VON BEN JONSON
DEUTSCH VON TORSTEN SCHWANKE
DAS ENDE VON AKT V
Personen der Szene
HESPERUS
CYNTHIA (Diana)
ARETE (Tugend)
TIME (Zeit)
PHRONESIS (Klugheit)
THAUMA (Staunen)
(Musikalische Begleitung. Hesperus singt.)
HESPERUS
Königin und Jägerin, rein und gut,
Nun die Sonn' zur Ruh' sich begeben,
Thronend auf silbern ruhender Flut,
Lass deinen gewohnten Glanz beleben:
Hesperus erfleht dein helles Licht,
Göttin, die strahlend durch Nacht und Pflicht.
Erde, lass deinen neidischen Schatten
Nicht kühn sich dazwischen erheben;
Cynthias Sphäre, fern von den Pfaden,
Wurde geschaffen, den Himmel zu weben,
Wenn der Tag schließt – schenk uns Wunschgesicht,
Göttin, die strahlend durch Nacht und Pflicht.
Leg deinen Bogen von Perlen beiseit'
Und den kristallen-glänzenden Köcher;
Gib dem gejagten Hirschen die Zeit,
Dass er Atem schöpft, wär's auch ein bisschen:
Du machst zum Tage die dunkle Schicht,
Göttin, die strahlend durch Nacht und Pflicht.
CYNTHIA
Wann je hat Diana, gleich neidischem Wesen,
Das nur für sich selbst auf dem Scheiterhaufen brennt,
Dem weiten Erdball den Segen vorenthalten
Und geizig des Reichtums Gaben erpresst?
Monat für Monat verbrauchen wir unser erneuertes Licht
Und wehren der jungfräulichen Wachskerze nicht,
Zu brennen und glühen, solang ihre Nahrung hält:
Ist sie verzehrt, greifen wir in Jupiters Schatz,
Holen eine neue und stecken sie in unsere Sphäre,
Um dem rebellischen, bedürftigen Menschenschlag
Das ersehnte Leuchten zu geben. Doch was ist ihr Dank?
Großmut wird verkannt, als bloße Pflicht gedeutet;
Sterbliche können keinen Strahl mit Recht beanspruchen
Und fordern doch ganz Cynthias Licht.
Doch zögen die Götter die Gaben zurück
Aus Zorn über menschliche Toren – was verdienten die Menschen
Als Dunkelheit und Tod? Es ziemt den Erhabenen,
Um ihretwillen stets edel zu handeln.
ARETE
Wahrhaftig, o göttliche, heilige Herrin; denn der Himmel
Empfängt keinen Lohn für all das Gute, das er tut:
Weder Jupiter noch du, noch andere himmlische Mächte
Werden genährt von dem Dunst des Weihrauchs
Oder von Opfern, die in ihrem Blute dampfen;
Doch für die Fürsorge, die ihr den Sterblichen widmet,
(Deren eigenstes Heil es ist, so gepflegt zu werden)
Seid ihr erfreut über den wohlriechenden Duft:
Doch unwissend ist das gesamte Menschengeschlecht,
Das stets sich beklagt, ohne Grund und ohne Sinn.
CYNTHIA
Sonst, edle Arete, würden sie nicht tadeln
Und schelten – als ungerecht oder als stolz –
Deine Cynthia für jene Dinge, die wahrlich
Die größten Zierden unseres Sternenkranzes sind.
So ist unsere Keuschheit, die sicher verschmäht
Nicht die Liebe – denn wer liebt glühender
Unsterbliche Ehre und göttlichen Ruhm? –
Sondern den taumelnden Amor, den rasenden Sohn der Venus.
Doch, Arete, wenn in diesem verhüllten Licht
Wir auch nur den leisesten Makel entdecken sollten,
Der bereitsteht, unseren unbefleckten Ruf
Mit dem Hauch der Leichtfertigkeit zu besudeln,
Entsprungen aus diesen nahen Festlichkeiten:
Nicht für das Kaiserreich des ganzen Universums
Würden die Nacht oder der Hof diesen Glanz
Oder unsere Huld unglückselig genießen!
Ort und Gelegenheit sind zwei heimliche Diebe,
Die unschuldigen Damen oft das Beste rauben:
Einen ehrenhaften Namen. Bei Fehlern zu weilen
Oder dort zu verharren, wo Schuld sein kann,
Impliziert ein Verbrechen, selbst wenn die Seele rein ist.
ARETE
Wie cynthianisch, das heißt: wie würdig
Und ganz ihrem Wesen nach spricht die unvergängliche Cynthia!
Unendliche Eifersucht, unendliche Wachsamkeit
Wachen beschützend über die wahre Jungfräulichkeit:
Doch Phöbe lebt frei nicht nur von jeder Schuld,
Sondern selbst von jedem Gedanken und Verdacht.
Deine Gegenwart besiegelt rein unsere Freude;
Was in Cynthias Blick geschieht, geschieht in Sicherheit.
CYNTHIA
Da dies nun beantwortet ist, teuerste Arete,
Frage ich nicht weiter nach dem Sinn oder der Art
Unserer heutigen nächtlichen Spiele.
Nichts, was Pflicht und der Wunsch zu gefallen
Auf der Stirn geschrieben trägt, ist uns unwillkommen.
Doch wessen Erfindung verdanken wir
Die Ausgestaltung dieses nächtlichen Festes?
