BRIEF AN DIE KÜNSTLER

VON TORSTEN SCHWANKE




An die Suchenden der Schönheit


An alle, die mit Herz und Geist,

Nach neuer Schönheit sind gereist,

Um sie der Welt als Werk zu schenken,

Will ich mit diesen Worten denken.


*


Kein Mensch auf Erden, Gott sei Dank,

Versteht den tiefen Kunst-Andrang,

Besser als ihr, der Schönheit Meister,

Ihr hochbegabten Schöpfergeister!

Ihr spürt intuitiv das Beben,

Das Pathos, das erfuhr das Leben,

Als Gott am Anfang aller Tage

Nach Seinem Werk ohn' jede Klage,

Mit Blick voll Liebe und Entzücken

Das Werk der Hände tat beglücken.


Ein Nachschwingen von diesem Geist,

Sich unzählige Male weist

In jenen Blicken, tief und rein,

Mit denen ihr im Sonnenschein

Und auch im Dunkel der Epochen,

Habt zu der Menschheit stets gesprochen.

Ihr steht gebannt und voller Staunen,

Wenn Worte, Klänge, Farben raunen,

Wenn Formen sich aus Nichts erheben,

Um eurer Eingebung zu leben.

Ihr schaut das Werk, das euch gelungen,

Das ihr dem Geiste abgerungen,

Und nehmt darin als Echo wahr

Das Ur-Geheimnis wunderbar:

Die Schöpfung, die allein Gott lenkt,

An der er euch Anteil geschenkt.


Es schienen mir aus jener Quelle

Kein' Worte besser an der Stelle,

Als die, die in der Genesis,

Gott uns als Fundament verhieß.

Ich stell' sie an den Briefanfang,

Weil mich verbindet jener Klang

Mit eigner Praxis und Erleben,

Das tief mein Dasein tat durchbeben,

Was in vergang'nen Jugendtagen

Mein Leben prägte ohn' Verzagen.


Mit diesem Schreiben will ich nun

Ein wichtig' Werk der Kirche tun:

Den Weg des Dialogs beschreiten,

Der fruchtbar war zu allen Zeiten.

Zweitausend Jahre ist er alt,

Nahm abgerissen nie Gestalt,

Und an der Schwelle, die uns führt

Zum Dritten Tausendjahr, verspürt

Die Kirche, dass für diese Pflicht

Ein noch viel größres Morgen bricht.


In Wirklichkeit ist dieses Reden,

Kein Zwang, entsprungen aus den Nöten,

Nicht Umstand oder Praktikabilität

Ist es, worum der Dialog sich dreht.

Er wurzelt vielmehr tief im Kern,

Im Wesen von dem Dienst des Herrn,

In der religiösen Erfahrung drin

Und in des Künstlers tiefstem Sinn.


Die Bibel stellt am Anfang klar

Uns Gott als großes Vorbild dar:

Er ist Modell für jeden Mann,

Der schaffend Hand ans Werke legt,

Und jede Frau, die Kunst bewegt.

Im Künstler spiegelt sich im Licht

Das Bild, das Gott vom Schöpfer spricht.

Besonders wird dies offenbar

Im Polnischen, das wunderbar

Die Sprachverwandtschaft uns benennt,

Die man im Deutschen so nicht kennt:

Denn stwórca heißt der Schöpfer dort,

Und twórca ist des Künstlers Wort.


Worin liegt nun der Unterschied?

Was trennt das Mensch- vom Gotteslied?

Wer wirklich etwas ganz erschafft,

Der schenkt das Sein aus eigner Kraft.

Er bringt es aus dem Nichts hervor,

Öffnet dem Dasein erst das Tor.

Ex nihilo sui et subiecti –

Sagt hier das Lateinische ganz richtig.

Dies Vorgehn steht im strengen Sinn

Nur Gott, dem Allmächtigen, zu drin.


Der Künstler hingehen verwendet,

Was Gott im Kosmos schon vollendet.

Er nimmt, was vorrätig und da,

Bringt Sinn und Form der Sache nah.

Das ist die Weise, wie auf Erden

Die Menschen Gottes Abbild werden.

Denn in der Bibel steht geschrieben,

Dass Gott den Menschen hat geliebt,

Als Mann und Frau schuf er sie sich,

Als Sein Abbild, ganz herrlich.

Und fügte als Verpflichtung bei,

Dass er der Erde Herrscher sei.


Es war der letzte Schöpfungstag,

An dem dies große Wort erging.

An Tagen, die voraufgegangen,

Hielt Jahwe das All im Bangen:

Er schuf das weite Universum,

Und gab den Rhythmus um und um

Der Evolution im Kosmosbau.

Am Ende schuf er Mann und Frau

Als edelste Frucht von Seinem Plan.

Er unterwarf die Welt fortan

Dem Menschen als ein Riesenfeld,

Wo er Erfindungsgeist anmeldet.


Gott rief den Menschen in das Sein,

Und gab ihm diese Pflicht hinein:

Er soll auf Erden Künstler werden!

Im Schaffen zeigt er hier auf Erden,

Dass er Gott ähnlich ist und gleicht.

Die Aufgabe er dann erreicht,

Indem er formt mit klugem Sinn

Seines eignen Menschseins Materie drin,

Und kreative Herrschaft übt

Über die Welt, die ihn umgibt.


Der göttliche Künstler kommt sodann

Dem Menschenkünstler liebend an.

Er reicht ihm einen Funken Licht

Aus Seiner Weisheit Angesicht,

Beruft ihn, dass er mitgestaltet,

Wo Schöpfungskraft im Großen waltet.

Natürlich bleibt des Abstandes Macht

Zwischen Geschöpf und Schöpferpracht

Unangetastet und ganz rein,

Das schreibt Cusanus treffend ein:

„Die Kunst, die einst die Seele erbt,

Ist nicht die Kunst, die Gott selbst färbt,

Sie ist der Wesenheit nach nicht

Dasselbe wie das Gotteslicht,

Sondern nur Teilhab' und Gewähr,

Ein Abglanz Seiner Künstlerehr.“


Je mehr der Künstler nun versteht,

Welch große Gabe in ihm lebt,

Umso mehr fühlt er sich getrieben,

Sich selbst und diese Welt zu lieben,

Mit Augen, die voll Dankbarkeit

Betrachten diese Herrlichkeit.

Er schickt sein Lob zu Gott hinauf,

Und findet so im Lebenslauf

Zu seiner Sendung tiefstem Grund,

Und tut sie mit dem Werke kund.


Nicht alle Menschen sind auf Erden

Berufen, Künstler recht zu werden.

Doch laut der Genesis Bericht

Gilt jedem Menschen diese Pflicht:

Ein Baumeister des Lebens sein!

Er soll den rohen Lebensstein

Formen zu einem Meisterstück,

Zum Kunstwerk machen sein Geschick.


Es ist nun wichtig, zu verstehn,

Wie diese beiden Pfade gehn:

Der Unterschied ist sonnenklar,

Die Bindung ebenso fürwahr.

Das Eine ist die Anlage rein,

Urheber des Tuns zu sein,

Wofür der Mensch moralisch steht,

Wenn er den Weg des Lebens geht;

Er trägt die Verantwortung ganz,

Für seiner Taten Sitten-Glanz.


Das Andre ist die Eigenschaft,

Die ihn zum echten Künstler macht:

Das Handeln nach der Kunst Gebot,

Getreu den Regeln bis zum Tod.

Deshalb ist er zwar fähig frei,

Dass er Erzeuger Dingen sei;

Doch sagt das über den Charakter

Und seine Tugend leider gar nichts.

