BRIEFE ÜBER DEN PIETISMUS

VON TORSTEN SCHWANKE


NACH FRIEDRICH ENGELS



ERSTER BRIEF


Zwei Städte liegen lang im Tal,

Elberfeld, Barmen überall;

drei Stunden misst der breite Strang,

die Wupper zieht sich mittendrang.


Bald schleicht sie trüb, bald rauscht sie fort,

durch Bleichen, Werk und Fabrikort;

ihr Purpurrot – man glaubt es kaum –

stammt nicht von Schlacht, nicht Blut, nicht Traum.


Nicht Scham ist’s über Menschentreiben,

das Rot will einfach Farbe bleiben:

Türkischrot-Färber, Tag für Tag,

die geben ihr den bunten Schlag.


Von Düsseldorf her tritt man ein

bei Sonnborn in den heil’gen Hain;

die Wupper kriecht, verschlammt und matt,

und macht die Hoffnung gleich platt.


Die Berge stehen waldumsäumt,

mal sanft, mal schroff, wie hingeträumt;

bei Sonnenschein, so klar und hell,

verschwindet auch das Rot ganz schnell.


Dann sieht man bald, kaum um den Hang,

Elberfelds Türme, krumm und lang;

die Häuser ducken sich im Grün,

als wollten sie sich selbst entzieh’n.


Die katholische Kirche steht

fast vor der Stadt, als wär’s zu spät;

verbannt scheint sie aus heil’gen Mauern,

gebaut von Händen, die kaum trauern.


Byzantisch soll sie eigentlich sein,

doch schlecht gebaut, plump, krumm und klein;

die alte Kirche riss man ein,

fürs Rathaus, das noch nicht gedeihn.


Der Turm allein blieb stolz zurück,

als Kerker dient er nun dem Glück;

so hilft er doch dem Gemeinwohl mit,

auf seine Art, mit festem Tritt.


Ein großes Haus kommt dann in Sicht,

auf Säulen ruht sein Dachgewicht;

doch diese Säulen – welch ein Spaß –

sind unten dick wie Pharaos Maß.


Inmitten dorisch, oben fein

ionisch soll’s gewesen sein;

doch Piedestal und Kapitäl

ließ man weg – aus Geldmangel wohl.


Das Haus hieß einst Museum stolz,

doch blieben fort die Musen holz;

die Schulden blieben, schwer und groß,

so kam’s zur Auktion – famos.


Nun heißt es Kasino, frisch und leer,

der alte Name gilt nicht mehr;

so plump gebaut in jedem Teil,

man hält’s für’n Kamel im Abendheil.


Von nun an wird die Straße trist,

weil Elberfeld so öde ist;

das Rathaus, halb und schlecht gesetzt,

steht in der Gasse eingepferzt.


Doch bald erreicht man wieder Fluss,

und eine Brücke zeigt zum Schluss:

Jetzt kommt man nach Barmen hinein,

wo Häuser schöner, größer sein.


Die Straße wird zur Chaussee glatt,

mit Häusern, die Geschmack wohl hat;

die Bleichen liegen grün und weit,

die Wupper klar, die Berge breit.


Halbwegs der Allee sieht man dann

die Kirche Unterbarmens an;

byzantisch schön, mit edlem Sinn,

das beste Bauwerk weit und hin.


Doch bald wird’s wieder eng und grau,

die Schieferhäuser stehen genau;

doch mehr Abwechslung herrscht hier fort

als in Elberfelds ödem Ort.


Mal Bleiche frisch, mal Gartenstück,

mal Fluss, mal Haus im neuen Glück;

so weiß man nie, ob’s Stadt wohl sei

oder ein Dorfgewirr dabei.


Denn Barmen ist ein Sammelsurium,

ein Konglomerat – man glaubt’s kaum rum;

Gemarke, Mittelpunkt der Reformierten,

und Unterbarmen, nah den Quartierten.


Dann Rittershausen weiter fort,

mit Wichlinghausen links am Ort,

und rechts Hekinghausen, still und schön,

mit Rauhental, das man muss sehn.


Die Lutheraner haben zwei

Kirchen dort, ganz einerlei;

die Katholiken, arm gestreut,

sind zwei-, dreitausend weit und breit.


Hat man Rittershausen hinter sich,

so endet Bergland wunderlich;

der Schlagbaum zeigt’s dem Wanderbein:

Jetzt trittst du ins Westfälische ein.


So freundlich scheint das Tal zuerst,

doch wer hier wohnt, der weiß es: Dürst!

Denn Volksgeist, frisch und stark und klar,

wie sonst in Deutschland, fehlt wohl gar.


Zwar hört man abends lauten Sang,

die Burschen ziehn die Straßen lang;

doch sind’s die gröbsten Zotenlieder,

die branntweinheiß schallen hernieder.


Kein Volkslied, das das Herz erhebt,

kein Lied, das in der Seele lebt;

nur rohe Töne, dumpf und schwer,

als kämen sie vom Boden her.


Die Kneipen voll an jedem Tag,

besonders wenn’s zum Sonntag lag;

und wenn um elf der Zapfen fällt,

liegt man im Graben, wie’s gefällt.


Die schlimmsten sind die Karrenbinder,

ein Volk von ganz verkommenen Kindern;

kein Obdach, Arbeit, sichrer Lohn,

sie leben wild, wie’s kommt davon.


Bei Tagesanbruch kriechen sie

aus Ställen, Böden, irgendwo wie;

wenn nicht auf Düngerhaufen gar

die Nacht ihr hartes Lager war.


Die Obrigkeit hat jüngst versucht,

die Zahl zu mindern, die verflucht;

so hat man diesem Treiben nun

ein wenig Schranken angetan.


Die Gründe liegen offen da,

man sieht sie deutlich, Jahr für Jahr:

Das Fabrikwerk, dumpf und schwer,

nimmt Kraft und Lebenslust vermehrt.


In niedrigen, verrußten Räumen

kann niemand frei und kräftig träumen;

mehr Kohlendampf als Luft im Bauch,

das atmet man seit Kindheit auch.


Schon mit sechs Jahren schuftet man,

der Körper wird zum halben Mann;

die Kraft versiegt, die Brust wird eng,

das Leben wird ein kurzer Gang.


Die Weber, die zu Hause sitzen,

gebückt am Stuhl, mit heißen Hitzen,

der Ofen trocknet Mark und Sinn,

sie dämmern stumpf dem Ende hin.


Wer nicht dem Mystiker verfällt,

der greift zum Branntwein dieser Welt;

so teilt sich alles Volk im Tal

in „Feine“ – und in grobes Mahl.


