von Torsten Schwanke
Warum dreht das Verkehrsflugzeug
mit seinen Kindern keine Runde?
Wer ist der gelbe Vogel bloß,
der Zitronen legt ins Nest am Grunde?
Und warum bringt man Hubschraubern nicht bei,
Sonnenhonig zu fliegen, leicht und frei?
Wo hat der Vollmond bloß gelassen
seinen Sack voll Mehl in dunklen Gassen?
Wenn ich gestorben bin und merke es nicht,
wen frag ich dann nach der Uhrzeit im Licht?
Woher nimmt der Frühling in Frankreichs Hain
so unendlich viele Blätter fein?
Wo findet ein Blinder sein Zuhaus?
Vor wem weichen Bienen ängstlich aus?
Und wenn der Welt das Gelb entgleitet,
woraus wird dann unser Brot bereitet?
Sag, steht die Rose wirklich nackt,
hat sie nur dieses eine Kleid gepackt?
Warum versteckt der Baum im Grunde
der Wurzeln Glanz zu jeder Stunde?
Wer hört die Reue, tief und schwer,
des Autos nach dem Unfall sehr?
Gibt es auf Erden wohl ein Bild,
das trauriger als ein Zug im Regen gilt?
Wie viele Kirchen hat wohl der Himmel?
Warum greift der Hai nie im Getümmel
die Sirenen an, die ruhig stehen?
Kann Rauch die Sprache der Wolken verstehen?
Muss man die Hoffnungen im Feld
mit Morgen-Tau begießen in der Welt?
„Was hast du unter dem Buckel versteckt?“,
hat das Kamel die Schildkröte erweckt.
Die Schildkröte fragt nur leise zurück:
„Spritzt du mit Orangen dir dein Glück?“
Hat eine Birne mehr Blätter im Hain
als die verstrichenen Tage im Schein?
Warum begehn die Blätter Verrat
und sterben, wenn Gelb sie gepackt schon hat?
Warum fliegt der Hut der Nacht
mit so vielen Löchern durch die Pracht?
Was murmelt die Asche, alt und grau,
wenn du vorbeigehst beim Feuer genau?
Warum weinen die Wolken so sehr
und werden doch fröhlicher immer mehr?
Für wen brennt das Staubblatt der Sonne im Schatten,
wenn Finsternis herrscht auf allen Matten?
Ist der Frieden der Taube wirklich der Frieden?
Ist der Leopard zum Krieg beschieden?
Lehrt der Lehrer dort an der Tafelwand
die Geografie vom Totenland?
Was ist mit den Schwalben, die spärlich kommen
und viel zu spät zur Schule geschwommen?
Verteilen sie Karten aus Glas und Licht
über den Himmel im Tagesgesicht?
Was treibt die Vulkane zur Wut im Stein,
dass sie spucken Feuer und Kälte hinein?
Warum konnte Kolumbus auf seinen Wegen
Spanien nicht neu entgegen segeln?
Wie viele Fragen hat wohl eine Katze?
Und die Träne, die nie auf die Erde platzte:
Wartet sie still in Seen und Teichen,
oder wird sie als Fluss durchs Leben schleichen?
Ist’s dieselbe Sonne wie gestern Nacht,
oder hat neues Feuer das Licht gebracht?
Wie dankt man den Wolken das flüchtige Glück,
wenn sie ziehen und lassen uns nicht zurück?
Woher zieht die Gewitterwolke im Wind
ihre schwarzen Trauersäcke geschwind?
Wo sind die Namen der Frauen geblieben –
die Donaldas, Clorindas, Eduvigis zu lieben?
Was denken die Polen in hundert Jahren
von meinem Hut, den ich trug auf Gefahren?
Was sagen sie wohl zu der Dichtung mein,
wenn kein Blut mehr fließt durchs Gebein?
Wie misst man den Schaum auf dem kühlen Bier?
Wann entstand das Blau in der Welt allhier?
Warum wird die Erde so traurig und fern,
wenn die Veilchen blühen unter dem Stern?
Hast du schon einmal beobachtet genau:
Der Herbst – wirkt er nicht wie eine gelbe Kuh?