Hier geht es nicht um Herzenspflicht,

Die eigne Seele formt er nicht,

Er nutzt nur sein Geschicklichkeit,

Damit die Form, die er erdacht,

Ästhetisch in die Welt gebracht.


Doch wenn der Unterschied auch bricht,

Vollzieht sich die Trennung gänzlich nicht.

Der Wesenheit nach zwar getrennt,

Gibt's ein Band, das beide nennt.

Sie bedingen sich im tiefsten Grunde,

Geben voneinander Kunde.

Denn schafft der Künstler nun ein Werk,

So zeigt sich darin sein eigen' Merk.

Er drückt sich selber aus darin,

Gibt seinem Dasein Form und Sinn.

Die Schöpfung wird ein Widerschein

Von dem, was er im Innern rein

Als Mensch und Wesen ist und lebt;

Ein Geist, der in dem Stoffe webt.


Die Menschheitsgeschichte zeigt es klar,

Unendlich oft und wunderbar:

Gestaltet er ein Meisterstück,

Formt er nicht nur ein Werk mit Glück.

Er ruft es nicht nur ins Bestehen,

Man kann in ihm noch Andres sehen:

Durch das Gebilde, das er schafft,

Enthüllt er seiner Seele Kraft,

Und seine eigne Persönlichkeit

Wird sichtbar für die Ewigkeit.

Er findet in der Kunst die Bahn,

Die neue Dimension sodann,

Ein Ausdrucksmittel, tief und groß,

Für sein' Geisteswachstums Los.

Er spricht und teilt sich andern mit,

Durch jeden Meißel-, Pinseltritt.


Die Kunstgeschichte, Gott sei Dank,

Ist nicht bloß toter Werke Klang,

Nicht nur Chronik von Stein und Bild,

Sich uns in ihr der Mensch enthüllt.

Die Werke sprechen von den Ahnen,

Die uns als Schöpfer Wege bahnen.

Sie machen uns vertraut geschwind

Mit dem, was sie im Innersten sind.

Sie offenbaren den wahren Wert,

Den sie der Kultur hernach beschert.


Ein Dichter, Cyprian Norwid genannt,

Aus Polen, meinem Heimatland,

Schrieb einst ein Wort von hohem Wert:

„Die Schönheit ist uns drum beschert,

Dass sie fürs Werk Begeist'rung wecke;

Das Werk wiederum bezwecke,

Dass das Leben aufersteh'

Und blühend in die Zukunft geh'.“


Wenn man von Kunst spricht weit und breit,

Gehört dazu die Schönheit ganz.

Ich deutet' es schon an zuvor,

Als Gott geöffnet hat das Tor

Und wohlgefällig blickte hin

Auf Seiner Hände Schöpfungssinn.

Als er befand, dass alles gut,

Lag darin auch der Schönheit Glut.

Denn was er schuf mit Seiner Macht,

War gut und schön zugleich gedacht.


Das regt uns nun zum Nachdenken an,

Wie man dies Band begreifen kann:

Die Schönheit ist – so lernt man hier –

Des Guten sichtbares Visier.

Das Gute wiederum beweist

Die Metaphysik, die Schönheit speist.

Die Griechen haben dies gesehn,

Ließen die Begriffe zusammengehn,

Verschmolzen sie zu einem Wort,

Das beide trägt an jedem Ort:

Kalokagathía – so hieß der Fund,

Das „Schön-Gute“ tat es kund.

Und Platon schreibt dazu ganz recht:

„Des Guten Macht wird nicht geschwächt,

Sie flieht und rettet ihr Gesicht

In der Natur des Schönen Licht.“


Der Mensch legt fest im Lebenslauf,

Wie er zum Sein blickt auf,

Zur Wahrheit und zum Guten hin,

Bestimmt er seinen Lebenssinn.

Der Künstler aber hat hinfort

Zur Schönheit ein ganz besondres Wort.

Es ist sehr treffend, wenn man sagt:

Die Schönheit ist es, die ihn fragt.

Sie ist der Ruf, den Gott gesandt,

Als er das Talent ihm gab zur Hand.

Und dieses Talent, so steht's geschrieben,

Soll nicht im Sande trocken blieben.

Nach der Logik der Frohen Botschaft Wort,

Wie es Matthäus kündet dort,

Soll man die Pfunde nicht vergraben,

Sinfonien Früchte bringen tragen!


Hier rühren wir den Punkt nun an,

Den man im Kern nur fassen kann:

Wer diesen göttlich' Funken spürt,

Der ihn zur Kunst im Leben führt –

Als Dichter, Schreiber, der mit Fleiß,

Als Maler, der zu formen weiß,

Als Architekt und Bildhauersmann,

Als Musiker, der spielen kann,

Als Schauspielkünstler auf der Bühn' –

Der spürt Verpflichtung in sich glühn!

Er darf das Pfand nicht ungenutzt

Verderben lassen und verschmutzt.

Er muss entfalten seine Macht,

Die ihm als Gabe zugedacht,

Um sie zu stellen ganz bereit

Im Dienst an der Mitmenschlichkeit.


Die Bürgerwelt und das System

Braucht Künstler ebenso zudem,

Wie Wissenschaftler, die ergründen,

Und Techniker, die Wege finden,

Wie Arbeiter und Fachleut' treu,

Und Glaubenszeugen ohne Scheu,

Wie Lehrer, Väter, Mütter auch.

Denn diese pflegen jenen Brauch,

Den man sehr edel nennen muss,

Der Menschheit herrlichsten Genuss:

Die „Erziehungskunst“, die Geist entfacht,

Damit die Jugend groß erwacht,

Dass der Einzelne im Land gedeiht

Und die Gemeinschaft wird befreit.


Die Künstler haben ihren Ort

Im Panorama hier und dort,

Im Kulturbild von jedem Land.

Folg'n sie der Eingebung zur Hand,

Und schaffen Werke schön und rein,

Wird es ein Schatz für alle sein.

Sie reichen reiche Gaben dar

Der eignen Nation sogar,

Und auch der ganzen Menschenwelt,

Weil sich ein Dienst dazugesellt:

Ein Dienst fürs Gemeinwohl, qualifiziert,

Der die Gesellschaft edel ziert.


Die eig'ne Berufung zieht den Kreis,

Der ihren Dienst zu nennen weiß.

Sie zeigt die Pflichten, die er kriegt,

Die harte Arbeit, die ihm liegt,

Die Verantwortung, der er sich stellt,

Wenn er sein Werk setzt in die Welt.

Ein Künstler, dem dies alles klar,

Arbeitet rein und unverwahr.

Er lässt sich nicht von Eitelkeit,

Vom Ruhmesdurst in dieser Zeit,

Noch von der Sucht nach Popularität,

Die oberflächlich nur verweht,

Geschweige denn vom schnöden Geld,

Beherrschen in der Kunstwelt Feld.


Es gibt ein' Ethik, ja ganz rein,

Ein' „Spiritualität“ im Sein

Des Dienstes, den der Künstler tut.

Sie bringt dem Volke neue Glut,

Trägt bei zum Leben, zur Neugeburt,

Damit ein Volk wird aufgespürt.

Genau darauf spielt Norwid an,

Wenn er die Worte sprechen kann:

„Die Schönheit ist uns drum beschert,

Dass sie fürs Werk Begeist'rung nährt;

Das Werk wiederum bezwecke,

Dass das Leben auferstecke.“


Das Alte Testament schloss ein

Ein streng Verbot für Groß und Klein:

Man sollt' den Gott, den niemand sieht,

Den Unaussprechlichen im Lied,

Nicht gießen oder schnitzen hier,

Aus totem Holz und Erz-Zier.

