosoph Lukrez (der an eine rein zufällige Entstehung der Welt aus Atomen glaubte), die Natur mit den scharfen Augen des Naturforschers Charles Bonnet betrachten können, du hättest deine wunderschönen Gedichte sicher dazu genutzt, den Schöpfer selbst als das einzig wahre Ziel zu preisen!
Das Tier als beseeltes Wesen und die Demütigung des menschlichen Stolzes
Gegen die Tier-Maschine von Descartes
Wenn ein solcher Körper dem Tier offensichtlich Gefühle ermöglicht, sollte dann nicht auch ein Geist in ihm wohnen? Der Philosoph René Descartes glaubte das nicht. Er belebte den alten Irrtum von Gomez Pereira wieder und behauptete aus purer theoretischer Abenteuerlust eine Lehre, die dem armen Vieh jegliche Wahrnehmung abspricht (was er vermutlich selbst kaum tief geglaubt hat).
Descartes degradierte Tiere zu rein mechanischen Automaten – kunstvoll gebaut, aber ohne Seele, unfähig, sich selbst oder den Menschen im tieferen Sinne zu dienen. Mit diesem vernebelten Begriff engt er die Allmacht des Schöpfers in die Grenzen seines eigenen, selbstausgedachten Systems ein.
Kann die vollkommene Welt denn ein mögliches Wesen vermissen, wenn in ihr unzählige Arten uferlos ineinanderfließen? Würde die göttliche Weisheit es dulden, dass auch nur einem einzigen Punkt der Welt ein Sinn, ein Nutzen oder ein Hauch von Schönheit fehlt? Was für ein unendliches Meer an Lebensfreude würde ungelesen verpuffen, wie viel Anmut bliebe ungenutzt und versteckt, wenn nur der träge Mensch sie empfinden könnte – der sie am Ende doch oft gar nicht wahrnimmt!
Der Mensch und das Tier: Eine Verwandtschaft auf Augenhöhe
Weitaus näher an der Wahrheit ist hier der Gelehrte Hieronymus Rorarius, der in seinem berühmten Buch zeigte, dass Tiere oft einen besseren und vernünftigeren Gebrauch von ihren Fähigkeiten machen als der Mensch.
Ja, gib es ruhig zu, du stolzer menschlicher Geist voller vermeintlicher Klarheit! Du hältst dich für den Herrn der Welt, den keine Fliege ehrt, du vermisst die Sonne und den Himmel und berechnest die Bahnen der Sterne – und weißt am Ende doch oft nicht einmal, wie du dein eigenes, irdisches Glück stabil aufbaust. Gib es zumindest im Stillen zu, erhabener Mensch:
Du stammst von demselben biologischen Stamm wie das von dir verachtete Vieh. Ja, oft übertrifft das Tier dich, ohne dass du es überhaupt bemerkst.
Sei nicht so arrogant und poche auf eingebildete Sonderrechte: Du bist letztlich nur eine einzige Art innerhalb derselben großen Familie der Natur. Wie vieles fehlt dir, was beispielsweise eine einfache Raupe besitzt? Ein biologisch gesehen nur sehr geringer Abstand trennt dich um einen winzigen Grad von den niederen Tieren.
Sicher, dich bläht dein tieferes Wissen auf. Du beherrschst die eitle Kunst, zu zweifeln und logische Schlüsse zu ziehen. Dein Verstand bewegt sich in einem größeren Radius, und deine Neugier fliegt bis zu fernen Welten. Du fühlst zärtlicher, hast ein weicheres Herz und bist offener für die Freude, aber eben auch empfindlicher für den Schmerz. Doch wie klein ist die Zahl derer, die diesen Vorzug wirklich weise nutzen, den höheren Wesen gleichen und verantwortungsvoll in die Zukunft blicken!
Die Illusion der menschlichen Überlegenheit
Ihr anderen Menschen, die ihr euch am meisten aufspielt: Vergeblich strebt ihr nach Höhen, die euch gar nicht zustehen, während ihr im Staub ganz nah bei den Würmern lebt! Was euren Hochmuth nährt – dieser bloße Schatten von Vernunft –, ist wahrlich keinen Neid wert.
Dass ihr mehr Wege kennt, eure Begierden künstlich anzufeuern, ohne sie je satt zu machen; dass ihr den bitteren Trost der Tränen habt oder das zweifelhafte Recht, über völlige Nichtigkeiten zu lachen; dass ihr mehr über falsche, ungesunde Freuden wisst und mehr Stoff für inneren Überdruss und Burnout habt – all diese zweifelhaften „Vorzüge“ überlässt der Vogel euch gerne! Er teilt fast jede echte Lebensfreude mit euch, lässt euch aber die Plagen. Die Sorgen, die in euch die Knospen der Freude schon im Keim ersticken, und der angstvolle, unruhige Blick in die Zukunft – diesen Vorzug überlässt er ganz euch! Der Mensch wünscht nur, das Tier genießt.
Hört also auf, euch mit eurer eigenen Schwäche zu brüsten! Sei nur weiter so klug, dir selbst zur Last zu fallen; sei raffiniert darin, neue, künstliche Lüste zu erfinden und lebe wie ein verschwenderischer Sardanapal – kein Tier beneidet dich darum.
Oder betrinke dich in Macht und Blut, du umkränzter Tyrann, zerstöre freie Staaten und erkaufe dir um den Preis von Millionen Menschenleben unsichere Königsthrone! Doch blicke von deiner scheinbaren Höhe einmal hinab zu den einfachsten Würmern und Insekten: Wie eifrig und friedlich baut ihr kollektiver Fleiß am gemeinsamen Wohl! Kein Stolz spaltet ihre Bemühungen, ihr einziger Ruhm ist es, den anderen nützlich zu sein. Der Gipfel ihrer Wünsche ist es, sich vor Mangel zu schützen. Kein innerer, ideologischer Streit schwächt ihre Gemeinschaft; dort gilt der als ehrenwert, der der Gemeinschaft den größten Nutzen bringt.
So folgt ein einfacher Wurm den harmonischen Trieben der einladenden Natur und freut sich, sie auszuleben. Du aber, Mensch, dem die Vernunft eigentlich den Wert der Tugend vor Augen führen sollte, bist auch noch stolz darauf, dass dein Herz den inneren Ruf der Menschlichkeit und des Friedens ignoriert.
Die Grenzen menschlicher Kultur und die wahre Harmonie der Zonen
Der Hochmut der menschlichen Wissenschaft und Kunst
Aber ist es vielleicht die Kunst, die dich über das Tier erhebt? Ist es das weite Feld der Wissenschaft, das dein Verstand zu erforschen sucht? Oder die Weisheit, die sich dir angeblich im vollsten Licht offenbart?
O schweige lieber! Den eigentlichen Kern der Dinge enthüllt kein irdischer Geist. Nur ganz wenige von euch Menschen, die im Geiste den Engeln gleichen, werden durch ein glückliches Schicksal von den allgemeinen Denkfehlern befreit, sodass sich ihr Blick aus dem alltäglichen Nebel erhebt. Der Lauf aller anderen Menschen auf die ferne Wahrheit zu bleibt unsicher und voller Zweifel; und oft genug sehen sie im Dunkeln nur ein fabelhaftes Gespenst, das sie fälschlicherweise für die Wahrheit halten.
Und überhaupt: Verdient die Kunst, mit der ihr euren Stolz rechtfertigt – diese allzu schwache, unvollkommene Kunst –, dass ihr deshalb so herablassend auf die Tiere herabschaut? Ihr stützt zwar den Himmel scheinbar mit gewaltigen Denkmälern und Säulen aus Marmor und baut Gebäude wie künstliche Gebirge, die durch die Wolken stoßen. Aber stiehlt euch nicht ein winziger Seidenwurm, der mit angeborenem Fleiß sein Wohnhaus ganz aus sich selbst herausspeit, diesen schlecht verdienten Ruhm? Ihr seid auf den edlen weißen Marmor der Insel Paros angewiesen, um euren rohen Stoff zu bekommen; die Spinne dagegen kann ihr ganzes Netz allein aus ihrem eigenen Körper weben. Sie spannt es hoch in die Luft und lässt sich selbst vom Sturm nicht erschrecken – jenem Sturm, der die mächtigen Säulen von Memphis irgendwann mit Schutt und Sand bedeckt.
Und was gleicht erst der Kunst der Bienen, die dort, wo die Täler des Berges Hybla blühen, den süßesten Honig wie göttliche Nahrung aus den jungen Blumen ziehen? Ein Naturforscher wie René-Antoine Ferchault de Réaumur mag sein ganzes Leben und viele Jahre darauf verwenden, sie durch seine Studien und mikroskopischen Beobachtungen überhaupt erst zu verstehen. Doch die Biene selbst vollführt ohne jede Ausbildung und völlig ohne mathematische Instrumente ein architektonisches Werk, das selbst ein genialer Mathematiker wie Archimedes nicht präziser berechnen könnte.
Sagt mir also nicht, dass bloß ein blinder Trieb, ein willenloser Zwang den Fleiß der Bienen, den Gesang der Nachtigall oder das Gespinst des Seidenwurms bestimmt! Das hieße nur, die Wahrheit mit leeren Phrasen zu leugnen, um euren menschlichen Stolz zu retten. Zeigt mir das Tier, das tatsächlich nichts weiter als ein bloßes Uhrwerk sein soll! Auch in den Tieren wohnt ein eigenständiges, lebendiges Wesen. Sogar in der Brust des Löwen schlägt etwas von jener Großmut und dem Bedürfnis, denjenigen zu lieben, der ihm dient. Und die süße Leidenschaft der Venus Cythere, die mit den Herzen spielt, wird von den Tieren oft weitaus natürlicher und ehrlicher gefühlt als vom Menschen. Man lehrt uns nicht umsonst, ein einfaches Insekt wie die Ameise im Fleiß zum Vorbild zu nehmen – und sollte das treue Verhalten von Odysseus’ Hund Argos nicht so manchen Menschen beschämen?
Das wahre Privileg des Menschen
Doch verliere dich nicht zu weit in diesen Vergleichen, mein Verstand! Ein unverlierbares Recht erhöht das menschliche Geschlecht letztlich doch über die Tierwelt. Im Moment sind sie zwar biologisch nicht auf unserer Stufe; und wenn in fernen Zeiten ihr künftiges Schicksal sie einst auf unsere jetzige Entwicklungsstufe tragen sollte, dann wird uns derselbe evolutionäre Weg, den alle Geister gehen, in eine noch bessere, höhere Sphäre über sie erheben.
Die Natur beschenkt uns mit mütterlichen Händen verschwenderisch mit allem, was sie an Vortrefflichem besitzt. Uns kleidet ein schönerer, aufrechter Körper, und alles, was die Erde hervorbringt, wird uns bereitwillig zu Füßen gelegt. Uns liefert der Bergbau seine Schätze; in den tiefen Schlünden des Meeres muss sich zu unserem Schmuck die kostbare Perle in der Muschel runden. Vom heißen Süden bis zum gefrorenen Pol ist die Luft, der Sand und das Meer voll von unserem Reichtum.
Und was vermag unsere menschliche Kultur? Sie verleiht dem öden Sand die Schönheit des Frühlings. Sie lässt auf dem trockenen Land Kanäle entstehen, auf denen Schiffe voller Korn und Früchte fahren; durch klugen Fleiß lässt sie den Handel auf dem Meer erblühen. Indem wir unsere Fähigkeiten ewig von Stufe zu Stufe weiterentwickeln, wird uns am Ende nichts unversucht und nichts unmöglich bleiben.
Beklage dich daher nicht, antiker Denker Plinius, und klage nicht die Natur als grausame Stiefmutter der Menschen an, weil sie uns nicht wie das Vieh mit schützenden Fellen ausgestattet, uns nicht wie die Fische beschuppt, uns nicht mit Federn beschenkt oder uns wie stumme Austern in harte Schalen gesteckt hat! Du rufst in deinen philosophischen Reden theatralisch aus:
„Uns Menschen wirft die Natur nackt und hilflos auf die Welt; das Vieh stattete sie mit Waffen aus, die Muscheln schützt ihr Haus, den Vogel wärmt das weiche Gefieder. Wer muss sich da nicht beklagen? Ist es gerecht, dass sie für das Vieh mehr Fürsorge und Liebe aufbringt als für uns?“
Wie sehr lässt du dich von deiner eigenen Rhetorik blenden! Für ein so geringes Glück wie ein Fell würdest du die menschliche Schönheit und tausend andere Freuden eintauschen. Von unseren schönen Frauen würdest du für diesen Vorschlag wohl wenig Dank ernten: Sie würden die Rosen ihrer Wangen wohl kaum gegen Schwanenflaum eintauschen wollen, und eine noch so schön beschuppte Lilienbrust würde beim Partner wohl wenig Leidenschaft erwecken.
Und warum willst du uns überhaupt unseres natürlichen Schmucks berauben? Wie klein ist der vermeintliche Verlust im Vergleich zu dem, was du den Menschen durch deine Klagen andichten willst. Die tiefe, zärtliche Liebe, die in der Brust einer Mutter für ihre Kinder brennt, ersetzt durch Fürsorge und Kultur genau das, was uns die Natur aus guten Gründen an körperlichem Schutz versagt hat. Wofür gäbe es sonst weiche Stoffe und Windeln? Wofür trägt die Baumwollpflanze ihr sanftes Flaumenhaar? Natur und menschliche Kultur reichen sich hier die Hand, um uns zu helfen. Wie wenig Berechtigung haben also deine literarischen Klagen! Es war im Grunde eine reine Wohltat der Natur, uns diese tierischen Attribute zu versagen. Der Mensch bleibt der erklärte Liebling der Natur; ihm schenkt sie ihre Schätze, für ihn schmückt sie Wald und Flur. Die Tiere sieht er in unzähligen Klassen unter sich eingereiht, wo sie ein zwar gutes, aber weitaus kleineres Glück umfassen.
Die Bewegung der Erde und der Einfluss der Zonen
Dies ist die Vielfalt der Arten, aus denen unser Erdball besteht – eine Erde, die sich im Laufe der Jahrtausende langsam abnutzt, während sie uns Menschen geistig erhöht. Ein kosmisches Gesetz zwingt sie, sich in gleichmäßigen, schneckenförmigen Bahnen um den feurigen Sitz der Sonne (Titan) zu drehen. Durch diese feste Rotation wird uns der Tag geschenkt, wenn die Erde uns der Sonne zuwendet, und die Nacht, wenn sie sich wegdreht. Dann blitzt das Auge der Morgenröte (Aurora), während es bei uns dunkel wird, auf der anderen Seite der Welt bei den Gegenfüßlern auf, und deren Nacht verschwindet.