ARETE
O göttliche Herrin, der eines Mannes, dessen Wert
Ohne Hyperbel ich so rühmen kann:
Eines Mannes, der stets bedacht ist, wohlzutun,
Und – um die Wahrheit zu sagen – wahrlich wohlgetan hat.
Potenzieller Verdienst gilt als tatsächlicher,
Wo einzig die Gelegenheit fehlt,
Nicht aber Wille noch Kraft; beide strömen in ihm über.
Einer, den die Musen und Minerva lieben –
Wen sollten sie mehr schätzen als Crites,
Den Phöbus, wenn auch nicht Fortuna, geliebt hält?
Und was seine Exzellenz vollends beweist:
Er ist ein treuer Verehrer Eurer selbst.
Selbst durch die widrigen Schläge des Schicksals
Und all die Hürden, die Tugend ersticken,
Leuchtet so viel von ihm hervor. Was sonst noch
An verborgenen Schätzen in ihm ruht,
Das überlasse ich der Pflege, es zu offenbaren,
Und einer gnädigen Göttin, es zu richten.
CYNTHIA
Wir haben ihn längst gerichtet, Arete,
Noch sind wir uns fern davon fremd,
Wie sehr edle Seelen leiden müssen
Unter den Schmähungen, die Zeiten
und niedere Menschen auf sie herabwerfen.
Wir selbst haben stets gelobt, das Glück als gering,
die Tugend als einzig erhaben zu werten:
Wer an Würde der Erste ist, der stehe auch oben!
Kein weiteres Urteil, Arete, begehren wir,
Als deines Zuspruchs souveräne Bürgschaft:
Lass es deine Sorge sein, ihn uns vorzustellen;
Cynthia will erhellen, was die Welt verblassen ließ.
(ARETE ab.)
DIE ERSTE MASKE
Personen der Maske
CUPIDO (als Anteros getarnt)
STORGE (Natürliche Zuneigung)
AGLAIA (Anmutige Unterhaltung)
EUPHANTASTE (Erfindungsreicher Witz)
APHELEIA (Einfachheit / Schlichtheit)
CYNTHIA
CUPIDO
Klare Perle des Himmels, und um nicht weiter nach Titeln zu streben – Cynthia! Der Ruhm dieser ruhmreichen Nacht hat unter anderem auch diese vier schönen Jungfrauen aus dem Palast ihrer Königin Perfektion (einem Wort, das keinen hinreichenden Unterschied zwischen ihrer und deiner macht) in deinen kaiserlichen Hof geführt: Denn da ihre Herrin unter den Menschen keinen Wohnort mehr fand, riet sie ihnen vor ihrer Heimkehr in den Himmel, sich gänzlich deinem himmlischen Dienst zu weihen, in deren klarem Geist (dem wahren Element und der Sphäre der Tugend) sie nicht nur jene, ihre allseits verehrte Herrin, erblicken würden, sondern sich selbst (wahrhaftiger sie selbst), thronend zu leben. Sie selbst hätte sie dir gerne noch wärmer empfohlen, wüsste sie nicht, dass dir keine Empfehlung lieber ist als die der echten Tugend. Dennoch trug sie ihnen auf, diesen Kristallball – ein Zeichen der Herrschaft und Symbol der Vollkommenheit – deiner würdigeren Gottheit zu überreichen; welchen sie dir hier nun eifrig darbringen, und als das Vornehmste unter seinen Wundern zu zeigen, was immer die Welt an Herrlichem birgt, wie fern und vielfältig es auch sei. Doch dein strahlendes Urteil wird die Geheimnisse dieser kleinen Kristallwelt bald entschleiern. Um sich unverschleierter zu zeigen – da sie nichts verhasster finden als falsche Vorwände –, haben sie gewählt, ihre jeweiligen Wesenszüge hier in verschiedenen Farben auszudrücken.
Die erste in Zitronengelb ist die natürliche Zuneigung, die uns gegeben, um unser Heil zu fördern, und manchmal Storge genannt wird; und da jeder sich selbst am nächsten ist, so ist diese Magd der vernünftigen, erlaubten Selbstliebe – so sie ohne Schaden bleibt – auch jedem eigen. Ihr Platz am Hof der Perfektion war es, die Gemüter im Streben nach Ehre zu beflügeln. Ihr Sinnbild ist eine Senkbleiwaage auf einem Kubus oder Quadrat; die Inschrift: "Se suo modulo"; anspielend auf das wahre Maß seiner selbst, das ein jeder sich anzulegen hat, und das in deinem göttlichen Beispiel am hellsten leuchtet.
Die zweite in Grün ist Aglaia, die ergötzliche und angenehme Unterhaltung, deren Eigenschaft es ist, eine freundliche Freude und bisweilen ein Lachen hervorzurufen; ihr Amt ist es, Gesellschaften zu unterhalten und Gemeinschaften in schicklicher Vertrautheit zusammenzuhalten. Ihr Sinnbild, im Ring aus Wolken, ist ein Herz mit strahlendem Schein; die Inschrift: "Curarum nubila pello" – ein Sinnbild für Cynthias Licht, das nicht minder den Himmel klärt, als ihre heitere Fröhlichkeit das Herz.