Weil Gott all jene Bilder weit

Übersteigt in Seiner Erhabenheit.

Er sprach zu Mose wunderbar:

„Ich bin der, der ich bin da!“


Im tiefen, heil'gen Mysterium

Der Menschwerdung dreht sich dies um!

Des höchsten Gottes eig'ner Sohn

Verließ den unsichtbaren Thron.

Er hat persönlich Sich gezeigt,

Damit das Auge vor Ihm neigt.

Als nun die Zeit erfüllt und reif,

Da sandte Gott das Lebens-Pfand:

Seinen Sohn, geboren von der Frau,

So steht's im Brief an Galater genau.


In Jesus Christus, Gottes Sohn,

Werd' Gott selbst Mensch auf Erden schon.

Und Dieser ist das Zentrum rein,

Auf das wir müssen blicken drein,

Um zu begreifen in der Welt

Das Rätsel, das uns nachgestellt:

Vom eignen Dasein auf der Erd',

Von der Schöpfung, die uns fährt,

Und von Gott Selbst im Himmelssaal,

Löst Er das Rätsel allemal.


Diese Offenbarung, tief und hehr,

Gottes Geheimnis, rein und mehr,

Stand als Ermutigung bereit,

Als Ansporn für der Christen Zeit,

Damit auf künstlerischem Feld

Ein neuer Glanz erstreckt die Welt.

Daraus erwuchs mit jungem Saft

Ein Blühen voller Schönheit Kraft,

Das aus der Menschwerdung allein

Zog seine Lebensnahrung ein.

Denn da der Sohn ward Fleisch und Blut,

Bracht’ er der Wahrheit edle Glut,

Des Evangeliums Reichtum schwer,

In unsre Menschengeschichte her,

Und hat des Schönen neue Bahn

Enthüllt der ganzen Welt sodann.

Die frohe Botschaft ist fürwahr

Bis an den Rand voll, wunderbar!


Die Heilige Schrift ist so bereit

Zum Wortschatz der Unendlichkeit

(Wie Paul Claudel es treffend nennt)

Und Bilderatlas, den man kennt

(Wie Marc Chagall es weislich sprach),

Dem man im Schaffen folgte nach.

Aus dieser Quelle trank fortan

Die Kunst der Christen, Mann für Mann.

Selbst das Alttestamentliche,

Ausg’legt im Neuen, altert nie,

Und lässt Inspirations-Ströme fließen,

Die unerschöpflich sich ergießen.

Vom Schöpfungsbericht am ersten Tag,

Vom Sündenfall und Sündenklag’,

Der Sintflut und der Väter Reih’,

Vom Auszug aus Ägypten frei,

Bis zu der Heilsgeschichten Lauf,

Zog man der Phantasie Kraft auf.

Es regte Maler, Dichter an,

Musiker und den Bühnenmann,

Ja, Filmemacher spät und früh,

In unermüdlicher Bemüh’.

Um nur ein Beispiel hier zu nennen:

Wir all’ die Gestalt des Hiob kennen,

Mit seiner Leiden brenn’dem Schmerz,

Der heute noch bewegt das Herz;

Er weckt das philosoph’sche Streben

Und fordert Kunst heraus im Leben.


Und was soll ich vom Neuen Bunde

Erst sagen in der Reimungskunde?

Von Christi Geburt bis Golgota,

Was auf dem Hügel dort geschah,

Von der Verklärung auf dem Berg

Bis zu der Auferstehung Werk,

Von Wundern und von Lehrreden,

Die uns im Wort sind vorgegeben,

Und weiter, was uns wird erzählt

In der Apostelgeschichten-Welt,

Bis zu Johannes’ Schau am End’,

Die eschatologisch uns benennt:

Das Bibelwort ward tausendmal

Zu Bild und Musik ohne Zahl,

Zu Dichtung, die mit Kunst-Gewalt

Das fleischgeword’ne Wort umwallt.


In der Kulturgeschichte stand

Dies Kapitel reich als Glaubensband.

Nutzen daraus zog allemal

Das gläub’ge Volk im Erdental,

Für das Gebet, die Praxis rein,

Um Gott im Leben nah zu sein.

In Zeiten, da das Lesen rar,

Die „Bibel für die Armen“ war

Als Bilderkatechese Pflicht,

Die Glauben in die Herzen flicht.

Doch für ein’ jeden, wer’s auch sei,

Ob Christ, ob ohne Glauben frei,

Bleibt solches Kunstwerk allemal

Vom Ur-Geheimnis ein Strahl,

Das diese Welt im Innern dichtet

Und alles auf das Höchste richtet.


In der Tat geht jede Kunst-Schau weit

Über die Sinnes-Wahrnehmung der Zeit.

Sie will, indem sie tief durchbricht

Die Wirklichkeit im Tageslicht,

Ihr ganz verborg’nes Rätsel deuten

Und es den Menschen einbegleiten.

Die Intuition bricht aus dem Grund,

Der menschlich’ Seele tiefem Mund,

Dort, wo das Sehnen nach dem Sinn

Sich gattet mit der Schönheit drin,

Wo flüchtig man die Einheit spürt,

Die alles im Geheimen führt.


Doch jeder Künstler kennt den Schmerz,

Der trennend bricht sein eig’nes Herz:

Der Unterschied ist riesengroß

Zwischen dem Werk im Erdenlos –

Und sei es noch so gut gelungen –,

Und jener Schönheit, die besungen

Am Höhepunkt der Schöpfungsnacht

Ihm vor dem Geiste hat gelacht.

Was er mit Farbe, Meißel, Ton

Zum Ausdruck bringt im Erdenlohn,

Ist nur ein Schimmer von dem Glanz,

Der kurz erleucht’ des Geistes Ganz.


Der Glaubende erstaunt nicht hier,

Er weiß genau, an welcher Tür

Der Künstler einen Moment stand:

Am Lichtabgrund, den Gott gesandt,

Der seine Quelle in Ihm hat,

Als ew’ge Ur- und Vaterstatt.

Muss man sich wundern, wenn der Geist,

Der solches schaut und in sich weiß,

So überwältigt ist vom Licht,

Dass er nur noch in Stammeln spricht?

Kein Mensch ist mehr als er bereit,

Zu sehn die eig’ne Begrenztheit,

Und sich des Paulus Wort zu eigen

Zu machen und sich tief zu beugen:

Dass Gott nicht wohnt in Tempeln drin,

Die Menschen bauten mit Gewinn.

Man darf nicht meinen, das Göttliche

Sei wie ein Bild, ein irdische,

Aus Gold und Silber, Stein und Erz,

Gemacht durch Menschenkunst und Scherz.

Wenn schon der Dinge inner’ Kern

Der Menschenforschung liegt so fern,

Wieviel mehr gilt dies Gott allein,

In Seinem tiefen Mysterien-Schrein!


Von and’rer Art ist fürwahr

Die Glaubenserkenntnis, wunderbar.

Sie fordert die Begegnung ganz

Mit Jesus Christ im Gottesglanz.

Doch kann auch sie von Nutzen sein,

Zieht sie des Künstlers Schauung ein.

Ein Vorbild, wie im Glauben groß

Ästhetische Schau bricht schrankenlos,

Sind Beato Angelicos Bilder rein,

Die atmen heil’gen Glorienschein.