Die unterschiedliche Neigung der Erde zur Sonne und die Art und Weise, wie die Sonnenstrahlen auf die Erdoberfläche treffen, verändern das Gesicht der Erde völlig und lassen sie in den verschiedenen Klimazonen dreimal vollkommen unterschiedlich erscheinen:
Die Todeszone des Nordpols
Dort im gefrorenen Norden, wo sich das ewige Eis nach seinem Stern sehnt und von keiner anderen Wärme erhitzt wird, herrschen klirrender Frost und der öde Tod mit allgemeinem Grauen. Alles liegt in einer stillen Dämmerung und inmitten unwirtlicher Landschaften. Hier blüht der Frühling nie; kein frisches Kraut lockt den milden Westwind an, und kaum ein verirrtes Tier findet hier Nahrung. Der süße Brand der Liebe, den sonst jeder Weltteil fühlt, erstirbt hier um den Pol und wird im ewigen Eis abgekühlt. Kaum dass eine eisige Insel wie Nowaja Semlja (Zembla) noch von einem seltenen Sonnenstrahl erhellt wird und hier und da ein Polarfuchs durch die Felsen bellt, froh darüber, wenn er unter dem Schnee ein wenig faules Moos entdeckt. Die indigenen Völker, die unter diesem harten Himmel leben, spüren den Neid des Klimas, das ihren Körper klein hält und selbst ihrem matten Geist das innere Feuer nimmt.
Die Glutzone des Südens
Dort wiederum, wo das Land der Sonne zu nah ist und die Mittagsgegend raucht – wo der heiße Wüstensand nur Glut und Flammen atmet –, verzehrt die ständige Sonnenstrahlung das erhitzte Blut der Bewohner. Und wie die Adern kochen, so leidenschaftlich und unruhig braust auch das Gemüt der Menschen auf. Die Liebe wird hier zur unkontrollierbaren Wut, die Rachsucht zügellos, der Verstand neigt zu aufgeblasenem Schwulst und die Frömmigkeit wird zum religiösen Fanatismus. Den aufgehäuften Sand, den niemals ein grüner Baum beschattet, durchzieht ein gefährliches Schlangenheer. Der vertrocknete Schlund des Löwen lechzt hier nach heißem Blut, und aus dem Blick des Tigers blitzt die unbarmherzige Glut seines Himmels. Der Mensch gleicht in dieser extremen Hitze fast seinem Vieh; die sanfte Nächstenliebe berührt seine Brust kaum. Nur blutrünstige Triebe, zügellose Leidenschaft und wilde Eifersucht verzehren sein Gehirn – sie sind die direkten Früchte dieser extremen Region.
Ein Appell an die Gesetzgeber:
Ihr Staatsmänner und Gesetzgeber (Lykurge), die ihr die Rechte der Länder in heilige Gesetzestafeln meißelt und festlegt, was die Pflicht gebietet und was sie verbietet: Zwingt nicht die widersprüchliche Natur aller Völker über einen einzigen Kamm und nach demselben starren Gesetz! Rechnet dem Klima seinen Einfluss an und mildert eure strengen Forderungen! Die innere Glut, in der die Adern der Menschen im Süden lodern, lässt sich nie ganz löschen: Bremst weise ihre Wut und zeigt den Menschen Kulturtechniken und Mittel auf, wie man das Heißblütige am klügsten kühlen kann. Aber erlaubt dem kühlen Norden nicht dieselben moralischen Freiheiten, die ihr dem heißen Süden zugestehen müsst, und erkennt, dass sich das menschliche Recht und das Rechtsempfinden oft nach den natürlichen Leidenschaften und der Lebenslust des jeweiligen Klimas richtet.
Die gesegnete gemäßigte Zone
Ein glücklicher Mittelweg grenzt die beiden extremen Zonen ein: Es ist die Ausgewogenheit unserer Luft und der milde, warme Schein der Sonne. Sie befruchten das lockere Land, das im Frühling mit tausend Farben bemalt ist, reich an den Gaben des Weines (Bacchus) und gelb von reifen Getreidegarben.
Zwar verändert die Natur auch hier in fest vorgegebener Zeit ihre liebliche Gestalt und wechselt ständig ihr Kleid – sie lässt uns im Sommer oft die Hitze des Südens spüren und lässt schon im Herbst den Nordwind mit eisigen Flocken spielen. Doch jede Jahreszeit ist bei uns an ganz eigenen Freuden reich; wir würden der Freuden bald überdrüssig und zu satt, wenn unsere Lust das ganze Jahr über völlig gleichbliebe.
Allein der Frost des Winters, der uns in warmen Stuben die Früchte des Herbstes genießen lässt und den Glanz der Wiesen in sein einfärbiges Weiß hüllt, schärft unsere im Sommer stumpf gewordenen Sinne wieder. Selbst die Entbehrung wird durch den bewussten Wechsel der Jahreszeiten zu einem echten Gewinn.
Wie fröhlich grüßen wir dann die milderen Winde des Frühlings! Wie lieblich schäumt und rauscht der schmelzende Schnee durch die noch kahlen Täler vorüber, und wie froh lauscht unser Ohr der ersten Nachtigall und dem frühen Chor der Lerchen! Wie glücklich und intensiv fühlen wir in diesem allgemeinen Erwachen, Weben und Streben der Natur auch unser eigenes, neues Leben!
Die Harmonie der Zonen, der Aufstieg der Seelen und die innere Natur des Geistes
Das Glück der gemäßigten Zone
Glücklich ist derjenige, dem sein Schicksal ein Leben in jenen Regionen beschert hat, in denen ihn eine milde, ausgewogene Luft wohltätig umgibt! Die Mäßigung des Klimas verfeinert und verschönert auch den menschlichen Geist. Die Vernunft wird hier weitaus leichter zur Herrin über die Leidenschaften; das Herz fühlt zärtlicher, der Geist ist scharfsinnig und klar, der Verstand geordnet und das Empfindungsvermögen feinsinnig.
Dort, wo aus einem wolkenlosen Himmel die Sonne heiter scheint, blühen Witz, Kultur und Dichtungskraft in geschichtsträchtigen Hainen. Durch das gesamte Tierreich fließt die Lebenskraft dieses nahen Sonnenstrahls. Die Blumen leuchten in prächtigeren Farben, und der milde Westwind verlässt das Tal im Grunde nie. Die Wälder duften von ewig grünem Laub, und die zarten Blätter der Bäume werden niemals eine Raubbeute des rauen Nordwinds. Die goldenen Orangen und Zitrusfrüchte strahlen wild und ungepflanzt im Wald, der ununterbrochen vom harmonischen Wettgesang der Nachtigallen widerhallt. Die weiten Hänge der Hügel sind grün von edlen Weinreben, und die gesamte Landschaft pulsiert vor innerem Leben.
Dort aber, wo sich das Land zum eisigen Nordpol hin absenkt, spüren Mensch, Tier und Pflanze gleichermaßen, wie sehr das harte Klima sie beeinträchtigt. Der Geist wird träge und stumpf, die Leidenschaften erlahmen, und das Blut schleicht nur noch matt durch die verengten Adern. Den tiefen Forst durchstreift wildes, ungezähmtes Getier, und da es den Bergen an edlen Erzen fehlt, wird das Innere der Minen nur von profanem Stahl und Blei geschwärzt.
Das ist die Frucht der kosmischen Ordnung: In all ihren reichen Naturreichen muss eine innere Harmonie die Vielfalt der Welt ausgleichen.
Der Blick in den Kosmos und das Reich der höheren Geister
Verlass nun, Muse, diese irdischen und niederen Gegenstände und richte deinen Blick auf ein neues, himmlisches Land! Schwing dich mit leichtem Fuß und festem Auge den besseren Welten zu, die von reinerem Licht durchflutet werden – dorthin, wo Geistwesen einer weitaus höheren Art, die unserer irdischen Nacht entronnen sind, in einem himmlischen Element voller reiner Wonne leben.
Welch eine unermessliche Menge an Welten dreht sich da unter mir! Welch ein gigantischer Tempel des Universums erhebt sich über mir! Welche Harmonie verzaubert mein Ohr und meinen Blick! Ihr Geistwesen, die ihr hier in Ewigkeit wohnt – wie sehr fasziniert mich euer Glück! Ach, dass mich die Erde und die Sterblichkeit so weit von euch trennen! Dort, wo sich das Band der Milchstraße – ein weißes Licht, gemischt aus tausenden Sternen – um den Horizont krümmt und wo es niemals dunkel wird, dort wohnt die glückliche Gemeinschaft, die unserer Erde entflohen ist.
O dreimal Selige, die ihr hierher entkommen seid! Euch nährt die geistige Kost der Engel, euch scheinen weitaus hellere Sonnen, und alle Nebel der Unwissenheit verschwinden. Verklärt von diesem reinen Licht seht ihr von oben herab, mit welcher geistigen Dunkelheit der Alltag der Menschen auf der Erde zu kämpfen hat.
Doch eure Seligkeit lässt sich sogar noch steigern: Weit über eurem Haupt, in den allerhöchsten Sphären des Kosmos, schöpfen die Seraphim göttliche Freude direkt aus der vollkommenen Urquelle des Seins. Sie sind für unsere Welt viel zu hoch entwickelt und empfangen ihre Erleuchtung unmittelbar von der Gottheit selbst. Wie staunst du da, mein schwacher menschlicher Geist? Aufgewühlt von so erhabenen Gedanken beginnt dein Herz die engen Schranken des Körpers zu hassen. Vergiss für einen Moment deine irdische Heimat, blicke auf die Bahnen der Sterne und betrachte den Glanz jener fernen Welten und ihrer Bewohner!
Welche Vielfalt! Welche Schönheit! Welches Entzücken! Welch ein Zusammenspiel von weisen Meisterwerken der Schöpfung! Wie perfekt stimmt der Körper und das Innere dieser Wesen mit ihrer wunderschönen kosmischen Heimat überein? Wie rein und einfach ist die Freude, welche in diesen zärtlichen und hochentwickelten Seelen die Tugend noch liebenswerter macht und ihre Entscheidungen leitet. Ein allgemeines Band der Liebe verknüpft hier alle Seelen miteinander; kein Unterschied im gesellschaftlichen Stand stört das gemeinsame Glück. Sie haben ein einziges Herz und ein gemeinsames Wollen, und alle streben gleichermaßen danach, sich in der Tugend zu erfüllen.
Und wenn auch bei manchem Geist die Genialität und Vortrefflichkeit seines Wesens mit noch hellerem Glanz hervorbrichst, so wird dieser Erfolg doch von niemandem von bleichem Neid getrübt. Das höher entwickelte Wesen spürt seinen eigenen Vorzug kaum; bemüht, ihn gar nicht erst zu thematisieren, lässt es diesen Glanz unbemerkt auf seine Gefährten überfließen – und jeder dort ist sein Freund. Dieses Wesen ist, ganz nach dem Vorbild der Gottheit (welch ein glänzendes Lob!), nur für das Wohl der anderen reich.
Das Band der Liebe, durch das schon hier auf unserer düsteren Erde ein tugendhaftes Paar ein paradiesisches Leben führen kann – o wie tief und rein wird es dort oben gefühlt! Hier ist die Liebe keine bloße biologische Brunst, die nach dem körperlichen Genuß rasch wieder abkühlt, die Kräfte des Geistes schwächt, die moralische Tugend unterdrückt, das Herz mit Eifersucht durchstürmt und die Vernunft erstickt.
O nein! Voller Zärtlichkeit bindet sie ein gleichgesinntes Paar fest an das Ideal der Tugend. Was dem einen gehörte, ist nun auch das Gut des anderen; aus zwei Herzen wird ein einziges Wesen, bewegt von denselben Idealen und vollkommen unzugänglich für irdischen Schmerz. „Mich bewegt kein anderer Wunsch, als dich glücklich zu sehen; und du empfindest keine Freude, die nicht durch mein Wohlergehen entsteht.“ Ihr Glücklichen! Die Gottheit liebt euch beide gleichermaßen und ruft euch unzertrennlich zu einer gemeinsam empfundenen Freude.
Was aber verspricht uns ein so hoch entwickeltes Herz nicht alles für den Verstand! Die nackte Wahrheit liegt vor einem solchen Geist in ihrem eigenen, ungetrübten Licht. Er berechnet die Kräfte der Natur, er erfasst die Materie in exakten mathematischen Zahlen, dringt bis in das innerste Mark der Dinge vor und bleibt nicht bloß an der äußeren Oberfläche hängen. Niemals hemmt die Last eines schweren Körpers den freien Lauf des Geistes. Durch ganz neue Sinnesorgane nimmt er völlig neue Bilder der Wirklichkeit auf; manch feinfühliges Organ zeigt ihm Qualitäten der Welt, die für uns Menschen unsichtbar an den Körpern haften.
Vielleicht verbindet manche dieser Welten nur ein einziger, gigantischer Sinn mit dem Universum – sodass ein Wesen dort vielleicht nur durch das Gesicht oder ein anderes nur durch das Gehör empfindet:
Wo sich tausende köstliche Düfte wie göttliche Nahrung mischen und die Lungen mit sanftem Wohlgeruch füllen, wo der gesamte Körper in einem Meer aus Balsam schwebt – wer bräuchte in einer solchen Welt schon Augen oder Ohren?
Dort aber, wo die Luft von wunderschönen Tönen vibriert und das weite Tal ununterbrochen von Musik widerhallt, wo tausende Kehlen ständig zum Gesang geöffnet sind und Wald, Fels und Wasser die Macht der Töne spüren, wo der Bach harmonisch rauscht und die Luft melodisch wogt – und wenn das Lied der Nymphe von den Felsen widerhallt und der Hain melodisch summt: Wer verdammt noch mal hielte es für eine Qual, in einer solchen Welt absolut nichts anderes als ein einziges, reines Ohr zu sein?
Wie schwindelig wird meinem Geist, wie hört er auf zu denken, wenn sich seine Blicke in jene Tiefen des Kosmos senken, die kein sterbliches Geschöpf jemals voll ausmessen kann – dorthin, wo sich in gewohnten Höhen Sterne ohne Zahl mit all ihren Bewohnern drehen. O wie vergisst sich der Mensch angesichts dieser unendlichen Vielfalt der Arten, wie kapituliert er vor der bloßen Zahl und wie klein und eng kommt er sich selbst vor!