Und wird das herbstliche Geschöpf zur grauen Sau,
sinkt als ein dunkles Gerippe dann zur Ruh?
Wie sammelt sich der Winter bloß
in so viel blauen Linien los?
Wer hat den Frühling sich erdacht
mit seiner transparenten Herrschermacht?
Wie lernten Trauben eigentlich
die Werbung ihres Haufens kennen?
Was fällt dir schwerer, sag für mich:
das Dreschen oder das Sammeln zu benennen?
Ist es denn schlimm, ganz ohne Hölle da zu sein?
Und wenn die Landschaft ihre Farben dreht,
sind das deine Hände im Abendschein
oder bloß Handschuhe, wenn der Wind verweht?
Wenn das Blau des Wassers leise singt,
wie riecht das Gerücht, das vom Himmel dringt?
yyy
Hat man das Gold gezählt im Feld,
das stolz das Reich des Maises hält?
Weißt du, dass Nebel grün erstrahlt
am Mittag, wenn Patagonien malt?
Wer singt im tiefen Wassergrund
der verlassenen Lagune zur Stund’?
Worüber lacht die Wassermelone noch,
wenn man sie dolcht im Messerjoch?
XX
Enthält der Bernstein wirklich fest
die Tränen, die eine Sirene verlässt?
Wie heißt wohl eine Blume gar,
die fliegt von Vogel zu Vogel wunderbar?
Ist niemals nicht viel besser als zu spät?
Und wie kam der Käse auf die Idee,
dass er im Land der Franzosen steht
und Heldenstaten vollbringt am See?
XXI
Wann wurde das Licht auf Erden gegründet?
Geschah das in Venezuela entzündet?
Wo liegt das Zentrum der Meere genau,
warum streben die Wellen nicht dorthin ins Blau?
War jener Meteor am Himmelszelt
eine Taube aus Amethyst, die vom Äther fällt?
Darf ich mein Buch wohl selber fragen:
Habe ich’s wirklich geschrieben in diesen Tagen?
XXII
Liebe, o Liebe – wenn jener und jene vergehen,
wo sind sie dann geblieben, wo werden wir sie sehen?
Gestern sprach ich zu meinen Augen leise:
Wann sehen wir uns wieder auf unserer Reise?
Hat er bereits mit seinem Neffen beim Morden
den blutigen Kuchen verteilt auf Erden?
Wen täuscht die Magnolie im schattigen Hain
mit ihrem zitronigen Duft im Schein?
Wo lässt der Adler sein scharfes Messer,
wenn er auf Wolken schläft – weißt du es besser?
XXIII
Wird der Schmetterling, der sich verwandelt, gar
zum fliegenden Fisch im Wellenpaar?
War es also gelogen und nie wahr,
dass Gott auf dem Monde zu Hause war?
Welche Farbe hat wohl der Geruch vom Weinen,
wenn Veilchen blau in den Schatten scheinen?
Wie viele Wochen hat ein einziger Tag,
und wie viele Jahre ein Monat wohl haben mag?
XXIV
Ist die Vier für alle Vier dieselbe Zahl?
Sind alle Sieben gleich auf einmal?
Wann denkt der Gefangene an das Licht –
ist es dasselbe, das dich bricht?
Welche Farbe trägt der April der Kranken?
Und welche Krone lässt die Westmacht schwanken,
wenn Mohnblumen prachtvoll die Felder ranken?
XXV
Warum wartet der Hain nicht auf den Schnee
und zieht sich nackt aus im Windeswehn?
Woher weiß man, wer Gott ist unter den vielen
Göttern, die Kalkuttas Strassen umspielen?
Warum tragen die Seidenspinner so zerrissene Kleider?
Warum ist das Herz der Kirsche so steinern leider?
Liegt es daran, dass es sterben muss zum Schluss,
oder weil es immer weiterleben muss?
XXVI
Jener Senator, der mir feierlich die Burg zugeschrieben –
war Rimbaud nicht Scharlachrot geblieben?
Góngora in Violett, Victor Hugo Trikolore,
und ich mit gelben Bändern vor dem Tore?
Sammeln sich alle Erinnerungen im Arm
der Armut der Dörfer, so karg und warm?
