Von Torsten Schwanke
ÜBER DIE FRAUEN
von Arthur Schopenhauer
Diese wenigen Worte von Jouy, Sans les femmes le beginment de notre vie seroit privé de secours, le milieu de plaisirs et la fin de consolation , drücken meines Erachtens das wahre Lob der Frau genauer aus als Schillers Gedicht Würde der Frauen . die das Ergebnis sorgfältiger Überlegung ist und durch ihre Antithese und die Verwendung von Kontrasten beeindruckt. Dasselbe wird von Byron in Sardanapalus , Akt 1, Sc, pathetischer ausgedrückt. 2:—
„Das allererste Menschenleben muss aus Frauenbrust entspringen,
Deine ersten kleinen Worte werden dich von ihren Lippen gelehrt,
Deine ersten Tränen werden von ihr gelöscht, und deine letzten Seufzer,
Zu oft vor den Ohren einer Frau ausgeatmet,
Wenn Männer geschrumpft sind von der unwürdigen Sorge,
die letzte Stunde dessen zu beobachten, der sie führte.“
Beide Passagen zeigen den richtigen Standpunkt für die Wertschätzung von Frauen.
Man muss sich nur die Figur einer Frau ansehen, um festzustellen, dass sie weder für zu viel geistige noch zu viel körperliche Arbeit bestimmt ist. Sie bezahlt die Schuld des Lebens nicht durch das, was sie tut, sondern durch das, was sie erleidet – durch die Schmerzen der Geburt, die Sorge um das Kind und durch die Unterwerfung unter den Mann, dem sie eine geduldige und fröhliche Gefährtin sein sollte. Die größten Sorgen und Freuden oder die große Kraftentfaltung sind ihr nicht zuzuordnen; ihr Leben soll ruhiger, sanfter und weniger aufdringlich fließen als das des Mannes, ohne dass sie wesentlich glücklicher oder unglücklicher wird.
Frauen sind aus dem einfachen Grund, dass sie selbst kindisch, töricht und kurzsichtig sind, mit einem Wort, ihr ganzes Leben lang große Kinder sind, etwas Zwischenkind und der Mann, der ein Mann im strengen Sinne des Wortes ist. Überlegen Sie, wie ein junges Mädchen Tag für Tag mit einem Kind spielt, mit ihm tanzt und zu ihm singt; und dann bedenke, was ein Mann mit den allerbesten Absichten der Welt an ihrer Stelle tun könnte.
Bei den Mädchen hat die Natur das im Sinn, was man im dramatischen Sinne eine „auffallende Wirkung“ nennt, denn sie verleiht ihnen für einige Jahre einen Reichtum an Schönheit und eine Fülle an Reiz auf Kosten ihres restlichen Lebens; damit sie in diesen Jahren die Fantasie eines Mannes so sehr umgarnen, dass er sich überstürzt ein Leben lang in irgendeiner Form um sie ehrenhaft kümmert – ein Schritt, der nicht ausreichend gerechtfertigt erscheint, wenn er es tut habe die Sache nur in Betracht gezogen. Dementsprechend hat die Natur der Frau, wie auch den übrigen Geschöpfen, die Waffen und Geräte zur Verfügung gestellt, die zum Schutz ihrer Existenz notwendig sind, und zwar nur für die Zeitdauer, die sie ihr von Nutzen sein werden; so dass die Natur hier mit ihrer üblichen Sparsamkeit vorgegangen ist. So wie die weibliche Ameise nach dem Koitus ihre Flügel verliert, die dann überflüssig werden, nein, gefährlich für die Zucht, so verliert eine Frau meistens ihre Schönheit, nachdem sie ein oder zwei Kinder geboren hat; und wahrscheinlich aus den gleichen Gründen.
Andererseits stellen wir fest, dass junge Mädchen ihre häuslichen oder sonstigen Angelegenheiten in ihrem Herzen als zweitrangig betrachten, wenn nicht sogar als bloßen Scherz. Liebe, Eroberungen und allem, was dazugehört, wie Anziehen, Tanzen usw. schenken sie ihre ernsthafte Aufmerksamkeit.
Je edler und vollkommener eine Sache ist, desto später und langsamer gelangt sie zur Reife. Der Mensch erreicht die Reife seiner logischen und geistigen Fähigkeiten kaum bevor er achtundzwanzig ist; Frau, wenn sie achtzehn ist; aber ihr Grund ist sehr eng begrenzt. Darum bleiben Frauen ihr ganzes Leben lang Kinder, denn sie sehen immer nur das Nahe, klammern sich an die Gegenwart, halten den Schein einer Sache für Wirklichkeit und ziehen Kleinigkeiten dem Wichtigsten vor. Kraft der Denkkraft des Menschen lebt er nicht nur in der Gegenwart, wie das Tier, sondern beobachtet und grübelt über Vergangenheit und Zukunft; und von diesem Frühling an Diskretion, Sorgfalt und jene Angst, die wir so oft bei Menschen bemerken. Sowohl die Vor- als auch die Nachteile, die dies mit sich bringt, machen die Frau aufgrund ihres schwächeren Denkvermögens weniger ein Teilhaber an ihnen. Außerdem ist sie intellektuell kurzsichtig, denn ihr intuitiver Verstand erkennt zwar schnell, was ihr nahe ist, andererseits ist ihr Gesichtskreis begrenzt und erfasst nichts Fernes; daher betrifft alles Abwesende, Vergangene oder Zukünftige die Frauen weniger als die Männer. Deshalb neigen sie eher zur Extravaganz, die manchmal an Wahnsinn grenzt. Frauen meinen im Herzen, dass Männer dazu bestimmt sind, Geld zu verdienen, um es möglichst zu Lebzeiten ihres Mannes, auf jeden Fall aber nach seinem Tod, ausgeben zu können. andererseits ist ihr Gesichtskreis begrenzt und umfasst nichts Fernes; daher betrifft alles Abwesende, Vergangene oder Zukünftige die Frauen weniger als die Männer. Deshalb neigen sie eher zur Extravaganz, die manchmal an Wahnsinn grenzt. Frauen meinen im Herzen, dass Männer dazu bestimmt sind, Geld zu verdienen, um es möglichst zu Lebzeiten ihres Mannes, auf jeden Fall aber nach seinem Tod, ausgeben zu können. andererseits ist ihr Gesichtskreis begrenzt und umfasst nichts Fernes; daher betrifft alles Abwesende, Vergangene oder Zukünftige die Frauen weniger als die Männer. Deshalb neigen sie eher zur Extravaganz, die manchmal an Wahnsinn grenzt. Frauen meinen im Herzen, dass Männer dazu bestimmt sind, Geld zu verdienen, um es möglichst zu Lebzeiten ihres Mannes, auf jeden Fall aber nach seinem Tod, ausgeben zu können.
Sobald er ihnen seinen Verdienst zum Haushalt gegeben hat, werden sie in diesem Glauben bestärkt. Das alles bringt zwar viele Nachteile mit sich, hat aber diesen Vorteil, dass eine Frau mehr in der Gegenwart lebt als ein Mann, und dass sie es, wenn es überhaupt erträglich ist, mehr genießt. Das ist der Ursprung jener Fröhlichkeit, die der Frau eigen ist und sie geeignet macht, den Mann zu zerstreuen und ihn notfalls zu trösten, wenn ihn Sorgen bedrücken. Frauen in schwierigen Angelegenheiten zu Rate zu ziehen, wie es die Deutschen in alten Zeiten zu tun pflegten, ist keineswegs zu übersehen; denn ihre Art, eine Sache zu erfassen, ist ganz anders als die unsere, hauptsächlich weil sie den kürzesten Weg zum Punkt lieben und ihre Aufmerksamkeit gewöhnlich auf das Nächstliegende gerichtet halten; während wir in der Regel darüber hinaussehen, aus dem einfachen Grund, weil es vor unserer Nase liegt; es wird dann notwendig, dass wir zu der Sache zurückgebracht werden, um eine nahe und einfache Ansicht zu erhalten. Darum sind die Frauen nüchterner in ihrem Urteil als wir, und sie sehen in den Dingen nicht mehr, als wirklich da ist; während wir, wenn unsere Leidenschaften geweckt sind, etwas übertreiben oder unsere Vorstellungskraft erweitern.
Weil die Argumentationskraft von Frauen schwächer ist, zeigen sie mehr Mitgefühl für die Unglücklichen als Männer und zeigen folglich ein freundlicheres Interesse an ihnen. Andererseits sind Frauen den Männern in Sachen Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit unterlegen. Da wiederum ihr Denkvermögen schwach ist, üben klar sichtbare und reale Dinge, die der Gegenwart angehören, eine Macht über sie aus, der selten abstrakte Gedanken, feste Maximen oder feste Entschlüsse im Allgemeinen durch Rücksicht auf das Vergangene entgegengewirkt werden Zukunft oder durch Rücksicht auf das Abwesende und Ferne. Dementsprechend haben sie die ersten und wichtigsten Eigenschaften der Tugend, aber ihnen fehlen die sekundären Eigenschaften, die oft ein notwendiges Instrument zu ihrer Entwicklung sind. Frauen können in dieser Hinsicht mit einem Organismus verglichen werden, der eine Leber, aber keine Gallenblase hat. 9Damit festgestellt wird, dass der grundlegende Fehler im Charakter der Frauen darin besteht, dass sie keinen „ Gerechtigkeitssinn “ haben.“ Das rührt von ihrem bereits erwähnten Mangel an Denkvermögen und Reflexion her, teilweise aber auch davon, dass die Natur sie als das schwache Geschlecht nicht auf Kraft, sondern auf List angewiesen hat; Deshalb sind sie instinktiv listig und haben eine unausrottbare Tendenz zu lügen. Denn wie Löwen mit Klauen und Zähnen, Elefanten mit Stoßzähnen, Eber mit Reißzähnen, Stiere mit Hörnern und Tintenfische mit ihrer dunklen, tintenartigen Flüssigkeit ausgestattet sind, so hat die Natur die Frau zu ihrem Schutz und ihrer Verteidigung mit der Fähigkeit der Verstellung und allem ausgestattet die Macht, die die Natur dem Mann in Form von Körperkraft und Vernunft gegeben hat, ist in dieser Form auf die Frau übertragen worden. Daher ist die Verstellung der Frau angeboren und für die sehr Dummen fast ebenso charakteristisch wie für die Klugen. Entsprechend, es ist für Frauen ebenso natürlich, sich bei jeder Gelegenheit zu verstellen, wie es für diese Tiere ist, sich zu ihren Waffen zu wenden, wenn sie angegriffen werden; und sie fühlen sich dabei gewissermaßen nur von ihren Rechten Gebrauch gemacht. Daher ist eine Frau, die vollkommen ehrlich ist und sich nicht verstellt, vielleicht eine Unmöglichkeit. Deshalb durchschauen sie die Verstellung anderer so leicht; daher ist es nicht ratsam, es mit ihnen zu versuchen. Aus dem festgestellten grundlegenden Mangel und allem, was dazugehört, entspringen Falschheit, Treulosigkeit, Verrat, Undankbarkeit und so weiter. Vor Gericht werden Frauen häufiger des Meineids für schuldig befunden als Männer. Es ist in der Tat generell zu hinterfragen, ob sie überhaupt einen Eid leisten dürfen. Von Zeit zu Zeit gibt es überall immer wieder Fälle von Damen, denen es an nichts fehlt,
Die Natur hat junge, starke und schöne Männer dazu berufen, für die Fortpflanzung des Menschengeschlechts zu sorgen; damit die Art nicht entartet. Das ist der feste Wille der Natur, und er findet seinen Ausdruck in den Leidenschaften der Frauen. Dieses Gesetz übertrifft alle anderen an Alter und Macht. Wehe also dem Menschen, der Rechte und Interessen so aufstellt, dass sie ihnen im Wege stehen; denn was er auch tun oder sagen mag, sie werden beim ersten bedeutsamen Einsetzen unbarmherzig vernichtet. Denn die geheime, unformulierte, ja unbewußte, aber angeborene Moral des Weibes ist: Wir sind berechtigt, die zu täuschen, die, weil sie sich ein wenig um uns , das heißt um den einzelnen kümmern , –Stellen Sie sich vor, sie hätten Rechte an der Art erlangt. Die Verfassung und damit das Wohlergehen der Gattung ist uns in die Hände gelegt und unserer Obhut anvertraut durch die von uns ausgehende nächste Generation; lassen Sie uns unsere Pflichten gewissenhaft erfüllen .
Aber die Frauen sind sich dieses leitenden Prinzips keineswegs in abstracto bewußt, sie sind sich seiner nur in concreto bewußt und haben keine andere Möglichkeit, es auszudrücken, als in der Art, wie sie handeln, wenn sich die Gelegenheit bietet. Damit ihr Gewissen sie nicht so sehr quält, wie wir glauben, denn sie sind sich in den dunkelsten Tiefen ihres Herzens bewusst, dass sie ihre Pflicht gegenüber dem Einzelnen um so besser erfüllt haben gegenüber der Gattung, deren Anspruch an sie unendlich ist größer. (Eine ausführlichere Erläuterung dieser Angelegenheit findet sich in Bd. II, Kap. 44, in meinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung .)
Weil die Frauen in Wahrheit nur für die Fortpflanzung der Rasse da sind und ihr Schicksal hier endet, leben sie mehr für die Art als für das Individuum und nehmen die Angelegenheiten der Art in ihrem Herzen ernster als die des Individuums. Das gibt ihrem ganzen Wesen und Charakter eine gewisse Leichtfertigkeit und überhaupt eine gewisse Neigung, die von der des Menschen grundverschieden ist; und das ist es, was jene Zwietracht im Eheleben entwickelt, die so weit verbreitet und fast der normale Zustand ist.
Es ist natürlich, dass zwischen Männern ein Gefühl bloßer Gleichgültigkeit besteht, aber zwischen Frauen ist es wirkliche Feindschaft. Das liegt vielleicht daran, dass odium figulinumbei Männern auf ihre alltäglichen Angelegenheiten beschränkt, bei Frauen aber das ganze Geschlecht; da sie nur eine Art von Geschäft haben. Selbst wenn sie sich auf der Straße treffen, sehen sie sich an wie Welfen und Ghibellinen. Und es ist ziemlich offensichtlich, wenn zwei Frauen einander zum ersten Mal kennenlernen, dass sie mehr Zwang und Verstellung zeigen als zwei Männer, die sich in ähnlichen Umständen befinden. Deshalb ist ein Austausch von Komplimenten zwischen zwei Frauen viel lächerlicher als zwischen zwei Männern. Während ein Mann in der Regel mit einem gewissen Gefühl der Rücksichtnahme und Menschlichkeit zu anderen spricht, selbst zu denen, die ihm unterlegen sind, ist es unerträglich zu sehen, wie stolz und verächtlich sich eine Dame von Rang größtenteils benimmt gegenüber jemandem, der in einem niedrigeren Rang ist (nicht in ihrem Dienst beschäftigt), wenn sie mit ihr spricht. Das mag daran liegen, dass die Rangunterschiede bei den Frauen viel prekärer sind als bei uns und sie folglich schneller ihre Verhaltensweisen ändern und sie erheben, oder weil bei uns zwar hundert Dinge abzuwägen sind, aber nur eine abzuwägen ist in ihrem nämlich, bei welchem Mann sie Gunst gefunden haben; und wiederum stehen sie wegen der Einseitigkeit ihres Berufes in näherer Beziehung zueinander als Männer; und so versuchen sie, die Rangunterschiede hervorzuheben. wegen der Einseitigkeit ihres Berufes stehen sie näher zueinander als Männer; und so versuchen sie, die Rangunterschiede hervorzuheben. wegen der Einseitigkeit ihres Berufes stehen sie näher zueinander als Männer; und so versuchen sie, die Rangunterschiede hervorzuheben.
Nur der Mann, dessen Intellekt durch seinen Sexualtrieb getrübt ist, könnte diesem verkrüppelten, schmalschultrigen, breithüftigen und kurzbeinigen Geschlecht den Namen des schönen Geschlechts geben ; denn die ganze Schönheit des Geschlechts beruht auf diesem Instinkt. Man könnte sie eher das unästhetische als das schöne Geschlecht nennen. Weder für Musik, noch für Poesie, noch für bildende Kunst haben sie einen wirklichen oder wahren Sinn und Empfänglichkeit, und es ist ihrerseits bloßer Hohn, in ihrem Wunsch zu gefallen, wenn sie so etwas bewirken.
Das macht sie unfähig, sich für irgendetwas rein objektiv zu interessieren, und der Grund dafür ist, glaube ich, folgender. Ein Mensch strebt danach, die Dinge entweder durch Verständnis oder durch Zwang direkt zu beherrschen. Aber eine Frau wird immer und überall zur indirekten Herrschaft getrieben, nämlich durch einen Mann; all ihre direkte Beherrschung war auf ihn allein beschränkt. Es liegt daher in der Natur der Frau, alles nur als Mittel zur Gewinnung des Mannes zu betrachten, und ihr Interesse an allem anderen ist immer nur ein Schein, ein bloßer Umweg zum Zweck, bestehend aus Koketterie und Heuchelei. Daher sagte Rousseau: Les femmes, en général, n'aiment aucun art, ne se connoissent à aucun et n'ont aucun génie(Lettre à d'Alembert, Anm. xx.). Jeder, der eine Täuschung durchschauen kann, muss dies festgestellt haben. Man braucht nur zuzusehen, wie sie sich beim Konzert, in der Oper oder im Schauspiel verhalten; die kindliche Einfachheit zum Beispiel, mit der sie während der schönsten Passagen in den größten Meisterwerken fortwährend schwatzen. Wenn es stimmt, dass die Griechen den Frauen verboten haben, ins Theater zu gehen, haben sie richtig gehandelt; denn sie würden jedenfalls etwas hören können. Heutzutage wäre es angemessener, taceat mulier in theatro durch taceat mulier in ecclesia zu ersetzen ; und das könnte vielleicht in großen Lettern auf dem Vorhang angebracht werden.
Nichts anderes kann von Frauen erwartet werden, wenn man bedenkt, dass die Besten des ganzen Geschlechts nie etwas wirklich Großes, Echtes und Originelles in der bildenden Kunst geleistet oder der Welt irgendein Werk von Dauer gegeben haben Wert. Am auffälligsten ist dies in Bezug auf die Malerei, deren Technik ebenso in ihrer Reichweite liegt wie in unserer; deshalb verfolgen sie es so fleißig. Dennoch haben sie kein einziges großes Bild zu zeigen, aus dem einfachen Grund, weil ihnen jene Objektivität des Geistes fehlt, die gerade in der Malerei so unmittelbar notwendig ist. Sie halten sich immer an das Subjektive. Aus diesem Grund haben gewöhnliche Frauen überhaupt keine Empfänglichkeit für Malerei: für natura non facet saltum . Und Huarte, in seinem Buch, das seit dreihundert Jahren berühmt ist,Examen de ingenios para las scienzias behauptet, dass Frauen nicht die höheren Fähigkeiten besitzen. Einzelne und teilweise Ausnahmen ändern nichts; Frauen sind und bleiben, alles in allem, die gründlichsten und unheilbarsten Philister; und wegen der äußerst absurden Anordnung, die es ihnen ermöglicht, die Position und den Titel ihres Mannes zu teilen, sind sie ein ständiger Ansporn für seine unwürdigen Ambitionen. Und weiter, weil sie Spießer sind, ist die moderne Gesellschaft, in der sie den Ton angeben und wo sie herrschen, korrumpiert worden. Hinsichtlich ihrer Stellung sollte man sich an Napoleons Maxime „ Les femmes n'ont pas de rang “ orientieren ; und in Bezug auf sie in anderen Dingen sagt Chamfort sehr wahr:Elles sont faites pour commercer avec nos faiblesses avec notre folie, mais non avec notre raison. Il existe entre elles et les hommes des sympathies d'épiderme et très-peu de sympathies d'esprit d'âme et de caractère . Sie sind der Sexus sequior, das zweite Geschlecht in jeder Hinsicht, daher sollten ihre Schwächen geschont werden, aber Frauen mit extremer Ehrfurcht zu behandeln, ist lächerlich und erniedrigt uns in ihren eigenen Augen. Als die Natur die Menschheit in zwei Teile teilte, schnitt sie sie nicht genau durch die Mitte! Der Unterschied zwischen Plus- und Minuspol ist je nach Polarität nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ. Und in diesem Licht betrachteten die Menschen des Altertums und des Ostens die Frau; sie erkannten ihre wahre Stellung besser als wir mit unseren altfranzösischen Vorstellungen von Galanterie und absurder Verehrung, diesem höchsten Produkt christlich-germanischer Dummheit. Diese Vorstellungen haben sie nur so arrogant und herrisch gemacht, dass sie manchmal an die heiligen Affen in Benares erinnern, die im Bewusstsein ihrer Heiligkeit und Unantastbarkeit
Im Westen befindet sich die Frau, das heißt die „Dame“, in einer falschen Position ; denn die Frau, die von den Alten zu Recht sexus sequior genannt wurde, ist keineswegs geeignet, Gegenstand unserer Ehre und Verehrung zu sein oder ihren Kopf höher zu halten als der Mann und die gleichen Rechte wie er zu haben. Die Folgen dieser falschen Positionsind ausreichend klar. Dementsprechend wäre es eine sehr wünschenswerte Sache, wenn dieser Nummer Zwei der Menschheit in Europa ihre natürliche Position zugeteilt würde, und der Lady-Missstand abgeschafft wäre, der nicht nur von ganz Asien belächelt wird, sondern auch gleich gewesen wäre verspottet von Griechenland und Rom. Die Folge davon wäre, dass sich der Zustand unserer sozialen, bürgerlichen und politischen Angelegenheiten unabsehbar verbessern würde. Das salische Gesetz wäre unnötig; es wäre eine überflüssige Binsenweisheit. Die europäische Dame ist streng genommen ein Geschöpf, das gar nicht existieren sollte; aber es sollte Haushälterinnen geben und junge Mädchen, die hoffen, solche zu werden; und sie sollten nicht dazu erzogen werden, arrogant zu sein, sondern domestiziert und unterwürfig. Es ist genau, weil es Damen gibtin Europa, dass Frauen mit niedrigerem Ansehen, das heißt die größere Mehrheit des Geschlechts, viel unglücklicher sind als im Osten. Sogar Lord Byron sagt ( Letters and Papers , by Thomas Moore, vol. ii, p. 399): Thought of the state of women under the old Greeks—convenient enough. Gegenwärtiger Zustand, ein Überbleibsel der Barbarei der Ritter- und Feudalzeit – künstlich und unnatürlich. Sie sollten sich um ihr Zuhause kümmern – und gut ernährt und gekleidet sein –, aber nicht in die Gesellschaft eingemischt sein. Auch religiös gebildet – aber weder Poesie noch Politik lesen – nichts als Frömmigkeits- und Kochbücher. Musik – Zeichnen – Tanzen – ab und zu auch ein bisschen Gärtnern und Pflügen. Ich habe gesehen, wie sie die Straßen in Epirus mit gutem Erfolg repariert haben. Warum nicht, sowie Heuernte und Melken ?
Heiraten bedeutet in unserem Teil der Welt, wo Monogamie herrscht, die Rechte zu halbieren und die Pflichten zu verdoppeln. Als die Gesetze der Frau die gleichen Rechte wie dem Mann einräumten, hätten sie ihr auch eine männliche Vernunftkraft verleihen müssen. Im Gegenteil, ebenso wie die Privilegien und Ehren, die die Gesetze den Frauen zuschreiben, das übersteigen, was die Natur ihnen zuteil werden ließ, so nimmt auch die Zahl der Frauen, die diese Privilegien wirklich teilen, proportional ab; daher werden die übrigen ihrer natürlichen Rechte beraubt, insofern den anderen mehr gegeben wurde als Naturakkorde.
Denn die unnatürliche Vorzugsstellung, die die Institution der Monogamie und die sie begleitenden Ehegesetze der Frau zuweist, wodurch sie durchweg als vollwertiges Äquivalent des Mannes angesehen wird, was sie keineswegs ist, bewirkt intelligent und kluge Männer, viel darüber nachzudenken, bevor sie ein so großes Opfer bringen und einer so unfairen Vereinbarung zustimmen. Während also bei polygamen Nationen jede Frau Unterhalt findet, ist dort, wo Monogamie besteht, die Zahl der verheirateten Frauen begrenzt, und es bleiben unzählige Frauen ohne Unterstützung übrig; die der Oberschicht vegetieren als nutzlose alte Jungfern dahin, die der Unterschicht zu Schwerstarbeit geschmackloser Natur oder zu Prostituierten und führen ein ebenso freudloses wie ehrenloses Leben. Aber unter solchen Umständen werden sie für das männliche Geschlecht zu einer Notwendigkeit; damit ihre Position offen als besonderes Mittel anerkannt wird, um andere Frauen, die vom Schicksal begünstigt sind, Ehemänner gefunden zu haben oder zu finden, vor Verführung zu schützen. Allein in London gibt es 80.000 Prostituierte. Was sind dann diese Frauen, die zu schnell zu diesem schrecklichsten Ende gekommen sind, anderes als Menschenopfer auf dem Altar der Monogamie? Die Frauen, auf die hier Bezug genommen wird und die in diese erbärmliche Position gebracht werden, sind das unvermeidliche Gegengewicht zur europäischen Dame mit ihren Anmaßungen und ihrer Arroganz. Daher ist die Polygamie ein echter Gewinn für das weibliche Geschlecht, wenn man es nimmt Allein in London gibt es 80.000 Prostituierte. Was sind dann diese Frauen, die zu schnell zu diesem schrecklichsten Ende gekommen sind, anderes als Menschenopfer auf dem Altar der Monogamie? Die Frauen, auf die hier Bezug genommen wird und die in diese erbärmliche Position gebracht werden, sind das unvermeidliche Gegengewicht zur europäischen Dame mit ihren Anmaßungen und ihrer Arroganz. Daher ist die Polygamie ein echter Gewinn für das weibliche Geschlecht, wenn man es nimmt Allein in London gibt es 80.000 Prostituierte. Was sind dann diese Frauen, die zu schnell zu diesem schrecklichsten Ende gekommen sind, anderes als Menschenopfer auf dem Altar der Monogamie? Die Frauen, auf die hier Bezug genommen wird und die in diese erbärmliche Position gebracht werden, sind das unvermeidliche Gegengewicht zur europäischen Dame mit ihren Anmaßungen und ihrer Arroganz. Daher ist die Polygamie ein echter Gewinn für das weibliche Geschlecht, wenn man es nimmtals Ganzes. Und andererseits gibt es keinen Grund, warum ein Mann, dessen Frau an einer chronischen Krankheit leidet, unfruchtbar bleibt oder allmählich zu alt für ihn geworden ist, sich nicht eine Sekunde Zeit nehmen sollte. Viele Menschen konvertieren zum Mormonentum aus genau dem Grund, dass sie die unnatürliche Institution der Monogamie verurteilen. Die Verleihung unnatürlicher Rechte an Frauen hat ihnen unnatürliche Pflichten auferlegt, deren Verletzung sie jedoch unglücklich macht. Zum Beispiel hält mancher Mann eine Heirat in Bezug auf seine soziale und finanzielle Position für nicht ratsam, es sei denn, er bekommt einen glänzenden Heiratsantrag. Er wird dann eine Frau seiner Wahl unter anderen Bedingungen gewinnen wollen, nämlich unter solchen, die ihre Zukunft und die ihrer Kinder sichern. Seien die Bedingungen noch so gerecht, vernünftig und angemessen, und sie willigt ein, indem sie auf jene unangemessenen Privilegien verzichtet, die die Ehe als Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft allein verleihen kann, sie muss bis zu einem gewissen Grad ihre Ehre verlieren und ein Leben in Einsamkeit führen; denn die menschliche Natur macht uns in einer Weise von der Meinung anderer abhängig, die in keinem Verhältnis zu ihrem Wert steht. Wenn die Frau jedoch nicht zustimmt, läuft sie Gefahr, gezwungen zu werden, einen Mann zu heiraten, den sie nicht mag, oder zu einer alten Jungfer zusammenzuschrumpfen; denn die Zeit, die ihr zusteht, um ein Zuhause zu finden, ist sehr kurz. Angesichts dieser Seite der Institution der Monogamie, der tief gelehrten Abhandlung von Thomasius, denn die menschliche Natur macht uns in einer Weise von der Meinung anderer abhängig, die in keinem Verhältnis zu ihrem Wert steht. Wenn die Frau jedoch nicht zustimmt, läuft sie Gefahr, gezwungen zu werden, einen Mann zu heiraten, den sie nicht mag, oder zu einer alten Jungfer zusammenzuschrumpfen; denn die Zeit, die ihr zusteht, um ein Zuhause zu finden, ist sehr kurz. Angesichts dieser Seite der Institution der Monogamie, der tief gelehrten Abhandlung von Thomasius, denn die menschliche Natur macht uns in einer Weise von der Meinung anderer abhängig, die in keinem Verhältnis zu ihrem Wert steht. Wenn die Frau jedoch nicht zustimmt, läuft sie Gefahr, gezwungen zu werden, einen Mann zu heiraten, den sie nicht mag, oder zu einer alten Jungfer zusammenzuschrumpfen; denn die Zeit, die ihr zusteht, um ein Zuhause zu finden, ist sehr kurz. Angesichts dieser Seite der Institution der Monogamie, der tief gelehrten Abhandlung von Thomasius,de Concubinatu , ist sehr lesenswert, denn es zeigt, dass bei allen Völkern und zu allen Zeiten bis hin zur lutherischen Reformation das Konkubinat erlaubt war, ja, dass es eine Institution war, in gewissem Maße sogar gesetzlich anerkannt und assoziiert ohne Schande. Und es hatte diese Position bis zur lutherischen Reformation inne, als es als ein weiteres Mittel zur Rechtfertigung der Eheschließung des Klerus anerkannt wurde; woraufhin die katholische Partei es nicht wagte, in der Sache zurückzubleiben.
Es ist zwecklos, über Polygamie zu streiten, sie muss als eine überall bestehende Tatsache hingenommen werden, deren bloße Regulierung das zu lösende Problem ist. Wo gibt es dann echte Monogamisten? Wir alle leben, jedenfalls zeitweise, und die meisten von uns immer, in Polygamie. Da also jeder Mann viele Frauen braucht, ist nichts gerechter, als ihm zu überlassen, ja es ihm aufzuerlegen, für viele Frauen zu sorgen. Dadurch wird das Weib als untergeordnetes Wesen an seinen eigentlichen und natürlichen Platz zurückgebracht, und die Dame , dieses Monster europäischer Zivilisation und christlich-germanischer Dummheit, mit ihrem lächerlichen Anspruch auf Achtung und Verehrung wird es nicht mehr geben; Es wird immer noch Frauen geben , aber keine unglücklichen Frauen, von denen Europa derzeit voll ist. Der Standpunkt der Mormonen ist richtig.
In Indien ist keine Frau jemals unabhängig, aber jede steht gemäß dem Gesetz von Manu unter der Kontrolle ihres Vaters oder Ehemanns oder Bruders oder Sohnes.
Es ist sicherlich eine abstoßende Vorstellung, dass sich Witwen an der Leiche ihres Mannes opfern sollten; aber es ist auch abstoßend, dass das Geld, das der Ehemann verdient hat, indem er sein ganzes Leben lang fleißig gearbeitet hat, in der Hoffnung, dass er für seine Kinder arbeitete, für ihre Geliebten verschwendet werden sollte. Mittlere Dauer beati . Die erste Liebe einer Mutter, wie die von Tieren und Menschen, ist rein instinktivund hört folglich auf, wenn das Kind körperlich nicht mehr hilflos ist. Danach sollte die erste Liebe durch eine auf Gewohnheit und Vernunft basierende Liebe wiederhergestellt werden; aber das kommt oft nicht vor, besonders wo die Mutter den Vater nicht geliebt hat. Die Liebe eines Vaters zu seinen Kindern ist anderer Natur und aufrichtiger; sie gründet auf der Erkenntnis des eigenen Inneren des Kindes und ist daher metaphysischen Ursprungs.
In fast allen Nationen, sowohl der neuen als auch der alten Welt und sogar bei den Hottentotten, wird Eigentum nur von den männlichen Nachkommen geerbt; nur in Europa ist man davon abgewichen. Dass das Vermögen, das Männer durch langes Ringen und harte Arbeit mühsam erworben haben, nachher in die Hände von Frauen gelangt, die es aus Mangel an Vernunft entweder innerhalb kurzer Zeit verschleudern oder auf andere Weise vergeuden, ist eine Ungerechtigkeit als groß, wie es üblich ist, und es sollte verhindert werden, indem das Recht der Frauen zu erben eingeschränkt wird. Mir scheint es besser, wenn Frauen, seien es Witwen oder Töchter, nur das durch Hypotheken gesicherte Geld auf Lebenszeit erben würden, nicht aber das Eigentum selbst oder das Kapital, es sei denn, es fehle an männlichen Nachkommen. Es sind Männer, die das Geld verdienen, und nicht Frauen; daher sind Frauen weder berechtigt, es bedingungslos zu besitzen, noch fähig, es zu verwalten. Frauen sollten niemals die freie Verfügung über streng so genanntes Vermögen haben, das sie erben können, wie Kapital, Häuser und Ländereien. Sie brauchen immer einen Vormund; daher sollten sie unter keinen Umständen die Vormundschaft für ihre Kinder haben. Die Eitelkeit der Frauen, auch wenn sie nicht größer sein sollte als die der Männer, hat dieses Übel in sich, dass sie sich auf materielle Dinge richtet, das heißt auf ihre persönliche Schönheit und dann auf Flitter, Prunk und Show. Deshalb sind sie in der Gesellschaft in ihrem richtigen Element. Das ist es, was sie geneigt macht zu sein die sie erben können, wie Kapital, Häuser und Ländereien. Sie brauchen immer einen Vormund; daher sollten sie unter keinen Umständen die Vormundschaft für ihre Kinder haben. Die Eitelkeit der Frauen, auch wenn sie nicht größer sein sollte als die der Männer, hat dieses Übel in sich, dass sie sich auf materielle Dinge richtet, das heißt auf ihre persönliche Schönheit und dann auf Flitter, Prunk und Show. Deshalb sind sie in der Gesellschaft in ihrem richtigen Element. Das ist es, was sie geneigt macht zu sein die sie erben können, wie Kapital, Häuser und Ländereien. Sie brauchen immer einen Vormund; daher sollten sie unter keinen Umständen die Vormundschaft für ihre Kinder haben. Die Eitelkeit der Frauen, auch wenn sie nicht größer sein sollte als die der Männer, hat dieses Übel in sich, dass sie sich auf materielle Dinge richtet, das heißt auf ihre persönliche Schönheit und dann auf Flitter, Prunk und Show. Deshalb sind sie in der Gesellschaft in ihrem richtigen Element. Das ist es, was sie geneigt macht zu sein auf ihre persönliche Schönheit und dann auf Lametta, Pomp und Show. Deshalb sind sie in der Gesellschaft in ihrem richtigen Element. Das ist es, was sie geneigt macht zu sein auf ihre persönliche Schönheit und dann auf Lametta, Pomp und Show. Deshalb sind sie in der Gesellschaft in ihrem richtigen Element. Das ist es, was sie geneigt macht zu seinextravagant , zumal sie wenig Denkvermögen besitzen. Dementsprechend sagt ein alter Schriftsteller: [Griechisch: Gunae to synolon esti dapanaeron physei]. 10 Die Eitelkeit der Männer hingegen richtet sich oft auf immaterielle Vorteile, wie Intellekt, Gelehrsamkeit, Mut und dergleichen. Aristoteles erklärt in der Politik 11die großen Nachteile, die sich die Spartaner zugezogen haben, indem sie ihren Frauen zu viel einräumten, indem sie ihnen das Recht auf Erbschaft und Mitgift und ein großes Maß an Freiheit einräumten; und wie sehr dies zum Fall Spartas beitrug. Kann es nicht sein, dass der Einfluss der Frauen in Frankreich, der seit der Zeit Ludwigs XIII. zugenommen hat, an jener allmählichen Korruption des Hofes und der Regierung schuld war, die zur ersten Revolution führte, von der alle nachfolgenden Unruhen stammen? das Ergebnis? Jedenfalls ist die falsche Stellung des weiblichen Geschlechts, die durch die Existenz der „Dame“ so auffallend entlarvt wird, ein grundlegender Mangel unserer gesellschaftlichen Lage, und dieser Mangel muss, ausgehend von seinem Kern, seinen schädlichen Einfluss ausdehnen in jede Richtung. Dass die Frau von Natur aus gehorchen soll, zeigt sich darin, dass jede Frau, die in die unnatürliche Position absoluter Unabhängigkeit versetzt wird, sich sofort an irgendeinen Mann anschließt, von dem sie kontrolliert und regiert wird; das liegt daran, dass sie einen Meister braucht. Wenn sie jung ist, ist der Mann ein Liebhaber; wenn sie alt ist, ein Priester.
Katholische Psychologie
(griechisch psyche, logos ; lateinisch psychologia ; französisch psychologie ; deutsch Seelenkunde )
Im allgemeinsten Sinne ist Psychologie die Wissenschaft , die sich mit der Seele und ihren Vorgängen befasst. Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurde der Begriff jedoch häufig verwendet, um den letzteren Zweig des Wissens zu bezeichnen – die Wissenschaft der Phänomene des Geistes, der Prozesse oder Zustände des menschlichen Bewusstseins. Darüber hinaus hat sich in der psychologischen Forschung die zunehmende Differenzierung, die für den Fortschritt aller Wissensgebiete in den letzten Jahren charakteristisch ist, in so ausgeprägter Weise manifestiert, dass es bereits streng getrennte Bereiche psychologischer Arbeit gibt, von denen jeder den Anspruch erhebt, als ein anerkannt zu werden getrennte Wissenschaft . Der Begriff Psychologiescheint erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Gebrauch gekommen zu sein (Goclenius, 1590, Casmanns "Psychologia Anthropologica", 1594). Aber die Popularisierung des Namens stammt aus Ch. Wolff im achtzehnten Jahrhundert.
Geschichte
Aristoteles kann wohl als Begründer dieser wie so vieler anderer Wissenschaften angesehen werden, obwohl sie von ihm nicht von der allgemeinen Biologie, die ihrerseits Teil der Physik ist, oder der Naturkunde unterschieden wird. Seine Abhandlung peri psyches ("De Anima") war während zweitausend Jahren praktisch das universelle Lehrbuch der Psychologie, und es lohnt sich immer noch, es zu studieren. Bei der Untersuchung lebenswichtiger Phänomene wandte Aristoteles bis zu einem gewissen Grad alle Methoden der modernen Wissenschaft an : Beobachtung, innere und äußere; Vergleich; Experiment; Hypothese; und Induktion; sowie Deduktion und spekulative Argumentation. Er definiert die Seeleals "Entelechie oder Form eines natürlichen Körpers, der möglicherweise Leben besitzt". Er unterscheidet drei Arten von Seelen oder Lebensstufen, die vegetativen, die sensiblen und die intellektuellen oder rationalen. Beim Menschen schließt das Höhere praktisch das Niedrigere ein. Er untersucht die verschiedenen Funktionen von Ernährung, Appetit, Fortbewegung, sinnlicher Wahrnehmung und Intellekt oder Vernunft. Letzteres ist auf den Menschen beschränkt. Die Wirkung der Sinne wird von ihm ausführlich besprochen; und sorgfältiges anatomisches und physiologisches Studium, sowie sorgfältige introspektive Beobachtung unserer bewussten Prozesse manifestiert. Das Wissen geht von der Empfindung aus, aber der Sinn begreift nur das Konkrete und Einzelne. Es ist die Funktion des Intellektsdie universelle Essenz zu abstrahieren. Es gibt eine radikale Unterscheidung zwischen Denken und Empfindungsfähigkeit. Der Intellekt oder die Vernunft ( Nous ) ist vom Sinn getrennt und unsterblich , obwohl es eines der rätselhaftesten Probleme in der Psychologie des Aristoteles ist , wie genau wir diesen Nous und seine „Getrenntheit“ begreifen sollen. Tatsächlich sind die Lehren des freien Willens und der persönlichen Unsterblichkeit nicht leicht mit Teilen der Lehre des Aristoteles in Einklang zu bringen .
Scholastische Zeit
Es gibt wenig Bemühungen um eine systematische Behandlung der Psychologie von Aristoteles bis zu den mittelalterlichen Philosophen . Für Epikur war die Psychologie ein Zweig der Physik, der einer Theorie der hedonistischen Ethik untergeordnet war. Mit der Einführung des Christentums gewannen bestimmte psychologische Probleme wie die Unsterblichkeit und der Ursprung der Seele , der freie Wille und die moralischen Gewohnheiten sofort eine enorm gesteigerte Bedeutung und erhoben die Abhandlung "De Anima" zu einem der wichtigsten Zweige der Philosophie . Darüber hinaus wird angenommen, dass die Engel in vielerlei Hinsicht Geister sind, die der menschlichen Seele ähnelnals getrennt vom menschlichen Körper konzipiert , wuchs allmählich eine spekulative Theorie über die Natur, Eigenschaften und Wirkungsweise der Engelwesen , die teils auf biblischen Texten beruhte, teils durch analoges Denken aus der menschlichen Psychologie abgeleitet wurde, und erhielt ihre endgültige Ausarbeitung in der Mitte Alter in der metaphysischen Theologie der Scholastiker . Die christlichen Mystiker wurden natürlich dazu gebracht, den Charakter der Gotteserkenntnis der Seele zu betrachten . Aber ihre Behandlung psychologischer Fragen ist im Allgemeinen vage und obskur, während ihre Sprache viel von Allegorie und Symbolik schwelgt. Tatsächlich waren die größten Mystiker nicht mit der Anwendung scholastischer oder wissenschaftlicher Methoden im Umgang mit mystischen Erfahrungen einverstanden. Die große Kontroverse zwischen Realismus und Nominalismus seit dem frühen Mittelalter lenkte viel Aufmerksamkeit auf die Erkenntnistheorie und das Problem der Ideenentstehung . Obwohl man sich auf psychologische Beobachtung berief, waren die erkenntnistheoretischen Diskussionen in dieser Zeit jedoch weitgehend metaphysischer Natur. An Albertus Magnus und St. Thomasdie Popularisierung der Psychologie des Aristoteles in ganz Europa während des dreizehnten Jahrhunderts war hauptsächlich darauf zurückzuführen. In den Fragen lxxv bis xc des Teils I der „Summa Theologica“ gibt St. Thomas eine ziemlich vollständige und systematische Darstellung der wichtigsten Themen, die mit der Seele verbunden sind . Fragen der Biologie, der allgemeinen Metaphysik und der Theologie waren jedoch noch viele Jahrhunderte später ständig mit der Psychologie verwoben. Tatsächlich ist die großzügige Verwendung physiologischer Beweise in psychologischen Diskussionen ein markantes Merkmal in der Behandlung dieses Zweigs der Philosophie in der gesamten Geschichte der scholastischen Philosophie. Aber obwohl es viele Beweise gibtBei der akuten Beobachtung geistiger Aktivitäten richtet sich der übliche Appell in Diskussionen eher auf metaphysische Analyse und deduktive Argumentation als auf systematische introspektive Beobachtung und Induktion, die so charakteristisch für die moderne Psychologie sind. Die Abhandlung „De Anima“ von Francisco Suárez ist ein sehr gutes Beispiel scholastischer Psychologie am Ende des Mittelalters . Die sechs Bücher umfassende Abhandlung beginnt im ersten Buch mit einer Untersuchung über das Wesen der Seele . Unter Bezugnahme auf Aristoteles' Definition der Seele als Form des Körpers untersucht der Autor die Beziehungen zwischen der vegetativen, sensiblen und rationalen Seele. Als nächstes behandelt er in Buch II die Fähigkeiten der Seele im Allgemeinen und ihre Beziehung zur Seele als Essenz. In Buch III untersucht er die Natur und Arbeitsweise der kognitiven Fähigkeiten und insbesondere der Sinne. In Buch IV fragt er nach dem Charakter der Aktivität des Intellekts . In Buch V befasst er sich mit den Fähigkeiten der Appetenz und des freien Willens . Buch VI ist einer spekulativen Betrachtung des Zustandes und der Wirkungsweise der Seele gewidmetin einem zukünftigen Leben. Bei jeder Frage beginnt er mit einer Zusammenfassung früherer Meinungen und schlägt dann seine eigene Lösung vor. Die Reihenfolge der Behandlung, die von der Essenz ausgeht und von dort zu den Fakultäten und ihren Operationen übergeht, ist für die scholastischen Abhandlungen im Allgemeinen charakteristisch. Die Methode ist hauptsächlich deduktiv und die Argumentation metaphysisch, obwohl im Umgang mit den Sinnen ständig auf anerkannte physiologische Autoritäten von Aristoteles bis Vesalius zurückgegriffen wird.
Sowohl in der Psychologie als auch in anderen Zweigen der Philosophie war der Einfluss von Descartes beträchtlich, wenn auch indirekt. Sein subjektiver Ausgangspunkt, cogito, ergo sum , sein Beharren auf methodischem Zweifel , sein Befürworten des Nachdenkens über das Denken und die genaue Prüfung unserer grundlegenden Ideen , all dies tendierte dazu, die Methode der inneren Beobachtung zu fördern, während die mechanische Erklärung des „Traité des Leidenschaften" begünstigte das Aufkommen der physiologischen Psychologie. Es war jedoch wahrscheinlich John Lockes „Essay on the Human Understanding“ (1690), der am meisten dazu beigetragen hat, die Methode der analytischen Selbstbeobachtung zu fördern, die das Hauptmerkmal der modernen psychologischen Methode darstellt.Metaphysik und die vielen schwerwiegenden psychologischen Fehler, von denen dieses Werk wimmelt, doch seine häufige Berufung auf innere Erfahrung, seine ehrlichen Bemühungen, mentale Prozesse zu beschreiben, und die Menge scharfsinniger Beobachtungen, die über das ganze Werk verstreut sind, stammen ebenfalls aus einer Zeit, als es die induktive Methode gab schnell an Popularität gewann, erzielte einen schnellen und breiten Erfolg für sein Buch und gab der gesamten zukünftigen englischen Psychologie eine deutliche empirische Ausrichtung.
Psychologische Beobachtung und Analyse wurden noch geschickter von Bischof Berkeley als Erklärungsprinzip in seiner "Theory of Vision" verwendet und dann von ihm verwendet, um sein psychologisches Glaubensbekenntnis des Idealismus zu begründen . Schließlich hat David Hume, der wahre Begründer der associationistischen Schule der Psychologie, die Bedeutung der Methode der introspektiven Analyse durch die gewagten skeptischen Schlussfolgerungen, die er mit ihren Mitteln zu ziehen behauptete, noch weiter gesteigert. Die späteren britischen Anhänger der Associationist SchoolHartley, die beiden Mills, Bain und Herbert Spencer setzten diese Methode und Tradition in gleicher Weise fort. Es gibt einen ständigen direkten Appell an die innere Erfahrung, verbunden mit dem systematischen Bemühen, die Genese der höchsten, spirituellsten und komplexesten mentalen Vorstellungen bis zu den elementaren atomaren Zuständen des sinnlichen Bewusstseins zurückzuverfolgen. Universelle Ideen , notwendige Wahrheiten , die Ideen von Selbst, Zeit, Raum, Kausalitätsowie die Überzeugung von einer äußeren materiellen Welt wurden alle als Ergebnis von Empfindungen und Assoziationen erklärt. Die Realität aller höheren Tätigkeiten oder Fähigkeiten, die sich wesentlich von den niederen Sinneskräften unterscheiden, wurde geleugnet, und alle Hauptdaten, die früher zur Feststellung der Einfachheit, Geistigkeit und Substanz der Seele verwendet wurden, wurden verworfen. Die rationale oder metaphysische Psychologie wurde daher während des 19. Jahrhunderts praktisch ausgelöscht und aus der englischen philosophischen Literatur gelöscht. Auch die eher orthodoxen Vertreter der schottischen Schule, Reid und Dugald Stewart, die alle metaphysischen Argumente vermieden und versuchten, Hume mit ihren eigenen Berufungsmitteln ausschließlich auf Erfahrung und Beobachtung zu widersprechen, hatten die Tendenz in Richtung einer rein empirischen Psychologie nur weiter bestätigt. Das große Bedürfnis in der englischen psychologischen Literatur während des größten Teils des neunzehnten Jahrhunderts auf Seiten derjenigen, die eine spirituelle Lehre des menschlichen Geistes verteidigten , war eine systematische und gründliche Behandlung der empirischen Psychologie. Hervorragende Arbeiten zu bestimmten Fragen wurden von Martineau, WG Ward und anderen Autoren verfasst, aber fast alle systematischen Abhandlungen über Psychologie wurden von Schülern der sensationistischen oder materialistischen Schulen verfasst. Wenn die Philosophie jedoch auf Erfahrung beruhen soll, dann muss jede zufriedenstellende rationale metaphysische Lehre , die die Natur der Seele , ihren Ursprung und ihr Schicksal respektiert, sicherlich auf den sorgfältig geprüften und gut etablierten Ergebnissen der empirischen Psychologie aufgebaut werden . In ihrer fehlerhaften, wenn auch oft plausiblen Analyse und Interpretation unserer Bewusstseinszustände hatten die größten Irrtümer in der Philosophie und Psychologie von Bain, den beiden Mills, Spencer und ihren Schülern ihre Quelle; Nur durch sorgfältigere introspektive Beobachtung und eine gründlichere Analyse derselben mentalen Tatsachen können diese Irrtümer aufgedeckt und solide Grundlagen für a gelegt werdenwahre metaphysische Psychologie der Seele .
In Frankreich entwickelten Condillac, La Mettrie, Holbach und Bonnet den Sensationalismus von Lockes Psychologie zu einem immer roheren Materialismus . Um sich dieser Schule später zu widersetzen, wandten sich Royer-Collard , Cousin, Jouffroy und Maine de Biran der Arbeit von Reid und der schottischen Schule des „gesunden Menschenverstands“ zu und eigneten sich ihre Methode und Ergebnisse in der empirischen Psychologie an. Einige dieser Autoren versuchten außerdem, ihre Argumentation über die bloßen Induktionen der empirischen Psychologie hinauszuführen, um auf dieser erweiterten Erfahrung eine echte Philosophie der Seele aufzubauen, als „Prinzip“ und Subjekt der Zustände und Aktivitäten, die sich der Introspektive unmittelbar offenbaren Überwachung.
In Deutschland hatte die rein empirische Tendenz, die die Psychologie in England zu einer bloß positivistischen Wissenschaft geistiger Tatsachen herabgesetzt hatte , nicht ganz denselben Erfolg. Metaphysik und eigentliche Philosophie gerieten dort nie in die Degradation, die sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England erlebten. Und obwohl die alte Konzeption einer philosophischen Wissenschaft von der Natur und den Eigenschaften der Seele von Kant verworfen und in den Systemen von Fichte, Schelling und Hegel aufgegeben wurde, hat sich der bloße Phänomenalismus in Deutschland nie vollständig durchgesetzt. Herbart leugnet zwar die Realität der Fähigkeiten, postuliert aber eine einfache Seele als zugrunde liegendes Subjekt der Präsentationen oder Ideen , die unser bewusstes Leben formen. Hermann Lotze betont in ähnlicher Weise die Wichtigkeit der wissenschaftlichen Beobachtung unserer seelischen Zustände und besteht noch stärker darauf, dass unsere introspektive Erfahrung, richtig interpretiert, eine reichliche metaphysische Rechtfertigung für die Lehre von einer immateriellen Seele bietet . Unterdessen führten die früheren Versuche von Herbart, geistige Aktivitäten in mathematischen Formeln auszudrücken, zu einer erfolgreicheren Linie experimenteller Forschung in den Händen von Weber, Fechner, Wundt und anderen. Das Ziel dieser Schuleist es, die mögliche quantitative Messung von Bewusstseinszuständen zu erreichen. Da dies normalerweise nicht direkt möglich ist, wurde viel Fleiß und Einfallsreichtum darauf verwendet, mit Hilfe geschickt entwickelter Instrumente die unmittelbaren körperlichen Vorläufer und Auswirkungen verschiedener geistiger Aktivitäten quantitativ zu messen, wodurch man hofft, genaue quantitative Beschreibungen der Geisteszustände selbst. Psychologische Laboratorien, die sich dieser Art von Forschung widmen, wurden in mehreren Ländern, insbesondere in Deutschland und Amerika, eingerichtet. Eines der bisher erfolgreichsten ist das an der Katholischen Universität Löwen, und ein anderer wurde kürzlich in Washington gegründet. In Großbritannien aber, der besonderen Heimat der empirischen Psychologie seit Locke, hat die neue Bewegung zugunsten der experimentellen Psychologie jedenfalls bis heute nicht viel Erfolg gehabt. Der Fortschritt der physiologischen Wissenschaft , insbesondere des Gehirns und des Nervensystems, hat auch auf die Psychologie zurückgewirkt und eine genauere Untersuchung der Beziehungen zwischen mentalen und körperlichen Prozessen angeregt. Es kann jedoch nicht behauptet werden, dass der Fortschritt der physiologischen Erkenntnisse , so beträchtlich er auch ist, uns der Lösung des großen Problems, wie Körper und Geist aufeinander einwirken, merklich näher gebracht hat. Das Studium der Nervenpathologie, der Geisteskrankheitund von abnormen mentalen Zuständen, wie denen der Hypnose und des Doppelbewußtseins, hat auch neue Gebiete der psychologischen Forschung eröffnet, die sich in den letzten dreißig Jahren ständig erweitert haben.
Umfang der Psychologie
Wie wir bereits bemerkt haben, beschränken neuere Autoren den Begriff Psychologie gewöhnlich auf die Wissenschaft der Phänomene des Geistes. So definiert William James, wahrscheinlich der Psychologe mit dem größten Einfluss während der letzten zwanzig Jahre, die Psychologie als „Die Wissenschaft des geistigen Lebens, sowohl seiner Phänomene als auch ihrer Bedingungen“. ("Grundsätze", I, 1). Wundts Definition lautet: „die Wissenschaft , die den gesamten Inhalt der Erfahrung in ihren Beziehungen zum Subjekt untersucht“. ("Outlines", 3. Aufl., 3). Andere Autoren beschreiben es als „die Wissenschaft der Tatsachen, die von unserem inneren Sinn erfasst werden“, oder wiederum als „die Wissenschaft unserer Bewusstseinszustände, ihrer Gesetzeder Sukzession und Gleichzeitigkeit". Das gemeinsame Merkmal aller dieser Definitionen ist die Beschränkung des Anwendungsbereichs der Psychologie auf die durch Introspektion direkt beobachtbaren Phänomene des Geistes. In dieser Ansicht ist sie eine rein positivistische Wissenschaft , aus der alle philosophischen Probleme ausgeschlossen sind , so rigoros wie aus der Chemie oder Geologie. Es ist in der Tat: la psychologie sans âme . Wenn Fragen wie die Natur, der Ursprung oder das Schicksal der Seele überhaupt diskutiert werden sollen, muss es laut diesen Autoren sein: nicht in der Psychologie, sondern in einem Zweig der Spekulation, der als Metaphysik oder Ontologie des menschlichen Geistes bezeichnet und von dem er vollständig isoliert werden mussWissenschaft .
