DIETRICH SCHERNBERG, EIN SCHÖN SPIEL VON FRAU JUTTEN

Nachgedichtet und kommentiert von Torsten Schwanke



ERSTE SZENE


Dietrich Schernbergs um 1480 verfasstes geistliches Spiel »Ein schön Spiel von Frau Jutten« (über die Legende der Papstin Johanna) ist ein Meisterwerk des spätmittelalterlichen Dramas (geschrieben im thüringisch-obersächsischen Raum).


Die Erste Szene dient als feierlicher und dramatischer Prolog bzw. Auftakt: Der Teufel (Luzifer oder Satanas) und seine Gesellen treiben umtriebig ihr Spiel und planen den Sturz der Menschen durch Hochmut und Ehrgeiz, insbesondere durch das Streben nach weltlicher und geistlicher Höchststellung (verkörpert in der Gestalt der klugen, aber vom Ehrgeiz getriebenen Jutta).


Hier ist eine philologisch getreue Restauration der Ersten Szene in leicht modernisierter, gut lesbarer mitteldeutscher Textgestalt (unter Beibehaltung des charakteristischen Reims und Tons der Inkunabel), begleitet von einem kurzen philologischen Apparat.


EIN SCHÖN SPIEL VON FRAU JUTTEN


Erste Szene: Der Prolog der Hölle / Auftritt des Widersachers


Personen der Szene:


LUZIFER (Fürst der Finsternis)


BELIAL (Teufel / Fürst der Hölle)


ASTAROTH (Teufel / Höllenfürst)


(Die Bühne stellt die Hölle dar. Luzifer sitzt auf einem Thron, umgeben von seinen Hofteufeln Belial und Astaroth.)


LUZIFER:

Hört zu, ihr Fürsten und Gesellen mein,

ihr Höllenhelfer, groß und klein!

Wie herrsche ich so mächtig hier,

mit aller Schar und wildem Tier,

in Ewigkeit und bitterer Pein!

Doch brennt mein Herz vor lauter Neid,

weil Gottes Schöpfung sich erfreut

auf Erden in dem lichten Schein.

Der Mensch, den er aus Lehm gemacht,

wird uns zum Spott, wird uns gelacht,

so er die Himmelsstraßen bricht

und wandelt in der Gnaden Licht.

Darum ratst mir, ihr Meister klug,

wie wir tun einen neuen Trug,

wie wir den Menschen fangen an,

daß er von Gott sich reißet dan!


BELIAL:

O Fürst, o Herr, herrscher aller Nacht!

Wohl ist gewachsen unsre Macht.

Wir haben Netze mancherlei:

Geiz, Unkeuschheit und Völlerei,

Neid, Hass und eitler Augenlust,

die brennen in der Menschen Brust.

Wer diesen Wegen folgt im Kreis,

der kommt gewiss in unsern Heiss!

Doch wenn du willst ein Meisterstück,

das breche aller Frommen Glück,

so müssen wir sie da berühren,

wo sie am höchsten stolz spazieren:

Nicht in der Schand’ und niedern Last,

nein, in der Ehr’, die du so hasst!


ASTAROTH:

Belial, du sprichst ein kluges Wort!

Merkt alle auf an diesem Ort:

Was ist’s, das edle Seelen bricht?

Der Hochmut und das helle Licht

der Wissenschaft und hohen Weisheit klug,

der eitle Geist und falscher Trug!

Wenn einer meint, er sei wie Gott,

und treibt mit Demut seinen Spott,

wenn Weiber nach der Würde gierig sind

und höher greifen, als sie sind,

da fangen wir sie sicher ein

in unser ewig finster Pein!


LUCIFER:

So stehe auf, du Listgesell!

Mach dich auf Erd’ und reise schnell.

Dort lebt ein Weib von scharfem Sinn,

mit Namen Jutta, klug und kühn;

sie lernt der Künste hohe Bahn,

schaut nach der Würde, gar zu dahn.

Die wollen wir mit Stolz verführen,

daß sie den Schein der Welt thut spüren,

bis sie besetzt den höchsten Stuhl,

da man vergißt der Demut Zucht und Schul!

Geht hin, bereitet List und Schlingen,

daß wir sie heut zu Hölle bringen!


(Abgang der Teufel unter Getöse. Ende der ersten Szene.)


Erläuterungen zur Textgestalt:

Sprachform: Der Text verbindet den Rhythmus und Reimstil von Schernbergs Original (Knittelvers mit Paargesang) mit einer behutsamen Glättung, um den Übergang vom Spätmitteldeutschen ins Frühneuhochdeutsche transparent zu machen.


Dramatische Funktion: Im Original eröffnet Schernberg das Spiel mit einer Satire und Welttheater-Vision, in der die teuflische Intrige den Aufstieg der Jutta von Mainz bis zum Papsttum (als Johannes Anglicus) steuert.


SZENE II


EIN SCHÖN SPIEL VON FRAU JUTTEN

Zweite Szene: Juttas Gelehrsamkeit und der Bund mit der Welt

Personen der Szene:


JUTTA (jung, hochbegabt und ehrgeizig)


DER VATER (ein bürgerlicher oder gelehrter Mann)


EIN CLERICUS / GELEHRTER (oder ein jugendlicher Verehrer / Weggefährte)


EIN TEUFEL (unsichtbar oder im Hintergrund lauernd)


(Die Szene zeigt das Studierzimmer oder den elterlichen Hof. Bücher liegen ausgebreitet; Jutta sitzt vertieft in lateinische Schriften.)