Nicht minder vielsagend erschallt

Der Lobgesang, der laut verhallt,

Den Franz von Assisi, der Held,

Auf Monte della Verna meldt’,

Als Christi Wundmale er trug,

Und auf ein Blättchen zweimal schlug:

„Du bist die Schönheit... ja, allein,

Du, Herr, musst selbst die Schönheit sein!“

Sankt Bonaventura meint dazu:

Der Heil’ge fand im Schönen Ruh’,

Sah drin den Allerchönsten thronen,

Der in den Dingen wollt’ wohnen.

Den Spuren folgend im Geschöpf,

Jagt’ er dem Liebsten nach vom Kopf.


Ein gleiches Suchen wird erkannt

In der Spiritualität im Morgenland,

Wo Christus als der Schönste gilt,

Der herrlicher als jedes Bild

Der Sterblichen auf dieser Erd’.

Makarios der Große lehrt

Die Schönheit, die uns frei gemacht,

Vom Auferstand’nen in der Nacht:

Die Seele, die vom Glanze rein,

Von Christi Antlitz-Sonnenschein

Erleuchtet ward im tiefsten Grund,

Wird durch den Heil’gen Geist gesund;

Sie ist ganz Auge, Licht und Pracht,

Ganz Angesicht in Gottes Macht!


Ein jedes echte Kunst-Gebild,

Das sich auf eigne Weise mild

In unsrer Menschenwelt ergießt,

Uns die tiefste Wirklichkeit erschließt.

Es führt uns an den Horizont,

Wo auch der Glaube schaffend wohnt,

Wo unser Dasein auf der Erd’

Und die Geschichte, die uns fährt,

Erfahren ihre Deutung ganz,

Im vollendeten und heil’gen Glanz.

Genauso musste, wie man weiß,

Der Wahrheit Fülle, groß und heiß,

Wie sie das Evangelium kündet,

Wo sich das Herz mit Gott verbündet,

Von Anfang an den Künstler rufen!

Denn er ist schon auf eignen Stufen

Durch seine Kunstnatur bereit

Für jede inn’re Herrlichkeit,

Die sich im Weltenbau versteckt

Und uns die wahre Schönheit weckt.


Die Kunst, der man im Christentum

Begegnete beim ersten Ruhm,

War reife Frucht der alten Welt,

Die klassisch war und hochgestellt.

Sie gab des Altertums Gesetze

Und der Ästhetik teure Schätze

An die Gemeinde glatt herab.

Doch wie der Glaube Prüfung gab

Im Denken und im Lebenslauf,

So双 blickt’ man in der Kunst darauf:

Man durfte nicht automatisch erben,

Was sonst verfiel in dem Verderben.

Man brauchte Unterscheidungskraft,

Die rein aus Gottes Geiste schafft.


Die Kunst aus christlicher Natur

Begann im Stillen ihre Spur,

Verknüpft mit dem, was man begehrt:

Dass man den Brüdern Zeichen lehrt.

Auf Basis von der Schrift Bericht

Schuf man Symbole im Gedicht

Und einen Code für Groß und Klein,

Um fest im Glauben treu zu sein.

So konnt’ man sich im Stillen kennen,

Wenn die Verfolger Christen brennen,

Sich zeigen, wer zum Herrn gehört,

Wenn ringsumher der Feind zerstört.

Wer denkt nicht an die Zeichen dort,

Als Bildkunst an dem ersten Ort?

Der Fisch, das Brot, der gute Hirt,

Der um das Schaf besorglich wird:

Sie riefen das Geheimnis wach,

Dem man im Geiste folgte nach,

Und wurden fast unmerklich hier

Zur neuen, christlichen Manier.


Als dann durch Kaiser Konstantins Wort

Den Christen frei an jedem Ort

Gewährt ward, sich im Licht zu zeigen,

Vor keinem Götzen mehr zu beugen,

Da wurde Kunst zum besten Pfad,

Auf dem man vor die Menschen trat,

Um laut den Glauben zu bekunden.

Ein’ erste Blüte ward gefunden,

Als man Basiliken erbaut’,

Den großen Räumen kühn vertraut’.

Das heidnische Architektur-Gesetz

Nahm man als Baustein und als Netz,

Doch passt’ man es dem Kultus an,

Der neu für Jesus Christus rann.

Man muss erwähnen an der Stell’

Die Peterskirche, groß und hell,

Und die Lateranbasilika,

Die Konstantin baut’ damals da;

Oder als Beispiel, reich und fein,

Fürs byzantinische Design,

Die Hagia Sophia in dem Glanz,

Die Justinian stiftet’ ganz!


Die Baukunst schuf den heil’gen Raum,

Erhaben wie ein Ostertraum.

Doch wuchs das Sehnen tief und heiß,

Dass man noch mehr vom Wunder weiß.

Man wollt’ es für die schlichten Leute

Anschaulich machen schon für heute;

Und so begann, ganz schlicht und gut,

Der Mal- und Bildhauerkunst Flut.


Zugleich erprobt’ man Wort und Klang

In erstem christlichen Gesang.

Augustinus schrieb mit Fleiß und Macht

De musica in tiefer Nacht.

Hilarius und Ambrosius fein,

Prudentius stimmte glücklich ein,

Auch Ephräm, der aus Syrien stammt,

Und Gregor, der für Gott entflammt,

Paulinus auch, der Mann aus Nola –

Sie riefen an die Himmelspola

Als Gründer christlicher Poesie,

Deren Gehalt veraltet nie;

Sie boten hohe Theologie,

Verknüpft mit Kunst und Literat’rie.

Ihr Programm nutzt’ der Klassik Form,

Doch war das Evangelium Norm.

Der heil’ge Dichter aus Nola spricht

Es treffend aus im Reim-Gedicht:

„Der Glaube ist uns Kunst allein,

Und Christus soll unser Lied sein!“


Bald darauf hat mit weisem Sinn

Papst Gregor auch geschaut dorthin:

Mit seinem Antiphonarium fein

Bracht’ er die Kirchenmusik rein,

Ordnet’ die Klänge organisch an,

Dass man sie richtig singen kann.

Sie war so eigen und so neu,

Dass man ihr seinen Namen leih’:

Der gregorianische Gesang,

Mit Modulationen tief im Klang,

Ward in den Jahren, die entflossen,

Zur Melodie, die unverdrossen

Den Glauben in der Kirche preist,

Wenn die Liturgie das Wunder weist.

So wand sich hier das Schöne sacht

Mit dem, was Wahrheitslicht gebracht,

Dass sich die Seelen im Genuss

Vom Sinnlichen durch Kunst-Einfluss

Erheben lassen ohne Bangen

Und hin zum Ewigen gelangen.


Doch war der Weg nicht immer leicht,

Manch finst’rer Abschnitt ward erreicht.

Gerade bei der Frage drin,

Wie man das Wunder stellt im Sinn,

Erlebte jene alte Zeit

Einen erbittert’ Bilderstreit.

Das Gottesvolk in Frömmigkeit

Verehrt’ die Bilder weit und breit;

Doch brach dagegen mit Gewalt

Protest hervor in mancher Gestalt.

Das Konzil zu Nicäa, sieben-acht-sieben,

Hat fest das Recht der Kunst geschrieben:

Es hieß die Bilder wieder gut

Und schützt’ sie vor der Zerstörerwut.

Dies war für Glauben und Kultur

Ein Meilenstein auf jener Spur!

Die Bischöfe riefen als Argument,

Das jeden harten Zweifel trennt,

Das Rätsel der Menschwerdung an:

Wenn Gottes Sohn als wahrer Mann

In die sichtbare Welt trat ein,

Um Fleisch von unsrem Fleisch zu sein,

Schlug er die Brücke wunderbar

Vom Sichtbaren zum Unsichtbaren dar.

