VON TORSTEN SCHWANKE
SIMONIER.
Es heißt, die Gnostiker der Zeit,
die „Simonianer“ mancherlei,
hätt’ diesen Namen nie getragen,
noch Justins Feindschaft je ertragen.
Der Märtyrer, um hundertfünfzig,
sprach von „Simon“, und zwar giftig,
behauptet, Rom hätt’ ihn verehrt,
als wär’ er Gott, hoch angekehrt.
Ein Standbild soll’s gewesen sein,
die Inschrift: „Simon, Gott, der Reine!“
Doch Archäologen fanden bald:
Es war „Semo Sancus“, alt!
Trotzdem, was Justin hat gesagt,
ward von den Vätern nachgeplagt,
in jenem Zeitalter der Hast,
wo Prüfung, Skepsis kaum noch Platz.
Vielleicht war Simon ein Magier schlau,
mit Wundern, Trug und mancher Schau.
Das Volk von Samaria staunte sehr,
und noch zur Zeit Justins klang’s umher.
Doch mehr als alles, was geschah,
war’s eine Schrift, die Simon sah:
Die „Apostelgeschichte“ trug hinein
den Namen, der ward Grund zum Schrein.
So wurde er zum Ur-Ketzer erkoren,
die Häresie sei da geboren.
Und was man von den „Simonianern“ spricht,
ist Legende – Geschichte ist es nicht.
DOSITHEUS
Vor Simon trat ein Mann hervor,
„Dositheus“ klingt uns ins Ohr.
Von Täufer Johannes kam er her,
sein Ruf im Land war nicht gering, vielmehr.
Er sprach, er sei wie Moses gleich,
ein Prophet, im Geiste reich.
Die Jünger nannt’ er neunundzwanzig,
und eine Frau, im Mondmaß fleißig.
Bis ins sechste Jahrhundert lang
bestand der Sekt’ ihr enger Zwang.
Noch später, bis ins vierzehnte Licht,
spricht Aboulfatah von ihr – doch dicht.
Er galt als Araber, mystisch sehr,
Essener Lebensart nicht fern.
Auch Helena, die Mondgestalt,
trat auf in seiner Jüngerschar bald.
So flochten Mythen, Bild und Sinn,
den Namen „Simon“ mitten drin.
Doch Wahrheit, nüchtern, streng gefragt:
Was man erzählt, ist meist erdacht.
Auf dunklem Schirm der Überlieferung,
erscheint der Gnosis erste Regung.
Arabisch, phönizisch, syrisch im Kern,
babylonische Schatten, von weitem, von fern.
Vielleicht ein Quell, verborgen und rein,
führt zu den Äonen des Plērōma hinein.
Dreißig an Zahl, im Kreise gefügt,
die letzte gespalten, nach oben gewiegt.
Sophia, geteilt, in innen und außen,
in Tiefe und Höhe, in Wachen und Pausen.
Ihr niederer Aspekt, der Weltenbeginn,
die Ursubstanz, die Weltenseele darin.
Aboulfatah nennt Dositheus klar,
hundert Jahr’ vor dem Christentum wahr.
Ob traut man dem späten Chronisten so sehr,
bleibt offen – doch Quellen rauschen wie Meer.
Vielleicht sind sie längst im Dunkel verweht,
doch seine Behauptung besteht und besteht.
Er sah in der Gnosis, vor Christus gestellt,
ein frühes Geheimnis, das Ursprünge hält.
Doch wie er Johannes ins Zeitengefüge
der Orthodoxie mit Chronik verbüge,
bleibt Rätsel und Frage, verborgen im Raum,
wie ein talmudisch verschobener Traum.
Hegesippus nennt noch, durch Eusebius’ Hand,
Kleobius, Masbotheus, in urchristlichem Land,
auch Gorthaeus tritt aus den Schatten hervor,
Führer der Schulen in frühem Chor.
SIMON MAGUS.
In Schriften wird von Simon kund,
ein Zauberer im Judenbund.
Die Apostelgeschichte nennt ihn klar,
doch erst viel später ward das wahr.
Irenäus griff die Legende auf,
die von des Zauberers wildem Lauf.
Auch Justin spricht von einem Mann,
den man in Gitta ehren kann.
Der prahlte, göttlich sei sein Licht,
die „Große Macht“ – so sprach er schlicht.
Doch Justins Wort kennt nicht den Streit,
den Acta malen weit und breit.
So wuchs die Sage Stück um Stück,
ein Roman ward’s, voll List, voll Tück’.
Petrus, der Arme, kämpft so fein,
den „Zauber-Simon“ zu entweih’n.
Hippolyt rettet manches Stück
aus Schriften, die sonst sind im Glück
verschollen. „Die Verkündigung“
zeigt Gnosis, schon fast ausgereift jung.
Nicht Keim allein, doch volle Pracht,
die fast dem Valentin gleich gemacht.
Von Äonen, Logos, Weltgestalt,
vom Abstieg, der die Seele halt.
Die Ebioniten stritten schwer
mit Paulusschulen ringsumher.
So ward aus altem Lehrerstreit
der „Ketzer“ Simon bald bereit.
Und später legte Rom noch zu,
ließ Petrus siegen – himmelsruh’.
In Antiochien erst besiegt,
dann Rom, wo Simon endlich liegt.
Die Tübinger sah’n kühn hinein:
Vielleicht soll Paulus Simon sein!
Denn Streitpunkt hier wie dort ist gleich,
der Kampf um Lehre, eng und weich.
Doch hüten wir das Urteil sehr:
Nicht immer meint der Text den Herr.
Doch eine Schicht im Sagenkranz
trägt Paulus’ Widerschein im Glanz.
So offenbart die Simon-Schrift
die Gnosis, die ins Tiefe trifft:
Vom Einen Vater überm All,
vom Logos, der hinab einst fall’.
Von Weltseel’ als des Logos’ Teil,
von Schöpfung, die nur Schattenheil.
Von Wiederkunft, von Rettungsschritt –
die Spur der Alten klingt noch mit.
Der Titel „Magus“ deutet weiter, reicht breit,
als nur zum Samaritaner, Wunder und Eitelkeit.
Nach Persia führt’s, zu Königen, Sternenpracht,
Feuerzeichen stimmen’s an in mancher Schlacht.
Wie Barbēlōs Lehre, wie Valentinus’ Art,
war Simons Gnosis Teil einer großen Fahrt.
Das Fragment bei Hippolytos macht’s klar und schlicht:
ein Echo alter Schulen, nicht nur Schein und Licht.
Viel Schrift ging unter, vieles ward verloren,
doch hieß ein Werk: „Die vier Viertel der Welt“ geboren.
Und „Refutatorii Sermones“ — polemisch, scharf —
kritisierten Jahwes Bild, die Schlangenlegenden gar.
Die Legende von Simon und Helena, mondhell, siderisch,
setzt Sonne zu Simon, Selene zur Seele — mystisch.
Im Mikrokosmos Helena, gefallen in das Sein,
Simon als Geist, der führt sie heim ins reine Sein.
Man deutete gar den trojanischen Epos dezent,
und las Homers Sagen allegorisch, wie man’s kennt.
So wandten Gnostiker die jüdische Kunst geschickt
auf griechische Mythen, bis der Volksglaube knickt.
Die Kirchenväter jedoch sprachen rau und grob:
Helena sei eine Dirne — so klinkt ihr Lob.
Tyrus nannten sie, und Baur sah einen Faden:
Sonne/שמש und Σελήνη — Kult in alten Pfaden.
Doch über vieles schweigt die Wissenschaft, zu dunkel das Feld,
bei phöniz’schem Kult und syrischem Weltbild jener Welt.
Man darf nicht in Details ertrinken, sagt Vernunft leise,
wo Quellen fehlen, bleibt vieles nur Vermutung, nur Reise.
Irenäus schildert das System mit ernster Miene,
ein Logos, eine Sophia — in vielerlei Bühne.
„Weisheit war der erste Gedanke meines Geistes,“ spricht er laut,
„die Mutter allen Seins, die selber weint und auch vertraut.“
Sie stieg hinab, gebar die Engel und die Macht,
doch Neid fesselte sie, hielt sie in finstrer Nacht.
Gefangen von den Mächten, oft gedemütigt gar,
wandert sie von Leib zu Leib — erbärmlich, sonderbar.
Zuletzt gar in einem Bordell, das verlor’ne Schaf genannt,
so malen’s die Mythen, von Menschenhand verbrannt.
Da kam Simon, der Geist, mit Gnosis, heil’ger List,
um zu befreien, was die Fesseln ewig misst.
So endet dieser Sagenklang, halb Mythos, halb Bericht:
Simons Werk war Rettung, Licht im Dunkel, Angesicht.
Ob Magie, ob Allegorie — die Lehre bleibt verknüpft,
ein Sonnenwort, das auf die Mondgestalt hinlüpft.
Denn wie die Engel, spricht ein Vater,
verwalteten die Welt sie flatter,
Ein jeder wollt allein regiern,
drum musste Gott herabspaziern.
Er kam, die Dinge auszurichten,
Verwirrung aller Welt zu lichten.
Er nahm Gestalt der Mächte an,
schien Menschen gleich, doch blieb er’s Klan.
Man glaubte, dass er Leiden trug,
doch litt er nicht – es war Betrug.
Die Propheten weissagten frei,
doch Engel gaben’s heimlich bei.
Ein Manuskript ward „Kunde groß“,
verkündet Stimme, Namen bloß.
Von Denken stammt die Kraft, die eine,
die grenzenlose, lichte, reine.
Die Schrift soll sein ins Herz gelegt,
im Menschen-Tempel tief bewegt.
Das Ur-Symbol war Feuer klar,
verborgen wie auch offenbar.
Es nährt wie Baum die Kreatur,
doch Frucht allein bleibt ewig nur.
Der Stamm vergeht im Flammenmeer,
die Frucht wird Schatz, sie glänzt noch mehr.
So lehrt die Gnosis: Mensch muss leiden,
im Werden, Zeugen, Sterben, Scheiden.
Ist aber seine Form vollbracht,
wird er dem Gotte angefacht.
Von Äonen spricht die Schrift sodann,
zwei Wucherungen hebt sie an:
Von oben Geist, die Macht, der Held,
von unten denkt die Frau, die Welt.
Indem sie sich im Einklang seh’n,
entsteht der Raum, durch den wir geh’n.
Die Luft, die ewig ohne Zeit,
birgt Geist, der alles hält bereit.
Der Vater nährt, erhält das All,
was Anfang trägt und Endes Fall.
Er ist, der war, der immer steht,
Kraft, die durch Mann und Weib verweht.
Aus grenzenloser Macht erwacht,
der erste Hauch des tiefen „Gedacht“.
Doch war er nicht der Erste schon,
erst Selbstentfaltung gab den Ton.
Denn Vater ward er erst genannt,
als ihn der eigene Sinn erkannt.
So offenbarte er sich selbst,
Gedanke, der den Ursprung hält.
Doch schuf der Sinn nicht neu den Herrn,
er barg ihn tief, doch blieb er fern.
Gedanke – Macht, in einem eins,
verborgen wie des Himmels Schein.
Sie sind zugleich, was oben gilt,
und unten Denken sich enthüllt.
Was aus der Einheit weitergeht,
erscheint als Zweiheit, die besteht:
Männlich und weiblich – doch zugleich,
im Innern eins, verborgen reich.
So ist im Geist der Sinn versteckt,
doch als getrennt sind zwei entdeckt.
Dies sei die Kunde, die man fand,
Simons Verkündigung genannt.
Vielleicht bringt einst ein neues Blatt
noch Licht in das, was dunkel satt.
Bis dahin sei das Urteil frei,
was man von „Satan“ sagt, es sei.
MENANDER.
Von Menander wird hier kundgetan,
ein Lehrer, der schon früh begann.
Aus Samaria stammte er,
Capparatea war sein Her.
In Antiochia predigt’ er viel,
die Stadt, ein Knotenpunkt im Spiel
von Handel, Macht und Geist zugleich,
dort lehrt’ er, wie man wird nun reich:
Nicht Gold und Silber war gemeint,
doch Wissen, das den Geist vereint.
Von Gott, dem Einen, sprach er klar,
und dass die „Kräfte“ minder war’n.
Er lehrt’, dass durch Magie und Streben
der Mensch erlange höheres Leben;
nicht bloß durch Glauben, nein, durch Tat,
wer forsche, find’ den wahren Pfad.
Er gab sich aus als Heilsgesandter,
ein Lehrer, nicht der Welterkanter;
nicht Logos selbst, doch mit ihm eins,
so werd’ der Mensch zum „Christus“-Seins.
Die Taufe galt als Wiedergeburt,
der Neuling ward von Tod entführt,
er alterte nicht, war unvergänglich,
sein Selbstbewusstsein unvergänglich.
