CARMEN

EINE TRAGÖDIE


VON TORSTEN SCHWANKE



Erster Akt 


Szene 1: Die Wache


Morales:

Auf diesem Platz ist immerzu was los.

Man kommt, man geht, das Volk läuft wild umher;

Ein jeder scheint nach seinem Glück zu jagen.

Wie seltsam doch dies bunte Treiben ist!

Wir Soldaten stehen hier und schauen zu,

Und rauchen, um die Stunden totzuschlagen.


Micaëla:

Mein Herr, verzeiht, ich suche einen Mann,

Ein Korporal, man nennt ihn Don José.

Ist er wohl hier in diesem Hause Dienst?


Morales:

José ist hier, doch ist er nicht auf Wache.

Er kommt sogleich mit der neuen Schar,

Wenn die Ablösung laut die Trommel schlägt.

Doch bleib bei uns, mein schönes Kind, verweil!

Wir sind galant und leisten dir Gesellschaft.


Micaëla:

Nein, nein, ich geh. Ich komme später wieder,

Wenn die Wache wechselt und er bei euch ist.



Szene 2: Wachwechsel und Kinderchor


(Trompetensignale. Die neue Wache unter Zuniga und José zieht auf. Ein Haufen Gassenjungen ahmt sie nach.)


Knabenchor:

Wir folgen euch, die Köpfe hoch erhoben!

Wir marschieren fest im gleichen Schritt.

Trompete schallt, wir hören auf das Zeichen,

Und fühlen uns wie Helden im Gefecht.


Morales:

José, ein Mädchen suchte dich vorhin.

Sie trug ein blaues Kleid und blondes Haar.


Don José:

Das war gewiss Micaëla aus der Heimat.



Szene 3: Die Tabakfabrik


Zuniga:

Ist das das Haus, wo jene Mädchen arbeiten?

Die für den König Tabakrollen drehen?


Don José:

Gewiss, Herr Leutnant. Und man sagt von ihnen,

Dass sie an Frechheit nicht zu schlagen sind.


Zuniga:

Sind sie denn schön?


Don José:

Ich weiß es wahrlich nicht.

Ich achte nicht auf solche Eitelkeit.

Mein Herz gehört den Bergen und der Mutter.


(Die Glocke läutet. Die Männer sammeln sich.)


Männerchor:

Die Glocke schlägt! Nun kommen sie heraus!

Wir warten hier auf ihren leichten Gang.

Seht, wie der Rauch aus ihren Fingern steigt,

Wie sie uns necken mit dem kühnen Blick!



Szene 4: Carmens Auftritt 


Männer:

Da ist sie ja! Carmen, hörst du uns nicht?

Wann wirst du uns ein Wort der Liebe schenken?


Carmen:

Wann ich euch liebe? Fragt mich heute nicht.

Vielleicht auch nie. Doch sicher nicht am Morgen!

Die Liebe ist ein wilder Vogel, wisst,

Den niemand jemals in den Käfig sperrt.

Man ruft sie laut, doch sie bleibt stumm und fern,

Und wer sie flieht, den reißt sie jäh mit fort.

Sie ist ein Kind der freien Zigeunerwelt,

Sie kennt kein Recht und keine harten Ketten.

Wenn du mich liebst, dann hüt’ dich vor mir selbst,

Denn wenn ich liebe, dann ist es dein Ende!


(Sie wirft José eine Akazienblüte ins Gesicht und läuft davon. Die Arbeiterinnen kehren in die Fabrik zurück.)



Szene 5: José allein, dann Micaëla


Don José:

Was für ein freches Weib! Die Blume dort –

Sie traf mich wie ein Schlag direkt ins Herz.

Der Duft ist stark... doch ich will sie vergessen.


Micaëla:

José!


Don José:

Micaëla! Bist du wieder da?


Micaëla:

Ich bringe Grüße aus der fernen Heimat,

Von deiner Mutter, die an dich nur denkt.

Sie schickt dir diesen Brief und dieses Geld,

Und einen Kuss, den sie mir anvertraute.


Don José:

Ein Kuss von ihr? O Gott, wie wohl das tut!

Er reinigt mich von jenem bösen Zauber,

Den diese Fremde eben nach mir warf.

Erzähl mir alles! Wie geht es dem Haus?