Die Beseelung der Gestirne
Mehr noch: Die Sterne selbst sind lebendige, beseelte Wesen! Damit in keinem einzigen Reich des Universums ein Lebewesen als Bürger fehlt, rauscht der kosmische Äther von selbstbelebten Planeten und Sonnen, die – selbst wiederum voll von anderen Lebewesen – durch ihr Element ziehen.
Du Mensch, dem der größte Stern am Nachthimmel nur wie ein strahlendes, winziges Pünktchen erscheint: Sag an, mit welchem Recht verneinst du eigentlich diese These?
Du wendest ein: „Ein solcher Stern überwiegt unsere Sonne an Größe um das Millionenfache, und seine Umlaufbahn ermüdet unsere Mathematik; zudem wälzt er sich unaufhörlich und unveränderlich um eine noch größere Zentralsonne im immer gleichen Kreis. Was bitteschön soll an all dem ein Grund sein, ihn mit Leben und einer Seele auszustatten? Wer könnte sich ein Lebewesen von einer solchen gigantischen Größe vorstellen? Was sehen wir denn an ihm, das uns auch nur vermuten lässt, ein innerer Geist würde seinen kosmischen Körper bewegen?“
Gemach, gemach! Ein allzu rascher logischer Schluss kann uns leicht täuschen. Wie unendlich wenig ist es doch, was wir von der Oberfläche eines Sterns überhaupt sehen können! Das winzige Käferchen, das dort unten auf der Erde um goldene Blumen kriecht, wird vom schimmernden Licht der Blütenblätter vielleicht auf genau dieselbe Weise getäuscht: Wer weiß schon, ob diese Blüten in seinem winzigen, prismatischen Auge nicht wie ganze Sternenbilder leuchten? Und jener mikroskopisch kleine Einzeller, der im Blut eines Aales schwimmt und selbst dem schärfsten Auge kaum als winziger Punkt erscheint – vermutet er etwa, dass der tierische Körper, den er als Herrscher durchstreift, in Wirklichkeit selbst ein lebendiges, riesiges Lebewesen ist, das ihm im biologischen Grundaufbau gleicht?
Geniale Astronomen wie Johannes Kepler oder Giovanni Domenico Cassini bemerken an den Bahnen der Sterne zwar nur den mathematisch regelmäßigsten Umlauf; doch unzählige lebendige Veränderungen auf diesen Himmelskörpern sind ihnen aufgrund der enormen Entfernung schlicht verborgen – Veränderungen, die ein Auge aus der direkten Nachbarschaft sofort entdecken würde. Die Gestirne wachsen und verändern sich wie ein biologischer Körper (unsere Erde lehrt uns das durch ihre geologischen Epochen), das kosmische Alter zehrt an ihnen, und auch ihr Verlöschen und Tod ist irgendwann gewiss. Doch durch diesen Prozess wird ihre Weltseele nur auf eine neue, höhere Stufe der Existenz gehoben. So, kosmischer Schöpfer, können dich die Morgensterne am Himmel loben!
Die zwei Kräfte der Seele: Einblick in die Psychologie des Geistes
Nun, Muse, lehre uns auch, welche grundlegende Verschiedenheit die Geister aller Art in zwei psychologische Prinzipien scheidet. Es ist keineswegs nur der rein biologische Zweck der Fortpflanzung, der die Arten erhält, indem das eine Geschlecht zeugt und das andere gebiert. Nein, tief im Inneren der Seele liegt ein Unterschied, der sie durch diese Polarität im Geistigen erst recht zusammenfügt.
Wir Menschen, die wir uns so oft vom materiellen Körper dazu verleiten lassen, unser wahres Selbst zu verkennen – wir, die wir den Geist (also unser eigentliches Ich) fälschlicherweise als etwas Fremdes vom Körper trennen –, werden im Inneren von zwei psychischen Kräften regiert. Diese sind so beschaffen, dass die eine Kraft meistens erst dann richtig aufblüht, wenn die andere welkt und schwindet:
Die imaginative und emotionale Kraft (Die Seele des Gefühls)
Die eine Kraft ist eng mit dem Körper verbunden; sie nimmt all das wahr, was durch die fünf Sinne von der Außenwelt als Bilder in das Zentrum unseres Bewusstseins fließt. Mit unsichtbarer, psychologischer Kunst kann sie selbst nach vielen Jahren ein einst gesehenes Bild mit völlig frischen und lebendigen Zügen wieder vor unserem inneren Auge erstehen lassen. Ein unerschöpflicher Schatz von geistigen Erinnerungen und inneren Bildern, die ihr die Natur und die Kunst aus tausend Quellen leihen, liegt schimmernd vor ihr da. Und diese Kraft trennt und verbindet, vermischt und verändert diese Erinnerungen in unserer Fantasie ganz so, wie sie es für richtig hält.
Sie nimmt die Eindrücke an, die unsere Sinne erregen; sie liebt, sie hofft und wird von Trauer und Leid gleichermaßen bewegt – wenn auch auf eine geistig verarbeitete Art. Der instinktive Zug, der unsere Brust hin zu schönen Menschen drängt, und das Verlangen nach Lebensfreude entstehen genau aus diesem Schoß der emotionalen Seele. Sie ist es, die sich zutiefst freut, wenn das ersehnte Glück und der geliebte Partner in unseren Armen liegt.
Der forschende Verstand (Die analytische Kraft)
Ganz anders wirkt in uns der forschende Verstand. Mit logischer und dialektischer Kunst löst er die komplexen Verbindungen der Dinge auf. Er zieht von den inneren Bildern all das ab, was sie rein emotional oder sinnlich kleidet, und sieht scharfblickend nur das an, was die Dinge im Kern unterscheidet und definiert.
In unsere innere Gedankenwelt bringt dieser Verstand Ordnung, logische Struktur und Licht. Er blickt ohne jede Täuschung dem schönen Schein und der Lüge direkt ins Gesicht. Er macht die Klugheit und das moralische Pflichtgefühl zu den Hütern unserer emotionalen Triebe und lenkt den menschlichen Willen weg von flüchtigen Illusionen hin zu den wesentlichen, dauerhaften und wahren Werten des Lebens.
Das Wechselspiel der Kräfte, die Psychologie der Geschlechter und der Aufruf an die Frauen
Das Spannungsverhältnis zwischen Gefühl und Verstand
Zwar verbindet ein feines, zartes Band diese beiden psychischen Kräfte – das Gefühl und den Verstand – miteinander, und wenn die eine völlig verstummt, bleibt meist auch die andere untätig. Ein scharfsinniger Verstand ist durchaus in der Lage, auch ästhetisch schön und elegant zu denken, und ein emotional feinsinniger Geist wird sich niemals darauf beschränken, bloß oberflächlich zu blenden. Dennoch dominiert in jeder Seele stets eine der beiden Kräfte und schwächt die Macht der anderen ab. Es ist genau wie bei Vollmond in einer wolkenlosen Nacht: Das unermessliche Heer der übrigen Sterne funkelt nur noch mit blassem Licht, weil der strahlende Glanz der Mondgöttin Diana die Schönheit ihrer Begleiterinnen völlig überdeckt.
Wer könnte dein Heldenlied hören, unsterblicher Vergil, wer den tiefen Herzensschmerz deiner verlassenen Dido miterleben, ohne vor Mitgefühl zu dahinzuschmelzen? Unter dem Einfluss des Dichters stehen die Seelen der Zuhörer für jeden emotionalen Eindruck offen; sie sind bereit, genau so zu bangen und zu hoffen, wie du es ihnen vorschreibst. Wenn der junge Held Nisus, selbst schon halbtot, durch einen letzten Kuss den tödlichen Abschied der Seele seines sterbenden Freundes Euryalus aufzuhalten versucht, wenn er den letzten Atemzug aus dem geliebten Mund empfängt und dann – hingestreckt über ihn – aus hunderten Wunden sein eigenes Leben ausströmt: Wer wünschte sich im Weinen nicht, selbst um den Preis des eigenen Todes, einen so treuen Freund zu besitzen?
Durch eine solche Kunst – die wahre Zauberkunst der Musen – haucht der feinfühlige Dichter den Zuhörern genau die Emotionen in die Brust, die er will. Ein Mathematiker wie Archimedes hingegen steht mit tief in Falten gelegter Stirn inmitten seiner geometrischen Kreise; völlig unberührt von dem, was feinfühlige Seelen bewegt, berechnet er distanziert den Lauf der Planeten und wiegt die physikalischen Kräfte der Materie.
Die beiden Geschlechter im Reich des Geistes
Durch dieses Prinzip – hier die Dominanz des zarten Gefühls, dort des herrschenden Verstandes – manifestieren sich uns die beiden Geschlechter im Reich des Geistes.
Das anmutige Geschlecht der Frauen, das geschaffen wurde, um das Leben zu verschönern, empfing ein zutiefst fühlendes Herz, das gleichermaßen fähig ist, andere in Entzücken zu versetzen wie selbst höchste Freude zu empfinden. Die junge Brust eines Mädchens spürt ganz intuitiv und ohne Belehrung den Reiz der Liebe. Frauen fühlen weitaus zärtlicher, weil all ihre Sinnesorgane feiner und sensibler gebaut sind und von feineren Lebensgeistern durchströmt werden. Ihre lebhafte Fantasie nimmt – wie weiches Wachs – jeden Eindruck sofort und plastisch auf. Ihr holdes Herz ist reich an sanften Gefühlen und bleibt im Grunde frei von jenen zerstörerischen Gewittern wilder, rücksichtsloser Leidenschaft, die so oft die Brust der Männer erschüttern. Ihr Wesen gleicht einem ruhigen See bei heiterem Himmel: Ein sanfter Westwind kräuselt kaum die blaue Oberfläche, das Wasser bewegt sich in sanftem, gleichmäßigem Takt und lädt die Wassernymphen zum friedlichen Spiel ein.
Diese seelische Zärtlichkeit, die dazu bestimmt ist, uns zu erfreuen, prägt sich auch dem schönen weiblichen Körper ein. Wie reizend ist er! Wen müsste er nicht faszinieren? Wie verführerisch lädt der Mund zum Kuss ein, wie voller sanfter Liebe strahlt es aus ihren Blicken! Diese Liebe legt uns Männern Ketten an, die selbst ein weiser Philosoph voller Stolz und ohne Schande tragen kann.
O ihr Toren und Moralapostel, die ihr uns predigt, wir sollten die Liebe und die Frauen fliehen! Wisst, dass man sich den Gesetzen der Natur nicht ungestraft widersetzen kann. Die Natur selbst hat die Liebe in uns eingepflanzt, sie lässt die Schönheit der Frauen erblühen, und sie rächt sich bitter an dem arroganten Stolz all jener, die vor ihr fliehen.
Doch die Frauen glänzen nicht nur im Reich der Liebesgöttin Venus Paphia; auch der vom Lorbeer gekrönte Berg Parnass der Dichtkunst schallt von ihren Stimmen wider. Hier hallt noch immer das süße Lied der antiken Sappho nach – so wunderschön singt nicht einmal der sprichwörtliche Schwan am Flussufer sein Sterbelied. Und die Kunstgeschichte sieht heute zur Ehre Deutschlands und unserer modernen Zeit dich, die geistreiche Anna Louisa Karsch, die Zahl der großen Musen vermehren. Durch das Epos einer französischen Dichterin (Madame du Bocage) wird der Ruhm von Kolumbus' Entdeckung der Welt verkündet, und die englischen Gedichte einer Elizabeth Rowe ertönen im Himmel.
Ein flammender Appell an die Frauen gegen die Oberflächlichkeit
Ihr schönen Frauen, ehrt endlich den wahren Wert, den die Natur euch geschenkt hat! Erkennt den geistigen Reiz, den sie in eure Seelen gesenkt hat! Seid zornig darüber, dass die Macht von Vorurteilen und gesellschaftlichen Gewohnheiten euch um den schönsten Teil eures eigentlichen Schmucks gebracht hat – nämlich um eure Bildung und geistige Freiheit!
Oft wird die Fruchtbarkeit eurer Seele schon im zarten Keim erstickt, noch bevor sie sich überhaupt entfalten kann. Die bloße, eitle Sorge um das jugendliche Aussehen der Wangen verdrängt den weitaus edleren Wunsch, auch charakterlich und intellektuell schön zu sein. Und so flößt man euch von klein auf leider nichts als die Befriedigung von banalen Begierden ein!
Ein Schoßhündchen, ein oberflächlicher Liebhaber, ein eitler Modenarr, der kaum zum Scherzen taugt – wie klein denkt ihr eigentlich von eurem eigenen Herzen, wenn ihr es mit solchem wertlosen Tand ausfüllt? Derjenige sollte für immer beschämt sein, der euch Frauen einst lehrte, euer Leben auf die bloße Kunst des Fächelns zu reduzieren; derjenige, der euch an den hohlen, seelenlosen Gecken gewöhnt hat, der stolz seinen Federhut und seine modischen Westen spazieren führt. Wie konntet ihr euch dazu bringen lassen, mit euren gefühlvollen Blicken einem eleganten, aber völlig puderüberströmten Kopf zu folgen, der zwar hübsch frisiert, aber vollkommen leer an Geist ist? Dabei hat der Himmel uns doch Augen geschenkt, die sich eigentlich in edlen Tränen verklären sollten, wenn sie auf der Theaterbühne den moralischen Kampf einer tragischen Heldin wie Zaïre bewundern.
Wie sehr müssen wir eine Frau bedauern, aus deren schönem Mund zwar eloquente Worte fließen, bis sie durch ihr oberflächliches Geschwätz selbst gesteht, wie sehr wir uns in ihrem Geist geirrt haben! Man verglich sie eben noch mit der Liebesgöttin, bis sie – kaum dass sie sprach – durch ihre Dummheit jede Eleganz und die Grazien vertrieb. Dabei ist es doch gerade der weibliche Mund, der, wenn er von echtem Geist und feinsinnigem Humor bewegt wird, selbst die klügsten Philosophen entzückt zu euren Füßen liegen lässt!
Fazit und die Ausnahme der Amazonen
Dies ist der grundlegende Unterschied, nach welchem sich die verschiedenen Klassen der Lebewesen in zwei psychologische Geschlechter teilen lassen:
Das eine Geschlecht – das männliche –, in dem der rationale Verstand die Seele dominiert; das keine harte Arbeit scheut, über Gefahren lacht und mit Schmerz, Blut und Tod oft nur einem eitlen, nachhallenden Ruhm (einem „tönenden Nichts“) nachjagt. Dieses Geschlecht denkt in tieferen Strukturen und dringt analytisch in die Wahrheit vor. Wenn die antike Sage nicht lügt, hat Deukalion diesen Menschenschlag mit schöpferischem Wurf aus hartem, unnachgiebigem Stein geformt.