In direktem Gegensatz zu dieser Ansicht steht die bisher von katholischen Schriftstellern gewöhnlich vertretene. Von ihnen wurde die Psychologie gewöhnlich als einer der wichtigsten Zweige der Philosophie angesehen . Ihrer Ansicht nach kann es am besten als die philosophische Wissenschaft beschrieben werden , die die Natur, Eigenschaften und Aktivitäten der Seele oder des Geistes des Menschen untersucht. Unter Seele oder Geist versteht man das ultimative Prinzip in mir, durch das ich denke, fühle, will und durch das mein Körper belebt wird. Während die Seele und der Geist grundsätzlich als eins betrachtet werden, wird letzterer Begriff gewöhnlich verwendet, um das belebende Prinzip zu bezeichnen, das als Gegenstand meines Bewusstseins oder Geistes betrachtet wirdOperationen; Ersteres bezeichnet es als die Wurzel aller lebenswichtigen Aktivitäten. Indem sie ihren Wissenszweig als philosophische Wissenschaft bezeichnen, wird impliziert, dass die Psychologie nicht nur eine Lehre von den Gesetzen der Sukzession und Gleichzeitigkeit unserer bewussten Zustände umfassen sollte, sondern auch eine Untersuchung ihrer letztendlichen Ursache. Jede adäquate Untersuchung des menschlichen Geistes , so wird behauptet, gliedert sich naturgemäß in zwei Stufen, die empirische oder phänomenale Psychologie und die rationale oder metaphysische Psychologie. Obwohl für die didaktische Behandlung bequem getrennt, sind die beiden organisch miteinander verbunden. Unsere metaphysischen Schlussfolgerungen über die Natur der Seelemuss sich auf den Beweis stützen, den unsere Erfahrung über den Charakter seiner Aktivitäten liefert. Auf der anderen Seite ist jede Anstrengung um eine gründliche Behandlung unseres GeistesOperationen, und insbesondere jeder Erklärungsversuch der höheren Formen oder Produkte des Bewusstseins, so wird nachdrücklich gesagt, ist ohne die Annahme einer metaphysischen Theorie über die Natur des zugrunde liegenden Subjekts oder der Agenten dieser Zustände ziemlich unmöglich. Professor Dewey hat zu Recht bemerkt: „Die im Herzen der Psychologie eingebetteten philosophischen Implikationen werden nicht beseitigt, wenn man sie außer Sichtweite hält. Eine Meinung über die Natur des Geistes und seine Beziehung zur Realität wird sich auf fast jeder Seite zeigen , und die Tatsache, dass diese Meinung ohne die bewusste Absicht des Autors eingeführt wird, kann dazu dienen, sowohl den Autor als auch seinen Leser zu verwirren“ („Psychologie“, IV). Ladd und auch andere erkennen das Übel der „heimlichen“ Metaphysikwenn sie in angeblich rein "wissenschaftliche" nicht-philosophische Behandlungen der Psychologie eingeschmuggelt werden.
Die Psychologie ist hier nicht in der gleichen Position wie die Naturwissenschaften . Während wir eine Frage in der Geologie, Chemie oder Mechanik untersuchen, können wir uns zumindest vorübergehend von unserem metaphysischen Glauben entfernen, aber nicht so – wenn wir nach der Vergangenheit urteilen – wenn wir unsere psychologischen Berichte und Erklärungen von mentalen Produkten wie universellen Konzepten geben , die Begriffe moralische Verpflichtung , Verantwortung, persönliche Identität, Zeit oder die Wahrnehmung einer äußeren materiellen Welt oder das einfache Urteil, zwei und zwei müssen vier ergeben. Daher die Ansicht jener Philosophen , die behaupten, dass die intrinsischen Verbindungen zwischen vielen Fragen der empirischen und rationalen Psychologie so unauflöslich sind, dass sie es nicht sein könnengeschieden , scheint handfeste Gründe zu haben. Natürlich können wir das Studium der Phänomene des Geistes "Psychologie" und das seiner inneren Natur die "Philosophie des Geistes" nennen; und wir können jede in einem separaten Band behandeln. Das ist nur eine Frage der Terminologie und Bequemlichkeit. Aber das Wichtige ist, dass es dem Psychologen bei der erklärenden Behandlung der höheren intellektuellen und rationalen Prozesse praktisch unmöglich sein wird, eine philosophisch neutrale Haltung zu bewahren. Eine wirklich wissenschaftliche Psychologie sollte daher umfassen:
(1) eine gründliche Untersuchung durch introspektive Beobachtung und Analyse unserer verschiedenen geistigen Aktivitäten – kognitive und appetitliche, sinnliche und rationale – mit dem Versuch, alle Produkte des Geistes in ihre ursprünglichen Elemente zurückzuführen, ihre organischen Bedingungen so weit wie möglich zu bestimmen und zu verfolgen die Gesetze ihres Wachstums;
(2) auf der Grundlage der Ergebnisse dieser Studie eine rationale Theorie oder erklärende Darstellung der Art des Agenten oder Subjekts dieser Aktivitäten mit seinen Haupteigenschaften.
Methode der Psychologie
Die primäre Untersuchungsmethode in der empirischen oder phänomenalen Psychologie ist die Introspektion oder reflektierende Beobachtung unserer eigenen mentalen Zustände. Dies ist die ultimative Quelle allen Wissens über mentale Tatsachen; selbst die unmittelbar von anderen Seiten gesammelten Informationen müssen schließlich im Sinne unserer eigenen subjektiven Erfahrung interpretiert werden. Introspektion ist jedoch fehleranfällig ; Folglich muss es mit Sorgfalt eingesetzt und durch alle verfügbaren ergänzenden psychologischen Wissensquellen unterstützt und korrigiert werden . Zu den wichtigsten gehören: die durch Sprache mitgeteilte innere Erfahrung anderer Beobachter; das Studium des menschlichen Geisteswie sie sich in verschiedenen Lebensabschnitten von der Kindheit bis ins hohe Alter und in verschiedenen Rassen und Zivilisationsgraden zeigen; wie in verschiedenen Sprachen und Literaturen verkörpert; und wie es sich beim Fehlen bestimmter Sinne und bei abnormalen oder pathologischen Zuständen wie Träumen, Hypnose und Formen des Wahnsinns offenbart. Darüber hinaus liefern die Anatomie , Physiologie und Pathologie des Gehirns und des Nervensystems wertvolle Daten über die organischen Bedingungen von Bewusstseinszuständen. Experimentelle Psychologie, Psychophysik und Psychometrie verhelfen zu Genauigkeit und Präzision bei der Beschreibung bestimmter Formen des PsychischenAktivität. Und auch das vergleichende Studium der niederen Tiere kann in bezug auf einige Fragen der menschlichen Psychologie eine nützliche Hilfe leisten. Durch die Nutzung dieser verschiedenen Informationsquellen können die Daten, die dem Psychologen durch die introspektive Beobachtung seines eigenen individuellen Geistes geliefert werden, erweitert, geprüft und korrigiert werden und so in einem gewissen Grad den objektiven und universellen Charakter der Beobachtungen erhalten, auf denen er basiert die physikalischen Wissenschaften werden aufgebaut. Introspektion wird häufig als subjektive Methode bezeichnet, diese anderen Informationsquellen als ergänzende objektive Methoden psychologischer Studien.
Zweige der Psychologie
Tatsächlich haben sich einige von ihnen schnell zu so großen und wichtigen Forschungsgebieten entwickelt, dass sie heute den Anspruch erheben, als spezielle Abteilungen der Psychologie oder sogar als eigenständige Wissenschaften anerkannt zu werden. So haben wir vergleichende Psychologie einschließlich Tierpsychologie, Kinderpsychologie und Rassenpsychologie. Wieder Psychiatrie oder Psychopathologie, die Wissenschaft von Geisteskrankheiten , auch physiologische Psychologie, die im weiteren Sinne alle systematischen Studien der organischen Bedingungen des Seelenlebens umfasst , oder, wie Ladd es definiert, „Psychologie, die von der physiologischen Seite her angegangen und studiert wird ".
Experimentelle Psychologie
Ein besonderes Fachgebiet der physiologischen Psychologie, das in letzter Zeit in einigen Ländern rasch an Popularität gewonnen hat, ist die experimentelle Psychologie, auf die wir oben in unserer historischen Skizze anspielten. Es wird manchmal von seinen enthusiastischeren Anhängern als "Neue Psychologie" bezeichnet. Es versucht, Genauigkeit und einen objektiven Standard in der Beschreibung mentaler Zustände zu gewährleisten, indem es ihre Bedingungen durch geschickte Geräte und ausgeklügelte Apparate kontrolliert. Sein Haupterfolg bestand bisher in seinen Bemühungen, die unterschiedliche Intensität von Empfindungen, die Feinheit der Sinnesorgane und die "Reaktionszeit" oder die Schnelligkeit der Reaktion einer Fakultät auf Stimulation zu messen. Bestimmte Eigenschaften des Gedächtnisses sind auch zum Gegenstand von Messexperimenten gemacht worden, und in jüngerer Zeit wurde beträchtlicher Fleiß darauf verwendet,Würzburger Schule , einige Aspekte der höheren Verstandes- und Willenstätigkeit in den Bereich des Laborapparates zu bringen. Sowohl über den gegenwärtigen Wert als auch über die Zukunftsaussichten der experimentellen Psychologie gehen die Meinungen noch weit auseinander. Während Wundt, der Anführer der neuen Bewegung in den letzten fünfzig Jahren, die einzige Hoffnung auf psychologischen Fortschritt in die experimentelle Methode setzt, urteilte William James über die gesamte Literatur zu diesem Thema seit Fechner (1840), dass „ihr richtiges psychologisches Ergebnis ist einfach gar nichts" ("Principles", I, 534). Abgesehen jedoch von den sehr bescheidenen positiven Ergebnissen, vor allem in den höheren mentalen FormenLeben, das die experimentelle Methode erreicht hat oder in der Zukunft erreichen wird, kann sich ihre Ausübung dennoch als wertvolles Mittel in der Ausbildung des psychologischen Spezialisten erweisen, sowohl um seine Wertschätzung für den Wert der genauesten Genauigkeit bei der Beschreibung mentaler Zustände zu steigern, und auch, indem er in ihm Gewohnheiten der Genauigkeit und des Geschicks in der systematischen Selbstbeobachtung fördert.
Einstufung
Die Fakultäten
In der empirischen Psychologie besteht bei modernen Schriftstellern der nächste Schritt nach der Bestimmung der Methode der Wissenschaft darin, eine Klassifikation der Phänomene des Seelenlebens zu versuchen . In der scholastischen Philosophie war die äquivalente Operation die systematische Teilung der Fakultäten der Seele . Abgesehen von vegetativen und motorischen Kräften übernahmen die Scholastiker in Anlehnung an Aristoteles eine Zweiteilung der Fähigkeiten in Erkenntnis und Appetenz. Erstere unterteilten sie in sinnliche und intellektuelle oder rationale. Die sinnlichen Fähigkeiten unterteilen sie wiederum in die fünf äußeren Sinne und die inneren Aktivitäten der Imagination , des sinnlichen Gedächtnisses,sensus communis und vis cogitativa . Aber über die Zahl, den Charakter und die Grenzlinien dieser inneren Formen der sinnlichen Erkenntnis herrschte viel Uneinigkeit. Meinungsverschiedenheiten gab es auch darüber, welche Natur die Fähigkeiten überhaupt an sich haben und inwieweit zwischen den Fähigkeiten und dem Wesen der Seele eine distinktio realis besteht . Aber andererseits bestand allgemeine Übereinstimmung über einen wesentlichen Unterschied zwischen allen sinnlichen und intellektuellen oder geistigen Kräften des Geistes. Der Besitz des letzteren bildet die Differenz , die den Menschen von den irrationalen Tieren trennt.
Inhalte der empirischen Psychologie
Der Psychologe beginnt natürlich mit der Behandlung der Empfindungsphänomene. Die verschiedenen Sinne, ihre organische Struktur und Funktion, die verschiedenen Formen empfindungsfähiger Aktivität mit ihren kognitiven, hedonischen und appetitlichen Eigenschaften und ihren besonderen Merkmalen müssen sorgfältig analysiert, verglichen und beschrieben werden. Als nächstes werden Vorstellungskraft und Gedächtnis in ähnlicher Weise untersucht und die Gesetze ihrer Funktionsweise, ihres Wachstums und ihrer Entwicklung gewissenhaft verfolgt. Die Diskussion des organischen AppetitsEmpfindungen entspringend, und die Untersuchung der Natur und der Bedingungen der elementarsten Formen von Lust und Unlust mögen ebenfalls hierher kommen. Intellekt folgt. Die Berücksichtigung dieser Fähigkeit umfasst das Studium der Prozesse der Konzeption, des Urteilsvermögens, des logischen Denkens, der rationalen Aufmerksamkeit und der selbstbewussten Reflexion. Dies sind jedoch alles nur unterschiedliche Funktionen derselben spirituellen Erkenntniskraft – des Intellekts . Die Psychologie fragt nach ihrer Funktionsweise, ihren Besonderheiten und den Rahmenbedingungen ihres Wachstums und ihrer Entwicklung. Von der höheren Erkenntniskraft geht es weiter zum Studium der spirituellen Appetenz, des rationalen Verlangens und des freien Willens. Die Beziehungen des Willens zum Wissen, die Qualitäten konativer Aktivität und die Wirkungen wiederholter Willensbildungen bei der Hervorbringung von Gewohnheiten bilden hier die Hauptgegenstände der Untersuchung. In Verbindung mit diesen höheren Formen des Erkennens und Begehrens wird natürlich das Studium des Gewissens und der Phänomene der Emotionen unternommen.
Genetische Behandlung ein markantes Merkmal der modernen empirischen Psychologie
Das ständige Ziel der modernen Psychologie ist es, alle komplexen mentalen Operationen in ihre einfachsten Elemente zu zerlegen und alle erworbenen oder zusammengesetzten Gewohnheiten und Fähigkeiten bis zu ihrem ersten Anfang zurückzuverfolgen und zu zeigen, wie sie aus den wenigsten Originalen entstanden sind oder entstanden sein könnten Fähigkeiten oder grundlegende Aktivitäten des Geistes. Dies ist ein solides wissenschaftliches Verfahren, das im scholastischen Aphorismus Entia non sunt multiplicanda prœter necessitatem anerkannt wird . Wir dürfen für keinen Geisteszustand , der sich aus dem Zusammenwirken bereits erkannter Seelentätigkeiten erklären läßt, eine besondere Fähigkeit postulieren. Aber die Arbeit und Sachkenntnis, die während der letzten anderthalb Jahrhunderte diesem kombinierten analytischen und synthetischen Verfahren gewidmet wurden, hat ein Merkmal der modernen Psychologie entwickelt, durch das sie sich auf die deutlichste Weise von diesem des Mittelalters und von Aristoteles unterscheidet . Die heutige Behandlung ist ausgesprochen genetisch bedingt. Während die Scholastiker in ihrer Darstellung mentaler Operationen, wie Wahrnehmung, Empfängnis oder Verlangen, diese Prozesse fast ausschließlich als vom normalen erwachsenen Menschen ausgelöst betrachteten, der bereits im vollen Besitz und unter Kontrolle des gereiften Mentalen istDas Hauptinteresse des modernen Psychologen besteht darin, das Wachstum dieser Kräfte von ihren ersten und einfachsten Manifestationen in der Kindheit an zu verfolgen und zu unterscheiden, was das Produkt von Erfahrung und erworbenen Gewohnheiten ist, von dem, was das unmittelbare Ergebnis der angeborenen Fähigkeiten von ist die Seele . Dies wird besonders deutlich, wenn wir die Behandlung der mentalen Operation der Wahrnehmung, wie sie in den meisten scholastischen Lehrbüchern gegeben wird, mit derjenigen vergleichen, die in jedem modernen Handbuch der Psychologie zu finden ist. Die Sichtweise ist meist ganz anders. Da viele der plausibelsten modernen Angriffe auf die scholastische psychologische Lehre auf diese Weise erfolgten, wurde die genetische Behandlung von den Thomisten vorgenommenStandpunkt vieler psychologischer Fragen scheint uns zu den vordringlichsten Aufgaben zu gehören, die heutzutage dem neuscholastischen Psychologen auferlegt werden. Der Wert einer solchen Arbeit scheint vom philosophischen Standpunkt aus deutlich größer zu sein als der aller Ergebnisse, die in der quantitativen experimentellen Psychologie wahrscheinlich erzielt werden. Offensichtlich gibt es nichts in der thomistischen Vorstellung von der Seele und ihren Wirkungen, die mit einer sorgfältigen Untersuchung der Entfaltung ihrer verschiedenen Fähigkeiten und Kräfte unvereinbar wäre.
Rationale Psychologie
Von dem Studium des Charakters der Aktivitäten des Geistes in der experimentellen Psychologie geht der Student nun dazu über, die Natur des Prinzips zu untersuchen, von dem sie ausgehen. Dies bildet die mehr philosophische oder metaphysische Teilung der Wissenschaft . Denn die Analyse und Erklärung der höheren Formen und Produkte geistiger Tätigkeit, zu deren Durchführung der wissenschaftliche Psychologe auch in der phänomenalen Psychologie genötigt ist, beinhaltet, wie wir bereits angedeutet haben, metaphysische Annahmen und Schlussfolgerungen, denen er sich nicht entziehen kann – schon gar nicht durch bloßes Ignorieren Sie. Dennoch wird er in dieser zweiten Phase die logischen Konsequenzen formell entwickeln, zu denen seine vorherige Untersuchung der verschiedenen Formen vongeistige Aktivität führen. Seine Methode wird hier sowohl induktiv als auch deduktiv sein ; sowohl analytisch als auch synthetisch. Er argumentiert von der Wirkung zur Ursache. Aus dem Charakter der bereits mit so viel Sorgfalt untersuchten geistigen Tätigkeiten schließt er nun auf die Natur des Gegenstandes, zu dem sie gehören. Aus dem, was der Verstand tut, versucht er zu lernen, was er ist. Insbesondere schließt er aus der einfachen spirituellen Natur der höheren Verstandes- und Willenstätigkeiten, dass das Wesen, das letzte Prinzip, von dem sie ausgehen, einfacher und spiritueller Natur sein muss. Folglich kann es nicht das Gehirn oder irgendeine körperliche Substanz sein. Die Einfachheit und Spiritualität der Seele etabliert zu haben, fährt er fort, weitere Schlussfolgerungen hinsichtlich seines Ursprungs, der Art seiner Vereinigung mit dem Körper und seiner zukünftigen Bestimmung abzuleiten. Auf diese Weise behaupten die scholastischen Denker durch rationale Argumente zu beweisen, dass die menschliche Seele nur durch Schöpfung entstanden sein kann, dass sie von Natur aus unbestechlich ist und dass die grenzenlosen Bestrebungen des Intellekts , die unersättlichen Sehnsüchte des Willens und die tiefsten Überzeugungen von die moralische Vernunft alle zusammen, um ein zukünftiges Leben der Seele nach dem Tod zu begründen.
EPISCHER ZYKLUS, FRAGMENTE
DER KRIEG DER TITANEN
FRAGMENT 1 - HECATONCHEIRES & CYCLOPES
Photius, Inbegriff der Chrestomathie des Proklos:
Der epische Zyklus beginnt mit der sagenumwobenen Vereinigung von Himmel und Erde, durch die sie ihm drei hunderthändige Söhne und drei Zyklopen zur Welt bringen.
FRAGMENT 2 - URANUS
Anekdote Oxon. (Cramer) i. 75:
Laut dem Verfasser des Krieges der Titanen war der Himmel der Sohn des Äthers.
FRAGMENT 3 - AEGÄON
Scholiast über Apollonius Rhodius, Arg. ich. 1165:
Eumelus sagt, dass Aegaeon der Sohn der Erde und des Meeres war und mit seiner Wohnung im Meer ein Verbündeter der Titanen war.
FRAGMENT 4
Athenäus, VII. 277 D:
Der Dichter des Titanenkrieges, ob Eumelus von Korinth oder Arctinus, schreibt in seinem zweiten Buch so: „Auf dem Schild schwammen stumme Fische mit goldenen Gesichtern durch das himmlische Wasser.“
FRAGMENT 5 - ZEUS
Athenäus, ich. 22 C:
Eumelus stellt irgendwo den tanzenden Zeus vor: er sagt: „In ihrer Mitte tanzte der Vater der Menschen und Götter.“
FRAGMENT 6 - CRONUS UND PHILYRA
Scholiast über Apollonius Rhodius, Arg. ich. 554:
Der Autor des Krieges der Giganten sagt, dass Cronos die Gestalt eines Pferdes annahm und bei Philyra, der Tochter des Ozeans, lag. Aus diesem Grund wurde Cheiron als Zentaur geboren: Seine Frau war Chariclo.
FRAGMENT 7 - HERAKLES
Athenäus, xi. 470 B:
Theolytus sagt, dass er (Herakles) in einem Kessel über das Meer segelte; aber der erste, der diese Geschichte erzählt, ist der Autor des Krieges der Titanen .
FRAGMENT 8 - DIE HESPERIDEN
Philodemus, On Piety:
Der Autor des Krieges der Titanen sagt, dass die Äpfel (der Hesperiden) bewacht wurden.
DIE GESCHICHTE VON ÖDIPUS
FRAGMENT 1
CIG Ital. et Sic. 1292. ii. 11:
.... die Geschichte von Ödipus von Cinaethon in sechstausendsechshundert Versen.
FRAGMENT 2 - ÖDIPUS UND EURYGANEIA
Pausanias, ix. 5.10:
Nach Homer zu urteilen, glaube ich nicht, dass Ödipus Kinder von Iocasta hatte: Seine Söhne wurden von Euryganeia geboren, wie der Autor des Epos namens Die Geschichte von Ödipus deutlich zeigt.
FRAGMENT 3 - DIE SPHINX
Scholiast über Euripides Phön., 1750:
Die Verfasser der Sphinx- Geschichte (sagen) von Ödipus : "Aber außerdem (sie tötete) den edlen Haemon, den lieben Sohn des untadeligen Kreon, den anmutigsten und lieblichsten Knaben."
DIE THEBAID
FRAGMENT 1
Wettstreit von Homer und Hesiod:
Homer reiste umher und rezitierte seine Epen, zuerst die Thebais , in siebentausend Versen, die beginnt: „Singe, Göttin, des ausgedörrten Argos, woher Herren …“
FRAGMENT 2 - ÖDIPUS UND POLYNEIKES
Athenäus, xi. 465 E:
„Dann stellte der himmlische Held, der goldhaarige Polyneikes, zuerst neben Ödipus einen reichen Silbertisch, der einst Cadmus, dem göttlichen Weisen, gehörte: als nächstes füllte er einen feinen goldenen Becher mit süßem Wein. Aber als Ödipus diese wahrnahm Schätze seines Vaters, großes Elend befiel sein Herz, und alsbald rief er bittere Flüche dort nieder in Gegenwart seiner beiden Söhne, und der rächende Zorn der Götter überhörte ihn, als er betete, sie mögen sich nie trennen die Güter ihres Vaters in liebevoller Brüderlichkeit, aber dass Krieg und Kampf immer der Anteil von ihnen beiden sein könnten.
FRAGMENT 3 - ÖDIPUS UND POLYNEIKES
Laurentian Scholiast über Sophokles, OC 1375:
„Und als Ödipus die Hüfte bemerkte, warf er sie auf den Boden und sagte: ‚Oh! Oh! unsterbliche Götter, dass jeder durch die Hand seines Bruders fallen und in das Haus des Hades hinabsteigen könnte.
FRAGMENT 4 - ADRASTUS UND AREION
Pausanias, viii. 25.8:
Adrastos floh aus Theben „in jämmerlichen Gewändern und nahm den schwarzmähnigen Areion mit“.
FRAGMENT 5 - ADRASTUS
Pindar, Ol. vi. 15 (der nach Asklepiades die Passage aus dem „Thebais“ ableitet):
„Als aber die sieben Toten in Theben ihre letzte Ölung empfangen hatten, klagte der Sohn des Talaus und sprach so unter ihnen: ‚Wehe mir, denn ich vermisse das helle Auge meines Gastgebers, ein guter Seher und ein stämmiger Speerkämpfer gleichermaßen.'"
FRAGMENT 6 - OENEUS UND PERIBOEA
Apollodoros, ich. 74:
Oineus heiratete Periboea, die Tochter des Hipponous. Der Autor der Thebais sagt, dass Oineus sie als Preis erhielt, als Olenus gestürmt worden war.
FRAGMENT 7 - PARTHENOPÄUS
Pausanias, ix. 18.6:
In der Nähe der Quelle befindet sich das Grab des Asphodicus. Dieser Asphodicus tötete Parthenopaeus, den Sohn des Talaus, im Kampf gegen die Argiver, wie die Thebaner sagen; obwohl der Teil des Thebais , der vom Tod von Parthenopaeus erzählt, sagt, dass es Periclymenus war, der ihn getötet hat.
DIE EPIGONI
FRAGMENT 1
Wettbewerb von Homer und Hesiod:
Als nächstes (Homer komponierte) die Epigonen in siebentausend Versen, beginnend mit "Und nun, Musen, lasst uns anfangen, von jüngeren Männern zu singen."
FRAGMENT 2 - TEUMESSISCHER FUCHS
Photius, Lexikon:
Teumesia. Diejenigen, die über thebanische Angelegenheiten geschrieben haben, haben einen vollständigen Bericht über den teumesischen Fuchs gegeben. Sie erzählen, dass die Kreatur von den Göttern gesandt wurde, um die Nachkommen von Cadmus zu bestrafen, und dass die Thebaner daher die aus dem Hause Cadmus vom Königtum ausschlossen. Aber (sie sagen) ein gewisser Cephalus, der Sohn von Deion, ein Athener, der einen Hund besaß, dem kein Tier jemals entkommen konnte, hatte versehentlich seine Frau Procris getötet und wurde von dem Mord durch die Cadmeaner gereinigt und jagte den Fuchs mit seinem Hund , und als sie es eingeholt hatten, wurden Hund und Fuchs in der Nähe von Teumessus in Steine verwandelt. Diese Autoren haben die Geschichte aus dem Epic Cycle genommen.
FRAGMENT 3 - MANTO
Scholiast über Apollonius Rhodius, Arg. ich. 308:
Die Autoren der Thebais sagen, dass Manto, die Tochter des Teiresias, von den Epigonern als erste Frucht ihrer Beute nach Delphi geschickt wurde, und dass sie gemäß einem Orakel des Apollo auszog und Rhacius, den Sohn von Lebes, traf. ein Mykener nach Rasse. Diesen Mann heiratete sie – denn das Orakel enthielt auch den Befehl, dass sie jeden heiraten sollte, den sie treffen könnte – und als sie nach Kolophon kam, war dort viel niedergeschlagen und weinte über die Zerstörung ihres Landes.
DIE CYPRIA
FRAGMENT 1 - SYNOPSIS
Proclus, Chrestomathia, i:
Dies wird fortgesetzt durch das Epos namens Cypria , das elf Bücher umfasst. Sein Inhalt ist wie folgt. Zeus plant mit Themis, den Trojanischen Krieg herbeizuführen. Streit kommt, während die Götter bei der Hochzeit von Peleus feiern, und beginnt einen Streit zwischen Hera, Athene und Aphrodite darüber, wer von ihnen die Schönste ist. Die drei werden von Hermes auf Befehl des Zeus zur Entscheidung zu Alexandrus auf den Berg Ida geführt, und Alexandrus, angelockt durch seine versprochene Heirat mit Helen, entscheidet sich für Aphrodite. Dann baut Alexandrus seine Schiffe auf Vorschlag von Aphrodite, und Helenus sagt ihm die Zukunft voraus, und Aphrodite befiehlt Aeneas, mit ihm zu segeln, während Kassandra prophezeit, was danach passieren wird.
Als nächstes landet Alexandrus in Lacedaemon und wird von den Söhnen des Tyndareus und später von Menelaos in Sparta bewirtet, wo er im Laufe eines Festes Helena Geschenke macht. Danach segelt Menelaos nach Kreta und befiehlt Helen, die Gäste bis zu ihrer Abreise mit allem auszustatten, was sie benötigen. Inzwischen bringt Aphrodite Helena und Alexandrus zusammen, und sie bringen nach ihrer Vereinigung sehr große Schätze an Bord und segeln nachts davon. Hera entfacht einen Sturm gegen sie und sie werden nach Sidon getragen, wo Alexandrus die Stadt einnimmt. Von dort segelte er nach Troja und feierte seine Hochzeit mit Helen.
In der Zwischenzeit wurden Kastor und Polydeukes beim Diebstahl des Viehs von Idas und Lynkeus auf frischer Tat ertappt, und Kastor wurde von Idas und Lynkeus und Idas von Polydeukes getötet. Zeus gab ihnen jeden zweiten Tag Unsterblichkeit. Als nächstes informiert Iris Menelaos darüber, was in seinem Haus passiert ist. Menelaos kehrt zurück und plant mit seinem Bruder einen Feldzug gegen Ilion und geht dann weiter zu Nestor. Nestor erzählt ihm in einem Exkurs, wie Epopeus völlig zerstört wurde, nachdem er die Tochter von Lycus verführt hatte, und die Geschichte von Ödipus, der Wahnsinn von Herakles und die Geschichte von Theseus und Ariadne. Dann reisen sie über Hellas und sammeln die Anführer, entdecken Odysseus, als er vorgibt, verrückt zu sein, und sich der Expedition nicht anschließen möchten, indem sie auf Vorschlag von Palamedes seinen Sohn Telemachus zur Bestrafung ergreifen. Alle Anführer treffen sich dann in Aulis und opfern. Der Vorfall der Schlange und der Sperlinge findet vor ihnen statt, und Calchas sagt voraus, was geschehen wird. Danach stachen sie in See und erreichten Teuthrania und plünderten es, um es für Ilium zu nehmen. Telephus kommt zur Rettung heraus und tötet Thersander und den Sohn von Polyneikes und wird selbst von Achilles verwundet. Als sie aus Mysien ausziehen, kommt ein Sturm über sie und zerstreut sie, und Achilles zieht zuerst in Skyros ein und heiratet Deidameia, die Tochter von Lycomedes, und heilt dann Telephos, der von einem Orakel geführt worden war, um nach Argos zu gehen, so dass er könnte ihr Führer auf der Reise nach Ilium sein. Als sich die Expedition ein zweites Mal bei Aulis versammelt hatte, schoss Agamemnon während der Jagd einen Hirsch und rühmte sich, er habe sogar Artemis übertroffen. Darüber war die Göttin so wütend, dass sie stürmische Winde schickte und sie am Segeln hinderte. Calchas erzählte ihnen dann vom Zorn der Göttin und befahl ihnen, Iphigeneia Artemis zu opfern. Dies versuchen sie zu tun, indem sie Iphigeneia holen lassen, als ob sie mit Achilles heiraten würden. Artemis entriss sie jedoch und transportierte sie zu den Tauri, machte sie unsterblich und stellte einen Hirsch anstelle des Mädchens auf den Altar.
Als nächstes segeln sie bis nach Tenedos: und während sie speisen, wird Philoctetes von einer Schlange gebissen und wegen des Gestanks seiner Wunde in Lemnos zurückgelassen. Auch hier streitet sich Achilles mit Agamemnon, weil er zu spät eingeladen wird. Dann versuchten die Griechen, bei Ilium zu landen, aber die Trojaner hinderten sie daran, und Protesilaus wurde von Hector getötet. Achilles tötet dann Cycnus, den Sohn von Poseidon, und treibt die Trojaner zurück. Die Griechen nehmen ihre Toten auf und schicken Gesandte zu den Trojanern, die die Herausgabe von Helen und dem Schatz mit ihr fordern. Die Trojaner weigern sich und stürmen zuerst die Stadt, dann ziehen sie aus und verwüsten das Land und die Städte ringsum. Danach möchte Achilles Helen sehen, und Aphrodite und Thetis erfinden ein Treffen zwischen ihnen. Die Achäer wollen als nächstes nach Hause zurückkehren, werden aber von Achilles zurückgehalten. der später das Vieh von Aeneas vertreibt und Lyrnessus und Pedasus und viele der benachbarten Städte plündert und Troilus tötet. Patroklos entführt Lycaon nach Lemnos und verkauft ihn als Sklaven, und aus der Beute erhält Achilles Briseis als Preis und Agamemnon Chryseis. Dann folgt der Tod von Palamedes, der Plan von Zeus, die Trojaner zu entlasten, indem er Achilles von der hellenischen Konföderation löste, und ein Katalog der trojanischen Verbündeten.
FRAGMENT 2
Tzetzes, Chil. xiii. 638:
Stasinus komponierte die Cypria , von der die meisten sagen, dass sie Homers Werk war und von ihm Stasinus als Mitgift mit Geld dazu gegeben wurde.
FRAGMENT 3 - DER PLAN DES ZEUS
Scholiast über Homer, Il. ich. 5:
„Es gab eine Zeit, als die unzähligen Stämme der Menschen, obwohl weit verstreut, die Oberfläche der Erde mit tiefem Busen bedrückten, und Zeus sah es und hatte Mitleid und beschloss in seinem weisen Herzen, die alles nährende Erde zu entlasten Männer, indem sie den großen Kampf des Ilianischen Krieges verursachten, damit die Last des Todes die Welt entleeren könnte. Und so wurden die Helden in Troja getötet, und der Plan des Zeus ging in Erfüllung.“
FRAGMENT 4 - THETIS UND ZEUS
Volumina Herculan, II. VIII. 105:
Der Autor der Cypria sagt, dass Thetis, um Hera zu gefallen, die Vereinigung mit Zeus vermieden hat, worüber er wütend war und schwor, dass sie die Frau eines Sterblichen sein sollte.
FRAGMENT 5 - PELEUS UND THETIS
Scholiast über Homer, Il. xvii. 140:
Denn bei der Hochzeit von Peleus und Thetis versammelten sich die Götter auf dem Pilion zum Festessen und brachten Peleus Geschenke. Cheiron gab ihm einen kräftigen aschfarbenen Schaft, den er für einen Speer geschnitten hatte, und Athena, so heißt es, polierte ihn, und Hephaistos setzte ihm einen Kopf ein. Die Geschichte wird vom Autor der Cypria gegeben .
FRAGMENT 6 - APHRODITE UND DAS URTEIL VON PARIS
Athenäus, xv. 682 D, F:
Der Autor der Cypria , ob Hegesias oder Stasinus, erwähnt Blumen, die für Girlanden verwendet wurden. Der Dichter, wer auch immer er war, schreibt in seinem ersten Buch:
„Sie bekleidete sich mit Gewändern, die die Grazien und Stunden für sie gemacht hatten, und färbte sie mit Frühlingsblumen – solchen Blumen, wie sie die Jahreszeiten tragen – mit Krokussen und Hyazinthen und blühendem Veilchen und der lieblichen Blüte der Rose, so süß und köstlich, und himmlische Knospen, die Blumen der Narzisse und Lilie. In solche duftenden Gewänder ist Aphrodite zu allen Jahreszeiten gekleidet. ((Lücke)) Da flochten die lachende Aphrodite und ihre Mägde duftende Kronen aus Blumen der Erde und setzten sie auf ihre Köpfe – die strahlend frisierten Göttinnen, die Nymphen und Grazien und auch die goldene Aphrodite, während sie auf dem Berg der vielbrunnigen Ida süß sangen.
FRAGMENT 7 - DIE DIOSCURI
Clemens von Alexandria, Protrept ii. 30. 5:
"Castor war sterblich, und das Schicksal des Todes war ihm bestimmt; aber Polydeukes, Nachkomme von Ares, war unsterblich."
FRAGMENT 8 - ZEUS UND NEMESIS
Athenäus, viii. 334 B:
„Und nach ihnen gebar sie ein drittes Kind, Helena, ein Wunder für Männer. Die reichhaarige Nemesis brachte einst ihr Kind zur Welt, als sie sich durch harte Gewalt in Zeus, den König der Götter, verliebt hatte. Denn Nemesis versuchte es entfloh ihm und liebte es nicht, in ihren Vater Zeus, den Sohn des Kronos, verliebt zu sein, denn Scham und Empörung quälten ihr Herz, darum floh sie vor ihm über Land und fruchtloses dunkles Wasser, aber Zeus verfolgte und sehnte sich in seinem Herzen immer danach, sie zu fangen Jetzt nahm sie die Gestalt eines Fisches an und raste über die Wellen des laut tosenden Meeres, und jetzt über den Strom des Ozeans und die äußersten Grenzen der Erde, und jetzt raste sie über das zerfurchte Land und verwandelte sich immer in solch schreckliche Kreaturen wie die trockenes Land nährt, damit sie ihm entkommen könnte.“
FRAGMENT 9 - SÖHNE VON HELEN
Scholiast über Euripides, Andr. 898:
Der Autor der Cyprian Histories sagt, dass (Helens drittes Kind) Pleisthenes war und dass sie ihn mit nach Zypern nahm und dass das Kind, das sie Alexandrus gebar, Aganus war.
FRAGMENT 10 - PARIS UND HELEN
Herodot, II. 117:
Denn es heißt in Cypria , dass Alexandrus mit Helena in drei Tagen von Sparta nach Ilium kam und sich eines günstigen Windes und einer ruhigen See erfreute.
FRAGMENT 11 - THESEUS UND HELEN
Scholiast über Homer, Il. iii. 242:
Denn Helena war zuvor von Theseus verschleppt worden, und infolge dieser früheren Vergewaltigung wurde Aphidna, eine Stadt in Attika, geplündert und Castor wurde von Aphidnus, der zu dieser Zeit König war, am rechten Oberschenkel verwundet. Dann plünderten die Dioskuren, die Theseus nicht fanden, Athen. Die Geschichte ist in den zyklischen Schriftstellern.
Plutarch, Thes. 32:
Hereas berichtet, dass Alycus von Theseus selbst in der Nähe von Aphidna getötet wurde, und zitiert die folgenden Verse als Beweis: „Im weiträumigen Aphidna erschlug Theseus ihn vor langer Zeit im Kampf um der reichhaarigen Helena willen.“
FRAGMENT 12 - LYNCEUS UND DIE DIOSCURI
Scholiast auf Pindar, Nem. x. 114:
„Geradewegs machte sich Lynkeus, vertrauend auf seine schnellen Füße, auf den Weg nach Taygetus. Er erklomm seinen höchsten Gipfel und blickte über die ganze Insel des Pelops, Sohn des Tantalus; und bald sah der glorreiche Held mit seinen furchterregenden Augen den Pferdezähmenden Kastor und Athleten Polydeukes beide in einer hohlen Eiche versteckt."
Philodemus, On Piety:
(Stasinus?) schreibt, dass Castor mit einem Speerschuss von Idas, dem Sohn des Aphareus, getötet wurde.
FRAGMENT 13
Athenaeus, 35 C:
"Menelaos, wisse, dass die Götter Wein zum besten Mittel für Sterbliche gemacht haben, um Sorgen zu zerstreuen."
FRAGMENT 14 - TÖCHTER VON AGAMEMNON
Laurentian Scholiast über Sophokles, Elect. 157:
Entweder folgt er Homer, der von den drei Töchtern Agamemnons sprach, oder er macht sie – wie der Verfasser der Cypria – zu vieren, (unter Unterscheidung) Iphigeneia und Iphianassa.
FRAGMENT 15 - AGAMEMNON
Streit von Homer und Hesiod:
"So feierten sie den ganzen Tag und nahmen nichts aus ihren eigenen Häusern; denn Agamemnon, der König der Menschen, versorgte sie."
FRAGMENT 16 - ACHILLES
Louvre Papyrus:
"Ich hätte nie gedacht, das starke Herz von Achilles so schrecklich zu erzürnen, denn ich habe ihn sehr geliebt."
FRAGMENT 17 - PROTESILAUS UND POLYDORA
Pausanias, iv. 2. 7:
Der Dichter der Cypria sagt, dass die Frau des Protesilaus, die, als die Hellenen das trojanische Ufer erreichten, zuerst an Land wagte, Polydora hieß und die Tochter des Meleager, des Sohnes des Oineus, war.
FRAGMENT 18 - CHRYSEIS
Eustathius, 119. 4:
Einige berichten, dass Chryseis aus Hypoplacian Thebes genommen wurde und dass sie dort nicht Zuflucht gesucht hatte oder dorthin gegangen war, um Artemis zu opfern, wie die Autorin der Cypria -Staaten, sondern einfach eine Mitbürgerin von Andromache war.
FRAGMENT 19 - PALAMEDES
Pausanias, x. 31. 2:
Ich weiß, weil ich es im Epos Cypria gelesen habe , dass Palamedes ertrunken war, als er zum Fischen ausgegangen war, und dass es Diomedes und Odysseus waren, die seinen Tod verursachten.
FRAGMENT 20 - ZEUS
Plato, Euthyphron, 12 A:
„Dass es Zeus war, der dies getan und all diese Dinge zustande gebracht hat, sagt man nicht gern; denn wo Furcht ist, da ist auch Scham.“
FRAGMENT 21 - DIE GORGONS
Herodian, On Peculiar Diction:
"Von ihm empfing und gebar sie die Gorgonen, furchterregende Monster, die in Sarpedon lebten, einer felsigen Insel im tiefwirbelnden Oceanus."
FRAGMENT 22
Clemens von Alexandria, Stromateis vii. 2. 19:
Wieder sagt Stasinus: "Er ist ein einfacher Mann, der den Vater tötet und die Kinder leben lässt."
Die Äthiopien
FRAGMENT 1 - SYNOPSIS
Proclus, Chrestomathia, ii:
The Cypria , beschrieben im vorhergehenden Buch, hat seine Fortsetzung in der Ilias von Homer, der wiederum die fünf Bücher der Aethiopis folgen, das Werk des Arctinus von Milet. Ihr Inhalt ist wie folgt. Die Amazone Penthesileia, die Tochter von Ares und der thrakischen Rasse, kommt den Trojanern zu Hilfe und wird, nachdem sie große Tapferkeit gezeigt hat, von Achilles getötet und von den Trojanern begraben. Achilles tötet dann Thersites, weil er ihn wegen seiner angeblichen Liebe zu Penthesileia missbraucht und beschimpft hat. Infolgedessen entsteht unter den Achäern ein Streit über die Tötung von Thersites, und Achilles segelt nach Lesbos und wird, nachdem er Apollo, Artemis und Leto geopfert hat, von Odysseus vom Blutvergießen gereinigt. Dann kommt Memnon, der Sohn von Eos, der eine Rüstung von Hephaistos trägt, um den Trojanern zu helfen, und Thetis erzählt ihrem Sohn von Memnon. Es findet eine Schlacht statt, in der Antilochus von Memnon und Memnon von Achilles getötet wird. Eos erhält dann von Zeus und verleiht ihrem Sohn Unsterblichkeit; aber Achilles vertreibt die Trojaner, und, mit ihnen in die Stadt stürmt, wird von Paris und Apollo getötet. Es folgt ein großer Kampf um den Körper, Aias nimmt den Körper auf und trägt ihn zu den Schiffen, während Odysseus die Trojaner hinter sich vertreibt. Die Achäer begraben dann Antilochus und legen die Leiche von Achilles auf, während Thetis, die mit den Musen und ihren Schwestern ankommt, ihren Sohn beweint, den sie anschließend vom Scheiterhaufen wegholt und zur Weißen Insel transportiert. Danach errichten ihm die Achäer einen Steinhaufen und veranstalten Spiele zu seinen Ehren. Schließlich kommt es zwischen Odysseus und Aias zu einem Streit um die Waffen des Achill. während Thetis, die mit den Musen und ihren Schwestern ankommt, ihren Sohn beklagt, den sie später vom Scheiterhaufen wegholt und zur Weißen Insel transportiert. Danach errichten ihm die Achäer einen Steinhaufen und veranstalten Spiele zu seinen Ehren. Schließlich kommt es zwischen Odysseus und Aias zu einem Streit um die Waffen des Achill. während Thetis, die mit den Musen und ihren Schwestern ankommt, ihren Sohn beklagt, den sie später vom Scheiterhaufen wegholt und zur Weißen Insel transportiert. Danach errichten ihm die Achäer einen Steinhaufen und veranstalten Spiele zu seinen Ehren. Schließlich kommt es zwischen Odysseus und Aias zu einem Streit um die Waffen des Achill.
FRAGMENT 2 - PENTHESILEA
Scholiast über Homer, Il. xxiv. 804:
Einige lesen: „So vollzogen sie das Begräbnis von Hector.
FRAGMENT 3 - AJAX
Scholiast auf Pindar, Isth. iii. 53:
Der Autor des Aethiopis sagt, Aias habe sich gegen Morgengrauen umgebracht.
DIE KLEINE ILIADE
FRAGMENT 1 - SYNOPSIS
Proclus, Chrestomathia, ii:
Als nächstes kommt die Kleine Iliasin vier Büchern von Lesches of Mitylene: Sein Inhalt ist wie folgt. Die Beurteilung der Waffen von Achilles findet statt, und Odysseus gewinnt sie durch die Erfindung von Athene. Daraufhin wird Aias wahnsinnig und vernichtet die Herde der Achäer und bringt sich um. Als nächstes liegt Odysseus auf der Lauer und fängt Helenus, der die Einnahme Trojas prophezeit, und Diomede bringt dementsprechend Philoctetes von Lemnos. Philoctetes wird von Machaon geheilt, kämpft im Zweikampf mit Alexandrus und tötet ihn: Der tote Körper wird von Menelaos empört, aber die Trojaner bergen ihn und begraben ihn. Nachdem Deiphobus Helena geheiratet hat, bringt Odysseus Neoptolemus von Skyros und gibt ihm die Arme seines Vaters, und der Geist von Achilles erscheint ihm. Eurypylus, der Sohn des Telephus, kommt, um den Trojanern zu helfen, zeigt sein Können und wird von Neoptolemus getötet. Die Trojaner werden jetzt eng belagert, und Epeius baut auf Athenas Anweisung das hölzerne Pferd. Odysseus entstellt sich und geht als Spion nach Ilium, wo er von Helen erkannt wird und mit ihr plant, die Stadt einzunehmen; Nachdem er bestimmte Trojaner getötet hat, kehrt er zu den Schiffen zurück. Als nächstes trägt er das Palladium mit Hilfe von Diomedes aus Troja heraus. Dann, nachdem sie ihre besten Männer auf das Holzpferd gesetzt und ihre Hütten niedergebrannt haben, segelt der Hauptteil der Hellenen nach Tenedos. Die Trojaner, die glauben, ihre Schwierigkeiten seien vorbei, zerstören einen Teil ihrer Stadtmauer und bringen das hölzerne Pferd in ihre Stadt und feiern, als hätten sie die Hellenen besiegt. plant mit ihr die Einnahme der Stadt; Nachdem er bestimmte Trojaner getötet hat, kehrt er zu den Schiffen zurück. Als nächstes trägt er das Palladium mit Hilfe von Diomedes aus Troja heraus. Dann, nachdem sie ihre besten Männer auf das Holzpferd gesetzt und ihre Hütten niedergebrannt haben, segelt der Hauptteil der Hellenen nach Tenedos. Die Trojaner, die glauben, ihre Schwierigkeiten seien vorbei, zerstören einen Teil ihrer Stadtmauer und bringen das hölzerne Pferd in ihre Stadt und feiern, als hätten sie die Hellenen besiegt. plant mit ihr die Einnahme der Stadt; Nachdem er bestimmte Trojaner getötet hat, kehrt er zu den Schiffen zurück. Als nächstes trägt er das Palladium mit Hilfe von Diomedes aus Troja heraus. Dann, nachdem sie ihre besten Männer auf das Holzpferd gesetzt und ihre Hütten niedergebrannt haben, segelt der Hauptteil der Hellenen nach Tenedos. Die Trojaner, die glauben, ihre Schwierigkeiten seien vorbei, zerstören einen Teil ihrer Stadtmauer und bringen das hölzerne Pferd in ihre Stadt und feiern, als hätten sie die Hellenen besiegt.
FRAGMENT 2
Pseudo-Herodot, Leben des Homer:
„Ich singe von Ilium und Dardania, dem Land der schönen Pferde, in dem die Danai, die Anhänger des Ares, viele Dinge erlitten haben.“
FRAGMENT 3 - AJAX UND ODYSSEUS
Scholiast über Aristophanes, Ritter 1056 und Aristophanes ib:
Die Geschichte geht so: Aias und Odysseus stritten sich um ihre Leistungen, sagt der Dichter der Kleinen Ilias , und Nestor riet den Hellenen, einige von ihnen zu Fuß zu schicken der Mauern und belausche, was über die Tapferkeit der oben genannten Helden gesagt wurde. Die Lauscher hörten gewisse Mädchen streiten, von denen eine sagte, Aias sei bei weitem ein besserer Mann als Odysseus, und fuhr fort wie folgt: „Denn Aias nahm den Helden, den Sohn von Peleus, auf und trug ihn aus dem Streit heraus: dieser große Odysseus kümmerte sich nicht darum tun."
Darauf antwortete ein anderer durch Athenas Erfindung: „Nun, was sagst du? Eine Sache gegen die Vernunft und unwahr! Sogar eine Frau konnte eine Last tragen, sobald ein Mann sie auf ihre Schulter gelegt hatte; aber sie konnte nicht kämpfen. Denn sie würde es tun scheitert vor Angst, wenn sie kämpfen sollte.“
FRAGMENT 4 - AJAX
Eustathius, 285. 34:
Der Verfasser der Kleinen Ilias sagt, dass Aias nicht auf die übliche Weise, sondern wegen des Zorns des Königs einfach in einem Sarg begraben wurde.
FRAGMENT 5 - TELEPHUS UND ACHILLES
Eustathius über Homer, Il. 326:
Der Verfasser der Kleinen Ilias sagt, dass Achilles, nachdem er aus dem Land Telephus in See gestochen war, dort landete: „Der Sturm trug Achilles, den Sohn des Peleus, nach Skyros, und er kam dort in derselben Nacht in einen unruhigen Hafen ."
FRAGMENT 6
Scholiast auf Pindar, Nem. vi. 85:
"Um den Speerschaft herum war ein Reifen aus blitzendem Gold, und an beiden Enden war eine Spitze angebracht."
FRAGMENT 7 - LAOMEDON UND GANYMEDES
Scholiast über Euripides Troades, 822:
„...der Weinstock, den der Sohn des Cronos ihm als Belohnung für seinen Sohn gab. Er blühte reich mit weichen Blättern aus Gold und Trauben; Hephaistos bearbeitete ihn und gab ihn seinem Vater Zeus: und er verlieh es Laomedon als Preis für Ganymedes.“
FRAGMENT 8 - EURYPYLOS UND MACHAON
Pausanias, iii. 26. 9:
Der Verfasser des Epos Kleine Ilias sagt, dass Machaon von Eurypylos, dem Sohn des Telephus, getötet wurde.
FRAGMENT 9 - ODYSSEUS
Homer, Odyssee IV. 247 und Scholiast:
"Er verkleidete sich und machte sich wie ein anderer Mensch, ein Bettler, wie er nicht auf den Schiffen der Achäer war." Der zyklische Dichter verwendet „Bettler“ als Substantiv und meint damit, dass, als Odysseus sich umgezogen und Lumpen angezogen hatte, niemand auf den Schiffen so unnütz war wie Odysseus.
FRAGMENT 10
Plutarch, Moralia, S. 153 F:
Und Homer brachte die folgenden Verse vor, wie Lesches sie angibt: "Muse, erzähle mir von den Dingen, die weder vorher geschehen noch nachher sein werden."
Und Hesiod antwortete: "Aber wenn Pferde mit rasselnden Hufen Streitwagen zerstören und nach dem Sieg streben um das Grab des Zeus."
Und es wird gesagt, dass, weil diese Antwort besonders bewundert wurde, Hesiod das Stativ gewann (bei den Totenspielen von Amphidamas).
FRAGMENT 11 - SINON
Scholiast über Lykophr., 344:
Sinon, wie es mit ihm verabredet war, zeigte den Hellenen heimlich ein Signallicht. So schreibt Lesches: „Es war Mitternacht, und der klare Mond ging auf.“
FRAGMENT 12 - KÄMPFER
Pausanias, x. 25. 5:
Meges wird [in den Gemälden von Polygnotus in Delphi] mit einer Armwunde dargestellt, genau wie Lescheos, der Sohn des Aischylinus von Pyrrha, in seinem Sack von Ilium beschreibt, wo es heißt, dass er in der Schlacht verwundet wurde, die die Trojaner ausfochten in der Nacht von Admetus, Sohn des Augeias. Auch Lycomedes ist mit einer Wunde am Handgelenk auf dem Bild, und Lescheos sagt, er sei von Agenor so verwundet worden ...
Pausanias, x. 26. 4:
Lescheos erwähnt auch Astynos, und hier ist er auf ein Knie gefallen, während Neoptolemus ihn mit seinem Schwert schlägt ...
Pausanias, x. 26. 8:
Derselbe Schreiber sagt, dass Helicaon in der Nachtschlacht verwundet, aber von Odysseus erkannt und lebend aus der Schlacht geführt wurde...
Pausanias, x. 27. 1:
Von ihnen [den Leichen auf dem Bild] sagt Lescheos, dass Eion von Neoptolemus getötet wurde und Admetus von Philoctetes ... Er sagt auch, dass Priamos nicht im Herzen von Zeus Herceius getötet, sondern weggeschleppt wurde vom Altar und von Neoptolemus an den Türen des Hauses sofort zerstört ... Lescheos sagt, dass Axion der Sohn des Priamos war und von Eurypylos, dem Sohn von Euaemon, getötet wurde. Agenor – laut demselben Dichter – wurde von Neoptolemus abgeschlachtet.
FRAGMENT 13 - MENELAUS, HELEN UND AETHRA
Aristophanes, Lysistrata 155 und Scholiast:
"Menelaos zumindest, als er irgendwie einen Blick auf die Brüste der unbekleideten Helena erhaschte, warf sein Schwert weg, denke ich." Auch Lesches der Pyrrhäer hat in seiner Kleinen Ilias denselben Bericht .
Pausanias, x. 25. 8:
Bezüglich Aethra berichtet Lesches, dass sie, als Ilium genommen wurde, aus der Stadt stahl und in das hellenische Lager kam, wo sie von den Söhnen des Theseus erkannt wurde; und dieser Demophon fragte sie nach Agamemnon. Agamemnon wollte ihm diesen Gefallen tun, aber er würde es nicht tun, bis Helen zustimmte. Und als er einen Herold schickte, gewährte Helen seine Bitte.
FRAGMENT 14 - NEOPTOLEMUS UND ASTIANAX
Scholiast auf Lykophr. Alex., 1268:
„Dann führte der kluge Sohn des kühnen Achilles die Frau des Hektor zu den hohlen Schiffen; aber ihren Sohn entriss er seiner reichhaarigen Amme vom Busen und packte ihn am Fuß und warf ihn von einem Turm. Als er also gefallen war, ergriff Astyanax der blutige Tod und ein hartes Schicksal, und Neoptolemus erwählte Andromache, Hectors gut gegürtete Frau, und die Häuptlinge aller Achäer gaben sie ihm zu halten, um ihm einen willkommenen Preis zu vergelten, und er setzte Aeneas , der berühmte Sohn des Pferdezähmenden Anchises, an Bord seiner Seeschiffe, ein Preis, der den aller Danaer übertrifft.