Analog darf man folglich sehn:

In der Logik der Zeichen kann’s geschehn,

Dass eine Darstellung im Raum

Als Evokation dient für den Traum.

Das Bild wird nicht für sich verehrt,

Es ist nur auf den Herrn gekehrt,

Es weist auf den, den es darstellt,

Der thront hoch über dieser Welt.


Die Jahrhunderte, die dann generationenweis’

Gingen im Zeiten-Räderkreis,

Sah’n ein’ phantastische Entfaltung,

Der christlich’ Kunst und Formgestaltung.

Im Osten blüht’ die Ikonenkunst,

Getragen von der Kirche Gunst.

Sie blieb an strenge Regeln bound,

Die theologisch fest gegründet,

Weil man das Bild im Glauben nennt:

Auf eigne Art ein Sakrament!

Denn wie beim Sakramente bricht

Durch ird’sche Zeichen Gottes Licht,

So macht die Ikone offenbar

Die Menschwerdung ganz wunderbar.

Darum kann man die Schönheit rein

Am besten in der Kirche sehn,

Wo Lampen brennen vor den Wänden

Und düstre Schatten sanft beenden,

Wo tausend Lichtreflexe gleiten

Und uns den Andachtsweg bereiten.


Pavel Florenskij schreibt dazu:

„Das Gold, das uns in Tagesruh’

So fremd und schwer und nichtig scheint,

Wenn es das nackte Licht verneint,

Lebt durch das flackernde Gesicht

Von Lampe oder Kerzenlicht

Wieder ganz neu und prächtig auf!

Es wirft in seinem Lebenslauf

Myriaden Funken her und hin,

Und zeigt dem überird’schen Sinn

Ein Licht, das nicht von dieser Welt,

Das glänzend Raum und Himmel hält.“


Im Abendland gehn gleicherweis’

Die Künstler in der Zeiten Kreis,

Abhängig auch von manchem Fund,

Der herrscht’ im kulturellen Grund,

Von ganz verschied’nen Punkten aus.

Sie schufen für das Gotteshaus

Ein’ reiche Fülle, wunderbar,

An Kunst, sakral und sonnenklar,

Aus hoher Inspiration geborn,

Die heute noch zum Dienst erkorn

Den Schauer mit Bewunderung füllt,

Wenn sich des Geistes Glanz enthüllt.


An erster Stell’ in Stadt und Land

Man groß’ Kirchenbauten fand,

Bei denen Zweckmäßigkeit im Raum

Sich gattet mit dem Künstlertraum;

Und diese letztere sich lässt

Vom Sinn der Schönheit leiten fest

Und von der Intuition sodann

Vom Mysterium, das niemand fangen kann.

Daraus entstanden im Verlauf

Die Baustile der Geschichte Lauf:

Erst Kraft und Schlichtheit, tief und groß,

Die man im Romanischen schoss,

Wie Kathedralen es beweisen

Und Klostergänge, die sie preisen;

Sie führten nach und nach geschwind

Zu schlanken Linien im Wind,

Zur Herrlichkeit und Pracht der Gotik,

Die ragt voll heiliger Exotik.

In diesen Formen stecket nicht

Nur eines Künstlers Geist und Licht,

Es fand darin ganz unverstellt

Die Seele eines Volks zur Welt.


Am Spiel von Schatten und von Licht,

Das durch die bunten Fenster bricht,

An Formen, massiv oder schlank,

War bautechnischer Überlegung Dank;

Doch wirkten auch die Spannungen mit

Der Gotteserfahrung Schritt für Schritt:

Sie ist mysterium genannt,

Das tremendum und fascinans band –

Ein schrecklich’ und zugleich ein hehr’

Geheimnis für der Menschen Lehr’.


Wie soll man in nur wenig’ Worten

Das Schaffen zeigen an den Orten,

Die Kraft der langen Mittelalter-Zeit,

Die christlich blühte weit und breit?

Wenn auch begrenzt durch Menschenhand,

Sog eine ganze Kultur im Land

Das Evangelium in sich ein,

Um ganz von Seinem Saft zu sein.

Dort, wo das theologische Denken groß

Des Thomas Summa herbergschoss,

Bearbeit’t kirchlich’ Kunst den Stein,

Um Anbetung des Geheimnisses zu sein.

Und Dante Alighieri, der Prophet,

Der wunderbar im Reime steht,

Schrieb das heil’ge Epos auf,

Nach dem der Himmel in dem Lauf

Wie auch die Erde greifen tat:

Die Göttliche Komödie trat

Als Meisterwerk an das Licht,

Das kühn vom Jenseitsglauben spricht.


Das fruchtbare Kultur-Klima,

Daraus die Kunst der Renaissance da

Und auch des Humanismus spross,

Ein’ große Blüte sich ergoss,

Hat Auswirkungen tief und schwer

Auch auf die Künstler-Beziehung her

Zur religiösen Thematik gebracht,

Die man in jener Zeit erdacht.

Natürlich ist der Funke weit

So vielfältig wie jene Zeit,

Wie ihre Stile, groß und kühn,

Die bei den Meistern herrlich blühn.

Doch will ich Dinge nicht benennen,

Die ihr als Künstler eh müsst kennen.


Wenn ich aus diesem Hause schreib’,

Dem Palast, der zum Zeitvertreib

Und Ernst die größte Schatzkammer ist

Von Meisterwerken, die man misst,

Möcht’ ich mich machen zu der Stimm’

Der größten Künstler im Gewinn,

Die hier die Fülle ihrer Gab’

Gossen aus dem Geist herab,

Durchdrungen von der Seelen Tief’.

Von hier aus Michelangelo rief,

Der in der Sixtinischen Kapelle drin,

Mit unerschrock’nem Künstlersinn,

Von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht

Das Drama dieser Welt verflicht.

Er gab Gottvater ein Gesicht,

Dem Richter Christus in dem Licht,

Und auch dem Menschen auf der Erd’,

Der mühsam seine Wege fährt,

Von den Ursprüngen bis ans Ziel,

Das ihm die Weltgeschichte fiel.


Von hier aus spricht der Genius rein

Von Raffael im Sonnenschein,

Feinfühlig und von tiefem Sinn,

Der in Gemälden zog dorthin.

Besonders in der Disputa pracht’

(In der Stanza della Segnatura gemacht)

Weist er aufs Offenbarungslicht

Des dreieinigen Gottes im Gedicht,

Der in der Eucharistie sodann

Wird zum Gefährten für den Mann;

Damit wirft er ein helles Licht

Auf das, was Menschenglaube spricht,

Auf Fragen und Erwartung schwer

Des Denkens aus der Menschen Lehr’.


Von hier aus, von der Riesen-Pracht,

Die für den Apostelfürst gemacht,

Der Basilika Sankt Peter hier,

Den Kolonnaden in Zier,

Die wie zwei off’ne Arme stehn,

Als wollten sie die Menschheit sehn

Umgreifen und an sich zu ziehn,

Sprechen im Geiste ohne Müh’ –

Um nur die Größten zu benennen,

Die wir beim Namen alle kennen –

Bramante, Bernini, Borromini fein,

Und auch Maderno stellt sich ein:

Sie stellten das Geheimnis dar

Ganz plastisch und ganz wunderbar,

Das uns die Kirche sichtbar macht

Als eine Mutter in der Pracht,

Als gastfreundliche Gemeinschaft weit,

Als Weggefährtin in der Zeit

Für jeden Menschen auf der Erd’,

Der auf der Suche nach Gott fährt.