Die Feinen, so die Mystiker,

die andern liederlich daher;

zwei Lager, feindlich, krank und schwach,

und keines bringt den Geist hervor.


Denn beide sind von Schwindsucht hohl,

und Hoffnung fehlt dem Volk wohl voll;

was soll da wachsen, stark und frei,

wenn alles krank ist, einerlei?


Die kräft’gen Männer, die man sieht,

sind Fremde meist, die hierher zieht;

ein Schreiner, Schmied aus andrem Land,

der hält sich noch mit starker Hand.


Die Gerber, die hier eingeboren,

sind kräftig nur in frühen Jahren;

drei Jahre Arbeit reichen hin,

sie körperlich zu brechen drin.


Von fünf, so sagt man, sterben drei

an Schwindsucht früh und sorgenfrei;

und alles kommt vom Branntwein her,

der frisst die Brust und frisst noch mehr.


Doch wär’s nicht so zum Fluch gediehen,

wenn Fabrikherren anders stünden;

denn deren Unsinn, hart und blind,

macht Elend groß, wo Kinder sind.


In Elberfeld allein, man spricht,

sind zweitausendfünfhundert Pflicht

an schulpflichtigen Kindern da –

doch zwölfhundert sieht man nicht.


Sie schuften in Fabriken schwer,

damit der Herr nicht zahlen mehr

dem Mann, der sonst die Arbeit tut –

ein Kind ist billig, das steht gut.


Die reichen Herren, fromm im Schein,

die gehen sonntags brav hinein

in Kirche, zweimal, ohne Last –

doch lassen Kinder zugrund’ gehn fast.


Die Pietisten unter ihnen gar

sind schlimmste Herren, Jahr für Jahr;

sie kürzen Lohn, sie drücken nieder,

und predigen Moral daneben wieder.


Bei Predigerwahl, so hört man sagen,

sind sie die ersten, die betragen

sich so, dass sie die Leute kaufen,

um ihren Mann nach vorn zu laufen.


Am schlimmsten wütet Mystik dort

bei Handwerkern an jedem Ort;

die Fabrikherren zählt man nicht,

die sind ein eigner Widerspruch.


Ein trauriger Anblick ist’s, wenn dann

ein solcher Mensch, gebückt voran,

im langen Rock, das Haar gescheitelt,

wie Pietist durchs Städtchen eilt.


Wer sie jedoch erkennen will,

der geh in Werkstatt, ruhig, still:

in Schuster-, Schmiede-, dunkle Räume,

da sieht man ihre wahren Träume.


Der Meister sitzt, die Bibel rechts,

den Branntwein links, so ist’s gerecht;

vom Arbeiten sieht man nicht viel,

das Lesen ist des Tages Ziel.


Ein Lied erklingt, ein Schluck dazu,

und stets verflucht man ohne Ruh

den Nächsten, der nicht fromm genug –

so wächst der Hass im frommen Zug.


Die Bekehrungswut ist groß und wild,

man rührt sich selbst zu Tränen mild;

besonders Säufer werden gern

bekehrt – doch bleiben sie wie fern.


Denn diese Proselyten sind

entnervt, geistlos, wie schwaches Kind;

sie weinen oft, bekehren sich,

und treiben heimlich weiter sich.


Vor Jahren kam ein Mann daher,

ein „Pastor Jürgens“, wie man’s hör;

ein Amerikaner, so hieß es schnell,

und alle dachten: braun und hell.


Doch weiß war er, und predigte so,

dass alle weinten ebenso;

und wenn die Mittel nicht mehr zogen,

fing er selbst zu wimmern an, verbogen.


Die Kirche war bis oben voll,

die Gläubigen fanden’s wundervoll;

die Vernünftigen, die widersprachen,

die ließ man als Gottlose krachen.


Bald hielt er Konventikel fein,

bekam Geschenke groß und klein;

er lebte herrlich, ohne Müh,

und alle glaubten: „Der ist kühn!“


Man hielt ihn für Propheten fast,

der neues Jerusalem erbaut mit Last;

doch plötzlich kam die Wahrheit raus –

und warf ihn aus dem frommen Haus.


Was in den Kreisen war geschehen,

das konnte niemand übersehen;

man setzte ihn fest, und in Hamm sodann

tat er Buße ein paar Jahre lang.


Dann ließ man ihn mit Gnade frei,

versprach Besserung – einerlei;

und schickte ihn nach Amerika fort,

zurück an seinen alten Ort.


Man hörte auch, er habe schon

in Westfalen geübt die Kunst davon;

doch ließ man ihn dort laufen frei,

aus Schwäche der Behörd’ dabei.


In Elberfeld hat er sodann

dem liederlichen Leben Bann

gegeben, durch erneuten Schwung –

doch bald war’s aus, und er war jung.


Als offenbar ward, was geschehen,

da wollte keiner mehr ihn sehen;

vom Libanon bis Salzmeer hin,

das heißt vom Berg bis Sonnborn hin,

da fiel das Volk von ihm herab,

und keiner gab ihm noch ein Grab.


Der Mittelpunkt der Frömmelei

liegt Elberfelds Gemeind’ dabei;

die Reformierten, streng und hart,

sind Calvinisten alter Art.


In jüngster Zeit, durch Prediger vier,

ist’s schlimmer noch als je zuvor hier;

die Bigotterie, so schroff und blind,

dass Papisten kaum noch strenger sind.


Da hält man Ketzergerichte ab,

in jeder frommen Abendklapp;

da wird der Wandel streng geprüft,

ob einer auch recht heilig hüpft.


„Der liest Romane!“, ruft man laut,

„obwohl christlich drauf steht, vertraut

der Pastor Krummacher hat gesagt:

Romanen sind gottlos, unverzagt!“


Und geht wer gar ins Konzert hinein,

so schreit man: „Sünde! Greulich! Nein!“

und schlägt die Hände überm Kopf,

als wär’s der Hölle erster Tropf.


Ein Prediger, der nicht exakt

die Lehre teilt, wie’s ihnen passt,

gilt gleich als Rationalistenschreck,

und wird beäugt vom Rock bis Fleck.


Ist seine Hose nicht ganz schwarz,

so fehlt ihm schon der rechte Ernst;

und trägt er gar ein Blau dabei,

so ist er rational – oh wei!


Und glaubt er nicht Prädestination,

so heißt es gleich in ihrem Ton:

„Der ist fast schlimm wie ein Lutheraner,

und der ist kaum besser als ein Papist, der arme!“


Und Katholiken, so ruft man dann,

sind Götzendiener jedermann;

von Natur verdammt, so spricht

das unwissende Volk im Licht.


Denn diese Leute wissen kaum,

ob Bibel hebräisch oder chinesisch kaum;

sie glauben blind, was einer spricht,

den man als orthodox ans Licht.