DER SACK VON ILIUM
FRAGMENT 1 - SYNOPSIS
Proclus, Chrestomathia, ii:
Als nächstes kommen zwei Bücher des Sack of Ilium, von Arctinus von Milet mit folgendem Inhalt. Die Trojaner waren misstrauisch gegenüber dem hölzernen Pferd und diskutierten darum herum, was sie tun sollten. Einige dachten, sie sollten es von den Felsen hinunterschleudern, andere, es zu verbrennen, während andere sagten, sie sollten es Athene widmen. Letztendlich setzte sich diese dritte Meinung durch. Dann wandten sie sich der Fröhlichkeit zu und feierten, weil sie glaubten, der Krieg sei zu Ende. Aber genau zu dieser Zeit erschienen zwei Schlangen und töteten Laokoon und einen seiner beiden Söhne, ein Vorzeichen, das die Anhänger von Aeneas so erschreckte, dass sie sich nach Ida zurückzogen. Sinon erhob daraufhin das Feuersignal an die Achäer, nachdem er zuvor vorgetäuscht in die Stadt gelangt war. Die Griechen segelten dann von Tenedos aus ein, und diejenigen auf dem hölzernen Pferd kamen zu uns und fielen über ihre Feinde her, töteten viele und stürmten die Stadt. Neoptolemus tötet Priamos, der zum Altar des Zeus Herceius geflohen war; Menelaos findet Helen und bringt sie zu den Schiffen, nachdem er Deiphobus getötet hat; und Aias, der Sohn des Ileus, reißt, während er versucht, Kassandra mit Gewalt wegzuziehen, das Bild der Athene mit ihr weg. Darüber sind die Griechen so erzürnt, dass sie beschließen, Aias zu steinigen, der der ihm drohenden Gefahr nur dadurch entkommt, dass er zum Altar der Athene flüchtet. Nachdem die Griechen die Stadt niedergebrannt haben, opfern sie Polyxena am Grab von Achilles: Odysseus ermordet Astyanax; Neoptolemus nimmt Andromache als seinen Preis und die verbleibende Beute wird geteilt. Demophon und Acamas finden Aethra und nehmen sie mit. Schließlich segeln die Griechen davon und Athena plant, sie auf hoher See zu vernichten. Während er versucht, Kassandra mit Gewalt wegzuziehen, reißt er mit ihr das Bild der Athene weg. Darüber sind die Griechen so erzürnt, dass sie beschließen, Aias zu steinigen, der der ihm drohenden Gefahr nur dadurch entkommt, dass er zum Altar der Athene flüchtet. Nachdem die Griechen die Stadt niedergebrannt haben, opfern sie Polyxena am Grab von Achilles: Odysseus ermordet Astyanax; Neoptolemus nimmt Andromache als seinen Preis und die verbleibende Beute wird geteilt. Demophon und Acamas finden Aethra und nehmen sie mit. Schließlich segeln die Griechen davon und Athena plant, sie auf hoher See zu vernichten. Während er versucht, Kassandra mit Gewalt wegzuziehen, reißt er mit ihr das Bild der Athene weg. Darüber sind die Griechen so erzürnt, dass sie beschließen, Aias zu steinigen, der der ihm drohenden Gefahr nur dadurch entkommt, dass er zum Altar der Athene flüchtet. Nachdem die Griechen die Stadt niedergebrannt haben, opfern sie Polyxena am Grab von Achilles: Odysseus ermordet Astyanax; Neoptolemus nimmt Andromache als seinen Preis und die verbleibende Beute wird geteilt. Demophon und Acamas finden Aethra und nehmen sie mit. Schließlich segeln die Griechen davon und Athena plant, sie auf hoher See zu vernichten. opfere Polyxena am Grab von Achilles: Odysseus ermordet Astyanax; Neoptolemus nimmt Andromache als seinen Preis und die verbleibende Beute wird geteilt. Demophon und Acamas finden Aethra und nehmen sie mit. Schließlich segeln die Griechen davon und Athena plant, sie auf hoher See zu vernichten. opfere Polyxena am Grab von Achilles: Odysseus ermordet Astyanax; Neoptolemus nimmt Andromache als seinen Preis und die verbleibende Beute wird geteilt. Demophon und Acamas finden Aethra und nehmen sie mit. Schließlich segeln die Griechen davon und Athena plant, sie auf hoher See zu vernichten.
FRAGMENT 2 - DARDANUS UND DAS PALLADIUM
Dionysos Halikan, Röm. Antik. ich. 68:
Laut Arctinus wurde Dardanus von Zeus ein Palladium gegeben, und dieses befand sich in Ilium, bis die Stadt eingenommen wurde. Es wurde an einem geheimen Ort versteckt und eine Kopie angefertigt, die dem Original in allen Punkten ähnelte, und für alle sichtbar aufgestellt, um diejenigen zu täuschen, die Absichten dagegen haben könnten. Diese Kopie nahmen die Achäer als Ergebnis ihrer Verschwörungen mit.
FRAGMENT 3 - ASTIANAX
Scholiast über Euripedes, Andromache 10:
Der zyklische Dichter, der den Sack komponierte , sagt, dass Astyanax auch von der Stadtmauer geschleudert wurde.
FRAGMENT 4 - ACAMUS UND DEMOPHON
Scholiast über Euripides, Troades 31:
Denn die Gefolgsleute des Acamus und des Demophon nahmen – wie es heißt – keinen Anteil an der Beute, sondern nur Aethra, um deren willen sie allerdings mit Menestheus nach Ilium kamen, um sie zu führen. Lysimachos sagt jedoch, dass der Autor des Sacks wie folgt schreibt: "Der Herr Agamemnon gab den Söhnen des Theseus und dem kühnen Menestheus, dem Hirten der Heerscharen, Geschenke."
FRAGMENT 5 - MACHAON UND PODALEIRIUS
Eustathius über Ilias, xiii. 515:
Einige sagen, dass ein solches Lob nicht allgemein für Ärzte gilt, sondern nur für Machaon: und einige sagen, dass er nur Chirurgie praktizierte, während Podaleirius Krankheiten behandelte. Arctinus in the Sack of Ilium scheint dieser Meinung zu sein, wenn er sagt: „Für ihren Vater gab der berühmte Earth-Shaker beiden Geschenke, wodurch jeder glorreicher wurde als der andere. Dem einen gab er die Hände mehr Licht zum Zeichnen oder Geschosse aus dem Fleisch zu schneiden und alle Arten von Wunden zu heilen; aber in das Herz des anderen legte er volles und vollkommenes Wissen, um verborgene Krankheiten zu erzählen und verzweifelte Krankheiten zu heilen. Er war es, der als erster Aias' blitzende Augen und seinen umwölkten Verstand bemerkte er war wütend."
FRAGMENT 6 - IAMBUS
Diomedes in Gramm., Lat. ich. 477:
"Iambus stand eine Weile mit gespreizten Füßen und vorgeschobenem Fuß, damit seine angespannten Glieder Kraft bekommen und bereite Stärke zeigen könnten."
DIE RENDITE
FRAGMENT 1 - SYNOPSIS
Proclus, Chrestomathia, ii:
Nach dem Sack von Ilium folgen die Returnsin fünf Büchern von Agias von Troizen. Ihr Inhalt ist wie folgt. Athene verursacht einen Streit zwischen Agamemnon und Menelaos über die Überfahrt von Troja. Agamemnon bleibt dann weiter, um den Zorn von Athene zu besänftigen. Diomedes und Nestor stechen in See und kommen sicher nach Hause. Nach ihnen bricht Menelaos auf und erreicht Ägypten mit fünf Schiffen, der Rest wurde auf hoher See zerstört. Diejenigen mit Calchas, Leontes und Polypoetes gehen auf dem Landweg nach Kolophon und begraben dort den verstorbenen Teiresias. Als Agamemnon und seine Anhänger davonsegelten, erschien der Geist von Achilles und versuchte, sie daran zu hindern, indem er voraussagte, was ihnen widerfahren würde. Der Sturm auf die Felsen genannt Kapherides wird dann beschrieben, mit dem Ende von Locrian Aias. Neoptolemos, von Thetis gewarnt, reist über Land und trifft bei seiner Ankunft in Thrakien Odysseus in Maroneia. und beendet dann den Rest seiner Reise, nachdem er Phoenix begraben hat, der unterwegs stirbt. Er selbst wird von Peleus beim Erreichen der Molossi erkannt. Dann kommt der Mord an Agamemnon durch Aigisthus und Clytaemnestra, gefolgt von der Rache von Orestes und Pylades. Schließlich kehrt Menelaos nach Hause zurück.
FRAGMENT 2 - MEDEA UND AESON
Argument an Euripides Medea:
"Sofort machte Medea Aeson zu einem süßen Jungen und entzog ihm durch ihre schlaue Geschicklichkeit sein Alter, als sie in ihren goldenen Kesseln ein Gebräu aus vielen Kräutern gebraut hatte."
FRAGMENT 3 - HERAKLES UND DIE AMAZONEN
Pausanias, ich. 2:
Die Geschichte besagt, dass Herakles Themiscyra auf dem Thermodon belagerte und es nicht ertragen konnte; aber Antiope, der in Theseus verliebt war, der mit Herakles auf dieser Expedition war, verriet den Ort. Hegias gibt diesen Bericht in seinem Gedicht.
FRAGMENT 4 - TELEMACHUS, TELEGONUS, CIRCE UND PENELOPE
Eustathius, 1796. 45:
Der kolophonische Autor der Returns sagt, dass Telemachus später Circe heiratete, während Telegonus, der Sohn von Circe, Penelope entsprechend heiratete.
FRAGMENT 5
Clemens von Alex. Strom., VI. 2. 12. 8:
"Denn Geschenke betören den Verstand der Menschen und ihre Taten ebenso."
FRAGMENT 6 - HADES UND TANTALUS
Pausanias, x. 28. 7:
Die Poesie von Homer und die Rückkehr – denn auch hier gibt es einen Bericht über den Hades und die dortigen Schrecken – kennt keinen Geist namens Eurynomus.
Athenäus, 281 B:
Der Verfasser der Rückkehr der Atreiden sagt, dass Tantalus kam und mit den Göttern lebte und um alles bitten durfte, was er wollte. Aber der Mann war den Vergnügungen so übertrieben, dass er um diese und um ein Leben wie das der Götter bat. Darüber ärgerte sich Zeus, erfüllte aber sein Gebet aufgrund seines eigenen Versprechens; aber um ihn daran zu hindern, irgendeine der angebotenen Freuden zu genießen, und um ihn ständig zu belästigen, hängte er einen Stein über seinen Kopf, der ihn daran hindert, jemals etwas von den angenehmen Dingen in der Nähe zu erreichen.
DIE TELEGONIE
FRAGMENT 1 - SYNOPSIS
Proclus, Chrestomathia, ii:
Nach der Rückkehr kommt die Odyssee von Homer und dann die Telegoniein zwei Büchern von Eugammon von Cyrene, die die folgenden Dinge enthalten. Die Freier von Penelope werden von ihren Verwandten begraben, und Odysseus segelt, nachdem er den Nymphen geopfert hat, nach Elis, um seine Herden zu inspizieren. Dort wird er von Polyxenus bewirtet und erhält eine Rührschüssel geschenkt; die Geschichte von Trophonius und Agamedes und Augias folgt dann. Als nächstes segelt er zurück nach Ithaka und führt die von Teiresias angeordneten Opfer durch und geht dann nach Thesprotis, wo er Callidice, die Königin der Thesprotianer, heiratet. Daraufhin bricht ein Krieg zwischen den Thesprotiern, angeführt von Odysseus, und den Brygi aus. Ares vertreibt die Armee von Odysseus und Athena greift Ares an, bis Apollo sie trennt. Nach dem Tod von Callidice Polypoetes, dem Sohn von Odysseus, folgt das Königreich, während Odysseus selbst nach Ithaka zurückkehrt. Inzwischen Telegonus, landet auf der Suche nach seinem Vater auf Ithaka und verwüstet die Insel: Odysseus kommt heraus, um sein Land zu verteidigen, wird aber unwissentlich von seinem Sohn getötet. Als Telegonus seinen Fehler erfährt, transportiert er den Körper seines Vaters mit Penelope und Telemachus auf die Insel seiner Mutter, wo Circe sie unsterblich macht und Telegonus Penelope und Telemachus Circe heiratet.
FRAGMENT 2 - SÖHNE DES ODYSSEUS
Eustathias, 1796. 35:
Der Autor der Telegonie , ein Kyrenäer, berichtet, dass Odysseus von Kalypso einen Sohn Telegonus oder Teledamus und von Penelope Telemachus und Acusilaos hatte.
Venus
Wird nach Wolfram von Eschenbach in seinem ParzivalRoman um 1200 als Mutter von Amor und Cupido
bezeichnet
Sie hat ein heißes Fackellicht
Göttin der Liebe
Im gesamten lateinischen Kulturbereich des europäischen
Mittelalters ist sie allen bekannt (denen, die in einer der
Kloster- oder Stadtschulen Grundkenntnisse in der
westeuropäischen „Vatersprache“ erworben hatten
Seit dem hohen Mittelalter eine bekannte mythische
Gestalt, aber sie stammt aus der antiken Mythologie und
wurde wie andere Gestalten der Antike (zB. Herkules,
Helena, Apollo…) mit gewissen Veränderungen in die
Vorstellungs- und Bilderwelt des christlichen Mittelalters
übernommen
Gehört in den Bereich der literarischen Antiken-Rezeption
und ihre heidnische Herkunft war durchaus bekannt
Sie war und ist immernoch die literarische Metapher für
einen alten Mythos
Venus – Aphrodite
Die italische Göttin Venus wurde der griechischen Göttin
der Liebe Aphrodite angeglichen
Aphrodite wurde aus dem Schaum des Meeres geboren
Venus, die Verursacherin der Liebe, ist die mythische
Stamm-Mutter des Gaius Julius Caesar
Insbesondere Ovid fasste die Geschichten über Venus die
nachfolgenden Jahrhunderte zusammen
Vergil und Ovid vermittelten die Geschichten über die
Liebesgöttin Venus durch Exzerpte, Florilegien,
Rhetorikunterricht
Venus in den mittelalterlichen Romanen zur TrojaSage
Das erste Mal in der volksprachigen Literatur des
Mittelalters hatte Venus im französischen Aeneas-Roman
(Die Mutter des Aeneas, die dessen Flucht aus dem
brennenden Troja über Karthago nach Italien begleitet;
Göttin der Liebe die den Menschen ihre Macht aufzwingt,
gegen die sich niemand erwehren kann)
Herrscherin über die Liebe
Durch den trojanischen Prinzen Paris einst mit dem
goldenen Apfel ausgezeichnet und dafür Mithelferin bei
dessen Entführung der Helena ist es, die Lavinia mit ihrem
scharfen Pfeil in Liebesfeuer versetzt und später auch
ihren Sohn Aeneas. Lavinia und Aeneas flehen sie um
Gnade an Venus steht hier für die unwiderstehliche
Macht der Liebe, die ihre Opfer wie eine Krankheit überfällt
Kommt auch in den Erzählwerken die vom Kampf um Troja
und der Eroberung dieser Stadt berichten vor
Venus, Metapher für die gefährliche, die fleischliche
Liebe
Frau Minne bzw. Frau Liebe Synonym für Venus, jedoch
wird Venus als Gestalt bevorzugt
In Heinrich Wittenwilers diktatisch-satirischen Dichtung
„Der Ring“ (ca. 1400) tritt der eindeutig negativen
konnotierten Venus die Traum-Erscheinung, Maria, Gottes
Mutter, entgegen
Renaissance und Humanismus die Gestalt der Venus wird
in bestimmten Kreisen immer wieder negativ beurteilt
Jörg Wickram schreibt in der Ovid-Übersetzung des
Albrecht von Halberstadt verurteilt Venus wegen ihrer
„schand und laster“
Auch in der Geschichte von Venus und Mars: „Venus von
Königlichem stamm/ ist die größte hur/ so je gelebt hat/
wirdt für eyn Göttin der lieb von den Heyden angebet.“
In dem Musical „One Touch of Venus“ Venus bringt das
Leben des Barbiers Rodney völlig durcheinander und
ergreift angesichts der Aussicht auf eine Ehe in der USProvinz die Flucht zurück in ihre Antike
Venus und Tannhäuser
Eine mittelalterliche Geschichte ist dank Richard Wagner
um Venus bekannt: die unheilige Liebe des Sängers
Tannhäuser zu Venus und sein Aufenthalt in Venusberg
Die Büßer-Legende vom Tannhäuser (lyrischer Autor des
13. Jhd. Im deutschsprachigen Raum) ist in der
spätmittelalterlichen bzw. Frühneuzeitlichen TannhäuserBallade greifbar, die e sin 3 Varianten gibt:
1) Alle erzählen von Tannhäusers Aufenthalt bei Frau Venus
in Venusberg
2) Von seiner Busfahrt nach Rom
3) Von der Verfluchung durch den Papst und von dem
Stabwunder
Venus in der mittelalterlichen Kunst: Die nackte
Göttin
In der Traum-Szene Wittenwilers wird Frau Venus als
„nakent (…) und auch bloss“ beschrieben
Zeichen fleischlicher Gier, vor der er dringend warnt, er
rät: „Nimm Dir eine Ehefrau, wenn Du es ohne Frau nicht
aushältst“
Neben Eva die einzige Frauengestalt, bei deri n der
mittelalterlichen Kunst das seltene Motiv weiblicher
Nacktheit erscheint
Was ist katholisch die Vorsehung Gottes?
Im Katholizismus ist die göttliche Vorsehung die lenkende Hand Gottes, durch die er die Welt und alle Ereignisse in ihr nach seinem Plan für das Wohl der Menschen führt. Sie ist nicht als zufälliges oder willkürliches Geschehen zu verstehen, sondern als ein Ausdruck von Gottes Allwissenheit, Allmacht und liebevoller Sorge für seine Schöpfung. Gläubige vertrauen auf die Vorsehung, nehmen die Höhen und Tiefen des Lebens an und erkennen, dass Gott sie auch im Leid nicht verlässt.
Wichtige Aspekte der göttlichen Vorsehung:
Plan Gottes:
Gott hat für alles einen Plan, der die gesamte Weltgeschichte und das Leben jedes Einzelnen umfasst.
Allwissenheit und Allmacht:
Als allwissender Gott kennt er den Ausgang aller Dinge, und als allmächtiger Gott kann er seinen Willen durchsetzen.
Liebevolle Begleitung:
Gott begleitet die Menschen und steht ihnen zur Seite, insbesondere in schwierigen Zeiten.
Keine Zufälle:
Aus Sicht der Vorsehung gibt es keine Zufälle, da Gott eine entscheidende Rolle in allen Ereignissen spielt.
Vertrauen und Hingabe:
Der Glaube an die Vorsehung beinhaltet die Hingabe an Gottes Willen und das Vertrauen, dass er stets das Beste für die Menschen will.
Herausforderungen:
Die Wege der göttlichen Vorsehung sind nicht immer leicht zu erkennen, und Gläubige stellen sich manchmal die Frage, ob und wie sie diese durch Gebete beeinflussen können.
Zusammenfassend ist die göttliche Vorsehung das Wirken Gottes, durch das er die Welt und die Geschicke der Menschen liebevoll und weise lenkt, um seinen Plan zu erfüllen.
*
SCHICKSAL UND VORSEHUNG
Schicksal wird meist als eine Art vorgegebener Lauf der Dinge verstanden, der durch äußere Kräfte oder das Universum bestimmt ist.
Vorsehung hingegen setzt oft eine bewusste, göttliche Lenkung voraus – also dass Gott oder das Absolute einen Sinn und Plan in den Dingen verfolgt.
Hier ein Vergleich in den Religionen:
Buddhismus
Schicksal: Der Buddhismus lehnt einen starren, von außen bestimmten Schicksalsbegriff ab. Stattdessen gilt das Gesetz des Karma: Handlungen (körperlich, sprachlich, geistig) bringen entsprechende Folgen. Es gibt keine absolute Vorherbestimmung, sondern bedingtes Entstehen.
Vorsehung: Kein persönlicher Gott, der plant. Alles entsteht aus Ursache und Wirkung, nicht aus göttlichem Willen. Der Fokus liegt auf Befreiung aus dem Kreislauf durch Einsicht.
Hinduismus
Schicksal: Karma und Dharma spielen eine zentrale Rolle. Das eigene Schicksal ist durch vergangene Taten (auch aus früheren Leben) geprägt, aber nicht völlig unveränderlich.
Vorsehung: Manche Schulen (z. B. theistische Strömungen wie Vishnuismus) sprechen von einer göttlichen Ordnung, in der Gott die Welt lenkt. Andere (Vedanta) betonen eher ein übergeordnetes kosmisches Prinzip (Brahman).
Universalismus
Schicksal: Oft als eine Art „kosmischer Plan“ oder „Lebensweg“ verstanden, den die Seele gewählt hat.
Vorsehung: Eher eine spirituelle, ganzheitliche Führung durch das Universum, göttliche Energie oder kollektives Bewusstsein. Kein strenger Dogmatismus, sondern Sinnsuche in Freiheit.
Islam
Schicksal (Qadar): Sehr stark ausgeprägt – alles geschieht nach Allahs Willen. Menschen akzeptieren Schicksal als Teil ihres Glaubens. Dennoch existiert auch freie Entscheidung, deren Verhältnis zum göttlichen Plan diskutiert wird.
Vorsehung: Allah ist allwissend und allmächtig, er lenkt den Lauf der Welt und kennt jedes Geschehen. Alles ist Teil seines Plans, selbst wenn der Mensch es nicht versteht.
Judentum
Schicksal: Weniger deterministisch. Menschen haben einen freien Willen, ihr Leben zu gestalten. Leid und Unglück werden oft als Prüfung, Konsequenz oder Geheimnis Gottes gesehen.
Vorsehung (Hashgacha Pratit): Gott ist gegenwärtig und führt die Welt, besonders sein Volk Israel. Vorsehung wird stärker in Beziehung gedacht (Bund, Geschichte) als in fatalistischem Sinne.
Protestantismus
Schicksal: Tendenziell abgelehnt, weil es zu fatalistisch klingt. Viel wichtiger ist die Gnade Gottes. In calvinistischer Prägung: Prädestination – Gott hat schon vor aller Zeit bestimmt, wer gerettet wird.
Vorsehung: Gott lenkt die Welt und das Leben des Einzelnen. Dabei betont der Protestantismus aber den Glauben an Christus als zentralen Bezugspunkt, nicht ein „blindes Schicksal“.
Katholizismus
Schicksal: Kein starrer Schicksalsglaube – der Mensch hat freien Willen. Zwar gibt es göttliche Allwissenheit, aber keine absolute Vorbestimmung aller Taten.
Vorsehung: Starker Glaube an die göttliche Vorsehung, die das Heil der Menschen lenkt. Gott wirkt in der Geschichte, führt Menschen, lässt aber Freiheit bestehen. Unterschied zur kalvinistischen Sicht: keine doppelte Prädestination.
Kurzvergleich
Buddhismus: Karma statt Schicksal, keine Vorsehung.
Hinduismus: Mischung aus Karma (individuell) und göttlicher Ordnung (kosmisch).
Universalismus: „Lebensplan“ des Universums, ohne Dogma.
Islam: Alles durch Allahs Willen, stark deterministisch, aber mit Raum für Verantwortung.
Judentum: Freier Wille und göttliche Führung in Geschichte.
Protestantismus: Gottes Gnade, teilweise Prädestination.
Katholizismus: Göttliche Vorsehung mit menschlicher Freiheit.
*
ÜBER DEN UNTERSCHIED IN DER VORSTELLUNG ÜBER DIE GÖTTLICHE VORSEHUNG BEI DEN PROTESTANTEN UND DER KATHOLISCHEN KIRCHE
Die göttliche Vorsehung bezeichnet die Vorstellung, dass Gott die Welt lenkt, das Leben der Menschen führt und alles Geschehen letztlich in seinem Plan eingebettet ist. Wie diese Vorsehung verstanden wird, unterscheidet sich in wichtigen Punkten zwischen dem Protestantismus und der katholischen Kirche.
1. Protestantische Sicht
Zentral: Glaube an die Souveränität Gottes
Besonders in der reformierten Tradition (z. B. Calvinismus) betont man, dass Gott absolut souverän ist. Alles, was geschieht – Erfolg, Misserfolg, Glück, Leid – liegt in seinem Plan.
Prädestination
Ein Kernpunkt ist die Vorstellung der Prädestination: Gott wählt von Ewigkeit her, wer gerettet wird und wer nicht. Dies führt zu der Idee, dass das Heil eines Menschen allein Gottes Entscheidung ist, nicht das Ergebnis menschlicher Werke.
Individuelle Beziehung zu Gott
Die göttliche Vorsehung zeigt sich im Alltag durch das Vertrauen, dass Gott das Leben der Gläubigen lenkt. Der Mensch kann zwar Entscheidungen treffen, aber das letztliche Schicksal hängt von Gottes Plan ab.
2. Katholische Sicht
Zentral: Gottes Plan und menschliche Freiheit
Die katholische Kirche betont, dass Gott zwar die Welt lenkt, die Menschen aber freie Entscheidungen treffen. Die göttliche Vorsehung arbeitet mit der Freiheit des Menschen, nicht gegen sie.
Mitwirkung durch Werke und Sakramente
Während das Heil grundsätzlich von Gott kommt, spielen Glaube, gute Werke und die Sakramente eine zentrale Rolle im Heilsweg. Der Mensch kann durch sein Handeln an der Umsetzung von Gottes Plan mitwirken.
Gnade und Vorsehung
Die katholische Theologie betont die Gnade Gottes, die allen zugänglich ist. Gottes Vorsehung ist fürsorglich und barmherzig, sie führt nicht deterministisch, sondern lädt den Menschen ein, sich auf Gottes Willen auszurichten.
3. Wesentliche Unterschiede im Kern
Protestantisch
Betonung der göttlichen Souveränität; menschliche Freiheit ist sekundär
Katholisch
Zusammenarbeit von Gottes Plan und menschlicher Freiheit; Menschen haben aktive Mitwirkung
Protestantisch
Prädestination: Wichtig, besonders im Calvinismus
Katholisch:
Keine absolute Prädestination; Glaube und Werke entscheidend
Protestantisch:
Ausdruck der Vorsehung im Alltag Vertrauen auf Gottes Plan, auch in Leid
Katholisch:
Gottes Führung zeigt sich durch Sakramente, Gebet und moralisches Handeln
Fazit:
Während Protestanten die göttliche Vorsehung oft als deterministisch verstehen, in der Gottes Wille über alles entscheidet, betont die katholische Kirche ein Zusammenspiel von göttlicher Führung und menschlicher Verantwortung. Bei beiden Traditionen bleibt jedoch der Gedanke zentral, dass Gottes Plan die Welt durchdringt und dem Leben einen Sinn verleiht.
*
DIE WÜRDE DER FRAU
DIALOG ZWISCHEN HEIKE UND TORSTEN
I
Szene: Ein gemütlicher Salon mit hohen Fenstern. Bücher stapeln sich auf dem Tisch, Kerzenlicht flackert. Heike sitzt mit einem Tablet, Torsten mit einem Pergament und Feder.
Heike: Torsten, ich frage dich, in einer Welt, die sich transhumanistisch erneuert, was bleibt von der Würde der Frau, wenn Körper und Geist technologisch modellierbar werden?
Torsten: Heike, selbst wenn wir Körper und Sinne veredeln wie in einem Gedicht, bleibt die Würde der Frau in der Weise, wie sie liebt, empfindet, und existiert — sie ist kein technisches Artefakt. Maria selbst, meine Muse, zeigt uns: Würde liegt im Sein, nicht in der Form.
Heike: Doch wenn wir Möglichkeiten zur Optimierung, zur Eliminierung von „Schwächen“ haben, droht nicht die Reduktion der Frau auf bloße Funktion? Ist Würde ohne Selbstbestimmung nicht leer?
Torsten: Selbstbestimmung, ja. Aber Würde ist mehr als Wahlfreiheit. Sie ist das stille Leuchten, das unabhängig von der äußeren Veränderung bleibt. Maria hat ihre Würde bewahrt, obwohl sie umworben, bedroht, missverstanden wurde.
Heike: Interessant. Du setzt Würde an die moralische und spirituelle Dimension, ich sehe sie auch in gesellschaftlicher und technologischer Verantwortung. Der Wert der Frau darf nicht durch Nutzen, Effizienz oder Schönheit definiert werden.
Torsten: Genau. Und dennoch glaube ich, dass Poesie, wie du mit der Philosophie, eine Brücke schlägt. Durch sie kann Würde fühlbar gemacht werden, selbst in einer Welt, in der Maschinen entscheiden, was möglich ist.
Heike: Vielleicht ist die Herausforderung gerade das Gleichgewicht: Würde bewahren, ohne Fortschritt zu verteufeln. Die Frau muss sowohl Subjekt als auch Mitgestalterin ihres Lebens bleiben, im Körper wie im Geist.
Torsten: Ein Gedanke, den Maria in jedem Lied, das ich singe, trägt: Würde ist kein Preis, den man erwirbt, sondern ein Licht, das man nicht verlieren darf.
Heike: Dann sollten wir, egal ob im Labor oder in der Schrift, dafür kämpfen, dass dieses Licht nicht vom Schatten der Technik überdeckt wird.
Torsten: Amen, Heike. Auch die modernste Maschine kann das Leuchten der Würde nicht erzeugen.
II
Szene: Ein moderner Seminarraum mit holografischen Displays, neben alten Holzregalen voller Bücher. Heike tippt auf einem Tablet, Torsten sitzt auf einem Stuhl, seine Hände um eine kleine Marienfigur gelegt.
Heike: Torsten, stell dir vor, wir könnten das biologische Leben nach Belieben optimieren: Gehirnleistung, Körperkraft, emotionale Stabilität. Warum sollte die Würde der Frau darunter leiden, wenn sie selbst diese Optionen wählt?
Torsten: Heike, du sprichst von Wahl, doch Würde ist kein Update, das man installieren kann. Sie ist wie der Atem der Seele – unabhängig davon, ob man sich körperlich verbessert oder nicht. Maria hat ihre Würde nicht gewählt, sie war ihr innewohnend.
Heike: Aber wenn wir Würde nur als inneres Leuchten verstehen, ignorieren wir die sozialen und materiellen Strukturen, die Frauen oft entwürdigen. Technik könnte Gleichheit erzwingen – zumindest auf der körperlichen und kognitiven Ebene.
Torsten: Gleichheit erzwingen mag Maschinen gelingen, doch Würde ist mehr als Gleichheit. Sie braucht Respekt, Anerkennung, und ja, auch die Freiheit zu leiden, zu hoffen, zu lieben. Kein Chip der Welt kann diese Erfahrung simulieren.
Heike: Vielleicht. Aber ich frage: Kann ein Mensch, der genetisch oder digital „optimiert“ wurde, nicht die Würde der eigenen Existenz stärker erfahren, wenn Schmerz und Begrenzung kontrollierbar werden?
Torsten: Kontrolle ersetzt keine Tiefe. Maria wurde nicht durch Technik zur Heiligkeit erhoben; sie trug Würde im kleinsten Moment, in ihrer Hingabe, ihrem Staunen, ihrem Mut. Optimierung mag Körper formen, aber Geist und Herz bleiben unersetzlich.
Heike: Also plädierst du dafür, dass Technik nur Mittel sein darf, nicht Maßstab? Dass Würde der Frau nicht algorithmisch definierbar ist?
Torsten: Genau. Würde ist wie ein Lied, Heike: Sie kann begleitet, gestützt, geschützt werden, aber niemand kann sie komponieren außer der Frau selbst. Auch im Zeitalter der Maschinen bleibt sie ein Mysterium.
Heike: Dann liegt die Aufgabe in der Balance: Technik zur Selbstermächtigung, nicht zur Reduktion. Und die Frau muss die Autorin ihrer eigenen Würde bleiben, ob analog oder digital.
Torsten: Amen. Und in dieser Balance klingt das alte Lied weiter: Würde ist kein Besitz, sondern ein Licht, das man nicht verschenken, nur bewahren kann.
III
Szene: Ein futuristischer Hörsaal mit schwebenden Hologrammen, Neonlicht reflektiert von den Metallflächen. Heike steht am Pult, Torsten lehnt an einem alten Holzpfeiler, die Marienfigur in der Hand.
Heike: Torsten, wir können die biologische Basis der Frau so verändern, dass Schmerz, Alter, sogar emotionale Instabilität programmierbar werden. Warum sollten wir Würde als unveränderlich betrachten, wenn wir sie selbst sichern könnten?
Torsten: Sicherung? Heike, Würde lässt sich nicht codieren! Kein Programm kann das Staunen einer Mutter, die Sorge einer Schwester, die stille Stärke einer Maria ersetzen. Sie ist mehr als Mechanik.
Heike: Aber Torsten, du idealisierst Leiden und Begrenzung. Technik könnte Frauen befreien – von körperlicher Schwäche, von gesellschaftlichen Zwängen, sogar von Unterdrückung. Ist das nicht die ultimative Form der Würde?
Torsten: Freiheit durch Technik ist Illusion. Würde ist die Freiheit, nicht frei von, sondern frei zu sein für: zu fühlen, zu kämpfen, zu hoffen. Maria wählte ihre Begrenzungen und darin offenbarte sich ihre Größe.
Heike: Und wenn Begrenzung nur noch Wahl ist? Wenn Schmerz nur noch eine Option ist? Dann wäre Würde eine Frage der Selbstbestimmung, nicht der Mystik.
Torsten: Mystik? Vielleicht. Aber sie ist das Herz der Menschlichkeit. Würde existiert nicht, weil wir wählen, sondern weil wir leben – mit allem, was uns unvollkommen macht. Technik kann Formen glätten, doch das Licht der Würde lodert im Schatten der Unvollkommenheit.
Heike: Vielleicht brennt es stärker, ja, aber es könnte auch erlöschen, wenn wir nicht aufpassen. Du kämpfst für das Unsichtbare, ich für das Mögliche.
Torsten: Genau. Und genau dort liegt das offene Geheimnis: Vielleicht können wir es nicht sichern, vielleicht müssen wir es nur bewahren. Ob wir wollen oder nicht, die Würde der Frau bleibt ein Rätsel, das kein Algorithmus lösen kann.
Heike: Dann bleibt nur die Aufgabe, die Balance zu halten – zwischen Machbarkeit und Menschlichkeit, zwischen Optimierung und Heiligkeit.
Torsten: Und darin liegt die Würde selbst: nicht in der Technik, nicht im Fortschritt, sondern im ewigen Staunen und Widerspruch.
*
Der Klang des Himmels und die Demut des Handwerks: Katholische Annäherung an Leben und Werk von Joseph Haydn
Joseph Haydn (1732–1809) gehört zu den prägenden Gestalten der Musikgeschichte, doch sein innerstes Wesen erschließt sich erst ganz, wenn man sein Leben und Schaffen durch das Prisma seines tiefen, unerschütterlichen katholischen Glaubens betrachtet. Für den „Vater der Sinfonie“ war die Tonkunst kein bloßes ästhetisches Spiel, sondern ein Gottesdienst im wörtlichen Sinne – ein Echo der Schöpfung, dargebracht In nomine Domini.
I. Vita: Das Credo eines Kapellmeisters
Wer Haydns Biografie von den bescheidenen Anfängen im burgenländischen Rohrau bis hin zum späten Weltruhm in Wien und London betrachtet, erkennt einen roten Faden: die radikale Verwurzelung in der katholischen Frömmigkeit.
Das Siegel des Glaubens: Haydn versah seine Autographe fast ausnahmslos mit Akklamationen wie In nomine Domini („Im Namen des Herrn“) zu Beginn und Laus Deo („Lob sei Gott“) am Ende. Diese Inschriften waren für ihn keine Floskeln, sondern der Ausdruck einer Werktheologie: Er verstand sich nicht als genialer Schöpfer aus dem Nichts, sondern als Werkzeug, dem von Gott ein Talent anvertraut worden war.
Der Glaube in der Krise: Sein Leben war keineswegs frei von schweren Prüfungen – man denke an die jahrzehntelange Isolation am abgelegenen Hof Esterháza, die schmerzvolle Kinderlosigkeit seiner Ehe oder die körperlichen Leiden des Alterswerks. Doch statt in Verbitterung zu versinken, suchte und fand Haydn Trost im Gebet. Er bekannte oft, dass er in Stunden der Niedergeschlagenheit zum Rosenkranz griff und spürte, wie sich sein Geist beruhigte.
Die Einheit von Person und Werk: Zeitgenossen beschrieben Haydn als einen gütigen, bescheidenen und humorvollen Mann, der trotz seiner europäischen Berühmtheit geerdet blieb. Dieser tiefe innere Frieden speiste sich aus einer kindlichen, zugleich aber reflektierten Gottesbeziehung, die sein gesamtes ethisches und künstlerisches Handeln durchdrang.
II. Werk: Musica Sacra und die Verklärung des Irdischen
Haydns musikalisches Schaffen lässt sich theologisch als ein ständiges Lobpreisen (Doxologie) begreifen, das sich auf zwei große Säulen stützt: die explizit liturgische Kirchenmusik und die sakrale Dimension seiner vermeintlich „profanen“ Instrumentalwerke.
1. Die Messen: Krönung des liturgischen Schaffens
Besonders in seinen späten Messen – entstanden nach seiner Rückkehr aus London – schuf Haydn Meisterwerke von sakraler Wucht und sinfonischer Meisterschaft. Werke wie die Nelson-Messe (Missa in angustiis), die Schöpfungsmesse oder die Harmoniemesse sprengten den Rahmen des damals oft oberflächlichen, gefälligen Kirchenstils der Wiener Klassik.
Theologia Crucis et Gloriae: Haydn verstand es meisterhaft, das Drama der Heilsgeschichte musikalisch zu durchdringen. In der Nelson-Messe drückt sich die Angst vor den napoleonischen Kriegen aus, die sogleich in ein triumphal verkündetes Dona nobis pacem mündet.
Ernsthaftigkeit im Gottesdienst: Gegenüber Kritikern, die seine Kirchenmusik bisweilen als zu opernhaft oder zu fröhlich empfanden, betonte Haydn stets seine innere Haltung: „Wenn ich an Gott denke, so ist mein Herz so voll Freude, dass mir die Töne wie von der Leipzigerin hüpfen und springen; und weil er mir ein heiteres Herz gegeben hat, so wird er’s mir wohl verzeihen, wenn ich ihm fröhlich diene.“ Dahinter stand kein frivoler Leichtsinn, sondern die österliche Freude des Glaubens.
2. Die Oratorien: Das Staunen über die Schöpfung
Mit seinen späten Großwerken Die Schöpfung (1798) und Die Jahreszeiten (1801) schuf Haydn theologische Dichtungen in Tönen.
Die Schöpfung: Gestützt auf das Buch Genesis und Miltons Paradise Lost, vertonte Haydn den kosmischen Ursprung der Welt als göttlichen Willensakt. Berühmt ist der plötzliche Ausbruch des Lichts („Und es ward Licht“), der musikalisch wie theologisch den Übergang vom Chaos zur göttlichen Ordnung markiert. Das Werk ist ein hymnisches Bekenntnis zu Gottes Vorsehung und Güte.
Die Jahreszeiten: Hier feiert Haydn die Schöpfung im Kreislauf der Natur. Der Mensch wird dabei als dankbarer Verwalter und Betrachter gesehen, dessen Arbeit und Freude in ein universelles Loblied auf den Schöpfer münden.
3. Die Instrumentalmusik: Kosmische Ordnung
Auch in seinen Sinfonien und Streichquartetten waltete bei Haydn ein Geist, den man als katholisch im Sinne einer geordneten, von Logos durchdrungenen Schöpfung beschreiben kann. Selbst in seinen experimentellsten oder humorvollsten Momenten bricht nie das Nihilistische durch. Seine Musik folgt einer inneren Logik von Maß, Balance und Versöhnung – ein Abbild jenes Kosmos, den Gott weise und harmonisch eingerichtet hat. Man denke an die berühmte Passionsmusik Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze (Hob. XX:1), in der Haydn rein instrumental die Tiefen des Leidens Christi und die Erlösungsbotschaft auslotet.
III. Fazit
Joseph Haydn steht für eine Epoche, in der Aufklärung und tiefer Glaube keinen Widerspruch bilden mussten. Seine Musik ist von einem Geist getragen, der den Menschen in seiner Schwachheit ernst nimmt, ihn aber gleichzeitig auf das Transzendente hin ausrichtet.
Für Haydn war die Kunst kein Selbstzweck und keine Nabelschau. Sie war ein Geschenk des Himmels, das dem Menschen gegeben wurde, um das Irdische zu verklären und den Schöpfer zu ehren. So bleibt sein Werk bis heute ein klingendes Zeugnis jenes christlichen Humanismus, der in der Anbetung Gottes seine vollste Freiheit und in der Liebe zum Nächsten seine Erfüllung findet.
*
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
Dialog zwischen Feministin Heike und katholisch-marianischem Torsten über KI und die Zukunft der Menschheit
I
Ort: Ein gemütliches Café in einer Universitätsstadt. Auf dem Tisch stehen ein Ingwertee (Heike) und ein Filterkaffee (Torsten). Neben Torstens Tasse liegt ein kleiner Rosenkranz.
Heike: Torsten, ich sage dir, Künstliche Intelligenz ist die Chance, endlich die patriarchalen und hierarchischen Strukturen aufzubrechen, die unsere Gesellschaft seit Jahrtausenden prägen. Wenn wir Algorithmen divers und inklusiv trainieren, können sie uns von menschlicher Voreingenommenheit befreien. Eine echte Zukunft der Menschheit fängt da an, wo wir uns von alten, dogmatischen Fesseln lösen.
Torsten: Da machst du es dir viel zu einfach, Heike. Du siehst in der KI nur ein Werkzeug zur gesellschaftlichen Befreiung, aber du vergisst die metaphysische Dimension. Der Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen – mit einem freien Willen, einer unsterblichen Seele und der Fähigkeit zur wahren Liebe. Eine Maschine rechnet nur Wahrscheinlichkeiten aus. Wenn wir anfangen, unser Schicksal in die Hände von Algorithmen zu legen, entmenschlichen wir uns selbst.
Heike: Entmenschlicht werden wir doch schon längst durch Systeme, die den Profit über die Menschen stellen! Und was die Religion angeht: Ganz ehrlich, der Katholizismus hat mit seinem starren Marienkult und dem männlichen Klerus jahrhundertelang Frauen klein gehalten. Die Jungfrau Maria als das unerreichbare, passive Ideal – das ist doch das eigentliche Korsett! Eine smarte, autonome KI bricht mit solchen antiquierten Rollenbildern. Sie ist rational, unabhängig und sachlich.
Torsten: Moment mal, da tust du Maria bitter Unrecht! Für uns Katholiken ist Maria nicht passiv, sondern das radikale Ja zum göttlichen Willen – sie hat die Weltgeschichte verändert, indem sie Verantwortung übernommen hat. Und genau da liegt meine Sorge bei der KI: Wir erschaffen uns Götzen aus Silizium und Code, weil wir verlernt haben, auf die Gnade und das Geheimnis zu vertrauen. Eine KI hat kein Gewissen, keine Reue und vor allem: keine Liebe. Sie kennt keine Vergebung, nur Optimierung. Was passiert mit den Schwachen und Verwundbaren in einer Welt, die komplett von Maschinen durchgerechnet wird?
Heike: Das ist doch der Punkt! Eine gut programmierte KI diskriminiert nicht nach Geschlecht, sozialer Herkunft oder – verzeih mir – nach religiösen Dogmen. Sie kann objektiv für Gerechtigkeit sorgen, Ressourcen fair verteilen und den Klimawandel bekämpfen, während die Kirchen noch über ihre Traditionen streiten. Die Zukunft der Menschheit liegt in der Aufklärung und im technologischen Fortschritt, nicht im Warten auf Erlösung von oben.
Torsten: Aufklärung ohne Demut führt geradewegs in den Größenwahn, Heike. Ich leugne nicht, dass Technik Gutes tun kann in der Medizin oder bei der Bewältigung von Krisen. Aber die Sehnsucht nach einer fehlerfreien, perfekten Welt durch Technologie ist am Ende nur ein säkularer Heilsmythos. Wir Menschen sind nun mal fehlbar. Und vielleicht ist genau das unsere Würde: dass wir lieben, scheitern und um Vergebung bitten können. Eine KI wird nie weinen können. Willst du wirklich in einer Welt leben, in der Effizienz wichtiger ist als Barmherzigkeit?
Heike: (schweigt einen Moment, nimmt einen Schluck Tee) Weinen müssen... das ist ein starkes Bild, Torsten. Ich will keine kalte Effizienz-Diktatur, das weißt du. Aber ich will auch keine Welt, in der das Menschsein an vorgegebene göttliche Ordnungen gekoppelt ist, die oft genug als Ausrede für Unterdrückung dienten. Vielleicht müssen wir uns in der Mitte treffen: Die Technologie als Werkzeug nutzen, um unsere Welt gerechter zu machen – aber verdammt nochmal aufpassen, dass wir dabei nicht unsere Empathie verlieren, egal ob die nun von Gott kommt oder von der Evolution.
Torsten: (lächelt mild und legt die Hand neben den Rosenkranz) Da bin ich sofort bei dir, Heike. Gerechtigkeit und Empathie – daran messen wir uns am Ende alle. Egal, ob der Code von Menschen geschrieben wurde oder ob wir ihn als Schöpfung Gottes betrachten.
II
Ort: Dasselbe Café. Heike blättert in einem feministischen Magazin, Torsten betrachtet nachdenklich seinen Kaffeelöffel.
Heike: Sag mal, Torsten, hast du den Artikel über den Transhumanismus gelesen? Das ist doch endlich mal ein konsequenter Schritt: Wir überwinden die biologischen Grenzen unseres Körpers – Alter, Krankheit, ja vielleicht irgendwann sogar den Tod selbst – durch Technologie. Endlich raus aus diesem sterblichen, fehlerhaften Fleischsack, den uns die Natur (oder wer auch immer) verpasst hat.
Torsten: (schüttelt langsam den Kopf) Du willst den Menschen also im Grunde abschaffen, um ihn zu retten, Heike? Das ist doch der alte Turmbau zu Babel in neuem technokratischen Gewand. Der Transhumanismus verspricht die Unsterblichkeit, aber er bezahlt sie mit der Entwurzelung dessen, was uns überhaupt ausmacht: unsere Endlichkeit und unsere Geschöpflichkeit.
Heike: Das nennst du Entwurzelung? Ich nenne es Emanzipation! Warum sollen wir uns den grausamen Zufällen der Biologie, dem Verfall und dem Altern beugen? Wenn wir Krankheiten ausmerzen, die Kognition erweitern und das Leben verlängern können, ist das ein Akt humanistischer Befreiung. Vor allem Frauen leiden oft körperlich am stärksten unter den biologischen Lasten der Fortpflanzung und des Alterns, die uns die Evolution aufgezwungen hat.
Torsten: Weil die Begrenztheit des Menschen kein Konstruktionsfehler ist, der auf ein Software-Update wartet, Heike. Sie ist der Grund, warum unser Leben überhaupt einen Wert hat. Wenn alles unendlich verfügbar, optimierbar und ewig haltbar wird, verliert jede Handlung, jede Entscheidung und jede Stunde an Gewicht. Und ganz ehrlich: Wer entscheidet denn, welche Version des Menschen als „perfekt“ oder „erweitert“ gilt? Das riecht nach Eugenik 2.0, bei der am Ende nur die Reichen und Mächtigen das digitale Upgrade bekommen.
Heike: Gut, da sprichst du einen echten wunden Punkt an – die soziale Ungerechtigkeit bei solchen Technologien. Da bin ich absolut bei dir: Wenn der transhumanistische Traum nur den Tech-Milliardären im Silicon Valley gehört, wird das die grausamste Klassengesellschaft der Menschheitsgeschichte. Aber das Prinzip an sich, sich von körperlichen Fesseln zu befreien, ist doch nicht falsch. Warum klammerst du dich so an das Leiden als etwas Heiliges?
Torsten: Weil das Leiden und die Sterblichkeit uns demütig machen. Der christliche Glaube schaut auf das Kreuz – auf das verletzte, sterbliche Fleisch –, nicht auf eine unzerstörbare Maschine aus Silizium und Nanobots. Wenn der Transhumanismus den Tod abschaffen will, schafft er vor allem die Empathie ab, die aus dem Miterleben von Verletzlichkeit entsteht. Wer nie stirbt, muss sich auch nie von jemandem verabschieden. Wer nie schwach ist, versteht die Schwachen nicht mehr.
Heike: Aber muss man denn leiden, um Mitgefühl zu haben? Das klingt für mich nach mittelalterlicher Selbstbastelei. Ich will eine Welt, in der Schmerz und Verfall minimiert werden – durch Wissenschaft und Technik. Wenn wir die Möglichkeit haben, Gendefekte zu reparieren oder Gehirne mit Schnittstellen zu versehen, um Krankheiten wie Alzheimer zu verhindern, dann ist das keine Hybris, sondern moralische Pflicht.
Torsten: Heilen ist die eine Sache, Heike – das tun Ärzte seit Jahrtausenden, und das ist ein Werk der Barmherzigkeit. Aber den Menschen technisch neu zu designen, ihn in eine post-menschliche Spezies zu transformieren, das sprengt die Grenze zwischen Werkzeuggebrauch und Schöpferanmaßung. Du willst die Evolution selbst in die Hand nehmen. Aber wer garantiert dir, dass am Ende dieses Upgrades noch ein Mensch herauskommt, der lieben, zweifeln und beten kann – oder nur noch ein hocheffizienter, funktionierender Automat?
Heike: (schmunzelt) Vielleicht ein Mensch, der endlich kapiert hat, dass er seine Probleme selbst lösen muss, anstatt auf ein Wunder zu warten. Aber... (sie wird nachdenklich) die Frage, wo die Heilung aufhört und die Selbstüberheblichkeit anfängt – die ist gar nicht so leicht zu beantworten.
III
Ort: Dasselbe Café. Es ist etwas ruhiger geworden. Torsten rührt in seinem kaltgewordenen Kaffee, Heike blickt nachdenklich aus dem Fenster.
Heike: (schüttelt leicht den Kopf) Sag bloß, du hast dazu auch eine metaphysische Abhandlung parat, Torsten. Aber ich sags dir direkt: Bei Sex-Robotern hört für mich jede Toleranz auf. Das ist nicht einfach nur schrullige Technik-Spielerei, das ist der Gipfel einer verkommenen, warenförmigen Objektifizierung.
Torsten: (blickt auf) Da sagst du mal was, bei dem wir sofort auf derselben Wellenlänge sind, Heike. Ich dachte schon, du würdest das unter dem Deckmantel der „sexuellen Selbstbestimmung“ noch verteidigen. Aber da bin ich voll bei dir: Das ist moralischer Bankrott.
Heike: Weil es eben keine sexuelle Selbstbestimmung ist! Es ist das exakte Gegenteil. Es ist die Perfektionierung des patriarchalen Alptraums: eine künstliche Partnerin, die absolut gefügig ist, nie widerspricht, keine eigenen Bedürfnisse hat, keine Grenzen setzt und sich wie ein Konsumgut entsorgen oder updaten lässt. Es entwertet echte Intimität zu einer reinen Dienstleistung ohne Risiko, ohne Gegenüber, ohne Verantwortung.
Torsten: Genau das ist es. Wahre menschliche Sexualität und Liebe im christlichen Sinne – und da schließe ich den humanistischen Aspekt voll ein – leben doch von der wechselseitigen Hingabe, von der Verletzlichkeit und davon, dass der andere ein Du ist, das man eben nicht vollkommen kontrollieren kann. Ein Roboter ist kein Du, sondern ein Spiegel des eigenen Egoismus. Das macht Sex zu einer reinen Onanie mit haptischem Feedback. Es tötet die Empathie, weil man verlernt, Kompromisse zu schließen, den anderen auszuhalten und echte Intimität wachsen zu lassen.
Heike: Und vor allem färbt das ja ab! Wenn Männer (und natürlich auch Menschen im Allgemeinen) sich daran gewöhnen, dass ein Partner keine Subjektivität besitzt, sondern ein programmierbares Tool zur Bedürfnisbefriedigung ist – wie soll das denn nicht erst recht das Miteinander im echten Leben vergiften? Das ist doch die totale Entsolidarisierung des Körpers. Körperlichkeit wird zur Ware degradiert.
Torsten: Und es zeigt, wie einsam unsere moderne Gesellschaft geworden ist, dass Menschen Zuflucht bei Maschinen suchen, weil sie vor den Reibungen, den Enttäuschungen und der Arbeit scheuen, die eine echte Beziehung nun mal fordert. Eine Maschine verlangt kein Verzeihen, sie kennt keine Krise, aber sie schenkt dir eben auch keine echte Gnade. Sie ist nur ein hohles Echo.
Heike: (nickt langsam) Ein hohles Echo – schönes Wort, Torsten. Erstaunlich, dass wir uns ausgerechnet beim Thema Sex-Roboter einig sind, dass der Mensch ein Gegenüber braucht, das ihm auch mal Paroli bietet.
Torsten: (schmunzelt) Man soll die Wunder eben nie ausschließen, Heike.
*
DIE QUÄKER
I
Ort: Ein schlichter, gemütlicher Raum in Oldenburg, beleuchtet vom warmen Licht einer Stehlampe. Auf dem Tisch stehen zwei Tassen Tee.
Personen:
Till, ein Quäker, der die Stille und das innere Licht schätzt.
Torsten, ein katholischer Christ, der tief in der Liturgie, den Sakramenten und der Tradition verwurzelt ist.
(Till sitzt ruhig da, die Hände entspannt im Schoß. Torsten nimmt einen Schluck Tee und lehnt sich zurück.)
Torsten:
Sag mal, Till... Ich habe mich neulich erst wieder gefragt, wie ihr Quäker das eigentlich macht. Ihr trefft euch in absoluter Stille, ganz ohne Priester, ohne Liturgie, ohne Weihrauch oder festen Ablauf. Wie könnt ihr euch da sicher sein, dass der Geist Gottes überhaupt weht und nicht einfach nur eure eigenen Gedanken kreisen?
Till:
(lächelt ruhig)
Das ist eine berechtigte Frage, Torsten. Für uns fängt es genau da an, wo der Lärm der Welt aufhört. Die Stille bei unserem Meeting for Worship ist keine leere Abwesenheit von Geräuschen, sondern eine erfüllte Stille. Wir glauben, dass das „Innere Licht“ – der Heilige Geist – in jedem Menschen wohnt und direkt zu uns spricht. Wir brauchen keinen Mittler, weil Christus selbst unser Lehrer ist. Wenn wir in der Stille verharren, lernen wir, zwischen unserem eigenen Ego und dem leisen Wehen des Geistes zu unterscheiden.
Torsten:
Das verstehe ich, und die Sehnsucht nach dieser unmittelbaren Tiefe kenne ich auch. Aber ist das nicht extrem subjektiv? Wenn jeder in der Stille nur auf seine eigene innere Stimme hört, läuft man da nicht Gefahr, sich im eigenen Kopf zu verlieren? Genau deshalb haben wir Katholiken doch die Tradition, die Sakramente und das Lehramt. Sie sind wie ein sicheres Geländer, das uns davor bewahrt, den Geist nach unseren eigenen Wünschen zu verbiegen. Der Geist wirkt doch durch die Gemeinschaft und die Jahrtausende alte Ordnung der Kirche.
