DER GANG VOR DIE HUNDE

Fabian. Die Geschichte eines Moralisten.


NACHERZÄHLT VON TORSTEN SCHWANKE



Kapitel 1


Jakob Fabian sitzt in einem Berliner Café, beobachtet das hektische Treiben der Großstadt und liest Schlagzeilen über Katastrophen und politischen Verfall. Er trifft auf eine schrullige Erfinderin, die ihm ein absurdes Patent verkaufen möchte.


Kapitel 2


Fabian arbeitet als Werbetexter für eine Zigarettenfirma. Auf dem Heimweg trifft er seinen wohlhabenden Freund Stephan Labude, einen engagierten Germanisten, der an einer Habilitation arbeitet und an das Gute im Menschen glaubt.


Kapitel 3


Labude nimmt Fabian mit in ein Berliner Künstler- und Vergnügungslokal. Dort begegnen sie dem exzentrischen Bildhauer Rutsch, dessen Freundin Irene Moll versuchte Sex-Kontrakte anbietet.


Kapitel 4


Irene Moll nimmt Fabian mit zu sich nach Hause. Trotz der Verführungsversuche verweigert sich Fabian der sexuellen Gefälligkeit und verlässt die Wohnung.


Kapitel 5


Fabian kehrt in sein möbliertes Zimmer bei Frau Hohlfeld zurück. Er reflektiert über seine Existenz und die Moral einer zerrütteten Gesellschaft.


Kapitel 6


Am nächsten Morgen trifft Fabian in der Werbeagentur auf seinen Vorgesetzten Breitkopf. Die wirtschaftliche Lage ist angespannt, Gerüchte über Entlassungen machen die Runde.


Kapitel 7


Fabian und Labude besuchen ein Etablissement für Frauen, den „Männer-Miet-Klub“, den Irene Moll gegründet hat. Fabian beobachtet die moralische Verderbnis der bürgerlichen Gesellschaft distanziert.


Kapitel 8


In einem Künstleratelier trifft Fabian auf die Juristin Cornelia Battenberg. Die beiden empfinden sofort eine tiefe Zuneigung zueinander.


Kapitel 9


Fabian verbringt die Nacht mit Cornelia. Sie gesteht ihm ihre beruflichen Ambitionen in der Filmbranche und stellt klar, dass sie eine gesicherte Zukunft sucht.


Kapitel 10


Die Beziehung zwischen Fabian und Cornelia vertieft sich. Beide verbringen glückliche Stunden, doch der Schatten der Arbeitslosigkeit schwebt über Fabian.


Kapitel 11


Fabian wird bei der Zigarettenfirma entlassen. Sein Kollege Fischer behält die Stelle, weil er sich dem Chef gegenüber anpassungsfähiger zeigt.


Kapitel 12


Fabian sucht verzweifelt nach Arbeit beim Arbeitsamt. Er erlebt die Niedergeschlagenheit und Verzweiflung der vielen Erwerbslosen in Berlin.


Kapitel 13


Cornelia entscheidet sich, die Geliebte des Filmproduzenten Makart zu werden, um ihre Karriere zu fördern. Fabian ist tief getroffen, versteht jedoch ihre rationalen Gründe.


Kapitel 14


Fabian versucht vergeblich, eine neue Anstellung zu finden. Er trifft auf politisch Radikale – Kommunisten und Nationalsozialisten –, die sich auf den Straßen blutige Gefechte liefern.


Kapitel 15


Ein politischer Zusammenstoß auf der Straße endet in Schüssen. Fabian hilft einem Verletzten und wird Zeuge der unversöhnlichen Spaltung der Bevölkerung.


Kapitel 16


Labude erfährt, dass seine Verlobte ihn betrogen hat. Tief erschüttert zieht er sich zurück und sucht Trost in seiner wissenschaftlichen Arbeit.


Kapitel 17


Fabian begegnet der Prostituierten Selow und begleitet sie, handelt aber aus Mitleid und Menschlichkeit statt aus Begehren.


Kapitel 18


Ein gefälschter Brief von Assistenten der Universität erreicht Labude: Seine Habilitationsschrift sei angeblich abgelehnt worden.


Kapitel 19


Der verzweifelte Labude nimmt sich mit einem Revolverschuss das Leben. Erst danach stellt sich heraus, dass der Brief ein bösartiger Streich war und seine Arbeit in Wahrheit hoch gelobt wurde.


Kapitel 20


Fabian ist durch den Freitod seines einzigen wahren Freundes zutiefst erschüttert. Er hält die Totenwache und bricht geistig mit der Stadt Berlin.


Kapitel 21


Fabian packt seine Koffer und reist zurück in seine Heimatstadt Dresden zu seinen Eltern, um der großstädtischen Dekadenz zu entkommen.


Kapitel 22


In Dresden findet Fabian Ruhe bei seiner fürsorglichen Mutter, doch der Mangel an beruflicher Perspektive belastet ihn weiterhin.


Kapitel 23


Fabian streift durch Dresden, trifft alte Bekannte und sucht nach einem Sinn in seinem Dasein, bleibt jedoch ein passiver Beobachter.


Kapitel 24


Bei einem Spaziergang an der Elbe sieht Fabian einen kleinen Jungen, der von einer Brücke ins Wasser fällt. Fabian springt sofort hinterher, um das Kind zu retten. Der Junge schwimmt von alleine an Land – Fabian jedoch ertrinkt, weil er nicht schwimmen kann.






I


Das Café rollte wie ein träger, überheizter Dampfer durch den aufgewühlten Ozean des Berliner Nachmittags. Draußen Brandung, Drängeln, Hupen; drinnen der schwere, süßliche Dunst von geröstetem Kaffee, nassem Loden und feuchter Zeitungsdruckerschwärze. Jakob Fabian saß an einem der klagend knarrenden Marmortische nahe dem Fenster, hatte die Arme verschränkt und sah zu, wie die Welt an den blank geputzten Scheiben vorbeirutschte. Es war ein seltsames Schauspiel, bestimmt von einer Hektik, die längst ihren Grund vergessen hatte. Menschentrauben schoben sich über das Pflaster, huschten vor knatternden Droschken und rumpelnden Straßenbahnen über die Fahrbahn, alle mit demselben verbissenen, zweckgerichteten Blick, als gälte es, in der nächsten Sekunde die Katastrophe abzuwenden oder ihr wenigstens als Erster beizuwohnen.


Fabian nippte an seinem erkalteten Kaffee, dessen bitterer Geschmack ihm die Zunge lähmte, und griff nach dem Stapel Abendblätter, der zwischen Zuckerdose und Aschenbecher auf dem Tisch aufgetürmt lag. Er faltete die Zeitungen nicht ordentlich auf; er überflog sie vielmehr mit jener abgestumpften Neugier, die der tägliche Irrsinn in ihm hervorgebracht hatte. Die Schlagzeilen brüllten ihn aus den Lettern an, ohne dass die Welt dadurch erschüttert worden wäre. Ein Eisenbahnunglück im Süden, zwei Morde aus Eifersucht, eine Teuerungswelle, streikende Arbeiter, drohende Staatspleiten und das unruhige Säbelrasseln der Politiker in den Parlamentsdebatten. Es war ein fortlaufendes Protokoll des Verfalls, niedergeschrieben in groben Druckbuchstaben für ein Publikum, das sich längst an den Untergang gewöhnt hatte wie an das tägliche Wetter. Fabian lächelte fein, aber es war kein heiteres Lächeln. Es war das schmale, etwas müde Lächeln eines Mannes, der mitten im Getöse auf einer Parkbank sitzt und wartet, dass der Sturm das Haus vollends umbläst. Er fühlte sich nicht als Teil dieser hetzenden Masse, eher als ein ungeladener Betrachter, der zufällig eine Karte für das falsche Theaterstück gelöst hatte.


In diesem Augenblick schob sich eine Gestalt an seinen Tisch, die aussah, als sei sie direkt aus einem Kuriositätenkabinett entflohen. Es war eine ältere Dame mit seltsam schief sitzendem Hut, unter dem graue, widerspenstige Haarsträhnen hervorschauten. Ihre Kleidung wirkte wie aus verschiedenen Epochen zusammengerafft, gehüllt in einen schlotternden Mantel, der nach Mottenpulver und altem Papier roch. Sie blieb vor Fabians Tisch stehen, fixierte ihn mit zwei blitzenden, unruhig wandernden Augen und setzte sich, ohne auf eine Einladung zu warten, auf den freien Stuhl ihm gegenüber.


Fabian sah sie überrascht an, verzog jedoch keine Miene. Er war in dieser Stadt an einiges gewöhnt. Die Dame legte mit einer feierlichen, beinahe geheimnisvollen Gebärde eine große, abgewetzte Ledertasche auf die Marmorplatte und zog ein Bündel vergilbter Papiere hervor. Mit zittrigen, aber bestimmten Fingern strich sie die Blätter glatt und begann unverzüglich, auf ihn einzureden. Sie stellte sich nicht vor; sie kam direkt zur Sache. Sie sprach mit einer rauen, hastigen Stimme von einer bahnbrechenden Idee, einer Erfindung von unermesslichem Wert, die das Schicksal der Menschheit wenden könnte, wenn sich nur ein verständiger Geist fände, der das erforderliche Kapital bereitstellte.


Es handelte sich um ein vollkommen absurdes Patent, eine wahnwitzige Konstruktion, die technische Absurdität mit phantastischem Unsinn verband. Die Frau redete ohne Punkt und Komma, zeichnete mit dem Zeigefinger imaginäre Hebel und Räder auf das Marmormuster des Tisches und erklärte Fabian mit feurigem Ernst, wie ihre Wundermaschine die Gesetze der Mechanik überlisten würde. Sie bot ihm die Rechte an dieser Wahnidee zum Kauf an, sprach von kleinen Summen, die zu gigantischen Vermögen anwachsen würden, und blickte ihn dabei so beschwörend an, als hänge das Wohl der gesamten Schöpfung von seinem Geldbeutel ab.