Und haben die Reichen in einer Schatulle aus Stein
ihre Träume weggesperrt ganz allein?
XXVII
Sind jene Züge aus Scham vergeht,
die sich auf den Schienen einst verirrt?
Wer hat den Bitterstoff je gesehen,
wo Paul Éluards Augen im Boden stehen?
Gibt es für Dornen noch irgendwo Platz? –
So fragte man den Rosenstrauch um seinen Schatz.
XXVIII
Warum vergessen die Alten so schnell
die Schulden, die Wunden, die Nächte nicht hell?
War jener Duft der Jungfrau wahr,
als sie erschrak im Frühlingsjahr?
Warum hören die Armen nicht einfach auf,
arm zu sein im Lebenslauf?
Wo findet man eine Glocke im Raum,
die leise klingt in deinem Traum?
XXIX
Welcher Abstand liegt in Metern gerade
zwischen der Sonne und der Orangenpfade?
Wer weckt die Sonne, wenn sie schläft ein
auf ihrem brennenden Bett im Schein?
Singt die Erde wie eine Grille im All
zwischen der Sphären Musik und Schall?
Ist die Traurigkeit nicht unendlich breit,
und die Melancholie nur von schmaler Kleid?
XXX
Wann schrieb er sein blaues Buch ins Land?
War Rubén Darío nicht grün gewandt?
XXXI
Wen kann ich fragen auf dieser Erd’:
Was ist es, das mein Dasein begehrt?
Warum bewege ich mich ohne Willen,
warum kann ich mein Rastebedürfnis nicht stillen?
Warum rolle ich ohne Räder fort,
fliege ohne Flügel von Ort zu Ort?
Und was trieb meine Seele zur Wanderschaft an –
leben meine Knochen in Chile sodann?
XXXII
Gibt es auf Erden was Dümmleres wohl,
als Pablo Neruda zu heißen so hohl?
Gibt es im Himmel Kolumbiens fern
einen Wolkensammler unter dem Stern?
Warum hält man in London nur,
die Kongresse der Regenschirme auf der Spur?
Welch amaranthnes Blut besaß
die Königin von Saba im Palast?
Und als Baudelaire weinte voller Schmerz –
flossen da schwarze Tränen durch sein Herz?
XXXIII
Warum ist die Sonne ein so schlechter Gesell
für den Wandrer in der Wüste gleißend hell?
Und warum zeigt sie sich so mild und lind
im Spitalgarten, wo die Kranken sind?
Sind es Vögel oder Fische im Netze gar,
das der Mond auswirft so silbern und klar?
War es dort, wo sie mich einst verloren haben,
dass ich mich selbst schlussendlich begraben?
XXXIV
Kann ich aus Tugenden, die ich vergaß,
mir weben einen neuen Anzug nach Maß?
Warum sind die schönsten Flüsse der Welt
nach Frankreich zu laufen aufgestellt?
Warum wird es in Bolivien nicht Tag
seit jener Che-Guevara-Nacht im Schlag?
Suchen sie dort nach den Mördern noch,
die das Herz ihm durchbohrten im finsteren Joch?
Schmecken die schwarzen Trauben des Exils
zuerst nach Tränen des bitteren Ziels?
XXXV
Ist unser Leben nicht ein Tunnel bloß
zwischen zwei schwachen Lichterlohs?
Oder ist’s eine Klarheit, die da liegt
zwischen zwei dunklen Dreiecken gewiegt?
Oder ist das Leben ein Fisch im Fluss,
der zum Vogel sich wandeln muss?
Ist der Tod nur das Nichtsein im Wind
oder Stoffe, die gefährlich sind?
XXXVI
Wird der Tod nicht am Ende ein Ort sein,
eine unendliche Küche im Abendschein?
Was tun deine Knochen, wenn sie zerfallen –
suchen sie neu deine Gestalt von allen?
Wird deine Zerstörung verschmelzen im Raum
mit anderer Stimme, anderem Licht wie im Traum?
Werden die Würmer, die an dir nagen,
Teil von Hunden oder Schmetterlingen an allen Tagen?