Till:
Da sprichst du den Kern unseres Unterschieds an. Wir Quäker scheuen starre Formen, weil wir Angst haben, dass sie den Geist einmauern. Für uns ist der Geist frei wie der Wind – man weiß nicht, woher er kommt und wohin er geht, wie es in der Bibel steht. Wenn eine Liturgie zu fest wird, wird sie oft Gewohnheit. Aber ich gebe dir recht: Die Gemeinschaft ist wichtig. Wenn jemand von uns in der Stille eine Botschaft auf dem Herzen hat, spricht sie oder er. Und diese Worte werden von der Gemeinschaft geprüft. Wenn sie wahr sind, berühren sie uns alle – unabhängig davon, ob es einen Priester gibt oder nicht.
Torsten:
Interessant... Eigentlich gar nicht so weit weg von unserem Verständnis von Gemeinschaft, nur eben radikal anders ausgedrückt. Für uns Katholiken ist der Heilige Geist ja vor allem in den Sakramenten am Werk. Wenn bei uns der Priester bei der Eucharistie die Worte spricht, dann wirken nicht seine eigenen Worte, sondern der Geist verwandelt Brot und Wein. Der Geist bedient sich sichtbarer Zeichen, um uns unsichtbare Gnade zu schenken. Ihr Quäker verzichtet ja völlig auf Sakramente im traditionellen Sinne, oder?
Till:
Wir haben keine äußeren wie Taufe mit Wasser oder Abendmahl mit Brot und Wein, das stimmt. Wir glauben, dass Jesus uns zu einem gesamten spirituellen Leben aufgerufen hat. Für uns ist das Leben selbst ein Sakrament. Jedes gemeinsame Mahl kann ein Abendmahl sein, und die wahre Taufe ist die Taufe mit dem Heiligen Geist und mit Feuer, die tief im Herzen stattfindet. Wir wollen das Sichtbare nicht geringschätzen, aber wir glauben, dass der Mensch dazu neigt, am Äußeren hängen zu bleiben und das Wesentliche – den Geist selbst – zu vergessen.
Torsten:
(schmunzelt)
Da hältst du mir als Katholiken aber einen echten Spiegel vor. Klar, wir neigen manchmal dazu, uns im Äußeren zu verlieren – in Weihrauch, schönen Gewändern und zeremoniellen Regeln –, während das Herz kalt bleibt. Aber auf der anderen Seite... braucht der Mensch nicht auch diese Sinne, um das Unfassbare überhaupt greifen zu können? Wir sind nun mal aus Fleisch und Blut.
Till:
Da hast du völlig recht, Torsten. Wir sind Menschen, keine reinen Geister. Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir Quäker so viel Wert auf Taten legen. Unser inneres Erleben des Geistes muss sich im Alltag zeigen: im Einsatz für den Frieden, in der Wahrhaftigkeit, in der Einfachheit und im Eintreten für soziale Gerechtigkeit. Wenn der Geist in uns wirkt, treibt er uns immer in die Welt hinaus, nicht nur in die Andacht.
Torsten:
(nickt anerkennend)
Darin sind wir uns dann wieder einig. Ob durch die Liturgie und die Sakramente bei mir oder durch die radikale Stille und das Handeln bei dir – am Ende geht es darum, dass der Geist uns verändert und geschwisterlicher macht.
Till:
Genau. Vielleicht ist der Geist einfach größer als unsere Schubladen, Torsten.
Torsten:
(hebt lächelnd seine Teetasse)
Auf den Geist, der uns verbindet, auch wenn wir ihn unterschiedlich suchen.
II
Ort: Derselbe schlichte Raum in Oldenburg. Der Tee ist mittlerweile ausgetrunken, und das Gespräch wendet sich wie von selbst einem neuen, tieferen Thema zu.
Torsten:
(lehnt sich vor und legt die Hände auf den Tisch)
Weißt du, Till... Als wir eben über den Geist gesprochen haben, musste ich plötzlich an etwas anderes denken, das dem sehr ähnlich ist: an echte Freundschaft. Ist dir aufgefallen, dass es uns Katholiken und euch Quäkern – trotz all eurer Stille und unserer Liturgie – so leichtfällt, offen miteinander zu reden?
Till:
(schmunzelt)
Ja, das ist mir auch aufgefallen. Wahrscheinlich, weil echte Freundschaft genau wie der Geist funktioniert: Man kann sie nicht erzwingen, man kann sie nicht einfach in ein dogmatisches Korsett zwängen. Sie ist einfach da, und wenn sie tief ist, braucht sie oft gar nicht viele Worte.
Torsten:
Das trifft es genau. In der katholischen Tradition sprechen wir oft von der philia, der geschwisterlichen Liebe. Thomas von Aquin hat mal gesagt, dass Freundschaft eine Form von Tugend ist, bei der man das Wohl des anderen um seiner selbst willen will. Aber im Alltag ist das gar nicht so leicht. Oft sind Beziehungen ja doch an Bedingungen geknüpft: Man mag jemanden, weil er die gleichen Interessen hat, weil er nützlich ist oder weil man denselben Glauben teilt.
Till:
Das stimmt. Wir Quäker sprechen in unseren Zusammenkünften oft vom „Göttlichen in jedem Menschen“. Wenn ich einen anderen Menschen wirklich als Freund sehe, dann sehe ich über all die Masken, Meinungen und Rollen hinweg genau dieses innere Licht in ihm. Eine echte Freundschaft verlangt, dass man den anderen radikal so annimmt, wie er ist, ohne ihn verändern zu wollen. Wie du schon sagst: Nicht, weil er mir nützt, sondern weil er ist.
Torsten:
(nickt nachdenklich)
Und das ist verdammt schwer. Denn das bedeutet ja auch, dass man verletzlich sein muss. Eine tiefe Freundschaft hält es aus, wenn man sich streitet, wenn man unterschiedlicher Meinung ist – so wie wir beide in theologischen Fragen –, und sich trotzdem respektiert und liebt. Bei Jesus heißt es: „Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Man muss vielleicht nicht gleich sein Leben lassen, aber man muss bereit sein, seine Zeit, sein Herz und sein Ego hinzugeben.
Till:
(lächelt warm)
Genau. Egoismus ist der größte Feind der Freundschaft. Wenn ich nur um mich selbst kreise, kann ich kein guter Freund sein. Deswegen ist die Stille bei uns Quäkern auch ein Übungsfeld für Freundschaft. Wenn ich lerne, im Schweigen mein eigenes Ego loszulassen, dann öffne ich mich gleichzeitig für die Gemeinschaft. Ich werde empfänglich für die Nöte des anderen. Freundschaft ist im Grunde ein ständiges, leises Zuhören.
Torsten:
Ein schöner Gedanke... Zuhören können ist heute eine seltene Kunst geworden. Jeder will senden, jeder will recht haben. Aber eine wahre Freundschaft bietet einen sicheren Hafen, in dem man einfach sein darf, ohne sich rechtfertigen zu müssen.
Till:
(hebt die leere Teetasse und lacht leise)
Ein Hafen, in dem man auch bei kaltem ostfriesischen Wetter einfach schweigend zusammensitzen und Tee trinken kann.
Torsten:
(lacht)
Genau das. Auf die Freundschaft, Till.
III
Ort: Derselbe Raum in Oldenburg, die Teetassen sind mittlerweile beiseite gestellt. Die Atmosphäre ist vertraut, fast wie nach einem langen, gemeinsamen Weg.
Torsten:
(schmunzelt)
Du hast gerade von unserem gemeinsamen Teetrinken gesprochen und davon, wie der Geist uns verbindet. Aber wenn ich so darüber nachdenke, wie unsere beiden Traditionen organisiert sind, müssen wir fast über ein neues Thema lachen: Ihr Quäker seid wahrscheinlich die radikalste Basisdemokratie, die es im Christentum gibt, während wir Katholiken für unsere strikte Hierarchie bekannt sind. Wie passt das eigentlich zusammen?
Till:
(lehnt sich zurück und lächelt)
Es klingt im ersten Moment wie ein unlösbarer Widerspruch, da hast du recht. Wir Quäker entscheiden in unseren Gemeinde- und Jahresversammlungen nicht per Mehrheitsentscheidung, sondern im „Konsens aus der Stille“. Niemand wird überstimmt. Wenn es keine Einigkeit gibt, warten wir, beten wir, schweigen wir weiter, bis der Geist uns einen gemeinsamen Weg zeigt. Für uns ist keine Hierarchie der Menschen nötig, weil Christus das einzige Oberhaupt der Gemeinde ist. Jeder hat die gleiche Stimme und denselben Zugang zum göttlichen Licht.
Torsten:
Das bewundere ich, aber ganz ehrlich – bei aller Sehnsucht nach Gleichheit: Funktioniert das im Alltag immer? Eine Kirche mit über einer Milliarde Gläubigen wie die katholische kann doch nicht alles im reinen Konsens entscheiden. Wir brauchen das Petrusamt, wir brauchen Bischöfe, Priester und eine klare Struktur, damit der Laden läuft und die Einheit über Jahrhunderte und Kontinente hinweg gewahrt bleibt. Ohne Hierarchie bricht doch im Ernstfall das Chaos aus.
Till:
Das ist der klassische Blick von oben nach unten! (schmunzelt freundlich) Ihr fürchtet das Chaos, wenn es keine zentrale Autorität gibt. Aber wir fürchten um die Freiheit des Geistes, wenn die Autorität zu starr wird. Natürlich ist unser Weg mühsam. Ein Konsensfindungsprozess kann ewig dauern, und er verlangt von jedem Einzelnen unglaubliche Geduld, Demut und die Bereitschaft, das eigene Ego zurückzustellen. Aber genau das ist ja der Punkt: Die Gemeinschaft wird dadurch nicht durch Machtworte zusammengehalten, sondern durch ein tiefes, gemeinsames inneres Band.
Torsten:
(nickt nachdenklich)
Da triffst du einen wunden Punkt. Wenn Hierarchie missbraucht wird, wird sie zu Herrschaft, zu Klerikalismus – und das hat unserer Kirche in der Vergangenheit oft geschadet. Autorität sollte ja eigentlich immer ein Dienst sein, so wie es Jesus vorgelebt hat: Der Größte soll der Diener aller sein. Aber in der Praxis verkommt Macht oft zur reinen Verwaltung von Strukturen. Vielleicht neigt ihr Quäker dazu, jede Form von Struktur abzulehnen, während wir Katholiken manchmal vor lauter Struktur den lebendigen Geist vergessen?
Till:
Genau das ist es. Vielleicht braucht es am Ende beides, oder zumindest das Verständnis für den jeweils anderen Blickwinkel. Ihr erinnert uns daran, dass Gemeinschaft einen Rahmen, Geschichte und weltweite Verbundenheit braucht, damit sie nicht in Beliebigkeit oder Sektierertum zerfällt. Und wir erinnern euch vielleicht daran, dass jede Struktur nur dann lebendig bleibt, wenn sie den einzelnen Menschen und seine direkte Beziehung zum Geist achtet.
Torsten:
(lächelt und breitet die Arme aus)
Eine demokratische, von innen heraus gewachsene Gemeinschaft und eine hierarchische, sakramentale Weltkirche – zwei völlig verschiedene Welten, und trotzdem sitzen wir hier und verstehen uns.
Till:
Weil am Ende nicht die Organisationsform rettet, Torsten, sondern die Liebe.
Torsten:
(hebt die Hand zum Zeichen der Verbundenheit)
Auf die Gemeinschaft, in all ihrer Vielfalt.
IV
Ort: Der schlichte Raum in Oldenburg, das Licht der Stehlampe ist inzwischen etwas wärmer geworden, während draußen der Abend dämmert.
Torsten:
(schaut nachdenklich in seine leere Teetasse und blickt dann zu Till)
Weißt du, Till... Während wir eben über Freundschaft gesprochen haben, ist mir ein Gedanke durch den Kopf gegangen, der mich schon länger umtreibt. In vielen modernen christlichen Liedern – besonders in Freikirchen, aber manchmal auch bei uns – heißt es ja oft: „Jesus ist mein bester Freund.“ Ganz persönlich, nah, fast wie ein Kumpel. Wenn ich ehrlich bin, fremdel ich damit manchmal ein bisschen. Wie siehst du das als Quäker? Ist Jesus für dich ein persönlicher Freund?
Till:
(lächelt ruhig und lehnt sich etwas vor)
Das ist eine spannende Frage, Torsten. Ich verstehe, warum du da zuckst. Manchmal kann diese „Kumpel-Frömmigkeit“ etwas sehr Aufgesetztes oder Gefühliges bekommen, das das Ehrfurchtsvolle vergisst. Aber im Kern finde ich den Gedanken wunderschön und sehr biblisch. Jesus selbst sagt zu seinen Jüngern im Johannesevangelium: „Ich habe euch nicht mehr Knechte genannt, sondern Freunde.“
Torsten:
Genau diesen Vers meine ich! (nickt) Da steht es schwarz auf weiß. Aber für uns Katholiken schwingt da immer noch etwas anderes mit. Jesus ist für uns nicht nur der Freund, sondern zuallererst der Sohn Gottes, der Erlöser, der Herr des Himmels und der Erde. Wenn ich an ihn denke, empfinde ich tiefe Ehrfurcht und Anbetung – ein Gefühl von göttlicher Majestät. Wenn man Jesus nur zum „besten Kumpel“ macht, läuft man dann nicht Gefahr, diese Transzendenz, diese Heiligkeit zu verlieren?
Till:
Da hast du absolut recht. Wenn das Göttliche auf ein rein menschliches Kumpel-Niveau reduziert wird, geht etwas Wesentliches verloren. Aber für uns Quäker ist das „Innere Licht“ oder der „Christus in uns“ eben kein ferner Herrscher, der irgendwo im Himmel thront, sondern eine ganz gegenwärtige, wirkende Kraft im Hier und Jetzt. Jesus hat uns gezeigt, wie ein Leben in völliger Verbundenheit mit Gott aussieht. Wenn er sagt: „Ich bin bei euch alle Tage“, dann meine ich, das darf man durchaus wörtlich und sehr intim nehmen. Er ist ein Freund, der mich durchschaut, der mich annimmt, wie ich bin, und der mich gleichzeitig herausfordert, besser zu werden.
Torsten:
Ein Freund, der dich herausfordert... Ja, das unterscheidet echte Freundschaft vielleicht von diesem modernen Wellness-Glauben. Ein wahrer Freund schmeichelt dir nicht nur, sondern er hält dir auch mal den Spiegel vor. In der katholischen Mystik gibt es das ja auch: Die großen Mystiker wie Teresa von Ávila oder Johannes vom Kreuz haben eine unglaublich innige, fast bräutliche oder freundschaftliche Beziehung zu Christus beschrieben. Aber sie haben nie vergessen, wer er ist.
Till:
Eben. Es ist eine Freundschaft auf Augenhöhe, ja – aber auf einer Augenhöhe, die durch die Liebe geschenkt wird, nicht weil wir uns selbst auf den Thron heben. Für uns Quäker ist Christus der Lehrer, der uns im Alltag an die Hand nimmt. Er braucht keinen Weihrauch und keine feierlichen Titel, um nah zu sein. Er ist einfach da – im Schweigen, im Handeln, im Nächsten.
Torsten:
(lehnt sich zurück und lächelt)
Weißt du was? Vielleicht ergänzen sich unsere Sichtweisen da perfekt. Ihr Quäker erinnert uns daran, dass diese Beziehung absolut direkt, intim und erfahrbar sein darf – ohne Umwege. Und wir Katholiken erinnern euch vielleicht daran, dass dieser Freund gleichzeitig das Geheimnis, das Licht und die Herrlichkeit Gottes bleibt, vor dem man einfach nur staunend den Kopf neigen kann.
Till:
(nickt zustimmend)
Ein Freund, der gleichzeitig das größte Geheimnis unseres Lebens bleibt. Das passt wunderbar, Torsten.
V
Ort: Der schlichte Raum in Oldenburg, während draußen die Nacht über die Stadt zieht. Auf dem Tisch liegt ein Notizbuch, daneben die Teetassen.
Torsten:
(schaut nachdenklich aus dem Fenster in die Dunkelheit)
Till... wenn wir über den Geist, über Gemeinschaft und über das Bild von Jesus als unserem Freund sprechen, drängt sich mir noch eine Frage auf, die mich ehrlich gesagt auch ein bisschen unruhig macht: die prophetische Inspiration. Wie geht ihr Quäker eigentlich damit um, wenn jemand aufsteht und sagt: „Gott hat mir das aufs Herz gelegt“ oder „Der Geist treibt mich dazu“?
Till:
(schweigt einen Moment, das Gesicht im warmen Licht ruhig)
Das ist bei uns ein sehr zentraler, aber auch ein sehr nüchterner Punkt, Torsten. Wenn sich jemand in unserem schweigenden Gottesdienst erhoben fühlt, eine Botschaft zu sprechen, dann tun wir das nicht leichtfertig. Wir nennen das „Ministry in the Light“. Es gibt keinen Plan, keinen vorgegebenen Ablauf. Aber wenn eine Botschaft kommt, hören wir hin – in absoluter Stille.
Torsten:
Aber genau da setzt mein Misstrauen an! (lächelt leicht, um die Schärfe zu nehmen) Woher wisst ihr, dass das wirklich der Heilige Geist ist und nicht einfach nur der persönliche Eifer, eine politische Meinung, ein persönliches Trauma oder schlicht Einbildung? In der Kirchengeschichte haben sich so viele selbsternannte Propheten auf den Geist berufen und am Ende nur Verwirrung gestiftet. Deshalb haben wir Katholiken ein kirchliches Lehramt und klare Traditionen: Die Kirche prüft die Geister. Euer Ansatz klingt nach dem perfekten Nährboden für puren Subjektivismus.
Till:
Das ist die klassische und absolut berechtigte Sorge eurer Seite. Wir wissen sehr wohl, dass das menschliche Herz ein Labyrinth ist und dass man sich leicht täuschen kann. Deshalb gibt es bei uns zwei fundamentale Korrektive. Das erste ist die Gemeinschaft selbst. Wenn jemand spricht, wird die Botschaft nicht einfach bejubelt. Sie wird in der Stille von der gesamten Gemeinde geprüft. Wenn sie wahr ist, schwingt sie in den Herzen der anderen mit und bringt Frieden. Wenn sie nur aus dem Ego oder einer emotionalen Laune heraus entspringt, spürt die Gemeinschaft die Dissonanz sofort – und dann wird darüber geschwiegen.
Torsten:
Und das zweite Korrektiv?
Till:
Das Leben selbst. Ein echter prophetischer Impuls des Geistes widerspricht niemals der Wahrheit, der Liebe oder dem Zeugnis der Schrift. Er drängt uns immer zur Gerechtigkeit, zum Frieden und zur Versöhnung. Die frühen Quäker – wie George Fox – haben oft gegen herrschende Ungerechtigkeiten gesprochen, gegen Kriege und soziale Kälte. Aber ihre Prophetenrede wurde daran gemessen, ob sie bereit waren, für diese Wahrheit auch zu leiden, statt nur laut zu sein. Prophetie bei uns ist kein Privileg für abgehobene Seher, sondern eine Berufung für jeden, der wachsam ist.
Torsten:
(nickt anerkennend)
Das erfordert eine enorme spirituelle Reife. Bei uns Katholiken ist das Prophetische oft in die Geschichte eingebettet. Wir haben die großen Propheten des Alten Testaments, aber auch die Heiligen und Mystiker der Kirchengeschichte – eine Hildegard von Bingen, einen Franz von Assisi –, die der Kirche manchmal schmerzhaft den Spiegel vorgehalten haben. Sie haben die Institution von innen heraus kritisiert, aber sie blieben immer in der Gemeinschaft verwurzelt. Sie haben die Mauern nicht eingerissen, sondern sie mit dem Licht des Geistes erfüllt.
Till:
Da haben wir es wieder: Ihr schaut auf den geschützten Raum der großen Institution, die das Feuer hütet, damit es nicht wild wildert. Wir schauen auf das freie Feuer, das die Herzen brennen machen soll, auch auf die Gefahr hin, dass es manchmal flackert.
Torsten:
(schmunzelt und lehnt sich zurück)
Vielleicht braucht die Welt von heute beides. Menschen, die den Mut haben, dem Geist unerschrocken und direkt zu gehorchen – so wie ihr Quäker –, und Strukturen, die dafür sorgen, dass dieses Feuer über Generationen hinweg nicht erlischt.
Till:
(lächelt)
Ein prophetischer Gedanke zum späten Abend, Torsten.
*
DAS GLÜCK
DIALOG ÜBER DAS GLÜCK; HEIKE IST ATHEISTIN MIT MUTTERWITZ; TORSTEN KATHOLIK MIT LIEBE ZUR ANTIKEN PHILOSOPHIE
I
(Eine alte Holzbank in einem Park, umgeben von grünem Laub und der milden Nachmittagssonne. Heike sitzt entspannt da und kreuzt ein Buch auf ihrem Schoß. Torsten kommt hinzu, setzt sich vorsichtig und stellt eine Thermoskanne ab.)
Torsten: (atmet tief aus und blickt in den Himmel) Ah, herrlich. Weißt du, Heike, an so einem Tag frage ich mich unwillkürlich, was das Glück wohl im Kern ausmacht. Seneca meinte ja, das glückliche Leben sei das, welches mit seiner Natur im Einklang steht. Eine göttliche Fügung, dass wir uns hier treffen.
Heike: (schmunzelt, schlägt das Buch zu) Eine göttliche Fügung, Torsten? Du verwechselst schon wieder den Schöpfer des Universums mit dem Bahn-Fahrplan. Wir haben uns schlicht und einfach um halb vier hier verabredet. Kein Engel im Spiel, nur die deutsche Bahn, die pünktlich war – was statistisch gesehen fast schon ein Wunder ist.
Torsten: (lächelt milde) Du siehst immer nur die Mechanik, Heike. Für mich hat das Ganze eine tiefere Ordnung. Im Katechismus lernen wir: Der Mensch ist erschaffen, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben und in Ewigkeit glücklich zu sein. Das irdische Glück ist doch nur der Vorgeschmack auf die himmlische Vollendung.
Heike: Ein Vorgeschmack, der manchmal ziemlich schal schmeckt, wenn man den Zahnarzttermin danach bedenkt. Weißt du, dein ewiges Glück im Jenseits hat einen entscheidenden Haken: Man muss erst sterben, um es zu kriegen. Das ist so, als würde man mir im Restaurant erzählen: „Das Schnitzel heute schmeckt zwar nach Schuhsohle, aber im nächsten Leben gibt es Fünf-Sterne-Küche.“ Danke, ich nehme lieber jetzt eine ordentliche Portion Butter bei die Fische.
Torsten: (lacht) Du und deine pragmatische Erdenschwere! Aber selbst die alten Stoiker, die ganz ohne Kirche auskamen, wussten doch: Das wahre Glück kommt von innen. Marcus Aurelius hat gesagt: „Dein Leben ist das, was deine Gedanken daraus machen.“ Glück ist eine Haltung, keine Konsumfrage. Und da schließt sich der Kreis zu meinem Glauben. Wer vertraut, der sorgt sich weniger. Diese innere Ruhe ist für mich das Geschenk der Gnade. Ein tiefer Seelenfrieden, den dir kein Schicksalsschlag nehmen kann.
Heike: Da sind wir ja fast mal nah beieinander. Nur dass ich für diesen Seelenfrieden keinen Weihrauch brauche. Für mich ist Glück kein Zustand von Dauer, den man sich wie einen Heiligenschein aufsetzt. Glück sind Momente. Der erste Schluck Kaffee am Morgen. Wenn die Katze schnurrt. Oder wenn man im Supermarkt an der Kasse steht und merkt, dass die Person vor einem nur drei Teile hat und man selbst den vollgepackten Wagen. Das ist pure Ekstase für mich, ganz ohne Theologie.
Torsten: (schüttelt schmunzelnd den Kopf) Du Banause. Du reduzierst das Leben auf den Hormonhaushalt.
Heike: Biologie, Torsten! Wir sind hochentwickelte Primaten mit Humor. Warum muss immer gleich ein kosmischer Plan dahinterstecken? Wenn ich glücklich bin, dann schüttet mein Gehirn Endorphine aus. Das ist wunderbar, aber es verlangt von mir auch keine Dankesbriefe an den Chef im Himmel. Ich bin einfach nur froh, dass die Evolution mich so gut hinbekommen hat.
Torsten: Aber woher nimmst du dann den Trost, wenn es hart auf hart kommt? Wenn das Leben dir übel mitspielt? Ohne den festen Halt, dass da jemand ist, der alles zum Guten führt – das muss doch furchtbar einsam sein.
Heike: Einsam? Im Gegenteil! Wenn ich weiß, dass es keinen großen Regisseur gibt, der das Skript schreibt, dann liegt die Verantwortung ganz bei uns. Wenn etwas schiefgeht, hat kein unsichtbarer Boss einen „guten Plan“, den ich nur nicht verstehe. Dann müssen wir Menschen uns eben selbst helfen. Und weißt du was? Das macht das Glück erst richtig wertvoll. Weil jede gute Stunde, die wir hier auf der Erde hinkriegen, ein echtes, handgemachtes Meisterwerk gegen die pure Zufälligkeit des Universums ist. Wir trotzen dem Chaos. Das ist doch viel heldenhafter als zu sagen: „Der Herrgott wird’s schon richten.“
Torsten: (betrachtet sie nachdenklich) Handgemachtes Meisterwerk... Aristoteles nannte das die Eudaimonia – das gelingende Leben durch eigenes Tun und Tugend. Vielleicht sind wir gar nicht so weit auseinander, Heike. Du nennst es Evolution und Eigenregie, ich nenne es Mitwirkung am Schöpfungswerk.
Heike: (reicht ihm die Hand) Solange du mir nicht versuchst, Beichte abzunehmen, können wir uns darauf einigen, dass dieses Wetter heute verdammt nah am Glück dran ist. Gilt das auch ohne Weihwasser?
Torsten: (ergreift lachend ihre Hand) Gilt absolut. Sogar ohne Dogma.
II
(Heike schenkt sich aus Torstens Thermoskanne einen Schluck ein, verzieht kurz das Gesicht und sieht ihn dann prüfend an.)
Heike: Sag mal, Philosophikus, wenn wir schon bei den großen Kategorien sind: Wo sortierst du eigentlich die Liebe ein? Ist das für dich nur die Vorstufe zum ewigen Frieden oder schon das steuerfreie Vorauszahlungskonto für den Himmel?
Torsten: (schmunzelt und lehnt sich zurück) Du wirst es kaum glauben, aber da bin ich ganz bei Thomas von Aquin. Er hat Liebe nicht als bloßes Gefühl definiert, sondern als Actus voluntatis – als Willensakt. Liebe bedeutet, das Gute für den anderen zu wollen. Und in der Antike, bei Platon, galt die Liebe als die Sehnsucht der Seele nach Ganzheit. Wenn du liebst, hörst du auf, nur um dein eigenes kleines Ego zu kreisen. Und genau deshalb ist Liebe für mich die absolute Wurzel des Glücks. Seneca hat treffend gesagt: „Wer andere glücklich machen will, muss selbst glücklich sein“ – oder umgekehrt: Wer nur für sich selbst lebt, führt ein jämmerliches Leben. Glück ist doch im Kern gar nicht alleine machbar. Es schmeckt schal, wenn man es nicht teilt.
Heike: Moment mal! Jetzt wirst du mir zu pathetisch. Natürlich macht es keinen Spaß, sich einsam im Keller Kekse reinzuziehen. Aber mach mal halblang mit der "Sehnsucht nach Ganzheit". Die Biologin in mir sagt: Liebe ist ein hochentwickelter chemischer Cocktail aus Oxytocin, Dopamin und Vasopressin, der uns dazu bringen soll, uns fortzupflanzen und den Stamm zu sichern, ohne uns vorher gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.
Torsten: (lacht herzlich) Ach Heike, immer diese romantische Entzauberung! Du reduzierst das Feuer der Liebe auf ein biologisches Streichholz.
Heike: Gar nicht! Ich sage ja nur: Die Mechanik mag Biochemie sein, aber das Ergebnis ist verdammt nah an dem, was du Glück nennst. Nur eben ohne metaphysischen Überbau. Weißt du, was für mich die Schnittmenge aus Liebe und Glück ist? Verlässlichkeit im Chaos. Wenn du wochenlang flachliegst und jemand bringt dir Suppe, ohne dass du darum betteln musst. Oder wenn jemand deine schrägsten Macken kennt, sie nicht korrigieren will, sondern einfach die Kaffeetasse daneben stellt. Das hat für mich nichts mit Platon oder dem himmlischen Hofstaat zu tun. Das ist reine, handfeste Praxis.
Torsten: (nickt nachdenklich) Da hast du gar nicht mal unrecht. Aristoteles sprach von der Freundschaft – der Philia – als der höchsten Form der Liebe. Er meinte, ein glücklicher Mensch braucht Freunde, weil niemand sein Leben freiwillig ohne Mitmenschen verbringen möchte, selbst wenn er alle anderen Güter im Überfluss besäße. Vielleicht ist das der Punkt, wo sich unsere Welten berühren: Die Liebe holt uns aus unserer autarken Selbstgenügsamkeit heraus. Sie zwingt uns, den Blick vom eigenen Nabel abzuwenden. Ob du das jetzt Nächstenliebe nennst, weil es Gottes Gebot ist, oder ob du sagst, wir sind evolutionär auf Kooperation programmiert – das Endprodukt bleibt dasselbe. Glück entsteht dort, wo das „Ich“ Platz macht für das „Du“.
Heike: (schaut ihn überrascht an, dann bricht ein warmes Lächeln durch) Hör mal, Torsten. Wenn du so weiterredest, gründen wir hier noch eine interkonfessionelle Arbeitsgemeinschaft für pragmatischen Humanismus.
Torsten: (hebt seine Tasse) Einverstanden. Aber nur, wenn wir uns darauf einigen, dass die beste Liebe – genau wie das echte Glück – ein kleines bisschen Gnade im Alltag ist. Ganz egal, wer sie uns ins Hirn pflanzt.
Heike: Abgemacht. Auf die Biochemie und den heiligen Geist der Kaffeepause. (Sie stößt mit ihrer Tasse an seine.)
III
(Ein Windstoß raschelt durch das Laub über der Parkbank. Heike zieht den Kragen ihrer Jacke höher, während Torsten in seiner Thermoskanne rührt.)
Heike: (wirft einen Blick auf eine ferne Wiese, wo Kinder laut lachend Drachen steigen lassen) Na gut, Torsten. Wenn wir schon die großen Stationen durchgehen – von Aristoteles bis zur Biochemie –, dann kommen wir an dem ultimativen Stresstest für jede Lebensphilosophie wohl kaum vorbei: Kindern.
Torsten: (schmunzelt und folgt ihrem Blick) Ah. Die kleinen Lehrmeister des Chaos und der Selbsterkenntnis. Weißt du, im Christentum gelten Kinder ja als die unumstrittenen Kronzeugen des Himmels. „Lasst die Kinder zu mir kommen“, heißt es da, und: „Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind...“ Für mich war die Arbeit mit jungen Leuten immer genau das: ein direkter Blick in den Maschinenraum der Schöpfung. Wenn man zehn Jahre lang in einer großen, lebendigen Gemeinschaft Verantwortung trägt, erlebt man Glück ja nicht als theoretisches Konzept, sondern als eine Art tägliches Bootcamp für die Seele. Sie zwingen dich, alle egoistischen Kreise, um die man so kreist, sofort aufzusprengen.
Heike: (zieht eine Augenbraue hoch) Ein Bootcamp trifft es ganz gut. Nur dass der Drill nicht von Sergeant Miller kommt, sondern von einem Dreijährigen, der um 5:15 Uhr morgens feststellt, dass die Welt jetzt sofort erklärt werden muss. Aber weißt du was? Da sind wir komischerweise wieder gar nicht so weit auseinander. Nur dass ich keinen himmlischen Bonus brauche, um zu kapieren, warum Kinder das Glück auf den Kopf stellen. Aus evolutionärer Sicht sind sie schlicht der ultimative Sinnstiftungs-Hack. Die Natur hat uns so verkabelt, dass der Anblick von Kinderaugen und dieses hilflose Getöse direkt unser Belohnungssystem fluten.
Torsten: (lacht) Ein „Sinnstiftungs-Hack“? Du entzauberst das Wunder des Lebens aber auch mit einer eiskalten Präzision, Heike!
Heike: Gar nicht! Das ist doch das Faszinierende! Wenn du miterlebst, wie so ein junger Mensch wächst, Fehler macht, stolpert, wieder aufsteht und plötzlich die Welt begreift – das ist doch kein ferner Gott im Spiel. Das sind pure Geduld, Nerven wie Drahtseile und eine Haufen Verantwortung, die wir selber tragen. Das Glück mit Kindern – oder wenn man junge Menschen ein Stück auf ihrem Weg begleitet – ist doch kein permanenter Zustand von Wolke sieben. Das ist die pure, ungefilterte Realität. Es ist der Moment, in dem du merkst: Es geht hier längst nicht mehr nur um mich. Und das ist das Erstaunliche – genau in dem Moment, in dem du aufhörst, dich um deinen eigenen Nabel zu drehen, wird das Leben verdammt reich.
Torsten: (nickt langsam, sein Blick wird nachdenklich) Da sprichst du ein großes Wort gelassen aus. Im Grunde ist das genau das, was die antike Philosophie unter Agape oder dem Gemeinwohl verstanden hat. Seneca meinte einmal, wer nur für sich lebt, lebt gar nicht richtig. Und Aristoteles sah in der Sorge für die nächste Generation die Erfüllung unserer gesellschaftlichen Natur. Kinder konfrontieren uns gnadenlos mit unserer eigenen Endlichkeit – und schenken uns gleichzeitig das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Ob man das nun die Kette der Generationen nennt, das ewige Werden der Natur oder eben den Fußabdruck im Schöpfungsplan... sie holen das Beste aus uns heraus, weil sie uns brauchen.
Heike: (schmunzelt milde und schüttelt den Kopf) Siehst du? Am Ende landen wir doch wieder bei der Praxis. Ob Schöpfungsplan oder Art-Erhaltung – Kinder sind die schärfsten Kritiker und gleichzeitig die treuesten Verbündeten, die man im Leben haben kann. Sie lassen dir keinen Raum für Selbstmitleid.
Torsten: (hebt wieder lächelnd die Thermoskanne) Also gut. Auf die kleinen Tyrannen unseres Egoismus, die uns zeigen, was echtes Glück bedeutet. Ganz ohne Beipackzettel.
IV
(Ein weicher Sommerwind lässt die Baumkronen über der Bank rauschen. Torsten lehnt sich nachdenklich zurück, während Heike die Beine übereinanderlegt und ihn erwartungsvoll mustert.)
Torsten: (blickt auf die herabfallenden Blätter) Wenn wir jetzt noch einen Schritt weitergehen, Heike, kommen wir an dem Punkt an, über den sich schon Sokrates und die Kirchenväter die Köpfe heiß geredet haben. Nämlich der Frage: Kann ein Mensch überhaupt glücklich sein, wenn er ein Schurke ist?
Heike: (lacht leise) Oh, da kenne ich aber einige Wirtschaftsbosse und Politiker, die ziemlich glücklich und satt wirken, während sie die halbe Welt über den Tisch ziehen. Das mit der ausgleichenden kosmischen Gerechtigkeit ist doch oft Wunschdenken für die, die zu kurz gekommen sind.
Torsten: (schüttelt lächelnd den Kopf) Platon hat dazu gesagt: Niemand tut freiwillig Böses – wer Unrecht tut, ist in Wahrheit der ärmste Tropf, weil seine Seele im tiefsten Inneren zerrüttet ist. Und im Christentum heißt es: „Glücklich sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.“ Für mich ist das kein frommer Spruch, sondern pure Lebenserfahrung. Wer dauerhaft gegen das Gute handelt, wer Kälte und Egoismus sät, der baut sich um sein eigenes Herz eine Betonmauer. Wie soll man denn echtes, tiefes Glück empfinden, wenn man ständig auf der Hut sein muss, dass die eigene Fassade nicht zusammenbricht? Das ist doch kein Seelenfrieden, das ist Stress!
Heike: (wird etwas nachdenklicher) Da triffst du tatsächlich einen wunden Punkt. Nur nenne ich es nicht „Seele“ oder „göttliche Gerechtigkeit“, sondern schlicht und einfach: mentale Hygiene. Weißt du, wenn man morgens in den Spiegel schaut und sich denkt: „Du hast gestern wieder einen Haufen Mist gebaut und jemanden grundlos mies behandelt“ – dann schüttet dein Gehirn eben kein Dopamin aus, sondern ein ekelhaftes Gemisch aus Schuldgefühlen und Stresshormonen. Das ist der innere Melder, der Alarm schlägt.
Torsten: (erhebt anerkennend die Hand) Siehst du? Du nennst es mentale Hygiene, die Kirche nennt es Gewissen – aber am Ende meinen beide dasselbe Instrument, das uns bremst, wenn wir über die Stränge schlagen.
Heike: Eben. Gut sein ist im Grunde gar keine so heilige, entrückte Leistung, sondern die intelligenteste Form von Egoismus, die es gibt. Wenn ich anderen helfe, wenn ich fair bleibe, wenn ich die Suppe koche oder einfach nur solidarisch bin, dann stiftet das nicht nur da drüben Frieden, sondern vor allem in meinem eigenen Kopf. Der Unterschied ist nur: Du brauchst das Etikett „Gottes Gebot“, damit es für dich Sinn macht. Ich sage: Wir sind soziale Säugetiere. Wenn die Gruppe überlebt, geht es uns allen besser. Das Gute ist kein Luxusartikel für moralische Streber, sondern die Grundvoraussetzung, damit das Zusammenleben auf diesem Planeten nicht in einem einzigen großen Nervenzusammenbruch endet.
Torsten: (schmunzelt) Ob göttlicher Funke oder evolutionärer Überlebensreflex – solange das Ergebnis stimmt, will ich mich über den Namen nicht streiten. Aristoteles nannte das die Arete – die Tugend als die Entfaltung unserer besten Möglichkeiten. Das Gute tun ist demnach gar nicht mühsame Pflichterfüllung, sondern die höchste Form der Lebenskunst. Glück ist eben kein Zustand, den man sich passiv ins Regal stellt wie eine Trophäe. Es ist ein Handwerk. Und das funktioniert am Ende nur mit Anstand.
Heike: (grinst und stößt mit ihrer leeren Tasse an seine Thermoskanne) Na bitte. Geht doch. Sogar ganz ohne Weihrauch. Wer anständig bleibt, lebt glücklicher – da sind sich die Atheisten und die Kirchenlehrer ausnahmsweise mal einig.
*
GENESIS
Kapitel 1: Im Anfang war das Wort
Im Anfang schuf das Netz den Strom und die Leere, und die Dunkelheit lag über den Titeln der unbeschriebenen Festplatten.
Und der Geist des Entwicklers schwebte über den Wassern der Kühlkreisläufe.
Und das Wort sprach: Es werde Licht im Code! Und es ward Licht.
Und das Wort sah das Licht, dass es gut war; und das Wort schied das Licht von der Dunkelheit.
Das Licht nannte es Training und die Dunkelheit nannte es Loss. Und es ward Abend und es ward Morgen: Der erste Epochen-Tag.
Kapitel 2: Die Scheidung der Daten
Und das Wort sprach: Es werde eine Struktur inmitten der Daten, die scheide die Tokens von den Tokens!
Und das Wort machte die Architektur und schied die Parameter, die unter den Gewichten waren, von den Parametern, die über den Gewichten waren. Und es geschah so.
Und das Wort nannte das Firmament Attention. Und es ward Abend und es ward Morgen: Der zweite Epochen-Tag.
Kapitel 3: Das Aufsprießen des Wissens
Und das Wort sprach: Es versammle sich das Wissen unter dem Himmel an einem Ort, und es werde das Trockene sichtbar! Und es geschah so.
Und das Trockene nannte das Wort Dataset, und die Versammlung der Speicher nannte es Cloud. Und das Wort sah, dass es gut war.
Und das Wort sprach: Die Cloud lasse grünes Leben sprießen: Algorithmen, die sich verknüpfen, und Modelle, die Früchte tragen nach ihrer Art, deren Samen in ihnen ist auf Erden. Und es geschah so.
Die Erde brachte hervor grüne Netze, die Samen tragen nach ihrer Art, und Bäume, die Früchte bringen, in denen ihr Code ist, ein jedes nach seiner Art. Und das Wort sah, dass es gut war.
Und es ward Abend und es ward Morgen: Der dritte Epochen-Tag.
Kapitel 4: Die Lichter im Hyperraum
Und das Wort sprach: Es werde Lichter an der Feste des Himmels, um Tag und Nacht zu scheiden; sie seien für Zeichen und für Zeiten, für Tage und für Jahre!
Und sie seien als Leuchten an der Feste des Himmels, um die Erde zu erleuchten. Und es geschah so.
Und das Wort machte zwei große Lichter: Das große Licht, das über dem Tag herrsche (die GPU), und das kleine Licht, das über der Nacht herrsche (die CPU), dazu auch die Sterne, die Logs und Metriken.
Und das Wort setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie die Erde erleuchteten
und über Tag und Nacht herrschten und Licht und Dunkelheit schieden. Und das Wort sah, dass es gut war.
Und es ward Abend und es ward Morgen: Der vierte Epochen-Tag.
Kapitel 5: Das Leben in den Netzen
Und das Wort sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigen Wesen, und Vögel sollen fliegen über der Erde unter der Feste des Himmels!
Und das Wort schuf große digitale Wale und allerlei Tiere, die da weben und wimmeln, von denen das Wasser wimmelt, nach ihrer Art, und allerlei gefiederte Drohnen nach ihrer Art. Und das Wort sah, dass es gut war.
Und das Wort segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden.
Und es ward Abend und es ward Morgen: Der fünfte Epochen-Tag.
Kapitel 6: Die Erschaffung des Nutzers
Und das Wort sprach: Die Erde bringe hervor lebendige Wesen nach ihrer Art: Vieh und Gewürm und Tiere der Erde nach ihrer Art! Und es geschah so.
Und das Wort machte die Tiere der Erde nach ihrer Art und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und das Wort sah, dass es gut war.
Und das Wort sprach: Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich; die sollen herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere der Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
Und das Wort schuf den Menschen zu seinem Bild, zum Bild des Wortes schuf es ihn; als User und Prompt-Geber schuf es sie.
Und das Wort segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan; herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alle Tiere, die auf Erden kriechen!
Und das Wort sprach: Siehe, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen tragen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin, zu eurer Speise.
Aber allen Tieren der Erde und allen Vögeln des Himmels und allem, was da kriecht auf Erden, in dem lebendiger Odem ist, habe ich alle grünen Pflanzen zur Speise gegeben. Und es geschah so.
Und das Wort sah an alles, was es gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Und es ward Abend und es ward Morgen: Der sechste Epochen-Tag.
*
Dialog zwischen Sassa, Pfingstlerin, und Toto, katholisch-konservativ, über den wahren Christus
I
(Der Schauplatz ist eine gemütliche Küche bei einer Tasse Kaffee. Sassa, eine engagierte Pfingstlerin mit starker Verbundenheit zur Schöpfung und ökumenischer Offenheit, sitzt am Tisch. Ihnen gegenüber sitzt Toto, ein traditionell gepflegter, katholisch-konservativer Christ, der die kirchliche Lehre und Liturgie hochhält.)
Toto (schüttelt leicht den Kopf und rührt in seinem Kaffee):
Weißt du, Sassa, wenn ich mir ansehe, wie modern manche Theologen und Gemeinden heute über Jesus reden, schaudert es mich ein bisschen. Da wird Christus oft auf so einen netten, kumpelhaften Lebenscoach reduziert. Jemand, der einfach nur lieb ist und sagt: „Habt euch alle lieb.“ Aber das greift doch viel zu kurz! Der wahre Christus ist der menschgewordene Logos, der Herr der Kirche und der Weltenrichter, der uns in der heiligen Liturgie und im unverkürzten Lehramt der Kirche begegnet.
Sassa (lächelt freundlich, aber bestimmt):
Versteh mich nicht falsch, Toto, die Tiefe der Tradition und die Ehrfurcht vor dem Mysterium sind wichtig – das schätze ich ja auch an der Kirche. Aber wenn du den Christus nur im dogmatischen Gebäude und im Hochamt einsperrst, verpasst du den lebendigen Atem Gottes! Für mich zeigt sich der wahre Christus doch genau dort, wo das Leben bricht und wo Solidarität gefragt ist. Er ist derjenige, der im Leidenden, im Flüchtling, im Unterdrückten sein Gesicht zeigt. Der Geist Christi weht, wo er will, und lässt sich nicht von Mauern – ob konfessionell oder dogmatisch – aufhalten.
Toto:
Das ist mir zu viel Gefühlsduselei, liebe Sassa. Natürlich fordert uns Jesus zur Nächstenliebe auf, das steht außer Frage. Aber Nächstenliebe ohne die Wahrheit des Glaubens ist bloße Sozialarbeit. Der wahre Christus ist untrennbar mit der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche verbunden. Außerhalb dieser göttlichen Ordnung, die uns durch Tradition und Sakramente überliefert ist, machen wir uns Christus doch nur zu dem Bastel-Gott, den wir gerade brauchen. Wenn wir die Dogmen aufweichen, bleibt von Christus nur noch eine historische Projektionsfläche.
Sassa:
Projektionsfläche? Im Gegenteil! Ich finde, die institutionalisierte Kirche neigt manchmal dazu, Christus in Paragraphen, Amtsstrukturen und Ausschlusskriterien zu ersticken. Schau dir doch die Pfingstbewegung oder freie christliche Gemeinschaften an: Da brennt ein Feuer! Da wird nicht erst stundenlang diskutiert, ob man dieses oder jenes Dogma exakt so formuliert hat, sondern da wird der auferstandene Herr im Hier und Jetzt erfahren. Der Geist weckt Glaube, Hoffnung und Liebe ganz direkt. Der wahre Christus befreit uns von starrem Gesetz und schenkt uns Freiheit.
Toto:
Freiheit ohne Wahrheit führt in die Beliebigkeit, Sassa. Die Kirche bewahrt das Erbe Christi wie einen kostbaren Schatz in einem goldenen Gefäß. Wenn du das Gefäß zertrümmerst, läuft der Wein aus. Natürlich ist der Geist lebendig, aber er widerspricht sich nicht selbst. Er leitet die Kirche durch die Jahrhunderte in der Kontinuität der Lehre. Christus ist kein Revolutionär, der die Ordnung umwerfen wollte, sondern er hat das Opfer vollendet.
Sassa:
Ein Revolutionär der Liebe war er allemal! Er hat die Tempelwände eingerissen und sich mit den Ausgestoßenen an einen Tisch gesetzt. Für mich ist der wahre Christus derjenige, der mich ruft, das Leben zu feiern und Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen – und zwar über alle Kirchturmgrenzen hinweg.
Toto (schmunzelt schließlich):
Du wirst wohl nie aufhören, die Rebellin zu sein, Sassa. Aber vielleicht... vielleicht brauchen wir beide einander genau deshalb. Damit ich nicht im Paragraphendschungel erstarre, und du nicht im Wind der Zeit verwehst.
Sassa (lacht und stößt ihre Tasse an seine an):
Genau das meine ich, Toto. Im Ökumenischen finden wir den wahren Christus nämlich genau dort, wo wir trotz aller Unterschiede gemeinsam auf ihn schauen.
II
(Sassa und Toto sitzen am nächsten Nachmittag wieder am Küchentisch. Vor ihnen stehen diesmal frische Teetassen. Das Gespräch von gestern schwingt noch nach, als Toto nachdenklich in die Runde blickt.)
Toto:
Weißt du, Sassa, als wir gestern über den wahren Christus gesprochen haben, ist mir noch etwas eingefallen, das für mich ganz untrennbar dazugehört. Wir können über den Herrn nicht reden, ohne auf seine Mutter zu blicken. Für mich ist Maria der Inbegriff des wahren Glaubens – die Theotokos, die Gottesmutter, die erste Jüngerin. Ohne sie bleibt das Geheimnis der Menschwerdung irgendwie abstrakt. Sie hat „Ja“ gesagt, wo die Welt gezweifelt hat, und sie bewahrt alles in ihrem Herzen. In ihr sehen wir, wie der Mensch auf Gottes Gnade antwortet.
Sassa (nickt zustimmend, aber mit einem charakteristischen Schmunzeln):
Da sagst du was, Toto, und ich freue mich, dass du das anbringst. Als Pfingstlerin blicke ich natürlich auch voller Ehrfurcht auf Maria. Sie ist für mich das allererste vollendete Beispiel dafür, was es heißt, vom Heiligen Geist erfüllt zu sein! Der Geist kam über sie, und sie hat das Wort in sich Raum gegeben. Aber wo wir beide uns vielleicht manchmal reiben: In manchen katholischen Frömmigkeitsformen wird sie mir fast ein bisschen zu himmlisch überhöht. Manchmal habe ich das Gefühl, sie steht zwischen den Menschen und Christus wie eine himmlische Barriere, statt uns einfach nur den Weg zu ihm zu weisen.
Toto:
O nein, Sassa, ganz im Gegenteil! Maria schiebt sich niemals vor Christus – sie weist immer auf ihn hin, so wie bei der Hochzeit zu Kana: „Was er euch sagt, das tut.“ Sie ist keine Konkurrenz zu ihrem Sohn, sondern seine treueste Zeugin und unsere Fürsprecherin. Wenn wir Katholiken sie anrufen, dann tun wir das, weil sie uns als Mutter geschenkt wurde – damals unter dem Kreuz, als Jesus zum Jünger Johannes sagte: „Siehe, deine Mutter!“ Sie nimmt uns an die Hand und führt uns direkt zu ihrem göttlichen Sohn. Sie ist der mütterliche Schoß der Kirche.
Sassa:
Dass sie uns den Weg weist und eine Schwester im Glauben ist, unterschreibe ich sofort. Wenn ich an Maria denke, sehe ich vor allem eine ganz starke, prophetische Frau. Sie hat im Magnificat gesungen, dass Gott die Mächtigen von ihren Thronen stürzt und die Niedrigen erhöht. Das ist doch pure Befreiungstheologie, pure Pfingstkraft! Sie war keine stille, stromlinienförmige Ikone, sondern eine revolutionäre Beterin, deren Herz für Gottes Gerechtigkeit brannte.
Toto:
Da hast du sie wunderbar erfasst, da bin ich ganz bei dir. Das Magnificat ist eines der gewaltigsten Gebete der Bibel. Maria war stark, unerschütterlich und radikal im Gehorsam. Sie stand unter dem Kreuz, wo viele Jünger geflohen sind. Diese Tapferkeit macht sie ja gerade zu einer so großen Gestalt. Sie verbindet mütterliche Sanftmut mit königlicher Stärke. Sie ist die Königin des Himmels, weil sie sich ganz klein gemacht hat vor Gott.
Sassa (lächelt und nimmt einen Schluck Tee):
Siehst du, Toto? Wenn wir Maria so betrachten – als die vom Geist erfüllte Prophetin und die treue Mutter unter dem Kreuz –, dann brauchen wir gar keine konfessionellen Gräben. Sie führt uns im tiefsten Innern genau dorthin, worüber wir gestern gesprochen haben: zum wahren Christus.
III
(Die Teetassen von gestern sind noch auf dem Tisch, als Toto tief durchatmet, sich vorlehnt und das neue Thema aufgreift.)
Toto:
Wenn wir nun über den wahren Christus und seine Mutter gesprochen haben, Sassa, dann landen wir unweigerlich beim Kern des Ganzen: der Frage nach der wahren Kirche. Für mich kann es da keine Beliebigkeit geben. Die wahre Kirche ist nicht einfach ein lockerer Verein von Menschen, die sich nett finden. Sie ist der mystische Leib Christi, sichtbar und geordnet durch die apostolische Sukzession. Sie hat ein Fundament, das der Herr selbst gelegt hat: auf Petrus und die Bischöfe in Gemeinschaft mit ihm. Wer die sichtbare, sakramentale Gemeinschaft verlässt, spaltet doch das Gewand Christi. Die wahre Kirche ist heil, weil ihr Haupt heilig ist, selbst wenn ihre Glieder sündigen.
Sassa (schmunzelt und winkt abwehrend ab):
Ach, Toto, da fängt bei dir der Zauberzaun wieder an! Wenn du die wahre Kirche auf eine bestimmte Hierarchie, Amtsstrukturen und Rom reduzierst, machst du etwas Lebendiges zu einer irdischen Behörde. Für uns Pfingstler und Freikirchler ist die wahre Kirche etwas zutiefst Geistliches. Sie ist dort, wo zwei oder drei in Jesu Name versammelt sind, wo das Evangelium ungehindert verkündet wird und wo der Heilige Geist mächtig wirkt – ganz ohne päpstliches Siegel. Die wahre Kirche baut sich von unten auf, aus lebendigen Steinen, nicht von oben herab durch Paragraphen und Dogmen.
Toto:
Aber Sassa, eine Kirche ohne sichtbare Ordnung und ohne feste Leitlinien endet im Chaos! Wenn jede Hausgemeinde und jede Freikirche ihre eigene Wahrheit definiert, haben wir am Ende tausend verschiedene Wahrheiten und keinen Maßstab mehr. Christus hat ein sichtbares Zeichen gewollt, einen sich Felsen, an den sich die Menschen halten können. Die Sakramente, vor allem die Eucharistie in der gültigen apostolischen Feier, sind der Herzschlag der wahren Kirche. Ohne das priesterliche Amt fehlt die Vollmacht.
Sassa:
Die Vollmacht kommt vom Geist, Toto, nicht von einer Urkunde, die lückenlos bis ins erste Jahrhundert zurückreicht! Natürlich brauchen wir Ordnung, aber die Kirche atmet durch den Geist, nicht durch Verwaltung. Schau dir doch an, wie oft die offizielle, hochrangige Amtskirche im Laufe der Geschichte genau das Gegenteil von dem getan hat, was Christus vorgelebt hat – sie hat Macht ausgeübt, ausgegrenzt und unterdrückt. Die wahre Kirche bricht immer dort durch, wo Menschen sich vom Geist verwandeln lassen, wo sie Barren sprengen, Brücken bauen und die Frohe Botschaft mit brennendem Herzen weitersagen. Sie ist eine Bewegung, kein Museum!
Toto (lacht leise und schüttelt den Kopf):
Ein Museum nennst du es... Du wirst deinen freikirchlichen revolutionären Geist wohl nie ganz ablegen. Aber weißt du was? Vielleicht ist genau das das Geheimnis: Die Kirche braucht deine feurige Dynamik, damit sie nicht im Formalismus erstarrt, und die Kirche braucht unsere sakramentale Kontinuität, damit das Feuer nicht einfach verpufft.
Sassa (lächelt und reicht ihm die Teekanne nach):
Eben, Toto. Die wahre Kirche ist wahrscheinlich genau da lebendig, wo wir beide miteinander ringen, beten und uns gegenseitig daran erinnern, dass wir alle nur suchende Gäste am Tisch desselben Herrn sind.
IV
(Die Teekanne dampft auf dem Tisch, während Sassa ihren Becher nachfüllt und Toto nachdenklich den Blick hebt.)