In diesem Komplex, wunderbar,

Erreichte sakrale Kunst fürwahr

Höhen von unvergänglichem Wert,

Der ästhetisch-religiös uns nährt,

Ein’ Wirkungskraft voll Einzigkeit.

Was sie im Impuls jener Zeit

Des Humanismus und Renaissance-Lauf

Und folg’ner Tendenzen nahm auf,

In Wissenschaft und Kultur-Sinn,

War wachsend Interesse hin

Für den Menschen, sein’ Gestalt,

Die Welt und der Geschichte Gewalt.

Diese Aufmerksamkeit fürwahr

War für den Glauben keine Gefahr!

Denn dessen Mittelpunkt bricht ein

Im Menschwerdungs-Mysterien-Schrein:

Gott hat den Menschen hoch geehrt

Und Seinen Wert dadurch vermehrt.

Das zeigen uns die Meister groß,

Die ich erwähnt’ im Künstlerschoß.

Man braucht nur daran zu gedenken,

Wie Michelangelo tut schenken

In Bildern und Skulpturen-Pracht

Der Schönheit, die im Leib erwacht,

Ausdruck von vollend’tem Glanz,

Als Gottes Schöpfungswerk ganz.


Auch im Klima neuerer Zeit,

Der letzten Jahrhunderte weit,

Wo mancher in Gesellschaft blind

Dem Glauben gegenüber scheint gesinnt,

Riss die religiöse Kunst nicht ab,

Die Gott den Menschenelfen gab.

Diese Feststellung gewinnt an Gewicht,

Wenn man von Bildkunst weiter bricht

Zur Kirchenmusik im Verlauf,

Die herrlich schlug die Töne auf,

Komponiert für Liturgien-Pflicht,

Oder an heil’ges Thema verflicht.


Neben den Meistern ohn’ Zahl,

Die ihr sich widmeten allemal –

Es seien Palestrina hier genannt,

Und Claudio Monteverdi im Land,

Tomás Luis de Victoria auch –,

Haben gepflegt denselben Brauch

Viele große Komponisten weit,

Deren Name trotzt der Ewigkeit:

Von Händel bis zu Bachs Gesang,

Von Mozarts bis zu Schuberts Klang,

Von Beethoven bis Berlioz’ Werk,

Von Liszt bis Verdi auf dem Berg –

Sie schenkten uns im Erdenlauf

Werke von höchster Inspiration herauf.


Es trifft zwar zu, dass in der Mode

Sich zeigt ein andrer Geistes-Code:

Denn neben christlichem Humanismus,

Der prägt der Kunst und Kultur Rhythmus,

Hat sich ein Humanismus breit

Gemacht in unsrer neueren Zeit,

Für den das Fehlen Gottes schwer

Und oft der Widerstand bricht her.

Dies Klima führt’ durch manchen Zwist –

Zumindest weil der Künstlerslist

Religiös’ Thema ferner stand –

Zu mancher Distanz in dem Land:

Ein’ Kluft tat sich im Geiste auf

Zwischen dem Kunst- und Glaubenslauf.


Ihr wisst jedoch, dass allezeit

Die Kirche hielt die Achtung breit

Für den Wert der Kunst als solcher rein,

Um ihr ein guter Schutz zu sein.

Denn wenn sie echt ist, Gott sei Dank,

Trägt sie in sich denselben Klang:

Auch jenseits rein religiöser Form,

Hat sie zum Glauben inn’re Norm.

Und wenn die Kultur noch so weit

Sich von der Kirche trennt im Streit,

Bleibt grad’ die Kunst die Brücke hier,

Zur religiösen Erfährungs-Tür.

Als Suche nach der Schönheit Pracht,

Als Frucht, die uns das Staunen macht,

Die Alltag weit dahinter lässt,

Ruft sie das Mysterium fest!

Selbst wenn sie dunkelste Seelen-Tief’

Und tiefste Sünden-Nächte rief,

Wird sie im Suchen unverwandt

Zur Stimme, die Erlösung mahnt.


Man sieht darum, warum die Pflicht

Zum Dialog die Kirch’ nicht bricht,

Und warum sie mit Sehnsucht ringt,

Dass man ein neues Bündnis bringt

Mit Künstlern in der heutigen Zeit.

So wie Paul Sechs’ es hielt bereit,

Als er am siebten Mai ganz hehr

Im vierundsechzigsten Jahre her

In der Sixtinischen Kapelle sprach,

Und rief den Künstlern bittend nach.

Die Kirche hofft aus diesem Bund,

Dass Schönheit neu werd’ uns gekund,

Ein’ „Epiphanie“ für unsre Zeit,

Als Antwort für die Christenheit.


Das Zweite Vatikanische Konzil

Legt’ fest für diesen Bund das Ziel,

Erneuert’ der Beziehungen Band

Zwischen der Kirche und dem Land

Der Kultur und der Künstlerwelt.

Ein Bund, der Freundschaft offen hält,

Der sich im Zeichen des Dialogs

Erhebt hoch über Trug und Trug.

Im Dokument Gaudium et spes

Man der Konzilsväter Worte les’:

Sie hoben die Bedeutung schwer

Von Kunst und Literatur hervor.

„Denn sie bemüh’n sich“, steht darin,

„Um des Menschen tiefsten Sinn,

Sein eig’nes Wesen zu verstehn,

Die Probleme, die im Leben gehn,

Wenn er versucht mit Fleiß und Macht,

Dass er sich selbst und Welt durchdacht.

Sie hellen auf die Situation,

In Welt und Zeit des Menschen Sohn,

Schildern sein Elend, seine Freud’,

Die Not, die Kraft in aller Zeit,

Und lassen ahnen schon im Voraus

Ein bess’res Los im Gotteshaus.“


Auf diesem Fundament sodann

Rief man am Schluss die Künstler an:

Ein Grußwort und Appell erging

An jeden, der am Schaffen hing.

„Die Welt, in der wir Menschen stehn,

Muss stets die wahre Schönheit sehn:

Sie braucht sie dringend, um im Schmerz

Nicht zu verzweifeln ganz im Herz!

Die Schönheit legt, wie Wahrheit rein,

Die Freude in das Herz hinein.

Sie ist ein’ Frucht von hohem Wert,

Die zeitlich’ Verschleiß nicht verzehrt,

Die Generationen fest verbindet,

Und sie in Bewunderung entzündet.“


In diesem Geist von tiefer Acht’

Hat das Konzil ein Wort gebracht:

Sacrosanctum Concilium genannt,

Erinnert’ an das Freundschaftsband,

Das historisch Kirch’ und Kunst umschloss.

Als man sakrale Kunst begoss,

Sie nennend „höchste Form“ der Kunst,

Da schenkt’ man ihr der Väter Gunst:

Ihr Wirken sei ein „edler Dienst“,

Wenn drin du Gottes Schönheit siehst,

Wenn Werke Seine Pracht widerspiegeln

Und Menschensinn auf Ihn versiegeln.

Auch ist’s der Künstler Tat und Fleiß,

Dass man von Gott viel besser weiß,

Dass Seine Botschaft, froh und gut,

Dem Menschengeist tut off’ner ruh’n.


Im Licht von dem, was hier geschah,

Wird Marie-Dominique Chenus Wort uns klar:

Er sagt, dass der Theologiehistoriker weit

Arbeite nur mit Unvollständigkeit,

Wenn er den Kunstwerken im Land

Nicht schenkt die Aufmerksamkeit zur Hand.