Der Geist war alt, seit Reformation

hier oben hatte ihren Thron;

doch blieb er still, bis Krummacher,

der alte G. D., kam daher.


Er hegte ihn mit frommer Glut,

und bald stand Mystik hoch im Blut;

doch starb er, eh die Frucht gereift,

die jetzt sein Neffe weiter treibt.


Dr. Friedrich Wilhelm Krummacher,

der schärfte Lehre immer nach;

so scharf, dass man nicht sagen kann,

ob’s Unsinn ist oder Gottes Bann.


Die Frucht ist reif, doch keiner mag

sie pflücken an dem frommen Tag;

so wird sie wohl, wie’s Früchte tun,

verfaulen still in spätern Stund’.


G. D. Krummacher, Bruder dort

des Bremer Doktors, starb am Ort;

nach langer Amtszeit, streng und rau,

so kannte man ihn ganz genau.


Vor zwanzig Jahren predigt’ einer

in Barmen etwas sanfter, kleiner

von Prädestination als er –

da tobte gleich die fromme Schar.


Sie rauchten in der Kirche laut,

sie machten Lärm, sie schrien vertraut;

sie wollten ihn am Pred’gen hindern,

und Obrigkeit musst’ eingreifen lindern.


Da schrieb Krummacher einen Brief,

so grob, so hart, so voller Hieb,

wie Gregor Sieben an Heinrich einst,

wenn du die alten Briefe kennst.


Er befahl, die Mucker frei zu lassen,

sie würden nur das Evangelium fassen;

er predigte’s auch, doch man lachte bloß,

und hielt ihn für kurios und groß.


Von ihm erzählt man tausend Stück,

Anekdoten voller Witz und Glück;

man hält ihn entweder für Sonderling

oder für groben Menschenring.


Dr. Friedrich Wilhelm, groß und breit,

ein Mann von vierzig Jahreszeit;

doch seit er hier in Elberfeld,

wächst er im Umfang wie ein Held.


Sein Haar trägt er auf eigne Weise,

so sonderbar, so ohne Gleise;

die Jünger tun es alle nach,

vielleicht wird’s Mode noch einmal.


Als Student war er Demagog’,

schrieb Freiheitslieder, stark genug;

auf Wartburg trug er Fahne stolz,

hielt Reden, frei wie deutscher Stolz.


Jetzt nennt er diese Jahre gern

„die Zeit bei Hethitern und Kanaanern“;

so spricht er’s oft von Kanzel aus,

und lächelt still dabei hinaus.


In Barmen wurde er gewählt,

und bald hat er die Welt geteilt:

die Strengen gegen die Gelinden,

die Prädestinatianer drinnen.


Ein alter Lutheraner einst,

ein wenig trunken, wie man’s meint,

kam über eine Brücke schief,

die baufällig und morsch im Griff.


Er dachte: „Gehst du drüber hin,

und fällst hinein, so sagen sie drin:

Es musste so sein, Gott hat’s gewollt –

und das wär’ Triumph, den ich nicht zollt’.“


So kehrt’ er um, suchte seichte Stelle,

watete durch, bis an die Welle;

und freute sich im Herzen sehr,

dass er den Reformierten nichts beschert.


In Elberfeld ward frei ein Platz,

da rief man Krummacher in Satz;

in Barmen schwand der Zwist sodann,

doch Elberfeld fing erst recht an.


Schon seine erste Predigt dort

erregte Zorn und Jubel fort;

die einen tobten, andre glühten,

und beide Seiten sich bemühten.


Bald hatte jeder Prediger

sein eignes kleines Hörerkorps;

obgleich sie alle gleich gedacht,

hat jeder seine Schar gemacht.


Doch später wurde man es leid,

das ewige Schreien weit und breit:

„Ich bin krummacherisch!“ – „Ich kohlisch!“ –

das klang zuletzt nur noch parodisch.


Nicht Friedensliebe war der Grund,

nein, weil die Parteien, kunterbunt,

sich immer schärfer trennten dann,

ließ man das Schreien irgendwann.


Krummacher ist, man leugnet’s nicht,

ein Redner mit poetischem Gewicht;

nie langweilig, stets gut gebaut,

der Faden sicher, fest vertraut.


Besonders stark in dunklen Bildern,

in Höllenschau’n und finstern Schildern;

so oft er’s malt, so kühn und neu,

dass jedem frommen Herz wird scheu.


Doch hält er sich zu oft und viel

an biblischem Gleichnis, Bild und Stil;

und wenn’s auch geistreich angewandt,

so wird’s zuletzt doch abgebrannt.


Dann bringt er plötzlich, ohne Scheu,

ein prosaisches Alltagsstück herbei;

erzählt von Reisen, kleinen Dingen,

die kaum ein Prediger würd’ bringen.


Neulich gab er in zwei Predigten

die Schweiz und Württemberg zu wittern;

erzählte stolz von Disputieren

mit Paulus, Strauß und andern Tieren.


Doch Strauß, so sagt man, schrieb im Brief

ganz anders, wie der Streit verlief.


Die Deklamation ist oft sehr gut,

mit Feuer, Kraft und Predigermut;

doch manchmal wird’s manieriert und schief,

dass man vor lauter Form fast schlief.


Dann rennt er wild auf Kanzel hin,

beugt sich nach allen Seiten hin;

schlägt auf den Rand, stampft wie ein Pferd,

dass draußen man zusammenfährt.


Da fangen Mädchen an zu weinen,

die alten Weiber heulen greinen;

die Branntweinpietisten stöhnen,

als wollt’ der Geist sie ganz verhöhnen.


Und durch das Heulen, durch das Beben

tönt seine Stimme, stark wie Leben;

er malt Verdammnis, Teufelsfratzen,

dass selbst die Härtesten ermatten.


Und nun die Lehre – welch ein Schlag!

Man fasst nicht, was er glauben mag;

denn was er predigt, steht im Streit

mit Bibel, Herz und Menschlichkeit.


Doch hat er’s scharf herausgeformt,

konsequent bis ins Letzte normt;

denn wenn man erst die Basis nimmt,

dann folgt, was folgt, ganz unverstimmt.


Der Mensch kann nichts aus eigner Kraft,

nicht wollen, tun, nicht Leidenschaft;

drum muss Gott selbst ihm Fähigkeit geben,

sonst bleibt er tot in seinem Leben.


Und weil der Mensch nicht wollen kann,

so zwingt Gott selbst den armen Mann;

und weil Gott frei ist in der Wahl,

so wählt er willkürlich einmal.


Die wenigen Erwählten sind

gerettet, ob sie wollen, blind;

die andern aber, ach wie schwer,

die sind verdammt – auf ewig mehr.