Wartet sie noch auf ihren Sohn am Abend?



Szene 6: Der Aufruhr


(Lärm aus der Fabrik. Frauen stürzen heraus.)


Chor der Frauen:

Helft uns geschwind! Carmen hat zugeschlagen!

Sie ritzte Manuelas Wangen auf!

Sie lacht uns aus! Verhaftet diese Hexe!


Zuniga:

José, nimm zwei Soldaten mit hinein!

Bring mir die Frau, die diesen Streit begann.



Szene 7: Verhör und Verführung


(José bringt Carmen heraus. Sie schweigt provokant.)


Zuniga:

Sprich, Mädchen! Hast du diese Tat begangen?

Warum die Stille? Antworte mir jetzt!


Carmen:

Tra-la-la-la... Ihr könnt mich ruhig töten,

Ihr könnt mich brennen, doch ich sage nichts.


Zuniga:

Du bist zu kühn. Du gehst ins Gefängnis nun.

José, bind ihr die Hände! Führ sie fort.


(Zuniga geht. José und Carmen bleiben allein.)


Carmen:

Du bindest mich? Wie töricht ist dein Tun.

Du wirst mich gehen lassen, Korporal,

Weil du mich liebst. Die Blume in der Hand,

Sie wirkt schon jetzt wie Zauber in dem Blut.

An Sevillas Festungswall, bei Lillas Pastia,

Dort tanze ich die Seguidilla bald.

Ich will dort trinken, will das Leben spüren.

Mein Herz ist frei, doch wenn du willst, gehört es

Ab heute dir, wenn du die Fesseln löst.


Don José:

Schweig still, Zigeunerin! Ich darf nicht hören!


Carmen:

Ich singe nur für mich, ich sprech nicht laut.

Doch denk daran: Ein Korporal wie du,

Der meine Blume trägt, ist schon verloren.



Szene 8: Die Flucht


Don José:

Hör auf! Ich löse jetzt den festen Knoten.

Doch wenn du fliehst, so stoß mich kräftig um,

Damit es aussieht wie ein wilder Kampf.


Zuniga:

Hier ist der Befehl. Führ sie jetzt ab!


Carmen:

(Leise zu José)

Pass auf! Bei drei lass ich die Fesseln fallen!


(Sie lacht, stößt José um, rennt durch die Menge und entkommt. Die Menge behindert die Soldaten.)




Zweiter Akt 


Szene 1: In der Schenke


Ort: Die Schenke von Lillas Pastia. Zigeuner, Offiziere und Carmen beim Fest.


Zuniga:

Die Sperrstunde ist nah, das Licht verlischt.

Wir müssen gehen, doch die Nacht war kurz.

Carmen, du bleibst? Dein Blick ist noch so wach.


Carmen:

Ich bleibe hier. Was schert mich das Gebot?

Wer frei geboren ist, braucht keine Uhr.


Zuniga:

Dein Korporal, den man für dich bestraft,

Er ist seit heute wieder aus dem Kerker.


Carmen:

Ist er das? Gut. Das freut mich sehr zu hören.



Szene 2: Der Einzug Escamillos


(Draußen Rufe: „Heil dem Torero!“. Escamillo tritt auf.)


Escamillo:

Ich danke euch für diesen Gruß, Soldaten!

Denn wir sind Brüder, wenn der Kampf beginnt.

Ob auf dem Schlachtfeld oder in der Arena,

Wo Blut den Boden rot und dunkel färbt.

Der Stier bricht vor, das Horn ist scharf und nah,

Das Volk hält still, die Angst ist wie ein Frost.

Doch dann der Stoß! Ein Schrei aus tausend Kehlen!

Die Liebe wartet, wenn der Sieg errungen.


(Er sieht Carmen)


Escamillo:

Wie heißt du, Schöne? Wenn ich kämpfen gehe,

Will ich dein Bild in meiner Seele tragen.


Carmen:

Man nennt mich Carmen. Doch mein Herz ist schwer

Zu fangen, Herr. Es liebt nicht auf Befehl.



Szene 3: Die Schmuggler 


(Escamillo und die Offiziere gehen. Dancairo und Remendado treten auf.)


Dancairo:

Hört zu, wir haben ein Geschäft geplant!

Es braucht Verstand und List und Frauenart.