XXXVII
Werden aus deiner Asche im Tal
Tschechoslowaken oder Schildkröten einmal?
Wird dein Mund Nelken küssen fortan
mit Lippen, die erst die Zukunft spann?
Aber weißt du, von wo der Tod uns beschleicht –
von oben, von unten, wer hat ihn erreicht?
Kommt er aus Mauern oder Mikroben im Raum,
aus den Kriegen oder dem Wintertraum?
XXXVIII
Glaubst du nicht, dass der Tod schon wohnt
im Innern der Kirsche, die die Sonne belohnt?
Kann dich nicht auch vernichten und töten
ein Kuss des Frühlings im Morgenröten?
Glaubst du, dass die Trauer die Fahne hisst,
die das Zeichen deines Schicksals ist?
Und findest du im Schädel am End
deinen Ursprung, der dich zum Urteil brennt?
XXXIX
Fühlst du nicht auch die Gefahr ganz nah
im Lachen des Meeres, das immer schon da?
Siehst du nicht in der blutigen Seide rein,
dass der Mohn kann eine Bedrohung sein?
Siehst du nicht, wie der Apfelbaum blüht im Hain,
nur um im Apfel gestorben zu sein?
Weinst du nicht mitten im Lachen im Raum
mit den Flaschen des Vergessens als Traum?
XL
Wird dem zerlumpten Kondor im Wind
seine Aufgabe jemals bewusst geschwind?
Wie nennt man die Einsamkeit, die da schläft
in einem Schaf, das alleine weidet?
Und was geschieht, wenn im Taubenschlag heftig
die Taube das Singen lernt und leidet?
Wenn Fliegen Honig sammeln auf Erden –
werden die Bienen dann eifersüchtig werden?
XLI
Was hat der Baum von der Erde gelernt,
dass er zum Himmel zu sprechen wagt, weit entfernt?
XLII
Leidet der mehr, der stets wartet auf Erden,
als der, der nie wartete, geliebt zu werden?
Wo endet der Regenbogen im Raum –
in deiner Seele oder am Horizont als Traum?
Wird vielleicht ein unsichtbarer Stern am Zelt
der Himmel der Suizidalen in dieser Welt?
Wo liegen die eisernen Weinbergbahnen?
Wo fällt der Meteorit aus den Ahnen?
XLIII
Wer war die Eine, die dich geliebt
im Traum, während Schlaf deine Augen umgibt?
Wo wandern die Dinge des Traumes hin –
gehen sie in anderer Träume Sinn?
Und der Vater, der im Träumen erwacht –
stirbt er aufs Neue, wenn der Morgen lacht?
Blühen die Pflanzen der Träume im Feld
und reifen ihre Früchte in dieser Welt?
XLIV
Wo ist das Kind, das ich früher war –
bleibt es in mir oder schwand es ganz dar?
Weißt du, dass ich dich nie gewollt im Leben
und mich selber nicht wollte auf allen Wegen?
Warum sind wir gelaufen so weite Strecken,
nur um im Wachsen uns zu verstecken?
Warum starben wir nicht beide zur Stund’,
als meine Kindheit sank in den Grund?
Und wenn mir die Seele herunterfällt –
warum verfolgt mich mein Gerippe durch die Welt?
XLI
Wie lange lebt ein Nashorn noch im Wind,
nachdem man ihm den Panzer durchgedrungen?
Was erzählen die Blätter neu geschwind
vom Lenz, der längst im Kreis der Zeit verklungen?
Schlafen die Blätter geheim durch den Frost,
wenn tief bei den Wurzeln die Erde sie kost’?
Wo endet der Raum in der Unendlichkeit –
heißt es am Ende Tod oder Ewigkeit?
Was wiegt an der Taille wohl schwerer als Last:
die Schmerzen oder die Erinnerung, die du hast?
XLV
Ist das Gelb der Wälder heute noch rein
dasselbe wie gestern im Abendschein?
Und wiederholt sich der schwarze Flug
von dem trägen Schiff auf der Woge im Zug?
Wozu so viele Falten im Gestein,
wozu so viele Löcher im Felsen sein?
Ich kam von weit her über das Meer –
wohin gehe ich, hält es mich an noch mehr?