Die Fleischesauferstehung lehnte er ab,
drum schalt man ihn nach seinem Grab.
Sein Volk, die „Menandristen“ heißend,
verschwand, die Schriften unentweisend.
Doch möglich ist, dass frühe Spur
zum Zarathustra weist nur pur;
die Äonenlehre, wie sie war,
führte zu Zoroaster gar.
Ob ägyptisch, persisch, wer mag’s sagen –
doch bleibt Menanders Geist ein Fragen.
SATURNINUS.
Saturnin ward ein Lehrer genannt,
der Gnosis’ Funken früh entbrannt.
Man sagt, in Syrien hob er an,
doch ältrer Ursprung wohl bestand.
Justin der Märtyrer, klar und frei,
zählt Saturnins Gefolg dabei;
er reiht ihn gleich den Basilid’,
den Valentin, dem Häresiarch, mit.
Von Menander, so heißt es, kam
der Faden her, ein Lehrersam’;
doch wohl nur ähnlich war ihr Wort,
vielleicht getrennt durch Zeit und Ort.
Sein Leben bleibt uns unbekannt,
doch strenger Wandel ward genannt:
Kein Fleisch, kein Weib, kein Ehedrang,
so lebte man in Enk’rat streng.
Er lehrt vom Vater unerkannt,
von Mächten, Engeln unverwandt;
von sieben Sphären, Herrscher groß,
die Welt erschufen plan- und bloß.
Doch Christus kam, nur Schein und Licht,
ein Retter, doch von Fleisch nicht dicht;
er hob den Funken aus dem Lehm
und führte heim zum Ur-Gehem.
Die Engel schufen einst den Mann,
doch nur als Hülle, ohne Bann;
er kroch am Boden wie ein Wurm,
ein hilflos Ding, ein schwacher Sturm.
Da sandte oben Mitleids Macht
den Lebensfunken, Glut und Pracht;
da richt’ er sich, ward aufrecht bald,
von Glied zu Glied, von Kind zu Alt.
So wohnt im Leib der Funken rein,
kehrt heim zum Licht, verlässt den Schein;
das Fleisch zerfällt, die Hülle bricht,
doch ewig lebt des Funkens Licht.
DIE OPHITEN
Die schwerste Last liegt nun bereit,
ein Thema voller Dunkelheit.
Vom Gnostizismus patristisch’ Spur,
verwirrt uns alle, weit und nur.
Ein Lehrername gäb’ uns Halt,
drum fehlt uns Ordnung, sicher bald.
Doch Irenäus spricht vage bloß,
bei Hippolyt ist’s ebenso groß.
Nur Bruchstück’ flattern uns ins Haus,
da bleibt Verzweiflung nimmer aus.
Man glaubt: Zur Zeit des Irenäus
lief frei das Schriftgut – sehr geheiß.
Doch später, da Hippolyt es fand,
war Orthodoxie schon wohlbekannt.
Versteckt, verhöhnt, mit Spott im Ton,
zeigt er die Schriften, die davon.
Ich aber glaube: Geheimbereich,
die tiefste Lehre blieb stets weich.
Nie gab man preis, was innig war,
denn Stufenweg blieb offenbar.
Die Schulen mischten sich im Tun,
kein starres Schema war ihr Lohn.
Basilides, Valentin, die Schar,
sie dachten frei, wie’s jedem klar.
Der „Ophit“-Name, falsch gewählt,
vom Feind als Etikett erzählt.
Ein Schlangenbild ward überhöht,
doch trägt’s das Ganze nimmer redt.
So blieb der Titel Sammelort,
für Lehren ohne klaren Hort.
Philaster nennt sie vor der Zeit,
Irenäus beschreibt sie weit.
Celsus sah keinen Unterschied,
nur Origenes trennt im Lied.
Ob Name trügt, der Fluss doch fließt,
die Gnosis wächst, ihr Strom genießt.
Die Schlange galt seit alter Zeit,
in Mysterien tief und weit,
in Griechenland, in Phönizien,
in Ägypten wie in Indien.
Sie deutet an den Weltenlauf,
wie Geist aus Urkraft nimmt den Lauf,
das Ei der Schöpfung, Kreis und Rund,
der Logos drin – so tief, so kund.
Doch sank sie auch zum Sinnesbild,
zum Zeichen, das Begierde stillt.
Wo Schöpferkraft sich nieder neigt,
der Mensch den niedern Trieb nur zeigt.
Im Tempel ward das Bild erklärt,
wo man das hohe Wissen lehrt.
Wer rein an Leib und Seele stand,
dem ward des Geistes Preis gesandt.
Doch wer nur lüstern, schwach und leer,
den riss das Tier im Innern mehr.
So ward der Missbrauch offenbar,
den Gnostik-Schriften selbst Gefahr.
Die Schlange birgt die Weltenkraft,
den Strom, der Mensch und Kosmos schafft.
Das Ei – der Ursprung, Mutter Schoß,
daraus das All im Werden groß.
Ein Stab, umschlungen, Bild des Pfads,
des Hermes’ Caduceus-Stabs,
zeigt, wie die Seelen sich erheben,
vom Tod zum neuen, lichten Leben.
So auch im Exodus erklärt:
Der Leib ist Ägypts Reich verehrt.
Wer durch das Rote Meer einst geht,
den Trieb des Fleisches übersteht.
Die Schlangen in der Wüste sind,
die Triebe, die im Menschen sind.
Doch Moses zeigt die wahre Kraft,
die Schlange, die Erlösung schafft.
Und wer den Strom des Jordan lenkt,
das Wasser aufwärts wieder denkt,
der schafft wie Gott, nicht wie das Tier,
ein neues Reich, ein neues Wir.
Die Mythen, die von alters her,
hatten wohl einen Kern, doch mehr,
ward bald die Spur der Zeit verwischt,
weil man sie mystisch überdichtet.
Die Kund’gen in den Mysterien,
die kannten wohl die Lehren fein,
die Gnostiker mit klarem Blick
erkannten gleich den tiefern Strick:
Der Exodus, so wunderbar,
war nicht nur Mär’ – er deutbar war,
auf Seelenweg und inner’s Streben,
nicht bloß auf äuß’res Gottesleben.
Doch manche Deut’ war schwach, gar toll,
das Spiel mit Worten allzu voll,
die Zeitlieb’ übte ihren Sinn,
in Deutungslist und Scharfblick hin.
Die Gnosis suchte Seelenfahrt,
die Orthodoxie dogmisch ward,
sie sprach nur: dies allein ist recht –
so blieb der Streit gar hart und schlecht.
Das Albernste in solchem Tun,
war Philologie zum bloßen Spiel’n:
man spielte mit der Wurzel frei,
doch Wahrheit war nur selten dabei.
So fand man Namen abgeleit’t,
die aller Logik Hohn bereit’t,
doch Plato selbst, der Geistesheld,
gebrauchte solch ein Narrenspiel.
Und dennoch war ihr Ziel stets klar:
die Seelenlehr’ stand offenbar,
das Leben, das im Innern brennt,
war’s, das man Wahrheit damals nennt.
Drum hüte dich, oh Leser heut,
vor falschem Stolz und Überzeugt,
auch uns’re Forsch’ hat ihre Schranken,
drum solln wir Alten auch was danken.
EIN ANONYMES SYSTEM VON IRENÆUS.
In Tiefe, die kein Wort mehr fasst,
lag Licht in unerschaffner Rast.
Der Vater-Mensch, der ewig ist,
sein Sohn, der zweite Mensch, erlischt.
Die Mutter allen Lebens dann,
der Geist, aus dem die Schöpfung rann.
Darunter lag in träger Pein
das Ur-Chaos im dunklen Sein:
Wasser, Finsternis, Abgrund, Nacht,
daraus die Mutter Leben macht.
Sie brütet über Wassern still,
bis sie der Liebe Frucht gebillt:
Aus ihr erstand das dritte Licht,
Christus, der alle Schranken bricht.
Mit Vater, Sohn baut er sogleich
die Kirche hoch im Himmelsreich.
So ward die Mutter rechts gestellt,
die große Hüterin der Welt.
Doch ein Tropfen Licht fiel links hinab
ins Chaos, das kein Ende hab.
Daraus entstand Sophia dann,
die Weisheit, Weltmutter genannt.
Die Himmelssphäre ward ihr Kleid,
doch ließ sie es in Ewigkeit,
stieg auf zur Mitte, unter ihr
die Ur-Mutter – sie grenzte hier.
Doch aus Berührung mit dem Raum
zeugt sie den Schöpfer voller Traum:
Ialdabaoth, so prahlt er bald,
ein Herr der Mächte, stolz, kalt.
Er schafft sich Söhne, sieben an,
die kämpfen, stritten Mann für Mann.
So ward die Welt aus Streit geborn,
aus Geist und Seele, Leib zerrorn.
Und Ialdabaoth schrie: „Seht, ich bin
der höchste Gott, der Welten Sinn!“
Sophia sprach: „Du lügst, mein Kind,
denn über dir die Lichter sind!“
Er aber schuf den Menschen dann
aus Erde, bis kein Leben dran.
Da haucht er ihm den Funken ein,
den er von Weisheit nahm allein.
Der Mensch erkennt den ersten Mann,
und nicht die Götter, die ihn spann.
Da ward Ialdabaoth voll Neid,
formt Eva, um den Funken weit.
Doch Weisheit sendet listig schnell
die Schlange – Geist, der Lehrer hell.
Sie weckt in Adam neues Licht,
das falsche Paradies zerbricht.
Verbannt aus jenem Gartenreich,
erkannten sie ihr Kleid so bleich:
Ein Hautgewand, das Sterben trägt,
bis Weisheit Duft des Lebens regt.
So harrt der Mensch in Leid und Fron,
doch weiß: sein Leib ist nicht der Lohn.
Denn über allem strahlt das Licht,
das keine Macht der Welt zerbricht.
Die Genesis wird aufgerollt,
von Kain, von Noah wird gezollt.
Propheten sprachen, göttlich kühn,
doch Elohim stand hinter ihnen.
Sophia selbst gab manchmal kund
ein Licht vom Himmel, tief und bunt:
Vom ersten Menschen, Christi Sein,
brach sie ein Stück des Glanzes ein.
Doch unruhvoll, von Schmerz bewegt,
hat sie zur Mutter sich gelegt.
Sie fleht den Ersten Menschen an,
dass Christus ihr nun helfen kann.
Johannes ruft: „Die Zeit ist nah!“,
die Taufe macht das Herz ganz klar.
So wird im reinen, stillen Geist
der Jesus zum Gefäß gereist.
Christus steigt nieder durch die Sphären,
um Mächten ihre Macht zu wehren.
Das Licht, das sie verborgen trug,
kehrte zu ihm im vollen Zug.
Er hüllt Sophia ins Gewand,
so feiern sie den Hochzeitsstand.
Der Bräut’gam nimmt die Schwester ein,
nun steigt er in den Jesus rein.
Er wirkt mit Kraft, er heilt, er spricht,
verkündet laut des Vaters Licht.
Da packt Ialdabaoth ihn bald
und nagelt ihn ans Kreuz mit Gewalt.
Doch Christus, Sophia, steigen fort,
empor zum unvergänglichen Ort.
Dem Jesus sendet er die Kraft,
die neuen Leib und Seele schafft.
Die Jünger sah’n: „Er lebt ja noch!“
Doch nur den Starken sprach er doch
von Mysterien, tief und rein,
wie Geist und Seele ewig sein.
So sitzt er nun zur Rechten still,
bei Ialdabaoth, wie er’s will.
Die Seelen sammelt er zur Frist,
bis aller Glanz gesammelt ist.
Dann fällt des Falschen Reich zu Grund,
das Licht kehrt heim, der Kreis wird rund.
Aus Griechen, Juden, Chaldäern klar,
vereint sich, was im Ursprung war.
EIN FRÜHES OPHITEN-SYSTEM
Hippolyt schrieb im fünften Buch,
vom Ophiten-Volk – so war sein Spruch.
Doch jene nannten sich nicht so,
sie hielten sich für Gnostiker, froh.
Drei Schulen nennt er, groß und alt,
doch Justinus er besonders malt.
Kein andrer Häresiolog ihn kennt,
drum ist sein Zeugnis sehr erkennt.
Die Lehre scheint uralt zu sein,
aus ihr fließt frühe Gnosis ein.
Salmon bestritt’s, doch schwach sein Grund,
das Neue Testament blieb unkund.
Nur Altes wurde dort zitiert,
und frei der Mythos ausstaffiert.
Ein Spruch auf Jesus zwar gesetzt,
doch kanonisch nirgends vernetzt.
Ein Buch Baruch ward überliefert,
das Hippolyt als Quelle stiefert.
Die Schule schwur in strengem Eid,
Geheimnis zu wahren allezeit.
Die Kosmogonie syrisch geprägt,
wo Herkules im Mythos trägt.