„Auf ewig?“ – „Ja, auf ewig!!“ ruft

Krummacher, dass es durch die Luft

wie Donnerschlag die Kirche füllt,

und jedes Herz vor Schreck erstillt.


Die Helden, die von Christus nichts

erfahren konnten – welch ein Witz! –

die sind nur da, so spricht er kühn,

um Höllenglut mit Fleisch zu blühn.


Die vielen Christen, die berufen,

sind nur zum Schein von Gott gerufen;

er hütet sich, sie stark zu rühren,

damit sie nicht zur Gnade führen.


Und weil die Weisheit Gottes Torheit

den Klugen ist, so wird’s zur Vorzeit

Gebot für Mystiker sodann,

den Glauben unsinnig zu spann’n.


Wie das mit Aposteln stimmt,

die von Vernunft und Klarheit sind,

das bleibt ein Rätsel, hoch und fern,

das keiner löst, der denken lern’.


Solche Lehren verderben sehr

die Predigt, die sonst glänzend wär’;

nur wenn er spricht von Fürstenstolz

und Christi Armut, schlicht und stolz,


da bricht ein Strahl der alten Zeit,

der Demagogie, durch Dunkelheit;

und spräch’ er nicht so allgemein,

so würd’ die Obrigkeit nicht schweigen.


Doch ästhetisch schätzt man ihn kaum ein,

denn seine Kollegen, groß und klein,

erscheinen neben ihm wie Nullen,

die nur den Platz der Kanzel füllen.


Die erste Null heißt Kohl beim Namen,

und seine Predigt – Kohl zusammen;

die zweite Hermann, nicht verwandt

mit jenem, dem man Denkmal fand.


Die dritte Ball – Krummachers Spielball,

orthodox, doch ohne Widerhall;

sie treten nach, was er schon tritt,

und folgen seinem Schatten mit.


Die Lutheraner sind sodann

Sander und Hülsmann, Mann für Mann;

einst stritten sie wie Hund und Katz,

doch jetzt herrscht Frieden, immerhin.


Die Pietisten aber stacheln gern

die Zwietracht wieder an, nicht fern;

sie werfen Hülsmann manches vor,

und hoffen auf den alten Chor.


Der dritte ist Döring, sonderbar,

zerstreut wie keiner sonst sogar;

er spricht drei Sätze nie in Reih’,

doch macht aus dreien gern auch zwei.


Und manchmal aus drei Teilen vier,

indem er wiederholt dafür;

probatum est – so sagt man leis,

und lächelt über seinen Fleiß.


In Barmen sind die Pfarrer gleich,

streng orthodox, im Eifer reich;

ein jeder trägt, mit mehr Gemisch,

den Pietistenhauch bei sich.


Nur Stier in Wichlinghausen dort

ist etwas anders noch im Wort;

Jean Paul, so sagt man, kannte ihn

als Knaben schon mit klarem Sinn.


In Frankleben war er Pfarrer dann,

schrieb manches Buch als junger Mann:

ein neues Werk zum Katechismus,

ein Hilfsbuch für den Lehrerdrismus.


Auch schrieb er über Liedernot

in Sachsens Kirchen – trocken Brot;

doch lobte ihn die Kirchenzeitung,

die liebt ja jede Orthodoxleitung.


Vernünft’ger war’s als manches Lied,

das man im Wuppertale sieht;

doch auch bei ihm, trotz klarem Ton,

fand sich manch leerer Machtspruch schon.


Die Gedichte aber – ach, wie schwer!

so langweilig, so ohne Flair;

und dann das große Meisterstück:

er machte Schiller orthodox zurück.


Aus „Göttern Griechenlands“ zum Beispiel

ward plötzlich frommer Kirchenstil;

er drehte heidnisch, frei und klar

zu Mystik um – wie wunderbar!


Seit einem halben Jahr nun steht

Stier dort, wo einst Sander geht;

doch hat er, trotz der langen Feder,

die Barmer Schriftwelt nicht veredelt.


Bei Elberfeld, nicht weit vom Tal,

liegt Langenberg im gleichen Mahl;

dieselbe Industrie, derselbe Geist,

der fromm die Welt in Stücke reißt.


Dort steht Emil Krummacher nun,

des Friedrich Wilhelms Bruder schon;

nicht ganz so schroff im Prädestieren,

doch eifrig im Nachahmungsführen.


In seiner Weihnachtspredigt spricht

er so, dass selbst der Himmel bricht:


„Wir sitzen hier auf Holzbank zwar,

doch schwingt der Geist sich wunderbar

mit Millionen Gläub’gen hin

zum heil’gen Berg im frommen Sinn.


Dort hört er Engelsjauchzen hell,

steigt dann hinab nach Bethlehem schnell;

und sieht im Stall, so arm und klein,

die Krippe voller Armut sein.


Und auf dem armen, armen Stroh

liegt armes Heu – und ebenso

das arme Kind in Windeln arm,

der reiche Herr der Welt – welch’ Charme!“


So predigt er, mit „arm“ und „arm“,

bis selbst der Stall wird warm und warm.


Das Missionshaus wär’ auch zu nennen,

doch kann man’s leicht am Klang erkennen:

die „Harfenklänge“ eines Manns,

Exmissionärs, verraten ganz,


was dort für Geist und Tonfall herrscht,

wie man die Welt in Stücke zerscherzt.


Der Inspektor, Dr. Richter zwar,

ist klug, gelehrt, ein selt’ner Narr;

ein Orientalist von Rang,

Naturforscher mit Forscherdrang.


Er gibt auch eine Hausbibel raus,

erklärt sie fein für jedes Haus.


Das ist der Pietisten Lauf

im Wuppertal – man fasst es kaum;

man glaubt nicht, dass in unsrer Zeit

solch’ Wesen noch die Köpfe schreit.


Doch scheint es, dass der alte Fels

des Obskurantismus, hart und selts,

dem Strom der Zeit nicht widersteht,

der Sand verrinnt, der Fels vergeht.


Und wenn er stürzt, so fällt er groß,

und reißt viel altes Dunkel los.






ZWEITER BRIEF


Wo Pietisten-Geist regiert,

da wird die Gegend ganz verführt.

Er breitet sich nach allen Seiten

und tut Verderben zäh bereiten;

er dringt in jede Lebensbahn,

packt ganz besonders Schulen an.

Die Volksschul’ ist sein liebstes Feld,

das er in fester Klammer hält.

Ein großer Teil gehorcht ihm ganz:

die Kirchschul’ glänzt im Frommen-Glanz,

wie sie in jeder Stadtgemeinde

erwächst als freier Geister Feinde.