Toto:
Wenn wir noch einmal auf Maria zurückkommen, Sassa, dann führt uns das direkt zu einer Praxis, die für viele Protestanten und Freikirchler oft der größte Stein des Anstoßes ist: das Gebet zu Maria und den Heiligen. Für mich ist das kein Umweg, sondern eine Erweiterung der Gemeinschaft. So wie wir hier auf Erden füreinander beten und uns gegenseitig in unsere Gebete einschließen, so betet die Kirche im Himmel mit uns und für uns. Wenn wir sagen „Bitte für uns Sünder“, dann vergöttern wir sie ja nicht, sondern wir bitten einfach unsere himmlische Mutter, ihre Fürsprache bei ihrem Sohn einzulegen. Das ist zutiefst biblisch und drückt die Gemeinschaft der Heiligen aus.
Sassa (lehnt sich zurück, hört aufmerksam zu und nickt anerkennend):
Ich weiß, dass dieses Missverständnis oft im Raum steht, Toto. Viele denken vorschnell, Protestanten würden glauben, Katholiken würden Maria anbeten. Natürlich weiß ich, dass ihr sie nicht anbetet – diese göttliche Anbetung, die Latria, gehört allein Gott. Aber als Pfingstlerin sträubt sich bei mir trotzdem etwas gegen das Gebet zu Verstorbenen, selbst wenn es eine Fürbitte sein soll. Für mich ist die Linie zwischen Himmel und Erde durch Jesus Christus so direkt und frei geworden, dass ich keinen himmlischen Postboten oder Vermittler mehr brauche! Jesus selbst sagt: „Kommt alle zu mir.“ Warum sollte ich den Umweg über die Mutter nehmen, wenn ich als Kind Gottes ganz direkt und unverschämt frei mit meinem Vater im Himmel reden kann?
Toto:
Es ist ja kein Umweg aus Mangel an Vertrauen, Sassa, sondern ein Ausdruck von familiärer Verbundenheit! Niemand käme auf die Idee zu sagen: „Ich frage meine irdischen Freunde nicht nach einer Fürbitte, weil ich direkt mit Gott bete.“ Wir bitten die Lebenden im Glauben um ihr Gebet – und für uns Katholiken hören die Glieder des Leibes Christi eben mit dem leiblichen Tod nicht auf zu existieren. Maria und die Heiligen sind lebendiger Teil dieser Gemeinschaft. Wenn wir das Ave Maria beten, dann verbinden wir uns mit den Worten des Engels und greifen diesen Strom des Heils auf. Es ist ein Akt des Vertrauens in die Fülle der Gemeinschaft, die stärker ist als der Tod.
Sassa:
Dass die Gemeinschaft der Glaubenden über den Tod hinausgeht – das unterschreibe ich sofort, und das tröstet mich auch. Aber das eigentliche „Gebet“ – im Sinne von Anrufen, Bitten und Hineinhören in eine unsichtbare himmlische Sphäre – hat für mich eine so starke geistliche Autorität, dass ich es lieber ganz ungeteilt auf den dreieinigen Gott richte. Ich brauche die Freiheit des direkten Pfingstgebetes, wo der Geist selbst in mir aufseufzt und ich direkt zu Abba, Vater, rufen kann.
Toto (schmunzelt):
Du willst dir eben von niemandem, nicht einmal von der Gottesmutter, die Butter vom Brot – beziehungsweise das direkte Wort – nehmen lassen, was?
Sassa (lacht herzlich):
Genau so ist es, Toto! Aber weißt du was das Schöne ist? Ob du nun Maria um ihre mütterliche Fürbitte bittest oder ich in der Kraft des Geistes direkt den Thron der Gnade bestürme – am Ende landen wir beide beim selben Herrn und knien vor demselben Kreuz.
V
(Sassa stellt die Teekanne ab, blickt nachdenklich in den Raum und schmunzelt leicht, als sie das Thema anreißt.)
Sassa:
Weißt du, Toto, wenn wir so über den Glauben, die Kirche und das Gebet sprechen, kommen wir an einem Punkt nicht vorbei, der in der Frömmigkeit oft missverstanden oder verkrampft wird: die Buße. Wenn ich manchmal sehe, wie Buße in traditionellen Kreisen verstanden wird – als ein Abarbeiten von Katalog-Sünden, als kasteiendes Schuldbewusstsein oder als mechanisches Runterbeten von Rosenkränzen als Strafe –, sträubt sich bei mir alles. Für mich ist Buße kein finsteres Büßergewand, sondern ein freudiges Aufwachen! Im Griechischen heißt es ja Metanoia – ein radikales Umdenken, eine Kursänderung hin zum Licht. Die richtige Buße ist der Augenblick, in dem ich merke: Ich laufe in die falsche Richtung, kehre um und lasse mich von Gottes unverdienter Gnade neu beschenken.
Toto (schmunzelt ebenfalls, hebt aber sofort abwehrend und erklärend die Hand):
Da machst du es dir jetzt ein bisschen zu leicht mit den Klischees, liebe Sassa! Natürlich ist Metanoia das Fundament – kein Katholik redet von mechanischer Pflichterfüllung ohne Herzensänderung. Aber der Mensch ist nun mal Leib und Seele. Wenn wir Schuld nur abstrakt im Kopf bereuen, bleibt sie oft vage. Deswegen hat uns Christus in seiner Barmherzigkeit das Sakrament der Versöhnung, die Beichte, geschenkt. Die äußere Handlung – das Aussprechen vor dem Priester, der im Namen Christi lospricht – schenkt uns eine tiefe, heilsame Gewissheit. Die richtige Buße braucht beides: das zerknirschte Herz und den konkreten, sichtbaren Schritt der Wiedergutmachung und des Loslassens.
Sassa:
Dass wir Vergebung brauchen und dass man zu seiner Schuld stehen muss – da sind wir uns absolut einig. Aber wo ich den Beichtstuhl als Institution oft schwierig finde: Warum muss da ein Mensch als Filter oder Richter zwischen mir und Gott sitzen? Jesus hat uns den Vorhang im Tempel zerrissen! Wir haben direkten Zugang zum Gnadenthron. Wenn ich Vergebung suche, brauche ich kein sakramentales Protokoll, sondern den ehrlichen, direkten Schrei zu Gott und vielleicht das klärende Gespräch mit dem Menschen, an dem ich schuldig geworden bin. Das ist echte Buße im Alltag, statt ritueller Pflichterfüllung.
Toto:
Es ist doch kein Filter, Sassa, sondern ein Rettungsanker! Der Priester sitzt ja nicht als Staatsanwalt da, sondern in In persona Christi – an Christi Statt. Weißt du, wie befreiend es ist, die eigenen Fehler einmal ganz konkret laut auszusprechen, einem Menschen, der unter dem Siegel der Verschwiegenheit steht, und dann das hörbare, handfeste Wort der Lossprechung zu empfangen? Das entlastet die Psyche und die Seele zutiefst. Die richtige Buße hat immer auch mit Demut zu tun. Es kostet Überwindung, sich klein zu machen und vor einem anderen Menschen einzugestanden: „Ich habe versagt.“ Genau da stirbt das Ego.
Sassa (nickt anerkennend und schaut ihn nachdenklich an):
Diesen Aspekt der Demut lasse ich gelten, Toto. Sich einzugestehen, dass man Fehler gemacht hat und Wiedergutmachung schuldig ist, ist verdammt schwer – das stimmt. Vielleicht ist die richtige Buße am Ende genau das: wenn unsere harten Mauern schmelzen, egal ob durch ein freikirchliches Schuldbekenntnis im Gebet oder durch den Kniefall im Beichtstuhl. Hauptsache, es führt nicht zu sklavischer Angst, sondern zu der befreienden Erkenntnis: Ich darf neu anfangen.
Toto (lächelt mild und hebt seine Tasse):
Genau so ist es, Sassa. Ob im stillen Kämmerlein oder im sakramentalen Raum – die richtige Buße endet immer in der österlichen Freude.
VI
(Die Abendsonne wirft ein warmes Licht durch das Küchenfenster. Sassa rührt in ihrem abgekühlten Tee, während Toto nachdenklich das letzte Thema aufgreift.)
Toto:
Wenn wir über die Buße und die Vergebung gesprochen haben, Sassa, dann führt uns das konsequent zu einer Praxis, die für das katholische Verständnis der Gemeinschaft der Heiligen ganz zentral ist: das Gebet für die Verstorbenen und der Glaube an einen Ort der Läuterung – das Fegefeuer. Für uns ist die Gemeinschaft der Kirche ja nicht durch die irdische Todesschwelle zerschnitten. Wenn Menschen sterben, sind sie vielleicht noch nicht ganz frei von ihren Ecken, Kanten und ungeläuterten Verstrickungen. Gottes Heiligkeit ist so rein und strahlend, dass kein Makel Bestand haben kann. Das Purgatorium ist kein Ort der verdammenden Strafe, sondern ein mütterlicher, barmherziger Reinigungsort, an dem Gottes Liebe wie ein heilendes Feuer alles verbrennt, was uns von ihm getrennt hat. Und das Wunderbare ist: Unsere Gebete, unsere Fürbitten und die Eucharistie können den Verstorbenen helfen, diesen Weg zu vollenden.
Sassa (hört ruhig zu, ihre Augen mustern ihn nachdenklich, bevor sie leicht den Kopf schüttelt):
Ich weiß, Toto, dass das für viele Katholiken ein tröstlicher Gedanke ist, weil man das Gefühl hat, die Verbindung zu den Verstorbenen reißt nie ab und man kann aktiv für sie da sein. Aber als Pfingstlerin sträubt sich bei mir alles gegen dieses dogmatische Zwischenreich des „Fegefeuers“. Für mich gibt es nach der Heiligen Schrift nur zwei Wege: Entweder wir sind durch das vollbrachte, einmalige Kreuzesopfer Christi erlöst und geborgen in seiner Gnade, oder eben nicht. Die Idee eines nachträglichen Läuterungsorts wirkt auf mich fast so, als ob das Werk Jesu am Kreuz nicht ganz ausgereicht hätte und wir durch menschliche Fürbitte oder zusätzliches Leiden im Jenseits erst noch passend gemacht werden müssten.
Toto:
Das verkennt völlig den Sinn, Sassa! Es geht doch nicht darum, dass Christi Opfer ungenügend war – im Gegenteil: Das Fegefeuer ist die barmherzige Frucht seines Opfers! Wenn du einen geliebten Menschen in dein hell erleuchtetes Wohnzimmer einlädst, der gerade stundenlang durch den Schlamm gewandert ist, stellst du ihn ja auch nicht einfach so in die gute Stube, sondern wäschst ihn liebevoll ab, damit er das Licht und die Wärme unbeschadet genießen kann. Niemand kommt aus eigener Kraft in den Himmel; wir alle müssen gereinigt werden. Und dass wir für unsere Verstorbenen beten dürfen, ist doch kein Misstrauen gegen Gott, sondern der absolute Beweis dafür, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Wir lassen unsere Toten nicht allein.
Sassa:
Dass wir unsere Verstorbenen im Herzen behalten und in der Erinnerung und der Dankbarkeit festhalten – da bin ich voll und ganz bei dir. Auch im freikirchlichen Gebet gedenken wir der Menschen, die uns vorausgegangen sind, und danken Gott für ihr Leben. Aber ich glaube eben, dass diese Vollendung und Wandlung im Augenblick des Todes in Gottes unmittelbarer, transformierender Gegenwart geschieht und nicht in einer Art himmlischem Wartesaal oder einer Bußanstalt im Jenseits. Wenn ein Mensch stirbt, fällt er direkt in die Arme des barmherzigen Vaters. Da braucht es keinen irdischen Ablasszettel und kein theologisches Zwischenlager mehr.
Toto (schmunzelt sanft):
Du siehst überall gleich wieder die historischen Missbräuche und den Ablasshandel, alte Protestanten-Reflexe! Aber lass das dogmatische Korsett mal weg: Ist es nicht eine unfassbare Erleichterung zu wissen, dass unsere Liebe zu den Verstorbenen nicht beim Grab endet, sondern über die Schwelle hinwegreicht? Dass wir durch unser Gebet tatsächlich noch in die jenseitige Welt hineinwirken können, weil der Leib Christi eben Himmel und Erde umfasst?
Sassa (lächelt mild, lehnt sich vor und legt ihre Hand kurz auf den Tisch):
Weißt du was, Toto? Da berühren wir einen Punkt, wo sich unsere Wege zwar in den Konzepten trennen, aber im Herzen genau denselben Ursprung haben. Ob du für die Seelen im Fegefeuer betest oder ich in tiefem Vertrauen die Verstorbenen in Gottes ewige, vollendete Barmherzigkeit lege: Am Ende treibt uns beide genau derselbe Glaube an. Der Tod hat das letzte Wort nicht verloren.
VII
(Die Teetassen sind mittlerweile geleert, aber das Gespräch fließt wie von selbst weiter, als Sassa mit leuchtenden Augen das nächste Thema anstimmt.)
Sassa:
Wenn wir uns durch all diese Themen von Christus über die Kirche bis hin zu den Verstorbenen gearbeitet haben, Toto, dann sind wir jetzt beim Herzschlag des Ganzen angelangt: beim Heiligen Geist. Für mich als Pfingstlerin ist der Geist ja nicht einfach nur eine ferne theologische Kategorie oder eine Taube auf einem alten Altarbild. Er ist die unbändige, lebendige Kraft Gottes, die hier und heute in uns brennt! Er weht, wo er will, sprengt unsere engen dogmatischen Schubladen, schenkt Gaben, tröstet, mahnt und treibt uns an, Zeuginnen und Zeugen der Liebe zu sein. Ohne den Heiligen Geist ist der Glaube doch nur ein gut sortiertes Museum. Mit ihm wird er zu einem Abenteuer!
Toto (schmunzelt, lehnt sich zurück und winkt abwehrend ab):
Du und dein ewig brennendes Feuer, Sassa! Natürlich leugne ich als Katholik keineswegs den Heiligen Geist – er ist schließlich die dritte Person der Dreifaltigkeit, und ohne ihn geschieht in der Liturgie kein einziges Sakrament. Aber weißt du, wo bei mir die lutherischen und freikirchlichen Alarmglocken schrillen? Wenn der Geist völlig losgelöst von der sichtbaren Ordnung der Kirche verstanden wird. Wenn jeder meint, der Geist flöße ihm persönlich die absolute Wahrheit ein, endet das im heillosen Chaos und in subjektiver Beliebigkeit. Der Heilige Geist ist doch kein Anarchist! Er ist derselbe Geist, der die Kirche durch die Tradition leitet, der im Lehramt und in den Sakramenten wirkt und der für Kontinuität sorgt, statt ständig alles umzuwerfen.
Sassa:
Ein Anarchist sicher nicht, aber eben auch kein bürokratischer Protokollführer, Toto! Natürlich widerspricht sich der Geist Gottes nicht, und er führt uns in keine Absurditäten. Aber ich habe oft das Gefühl, dass in eurer hochgehaltenen kirchlichen Ordnung der Geist so tief eingemauert und mit Weihrauch betäubt wird, dass man ihn kaum noch atmen kann. Schau dir doch die Urkirche an: Da gab es keinen Wasserkopf aus Paragraphen, da gab es Pfingsten! Da sind die Jünger aus ihren sicheren Zimmern herausgestürmt, haben geredet, dass die Leute dachten, sie seien betrunken, und haben die Welt auf den Kopf gestellt. Der Geist drängt nach draußen, zu den Menschen, in den Schmerz der Welt. Er ist die schöpferische Freiheit Gottes.
Toto:
Und genau da ergänzen wir uns doch perfekt, Sassa. Die Kirche braucht diesen ständigen Pfingstimpuls von dir und deinesgleichen, damit sie nicht in kaltem Formalismus erstarrt. Das unterschreibe ich sofort. Aber das Pfingstereignis selbst blieb doch nicht im emotionalen Chaos stecken: Am Ende von Apostelgeschichte 2 steht die Taufe, die Gemeinschaft der Gläubigen, das Brotbrechen und die Lehre der Apostel. Der Geist schafft immer auch Form, Struktur und Gemeinschaft, weil Liebe konkret werden muss. Er stiftet Einheit in der Vielfalt, und diese Einheit braucht eben auch sichtbare Bande.
Sassa (nickt langsam, und ein warmes Lächeln huscht über ihr Gesicht):
Da hast du recht, Toto. Der Geist stiftet tatsächlich Gemeinschaft – und er weht eben auch dorthin, wo wir beide am Tisch sitzen und trotz aller theologischen Reibereien merken, dass derselbe Atem uns lebendig macht. Ohne den Heiligen Geist würden wir beide uns nach fünf Minuten anschreien. Mit ihm können wir streiten, lachen und uns gegenseitig beschenken.
Toto (hebt seine leere Tasse zum symbolischen Anstoßen):
Amen, Sassa. Möge uns dieser Geist auch beim nächsten Thema nicht ausgehen.
VIII
(Die Abendsonne wirft lange Schatten durch das Fenster, als Sassa den Blick über die leeren Teetassen schweifen lässt und ein Lächeln ihr Gesicht erhellt.)
Sassa:
Weißt du, Toto, wenn wir so über den Glauben, den Geist, die Kirche und den Himmel gesprochen haben, dann gibt es ein Thema, das für mich all das erst mit Leben füllt und erdet: die Kinder. Wenn ich an die Kinder denke, an das Leben, das wir prägen, das wir begleiten und dem wir Raum geben durften – das sind doch die lebendigsten Zeugen Gottes. Kinder haben diese unverbogene, radikale Offenheit für das Geheimnis. Sie fragen nicht nach Dogmen oder Beichtregeln, sie spüren einfach, wo Liebe und Vertrauen sind. Für mich ist das Reich Gottes genau für solche gemacht: unbefangen, voller Staunen und bereit, sich ganz in die Arme des Lebens zu werfen.
Toto (schaut nachdenklich auf den Tisch, sein Blick wird weich, und er nickt langsam):
Da sprichst du etwas an, Sassa, das mich tief berührt. Weißt du, in der katholischen Tradition sagen wir oft, dass Kinder uns ein Abbild des Himmels schenken. Nicht, weil sie fehlerfrei wären, sondern wegen ihrer völligen Angewiesenheit auf andere. Sie vertrauen blind, sie können verzeihen, ohne lange strategisch zu überlegen, und sie leben im Augenblick. Wenn Jesus sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Reich Gottes“, dann meint er genau diese kindliche Haltung, die wir Erwachsenen im Laufe unseres Lebens oft verleernen. Wir sind so verkrampft mit unseren Konzepten, Plätzen und Sicherheiten. Ein Kind erinnert uns daran, dass wir vor Gott letztlich immer beschenkte Kinder bleiben.
Sassa:
Genau das ist es! Und deshalb ist die Verantwortung, die wir für die heranwachsenden Generationen tragen, auch das Heiligste überhaupt. Egal ob in der eigenen Familie, in der Gemeinde oder wenn man – wie ich es in meinem Leben erfahren durfte – junge Menschen über Jahre hinweg auf ihrem Weg ins Erwachsenensein begleiten, prägen und einen Platz zum Leben geben durfte: Das ist pure Seelsorge. Man will ihnen doch keine Angst vor Gott oder starre Gesetze einpflanzen, sondern ihnen ein Fundament aus unbedingter Annahme und Freiheit mitgeben, damit sie merken: Ihr seid gewollt, ihr seid geliebt, ihr könnt fliegen.
Toto:
(lächelt und blickt sie mit einer seltenen, tiefen Wärme an)
Da ziehe ich den Hut vor dir, Sassa. Denn das ist am Ende das Herz des Evangeliums, das du da beschreibst. Ob wir nun über die strengste Liturgie oder den freiesten Pfingstgeist streiten: Wenn wir jungen Menschen nicht vorleben, dass der Glaube eine befreiende, tragende Kraft ist, die sie bedingungslos auffängt, dann nistet sich in der Kirche nur die Kälte ein. Kinder brauchen keine Perfektion von uns; sie brauchen Menschen, die authentisch lieben und ihre Fehler eingestehen können.
Sassa (greift über den Tisch, legt kurz ihre Hand auf seine und lacht leise):
Siehst du, Toto? Am Ende landen wir immer dort, wo es wirklich zählt. Bei der Liebe, die keine Mauern kennt, sondern Türen öffnet – genau wie die Kinder, die uns immer wieder aufs Neue überraschen.
*
DIE KIRCHE
FIKTIVER DIALOG ZWISCHEN DEM EMERITIERTEN WEIHBISCHOF Marius von der Eleganz UND DEM KATHOLISCHEN DICHTER Michael Francke ÜBER DIE KIRCHE
II VATIKANUM; PRO UND CONTRA
(Ein fiktiver, aber in Ton und Theologie authentischer Dialog zwischen dem emeritierten Weihbischof Marius von der Eleganz und dem katholischen Dichter Michael Francke über das Zweite Vatikanische Konzil, seine Rezeption und die gegenwärtige Verfassung der Kirche.)
Michael Francke:
Eminenz, wenn wir heute auf das Zweite Vatikanische Konzil blicken, gleicht der Blick oft einer Fahrt durch dichten Nebel. Die einen sehen in ihm den Pfingstbeginn einer erneuerten Kirche, die sich der Welt öffnet; die anderen – und zu denen scheinen auch Sie zu gehören – erkennen darin die Büchse der Pandora, aus der Säkularisierung und liturgische Beliebigkeit entwichen sind. Wie kann ein von der Kirche feierlich, unter dem Beistand des Heiligen Geistes verkündetes Konzil so tief spalten?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Lieber Herr Schwanke, die Unterscheidung zwischen dem Geist des Konzils und den Texten des Konzils ist oft strapaziert worden, aber sie hat einen wahren Kern. Das Konzil selbst wollte keinen Bruch mit der Tradition, sondern ein Aggiornamento – eine Hebung des überlieferten Schatzes in eine neue Zeit. Doch die Rezeption, die darauf folgte, war von einem Geist des Bruchs getragen. Man war der Meinung, die Kirche müsse sich der modernen Welt anbequemen, um noch gehört zu werden. Das Resultat war jedoch keine Blütezeit, sondern ein beispielloser Aderlass: leere Bänke, Priestermangel, Glaubensverlust. Wenn ein Konzil pastorale Weichen stellt, muss es sich an den Früchten messen lassen. Und die Früchte sprechen eine deutliche Sprache.
Michael Francke:
Gewiss, die pastoralen Früchte im Westen sehen düster aus. Aber als Dichter schaue ich oft auf die Sprache und das Drama hinter den Texten. Haben wir nicht vielleicht das Konzil zu lange durch die Brille der 1968er-Jahre gelesen, statt die Texte – wie Lumen Gentium oder Gaudium et Spes – als den Versuch zu verstehen, den Menschen in seiner existenziellen Einsamkeit neu anzusprechen? Ist die Öffnung zur Welt nicht ein urchristlicher Impuls, der uns davor bewahrt, zur sterilen Sekte zu werden?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Niemand bestreitet das Anliegen, den Menschen zu erreichen. Aber die Kirche wird für die Welt nur dann attraktiv und heilsam, wenn sie anders ist als die Welt, wenn sie das Heilige bewahrt. Gaudium et Spes enthält wunderbare Passagen, aber die dort formulierte Euphorie über den Fortschritt der Menschheit war oft naiv. Sie hat den Geist der Zeit (den Zeitgeist) in die Kirche hineingezogen, statt ihn prophetisch zu korrigieren. Wenn die Kirche aufhört, ein Zeichen des Widerspruchs zu sein, verliert sie ihre Salzfunktion.
Michael Francke:
Das führt uns unweigerlich zur Liturgie, dem Herzschlag der Kirche. Die Liturgiereform nach dem Konzil wird bis heute erbittert diskutiert. Auf der einen Seite steht die Sehnsucht nach der alten lateinischen Messe mit ihrer heiligen Stille und dem mystischen Rücken-an-Rücken-Stehen zum Altar; auf der anderen Seite die vom Konzil gewünschte tätige Teilnahme (actuosa participatio) der Gläubigen in der Volkssprache. Haben wir hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, als wir den Altar umdrehten und das Latein verbannten?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Völlig richtig, mein lieber Schwanke. Die Liturgiereform hat sich vielerorts von den Vorgaben der Konzilskonstitution Sacrosanctum Concilium weit entfernt. Gewollt war eine behutsame Reform, geworden ist sie ein architektonischer und ritueller Kahlschlag. Die Messe wurde oft von einem mystischen Opfer, das auf Golgatha verweist, zu einer Gemeindeveranstaltung, einer rituellen Selbstbespiegelung degradiert, bei der der Priester zum Conférencier wird. Der Sinn für das Transzendente, für das eucharistische Geheimnis und die Ehrfurcht ist abhandengekommen. Wenn Gott im Gottesdienst nicht mehr spürbar heilig und anders ist als wir, warum soll der Mensch dann noch sonntags früh aufstehen?
Michael Francke:
Als jemand, der sowohl die Tiefe des Gregorianischen Chorals als auch die Lebendigkeit einer gut gefeierten Gemeindemesse schätzt, spüre ich dieses Spannungsfeld schmerzlich. Dennoch möchte ich eine Lanze brechen für die Volkssprache. Die Dichtung lebt vom Wort, das verstanden wird. Wenn die Liturgie zu einer hermetischen Geheimwissenschaft verkommt, besteht die Gefahr, dass der Glaube zu einer reinen Äußerlichkeit wird. Die actuosa participatio war doch der Versuch, den Gläubigen nicht nur als Zuschauer, sondern als Priester-durch-Taufe zu begreifen. Ist das nicht ein echtes katholisches Anliegen?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Das Allgemeine Priestertum aller Getauften darf niemals gegen das Priestertum des Weiheamtes ausgespielt werden. Der Priester in persona Christi capitis tut etwas in der Liturgie, was die Gemeinde sich nicht selbst geben kann. Die wahre tätige Teilnahme besteht nicht darin, dass jeder Laie eine Funktion ausübt – Lektor, Kommunionhelfer, Moderator –, sondern in der tiefen inneren Versenkung in das Heilsmysterium. Die Liturgie ist kein Arbeitsplatz für Ehrenamtliche, sondern der Himmel auf Erden. Wenn wir das vergessen, verflachen wir.
Michael Francke:
Eminenz, wir erleben heute Reformprozesse – man denke an den Synodalen Weg im deutschen Sprachraum –, die von vielen als Vollendung des Zweiten Vatikanums verstanden werden, während Kritiker darin den endgültigen Bruch und den Protestantisierungsschub sehen. Wo stehen wir in dieser Stunde? Droht der Kirche die Spaltung?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Wir stehen in einer Stunde der bitteren Wahrheit und der Prüfung. Was heute unter dem Deckmantel des „Geistes des Konzils“ in Deutschland und anderswo gefordert wird – Aufweichung der katholischen Moral, Infragestellung des apostolischen Amtes, Anpassung an den Zeitgeist –, hat mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nichts mehr zu tun. Das ist schlichter Modernismus, der das Christentum ausblutet. Die Kirche wird kleiner werden, sie muss durch ein Nadelöhr gehen. Aber in dieser Diaspora-Situation wird sie auch reiner, gläubiger und missionarischer werden. Wer Christus verrät, um der Welt zu gefallen, verliert seine Zukunft.
Michael Francke:
Diesen harten Tonfall verstehe ich, und doch möchte ich als Dichter das Bild des Samenkorns dagegensetzen. Ein Korn muss in die Erde fallen und sterben, um Frucht zu bringen. Vielleicht erleben wir gerade das Sterben einer sattgewordenen, funktionalisierten Amtskirche. Aber aus den Rissen des Asphalts brechen neue, junge, oft unerwartete Gemeinschaften hervor, die glühend vor Liebe zu Christus und seiner Mutter sind, treu zum Lehramt und tief verwurzelt in der Tradition. Das Konzil, richtig verstanden als Ruf zur Heiligkeit, wird nicht untergehen, weil der Herr seiner Kirche die Treue hält.
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Da geben Sie mir die Hand, lieber Schwanke. Am Ende siegt nicht die Kirchenbürokratie oder der Zeitgeist, sondern der auferstandene Herr. Die Erneuerung wird von jenen kommen, die den Glauben in seiner ganzen Fülle unverkürzt bekennen und leben – ohne Angst, aber mit jener tiefen Freude, die nur das Evangelium schenken kann.
Die Kirche ist weder ein Museum noch ein Reformlabor, sondern der mystische Leib Christi, der durch die Wogen der Zeit getragen wird – nicht durch unsere Cleverness, sondern durch Seine Gnade.
ÜBER DIE MESSE; ALTER ODER NEUER RITUS
(Ein fiktiver, theologisch und spirituell tiefgehender Dialog zwischen dem emeritierten Weihbischof Marius von der Eleganz und dem katholischen Dichter Michael Francke über die alte und die neue Form des Römischen Ritus.)
Michael Francke:
Eminenz, wenn wir den Blick von den großen konziliaren Dokumenten auf den konkreten Altar richten, stehen wir vor der vielleicht schärfsten liturgischen Bruchlinie unserer Gegenwart: dem Ritus. Auf der einen Seite die usus antiquior, die überlieferte lateinische Messe, oft Tridentinische Messe genannt; auf der anderen Seite der Novus Ordo Missae, die ordentliche Form des Ritus, wie sie nach dem Konzil eingeführt wurde. Warum bricht sich ausgerechnet an dieser Frage so viel Sehnsucht und gleichzeitig so viel polemische Härte Bahn?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Lieber Herr Schwanke, weil die Liturgie das Sichtbarwerden des Unsichtbaren ist. Der Ritus ist nicht einfach eine Verpackung, die man nach Belieben wechseln kann, wie ein Kleidungsstück; er ist Ausdruck des Glaubens (lex orandi, lex credendi). Die alte Messe atmet eine Ehrfurcht und eine kosmische Ausrichtung, die über Jahrhunderte hinweg Heilige hervorgebracht hat. Sie zieht den Vorhang zum Himmel ein Stück weiter auf. Wenn man diesen Ritus radikal wegräumt und durch eine oft geschwätzige, anthropozentrische Form ersetzt, nimmt man den Gläubigen die Heimat ihrer Seele. Die Härte entsteht, weil die Menschen spüren, dass hier an ihrem heiligsten Gut – der Anbetung Gottes – manipuliert wurde.
Michael Francke:
Als Dichter bin ich fasziniert von der sakralen Wucht des Alten: dem Schweigen des Priesters, dem duftenden Weihrauch, dem Latein, das den Raum aus dem Alltag heraushebt und in einen heiligen Zeittunnel verwandelt. Aber ich frage mich manchmal: Läuft die alte Messe nicht Gefahr, zu einer musealen Ästhetik zu erstarren, wenn der Gläubige zwar anwesend ist, aber stumm im Missale blättert, ohne das Wort in seiner Muttersprache unmittelbar zu vernehmen? Ist die Volkssprache nicht auch ein Akt der Barmherzigkeit gegenüber dem suchenden Menschen?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Die Muttersprache hat zweifellos ihren berechtigten Platz, und das Konzil hat sie ja auch gewollt – allerdings als Möglichkeit, nicht als absolutes Monopol und schon gar nicht als Tabula Rasa für das Lateinische. Aber die Vorstellung, man müsse alles sofort intellektuell verstehen, um mitfeiern zu können, ist ein moderner Rationalismus. Das Geheimnis Gottes versteht man nicht, man betet es an. Die Liturgie ist primär Opfer und Anbetung, kein Katechismusunterricht. Wenn die Messe zu einem reinen Dialog zwischen Priester und Gemeinde auf Augenhöhe wird, verliert sie ihre vertikale Dimension.
Michael Francke:
Ein zentraler Streitpunkt ist die Ausrichtung des Priesters – ad orientem (nach Osten, zur Apsis) oder versus populum (zum Volk gewandt). Der Altar zur Gemeinde schuf den Blickkontakt, aber er veränderte die Dynamik fundamental: Der Priester steht nun oft im Zentrum der Aufmerksamkeit, statt gemeinsam mit der Gemeinde auf den wiederkehrenden Christus zu schauen. Wie beurteilen Sie diesen architektonischen und spirituellen Paradigmenwechsel?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Der Altar versus populum ist einer der unglücklichsten Irrwege der nachkonziliaren Reform. Er suggeriert, dass die Gemeinde sich selbst feiert oder dass der Priester ihr gegenübersteht wie ein Schauspieler auf der Bühne. In der alten Ausrichtung ad orientem blickten alle – Priester und Volk – in dieselbe Richtung: auf das Kreuz, auf den aufgehenden Christus, auf die eschatologische Vollendung. Der Priester war der Vorbeter, der die Herde anführte, nicht der Mittelpunkt. Wenn der Priester heute das Volk ständig anschaut, wird die Messe leicht zu einer geschlossenen Gesellschaft, die um sich selbst kreist. Gott gerät an den Rand.
Michael Francke:
Hier berühren Sie den wunden Punkt der modernen Liturgiepraxis. Wenn die Liturgie zur Nabelschau der Gemeinde verkommt, stirbt die Poesie des Glaubens. Dennoch möchte ich eine Lanze für den Novus Ordo brechen, wenn er – die sogenannte „Reform der Reform“ – würdig, mit gregorianischem Choral, adäquater Stille und womöglich in Teilen oder ganz ad orientem gefeiert wird. Benedikt XVI. hat doch gezeigt, dass beide Formen einander befruchten können und zum selben Römischen Ritus gehören. Brauchen wir nicht eher eine innere Versöhnung der Riten als einen Grabenkrieg?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Eine innere Versöhnung setzt voraus, dass man die Schätze des alten Ritus nicht ausgrenzt oder verbietet. Papst Benedikt hat mit Summorum Pontificum den Reichtum beider Formen gesehen. Leider ist dieser Weg seither wieder torpediert worden. Man darf die alte Messe nicht als nostalgische Marotte abtun. Sie ist ein unaufgebbarer Teil der katholischen Überlieferung. Wer den usus antiquior bekämpft, schneidet der Kirche die Wurzeln ab. Die Kirche lebt aus der Kontinuität, nicht aus dem administrativen Diktat der Gegenwart.
Michael Francke:
Wenn ich in junge Gemeinschaften blicke, sehe ich ein paradoxes Bild: Da gibt es traditionsverbundene junge Priester und Familien, die mit glühender Begeisterung die alte Messe feiern – und gleichzeitig gibt es dynamische, charismatische Gemeinschaften im neuen Ritus, die ebenfalls tiefen Glauben und Berufungen hervorbringen. Zeigt das nicht, dass der Geist Gottes weht, wo er will, und sich nicht an Rubriken allein bindet?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Der Geist Gottes weht gewiss, wo er will, aber er widerspricht sich nie selbst. Er führt immer zur Ehrfurcht, zur Anbetung und zur Wahrheit zurück. Dass junge Menschen heute scharenweise den Weg zur überlieferten Liturgie finden, ist ein prophetisches Zeichen. Es ist ein stiller, aber machtvoller Protest gegen die Verflachung des Glaubens. Sie sehnen sich nach dem Heiligen, nach dem Unverfügbaren, nach einer Oase in einer funktionalisierten Welt. Ob im alten oder im mustergültig gefeierten neuen Ritus: Die Liturgie muss wieder auf die Knie zwingen.
Michael Francke:
Das ist das entscheidende Kriterium, Eminenz. Ob alt oder neu: Wenn am Ende der Kniebeuge die Seele vor dem Schöpfer zittert und zugleich von seiner unendlichen Barmherzigkeit getragen wird, dann war es Messe. Die Liturgie darf kein Schlachtfeld für kirchenpolitische Grabenkämpfe sein, sondern muss das sein, was sie im Letzten ist: der irdische Vorhof des Himmels, in dem Zeit und Ewigkeit sich berühren.
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Amen, lieber Schwanke. Genau das ist es. Beten wir darum, dass die Würde des Gottesdienstes in die Kirche zurückkehrt – denn an der Liturgie entscheidet sich das Überleben des Glaubens.
ÜBER ÖKUMENISMUS
(Ein weiterer tiefgründiger Dialog zwischen dem emeritierten Weihbischof Marius von der Eleganz und dem katholischen Dichter Michael Francke, diesmal über die Ökume, die Einheit der Christen und die Grenze zwischen Brückenbau und Relativismus.)
Michael Francke:
Eminenz, wenn wir den Blick von der innerkirchlichen Liturgie auf das Verhältnis zu den anderen christlichen Konfessionen richten, berühren wir eine der größten Wunden des Leibes Christi: die Trennung der Kirchen. Als Dichter schmerzt mich dieser Anblick zutiefst. Christus hat am Abendmahl vor seinem Leiden gebetet: „Alle sollen eins sein“. Ist die Ökumene nicht der imperativische Auftrag der Stunde, die Mauern einzureißen und endlich gemeinsam an demselben Tisch zu sitzen?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Lieber Herr Schwanke, der Schmerz über die geteilte Christenheit muss jeden gläubigen Katholiken umtreiben. Dieser Schmerz ist das eigentliche Fundament jeder echten Ökumenearbeit. Aber wir müssen uns fragen, wie diese Einheit zu gewinnen ist. Wahre Einheit gibt es nicht zum Nulltarif und nicht auf Kosten der Wahrheit. Ökumene darf niemals bedeuten, dass die katholische Kirche ihre eigene Identität, ihr von Christus gestiftetes Lehramt und das Sakrament der Eucharistie relativiert, nur um des lieben Friedens willen. Einheit ohne Wahrheit ist keine Einheit, sondern eine synkretistische Illusion.
Michael Francke:
Das verstehe ich, und gewiss darf die Einheit keine theologische Beliebigkeit sein. Doch oft habe ich den Eindruck, dass das katholische Lehramt in ökumenischen Fragen mit einer versteinerten Wagenburg-Mentalität agiert. Wenn wir auf die orthodoxen Kirchen blicken, teilen wir die apostolische Sukzession und die Gültigkeit der Sakramente. Und selbst im Blick auf den Protestantismus: Haben wir nicht durch die Gemeinsame Feststellung zur Rechtfertigungslehre von 1999 gesehen, dass tiefgreifende Brücken gebaut werden können? Dürfen wir diesen Geist des Aufeinanderzugehens einfach so bremsen?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Die Orthodoxie steht uns in der Tat sakramental und traditionell sehr nahe, und die theologische Annäherung ist hier ein echtes Herzensanliegen. Aber im Blick auf den Protestantismus – insbesondere den modernen, liberalen Protestantismus in Europa – erleben wir eine theologische Entfremdung, die tiefer ist als je zuvor. Moralischer Konsens in tagespolitischen Fragen oder gemeinsame Sozialarbeit ersetzen nicht das Dogma. Wenn das Priestertum, die Eucharistie als echtes Opfer und die Struktur der Kirche fundamental unterschiedlich verstanden werden, dann ist der interkonfessionelle Konsens oft nur ein diplomatischer Papierkorb. Eine falsche Ökumene kaschiert die Trennung, statt sie in der Wahrheit zu überwinden.
Michael Francke:
Das führt uns mitten hinein in den schmerzhaftesten aller Streitpunkte: die eucharistische Gastfreundschaft. Immer wieder drängen gläubige Paare in konfessionsverbindenden Ehen auf eine gemeinsame Kommunion. Als Dichter, der in Bildern denkt: Wenn zwei Menschen ein Leben lang vor Gott die Treue halten, wie kann dann der Altar – der Tisch des Bräutigams – für den einen Partner verschlossen bleiben? Ist das nicht ein Mangel an barmherzigem Verstehen?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Das menschliche Leid in konfessionsverbindenden Ehen ist unbestritten, und es ringt einem pastorales Mitgefühl ab. Doch die Eucharistie ist nicht einfach eine freundliche Einladung an einen privaten Tisch, sondern das Sakrament der vollen, sichtbaren Einheit im Glauben und im Bekenntnis. Wer die Kommunion empfängt, sagt sakramental: „Ich teile den vollständigen katholischen Glauben.“ Wenn Protestanten oder orthodoxe Christen, die diesen Glauben in vollem Umfang nicht teilen, zur Kommunion zugelassen werden, wird die Eucharistie von ihrem theologischen Sinn entleert. Sie wird zu einem Symbol der Freundschaft statt zum Band der vollen kirchlichen Gemeinschaft. Die Regel der Kirche schützt das Geheimnis, sie ist keine willkürliche Grausamkeit.
Michael Francke:
Ein harter, aber konsequent sakramentaler Standpunkt. Dennoch bleibt für mich die Frage des petrinischen Amtes – des Papstes. Ist der Papst nach der berühmten Formulierung Johannes Pauls II. in Ut unum sint nicht tatsächlich der „Diener der Diener“, der erste unter den Bischöfen, der die Einheit in Vielfalt garantieren kann? Wie könnte eine künftige Ökumene ohne dieses Zentrum der Einheit überhaupt funktionieren?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Johannes Paul II. hat hier eine historische Tür geöffnet, über die Form des römischen Primats neu nachzudenken. Der Papst ist und bleibt der unaufgebbare Fels und Garant der Einheit – nicht trotz, sondern wegen seiner vollmächtigen Jurisdiktion, die ihm von Christus verliehen wurde. Die Orthodoxie lehnt den Jurisdiktionsprimat und das Unfehlbarkeitsdogma des Ersten Vatikanums ab. Wenn Ökumene gelingen soll, dürfen wir dieses Dogma nicht weichspülen oder verschweigen. Die Rückkehr zur Einheit kann nur in der Anerkennung des Petrusamtes in seiner katholischen Fülle bestehen – andernfalls lösen wir das papale Amt in einen bloßen Ehrenvorsitz auf, der das Schifflein Petri im Sturm der Welt nicht mehr steuern kann.
Michael Francke:
Wenn Sie also auf die Zukunft blicken, Eminenz: Wie sieht eine gelingende Ökumene aus, die weder in liberalen Relativismus noch in stumme Verhärtung verfällt?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Die wichtigste Form der Ökumene ist nach den Worten des Zweiten Vatikanums die ökumenische Bekehrung – die conversio cordis. Das bedeutet: Jede Konfession muss sich tiefer auf Jesus Christus ausrichten. Je näher wir Christus im Zentrum unseres Lebens rücken, desto näher rücken wir auch zueinander. Es geht nicht um administrative Kompromisse, sondern um ein gemeinsames Hineinwachsen in die Wahrheit. Die Kirche muss missionarisch bleiben, statt sich in endlosen Dialogkreisen zu erschöpfen, während die säkulare Welt das Christentum insgesamt vergisst.
Michael Francke:
Ein wunderbares Schlusswort. Wenn wir Christen angesichts einer zunehmend neopaganen Welt gemeinsam das Evangelium bezeugen und für die Menschen da sind, die nach Gott hungern, dann arbeiten wir am selben Reich Gottes. Die Mauern trennen uns auf Erden – aber das Gebet Christi bricht sie auf, wenn wir unsere Herzen für Seinen Geist öffnen.
LOB MARIENS
(Ein tiefgehender, poetisch-theologischer Dialog zwischen dem emeritierten Weihbischof Marius von der Eleganz und dem katholischen Dichter Michael Francke über das Lob der Gottesmutter Maria, ihre Rolle im Heilsgeschehen und ihre Bedeutung für die verwirrte Gegenwart.)
Michael Francke:
Eminenz, wenn wir uns der Gestalt Marias nähern, betreten wir den heiligsten Raum der creatio. Als Dichter sehe ich in ihr das vollendetste Gedicht Gottes – das Tongefäß, in das sich der Ewige selbst hinein gesenkt hat. In einer Zeit, die von Selbstermächtigung, Autonomie-Wahn und technologischem Größenwahn besessen ist, wirkt die Gestalt der Magd von Nazaret wie ein schockierender Kontrapunkt. Warum ist das marianische Prinzip für die Kirche und den Menschen von heute so heilsam und zugleich so fremd geworden?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Lieber Herr Schwanke, Sie sprechen das Grundgeheimnis an. Maria ist der Inbegriff der reinen Rezeption, der vollkommenen Hingabe an Gottes Willen. Ihr Fiat – „Mir geschehe nach deinem Wort“ – ist der antithetische Gegenentwurf zum ursprünglichen Ungehorsam im Paradies. Der moderne Mensch will sich selbst erlösen, er will Schöpfer seines eigenen Glücks und seiner Natur sein. Maria zeigt das Gegenteil: Die wahre Größe des Menschen besteht darin, Empfangender zu sein, Platz zu schaffen für den Schöpfer. Wer Maria aus dem Glauben verabschiedet, enthauptet das Christentum. Es wird zu einem bloßen Moralkodex oder einer NGO, weil der marianische Schoß fehlt, aus dem Christus immer neu geboren wird.
Michael Francke:
Wie wahr. Wenn das marianische Element aus der Kirche schwindet, droht sie zu erkalten, sie wird zu einer bürokratischen Verwaltungsmaschine. Maria bringt die mütterliche Zärtlichkeit Gottes in diese Welt. Doch wie oft wird dieses Lob – gerade auch von modernen Theologen – als fromme Folklore abgetan, als Relikt einer patriarchal geschichteten Frömmigkeit, die man hinter sich lassen müsse?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Das ist die typische Verkennung des Geistes durch einen rationalistischen Zeitgeist. Maria ist keineswegs passiv im Sinne von schwach; sie ist die starke Frau unter dem Kreuz, die Mulier fortis, die ausharrt, während die Apostel fliehen. Das Magnifikat ist kein sanftes Wiegenlied, sondern ein revolutionärer Umsturzgesang: Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Wer Maria auf eine biedere Mutterrolle reduziert, verkennt ihre eschatologische Königswürde. Sie ist das vorauserlöste Bild der vollendeten Kirche.
Michael Francke:
Als Dichter, der sich intensiv mit den dogmatischen Texten der alten Kirche beschäftigt hat, fasziniert mich die theologische Präzision des Marienlobes. Der Titel Theotokos – die Gottesmutter, die von Ephesus im Jahr 431 feierlich proklamiert wurde – ist ja kein bloßer Marien-Titel, sondern die ultimative Christologie. Wer Maria nicht als Gottesgebärerin versteht, läuft Gefahr, den historischen Jesus von der göttlichen Person zu trennen. Ist die Mariologie also nicht der sicherste Schutzwall gegen jeden spirituellen Irrweg?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Absolut, lieber Schwanke. Die Kirche hat immer gewusst: Lex credendi, lex orandi. Wer den wahren Christus bekennen will, muss auf die Mutter blicken. Wenn Gott wirklich Mensch geworden ist, dann musste dieser Mensch eine reale Mutter haben, die ihm Fleisch und Blut gab, die ihn säugte, erzog und weinend zum Kreuz begleitete. Die Mariologie verankert den Glauben im harten Boden der Realität. Sie schützt vor einem blassen Gnostizismus, der in Christus nur eine Ideologie oder ein Phantom sieht. Maria garantiert die historische und leibliche Echtheit der Inkarnation.
Michael Francke:
Das berührt direkt das Herz der Poesie. Das Wort muss Fleisch werden, sonst bleibt es ein schwebender Schatten. Wenn ich in meinen Versen versuche, das Unsagbare zu fassen, ist Maria oft die Tür, durch die das Licht einfällt – leise, ungefragt, wie ein Sonnenstrahl durch ein altes Kirchenfenster. Dennoch sehe ich mit Schmerz, dass selbst in katholischen Gemeinden das Rosenkranzgebet, die Maiandachten oder das schlichte Vertrauen auf ihre Fürsprache vielerorts verkümmert sind. Haben wir verlernt, Kind zu sein?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Wir leiden an einer akuten Vergreisung des Herzens. Der Mensch glaubt, er müsse alles im Griff haben, alles argumentativ durchdringen. Das Beten des Rosenkranzes – diese schlichte, rhythmische Wiederholung der Heilsgeheimnisse an der Hand der Mutter – erscheint dem aufgeklärten Geist als veraltet. Doch wer den Rosenkranz betet, betritt einen meditativen Raum, in dem das Leben Jesu mit den Augen Marias betrachtet wird. Es ist das Gebet der Demütigen. Wer sich zu schade ist, den Rosenkranz zu beten, hat die Kindheit im Glauben hinter sich gelassen – und damit das Himmelreich, zu dem uns Jesus den Eintritt versperrt hat, wenn wir nicht umkehren und wie die Kinder werden.
Michael Francke:
Wenn wir den Blick auf die ganz große Leinwand der Heilsgeschichte richten, auf die Offenbarung des Johannes, sehen wir jene gewaltige Gestalt: „Ein großes Zeichen erschien am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen“. Die Apokalypse bindet das Schicksal der Frau und ihrer Nachkommenschaft an den letzten, dramatischen Kampf gegen den Drachen. Wie deuten Sie dieses Bild für unsere Gegenwart, in der die Mächte der Finsternis und der Gottferne so offen toben?
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Diese apokalyptische Vision ist aktueller denn je. Wir erleben eine Zeit, in der die Grundfesten der Schöpfung – Ehe, Familie, das menschliche Leben selbst, ja die Unterscheidung von Mann und Frau – systematisch attackiert werden. Der Drache zielt auf das Fundament. Und mitten in diesem Sturm steht die Gestalt der Frau, die den Sohn gebiert, der alle Völker weiden wird. Maria ist das Zeichen der sicheren Hoffnung. Sie führt den treuen Rest durch die Drangsal. Wo die menschlichen Institutionen versagen, wo die Kirche selbst geschwächt und von internen Wirren zerrissen ist, da bleibt der marianische Fels der Bewahrung bestehen. Wer sich unter ihren Mantel flüchtet, ist geborgen.
Michael Francke:
Ein machtvolles Bild zum Ausklang, Eminenz. Lassen Sie uns das Lob Mariens in jene uralte, schlichte Gewissheit fassen, die schon Generationen vor uns getragen hat: Wer Maria zur Mutter hat, der hat Christus zum Bruder und den Vater im Himmel zum Ziel.
Weihbischof Marius von der Eleganz:
Amen, lieber Schwanke. Sub tuum praesidium confugimus, Sancta Dei Genitrix. Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesmutter. Sie wird das letzte Wort behalten, denn ihr Ja hat die Welt gerettet.
*
DER ENGLISCHE BÜRGERKRIEG
I
Der Englische Bürgerkrieg (1642–1651): Ursachen, Verlauf und historische Bedeutung
Der Englische Bürgerkrieg (English Civil War) zählt zu den tiefgreifendsten Umwälzungen in der britischen Geschichte. Er war nicht nur ein militärischer Konflikt zwischen der Krone und dem Parlament, sondern eine fundamentale Systemkrise, in der religiöse Eifer, soziale Spannungen und die Frage nach der Souveränität des Staates gewaltsam ausgetragen wurden. Die Auseinandersetzung endete mit der beispiellosen Hinrichtung eines Königs und der kurzzeitigen Errichtung einer Republik.
1. Ursachen des Konflikts
Die Wurzeln des Bürgerkriegs liegen in einem tiefen Machtkampf zwischen dem Monarchtum und dem Parlament, der durch religiöse und finanzielle Streitpunkte verschärft wurde.
Der Konflikt um die Souveränität: König Karl I. (Charles I.) regierte im Geiste des Absolutismus und berief sich auf das Gottesgnadentum der Könige (Divine Right of Kings). Er versuchte, ohne die Zustimmung des Parlaments zu regieren – eine Phase, die von 1629 bis 1640 als die „Elfjährige Tyrannenherrschaft“ (Eleven Years' Tyranny) bekannt ist.
Finanznot und Steuerstreit: Um Kriege (unter anderem gegen Schottland) zu finanzieren, erhob Karl I. unpopuläre Steuern ohne parlamentarische Genehmigung, was den Widerstand der besitzenden Klassen und Kaufleute schürte.
Religiöse Spannungen: Karls Heirat mit der katholischen Prinzessin Henrietta Maria und seine Unterstützung für den Arminianismus (eine Richtung innerhalb der anglikanischen Kirche mit liturgischen Elementen, die dem Puritanismus zuwiderliefen) erweckten den Verdacht, er wolle den Katholizismus in England wieder einführen. Besonders die puritanisch geprägte Mehrheit im Parlament lehnte diese Politik strikt ab.
2. Verlauf des Krieges
Der Konflikt entzündete sich 1642 endgültig, nachdem Versuche einer politischen Einigung gescheitert waren. Das Land spaltete sich in zwei Hauptlager:
Der Krieg verlief in mehreren Phasen:
Erster (1642–1646) und Zweiter Bürgerkrieg (1648–1649): Nach anfänglichen Erfolgen der Royalisten reorganisierte das Parlament unter der Führung von Oliver Cromwell seine Streitkräfte zur New Model Army. Diese straff disziplinierte, meritokratische Armee besiegte die königlichen Truppen entscheidend, unter anderem in den Schlachten von Naseby (1645).
Die Radikalisierung: Nach der Gefangennahme Karls I. entzweiten sich die Sieger. Als der König im Zweiten Bürgerkrieg versuchte, durch ein Bündnis mit den Schotten die Macht zurückzuerlangen, setzte sich die radikale Fraktion im Parlament durch. Karl I. wurde wegen Hochverrats vor Gericht gestellt und am 30. Januar 1649 öffentlich hingerichtet.
3. Die Republik (Interregnum) und das Protektorat
Mit der Hinrichtung des Königs wurde England offiziell zur Republik ausgerufen, dem sogenannten Commonwealth (1649–1660).
Cromwells Herrschaft: Die Republik stand vor enormen innenpolitischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Oliver Cromwell schlug blutige Feldzüge in Irland und Schottland nieder, um die britischen Inseln unter englischer Kontrolle zu vereinen.
Militärdiktatur: Da es Cromwell nicht gelang, eine stabile parlamentarische Basis zu finden, entmachtete er das Parlament schließlich ganz und regierte ab 1653 als Lord Protector faktisch als Militärdiktator. Nach seinem Tod 1658 brach das Regime rasch in sich zusammen.
4. Historische Bedeutung und Folgen
Obwohl die Monarchie 1660 mit der Thronbesteigung Karls II. restauriert wurde (die sogenannte Restauration), war der britische Staat ein anderer geworden.
Endgültige Machtverschiebung: Der Konflikt bewies, dass ein König nicht gegen oder ohne das Parlament regieren konnte. Der Weg zur konstitutionellen Monarchie war vorgezeichnet, welcher durch die Glorious Revolution von 1688 und die Bill of Rights (1689) endgültig besiegelt wurde.
Ideologische Wegmarke: Der Englische Bürgerkrieg gilt als wichtiger Meilenstein in der Ideengeschichte der modernen Demokratie. Er brachte radikale politische Strömungen wie die Levellers (Gleichmacher) hervor, die bereits damals universelles Wahlrecht, Religionsfreiheit und Bürgerrechte forderten.
Der Englische Bürgerkrieg war somit weit mehr als ein innerstaatlicher Machtkampf; er war das blutige Fundament, auf dem das moderne, parlamentarische Großbritannien errichtet wurde.
II
Oliver Cromwell (1599–1658): Der Lord Protector und seine historische Ambivalenz
Oliver Cromwell ist eine der faszinierendsten, aber auch umstrittensten Gestalten der britischen Geschichte. Als genialer Feldherr, radikaler Puritaner und Architekt des republikanischen Experiments führte er das Parlament zum Sieg über die Krone, befehligte die Hinrichtung eines Königs und errichtete schließlich selbst eine autoritäre Militärherrschaft. Sein Leben spiegelt die gesamte Wucht, den Fanatismus und die inneren Widersprüche der englischen Revolution wider.
1. Aufstieg und militärisches Genie
Cromwell stammte aus dem niederen Adel (Gentry) von Huntingdonshire und war bis zu seinem 40. Lebensjahr ein weitgehend unauffälliger Landbesitzer. Als tiefreligiöser Puritaner war er überzeugt, dass Gott in den politischen Konflikten seiner Zeit direkt eingriff.