Auch Chaldäer, Semiten alt,
gaben dem Denken Gestalt.
Drei Prinzipien gelten der Welt:
das Gute, das allwissend hält;
dann Elohim, der Vatergeist,
der schöpferisch aus Kräften weist;
und Eden, die Seel’ in Frauenbild,
von einer Schlange tief umhüllt.
Aus beiden strömen Engel aus,
vierundzwanzig an der Zahl zu Haus.
Zwölf folgen dem Geiste, hell und rein,
zwölf folgen dem Seelen-Trieb allein.
Die unteren heißen Weltenbäume,
geteilt nach Flüssen, Edens Räume.
So ward die Schöpfung aufgebaut,
aus Seele Tier und Mensch geschaut.
Der obere Garten – schönste Erd’,
daraus der Menschen Leib beschert.
Eden gab ihm die Seel’ hinein,
der Geist hauchte ihm Odem ein.
So trat hervor das Menschenpaar,
geschaffen nach kosmischer Offenbar.
Doch untertan blieb alles Spiel
den Kräften zwölf in ihrem Ziel,
die kreisend, tanzend, Lenker sind,
des Weltenlaufs im ewigen Wind.
Da kam die Wende, Menschenzeit,
Elohim stieg hinauf, bereit.
Er sah das große Licht im Tor,
das Reich des Guten trat hervor.
Da rief er: „Öffnet mir die Bahn,
den wahren Herrn zu schauen an!
Denn ich hielt mich für Herrn allein,
nun seh’ ich einen höher sein.“
Da sprach die Stimme: „Dies ist das Tor,
die Gerechten schreiten hier hervor.“
Und Elohim trat zum Guten hin,
ließ Engel im Himmelsraum darin.
Er wollt’ den Menschengeist bewahren,
vor tieferen, dunklen Gefahren.
Doch hielt das Gute ihn nun zurück,
denn er fand in der Lichtwelt sein Glück.
Die Seele Eden fühlt sich leer,
von Elohim verlassen sehr.
Sie lockt ihn listig mit Verstand,
doch wehrt der Geist die Mutterhand.
Denn Mutter Natur, die ihn umfing,
nicht länger in die Arme zwing.
Der Geist wollt’ heim zum Vater gehn,
doch ließ die Seele ihn nicht sehn.
Von Lust und Sünde ganz bewegt,
hat sie den Geist in Bann gelegt.
Naas, die Schlange, wild und schlau,
entzündet Gier, Verfall und Grau.
Da sandte Gott den Engel klar,
sein Name ewig: Baruch war.
Er trat im Hain der Kräfte auf,
verkünd’ dem Menschen heil’gen Lauf:
„Von jedem Baum ess’, was du magst,
doch Naas, den Baum, niemals betast!
Denn dieser bricht das Gottesrecht,
führt Ehebruch und Sünde schlecht.“
So lehrt’ er Hebräer, Heiden gleich,
die Wahrheit, die den Geist erweicht.
Herkules kämpfte, stark und kühn,
mit zwölf Gewalten, die er schien.
Doch Omphale, Venus, bezwang,
ihm Macht und Stärke niederschwang.
Und Jesus kam, von Baruch treu,
dem Naas zum Trotz, von Laster frei.
Er ließ am Kreuz den Leib zurück,
stieg auf zum Vater, heim ins Glück.
Dort schaut er, was kein Auge sieht,
kein Ohr je hört, kein Herz erglüht.
Ein Meer des Lebens, klar und rein,
nicht mehr das Meer der Zeugung, klein.
So predigt’ streng Justinus laut,
dass Reinheit Jesus’ Sieg erbaut.
DIE NAASSENI.
Vor Justinus nennt Hippolyt drei
drei Schulen, seltsam, doch dabei:
Naassener, Sethianer, Peratä,
wohl aus demselben Kreise geh’n.
Naassene heißt: vom Nachash her,
die Schlange, alt, geheimnis-schwer.
Doch „Ophiten“ nennt er sie nicht,
„Gnostiker“ nur in seiner Sicht.
Sie hatten viele Bücher gern,
das Eva-Evangelium fern,
das Thomas-Wort, das Schriftstück schwer,
von Philippus und noch mehr.
Hippolyt fand ein Manuskript,
das tief in Mystik niedergrüb.
Es lehrte Seel’ und Psyche fein,
nicht Weltenbau, nicht Sonnenschein.
Der Kosmos sei der Mensch zugleich,
dreifach Natur und himmelreich:
geistig, psychisch und materiell,
in Jesus ganz und gar zur Stell.
So sei der Mensch in drei geteilt,
der eine frei, der and’re eilt,
der dritte bleibt im Stoff gebannt,
bis er das Höhere erkannt.
Die Assyrer lehrten früh und klar,
dass Mensch ein Dreifaches doch war:
die Seele als das Wünschen lebt,
der Geist sie bindet, drängt und hebt.
Der wahre Mensch, er ist nicht zwei,
nicht Mann, nicht Frau, er steht dabei
als Wesen neu, geheim und frei,
im Überwesen einst dabei.
Die Taufe war nicht nur ein bloßes Nass,
Sie wusch den Geist, nicht nur den Leib, oh, welch ein Spaß.
Im Wasser oben, ewig, ohne Zeit,
Bade die Seele, frei von Tod und Leid.
Die Salbung mit dem Öl, so rein und fein,
Führt ein in Glückseligkeit, die ewig sollt’ sein.
Der Mensch wird Christus gleich, so ward er kund,
Sein Geist erhebt sich, frei von Erdenrund.
Das Himmelreich im Menschen sei zu suchen,
In aller Dinge Natur, ohne Truchen.
Wer sucht, der findet, sagt der Thomas klar,
In Kindern schon, ab sieben Jahr.
Osiris war bei Ägyptern Wasser und Geist,
Isis siebenmäntelnd, die alles umkreist.
Der Verstand erschafft, doch bleibt er selbst besteh’n,
Wie das höchste Gut, das niemals kann vergehn.
Bei Griechen Hermes, Logos, Seelens Führer,
Weckt Menschen aus Schlaf, macht Seelen immer rührer.
Mit goldnem Stab verzaubert er die Sicht,
Und Christus gibt das Licht, das ewig spricht.
Die Samothraker, mit Tempel und Figuren,
Zeigten himmlisch Mensch und geist’ge Strukturen.
Doch Jünger noch unvollkommen, lernten klein,
„Wer nicht mein Fleisch und Blut isst, darf nicht bei mir sein.“
Phryger, Thraker, altes Wissen lehrten,
Vision Jakobs zeigt Geist, der sich auf Erden stärkt.
Durch Materie sinkt er, steigt dann wieder auf,
„Ich bin das Tor“ spricht Gott, nimmt Seelen in Empfang.
Der Geist im Menschen oft „tot“ genannt,
Im Körpergrab, von Fleisch umspannt.
Doch wer durchs Tor des Himmels schreitet sacht,
Wird wiedergeboren, in geistiger Pracht.
Es gibt Geheimnis, klein und groß,
das Fleischliche führt nur zum Los.
Doch wer die Wiedergeburt erkennt,
dem offen sich des Himmels Zelt.
Dies ist das Tor, wo Gott allein,
bewohnt von Heiligem, muss es sein.
Kein Unreiner darf hier hinein,
nur Geister treten ins Heiligtum ein.
Der Mensch legt ab die alten Kleider,
wird Bräutigam nun immer weiter.
Vom Geist zur Jungfrau neu gemacht,
so wird die Seele heil und sacht.
Ein Sohn erwächst, nicht Tier noch Fleisch,
ein Äon selig, himmlisch gleich.
Das Senfkorn, klein, der Urfunken dort,
ist Himmelreich in jedem Ort.
Die Naasseni streng und weise,
bewahrten Mysterien auf ihre Weise.
Die feuchte Essenz hält alles zusammen,
durch Schlange symbolisch, Flammen entflammen.
Die Kuṇḍalinī, die Kraft im Leib,
führt aufwärts den Geist, der sich vertreibt.
Wird sie fleischlich, zeugt sie nur,
geistlich aber führt sie zur Spur.
Die Ströme fließen auf und ab,
der Mensch im Eden, Kopf als Grab.
Sehen, Hören, Riechen, Schmecken,
alles durch Wasser zu entdecken.
Die Spirituellen wählen klug,
aus Euphrat-Wasser einen Zug.
Durch Tore gehen, Jesus, der Segen,
führt zum Himmel, den wir erregen.
Die Salbung strömt aus Füllhorns Schlange,
erweckt im Menschen göttliche Dränge.
So endet Hymne, Fragment, doch klar,
vom Weltgeist spricht sie, wunderbar.
Der Geist war erst, das uralte Gesetz,
das allem zugrunde liegt, nichts ist hier zuletzt.
Dann kam das Chaos, wild und ungeheuer,
des Erstgebornen Gatte, wir sahen es teuer.
Die mühsame Seele das Gesetz nun empfing,
umgeben vom Wasser, müde, sie langsam sich ringt.
Sie wächst heran, vom Tod stets bedroht,
und sieht das Licht, das über ihr loht.
Bald stürzt sie tief in erbärmliches Leid,
weint bitterlich, voll Schmerz und Geschmeid.
Doch während sie weint, da lacht sie zugleich,
jetzt wird sie gerichtet, ihr Weg ist nicht weich.
Gerichtet nun, da stirbt sie bald,
und findet im Labyrinth kein Gehalt.
Jesus sprach: Vater, oh hör mein Gebet,
lass den Menschen nicht irren, wo das Böse steht.
Er sucht dem Chaos, dem bitteren, zu entflieh’n,
weiß nicht den Weg, um dem Elend zu entzieh’n.
Darum sende mich, oh Vater, herab in die Welt,
mit Siegeln in Hand, bis alles sich stellt.
Durch Äonen ich schreite, mein Weg offenbart,
alle Mysterien und Göttergestalten offenbar.
Die Geheimnisse heilig, auf dem Pfad so rein,
nehmen den Namen Gnosis, sollen weitergegeben sein.
DIE PERATÆ
Die Quelle ihrer alten Tradition,
sie wurzelt tief in der Gnosis Vision.
Hippolytus spricht von der Schlange Macht,
die Mysterien formte in dunkler Nacht.
Er weiß nicht selbst, was sie wirklich sind,
doch wir folgen dem, was er schreibt geschwind.
Die Peraten lehrten, geheim und fein,
dass Christus’ Lästerung verborgen sei.
Vor Clemens schon war diese Schule bekannt,
auf Sternenkult und Chaldäer gebaut das Land.
Hippolytus widerlegte im vierten Buch,
doch das Mysterium entging ihm im Versuch.
Die sieben Sphären, geheim und alt,
die Astrologen längst vergaßen bald.
Sie setzten Planeten an ihre Stelle,
doch die Weisheit der Sterne blieb ferne, nicht helle.
Die Peraten sahen das Universum im Kreis,
ein Dreieck umschloss es, so war ihr Geheiß.
Die drei Welten: unzeugbar, selbstzeugbar, zeugbar gar,
drei Logoi oder Geister – der Plan offenbar.
Der Erlöser stieg aus der höchsten Welt herab,
ein Mensch mit dreifacher Kraft, Leib und Grab.
Er trägt in sich alles, was die Welten gebar,
die Fülle (Plērōma) leibhaft in ihm offenbar.
Von den höheren Welten kamen die Samen herab,
in die erzeugbare Welt, die formbare, das Grab.
Euphrates und Celbes gründeten die Lehr,
deren Kunst dem Chaldäer-System gleich, so sehr.
Die Aufgabe des Erlösers war kosmisch und groß,
das Gute vom Bösen zu trennen bloß.
Die „Kriege im Himmel“ kündeten schon,
vom irdischen Kampf, vom Gotteslohn.
Die Stimme des Erwachens spricht aus der Nacht,
macht sichtbar, was aus Chaos erwacht.
Thalassa, die Mutter, die Mächte lenkt,
aus zwölf Quellen die Welt sich denkt.
Dodekaeder und Pyramide weisen den Weg,
die Astrologen erkennen, was man oft verlegt.
Die Kraft der Sterne, verborgen und klar,
fließt durch die Röhren der Welt, wunderbar.
Die Zitate des Hippolytus, oh wie verworren,
brauchen Blick, der klärt, nicht bloßes Hören.
Die Abhandlung spricht von Welten und Macht,
von Proasteioi bis Äther in voller Pracht.
Ein Proasteion, sagt er, ist Raum bei der Stadt,
und jede Hierarchie hat ihre eigne Tat.
Astrologie und Gnosis, so eng verknüpft,
als Allegorie, die in Theologie schlüpft.
Die Peratiker, die Transzendentalisten genannt,
sahen, dass nichts von der Geburt die Zerstörung überwand.
Die Sphäre der Zeugung ist Schicksal zugleich,
wer nichts darüber weiß, dreht im Rad, das ist nicht weich.