Doch gibt es noch ein andres Heer

von Schulen, die ein wenig mehr

der Zivil-Verwaltung unterstehen,

wenngleich Scholarche drübersehen.

Hier merkt man gleich des Mystizismus

reaktionären Anachronismus!

Denn auf der Kirchschul’ lernt man matt

nur das, was man anno dazumal hat

beim Kurfürst Karl Theodor getrieben:

beim Schreiben, Lesen, Rechnen blieben

die Kinder, und als höchstes Gut

bläut man den Katechismus gut.


Die andern Schulen bieten mehr:

Ein wenig Wissenschaft muss her,

sogar Französisch lehrt man dort;

die Schüler treibt es fleißig fort,

sich selbst noch weiterzubilden,

wenn sie die Schulzeit frisch erfüllten.

Seit Preußens Hand das Land regiert,

wird dieser Fortschritt angeführt;

die Kirchschul’, einst weit vorn im Rang,

fiel ab in diesem Übergang.


Doch wird die Kirchschul’ mehr besucht,

weil man dort billig lernt und flucht

auf weltlich’ Sinnen und Verstand.

Die Eltern schicken in das Land

der Frömmigkeit die Kinder gern,

denn Fortschritt hält vom Glauben fern.


Drei höhere Schulen nährt das Tal,

das Wupper-Volk hat diese Wahl:

Zu Barmen steht die Stadtschul’ frei,

in Elberfeld gibt’s deren zwei,

die Realschul’ und das Gymnasium,

da schaut sich mancher Schüler um.


Die Barmer Schul’ hat wenig Geld,

weshalb es um Lehrer schlecht bestellt.

Doch tut sie, was sie eben kann,

stellt ihren Mann so gut es ging.

Ein Kuratorium, geizig, dumm,

dreht jeden Pfennig dreimal um;

und weil sie Pietisten sind,

wird nur gewählt, wer gläubig, blind.


Der Herr Direktor teilt zwar fein

auch diese fromme Richtung ein,

doch führt das Amt mit festem Sinn,

weist jedem Ort und Arbeit hin.

Ihm folgt Herr Johann Jakob Ewich,

an Büchern hält er treulich sich;

im Fach Geschichte, sonder Zweifel,

treibt er mit Nösselts Anedoten-Eifer

den Unterricht nach festem Plan.

Er zog als Autor auf die Bahn,

schrieb Pädagogik bandeweise:

Sein Hauptwerk „Human“ lobt er leise,

erschienen in Wesel bei Bagel fein,

zwei Bände, vierzig Bogen rein,

ein Taler kostet dieser Traum,

voll frommer Wünsche im Geistesraum.

Ideen hoch und unerreichbar –

die Praxis, sagt man, sei nicht vergleichbar,

sie bleibe hinter dieser Pracht

der schönen Theorie im Schacht.


Dr. Philipp Schifflin, zweiter Mann,

ist der, der dort am meisten kann.

Vielleicht dringt keiner in dem Land

in das Französische mit Verstand

so tief wie er; er mied den Pfad,

der vom Altromanischen her naht.

Er nahm Voltaires Jahrhundert her,

die Klassik war ihm Lehr’ und Wehr,

und stieg von da zum Stil der Neuen.

Sein Werk wird keinen Leser reuen:

Drei Kurse hat er aufgeschrieben,

wovon zwei schon im Drucke blieben

in mehrfacher Auflage; der dritte,

der kommt zu Ostern in die Mitte.

Es ist, nach Knebels Werk fürwahr,

die beste Grammatik, frisch und klar!

Sie fand sogleich Applaus und Ehr’,

verbreitet sich im Lande sehr,

nach Ungarn dringt sie, und geschwind

nach Osten, wo die Ostseeprovinzen sind.


Die andern Lehrer, jung und frisch,

sind Seminaristen am Tisch.

Manch einer hat sich gut bewährt,

manch andrer wirr im Kopfe fährt,

schwanger mit Chaos-Wissenschaft.

Herr Köster war voll Geisteskraft,

der beste von den Jungen dort,

Freiligraths Freund an jedem Ort.

Er schrieb ein Lehrprogramm voll Mut,

ein Abriß der Poetik, gut,

schloss didaktische Poesie ganz aus,

macht’ Epik, Lyrik draus ein Haus.

Der Aufsatz zeigte klaren Sinn.

Nach Düsseldorf zog es ihn hin,

und weil das Kuratorium sah,

dass er der Frömmigkeit nicht nah,

ließ man den Gegner dieser Richtung

gern ziehen zu der neuen Dichtung.


Den Gegensatz zu ihm beweist

ein Lehrer, stumpf im Geistes-Geist:

Als ein Quartaner fragt’ im Saal,

wer Goethe war, rief er fatal

und gab zur Antwort diesem Knaben:

„Ein gottlos’ Mann, den wir da haben!“


Die Realschul’ in Elberfeld

besitzt dagegen gutes Geld;

sie wählt drum Lehrer mit Geschick,

der Kursus bietet reiches Glück.

Doch herrscht dort eine Plackerei:

Das Heftaufschreiben ist die Schinderei!

Ein Schüler wird in halbem Jahr

durch diesen Stumpfsinn dumm fürwahr.


Vom Direktor spürt man selten was,

er reist herum ohn’ Unterlass,

ist halbe Jahre gar nicht da.

Und wenn er kommt, ist Strenge nah:

Mit Übereifer straft er dreist.

Die Gewerbschul’, die daneben kreist,

lässt Schüler halbe Leben lang

nur zeichnen, bis zum Untergang.


Von Lehrern ist Herr Kruse hier

erwähnenswert auf dem Papier:

Sechs Wochen war in England er,

schrieb gleich ein Werklein kreuz und quer

von der Aussprache, kurz und klein;

doch unbrauchbar konnt’ es nur sein!

Der Schüler Ruf ist denkbar schlecht,

Herr Diesterweg beklagt sie recht:

Die Jugend hier in Elberfeld

ist wild und taugt nicht für die Welt.


Das Gymnasium in Elberfeld

hat wahrlich sehr bedrängtes Geld,

doch zählt es, wie man weithin sieht,

zum Besten im preußischen Gebiet.

Es ist der Reformierten Eigen,

die hier jedoch kaum Mucken zeigen;

ihr Mystizismus stört hier kaum,

die Prediger meiden diesen Raum.

Auch die Scholarchen, stumpf und schlicht,

verstehen von Gymnasien nicht

das Mindeste – doch oh Verdruss:

Vom Geizen wissen sie im Fluss!

Vom preuß’schen Bildungswert fürwahr

ist diesen Herren gar nichts klar.