Fabian hörte ihr aufmerksam zu. Er unterbrach sie nicht, er belehrte sie nicht und lachte sie nicht aus. Er sah nur in ihr eingefallenes, von fixen Ideen gezeichnetes Gesicht und spürte eine seltsame Mischung aus Mitleid und amüsierter Faszination. Diese schrullige Erfinderin passte perfekt in das Panorama der Stadt: Während draußen die Gesellschaft mit vollem Bewusstsein dem Abgrund entgegeneilte, saß drinnen eine Einsame und versuchte, das Unmögliche zu verkaufen. Er lehnte das Angebot schließlich mit gewählter Höflichkeit und einem bedauernden Schulterzucken ab, schob ihr eine Münze für einen Kaffee hin über den Tisch und wandte seinen Blick wieder dem Fenster zu, während das Getriebe der Berliner Straße unvermindert weiterraste.



II


Der Vormittag verging für Fabian in einem trüben Strom aus Rauch ringenden Worten. Sein Arbeitsplatz bei der Zigarettenfirma war eine kleine Fabrik der Illusionen: Hier saß er Stunde um Stunde über den Entwürfen, feilte an schimmernden Adjektiven und erfand blumige Versprechungen für Produkte, deren einzigen Zweck er nur zu gut kannte. Er verwandelte Nikotin in Lebensgefühl und minderwertigen Tabak in ein Versprechen von Eleganz und moderner Weltgewandtheit. Es war eine zynische Handwerkskunst, die ihm leicht von der Hand ging, die er jedoch mit jener distanzierten Kühle betrieb, mit der man ein sinnlos gewordenes Spiel mitspielt. Seine Vorgesetzten schätzten seinen wachen Verstand und seine treffsicheren Formulierungen, während Fabian selbst in den fertigen Werbesprüchen nur die verlogene Fassade einer Gesellschaft sah, die sich den eigenen Verfall mit bunten Plakaten schönfärbte.


Als er schließlich das Bürogebäude verließ und den Heimweg antrat, schlug ihm die kühle Abendluft Großbritanniens der Großstadt entgegen. Die Straßen leuchteten bereits im grellen, unruhigen Licht der Reklamen, die wie farbige Narben auf der Haut der Häuserfronten brannten. Mitten in diesem Strom aus Passanten und rollendem Verkehr stieß er auf ein vertrautes Gesicht: Stephan Labude stand an einer Straßenecke, fest im Mantel verpackt, die Aktentasche geklemmt unter den Arm, und sah sich mit Suchendem Blick um.


Labude war Fabians vollkommener Gegenentwurf und zugleich sein einziger wahrer Vertrauter. Aus wohlhabendem Hause stammend, hätte er ein sorgenfreies Dasein im Schatten des väterlichen Vermögens führen können. Stattdessen brannte in ihm das leidenschaftliche Feuer des engagierten Intellektuellen. Als Germanist saß er Tag und Nacht über Büchern, feilte mit akribischem Fleiß an seiner Habilitationsschrift und diskutierte mit akademischem Ernst über Literatur, Ethik und die Erneuerung des Geistes. Während Fabian die Welt mit melancholischer Skepsis betrachtete und das Schlechte im Menschen als eine unumstößliche Tatsache hinahm, hielt Labude unerschütterlich an seinem Glauben an das Gute fest. Für ihn war die Krise der Gegenwart kein endgültiger Untergang, sondern lediglich ein Übergangszustand, eine Krankheit, die durch Vernunft, Bildung und moralischen Einsatz geheilt werden konnte.


Die beiden Männer fädelten sich gemeinsam in den Fußgängerstrom ein und setzten ihren Weg Seite an Seite fort. Ihr Gespräch kam rasch auf die alten, ungelösten Streitfragen, die ihre Freundschaft seit Jahren lebendig hielten. Labude sprach mit schneidendem Ernst von seinen politischen und wissenschaftlichen Plänen, von der Pflicht der Gebildeten, nicht kampflos zuzusehen, wie die Kultur im Sumpf aus Eigennutz und Barbarei versank. Fabian hörte ihm zu, schätzte die reine Gesinnung des Freundes und lächelte doch traurig über dessen Unschuld. Er sah in Labudes Idealen eine schöne, aber zerbrechliche Konstruktion aus Glas, die der harten Realität der Straße kaum standhalten würde. So gingen die beiden Männer nebeneinander durch die dunkler werdende Stadt – der eine getrieben von der Hoffnung auf eine bessere Welt, der andere gewappnet mit der leisen Ironie dessen, der nichts mehr erwartet.



III


Die Nacht verschluckte die Straßen, doch hinter den schweren Samtvorhängen des Vergnügungslokals flackerte das Berliner Amüsiergewerbe in seinen grellsten Farben. Labude hatte Fabian mitgenommen, um dem Freund die abseitigen Blüten des modernen Geisteslebens zu demonstrieren. Der Raum war erfüllt von einem betäubenden Gemisch aus billigem Parfüm, scharfem Alkohol und dichten Zigarettenrauchschwaden, durch die das Geklimper eines Klaviers wie durch Watte drang. Hier verkehrten Maler ohne Ausstellungen, Dichter ohne Verleger und eine Handvoll Bohemiens, die das Scheitern zu einer Lebenskunst erhoben hatten.


An einem der hinteren Tische stießen die beiden auf den Bildhauer Rutsch, eine hochgewachsene, polternde Erscheinung mit ungepflegtem Bart und fleckigem Revers, der seine Umwelt mit einer Mischung aus zynischem Spott und lautstarker Selbstinszenierung bedachte. Rutsch verkörperte jenen Typus des radikalen Künstlers, der seinen Mangel an handwerklichem Talent durch eine maßlose Attitüde wettzumachen suchte. Neben ihm saß Irene Moll, eine Frau von kühler, fast schlangenartiger Eleganz, deren Blicke unruhig und berechnend durch den Raum wanderten. Sie wirkte keineswegs wie eine leidende Geliebte an der Seite eines verkannten Genies, sondern wie eine tüchtige Geschäftsfrau, die auf dem Markt der menschlichen Begierden nach neuen Einnahmequellen suchte.


Schon nach wenigen Minuten und ohne jede Spur von Scheu enthüllte Irene Moll den beiden Ankömmlingen ihr neustes, erschreckend nüchternes Projekt. Sie zog keinen Fächer oder einen Liebesbrief aus ihrer Handtasche, sondern sprach völlig ungeniert über die Einrichtung eines neuartigen Etablissements. Sie bot den Männern im Raum – und gänzlich unbefangen auch Fabian und Labude – den Abschluss von förmlichen Sex-Kontrakten an. Die intimsten menschlichen Beziehungen sollten in klare, juristisch abgesicherte Paragrafen gegossen werden, inklusive fester Tarife, zeitlicher Begrenzungen und vertraglich geregelter Pflichten für die beteiligten Parteien. Es war die vollkommene Ökonomisierung der Lust, ein Geschäftsentwurf, der jede Romantik wie ein lästiges Beiwerk abstreifte und das Fleisch nach den Gesetzen der freien Marktwirtschaft organisieren wollte.


Während Labude über diese unverhohlene Sittenlosigkeit erschüttert schwieg und in den vertraglichen Phantasien der Frau den endgültigen moralischen Bankrott der Bürgerlichkeit erblickte, betrachtete Fabian die Szene mit kühler, fast wissenschaftlicher Faszination. Für ihn war Irene Moll kein Monster, sondern lediglich ein besonders ehrliches Symptom der Zeit: Wenn alles käuflich war – die Ehre, das Wort, die Kunst –, warum sollte dann ausgerechnet die Liebe vor den Gesetzen des Handels haltmachen? Der Bildhauer Rutsch quittierte die Ausführungen seiner Freundin nur mit einem dröhnenden, verächtlichen Lachen und verlangte nach dem nächsten Glas, während die Verträge der Irene Moll wie eine dunkle Verheißung auf dem klebrigen Tisch liegen blieben.



IV


Irene Moll führte Fabian durch das nächtliche Berlin in ihre Wohnung, ein üppig und geschmacklos eingerichtetes Gemach, das mehr einem bürgerlichen Boudoir als einem Unterschlupf für Bohemiens glich. Sie hatte den jungen Mann mit einer Mischung aus Beiläufigkeit und geschulter Entschlossenheit mit sich gezogen. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, legte sie jede Zurückhaltung ab. Für Irene war der Abend keine Sache des Herzens oder der Verführung im klassischen Sinne, sondern ein meisterhaft inszeniertes Manöver, um Macht auszuüben und sich die Bestätigung zu holen, dass der menschliche Trieb stets berechenbar und käuflich blieb.


Sie bot ihm Drinks an, streifte ihren Mantel ab und schritt ohne Umschweife zur Tat. Mit gekonnter Nachdrücklichkeit versuchte sie, Fabian in ihr Bett zu ziehen, wobei sie ihre körperlichen Vorzüge wie Trümpfe in einem Kartenspiel ausspielte. Sie bot sich ihm an, verlangte aber im selben Atemzug jene emotionale und körperliche Unterwerfung, die sie von Männern gewohnt war. In ihren Augen spiegelte sich nicht Leidenschaft, sondern die kalte Gier nach Bestätigung und der Wunsch, Fabian in ihr kalkuliertes System von Angebot und Nachfrage einzugliedern.


Fabian jedoch blieb merkwürdig unberührt. Er betrachtete das Spektakel aus einer Distanz, die ihm selbst fast unheimlich war. Weder Weigerung aus bürgerlicher Moral noch religiöse Skrupel hielten ihn zurück; es war vielmehr ein tief sitzender Ekel vor der Mechanik dieser Liebeslosigkeit. Er sah in Irene Molls Augen und erblickte dort nur die gleiche Leere, die ihn tagsüber auf den Straßen und in den Zeitungsmeldungen anstarrte. Ein sexueller Akt unter diesen Vorzeichen erschien ihm nicht als Lust, sondern als eine weitere, sinnlose Verrichtung in einer bereits vollkommen ausgehöhlten Welt.