Das andere Geschlecht – das weibliche – hat ein Gott aus weicherem, feinerem Ton gebaut und diesem anmutigeren Körper ein weitaus zärteres, empathischeres Herz anvertraut. Frauen lieben das feine Gefühl, und ihre sensible Brust reagiert emotional viel intensiver auf Freud und Leid.
Zwar kommt es vor, dass die Natur den Geist und Körper mancher Frauen dem raueren Wesen der Männer und den wilden Soldaten des Kriegsgottes Mars (Mavors) angleicht – genau so, wie manchmal ein verweichlichter Mann sein eigenes Geschlecht schmäht, indem er sich feige in die Ecke setzt und im schwatzhaften Kreis der Frauen die Spindel dreht.
Man denke nur an die antike Kriegerin Camilla: Wie verbreitet sie überall dort, wo ihr wilder Mut sie hintreibt, Furcht, Schrecken, Flucht und Tod? Ein schwerer Pfeilköcher hängt an ihren sonnengebräunten Schultern, ihr blondes Haar fliegt wild im Wind, und ihre Brust wird von einem goldenen Schild geschützt. Sie eifert der jungfräulichen Jagdgöttin Diana nach, bleibt von der Liebe völlig unbesiegt und findet ihr einziges Vergnügen in Wäldern, der Jagd und dem wilden Kampf.
Und dennoch verleugnet sie letztlich ihre angeborene weibliche Natur nicht: Selbst sie, die ihr Heldenherz so eisern vor der Macht des Liebesgottes Amor bewahrte, entgeht im Moment des Triumphs nicht einer typisch eitlen Begierde, die sie am Ende mit dem Leben bezahlen muss. Die Pracht des feindlichen Kriegers Chloreus lockt sie an: Sein glänzender Köcher, sein edles Gewand aus purpurrot gefärbtem Stoff und seine prunkvolle Rüstung reizen ihr Auge, ihren Wunsch und ihre Hand. Mitten im größten Sieg, den ihre Waffen ihr gerade schenken, bricht sie die Jagd ab, um die Beute zu rauben – und beendet so, geleitet von dieser unvorsichtigen Eitelkeit, als verletzliche Frau ihr heldenhaftes Leben.
FÜNFTES KAPITEL
Die Ordnung der Schöpfung und die Grenzen der Sinne
Das Meisterwerk des Schöpfers und der Ruf nach Wahrheit
So wie der antike Bildhauer Phidias einen rohen, ungeformten Block parischen Marmors nimmt und ihm mit meisterlicher Hand das Leben einer strahlenden Venus einhaucht, so hat auch der höchste Geist und Schöpfer aller Welten dem Universum die bestmögliche Form gegeben. Vor seinem schöpferischen Befehl floh das schüchterne Chaos, und er erfüllte die Materie mit Licht, Ordnung und Verstand.
Welch eine Schönheit glänzt in all seinen Reichen! Wie weise versteht er es, alles auf ein einziges Ziel auszurichten. Selbst im tiefen Dunkel, das unsere Augen trübt, findet ein tiefgehender Blick noch Stoff zur Bewunderung. Jedes Geschöpf strahlt vom geliehenen Licht des Schöpfers, und selbst die Schattenseiten der Existenz schmücken das göttliche Gesamtbild.
O Muse – du, die du mich zur Dichtkunst geführt hast –, zeige mir die wahre Gestalt dieser ewigen Welt und die Gesetze, die sie im Inneren zusammenhalten! Was zwingt die Materie dazu, sich ständig in neue, fließende Gestalten zu verwandeln, die sich wie die Zeit verändern und niemals stillstehen? Warum nährt die Erde sich unaufhörlich vom Staub ihrer eigenen Kinder, und warum wird unser Körper am Ende eine Beute der Würmer? Und welch ein Wunder lässt selbst die Planeten auf ihren unbekannten Bahnen in dunkler Glut erglühen? Leite meinen Geist, der deinem Antrieb folgt, hin zur Quelle der Wahrheit.
Die Relativität von Raum, Zeit und Wahrnehmung
Dieses grenzenlose Universum aus Welten und Zeiten, dieser Inbegriff aller verkörperten Geistwesen, spiegelt sich in der Welt der Ideen immer wieder anders und in neuen Farben wider – es ist sich selbst niemals gleich. So wie es unzählige Wesen mit völlig unterschiedlichen Sinnen gibt, die diese Erde bevölkern, und so viele Arten, die sich auf ihren unermesslichen Bahnen durch tausend Himmel der Gottheit nähern, so vielfältig ist auch die Art, wie unsere Sinne uns täuschen. Es ist eine Art wohlwollender Betrug zu unserem eigenen Vergnügen: Unsere innere, ideelle Welt ist so vielfältig, dass unser Bewusstsein das, was es wahrnimmt, für die absolute Wirklichkeit hält. Dabei erkennt ein höheres Wesen, das weit über uns steht, diesen roten Ball, den wir „Erde“ nennen, im himmlischen Raum nur als eine kleine Blume – während jemand, der weit unter uns steht, das als ganze Welt umschifft, was wir für ein bloßes Sandkorn halten.
Zwar liegt die Ursache dafür zum Teil in den äußeren Gegenständen selbst, die ihre Reize durch unsere offenen Sinne an uns senden. Doch die Beschaffenheit unseres Körpers verändert diesen Eindruck. Es ist wie mit der Sonne: Sie reitet auf ihrem lichten Wagen durch die Luft und versprüht überall das gleiche Licht; alles, was sich ihr nähert, glüht im selben Feuer. Doch die Gegenstände nehmen diesen Glanz auf völlig unterschiedliche Weise auf: Der eine schluckt das Licht und verdunkelt sich, der andere lässt den harten Strahl blau oder golden funkeln.
Der Staub, der scheinbar unbedeutend unter deinen Füßen wirbelt – nein, das sind ganze Welten, die sich dort drehen! Ein Engel (Cherub) denkt genau wie du, wenn er aus den gottnahen Himmeln auf das Gewimmel der Sterne im tiefen Weltraum blickt.
Der Mikrokosmos und Makrokosmos:
Der Mikrobiologe John Needham sieht durch sein Mikroskop einen winzigen Strudlewurm im Wasser spielen. Für dieses unendlich kleine Geschöpf ist der Wassertropfen ein riesiger Ozean, und er selbst ist darin so mächtig wie ein Walfisch, der ganze Seen austrinkt. Sogar im Bau der Glieder zeigt sich die Ähnlichkeit und die Einfalt der Natur: Dieses unsichtbare Seegeschöpf erschreckt in seinem kleinen Reich alle anderen Bewohner.
Und so wie Needhams Blick durch das Zauberglas des Mikroskops dieses kaum sichtbare Meer mit einem Sandkorn vermaß, so betrachtet ein Dämon, der durch die Zwischenwelten reist und auf die Erde hinabblickt, den Sammelplatz der Menschheit bloß für ein Ameisennest. Und du, mächtiger Herrscher, für dessen Vergnügen oft ganze Länder weinen – wie klein und unbedeutend musst du erst in den Augen dieses Dämons erscheinen? Erröte vor Scham!
Das Kleine ist also nur im Vergleich mit einem größeren Maßstab klein. Selbst ein riesiger Titan wird im Verhältnis zu höheren Sphären zu einem winzigen Staubkorn, in deren Tiefen die Erde, der Titan und du selbst vollkommen in Vergessenheit geraten.
Und genau wie der Raum ist auch die Zeit stets teilbar und für uns unendlich. Vergleiche deine kurze Lebensdauer mit dem Leben der Sterne, die dazu bestimmt sind, Äonen durch die Himmelsluft zu schweben: Dein Leben erscheint dagegen wie ein flüchtiger, ungenutzter Augenblick. Doch wenn selbst das Sternbild des Orion eines Tages sein Grab findet, wird es im Vergleich zur Ewigkeit Gottes wie eine Rose gewesen sein, die schon am Mittag verblüht.
Andererseits sieht die kleine Eintagsfliege, die voller Lebenslust in der erwärmten Luft fliegt, ihre „Gottheit“ – die Sonne – nur ein einziges Mal untergehen. Sie freut sich, mit dem Tag zu sterben, den sie verehrt. Ein Augenblick, der an uns ungenutzt vorüberzieht, ist für sie ein ganzes Leben voller Lust. Ihr kurzes Dasein verstreicht in ständiger Aktivität; diese Aktivität verlängert gefühlt die Sekunden und gibt den wenigen Stunden den Wert von Jahren.
Subjektivität der Sinne und die Widerlegung der Skeptiker
Ebenso verhält es sich mit den Qualitäten, die wir den Dingen zuschreiben: Sie existieren nicht in dieser festen Form außerhalb von uns. Was dem einen bitter schmeckt, findet der andere lieblich. Was dich belustigt, davor erschrecke ich vielleicht. Der Wurm, der in einer Rose kriecht, sieht ihren Glanz vielleicht gar nicht als „rot“. Wie viel entdeckt er, was für unsere Augen verschwommen bleibt? Und wie viel intensiver wird er den süßen Duft der Rose wahrnehmen als wir mit unseren stumpfen Sinnen? Die Hitze, die uns verbrennen würde, empfinden die Bewohner der Sonne oder Wesen aus feuerfestem Asbest vielleicht wie einen lauen Westwind – so wie ein Grönländer aus den eisigen Polarregionen die warme Sonne hasst und sich nach kühlen Abendwinden sehnt. Unser Körper ist das Werkzeug unserer Gefühle; er verändert die Gestalt der Gegenstände, und ihre Form ist letztlich nur ein Spiel unserer Sinne.
Nun könnte ein Skeptiker (wie Sextus Empiricus) einwenden:
„Wenn uns die Sinne mit tausend Bildern täuschen, die nur in uns und nicht in den Gegenständen selbst liegen – ist dann nicht die gesamte Wissenschaft, die wir auf diese Sinne aufbauen, ein leeres Hirngespinst, das vor der Wahrheit in sich zusammenbricht? Wer uns so oft täuscht, verdient kein Vertrauen. Vielleicht ist alles, was wir hören, fühlen und sehen, nur ein Traum, ein Selbstbetrug und ein Spiel der Seele.“
Doch seht, wie sich Sextus in seinem Zweifel verrennt! Was für ein übereilter Schluss! Nur weil unsere Sinne uns täuschen, wenn wir im Dunkeln sehen, soll das, was sie uns zeigen, ein bloßes Nichts sein?
Wenn du am frühen Morgen, ehe der Tag die Felder erhellt und nur ein schwaches Licht die entfernten Berge und nebligen Baumwipfel malt, einen Baum mit seinen hundert Ästen für den hundertarmigen Riesen Briareus aus den Mythen hältst – wirst du dann so töricht sein zu behaupten, du hättest gar nichts gesehen, nur weil dir die Dinge nicht sofort so erschienen, wie sie wirklich sind? Wenn ein eckiger Turm aus der Ferne rund aussieht, wird deshalb seine Existenz komplett geleugnet?
Der Ausweg: Die göttliche Vernunft
Unsere Wahrnehmung muss täuschen und die Materie muss uns verführen, solange wir die Schranken unserer eigenen Sterblichkeit spüren. Und das wird ewig so bleiben. Die Nacht, die unseren weltlichen Mittag trübt, wird niemals ganz vergehen. So deutlich wir auch zu sehen glauben, es bleibt immer eine Dämmerung: Ein Teil der Wahrheit liegt im Licht, der andere bleibt im Schatten.
Genau diese unterschiedlichen Stufen der Erkenntnis teilen uns in Klassen ein. Der eine besitzt mehr Klarheit, der andere leidet unter mehr geistiger Verfinsterung; jede Art erblickt die Welt mit anderen Augen, und was der eine liebt und sucht, das verabscheut der andere. Dies verstärkt den Schein der Materie und die Täuschung unserer Sinne.
Doch wurde uns nicht ein Geist geschenkt, der uns die Wahrheit lehrt? (Und wer dieses Licht jetzt noch nicht besitzt, wird in Zukunft, wenn die Zeit reif ist, im selben Glanz erstrahlen.) Es ist ein Geist, der die Materie und das Bild von ihren äußeren Kleidern befreit und das Zufällige vom Wesentlichen trennt. Diesem Geist steht das Urteil zu, er soll unseren Willen lenken und durch seine Macht unsere verblendeten, bloß sinnlichen Triebe bezwingen.
Weil uns also die Sinne die Welt nur in einem ungetreuen Licht zeigen und die Strahlen der Wahrheit brechen, so komm und öffne dich uns, du selbstleuchtende Vernunft! Soweit dein Blick dringen kann, zeige uns das Herz aller Dinge. Zeige uns die wahre Gestalt der geistigen Welt und führe unseren sicheren Blick auf ein wolkenfreies Feld. Lass uns den inneren, wahren Grund jener Gestalten sehen, mit denen uns die Sinne an der Oberfläche täuschen.
Die materielle Welt fließt unaufhörlich in neue Formen; kein einziger Zeitpunkt gleicht dem anderen. Selbst die Sonnen, deren Schein uns heute den Tag schenkt und die Nacht erhellt, existierten in einer früheren Zeit noch nicht in diesen Grenzen. Ein altes Universum wich, als ihr kaum geborenes Licht noch schwach und umwölkt aus seiner Hülle brach. Und wer weiß, wie lange sie noch strahlend blühen werden? Eines Tages werden auch sie erblassen und vor neuen Himmeln weichen müssen.
Der ewige Kreislauf und die Stufenleiter der Seelen
Der schöne Unbestand der Materie
Die Erde, die uns das Leben schenkt und uns doch nicht für immer behalten wird, ziert erst seit kaum sechstausend Jahren das Reich der Sonne. Vielleicht gehörte sie vorher zu einem anderen Sternensystem, wo sie in eigenem Licht für andere Welten leuchtete. Jetzt aber ernährt sie uns und gibt uns unseren Körper – ein Kleid, das sie uns bald wieder wegnimmt, um es vor die Würmer zu streuen. Die Blumen, denen sie eben erst durch den fruchtbaren Hauch des Westwinds (Zephyr) das Leben zu unserer Freude geschenkt hat, verschlingt sie bald wieder. Sie wird satt von ihren eigenen Kindern, die sie im Frühling kaum aus dem Tau geboren hat.