Doch wer die Wege der Zerstörung kennt,
überwindet Samsara, die Kraft, die trennt.
Das Wasser heißt dies, der niedre Äther dabei,
in ihm wirken die Mächte, frei und scheu.
Hippolyt taucht in Mythen, tief und klar,
vom Auszug erzählt, das Proömium offenbar.
Doch bald ist er verwirrt, die Komplexität zu groß,
zitiert er weiter, mystisch und famos.
Psychologische Lehre wird hier dargestellt,
Vater, Sohn und Materie, unendlich in der Welt.
Der Logos formt die Welt inmitten der Kraft,
dreht sich zum Vater, empfängt die Macht.
Die Sonne ist der Vater, der Mond der Sohn,
die Erde Materie, so zeigt sich der Lohn.
Der Mond als Schlange auf seiner Bahn,
zeigt Phasen des Gesichts, zieht Sonne und Erd’ heran.
Drei Ebenen der Deutung sind uns gegeben:
Metaphysisch, zeugend, psychophysiologisches Leben.
Das Gehirn ist der Vater, Kleinhirn der Sohn,
das Rückenmark Materie – so ist dies Lohn.
Durch die Zirbeldrüse fließt die Essenz heran,
das Kleinhirn überträgt sie, wie der Sohn es kann.
Samen und Gattungen fließen dann im Fleisch,
und formen die Welt nach göttlichem Bereich.
Und fügt Hippolytus noch hinzu,
die Hauptgeheimnisse beruh’n auf Ruh’.
Die Schule lehrt in stiller Macht,
dass man die Entsprechung wohl bewacht.
Doch es wär’ gottlos, spricht er leis,
zu sagen mehr von diesem Kreis.
Ein Skrupel, streng, bei Kirchenmann,
der vieles lehrt, doch schweigen kann.
Die verlornen Bücher, ach so wert,
von Hippolytus, der uns so belehrt.
Merkwürdig, dass sie aus dem Blatt,
vollständig weg, man sah es satt.
Hochgelehrt, er sprach zu viel,
von Riten, die der Kirche Ziel.
Die Nachfolger, klug oder scheu,
hielten es nicht für ratsam, oh weh.
Man hätt’ gedacht, die Kirche froh,
zeigt solchen Schatz den Heiden so.
Doch merkwürdig bleibt, dass nicht genutzt,
sein Werk, das Häresie stutzt.
1842, vom Athos gebracht,
ein Manuskript uns neues Licht macht.
Vieles davon hat Sicht gewandt,
Gnostizismus klar erkannt.
Hätt’ man die Mysterienbücher nur,
wär unser Wissen weit in Spur.
Doch leider blieb nur Bruchstück dann,
das uns belehrt, so gut es kann.
DIE SETHIANER
Eng verbunden, wie wir sah’n,
sind die Sethianer dann.
Hippolyt schaut sie genau,
zählt ihre Lehren, alt und schlau.
„Die Paraphrase des Seth“ so heißt,
was ihre Weisheit zusammenreißt.
Doch ob er daraus zitiert allein
oder aus Werken, groß und klein,
bleibt im Dunkeln, schwer zu sagen,
welche Quellen ihm behagen.
Der Titel wirkt geheimnisvoll,
„Paraphrase“ bleibt rätselvoll.
Hippolyts Lehren stehn für sich,
nicht auf Seths Legende, nicht auf dich.
Sethianer – auch der Name wirr,
denn seine Lehren scheinen leer.
Das Syntagma ist längst verloren,
doch man verband sie mit Nikolaiten-Dekoren.
Seth galt als Typ des Guten, rein,
vollkommen, Christus-Prototyp sollt’ er sein.
Vielleicht ist „Seth“ mit „Setheus“ nah,
wie im Codex Brucianus klar.
Und kommt der Ursprung, wie man spricht,
vom Hyksos-Kult mit semitischem Licht?
Die Sethianer sahen Dreieinigkeit:
Licht, Geist und Finsternis – bereit.
Der Geist kein Wind, kein Hauch allein,
sondern Duft, subtil, doch fein.
Alle drei vermischt, in stetem Streit,
die Finsternis hält Licht bereit,
doch Licht und Geist erhebn die Macht,
befreien, was die Nacht bewacht.
Alle Wesen, groß und klein,
sind Abbilder, wie es sollt’ wohl sein.
Himmel, Erde, Form und Ei,
zeigen das Urbild, immer dabei.
Im Wasser schwimmt das Weltenei,
und die Wellen formen allerlei.
In die Körper steigen Geist und Licht,
so entsteht der Mensch, das Angesicht.
Ein Funke von oben, strahlend klar,
fällt herab in Wasser, wunderbar.
Gedanken, Sorgen, alles dreht,
bis der Geist sich vom Tod erhebt.
Die Zeugungskraft – genannt Wind,
Tier und Schlange – so wie man’s find.
Unreine Gebärmutter schafft nur Tod,
die reine aber Götter, groß und rot.
Nur der Logos steigt herab ins Licht,
stillt die Schmerzen, bringt Gesicht.
Die Mysterien lehren diesen Lauf,
Waschung, Taufe nimmt den Körper auf.
Der Mensch entsteigt der Not der Welt,
in spiritueller Form erhellt.
So steigt er in Unsterblichkeit,
vom Sklaven zum Geist in Ewigkeit.
Die Sethianer bauten ihre Lehren klug,
aus Natur und Bibel zog man ihren Trug.
Doch Hippolyt sprach streng und voller Macht,
dass dies von Orpheus längst schon ward gebracht.
Die Mysterien feierten vor langer Zeit,
in Achäa auf Phlion, voller Herrlichkeit.
Man braucht Hippolyt nicht blind zu folgen dann,
denn er wählte nur eine Tradition sodann.
Sein Bild vom Phallus war roh und auch gemein,
doch Sethianer mochten anderes wohl sein.
Hermetik schien ihnen nah und voller Glanz,
sie sahen in Natur den göttlichen Tanz.
Wie Licht zur Seele eilt, im Wasser vereint,
durch Lehre, Disziplin, bis Logos erscheint.
Der Logos kommt von oben, in dienender Gestalt,
und wer ihm sich vereint, wird selbst zur göttlichen Gestalt.
Wie Eisen zum Magneten, eilt schnell und klar,
so wird die Seele eins mit dem, was göttlich war.
DIE DOCETÆ
Die Reste des Flussbetts, so alt und zerfallen,
nur Bruchstücke zeigen, was wir erforschen sollen.
Chronos fehlt, wir wissen kaum die Zeit der Schulen,
nur Skizzen entstehen, aus fragmentarischen Regeln.
Docetae nennt Hippolytus sie, ganz schlicht,
deren Lehren wie die anderen, fast gleich im Licht.
Warum der Name? Niemand weiß es genau,
nur dass Materie verborgen, unverständlich, so rau.
Vielleicht glaubten sie, dass sie nur Illusion sei,
wie Māyā der Hindus, im Göttergewebe dabei.
Gott, das Urwesen, ein Feigensamen klein,
allgegenwärtig, unendlich, und größer als schein.
Er ist Zuflucht der Schrecklichen, der Nackten Verhüllung,
und alles entsteht aus ihm, in unendlicher Füllung.
Aus Samen wächst Stamm, Blätter, Frucht und dann mehr,
so ewig die Schöpfung, von Äonen so schwer.
Die Äonenwelt aus Wurzeln, männlich und weiblich zugleich,
selbsterzeugte Kräfte, eine Welt voll Licht und Reich.
Der Alleingezeugte kommt aus der Jungfrau hervor,
vollkommen in allem, trägt Licht in sich empor.
Der Logos erkennt Dunkelheit und Licht in Streit,
trennt sie mit Firmament, macht Ordnung bereit.
Das Feuer des Lebens, aus Licht in der Nacht,
formt die Welt, wie es der Schöpfer vollbracht.
Die Seelen gefangen, wechseln von Leib zu Leib,
unter der Macht des Schöpfers, der sie leitet im Treib.
So herrscht Täuschung, bis der Erlöser naht,
alles Licht kehrt heim, die Dunkelheit zerfällt in Pfad.
Zur Stütze spricht der Gnostiker fein,
„Wenn ihr wollt, er ist Elias, der sollt’ sein.“
Wer Ohren hat, der höre gut,
Hiob sagt’s auch, so spricht sein Mut.
„Ich wand’re von Haus zu Haus“,
so steht’s in der alten Fassung aus.
Doch in Englisch fand es kein Gehör,
verblasst in fremdem Text, so wie ein Meer.
Der Retter kam, die Seelen zu erlösen,
aus Kreislauf von Geburt, Leid zu verschießen.
Er weckte Glauben an Sündenverzeihung,
und stieg herab aus himmlischer Neigung.
Die Äonen oben, die göttlich’ Schar,
konnten ihn kaum sehen, er war zu klar.
Hätten sie ihn erblickt in voller Pracht,
hätt’ Furcht sie ergriffen bei Tag und Nacht.
So zog der Erlöser seine Herrlichkeit ein,
wie Blitz in kleinsten Körper – so muss es sein.
Er stieg zur Kuppel des Himmels hinab,
und zog erneut zurück sein göttliches Grab.
Er trat in Dunkelheit, wurde Mensch sodann,
in einem Körper, den ein Jungfrau ersann.
Seine Taufe im Jordan, im Wasser des Logos,
gab ihm Leib geistig, dem irdischen Analogos.
Der Weltherrscher, vom Fleisch geleitet,
sah sein Blut zum Kreuz, doch ward er nicht gepeinigt.
Denn Christus legte den geist’gen Leib an,
und triumphierte über des Schöpfers Wahn.
„Wer nicht aus Wasser und Geist geboren,
kommt nicht ins Himmelreich, so ward’s erkoren.“
Fleisch bleibt Fleisch, Geist bleibt fein,
nur Gnostiker verstehen dies Mysterium allein.
MONOÏMUS
Hippolytus wendet sich nun Monoïmus zu,
ein Araber, bekannt nur aus kurzem Review.
Er lebte im zweiten Jahrhundert, so sagt die Zeit,
sein Denken von vollendetem Menschen ist weit.
Das Universum ist Spiegel des Einen allein,
nur dieser vollkommene Mensch darf wirklich sein.
Alle andern nur Schatten, unvollkommen im Licht,
Monoïmus zeigt dies in philosophischem Bericht.
Sein Denken verknüpft sich mit Zahlen und Geometrie,
von Pythagoras bis Platon, voll Harmonie.
Fünf platonische Körper, Symbol der Welt,
Tetraeder bis Ikosaeder, was alles zusammenhält.
Die Monade erzeugt alles, Jota nennt er sie,
ein Horn, ein Atom, die Schlangenkraft – siehst du wie?
Stab des Moses, Hermes’ Füllhorn, konisch wirbelnd im Kreis,
die Dekade vollendet die Zahlenreihe, präzise und leis.
Moses’ Stab brachte Plagen in Ägyptens Land,
Wasser wird zu Blut, alles durch Gottes Hand.
Monoïmus deutet die Materie, Körper, Verwandlung und Kraft,
alles in Zahlen, alles in Ordnung, in göttlicher Macht.
Zeitgenosse Valentins, vielleicht sogar sein Schüler,
sein System überliefert uns Erkenntnis, keine Fäule.
Mathematisches Wissen kann daraus keimen wie Baum,
gnostische Arithmetik leuchtet wie ein Traum.
An Theophrastus schreibt er, Gott sei nicht fern,
suche ihn in dir, erkenne dein Herz als Stern.
Mein Gott, mein Geist, mein Körper, alles ist in dir,
Finde den Weg zu dir selbst, er liegt stets hier.
Liebe, Hass, Freude und Kummer, erwachend und schlafend,
alles untersucht, wird Gott in dir offenbarend.
Eins und Vieles, wie das Atom, so klein und klar,
von dir selbst aus findest du den Pfad, wunderbar.
Alles spiegelt Trismegistos’ alte Lehre fein,
Gnosis und Weisheit im Herzen, nicht nur im Schein.
DIE KAINITEN
Ein dunkler Pfad, im Nebel tief verloren,
Wird uns aus Trümmern alter Schrift geboren.
Wo Irenäus grollt und Epiphanius sinnt,
Ein fahler Faden sich durch Gnosis spinnt.
Von Kainiten spricht die alte Chronik leis,
Ein „ophitisch“ Heer im weiten Geisteskreis.
Der Welten Schoß und das Licht
Nicht jener Gott, der diese Welt erdacht,
Besitzt die wahre, die vollkommne Macht.
Die Welt ist Hystera – nur Nachgeburt und Schein,
Ein unrein’ Werk, gefangen im Gestein.
Doch über ihr, im jungfräulichen Schoß,
Ist das Pleroma herrlich, rein und groß.
Der Schöpfergott, er webt nur Fleisch und Not,
Ein niederer Geist, der strengen Dienst gebot.