Mit einer ruhigen, fast beiläufigen Bewegung entzog er sich ihren Umarmungen. Er wies ihre Annäherungsversuche nicht mit lautem Entsetzen zurück, sondern mit jenem müden, unerschütterlichen Nein, gegen das keine Verführungskunst ankommt. Während Irene Moll überrascht und zunehmend verärgert über diese unerwartete Abfuhr verharrte, griff Fabian nach seinem Hut und seinem Mantel. Er verabschiedete sich mit höflicher Kühle, schloss die Wohnungstür leise hinter sich und trat wieder hinaus in die kalte Berliner Nachtluft, froh, der stickigen Kulisse dieses Geschäftsraums der Lust entronnen zu sein.



V


Die kühle Nachtluft begleitete Fabian bis an die Haustür seines Mietshauses, wo der Schlüssel schabend im alten Schloss griff. Das Treppenhaus empfieg ihn mit dem gewohnten Geruch nach Bohnerwachs, abgestandenem Kohl und der feuchten Engpass-Atmosphäre bürgerlicher Armut. Auf leisen Sohlen schlich er die ausgetretenen Stufen hinauf zu seinem möblierten Zimmer bei Frau Hohlfeld. Seine Landlady war eine jener Witwen, deren gesamte Lebenskunst darin bestand, das verbleibende Mobiliar streng zu bewachen und ihren Untermietern mit argwöhnischen Blicken die Privatsphäre abzusprechen. Jedes Knarren der Dielen klang in diesen Räumen wie ein Geständnis.


In seinem Zimmer angekommen, knipste Fabian das spärliche Licht an. Der Raum war ein Kabinett des Übergangs: Ein wackliger Tisch, ein durchgelegenes Bett, zwei stumme Stühle und der Schrank, dessen Furnier an den Kanten abblätzerte. Er schälte sich aus seinem Mantel, warf den Hut auf den Tisch und trat an das geschlossene Fenster. Draußen lag das Häusermeer der Reichshauptstadt wie ein riesiges, fieberndes Tier, das auch im Schlaf keine Ruhe fand. Ein fernes Rumpeln der Hochbahn drang herauf, unterbrochen vom gelegentlichen Hupen späten Droschken.


Fabian setzte sich auf die Bettkante und stützte das Kinn in die Hände. Die Begegnung mit Irene Moll und die Banalität ihrer käuflichen Verführung wirkten in ihm nach, doch sie brachten ihn nicht aus der Fassung. Sie fügten sich lediglich nahtlos ein in das Bild einer Welt, die ihre Innenseite längst verloren hatte. Er dachte an die schrullige Erfinderin im Café, an die brüllenden Schlagzeilen von Katastrophen und politischem Verfall, an seinen Freund Labude, der glaubte, man könne einen morschen Bau durch gute Argumente stützen.


Er fragte sich, was seine eigene Rolle in diesem großen Theater des Niedergangs war. Er hielt sich für einen Moralisten, doch für einen Moralisten ohne Kanzel und ohne Volk. Er besaß keine Lehre, die er verkünden wollte, keinen Glauben, den er anderen aufzwingen mochte. Seine Moral war rein passiver Natur: Sie bestand darin, nicht mitzutun, sich nicht von der allgemeinen Gier, der Verstellung und der Mechanik der Geld- und Lustgeschäfte anstecken zu lassen. Er blieb der Beobachter am Rande der Fahrbahn, wohl wissend, dass das Raste, auf das alle zutrieben, der Abgrund war. In dieser Erkenntnis lag keine Hoffnung, aber eine seltsame, traurige Klarheit. Fabian löschte das Licht und legte sich im Dunkeln auf sein Bett, während die Großstadt draußen unheilschwanger weiterbrauste.



VI


Der nächste Morgen empfing Berlin mit einem fahlen, grauen Licht, das die Fassaden der Stadt noch ärmlicher aussehen ließ. Fabian betrat die Räume der Werbeagentur, wo die Luft bereits von dichtem Zigarettenrauch, dem monotonen Klappern der Schreibmaschinen und einer spürbaren, nervösen Anspannung erfüllt war. Die gewohnte Betriebsamkeit hatte etwas Fiebriges bekommen; in den Fluren standen die Angestellten in kleinen Gruppen zusammen, verstummten abrupt, wenn ein Vorgesetzter vorbeiging, und tauschten mit besorgten Blicken die neusten Gerüchte aus. Die Wirtschaftskrise war längst kein abstraktes Gespenst aus den Zeitungsmeldungen mehr, sondern saß mit an den Schreibtischen.


Fabian schob sich durch die Flure zu seinem Arbeitsplatz und begegnete kurz darauf seinem Vorgesetzten Breitkopf. Der Abteilungsleiter war ein Mann, dessen Aussehen und Gebaren von der ständigen Angst um die eigene Position gezeichnet waren. Breitkopf trat Fabian mit einer Mischung aus hektischer Geschäftigkeit und gequälter Autorität entgegen. Er fuchtelte mit Papieren, kritisierte Entwürfe mit ungewohnter Schärfe und versuchte krampfhaft, den Schein der Kontrolle aufrechtzuerhalten. Doch hinter seinen schneidenden Worten und den geschäftsmäßigen Anweisungen schimmerte die nackte Existenzangst durch.


In den Gesprächen an diesem Morgen ging es nur um das eine Thema: Die Agentur verlor Kunden, die Budgets wurden zusammengestrichen, und das Gespenst von Massenentlassungen schwebte über jedem einzelnen Arbeitszimmer. Breitkopf ließ durchblicken, dass der Vorstand harte Einsparungen forderte und niemand mehr seines Postens sicher war. Wer nicht den absoluten Nutzwert bewies oder sich den Hierarchien gefügig unterwarf, würde als Erster auf die Straße gesetzt werden.


Fabian hörte sich die Aufgeregtheiten und die versteckten Drohungen Breitkopfs mit gewohnter stoischer Ruhe an. Während um ihn herum die Kollegen in Panik gerieten, den Buckel krumm machten oder versuchten, sich gegenseitig auszustechen, um die eigenen Haut zu retten, betrachtete er das Drama mit distanziertem Spott. Er kannte die Unbarmherzigkeit des Apparates zu gut, um sich Illusionen zu machen. Er wusste, dass Fleiß und Talent in diesem System kaum vor dem Absturz schützten, wenn die Zahlen im Rechnungsbuch nicht mehr stimmten, und so nahm er die Hysterie im Büro mit jenem gefassten Gleichmut hin, der ihn schon seit Langem durch den Irrsinn der Großstadt begleitete.



VII


Der Abend führte Fabian und Labude in die edlen Räume eines Etablissements, das die glänzende Fassade des Berliner Westens für ein neuartiges, unerhörtes Geschäft nutzte. Irene Moll hatte ihre Drohung wahr gemacht und den „Männer-Miet-Klub“ ins Leben gerufen – eine Institution, die speziell auf die Begierden kaufkräftiger Frauen zugeschnitten war. Schon beim Betreten der üppig dekorierten Salons schlug den beiden Freunden ein schwerer Parfümduft entgegen, gemischt mit dem Klang gedämpfter Tanzmusik und dem leisen Klirren von Champagnergläsern.


Die Szenerie glich einem gut geölten Markt der Fleischlust, auf dem die bürgerlichen Rollenbilder vollkommen auf den Kopf gestellt waren. Wohlhabende Damen aus der feinen Gesellschaft promenierten durch die Räume, musterten mit kennerschaftlichem, prüfendem Blick die aufgereihten jungen Männer und verhandelten ohne jede Scheu über Preise und Gegenleistungen. Die Männer wiederum boten sich feil wie Waren in einem Schaufenster, lächelten auf Kommando und verkauften ihre Reize für die Dauer einiger Stunden. Irene Moll zog im Hintergrund als kühle, geschäftstüchtige Direktorin die Fäden. Sie hatte das Zwischenmenschliche von jedem Ballast der Moral befreit und eine perfekte Dienstleistungsagentur für das Intimleben geschaffen.


Stephan Labude betrachtete das Spektakel mit Entsetzen. Für den jungen Idealisten war dieses Etablissement nicht bloß ein Ort des Lasters, sondern ein erschreckendes Mahnmal für den Niedergang jeder menschlichen Würde. Er sah, wie die Errungenschaften der Kultur im Strudel der bloßen Bedürfniserfüllung versanken, und diskutierte leise, aber bitter mit Fabian über das moralische Treibgut dieser Epoche.


Fabian hingegen verharrte in seiner gewohnten Haltung des distanzierten Beobachters. Er stand an der Bar, hielt sein Glas in der Hand und verfolgte das Feilschen um die Körper mit einem traurigen, leicht ironischen Lächeln. Ihn überraschte der Anblick nicht. Für ihn war dieser Klub nur die logische Konsequenz einer Gesellschaft, die den Wert eines Menschen längst ausschließlich nach Geld und Nutzen bemass. Wenn der Alltag da draußen vom kalten Gesetz des Kapitals regiert wurde, warum sollte in den Salons der Nacht etwas anderes gelten? Er sah die Verderbnis der bürgerlichen Welt un geschminkt vor sich liegen – nicht als Skandal, sondern als das nüchterne Endstadium eines moralischen Offenbarungseids, dem er nichts weiter entgegenzusetzen hatte als seine eigene, stille Verweigerung.