Warum habe ich selbst mir den Weg versperrt
und fiel in die Falle, die das Meer beschert?
XLVI
Wie heißt dieser Monat im Jahreskreis?
Was liegt zwischen Dezember und Januar weiß?
Mit welchem Recht zählten sie wohl genau
die zwölf Trauben am Stock in der Rebenau?
Warum gab man uns keine Monate her,
die dauern das ganze Jahr lang und mehr?
Hast du dich vom Frühling nicht täuschen lassen
mit Küssen, die aufblühten in keinen Gassen?
XLVIII
Sind die Brüste der Sirenen am Strand
nur runde Schnecken, versteinert im Sand?
Oder sind es Wellen, zu Stein erstarrt,
wo der Schaum sein unbewegtes Spiel aufbewahrt?
Hat die Pracht der Prärie nicht Feuer gefangen,
als wilde Glühwürmchen im Grase prangten?
Haben die Friseure des Herbstes im Hain
die Chrysanthemen durchwühlt ganz allein?
XLIX
Wann sehe ich das Meer wohl wieder am Strand –
hat das Meer mich gesehen oder nicht erkannt?
Warum fragen die Wellen im stetigen Lauf
mich genau dasselbe, was ich frage sie auf?
Und warum schlagen sie gegen den Stein
mit so viel verlorenem Eifer hinein?
Werden sie nie müde, im gleichen Gewand
ihre Botschaft zu wiederholen dem Sand?
L
Wer überzeugt das Meer im wilden Braus,
dass es vernünftig wird und ruht sich aus?
Wozu dient es, aus dem Wasser zu ziehen
blauen Bernstein und grünen Granit in Mühen?
Suchen sie nach Wismut-Proben am Zelt,
wo der Himmel seine Stiche hält?
Und kehren sie wohl zu den Balkonen heim,
voll Asche und Staub im Abendschein?
LI
Warum hasse ich Städte mit finsterem Sinn,
wo Gerüche von Frau und Urin wehen dahin?
Ist die Stadt nicht der große Ozean bloß
aus Matratzen, die pulsieren feucht und groß?
Hat Ozeanien der Lüfte kein Strand,
keine Inseln und Palmen im spitzigen Sand?
Warum bin ich zurückgekehrt in den Raum
zur Gleichgültigkeit vom Meeres-Traum?
LII
Wie groß war der schwarze Kraken im Grund,
der verdunkelte des Tages ruhige Stund’?
Waren seine Arme aus Eisen geschmiedet,
seine Augen aus totem Feuer erfiedert?
Und der dreifarbige Wal auf den Wogen her –
warum hielt er mich auf dem Wege im Meer?
LIII
Wer hat vor meinen Augen verschlungen
einen Hai voll Pusteln im Sprung?
War der Hai schuld am blutigen Fest,
oder waren es die Fische, die er fressen lässt?
Ist es die Ordnung oder die Schlacht im Raum –
dieser ständige Schaden als Lebens-Traum?
LIV
Ist es wahr, dass die Schwalben im Fluge weit
sich niederlassen auf dem Mond für alle Zeit?
Nehmen sie den Frühling mit sich fort,
von den Gesimsen hin an jenen Ort?
Kehren sie im Herbst wohl wieder zurück –
die Schwalben des Mondes voll kaltem Glück?
Was erwartete mich auf der Isla Negra am Strand:
die grüne Wahrheit oder der Anstand im Land?
LV
Warum schickt man nicht Maulwurf und Schildkröt’ geschwind
zum Mond hinauf, wo die Sterne sind?
Die Ingenieure der Höhlen und Ritzen im Stein –
könnten sie nicht die Inspektoren dort sein?
LVI
Glaubst du nicht, dass Kamele im Wüstensand
den Mond in ihren Höckern bewahren im Land?
Pflanzen sie ihn nicht mit beharrlichem Sinn
im klammheimlichen Schweigen der Wüsten hin?
Und ist das Meer auf der Erde nicht bloß
geliehen für kurze Zeit und groß?
Müssen wir es nicht mit der Gezeiten Lauf
dem Mond wiedergeben im Himmel auf?