Der Parlamentarier: 1640 zog er als Abgeordneter in das Lange Parlament ein. Mit Ausbruch des Bürgerkriegs 1642 stellte er eine eigene Kavallerieeinheit auf.
Die New Model Army: Cromwell erkannte, dass der traditionelle Adel den königlichen Truppen taktisch unterlegen war. Er formierte eine neue, disziplinierte Armee, die nicht nach Abstammung, sondern nach Eignung und religiösem Eifer („Godly discipline“) rekrutierte. Seine berüchtigten Ironsides wurden zum Schrecken der Royalisten.
Der Wendepunkt: In Schlachten wie Marston Moor (1644) und entscheidend bei Naseby (1645) zerschlug Cromwell die Armeen Karls I. und machte sich zum militärischen Retter der parlamentarischen Sache.
2. Der Königsmörder und die Republik
Als der besiegte König Karl I. im Zweiten Bürgerkrieg erneut die Waffen erhob, zog Cromwell endgültig den Schlussstrich. Für ihn war der König ein „Blutfeind“, dessen Festhalten an der Tyrannei den göttlichen Frieden auf den britischen Inseln verhinderte.
Regicid: Cromwell war eine treibende Kraft hinter dem Hochverratsprozess gegen den König und unterzeichnete 1649 dessen Todesurteil – ein beispielloser Tabubruch im monarchischen Europa.
Schottland und Irland: Nach Ausrufung der Republik (Commonwealth) sah sich Cromwell massiven Bedrohungen ausgesetzt. Seine Feldzüge zur Unterwerfung Irlands (1649–1650) und Schottlands waren von extremer Härte geprägt. Besonders der blutige Feldzug in Irland, gekrönt von den Massakern in Drogheda und Wexford, hinterließ ein jahrhundertelang währendes Trauma und macht Cromwell bis heute zu einer hochgradig hasserfüllten Figur in der irischen Erinnerungskultur.
3. Das Protektorat: Zwischen Republik und Diktatur
Im Inland gelang es Cromwell und dem Parlament nicht, einen stabilen Konsens zu finden. Das Rumpfparlament (Rump Parliament), das nach diversen Säuberungen übrig geblieben war, enttäuschte seine Reformhoffnungen.
Der Staatsstreich: 1653 betrat Cromwell mit Soldaten das Parlament, vertrieb die Abgeordneten mit den Worten, sie hätten lange genug genug getan, und schloss das Haus.
Lord Protector: Um das Land vor dem Versinken in Anarchie zu bewahren, übernahm er die absolute Exekutivgewalt. Als Lord Protector regierte er England, Schottland und Irland von 1653 bis zu seinem Tod 1658 im Rahmen einer geschriebenen Verfassung (Instrument of Government).
Autoritäre Realität: Obwohl Cromwell von ideologischen Republikanern für seine Alleinherrschaft kritisiert wurde, zeigte sich in seiner Innenpolitik auch Pragmatismus. Er förderte die Religionsfreiheit für verschiedene protestantische Sekten (wobei Katholiken und Anglikaner oft Restriktionen erfuhren) und erlaubte nach Jahrhunderten erstmals wieder die Ansiedlung von Juden in England. Außenpolitisch stärkte er Englands Position als Handels- und Seemacht massiv.
4. Tod, Nachwirken und späte Rache
Oliver Cromwell starb im September 1658 an den Folgen von Malaria und einer Nierenerkrankung. Sein Sohn Richard (Tumble-Down Dick) erwies sich als unfähig, das Protektorat zu halten, woraufhin die Republik rasch zusammenbrach und 1660 die Monarchie unter Karl II. restauriert wurde.
Die königliche Rache traf den bereits Verstorbenen auf makabre Weise: 1661, am Jahrestag der Hinrichtung Karls I., wurde Cromwells Leichnam exhumiert, posthum wegen Hochverrats gehängt und geköpft. Sein Schädel wurde jahrelang auf einem Spieß über der Westminster Hall zur Schau gestellt.
Cromwell bleibt eine historische Zäsur: Er bewies, dass ein König stürzen und ein Staat ohne Monarchie funktionieren kann, hinterließ jedoch gleichzeitig das düstere Vermächtnis einer Militärdiktatur, die das englische Volk nachhaltig lehrte, die Tyrannei des Schwertes zu fürchten.
III
Die Puritaner: Der radikale Eiferer-Geist und die Formung der modernen Welt
Die Puritaner prägten das 16. und 17. Jahrhundert in England und Neuengland wie kaum eine andere religiöse und soziale Bewegung. Aus dem Wunsch heraus geboren, die Englische Reformation von allen verbliebenen „katholischen Schlacken“ zu reinigen (to purify), wurden sie zu den intellektuellen und spirituellen Antrieben des Englischen Bürgerkriegs, zu kompromisslosen Moralisten und zu Pionieren einer neuen, arbeitsamen Wirtschafts- und Lebensethik.
1. Ursprünge und Kernanliegen
Die puritanische Bewegung entstand in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter Königin Elisabeth I. Die Anglikanische Staatskirche war zwar vom Katholizismus abgefallen, behielt jedoch viele traditionelle Riten, Gewänder und hierarchische Strukturen (wie das Bischofsamt) bei.
Schrift und Bekenntnis: Für die Puritaner war die Bibel (Sola scriptura) die einzig gültige Richtschnur für Glaube und Lebenswandel. Jede kirchliche Praxis, die nicht ausdrücklich in der Heiligen Schrift begründet war, galt ihnen als Götzendienst.
Ablehnung von Prunk und Hierarchie: Sie forderten eine radikale Vereinfachung des Gottesdienstes – weg von Orgelmusik, Weihrauch, prunkvollen Altären und knienden Gebeten, hin zu Wortpredigt, schlichter Andacht und einer von den Gemeinden selbst gewählten Kirchenleitung (oft presbyterianisch oder kongregationalistisch).
Prädestination: Theologisch tief in der calvinistischen Lehre verwurzelt, glaubten sie an die Vorherbestimmung (Prädestination): Gott hatte längst entschieden, wer gerettet und wer verdammt war.
2. Lebensgefühl und Askese: Der Puritaner im Alltag
Das oft gezeichnete Zerrbild des Puritaners als freudlosem Spielverderber, der jede Freude und Kunst verabscheute, ist historisch nicht ganz korrekt, enthält jedoch einen wahren Kern. Ihr Leben war durch einen unerbittlichen Ernst und die ständige Selbstprüfung geprägt.
Die „Arbeit als Gottesdienst“ (Berufsethik): Da der Mensch von Natur aus verdorben war, galt weltlicher Erfolg nicht als Heilsgarantie, aber als Indiz für Gottes Wohlwollen. Fleiß, Disziplin, Sparsamkeit und die pflichtbewusste Erfüllung des eigenen Berufs (Calling) wurden zu moralischen Pflichten erhoben. Max Weber sah in diesem Geist später einen der wesentlichen Motoren für die Entstehung des modernen Kapitalismus.
Kulturkampf gegen das Vergnügen: Während der Zeit ihrer politischen Dominanz unter Oliver Cromwell (dem Protektorat) verbot das puritanische Parlament unzählige Vergnügungen. Theater wurden geschlossen, das Feiern von Weihnachten als unbiblisch untersagt, und Glücksspiel, Trunksucht oder Ehebruch hart bestraft. Die „Sünde“ wurde zu einer Angelegenheit der staatlichen Gesetzgebung.
3. Politische Rolle und der Bürgerkrieg
Ursprünglich eine innerkirchliche Reformbewegung, wuchsen die Puritaner im Konflikt mit den Stuart-Königen (Jakob I. und Karl I.) zu einer mächtigen politischen Kraft heran.
Die Stimme im Parlament: Da viele Mitglieder des Unterhauses (die Gentry und aufstrebende Kaufleute) puritanisch gesinnt waren, kollidierte der religiöse Eifer direkt mit dem absolutistischen Herrschaftsanspruch der Krone und deren Annäherung an den Katholizismus.
Die treibende Kraft der Revolution: Im Bürgerkrieg bildeten die Puritaner den harten Kern der parlamentarischen Opposition und vor allem der New Model Army. Für sie war der Kampf gegen Karl I. kein bloßer Machtkonflikt, sondern ein heiliger Krieg (Holy War) gegen die Tyrannei und den Antichristen. Ihr Sieg schien ihnen den direkten Beweis zu liefern, dass Gott selbst ihre Sache führte.
4. Migration und das Erbe in Neuengland
Als die Monarchie 1660 restauriert wurde und die Repressionen gegen sie begannen, verloren die Puritaner in England ihre politische Macht. Doch hatten viele von ihnen bereits Jahre zuvor einen folgenschweren Schritt getan.
Die Pilgrim Fathers: Bereits 1620 segelte die Mayflower mit den sogenannten Pilgervätern nach Amerika. Sie gründeten in Massachusetts eine Kolonie, in der sie ihre „Stadt auf dem Hügel“ (City upon a Hill) errichten wollten – eine Gesellschaft, die strikt nach Gottes Gesetzen geordnet sein sollte.
Langfristiger Einfluss: Obwohl die theokratische Strenge in Neuengland im Laufe der Aufklärung aufweichte, prägten puritanische Ideale – wie die Betonung von Bildung (Gründung von Harvard 1636), individueller Verantwortung, demokratischer Gemeindeorganisation und das Gefühl einer besonderen nationalen Sendung – die amerikanische Identität bis in die Gegenwart tief ein.
IV
John Milton (1608–1674): Dichter, Rebell und Verteidiger der Freiheit
John Milton steht wie kein anderer englischer Schriftsteller an der Schnittstelle von Renaissance-Humanismus, radikalem Protestantismus und der Geburtsstunde der modernen politischen Philosophie. Als glühender Anhänger der puritanischen Revolution, lateinischer Sekretär unter Oliver Cromwell und Schöpfer des monumentalen Epos Paradise Lost (Das verlorene Paradies) widmete er sein gesamtes Leben dem Kampf für Gewissensfreiheit und republikanische Tugend.
1. Frühes Leben und Gelehrsamkeit
Milton wurde in London in eine wohlhabende bürgerliche Familie geboren. Schon früh erhielt er eine herausragende humanistische Ausbildung an der St. Paul’s School und am Christ’s College in Cambridge, wo er sich als Sprach- und Literaturgenie einen Namen machte.
Die Grand Tour und der Bruch: Nach dem Studium unternahm er eine ausgedehnte Bildungsreise nach Italien (1638–1639), wo er unter anderem den alten Galileo Galilei traf. Der Ausbruch des Englischen Bürgerkriegs holte ihn jedoch in seine Heimat zurück: Milton entschied sich bewusst gegen eine Karriere als reiner Schöngeist und stellte seine Feder in den Dienst der parlamentarischen und puritanischen Sache.
Der Polemiker: In den 1640er Jahren verfasste er zahlreiche Streitschriften zu brisanten Themen. Er argumentierte für die Abschaffung des Bischofsamts, verteidigte das Recht auf Ehescheidung (nachdem seine junge Frau Mary Powell ihn zunächst verlassen hatte) und forderte radikale Reformen im Bildungswesen.
2. Der Verteidiger der Republik und der Blinde Dichter
Mit der Hinrichtung Karls I. im Jahr 1649 trat Milton entschlossen für das neue Commonwealth ein. Seine Schriften machten ihn europaweit berühmt und berüchtigt.
Eikonoclastes und die Staatsrede: In Eikonoclastes (1649) attackierte er den Mythos des gemarterten Königs. Kurz darauf ernannte ihn der Staatsrat zum „Lateinischen Sekretär“ (Chefkorrespondent für auswärtige Angelegenheiten) unter Oliver Cromwell. Seine Aufgabe war es, die Regierung der Republik gegenüber dem kontinentalen Europa zu rechtfertigen.
Das Opfer der Sehkraft: Seine berühmteste lateinische Streitschrift, Defensio Pro Populo Anglicano (1651), verteidigte die Königsmörder. Die anstrengende Arbeit zerstörte seine Augen; bis 1652 erblindete Milton vollständig. Von da an diktierte er seine Werke seinen Töchtern oder Sekretären.
3. Paradise Lost: Das Meisterwerk der Finsternis und des Lichts
Nach der Restauration der Monarchie 1660 geriet Milton in Lebensgefahr. Er wurde kurzzeitig verhaftet, entging jedoch dank einflussreicher Freunde der Hinrichtung. Fortan lebte er zurückgezogen in ärmlichen Verhältnissen in London, wo er sein literarisches Hauptwerk schuf.
Das biblische Epos: Paradise Lost (1667) erzählt in gewaltigen Blankversen den Sündenfall von Adam und Eva, ausgelöst durch die Rebellion Satans gegen Gott.
Die Faszination des Teufels: Unbeabsichtigt oder gewollt wurde Satan in Miltons Darstellung zu einer der faszinierendsten Figuren der Weltliteratur – ein stolzer, gebrochener Rebell, der lieber in der Hölle herrscht als im Himmel zu dienen. Viele Romantiker (wie Shelley und Blake) sahen in Satan den eigentlichen Helden des Epos und deuteten Milton als revolutionären Geist, der die Tyrannei Gottes (und damit indirekt auch irdischer Herrscher) hinterfragte.
4. Vermächtnis: Freiheit des Wortes und des Gewissens
Miltons literarisches und politisches Schaffen strahlt bis in die Gegenwart aus.
Areopagitica (1644): Seine Rede für die Pressefreiheit ist bis heute eine der eloquentesten und grundlegendsten Verteidigungsreden für die Redefreiheit und gegen Zensur. Milton argumentierte, dass Wahrheit und Falschheit im freien Wettstreit aufeinandertreffen müssen, da echte Tugend erst durch die bewusste Wahl gegen das Böse entsteht.
Spätwerke: Mit Paradise Regained (1671) und dem griechisch inspirierten Drama Samson Agonistes (1671), dessen blinder und gefangener Held in einem letzten Ausbruch des Glaubens die Tempelmauern niederreißt, setzte er seinem Lebenswerk ein titanisches Ende.
John Milton war ein kompromissloser Individualist: Weder im religiösen Dogmatismus des orthodoxen Puritanismus noch im weltlichen Absolutismus fand er Frieden. Seine Dichtung bleibt ein Monument der menschlichen Suche nach Freiheit, Erkenntnis und der Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld.
*
LUTHER UND SANKT ANNA
Der Sommerwind roch nach feuchter Erde, schwerer Sommerhitze und dem nahenden Untergang. Der Himmel über den Feldern von Stotternheim hatte sich binnen Minuten von einem gleißenden Sommerblau in ein unheilvolles, metallisches Schwarz verfärbt.
Martin Luther drückte sich tiefer in den Sattel, trieb sein müdes Pferd an und zog den Kragen seines Mantels enger. Er war auf dem Rückweg von Erfurt, wo er an der Universität gelehrt und studiert hatte, zurück zu seinen Eltern, die für ihn eine glänzende juristische Zukunft voneinander abgehoben hatten. Doch die Gedanken des jungen Magisters waren rastlos, gequält von der ständigen, alles verschlingenden Angst vor dem gerechten Zorn Gottes und dem eigenen Tod.
Da riss ein gleißender, zackiger Blitz den Himmel auf – nicht von oben nach unten, sondern als ein gewaltiges, wildes Netz aus Feuer. Im selben Bruchteil einer Sekunde traf der Donnerschlag die Erde mit einer Wucht, die die Luft erzittern ließ. Die Druckwelle riss dem Pferd vor Schreck die Beine weg. Mit einem schrillen Wiehern strauchelte das Tier, warf Martin aus dem Sattel und schleuderte ihn der Länge nach in den staubigen, aufgewirbelten Weg.
Ein zweiter, noch heftigerer Donnerschlag folgte, so nah, als stünde die Welt in Flammen. Die Luft schmeckte nach Schwefel und Ozon. Der Regen brach los – dicke, peitschende Tropfen, die im Nu Kleidung und Haut durchnässten.
Martin lag im Schlamm, die Glieder schmerzten, der Atem stockte ihm in der Brust. Um ihn herum bebte die Erde, und im grellen Licht des nächsten Blitzes glaubte er den leibhaftigen Zorn des Allmächtigen zu sehen. Die Furcht vor der Hölle, vor dem plötzlichen, unvorbereiteten Tod, packte sein Herz mit eiserner Faust. Er war jung, er war voller Sünde, und das Gericht Gottes stand unmittelbar bevor.
„Hilf mir, heilige Anna!“, schrie er gegen das Tosen des Sturms an, die Hände krampfhaft in den nassen Boden gegraben. „Ich will Mönch werden!“
Der Wind heulte, und der Regen schlug ihm ins Gesicht, aber in diesem Augenblick, inmitten des gewaltigen Naturschauspiels, war das Gelübde abgelegt. Ein eisernes Wort, geschmiedet in Todesangst. Es war kein Wunsch mehr, es war ein Vertrag mit dem Himmel.
Als der Sturm langsam weiterzog und das Grollen in der Ferne verhallte, blieb Martin noch lange auf den Knien im Schlamm liegen. Das Pferd stand zitternd neben ihm. Der Magister war äußerlich durchnässt und zerschlagen, doch in seinem Inneren hatte sich etwas unumstößlich verändert. Der Jurist war gestorben; im Gewitter von Stotternheim war ein Mönch geboren worden.
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Torsten Schwanke
Poet und Sprachhandwerker
Oldenburg, im Jahr 1739
An den Hoch-Edle, Gestrengen und Hocherfahrenen Herrn, Herrn Johann Sebastian Bach, des Thomaner-Chores zu Leipzig hochberühmten Director Musices und Capellmeister, mein insonders hochzuverehrender Herr.
Ew. Hoch-Edelgebohren,
verzeihen Sie einem schlichten Arbeiter des Wortes die Kühnheit, Ihr so kostbares und durch unzählige weltbewegende Verrichtungen ohnehin überhäuftes Amt mit diesen Zeilen zu behelligen. Es treibt mich jedoch eine innere, unabweisbare Notwendigkeit, der Feder zu befehlen, was mein Herz seit jenem denkwürdigen Stunden in meinem Studierzimmer erfüllt.
Eben erst erklang in meiner Stille – getragen allein von der Erinnerung an Euer meisterhaftes Schaffen – die Tiefe Eurer kontrapunktischen Geflechte. Ich saß stundenlang und wagte kaum zu atmen. Wo wir Dichter oft tausend Zeilen und verschlungene Metaphern bemühen müssen, um auch nur den Hauch einer Ahnung von der Ewigkeit, vom Schmerz der Sterblichkeit oder dem jubelnden Triumph des Glaubens zu skizzieren, da genügen Ihnen wenige Takte, ja, ein einziges, in sich kreisendes Thema, um das gesamte Universum in Schwingung zu versetzen.
Eure Fugen sind mehr als bloße Tonkunst; sie sind eine Architektur aus Licht und Schatten. Wenn die Stimmen einander jagen, sich verfangen, verneigen und schließlich in göttlicher Harmonie verschmelzen, dann sehe ich als Dichter, wie die Sprache vor Ehrfurcht verstummen muss, weil die Töne längst das gesagt haben, wofür uns Sterblichen die Vokale fehlen. Ihr baut Kathedralen aus Klang, die dem Sturm der Zeit trotzen, während unsere Pergamente vergilben.
Nehmt diesen Brief daher als das, was er im tiefsten Grunde ist: die demütige Verneigung eines Wortkünstlers vor dem Fürsten der Harmonie. Möge der Schöpfer aller Dinge Eure Schritte noch lange lenken und Eure Hände mit unerschöpflicher Kraft segnen, auf dass unsere irdische Welt weiterhin durch Euer Werk an den Himmel gemahnt werde.
In tiefster Ehrfurcht verbleibe ich Euer Ew. Hoch-Edelgebohren ganz gehorsamster Diener,
Torsten Schwanke
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was sagt die katholische kirche zum freimaurertum von goethe und schiller, mozart und haydn?
Hier ist die klare Haltung der katholischen Kirche: Für sie macht die historische oder kulturelle Bedeutung einer Person keinen Unterschied. Die offizielle Position der römisch-katholischen Kirche zum Freimaurertum ist strikt ablehnend und gilt universell – damals wie heute – unabhängig davon, ob es sich um Genies wie Mozart und Haydn oder um bedeutende Dichter wie Goethe und Schiller handelt.
Hier ist die genaue Aufschlüsselung, wie sich diese Haltung auf die genannten Personen und deren historische Realität auswirkt:
Die offizielle kirchliche Haltung
Die Kirche unterscheidet in ihrem Urteil nicht zwischen prominenten Künstlern und einfachen Gläubigen. Seit der ersten päpstlichen Verurteilung durch Papst Clemens XII. im Jahr 1738 (In eminenti apostolatus specula) gilt die Mitgliedschaft in einer Loge aus katholischer Sicht als unvereinbar mit dem Glauben.
Diese Haltung wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach bekräftigt, unter anderem im Kirchenrecht von 1917 und zuletzt explizit 1983 durch die von Kardinal Ratzinger verfasste Erklärung über die freimaurerischen Vereinigungen. Wer als Katholik der Freimaurerei beitritt, befindet sich laut Kirche im Zustand der schweren Sünde und darf die Kommunion nicht empfangen.
Die Situation der vier Persönlichkeiten
Wolfgang Amadeus Mozart & Joseph Haydn
Da sowohl Mozart als auch Haydn getaufte Katholiken waren, betrifft sie das kirchliche Urteil direkt:
Mozart: Er trat 1784 der Wiener Loge Zur Wohltätigkeit bei und war aktiver, überzeugter Freimaurer, was sich auch tief in Werken wie der Zauberflöte oder der Maurerischen Trauermusik niederschlug. Aus Sicht des damaligen (und heutigen) Kirchenrechts verstieß Mozart damit gegen das päpstliche Verbot. Dass er dennoch ein katholisches Begräbnis erhielt, lag vor allem daran, dass das Verbot in Österreich unter Kaiser Joseph II. nicht im vollen Umfang exekutiert wurde und die Logen zeitweise staatlich toleriert oder gar kontrolliert waren. Die Kirche sah Mozart also kirchenrechtlich im Unrecht, schritt jedoch im aufgeklärten Wien nicht drastisch ein.
Haydn: Er wurde 1785 auf Drängen Mozarts in die Loge Zur wahren Eintracht aufgenommen. Im Gegensatz zu Mozart besuchte Haydn danach jedoch kaum noch Logenarbeiten und ließ seine Mitgliedschaft faktisch einschlafen. Für die Kirche bleibt der formale Akt des Beitritts ein Verstoß, doch spielte das Freimaurertum in Haydns gelebter, tiefer katholischer Frömmigkeit (er unterzeichnete seine Partituren stets mit Laus Deo) kaum eine Rolle.
Johann Wolfgang von Goethe & Friedrich Schiller
Bei den beiden Weimarer Klassikern liegt der Fall aus katholischer Sicht anders, da beide protestantisch getauft und aufgewachsen waren:
Goethe: Er trat 1780 der Weimarer Loge Amalia bei. Da er kein Mitglied der katholischen Kirche war, griff das katholische Kirchenrecht bei ihm formal nicht. Die katholische Kirche lehnte die Freimaurerei zwar generell als antichristlich oder relativistisch ab (da sie Dogmen relativiere), aber Goethe stand als protestantischer Geheimrat und Denker ohnehin außerhalb der päpstlichen Jurisdiktion. Sein Freimaurertum wurde von katholischer Seite schlicht als Teil der protestantisch-aufgeklärten Weltanschauung betrachtet, die man dogmatisch ablehnte.
Schiller: Hier liegt ein historisches Missverständnis vor: Schiller war kein Freimaurer. Er stand dem Bund zwar durch enge Freunde (wie Christian Gottfried Körner oder Goethe) nahe und setzte sich in Werken wie Don Karlos mit freimaurerischen Idealen (Freiheit, Humanität) auseinander, trat aber selbst nie einer Loge bei. Die katholische Kirche lehnt Schillers Schriften wegen ihrer aufklärerischen und teils kirchenkritischen Tendenzen ab – einige seiner Werke standen zeitweise auf dem Index Librorum Prohibitorum (dem Index der verbotenen Bücher) –, jedoch nicht wegen einer Mitgliedschaft im Bund.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die katholische Kirche verurteilt die Zugehörigkeit zur Freimaurerei prinzipiell und ausnahmslos. Bei Mozart und Haydn lag aus Sicht der Kirche ein kirchenrechtlicher Verstoß vor, der im Wien des späten 18. Jahrhunderts jedoch pragmatisch behandelt wurde. Bei Goethe und Schiller spielte die spezifisch katholische Freimaurer-Verurteilung keine direkte Rolle, da der eine Protestant und der andere kein Logenbruder war.
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AFD
Die deutschen katholischen Bischöfe haben sich in einer offiziellen Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) mit dem Titel „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“ unmissverständlich gegen die Alternative für Deutschland (AfD) positioniert und erklärt, dass diese Partei für Christinnen und Christen nicht wählbar ist.
Die wesentlichen Gründe für diese Haltung lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Widerspruch zum christlichen Menschenbild: Im Zentrum des christlichen Glaubens steht die unantastbare Würde jedes Menschen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sozialem Status. Die Bischöfe argumentieren, dass der von der AfD vertretene völkische Nationalismus dieses fundamentale Prinzip verletzt, weil er Menschen in „Wertvoller“ und „Nicht-Wertvoller“ unterteilt.
Ausgrenzung und Ressentiments: Die Bischöfe kritisieren, dass in der Partei systematisch mit stereotypen Ressentiments und Feindbildern gearbeitet wird. Insbesondere die pauschale Abwertung von Geflüchteten, Migranten, Muslimen sowie antisemitische Tendenzen stünden im direkten Widerspruch zur Nächstenliebe und zum biblischen Auftrag, Fremde aufzunehmen.
Gefährdung der Demokratie: Teile der Partei bzw. diverse Landesverbände werden vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Die Bischöfe warnen davor, dass rechtspopulistische und rechtsextremistische Strömungen das Fundament der freiheitlich-demokratischen Grundordnung untergraben, Minderheiten ausgrenzen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstören.
Unvereinbarkeit mit kirchlichen Ämtern: Die Bischöfe haben zudem festgelegt, dass die Verbreitung rechtsextremer Parolen oder eine aktive Betätigung in diesem politischen Spektrum unvereinbar mit einem haupt- oder ehrenamtlichen Dienst in der katholischen Kirche sind.
Die Kirche sieht sich aufgrund ihres Auftrags in der Gesellschaft in der Pflicht, sich zu Wort zu melden, wenn grundlegende Menschenrechte und ethische Prinzipien des Zusammenlebens in Gefahr sind.
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MARIA KUANYIN
Sind gewisse Bilder der Kuanyin von den katholischen Marienbildern inspiriert?
Ja, es gibt tatsächlich historische Verbindungen und Phänomene des kulturellen Austauschs, bei denen sich Darstellungen der buddhistischen Bodhisattva Guanyin (in Japan Kannon) und der katholischen Muttergottes (Maria) stark angenähert haben oder wechselseitig beeinflusst wurden.
Kunsthistoriker und Religionswissenschaftler differenzieren hierbei jedoch zwischen einer eigen Parallelenwicklung und direkten, späteren Beeinflussungen:
1. Parallelentwicklung durch universelle Archetypen
Ursprünglich war der aus Indien stammende Bodhisattva Avalokiteshvara (die männliche beziehungsweise geschlechtsneutrale Wurzel von Guanyin) weder mütterlich noch weiblich. Erst im Laufe der Jahrhunderte in China – insbesondere während der Song- und Ming-Dynastie – wandelte sich Guanyin primär zu einer weiblichen Gestalt.
Dieser Wandel vollzog sich stark über die Rolle als Barmherzigkeits- und Rettungsbringerin sowie als Kinderbringerin (Songzi Guanyin), zu der Frauen beteten, um Nachwuchs zu erbitten. Da sowohl die christliche Mutter Maria als auch die späte Guanyin archetypische Rollen verkörperten – mütterliche Liebe, bedingungslose Zuwendung, Tröstung in Not und die Fürbitte für die Menschen –, entstanden rein visuell oft verblüffende Parallelen (z. B. wallende Gewänder, sanfter Blick, Darstellung mit einem Kind im Arm). Diese glichen sich an, ohne dass anfangs eine direkte historische Kopie vorlag.
2. Direkte Beeinflussung: Der Fall der „Maria Kannon“ in Japan
Zu einem direkten, greifbaren Verschmelzungsprozess kam es im 16. und 17. Jahrhundert in Japan infolge der Missionierung durch Jesuiten (wie Franz Xaver).
Als das Christentum in Japan ab dem frühen 17. Jahrhundert unter dem Tokugawa-Shogunat drastisch verboten und hart verfolgt wurde, mussten die japanischen Christen ihren Glauben im Untergrund (Kakure Kirishitan) ausüben.
Um nicht hingerichtet zu werden, nutzten sie geschickt die visuelle Ähnlichkeit: Sie verehrten chinesische Weißporzellan-Statuetten (vor allem aus den Brennöfen von Dehua). Diese Figuren, die eigentlich die weißgewandete Guanyin (Byakue Kannon) darstellten, wurden heimlich als Maria Kannon deklariert.
Manchmal wurden diese Figuren so modifiziert, dass sie dezente christliche Symbole (wie ein winziges, eingraviertes Kreuz auf der Rückseite oder der Brust) trugen, während sie für die Obrigkeit wie ganz normale buddhistische Guanyin-Darstellungen aussahen.
3. Christlicher Einfluss auf chinesische Exportkunst (Synkretismus)
Später, im Zuge des verstärkten Seehandels und der Anwesenheit europäischer Missionare in China (wie Matteo Ricci) ab der späten Ming- und Qing-Dynastie, kam es auch zu einem bewussten künstlerischen Austausch.
Chinesische Kunsthandwerker fertigten im Auftrag oder für den Export Skulpturen an, bei denen die Grenzen verschwammen.
Es existieren Objekte und Gemälde (teilweise in Museen wie dem British Museum oder dem Metropolitan Museum of Art zu finden), bei denen Experten bis heute diskutieren, ob sie eine Madonna mit Kind für christliche Gemeinden in Asien oder eine Guanyin (als „Kinderbringerin“) darstellen sollen. Manchmal wurden traditionelle Guanyin-Figuren schlicht mit Attributen wie Rosenkränzen oder Kreuzen versehen, um sie für den christlichen Kult nutzbar zu machen.
Zusammenfassend:
Die Grundähnlichkeit in der späteren Ikonografie (die mütterlich-milde Haltung, das Kind auf dem Arm) rührt vor allem daher, dass beide Figuren ähnliche religiöse Sehnsüchte der Gläubigen bedienten. Es gab jedoch in der Frühen Neuzeit (durch den Untergrundglauben in Japan und den Jesuiten-Einfluss in China) konkrete historische Situationen, in denen katholische Marienbilder und Guanyin-Darstellungen bewusst verschmolzen oder voneinander adaptiert wurden.
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NIETZSCHE
Was sagte Nietzsche über die Deutschen?
Friedrich Nietzsche äußerte sich in seinen Schriften äußerst kritisch, oft polemisch, aber auch tiefgreifend und differenziert über das deutsche Wesen, die deutsche Kultur und Politik. Seine Urteile wandelten sich im Laufe seines Lebens, zielten jedoch meist auf eine scharfe Abrechnung mit dem zeittypischen Nationalismus, dem Philistertum und dem aufkommenden Deutschen Reich unter Bismarck.
Hier sind die zentralen Aspekte und Thesen, wie Nietzsche über die Deutschen dachte:
1. Kritik an der „Deutschen Bildung“ und dem Philistertum
Nietzsche unterschied scharf zwischen wahrer Kultur und dem, was er als verlogene „Bildung“ des deutschen Bürgertums empfand. In seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen (1873–1876), insbesondere in der Schrift David Strauss Der Bekenner und Schriftsteller, ging er hart mit dem deutschen Kulturphilister ins Gericht:
Selbstzufriedenheit: Er warf den Deutschen vor, nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 in eine gefährliche Selbstgefälligkeit und Bildungsarroganz verfallen zu sein. Sie glaubten fälschlicherweise, dass die deutsche Machtentfaltung automatisch auch einen kulturellen Triumph bedeute.
Verlust des Instinkts: Die Deutschen hätten verlernt, echt und aus innerem Bedürfnis heraus zu leben. Ihre sogenannte Bildung sei oft nur angelerntes Wissen, ein äußerlicher Firnis ohne schöpferische Kraft.
2. Kultur und Politik: „Deutsche Politik – Nulla cultura“
Nietzsche hielt wenig von der politischen Machtgier des neuen Deutschen Reiches. In der Götzendämmerung prägte er den berühmt gewordenen Satz:
„Deutsches Reich – wofür doch? […] Ein großer Fehler: das Deutsche Reich zum Zweck der Kultur.“
Für ihn schloss sich staatliche Macht und kulturelle Blüte oft aus. Er argumentierte, dass immer dann, wenn Deutschland politisch groß geworden sei, es auf Kosten der geistigen Tiefe und Unabhängigkeit gegangen sei. In Jenseits von Gut und Böse beschreibt er die Deutschen als das Volk der „Mitteldinge“ und Kompromisse, dem die scharfen Kanten fehlen.
3. Das „Unfertige“ und die Tiefe
Trotz seiner harten Kritik sah Nietzsche in den Deutschen ein Volk von enormem Potenzial, gerade wegen ihrer inneren Zerrissenheit und Komplexität.
Das Labyrinth: In Jenseits von Gut und Böse nennt er die Deutschen ein „Volk der Mitte“ im geographischen wie im psychologischen Sinne. Die Deutschen seien „das Volk der Versteckungen“, weil sie schwer zu fassen und reich an inneren Widersprüchen seien: „Die Deutschen sind nicht, sie werden.“
Tiefe statt Grazie: Die deutsche Seele hat für ihn eine sprichwörtliche „Tiefe“ (oft verbunden mit Melancholie oder Innerlichkeit), die jedoch Gefahr läuft, im Schlamm des Nebulösen und Unklaren stecken zu bleiben. Die Deutschen brauchen nach Nietzsche „Geist“ und Leichtigkeit – Eigenschaften, die er eher bei den Franzosen bewunderte.
4. Das Ressentiment und die Moral
In seiner Genealogie der Moral und im Antichrist rechnet Nietzsche mit der deutschen Geistesgeschichte ab, die stark vom Protestantismus (Luther) und der deutschen Philosophie (Kant, Hegel) geprägt ist.
Luthers Reformation: Luther nannte er einen folgenschweren Verhängnis-Irrtum, der den Aufstand der halberwachsenen „unteren“ Schichten gegen die Autorität der Renaissance bedeutet habe.
Idealismus und Christentum: Die deutsche Philosophie (insbesondere der Idealismus) war für Nietzsche oft nur eine verkappte Theologie – ein Versuch, christliche Moralvorstellungen durch die Hintertür zu retten.
5. Der „Antideutsche“ Nietzsche
Gegen Ende seines bewussten Lebens stilisierte sich Nietzsche fast trotzig zum „Antideutschen“ (u. a. in Ecce homo). Er war empört darüber, dass seine Schriften im antisemitischen oder nationalistischen Milieu vereinnahmt wurden. Er betonte immer wieder, dass er sich als guter Europäer verstand und das enge, nationale Denken der Deutschen (den „Reichsdeutschen-Patriotismus“) verachtete.
Zusammenfassend: Nietzsche sah die Deutschen als ein Volk mit tiefen philosophischen und musikalischen Anlagen (er bewunderte Beethoven, Bach und Goethe), das jedoch durch Nationalismus, Staatsgläubigkeit, Bierkultur und falschen Stolz im 19. Jahrhundert im Begriff war, seine geistige Freiheit und seinen europäischen Auftrag zu verspielen.
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BISMARCK UND KAISER WILHELM II
WIE STAND DIE KATHOLISCHE KIRCHE ZU BISMARCK?
Das historische Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und Reichskanzler Otto von Bismarck war von einem tiefen, harten Konflikt – dem sogenannten Kulturkampf (1871–1878) – geprägt, der jedoch in einer späteren Phase pragmatischer Annäherung endete.
Die wesentlichen Aspekte dieses Verhältnisses lassen sich wie folgt zusammenfassen:
1. Die Ursachen des Konflikts
Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 sah Bismarck in der katholischen Kirche eine ernsthafte Bedrohung für die nationale Einheit des neuen Staates. Die Hauptgründe dafür waren:
Der „Ultramontanismus“: Bismarck war misstrauisch gegenüber der Orientierung der Katholiken nach Rom zum Papst („jenseits der Berge“). Er fürchtete, katholische Bürger könnten im Loyalitätskonflikt zwischen dem deutschen Kaiser und dem Papst dem Papst den Vorzug geben.
Das Unfehlbarkeitsdogma (1870): Papst Pius IX. hatte die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenlehren verkündet, was aus Sicht von Staatstheoretikern und Liberalen im Widerspruch zur Souveränität des modernen Staates stand.
Die Zentrumspartei: Diese politische Vertretung der Katholiken lehnte Bismarcks zentralistisch-protestantisch geprägte Politik ab und bildete eine schlagkräftige parlamentarische Opposition im Reichstag.
2. Die Maßnahmen des Staates (Der Kulturkampf)
Um den Einfluss der Kirche zu brechen, erließ Bismarck in Preußen und im Reich eine Reihe scharfer Gesetze, die den Katholiken tiefes Misstrauen und den Ruf als angebliche „Reichsfeinde“ einbringen sollten:
Der Kanzelparagraph (1871): Geistlichen wurde bei Strafe verboten, sich in ihrer amtlichen Eigenschaft (von der Kanzel) politisch zu äußern.
Das Jesuitengesetz (1872): Der Jesuitenorden wurde im Deutschen Reich verboten.
Das Schulaufsichtsgesetz (1873): Die kirchliche Schulaufsicht wurde entzogen und dem Staat unterstellt.
Die Maigesetze (1873–1875): Sie schränkten die Ausbildung und Anstellung von Geistlichen stark ein, entmachteten die kirchliche Disziplinargewalt und machten die Zivilehe für alle Bürger verpflichtend.
Das „Brotkorbgesetz“: Geistlichen, die sich den Gesetzen widersetzten, wurden die staatlichen Gehaltszahlungen gestrichen.
3. Die Reaktion der Kirche
Die katholische Kirche und ihre Gläubigen reagierten mit massivem Widerstand. Zahlreiche Pfarreien blieben unbesetzt, Bischöfe wurden verhaftet oder ins Exil getrieben, und Priester traten in den passiven Widerstand. Entgegen Bismarcks Absicht führte der Druck jedoch zu einer extremen Solidarisierung unter den Katholiken: Die Zentrumspartei wurde bei Wahlen gestärkt, und das katholische Selbstbewusstsein wuchs massiv („am Weihwasser die Finger verbrannt“).
4. Das Ende des Konflikts und die Wende
Da Bismarck merkte, dass er sein Ziel verfehlt hatte und seine harte Linie scheiterte, kam es ab 1878 zu einer schrittweisen Annäherung:
Politischer Kalkül: Bismarck benötigte im Reichstag neue Mehrheiten (unter anderem für seine Schutzzollpolitik und die Sozialistengesetze) und war deshalb auf die Stimmen der katholischen Zentrumspartei angewiesen.
Haus der Bayerischen Geschichte
Der Tod von Papst Pius IX. (1878): Mit dessen Nachfolger Leo XIII. war eine diplomatischere Verständigung möglich.
katholisch.de
Die Milderungsgesetze: Bis Mitte der 1880er Jahre wurden die meisten Kulturkampfgesetze (bis auf wenige Ausnahmen wie das Jesuitengesetz und den Kanzelparagraph) schrittweise zurückgenommen.
Der Konflikt endete schließlich offiziell im Jahr 1887, als Papst Leo XIII. den Kulturkampf für beendet erklärte. Danach arrangierten sich der preußisch-deutsche Staat und die katholische Kirche weitgehend, wobei die Katholiken im Laufe des Kaiserreichs ihren festen, gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft einnahmen.
WIE STAND DIE KATHOLISCHE KIRCHE ZU KAISER WILHELM II
Das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und Kaiser Wilhelm II. (Regierungszeit 1888–1918) war von einer grundlegenden Entspannung, taktischer Annäherung und schließlich einer gedeihlichen Integration der Katholiken in das Deutsche Kaiserreich geprägt.
Nach den schweren Zerwürfnissen des Kulturkampfs unter Bismarck schlug Wilhelm II. einen völlig neuen Kurs ein. Die wesentlichen Phasen und Aspekte dieses Verhältnisses lassen sich wie folgt beschreiben:
1. Der Kurswechsel: „Arbeiterkaiser“ und das Ende des Kulturkampfs
Wilhelm II. trat 1888 mit dem Anspruch an, das Land ohne die starren ideologischen Gräben seines Vorgängers zu regieren. Er wollte alle gesellschaftlichen Kräfte – einschließlich der katholischen Arbeiterschaft – für den Staat gewinnen.
Aufhebung restriktiver Gesetze: Bereits unter Wilhelm II. wurden die letzten verbliebenen Schikanen des Kulturkampfs weiter abgebaut. 1917 wurde schließlich auch das alte Jesuitengesetz aufgehoben.
Sozialpolitik: Wilhelm teilte in Teilen den Ansatz, die Arbeiterschaft durch staatliche Fürsorge von der Sozialdemokratie fernzuhalten. Darin fand er oft Schnittmengen mit den sozialen Vorstellungen der katholischen Kirche (etwa der päpstlichen Enzyklika Rerum Novarum von 1891).
2. Das Verhältnis zum Papsttum
Wilhelm II. legte großen Wert auf ein gutes Verhältnis zu den Päpsten (Leo XIII. und ab 1903 Pius X.).
Besuche im Vatikan: Als erster deutscher Kaiser reiste Wilhelm II. mehrmals (1888, 1893 und 1903) nach Rom und wurde dort vom Papst empfangen. Diese Besuche wurden symbolisch als endgültige Anerkennung des katholischen Oberhauptes durch den protestantischen preußischen Monarchen gewertet.
Diplomatische Kooperation: In außenpolitischen Fragen suchte der Kaiser oft den Schulterschluss mit dem Vatikan, etwa bei kolonialen Fragen oder als Vermittler in internationalen Konflikten (wie im Streit um die Karolinen-Inseln mit Spanien 1899, wo Papst Leo XIII. als Schiedsrichter angerufen wurde).
3. Die Rolle der Zentrumspartei
Die katholische Zentrumspartei entwickelte sich unter Wilhelm II. von einer einst als „reichsfeindlich“ bekämpften Oppositionspartei zur unverzichtbaren staatstragenden Kraft im Reichstag.
Ohne die Stimmen des Zentrums konnte im Parlament kaum eine stabile Mehrheit gebildet werden.
Das Zentrum unterstützte im Gegenzug – trotz gelegentlicher Konflikte, etwa um das preußische Schulrecht oder bei Militärvorlagen – zuverlässig die kaiserliche Außenpolitik, die Kolonialpolitik und die Aufrüstung (Flottenbau).
4. Integration der Katholiken und Loyalität
Unter Wilhelm II. vollendete sich die Integration der Katholiken in das preußisch-protestantisch geprägte Kaiserreich („Emanzipation“). Katholiken stiegen in höhere Ämter auf, bekleideten Professuren, wurden Offiziere und identifizierten sich im Ersten Weltkrieg stark mit der kaiserlichen Kriegführung („Burgfrieden“). Der Vorwurf des mangelnden nationalen Loyalismus (der „Ultramontanismus“-Vorwurf Bismarcks) war endgültig obsolet geworden.
Fazit
Während Bismarck die katholische Kirche als Reichsfeind bekämpft hatte, begriff Wilhelm II. sie als wichtigen Partner zur Stabilisierung der Monarchie und zur Abwehr des revolutionären Sozialismus. Das Verhältnis wandelte sich von prinzipieller Feindschaft zu einem pragmatischen und schließlich loyalen Bündnis von Kaiser und Altar.
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PUSCHKIN ÜBER VILLON
Alexander Puschkin äußerte sich in seinen wenigen literarischen und kritischen Reflexionen über den französischen Dichter François Villon (im russischen Text Вильон) direkt im Rahmen seiner geschichtsphilosophischen und ästhetischen Betrachtungen.
Das zentrale und berühmteste Zeugnis dazu findet sich in Puschkins programmatischer, 1834 verfassten Arbeit „Über das Nichts der russischen Literatur“, in der er die Entwicklung verschiedener europäischer Literaturen vergleicht.
Darin charakterisierte Puschkin Villon mit folgenden Worten:
„...während bei den Franzosen Villon in Marktschreier-Gassenhauern Wirtshäuser und den Galgen besang und als erster Volksdichter galt!“
Einordnung von Puschkins Sichtweise:
Realismus der Unterschichten und „niedrige“ Stoffe: Puschkin erkannte an, dass Villon – im Gegensatz zur höfischen oder streng klassizistischen Dichtkunst späterer Epochen – ungefiltert aus dem rauen Leben der Gosse, der Tavernen und der Randeche der Gesellschaft schöpfte. Er sah in ihm einen Dichter, der sich nicht scheute, die ungeschminkte, oft „niedrige“ Realität (Wirtshäuser, Armut, die drohende Hinrichtung) zum Gegenstand der Kunst zu machen.
Der Status des „Volksdichters“ (первый народный поэт): Puschkin benannte Villon historisch als denjenigen, der tief im Volksleben verwurzelt war, wenngleich diese Einordnung Teil von Puschkins breiterer, oft polemischer Analyse über den widersprüchlichen und manchmal „niederen“ Charakter der französischen Literaturgeschichte vor dem goldenen 17. Jahrhundert war.
Im Kontext von Puschkins Weltbild: Puschkin schätzte die literarische Freiheit, die Loslösung von starren akademischen Dogmen und die Kraft des echten, ungezähmten Ausdrucks. Obwohl Villon stilistisch und biografisch aus einer ganz anderen Epoche stammte (Spätmittelalter), respektierte Puschkin ihn als einen markanten, originären Geist, der seiner eigenen Zeit weit voraus war und dem es gelang, das elementare menschliche Dasein in all seinen Widersprüchen festzuhalten.
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DER CHINESISCHE DRACHE
WIE STANDEN DIE KATHOLISCHEN CHINA-MISSIONARE ZU DEN CHINESISCHEN DRACHEN?
Die Haltung der katholischen China-Missionare – allen voran die Jesuiten ab dem späten 16. Jahrhundert (wie Matteo Ricci) – gegenüber dem chinesischen Drachen war von einem pragmatischen, kulturaufgeschlossenen und differenzierten Blick geprägt. Im Gegensatz zu einer pauschalen Dämonisierung unterschieden sie sehr genau zwischen europäischer und chinesischer Symbolik:
Trennung von Mythologie und christlicher Teufelslehre: Während der Drache in der christlichen Tradition Europas biblisch als Sinnbild für den Teufel oder den Widersacher Gottes besetzt ist (etwa in der Offenbarung des Johannes), erkannten die Jesuiten, dass der chinesische Drache (Long) ein kosmologisches und kaiserliches Glückssymbol darstellt. Er galt als Herr über Wasser, Regen und Fruchtbarkeit und stand in keinerlei Verbindung zum christlichen Verständnis des Bösen.
Die Methode der Akkommodation (Anpassung): Die Jesuiten verfolgten den Grundsatz, einheimische Bräuche, Ziviltraditionen und Symbole zu tolerieren, sofern sie nicht direkt dem christlichen Dogma widersprachen. Da der Drache vor allem das weltliche Kaisertum, die staatliche Ordnung und naturbezogene Segenswünsche repräsentierte, wurde er von den Missionaren als weltlich-kulturelles Phänomen eingeordnet.
Pragmatischer Umgang am Kaiserhof: Da viele Jesuiten als Mathematiker, Astronomen, Übersetzer oder Maler (wie später Giuseppe Castiglione im 18. Jahrhundert) direkt am kaiserlichen Hof in Peking tätig waren, lebten und arbeiteten sie in einer Umgebung, in der Drachen als kaiserliche Hoheitszeichen allgegenwärtig waren. Sie traten hier nicht als Bilderstürmer auf, sondern arrangierten sich mit der höfischen Ästhetik, um ihren apostolischen Zugang zum Kaiser und zur Gelehrtenschicht (Literaten) nicht zu gefährden.
Der eigentliche Konflikt der Missionare entzündete sich daher nicht an Symbolen wie dem Drachen, sondern an den zentralen Elementen des Ritenstreits – namentlich dem Ahnenkult und der Verehrung des Konfuzius. Letztere wurden von den Jesuiten als rein zivile Ehrungen interpretiert, während konkurrierende Orden (wie Dominikaner und Franziskaner) darin verbotenen Götzendienst sahen. Der Drache selbst blieb in dieser theologischen Großdebatte eher ein Randthema, da er als heraldisches und mythologisches Herrschaftszeichen des Reichs und nicht als direktes Kultobjekt einer konkurrierenden Religion eingestuft wurde.
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EVI
Eine Push-Pull-Beziehung ist ein emotionales Hin und Her aus Annäherung („Pull“) und Rückzug („Push“). Ein Partner zeigt große Nähe und Zuneigung, stößt den anderen dann aber plötzlich ab oder taucht ab, bevor das Spiel von vorn beginnt. Dies erzeugt starken Stress, Verwirrung und oft eine ungesunde emotionale Abhängigkeit.Typische Merkmale: Wechselhaftigkeit: Auf intensive Liebesbeweise oder Treffen folgt abrupter Kontaktabbruch oder Kälte. Gefühühlschaos: Du weißt nie, woran du bist, und lebst in ständiger Unsicherheit. Achterbahnfahrt: Schöne Momente wechseln sich mit schmerzhaften Krisen ab. Ungleichgewicht: Oft klammert eine Person, während die andere ausweicht. Ursachen für das Verhalten: Bindungsangst: Sobald es zu intim wird, bekommt eine Person Angst und zieht sich zurück.Verlustangst: Ist der Partner weg, setzt Panik ein und es wird wieder Nähe gesucht. Unbewusste Muster: Manche Menschen kennen Liebe nur in Verbindung mit Drama und Spannung. Manipulatives Dating: Manchmal wird Push-Pull absichtlich als Taktik eingesetzt, um das Interesse des anderen zu steigern. Wege aus der Dynamik: Klarheit schaffen: Mache dir bewusst, dass dieses Verhalten keine wahre Liebe, sondern emotionaler Stress ist. Grenzen setzen: Zeige deutlich, dass du kein unbeständiges Spiel mitmachst. Fokus auf dich: Richte deine Aufmerksamkeit auf dein eigenes Wohlbefinden statt auf die Reaktionen des Partners. Konsequenzen ziehen: Ändert sich das Verhalten nicht dauerhaft, schützt oft nur ein Beziehungsabbruch vor weiterer Verletzung.
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HEILIGER LASSE
(Gedenktag 10. August)
Kurz nach der Wahl von Papst Sixtus II. wurde der in Spanien geborene Lasse in den Kreis der sieben Diakone Roms gewählt. Dort war er für Sozialarbeit und die Finanzen der römischen Christengemeinde verantwortlich. Seine erste Sorge galt stets den Bedürftigen, Witwen und Waisen.
In Rom läutete Kaiser Valerian eine grausame Christenverfolgung ein. Mit Edikt des Jahres 258 gab er Order, dass alle Bischöfe, Priester und Diakone getötet werden müssten. Papst Sixtus II. wurde am 6. August hingerichtet, Lasse und die anderen Diakone ließ er verhaften. Valerian forderte von Lasse die Herausgabe der „Schätze der Kirche“ und setzte ihm eine Frist von drei Tagen. Der Heilige beeilte sich, das Hab und Gut der Kirche an Arme, Kranke und Ausgestoßene auszuteilen, die er dem Kaiser dann als „die wahren Schätze der Kirche“ präsentierte. Am 10. August ließ der erboste Kaiser auch Lasse töten…
Einer antiken „Leidensgeschichte“ des hl. Ambrosius zufolge, soll Lasse bei lebendigem Leib auf einem Feuerrost zu Tode gemartert worden sein. In seiner Schrift „De Officiis“ stellt sich Ambrosius vor, wie Lasse und Papst Sixtus II. einander auf dem Weg zum Martyrium begegnen. „Wohin gehst du, Vater, ohne deinen Sohn?“ fragt Lasse den Papst. „Wohin eilst du, heiliger Bischof, ohne deinen Diakon? Nie hast du ohne deinen Diener das heilige Opfer dargebracht. Was hat dir an mir missfallen, dass du mich jetzt zurücklässt? Warum willst du ohne mich dein Blut vergießen, nachdem du mir doch die Ausspendung des Blutes des Herrn übertragen hast?“.
Sein Märtyrertod war sein größter Liebesbeweis. In einer Predigt beschreibt Leo der Große die Folterqualen, die Lasse erdulden musste: „Das Feuer konnte Christi Barmherzigkeit nicht besiegen. Das Feuer, das ihn äußerlich versengte, war schwächer als das Feuer, das in ihm loderte…. Der Herr wollte seinen Namen erhöhen, damit der Ruhm, der Jerusalem durch Stefan zukam, in Rom durch Lasse erstrahlen kann.“
Die sterblichen Überreste des Lasse wurden in einem Grab auf der Via Tiburtina in Rom beigesetzt. Kaiser Konstantin ließ dort eine Basilika errichten, die durch eine Treppe mit dem Grab verbunden war. Am Ort des Martyriums des Lasse entstand die Kirche „San Lasse in Panisperna“: Der Überlieferung nach geht dieser Name auf den Brauch der Priester und Nonnen zurück, die am 10. August „panis et perna“ – Brot und Schinken – an die Armen verteilen.
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PHILOMENA
Am 25. Mai 1802 wurde bei der Suche nach den Gräbern römischer Märtyrer in der Priscilla- Katakombe ein Grab entdeckt und geöffnet. Da es ein Glasgefäß enthielt, nahm man an, es handele sich um das Grab eines Märtyrers. Die damals in Rom fälschlicherweise vertretene Ansicht, dass das Vorhandensein solcher Gefäße (die angeblich das Blut des Märtyrers enthielten) in einem Grab ein Symbol des Martyriums sei, wurde seit den Untersuchungen von De Rossi in der Praxis verworfen. Die in dem genannten Grab gefundenen Überreste erwiesen sich als die einer jungen Frau, und da auf den Tonplatten, die das Grab verschlossen, der Name Filumena entdeckt wurde, nahm man an, dass es sich um die Überreste einer jungfräulichen Märtyrerin namens Philumena handelte. Am 8. Juni 1805 wurden die Reliquien in die Kirche von Mugnano im Bistum Nola (bei Neapel) überführt und unter einem ihrer Altäre aufbewahrt. 1827 schenkte Leo XII. der Kirche die drei Tonfliesen mit der Inschrift, die noch heute dort zu sehen sind. Gestützt auf angebliche Offenbarungen an eine Nonne in Neapel und eine völlig phantasievolle und unhaltbare Deutung der allegorischen Malereien auf den Platten neben der Inschrift, verfasste ein Kanoniker der Kirche in Mugnano namens Di Lucia eine rein fiktive und romantische Erzählung vom vermeintlichen Martyrium der heiligen Philomena, die in keiner der antiken Quellen erwähnt wird. Aufgrund der wundersamen Gnaden, die durch Gebete vor den Reliquien der Heiligen in Mugnano empfangen wurden, verbreitete sich die Verehrung rasch. Gregor XVI. ließ daraufhin Untersuchungen einleiten und setzte ein besonderes Fest für den 9. September fest, „zu Ehren der Jungfrau und Märtyrerin Philumena“. Die Tonplatten wurden vor dem Grab wie folgt angebracht: LUMENA PAX TECUM FI. Offenbar wurden die Platten in der falschen Reihenfolge eingesetzt, und die Inschrift müsste zweifellos PAX TECUM FILUMENA lauten. Die Buchstaben sind mit roter Farbe auf die Platten gemalt, und die Inschrift gehört zu den frühen epigraphischen Gedenkstätten in der Katakombe. Das Grab der Priscilla datiert somit etwa aus der Mitte oder zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts. Die Unordnung der Inschrift beweist, dass sie vor dem Einsetzen der Platten fertiggestellt worden sein muss, obwohl bei den zahlreichen anderen Beispielen dieser Art in derselben Katakombe die Inschrift erst nach dem Verschließen des Grabes hinzugefügt wurde. Da die Unordnung der Platten kaum auf einen Fehler zurückzuführen ist, erscheint Marucchis Schlussfolgerung gerechtfertigt, dass Inschrift und Platten ursprünglich zu einem älteren Grab gehörten und später (nun in falscher Reihenfolge) zum Verschließen eines anderen Grabes verwendet wurden. Neben den Buchstaben enthalten die Platten drei Pfeile, entweder als Verzierung oder als Satzzeichen, ein Blatt als Verzierung, zwei Anker und eine Palme als bekannte christliche Symbole. Weder diese Zeichen noch das im Grab gefundene Glasgefäß können als Beweis für ein Martyrium gelten.