Die dritte im bunten, ganz und gar besetzten Mantel ist Euphantaste, ein wohlgeformter Witz, eingesetzt, um den Hof mit den Reichen ihrer reinen Erfindung zu beehren. Ihr Sinnbild auf einem Petasos oder Merkurhut ist eine Mondsichel; die Inschrift: "Sic laus ingenii"; was besagt, dass Lob und Ruhm des Witzes stets wachsen, so wie dein zunehmender Mond.
Die vierte in Weiß ist Apheleia, eine Nymphe so rein und einfach wie die Seele oder eine unbeschriebene Tafel, und darum Schlichtheit genannt; ohne Falten, ohne Plissees, ohne Farbe, ohne Heuchelei und – offen gesprochen – die Einfachheit selbst. Ihr Sinnbild ist kein Sinnbild. Die Inschrift unter ihrem silbernen Schild lautet: "Omnis abest fucus"; anspielend auf dein makelloses Selbst, das der Unreinheit so fern ist wie der Sterblichkeit.
Ich selbst, o himmlische Göttin, passender für Cynthias Hof als für Cythereas Lauben, werde Anteros genannt, oder der Liebe Feind; umso willkommener darum an deinem Hof und umso tauglicher, dieses Quartett zu führen, das zwar als deine bekennenden Weihenden und darum als Widersacher der Liebe, dich, ewige Jungfrau, dennoch lieben und geloben, ewiglich zu lieben.
(Wiederkehr der Arete mit Crites)
DIE ZWEITE MASKE
Personen der Szene
ARETE
CRITES
CYNTHIA (Delia)
MERKUR (als Page)
EUCOSMOS (Sittsamkeit / Eleganz)
EUPHATHES (Edler Sinn / Guter Geschmack)
EUTOLMOS (Wohlmeinender Mut)
EUCOLOS (Gefällige Güte)
CYNTHIA
Nicht ohne Staunen und nicht ohne Lust
Haben meine Augen in der Tiefe der Betrachtung
Dies Werk des Witzes, göttlich und vollkommen, geschaut:
Welche Gestalt, welche Substanz oder welche fremde Macht
Strahlt da in Jungfraun-Tracht, gekrönt mit Lorbeerblättern
Und eingewobenen Olivenzweigen,
Auf meeresumschlungenen Klippen wie eine Göttin!
O Stirn! O Gesicht! O wahrlich ganz himmlisch
Und mehr als sterblich! Arete, siehe,
Eine zweite Cynthia und eine zweite Königin,
Deren Ruhm, wie ein ewiger Vollmond,
Scheinbar nicht weiß, was es heißt zu schwinden.
Noch ließe sich unter dem Himmel ein Anblick finden,
Der mehr zu entzücken vermag. Lasst Crites vortreten.
Großmut verbietet, unseren Dank durch Zögern zu trüben
Oder die Gunst nach dem Schauen noch aufzuschieben:
Die Stunde der Gnade schlägt, solang die Sache neu ist.
ARETE
Siehe hier den Mann, o himmlische Delia,
Der (wie ein Kreis, der in sich selbst ruht)
So viel umfasst, wie ein Mensch an Fülle vermag.
Siehe hier den Mann, der nicht aus gewöhnlicher Erde,
Sondern aus jenem edleren und kostbareren Lehm,
Den Phöbus selbst temperiert hat, gebildet ist;
Und der, selbst wenn jeglicher Lohn ihm fehlte,
Sich selbst doch niemals fehlen würde:
Eurer Gunst Gewinn ist seines Ehrgeizes Gipfel
Und seiner Mühe schönster Lohn; er, der
(demutsvoll in seiner Größe)
Still und fest in deinem glorreichen Anblick verharrt.
CYNTHIA
Mit nicht geringerer Freude, als wir dieses kostbare
Kristallwerk seltensten Witzes geschaut,
Liest unser Auge dich nunmehr, den wir als unseren Crites grüßen;
Den Bildung, Tugend und zuletzt unsere Gunst
Aus der finsteren Menge herausheben.
Mit gewöhnlichem Blick soll das Höchste nicht schauen:
Fortan sei unser, um desto mehr du selbst zu sein.
CRITES
Des Himmels reinstes Licht, dessen Sphäre verfinstert werden kann,
Doch nie dein Ruhm, göttlichste Cynthia!
Wie viel zu eng für eine so hohe Huld
Findet sich der (nur darin) gänzlich unwürdige Crites!
Ewig erstrahle dein Ruhm;
Ewig währen deine Ehren, gleichwie deine Schönheiten.
In mir müssen sie es, als meines dunklen Reiches hellste Lichter,
Durch deren gnädige Strahlen meine Kräfte gehoben werden,
Um auf jene erhabensten Gipfel zu hoffen,
Die die selige Arete zu benennen geruhte
Als Marken, zu denen meiner Bemühungen Schritte sich neigen:
Mein Sein, an dir begonnen, muss in dir enden.
(Die Zweite Maske beginnt.)
(Merkur tritt als Page auf und stellt Eucosmos, Eupathes, Eutolmos und Eucolos vor.)