Sie wollen nur die Realschul’ mätten,

mit Geld und Schülern sie erretten,

und werfen dem Gymnasium vor,

dass Schulgeld nicht die Kosten schor.

Jetzt wird verhandelt mit dem Staat,

der gern die Schul’ im Rate hat;

denn käm’ es nicht zum Übergang,

wär’ bald der Mittelmangel bang,

die Schule müsste, sonder Zweifel,

suspendiert werden vor dem Teufel.


Die Lehrerwahl liegt ganz und gar

in der Scholarchen-Greisen-Schar.

Es sind dies Leute, die adäquat

ein Hauptbuch führen im Spagat,

doch von Latein und Griechenland,

auch von Mathese, kein Verstand!

Ihr Hauptprinzip bei jeder Wahl:

„Ein reformierter Stümper allemal

ist uns viel lieber und bequemer,

als Lutheraner und Vernehmer

aus der kathol’schen Geisteswelt!“

Doch weil Preußens Philologen-Geld

meist lutherisch im Glauben steht,

dies Prinzip fast nie in Erfüllung geht.


Dr. Hantschke, königlicher Mann,

als Chef provisorisch obenan,

stammt aus Luckau in der Lausitz her,

schreibt Ciceros Latein gar sehr

in Versen und in Prosa-Pracht.

Er hat auch Predigten gemacht,

schrieb Pädagogik und dazu

ein hebräisch’ Übungsbuch im Nu.

Er wär’ schon längst Direktor fest,

wenn man Lutheraner gelten lässt

und das Scholarchat nicht so sehr

vom Geize ganz besessen wär’.


Dr. Eichhoff, zweiter Oberlehrer,

war ein lateinischer Vermehrer;

mit Dr. Beltz, dem jüng’ren Mann,

wirft er ein Grammatikbuch auf die Bahn.

Doch F. Haase in der Zeitung fand

das Werklein nicht sehr elegant.

Eichhoffs Talent, das muss man loben,

ist ganz im Griechischen oben gewoben.


Dr. Clausen, dritter im Bunde hier,

ist der Tüchtigste auf dem Papier,

ja, in der ganzen Schule weit,

bewandert in Gelehrsamkeit.

In der Geschichte, Literatur,

folgt man der ausgezeichneten Spur.

Sein Vortrag ist von selt’ner Pracht,

er ist’s, der Poesie entfacht

in manchem jungen Schülergeist,

der sonst so elendiglich verreist

und ganz im Stumpfsinn müsst’ erlahmen

bei Wuppertals Philister-Namen.

Als Schreiber trat er, wie ich weiß,

nur einmal auf mit Fleiß und Schweiß:

„Pindaros der Lyriker“ hieß das Stück,

ein Schulprogramm voll Geistesglück.

Es brachte großen Ruf ihm ein,

bei Lehrern in und außerhalb fein;

im Buchhandel, wie sich’s versteht,

man diese Schrift vergeblich späht.


Das Leben und die Bildung im Tale

Erst seit dem Jahre Zwanzig gar

gibt es diese drei Schulen bar.

Zuvor stand hier an jedem Ort

nur eine Rektoratschule dort,

dazu Privat-Institute haufen,

wo Bildung nicht solide konnt’ laufen.

Die Nachwirkung spürt man noch heut’

bei älteren Kaufleuten, liebe Leut’!

Von echter Bildung – keine Spur!

Wer Whist und Billard spielet nur,

ein bisschen politisch reden kann,

ein Kompliment macht an den Mann,

das gilt im Barmer, Elberfeld’schen Land

als Mann von Bildung und Verstand!


Es ist ein schrecklich’ Leben zwar,

das diese Menschen führt von Jahr zu Jahr,

und doch sind sie so froh dabei!

Den Tag verfängt die Zählerei

in ihren Konten, wild und heiß,

mit einem Eifer, wie ich’s weiß,

den man kaum glauben möchte recht.

Am Abend zieht das ganze Geschlecht

zur festen Stund’ in die Gesellschaft ein,

um dort bei Karten froh zu sein,

zu rauchen und zu politisieren,

bis neun Uhr schlägt an allen Türen;

dann rennt ein jeder schnell nach Haus.

So geht es Tag für Tag hier aus,

ohn’ Änderung im Lebenslauf!

Und wehe dem, der bricht hier auf,

wer diesen Kreisen kommt dazwischen,

den wird der Adel der Häuser verwischen!


Die Jungen werden von den Vätern

schon früh gezogen zu den Getretern,

sie lassen sich auch willig an,

zu werden wie der alte Mann.

Ziemlich einförmig ist ihr Reden:

Die Barmer sprechen von Pferden jedem,

die Elberfelder von Hunden frei,

und kommt es hoch, ist Plauderei

von Schönheiten und dem Geschäft,

das ist es, was sie zusammenheft’t.

Nur alle halbe Hundert Jahr’

spricht man von Literatur sogar!

Doch meinen sie damit geschwind

nur Paul de Kock und sein Gesind’,

Marryat, Tromlitz, Nestroy eben,

die ihnen diesen Namen geben.


In Politik sind sie Preußen gut,

weil Preußen sie regieren tut.

A priori ist der Liberalismus

ihnen ein Gräuel und Gewissmus,

solang’ Se. Majestät gefällt,

dass man den Code Napoleon hält;

denn nähme man ihnen dieses Recht,

wär’s mit dem Patriotismus schlecht!


Vom „Jungen Deutschland“ weiß man nichts,

man sieht es nur im Dunkel des Lichts

als eine Geheimbündelei,

wie Demagogen-Schinderei,

wo Heine, Gutzkow, Mundt als Chefs

regieren diese Schar des Treffs.

Manch edler Jüngling las zwar fein

von Heine die „Reisebilder“ ein,

ließ die Gedichte darin aus,

las „Denunzianten“ noch zu Haus;

doch von den andern herrscht im Sinn

nur dunkler Pfarrer-Quatsch darin.


Herr Freiligrath ist wohlbekannt,

als guter Kumpel hier genannt.

Als er nach Barmen kam gerannt,

wurde er vom „grünen Adel“ überspannt

(So nennt er das junge Kaufmannsvolk),

das ihn besuchte wie ein Molk.

Doch bald hat er ihr’n Geist erkannt

und sich von ihnen abgewandt.

Sie aber folgten ihm mit Macht,

lobten die Verse, die er gemacht,

auch seinen Wein und wollten dringen,

Brüderschaft mit ihm zu besingen,

mit einem, der was drucken ließ!

Denn weil der Geist hier unten fies,

ist ihnen ein Dichter völlig gleich,

doch ein „Schriftsteller“ gilt als reich.


Nach und nach brach Freiligrath dann

den Umgang ab mit jedermann,

verkehrt nur noch mit wen’gen hier,

seit Köster fort ist vom Revier.