Denn sie sind – wie man weislich spürt –

Nicht nur Illustration, die ziert,

Sondern im tiefen Glaubenslicht

Wahre „theologische Orte“ an sich.


Um weiterzugeben jenes Wort,

Das Christus ihr gab an dem Ort,

Braucht die Kirche die Kunst fürwahr!

Denn sie soll machen sichtbar, klar,

Die Welt des Geistes, ungesehn,

Die Welt, in der Gottes Wunder stehn,

Ja, faszinierend soll sie’s machen.

Sie muss das Unaussprechliche in Sachen,

In Formen bringen, tief und weise.

Nun hat die Kunst auf ihre Reise

Die Fähigkeit, ganz wunderbar,

Ein’ Aspekt der Botschaft zu greifen dar,

Ihn umzusetzen fein und rein

In Töne, Farben, Formendesign,

Damit Intuition im Hörer wacht

Und dem Betrachter gibt die Macht:

Und das geschieht, ohn’ dass man nimmt

Das Wunder, das aus Himmeln klingt,

Ohn’ dass man raubt den tiefen Sinn,

Und des Geheimnisses Nimbus drin.


Die Kirche braucht besonders Leut’,

Die solches tun in unsrer Zeit:

Auf literarisch’, bildnerischer Bahn,

Wo man mit Bildern wirken kann.

Sie nutzen die unendliche Macht

Von Symbolen, die uns Gott gebracht.

Christus selbst hat ja in Seiner Wahl –

Als er Mensch ward im Erdenthal,

Um selbst das wahre Bild zu sein

Vom unsichtbaren Gottes-Schrein –

In Seiner Predigt weit und breit

Von Bildern Gebrauch gemacht allezeit.


Ebenso braucht die Kirche Klang,

Musiker für den Gottesgesang!

Wie viele Werke, groß und hehr,

Schufen die Menschen Gott zur Ehr’

Im Laufe der Jahrhunderte weit,

Erfüllt von des Geheimnisses Ewigkeit!

Unzählige Gläub’ge, Mann für Mann,

Nahmen den Glauben aus Melodien an,

Die im Herzen andrer Christen sprossen,

Und in die Liturgie geflossen;

Sie halfen für die Würde dort,

Als wirksame Stütze an dem Ort.

Denn im Gesang erfährt sich rein

Der Glaube als große Freud’ im Sein,

Als Liebe und Erwartung ganz

Auf Gottes rettenden Osterglanz!


Die Kirche braucht, wie man versteht,

Den Architekten, der da geht

Und Räume baut aus Stein und Glas,

Wo Gottes Volk ohn’ Unterlass

Sich sammeln und in Andacht frei

Die Heilsgeheimnisse feiern sei.

Nach jener furchtbar’ Zerstörungswut,

Die Weltkriegs-Bomben mit Verglut

Brachten über Stadt und Land,

Und als die Großstadt rasant expandt’,

Hat eine neue Generation

Von Architekten versucht sich schon

An dem, was Gottesdienst begehrt.

Sie haben damit neu bewährt,

Wie stark die Inspiration noch bricht

Aus dem religiösen Thema-Licht,

Selbst gegenüber den Kriterien,

Der Mod’ in heut’gen Bau-Mysterien.

Nicht selten hat man da im Land

Gottesäuser gebaut mit Verstand,

Die Orte des Gebetes sind

Und Kunstwerke, die jeder rühmt.


Die Kirche braucht die Kunst fürwahr.

Doch wird die Frage umgekehrt klar?

Braucht auch die Kunst die Kirche her?

Die Frage scheint provokant und schwer,

Tatsächlich aber hat sie ganz,

Wenn richtig g’sehn, Berechtigung-Glanz.

Der Künstler sucht ja immerdar

Den Sinn, der tief verborgen war,

Und seine Quäl’ und Sorge bricht:

Wie er das Unaussprechliche am Licht

In Form und Ausdruck gießen kann.

Sieht man da nicht im Geiste dann,

Welch’ Quell’ der Inspiration bereit

Ihm fließen kann aus jener Zeit,

Aus jener seelischen Heimat fein,

Wie sie Religion kann für ihn sein?

Werden im Glaubensraum nicht eben

Die wichtigsten Fragen an das Leben

Gestellt, und existentiell sodann

Die letzte Antwort g’sucht vom Mann?


Die Frage nach dem Lebenssinn

Zog stets des Künstlers Schaffen hin;

Sie war in allen Zeiten schon

Das meistbehand’lte Thema von

Den Künstlern aller Erden-Glieder.

Die Kirche rief sie immer wieder

Mit ihren kreativen Kräften an,

Dass man das Evangelium dann

Und seine Praxis treu im Raum

Darstelle wie ein’ Ostertraum.

Das war für beide eine Quell’

Von Geist-Bereicherung zur Stell’.

Genutzt hat es dem Menschenbild,

Das authentisch sich und wahr enthüllt.

Zutage trat die Bindung ganz,

Die zwischen Kunst und Offenbarungsglanz

Vom Christentum von je besteht.


Das heißt nun nicht, dass Geist-Athlet’

In andrem Glauben auf der Erd’

Nicht fanden, was sie inspiriert.

Man denke an des Altertums Pracht,

Was Griechenland und Rom gemacht,

Und an das Blühen, reich und hehr,

Der alten Orient-Kulturen-Lehr’.

Es ist jedoch vollkommen wahr:

Das Christentum stellt reich und klar,

Kraft des Dogmas von der Fleischwerdung schwer

Des Wortes Gottes, dem Künstler her

Einen Horizont, der reich besonnen

Mit Inspirations-Motiv-Gewonnen.

Welch’ Armut wär’s für Kunst und Welt,

Wenn dieser Strom, der uns erhellt,

Vom Evangelium rein und gut,

Versiegen würd’ in Trocken-Glut!


Mit diesem Brief wende ich mich

An euch, ihr Künstler, brüderlich,

Auf der ganzen weiten Welt,

Dass meine Wertschätzung euch hält,

Und dass ein neues Bündnis kühn

Zwischen Kunst und Kirche mög’ erblühn.

Ich lade ein, mit Herz und Sinn,

Wiederzuentdecken tief darin

Die geistlich’ und religiöse Dimension,

Die in den edlen Künsten schon

Zu allen Zeiten mächtig war.

Aus dieser Sicht appelliere ich klar

An euch, des Worts Dichter und Schreiber,

Des Theaters und der Musik Betreiber,

An die bildende Kunst und an die Welt,

Die Kommunikations-Technik hält.


Besonders an die Christen-Zunft:

Ich mahne jeden aus Herkunft,

Dass das Bündnis, das von jeher stand,

Zwischen Kunst und Evangeliums-Band,

Über den reinen Nutzen bricht.

Es schließt in sich die hohe Pflicht,

Mit schöpferischer Intuition

Einzudringen in das Mysterium schon

Des fleischgeword’nen Gottes rein

Und auch des Menschen tiefstes Sein.


Ein jeder Mensch ist, wie man weiß,

Sich selbst ein Rätsel auf dem Kreis.

Jesus Christus offenbart uns nicht

Nur Gottes Antlitz und Sein Licht,

Sondern „er macht dem Menschen eben

Den Menschen selbst voll kund“ im Leben.

In Christus hat Gott diese Welt

Mit sich versöhnt und aufgestellt.