MERKUR
Schwester des Phöbus, dessen hellem Stern wir es verdanken, dass wir nicht über seine Abwesenheit klagen: Diese vier Brüder (denn sie sind Brüder und Söhne der Eutaxia, einer Dame, die Eurer erhabenen Gottheit wohlbekannt und viel geliebt ist) konnten nicht fernbleiben, als Cynthia eine Feierlichkeit abhielt, und drängen sich pflichteifrig in Eure Gegenwart; denn wie es vier Kardinaltugenden gibt, auf denen das ganze Gebäude des Hofes ruht, so sind dies die vier kardinalen Eigenschaften, ohne die der Körper der Höflichkeit sich nicht rührt. Mit diesen vier silbernen Wurfspießen (die sie in ihren Händen tragen) stützen sie in den Höfen der Fürsten den Stand der Gegenwart, wie es ihnen von Amt wegen obliegt: Was hier zwar überflüssig erscheinen mag, doch der Ehre halber maßen sie sich an, Euch zu besuchen, da sie zuvor auch im Palast der Königin Perfektion beschäftigt waren. Und obgleich jenen, die sich bei einer Göttin einschmeicheln wollen, Opfergaben besser geziemen als Geschenke oder Sinnbilder, so hoffen sie doch auf Eure Gunst und nutzen (anstelle von beidem) verschiedene Symbole, welche die Titel Eurer imperialen Würde enthalten.
Erstens, der vorderste im wechselnd blauen und grünen Gewand, ist der rühmlich geformte Kavalier Eucosmos; dessen höfliche Tracht die Zierde der Gegenwart und die Lust des musternden Auges ist, den die Damen unter den Namen Rein und Elegant verstehen. Sein Symbol lautet: "Divae virgini", worin er die Hauptruhm Eurer Gottheit ausdrücken möchte, welche stets die Jungfräulichkeit war.
Der zweite in der reichen Ausrüstung und dem purpurnen Gewand, eingefasst mit Gold, ist Eupathes; der seinen Geist mit einer harmlosen, aber nicht leichten Vielfalt unterhält; alle Gegenstände seiner Sinne sind prunkvoll, er selbst ein Kavalier, der ohne Übermaß sich der Fülle bedienen kann, prächtig in Stickereien, Juwelen und vielem mehr einhergeht ohne Eitelkeit, und köstlich speist ohne Völlerei – und deshalb (nicht ohne Grund) allgemein für einen fein-geistigen Menschen gehalten wird. Sein Symbol lautet: "Divae optimae", ein Attribut, um Eure Güte auszudrücken, in der Ihr Jovis, Eurem Vater, so gleicht.
Der dritte im rougefarbenen Anzug ist Eutolmos, der andere so gebührend achtet, wie er sich selbst nie vernachlässigt; allgemein bekannt unter dem Titel des guten Mutes; für Höfe und höfische Versammlungen ein höchst willkommener Gast. Sein Symbol lautet: "Divae viragini", um Euren kühnen Mut bei der Jagd nach wilden Tieren auszudrücken, die in Wäldern und Wildnissen hausen.
Der vierte im himmelblauen Kleid ist der gütige und wahrhaft wohltätige Eucolos, der nicht ohne Bedacht, aber doch ohne Mühe austeilt und das Glück hat, jede Wohltat durch recht kluges und freies Verleihen doppelt erscheinen zu lassen. Er ist der Erste jener, die vom Volk als gutmütig bezeichnet werden. Sein Symbol lautet: "Divae maximae", ein Beiwort, um Eure Größe zu bedeuten, die im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt furchterregend ist.
Personen der Szene
CUPIDO (als Anteros)
MERKUR
AMORPHUS
PHANTASTE
(Musik. Ein Tanz der vereinten Masken, währenddessen Cupido und Merkur sich an den Rand der Bühne zurückziehen.)
CUPIDO
Ist das dort nicht Amorphus, der Reisende?
MERKUR
Als wär' er es nicht! Siehst du nicht, wie seine Beine mit einem Maße schwanger gehen?
CUPIDO
Hedon, dein Meister, ist der Nächste.
MERKUR
Was, will Cupido zum Zeremonienmeister werden und sie ausrufen?
CUPIDO
Ach was, beileibe nicht, aber ich habe eine Komödie im Sinn, die ich für kein Königreich missen möchte.
MERKUR
Zur rechten Zeit, denn Cupido wird sich noch als die Komödie erweisen.
CUPIDO
Merkur, ich sinne darüber nach, wie ich sie verkupple.
MERKUR
Sie zu entkuppeln wäre schwerer.
CUPIDO
Die Nymphen müssen es richten; ich werde mich an ihren Leidenschaften über alle Maßen amüsieren.
MERKUR
Diese Nymphen gehören in der Tat ein wenig gezähmt, doch ich fürchte, du hast dafür keine Pfeile.
CUPIDO
O doch, hier habe ich alle Arten: Weitschüsse, Streifschüsse und Bolzen. Aber ich kann schon mit einem Schwung verwunden, ohne auch nur den Bogen zu spannen.
MERKUR
Ich muss es wohl glauben, mein unsichtbarer Bogenschütze, und doch dünkt mich, du machst es dir langweilig.
CUPIDO
Es geziemt mir, etwas umsichtig zu sein, Merkur; denn wenn Cynthia den Klang meines Bogens hört, wird sie mich beinah mit der Sehne auspeitschen. Um dem vorzubeugen, feure ich also einen Schwung ab auf – es ist ganz gleich, auf welches Paar. Phantaste und Amorphus, seid getroffen!
(schwingt seinen Pfeil nach ihnen)
MERKUR
Wird das Schwingen eines Pfeils sie in ein solches Liebesfieber stürzen?
CUPIDO
So gut wie ein Augenwink; aber ich bitte dich, halte mich nicht mit deinem Geplapper auf.