VIII


Das Atelier des Malers war ein überfülltes Chaos aus feuchten Leinwänden, Farbgeruch und dem Stimmengewirr der Berliner Gesellschaft. Zwischen halbentblößten Modellen, lauten Kritikern und billigem Rotwein drängte sich das gewohnte Publikum der Großstadt-Bohème. Fabian stand etwas abseits an einer hölzernen Staffelei, hatte die Hände in den Taschen und betrachtete das geschäftige Treiben mit seinem typischen, müden Abstand. Er erwartete von diesem Abend nichts als das übliche Gerede über Kunst und Untergang.


Doch in der Ecke des Raumes, halb verborgen im Schatten einer riesigen Tonbüste, fiel sein Blick auf eine Frau, die so gar nicht in das schrille Bild der übrigen Gäste passen wollte. Cornelia Battenberg stand ruhig da, mit einer klaren, aufrechten Haltung und einem Blick, in dem weder die künstliche Hektik der Stadt noch die zynische Pose der Intellektuellen lag. Sie war Juristin, eine Frau von wachem Verstand und eigener Haltung, die sich in einer von Männern dominierten Welt ihren Platz erkämpfte, ohne dabei ihre Natürlichkeit zu verlieren.


Als sich ihre Blicke trafen, entstand zwischen ihnen ohne Verzögerung ein Raum der Stille mitten im Lärm der Gesellschaft. Fabian trat zu ihr, und schon nach den ersten beiläufigen Sätzen wich die ironische Distanz, die er sonst wie einen Schutzpanzer vor sich her trug. Sie sprachen nicht über die Schlagzeilen des Tages, nicht über Kunsttheorien oder den drohenden Verfall der Kultur, sondern begegneten sich in einem Gespräch von überraschender, unaufdringlicher Ehrlichkeit. Cornelia begegnete Fabians melancholischem Spott nicht mit Belehrung, sondern mit einem Verstehen, das keine vielen Worte brauchte.


In dieser ersten Begegnung keimte zwischen ihnen eine tiefe, fast ungläubige Zuneigung auf. Für Fabian, der die Welt nur noch als kaltes Räderwerk verstand, war Cornelia wie ein plötzliches Versprechen von Wärme und Sinn. Zum ersten Mal seit Langem spürte er nicht den Wunsch zu beobachten und zu urteilen, sondern das einfache Bedürfnis zu bleiben. Sie verließen das laute Atelier gemeinsam und traten hinaus auf die Straße, wo die Großstadt für einen kurzen Moment aufhörte, ein Bedrohungsszenario zu sein.



IX


Die Nacht hüllte das kleine Zimmer in eine stille, schützende Dunkelheit, fernab vom grellen Neonlicht und dem unerbittlichen Lärm der Großstadt. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfand Fabian keine Eile, keinen Ekel und keine jener bitteren Distanzen, die er sonst wie einen Schild vor sich her trug. In der Nähe von Cornelia verwandelte sich das bloße Nebeneinandersein in ein echtes, ungekünsteltes Verstehen. Das Bett war kein Schauplatz für kalkulierte Machtspiele oder geschäftsmäßige Verführungen, sondern ein Ort der Ruhe, an dem zwei einsame Menschen für wenige Stunden Zuflucht voreinander und vor der Welt fanden.


Im dämmrigen Morgenlicht, während der Tag draußen nur langsam über den Dächern Berlins erwachte, lagen die beiden nebeneinander und sprachen leise über das, was bevorstand. Cornelia lag im Kissen, den Blick an die Decke gerichtet, und begann von ihrer Wirklichkeit zu erzählen. Sie sprach nicht mit romantischer Schwärmerei, sondern mit einer nüchternen, fast schmerzhaften Klarheit. Trotz ihrer juristischen Ausbildung sah sie in einem Land, das von Wirtschaftskrisen und Existenzangst geschüttelt wurde, kaum eine Chance auf eine akademische Laufbahn. Sie enthüllte Fabian ihre Pläne, in der Filmbranche Fuß zu fassen – einer Welt, die sie als ein hartes, von Männern beherrschtes Geschäft kannte, die ihr aber auch die einzige Möglichkeit zu bieten schien, dem drohenden gesellschaftlichen Absturz zu entkommen.


Sie machte Fabian ohne Umschweife und ohne Verstellung klar, was sie vom Leben verlangte. Sie liebte ihn, doch sie gestand ihm ebenso ehrlich, dass Liebe allein ihr nicht genüge. Sie hatte die Armut und die Ungewissheit der Zeit zu nah vor Augen, als dass sie sich auf ein bloßes Experiment des Herzens einlassen konnte. Cornelia suchte nach einer gesicherten Zukunft, nach Halt und gesellschaftlicher Verankerung. Wenn die Filmbranche von ihr Zugeständnisse fordern sollte, war sie bereit, diesen Preis zu zahlen, um nicht im Strudel der allgemeinen Not unterzugehen.


Fabian hörte ihr schweigend zu. Er fühlte keinen Zorn über ihre Pragmatik, denn er verstand die Gesetze dieser Epoche nur zu gut. Und doch traf ihn ihre Ehrlichkeit wie ein leiser Stich: Er, der mittellose Werbetexter ohne Glauben an die Karriere und ohne Eifer nach Besitz, konnte ihr genau jene Sicherheit nicht bieten, die sie zum Überleben brauchte. So lag er neben der Frau, die er liebte, und wusste bereits in dieser ersten gemeinsamen Nacht, dass ihr Glück auf einem brüchigen Fundament ruhte.



X


In den folgenden Tagen schrumpfte die riesige, feindselige Stadt für Fabian auf die wenigen Quadratmeter zusammen, die er mit Cornelia teilte. Ihre Beziehung vertiefte sich mit einer Selbstverständlichkeit, die ihnen beiden fremd und kostbar zugleich war. Zwischen den kargen Möbeln seines Zimmerchens und auf den langen Spaziergängen durch die Berliner Parkanlagen erlebte Fabian Stunden einer unverhofften, fast heiteren Gelassenheit. Zum ersten Mal seit Jahren streifte er den schweren Panzer der Ironie ab; er konnte lachen, ohne dass ein bitterer Nachgeschmack blieb, und im dichten Gewirr der Straßen war Cornelias Hand in der seinen ein verlässlicher Anker. Sie entdeckten eine gemeinsame Sprache, die frei war von den verlogenen Phrasen des Alltags, und lebten in dem stillen Einverständnis zweier Menschen, die im Untergang einen gemeinsamen Zufluchtsort gefunden hatten.


Doch das Glück der beiden war nicht ungestört; es blieb eine zerbrechliche Insel inmitten eines steigenden Meerwassers aus Not und Existenzangst. Während sie die Gegenwart feierten, warf die Zukunft lange, dunkle Schatten voraus. Fabian spürte Tag für Tag, wie sich die Schlinge in der Werbeagentur enger zog. Die Flure der Firma waren mürrisch und kalt geworden; Kollegen wichen einander aus, und bei jeder Öffnung einer Bürotür ging eine Welle des Schreckens durch die Räume. Die Krise schnürte der Betrieben den Atem ab, und das Gespenst der Arbeitslosigkeit saß wie ein ungeladener Gast mit am Tisch, wenn Fabian und Cornelia über das Morgen sprachen.


Cornelia beobachtete die wachsende Nervosität mit treuer, aber besorgter Anteilnahme. Sie wusste um Fabians fachliches Können, doch sie kannte auch seinen mangelnden Ehrgeiz, sich in einem gnadenlosen Konkurrenzkampf durchzusetzen oder seinen Vorgesetzten zu schmeicheln. Fabian selbst sah dem drohenden Unheil mit einer Mischung aus Ergebung und unheilbarer Gleichgültigkeit entgegen. Er wusste, dass sein kleiner Gehaltsscheck das Einzige war, was ihm ein Auskommen sicherte und seine Beziehung zu Cornelia auf eine reale Basis stellte. Wenn dieser Faden riss, würde der harte Boden der Großstadt ihn unbarmherzig auffangen. So schwebte das Verhängnis des Jobverlusts wie ein Damoklesschwert über jeder zärtlichen Gestalt und jedem Lächeln, das sie einander schenkten.



XI


Die Kälte der späten Oktobertage schien sich bis in die Großdruckerei der Zigarettenfabrik gefressen zu haben. Auf den langen Holzschreibtischen lagen die Werbeentwürfe, die Slogans für den neuen Tabak, bunt und laut, aber das Zimmer roch nach Staub, feuchtem Papier und der stillen Gewissheit, dass irgendwo im Hause Köpfe rollten.


Jakob Fabian saß an seinem Platz und starrte auf das Blatt vor sich. Der Stift in seiner Hand lag müde zwischen den Fingern. Er wusste, was kommen würde. Man hatte es den Wänden angehört, den zu leisen Schritten des Vorzimmermädchens, dem abrupten Verstummen der Gespräche an den Kaffeemaschinen. Als das Telefon schrillte und der Ruf ins Direktorat erging, stand er auf, ohne sich die Mühe zu machen, seine Unterlagen ordentlich zusammenzuschieben.


Im Arbeitszimmer des Direktors Breitkopf herrschte eine kühle, geschäftige Härte. Breitkopf sah nicht einmal richtig auf, als Fabian das Parkett überquerte. Die Zahlen stimmten nicht, die Krise fraß sich durch die Bilanzen, und die Abteilung für Reklame war ein Luxus geworden, den man sich nicht mehr leisten wollte.


„Wir müssen reduzieren, Herr Fabian“, sagte die Stimme hinter dem Schreibtisch, trocken wie ein Buchhalterauszug. Es gab keine großen Reden, keine falschen Bedauernsausdrücke. Man gab ihm den Abschiedsbrief, die Kündigung zum Monatsende, abgesegnet und gestempelt. Ein kleiner Zettel, der das Ende einer Existenz bedeutete.


Fabian nahm das Papier entgegen. Er fühlte weder Wut noch Entsetzen, nur jene vertraute, ironische Müdigkeit, die ihn seit Monaten begleitete. Er verneigte sich leicht, ein wenig zu förmlich, um ganz ernst gemeint zu sein, und ging.