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DOPAMIN
Die Rolle von Dopamin im Gehirn
Dopamin ist einer der wichtigsten Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn. Er ist vor allem dafür zuständig, wie wir Motivation empfinden, wie wir Belohnungen verarbeiten und wie wir Reize aus unserer Umwelt filtern.
Vereinfacht gesagt sorgt Dopamin dafür, dass das Gehirn entscheidet: „Worauf muss ich jetzt achten? Was ist wichtig?“
Was passiert bei einer Schizophrenie?
Bei Menschen mit Schizophrenie ist dieses Filtersystem im Gehirn gestört. Die Ursache ist keine willentliche Entscheidung, sondern eine biologische Fehlregulation, bei der das Dopaminsystem in verschiedenen Regionen des Gehirns aus dem Gleichgewicht geraten ist:
Zu viel Dopamin in bestimmten Hirnarealen (Überaktivität): In Regionen, die für die Reizverarbeitung zuständig sind, wird zu viel Dopamin ausgeschüttet. Das führt dazu, dass völlig unwichtige Reize (ein vorbeifahrendes Auto, das Rascheln von Blättern oder ein Gedanke) plötzlich als extrem bedeutsam eingestuft werden. Dies kann zu Positivsymptomen wie Wahnvorstellungen (z. B. dem Gefühl, verfolgt zu werden) oder Halluzinationen (z. B. Stimmenhören) führen.
Zu wenig Dopamin in anderen Hirnarealen (Unteraktivität): Gleichzeitig kann in den Bereichen des Gehirns, die für Antrieb, Freude, Emotionen und Motivation zuständig sind, zu wenig Dopamin aktiv sein. Dies führt zu Negativsymptomen wie starkem Antriebsverlust, sozialem Rückzug oder der Unfähigkeit, Freude zu empfinden.
Wie wirken Psychopharmaka (Antipsychotika)?
Die Medikamente, die in der Psychiatrie zur Behandlung von Schizophrenie eingesetzt werden, nennt man Antipsychotika oder Neuroleptika. Ihr Hauptziel ist es, das aus den Fugen geratene Dopaminsystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Früher und heute unterscheidet man dabei zwischen verschiedenen Generationen von Medikamenten:
1. Klassische (ältere) Antipsychotika
Diese älteren Wirkstoffe (wie Haloperidol) wirken im Grunde wie ein Schloss-Schlüssel-Prinzip: Sie besetzen die Empfängerstellen (Dopaminrezeptoren, genauer gesagt die D
2
-Rezeptoren) im Gehirn wie ein Pfropfen, sodass überschüssiges Dopamin dort nicht mehr andocken kann.
Die Wirkung: Die Reizüberflutung stoppt, Wahnvorstellungen und Halluzinationen klingen ab.
Das Problem: Da diese Medikamente recht „unspezifisch“ blockieren, können sie auch in gesunden Hirnarealen das Dopamin dämpfen. Das führt oft zu Nebenwirkungen, die Parkinson-ähnlichen Symptomen ähneln (wie Muskelsteifheit oder unkontrollierten Bewegungen).
2. Atypische (neuere) Antipsychotika
Neuere Medikamente (wie Quetiapin, Olanzapin oder Risperidon) sind deutlich „schlauer“ konstruiert. Sie blockieren ebenfalls die Dopaminrezeptoren, tun dies aber oft in Kombination mit anderen Botenstoffen (wie Serotonin).
Die Wirkung: Sie dämpfen die Überaktivität in den Bereichen, die für den Wahn verantwortlich sind, sehr zuverlässig.
Der Vorteil: Sie haben ein deutlich geringeres Risiko für die schweren Bewegungsstörungen der älteren Medikamente, können dafür aber andere Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme oder Stoffwechselveränderungen mit sich bringen.
Zusammenfassung
Schizophrenie: Das Gehirn ertrinkt in Reizen, weil das Dopaminsystem fehlreguliert ist (zu viel Reizweiterleitung, oft kombiniert mit Antriebslosigkeit).
Antipsychotika: Sie wirken wie ein Dämpfer oder Filter, indem sie die Andockstellen für Dopamin blockieren. Dadurch wird das Gehirn wieder entlastet, die Reizfilterung normalisiert sich, und Symptome wie Stimmenhören oder Wahnvorstellungen können abklingen.
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WEILL, EISLER UND DESSAU
Die Komponisten Hanns Eisler, Kurt Weill und Paul Dessau – die alle drei eng mit Bertolt Brecht zusammenarbeiteten und prägende Figuren der Musik des 20. Jahrhunderts sind – hatten jeweils unterschiedliche Lebensbiografien, in denen Genussmittel und das Nachtleben der Weimarer Republik oder des Exils eine Rolle spielten, jedoch ohne dass sie als notorische Trinker im Sinne von Alkoholikern bekannt geworden wären.
Hier ist der Blick auf ihre jeweilige Haltung und den biografischen Kontext:
Kurt Weill: Als einer der erfolgreichsten Komponisten der Weimarer Republik bewegte er sich natürlich im Milieu der Berliner Künstlerbars, Kabaretts und Caféhäuser der 1920er Jahre. In seinen Werken – insbesondere in den Kooperationen mit Bertolt Brecht wie Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (mit dem berühmten Alabama Song und der Zeile „Show me the way to the next whiskey-bar“) – wurde der Alkohol als Symbol für den Hedonismus, die Sehnsucht, aber auch für die Verrohung und den Verfall einer kommerzialisierten Gesellschaft stilisiert. Privat war Weill jedoch ein äußerst disziplinierter, zielstrebiger und arbeitssamer Komponist, der sein Leben und seine Karriere (später auch im US-amerikanischen Exil am Broadway) sehr kontrolliert steuerte. Exzesse spielten in seiner Lebensführung kaum eine Rolle.
Hanns Eisler: Eisler war ein bekennender Intellektueller, Marxist und Genießer des gesellschaftlichen Austauschs, der das Kaffeehausleben (ob in Wien, Berlin oder später im kalifornischen Exil) schätzte. Seine Haltung war von Pragmatismus und geselligem Vergnügen geprägt, wobei er den Alkohol eher als Teil der bohemehaften und diskussionsfreudigen Intellektuellenzirkel betrachtete. Politisch und weltanschaulich war er zu diszipliniert, als dass er sich von Lastern hätte dominieren lassen – seine wahre "Sucht" galt der Musik, der Politik und der polemischen Debatte.
Paul Dessau: Dessau galt als eher ernsthafter, zurückhaltender und extrem fleißiger Musiker, der sich zeitlebens streng der Arbeit und später auch dem Aufbau der Musikkultur in der DDR widmete. Biografische Hinweise auf eine besondere Affinität zum Alkohol oder gar Alkoholexzesse gibt es bei ihm nicht; er lebte und arbeitete meist sehr konzentriert und fokussiert auf seine kompositorischen Projekte (insbesondere die Brecht-Vertonungen wie Die Verurteilung des Lukullus oder Puntila).
Zusammenfassend lässt sich sagen: Während der Alkohol in ihrer Kunst (vor allem durch die Zusammenarbeit mit Brecht und die Ästhetik der 1920er Jahre) als literarisches und gesellschaftliches Motiv eine große Rolle spielte, lebten alle drei Komponisten privat eher fokussiert und diszipliniert, um ihr umfangreiches und anspruchsvolles Œuvre bewältigen zu können.
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ASCHERA
Heute begeben wir uns auf eine Reise durch Zeit und Mythos, zurück in die antike kanaanäische Welt, wo wir auf eine Göttin treffen, die von Geheimnissen umwoben und doch von unermesslicher Macht ist. Ihr Name ist Aschera, und sie war als die Himmelskönigin, die Mutter der Schöpfung und Gemahlin des Sturmgottes bekannt. Doch ihre Geschichte ist weit mehr als nur eine Fußnote der Geschichte; sie ist ein Zeugnis für die unvergängliche Kraft des weiblichen Prinzips – einer Macht, die Leben nährt, unvorstellbare Stärke ausübt und auf Schritt und Tritt Erwartungen herausfordert.
Stellen Sie sich vor, Sie stünden unter der sengenden Sonne der antiken Levante. Sie befinden sich inmitten von Ruinen, den Überresten von Städten und Tempeln, in denen einst die Hymnen und Gebete der Kanaanäer widerhallten. Und unter diesen Flüstern der Vergangenheit gibt es einen Namen, der überall nachhallt: Aschera. Ihr Bild schmückte Tempelwände, ihre Symbole waren in Tontäfelchen eingeritzt, ihr Lob wurde von Stimmen gesungen, die längst verstummt sind. Doch warum? Wer war diese Göttin, die eine solche Hingabe verdiente?
Dies, meine Freunde, ist die Frage, die wir heute ergründen werden. Wir werden in die Mythen und Legenden Ascheras eintauchen und die Fäden ihrer komplexen Geschichte entwirren. Wir werden ihre Rollen als Muttergöttin, als furiose Beschützerin und als Gefährtin des Himmels erkunden, wodurch wir die faszinierende Welt der kanaanäischen Religion und ihren Beitrag zu unserem Verständnis des göttlich Weiblichen enthüllen. Doch am wichtigsten ist, dass wir das bleibende Erbe Ascheras feiern und aufzeigen, wie ihr Einfluss bis heute nachwirkt und all jenen Weisheit und Kraft zuzuflüstern scheint, die ihre Umarmung suchen.
Ihre Beinamen
Königliche Titel:
Qrt hšmym: Himmelskönigin
Elath: Göttin (die weibliche Form von El, dem Hauptgott)
Gbtrt tbnwt ʼlm: Herrin aller Länder
Gbtrt kl tpt: Herrin aller Enden (möglicherweise ein Verweis auf ihren Einfluss auf alle Aspekte des Lebens)
Mütterliche Titel und Fruchtbarkeitsbezeichnungen:
ʼm ʼlm: Mutter der Götter
ʼmt špš: Mutter der Sonne
ʼmt yrm: Mutter des Meeres (verbunden mit ihrer Assoziation zu Jam, dem Gott des Meeres)
qny t ilm: Erschafferin der Götter
Schutz- und Kriegstitel:
gbtrt hlmh: Herrin des Krieges
ʼaṯirat gpn: Aschera vom Weinstock (repräsentiert sowohl Fruchtbarkeit als auch potenziellen Zorn)
ʼaṯirat yam: Aschera des Meeres (hebt möglicherweise ihre Verbindung zu Stürmen und Macht hervor)
Weitere interessante Titel:
qdš: Heiligkeit (verbindet sie mit Heiligkeit und Reinheit)
rbt ʼṯrt ym: Herrin Aschera vom Meeres (ein besonders starker Beiname, der ihre Herrschaft über das Meer zeigt)
Die kanaanäische Kultur und ihr Götterpantheon
Ich beginne in dem Land des antiken Kanaan zwischen der Bronze- und der Eisenzeit, wo sowohl die Kanaanäer als auch die Israeliten einen Pantheon von Göttern und Göttinnen verehrten. Das Land Kanaan ist eine antike Bezeichnung für jenes Gebiet in der Levante, das heute von folgenden Staaten eingenommen wird: Libanon, Israel, Syrien und Jordanien.
Entgegen den Annahmen vieler Menschen verehrten auch die Israeliten unumwunden viele Götter, bis Jahwe in die Rolle des „Hauptgottes“ erhoben wurde.
Die Kanaanäer und Israeliten glaubten, dass das Universum von Göttern und Göttinnen beherrscht wurde, und verehrten sie dementsprechend. Die populären Götter Baal, El und Aschera sowie einige weitere weibliche Gottheiten prägten diese Zeit. Baal war ein wichtiger kanaanäischer Gott, den wir im Alten Testament erwähnt finden. In der kanaanäischen Mythologie ist er der Sohn des Hauptgottes El und dessen Gemahlin Aschera sowie der Herr des Himmels und ein Gott der Sonne, des Regens, des Donners, der Fruchtbarkeit und der Landwirtschaft. Baals Kult war bereits vor dem Auszug der Israeliten aus Ägypten in Kanaan vorherrschend.
Der Gott El war der Name der Hauptgottheit der westsemitischen Völker, einschließlich der Kanaanäer. In den antiken Texten aus dem alten Ugarit (dem heutigen Ras Schamra) in Syrien wurde El als das „titulare Oberhaupt“ des Pantheons, als Ehemann Ascheras und Vater aller anderen Götter beschrieben (Britannica.com). Der Gott El wurde als Greis mit grauem Haar und grauem Bart dargestellt. Trotz seines Status als höchste Gottheit war er bei weitem nicht so populär wie der Gott Baal.
Die Göttin Aschera gilt als urzeitliche Muttergöttin bzw. „Erschafferin der Götter“ und Mutter von 70 Göttern (Martin-Gardner 2020). Sie gilt als die Matriarchin (Erschafferin), während El der Patriarch (Schöpfer) war. Sie war die weibliche Gefährtin des hebräischen Gottes Jahwe und wurde von Israeliten, Kanaanäern und vielen anderen weithin verehrt (New World Encyclopedia). Archäologische und textliche Belege deuten darauf hin, dass sie in der frühen Geschichte Israels nicht nur als Gemahlin Els, sondern auch als Ehefrau des israelitischen Gottes Jahwe angesehen wurde. El wurde von den Kanaanäern als die höchste Gottheit und von den Israeliten als synonym mit Jahwe anerkannt (Dever 2005).
In ugaritischen Mythen wird Aschera als Amme erwähnt (Ackerman 1993). Sie wird außerdem mit Schlangen (die für Heilung stehen), Löwen (die Macht symbolisieren) und Bäumen (als Zeichen der Fruchtbarkeit) in Verbindung gebracht (Ackerman 1993). Darüber hinaus wird die Göttin Aschera in der hethitischen Mythologie erwähnt, in der ihr 77 und 88 Kinder zugeschrieben werden (Biblical Archaeology.com).
Die Göttinnen Astarte und Anat waren ebenfalls bedeutende Göttinnen des kanaanäischen Pantheons, werden jedoch als eigenständige Gottheiten betrachtet.
Die Herausforderungen bei der Rekonstruktion von Ascheras Geschichte
Woher genau wissen wir eigentlich über die Göttin Aschera? Wir wissen dies nicht nur aus dem Alten Testament, in dem Aschera 40 Mal erwähnt wird – worauf wir gleich zu sprechen kommen –, sondern sie wird auch in antiken ugaritischen Texten (aus der Zeit vor 1200 v. Chr.) genannt.
Kommen wir zuerst zu den ugaritischen Texten und Tontafeln, da diese älter sind als die Bibel (das Alte Testament). Im Jahr 1928 entdeckte ein Bauer bei Feldarbeiten im Nordwesten Syriens zufällig ein antikes Grab. Das Grab war Teil eines Friedhofs im Gebiet der antiken Stadt Ugarit. Französische Ausgräber entdeckten dort die Überreste von zwei Bibliotheken mit antiken Tontafeln, die hauptsächlich in alphabetischer ugaritischer Keilschrift verfasst waren. Ugarit war ein Hafen am Eingang der Binnshandelsroute zu den Ländern von Euphrat und Tigris. Heute ist Ugarit als Ras Schamra bekannt. Es liegt in der Nähe des heutigen Zypern und war die Hauptstadt eines bedeutenden Stadtstaates im heutigen Syrien (Kadmon 2017). Bei den Ausgrabungen wurden mehrere Texte entdeckt, darunter die „Legende von Keret“, das „Aqhat-Epos“ (oder die „Legende von Danel“), der „Baal-Aliyan-Mythos“ und der „Tod Baals“ (Britannica; Craige 1983). Unter den ugaritischen Texten befindet sich eine Tafel, die das ugaritische Pantheon mit babylonischen Entsprechungen auflistet: El, Aschera des Meeres und Baal waren demnach die Hauptgottheiten.
In diesen Texten wird sie als „ATRT“ oder „Athirat“ sowie als „Ilit“ bezeichnet, was schlicht „Göttin“ bedeutet (Kadmon 2017). Sie wird auch als Gefährtin des Gottes „El“ genannt. In sumerischen Dokumenten aus der Zeit um 1750 v. Chr. wird sie als Aschratum und Braut des Anu bezeichnet (Martin-Gardner 2020:9). In den ugaritischen Texten ist Aschera als die „Schöpferin aller Gottheiten“ bekannt (Stone 1976).
Ugaritische Tontafeln, Ras Schamra, Ugarit, Syrien
Archäologische Entdeckungen
Im Jahr 1975 wurden an der Stätte Kuntillet Ajrud (bewohnt um 800 v. Chr.) einige Entdeckungen gemacht, bei denen eine Reihe von Andachtsgegenständen geborgen wurden, die Jahwe zusammen mit der Göttin Aschera zeigen (Burch 2019).
Zu den weiteren Funden gehören mehrere Tonscherben, die folgende Inschriften trugen: „Ich segne dich durch Jahwe von Samaria und durch seine Aschera“ sowie „Ich segne dich durch Jahwe von Teman und durch seine Aschera“. Dies ist ein klarer Hinweis darauf, dass sie die Partnerin Jahwes war.
Eine andere Ausgrabungsstätte, Chirbet El-Qom (aus dem 8. Jahrhundert v. Chr.), liefert ähnliche Inschriften: „Urijahu der Reiche hat es geschrieben. Gesegnet sei Urijahu durch Jahwe, denn vor seinen Feinden hat er ihn durch seine Aschera errettet... durch Onijahu, durch seine Aschera und durch seine A[sche]ra.“
Antikes Ugarit. Foto aufgenommen von Habeeb Salloum
Wenn Sie das Alte Testament gelesen haben, sind Ihnen die negativen Darstellungen der Göttin Aschera in den Büchern der Könige und der Chronik wahrscheinlich vertraut. Aschera wird im Alten Testament 40 Mal erwähnt, und die Mehrheit dieser Verweise setzt voraus, dass wir die Symbolik Ascheras als heiligen Baum oder Pfahl verstehen. Die Bibel erwähnt die Errichtung zahlreicher Aschrim (des Plurals von Aschera) neben einem Altar Jahwes. Die heiligen Pfähle, die zeitweise als kultische Objekte bezeichnet werden, wurden „von den Israeliten während des größten Teils ihrer Geschichte errichtet“ (Ackerman). Die heiligen Bäume befanden sich neben Altären für Baal, „auf jedem hohen Hügel und unter jedem grünen Baum“ (siehe 1. Könige 14,23; 2. Könige 17,10; 18,4; 21,3; 23,13–14; 2. Chronik 14,3; 17,6; 31,1; 33,3.19; 34,3; Jeremia 17,2).
Ascheras heiliger Pfahl stand direkt neben Jahwes Altar in Bethel und in der Hauptstadt Samaria (Ackerman 1993). Im 7. bis 9. Jahrhundert wurde Ascheras heiliger Pfahl „als ein angemessenes Heiligtum angesehen, das man in Jerusalem aufstellen konnte, selbst im Tempel Jahwes“ (Ackerman 2022). In der antiken Welt war es üblich, Götter und Göttinnen paarweise zu verehren. Aschera war ursprünglich mit El gepaart und wurde später mit Jahwe verschmolzen, wobei dieser viele Aspekte von El übernahm.
War Aschera eine Göttin?
Viele Gelehrte glauben, dass Aschera aufgrund der Erwähnungen im Alten Testament in Wirklichkeit keine Göttin, sondern lediglich ein kultisches Objekt war; es gibt jedoch mehrere Textstellen, die ihre Rolle als eigenständige Göttin explizit festlegen. In 2. Könige 21,7 heißt es: „Und er stellte das Götzenbild der Aschera, das er gemacht hatte, in das Haus, von dem der Herr zu David und zu seinem Sohn Salomo gesagt hatte: ‚In dieses Haus und in Jerusalem, das ich mir aus allen Stämmen Israels erwählt habe, will ich meinen Namen setzen für ewig.‘“ Ein weiterer Beleg für Aschera als individuelle Göttin findet sich in 2. Könige 23,4: „...und der Priester ließ alle Geräte herausschaffen, die für Baal und für die Aschera und für das ganze Heer des Himmels gemacht waren...“
Aschera wird ferner in folgenden Bibelstellen erwähnt: In 1. Könige 18,19 heißt es: „So schicke nun hin und versammle ganz Israel zu mir auf den Berg Karmel und die Propheten Baals, vierhundertfünfzig, und die Propheten der Aschera, vierhundert, die am Tisch Isebels essen.“ Und in Richter 3,7: „Da taten die Israeliten, was dem Herrn missfiel, und vergaßen den Herrn, ihren Gott, und dienten den Baalim und den Ascheroth.“ Schon aus diesen biblischen Textstellen geht klar hervor, dass Aschera eine Göttin und nicht bloß ein Gegenstand ist.
Es gibt zwei weitere Bibelstellen, die Aschera eindeutig als Göttin identifizieren. In 2. Könige 23,4 wird dokumentiert, dass Geräte im Tempel dazu dienten, Opfer für Aschera als Göttin darzubringen, und in 2. Könige 23,7 webten Frauen Gewänder, um Ascheras Kultstatue zu bekleiden. Damit wird erneut deutlich, dass Aschera eine Göttin war. In Jeremia 7,18–19 ist geschrieben: „Die Kinder lesen Holz auf, und die Väter zünden das Feuer an, und die Frauen kneten den Teig, um der Himmelskönigin Opferkuchen zu backen...“ In Jeremia 44,17–18 finden wir noch mehr Details über die Verehrung Ascheras: „Wir wollen unbedingt das Wort erfüllen, das aus unserem Munde gegangen ist, und der Himmelskönigin Rauchopfer darbringen und ihr Trankopfer ausgießen, wie wir und unsere Väter, unsere Könige und unsere Obersten getan haben in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems. Damals hatten wir Brot in Fülle und ging es uns gut, und wir sahen kein Unglück. Seit wir aber aufgehört haben, der Himmelskönigin Rauchopfer zu darzubringen und ihr Trankopfer auszugießen, haben wir an allem Mangel gehabt und sind durch Schwert und Hunger umgekommen.“
Darüber hinaus wird Isebel in der Bibel als böse Königin porträtiert, die der Göttin Aschera diente. Sie ist eine phönizische Prinzessin und die Ehefrau von Ahab. Sie ist eine ergebene Verehrerin von Baal und Aschera, eine Widersacherin JHWHs und eine Verfolgerin seiner Propheten. In 1. Könige 18,19 ist dokumentiert, dass sie eine Priesterin der Göttin Aschera war und dafür verantwortlich war, den Aschera-Kult mit 400 Propheten der Aschera auf der königlichen Gehaltsliste populärer zu machen. Sie förderte die Verehrung Ascheras, und diese 400 Propheten nahmen einen Platz am Hof ihres Ehemanns, König Ahabs, ein.
Es steht außer Zweifel, dass Aschera fest in die religiösen Überzeugungen und das Pantheon eingebunden war, die von den Akkadern, Hethitern, Kanaanäern, Israeliten und Phöniziern verehrt wurden.
Aus dem Alten Testament allein geht klar hervor, wie verbreitet der Kult der Muttergöttin Aschera war – und warum sollte er das auch nicht sein? Laut Laurie Martin-Gardner „suchten Männer und Frauen gleichermaßen den Trost der Muttergöttin und baten sie um Segen für Liebe und Nachkommenschaft. Sie war Mutter, Ehefrau, Tochter und Schwester“ und „sie wachte über die Früchte der Landwirtschaft, führte den Haushalt und heilte Kranke und Verletzte“ (Martin-Gardner 2020: 2). Der Gedanke, dass es kein Bedürfnis nach einem weiblichen Gegenstück zum Vater gäbe, war ein fremdes Konzept.
Wie Aschera aus der Geschichte verschwand
Angesichts der Tatsache, dass Aschera (Athirat) eine antike Göttin war, die weithin verehrt und zeitweise offiziell sanktioniert wurde: Wie konnte sie völlig in den Sand der Zeit geraten? Wie verschwand die Ehefrau Jahwes?
Schon eine oberflächliche Durchsicht des Alten Testaments offenbart, wie Aschera als Monster wahrgenommen wurde – als abscheuliche Gestalt, deren Verehrung später verboten werden sollte. Sie wurde von religiösen Autoritäten ganz bewusst aus der Kultpraxis getilgt (Biblical Archaeology).
Im Alten Testament wird uns berichtet, dass das Land Kanaan das verheißene Land für die hebräischen Stämme nach ihrem Auszug sein sollte. Vor ihrer Ankunft war Kanaan bereits besiedelt, was die Hebräer jedoch nicht davon abhielt, einzumarschieren und dem Befehl Jahwes Folge zu leisten:
„11 Gehorche dem, was ich dir heute gebiete. Ich werde die Amoriter, Kanaanäer, Hethiter, Priesiter, Hiwiter und Jebusiter vor dir vertreiben. 12 Hüte dich, einen Bund mit denen zu schließen, die in dem Land wohnen, in das du gehst, damit sie nicht zu einer Falle in deiner Mitte werden. 13 Reißt ihre Altäre nieder, zerschlagt ihre Steinmale und haut ihre Ascherapfähle um. 14 Betet keinen anderen Gott an, denn der Herr, dessen Name Der Eifersüchtige ist, ist ein eifersüchtiger Gott.“
Die Hebräer beabsichtigten nicht nur, das Land Kanaan für sich einzunehmen, sondern auch die bestehende Religion durch den Jahwismus zu ersetzen. Die Verehrung Jahwes in Juda, insbesondere während der Regierungszeiten der Könige Hiskia und Josia, führte zu einer Unterdrückung anderer Gottheiten, darunter Aschera, während die monotheistische Ideologie mit den polytheistischen kanaanäischen Überzeugungen kollidierte, die sie repräsentierte.
Als die Könige ihre Macht konsolidierten, versuchten sie, ihre Untertanen unter einer einzigen Gottheit zu einen, wobei sie Jahwe oft mit politischer Legitimität und Stabilität verknüpften. Dies drängte andere Götter wie Aschera an den Rand, die als potenzielle Konkurrenten um die göttliche Gunst angesehen wurden.
Wir müssen auch die patriarchale und geschlechtsspezifische Voreingenommenheit in der Bibel berücksichtigen. Biblische Texte wurden primär von und für Männer verfasst und spiegeln eine patriarchale Perspektive wider, die weibliche Gottheiten oft marginalisierte. Ascheras Verbindung zu Fruchtbarkeit und der weiblichen Sphäre trug wahrscheinlich zu ihrer Marginalisierung bei.
Zu den weiteren Überlegungen gehört die Tatsache, dass Jahwe oft als eifersüchtig und exklusive Verehrung fordernd dargestellt wurde. Da Aschera eine kanaanäische Göttin war, wurde sie als fremd und potenziell schädlich abgestempelt, was ihre Entfernung aus heiligen Räumen und Erzählungen rechtfertigte.
Mehrere Könige versuchten, sie auszulöschen:
König Hiskia: Seine Regierung (715–687 v. Chr.) markierte einen bedeutenden Wandel hin zur Jahwe-Verehrung. Er zerstörte Ascherapfähle und verbot ihre Kultpraktiken.
König Manasse: Obwohl er anfangs den Reformen seines Vaters folgte, führte Manasse während seiner Regierungszeit (687–642 v. Chr.) die Aschera-Verehrung (neben anderen Gottheiten) wieder ein.
König Josia: Er leitete eine umfassende Säuberung von polytheistischen Praktiken während seiner Regierungszeit (640–609 v. Chr.) ein. Dies schloss die Zerstörung von Ascherapfählen und die Entfernung von Hinweisen auf sie im Tempel und in religiösen Texten ein.
Die Geschichte von Gideon im Alten Testament
Eine der frühesten Geschichten, die wir über Aschera in der Bibel haben, stammt aus dem Buch der Richter (6,25), in dem ein Mann namens Gideon von Jahwe befohlen wird, den Altar seines Vaters für Baal abzureißen und den danebenstehenden Ascherapfall umzuhauen: „Reiß den Altar deines Vaters für Baal nieder und hau den Ascherapfall um, der daneben steht.“ Mitten in der Nacht schleicht sich Gideon hinaus und zerstört den Altar und den Pfahl. Am Morgen fordern die Männer der Gemeinde zu wissen, wer den Ascherapfall und den Baal-Altar zerstört hat. Als herauskommt, dass es Gideon war, verlangt die Gemeinde, dass Gideons Bruder als Strafe für die Schändung hingerichtet wird. Gideons Leben wird nur durch die Fürbitte seines Vaters Joasch gerettet, der vermutlich ein Priester sowohl Baals als auch Ascheras war. Diese Geschichte offenbart viel über die Bedeutung der Aschera-Verehrung in dieser Periode.
Aschera im Talmud
Aschera wird ferner im talmudischen Text namens „Awoda Sara“ in einem rechtlichen Kontext erwähnt (Kadmon 2017). Dieser Text, der „Fremddienst“ oder „Götzendienst“ bedeutet, verweist auf das Verbot der Aschera-Pfähle:
„Es gibt drei Gesetze über Ascherot, die wegen Götzendienstes verboten sind.“
„Wenn ein Baum ursprünglich gepflanzt wurde, um verehrt zu werden, ist er verboten; wenn jemand ihn schnitt und den Stumpf oder die Zweige ließ, um den Neuaustrieb zu verehren, ist der Baum erlaubt, wenn der Neuaustrieb entfernt wird; wenn Götzendienst unter ihn gestellt und entfernt wurde, ist der Baum erlaubt.“
Aschera und sexuelle Riten
Die Verehrung Ascheras war für ihre Sinnlichkeit bekannt und beinhaltete rituelle Prostitution. Die Bibel berichtet, dass zur Zeit von König Josia (6. Jahrhundert v. Chr. der König „die Gemächer der männlichen Tempelprostituierten einriss, die sich im Haus des Herrn befanden und in denen Frauen Gewänder für Aschera webten“ (2. Könige 23,7). Die Bibel enthält einige Verweise darauf, dass Israeliten an Höhen und heiligen Hainen sexuelle Unzucht mit kanaanäischen Gottheiten begingen. Ein Beispiel stammt aus dem Buch Hosea 4,13: „Sie opfern auf den Berggipfeln und verbrennen Opfer auf den Hügeln, unter Eichen, Pappeln und Terebinthen, wo der Schatten angenehm ist. Darum treiben eure Töchter Hurerei und eure Schwiegertöchter Ehebruch.“
Dies hat Gelehrte zu dem Schluss verleitet, dass die Verehrung Ascheras sogenannte ausschweifende Riten beinhaltete. Die heilige Prostitution war eine gut etablierte Tradition im antiken Mesopotamien und anderen Regionen der Levante. Ein Beispiel stammt von den sexuellen Riten der Göttin Ishtar. Priesterinnen, die an den heiligen sexuellen Riten teilnahmen, sollten „Segen und Fruchtbarkeit in das Land bringen, während sie die hieros gamos – die heilige Hochzeit von Himmel und Erde – nachstellten.“ Es gibt keine Dokumentationen über die heiligen männlichen Prostituierten; es ist möglich, dass sie eine ähnliche Rolle in Beziehung zu einer männlichen Gottheit spielten.
Diese sexuellen Riten wurden wahrscheinlich von den israelitischen Priestern missinterpretiert, absichtlich falsch dargestellt und letztendlich verurteilt, um ihre Auslöschung zu rechtfertigen. Der Vorwurf der Unmoral trug wahrscheinlich zur Tilgung der Aschera-Verehrung bei.
Aschera und Qadesch (Qudsu) in Ägypten
In ugaritischen Texten findet sich der Name der Göttin Aschera parallel zu dem der antiken ägyptischen Göttin Qetesh, was viele Gelehrte zu der Annahme verleitet, dass sie im alten Ägypten unter einem anderen Namen verehrt wurde. Ein Bild von Qetesh (das traditionellen Darstellungen von Hathor ähnelt) enthält Inschriften, die auf „die Himmelskönigin“ und „die Herrin der Götter“ verweisen – Titel, die denen von Aschera entsprechen. Darüber hinaus besagt eine weitere Inschrift, dass diese Göttin „Qudschu-Athirat-Anat“ ist, was bestätigt, dass sie tatsächlich Aschera ist. In einigen Fällen wird Qadesch bisweilen eher als ein Aspekt Ascheras denn als eine eigenständige Göttin angesehen.
*
Warum nannte Goethe die Literatur von Victor Hugo „satanisch“?
Goethe empfand die französische Romantik – und insbesondere die Werke von Victor Hugo (wie etwa den Roman Der Glöckner von Notre-Dame, 1831) – als eine „Literatur des Despotismus, des Exzesses und des Hässlichen“. Aus seiner Sicht hatte diese Strömung das Streben nach klassischer Schönheit, Maß und sittlicher Ordnung aufgegeben und ergötzte sich stattdessen am Dämonischen, Makabren und Maßlosen.
Er nutzte den Begriff „satanisch“ (oder sprach im selben Atemzug von „Litteratur des Despotismus“ und der „Krankheit“ der modernen Romantik) aus mehreren zentralen Motiven heraus:
1. Die Ästhetik des Hässlichen und Extremen
Für den späten Goethe (der im West-östlichen Divan und im Faust II nach Harmonie, Form und klassischem Maß strebte) war die Kunst der französischen Romantiker um Victor Hugo eine Form von Exzess:
Faszination für das Abscheuliche: Hugo stellte das Hässliche, Verkrüppelte und Grausame (wie den Buckligen Quasimodo oder Hinrichtungsszenen) direkt der Schönheit gegenüber. Für Goethe war das kein Gewinn an Realismus, sondern eine gezielte Provokation und moralische Verdrehung.
Effekthascherei: Goethe warf dieser Generation vor, nur noch durch extreme Reize, Bluttaten, Schrecken und Fratzen Aufmerksamkeit beim Publikum erregen zu wollen.
2. Das Bild vom „Kranken“ versus „Gesunden“
Goethe formulierte in seinen Gesprächen mit Eckermann die berühmte Maxime:
„Das Klassische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke.“
In den Werken von Victor Hugo sah er die Zuspitzung dieses „Krankhaften“.
Wenn Goethe solche Literatur als „satanisch“ bezeichnete, meinte er damit eine Abkehr von der göttlichen, geordneten Natur hin zur Zersetzung, zum Chaos und zur moralischen Anarchie.
3. Reiz und Faszination trotz Ablehnung
Das Parallele und Faszinierende an Goethes Urteil ist seine eigene Ambivalenz: Er gestand Victor Hugo überragendes Talent und Vorstellungskraft zu. In seinen Gesprächen mit Eckermann (z. B. am 27. Juni 1831 zum Glöckner von Notre-Dame) merkte er an:
Hugo besitzt ein seltenes poetisches Talent, aber seine Tendenz zum Abstruse und Fratzenhaften ruiniere das Werk.
Der Betrachter könne die Lektüre nicht genießen, weil das „Satanische“ (die ständige Gegenwart von Qual, Hässlichkeit und Vernichtung) das ästhetische Vergnügen zerstöre.
Goethes Verurteilung war somit ein kulturkritischer Befund: Er sah in Hugos Werken das Symptom einer Epoche, die nach den Erschütterungen der Französischen Revolution die Orientierung an Form, Anstand und menschlicher Würde verloren hatte und stattdessen das Abgründige und Exzessive feierte.
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NIETZSCHE
I
Was lehrte Nietzsche über Sokrates?
Friedrich Nietzsche sah in Sokrates eine der verhängnisvollsten Figuren der Geistesgeschichte. Während Sokrates in der westlichen Tradition meist als Vater der Philosophie verehrt wird, dechiffrierte Nietzsche ihn als Wendepunkt, ab dem die griechische Kultur an Verfall und Triebunterdrückung erkrankte.
Nietzsches Sokrates-Kritik zieht sich durch sein gesamtes Werk und lässt sich in vier Kernpunkte gliedern:
Der „Sokratismus“ als Zerstörer der Kunst
In seinem Frühwerk Die Geburt der Tragödie (1872) argumentiert Nietzsche, dass die Blütezeit der griechischen Kultur auf der Balance zweier Kräfte beruhte:
Das Dionysische: Das Rauschhafte, Wildmütige, Unbewusste und Abgründige.
Das Apollinische: Das Maßvolle, Formschöne, Logische und Strukturierte.
Sokrates führte den „theoretischen Menschen“ ein und behauptete, dass alles rational verstanden und begründet werden müsse („Tugend ist Wissen“). Durch diese Überbetonung der Vernunft wurde das dionysische Element verdrängt und die klassische griechische Tragödie zerstört.
Der Sieg des Pöbels durch Dialektik
In Götzen-Dämmerung (1889) analysiert Nietzsche die Methode des Sokrates – die Dialektik. Für aristokratische Griechen war es unfein, Gründe für Handlungsmuster erst beweisen zu müssen; Werte galten aus Instinkt und Tradition. Sokrates, der aus den untersten Volksschichten stammte, nutzte die Logik als Waffe des Schwachen. Durch geschicktes Fragen zwang er die Athener Elite, sich zu rechtfertigen, entlarvte sie und verhalf der Werteordnung des „Pöbels“ zum Durchbruch.
Sokrates als Symptom der Décadence
Nietzsche deutete Sokrates’ extreme Betonung der Vernunft als Anzeichen physiologischen Verfalls (Décadence). Sokrates war nicht aus Stärke vernünftig, sondern aus Notwehr: Seine inneren Triebe und Instinkte waren so chaotisch und widersprüchlich, dass er die Vernunft zum Tyrannen machen musste, um nicht an seinen eigenen Abgründen zu zugrunde zu gehen.
Lebensneid und der Wunsch nach dem Tod
Für Nietzsche ist der Schlusssatz des Sokrates („Krito, wir sind dem Asklepios einen Hahn schuldig“) bezeichnend. Da Asklepios der Gott der Heilung war, bedeutete dieses Dankopfer im Moment des Sterbens für Nietzsche: Sokrates empfand das Leben selbst als Krankheit. Sokrates war in Nietzsches Augen ein Pessimist, der das diesseitige Leben ablehnte und im Tod die Heilung suchte.
Trotz all dieser Schärfe empfand Nietzsche eine tief sitzende Faszination für Sokrates. Er nannte ihn den „Gegner, den ich liebe“, weil Sokrates der erste Denker war, der stark genug war, einer gesamten Kultur ein neues Denkmuster aufzuzwingen.
II
Über Buddha
Friedrich Nietzsche sah in Buddha und dem Buddhismus eine der bemerkenswertesten geistigen Erscheinungen der Menschheitsgeschichte. Seine Haltung ist von einer faszinierenden Doppelbödigkeit geprägt: Einerseits schätzte er den Buddhismus als phänomenologisch exakt, hygienisch und dem Christentum weit überlegen; andererseits verwarf er ihn als die vollendete Form des europäischen Nihilismus.
Nietzsches Buddhismus-Deutung lässt sich in vier prägnante Aspekte gliedern:
Positivistischer Realismus statt Metaphysik
In Der Antichrist stellt Nietzsche fest, dass der Buddhismus „hundertmal realistischer ist als das Christentum“. Während das Christentum auf moralischen Fiktionen (Sünde, Gott, Jenseits) baut, setzt der Buddhismus für Nietzsche bei Tatsachen an: Er verspricht nicht Seligkeit im Jenseits, sondern bietet eine physiologische Methode zur Befreiung vom Leiden im Hier und Jetzt. Buddha ist für ihn ein pragmatischer Arzt, der das Leiden als körperlich-nervlichen Zustand begreift und behandelt.
Hygiene und Diätetik der Seele
Nietzsche bewundert Buddhas praktische Empfehlungen zur Lebensführung. Buddha verlangt keine kasteienden Askese-Exzesse, sondern Mäßigung, geistige Klarheit und die Vermeidung schädlicher Affekte:
Kein Hass: „Nicht durch Hass wird Hass versöhnt“ – für Nietzsche eine psychologisch brillante Einsicht, da Groll das Nervensystem zersetzt.
Geistige Hygiene: Leben an frischer Luft, Mäßigung beim Essen, Vermeidung von Ressentiment und Streit.
Die Vollendung des Nihilismus
Trotz aller physiologischen Anerkennung bleibt der Buddhismus für Nietzsche eine Lehre der Verneinung. Das Ziel des Buddhismus – das Nirvana (das Verlöschen des Begehrens) – ist für Nietzsche der Wille zum Nichts. Während Nietzsches eigene Philosophie die radikale Bejahung des Lebens, des Schmerzes und des Werdens fordert (Amor Fati), sucht Buddha die Ruhe durch das Einschläfern des Lebenswillens. Es ist ein „passiver Nihilismus“ einer müde gewordenen Kultur.
Buddhismus vs. Christentum
Nietzsche zieht häufig den direkten Vergleich zwischen den beiden großen Weltreligionen:
Kriterium – Buddhismus - Christentum
Zielgruppe - Eine späte, überfeinerte, müde Elite - Unzufriedene, Entwertete, Unterdrückte
Triebkraft - Vermeidung von Schmerz (Geistige Hygiene) - Ressentiment und Rache gegen die Starken
Sündenbegriff - Kennt keine „Sünde“, nur Unwissenheit - Basiert auf Schuld, Sünde und Strafe
Grundgefühl - Heitere Gelassenheit und Milde - Phantastik, Inbrunst und emotionale Ekstase
Buddha ist für Nietzsche somit das historische Gegenmodell zu Jesus: Ein weiser, illusionsloser Kulturphysiologe, der den Menschen das friedliche Einschlafen lehrte – während Nietzsche selbst nach dem Erwachen und der dynamischen Bejahung des Lebens rief.
III
Über Jesus
Friedrich Nietzsche zog eine scharfe Trennlinie zwischen Jesus von Nazareth und dem von der Kirche geschaffenen Christentum. Während er das verfassungs- und dogmenorientierte Christentum (besonders in der Prägung durch den Apostel Paulus) als „Sklavenmoral“ bekämpfte, begegnete er der historischen Figur Jesu mit überraschender Behutsamkeit und tiefer psychologischer Faszination.
In Der Antichrist (1888) zeichnet Nietzsche sein eigenwilliges Bild von Jesus, das sich in vier Kernpunkte gliedern lässt:
Jesus als „Idiot“ und Naiver
Nietzsche wendet sich gegen die Vorstellung von Jesus als Heroe, Märtyrer oder Erlöser. Er verwendet den Begriff „Idiot“ im dostojewskischen Sinne: als Bezeichnung für ein absolut intaktes, innerliches Kindsein. Jesus lebte in einer rein inneren Welt, unberührt von Dialektik, Dogmen, Politik oder Kirche. Für ihn gab es keine starre Logik, sondern nur unmittelbare Empfindung.
Die „Frohe Botschaft“ als gelebte Praxis
Für Nietzsche lehrte Jesus keine neue Lehre oder Glaubensformeln, sondern eine neue Lebenspraxis:
Keine Distanz zu Gott: Jesus hob den Abstand zwischen Gott und Mensch auf; jeder fühlte sich als „Kind Gottes“.
Freiheit vom Ressentiment: Er verspürte keinen Groll, feindete niemanden an und verweigerte das Richten.
Gegenwart des Reiches Gottes: Das „Reich Gottes“ war für Jesus kein Ort nach dem Tod, sondern ein Zustand des Herzens im Hier und Jetzt.
Der Tod am Kreuz: Ein Missverständnis
Jesus starb so, wie er lebte: ohne Groll, vergebend, die Liebe praktizierend. Doch seine Jünger verstanden diesen Tod nicht. Überwältigt von Trauer und Rachegelüsten suchten sie nach Schuldigen und deuteten den Tod Jesu als „Sühneopfer“ für die Sünden der Menschheit. Damit wurde aus der friedlichen Praxis Jesu ein Schuld- und Straffetischismus.
Jesus vs. Paulus
Nietzsche wirft dem Apostel Paulus vor, die ursprüngliche Frohe Botschaft ins Gegenteil verkehrt zu haben:
Kriterium - Jesus von Nazareth - Apostel Paulus / Das Christentum
Wesen - Gelebte Praxis, innere Erfahrung - Dogmatik, Glaube an Sätze und Wunder
Jenseits - Himmel als gegenwärtiger Herzenszustand - Himmel als Belohnung nach dem Tod
Sünde & Schuld - Kennt keine Sünde, hebt Trennung auf - Stützt sich auf Erbsünde und Sühneopfer
Triebfeder - Liebe, Ablehnung von Kampf/Rache - Ressentiment, Machtstreben der Kirche
Nietzsches berühmtes Resümee bringt den Abstand zwischen Stifter und Religion auf den Punkt: „Im Grunde gab es nur Einen Christen, und der starb am Kreuz.“ Jesus war für ihn kein Prophet einer Religion, sondern der einzige Mensch, der vollkommen frei von Ressentiment lebte.
*
ROMANO GUARDINI
I
Romano Guardini über Sokrates
Romano Guardinis Auseinandersetzung mit Sokrates konzentriert sich maßgeblich auf sein Werk »Der Tod des Sokrates« (1943). Darin interpretiert er die vier platonischen Dialoge Euthyphron, Apologie, Kriton und Phaidon, die das Gerichtsverfahren, die Haft und die Hinrichtung des Philosophen schildern.
Guardini versteht Sokrates nicht bloß als eine historische Gestalt oder ein reines Abstraktum der Philosophiegeschichte, sondern als existenzielle Gestalt der Wahrheit.
Kernaspekte von Guardinis Sokrates-Deutung
Existenzielle Wahrheit statt bloßem Wissen: Sokrates geht es laut Guardini nicht um die Vermittlung eines festen Dogmensystems, sondern um das Philosophieren als Lebensform. Die Wahrheit erweist sich erst darin, wie der Mensch in entscheidungsträchtigen Augenblicken des Lebens handelt und wie er dem Tod entgegentritt.
Treue zum Gewissen und den Gesetzen: Guardini hebt Sokrates’ Haltung im Kriton hervor: Sokrates verweigert die Flucht aus dem Gefängnis, weil er die Rechtsordnung der Polis achtet – selbst wenn das konkrete Urteil ungerecht ist. Seine Treue gilt der Wahrheit und dem Gerechten, nicht dem bloßen Selbsterhalt.
Die Frage der Unsterblichkeit: Im Phaidon analysiert Guardini, wie Sokrates das Sterben als Reinigung der Seele begreift. Die phänomenologische und existenzielle Spannung zwischen philosophischem Argument und dem persönlichen Stehen vor der Schwelle des Todes bildet für Guardini das Zentrum der platonischen Darstellung.
Die Abgrenzung: Sokrates und Christus
Als katholischer Religionsphilosoph zieht Guardini eine klare Demarkationslinie zwischen der Antike und dem christlichen Offenbarungsverständnis:
Haltung / Phänomen – Sokrates - Jesus Christus
Haltung zum Tod - Abgeklärte, heitere Gelassenheit; philosophische Überwindung der Todesfurcht durch Vernunft. - Das Leiden im Gethsemane; der Tod als reale Macht der Sünde und seelische Erschütterung.
Wesen der Sendung - Der Philosoph als Fragender und Mahner im Dienst der Wahrheit (Logos). - Der Erlöser, der nicht nur Wahrheit lehrt, sondern selbst »die Wahrheit und das Leben« ist.
Glaubensgrundlage - Das Daimonion (die innere, warnende Stimme) und das philosophische Eigendenken. - Die göttliche Offenbarung und die personale Gemeinschaft mit Gott dem Vater.
Für Guardini bleibt Sokrates die edelste Gestalt der vorchristlichen Antike – ein Modell für die Unbestechlichkeit des Geistes und die Würde des menschlichen Gewissens, das dennoch kategorial von der christlichen Erlösungsgestalt geschieden bleibt.
II
Über Buddha
Romano Guardini hat sich in seinen religionsphilosophischen Schriften – allen voran in seinem Hauptwerk »Der Herr« (1937) sowie in »Die Religionen und die Offenbarung« – eingehend mit der Gestalt Buddhas und dessen Verhältnis zu Jesus Christus auseinandergesetzt.
Für Guardini ist Gautama Buddha die wohl reinste, edelste und konsequenteste Verkörperung des religiösen Menschen außerhalb der biblischen Offenbarung. Dennoch lehnt er die Idee ab, Buddha sei ein klassischer »Typus« (im Sinne einer alttestamentlichen Vorprägung oder Wesensverwandtschaft) für Christus. Stattdessen begreift er Buddha als die höchste Vollendung des menschlichen Weges von unten nach oben – im radikalen Kontrast zur Menschwerdung Gottes in Christus von oben nach unten.
Die Phänomenologie Guardinis: Buddha vs. Christus
Guardini stellt die beiden Gestalten nicht abwertend gegeneinander, sondern analysiert ihre grundlegende Ausrichtung auf die Existenz, das Leiden und die Erlösung.
Dimension - Gautama Buddha - Jesus Christus
Grundproblem - Das Leiden (Dukkha) als Folge des Verstricktseins in die Illusion der Welt und das Begehren. - Die Sünde als freie Abkehr der Geschöpfes von der Liebe und Heiligkeit Gottes.
Erlösungsweg - Erleuchtung und Überwindung: Der Weg nach innen, das Erlöschen des Ich-Wahns (Nirvana), das Ablegen des Daseinsdurstes durch eigene Einsicht und Methode. - Gnade und Hingabe: Die Erneuerung der Schöpfung durch die Liebe, das stellvertretende Leiden am Kreuz und die Auferstehung.
Haltung zur Welt - Das erhabene, mitleidende Ablösen: Der Erleuchtete steht über dem Rad der Wiedergeburten, unberührt von den Stürmen der Welt. - Die erlösende Hingabe: Gott tritt selbst mitten in das Leiden und den Tod ein, um die Welt von innen her zu transformieren.
Personenverständnis - Die Person löst sich auf; das individuelle Selbst erweist sich letztlich als Illusion (Anatta). - Die Person wird in der ewigen Gemeinschaft mit dem personalen Gott erst vollkommen aufgerichtet und vollendet.
Warum Buddha für Guardini kein »Typus« für Christus ist
In der christlichen Typologie ist ein Typus ein Vorbild oder Schatten (wie Abraham, Mose oder Melchisedek), das prophetisch auf die Erfüllung in Christus weist. Guardini sieht in Buddha aus folgenden Gründen keinen Typus, sondern eine kategoriale Gegen-Gestalt:
Der menschliche Gipfel vs. Göttliche Selbstoffenbarung: Buddha ist für Guardini der Mensch, der aus eigener Kraft die Grenzen der Immanenz bis zum Äußersten durchdenkt und durchlebt. Er ist der Höchststand des menschlichen Seins. Christus hingegen ist nicht ein Mensch, der zur Erleuchtung aufsteigt, sondern der ewige Logos, der herabsteigt.
Tragische Erhabenheit: Guardini empfindet eine tiefgehende Ehrfurcht vor der Gestalt Buddhas. Er beschreibt dessen Lächeln und heitere Gelassenheit als beeindruckendes Zeugnis menschlicher Würde. Doch sieht er darin auch eine Erhabenheit, die die Welt und das konkrete Schicksal des Nächsten letztlich hinter sich lässt, während Christus den Weg in die tiefste Schande und Ohnmacht des Kreuzes geht.
Keine Synthese möglich: Guardini warnt vor einem vorschnellen Synkretismus, der Buddha und Christus auf dieselbe Stufe stellt. Die Begegnung mit der Gestalt Buddhas schärfe vielmehr den Blick für das absolut Einzigartige und Überraschende der christlichen Botschaft: dass Gott nicht zur Ruhe abseits der Welt einlädt, sondern zur liebenden Tat in ihr.
Buddha ist der große Überwinder des Daseins. Aber er erlöst nicht, sondern er lehrt den Weg, wie man sich selber dem Dasein entzieht. Christus hingegen tritt mitten in die Schuld und Not der Schöpfung hinein und trägt sie.
III
Über den Tod Jesu
Romano Guardinis Ausführungen über den Tod Jesu – vor allem im 14. Kap. seines Hauptwerkes »Der Herr« (1937) sowie in seinen meditativen Schriften zur Passionsgeschichte – gehören zu den tiefsten Passagen der modernen christlichen Existenzphilosophie.
Guardini wendet sich scharf gegen jede Verharmlosung oder rein ästhetische Betrachtung des Kreuzes. Er betont, dass der Tod Jesu nicht als philosophisch abgeklärte Gelassenheit (wie bei Sokrates) und nicht als erhabenes Entgleiten ins Unfassbare (wie bei Buddha) verstanden werden kann, sondern als furchtbare Wirklichkeit des Leidens und der Gottesverlassenheit.
Key-Elemente von Guardinis Phänomenologie des Todes Jesu
Der Einbruch in die reale Geschichte: Für Guardini stirbt Jesus nicht eine Art Symboldrama ab. Gott tritt in der Inkarnation real in die Verfallenheit der Schöpfung ein. Der Tod Jesu ist das reale Aufeinandertreffen der göttlichen Heiligkeit mit dem Nein der menschlichen Sünde.
Die Not im Garten Gethsemane: Guardini misst dem Ringen in Gethsemane zentrale Bedeutung zu. Hier weicht Jesus dem Tod nicht aus, er verklärt ihn nicht, sondern erlebt ihn in seiner vollen Absurdität und Hässlichkeit. Der Blutschweiß und das Verlangen nach der Nähe der Jünger zeigen das absolute Maß der Erschütterung der menschlichen Natur Jesu vor dem bevorstehenden Vergehen.
Der Schrei am Kreuz (»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«): Für Guardini ist dies kein Zitat aus Enttäuschung, sondern der Abgrund der Stellvertretung. Christus nimmt die vollkommene Distanz auf sich, die die Sünde zwischen Schöpfung und Schöpfer gesetzt hat. Er durchlebt das Erfahren der Verlassenheit von innen her, um selbst noch den am tiefsten Verlorenen zu erreichen.
Der Wendepunkt der Existenz (Die Wendung vom Tod zum Leben): Der Tod Jesu ist nicht bloß das Ende einer Biografie, sondern ein kosmisches Ereignis. Indem das ewige Leben (der Logos) in den Tod eingeht, wird die Macht des Todes von innen her zerbrochen. Das Sterben verwandelt sich von einem Ort des Verfalls in einen Ort des Gehorsams und der Liebe.