Das Wasser, das sich eben noch durch den blühenden Rasen schlängelte, verdampft in die Luft und bildet leichte Blasen; bewegt vom Westwind schwebt dieser verdünnte Dunst wie ein seidenes Gespinst am wolkenverhangenen Himmel. Doch bald beginnt der Südwind (Äolus) zu stürmen: Man sieht, wie sich am Himmel gewaltige Wolkenberge auftürmen, ein schweres Grau kommt bedrohlich nah, bis der Himmel schließlich zerfließt und die Erde überschwemmt. Ein glänzender, feuchter Schleier umfließt die frohen Wiesen. Die Pflanzen saugen nun den Tau auf, den sie zuvor selbst ausgeschwitzt hatten, und bald wird wieder dicht und fest, was zuvor als leichtes Wasser floss. Aus den Überresten verwestes Tiere wächst im fetten Schoß der Erde (Rhea) die Nahrung für die Lebenden. Wenn auch diese sterben, nährt sich die nachfolgende Zeit wieder rein von deren Tod.
Wo liegt nun die Ursache für diesen ständigen Wechsel – diesen schönen Unbestand, der das Gewand der materiellen Welt ewig verändert? Er lässt dort, wo eben noch Meere flossen, plötzlich ein rauchendes Gebirge aus den Wellen brechen, schmückt es mit neuem Leben, gibt Flüssen einen neuen Lauf und lässt Fluten über versunkenem Land zusammenschlagen. Ja, er lässt aus den Trümmern halb verbrannter Welten, die lange Zeit das Universum erschreckten, am Ende verschönte Monde werden – so wie der Phönix aus seiner nach Myrrhe duftenden Asche mit neuen Flügeln aufsteigt und voller Stolz seine Gottheit grüßt.
Das Universum als Gesamtheit geistiger Wesen
Die Ursache für all dies lässt sich allein im innersten Kern der Materie finden: Ist nicht die gesamte Welt in Wahrheit eine Gesamtheit aus geistigen Wesen (Monaden)? Ihr materieller Körper verhüllt sie bloß, und ihr innerer Entwicklungsstand zwängt sie in tausend verschiedene Formen, weil die ordnende Hand des Schöpfers sie an ihresgleichen gereiht hat. Ist im Grunde nicht selbst ein Stern in den kosmischen Reichen ein lebendiges Wesen, das eines Tages der Tod erbleichen lässt? Hier liegt der stille Urgrund, den der forschende Verstand – tief im Stoff versteckt – durch logische Schlüsse entdeckt:
Die geistigen Wesen sind es, die sich ewig weiterentwickeln. Aus ihrer inneren Bewegung entstehen all die Veränderungen in der Welt. Ihr Körper, das Kleid der Seele, entwickelt und verwandelt sich im Laufe der Zeit genau wie die Seele selbst.
Die göttliche Liebe, die uns schuf und in deren Schoß wir leben, gab jedem Geist die Kraft, sich schrittweise zu erhöhen. Zwar gönnt das Schicksal nicht jedem Wesen die Vollkommenheit eines Engels – denn in einer Welt, in der jede Möglichkeit Wirklichkeit werden muss, darf auch der kleinste Wurm nicht fehlen. Doch jeder Geist trägt die Kraft in sich, sich aus einem niederen Zustand stufenweise in ein höheres Leben zu erheben, und das innere Verlangen ist immer größer als der aktuelle Zustand. Die Energie der Triebe, die diese Wesen bewegen, zeigt deutlich, dass erst die Ewigkeit sie vollkommen stillen kann.
Der Mechanismus des geistigen Aufstiegs
Doch wie befreit sich der Fleiß der Seele aus dem Kreis, der ihrem sehnenden Herzen noch zu eng ist? In allen Wesen, die ihr eigenes Dasein spüren, wirken zwei grundlegende Kräfte:
Die passive Kraft (Wahrnehmung): Sie nimmt über den Körper sinnliche Bilder auf und stellt sie sich so vor, wie sie von außen herantreten.
Die aktive Kraft (Begehren/Gefühl): Sie fühlt dabei; sie liebt, was ihr Freude bereitet, und hasst die Täuschung, die ihre Wünsche enttäuscht.
Kein Geist ist so schwach, dass er nicht irgendwelche inneren Bilder in sich trägt und sich durch deren Eindruck bewegen lässt. Die Spur von Liebe und Abscheu liegt in allen Herzen; sie öffnen sich der Lust und schrecken vor dem Schmerz zurück. Mit dieser Grundkraft ist alles ausgestattet, was geistig ist – der Unterschied liegt bloß in der Form und Ausprägung.
Wer mehr Ideen begreift, lebendiger empfindet, die Dinge besser unterscheidet und sein Wissen tiefer gründet – wer schöner denkt und fühlt, von edleren Trieben brennt und mit stärkerem Flügelschwung aus seinen Grenzen ausbricht –, der überstrahlt die Masse der trägeren Wesen so, wie die Farben des Regenbogens (Iris) eine Ansammlung einfacher Pflanzen übertreffen. Zudem liegt in jedem Geist die Fähigkeit, ein verblasstes Erinnerungsbild wieder neu zu erleben, sobald ein ähnlicher neuer Eindruck ihn berührt. Das öffnet dem Geist den Weg, sich weiterzuentwickeln. Wenn sich nach und nach die Menge der inneren Bilder vermehrt, wird auch die Erkenntnis immer klarer. Das wachsende Begehren beflügelt die Kräfte und macht sie reif für höhere geistige Aufgaben; die Seele dehnt sich aus, blüht auf und wandelt sich in eine höhere, schönere Art um.
Das Gleichnis der Rose:
Es ist wie bei einer Rosenknospe, die, vom Morgenrot betaut, den süßen Nektar trinkt, der sich durch ihre äußere Haut drängt. Die Knospe beginnt sich sanft zu dehnen, die Wärme der Sonne lässt ihre saftigen Adern anschwellen. Und plötzlich bricht ein junges Gold aus dem wallenden Rubin hervor – ähnlich der Morgenröte (Aurora). Sie lockt den buhlerischen Westwind an, und vor unseren Augen enthüllt sich die volle Rose. Mund und Nase saugen den herrlichen Duftstrom ein, der nun aus ihrer Brust quillt und die ganze Luft mit reinem Genuss erfüllt.
Genau so arbeitet die Natur geschaffener Geistwesen: Die Übung stärkt sie, sie ernten die Früchte der gelebten Zeit. Durch diese Übung wächst unsere Kraft zu höheren Stufen heran, dringt zu ihrem Ziel vor und eilt ihm immer schneller entgegen. Wer zuvor auf der einfachen Hirtenflöte am Fluss Arethusa nur schlichte Lieder sang, fühlt jetzt den Ruf der höheren Musen und besingt (wie Vergil) den heroischen Sieg des Äneas. Ein Wurm, der eben noch an die Erde gefesselt war, wählt sich – von dieser Kraft beschwingt – ein neues, schöneres Reich. Und durch diese Kraft wird einst auch mein eigener Mund, der jetzt noch so schwach singt, entwöhnt werden: Ich werde Gott ein würdiges Lied anstimmen, an der Seite der Engel.
Die Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier
So erwacht nach und nach, dem Lauf einer festen Ordnung folgend, das unterste Geschlecht aus seinem alten Schlummer und vermehrt die Schar der Pflanzen. Vom Frühlingswind bewegt, beleben sie das Tal und blühen in den Tälern. Das duftende Volk der Blumen (Flora) erhebt sich durch dasselbe Naturrecht, wenn es verblühend stirbt, zum Tierreich. Dann erfüllt die laue Luft das Rauschen von flatternden Flügeln; die alte Liebe treibt diese neuen Insekten zu den gewohnten Hügeln und jungen Blumen zurück, auf denen sie einst selbst als Pflanzen geblüht haben. Doch selbst im Aufstieg sinkt das irdische Gemüt durch seine eigene Schwere immer wieder zu seinem niederen Ursprung herab – so wie Planeten im Flug von ihrer eigenen Masse auf ihre Umlaufbahn zurückgezogen werden.
Wer kann schon die unzähligen Stufen abzählen, die ein Geist durchlaufen muss, bis wir ihn schließlich in einem menschenähnlichen Körper als unseresgleichen wiedersehen? Denn der Tod ersetzt uns das, was wir durch ihn verlieren, indem er Seelen aus niederen Klassen und verwandten Tieren nachrücken lässt.
O Menschen, zürnt nicht darüber, dass ihr letztlich von Tieren stammt! Ihr existiert durch die gleiche göttliche Gnade; in euch und in ihnen brennt dieselbe Lebenskraft. Warum wollt ihr euch fälschlicherweise größer machen, als ihr seid?
„Ein Zwerg auf Stelzen bringt uns doch zu Recht nur zum Lachen.“
Wie klein ist denn der tatsächliche Abstand zwischen euch und den Tieren? Wie oft beweist ihr im Alltag, dass ihr mit ihnen verwandt seid? Muss euer Stolz sich nicht oft sogar von einem Seidenwurm Kleidung leihen, um glänzen zu können? Wie gering ist wohl der geistige Sprung von den damals als primitiv geltenden Bewohnern Grönlands zu dem erstarrten Bären, der sich ein verschimmeltes Kraut aus den Schneebergen kratzt? Wenn jener Mensch in seiner Bärenhaut sich bloß dazu geschaffen glaubt, seine mühsam genähten Boote mit schwer verdientem Tran und Fischbein zu beladen. Der rohe Ureinwohner Südafrikas oder der wilde Kannibale – wie nah sind sie in ihrer Lebensweise dem Tier? Ist nicht selbst bei uns Kulturmenschen die Vielfalt der Charaktere fast so groß wie die der Tierarten? Wie viele Menschen gibt es, die sogar ihre menschliche Würde verlieren und in Geist und Körper den Tieren gleichen?
Gesteht es nur ein, ihr Menschen: Demut steht euch gut! Wenn auch einige wenige von euch im Arm der Weisheit bereits wie Engel strahlen, so steigen doch noch viel mehr zu jenem rohen Zustand herab, der ihnen und euch einst den gemeinsamen Ursprung gab.
Mit welchem Recht wollt ihr unzähligen anderen tierischen Geistwesen das gleichberechtigte Recht auf die Hoffnung auf bessere Zeiten absprechen? Wo ist der Widerspruch, wo die Unmöglichkeit, dass auch das Vieh von Willen und Verstand beseelt ist? Das Tier fühlt doch bereits so lebhaft, übersieht Zusammenhänge, bemerkt Ähnlichkeiten und zieht im Dunkeln seine Schlüsse. Es zeigt bereits die Knospen des Geistes, die erst ein späteres Zeitalter in voller Pracht sehen wird. Es fühlt die Macht der herrschenden Natur und folgt den kosmischen Gesetzen, die kein Bewohner dieser Welt ungestraft verletzt.
Sollte die göttliche Liebe, die der Welt ein ewiges Leben geschenkt hat, ausgerechnet bei den Tieren haltmachen? Wird sie – ja, kann sie überhaupt – das, was sie einst zum Leben schuf und was dazu bestimmt ist, den Tod zu fliehen, einfach dem absoluten Nichts übergeben? Soll die Hoffnung auf eine spätere Entwicklung schon im Keim vergehen? Soll der innere Trieb zur Ewigkeit ungestillt bleiben? Jedes Wesen, das Gottes Gnade verehrt und ein künftiger Bruder unseres Geistes ist, fordert das Recht auf Ewigkeit und Freude vom öden Tod zurück.
O du törichter Mensch! Wie kannst du die Liebe Gottes so beschränken und die wunderbare Ordnung aufheben wollen, die der gesamten Natur gebietet?
Die göttliche Werkstatt der Natur und das kosmische Drama
Die göttliche Ordnung in Samen und Zeugung
O kosmische Liebe (Venus), in deren Feuer selbst bessere Welten glühen, durch die alles lebt und sich fortpflanzt und durch die die Wiesen blühen: Lehre mich, wie ein heranwachsendes Lebewesen aus seinem Samen emporsteigt und von dir Gestalt und Kleid erhält!
Das Wasser, die Luft und die feinen Wellen des Äthers sind voll von unzähligen Samen und bilden die Quellen unseres Ursprungs. Hier flattern – getrieben von ihrer Natur und ihrem Entwicklungsstand – jene geistigen Wesen (Monaden) umher, die erst durch die Materie einen physischen Körper erhalten, der sie fortan begleitet. Die einfachsten dieser Substanzen sind dazu bestimmt, die Welt der Pflanzen (Flora) zu bilden: Es sind die Seelen abgestorbener Gewächse oder Seelen, die nun ins Tierreich übergehen, sowie jene, die auf den Tod des Viehs warten, um weiterzuziehen. Die göttliche Ordnung weist jedem seinen Platz zu.
Die Blumen, die jetzt in lauen Tälern blühen, beginnen nun, der Luft genau jene Samen zu entziehen, die ihnen wesensverwandt sind – denn allein die Ähnlichkeit fügt in der Natur alles harmonisch zusammen und verbannt den blinden Zufall und den Streit. So häuft sich der Pflanzensame an, belebt von lauter winzigen Wesen, die, noch halb schlummernd, nach neuen Körpern verlangen. Wenn dann ein sanfter, unsichtbarer Westwind (Zephyr) aufkommt und diesen Samen in jene organische Werkstatt trägt, in der ein Wohnhaus für den neuen Geist bereitliegt, wird er ihm durch dich, göttliche Schöpferkraft, hinzugefügt.
Denn im Schoß der Mutter baut sich der Körper exakt so auf, dass er im Einklang mit jenem Geist steht, der sich ihm anvertraut – so lange, bis der Tod, der in Wahrheit der Ruf zu einem höheren Glück ist, ihn wieder befreit. Die Natur bildet den Körper mit unsichtbaren Händen aus einfacheren organischen Bausteinen im mütterlichen Ei und fügt ihm dann den Geist aus dem fremden Samen bei. So entsteht das Volk der bunten Blumen, so wird jedes Tiergeschlecht und so wird selbst der Mensch geboren.
O schöpferische Weisheit, die sich hier so mühevoll im Stillen abmüht, wo niemand ihren Arm bei der Arbeit sieht! Dass aus dem riesigen Heer der Seelen, das alle Samen erfüllt, genau die tauglichste in die Mutter fließt und genau jenen Körper bezieht, der perfekt zu ihrem Wesen passt; dass jeder Zufall ausgeschlossen ist und sich keine einzige Seele verirrt – das alles bewirkst du allein! Würdest du jemals ermüden, so würde diese wunderschöne Welt augenblicklich in das Chaos dunkler Schatten zurückfallen. Wir Menschen spüren meist unachtsam nur die späten Folgen deiner Kraft, die – für unsere Augen unsichtbar – unaufhörlich am Heil aller Lebewesen arbeitet.