MERKUR
Jovis behüte, dass ich dich aufhalte; wahrlich, alles was ich fürchte, ist Cynthias Gegenwart, die mit der Kälte ihrer Keuschheit eine solche Antiperistase um den Ort legt, dass keine Glut von dir bei den Patienten verweilen wird.
CUPIDO
Sie wird umso lieber verweilen, denn die Antiperistase hält sie fest im Bann.
MERKUR
Ich brenne darauf, das Experiment zu sehen.
CUPIDO
Nun, ihr Mark kocht bereits, oder sie sind allzumal Eunuchen geworden.
MERKUR
Nun gut, wenn es so ist, höre ich auf zu sprechen und werde bloßer Zuschauer.
(Der erste Tanz endet.)
AMORPHUS
Cynthia, bei meiner hellen Seele, ist eine wahrlich exquisite und prächtige Dame; doch Amorphus, so denke ich, hat mehr Moden gesehen, gewiss mehr Länder; aber ob ich nun oder nicht, was müssen wir Cynthia anstarren, da wir uns selbst zu bewundern haben?
PHANTASTE
O, ausgezeichnete Cynthia! Doch säße Phantaste dort, wo sie sitzt, und trüge solchen Schmuck auf dem Haupt (denn Schmuck vermag viel), ich sage weiter nichts – aber Göttinnen sind Göttinnen, und Phantaste ist, wie sie ist! Ich wünschte, die Festlichkeiten wären endlich vorüber, ich könnte wieder in meine Spiegelschule gehen und lernen, mir nach all dem Gekräusel selbst gerecht zu werden.
(Musik; sie beginnen den zweiten Tanz.)
MERKUR
Nun, Cupido? Hier ist eine wunderbare Veränderung durch deinen Schwung! Hörst du nicht, wie sie vor Liebe schwelgen?
CUPIDO
Welches Wunder ist das? Kein Wort der Liebe, keine Erwähnung, keine Regung!
MERKUR
Kein Wort, mein kleines Irrlicht, kein Wort.
CUPIDO
Sind meine Pfeile verzaubert? Ist ihre Kraft dahin? Ist ihre Tugend...
MERKUR
Was! Ist Cupido eifersüchtig auf sich selbst geworden? Ha, ha, ha!
CUPIDO
Lacht Merkur?
MERKUR
Ist Cupido zornig?
CUPIDO
Hat er nicht Grund dazu, wenn seine Absicht so getäuscht wird?
MERKUR
Eine seltene Komödie, sie soll den Titel tragen: Cupidos Wahnsinn!
CUPIDO
Verspotte uns nicht, Hermes.
MERKUR
Galle und Cupido sind zwei feurige Dinge; ich verspotte sie nicht. Aber ich sehe eintreffen, was ich zu Anfang vorausgesagt habe.
CUPIDO
Das kannst du nicht wissen: Vielleicht wirkt die Arznei bei einigen nicht so schnell wie bei anderen. Es mag sein, dass die Übrigen nicht so widerspenstig sind.
MERKUR
"Ex ungue": Am Löwen erkennt man die Kralle; du kennst das alte Sprichwort; wie diese, so ist auch der Rest.
CUPIDO
Ich will es versuchen: Dies ist derselbe Pfeil, mit dem ich Argurion verwundete.
(schwingt seinen Pfeil erneut)
MERKUR
Ja, aber lass mich dir die Mühe ersparen, Cupido: Es wurden gewisse Flaschen Wasser geholt und von diesen Kavalieren seit jener Zeit ausgetrunken.
CUPIDO
Jovis schlag mich zu Boden! Der Quell der Selbstliebe!
MERKUR
Nun, verzweifle nicht, Cupido.
CUPIDO
Ich hatte es nicht bedacht.
MERKUR
Wahrlich, es war unheilvoll, den Namen des Anteros anzunehmen; du weißt nicht, welcher Zauber oder Bann in diesem Wort liegt. Du sahst, ich wagte bei unserer Darbietung kein Sinnbild zu wählen, sondern war zufrieden, nichts anderes als ein schlichter Page zu sein. Die Eigenschaften deiner Pfeile (um die Etikette zu wahren), Cupido, passen sich anscheinend dem Wesen dessen an, den du verkörperst.
CUPIDO
Eine unerträgliche Schmach!
MERKUR
Eher ein Versuch, den man hätte unterlassen sollen.
(Der zweite Tanz endet.)
Personen der Szene
CUPIDO
MERKUR
CRITES
CYNTHIA (Diana)
ARETE
DIE MASKEN (Philautia, Gelaia, Phantaste, Moria, Amorphus, Hedon, Anaides, Asotus etc.)
CUPIDO
Wie könnte ich mich an diesem verhöhnenden Merkur rächen? Dort ist Crites, sein Günstling – er hat noch nicht von diesem Wasser gekostet?
(schwingt seinen Pfeil nach Crites)
Es soll so sein. Ist Crites etwa auch in sich selbst verliebt?
MERKUR
Das folgt daraus nicht, weil das Gift deiner Pfeile ihn nicht durchdringen kann, Cupido.
CUPIDO
Als gäbe es ein Gegenmittel für jene und ein anderes für ihn?
MERKUR
Als gäbe es das nicht! Oder als könnte nicht dieselbe Wirkung aus verschiedenen Ursachen entstehen? Was sagst du zu Cynthia, Arete, Phronesis, Time und den anderen dort?