Als er das Büro betrat, das er sich mit Fischer teilte, saß dieser über seine Papiere gebeugt. Fischer, der geschmeidige, stets aufmerksam lächelnde Fischer, der immer genau wusste, wann man dem Chef zustimmen und wann man einen schlechten Witz belachen musste.


„Sie haben Sie erwischt?“, fragte Fischer leise, ohne den Kopf ganz zu heben. In seinen Augen lag eine Mischung aus Erleichterung und spürbarer Scham.


„Man hat mich entlassen“, antwortete Fabian schlicht. Er begann, seine wenigen privaten Dinge aus der Schublade zu suchen: ein Notizbuch, zwei alte Bleistifte, eine Schachtel Zigaretten.


Fischer blieb. Er wurde nicht opfert. Er hatte dem Direktor in den letzten Wochen jeden Wunsch von den Augen abgelesen, hatte Überstunden angeboten, Wo-anders-Eingespartes gepriesen und genau jene Biegsamkeit bewiesen, die das System verlangte. Wer Rückgrat zeigte oder auch nur eine distanzierte Beobachterhaltung einnahm wie Fabian, ging über Bord. Wer sich krümmte, passte durch die Lücke.


Fabian sah seinen Kollegen einen Moment lang an. Er verspürte keinen Hass auf Fischer. Der Mann tat nur, was die Zeit von ihm verlangte, um nicht zu verhungern. Aber die Erkenntnis lag scharf und klar im Raum: Die Welt gehörte den Geschmeidigen, den Anpassern, den Prinzipienlosen.


Fabian steckte die Hände in die Manteltaschen, nickte Fischer ein letztes Mal stumm zu und schloss die Tür von außen. Als er auf die Straße trat, empfings ihn Berlin mit seinem gewohnten, gleichgültigen Lärm. Er war nun einer von Millionen Suchenden, ein weiterer Passagier auf dem Schiff, das langsam, aber unaufhaltsam vor die Hunde ging.



XII


Das Stempeln war keine bloße Verwaltungsverrichtung, es war ein Exerzitium der Erniedrigung. Schon die Treppe hinauf zum Arbeitsamt roch nach nasser Wolle, billigem Tabak und dem dumpfen Dunst hunderter Körper, die zu lange in ungeheizten Zimmern gesessen hatten.


Jakob Fabian schob sich langsam durch die Halle. Die Schlange vor dem Schalter schlich wie eine träge, vielköpfige Raupe millimeterweise voran. Männer in abgetragenen Mänteln, mit hochgeschlagenen Kragen und zerknitterten Mützen, starrten stumm auf die Absätze ihrer Vorderleute. Niemand sprach viel. Wo tausende das gleiche Schicksal teilten, verlor das einzelne Wort seinen Wert. Es gab hier keine Entrüstung mehr, nur noch eine bleierne, graue Erschöpfung.


Fabian beobachtete die Gesichter um sich herum. Neben ihm stand ein ehemaliger Werkmeister mit schwieligen Händen, der starr auf seine Schuhspitzen blickte, als schäme er sich dafür, dass seine Hände nichts mehr zu tun hatten. Weiter vorne stritt ein junger Burschen leise, aber verbittert mit dem Beamten hinter der Glasscheibe, doch das Glas war dick und die Antworten der Bürokratie blieben hölzern und fern.


Wenn einer ein Formular gereicht bekam, geschah es ohne ein Wort des Zuspruchs. Der Stempel knallte auf das Papier — ein metallischer, harter Schlag, der wie ein Peitschenhieb durch den Raum hallte und das Urteil vollstreckte: Entbehrlich.


Als Fabian schließlich an der Reihe war, blickte der Beamte nicht einmal richtig auf. Die Fragen fielen wie aus einer Maschine geholt: Beruf? Werbetexter. Letzte Beschäftigung? Gekündigt. Qualifikationen? Akademiker.


Ein kurzes, freudloses Auflachen huschte über das Gesicht des Mannes hinter dem Schalter. Werbetexter und Akademiker gab es auf den Straßen Berlins wie Sand am Meer. Ein flüchtiger Federstrich, der Stempelabdruck, und Fabian schob seine Papiere wieder ein. Er war nun offiziell verwaltet, registriert und dem Heer der Millionen beigefügt, die auf ein Wunder warteten, das nicht kommen würde.


Er trat durch das schwere Portal wieder ins Freie. Die Berliner Herbstluft war kalt, aber sie roch zumindest nicht nach der verzweifelten Agonie der Wartesaal-Luft. Auf dem Bürgersteig standen Männer in kleinen Gruppen, die Hände fest in die Taschen gepresst, und starrten auf die vorbeifahrenden Straßenbahnen. Sie hatten keinen Ort, an den sie gehen mussten, und keine Aufgabe, die auf sie wartete.


Fabian zog seinen Mantel enger um die Schultern. Die Stadt drehte sich weiter, lärmend, hastig und gleichgültig, während eine ganze Generation langsam und lautlos im Treibsand der Erwerbslosigkeit versank.



XIII


Das Zimmer lag in einem dämmrigen Halbschatten. Durch das Fenster drang nur das matte, verwaschene Licht der späten Nachmittagsstunden, und auf dem Tisch stand der Tee, der längst kalt geworden war. Cornelia saß Fabian gegenüber, den Mantelsaum fest um ihre Knie gezogen, den Blick nicht auf ihn gerichtet, sondern auf einen unbestimmten Punkt an der Wand.


Sie sprach leise, aber mit einer erschreckenden, glasklaren Deutlichkeit. Es gab keine Tränen, keine dramatischen Gesten. Sie erzählte ihm von Makart, dem mächtigen Filmproduzenten, von der Chance auf eine Rolle, von dem Vertrag, der vor ihr lag – und von dem Preis, den er dafür verlangte. Makart verlangte sie selbst. Kein Versteckspiel, keine großen Versprechungen von Liebe, sondern ein nüchternes, fast geschäftsmäßiges Tauschgeschäft: ihren Körper und ihre Reize gegen eine Karriere, gegen Existenzsicherheit, gegen ein Entkommen aus der drückenden Armut.


Fabian hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Jedes ihrer Worte traf ihn wie ein leiser, stumpfer Schlag. Er fühlte, wie sich in seiner Brust etwas zusammenzog, ein bitterer, lähmender Schmerz. Er hatte Cornelia geliebt – vielleicht als das Einzige, was in dieser taumelnden, verfallenden Stadt noch rein und echt gewesen war. Nun sah er zu, wie auch diese Zuflucht vom Räderwerk der Verhältnisse zermahlen wurde.


„Ich kann nicht mehr warten, Jakob“, sagte sie, und in ihrer Stimme lag ein Hauch von Verzweiflung, die sich als kühle Logik maskierte. „Ich will nicht wie die anderen im Elend enden. Die Welt da draußen verlangt Zugeständnisse. Wer ehrlich bleibt, verhungert.“


Fabian sah sie an. Er wollte wütend sein, wollte sie beschuldigen, wollte ihr Verrat vorwerfen. Doch der Spott, den er sonst wie ein Schild vor sich her trug, versagte ihm. Und was noch schwerer wog: Er konnte ihre Argumente nicht widerlegen. In einer Welt, in der Moral zum Luxus verkommen war, den sich nur die Wohlhabenden leisten konnten, war Cornelias Schritt kein Sündenfall, sondern eine überlebensnotwendige Notwehr.


Er verstand sie. Und genau dieses Verständnis war das Grausamste an diesem Tag. Wenn er sie hätte verachten können, wäre der Abschied einfacher gewesen. So aber blieb ihm nur die Erkenntnis, dass die Verhältnisse stärker waren als ihre Liebe.


Er stand langsam auf, ging zu ihr und strich ihr ein letztes Mal stumm über das Haar. Es gab nichts mehr zu verhandeln. Cornelia hatte sich für das Leben entschieden, so wie es war, und Fabian blieb zurück in seiner Welt der Prinzipien – allein, arm und mit dem bitteren Wissen, dass Anstand in diesen Zeiten ein sehr einsames Geschäft war.



XIV


Die Zeitungen an den Kiosken schrien ihre Schlagzeilen in die kühle Luft, doch für Fabian gab es in all den Spalten keine Hoffnung. Von Büro zu Büro war er gelaufen, hatte Vorzimmer durchmessen, Klinken geputzt und höfliche Absagen wie Pfennige gesammelt. Die Absagen glichen sich alle: Kein Bedarf, drückende Lage, man melde sich gegebenenfalls. Die Absagen waren das einzige Versprechen, das die Stadt hielt.


Mit hochgeschlagenem Kragen schlenderte er durch die Abenddämmerung. Berlin wirkte fiebrig, wie ein Patient kurz vor dem Delirium. Je dunkler es wurde, desto schärfer traten die Risse hervor, die die Gesellschaft quer durchschnitten.


An einer Straßenkreuzung sammelte sich eine Menschenmenge. Flugblätter flogen wie aufgescheuchte Vögel durch die Luft, rote und hakenkreuzgeschmückte Papiere wetteiferten im Schmutz der Rinnsale. Rhetorische Parolen hallten von den Häuserwänden wider: Wortgefechte, die nicht mehr dem Überzeugen dienten, sondern der Vorbereitung des Hasses.


Fabian blieb am Rande des Geschehens stehen, die Hände fest in die Manteltaschen gepresst. Er sah die jungen Männer auf beiden Seiten: aufgetrennte Arbeiterblusen hier, stramme Stiefel und Binden dort. Ihre Gesichter glühten im selben Fanatismus, getrieben von derselben Not, geblendet von denselben radikalen Heilsversprechen, die einfache Antworten auf eine unerträglich komplizierte Welt boten.