Die Feinde Jahwes als des Lichtes Freund’
Was in der Bibel als verrucht erscheint,
Ist hier mit Weisheit und mit Licht vereint.
Wer Jahwes Joch und seinem Bund entfloh,
Den priesen Gnostiker als frei und froh.
Nicht Abel, Lot oder des Mose Wort,
Führt aus der Knechtschaft an den sich’ren Ort.
Nein, Kain, Esau und der Städte Brand,
Sind Zeichen für ein höheres Geistesland.
Wo Abel Blut auf den Altären goss,
War’s Kain, dem Ernte aus dem Felde spross.
Sie sahen in der „Sünder“ Rebellion
Den Funken Licht, der nied’ren Macht zum Hohn.
Doch seltsam wird es, wo man Judas nennt,
Den jene Welt als Verräter nur erkennt.
Bei ihnen war er Gnosis-reich und weise,
Der Klügste in des Herren engem Kreise.
Zwei Wege führen durch das dunkle Tor,
Zwei Deutungen schieben sich im Geist hervor:
Verrat geschah, weil Jesus schwach geworden,
Verließ der Gnosis stillen, heil’gen Orden.
Er sprach zum Volk, was nur für Eingeweihte,
Weshalb ihn Judas dem Gericht bereitete.
Oder er wusste, was das Schicksal will,
Und hielt dem Weltenherrn den Atem still.
Nur durch das Kreuz, durch Fleisch und bittre Pein,
Konnt’ Christus Herr über die Schöpfung sein.
Judas half mit, das Werk zu vollenden,
Um Licht aus der Materie zu entwenden.
So wird der Schurke hier zum Heilsgestalt,
Der bricht des nied’ren Gottes Fleischgewalt.
Ein Zerrbild scheint’s, ein Chaos sondergleichen,
Bevor wir nun zu Karpokrates weichen.
DIE KARPOKRATIER.
Von Irenäus stammt die Kunde,
Die anderen plappern nur im Grunde,
Was jener Bischof einst schrieb auf.
In Alexandria nahm es den Lauf:
Dort lehrte, wie Eusebius meint,
Ein Platonist, mit dem Gnostizismus vereint.
Hadrians Herrschaft war die Zeit,
Als Karpokras die Seelen befreit.
Die Welt, die wir mit Sinnen fassen,
Ward mind’ren Mächten überlassen;
Vom unbekannten Vater fern,
Erschuf ein „Baumeister“ den Stern.
Doch Jesus, Josefs wahrer Sohn,
Bestieg den geist’gen Königsthron,
Weil seine Seele, rein und klar,
Sich treu entsann, was oben war.
Er sah das Licht der Wahrheit kreisen,
In Sphären, die die Weisen preisen.
Dies Wissen gab ihm jene Macht,
Die ihn durch Herrscher-Welten bracht’.
Er stieg empor, vom Zwang befreit,
In des Vaters Ewigkeit.
Und jede Seele, die ihm gleicht,
Das Ziel am Ende auch erreicht.
Irenäus, der das Werk nicht recht verstand,
Verschlang den Sinn mit grobem Verstand.
Er sprach von Lastern, Greueltat,
Die jene Sekte im Schilde hat,
Nur weil die Seele, wie er dachte,
Jede Erfahrung durchmachen machte –
Ob gut, ob böse, ohne Scheu,
Damit sie von der Erde frei.
Doch Schwanke erklärt uns diesen Streit:
Es ging um Karma, Sühne, Zeit!
Der „Gegner“ ist die eig’ne Schuld,
Die wartet mit der Zeit Geduld.
Der „Richter“ führt zum „Kerker“ hin –
Im Körper liegt der Haftbeginn.
Man zahlt den letzten Heller nach,
Bis man die Ketten endlich brach.
In Rom, da lebte Marcellina,
Des Karpokrates treue Dienerin, ah.
Man ehrte Bilder, Statuen fein:
Platon, Pythagoras sollten es sein,
Auch Jesus stand in ihrem Kreis.
Und Celsus liefert den Beweis,
Dass „Harpokrates“ der Name war –
Ein Gott aus Ägypten, wunderbar.
So blieb von ihrem tiefen Streben
Nur das, was Kirchenväter geben:
Ein Zerrbild oft, aus Unverstand,
Das Schwanke für uns nun neu benannt.
EPIPHANES.
Zuerst schauen wir auf die Legenden-Pracht,
Die Epiphanius uns hat dargebracht.
Er suchte nach Ketzern mit strengem Blick,
Und griff dabei tief in den Namens-Trick:
Er las von „Marcus“, dem Lehrer „erhaben“,
Doch „epiphanēs“ lässt sich als „glänzend“ begaben.
So schuf er aus einem Beiwort den Mann,
Den man als Urheber der Gnosis benannt.
Doch Clemens, der Grieche, war noch viel kühner,
Er zeichnet den Knaben als Götter-Bühner.
In Samē, so sagt er, am Neumondfest,
Wurde Epiphanes die Ehre gepresst.
Sohn des Karpokrates, jung und begabt,
An dessen Grab man sich lasziv gelabt.
Nur siebzehn Jahre sei er alt gewesen,
So konnte man’s bei Clemens lesen.
Doch Wissenschaftler, wie Mosheim und Volkmar,
Machten die Sache erst richtig klar:
Es war kein Knabe, kein sündiger Held,
Der Neumond war’s, der am Himmel erhellt!
„Ta Epiphania“ – der glänzende Schein,
Dauerte siebzehn Tage im Monden-Reigen.
Clemens verwechselte Fest und Person,
Und schuf eine sündige Legende davon.
Dass ein Knabe zudem ein Buch verfasst,
Vom Wesen der „Gerechtigkeit“ – das passt
Wohl kaum in ein Alter von siebzehn Jahren,
Die Gnosis blieb eher bei Männern, erfahren.
In Alexandria, da lebte der Kreis,
Der „Meins“ und „Deins“ zu verneinen weiß.
Von Platon befeuert, die Seele so rein,
Sollte kein Gut mehr Privatbesitz sein.
Selbst Gatten und Frauen, in heiliger Runde,
Waren gemein nach der Gnosis-Kunde.
Doch dass sie die Feste in Orgien verwandelten,
Und wie das Volk in Unzucht handelten,
Scheint eher ein Spott der Gegner zu sein,
Denn Philosophie hält die Sitten meist rein.
Zuletzt blicken wir in das ewige Licht,
Wo die „Monadische Gnosis“ verspricht:
Aus einer Einheit ist alles entsprungen,
Zu der sich die Seele empor hat geschwungen.
Doch Mächte der Welt, die Geister der Zeit,
Verstellen den Weg in die Ewigkeit.
Sie schufen Gesetze und Volksreligion,
Doch der Gnostiker spottet der irdischen Fron.
Wer liebt und wer glaubt in mystischer Ruh,
Der eilt der ur-ersten Einheit nun zu.
Wie Nirvana, so still und von Materie frei,
Geht die Welt der Erscheinungen dort erst vorbei.
Kein Zwang mehr, kein Äußeres, nur geistiger Flug,
So endet des Karpokrates gnostischer Zug.
CERINTHUS
Folgt man der Spur, die rückwärts weist,
wo man den Ursprung suchen heißt,
trifft man auf jenen alten Kreis,
den man „Cerinthianer“ weiß.
Ihr Name stammt von einem Mann,
der früh die Lehre fing wohl an;
man setzt ihn in die Zeit hinein,
da noch Apostel sollten sein.
Epiphanius, der späte Schreiber,
war ein geschickter Unruhtreiber:
Er machte Kerinth zum Sündenbock,
zog ihm den schwarzen Lügenrock
für jenen alten Streit wohl an,
der zwischen Paul und Säulen rann.
Doch wer die Wahrheit objektiv
betrachtet, merkt: Das Bild ist schief.
Verwirf, was Epiphanius dachte,
und schau, was Irenäus brachte.
Zwar schrieb auch jener spät erst auf,
doch kürzer ist sein Wortverlauf.
Er nennt Cerinth das feste Band,
das zwischen Ur-Tradition stand
und jenem jungen zweiten Jahr,
als Gnosis schon im Keimen war.
Man sagt, er traf Johannes’ Blick,
doch diese Mär kehrt oft zurück:
Vom Ebion wird das Gleiche kund,
sie ist wohl ohne festen Grund.
In Ägypten soll er tief studiert,
in Kleinasien dann doziert,
und mancher Gnostiker gab an,
dass er die Apokalypse spann.
Die Kosmogonie, die er gelehrt,
hat Gott, den Höchsten, tief verehrt;
weit über dem Weltschöpfer thronte er,
erhaben, heilig, licht und hehr.
Und seine Lehre vom Gesalbten?
Die ließ zwei Wesen darin walten:
Der Mensch war Josef-Marien-Sohn,
ein Erdenkind, so klang der Ton.
Doch als die Taufe ihn benetzt,
wird ihm der Christus aufgesetzt:
Als Taube kam vom Vater her
die Kraft, die Wunder und die Lehr’.
Er kündete den Gott, den fernen,
den Juden erst noch mussten lernen.
Doch vor dem Kreuz, im Todesschmerz,
verließ der Christus jenes Herz.
So litt nur Jesus, der verging,
der dann als Geist im Schauen hing,
und Irenäus’ kurzer Text
scheint wahrer als was nachgehext.
Ihr Evangelium war kein Rest
von Matthäus’ späterem Geäst;
es war die hebräische, alte Schrift,
bevor sie fremde Hand betrifft.
Man sagt, Johannes schrieb sein Wort,
um Kerinth zu vertreiben fort,
doch fehlt dafür jedweder Schein,
es scheint nur Hypothese sein.
So bleibt Cerinth ein dunkles Licht,
das aus der Zeit der Anfänge spricht.
NIKOLAUS
In finsteren Zeiten, fern und grau,
Verblasst das Licht, man sieht nicht genau.
Wo Legende und bloßer Wahn sich paaren,
Wollen wir nicht länger im Dunkeln verharren.
Die Höhle der Ursprünge, tief und schwer,
Gibt keine sichere Antwort mehr.
Drum kehren wir um zum lichten Tor,
Und holen die Schatten der Vorzeit hervor.
Ein Name erscheint im dämmrigen Zwielicht:
Nikolaus, den die Geschichte nicht freispricht.
Ein Gnostiker war er, der erste im Bund,
Sein Wirken tat früh die Apokalypse kund.
Zweimal wird dort sein Name genannt,
Vom Schreiber verachtet, als sündig verbannt.
In Pergamus, so heißt es im strengen Ton,
Fraß man Götzenfleisch – welch herber Hohn!
Irenäus nahm diesen Faden sogleich,
Und malte die Sünde in Farben so reich.
Doch später erst kam die große Gestalt,
Epiphanius, dessen Zorn nie verhallt.
Er türmte die Lügen zum riesigen Berg,
Machte Nikolaus zum Monster, zum teuflischen Werk.
„Was soll ich dir sagen?“, rief er herrisch und laut,
Obwohl er das Urteil sich selbst nur gebaut.
Man sagt, der Nikolaus lebte karg,
Ein Asket, dessen Leidenschaft lieblos und stark.
Vielleicht war das Fleisch ihm als Speise egal,
Doch war das für Kirchenfürsten ein Qual.
Warum sollten wir heute den Eiferern trauen,
Die alles verfluchen, was sie nicht erschauen?
Nur weil sie die eigene Lehre verehren,
Muss man die Geschichte nicht gänzlich verkehren.
CERDO
In jener Dämmerung, grau und fern,
im zweiten Saeculum, dem Kern,
bevor Basilides’ Geist erscheint,
und Valentinus’ Licht vereint,
muss man den Blick auf jene Kraft,
die Marcionitische, die schafft,
die einst wie eine Flut so schwer,
bedrohte fast das Christen-Meer.
Was heut’ moderne Forscher tun,
ließ Marcion damals schon nicht ruh’n:
Er prüfte Texte, scharf und frei,
und hielt sie für Betrügerei.
Nicht nur des Alten Bundes Pracht
hat er für wertlos stets eracht’,
auch jene Schriften warf er fort,
die sprachen: „Es erfüllt das Wort.“
Ein Syrer namens Cerdo war’s,
der 135 n. Chr. das Maß
in Roms Geschichte einst besetzte,
doch Marcion ihn bald ersetzte.
Der Schüler Ruhm erstrahlt’ so hell,
dass Väter schrieben, ungestüm und schnell,
und Lehrer mit dem Schüler oft vertauschten,
weil sie nur Marcions Worten lauschten.
In Rom war Cerdo wohlbekannt,
doch ward er niemals dort verbannt.
Kein Richtspruch hat ihn exkommuniziert,
was uns den klaren Schluss diktiert:
Ein fester Kanon war noch nicht erdacht,
der über recht und unrecht wacht;
selbst Rom, so streng in seinem Sinn,
nahm fremde Lehren damals hin.