CUPIDO
Sie sind göttlich.
MERKUR
Und Crites strebt danach, es zu sein.
(Musik; sie beginnen den dritten Tanz.)
CUPIDO
Aber das wird ihm nicht helfen.
MERKUR
Das wird es diesmal wohl tun. Aber Cupido ist viel zu habgierig geworden, wenn er nicht einmal einen aus einer Menge verschonen kann.
CUPIDO
Einer ist mehr als eine Menge.
MERKUR
Aretes Gunst macht jeden sicher vor dir, Cupido. Ich bitte dich, süßes Honigbienchen, bedenke, dass du dich jetzt nicht in Adonis’ Garten befindest, sondern in Cynthias Gegenwart, wo Dornen die Rosen bewachen. Still, Cynthia spricht.
CYNTHIA
Damen und Kavaliere unseres Hofes! Um ein Ende zu machen
Und unseren Spielen eine zeitgerechte Frist zu setzen,
Lasst uns sie beschließen mit der sinkenden Nacht;
Unser Reich umfasst nur die dunklere Hälfte.
Und wenn ihr es als gerechten Lohn erachtet
Für eure schönen Mühen, Dianas Dank verdient zu haben,
So gewährt ihn Diana und verleiht euch den Kranz
Zum Dank für euren wohlgefälligen Eifer.
Denn ihr seid jene, die uns – anders als manche taten –
Nicht als zu streng und sauer tadeln,
Sondern als gerechterweise gnädig den Guten;
Obgleich wir nicht leugnen, dass wir den Stolzen
Oder den Frevlern wahrlich streng erscheinen mögen:
Denn so zog sich einst Aktäon, durch allzu weites Vordringen,
Zu unserem Schmerz ein tödliches Verhängnis zu;
Und so wurde die geschwollene Niobe, die mehr verglich,
Als ihr zustand, in Stein verwandelt.
Doch werden wir darum für allzu extrem erachtet?
Ist es kein Verbrechen, heilige Lauben
Und geweihte Stätten mit unreinem Blick zu betreten
Und auf das Schändlichste zu entweihen? Ist es kein Verbrechen,
Einer Gottheit zu trotzen? Lasst die Sterblichen lernen,
Eine Religion daraus zu machen, den Himmel nicht zu kränken
Und niemals göttliche Mächte zu tadeln.
Den Menschen soll dieser Grundsatz fest stehen:
Eine Göttin tat es, darum war es gut;
Wir sind nicht grausam, noch laben wir uns an Blut. —
Doch was haben ernste Wiederholungen zu schaffen
Mit Festlichkeiten und den Spielen des Hofes?
Wir beabsichtigen nicht, eure späten Freuden
Mit harter Rede zu verbittern. Es genüge,
Dass wir Notiz nehmen und Rache üben können
Für diese verleumderischen und schandbaren Lästerungen.
Denn wir sind nicht weniger Cynthia als zuvor,
Noch ist unsere Macht eine andere als wir selbst:
Obgleich wir heute keinen leuchtenden Schmuck angelegt,
Den sterbliche Augen nicht ungeblendet ertragen könnten.
Die Jahre stehen unter den Sphären, und die Zeit schwächt
Dinge unter dem Himmel, doch nicht die Mächte, die regnen.
Und obgleich wir in uns selbst geborgen sind,
So sollen die Sterblichen sich doch nicht anmaßen,
Immunität dagegen zu fordern. Seht, das ist alles:
Der Stolz hat reichlich Galle, doch fehlt ihm der Stachel.
Noch einmal werfen wir den Schlummer unseres Dankes
Auf eure überstandene Mühe, die hier ein Ende finde;
Und damit wir nicht eure verschiedenen Werte verkennen,
Noch ihr unsere Gunst, streift von euch ab,
Was euch entstellt, jene Wolken der Maskerade:
Besondere Mühen verlangen besonderen Dank.
(Die Tänzer demaskieren sich.)
Wie jetzt? Lasst mich euch betrachten. Ha! Werden wir verachtet?
Ist die Ehrfurcht vor unserem Missfallen so gering,
Dass sich einige (im Vertrauen auf ihre Verkleidung)
Unter andere des Hofes mischen
Und, gänzlich schamlos, sich so weit vordrängen,
Dass keiner weiter geht? Wie leicht wird Milde
Missbraucht! Strenge verschmäht!
Und doch, wie viel mehr verleiht das bloße Antlitz
Benachbarter Tugenden und ihrer geborgten Namen
Frecher Kühnheit zu losen Eitelkeiten!
Wer hätte gedacht, dass Philautia es wagen würde,
Sich den edlen Namen der Storge anzumaßen
Und mit diesem Diebstahl vor unsere Augen zu treten?
Wer hätte gedacht, dass sie alle darauf hoffen würden,
Wir würden so viel Nachsicht üben, dass sie sich
Mit fremden Titeln schmücken könnten?
Haben wir statt Medizin nun Gebrechen?
Und wachsen solche Geschwüre wie Phantaste
In unserem Palast? Wir müssen diese Wunden aufschneiden,
Sonst fault alles. Und das ist noch nicht alles,
Denn wir vermuten einen noch größeren Betrug:
Nehmt unseren Schleier ab, der so manches Antlitz verbirgt,
Und lasst die wahren Gestalten erscheinen, geliebte Arete –
So, ein ganz anderes Bild der Dinge zeigt sich,
Als vor Kurzem noch. Was! Der gefiederte Cupido
Maskiert als Anteros? Und halt! Noch seltsamer!