Plötzlich schlug die verbal erhitzte Stimmung um. Ein Schrei, ein Stoß, das Klirren einer berstenden Schaufensterscheibe. Innerhalb von Sekunden verwandelte sich die Straße in ein Schlachtfeld. Holzknüppel flogen, Koppelschlösser blitzten im Scheinwerferlicht der Autos auf, dumpfe Schläge trafen auf Fleisch und Knochen. Es gab kein Innehalten mehr, nur noch blindes, entfesseltes Zuschlagen.


Ein Schuss fiel, trocken und scharf, gefolgt von Aufschreien und dem hektischen Trampeln schwerer Stiefel.


Fabian wich langsam in einen Häusereingang zurück. Er spürte keine Angst, nur ein tiefes, lähmendes Entsetzen über die Sinnlosigkeit dieses Wutausbruchs. Die Extreme zerschmetterten die Mitte, und wer wie er versuchte, den Verstand zu bewahren, stand schutzlos zwischen den Fronten. Die Stadt brannte an allen Ecken, und die Bürger schauten zu oder schlugen mit zu.


Als das Heulen der Polizeisirenen in der Ferne anschwoll und die Menge auseinanderstob, blieben nur zerfetzte Flugblätter, Mützen und einige dunkle Blutflecken auf dem Asphalt zurück. Fabian trat wieder auf den Gehweg, zog den Kopf tief zwischen die Schultern und ging weiter durch das nachtdunkle Berlin.



XV


Der Knall war metallisch hart, ein peitschendes Geräusch, das das dumpfe Gemurmel der Straße für einen Sekundenteil zerriss. Dann folgte Stille — eine kurze, eiskalte Sekunde, in der die Zeit stillzustehen schien —, ehe das Chaos erneut ausbrach.


Die Gruppe der Demonstranten stob auseinander wie ein Schwarm aufgescheuchter Tauben. Stiefel knallten auf das feuchte Pflaster, Verwünschungen wurden durch die Nacht gebrüllt. Auf dem Bürgersteig, halb im Schatten einer geschlossenen Drogerie, blieb ein junger Mann liegen. Er krümmte sich, keuchte schwer und hielt sich die Hand gegen den Oberschenkel, wo dunkles Blut sofort durch das tuchraue Material seiner Hose sickerte.


Fabian, der in wenigen Schritten Entfernung im Schutz einer Häusernische gestanden hatte, zögerte nicht. Er trat vor, beugte sich zu dem Verletzten hinab und packte ihn unter den Achseln. Der Mann stöhnte auf, die Zähne fest aufeinandergepresst, die Augen geweitet vor Schreck und Schmerz.


„Ruhig halten“, sagte Fabian leise, während er den Niedergeschossenen Stück für Stück in den dunklen Flur des nächsten Mietshauses zog. Das Portal roch nach Bohnenerwachs und altem Kohl, aber es bot Schutz vor den vorüberrennenden Stiefeln.


Fabian kniete sich nieder, zog sein Taschentuch hervor und presste es auf die Wunde, um die Blutung zu stauchen. Er blickte in das blasse, schweißüberströmte Gesicht des Jungen — mehr als ein Junge war er kaum. In seinen Zügen lag noch das fiebrige Nachleuchten jenes Hassgefühls, das ihn wenige Minuten zuvor auf die Straße getrieben hatte.


„Wer hat geschossen?“, fragte Fabian, während er den Druck auf die Wunde verstärkte.


Der Verletzte spuckte aus, bitter und voller Verachtung. „Die anderen“, presste er zwischen den Lippen hervor. Es war keine sachliche Antwort, sondern ein Glaubensbekenntnis. „Die Verfluchten... wir kriegen sie doch noch.“


Fabian sah ihn stumm an. Er spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Selbst hier, blutend auf den kalten Fliesen eines fremden Hausflurs, gab es im Denken dieses Menschen keinen Raum für Besinnung oder Einsicht. Es gab nur noch das Wir gegen das Die, zwei unversöhnliche Blöcke, die einander das Existenzrecht absprachen. Die Spaltung ging längst nicht mehr nur durch Parlamente oder Zeitungsspalten; sie hatte sich tief in die Köpfe und Herzen gefressen.


Draußen verhallte das Getrampel der Fliehenden. Das ferne Martinshorn der Überfallkommandos schnitt durch die Berliner Nacht. Fabian blieb bei dem Verletzten sitzen, hielt die Wunde abgedrückt und wartete auf die Sanitäter — als einsamer, erstaunter Beobachter in einer Stadt, die ihren Verstand längst verloren hatte.



XVI


Das Kuvert lag auf dem Schreibtisch, als stünde ein fremder, bedrohlicher Gegenstand im Raum. Stephan Labude saß davor, die Hände flach auf das polierte Holz gepresst, und starrte auf die handgeschriebenen Zeilen. Die Worte waren elegant gefügt, fast beiläufig, doch ihr Inhalt hatte das Fundament seines Lebens mit einem einzigen Schlag zertrümmert.


Seine Verlobte hatte ihn betrogen. Kein Missverständnis, keine flüchtige Laune, die man im Nachhinein hinwegerklären konnte, sondern eine kalte, vollzogene Tatsache.


Für Labude, der an die Ordnung des Geistes, an Treue und die Würde menschlicher Bindungen glaubte wie an die Gesetze der Logik, war dieser Verrat mehr als ein persönlicher Schmerz. Es war der Einbruch des Chaos in seine geordnete Welt. Die Großstadt da draußen – mit ihrer Käuflichkeit, ihrer Oberflächlichkeit und ihrer moralischen Verrottung – hatte mitten in sein privatestes Heiligtum gegriffen.


Er stand nicht auf, er schrie nicht. Er wurde nur sehr still. Eine tödliche Kälte breitete sich in ihm aus. Wo eben noch Zukunftspläne, gemeinsame Jahre und vertraute Wärme gewesen waren, klaffte nun eine graue, belanglose Leere.


Er zog sich zurück. Die Türen seiner Wohnung blieben geschlossen, die Anrufe unbeantwortet. Er wollte niemanden sehen, nicht einmal Fabian, dessen spöttische Mitgefühlssamkeit er in diesem Augenblick nicht ertragen hätte.


Stattdessen flüchtete er sich an seinen Arbeitstisch. Unter dem warmen Schein der Schreibtischlampe stapelten sich die Manuskripte, die Karteikarten, die Entwürfe für seine Habilitationsschrift über Lessing. Mit einer fast fieberhaften, verzweifelten Intensität vergrub er sich in den Texten. Wenn die Menschen unzuverlässig, käuflich und treulos waren, so mussten wenigstens die Gedanken klar und beständig bleiben.


Er schrieb Stunde um Stunde, suchte Zuflucht in den gedanklichen Gebäuden der Aufklärung, in den moralischen Kategorien einer vergangenen, besseren Zeit. Doch während seine Feder über das Papier kratzte und Worte von Vernunft und Humanität formte, wusste er tief im Inneren, dass die Welt da draußen diese Ideale längst verhöhnte – und dass der Schmerz im Herzen sich nicht durch bloße Wissenschaft betäuben ließ.



XVII


Die Straße war nass vom nächtlichen Sprühregen, und die Laternen spiegelten sich als gelbliche, verschwommene Flecken auf dem Asphalt. Fabian schlenderte ohne Ziel durch das dämmerige Viertel, wo die Schatten der Häuserwände die Elendswinkel der Stadt verbargen.


Aus einem Toreingang trat ihm die Frau entgegen. Ihr Gesicht war unter einer viel zu dicken Schicht Puder und Rötel verborgen, die Züge gezeichnet von Müdigkeit und dem stumpfen Abwarten, das dieser Beruf verlangte. Es war Frau Selow. Sie bot sich ihm an mit jenen abgenutzten, mechanischen Worten, die man in diesen Straßen hundertfach am Abend hörte, frei von jedem Funken echter Lust oder Verführung.


Fabian blieb stehen. Er sah nicht das Feilgebotene, sondern den Menschen hinter der schlecht sitzenden Schminke: die frierenden Schultern unter dem dünnen Mantel, das nervöse Zucken der Mundwinkel, den bettelnden Blick, der um ein paar Groschen für das Nötigste flehte. Er fühlte kein Begehren. Die Käuflichkeit der Liebe war ihm ein Greuel, aber die Not, die diese Frau auf das Pflaster trieb, berührte ihn tief.


„Kommen Sie“, sagte er leise. „Wir trinken einen heißen Kaffee.“


Sie folgte ihm überrascht und ein wenig argwöhnisch. In der kleinen, spärlich beleuchteten Kneipe an der Ecke setzten sie sich an einen Ecktisch. Fabian bestellte für sie beide etwas zu essen und ein heißes Getränk. Er verlangte nichts von ihr. Er stellte keine aufdringlichen Fragen, erwartete keine Gegenleistung und spielte nicht den Gönner.


Frau Selow taute langsam auf. Die professionelle Maske bröckelte, und zum Vorschein kam eine erschöpfte, gebrochene Frau, die für kurze Zeit die ständige Angst vor dem Nichts vergessen durfte. Sie sprachen kaum, doch in der Stille zwischen ihnen lag eine seltene, fast fremde Wärme.


Als sie wieder auf die Straße traten, steckte Fabian ihr diskret ein paar Scheine zu – nicht als Lohn für eine gekaufte Stunde, sondern als kleine Hilfestellung von einem Schiffbrüchigen zum anderen. Frau Selow sah ihn an, und für einen Augenblick lag in ihren Augen mehr als nur geschäftliche Dankbarkeit: es war das Erstaunen darüber, mitten in der Kälte dieser Stadt auf einen Menschen gestoßen zu sein.



XVIII


Der Brief lag schlicht und unscheinbar auf dem Tisch, versehen mit dem offiziellen Stempel des Seminars. Als Labude das Siegel brach und die maschinengeschriebenen Zeilen überflog, blieb sein Herz für einen Herzschlag lang stehen.