Wenn es darum geht, die Wachen zu betören,

Sind Männer nichts, doch Frauen sind die Welt.


Frasquita:

Wir kommen mit!


Mercedes:

Wir helfen euch beim Trug!


Carmen:

Ich bleibe hier. Ich kann heute nicht mit.


Remendado:

Du bleibst? Carmen? Das ist ja unerhört!


Carmen:

Ich bin verliebt.


Dancairo:

Verliebt? Das ist kein Grund!

Man kann verliebt sein und doch Schmuggel treiben.


Carmen:

Heut nicht. Ich warte auf den Korporal.



Szene 4: Josés Ankunft und der Tanz


(José nähert sich, man hört ihn draußen singen.)


Don José:

Halt! Wer da? „Ein Soldat von Alcala!“

Wohin des Wegs? „Ich geh zur Liebsten hin!“


Carmen:

Du bist’s! Man hat dich eingesperrt um mich.


Don José:

Ich litt es gern. Die Zeit war wie ein Traum.


Carmen:

Nun hör mir zu. Ich tanze nur für dich.

Kein Kastagnettenklang war je so süß.


(Sie tanzt für ihn. In der Ferne hört man die Zapfenstreich-Trompeten.)


Don José:

Halt ein, Carmen! Hörst du das Signal?

Es ist die Trommel, die zum Appell mich ruft.


Carmen:

Du willst schon gehn? Kaum dass ich angefangen?

Mein Gott, wie feige ist doch deine Liebe!

Die Pflicht ruft dich, und du läufst wie ein Hund.

Geh nur! Geh fort! Dein Herz ist aus Papier!



Szene 5: Das Blumenlied


Don José:

Hör mich nur an! Hier, in meinem Rock,

Trug ich die Blume, die du mir geworfen.

In meiner Zelle, in der Einsamkeit,

War ihr vertrocknet’ Blatt mein einziger Trost.

Ihr Duft berauschte mich in dunkler Nacht,

Und ich verfluchte dich und liebte dich.

Ich sagte mir: Sie ist ein Teufelsweib!

Doch dann gestand ich mir die bittere Wahrheit:

Ich bin dein Sklave, Carmen, ganz und gar!


Carmen:

Wenn du mich liebtest, kämest du mit mir.

Dorthin, wo keine Mauern uns begrenzen,

Hinauf ins Hochland, in die freie Welt.

Kein Offizier, dem du gehorchen musst,

Kein Klang der Glocke, der den Tag bestimmt.

Nur wir und das Geschick, der weite Himmel!



Szene 6: Der Zusammenstoß und die Flucht


(Zuniga klopft an die Tür und bricht sie auf.)


Zuniga:

Was seh ich hier? Ein einfacher Soldat

Bei dieser Frau? Hinaus mit dir, du Narr!


Don José:

Ich gehe nicht! Das Schicksal hat gewählt.


Zuniga:

Du wagst den Widerstand? Dann zieh den Degen!


(Sie kämpfen. Die Schmuggler stürzen herein und trennen sie.)


Dancairo:

Gemach, Herr Leutnant! Seid ein kluger Mann.

Wir führen euch ein Stück weit aus dem Haus,

Damit ihr uns beim Schmuggeln nicht stört.


Carmen:

(Zu José)

Nun gibt es kein Zurück mehr, Korporal.

Du hast den Hauptmann angegriffen jetzt.

Du bist ein Geächteter wie wir.

Willst du nun mit uns in die Berge ziehn?


Don José:

Ich muss wohl mit. Es gibt kein Heim für mich.


Carmen:

O wie das Leben uns nun Freiheit schenkt!

Der Himmel weit, das Glück in unserer Hand!




Dritter Akt


Szene 1: Das Lager der Schmuggler


Ort: Eine wilde Felsenschlucht in der Nacht. Die Schmuggler rasten.


Dancairo:

Halt ein, Gefährten! Hier ist Rast und Ruh.

Der Weg ist steil, die Lasten wiegen schwer,

Doch unten in der Ebene liegt das Ziel.

Ein kurzes Schlafen, bis der Morgen graut,

Dann schleichen wir am Zoll vorbei ins Tal.


Don José:

(blickt in die Tiefe)

Dort unten liegt das Dorf, das mich gebar.

Ich sehe fast den Rauch vom Schornstein aufsteig’n.