Lieber Merkur, unser Bruder, als Page,
Um den Hinterhalt des Knaben zu decken!
Doch unsere Entdeckung endet hier noch nicht:
Gelaia, als Nymphe, die erst kurz zuvor
In Männerkleidung Anaides diente? —
Cupido kam hierher, um Spiel und Spaß zu finden,
Er, der sich bisher nur allzu oft in unserem Gefolge bewegte,
Doch nie Vergeltung spürte;
Und Merkur leistete Cupido Gesellschaft.
Cupido, wir müssen bekennen, diese Zeit der Heiterkeit,
Von uns ausgerufen, bot deinen Versuchen Gelegenheit,
Obgleich kein Privileg:
Versuche uns nicht weiter; wir können deine Gegenwart
Nicht länger ertragen; hinweg, fort mit dir!
(CUPIDO AB.)
Dich, Merkur, müssen wir bitten zu bleiben
Und zu hören, was wir über den Rest bestimmen;
Denn in dieser Intrige erkennen wir wohl deine Hand.
Doch (da wir kein Zensor-Amt anstreben
Und dennoch diese reif gewordenen Geschwüre öffnen wollen),
Liebe Arete und Crites, euch beiden
Übertragen wir die Vollmacht: Verhängt welche Strafen ihr wollt!
Das Unheilbare schneidet ab, den Rest reformiert –
Und denkt stets daran, was wir zuerst verfügt:
Seit die Feiern ausgerufen sind, soll niemand bluten!
ARETE
Wie vortrefflich Diana Zeiten unterscheiden kann
Und ihre Urteile wägen, indem sie sich selbst
Den Spruch der Götter vorbehält und den Rest uns überlässt!
Kommt, zitiere sie, Crites, zuerst, und fahre dann fort.
CRITES
Erstens Philautia, denn sie war die Erste,
Dann die leichte Gelaia in Aglaias Namen,
Drittens Phantaste und Moria als Nächste –
Grundtorheiten allesamt und aus der weiblichen Schar:
Amorphus oder Eucosmos’ Nachäffer,
Der wollüstige Hedon, gehalten für Eupathes,
Der unverschämte Anaides und Asotus zuletzt,
Samt seinen beiden Pagen Morus und Prosaites;
Und du, des Reisenden Übel, Cos, trete herbei –
Betrüger allesamt und männliche Missgeburten!
ARETE
Nur zu, fahre fort, denn ich delegiere meine Macht
Und will, dass sie deiner Gnade zu Willen stehen,
Die sie zuvor so oft und so deutlich verhöhnt haben.
Es ist die Tugend, die ihnen fehlt, und mangelt sie ihnen,
So kann kein Gewand der Welt ihren Rücken zieren.
Nun, Crites, walte deines Amtes.
CRITES
Angebetete Cynthia und helle Arete,
Ein anderer schien für diese Aufgabe vielleicht passender
Als Crites bei Weitem – hättet ihr es nicht anders bestimmt:
Denn ich (um nicht rachsüchtig zu erscheinen
Oder nachtragend wegen Verachtungen, die ich erlitt,
Aus Schwäche getan) muss milder sein:
Der ich, wie ich gewissermaßen der Urheber war,
Sie in Cynthias Blickfeld zu bringen,
So müsste ich umso strenger die Schmach rächen,
Die hierdurch ihrem Namen erwuchs.
Doch es gibt keinen Einzigen unter ihnen, der ungestraft bliebe
Oder von sich aus unbestraft ist; denn das Laster
Ist wie eine Furie für den lasterhaften Geist
Und verkehrt die Lust selbst in Strafe.
Doch wir müssen voranschreiten und ihr Urteil sprechen.
Ihr seid Übeltäter, das muss gestanden werden;
Gesteht ihr es ein?
ALLE
Wir gestehen es.
Personen der Szene
CRITES
CYNTHIA (Diana)
ARETE
MERKUR
AMORPHUS, PHANTASTE & DIE ÜBRIGEN SÜNDER
CRITES
Und dass ihr scharfe Züchtigung verdient?
ALLE
Ja.
CRITES
So sprechen wir (unter Vorbehalt von Delias Huld
Bezüglich ihres weiteren Wohlwollens, und Aretes,
Was immer Delia gewährt) das Urteil euch:
Dass ihr von hier (als Büßende vor aller Welt bekannt,
Da ihr so tief vom Quell der Selbstsucht trankt)
Zu zweit und zweit, eine Palinode gesanglich auf den Lippen,
Zieht zu den Heimstätten am Stein der Niobe
Und opfert dort zwei Tränen je von euren Schritten,
Auf dass sich der Name wandle – wie ihr euch wandeln sollt –,
Und man den Stein fortan das Wehkreuz nennt:
Weil er kreuzweise steht in Cynthias Weg,
Die als die heilige Trivia man anfleht und pflegt.
Und nach vollbrachter Buße wandelt ihr sodann
In gleicher Ordnung, nicht wie Midas tat,
Sein Gold im Strome des Tagus abzuwaschen;
Nein, hin zum Quell der Weisheit, zum Helikon;
Wo ihr, gereinigt von den eignen Leiden,
Die weder klein noch wenige, endlich werdet
Zu dem, was ihr zu sein so gern möchtet, um dann
Bereit, Cynthias Hof erneut zu dienen, anzutreten.