Seine Prinzipale im Kontor

waren stets freundlich ihm im Ohr;

in ihrer Lage, die prekär,

behielten sie die Haltung ehr’.

Merkwürdig ist: Als Arbeiter dort

ist er exakt an jedem Ort,

fleißig am Pult, wie man es will.

Von seiner Dichtung schweig’ ich still;

das wäre völlig überholt,

da Dingelstedt ihn schon verkohlt

und auch Carrière im Berliner Blatt

ihn ganz genau beurteilt hat.


Doch scheint mir, dass die beiden hier

vergessen haben auf dem Papier,

wie sehr er an der Heimat hängt,

wenn er auch in die Ferne drängt!

Darauf deuten die Märchen hin,

die oft erscheinen im Gedicht-Sinn:

Die Unkenkönigin, Snewittchen fein,

und im Gedicht „Im Walde“ rein.

Er ahmt auch Uhlands Töne nach

(Der Edelfalk bricht durch das Dach,

Die Schreinergesellen merkt man sich,

auch Feldherrngräber erinnern dich

nur zu seinem Vorteil an ihn),

„Die Auswanderer“ zeigen den Sinn,

und vor allem sein „Prinz Eugen“,

den kann man unübertrefflich sehn.

Auf diese Punkte achte man recht,

je mehr er in die Ferne fecht’t.

Ein tiefer Blick in sein Gemüt

auch im „Ausgewanderten Dichter“ blüht,

besonders im Morgenblatt-Fragment;

da fühlt er schon am End’ vom End’,

dass er in der Ferne nicht heimisch mag sein,

wurzelt er nicht in deutscher Dichtung allein.


Im Wuppertal, wie man bemerkt,

die Journalistik sich verstärkt;

sie nimmt den allerhöchsten Rang

in dieser Gegend Geistesgang.

Obenan steht mit gutem Ruf,

was Dr. Martin Runkel schuf:

Die „Elberfelder Zeitung“ frei,

sie war das Beste von den zwei,

die man zu einer einst verschmolz,

drauf ist der Herr Redaktor stolz.

Zwar fing es unter Vorzeichen an,

die unbegünstigt für den Mann;

die „Barmer Zeitung“ kam geschwind

als Konkurrenz im Gegenwind.

Doch Runkel hat durch eigne Post

und Leitartikel ohne Rast

das Blatt nach oben hin gebracht,

zur ersten Zeitung in der Pracht

des ganzen preußischen Gebiets,

trotz mancher Feinde des Dekrets.

In Elberfeld liest zwar fast kein Mensch

die Leitartikel, voller Flensch,

doch auswärts fand sie Ehr’ und Lob,

weil auch die „Staats-Zeitung“ stob

und tief in den Verfall geriet.

Das „Intelligenzblatt“, wie man sieht,

als Beilage für Belletristik,

bleibt auf dem Niveau der Statistik.


Die „Barmer Zeitung“ wechselt’ oft

Zensoren, Schreiber, wie erhofft;

jetzt führt H. Püttmann dort das Wort,

der rezensiert an manchem Ort

(auch in der „Abendzeitung“ drin).

Er hätt’ das Blatt gern mit Gewinn

gehoben, doch des Druckers Geiz

raubt dieser Arbeit jeden Reiz;

ihm sind die Hände fest gebunden.

Das Feuilleton hat nicht gefunden

den Weg zum Ruhm durch sein Gedicht,

Auszüge helfen hier auch nicht.

Der „Wuppertaler Lesekreis“,

der sie begleitet, wie ich weiß,

nährt sich fast nur von dem, was halt

„Europa“ bietet von Lewald.


Dazu kommt noch, frisch auf den Tisch,

der „Tägliche Anzeiger“ frisch,

nebst „Fremdenblatt“, aus Elberfeld;

es ist zur Welt heraufgestellt

als Kind der „Dorfzeitung“ fürwahr.

Unübertrefflich reimt die Schar

dort herzensbrechende Gedichte

und schlechte Witze der Geschichte.

Das „Barmer Wochenblatt“ sodann

ist eine Nachtmütz’ für den Mann;

die pietistischen Eselsohren

sind unter der Löwenhaut verloren

und schauen alle Augenblick’

aus Belletristik-Quatsch zurück!


Die andr’ Literatur im Tal

ist in der Prosa eine Qual:

Nimmt man Theologie und Frömmelei,

dazu Geschichtchen-Schreiberei

von Barmen und von Elberfeld

(die oberflächlich hergestellt),

so bleibt am Ende gar nichts mehr.

Doch Poesie blüht umso mehr!

Im „gesegneten Tale“ wohnt im Haus

manch Dichterling und schaut heraus.


Wilhelm Langewiesche, Kaufmann hier

für Bücher, Barmen auf Papier

und Iserlohn, schreibt unter’m Namen

„W. Jemand“, wie sie alle kamen.

Sein Hauptwerk ist, o weh, o weh,

eine didaktische Tragödie:

„Der ewige Jude“ heißt das Stück,

doch reicht es nicht an Mosen zurück.

Als Händler schlägt er die Rivalen,

Hassel und Steinhaus, ohne Qualen;

denn diese zwei verlegen nur,

was Pietismus auf der Spur.

Herr Freiligrath wohnt mietefrei

in diesem Hause auch dabei.


Karl August Döring, frommer Mann,

der Elberfeld im Predigt-Bann

mit Vers und Prosa reichlich füllt;

von ihm gilt, was einst Platen brüllt:

Sie sind ein wasserreicher Strom,

den niemand ausliest bis zum Dom!

In seinen Versen trennt er gern

die Lieder, Oden von dem Herrn

und die Lyrik. Oftmals bricht

er ab inmitten im Gedicht;

er hat den Anfang ganz vergessen,

wird von Regionen ganz besessen:

Von Südsee-Inseln, Missionaren,

sieht man ihn in die Hölle fahren,

von Seufzern der zerknirschten Seelen

zum Nordpol-Eis sich rüberquälen.


Herr Lieth, der Mädchenschul-Vorsteher,

kommt Kinderliedern etwas näher;

doch schreibt er in veraltet’ Weise,

dreht sich im alten Pädagogen-Kreise.

Er hält nicht stand im großen Streit

mit Rückert, Güll und auch mit Hey;

doch findet man in seinem Tand

auch manches Hübsche mit Verstand.


Friedrich Ludwig Wülfing nun,

lässt uns als größter Dichter ruhn!

Ein Barmer ist er von Geburt,

voll Geist und Genie auf der Furt.

