DAS LIED VON DER ERDE

VON TORSTEN SCHWANKE


SHI TUO-TANG




DAS LIED VOM KUMMER


Der Kummer naht heran — o weh, der Kummer naht!

Der Wirt hat uns den Wein noch nicht ins Glas gesaat.

So hört mein traurig Lied, das „Kummer-Ankunft“ heißt;

Denn Kummer singt nicht froh, noch lacht er kühn und dreist.


Kein Mensch auf dieser Welt erkennt des Herzens Schmerz;

Du hast noch Krüge voll — ich nur mein wundes Herz.

Drei Ellen misst die Zither, die ich bei mir trug;

Doch Wein und Saitenspiel bedürfen sich genug.


Ein einzger voller Becher gilt tausend Goldgewicht;

Der Kummer naht heran — entfliehn kann man ihm nicht.

Der Himmel währt zwar lang, die Erde dauert fort;

Doch Hallen voller Schatz vergehn von Ort zu Ort.


Was gelten Ruhm und Reichtum in hundert flüchtgen Jahren?

Tod oder Leben muss doch jeder Mensch erfahren.

Der Affe sitzt allein und klagt im Mondenschein —

Drum sollst du jeden Kelch bis auf die Neige weihn.



FRÜHLINGSLIED


Die Welt erscheint dem Menschen oft als großer Traum hienieden,

Warum sich mühn und plagen noch im kurzen Erdenlauf?

So trink ich denn den ganzen Tag bis tief in trunkne Dämmerung

Und sinke müd am Säulenpfad vor meiner Türe auf.


Als ich erwach’, da seh ich still im kleinen Hofe wieder

Ein Vöglein zwischen Blumen rot, sein helles Lied im Wind.

Ich frage leis: „In welcher Zeit erklingt dein frohes Rufen?“ —

Da strömt des Frühlings Atem mild, worin Pirole sind.


Davon bewegt seufz ich empor und schenke selber wieder

Mir neuen Wein ins Kelchglas ein mit leicht gelöster Hand;

Ich singe laut und warte still, bis aufsteigt hell der Mondschein,

Und taumle endlich trunken fort ins schweigende Nachtgewand.




MILCHSTRAẞE IM HERBST


Die Herbstnachtsmilchbahn zieht, im Jadereif verloren,

Der Nordwind fegt den Duft der Lotosblüten fort.


Im Liebesweben glimmt die einsam matte Kerze,

Trän’ kalt verrinnen leis an sehnsuchtsdunklem Ort.



DER PAVILLON VON PORZELLAN


Im kleinen künstlichen See erhebt sich Porzellan,

Grünweiß der Pavillon im stillen Wasserraum;

Ein Jadebogen führt hinüber wohlgemessen,

Gewölbt gleich Tigers Rücken im herb verklärten Traum.


Dort sitzen lichte Freunde in blassen Feierkleidern

Und trinken warmen Wein aus zarten Schalen sacht;

Sie sprechen froh und leicht und schreiben spielend Verse,

Den Hut ins Genick geschoben bei sanft gelöster Pracht.


Sie heben lachend kaum die weiten Ärmel höher,

Der Abend ruht im See in lautlos grünem Schein;

Darin erscheint der Steg als Jademond gebrochen,

Ein Halbmond, umgestürzt, im dunklen Wasserwein.


Und tief im stillen See gleich einer Traumverwandlung

Sind wiederum die Freunde in lichten Kleidern da:

Sie trinken kopfhinab im Porzellanpavillon —

Ein Spiegelreich aus Jade und flüchtiger Chimären.




AM UFER


Am Ufer des Ruò-Yé pflückt Mädchenhand die Lotos,

Sie lachen rings verteilt im roten Blütenraum;

Die Sonne glänzt im Grund durch frische Schmink‘ der Wasser,

Der Wind hebt Ärmelduft wie Wolken leicht im Traum.


Am Ufer wandeln leis die jungen reichen Herren,

Zu dreien oder fünft bei Trauerweidenschein;

Die Rappen Zǐliús zerstampfen fallende Blüten,

Ihr Wiehern hallt davon im warmen Abendwein.


Wer solches Bild erblickt trägt heimlich Gram im Herzen,

Vergeblich ringt die Brust um Trost in stiller Glut;

Denn Schönheit zieht vorbei wie Duft im Wind des Sommers,

Und Sehnsucht bleibt allein im tief bewegten Blut.



ABSCHIED


Beim Meister Yè im Berggehöft will ich zur Nacht verbleiben,

Und warte still auf Bruder Dīng, der noch nicht heimgefunden.

Die Abendsonne sinket tief hinter die Westgebirge,

Im Tal verstreicht der letzte Schein nun ist die Nacht entbunden.


Der Mond durch Kiefern spendet kühl sein lichtes Silberwehen,

Vom Bergquell trägt der Wind heran den klaren Klang der Flut;

Holzsammler kehren heimwärts schon und Sehnsucht wächst im Herzen,

Im Nebel sitzen müd die Vögel, wo stiller Abend ruht.


Ich harre noch auf jenen Gast, der heut zur Nacht soll kommen,

Und spiele einsam meine Zither am pfadumrankten Rain.