Erst Marcions Erfolg und seine Macht
haben die Kirche wachgemacht.
Um seine Flut im Zaum zu halten,
begann der Kanon sich zu falten;
Rom schuf die Ordnung, fest und klar,
weil Marcion die Gefahr doch war.
MARCION
In Sinope, wo die Schiffe zieh’n,
Sah man Marcions Gewerbe blüh’n.
Als reicher Reeder, Bischofssohn,
Fand er in Rom der Kirche Thron.
Um hundertfünfzig nach dem Herrn,
Half er mit Gold und Gaben gern.
Doch Fragen brannten ihm im Geist,
Den Gott, den uns das Alte weist,
Hielt er für streng und oft für hart,
Ganz fremd der Christi Liebesart.
Die Presbyter in Rom, sie schwiegen,
Ließen die Zweifel dunkel liegen.
Er drohte Schisma, laut und kühn,
Musst’ schließlich aus der Kirche zieh’n.
Doch was er lehrte, blieb nicht klein,
Es drang in alle Welt hinein.
Von Persien bis nach Palästinasien,
Von Syrien bis nach Kleinasien.
Er sah zwei Götter an dem Ort:
Den Schöpfer mit dem strengen Wort,
Der als Gerechter Ordnung hält,
Doch lieblos schuf die Sündenwelt.
Und dann den Guten, fern und licht,
Der erst durch Christus zu uns spricht.
Das Alte Testament, so klar,
Stellt’ er dem Neuen gegenüber dar.
In „Antithesen“ wies er nach,
Was gegen Jahwes Wirken sprach.
Christus sei nicht der Juden Messias,
Nicht jener König des Elias.
Nur Paulus, so war sein Bericht,
Verstand des Herrn wahres Licht.
Was Lukas, Markus, Johannes schrieben,
War jüdisch-falsch in ihm geblieben.
Zehn Briefe nur und Paulus’ Wort,
Waren sein Kanon und sein Hort.
Eznik beschrieb uns das Gesicht:
Drei Himmel gab es, so die Sicht.
Der Schöpfergott aus Neid und Zorn
Stieß Adam in den Dornenborn.
In den Hades warf er alle Seelen,
Ließ sie im Reich des Todes quälen.
Doch Gott, der Gute, sah die Not,
Sandte den Sohn in Christi Boot.
„Geh hin, nimm eine Knechtsgestalt,
Heile die Wunden mit Gewalt.
Lass dich am Kreuze dort zerschlagen,
Um alle Seelen heimzutragen.“
Christus stieg ab, in finst’re Nacht,
Hat dort den Teufel ausgelacht.
Dem Schöpfer hielt er vor das Recht:
„Du tötest mich? Ich bin kein Knecht!
Unschuldig Blut hast du vergossen,
Nun ist mein Sieg für uns beschlossen.“
Kein Wein, kein Fleisch, kein Ehebett,
Das machte die Marcioniten fett
An Geist und strenger Lebenszucht,
Märtyrertum war ihre Frucht.
In Syrien steht ein Stein noch heute,
Der kündet von der Glaubensbeute.
„Jesus der Gute“ – Chrēstos genannt,
War an der Pforte dort bekannt.
Nicht „Christos“, der Gesalbte nur,
Nein, „Güte“ war die wahre Spur.
Ein Glaube, der die Welt umspannt,
Bevor ihn Rom als falsch verbannt.
APELLES
In Rom, als Commodus den Thron besessen,
Lebt’ einer, den man fast vergessen:
Apelles, alt und mit Silberhaaren,
In Glaubensdingen sehr erfahren.
Ein Gegner namens Rhodon schreibt,
Was uns als Bild vom Manne bleibt.
Trotz Streit und theologischer Not,
Apelles keine Dogmen bot.
„Wer aufrecht glaubt“, so sprach er leise,
„Wird selig auf die eine Weise.“
Was auch die Theorie mag lehren,
Gott wird das gute Herz beehren.
Ein Geist, so tolerant und klar,
Wie’s selten bei den Alten war.
Doch als er schon am Lebensabend,
Sich an geheimen Kräften labend,
Traf er ein Mädchen, jung und bleich,
Philomene aus dem Geisterreich.
Sie sah, was anderen blieb verborgen,
Die Zukunft und die Not von morgen.
In ihrem Buch, „Manifestation“,
Fand er der Wahrheit hellsten Ton.
Tertullian, der Eiferer,
War ein gewalt’ger Krakeeler.
Er schimpfte laut auf die Moral,
Nannte die Seherin eine Qual.
Doch wie es oft bei Spöttern ist:
Er selbst war auch kein Realist!
Er pries in seiner eignen Herde
Prophetinnen auf dieser Erde.
Man sagt, ein Geist in Knabengestalt
Gab Philomene die Gewalt.
Mal nannte er sich Paul, mal Christ,
Wie es bei Geistern üblich ist.
Ein Brot in einer engen Vase,
Das glitt durchs Glas wie eine Blase!
Sie nahm es mit den Fingern raus,
Und dieses Mahl war ihr Schmaus.
War es Betrug? War es Magie?
Wir wissen es wohl heute nie.
Die Quelle stammt von Feindes Hand,
Die nur den Irrtum darin fand.
Doch bleibt Apelles uns bestehen:
Ein Greis, der Wahrheit wollt’ verstehen,
Der milde auf die Menschen sah
Und Gott in jedem Herzen sah.
DIE BASILIDISCHE GNOSIS
In Alexandria, am Nilestrand,
erhob sich ein Geist, im Wissen entbrannt.
Um hundertzwanzig, so schätzt man die Zeit,
verkündet’ Basilides die Ewigkeit.
Ob Grieche, ob Syrer – man weiß es nicht genau,
doch im Denken war er tief und im Geiste schlau.
Bewandert in Hellas, in Ägyptens Magie,
vereint er im Glauben die Philosophie.
Vierundzwanzig Bücher, Exegetica genannt,
hat er als Erster dem Evangelium gesandt.
Kein starres Dogma, kein enges Wort,
er suchte das Wissen am heil'gen Ort.
Vom Glaukias lernte er, so geht die Mär,
der des Petrus Ausleger und Diener wär’.
Auch Matthias’ geheime Tradition
gab Nahrung der Gnosis, dem göttlichen Lohn.
Ein Evangelium, nicht von Taten und Zeit,
doch voll von der Kunde der Überirdigkeit.
Was uns heute blieb, sind Splitter und Scherben,
aus Schriften von Feinden, die sein Denken verderben.
Hippolyt, Clemens und Irenäus’ Hand,
sie zogen des Ketzers vernichtendes Band.
Sie zitierten ihn grob, oft voller Polemik,
verstümmelten Sätze mit klerikaler Systemik.
Doch scheint durch den Schleier der polemischen Wut
ein Denker von seltener, geistiger Glut.
Hört nun von der Höhe, die Schwindel erregt,
wo kein Name mehr haftet und kein Wort sich bewegt.
Es gab eine „Zeit“, da war absolut nichts,
kein Funke des Seins, kein Strahl eines Lichts.
Nicht „Eins“ war vorhanden, kein „Ist“ und kein „War“,
selbst „unaussprechlich“ ist hier nicht wahr.
Denn was wir benennen, das grenzen wir ein,
doch die Ur-Quelle thront über jeglichem Sein.
Ein Nichts, das nicht leer ist, doch Fülle so rein,
dass menschliches Denken davor muss klein sein.
Für ihn war das Evangelium weit mehr als nur Lehre,
es war das Gesetz, das die Welten erkläre.
Vom Ur-Grund hinab bis zum irdischen Staub,
entschlüsselt die Gnosis das Werden im Laub.
Er sah in den Worten des Herrn ein Geheimnis,
für Wissende hell, für die Massen ein Gleichnis.
So blickte er auf in die strahlende Ferne,
weit über die Erde, weit über die Sterne.
Nicht einmal für die Welt, die wir mit Augen schauen,
besitzen wir die Worte, ihr das Bild zu bauen.
Wie viel mehr versagt der menschliche Verstand,
reicht er zur Ur-Welt aus, die jenseits uns bekannt?
Basilides stieg empor, wo Platons Ideale enden,
um sich der Stille des Orients zuzuwenden.
Dort, wo kein Name greift, wo jede Form zerrinnt,
die Intuition der Gottheit ihre Reise erst beginnt.
Es war ein Zustand, fern von Stoff und von Materie,
kein Gott, kein Mensch, kein Geist in dieser Sphäre.
Nichts, was der Mensch erdacht, was er jemals benannte,
kein Fühlen und kein Wollen, das die Gottheit kannte.
Doch ohne Zwang und Wunsch, in tiefster Transzendenz,
setzt’ Er den „Samen“ aus – der Möglichkeiten Essenz.
Wie in dem Senfkorn schon die ganze Pflanze ruht,
so lag im Ur-Keim drin die ganze Weltenflut.
Kein Ausfluss, kein Weben wie beim Tier,
ein schlichtes „Werde Licht!“ – und das Licht war hier.
Drei Arten Sohnschaft barg der Same in sich drin,
und jede strebte nach der Ur-Welt hin.
Die erste Sohnschaft, fein und ohne jede Schwere,
flog wie ein Blitz empor in jene Lichtesphäre.
Sie brauchte keine Hilfe, kannte keine Last,
und hat die Gottheit selbst sogleich als Ziel erfasst.
Die zweite Sohnschaft war von weniger Subtilität,
sie suchte nach dem Weg, der nach oben geht.
Doch ihre eigene Kraft war für den Flug zu klein,
sie brauchte fremde Schwingen, um am Ziel zu sein.
Der Heilige Geist ward ihr als Flügel dann gegeben,
um sie zur ersten Sohnschaft hochzubeheben.
So wie der Vogel Flügel braucht, um sich zu schwingen,
muss Geist und Sohnschaft hier das Werk gemeinsam bringen.
Doch als sie fast das Ziel, den Ur-Grund, schon berührt,
hat sich die Sohnschaft von dem Geiste losgeschnürt.
Denn wie ein Fisch im Licht der trocknen Luft verdarb,
so war der Geist zu schwer für jenen Licht-Bezirke-Farb'.
Die Sohnschaft stieg allein zum Ur-Nichts nun hinauf,
doch ließ sie ihren Duft zurück im Geisteslauf.
Wie eine Salbe, die man aus dem Glase gießt,
doch deren Wohlgeruch noch durch die Kammer fließt,
so blieb der Geist zurück, getrennt und doch verwandt,
als Grenze zu der Welt, die Basilides „Nichts“ benannt.
Der Heilige Geist, nun vom Aufstieg getrennt,
doch trägt er den Duft, den die Sohnschaft nur kennt.
Wie Salbe, die trieft von des Aarons Bart,
so blieb seine Kraft in der Schöpfung bewahrt.
Er durchdringt die Materie, das Formlose, Wilde,
und weckt in der Tiefe die göttlichen Bilde.
Er steht als der Grenzgeist, als schimmernde Wand,
zwischen Überwelt-Licht und dem irdischen Land.
Weit über dem Mond, wo das Sichtbare bricht,
trennt er das wahre vom scheinbaren Licht.
Aus dem Samen-Gemisch, mit gewaltiger Pracht,
ist der Große Herrscher, Demiurg, nun erwacht.
An Schönheit und Stärke von nichts zu besiegen,
sah er unter sich alle Welten nur liegen.
Er stieg zum Firmament, thronte dort oben,
und meinte, es gäbe kein Wesen zum Loben –
außer ihm selbst, in der Achtheit, Ogdoas, Licht,
denn die Welten darüber erschaut er noch nicht.
Er glaubte sich Schöpfer, allein und so weise,
doch er war nur der Diener im göttlichen Kreise.
Damit er im Weltall nicht einsam verweilt,
ward ihm ein Sohn aus dem Samen zuteilt.
Viel weiser als er, eine Herrlichkeit rein,
durfte der Sohn an der Rechten ihm sein.
Der Vater gab Form und die Körperlichkeit,
doch der Sohn schenkte Geist für die Ewigkeit.
Gemeinsam erschufen sie Äther und Sterne,
die strahlenden Reiche in himmlischer Ferne.
Was wir als Gestirne am Nachthimmel sehen,
sind Spiegel der Wesen, die dort oben gehen.
Dann erhob sich ein Zweiter, dem Ersten nicht gleich,
er herrscht über unser sublunares Reich.
Vom Monde hinab bis zum irdischen Grund,
wird die Siebenheit (Hebdomad) uns nun kund.
Auch er hat einen Sohn, der ihn weise überragt,
und Ordnung im niederen Raume nun wagt.
Hier ist alles dichter, doch noch immer fein,
es will alles Leben geordnet dort sein.
Doch hier auf der Erde, im menschlichen Raum,
da herrscht kein Verwalter, kein Herrscher-Traum.