So lautet unser Spruch, falls es der Göttin Macht
Geruht, ihn zu bestätigen mit hoher Hand gebracht;
Das Ziel des weisen Spiels ward reif und stark.
CYNTHIA
Wir heißen gut dein Urteil, lieber Crites;
Das Merkur, dein treuer, holdester Gesell
(Eine Gottheit, die nach Jovis uns teuer ist),
Als Aufseher streng überwachen will.
Und für das Werk der Entlarvung,
Das du vollbracht zu unseres Namens Ehre,
Geloben wir, dich so mit Gnade zu belohnen,
Wie es unserer Huld und deinem Stand gebührt.
Fürsten, die wollen, dass das Volk recht tut,
Müssen bei sich selbst beginnen, als am Haupt;
Denn Menschen schnitzen nach des Herrschers Bild
Gesetze sich und eignen Wandel wild:
Ein tugendhafter Hof zieht eine Welt zum Guten hin.
(Cynthia und ihre Nymphen gehen ab, gefolgt von Arete und Crites. – Amorphus, Phantaste und die Übrigen verlassen paarweise die Bühne und singen die folgende Palinode.)
Palinode (Widerruf-Gesang)
AMORPHUS
Vor spanischem Achselzucken, französischen Gesichtern, Fratzen, Grimassen und allen affektierten Launen –
CHOR
Guter Merkur, beschütze uns!
PHANTASTE
Vor heimlichen Freunden, süßen Dienern, Liebschaften, Täubchen und solchen fantastischen Launen –
CHOR
Guter Merkur, beschütze uns!
AMORPHUS
Vor dem Arme-Ritzen, Schoppen-Stürzen, Willkommen-Trunkenheit, Luftküssen und all solchem Prahler-Wahn –
CHOR
Guter Merkur, beschütze uns!
PHANTASTE
Vor fächelndem Fächer, scheelen Blicken, Tändelei, Knicks und all solchen lächelnden Albernheiten –
CHOR
Guter Merkur, beschütze uns!
AMORPHUS
Vor Stellvertreter-Liebe, Puppen-Hofierung und dem Bezahlen neuer Bekanntschaften –
CHOR
Guter Merkur, beschütze uns!
PHANTASTE
Vor parfümierten Hunden, Affen, Spatzen, Dildos und kleinen Papageien –
CHOR
Guter Merkur, beschütze uns!
AMORPHUS
Vor Haar-Armbändern, Schuhbändern, Handschuhen, Strumpfbändern und Ringen mit Sinnsprüchen –
CHOR
Guter Merkur, beschütze uns!
PHANTASTE
Vor Grundierung, Schminke, Wichsen, Glätten und dem Auffrischen alter Runzeln –
CHOR
Guter Merkur, beschütze uns!
AMORPHUS
Vor dem Begleiten zu Turnieren, Spielhäusern, Umzügen und all solch eitlen Plätzen –
CHOR
Guter Merkur, beschütze uns!
PHANTASTE
Vor dem Hinhalten eines Kavaliers, um den anderen zu prellen und beide zu Narren zu machen –
CHOR
Guter Merkur, beschütze uns!
AMORPHUS
Vor dem Erlügen fremder Damengunst, adliger Protektion, dem Erfinden falscher Ämter, dem ruhmredigen Anmaßen fremder Taten und allen selbstsüchtigen Launen –
CHOR
Guter Merkur, beschütze uns!
(Merkur und Crites singen)
Trockne nun ein jeder weinende Augen,
Eilet fort zum Brunnen der Weisheit geschwind;
Wo ihr, gereinigt von den Plagen,
Süßere Fluten kosten könnt geschwind;
Und mit verfeinerter Stimme kündet
Cynthias Gnade, wie sie hier entzündet.
(Alle ab.)
Epilog
Ihr Edlen, wisst, seit ich hinein gegangen,
Bin ich zum Reimer und zum Dichter zu bang.
Der Autor (ängstlich, wie ihr seinen Sinn wohl fasst)
Trug mir den harten Auftrag auf und Last:
Einen kurzen, feierlichen Epilog zu sprechen;
Doch ob ich weiß, was – möcht ich mir das Genick zerbrechen!
Er fesselt mich an Gesetze, die den Geist mir rauben,
Und würden ein ganz Jahr zu schreiben brauchen.
Ich darf nicht matt sein, flau, noch kläglich traurig,
Nicht sauer, ernst, vermessen oder mürrisch-grämlich:
Sondern dazwischen. Mal sehn; die Schuld zu laden
Auf der Kinder Spiel – das wär ein lahmes Bitten und Jagen.
Um euer Wohlwollen mit flehendem Knie zu werben,
Hieß des Autors Können mit Misstrauen färben.
Zu versprechen, dass das Nächste besser glückt,
Vertagt die Schande, und keines Lobes Schmuck geschmückt.
Darauf zu pochen steif und stolz das Stück zu preisen,
Könnt den Schöpfer der Selbstsucht mit Tadel speisen.
Ich spreche nur, was ich von ihm vernommen:
„Beim – Es ist gut, und gefällt's euch, seid willkommen!
„Ecce rubet quidam, pallet, stupet, oscitat, odit
Hoc volo: nunc nobis carmina nostra placent.“