O Mutter, wenn du wüsstest, wo ich bin,

Und welch ein Leben dein José nun führt ...


Carmen:

Was starrst du so? Bereust du deine Wahl?

Geh nur zurück! Die Berge sind zu hoch

Für einen Geist, der nur Gehorsam kennt.

Das Band zwischen uns beiden, es wird dünn.


Don José:

Sag das nicht mehr! Wenn du mich jetzt verlässt,

Dann bricht ein Unwetter aus meinem Blut.



Szene 2: Das Kartenschlagen 


(Frasquita und Mercedes legen Karten. Carmen tritt zu ihnen.)


Frasquita:

Ein schöner Jüngling! Reichtum und ein Schloss!

Die Karten zeigen mir ein langes Glück.


Mercedes:

Ein alter Mann, der bald das Zeitliche segnet,

Und mir ein Erbe voller Gold hinterlässt.


Carmen:

Nun lasst mich sehn, was mir die Zukunft bringt.

(Sie mischt und legt die Karten)

Zuerst das Pik... und dann das dunkle Kreuz...

Der Tod! Ich lese ihn ganz klar und deutlich.

Zuerst für mich, und dann für ihn sodann.

O Grab, du öffnest dich in diesem Blatt!

Man flieht vergebens vor der Karten Spruch;

Wenn sie erst einmal das Verhängnis zeigen,

Gibt es kein Flehen und kein Ausweich’n mehr.



Szene 3: Micaëlas Ankunft


(Micaëla tritt allein zwischen die Felsen.)


Micaëla:

Hier ist der Ort, der Hort der wilden Schar.

Mein Herz erzittert in der Einsamkeit.

Ich will nicht furchtsam sein, ich will bestehn,

Denn eine Mutter schickt mich zu dem Sohn.

O Herr, beschütze mich in dieser Nacht,

Gib mir die Kraft, dem Unheil zu begegnen,

Und jene Frau zu sehn, die ihn verdarb,

Und ihn aus ihren Netzen zu befrei’n.



Szene 4: Der Kampf der Rivalen


(José hält Wache. Er sieht jemanden kommen und schießt. Escamillo tritt auf.)


Don José:

Halt ein! Wer bist du, der die Stille bricht?

Ein Schritt noch weiter, und das Blei trifft dich.


Escamillo:

(lacht)

Gemach, Soldat! Ich bin der Escamillo,

Torero aus Granada, wohlbekannt.

Ich suche eine Schöne, die ich liebe.


Don José:

Und wie ist wohl ihr Name?


Escamillo:

Carmen heißt sie.

Sie liebte wohl erst neulich einen Mann,

Der für sie floh und seine Ehre brach,

Doch solche Flammen löschen schnell sich aus.

Die Liebe einer Zigeunerin währt kurz.


Don José:

Zieh deinen Dolch! Denn der, von dem du sprachst,

Steht vor dir jetzt. Ich bin’s, den sie verriet!


(Sie kämpfen. Escamillo stürzt, José will ihn erstechen, Carmen greift ein.)



Szene 5: Die Entscheidung


Escamillo:

Ich danke dir, Carmen. Mein Leben ist dein.

Und du, Soldat, wir treffen uns im Sand.

Wer mich besuchen will: In Sevilla bald

Wird ein Stierkampf sein. Ich lade alle ein!

Wer mich dort liebt, wird meinen Sieg bejubeln.


(Escamillo geht ab.)


Micaëla:

(tritt aus ihrem Versteck)

José! Ich flehe dich auf Knien an!

Komm mit mir heim. Die Mutter siecht dahin.

Sie ruft nach dir in jedem wachen Traum.

Verlass dies Lager und den Sündenspott!


Carmen:

Geh mit ihr, Korporal! Das ist das Beste.

Du passt nicht zu uns. Geh und sei ein Knecht!


Don José:

(packt Carmen)

Ich gehe mit ihr, ja. Doch merk dir dies:

Wir sind noch nicht am Ende, du und ich!

Ich folge ihr, doch ich behalte dich

In meinem Blick, bis wir uns wiedersehn.

Mein Schicksal ist an deines festgekettet!


(Er geht mit Micaëla. In der Ferne hört man Escamillos Lied.)