Und alle Gläubigen im Land

Sind zum Zeugnisgeben ausgesandt;

Doch an euch Männern und Frauen liegt’s,

Die ihr der Kunst das Leben giebt’s,

Mit eurem reichen Genius-Lohn

Laut zu verkünden aller Welt schon,

Dass Christus uns Erlösung bringt:

Erlöst ist, was auf Erden ringt!

Erlöst der Mensch, erlöst sein Leib,

Erlöst die Schöpfung, Mann und Weib,

Die – wie Sankt Paulus aufgeschrieben –

Sehnsüchtig wartet auf die Lieben,

Auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes!

Sie wartet drauf trotz allen Spottes,

Auch durch die Kunst und in ihr drin.

Das ist die Pflicht für euren Sinn!

Vom Kontakt mit Kunst erwartet hehr

Die Menschheit jetzt und immer mehr,

Dass ihr Weg beleuchtet wird voll Pracht

Und ihre Bestimmung offenbar gemacht.


In der Kirche hört man oft den Ruf,

Zum Heil’gen Geist, der alles schuf:

Veni, Creator Spiritus... –

„Komm, Heil’ger Geist, der Leben gießt,

Erfülle uns mit deiner Kraft.

Dein Schöpferwort uns Dasein schafft:

Nun hauch uns Gottes Odem ein,

Um ganz aus Deinem Geist zu sein.“


Auf diesen Geist, den „Hauch“,

Weist Genesis am Anfang auch:

„Die Erde war noch wüst und leer,

Und Finsternis lag auf dem Meer,

Der Urflut Tiefe war ganz kalt,

Und Gottes Geist schwebt’ mit Gewalt

Über den Wassern im Verlauf.“

Welch’ Ähnlichkeit tut sich da auf,

Zwischen dem Worte „Hauch-Hauchen“

Und dem „Einhauchen“, Inspiration-Tauchen!

Der Geist ist der Mysterien-Meister,

Der Künstler aller Welten-Geister.

Im Ausblick auf das dritte Tausendjahr

Wünsch’ ich allen Künstlern wunderbar,

Dass sie das Geschenk reichlich empfangen,

Nach dem die Herzen stets verlangen:

Der schöpferischen Inspirationen Macht,

Aus der ein jedes echte Kunstwerk erwacht!


Liebe Künstler, ihr wisst es wohl,

Was euer Talent entflammen soll:

Es gibt der Anregungen viel,

Für inneres und äußres Spiel.

Doch jede echte Inspiration,

Trägt in sich jenen Rauschen-Ton,

Von jenem „Hauch“, der wunderbar

Von Anbeginn der Schöpfung war,

Mit dem der große Schöpfergeist

Das Werk durchdrang und Leben weist.

Er wacht mit Seinem heil’gen Sinn

Über die Welten-Formeln drin;

Da trifft der göttlich’ Schöpferhauch

Den Geist des Menschenkünstlers auch

Und spornt mit Seiner großen Kraft

Die Gabe an, die Schönes schafft.


Er kommt zum Menschengeist herab

Als inn’re Erleuchtung, die Gott gab,

Und die der Schönheit reinen Glanz

Mit der des Guten verbindet ganz.

Er weckt des Herzens edlen Schlag,

Und was der Verstand begreifen mag;

Er macht den Geist fähig sodann,

Dass er Idee konzipieren kann,

Um ihr im Werk Gestalt zu geben,

Damit die Formen fühlbar leben.

Man spricht mit Recht, wenn auch im Bild,

Von „Gnadenmomenten“, sanft und mild,

Weil uns der Augenblick bemisst

Ein’ Erfähr’ von dem, was Absolut ist.


An der Schwelle, die uns führt nunmehr

Zum Dritten Tausendjahre her,

Wünsch’ ich euch allen, Künstler lieb,

Dass euch erreicht der Schöpfertrieb,

Dass dieser Inspirationen Pracht

Euch treffe mit besond’rer Macht!

Die Schönheit, die ihr morgen reicht

Den Kindern, dass sie nicht verbleicht,

Soll so beschaffen sein im Kern,

Dass sie das Staunen weckt von fern!

Denn vor des Lebens Heiligkeit,

Vor Gottes Wunder weltbereit,

Vor dem Geheimnis Mensch auf Erd’

Ist Staunen das, was uns gehört;

Es ist die einz’ge Haltung rein,

Die diesem Wunder angemessen sein.


Aus diesem Staunen bricht sodann

Die große Begeisterung fortan,

Von der uns Norwids Vers berichtet,

Den ich am Anfang hoch gewichtet.

Solch’ große Begeisterung fürwahr

Braucht heut’ und morget die Menschenschar,

Um vor den Fragen dieser Zeit

Zu stehn mit Mut und Tapferkeit,

Damit man die Herausforderung zäh’

Am Horizont im Kampf besteh’.

Ihr ist’s zu danken allemal,

Dass Menschheit nach der Wirrnis Qual

Sich wieder aufzurichten weiß

Und neu beginnt den Lebenskreis.

Genau in diesem Sinne hat

Ein tief’ Erkenntnis an der Statt

Gesagt, dass dieses Weltenall

„Die Schönheit retten wird“ im Fall.


Die Schönheit ist der Chiffre-Sinn

Vom großen Ur-Geheimnis drin;

Ein Hinweis auf das Ew’ge weit,

Ein’ Einladung in unsrer Zeit,

Das Leben zu genießen kühn,

Und von der Zukunft schön zu blühn.

Darum vermag der Dinge Pracht,

Die Gott auf dieser Erd’ gemacht,

Uns nicht zu sätt’gen ganz und gar:

Sie weckt die Sehnsucht wunderbar,

Die heimlich uns zu Gott hinzieht.

Augustinus sang davon sein Lied –

Als Liebhaber der Schönheit groß,

Der es in treuen Worten schoss:

„Spät hab’ ich dich geliebt fürwahr,

Du Schönheit, ewig wunderbar!

Du bist so alt und ewig neu,

Spät liebt’ ich dich in meiner Treu’!“


Ich wünsche euch Künstlern auf der Welt,

Dass euer Pfad, der euch gefällt,

Zu jenem Ozean mög’ gehn,

Wo wir die ew’ge Schönheit sehn,

Wo Staunen wird zu trunk’ner Lust,

Zu unsagbarer Freud’ der Brust.


Ich wünsche euch, dass im Verlauf

Das Ostermysterium schlage auf:

Der auferstand’ne Christus-Held,

Den jetzt die Kirche feiert der Welt,

Inspirier’ eure Arbeit ganz,

Mit Seines Sieges Osteglanz.


Es schütze euch die Jungfrau rein,

Maria, die da glänzt im Schein,

Die Tota Pulchra ohne Fehl,

Die Malern war ein treu’ Juwel.

Der große Dante sah sie schon

Im Paradies auf Seines Thron’:

Als Schönheit und als Freuden-Quell’,

Die allen Heil’gen leuchtet hell.


„Aus dem Chaos taucht am End’

Die Welt des Geistes, die uns brennt.“

Aus diesen Worten, tief und schwer,

Die Adam Mickiewicz schrieb her,

Als Polen litt in großer Not,

Form’ ich den Wunsch, der sich euch bot:

Eure Kunst trag’ dazu bei geschwind,

Dass man die wahre Schönheit find’,

Die als ein Widerschein und Licht

Aus Gottes Geist die Materie bricht,

Sie ganz verwandelt in dem Lauf

Und Menschenherzen schließet auf,

Damit sie in dem Welten-Schmerz

Das Ew’ge spüren tief im Herz.


Das wünsche ich aus Herzensgrund,

Und mach’ es euch mit Segen kund!