Hier wirken die Dinge nach göttlichem Plan,
den Gott einst im Ur-Samen legte schon an.
Kein Schicksalszwang drückt, kein Wille ist leer,
im „Jetzt“ liegt die Kraft wie ein wogendes Meer.
Hier mischt sich das Karman, hier wendet sich Not,
im Plan, den die Gottheit vor Zeiten gebot.
Hier harrt noch die dritte Sohnschaft im Staub,
wie ein schlafender Funke im welkenden Laub.
Als die Welten geformt und die Ordnung gesetzt,
blieb im Schoß der Materie, von Formen gehetzt,
die dritte Sohnschaft in Dunkelheit zurück,
fern von der Heimat, dem göttlichen Glück.
Sie sind die Söhne, der spirituelle Kern,
ein Funke von oben, ein innerer Stern.
Die Schöpfung selbst seufzt und liegt in den Wehen,
um diese Kinder der Freiheit zu sehen.
Sie ordnen die Seelen, sie lehren das Licht,
damit uns die Schwere der Erde nicht bricht.
Früher dachten die Menschen, der Herrscher allein
müsse der Gott über allem hier sein.
Sogar die Propheten und Moses’ Wort,
sie kamen nur aus dem Hebdomad-Ort.
Doch das Evangelium, die Kunde so rein,
drang tiefer als Achtheit und Siebenheit ein.
Wie Naphtha-Dampf Feuer fängt, fern von der Glut,
so weckte das Licht in den Herrschern den Mut.
Vom Grenzgeist herab durch den Äther es sprang,
bis es der Achtheit Sohn endlich durchdrang.
Der Große Herrscher, er zittert und bebt,
als er erkennt, dass es Höheres gibt.
„Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Beginn“ –
er sieht seine Unwissenheit nun darin.
Er beichtet den Stolz und die Sünde der Macht:
„Ich bin nicht der Eine, der alles vollbracht!“
Er lernt von der Sohnschaft, lernt vom Geist,
was wahre Erlösung und Freiheit verheißt.
Das Licht fließt hinab, von Stufe zu Stufe,
folgend dem göttlichen Ur-Rufe.
Das Licht der Hebdomad sank schließlich herab
auf Jesus, der uns das Beispiel gab.
Die Kraft des Höchsten, die schöpferische Macht,
hat in Maria die Seele entfacht.
Nicht nur ein Mensch in Fleisch und in Blut,
ein Typus für alle, in denen es ruht!
Denn Jesus zeigt uns den Weg aus der Nacht,
wie man die Sohnschaft im Innern bewacht.
Die Seele ist’s, die das Feuer empfängt,
wenn sie sich von irdischer Bindung trennt.
Die Welt wird bestehen, wird nicht eher vergehn,
bis alle die Söhne im Lichte dort stehn.
Die dritte Sohnschaft, gereinigt und fein,
muss wie die erste nun flügellos sein.
Durch Wissen und Läuterung wird sie so leicht,
dass sie den Ort jenseits aller Namen erreicht.
So eilt alles Leben dem Ur-Grund entgegen,
verlässt diese Formen auf geistigen Wegen.
Was einst aus dem Samen als Funke entsprang,
kehrt heim in den Ewigen Lobgesang.
Wenn alle Söhne nun das Licht erreicht,
und jede Seele ihrem Urbild gleicht,
wenn über den Grenzgeist der Aufstieg vollbracht,
dann endet der Schöpfung mühselige Nacht.
Doch Gott, in der Güte, die alles versteht,
macht, dass nun ein heiliges Vergessen entsteht.
Die Große Unwissenheit senkt sich aufs All,
ein schützender Mantel, ein rettender Wall.
Damit nicht die Wesen in niederen Sphären
sich ewig nach Zielen, die fern sind, verzehren –
wie Fische, die hoffen, auf Bergen zu grasen,
und dort nur den Tod in den Lungen erfassen –
so tilgt Gott das Wissen um Höheres aus.
Ein jeder fühlt wohl sich in seinem Zuhaus.
Kein Neid und kein Schmerz und kein Sehnen mehr brennt,
weil keiner das Licht über sich noch erkennt.
Die Ruhe kehrt ein, die Natur ist am Ziel,
vollendet das kosmische Wandlungsspiel.
Jesus, der Retter, ging allen voran,
er zeigte den Weg, den die Sohnschaft begann.
Doch schau auf die Teile, aus denen er war,
sie kehrten zurück, das wird nun uns klar:
Was irdisch war, fiel zur Materie zurück,
das Psychische fand in der Siebenheit Glück.
Sein ätherisch Gewand stieg zur Achtheit hinauf,
und der Grenzgeist nahm seinen Geistes-Teil auf.
Nur der wahre Mensch, der die Gnosis empfing,
als dritte Sohnschaft zum Ur-Nichts hin ging.
So trennt sich das Reine vom Trüben und Schweren,
um heim in den Schoß der Vollendung zu kehren.
Warum muss der Gute oft Qualen ertragen?
Basilides gibt Antwort auf menschliche Fragen.
Kein Leiden ist blind, kein Schicksal ist leer,
wir tragen das Erbe der Vorleben schwer.
Wer heute als Märtyrer standhaft nun bleibt,
der tilgt eine Schuld, die das Karman ihm schreibt.
Selbst wenn ein Kind leidet, unschuldig und klein,
liegt tief in ihm drin schon der sündige Keim.
Das Leiden ist Güte, ein reinigend Bad,
es führt uns zurück auf den göttlichen Pfad.
Nichts geschieht ohne Grund in der Zeiten Lauf,
die Vorsehung wiegt alle Taten uns auf.
So lehrt uns der Meister aus alter Zeit,
von Freiheit, Natur und Gerechtigkeit.
Das Weltplasma ordnet sich, Schicht um Schicht,
bis alles erstrahlt im ureigenen Licht.
Kein Gott der Materie, kein Schicksalszwang,
nur der Sohnschaft unendlicher Heimwärtsdrang.
In Stille verehren wir, was kein Wort nennt,
bis unser Geist sich vom Körper nun trennt.
Niemand leidet ohne Grund, kein Schicksal ist ein Spiel,
Gottes Vorsprung führt uns sanft zum großen, guten Ziel.
Wer als Märtyrer verblutet, wer in Fesseln klagt,
hat vielleicht in andern Erden-Leben einst gewagt,
Sünden still zu tun, die niemand sah und niemand straft’ –
nun bezahlt er durch das Zeugnis, das die Gnosis schafft.
Selbst im tugendhaften Manne ruht ein böser Keim,
hätt’ er die Gelegenheit, so kehrte Sünde heim.
Gott allein ist gerecht, so sprach schon Hiob klar,
im Leid wird nur die Seele rein, die einst befleckt schon war.
Hör von den „Anhängseln“, den Geistern fremder Art,
die sich um den Seelenkern, den reinen, tief geschart.
Aus dem Ur-Gemisch der Samen, wirr und voller Streit,
stammen Triebe, die uns fesseln an die Sinnenzeit.
Ein Wolfs-Geist regt den Zorn uns auf, ein Affe macht uns blind,
weil wir durch diese „Anhänge“ wie wilde Tiere sind.
Sogar der Pflanzen Starre oder Steines harte Kraft,
hat in unserm Seelenkleid sich Geltung oft verschafft.
Es sind „Essenzen“, die uns drücken, Geister fremder Gier,
die uns flüstern: „Gib nur nach, du bist doch auch ein Tier!“
Doch Isidorus lehrt uns stolz: „Seid Herr im eignen Haus!
Treibt die fremden Gäste aus dem Seelenraum hinaus!“
Wer da sagt: „Ich musste sünd’gen, ich war nicht mehr ich“,
der täuscht nur seine Tugend und betrügt sich jämmerlich.
Die Vernunft ist der Regent, sie führt das Regiment,
wenn sie ihren wahren Ursprung in der Höhe kennt.
Das Gewand ist nicht der Mensch, das Kleid ist nicht das Sein,
überwindet die Anhängsel, werdet wieder rein!
Am fünfzehnten Tag im Tybi, wenn die Sonne steigt,
hat sich über Jesus einst der Vater tief geneigt.
Nicht als Mensch aus Fleisch und Blut, wie’s in den Büchern steht,
doch als Bild der Einweihung, die durch die Welten geht.
Fünf Jahre Schweigen lehrte er, wie Pythagoras es tat,
wer die Gnosis finden will, braucht diesen strengen Pfad.
Barcabbas und Barcoph, die Weisen aus dem Ost,
gaben ihrer Lehre Kraft und ihrem Denken Trost.
Zoroasters altes Erbe, Mithras’ Licht und Glanz,
woben in der Gnosis mit im großen Sternentanz.
Verstümmelt sind die Zeilen, die uns heute noch bekannt,
durch der Kirchenväter Eifer und durch Zorneshand.
Hippolyt und Clemens sahen nur, was sie gestört,
haben Basilides’ Geist oft bitterlich betört.
Doch zieht man aus den Trümmern den verborgnen Sinn,
liegt in dieser alten Weisheit ein unendlich’ Gewinn.
Ein Fenster war er in die Zeit, wo Christos’ Wort noch neu,
und der Suche nach der Wahrheit jeder Geist war treu.
Doch hört, wie Irenäus, der Wächter der Pflicht,
ein Zerrbild des Meisters ans Tageslicht flicht.
Was er als „Wahrheit“ den Menschen erzählt,
ist nur aus Gerüchten und Hörensagen gewählt.
Nicht Gnosis, nicht Weisheit, nur Spott und Verdruss,
so endet der klerikale Geschichtsschluss.
Ein „falsches System“ ward dem Meister erdacht,
aus Unwissenheit und aus klerikaler Macht.
Man nannte den Gott dort „Abraxas“, den Herrn,
ein Name, der leuchtet wie ein dunkler Stern.
Aus sieben Buchstaben, griechisch an Zahl,
ergibt er dreihundertfünfundsechzig zumal.
So viele Tage das Jahr uns beschert,
so viele Himmel, so wurde gelehrt.
Doch Basilides wusste: Dies ist nicht das Licht,
das über dem Sein aus dem Ur-Nichts bricht.
Abraxas ist eher der Erde verwandt,
ein Herrscher der Kräfte, im Stoffe gebannt.
Dreihundertfünfundsechzig Diener des Schicksals,
sie bauen den Leib nach des Schicksals Verhältnis.
Was Unwissende einst als den Höchsten verehrten,
ward eingeordnet von den gnostisch Gelehrten.
Tief unten im Weltbau, im Fleisch und im Blut,
dort regiert dieser Geist mit astrologischer Glut.
Man fand auf Gemmen, auf Siegeln und Stein,
den Namen Abraxas, oft schaurig und fein.
Doch waren es kaum die Schüler des Lichts,
die ritzten die Zeichen – sie wussten um’s Nichts.
Es war der Aberglaub’ der breiteren Masse,
die suchte nach Schutz in der Talisman-Klasse.
Der wahre Gnostiker schwieg fünf Jahre lang,
bevor er zum Kern der Erkenntnis durchdrang.
„Nur einer von tausend“, so mahnte das Wort,
findet den Weg aus dem irdischen Ort.
Auch erzählte man sich eine lügnerische Mär,
die dem Ruf der Schule war schrecklich und schwer:
Dass Jesus den Körper mit Simon getauscht,
und spottend am Kreuzesrand hätt’ berauscht
zugesehen, wie Cyrene für ihn dort gelitten –
solch alberne Fabeln sind heute bestritten.
Ein Zerrbild der Feinde, ein boshafter Scherz,
er traf nicht die Gnosis, er traf nicht das Herz.
Am Delta des Nils, wo der Fluss sich verzweigt,
hat Basilides’ Erbe sich lange gezeigt.
Bis ins vierte Jahrhundert, so wird berichtet,
war die Schule noch nicht ganz vernichtet.
Doch floss sie wohl ein in den größeren Strom,
fernab vom Dogma und römischem Dom.
Sie nannten sich kaum „die des Basilides“,
sie suchten das Wissen, das Licht des Friedens.
Sie sahen in Lehrern nur Boten der Zeit,
auf dem Weg in die namenlose Ewigkeit.
DIE VALENTINSBEWEGUNG.
Ein Schatten nur, im Glanz der fernen Zeit,
Ein Geist voll Anmut, Kraft und Gelehrsamkeit.
Valentin – so nannten sie den Mann,
Der als der Größte jener Gnosis galt sodann.
Sogar der Feind, der ihn mit Worten schlug,
Gesteht, dass er ein edles Antlitz trug.
Doch blicken wir durch der Geschichte Tor,
Tritt nur ein Rätsel, ein Phantom hervor.
Sein Werk, so tief, so reich an Harmonie,
Es blieb uns nicht – wir finden es fast nie.
Nur Fragmente, von der Gegner Hand entstellt,
Sind alles, was uns noch von ihm erzählt.