Vierter Akt 


Szene 1: Vor der Arena


Ort: Ein Platz in Sevilla. Im Hintergrund der Eingang zur Stierkampfarena. Festliche Stimmung.


Zuniga:

Hier ist der Ort, wo heut das Blut verfließt!

Seht nur das Volk, wie es sich drängt und schreit.

Die Sonne brennt auf diesen heißen Sand,

Wo bald der Stier den Tod im Stoße findet.


Verkäufer:

Hier gibt es Fächer! Wasser! Süßen Wein!

Ein jeder kaufe, was das Herz begehrt,

Bevor das Spiel beginnt und Ruhe herrscht!



Szene 2: Der Einzug der Quadrille


(Fanfaren. Die Kämpfer ziehen ein. Zuletzt Escamillo mit Carmen.)


Chor:

Heil Escamillo! Heil dem tapf’ren Mann!

Der Degen blitzt, sein Auge ruht am Stier.

Er ist der König dieser Arena heut!


Escamillo:

(zu Carmen)

Wenn du mich liebst, Carmen, so wisse wohl:

Dein Name wird mein letztes Wort noch sein,

Wenn mich das Schicksal in den Staub nun wirft.


Carmen:

Ich liebe dich! Und sterben will ich eher,

Als dass ich jemals dieses Wort bereu’.


(Escamillo betritt die Arena. Frasquita und Mercedes bleiben bei Carmen.)


Frasquita:

Carmen, gib acht! Verbirg dich vor dem Blick

Des Mannes, der dort in der Menge steht.

José ist hier. Sein Auge glüht vor Zorn.


Carmen:

Ich fürchte nichts. Ich bin kein feiges Kind.

Soll er doch kommen! Ich erwarte ihn.



Szene 3: Das letzte Duell


(Alle gehen in die Arena. José tritt aus dem Schatten. Carmen bleibt allein.)


Don José:

So find’ ich dich. Wir stehen uns allein

Nun gegenüber, wie es sein muss, Carmen.


Carmen:

Ich wusste wohl, dass du gekommen bist.

Man warnte mich, ich solle flüeh’n vor dir.

Doch ich blieb hier. Was willst du noch von mir?


Don José:

Ich will nicht drohen. Sieh mich flehend an!

Ich will vergessen, was du mir getan.

Komm mit mir fort! Wir fangen neu nun an

In einem Land, wo niemand uns noch kennt.

Ich rette dich und rette mich zugleich.


Carmen:

Du forderst Unmöglichkeit, José.

Das Wort „Vorbei“ ist längst schon ausgesprochen.

Ich lüge nicht. Was tot ist, bleibt auch tot.


Don José:

Du liebst mich nicht mehr?


Carmen:

Nein, ich lieb’ dich nicht.


Don José:

Doch ich, ich liebe dich! Ich bete an

Die Spur von deinem Fuß im heißen Sand!

Verlass mich nicht! O Gott, hab doch Erbarmen!


Carmen:

Warum verschwendest du so viele Worte?

Mein Herz ist frei. Frei bin ich auch geborn’,

Und frei will ich in dieses Grab auch geh’n.



Szene 4: Das Ende


(Aus der Arena hört man Jubelrufe.)


Chor (innen):

Sieg! Sieg! Der Stoß war fest! Der Stier erliegt!

Heil Escamillo! Ruhm dem Matador!


Don José:

Hörst du den Schrei? Er gilt dem neuen Mann,

Dem du dich schenkst, während ich einsam sterbe?


Carmen:

Ja, ich gesteh’ es! Escamillo ist’s,

Den ich nun liebe vor der ganzen Welt!


Don José:

So sollst du also seine Beute sein?

Ich hab’ für dich die Ehre weggeworfen,

Bin ein Verräter, ein Geächteter –

Und du lachst meiner Qual in seinem Arm?

Bei Gott, das wird nicht sein!


Carmen:

So töte mich!

Hier ist der Ring, den du mir einst gegeben,

Ich werf’ ihn dir vor deine müden Füße!


(Sie wirft den Ring weg. José zieht den Dolch.)


Don José:

Dich zu besitzen oder dich zu töten!


(Er ersticht sie. Carmen fällt. Das Volk strömt aus der Arena.)


Don José:

Ihr könnt mich fassen! Ich hab’ sie erschlagen.

O meine Carmen! Meine angebetete!