Kritik an Naturgeistern und plastischen Naturen
Aber wie genau wirkt diese Schöpfungskraft? Eine ganze Schule von Denkern im Gefolge Plotins ruft sogar die Engel aus ihren überirdischen Sphären herbei: Sie glauben, dass dort, im Verborgenen und in himmlischem Gewand, die kluge Kunst der Luftgeister (Sylphen) am Werk sei. Man stellt sich vor, wie so eine feine, ätherische Hand aus formlosem Staub die prachtvollsten Blumen formt, wie sich die Pflanzenadern mit neuen Säften füllen und wie künstlich der Sylphe die schönste Gestalt aufbaut, indem er ihr etwas von dem farbigen Licht abgibt, das ihn selbst umgibt. Er soll Himmelstau in die lebendigen Säfte mischen und mit seinen Lippen ambrosische Kräfte wie ein Westwind in den Schoß der Blüte hauchen – so dass das ganze Feld vom sanften Schwung seiner Flügel flüstert. Ein anderer dieser Geister soll dabeisitzen, den tierischen Samen ausformen und mit schöpferischer Kraft Gestalt und Schönheit auf die halb geformten Glieder gießen.
Auf diese Weise zieht die reine Fantasie den schlummernden Verstand aus jeder theoretischen Schwierigkeit und zertrennt das unlösbare Rätsel – den Gordischen Knoten – einfach mit der Gewalt eines Alexander. Doch lassen wir die himmlischen Wesen lieber in ihren eigenen Sphären wohnen, wo sie angemessenere Aufgaben haben. Die Erde bekommt sie nie zu Gesicht: So wenig wie auf Island ein Strauch mit goldenen Äpfeln wächst oder arabische Düfte verströmt, und so wenig wie eine Nachtigall (Philomele) sich aus ihren heimischen Büschen nach Libyen verirrt, wo feurige Drachen zischen.
Noch feinsinniger irrt der Gelehrte Nehemiah Grew, der mit platonischem Geist die Welt der Möglichkeiten um eine ganz neue Art von Wesen vermehrt: Er nahm im Zwischenraum von Materie und Geist sogenannte „plastische Naturen“ (Naturae plasticae) an. Gott habe ihnen die Macht gegeben, die Samen zu formen; sie selbst spüren oder fühlen jedoch absolut nichts von sich und wirken ganz ohne eigenen Geist die Schönheit, die uns heute aus tausend Quellen entgegenfließt. Zwar hat der scharfe Verstand von Pierre Bayle diese Theorie nicht ganz zu Unrecht kritisiert und darin die atheistischen Spuren des antiken Philosophen Straton gefunden – denn ein solches Lehrgebäude kann im Grunde ohne Gott nicht bestehen; es ist in sich widersprüchlich, obwohl es die Allmacht Gottes scheinbar erhöhen will.
Die Auflösung: Die prästabilierte Harmonie und der süße Tod
Doch darf man in Gott die Einheit der Kräfte trennen und das, was der gesunde Verstand ablehnt, als Triumph der Allmacht feiern? Wozu dient ohne Not ein gefühlloses Heer von Naturgeistern, das in der Welt völlig überflüssig ist und keinen eigenen Zweck erfüllt? Würde die göttliche Weisheit verschwenderisch Mittel anhäufen, wenn sie dasselbe Ziel mit Sparsamkeit erreichen kann?
Die innere Form des Geistes und der Bau seines Körpers – jenes wesentlichen Körpers, der ewig und exakt mit seiner Seele harmoniert und sich synchron mit ihr bewegt – löst uns das Rätsel auf, das der Philosoph Ralph Cudworth so schlecht zerlegt hat. Hierdurch wird jede Geistigkeit ganz von selbst, entsprechend ihrem inneren Entwicklungsstand, an ihresgleichen gereiht:
Der Körper, der der Seele vom Schöpfer als Werkzeug mitgegeben wurde, muss sich zugleich mit ihr und mit ähnlichen Körpern verweben. Und so laufen die beiden Welten – die geistige und die materielle – ewig, verknüpft durch Zeit und Ort, in einer stillen, wunderbaren Harmonie nebeneinanderher.
So, meine Brüder, entwickeln wir uns! Und nach einer gemessenen Anzahl von Jahren lässt uns der Tod ein höheres Glück erfahren. Ihr, die ihr die Tugend liebt: Legt eure alten, sterblichen Hüllen ab! Sie passen nicht mehr zu eurem gereiften Geist; gebt sie bereitwillig dem Grab.
Dort oben, im Bereich einer höheren Sonne, erwartet euch bereits das Werkzeug einer reineren Freude: ein neuer Körper, geschaffen für euren neuen Lebensweg, der euch den Genuss völlig neuer Welten erschließt. Dort öffnet sich die Natur bereitwillig euren geschärften Blicken und zeigt euch den genialen Bau und das Gefüge ihrer Meisterstücke.
O Tod! Du süßer, erlösender Tod! Nur ein Tor hat Angst vor dir! Du hebst das Geschöpf zu seinem eigentlichen Ziel empor; du trägst uns der Gottheit und unserem endgültigen Glück entgegen. Wie froh und getrost will ich mich einst in deine Arme legen!
Der Raum von uns Menschen bis zu Gott – dieser ewige, unermessliche Zwischenraum – wird von einem unendlichen Heer von Wesen ausgefüllt, und doch füllt es ihn kaum. Die glänzenden Geistwesen und Engel steigen fröhlich auf, durch unzählige Reiche hindurch bis hin zu den höchsten Thronen. Wenn unser Blick diesen Abstand schwindelnd misst, wird klar: Der niedrigste dieser Engel ist, verglichen mit uns Menschen, bereits ein Gott. Je näher diese Wesen Gott kommen, desto mehr wächst ihre Kraft, und sie eilen in immer höhere Sphären; doch die fundamentale Grenze unserer Endlichkeit wird es uns verwehren, jemals den absoluten Gipfel – Gott selbst – zu erreichen.
Das ist also der Grund, der die Gestalt der Welt seit ewigen Zeiten immer schöner und vollkommener darstellt: In dem Maße, wie sich das Heer der Geister aus seinen alten Schranken erhebt, verlässt es auch den Ort, an dem es vorher existiert hat. So mischt sich das, was einst starrer Marmor war, mit der flüchtigen Luft und dem Wasser, sinkt als Tau in eine Pflanze, ernährt und vermehrt das Blut der Tiere, bis sich sein inneres Licht endlich aus den Wolken drängt, selbst zur fühlenden Seele wird und einen Körper empfängt, der größere und klarere Bilder begreifen kann. Dies ist der ewige Fluss der Evolution, auf dem alles, was lebt und fühlt, seinem großen Ziel entgegenschiffen muss.
Das kosmische Drama: Kometen und die Sündflut
Und genau dieses Gesetz, nach dem sich die Tiere vermehren – der Tod, der im Grunde Leben ist und gerade im Zerstören Neues aufbaut –, dieses ewige Gesetz des ständigen Wandels erklärt uns auch die gewaltigen, erschreckenden Szenen des Universums. Um eine höhere Stufe zu erreichen, ist für erlöschende Sonnen (Titanen) der kosmische Tod ebenso der einzige Weg wie für das kleinste Tier.
Schaut dorthin, wie jener Komet den erschrockenen Welten droht und seine blutige Glut in die Unermesslichkeit des Weltraums streut! Wie unbegreiflich schnell durchfliegt er jene Höhen! Kein Gedanke fliegt so schnell; selbst die Drehung der Erde wirkt träge gegen seinen gigantischen Flug. Wie laut rauscht die heiße Himmelsluft, die ihn sprudelnd umfließt, wohin er auch schießt! Seht, wie er sich jetzt der Sonne nähert: Er braust in den roten Fluten der solaren Flammen auf, wogegen die heftigsten Ausbrüche des Vulkans Ätna so kühl wirken wie ein sanfter Westwind. Jetzt flieht er voller Grimm wieder ins Unermessliche; Verwüstung droht von ihm auszugehen. Kein Engelblick kann ihm in seinen unberechenbaren Bahnen folgen. Er blitzt durch die Schöpfung, zeichnet seinen Weg mit Rauch und Brand und versetzt die Himmel, die ihn sehen, in tiefen Schrecken.
Jetzt nähert er sich unserem Planeten. Seht, wie sich die Erde hilflos wälzt – wie ein viel zu schwacher Kahn, der von einem gewaltigen Strudel fortgezogen wird und der Macht der unaufhaltsamen Wellen weichen muss. Die Erde dampft vor neuer Hitze; das Meer wallt auf und spritzt siedend heiße Wellen bis in die gestirnte Höhe hinauf. Die Erdkruste springt krachend auf und fällt, komplett durchfeuert, in Stücke. Welch ein banges, furchtbares Trauerspiel für die Augen der Nachbarplaneten!
Dort sinkt der blasse Schweif des Kometen herab wie ein riesiges, ausgespanntes Meer. Er füllt das halbe Sonnensystem mit Glut und schweren Dünsten und bricht auf die Erde nieder; zerborstene Wolken fallen aus der erhitzten Luft mit Blitzen und hohlem, donnerndem Knallen herab.
Die Katastrophe der Sündflut:
Genau so schwamm, nach den wissenschaftlichen Theorien von William Whiston, einst unser eigener Erdball: Ein unaufhaltsames Meer durchbrach den alten Schutzwall der Natur. Der harte Marmor selbst wurde durch die Hitze und den Druck weich und strömte von den Bergen herab, während sich donnernd die aufgetürmten Seen über das Land wälzten.
Seht dort ein zärtliches Liebespaar, das sich in den letzten Augenblicken ein letztes Mal umarmt! Die personifizierte Liebe weint um sie, doch die Flut kennt kein Erbarmen: Sie reißt die beiden, bereits halb ohnmächtig, in wilden Strudeln fort und trennt sie noch im Sterben. Ein Jüngling flieht dort drüben hinauf zu den höchsten Felsen – dorthin, wo gewöhnliche Gewitter sonst nie hinreichen. Er hofft mit bangem Zittern auf Schutz durch die nackten Klippen; doch bald ist alles nur noch ein einziges, grenzloses Meer. Es ist ein Anblick, der das Herz erstarren lässt!
Dort stürzt eine wütende Herde von Löwen, von den Wassermassen fortgeschwemmt, auf die halberstarrten, flüchtenden Frauen und vermischt ihre zottigen, wilden Mähnen mit deren goldenem Haar. Wie schrecklich vermischt sich das menschliche Flehen und Wimmern mit dem Todesgeschrei der wilden Tiere und ruft den Tod herbei!
O seht die Mutter dort, die sich vor Verzweiflung die zarte Brust zerfleischt! Im Sterben versucht sie, ihr kleines Baby aus den reißenden Fluten zu retten. Der Strom hat es ihr bereits entrissen – das Kind, das eben noch, ohne etwas von der drohenden Gefahr zu wissen, den Hals der Mutter mit seinen weichen Ärmchen umschlang. Mit glückseligen Gefühlen sah die Mutter das Kleine vor kurzem noch an ihrer Brust spielen und kostete das zukünftige Glück, das sie sich von ihm versprach, voller Ungeduld im Voraus aus. Aber ach! Während sie so zärtlich denkt und sich im Küssen ganz vergisst, stürzt die gewaltige Flut über sie herein. Das Kind wird fortgerissen; es spuckt im Todeskampf Wasser und Muttermilch aus und stirbt einen blutigen Tod. Sie selbst wird von einer schrecklich brausenden Strömung mitgerissen, stirbt vor seelischem Schmerz noch vor dem Ertrinken, schluckt mit starren Lippen das trübe Wasser und wird am Ende an den schroffen Klippen zerschmettert.
Die Wiedergeburt der Welt und das Ziel der Evolution
Das verborgene Gesetz im Untergang
So viel Elend und Zerstörung bewirkt ein sterbender Planet. Doch obwohl er uns in Schrecken versetzt und scheinbar blindes Chaos anrichtet, bewegt er sich dennoch exakt nach den Gesetzen, die ihm sein Schöpfer gegeben hat. Während er dort drüben Welten zertrümmert, bringt er hier eine andere Welt dazu, in neuem Glanz zu erstrahlen. Wenn er nämlich – für uns Menschen viel zu klein, als dass wir seine magnetische Kraft mit bloßem Auge sehen könnten – an einen anderen Himmelskörper herantritt, kehrt er dessen bisher eingefrorenen Teil einer neuen Sonne zu.
Dann verwandelt sich das Klima schlagartig: Der ehemals eisige Nordwind weht plötzlich so sanft wie der laue Westwind der Liebesgöttin (Cythere). Er streift ohnmächtig und gleichsam voller Verwunderung durch die frisch ergrünten Knospen und Äste. Die Gunst des neuen Himmels lässt den starr gefrorenen Boden auftauen; das ewige Eis weicht saftigem Grün, und die zuvor modrigen, toten Wiesen verwandeln sich in ein buntes Farbenmeer.
Der kosmische Tod und die Neugeburt aus dem Chaos
Genau dieses Schicksal schenkte einst auch unserem Erdenball – der nun unsere sterblichen Hüllen erbt – jene Schönheit, die heute schon wieder im Verblühen begriffen ist. Vielleicht hat diese Erde vorher Äonen lang als Komet in einer völlig anderen Region des unermesslichen Weltraums gebrannt. Doch am Ende naht ihr Ende: Sie verlässt ihre feste Umlaufbahn und schweift viele Jahre lang in regellosen Kreisen durchs All, bis ihr innerer, lenkender Geist zu anderen Himmeln abberufen wird.
Der riesige Himmelskörper, vom grausamen Tod zerstört, zerspringt schließlich. Er schleudert ein Meer aus Asche und schwarzen Flammen in die benachbarten Sternensysteme und stürzt glühend in sich zusammen. Doch weil das reine, ätherische Medium, das die Sterne umgibt, sich nicht mit roher Erde vermischt und keine Verunreinigung duldet, ballen sich die Trümmer der zusammenbrechenden Riesenberge (Atlanten) im freien Fall zu einem völlig neuen Erdkreis zusammen.
Die Vulkane, die eben noch heftig brannten, erlöschen nach und nach. Der wütende Vulkanismus, nun im Inneren des neuen Planeten eingeschlossen, bahnt sich neue Wege. Er blitzt hier und da durch die frisch gesprengten Felsklüfte und schleudert mit donnerndem Gebrüll Lava in die staubige Luft. Er presst die trübe Materie, die sich noch chaotisch vermischt, in abenteuerliche, bizarre Formen.
Doch am Ende versöhnt jene mächtige Urkraft der Anziehung, die schon der mythologische Sänger Orpheus als „kosmische Liebe“ bezeichnete, den wilden Streit der Elemente:
Der Erdkern: Die gröbste, schwerste Masse ballt sich im Zentrum des Klumpens formlos zusammen und gärt dort unter unvorstellbarem Druck in wilden Flammen.