Ein „System“ gab es nicht aus einem Guss,
Es war ein Strom, ein freier Geistesfluss.
Kein Jünger plapperte des Meisters Worte nach,
Ein jeder selbst das Licht der Wahrheit brach.
Vom Osten bis zum Westen, weit und breit,
Gab es der Lehren bunte Vielfältigkeit.
Irenäus klagt, dass keiner sich versteht,
Weil jeder seinen eignen Pfad dort geht.
Ob Anatolien, ob der Westen fern,
Sie suchten alle ihren eignen Stern.
Was uns die Kirchenväter hinterließen,
Lässt Klarheit kaum in dunkle Täler fließen.
Ptolemäus, Marcus und Herakleon –
Sie trugen weiter die Gnostiker-Kron'.
Doch hinter ihnen, im Verborgnen still,
Ruht, was Valentin uns sagen will.
Der Architekt, der dieses Haus ersann,
Bleibt der geheimnisvollste Gnosis-Mann.
Vom Orient, wo Bardesanes lehrte,
bis Antiochia, das Axionicus ehrte,
zog sich das Netz, von Geist gewebt,
das in den Herzen vieler lebte und bebt’.
In Rom, in Spanien, im gallischen Land,
überall man die Spuren der Gnosis fand.
Doch was blieb uns von Theotimus’ Wort?
Was trug Alexander an Weisheit fort?
Namen nur, wie Blätter im Wind,
die heute uns kaum noch Zeugnis sind.
Ein riesiges Reich, von Ägypten bis weit,
doch stumm bleibt die Stimme der Ewigkeit.
Zwei Wege bot jene ferne Zeit:
Marcion suchte die Trennung im Streit,
stieß ab, was jüdisch, mit hartem Schnitt,
nahm nur den neuen Erlöser mit.
Doch Valentin suchte den Brückenschlag,
damit Versöhnung im Dunkeln lag.
Er wob die Mythen der alten Welt
in ein Gewand, das die Seele erhellt.
Er füllte die Leere, die Basilides ließ,
mit Welten, die er aus dem Geiste stieß.
Doch ach! Seine „Bücher“, so tief und schwer,
kennt kein Kirchenvater – ihr Schrank blieb leer.
Was Irenäus uns bitter beschrieb,
war nur, was vom Hörensagen blieb.
Ein Flickenteppich, aus Bruchstücken genäht,
von Gegnern mit polemischem Eifer gesät.
Er las Notizen von Schülern vielleicht,
doch Valentins Kern hat er nie erreicht.
Und Clemens’ Auszüge? Ein wirres Bild,
zerstückelt, vermischt und rhetorisch wild.
Was „östlich“ hieß oder „westlich“ genannt,
wird in der Analyse zur Täuschung erkannt.
So stehen wir heute vor Trümmern aus Gold
und rätseln, was Valentin uns sagen wollt’.
Hippolytus, der Erste, wob ein Netz,
aus Irenäus’ Wort und eignem Schätz’.
Doch was er Pseudo-Tertullian gab,
grub der Klarheit nur ein tieferes Grab.
Ein Chaos wuchs, verwirrend und schwer,
die Wahrheit fand man dort fast nimmermehr.
Doch halt – Hippolytus, die Nummer Zwei,
eilt mit den Philosophumena herbei.
Er zeichnet uns ein Bild, so klar und weit,
ein Spiegel jener gnostischen Geistigkeit.
Von allen Vätern ist sein Wort das Licht,
das fast durch Valentins Schleier bricht.
Tertullian schreibt nur ab, was er fand,
reicht Irenäus’ Erbe aus zweiter Hand.
Auch Epiphanius folgt dieser Spur,
doch lässt er uns eine Kostbarkeit nur:
An Flora den Brief, von Ptolemäus gesandt,
und Äonen-Namen, im „Barbarischen“ verwandt.
Theodoret schließt sich der Reihe an,
ein Echo von dem, was man früher ersann.
So ziehn sie vorüber, die Führer, so blind,
die im Labyrinth selbst verloren sind.
Ein trauriger Haufen, ein schwankender Chor,
sie führen uns kaum durch der Weisheit Tor.
Nun kehren wir um, den Blick festgewandt,
auf Valentin selbst und sein fernes Land.
Aus Scherben und Schatten, aus Splittern so klein,
versuchen wir, seiner habhaft zu sein.
Die Silhouette, sie schwankt noch im Licht –
den größten der Geister vergessen wir nicht.
VALENTINUS.
Ein Schatten nur ist uns sein Lebenslauf,
In Ägyptens Licht ging seine Sonne auf.
In Alexandria, wo sich die Geister trafen,
Fand er das Wissen, das die Welt erschaffen.
Pythagoras’ Maß und Platons lichte Höhen,
Ließ er im Geist mit Cheops’ Rätseln gehen.
Doch tiefer noch zog ihn ein and’rer Strom,
Das frühe Christentum, noch ohne Dom.
Keine Katechese, kein festes Gebot,
Nur Logoi und Mythen in geistiger Not.
Von Theodas hörte er, so geht die Mär,
Der Gnosis Geheimnis, vom Meister direkt her.
In der Bibliothek, im staubigen Licht,
Formte er sachte sein großes Gedicht:
Die Welt zu versöhnen, das Ganze zu sehn,
Und dennoch als Christ in der Kirche zu stehn.
Er wollte nicht spalten, nicht Ketzerei säen,
Sondern das Innere im Äuß’ren verstehen.
Tertullian schimpft aus dem römischen fernen:
„Er wollte nur Bischof sein, griff nach den Sternen!“
Doch Rom war nicht alles in jener Zeit,
Und Valentinus blieb lange zur Treue bereit.
Fünfzehn Jahre, so lesen wir hie und da,
War er der Kirche als „orthodox“ nah.
Über Zypern nach Rom, bis die Zeit ihn vertrieb,
Ist’s ein Rätsel, wo er am Ende verblieb.
Vielleicht Alexandria? In stiller Klausur?
Vom Tode fehlt jede gesicherte Spur.
Man sagt, er schrieb Psalmen, Briefe und mehr,
Doch die technischen Werke, die wiegen zu schwer.
Ein „Evangelium“ soll er verfasst haben,
Nicht über Jesu irdische Gaben,
Sondern ein Wissen, das jenseits erscheint,
Das Himmel und Erde im Geiste vereint.
Die „Sophia“ schrieb er, ein Werk voller Glanz,
Ein Gegengewicht zu Salomos Kranz.
Verschwiegen und weise, ein Lehrer der Stille,
War Einheit und Ganzheit sein einziger Wille.
Vom Koryphäen blieb uns nur wenig bestehen:
Ein paar Zeilen, ein Psalm – um ihn zu verstehen.
Er versuchte das Eine, das Große, das Wahre,
Doch die Welt war nicht reif für die kommenden Jahre.
AUS EINEM BRIEF
Als die Mächte aus dem Staube, jener feuchten, dunklen Welt,
Formten stumm das erste Wesen, das noch keine Form behält,
Schufen sie ein schwaches Abbild, das nicht gehn noch stehen kann,
Ein Phantom aus Fleisch und Sehnen, fing die Evolution erst an.
Doch im Innern dieser Hülle, für die Schöpfer ungesehn,
Ließ der Logos einen Samen, eine Himmelsessenz stehn.
Und als dann das Werk vollendet, sprach der Mensch ein großes Wort,
Das weit über das hinausging, was der Stoff gab an dem Ort.
Der Schrecken der Engel
Da ergriff ein tiefer Schauder jene Mächte der Natur,
Denn sie sahen in dem Plasm des Ur-Lichts leuchtend helle Spur.
Wie der Künstler vor der Statue, die den Namen Gottes trägt,
Bebten sie vor jenem Geiste, der sich im Gefäße regt.
Denn er trug den „Namen“ in sich – jenes Siegel, das entscheidet,
Welche Kraft das Sein durchwaltet, was das Schicksal uns bereitet.
Und in Angst vor diesem Glanze, den sie selbst nicht fassen konnten,
Schlugen sie das Werk in Trümmer, flohen vor den Horizonten.
Doch das Herz des Menschen gleicht oft einem Haus am Wegesrand,
Dessen Mauern rissig wurden, offen jedem fremden Stand.
Wie in einer Karawanserei, wo der Unrat sich vermehrt,
Haben Geister sich im Innern, finst’re Essenzen, verzehrt.
Dämonen hausen in den Winkeln, wo die Gier den Frieden bricht,
Und das Herz bleibt trüb und dunkel, ohne Gnade, ohne Licht.
Es ist die Hülle nur, die sündigt, die das Blut in Wallung bringt,
Während tief im Kern die Seele um die Reinheit leise ringt.
Erst wenn jener gute Vater Seinen Blick auf uns nun lenkt,
Und den Pfad zur wahren Läuterung dem müden Herzen schenkt,
Wird die Herberge geheiligt, strahlt im Glanz der Ewigkeit,
Und das Auge schaut das Antlitz Gottes nach der Dunkelheit.
AUS EINEM BRIEF AN AGATHOPUS
In Galiläas staubig’ Gassen,
ging einer, der die Welt verlassen,
doch mitten drin, im Fleisch und Blut,
bewahrte er der Gottheit Glut.
Nicht Gier nach Speise, Gier nach Wein,
sein Wesen sollte klärlich sein,
ein Spiegel, der kein Trüben kennt,
das Feuer, das im Innern brennt.
Valentinus lehrt uns heute noch,
vom Geist, der brach des Körpers Joch.
Was Jesus aß, was er genoss,
in heil’ge Bahnen nur floss,
kein Rest verblieb, kein Stoff verdarb,
weil er dem Niedren längst verstarb.
Der Leib, so fein und lichtvoll rein,
zog Gottes Atem in sich ein.
Im Osten nennt man es die Kraft,
die Siddhis, die der Geist erschafft.
Wenn Yoga nun den Sieg erringt,
und Seele durch die Hüllen dringt,
wird wenig nur an Stoff verschwendet,
bis sich das Erdensein vollendet.
Die Upanishaden wissen wohl:
Das Wen’ge ist des Sieges Zoll.
Wie Clemens und die Väter lehrten,
die sich zum Doketismus kehrten:
Der Stoff wird weich, dem Willen untertan,
er fängt die lichte Wandlung an.
Ein Körper, strahlend, ohne Not,
besiegt im Leben schon den Tod.
Kein Makel blieb, kein Erdenrest,
wer ganz im Geist die Wurzel schlägt, ist fest.
AUS EINER PREDIGT
Von Anbeginn im Licht geboren,
An die Materie nicht verloren,
Seid ihr der Ewigkeit verwandt,
Im Weltenmeer als Gott bekannt.
Unsterblich reist der Pilgergeist,
Der sich als Herr der Form erweist.
Doch wählt ihr euch den Tod zum Los,
Im Spiel der Zeit, im Erdenschoß.
Ihr teilt ihn auf, verschwendet ihn,
Damit die Schatten in euch fliehn.
Wer die Welt auflöst, bleibt bestehen,
Wird als Schöpfer durch die Äonen gehen.
Das tote Bild, das wir hier schauen,
Ist nur ein Abglanz, flüchtig Grauen.
So weit das Bild vom Antlitz weicht,
Kein Schein das wahre Sein erreicht.
Der Maler malt nach hohem Plan,
Doch nur der Name füllt die Schöpfung an.
Wo Syzygien im Paare stehen,
Wird wahre Fülle, Pleroma, entstehen.
Doch was aus Einsamkeit entsprang,
Ist nur ein Bild, ein Schattenklang.
Der Lichtfunke, im Fleisch versteckt,
Wird durch das Wissen nun geweckt.
AUS EINEM BRIEF ÜBER DIE GEMEINSCHAFT DER FREUNDE
Was in den fernen Büchern steht,
was durch die Welt der Weisen weht,
findet im Heiligtum sich wieder,
als Echo göttlicher Gebete nieder.
Nicht nur in einer Zeile, einem Wort,
ruht Gottes Geist an jedem Ort.
Ob Jude, Grieche oder ferner Geist,
wer auf das Herz im Innern weist,
der liest das Wort, das dort geschrieben,
vom Schöpfer selbst, den wir nun lieben.
Denn was als Wahrheit allgemein erscheint,
ist, was die „Freunde“ tief im Kern vereint.
Clemens mag die Bände eng benennen,
doch Valentinus lässt uns weit erkennen:
Kein Buch hat Wahrheit ganz für sich allein,
sie will in jedem Geiste lebendig sein.
Das Volk des Geliebten, von Ihm erwählt,
ist jene Schar, die nicht auf Buchstaben zählt.
Vom „Herz“ entspringt die wahre Lehre,
dem Schöpfer selbst zur höchsten Ehre.
Wer nicht am starren Text erfriert,
wer sich im Geiste nicht verliert,
der sieht in jeder Schrift das Licht,
das durch die Hülle der Welt einbricht.