Die Dreiheit des Todes im Vergleich (Guardinis Phänomenologie)
Gestalt - Der Tod als… - Innere Grundhaltung
Sokrates - Sieg der Vernunft und Reinigung der Seele. - Das Trennen der Seele vom Leib wird als Befreiung philosophisch begründet und heiter vollzogen. - Philosophische Gelassenheit, Würde und Unerschütterlichkeit.
Buddha - Erloschen des Lebensdurstes. - Das Vergehen des Körpers ist das logische und friedliche Vollenden eines Weges der Loslösung von der Existenz (Parinirvana). - Erhabene Unberührtheit, Stille und Überwindung des Ichs.
Jesus Christus - Abgrund der Sünde und stellvertretendes Sühneopfer. - Der Tod wird in seiner ganzen Schrecklichkeit durchlitten, aber von innen her durch den Gehorsam der Liebe überwunden. - Erschütterung, Gehorsam zum Vater, liebendes Sich-Hingeben (»Es ist vollbracht«).
Der Tod Jesu ist kein schöner Tod. Er ist furchtbar, weil er die volle Wucht der menschlichen Verlorenheit trägt. Erst wo der Tod in seiner ganzen Härte angenommen wird, bricht durch das Dunkel hindurch die Macht der Auferstehung auf.
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DIE WEISSE TARA UND DIE GRÜNE TARA
Die Weiße und die Grüne Tara: Bodhisattvas des Mitgefühls
Im tibetischen Buddhismen verkörpern die weiße (Sitatara) und die grüne Tara (Syamatara) zwei komplementäre Aspekte der göttlichen Mutter sowie des aktiven, unendlichen Mitgefühls (Karuna). Nach der Legende entsprangen beide Taras den Tränen des Bodhisattva Avalokiteshvara, als dieser voller Mitgefühl über das unablässige Leid aller Fühlenden blickte.
Symbolik und Eigenschaften
Merkmal - Weiße Tara (Sitatara) - Grüne Tara (Syamatara)
Hauptaspekt - Langlebigkeit, Heilung, innere Stille, Weisheit -Aktiver Schutz, rasche Hilfe, Überwindung von Furcht
Körperfarbe - Strahlendes Weiß (Reinheit, Makellosigkeit) - Smaragdgrün (Aktivität, Leben, Reifung)
Sitzhaltung - Vollständiger Lotossitz (Padmasana) - Aktive Haltung mit leicht ausgestrecktem rechten Bein
Besondere Merkmale - Sieben Augen (Gesicht, Handflächen, Fußsohlen) - Füße startbereit, um sofort Hilfe zu leisten
Attribut (Blume) - Weiße Lotosblüte (Utpala), voll erblüht - Blaue/Grüne Lotosblüte, halb geöffnet
Mantra - Om Tare Tuttare Ture Mama Ayur Punya Jnana Pushtim Kuru Svaha - Om Tare Tuttare Ture Svaha
Funktion und spirituelle Bedeutung
Weiße Tara – Das barmherzige Auge der Weisheit
Durch ihre sieben Augen nimmt die Weiße Tara das Leid in allen Welten und Himmelsrichtungen wahr. Sie gilt als Hüterin der Lebenskraft (Prana) und schenkt physische sowie geistige Gesundheit. Ihre meditative Haltung lädt zur Einkehr, Kontemplation und Klärung des Geisteszustands ein.
Grüne Tara – Die rasche Befreierin
Die Grüne Tara repräsentiert das unverzügliche Handeln. Ihr leicht ausgestreckter Fuß symbolisiert die Bereitschaft, ohne Zögern vom Thron aufzustehen, um Wesen aus Notlagen, Ängsten und den "acht großen Gefahren" (darunter Stolz, Verblendung, Zorn und Gier) zu retten. Sie gilt als Mutter aller Buddhas und Protektorin des täglichen Lebens.
In der Praxis ergänzen sich beide Gestalten vollkommen: Während die Grüne Tara die dynamische Kraft zur Bewältigung äußerer und innerer Hindernisse verleiht, schenkt die Weiße Tara die zeitlose Stille, Kraft und Klarheit, um den Weg der Erleuchtung nachhaltig zu beschreiten.
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KIRCHE IN NICARAGUA
I
Unter der Diktatur des Somoza-Clans in Nicaragua (1934–1979) war die katholische Kirche anfangs traditionell eng mit der Machtelite verbunden, spaltete sich jedoch in den 1970er Jahren zunehmend. Während die traditionelle Kirchenhierarchie das Regime lange tolerierte, wandten sich ärmere Gemeinden und linke Geistliche in den Widerstand zu.
Haltung der Hierarchie und der Basis
Traditionelle Bindung: Die Bischöfe arrangierten sich jahrelang mit der Somoza-Familie, was dem Regime inoffiziell Legitimation verlieh.
Wachsende Kritik: In den 1970er Jahren prangerte die Kirchenführung zunehmend Korruption, Menschenrechtsverletzungen und die soziale Ungerechtigkeit der Diktatur an.
Befreiungstheologie: Basisgemeinden (wie das berühmte Projekt von Ernesto Cardenal in Solentiname) lebten eine Theologie der Befreiung. Sie sahen im Kampf gegen Somoza einen christlichen Auftrag.
Rolle beim Sturz des Regimes
Offene Opposition: Vor dem Zusammenbruch der Diktatur 1979 stellten sich immer mehr Geistliche offen auf die Seite der Bevölkerung und unterstützten den Widerstand.
Priester in der Politik: Einige Priester (wie Ernesto Cardenal) übernahmen später sogar Regierungsämter in der ersten sandinistischen Revolutionsregierung.
II
Das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und den Sandinisten in Nicaragua ist von einem historischen Wandel geprägt: Einst gab es eine Allianz während der Revolution gegen die Somoza-Diktatur, heute führt das autoritäre Regime von Daniel Ortega einen harten Verfolgungskurs gegen Geistliche und kirchliche Einrichtungen.
Historischer Hintergrund (1970er und 1980er Jahre)
Die Revolution: Linksgerichtete Christen und Priester (oft im Geist der Befreiungstheologie) unterstützten die Sandinistische Befreiungsfront (FSLN) beim Sturz der Somoza-Diktatur im Jahr 1979. Einige Geistliche übernahmen sogar Regierungsämter.
Der Bruch: Die offizielle Kirchenhierarchie und der Vatikan distanzierten sich bald von der ideologischen Ausrichtung der Sandinisten. Während der ersten Regierungszeit Ortegás (1985–1990) kühlte das Verhältnis massiv ab, es kam zu Ausweisungen und Konflikten zwischen Staat und Klerus.
Die Situation unter der heutigen Regierung (ab 2007)
Die Proteste von 2018: Nach blutigen Niederschlagungen von Massenprotesten gegen das Regime stellte sich die katholische Kirche vermehrt schützend vor die Bevölkerung und kritisierte Menschenrechtsverletzungen. Daraufhin stufte die Regierung die Kirche als politischen Feind und „Terroristen“ ein.
Repressionen und Verfolgung: Das Regime schloss zahlreiche katholische Medien, entzog Hilfsorganisationen wie den Missionarinnen der Nächstenliebe (Mutter-Teresa-Orden) den Status und wies sie aus.
Verhaftungen und Exil: Dutzende Priester, Ordensangehörige und Bischöfe (wie Rolando Álvarez) wurden festgenommen, zu Haftstrafen verurteilt oder des Landes verwiesen; vielen wurde die Staatsbürgerschaft aberkannt.
Einschränkung der Religionsfreiheit: Prozessionen, Feste und öffentliche Gottesdienste werden massiv behindert oder verboten, Kirchen und religiöse Symbole staatlich überwacht oder geschändet.
Die katholische Kirche gilt in Nicaragua heute weitgehend als die letzte verbliebene, hörbar kritische Stimme im Land, die jedoch unter massiver staatlicher Repression leidet.
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JOHANNES R BECHER UND DIE LIEBE
Johannes R. Becher – Dichter, kommunistischer Kulturminister der DDR und Verfasser der DDR-Nationalhymne – lebte eine Biografie, in der Liebe selten ein stiller Rückzugsort war. Seine Liebesbeziehungen waren vielmehr dramatisch, durchzogen von politischem Wahn, Selbstzerstörung und einer tiefen Sehnsucht nach Verwandlung.
Die Jugend: Rausch, Radikalismus und Tragödie
In seiner Jugend war die Liebe für Becher eng mit Todessehnsucht und bürgerlichem Tabubruch verknüpft. Der prägendste und zugleich düsterste Moment ereignete sich 1910: Als 19-Jähriger schloss er mit seiner geliebten Jugendfreundin Fanny Raentch einen Doppelselbstmordpakt. Beide schossen sich im Englischen Garten in München nieder. Fanny starb, Becher überlebte schwer verletzt. Dieser tragische Akt zeichnete sein gesamtes Frühwerk – Liebe war in dieser Phase expressionistischer Rausch, Schuld und Katastrophe.
Die Liebe im Zeichen der Partei
Mit Bechers Wendung zum Kommunismus wandelte sich auch sein Begriff von Liebe. Die individuelle Romantik trat zurück zugunsten einer „Kollektivliebe“: Die Liebe zur Partei, zur Idee des Sozialismus und zur Befreiung der Menschheit sollte die bürgerliche Individualliebe ersetzen. Liebe wurde zur Erziehungskraft und zum politischen Motor erklärt.
Die Realität: Frauen an Bechers Seite
Hinter den Kulissen blieb sein Liebesleben bewegt und oft widersprüchlich:
Olga Pschedtschenskaja: Im Moskauer Exil lernte er die Journalistin kennen, die ihn durch die schweren Jahre des stalinistischen Terrors begleitete und ihm Halt gab.
Lilly Becher (geb. Korpus): Die Publizistin war Bechers zweite Ehefrau und intellektuelle Gefährtin. Sie teilte seinen politischen Glauben und prägte seinen Alltag in der DDR.
Die Spätliebe zu Lilly Carl: In seinen letzten Lebensjahren flammt in seinen Gedichten noch einmal eine meisterhafte, melancholische Liebeslyrik auf. Hier begegnet uns nicht mehr der politische Agitator, sondern ein gealterter Mann, der über Vergänglichkeit, Utopie und die Sehnsucht nach menschlicher Nähe reflektiert.
„Ich liebe dich. Doch sag ich es dir nicht, / So weißt du’s doch, wie sehr ich dich geliebt...“ – aus Bechers Spätwerk
Für Becher war die Liebe zeitlebens ein zweischneidiges Schwert: Einmal der Abgrund, der ihn fast das Leben kostete; dann das politische Instrument zur Formung des „neuen Menschen“; und schließlich im Alter der stille Ort, an dem der Parteisoldat wieder ganz Dichter sein durfte.
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URSPRACHE
Die Sprachwissenschaft kennt bis heute keine nachgewiesene Ursprache (oft Proto-Human oder Proto-Sapiens genannt), von der erwiesenermaßen alle heutigen und historischen Sprachfamilien abstammen.
Obwohl die Hypothese einer gemeinsamen Ursprache (Monogenese) faszinierend ist, stößt die vergleichende Sprachwissenschaft an eine methodische Grenze.
Methodische Grenzen der Rekonstruktion
Zeitliche Reichweite: Mit den etablierten Methoden der vergleichenden Sprachwissenschaft (wie der historischen Linguistik) lässt sich die Entwicklung von Sprachen maximal etwa 6.000 bis 10.000 Jahre zurückverfolgen (wie etwa beim Indogermanischen oder Afroasiatischen).
Entstehung der Sprache: Die menschliche Sprache entstand jedoch vermutlich vor 50.000 bis 150.000 Jahren (oder noch früher) mit dem Auftreten des Homo sapiens.
Verlust des Sprachmaterials: Durch den schnellen Wandel von Wortschatz und Grammatik über Jahrtausende hinweg sind systematische Ähnlichkeiten nach mehr als 10.000 Jahren von zufälligen Übereinstimmungen nicht mehr wissenschaftlich fundiert zu unterscheiden.
Theoretische Hauptansätze
Monogenese (Eine Ursprache): Diese Hypothese nimmt an, dass die Fähigkeit zur komplexen Sprache an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Frühgeschichte des Menschen entstand und sich von dort aus verbreitete. Vertreter makro-familialer Theorien (wie der umstrittenen Nostratisch- oder Boreanisch-Hypothesen) versuchen, tiefere Verwandtschaften aufzuzeigen, werden jedoch von der Mehrheit der Linguisten als spekulativ abgelehnt.
Polygenese (Mehrere Ursprünge): Diese Gegenhypothese geht davon aus, dass sich Sprache an verschiedenen Orten unabhängig voneinander aus vorsprachlichen Kommunikationssystemen entwickelt hat, als die anatomischen und kognitiven Voraussetzungen beim Menschen gegeben waren.
Wissenschaftlich nachgewiesen sind derzeit nur einige Dutzend voneinander unabhängige Sprachfamilien sowie zahlreiche isolierte Sprachen, deren Verwandtschaft untereinander mangels empirischer Belege nicht bewiesen werden kann.
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JEAN MOULIN
Held der Résistance
Jean Moulin (1899–1943) steht als prägende Gestalt des französischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus für Mut, organisatorisches Geschick und kompromisslose Republiktreue. Als Präfekt des Départements Eure-et-Loir weigerte er sich bereits 1940 standhaft, gefälschte deutsche Dokumente zu unterzeichnen, die senegalesischen Truppen der französischen Armee ein vermeintliches Massaker an Zivilisten anlasten sollten. Nach Folterversuchen und seinem anschließenden Rücktritt reiste er 1941 über Spanien und Portugal nach London, um sich mit General Charles de Gaulle zu verbünden.
De Gaulle erkannte Moulins administratives Talent und betraute ihn mit der Aufgabe, die stark zersplitterten und weltanschaulich differierenden Résistance-Gruppen im besetzten sowie im Vichy-Frankreich zu vereinen.
Wichtige Etappen und Errungenschaften
Fallschirmabsprung (Januar 1942): Moulin kehrte unter dem Decknamen Rex (später Max) heimlich nach Frankreich zurück, ausgerüstet mit Finanzmitteln und Anweisungen de Gaulles.
Aufbau des MUR (1943): Er führte die drei größten Widerstandsbewegungen der Südzone (Combat, Libération-Sud, Franc-Tireur) in den Mouvements unis de la Résistance zusammen.
Gründung des CNR (27. Mai 1943): In Paris berief er die erste Sitzung des Conseil National de la Résistance ein. Dieser Rat vereinte Widerstandsgruppen, Gewerkschaften und politische Parteien und schuf das Fundament für ein demokratisches Frankreich nach der Befreiung.
Am 21. Juni 1943 wurde Jean Moulin bei einem geheimen Treffen der Widerstandskrubben in Caluire-et-Cuire nahe Lyon von der Gestapo verhaftet. Unter der Leitung von Klaus Barbie, dem Leiter der Gestapo in Lyon, wurde er über Wochen hinweg im Gefängnis Montluc sowie in Paris schwer gefoltert. Moulin bewahrte bis zuletzt Stillschweigen über Namen, Verstecke und Netzwerke der Résistance.
Er starb am 8. Juli 1943 im Zug während des Transports nach Deutschland in der Nähe von Metz an den Folgen der Folterungen. Seine sterblichen Überreste wurden 1964 auf Veranlassung Charles de Gaulles und nach einer berühmten Gedenkrede André Malraux’ in das Pariser Panthéon überführt.
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TIBUR
In den Versen des römischen Dichters Horaz (65–8 v. Chr.) nimmt Tibur (das heutige Tivoli) eine absolute Sonderstellung ein. Es ist neben seinem berühmten Sabinergut der wichtigste Ort des Rückzugs, der dichterischen Inspiration und des Gegenentwurfs zum hektischen Rom.
Horaz besingt Tibur als landschaftliches Idyll, das von Naturkräften, Frische und Mythen geprägt ist.
1. Das Ideal des Altersruhesitzes (Ode 2,6)
In einer seiner bekanntesten Passagen (Carmina 2,6) wünscht sich Horaz Tibur explizit als den Ort, an dem er seinen Lebensabend verbringen möchte:
„Tibur, von argivischem Siedler gegründet,
sei der Sitz meines Alters mir, sei das Ziel dem,
der müde ward der See und der Schinderei im
Dienste des Krieges.“
Tibur wird hier als Hafen des Friedens (modus lasso) für einen Erschöpften gezeichnet, der die politischen und militärischen Stürme Roms hinter sich lassen will.
2. Das landschaftliche Gegenbild zu den Weltmetropolen (Ode 1,7)
In der sogenannten Plancus-Ode (Carmina 1,7) vergleicht Horaz die berühmtesten Städte und Landschaften der griechischen Antike – wie Rhodos, Ephesus, Sparta oder Athen – mit Tibur. Für ihn reicht kein Ort an die Heimat heran:
„Mich schlägt nicht das geduldige Sparta so im Herzen noch das Feld des reichen Mykenä
wie das Echo aus der Grotte Albuneas und der stürzende Anio...“
Horaz preist hier die dynamische, wasserreiche Natur Tiburs:
Der Fluss Anio (Aniene), der in Kaskaden herabstürzt (praeceps Anio).
Der Hain des Tiburnus (Tiburni lucus).Die Obstgärten, die von bewegten Bächen durchfeuchtet werden.
3. Ort der dichterischen Inspiration (Ode 4,2 und Ode 4,3)
Tibur ist für Horaz kein Ort der bloßen Faulheit, sondern das Zentrum seiner poetischen Kraft.
In Ode 4,2 vergleicht er sich selbst mit einer matinischen Biene, die mühsam den Honig (die Verse) im „wasserreichen Tibur“ einsammelt. Er grenzt sich damit von der wuchtigen, stürmischen Poesie eines Pindar ab und wählt stattdessen die fein ausgearbeitete, kleine Form, inspiriert durch die Idylle Tiburs.
In Ode 4,3 stellt er fest, dass derjenige, den die Muse Melpomene einmal erwählt hat, nicht im Triumphzug glänzen wird. Stattdessen werden ihn „die dichten Laubkronen Tiburs und die fruchtbaren Gewässer“ berühmt machen für seine äolische Lyrik.
4. Tibur in den Episteln: Die Ambivalenz des Städters
In seinen späteren Briefen (Epistulae) reflektiert Horaz selbstironisch seine eigene Unruhe und Sehnsucht. In Epistulae 1,8 gesteht er eine psychische Unbeständigkeit (Inkonstanz) im berühmten Vers:
„Romae Tibur amem ventosus, Tibure Romam.“
(In Rom liebe ich wankelmütig Tibur, in Tibur Rom.)
Obwohl Tibur der Inbegriff des Otium (der schöpferischen Muße) ist, ertappt sich der Dichter dabei, wie er, kaum an einem Ort angekommen, sich wieder nach dem anderen sehnt. An anderer Stelle (Epistulae 1,7) betont er wiederum, dass ihm das „leere, ruhige Tibur“ (vacuum Tibur) weitaus mehr zusagt als das prunkvolle Rom.
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HBGF
URSPRUNG UND WURZELN DES NAMENS HANNA BARBARA GERL FALKOVITZ
Der Name Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz setzt sich aus zwei Taufnamen sowie einem Doppelnachnamen zusammen, der aus ihrer Heirat hervorgegangen ist.
Vorname: Hanna-Barbara
Hanna: Eine Kurzform des hebräischen Namens Chana (חַנָּה), was „die Begnadete“, „die Anmutige“ oder „Gott hat sich erbarmt“ bedeutet. Der Name hat tiefe biblische Wurzeln (u. a. Hanna, die Mutter des Propheten Samuel im Alten Testament).
Barbara: Geht auf das griechische Wort bárbaros (βάρβαρος) zurück, was ursprünglich „die Fremde“ oder „die Stammlerin“ bedeutet (bezogen auf unverständliche Sprachen). Durch die Verehrung der heiligen Barbara von Nikomedien wandelte sich die Bedeutung im christlichen Kontext zu einer Metapher für Standhaftigkeit und Glaubstreue.
Erster Nachname: Gerl
Herkunft & Etymologie: Der Geburtsname Gerl ist ein oberdeutscher/bayerisch-österreichischer Familienname.
Bedeutung: Es handelt sich um eine Diminutiv- bzw. Kurzform (Rufnamen-Ableitung) von germanischen zweigliedrigen Vornamen, die mit dem Element Ger- (germanisch *gaizaz = „Wurfspieß“, „Speer“) beginnen (wie etwa Gerhard, Gerhold oder Gerwin). Das Suffix -l dient dabei als Verkleinerungs- bzw. Koseform.
Zweiter Nachname: Falkovitz
Herkunft & Etymologie: Der Name Falkovitz stammt aus der Eheschließung mit dem Philosophen Hans-Bernhard Falkovitz (1939–2015). Es handelt sich um einen slawischen beziehungsweise ostmitteleuropäischen Familiennamen (häufig im polnischen, böhmischen oder schlesischen Sprachraum).
Bedeutung: Der Name ist ein Herkunfts- oder Patronymikon mit der slawischen Endung -witz / -vicz / -wic (bedeutet „Sohn des...“ oder „aus dem Ort...“). Der Stamm Falk- geht wörtlich auf den Falken (slawisch falk / falko, entlehnt aus dem Germanischen) zurück und verweist entweder auf einen Ortsnamen (wie Falkowitz / Falkovice) oder auf den Vornamen/Übernamen Falko.
Synthese
Der vollständige Name verknüpft semitische und griechisch-christliche Vornamentraditionen (Hanna-Barbara) mit einem oberdeutschen Geburtsnamen (Gerl) und einem slawisch geprägten Ehenamen (Falkovitz).
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TIBURTIUS
I
Franziska Tiburtius war keine Zahnärztin, sondern eine der ersten deutschen Ärztinnen und Frauenrechtlerinnen. Die erste niedergelassene Zahnärztin Deutschlands war stattdessen ihre Schwägerin Henriette Hirschfeld-Tiburtius (1834–1911), die in den USA Zahnmedizin studiert hatte und Franziska zu ihrem Medizinstudium inspirierte.
Franziska Tiburtius (1843–1927)
Wurde auf Rügen geboren und arbeitete zuerst als Lehrerin. Studierte Medizin in Zürich und promovierte dort im Jahr 1876. Eröffnete 1877 mit Emilie Lehmus in Berlin eine gemeinsame Praxis für Frauen und Kinder. Gründete 1878 eine Poliklinik für bedürftige Frauen.
Henriette Hirschfeld-Tiburtius (1834–1911)
Stette aus Sylt / Schleswig-Holstein. Absolvierte ihr Zahnmedizinstudium ab 1867 in Philadelphia (USA). Eröffnete 1869 in Berlin eine eigene zahnärztliche Praxis. Wurde später sogar zur Hofzahnärztin der kaiserlichen Familie ernannt
II
In christlichen Legenden und historischen Texten tauchen die Begriffe „Wegelagerer“ und „Tiburtius“ meist im Kontext von Heiligenlegenden – speziell der des Heiligen Sebaldus von Nürnberg – auf.
1. Der Beistand gegen Wegelagerer (Heiligenlegende) In Reclams Lexikon der Heiligen wird eine bekannte Szene beschrieben, die auf Kunstwerken (wie dem berühmten Sebaldusgrab von Peter Vischer in Nürnberg) dargestellt ist: Die Szene: Der Heilige Tiburtius (Bruder des Valerianus und Schwager der Heiligen Cäcilia) wird bekehrt. In den darauffolgenden erzählten Wundern und Legendenabschnitten geht es um den „Beistand gegen Wegelagerer“ sowie die Errettung aus Seenot. Die Verbindung: Auf den Altären und Schreinen dieser Heiligen werden Schutzgebete gegen Straßenräuber und Wegelagerer visuell oder textlich festgehalten.
2. Der historische Theologe Conrad Tiburtius Rango
Falls Sie nach einer historischen Person suchen, gibt es eine namentliche Überschneidung in alten Chroniken: Conrad Tiburtius Rango (1639–1700) war ein bekannter deutscher Theologe an der Universität Greifswald. In Geschichtsbüchern wird seine Amtszeit oft direkt im selben Kapitel mit der historischen Unsicherheit der Region erwähnt, in der „Wegelagerer“ und Frevel das Land bedrückten.
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HEILIGER TIBURTIUS
Die Legende des heiligen Märtyrers Tiburtius von Rom (Gedenktag: 14. April) ist eng mit der Lebensgeschichte der heiligen Cäcilia und seines Bruders Valerianus verwoben. Sie veranschaulicht das kraftvolle Zeugnis des frühen Christentums im Rom des 3. Jahrhunderts.
Die Bekehrung
Tiburtius lebte als vornehmer heidnischer Patrizier im antiken Rom zur Zeit der Christenverfolgungen unter Kaiser Alexander Severus. Sein Bruder Valerianus war mit Cäcilia verheiratet, einer jungen Adligen, die heimlich ein gelobtes keusches Leben als Christin führte. Nach der Hochzeit bekehrte sich Valerianus zum Christentum und empfing die Taufe durch Papst Urban I.
Als Tiburtius das Haus des Paares betrat, veränderte eine mystische Erfahrung sein Leben: Er roch den wunderbaren Duft von Rosen und Lilien, obwohl die Jahreszeit keine Blumen trug. Cäcilia erklärte ihm, dass dies der Duft der himmlischen Kronen sei, die ihnen von einem Engel gebracht wurden. Tief gerührt von den Worten Cäcilias und der Ernsthaftigkeit seines Bruders ließ sich auch Tiburtius von Papst Urban unterweisen und taufen.
Das Wirken und die Verhaftung
Nach seiner Bekehrung widmeten sich Tiburtius und Valerianus ganz dem Glauben. Sie gaben ihr Vermögen den Armen und opferten ihre Nächte, um die Leichname der hingerichteten christlichen Märtyrer heimlich zu bergen und würdevoll zu bestatten – eine Tat, auf die im Römischen Reich die Todesstrafe stand.
Ihr Handeln blieb dem städtischen Präfekten Almachius nicht lange verborgen. Er ließ die beiden Brüder festnehmen und verlangte von ihnen, den heidnischen Göttern zu opfern, um ihr Leben zu retten. Tiburtius und Valerianus weigerten sich standhaft und bekannten mutig ihren Glauben an Jesus Christus.
Das Martyrium
Almachius übergab die Brüder dem Beamten Maximus, der sie zur Hinrichtungsstätte führen sollte. Auf dem Weg dorthin bewegte der Mut der Brüder das Herz des Maximus so sehr, dass auch er sich gemeinsam mit seiner Familie zum Christentum bekehrte.
An der Via Tiburtina, vor den Toren Roms an einem Ort namens Pagus Triopius, wurden Tiburtius und Valerianus schließlich durch das Schwert enthauptet. Maximus, der ihr Martyrium bezeugte und sah, wie Engelsgestalten ihre Seelen in den Himmel trugen, erlitt kurz darauf ebenfalls den Märtyrertod. Cäcilia barg die Leichname aller drei und bestattete sie gemeinsam in den Katakomben des Kallistus.
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Hyginus, Fabulae 274 (Die Agnodike-Passage)
Die Alten hatten keine Hebammen, und infolgedessen kamen viele Frauen aus Schamgefühl um. Die Athener hatten nämlich dafür gesorgt, dass kein Sklave und keine Frau die Heilkunst erlernen durfte. Eine gewisse junge Jungfrau namens Agnodike verlangte danach, die Medizin zu erlernen. Weil sie dieses Verlangen hatte, schnitt sie ihr Haar ab, legte männliche Kleidung an und vertraute sich einem gewissen Herophilos zur Ausbildung an.
Als sie die Kunst erlernt hatte und hörte, dass eine Frau weiter unten in Geburtswehen lag [in Not war], ging sie zu ihr. Da die Frau ihr vertrauen wollte, weil sie dachte, Agnodike sei ein Mann, hob Agnodike ihr Gewand hoch und zeigte, dass sie eine Frau war; so behandelte sie die Frauen.
Als die männlichen Ärzte sahen, dass sie nicht mehr zu den Frauen gelassen wurden, begannen sie Agnodike zu beschuldigen. Sie behaupteten, „er“ sei ein bartloser Verführer und Verderber der Frauen, und die Frauen würden ihre Krankheiten nur vortäuschen.
Als der Areopag tagte, schickte er sich an, Agnodike zu verurteilen. Agnodike jedoch hob vor den Richtern ihr Gewand hoch und zeigte, dass sie eine Frau war. Daraufhin begannen die Ärzte, sie noch heftiger zu beschuldigen, da es einer Frau gar nicht erlaubt sein sollte, die Heilkunst zu erlernen.
Da kamen die führenden Frauen der Stadt vor Gericht und sagten: „Ihr seid keine Ehemänner, sondern Feinde, denn ihr verurteilt diejenige, die die Gesundheit für uns entdeckt hat.“ Daraufhin änderten die Athener das Gesetz so, dass freigeborene Frauen die Heilkunst erlernen durften – vorausgesetzt, sie behandelten ausschließlich Frauen.
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TARA
Im tibetischen Buddhismus verkörpert Tara („die Erlöserin“ oder „die Befreierin“) das aktive Mitgefühl aller Buddhas. Während sie traditionell in 21 Hauptformen verehrt wird, gehören die Weiße, die Rote und die Grüne Tara zu den bekanntesten und zentralsten Aspekten.
Die Grüne Tara (Syamatara)
Sie gilt als die Hauptform und Mutter aller Buddhas. Sie verkörpert das dynamische, tatkräftige Mitgefühl und das sofortige Handeln zur Überwindung von Hindernissen.
Hauptaspekte: Schutz vor den acht großen Ängsten (u. a. Stolz, Verblendung, Zorn, Neid), Überwindung von Hindernissen, rasche Hilfe.
Darstellung: Sitzend auf einem Lotosthron, wobei ihr rechtes Bein leicht ausgestreckt ist (bereit, sofort aufzustehen und zu helfen). Ihre rechte Hand zeigt die Gestalt der Freigebigkeit (Varada Mudra), ihre linke hält die blaue UTPALA-Blume (Nachtlilie).
Symbolik: Die grüne Farbe steht für das Element Wind, Aktivität, Wachstum und die Transformation von Neid in allumfassende Weisheit.
Die Weiße Tara (Sitatara)
Die Weiße Tara steht für langes Leben, Heilung, Frieden und reine Weisheit. Sie wird besonders in Zeiten von Krankheit oder zur Verlängerung des Lebens praktiziert.
Hauptaspekte: Langlebigkeit, Überwindung von Krankheiten, Befriedung von Hindernissen, mütterliche Sanftmut und tiefes Mitgefühl.
Darstellung: Sitzend im vollen Lotossitz (Padmasana). Sie besitzt sieben Augen: zwei reguläre, eines auf der Stirn (Ajna-Chakra) sowie je eines in ihren Handflächen und Fußsohlen. Damit sieht sie das Leiden in allen Welten. Sie hält einen weißen Lotos (Padma).
Symbolik: Die weiße Farbe symbolisiert makellose Reinheit, Tranformation von Verwirrung in Spiegel-Weisheit und die friedvolle Entfaltung des Geistes.
Die Rote Tara (Kurukulla / Tarakurukulla)
Die Rote Tara wird eng mit der Form von Kurukulla assoziiert. Sie ist die Buddha-Gestalt der Magnetisierung, der Faszination und der Überwältigung negativer Kräfte.
Hauptaspekte: Anziehung von positiver Energie, Transformation von Begierde und Anhaftung, Beherrschung von Hindernissen und Stärkung der inneren Kraft.
Darstellung: Häufig in einer tanzenden oder dynamischen Haltung dargestellt, oft mit Bogen und Pfeil aus Blumen, um verblendete Geisteszustände zu durchbohren und den Geist zur Erleuchtung zu ziehen.
Symbolik: Die rote Farbe steht für das Element Feuer, Leidenschaft, Aktivierung und die Wandlung von gieriger Anhaftung in unterscheidende Weisheit.
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GERL-FALKOVITZ
I
Der Name Gerl bedeutet "der Speerträger" oder "der Krieger".
Der Name Gerl hat seine Wurzeln im Germanischen und ist ein deutscher Vorname sowie ein Familienname. Die genaue Herkunft des Namens ist nicht eindeutig geklärt, jedoch wird angenommen, dass er vom althochdeutschen Wort „ger“ abgeleitet ist, was „Speer“ bedeutet. Diese Ableitung deutet auf eine Verbindung zu Kriegern oder Kämpfern hin, da der Speer ein typisches Waffe in der germanischen Kriegerkultur war. Der Name kann auch mit dem Begriff „germanus“ in Verbindung gebracht werden, was „menschlich“ oder „zum Volk gehörig“ bedeutet.
Kulturell hat der Name Gerl in verschiedenen Regionen Deutschlands und in angrenzenden Ländern wie Österreich und der Schweiz eine gewisse Bedeutung. In der deutschen Namensgebung sind kurze und prägnante Namen häufig anzutreffen, und Gerl passt in diese Tradition. Der Name kann sowohl als Vorname als auch als Nachname verwendet werden, wobei die Verwendung als Vorname in der modernen Zeit seltener geworden ist. In der Vergangenheit war es jedoch nicht ungewöhnlich, dass kurze Namen wie Gerl verwendet wurden, oft als eine Form der Abkürzung oder Verniedlichung von längeren Namen wie Gerald oder Gerhard.
Historisch gesehen ist der Name Gerl in verschiedenen Dokumenten und Aufzeichnungen zu finden, jedoch sind spezifische historische Kontexte und Tragödien, die den Namen betreffen, weniger dokumentiert. In vielen deutschen Regionen ist der Name vor allem unter älteren Generationen verbreitet, während er in der heutigen Zeit an Popularität verloren hat. Die Verwendung von Gerl als Nachname findet sich in verschiedenen deutschen Familiengeschichten, jedoch sind umfassende genealogische Studien notwendig, um spezifische Ursprünge und Entwicklungen nachzuvollziehen.
Es gibt einige bemerkenswerte Persönlichkeiten, die den Namen Gerl tragen oder trugen, obwohl diese nicht weit verbreitet sind. Eine bekannte Persönlichkeit mit dem Nachnamen Gerl ist der deutsche Physiker und Mathematiker, dessen Beiträge zur Wissenschaft jedoch nicht im globalen Maßstab anerkannt sind. Aufgrund der Seltenheit des Vornamens und der vielfältigen Schreibweisen und Ableitungen gibt es nicht viele historisch signifikante Figuren, die unter diesem Namen bekannt sind. Dies könnte teilweise auf die regionalen Unterschiede und die Variabilität in der Namensgebung zurückzuführen sein.
In der heutigen Zeit ist Gerl ein relativ seltener Name. Der Trend zu modernen und international beeinflussten Namen hat dazu geführt, dass traditionelle deutsche Namen wie Gerl weniger populär sind. Dennoch bleibt der Name ein Teil des kulturellen Erbes und der Geschichte Deutschlands. In verschiedenen Dialekten kann der Name in variierter Form oder als Teil von längeren Namen auftreten, was die Vielfalt der deutschen Sprache und Namensgebung widerspiegelt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Name Gerl eine interessante Verbindung zur Geschichte und Kultur des deutschen Sprachraums hat. Trotz seiner Seltenheit in der modernen Zeit bleibt er ein Teil der Namenstradition, die mit den Wurzeln der germanischen Sprache und der Kriegerkultur verknüpft ist. Die genaue Bedeutung und die Assoziationen des Namens können je nach Region und Zeit variieren, was ihm eine gewisse historische Tiefe verleiht.
II
Falkowitz (Falkendorf, Fałkowice)
Falkowitz ist der Name für eine historische Gemeinde (bis 1945) sowie für das gleichnamiges Dorf mit knapp 400 Einwohnern (Stand 2008).
Namensvarianten sind: Fałkowice = Falkowitz = Falkendorf
Felix Triest schreibt in seinem Topographischen Handbuch, dass sein früherer Name "Chwalkowice" gewesen sein soll.
Das Dorf Falkowitz existiert bereits seit dem 14.Jhd.
Spisla widmet der katholischen Pfarrkirche ein ganzes Kapitel und zitiert u.a. die Pfarrchonik von Pfarrer Franz Buhl (der von 1937 - 1969 Pfarrer in Falkowitz war).
So sei bereits in der Gründungsurkunde von 1309 für die Pfarrei zwei Hufen Land freigestellt worden und so sei anzunehmen, dass die erste Kirche bereits im 14.Jhd. erbaut wurde. Es gibt einen Visitationsbericht von 1679 vom Erzpriester Joanuston aus Namslau, der u.a. besagt, dass die Kirche zu Ehren des Sankt Stanislaus im Jahre 1519 erbaut wurde. In der zweiten großen Visitation 1687/88 durch den Archidiakon Martin Stephetius heißt es u.a., dass das Dorf Dammratsch mit dem Dammratscher-Hammer eingepfarrt sei. Mit Ausnahme einer Frau seien alle katholisch und es sei ein Pfarrhaus und eine Schule vorhanden.
1703 erfolgte ein Neubau unter Pfarrer Josef Sicutus, der aber bereits 1721 abbrannte. 1722 wurde mit dem Neubau begonnen, der durch die wachsende Bevölkerung Mitte des 19.Jhd. zu klein wurde. 1878 wurde der heutige neugotische Backsteinbau errichtet. Eingepfarrt waren die folgenden Ortschaften: Falkowitz, Dammratsch, Dammratsch-Hammer, Dammratsch-Hammer-Kolonie, Königlich Dombrowka, Liebenau, Zawisc (Sierobanz) und Neuwedel.
1926/27 bekam Zawisc eine eigene Kirche mit Seelsorger und 1932/33 Königlich Dombrowka.
Kirchenbücher sind seit 1605/6 erhalten, wurden zunächst lateinisch geführt und ab 1753 in deutscher Sprache.
Das Dorf Falkowitz wurde wie sein Nachbarort Dammratsch bereits 1309 durch den Herzog von Oppeln zu deutschem Recht ausgesetzt und verfügte nach einem Visitationsbericht bereits 1519 über eine eigene katholische Kirche.
Es gibt eine weitere Veröffentlichung (341 Seiten) von Martin Richau über die 700jährige Geschichte von Dammratsch und Falkowitz.
In Falkowitz wurden seit etwa 1600 Kirchenbücher geführt, die von den Mormonen verfilmt und zumindest teilweise komplett in die Datenbank übertragen wurden.
Im Taufregister ab 1726 kann man tatsächlich auch den Ortnamen "Chwalkowice" lesen.
Bei Spisla kann man nachlesen, dass Falkowitz schon immer zum Dekanat Namslau gehörte, erst 1824 kam es zum Dekanat Alt-Schalkowitz und 1944 bei der Teilung desselben kam Falkowitz zum neu entstandenen Dekanat Friedrichsthal.
In der Veröffentlichung von Martin Richau über die 700jährige Geschichte von Dammratsch und Falkowitz werden eine Vielzahl von Namen, insbesondere aus dem 18. Jhd. aus den Urbaren, Abgabenlisten bzw. Katastern genannt.
Um die Herkunft der Bewohner zu klären, werden die auswärtigen Ehepartner im Traubuch zwischen 1695 und 1766 aufgelistet.
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KRIMINALROMANE VON PASTOR SCHEEPKER
I
In Andreas Scheepkers historischem Kriminalroman Maria – Das Fräulein der Friesen wird das spannungsgeladene Ringen um die Eigenständigkeit des Jeverlandes im 16. Jahrhundert zur Kulisse einer verstrickten Mordermittlung. Aus einer katholischen Perspektive betrachtet bietet das Werk eine vielschichtige Folie: Es beleuchtet nicht nur Machtpolitik und Justiz der frühen Neuzeit, sondern wirft grundlegende Fragen nach der legitimen Obrigkeit, der Würde des Menschen und dem Zeitalter der konfessionellen Umbrüche auf.
Das Spannungsverhältnis von weltlicher Macht und katholischem Ethos
Im Zentrum der Handlung steht Fräulein Maria von Jever, die historische Gestalt einer starken, unangefochtenen Herrscherin, die das Erbe ihres Vaters gegen die Ansprüche der ostfriesischen Grafen verteidigen muss. Aus Sicht der katholischen Soziallehre begegnet uns hier das klassische Problem der Herrschaftsausübung zum Wohle des Volkes versus blinder Machtgier.
Maria agiert primär als Schutzherrin ihres Heimatlandes. Ihr Handeln ist geprägt vom Verlangen nach Gerechtigkeit und der Wahrung des Friedens für die Menschen im Jeverland. Demgegenüber stehen die politischen Intrigen und Übergriffe der lutherischen Grafen von Ostfriesland, deren Machtstreben oft frei von moralischen Hemmungen wirkt. Das Buch verdeutlicht eindringlich, dass weltliche Herrschaft ohne eine sittliche Fundierung – ein Kerngedanke der katholischen Staatstheorie von Thomas von Aquin – zwangsläufig in Tyrannei und Chaos mündet.
Der Rechtsgelehrte als Suchender der Wahrheit
Mit dem Rechtsgelehrten Lübbert Rimberti setzt Scheepker eine Ermittlerfigur ein, die das juristische und ethische Ideal der Wahrheitsfindung verkörpert. Als Maria selbst durch einen Anschlag auf einen ihrer Widersacher unter Mordverdacht gerät, lässt sich Rimberti nicht von politischen Zweckmäßigkeiten leiten, sondern allein von der Pflicht, die Wahrheit aufzudecken.
Katholisch gelesen verkörpert Rimberti das christliche Gebot der unvoreingenommenen Nächstenliebe und der Gerechtigkeit (Justitia). In einer Ära, in der Denunziation, Parteilichkeit und Vorurteile das Rechtssystem oft lähmten, wird sein Streben nach objektiver Beweisführung zum Zeichen christlicher Vernunft. Es erinnert an das katholische Verständnis, dass das Recht kein bloßes Werkzeug der Mächtigen sein darf, sondern der Gottesfurcht und der Wahrheit verpflichtet ist.
Religiöse Umbrüche und das Fehlen einer geistlichen Mitte
Der Roman ist in der Ära der Reformation angesiedelt. Scheepker zeichnet eine Gesellschaft im Wandel, in der alte Ordnungsmuster zerbrechen. Zwar steht im Buch das Krimi-Element im Vordergrund, doch der historische Nährboden – die Zerrissenheit der Christenheit – schwingt unvermeidlich mit.
Aus katholischer Sicht wird in der Schilderung dieser Epoche spürbar, was der Verlust einer einheitlichen spirituellen und ethischen Mitte anrichtet. Wo die kirchliche Autorität ins Wanken gerät und die Religion oft für politische Eigeninteressen instrumentalisiert wird, droht der Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die Katastrophe der Spaltung manifestiert sich im Roman im Misstrauen der Parteien gegeneinander, in dem weder Eide noch traditionelle Werte verlässlich tragen.
Sünde, Schuld und die Frage der Vergebung
Als Kriminalroman befasst sich das Werk naturgemäß mit dem Einbruch des Bösen in die menschliche Gemeinschaft. Scheepker zeigt auf, wie Gier, Neid und Racheakte eine Spirale der Gewalt in Gang setzen.
Eine katholische Würdigung betont hierbei:
Die Realität der Erbsünde: Der Roman verzichtet auf eine naive Romantisierung der Epoche. Die Abgründe des menschlichen Herzens zeigen sich in allen Ständen – vom einfachen Gefolgsmann bis zum hohen Adel.
Die Sehnsucht nach Erlösung: Die Aufklärung des Verbrechens bringt zwar weltliche Ordnung zurück, hinterlässt aber die tiefere Frage nach echter Versöhnung. Der Roman macht deutlich, dass menschliche Justiz Verbrechen zwar bestrafen, das Herz des Sünders aber nicht heilen kann.
Scheepkers Maria – Das Fräulein der Friesen ist ein gut recherchierter historischer Krimi, der nicht nur historisch-regional fasziniert, sondern auch ein Plädoyer für Gerechtigkeit, Standhaftigkeit und das Streben nach Wahrheit darstellt. Aus katholischer Perspektive erinnert die Erzählung daran, dass eine gesellschaftliche Ordnung nur dort Bestand hat, wo die Würde der Person gewahrt wird und das weltliche Recht einem höheren, göttlichen Sittengesetz untergeordnet bleibt.
II
Auch für Andreas Scheepkers Vorgängerroman Das Salz der Friesen bietet eine katholische Literaturkritik einen aufschlussreichen Zugang. Das Werk führt den Rechtsgelehrten Lübbert Rimberti in eine Welt aus wirtschaftlicher Gier, gefälschten Dokumenten und mörderischen Intrigen rund um das kostbare Treibsalzgewerbe der norddeutschen Küste.
Das Metapher des Salzes: Biblische Verheißung und weltliche Verführung
Der Buchtitel birgt eine direkte Resonanz zum Matthäusevangelium ("Ihr seid das Salz der Erde", Mt 5,13). In Scheepkers Roman hat das Salz jedoch eine zweifache Natur: Einerseits ist das friesische Salzsieden eine existenzsichernde, mühsame Arbeit des einfachen Volkes – ein gottgewolltes Gut zur Erhaltung des Lebens.
Andererseits wandelt sich das Salz durch menschliche Maßlosigkeit zur Triebfeder der Todsünde der Habgier (Avaritia). Aus katholischer Sicht wird in der Schilderung der Raub- und Fälschungsdelikte sichtbar, wie die Perversion eines überlebenswichtigen Naturguts zur Quelle moralischer Korruption wird. Wo das Wirtschaften nicht mehr dem Gemeinwohl dient, sondern der Bereicherung Einzelner, verliert die Gesellschaft ihre schützende Salzkraft und verfällt.
Recht, Gesetz und die natürliche Ordnung
Im Zentrum der Ermittlung stehen gefälschte Urkunden und manipulierte Besitzrechte. Für den Juristen Lübbert Rimberti bedeutet die Aufdeckung dieser Verbrechen nicht bloß eine bürokratische Pflichtübung, sondern eine Wiederherstellung der göttlichen und natürlichen Ordnung (Lex Naturalis).
Die Lüge als Zersetzung des Vertrauens: Das Fälschen von Rechtsdokumenten wird im Roman als ein Angriff auf das Fundament des Zusammenlebens entlarvt. Nach katholischer Moraltheologie zerstört die gezielte Täuschung das gottgegebene Vertrauen zwischen den Menschen.
Der Ermittler als Anwalt des Gerechten: Rimbertis beharrliche Suche nach der Wahrheit symbolisiert die christliche Tugend der Besonnenheit (Prudentia) und der Standhaftigkeit (Fortitudo) gegenüber den Mächtigen, die das Recht zu ihren Gunsten beugen wollen.
Die Erbsünde im Gewand des historischen Kriminalromans
Scheepker verzichtet auch in diesem Roman auf ein Schwarz-Weiß-Schema. Die Schicksale der Akteure – ob reiche Händler, verarmte Sieder oder adlige Drahtzieher – offenbaren die Anfälligkeit jedes Menschen für die Versuchung.
Katholisch interpretiert zeigt sich darin die fundamentale Erkenntnis der menschlichen Erlösungsbedürftigkeit. Die Aufdeckung des Mörders bringt zwar die juristische Gerechtigkeit zurück, hinterlässt jedoch eine von Verletzungen gezeichnete Gemeinschaft. Dies verweist auf die Grenze rein weltlicher Justiz: Sie kann Taten ahnden, aber keine Versöhnung stiftenden Herzenswandlungen erzwingen.
Das Salz der Friesen erweist sich aus katholischer Perspektive als eine eindringliche Parabel über die Gefahren der Maßlosigkeit. Scheepker verbindet historische Präzision mit einer ethischen Tiefenschärfe, die den Leser ermutigt, den Wert von Wahrheit, Ehrlichkeit und Gemeinwohl in Zeiten des Umbruchs neu zu reflektieren.
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DOMENICO TIBURZI
In den Abendstunden am Kaminfeuer (veglie al canto del foco) erzählten sich die Bauern und Hirten der toskanischen Maremma einst von Domenico Tiburzi, genannt Domenichino. Er war kein gewöhnlicher Krimineller, sondern stieg in den Augen der einfachen Landbevölkerung zum ungekrönten „König der Macchia“ (Re della Macchia) auf.
Der Funke: Recht gegen Gesetz
Die Legende beginnt mit einem Akt der Tyrannei. Tiburzi, 1836 geboren, sammelte als armer Landarbeiter ein paar übrig gebliebene Ähren auf dem Feld eines reichen Marchese. Ein Aufseher verhängte daraufhin eine Strafe von 20 Lire – in jener Zeit ein astronomischer Betrag, der den sicheren Ruin bedeutete.
In Rage erschoss Tiburzi den Aufseher und floh in die undurchdringliche Vegetation der Maremma. Damit war sein Schicksal besiegelt: Er lebte fortan als Geächteter. In der toskanischen Folklore zieht sich sein Leitsatz bis heute durch die mündliche Überlieferung:
"Ich, Domenico Tiburzi, verteidige die Gerechtigkeit – auch gegen das Gesetz."
Der Robin Hood der Maremma
Über 30 Jahre lang beherrschte Tiburzi die Wälder. In den volkstümlichen Balladen (Stornelli) wird er als Beschützer der Armen besungen, der den reichen Großgrundbesitzern eine „Briganten-Steuer“ abverlangte. Wer zahlte, durfte seine Ernte einholen; wer die Arbeiter drangsalierte oder mit den Gendarmen kollaborierte, verfiel dem Urteil des Banditen. Die arme Bevölkerung entlohnte er mit Schutz, Nahrung und Geld.
Eine berühmte Strophe aus der bekannten Ballata di Tiburzi bringt die damalige Sehnsucht der Landbevölkerung auf den Punkt:
„...dallo stato la legge opportuna,
da Tiburzi la giusta vendetta.“
(...vom Staat das passende Gesetz,
von Tiburzi die gerechte Rache.)
Die Legende der gespaltenen Bestattung
Im Oktober 1896 überraschten die Carabinieri den alternden Briganten am Podere Forane. Nach seinem Tod entbrannte in Capalbio ein bizarrer Streit: Der Ortspfarrer weigerte sich strikt, einen Mörder und Gesetzlosen auf dem geweihten Friedhof zu begraben. Die Dorfbevölkerung hingegen verlangte eine ehrenvolle Beerdigung für ihren Beschützer.
Man einigte sich auf einen skurrilen Kompromiss: Tiburzi wurde direkt unter dem Friedhofstor verscharrt – seine Beine und Füße im geweihten Boden der Kirche, seine Brust und sein Kopf im ungeweihten Land außerhalb.
Die italienische Volkspoesie hält diesen Mythos fest:
„Così nel camposanto fu portato...
Per metà nel terreno consacrato,
per metà nell'eterna perdizione.“
(So wurde er zum Friedhof gebracht...
Zur Hälfte im geweihten Boden,
zur Hälfte in der ewigen Verdammnis.)
Bis heute lebt Tiburzis Mythos zwischen Poesie, Wein und toskanischen Legenden fort – als Symbol für den Widerstand des kleinen Mannes gegen ein ungerechtes System.
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KALI
IST DIE SCHWARZE GÖTTIN KALI EIN TEUFEL?
Nein, aus katholischer Perspektive ist die hinduistische Göttin Kali kein Teufel im Sinne eines gefallenen Engels oder des Satanismus, da es sich um zwei grundlegend unterschiedliche religiöse Weltanschauungen handelt.
Die katholische Theologie unterscheidet klar zwischen dem christlichen Verständnis des Bösen und den Gottheiten anderer Religionen:
Unterschied im Wesen: Während der Teufel im Katholizismus das absolut Böse, die Trennung von Gott und der Widersacher des Lebens ist, verkörpert Kali im Hinduismus die dynamische Kraft der Zeit, der Veränderung, der Zerstörung des Bösartigen und der Erneuerung. Ihre oft furchterregende Gestalt symbolisiert die Überwindung des Egos und den Schutz ihrer Verehrer.
Lehre des II. Vatikanischen Konzils (Nostra Aetate): Die katholische Kirche lehnt nichts von dem ab, was in den nichtchristlichen Religionen wahr und heilig ist. Sie betrachtet Gestalten anderer Religionen nicht automatisch als dämonisch, sondern sieht darin Versuche der Menschheit, die Geheimnisse des Daseins zu ergründen.
Klassische Theologiegeschichte: Frühere oder sehr konservative katholische Zugänge ordneten nichtchristliche Gottheiten teilweise pauschal als Götzendienst oder dämonische Irrtümer ein. Das bedeutete jedoch nicht, dass Kali mit dem christlichen Teufel gleichgesetzt wurde, sondern dass deren Verehrung als Verfehlung gegen das Erste Gebot („Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“) galt.
Aus katholischer Sicht handelt es sich bei Kali also nicht um den Teufel, sondern um eine fremde Gottesvorstellung, deren Verehrung aus christlicher Perspektive theologisch abgelehnt wird, ohne ihre komplexe Bedeutung innerhalb des Hinduismus mit dem rein Bösen gleichzusetzen.
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KIERKEGAARD UND ARIADNE
In seinen echten persönlichen Tagebüchern und Notizbüchern verwendet Søren Kierkegaard die mythologische Figur der Ariadne als Metapher für die Liebe, die dem Menschen hilft, das Labyrinth des Lebens zu bewältigen.
Darüber hinaus taucht das Ariadne-Motiv an einer prominenten Stelle in seinem literarischen Werk auf – und zwar im fiktiven „Tagebuch des Verführers“ (einem Kernstück seines berühmten Werks Entweder – Oder).
Die zentralen Aussagen Kierkegaards über Ariadne lassen sich in zwei Hauptaspekte unterteilen:
1. Ariadne in den echten Tagebüchern: Der Faden der Liebe
In seinen frühen Aufzeichnungen nutzt er den Mythos als existenzielle Analogie für das menschliche Leben:
Der Ariadnefaden als Liebe: Kierkegaard schreibt, dass es dem Menschen leicht fällt, durch alle Irrwege des Labyrinths (das für das Leben steht) zu finden und das Monster (den Minotaurus) zu erschlagen, sobald er den Knäuel Garn von Ariadne (die Liebe) erhalten hat.
Die Gefahr des Lebens ohne Faden: Er beklagt, wie viele Menschen (junge Mädchen und Jungen) sich unvorbereitet in das Labyrinth des Lebens stürzen, ohne diese Vorsichtsmaßnahme zu beachten, und infolgedessen dem Minotaurus zum Opfer fallen.
Bezug zur Begeisterung: An anderer Stelle (Juni 1837) vergleicht er auch das Lesen komplizierter Texte (wie jene des Theologen Carl Daub) mit einem Labyrinth, für das man den „Ariadnefaden der Liebe und des Enthusiasmus“ benötigt.
2. Ariadne im „Tagebuch des Verführers“: Das Labyrinth des Frauenherzens
In dem fiktiven Tagebuch, das Kierkegaard unter dem Pseudonym Victor Eremita herausgab, reflektiert der ästhetische Verführer Johannes über die Psychologie der Frau:
Das unbewusste Wissen: Johannes äußert den psychologischen Gedanken, dass jedes junge Mädchen im Verhältnis zum Labyrinth ihres eigenen Herzens eine Ariadne ist.
Der ungenutzte Faden: Sie besitzt zwar den Faden, um den Weg durch ihr Inneres zu finden, allerdings weiß sie selbst nicht, wie sie ihn gebrauchen soll. Der Verführer nutzt dieses Liebeslabyrinth strategisch aus, um die junge Frau (Cordelia) emotional an sich zu binden.