Das Zentralfeuer: Auf ewigen Altären brennt hier das innere Feuer der Erde (Vesta) und leitet durch tausend unterirdische Röhren seine Wärme nach oben, um der kalten Oberwelt das lebensnotwendige, erwärmende Leben einzuhauchen.
Die Erde raucht noch von heißen Dämpfen; aufgerissene Klüfte stoßen erhitzte Nebel aus, die wie riesige Wolkenberge nach oben steigen und, vermischt mit Blitzen, in den hohen Luftschichten laut knallend entladen. Der unterirdisch eingedämmte Dampf, der sich im Schoß der Erde staut, bricht schließlich in gewaltigen Geysiren und Seen hervor und befreit sich an der Oberfläche.
Der Neuanfang und das Erblühen des Lebens
Während die Natur unermüdlich daran arbeitet, diesen furchtbaren Elementenstreit zu schlichten und den belebten Stoff für seine neue Bestimmung umzuformen, werden auch wir in diesen ewigen Kreislauf hineingezogen. Das flammende Feuermeer der Sonne (Titan) wird nun von einer unbegrenzten Schicht ätherischer Luft umgeben, die die neue Erde umgibt und sie antreibt – jene Erde, der die Sonne ihr Licht voller Lust und Lebenskraft zusendet.
Hier reißt der Strom der Entwicklung uns mit sich fort. Zwar konnte die Macht der Sonnenstrahlen die dichte Dunstschicht und die chaotische Nacht der Atmosphäre anfangs noch nicht ganz durchdringen; doch nach und nach wurden die Nebel vor der gewaltigen Hitze der Sonne weich. Sie begannen wie reißende Ströme von den Wolkenbergen herabzufließen – so wie der wilde Nil von den hohen Bergen Afrikas herabstürzt.
Das tiefste Tal nimmt diese Wassermassen auf und sammelt sie in seinem Becken (den neuen Ozeanen). Die Spitzen der Berge beginnen, sich aus der Flut zu erheben, und die gereinigte Luft wird klar. Die Erde spürt ihr neues Leben und trocknet in fruchtbaren Formen auf. Der grimmige Nordwind vertreibt die eisige Kälte (wie im polaren Nowaja Semlja); der neue Frühling naht auf sanften Flügeln heran. Mit Samen geschwängerte Wolken regnen ein perlendes, fruchtbares Nass auf die durchweichten Wiesen herab.
Ein erstes, einsames Grün wird vom Sonnenschein aus dem Boden gelockt, durchbricht das schwarze, verbrannte Land und lädt die warmen Westwinde ein. Diese küssen verliebt die Morgenwolken und gießen bald ein zahlloses Heer von bunten Blumen über die frohen Fluren aus.
Nach vielen Jahren der Entwicklung geht schließlich aus den niederen Klassen der Monaden ein neu entstandenes Tierreich hervor – lebhafter im Verlangen und reifer für den Genuss des Daseins. Bald sieht es sich von seinesgleichen und noch schöneren Geschöpfen umringt. In allen ihren Reichen – im dunklen Schoß der Erde, in der Luft und im Ozean – wächst die Natur durch die Evolution langsam zu ihrer fernen, großen Blüte heran und vervollkommnet sich im Laufe der Zeit in ihren geistigen Wesen.
Die Menschheit bildet schließlich die Krone dieses evolutionären Werkes – auch wenn die allererste „goldene Zeit“ unter der Herrschaft des Saturns die frühen Menschen noch kaum vom Vieh unterschied. So führt die Natur am Ende immer ein vollkommenes Ergebnis aus einem anfangs schwachen und rohen Zustand herbei – genau so, wie aus einem winzigen Sprössling die königliche Zeder wächst, um stolz die Wolken zu durchsteigen.
Das Gesetz der Vergänglichkeit und der Aufstieg des Geistes
Doch diese prachtvolle Blütezeit, auf die so lange gehofft wurde, währt kosmisch gesehen nicht lange. Schon nähert sich die Erde unaufhaltsam wieder ihrem eigenen Untergang.
Das Gleichnis der Aloe:
Es ist wie bei der stolzen Aloe-Pflanze: Der Gärtner pflegt sie fast dreißig Jahre lang mit großem Fleiß, doch wenn sie endlich aufblüht, dauert ihre Pracht kaum dreißig Tage.
Genauso folgt auf die kurze Jugend der Erde sehr bald der welke Tod. Und die Welt, die einst vor sechzig Generationen aus ihrem eigenen Schutt neu geboren wurde, wird bald, wenn sie zum Sterben reif ist, durch genau dasselbe Mittel vernichtet werden, das sie einst so schön aus den flammenden Kometen geformt hat: durch eine neue kosmische Katastrophe.
Doch das ist kein Grund zur Trauer, denn der wertvollste und am weitesten entwickelte Teil von ihr – die gereiften Geister – hat die materielle Welt zu diesem Zeitpunkt längst verlassen und ist den höheren Himmeln entgegengeflogen. Dort strömen absolute Wahrheit, reine Freude und tiefe Seelenruhe wie ätherisches Licht auf sie herab. Und für den Rest, die noch trägeren und weniger entwickelten Seelen, wird Gott zu ihrem eigenen Glück und zu ihrer weiteren Entwicklung neue Wege und neue Welten wählen.
SECHSTES KAPITEL
Anrufung der Muse und das göttliche Weltbild
O Muse, die du durch mich Gott und die Welt besungen hast – weit erhaben über die breite, gewöhnliche Masse, die sich am Fuße des Berges aufhält (dort, wo der Lorbeerhain in dichte Hecken übergeht) und die musikalische Luft mit ihrem rohen, unreifen Geplänkel entweiht: Lass deine Harmonie in mein Saitenspiel einfließen und sorge dafür, dass das Ende dieses Liedes seines anspruchsvollen Vorwurfs würdig ist.
Dieses gesamte Universum ist Gottes Werk – eine Bühne für Wesen, die seine Güte bewusst als Empfänger ausgewählt hat. Das ist das hohe Ziel, nach dem alles strebt: Jedes fühlende Wesen spürt Gott, sich selbst und die Welt. So lebt es durch alle Ewigkeiten hindurch und erweitert auf einer endlosen Stufenleiter sein stetig wachsendes Glück, während es sich Gott immer weiter annähert.
Die Hinwendung zu Gott und der Sinn des Lebens
Du, Herr, bist dir selbst immer treu. Du blickst uns segnend an, während wir uns dir wie Flüsse aus unseren Ufern nähern. Mit göttlicher, süßer Freude siehst du bei deinen Kindern, wie der von dir verhasste Schmerz und die Schuld der Geschöpfe weniger werden. Du, die weise Liebe, führst mit niemals müder Hand dein irdisches Geschöpf – das noch weit unter dir auf der Erde lebt, begrenzt von Fleisch und Blut – auf tausend verschiedenen Wegen zu dir, dem höchsten Gut. O lehre mich den Weg, auf dem dein Volk, von dir gelenkt, zu jener Glückseligkeit eilt, die deine Lieblinge erfüllt.
Gott als Quelle der wahren Freude
Gott ist der Ursprung aller Freude. Denn aus der Vollkommenheit strömt jede Glückseligkeit in alle geistigen Wesen, und die Quelle von beidem ist Gott. Die reine Brust eines Seraphs (Engels) schöpft seine höchste Himmelsfreude ganz allein aus ihm. Alles, was uns auf Erden vergnügt, versucht dieses Glück nur von weitem nachzuahmen.
Ein einziger Augenblick, den ein Engel in der Anschauung Gottes erlebt, ist süßer als die – wenn auch noch so himmlische – Freude, die zwei liebende, vereinte Herzen empfinden, wenn sie sich nach vielen gemeinsamen Jahren treu umarmen und ein sanfter Tod sie gleichzeitig in ein höheres Glück hinübertreffen lässt. Der Engel sieht das Licht der Wahrheit in seinem Ursprung – entzückend schön, rein und wolkenlos hell. Dagegen verlieren jene Ströme, die in die niederen Welten fließen, ihren Glanz umso mehr, je weiter sie sich ausbreiten. Das glühende Herz des Engels schlägt in ungestörter Ruhe, voller Anbetung und Sehnsucht für den nahen Schöpfer. Wie ein himmlischer Strom fließt er sanft in schimmernden Ufern dahin, bewohnt von den Najaden des Himmels, den Freundinnen der Engel. Wie sehr schwimmt sein glücklicher Blick in edler Freude über das Glück seiner Brüder!
Die Täuschung der irdischen Sinneslust
Dies ist die höchste Freude, die das Schauen Gottes schenkt. Sie ist das Ziel aller geringeren Freuden, die unseren Durst hier auf Erden nur vergrößern, aber nie stillen. Denn nur ein kleines Heer gottgleicher Cherubim lebt in der höchsten Sphäre direkt bei Gott und hat nie die Grenzen gespürt, die uns einengen. Die anderen, die noch mit Macht und Schwäche ringen, sind noch nicht reif für das Glück, das jenen geistigen Helden gehört, deren Herrlichkeit sie zu Gottes Freunden macht.
Zwar ist ihr ewiger Drang nach reiner Freude ein sicheres Versprechen der Hoffnung, dass die Zeit sie einst – nach dem Lauf vieler Sonnen – aus dieser niederen Welt fortführen und mit geistiger Nahrung versorgen wird. Doch im Moment erträgt ihr Auge den hohen Glanz des göttlichen Angesichts noch nicht. Eingeschränkt durch enge Grenzen erfrischt sie ein irdisches Gut – und täuscht die hungernde Begierde bald darauf mit flüchtigem Schein und Eitelkeit, was man schnell bereut.
Dennoch soll diese irdische Freude unser Herz auf größere Seligkeiten vorbereiten, auf die kein Ekel folgt. Deswegen hat Gott der Lust, die aus der körperlichen Welt zu uns fließt, etwas beigemischt, das aus ihm selbst entspringt, wenn auch vermischt mit einer trüberen Flut. Was unseren Sinn erfreut – eine scheinbare Vortrefflichkeit, die uns nicht lange täuscht, oder mehr noch: ein echtes Gut, das unser Herz erfüllt –, ist dem ursprünglichen Göttlichen von fern her nur nachempfunden. Es ist Gottes reiner Nektar, der unsere Freude versüßt.
Alles, was unser Herz hier an Vollkommenheit genießt, was uns durch Anmut reizt, was uns schöne Symmetrie in edlen Zügen zeigt, die Harmonie der Töne oder das süße Spiel der Farben – kurz, alles, was uns hier entzückt –, ist von jenem himmlischen Urbild nur ein matter, stumpfer Abdruck. Nur dort oben ist der Ort, wo jede Schönheit und Vollkommenheit in ewiger Blüte strahlt und keine Grenzen kennt. Kein Flecken trübt dort das Licht, obwohl sich selbst die reinsten irdischen Sphären noch mit Dunkelheit und mattem Glanz abfinden müssen.
Ihr kurzsichtiges Menschengeschlecht, das so unbesorgt vergisst, welche Hoffnung in euch keimt und wozu ihr in Ewigkeit bestimmt seid: Hängt euer Herz, das geschaffen wurde, um wie die Engel zu fühlen, doch nicht an vergängliche Seifenblasen, mit denen nur Kinder spielen!
Sag du mir, du Sklave der Wollust, der du im Bett der verwerflichen Üppigkeit liegst, erhitzt von wilden Trieben, betrunken von halb gefühlter Lust und noch mehr von unerfüllter Sehnsucht – und du, der du mit dem betrunkenen Silen im Weinlaub zusammengesunken bist: Sagt, was ist eure Lust? Wie lange hält sie vor? Lohnt sich der Genuss überhaupt für all die Mühe, die ihr dafür verschwendet habt? Ist sie den Verdruß, den Ekel und die Schmerzen wert, die – hinter einer angenehmen Maske verborgen – um eure Köpfe lauern?
Die wahre Freude durch Tugend
Nur dem Freund der Tugend fließt zusammen mit dem Seelenfrieden auch die sinnliche Lust ganz rein und ungetrübt zu. Ihm präsentiert sich die Natur mit tausend Schönheiten, ihm lächeln der Himmel und die Felder, für ihn schmücken sich die Jahreszeiten. Ihm duftet im Tal manche schöne Frühlingsblume, für ihn singt die Nachtigall, und selbst der reine Kuss einer geliebten Frau, den rein triebgesteuerte Seelen gar nicht in seiner Tiefe nachempfinden können, verleiht seinem ernsten Glück eine wunderbare Anmut.
Die Tugend allein ist es, die uns den echten Wert der irdischen Güter lehrt und uns zeigt, wie man sie richtig genießt. Die Freude, die die Tugend für uns aus den irdischen Gütern zieht, stärkt nur unsere Sehnsucht nach der ewigen Zukunft. Sie erfrischt unseren Geist, wenn er, von Mut beseelt, mit aller Kraft nach der Wahrheit gestrebt hat und ihm bei dieser strengen Mühe die Kräfte schwinden. Sie wirkt wie ein balsamisches Öl, das von arabischen Sträuchern tropft und den schwachen Pilger stärkt, der schon bald auf seinem Weg die heilsame Wirkung spürt.
Die Kritik am blutigen Ehrgeiz der Kriegshelden
Und du, noch größerer Narr, der du vom Ehrgeiz umgetrieben wirst! Bilde dir bloß nicht ein, ein besseres Gut zu lieben als jener Knecht der fleischlichen Lust. Du blickst verächtlich auf ihn herab und prahlst: „Mich reizt nur die dornenvolle Bahn, die nur echte Helden wagen! Die Macht der schönsten Blicke prallt kraftlos an mir ab. Mein gestählter Mut trotzt dem härtesten Schicksal, und Arbeit, Schmerz und Tod sind für mich das, was für dich die Wollust ist! Wo der Kriegsgott Mars donnernd droht, da blüht mir der Lorbeer, da ist das Feld der Ehre. Dort höre ich im Geiste schon die Hymnen, die mir die Nachwelt singen wird, und dort strahlt mir die Krone, für die mein Herzensblut ein noch viel zu billiger Preis ist.“
Sei gepriesen, du Held! Und wenn die Nachwelt dir deinen Lohn auszahlt, dann soll dein blutiger Name im Lied des schlechtesten Dichters (Bavius) strahlen! Gefühlslos gegenüber den Freuden, die zartere Herzen berühren, hast du gierig nach einem wertlosen Nichts und nach unserem Blut verlangt. Das ist wahrlich ein verächtliches Lob für dich (auch wenn es für einen Sokrates glänzen mag), dich wie Gott – der den Menschen nur Gutes tut – einen Freund der Menschen zu nennen!