Sieht man den langen Mann dort gehn,

mit fünfundvierzig Jahren stehn,

gehüllt in einen Rock, rotbraun,

der halb so alt ist anzuschaun

wie sein Besitzer; auf dem Hals

ein Antlitz, seltsam jedenfalls,

die gold’ne Brille auf der Nas’,

wo strahlend bricht der Augen Glas;

das Haupt gekrönt mit grüner Mütz’,

im Mund’ eine Blume als Besitz,

in der Hand ein’ Knopf, frisch abgedreht

vom Rocke – so der Dichter steht:

Das ist Horaz aus Barmens Tal!

Er geht spazieren allemal

auf dem Hardtberge Tag für Tag,

ob ihm ein Reim gelingen mag,

ob eine neue Liebste winkt.

Bis er das dreißigst’ Jahr besinkt,

dient’ er der Pallas industriell,

doch Aphrodite kam ganz schnell:

Neun Dulcineen nacheinander

brachten sein Herz in Glut und Wander!

Das sind die Musen ihm im Bund.

Man tue mir nicht Goethe kund,

der allem Poesie abgewann,

nicht Petrarca, den Sonetten-Mann,

der jeden Blick besang der Schönen –

an Wülfing reicht kein solches Tönen!


Wer zählt die Sandkorn-Krümelein,

zerknittert von der Liebsten Bein?

Der große Wülfing tut es treu!

Wer singt vom Schlamm im Grase neu,

der Minchens Strümpfe schmutzig macht?

(Sie ist als Clio ihm erwacht).

Nur Wülfing singt von diesem Dreck!

Sein Epigramm erfüllt den Zweck

als Meisterwerk von selt’ner Kraft,

voll Grobheit, die das Volk sich schafft.

Als seine erste Frau verstarb,

er eine Todesanzeig’ warb,

die Dienstmädchen zu Tränen rührt’;

darauf die Elegie entführt’

die Herzen: „Wilhelmine fein,

schönster der Namen allgemein!“

Sechs Wochen drauf, o Liebesglück,

war er verlobt schon ein Stück;

heut’ hat die dritte Frau er schon.

Der kluge Mann sucht neuen Lohn

und hat equationsweise Pläne:

Mal wollt’ er Knöpfe machen, schöne,

mal Landmann sein, mal Händler gar

für das Papier im ganzen Jahr.

Zuletzt fand er den sich’ren Hafen

beim Lichteziehen, ohn’ zu schlafen,

damit sein Licht auf Erden glänzt.

Sein Schreiben ist mit Sand umkränzt

wie an dem großen, weiten Meer.


Montanus Eremita her

als Solinger Anonymus

gehört als Nachbar zum Genuss.

Der berg’schen Heimat Chronist,

sein Vers mehr langweilig als mist,

recht prosaisch und ohne Witz.


Auch Johann Pol an seinem Sitz,

der Pastor war zu Heedfeld fein

bei Iserlohn, schrieb ein Bändelein.


Könige kommen von Gottes Hand,

und Missionäre im weiten Land,

Aber der Goethe-Poet auf Erden

kann nur durch Menschen geschaffen werden.


Dies zeigt den Geist vom ganzen Band.

Doch auch sein Witz ist wohlbekannt,

denn Johann Pol schreibt voller Mut:

„Die Dichter sind als Lichter gut,

die Philosophen wiederum

sind Zofen um die Wahrheit rum.“

Und welch Phantastik bricht sich Bahn

in den zwei Zeilen vornan

von der Ballade, reich an Schmettern,

wo Attila die Marne tut schmettern:


Gleich Lawinen ungeheuer, 

schneidend hart wie Schwert und Kiesel,

Wälzt durch Schutt und Städtefeuer

sich nach Gallien Godegisel.


Auch Psalmen hat er noch verfasst,

aus Davids Stücken angepasst.

Sein Hauptwerk aber singt vom Streit,

der Hülsmann, Sander hielt bereit,

und zwar auf ganz besond’re Weise

in Epigrammen im Geisteskreise.

Da dreht sich alles um das Wort,

dass Rationalisten an dem Ort

es wagten frech und ungeruht:


Zu schmähen und zu lästern den Herrn Herrn.


Kein Voß, kein Schlegel hat geschafft,

am Schluss des Hexameters mit Kraft

einen Spondeus so vollkommen rein!

Das kann nur Pols Geheimnis sein.

Er teilt die Verse noch viel besser

als Döring mit dem Sortiermesser,

er nennt sie: „Geistliche Gesänge

und Lieder und vermischte Klänge.“


F. W. Krug, der Kandidat

der Theologie im weisen Rat,

schrieb Erstlinge voll Poesie,

auch Prosareliquien vergaß er nie.

Aus Holland und aus Frankreichs Land

übersetzt’ er Predigten mit Hand.

Auch eine Novelle schrieb er fein,

im Stil von Stilling schmiegt sie ein;

darin er einen Beweis aufstellt,

wie Mosis Schöpfung schuf die Welt.

Das Buch ist wirklich, ungelogen,

ergötzlich und recht hochgewogen.


Zum Schlusse sei noch kundgemacht

ein Jüngling, geistvoll und bedacht,

der dachte: Weil Herr Freiligrath

als Kaufmann dichtend wirkt im Staat,

so müsst’ ihm das doch auch gelingen!

Sein Geist wird uns bald Novellen bringen,

die von den Besten unerreicht;

die Fehler, die man ihm verzeiht,

sind nur: die Handlung abgedroschen,

der Stil nachlässig hingegroschen,

die Anlage übereilt und matt.

Gern brächt’ ich Auszüge aufs Blatt,

wenn die Dezenz es nicht verbot’.

Doch hilft vielleicht aus dieser Not

bald ein Verleger für den großen

Herrn D. (ich nenn’ ihn nicht beim bloßen

und ganzen Namen, weil er sonst

aus scheuer, kranker Ehrgeiz-Gunst

Prozesse wegen Injurien führt).

Er glaubt, dass ihn mit Recht gebührt,

als Freiligraths Intimus zu gelten.


Dies sind die Geister, die nicht selten

im weltberühmten Tale hausen.

Dazu kommt noch ein kleines Grausen

von weinentflammten Kraftgenies,

die reimen, wenn der Wein zerfloss;

ich kann sie Dr. Duller nennen,

für neue Romane zum Erkennen.


Die ganze Gegend ist fürwahr

überschwemmt von einer großen Schar,

ein Meer von Pietisterei,

voll Philister- und Muckerei.

Und was aus diesen Fluten ragt,

ist nicht als Blumeninsel gewagt,

nein, nackte Klippen, dürr und bang,

und Sandbänke von langem Gang!

Und Freiligrath irrt mittendrin

wie ein verschlag’ner Schiffer hin.