LVII
Wäre es nicht gut, mit klarem Verstand
interplanetare Küsse zu verbieten im Land?
Warum die Dinge nicht prüfen genau,
bevor man Planeten weckt im Blau?
Und warum trägt das Schnabeltier weit
ein so ganz besonderes, seltsames Kleid?
Wurden die Hufeisen im Eisenbrand
für die Pferde des Mondes einst erfunden im Land?
LVIII
Was pulsierte in der Nacht so hell –
waren es Planeten oder Hufeisen schnell?
Soll ich heute Morgen wählen mein Teil
zwischen nacktem Meer und dem Himmelsseil?
Und warum hüllt sich der Himmel am Morgen früh
in so dichte Nebel voller Mühe?
LIX
Warum bin ich nicht geheimnisvoll geboren,
warum wuchs ich ohne Gefährten verloren?
Wer befahl mir, die Türen aus Holz und Stein
meines eigenen Stolzes zu brechen ein?
Und wer ist für mich zu leben gegangen,
als ich schlafend oder krank gehangen?
Welche Fahne wehte am Maste dort,
wo man mich nicht vergaß an keinem Ort?
LX
Welches Gewicht besitze ich bloß
vor dem Gericht des Vergessens so groß?
Was ist das Bild der Zukunftsgestalt –
ein gelber Samen im Getreidewald?
Oder ist das steinerne Herz im Gewächs
der Vertreter des Pfirsichs im Apfelgewächs?
LXI
Der lebendige Tropfen aus Quecksilber fein –
rennt er nach unten oder ewig hinein?
Wird meine unglückliche Dichtung sodann
mit meinen Augen noch schauen können fortan?
Werde ich meinen Duft und Schmerz noch spüren,
wenn mich zerstörte Träume im Schlafe führen?
LXII
Was bedeutet es, starr zu verharren im Raum,
in der Gasse des Todes wie ein Schatten im Traum?
Wie kann man in der Salzwüste blühen und wachsen?
Gibt es im Nichts-Meer ein Kleid für die Achsen?
Wenn die Knochen gegangen sind alle im Wind –
wer lebt in dem Staub, der am Ende gerinnt?
LXIII
Wie verständigt man sich mit den Vögeln im Hain,
wie übersetzt man ihre Sprache rein?
Wie sage ich der Schildkröte leise im Gras,
dass ich an Langsamkeit übertreffe sie fast?
Wie frage ich den Floh auf der Haut
nach den Zahlen, auf die seine Meisterschaft baut?
Und was sage ich den Nelken am Band
zum Dank für den Duft aus ihrer Hand?
LXIV
Warum verblasst meine Kleidung im Licht –
weht sie wie eine Fahne im Windesgewicht?
Bin ich manchmal böse, bin ich immer gut?
Lernt man die Güte oder der Maske Mut?
Ist der Rosenstrauch des Bösen nicht weiß,
und sind die Blüten des Guten nicht schwarz wie Eis?
Wer gibt die Namen und Zahlen bekannt
dem Unschuldigen, das unzählbar im Land?
LXV
Glänzt der Metalltropfen silbern im Licht
wie eine Silbe, die mein Gesang spricht?
Schleicht sich nicht manchmal ein Wort dahin,
wie eine Schlange mit düsterem Sinn?
Hat nicht im Herzen dir leise und heiß
ein Name geknistert wie Orangenweiß?
Aus welchem Fluss kommen die Fische wohl her –
aus dem Wort Silberwaren ins breite Meer?
Und sinken die Segelboote am End
nur, weil zu viel Vokal in ihren Segeln brennt?
LXVI
Gibt es einen Stern, der offener steht
in der Luft, wenn die maritime Dämmerung weht?
Was bedeutet das Wort Mohn in der Welt –
gibt es schärfere Zähne, die die Nacht erhellt?
Wie viele Silben hat das Wort Schakal,
wenn es heult durch die Wüste beim Mondenstrahl?
LXVII
Kannst du mich lieben, Silabaria, im Raum,
und mir einen Kuss geben, Substantiv im Traum?
Ist das Wörterbuch ein Grabstein tief,
oder ein geschlossener Bienenstock, der schlief?