Wenn sich um einen Tugendfreund (Philaret) eine Menge von Segenswünschen drängt, die dankbare Herzen für ihn zum Himmel schicken, wenn Witwen für ihn einstehen und Waisen dankbar für ihn beten – tja, um dich, Feldherr, soll stattdessen ein Schwarm von Seufzern kreisen: der Jammerton einer Mutter, die Todesangst einer Braut, die ihren Geliebten im Blut liegen sieht, und das Angstgeschrei von Kindern. Klingt das etwa schöner für einen Helden?
Und warum fließt dein Blut überhaupt? Damit einst ein Dichter berichtet, dass die Welt und die Menschheit, die dir kaum gut genug zum Töten waren, jenen Tag verflucht haben, an dem du sie entehrt hast?
Auch uns spornt edler Mut an, auch wir haben den Drang nach hohen Ehren – nämlich die Vortrefflichkeit des Geistes durch Tugend zum Glänzen zu bringen. Wir ringen nach edlen Lorbeeren, allerdings ohne Blut zu vergießen – so wie einst Kaiser Antoninus im Schoße der Weisheit. Für uns ist Sokrates ein echter Held! Das Wohl unserer Mitmenschen zu mehren, bringt uns größeren Ruhm ein, als es für dich bringt, das Wohl zu zerstören. Die Weisheit umgibt uns mit Glanz und verbreitet unseren Ruhm in ferne Welten, von denen du überhaupt nichts weißt. Und wenn uns der Tod den Ruhm von Helden geben soll, dann soll unser Blut für das Leben unserer Brüder fließen!
Die Kritik an der unersättlichen Geldgier
Ach! Ist es denn nicht genug, dass Stolz und verwerfliche Lust uns selbst und andere quälen und unsere Brust entehren? Muss auch noch die stinkendste aller Lasterquellen, der schändlichste aller Triebe, das Glück der Menschheit vergiften?
Du Elender, der du dort aus hohlen Augen schielst und in verfluchtem Gold wühlst – dem Blut der Armen! So gibst du also deinen Seelenfrieden, deine Tugend und dein Vergnügen für Metallklumpen auf, die eigentlich tief in der Erde verbannt liegen sollten!
Sag, Geizhals, für wen sammelst du das eigentlich? Sammelst du etwa für die Ewigkeit? Für ein dauerhaftes Gut, das dich noch im Tod erfreut und mit dir ins Jenseits hinübergeht, wenn du sehen wirst, wie dieses irdische Haus weit hinter deinem Blickfeld unter deinen Füßen verschwindet? Ist es vielleicht ein heilsames Gut, von dem die Welt profitiert, das deinem Vaterland im Dienst der Tugend zugutekommt, mit dem du Arme ernährst und aus einer verlassenen Waise einen wertvollen Bürger heranziehst, den spätere Generationen preisen werden?
O nein! So uneigennützig verwendest du den Reichtum natürlich nicht! Selbst wenn es einem Hungernden (Philet) am nötigsten Brot fehlt oder dort im Staub ein armes Kind verschmachtet: Du hast diesen schwachen Trieb der Nächstenliebe, der uns zu Brüdern macht (die uns an Rechten gleich sind, auch wenn das Schicksal sie härter trifft), schon lange mutig verachtet. Du bist nicht für andere reich.
Wie bitte? Den erschlichenen Lohn aus so vielen falschen Schwüren solltest du etwa für das Wohl Fremder aus seinem Gefängnis holen? Nein! Schließe ihn ungenutzt in deinen bewachten Kasten ein! Ein etwas klügerer Sohn wird ihn dereinst schon wieder verschwenden!
Fazit und Warnung vor dem falschen Schein
Du Betrogener! Wüsstest du, wie reich die Tugend in Wahrheit macht, du hättest wahrlich nie einen Schatz bewacht. Denn für dich ist er nur wertloses Rauschgold; wirklich besitzen tut ihn nur derjenige, in dessen kluger Hand er tausend anderen nützt. Die Tugend allein macht reich. Sie folgt uns in jene Welten, in denen der Ruhm der Ahnen und echtes Gold kaum mehr als bunte, wertlose Schalen gelten. Sie braucht den Reichtum nicht, die ganze Welt gehört ihr: der silberne Bach, der goldene Schmuck der Wiesen. Und derjenige, durch dessen Fleiß sich das Wohl der Welt vermehrt, wird niemals um sein wohlverdientes Brot darben müssen, das ihn unter den Menschen nährt.
Ihr alle, die ihr einem täuschenden Gut hinterherlauft, nach dem ihr euch so heiß sehnt und das ihr mit wahrer Freude oder oft sogar mit dem Blut anderer erkauft: Wie töricht ist es doch, ohne Rast eitlen Schatten nachzujagen und dem vollkommenen Gut aus eigener Schuld abzusagen!
Doch nein! Ihr gleicht dem Fisch, der nach einer Fliege springt und mit ihr gleichzeitig den Angelhaken verschlingt. Weil ihr zu voreilig in der Wahl und unbesonnen im Maß eurer Freuden seid, greift ihr statt nach der Freude oft nach verkleidetem Leiden. Genau wie Ixion damals, der – berauscht vom Wein der Götter – die Himmelskönigin Juno umarmen wollte und stattdessen nur eine Täuschung in Form einer Wolke erwischte.
Und doch müsst ihr immer wieder für eure eigene Torheit bezahlen! Dass aber wir anderen büßen müssen, was euch fehlt – dass oft Millionen Menschen durch die Schuld eines Einzigen unglücklich werden –, das erregt den Zorn und die Ungeduld des edlen Menschen. Und nur zu oft, wenn der Gram das Blut in seinen Adern bitter macht, fühlt er sich versucht, mit Gott und dem Schicksal zu hadern.
Die Verzweiflung des Menschen und das Hadern mit Gott
„O du“, so ruft der ungeduldige Mensch aus, „wenn du wirklich die Liebe selbst bist, wie kann es dann sein, dass in deiner Welt auch nur ein einziges Wesen elend ist? Wie kann es sein, dass eine ganze Menschheit, nur weil es ihr an Weisheit fehlt, zu ihrem eigenen Henker wird und andere mit sich ins Unglück reißt?
Völlig umsonst hast du uns mit Vernunft ausgestattet! Was nützt uns ein Führer, der uns ständig in die Irre leitet? Warum hast du uns überhaupt zu Menschen – das heißt: zu Toren – geschaffen? Warum nicht gleich zu Engeln, oder zumindest zu Tieren wie den Affen? O, sag doch lieber gleich, dass der Mensch gar nicht existieren soll! Lass dieses eine Glied in der ewigen Kette aller möglichen Wesen einfach fehlen! Warum denn nicht? Es ist doch besser, gar nicht zu existieren, als sein Dasein in Qualen zu verbringen! Ja, gar nicht zu sein, wäre viel besser!“
Die Antwort: Die Kürze des Erdenlebens und die Ewigkeit
Du Unvernünftiger! Bedenkst du überhaupt, was du mit deinem Wunsch, nicht zu sein, so leichtfertig verschenkst? Wie kannst du im Schmerz des Augenblicks vergessen, dass selbst das Zeitalter ganzer Sonnen unser wahres Dasein nicht messen kann? Die Not dieses kurzen Erdenlebens zieht so schnell vorüber, wie die drückende Mittagshitze dem kühlen Abend weicht. Kommt denn nicht eine Zeit, in der jedes Drangsal verschwindet, das deine Ungeduld jetzt als zu schwer empfindet?
Ja, wenn ein krankes Herz unfähig zur Besserung wäre; wenn ein verirrter Geist für immer im Irrtum gefangen bliebe; wenn es dem Menschen ewig verwehrt wäre, ins Reich des Lichts vorzudringen und sich endlich aus dem Sumpf des Lasters zu befreien – dann wäre es in der Tat beklagenswert, dass die ewige Macht ihn aus dem gefühllosen Nichts nur zur Qual hervorgebracht hätte.
Doch so schuf uns die göttliche Gnade nicht. Sie hat uns erwählt, um uns ewig Gutes zu tun; sie hat uns genau dafür mit einer Seele beschenkt. Und Gott vergisst sein Ziel (entgegen unserem menschlichen Wahn) nur deshalb nie, weil das, was wir „Zukunft“ nennen, für ihn bereits Gegenwart ist.
Gegen den Glauben an eine ewige Hölle: Gott straft nur, um zu bessern
O ihr Geistlichen und Theologen, die ihr für uns ein Reich ewiger Verdammnis und Qualen predigt: Ihr verdient mehr Mitleid als Zorn, doch ihr verteidigt die Sache Gottes mit ungeschickter Hand! Wisst, dass Gott völlig anders denkt als ihr – ihr, die ihr seine unendliche Güte auf die Spanne weniger Lebensjahre beschränkt!
Ach, jene, die Gott verlassen, sind durch sich selbst schon gestraft genug! Kein Feind kann die Bösen so sehr hassen, wie sie sich selbst hassen. Das Laster trägt die Strafe bereits in sich. Die Tugend bringt einen himmlischen Genuss mit sich, den das Herz der Sünder durch eigene Schuld entbehren muss – und dieses Bewusstsein straft sie unendlich härter, als es ein unzerstörbares, ewiges Feuer tun könnte, das so lange brennt, wie sich die Planeten unserer Welt in ihren Bahnen drehen.
Der Durst, der den mythologischen Tantalus im Wasser plagt – das so verlockend um ihn herumperlt und seinen Mund zum Trinken einlädt, während das Wasser doch immer wieder vor ihm zurückweicht –, ist nur ein matter, unbedeutender Schmerz verglichen mit der Qual eines nagenden Gewissens. Es ist die furchtbare Erkenntnis, für die eigene Torheit büßen zu müssen und mit geschärftem Blick jene himmlischen Seligkeiten zu sehen, die einem nun vielleicht für Jahrmillionen (Äonen) entgehen.
Doch selbst wenn Gott als Richter den Wunden, die sich die Sünder selbst geschlagen haben, noch neue Strafen hinzufügen sollte, dann geschieht dies ausschließlich aus Güte. Es ist so, wie ein liebevoller Vater, der eigentlich verzeihen möchte, seinem Kind ein strenges Gesicht zeigt: Weit davon entfernt, die Strafe aus Rache zu vergrößern, zürnt er nur aus reiner Liebe und züchtigt das Kind, um es zu bessern. Oft ist der Schmerz des Kranken der einzige Weg zur Heilung; grundlos quälen kann nur ein Tyrann (wie der mythologische Busiris).
Kein sterblicher Mensch kann unendliche Verbrechen begehen, und ein gerechter Gott straft nicht aus bloßer Rachsucht. Er, der das gesamte Räderwerk der von ihm erbauten Welt und das Innerste aller Wesen mit einem einzigen Blick durchschaut – er, der selbst die Kette zog, an der alles hängt, ineinandergreift und auseinanderfließt –, er weiß, dass dem Guten nichts den ewigen Fortschritt versperren kann und dass sich das Böse mit der Zeit von selbst verzehrt.
Seid unbesorgt! Am Ende muss Gottes Weisheit siegen, und kein Feind wird ihn um den eigentlichen Zweck der Schöpfung betrügen! Allerdings werden erst lange Pein und tief empfundene Reue die Sünder aller Art aus dem Kerker ihrer Schuld befreien.
Das Bild der Läuterung auf dem Saturn
Dort, wo sich der Planet Saturn in kalter Ferne im Nebel dreht und sein unzugängliches Licht von jenem weißen Ring erhält, der ihn düster umschließt – ähnlich wie ein blasser Herbstmond uns durch die Wolken des grauen Horizonts nur schwache Strahlen sendet –: dort erleiden die schuldigen Seelen in qualvollen Höhlen eine jeweils gerecht abgemessene Strafe. Einsame Stille breitet ihre furchtbaren Flügel mit Angst und kaltem Schauder über sie aus. In ihren Brüsten seufzen quälende Gedanken, die den erschöpften Geist zitternd und ungewiss durchwandern. Sie sind jener Freude beraubt – ach, für lange Zeit beraubt –, von der ihr berauschtes Herz einst glaubte, sie würde niemals enden, und für die es seinen Seelenfrieden und die Hoffnung auf wahre Freuden leichtfertig opferte, um stattdessen nach teuer erkauften Leiden zu streben.
In einer finsteren, von Felsen eingeengten Kluft, durch deren dichtes Gestrüpp kein einziger Sonnenstrahl dringt, liegt auf verfaultem Moos ein vom tiefen Gram verzehrter Lüstling. Er wird gleichermaßen durch das gequält, was er jetzt entbehrt, wie durch das, was er einst genoss. Voller Sehnsucht, Scham und Reue wird ihm jede einzelne Szene seines vergangenen Lebens wieder lebendig.
Vergebens versucht er, sich zumindest am Schatten jener Freuden zu weiden, in denen er einst schwelgte. Es ist umsonst! Die Erinnerung an die lasterhafte Lust wird für ihn zu einem Geier, der an seiner blutenden Brust nagt. Diese schreckliche Mischung aus Ekel und unerfüllten Begierden (die ihn, selbst wenn sie befriedigt würden, nur noch schärfer quälen würden) fördert – wenn auch auf schmerzhafte Weise – die Reinigung seiner Seele.
Ist diese Reinigung erst einmal vollendet, entflieht sein neugeborener Geist mit einem kraftvollen Schwung der düsteren Kerkerluft und beginnt einen neuen, geläuterten Lebenslauf hin zu seinem eigentlichen Ziel.
Die endgültige Harmonie der Schöpfung
Auf diese Weise schwindet das Böse nach und nach aus der Welt – jenes Übel, das jetzt noch die göttliche Ordnung stört und unser Glück bitter macht. Erst die Zukunft wird die Güte des Schöpfers in ihrer ganzen Fülle preisen. Dann löst sich alles Rätselhafte auf: Dem zweifelnden Weisen wie auch dem Grübler, der vor lauter intellektuellem Stolz den wahren Weg verfehlte, wird dann das Buch des Schicksals geöffnet. Wer jetzt noch im Dunkeln tappt, wird dann in einem Meer aus Licht schwimmen, und jeder Missklang wird sich rein in den harmonischen Klang der Himmelssphären fügen.
Von all der Not, die die Welt heute noch bedrückt, wird im allgemeinen, allumfassenden Glück keine Spur mehr zu sehen sein. Die gesamte Schöpfung wird von ewigem Dank widerhallen, und du, Unendlicher, wirst alles in allem sein!