Die Sätze waren von einer frostigen, akademischen Höflichkeit. Mit bedauernswertem Tonfall wurde mitgeteilt, dass seine Habilitationsschrift über Lessing – das Werk, in das er all seine geistige Kraft, seinen Glauben an die Vernunft und seine letzte Hoffnung gesteckt hatte – vom Dekanat als unzureichend abgelehnt worden sei. Die wissenschaftliche Beweisführung halte den Anforderungen der Fakultät nicht stand; eine Zulassung zur Habilitation sei ausgeschlossen.


Labude erstarrte. Was die Untreue seiner Verlobten begonnen hatte, schien diese Nachricht nun vollenden zu wollen: den totalen Bankrott seiner Existenz. Für ihn war die Wissenschaft nie nur eine Karriere gewesen, sondern die letzte Zuflucht einer Welt, die sonst in Chaos und Scheinheiligkeit zu versinken drohte. Wenn selbst die Welt des Geistes ihn verstieß, gab es keinen Halt mehr.


Er ahnte nicht, welch grausames Spiel hier getrieben wurde. Der Brief war eine Fälschung – ein böser, neidischer Streich einer Gruppe von Universitätsassistenten. Aus Missgunst über Labudes Wohlstand, seinen scharfen Verstand und seine geistige Unabhängigkeit hatten sie das Schreiben aufgenötigt und gefälscht, um den stolzen Akademiker zu demütigen und lächerlich zu machen. Sie wollten ihn wanken sehen, ein paar Tage lang in Verzweiflung stürzen, um sich an seiner Niederlage zu weiden.


Doch sie hatten nicht ermessen, auf welch brüchigem Boden Labudes Seele bereits stand.


Er legte das Blatt langsam auf die Schreibtischplatte zurück. Die Hände zitterten nicht mehr. Eine vollkommene, eiskalte Ruhe überkam ihn. Für Labude war dies kein Missgeschick, das man durch Einspruch oder Überarbeitung korrigieren konnte; es war das finale Urteil einer Welt, in der für seine Ideale kein Platz mehr war.



XIX


Die Stille in Stephan Labudes Arbeitszimmer war von einer schweren, endgültigen Art. Auf dem polierten Kirschbaumholz lag der gefälschte Brief, flach glattgestrichen, als wäre jede Silbe darauf aus Blei gegossen. Labude saß auf seinem Stuhl, die Augen starr auf das Fenster gerichtet, hinter dem Berlin in einem grauen, gleichgültigen Dämmerlicht versank.


Für ihn gab es nichts mehr zu überlegen, keine Rechnungen mehr aufzumachen. Seine Verlobte hatte ihn verraten, die Welt des Geistes hatte ihn verstoßen, und der Anstand, an den er sein Leben lang geglaubt hatte, erwies sich als eine lächerliche Illusion. Er fühlte keinen Zorn mehr, nur noch eine unendliche, eiskalte Klarheit.


Er griff in die Schublade, zog den scheren, kalten Revolver heraus und legte ihn vor sich hin. Ein kurzes, müdes Lächeln huschte über seine Züge. Er setzte die Mündung an die Schläfe. Der Schuss knallte durch das stille Haus, hart und kurz, und löschte mit einem Schlag einen der lautersten Köpfe dieser Stadt aus.


Erst als die Nachricht von Labudes Freitod die Runde machte, brach das schreckliche Verhängnis vollends auf.


Am selben Tag traf der eigentliche, offizielle Bescheid der Universität ein. Der Ordinarius, der Labudes Arbeit über Lessing begutachtet hatte, war voll des Lobes gewesen. Die Habilitationsschrift war nicht nur angenommen, sondern als glänzende, bahnbrechende wissenschaftliche Leistung gewürdigt worden. Man feierte den jungen Gelehrten bereits in den Zirkeln der Fakultät.


Der Brief, der Labude in den Tod getrieben hatte, war nichts weiter als der niederträchtige, neidische Streich eines Universitätsassistenten gewesen – eine böse, kleine Genugtuung für verletzten Ehrgeiz, die furchtbar aus dem Ruder gelaufen war. Als der Urheber erfuhr, was sein gefälschtes Schreiben angerichtet hatte, brach das Kartenhaus seiner Gehässigkeit zusammen. Doch kein Bedauern, keine späte Wahrheit konnte die Kugel zurückholen.


Als Jakob Fabian an das Totenbett seines einzigen wahren Freundes trat, fand er nur noch eine blasse, stumme Hülle vor. Die Sinnlosigkeit dieses Sterbens traf ihn tiefer als jede Entlassung und jeder Verrat. Die Welt hatte nicht nur einen klugen Kopf verloren, sondern ihr eigenes Urteil vollstreckt: Sie war zu verrottet, um einen Menschen von Labudes Format zu ertragen.



XX


Die Kerze auf dem kleinen Nachttisch warflackert leise und warf lange, unruhige Schatten an die kühlen Wände des Zimmers. Stephan Labude lag auf dem Aufbahrungsgestell, das Gesicht weiß wie Gips, die Züge geglättet zu einer merkwürdigen, unerbittlichen Ruhe.


Fabian saß am Fußende des Bettes. Die Stunden der Nacht verrichen ohne Geräusch, doch in seinem Inneren dröhnte es von einem stummen, betäubenden Schmerz. Er hatte die Hand des Toten berührt – sie war kalt gewesen, fremd, wie aus Stein geheuen. Dieser Mann, der eben noch mit ihm über Lessing, über Moral und die Zukunft der Menschheit debattiert hatte, war nun nichts als eine Hülle, ausgelöscht durch die Gehässigkeit kleiner Geister und die eigene, unerbittliche Konsequenz.


In dieser langen Totenwache verbrannte in Fabian der letzte Rest jener nachsichtigen Ironie, mit der er das Treiben der Welt bisher beobachtet hatte. Sein Spott war ein Luxus gewesen für Zeiten, in denen es noch Hoffnung gab. Jetzt erschien er ihm als eine lächerliche, feige Ausflucht. Labude war an der Einhaltung seiner Ideale zugrunde gegangen; Fabian hatte überlebt, weil er sich mit der Rolle des Zuschauers zufriedengegeben hatte.


Durch das verstaubte Fenster drang das erste, graue Licht des Morgenstauns. Draußen erwachte Berlin. Das ferne Rumpeln der ersten Straßenbahn, das Klappern von Mülltonnen, die hastigen Schritte der Arbeiter – die Stadt nahm ihren gewohnten Gang auf, völlig unberührt davon, dass im dunklen Zimmer eines Mietshauses das Herz eines edlen Menschen aufgehört hatte zu schlagen.


Fabian stand auf. Er blickte noch einmal auf das blasse Gesicht seines Freundes hinab und zog die Decke über dessen Züge.


Ein tiefes, unumstößliches Gefühl der Entfremdung stieg in ihm auf. Berlin war für ihn kein Ort des Lebens mehr, sondern ein riesiger, lärmender Friedhof, auf dem die Lebenden nur noch wie Scheintote umherirrten. Die Stadt hatte ihm die Arbeit genommen, die Geliebte und nun den einzigen Freund. Sie hatte ihm nichts mehr zu bieten und nichts mehr zu rauben.


Er trat ans Fenster, sah hinab auf die nassen, leeren Straßen und wusste mit absoluter Gewissheit, dass seine Zeit hier abgelaufen war. Er würde die Koffer packen und diesen Sumpf verlassen.



XXI


Die Koffer lagen wie zwei aufgesperrte Mäuler auf dem zerschlissenen Teppich seines Zimmers. Jakob Fabian warf seine Hemden, ein paar zerlesene Bücher und die wenigen Habseligkeiten, die ihm noch geblieben waren, achtlos hinein. Es war kein geordnetes Packen, sondern eine überstürzte Flucht. Jeder Handgriff war von einer bleiernen, tief sitzenden Müdigkeit begleitet. Berlin hatte ihn endgültig ausgespuckt. Die Stadt, dieses rastlose, gefräßige Ungeheuer aus Asphalt, flackernden Leuchtreklamen und politischem Hass, hatte ihm in wenigen Wochen alles genommen: seine bürgerliche Existenz, seine Liebe zu Cornelia und schließlich das Leben seines einzigen, wahren Freundes. Als der Kofferdeckel mit einem trockenen Knall ins Schloss fiel, klang es wie der bittere Schlusspunkt unter einem verpfuschten Leben. Er drehte sich nicht noch einmal um, als er die Tür seines Berliner Zimmers für immer hinter sich zuzog.


Im Abteil des D-Zuges saß er stundenlang reglos am Fenster und sah zu, wie die grauen, rußgeschwärzten Mietskasernen der Reichshauptstadt langsam im Dunst des späten Nachmittags verschwanden. Die Telegrafenmasten flogen im monotonen Takt vorbei, und mit jedem Kilometer, den der Zug sich gen Süden fraß, schien sich eine eiserne Klammer um seine Brust ein klein wenig zu lockern. Doch die Erleichterung blieb trügerisch und schal. Fabian floh vor der großstädtischen Dekadenz, vor der eiskalten Berechnung der Gierigen, der Korruption der Geschäftemacher und dem blinden, blutigen Fanatismus der politischen Straßenschläger. Aber er wusste mit schmerzhafter Klarheit, dass das Gift, an dem Berlin krepierte, längst in den Adern des gesamten Landes zirkulierte. Er schloss die brennenden Augen und versuchte, im gleichmäßigen Rattern der eisernen Räder das Echo der Straßenschüsse und Labudes wächsernes Totengesicht zu vergessen.