An welchem Fenster bin ich geblieben,
um die begrabene Zeit zu lieben?
Oder ist das, was ich aus der Ferne seh’,
nur das, was ich noch nicht gelebt im Weh?
LXVIII
Wann liest der Schmetterling im Fluge leise,
was auf seinen Flügeln geschrieben steht auf der Reise?
Welche Buchstaben kennt die Biene genau,
um ihren Weg zu finden durchs Himmelsblau?
Und mit welcher Zahl zieht die Ameise ab
ihre toten Soldaten fürs winzige Grab?
Wie nennt man die Zyklone im Raum,
wenn sie ruhen und bewegen sich kaum?
LXIX
Fallen Gedanken der Liebe im Schacht
in die erloschenen Vulkane der Nacht?
Ist ein Krater nur Rache der Erde zur Stund’,
oder eine Strafe aus tiefstem Grund?
Mit welchen Sternen sprechen im Raum
die Flüsse, die nie das Meer erreichen im Traum?
LXVI
Stoßen sie Rauch, Feuer und Dampf heraus –
die Gleise oder der Lokomotiven Graus?
In welcher Sprache fällt der Regen hernieder
über schmerzhafte Städte immer wieder?
Welche sanften Silben murmelt die Nacht,
wenn sie die Asche verbrannter Kinder bewacht?
LXX
Was ist wohl die Zwangsarbeit im Grauen
für Hitler in der Hölle zu schauen?
Malt er Wände an oder Leichen dort?
Riecht er das Gas seiner Toten am Ort?
Gibt man ihm seit dem Tode zum Schmaus
Trichter voll Blut in sein Haus?
Oder hämmern sie ihm auf den Mund sogleich
die goldnen Zähne, herausgerissen im Reich?
LXXI
Oder legen sie ihn zum Schlafen hin
über den Stacheldraht ohne Sinn?
Tätowieren sie ihm die Haut im Schein
für Hölle-Lampen ganz allein?
Oder beißen ihn ohne Mitleid und Rast
die schwarzen Mastiffs des Feuers als Gast?
Muss er nachts und am Tag ohne Pause ziehen
mit seinen Gefangenen im Schmerz dahin?
Oder soll er sterben, ohne zu sterben gar –
ewig unter dem Gas, das er selber war?
LXXII
Sind denn alle Flüsse süß im Lauf –
woher nimmt das Meer sein Salz darauf?
Woher wissen die Jahreszeiten genau,
wann Zeit ist zu wechseln das Hemd im Blau?
Warum geht im Winter alles so träge dahin,
und danach schlägt der Puls mit wildem Sinn?
Woher wissen die Wurzeln im dunklen Grund,
was sie ans Licht bringen müssen zur Stund’,
um dann die Luft zu grüßen im Raum
mit so vielen Farben wie ein traumhafter Baum?
Ist es immer derselbe Frühling am End,
der seine Rolle im Jahreskreis kennt?
LXXIII
Wer arbeitet mehr auf der Erde wohl:
der Mensch oder die Sonne im Kornfeld voll?
Wen liebt die Erde wohl mehr im Hain:
die Fichte oder den Mohn im Schein?
Zwischen Orchideen und dem Weizen im Feld:
Für wen schlägt das Herz dieser weiten Welt?
Warum so viel Luxus für eine Blume allein
und bloß schmutziges Gold für den Weizenfein?
Beginnt der Herbst juristisch ganz rein,
oder ist er eine geheime Station im Schein?
LXXIV
Warum bleibt der Herbst im Geäst noch stehen,
bis die letzten Blätter zu Boden wehen?
Und wo bleiben seine gelben Hosen hängen,
wenn die Winde ihn durch die Wälder drängen?
Wahrlich, es scheint, er wartet im Wind,
dass ein großes Ereignis die Welt gewinnt:
Vielleicht das Zittern eines Blattes im Raum
oder der Übergang des Universums im Traum?
Gibt es einen Magneten in der Erde tief –
einen Bruder des Herbstes, der im Dunkeln schief?
Und wann wird unter der Erde im Stillen
der Name der Rose diktiert nach ihrem Willen?