Der Dresdner Bahnhof empfing ihn Stunden später mit einer weicheren, behäbigeren Luft. Es war seine Heimatstadt, die Stadt seiner unschuldigen Kindheit, die mit ihren barocken Kuppeln und der ruhig dahinfließenden Elbe wie ein unwirkliches Gemälde aus einer friedlicheren, längst vergangenen Epoche wirkte. Als er schließlich mit schweren Schritten die vertraute Treppe zum Elternhaus hinaufstieg, roch es im dunklen Treppenhaus nach Bohnerwachs, altem Holz und gebratenen Kartoffeln.


Seine Mutter öffnete die Tür, stieß einen kleinen, fast ungläubigen Schrei aus, wischte sich rasch die Hände an der Schürze ab und schloss ihn weinend in die Arme. Sein Vater, ein ruhiger, etwas umständlich wirkender Mann, trat aus der guten Stube, schob die Brille auf die Stirn und nickte ihm mit stiller, ehrlicher Freude zu. Hier, zwischen den durchgesessenen plüschigen Sesseln, der behäbig tickenden Standuhr und den gestärkten Spitzendeckchen, schien die Welt noch vollkommen intakt. Sie fragten nicht nach seinen Niederlagen in der großen Stadt, sie sahen nur den erschöpften, verlorenen Sohn, der endlich den Weg nach Hause gefunden hatte. Fabian ließ sich tief in seinen alten Sessel fallen, trank den heißen Filterkaffee und spürte die tröstliche, bedingungslose Wärme der mütterlichen Fürsorge. Doch tief in seinem Inneren blieb ein eisiger, unauslöschlicher Restzweifel: War diese bürgerliche Geborgenheit wirklich eine Rettung, oder doch nur der friedliche Warteraum vor dem unaufhaltsamen, allgemeinen Untergang?



XXII


Die Tage in der elterlichen Wohnung flossen mit einer trägen, fast unwirklichen Ruhe dahin. Dresden bot eine Kulisse des Friedens, ein scheinbar unerschütterliches Idyll aus Elbwiesen, Barockfassaden und einer gutbürgerlichen Behäbigkeit, die den Lärm und das Verbrechen Berlins in weite, unwirkliche Ferne rückte.


Hier, in der vertrauten Enge seines alten Jugendzimmers, wurde Fabian von der unermüdlichen Fürsorge seiner Mutter eingehüllt. Sie pflegte ihn mit einer leisen, tastenden Zärtlichkeit, als sei er nach einer schweren Krankheit reconvaleszent. Sie kochte seine Lieblingsspeisen, stopfte seine Strümpfe, strich ihm im Vorbeigehen flüchtig über das Haar und versuchte, die tiefen Schatten unter seinen Augen mit warmem Essen und Mütterlichkeit hinwegzulieben. Fabian spürte die tiefe, bedingungslose Güte dieser Gestalt und war ihr aufrichtig dankbar. Aber diese mütterliche Schutzglocke vermochte nur die äußere Kälte abzuschirmen; die innere Taubheit blieb.


Denn je länger er im Schutze des Elternhauses verweilte, desto drückender legte sich der Mangel an jeglicher Lebensperspektive auf sein Gemüt. Der Alltag bestand aus Nichstun, aus erdrückender, leerer Zeit. Wenn er durch die Dresdner Altstadt spazierte oder auf den Bänken am Brühlschen Garten saß, spürte er schmerzhaft, dass er hier nur ein Überflüssiger war – ein akademisch gebildeter Mann ohne Aufgabe, ohne Ziel und ohne Pfennig Geld in den Taschen.


Er ging zu den lokalen Behörden, durchblätterte die Stellenanzeigen der Dresdner Zeitungen und erkundigte sich bei alten Bekannten, doch die Antwort war überall dieselbe. Die Wirtschaftskrise hatte längst auch die Provinz erfasst; überall wurden Stellen abgebaut, Fabriken geschlossen und Gehälter gekürzt. Seine Qualifikationen als Germanist und Werbetexter waren in dieser gelähmten Stadt vollkommen wertlos.


Die Untätigkeit fraß sich wie Säure in sein Selbstwertgefühl. Fabian spürte, dass das Asyl bei der Mutter auf Dauer zur Falle zu werden drohte. Es war die traurige Scham eines dreißigjährigen Mannes, der das Essen seiner Eltern zehrte, weil die Welt für ihn keine Verwendung mehr hatte. Die Ruhe, die er gesucht hatte, wandelte sich unversehens in eine lähmende Agonie. Er hatte der Hölle der Großstadt den Rücken gekehrt, nur um im stillen Reservoir der allgemeinen Aussichtslosigkeit zu stranden.



XXIII


Die Frühlingssonne lag warm auf den barocken Sandsteinfassaden der Altstadt, doch die Helligkeit warf nur umso schärfere Schatten auf die Pflastersteine. Jakob Fabian durchmaß die Dresdner Straßen ohne Ziel. Er streifte über die Brühlsche Terrasse, sah auf das träge, braune Wasser der Elbe hinab und beobachtete die bürgerliche Beschaulichkeit, die sich mühsam über die Abgründe der Zeit zu retten versuchte.


Auf seinen Wegen stieß er auf vertraute Gesichter aus vergangenen Tagen – alte Schulkameraden und Bekannte aus der Jugendzeit. Sie wandelten über die Gehwege, gut gekleidet, mit akkurat gescheiteltem Haar und der gewohnter Biederkeit im Blick. Fabian trat an sie heran, tauschte Floskeln aus, fragte nach ihrem Ergehen. Doch in den Gesprächen offenbarte sich schnell eine erschreckende Enge. Die einen hatten sich mit starrer Blindheit im Kleinbürgertum verbarrikadiert und ignorierten das heraufziehende Unheil, während andere längst den spießigen Parolen der Radikalen verfallen waren und mit stolzer Brust phrasenhafte Gewissheiten vor sich her trugen.


In all diesen Begegnungen blieb Fabian das, was er schon in Berlin gewesen war: ein Fremder im eigenen Leben, ein staunender, aber distanzierter Zusehbar. Die geistige Kluft zwischen ihm und seinen Mitmenschen war unüberbrückbar geworden. Er konnte ihren sturen Glauben an eine heile Welt ebenso wenig teilen wie ihren stumpfen Fanatismus.


Er saß auf einer Parkbank, zündete sich eine Zigarette an und versuchte, die Trümmer seiner Existenz gedanklich zu ordnen. Er suchte nach einem Sinn, nach einem festen Orientierungspunkt in einem Zeitalter, das alle Werte zerschmettert hatte. Doch wo Stephan Labude einst mit leidenschaftlichem Ernst nach Moral und Humanismus verlangt hatte, fand Fabian nur eine leere, melancholische Skepsis. Er besaß den scharfen Verstand, um das Verderben der Welt in all seinen Nuancen zu durchschauen, doch es fehlte ihm die Kraft – und vielleicht auch der Glaube –, aktiv dagegen aufzubegehren.


Er blieb der ewige Zuschauende am Rande des Geschehens, gelähmt von der Einsicht, dass der Einzelne gegen den unaufhaltsamen Gang der Dinge ohnmächtig war. Die Stadt um ihn herum lebte, dachte und handelte, während er stumm zusah, wie die Welt unaufhaltsam dem Abgrund entgegentrieb.



XXIV


Der Himmel über den Elbwiesen war von einem blassen, kühlen Blau. Jakob Fabian ging am Ufer entlang, die Hände tief in die Manteltaschen geschoben, während der Wind das Wasser der Elbe in kleine, kabbelige Wellen schlug. Er sah auf den Fluss, der seit Jahrhunderten träge und gleichgültig an der Stadt vorbeifloss, ungeachtet aller menschlichen Tragödien und des drohenden Untergangs einer ganzen Epoche.


In der Nähe der Augustusbrücke spielte eine Gruppe von Kindern. Ihre Rumpeln und Lachen schnitten durch die Nachmittagsstille. Fabian blieb stehen und beobachtete sie aus der Distanz mit jenem melancholischen Lächeln, das ihm geblieben war. Einer der Jungen, kaum älter als acht Jahre, kletterte übermütig auf das Geländer der Brückenauffahrt, verlor den Halt, geriet ins Straucheln und stürzte mit einem hohlen Platschen mitten in die strömende Elbe.


In diesem einen Augenblick gab es für Fabian kein Zögern, keine spöttische Distanz und keine gelähmte Nachdenklichkeit mehr. Die ständige Rolle des passiven Beobachters brach augenblicklich zusammen. Er riss weder seinen Mantel ab noch dachte er an die Gefahr. Getrieben von einem reinen, impulsiven Menschheitsgefühl rannte er los, sprang über die Uferböschung und stürzte sich ohne einen Gedanken an sich selbst in die kalten Fluten hinterher.


Das Wasser schlug über seinem Kopf zusammen, eiskalt und schwer.


Der kleine Junge jedoch, gestählt vom Toben an den Ufern der Elbe, paddelte mit kräftigen, geübten Armzügen durch die Strömung, erreichte nach wenigen Metern aus eigener Kraft das seichte Ufer und kletterte durchnässt, aber wohlbehalten auf die Kieselsteine.


Fabian aber trieb ab. Die Strömung zog ihn mit erbarmungsloser Kraft in die Mitte des Flusses. Seine schweren Stiefel und der wassergetränkte Stoff seines Mantels zogen ihn wie Blei hinab. Er versuchte vergebens, sich über Wasser zu halten, schlug mit den Armen um sich und kämpfte gegen den Sog an – doch der Versuch war vergebens.


Jakob Fabian ertrank. Er ertrank schlicht und ergreifend deshalb, weil er nicht schwimmen konnte.


Die Elbe spülte seinen Körper weiter herzlos flussabwärts, während am Ufer der Gerettete stand und zusah. Die Welt drehte sich weiter, lärmend und blind, und hatte soeben einen ihrer letzten Anständigen verschlungen – nicht im großen politischen Kampf, sondern in einer letzten, heroischen und doch tief tragischen Posse der Sinnlosigkeit.