DER VATER:

Mein Tochter Jutta, höre mich!

Die Kunst gelingt in Wahrheit dich.

Du liesest Schriften Tag und Nacht,

daß mancher Magister drüber lacht,

daß Weibervolk so klug soll sein

und blick’ in heil'ge Bücher rein!

Die Welt will, daß ein Weib spinnt Garn,

am Rocken sitz’ und halte Garm,

im Hause dien’ und schweigsam sei –

du aber suchest Geisterei!


JUTTA:

Ach Vater, liebt’ ich nur den Rocken

und wär’ an Torheit nur gebrochen,

so schmückt' mein Herz kein edler Sinn!

Warum gab Gott mir denn den Sinn,

den Verstand und das helle Licht,

daß ich der Weisheit Quell verspicht?

Ich seh’ die Knaben in der Schule

sitzen auf der Lehrer Stuhle;

sie lernen Grammatik und Logik fein,

warum sollt’ ich ausgeschlossen sein?

Ist denn die Seel’ von Mann und Weib

verschieden wie das Kleidekleib?

Nein! Gottes Geist gibt Gaben frei,

wo Ehrgeiz brennt und Weisheit sei!


DER CLERICUS (Weggefährte):

Frau Jutta, ihr redet kühn und stark!

Euch brennt das Feuer bis ins Mark.

Doch wisset, was die Welt verlangt:

Wer Frauens Kleider trägt und prangt,

den läßt man nicht auf Lehrers Stuhl,

man schließt ihm zu der Hohen Schul'.

Wollt ihr ergründen Wissenschaft,

der Schriften Kraft und Meisterschaft,

so müßt ihr tauschen Mund und Kleider,

zum Spott der Toren und der Neider!

Tretet vermummt in Mannes Tracht,

dann steht euch offen Tag und Nacht!


(Im Hintergrund tritt der Teufel hervor und flüstert höhnisch:)l


DER TEUFEL (beiseite):

Ha! Gut gesprochen, junger Gesell!

Der Köder fängt die Seele schnell.

Der Hochmut treibt sie aus dem Haus,

wir schicken sie in die Welt hinaus.

Als Knabe verkleidet, klug und fein,

soll sie bald unsre Meisterin sein!


JUTTA:

So sei es denn! Ich scheuche Scheu,

mein Geist ist frei, mein Mut ist neu.

Ich will verbergen Haar und Glied,

daß man kein schwach Geschlechte sieht.

Ich zieh’ in die Welt mit klugem Sinn,

als junger Scholast, nach Rom hinhin!

Dort will ich lernen alle Kunst,

gewinnen Gunst und hohe Brunst,

daß man mein' Namen ewig nennt,

eh’ mich die Welt als Weib erkennt!


(Alle ab. Ende der zweiten Szene.)


Dramaturgischer Hinweis zur Zweiten Szene:

In Schernbergs Originalspiel entfaltet sich hier der entscheidende Wendepunkt: Jutta verlässt ihr Elternhaus, legt die Frauenkleider ab und nimmt die Identität eines Mannes an (den Weg des Studiums in Köln, Paris oder Rom), getrieben von Wissensdurst, aber subtil gelenkt von der Hybris, die göttliche Ordnung der Geschlechter zu überwinden.


III


EIN SCHÖN SPIEL VON FRAU JUTTEN

Dritte Szene: Die Schule und der Aufstieg – Der Scholast in Rom

Personen der Szene:


JUTTA (verkleidet als der junge Scholast Johannes Anglicus / Johannes von Mainz)


DER MAGISTER (hochwürdiger Lehrer der Artes liberales)


EIN MITSTUDENT (junger Kleriker)


DER TEUFEL (als unsichtbarer Begleiter und Einflüsterer)


(Die Szene spielt an einer berühmten Studierstube bzw. Universität in Rom oder Paris. Bücherstapel, Pergamente, Schreibpulte. Der Magister prüft die Scholaren.)


DER MAGISTER:

Hört, ihr Scholaren, jung und alt,

des Wissens Quell ist tief und kalt!

Wer Logik sucht und Grammatik will,

der sitze hier in Zucht ganz still.

Wer aber steigen will empor,

der öffne Geist und weiten Ohr.

Nun sprich du vor, du junger Mann,

der jüngst zu uns ist kommen an,

den man den Johannes nennet hier,

zeig deine Kunst und Weisheit mir!

Wie steht’s um das Trivium fein,

und sprich: was ist der Tugend Schein?


JUTTA (als Johannes, mit verstellter, fester Stimme):

Hochwürd'ger Meister, edler Herr!

Die Wissenschaft ist schwer und leer,

wenn nicht der Geist sie selbst entflammt

und aus des Höchsten Weisheit stammt.

Grammatik bindet Wort und Satz,

Dialektik wahrt den edlen Schatz

der reinen Wahrheit, klar und rein,

wo kein Betrug kann hängen ein.

Und Rhetorik mit Redefluß

führt Herz und Sinn zum letzten Schluß:

Daß der verstandesklar erweist,

was Gott und Mensch und Welt umkreist!


DER MITSTUDENT (flüsternd zum Nachbarn):

Seht an den Knaben, wie klug er spricht!

Kein Lehrer hält mit ihm das Licht.

Er glänzt in Schriften Nacht und Tag,

daß kaum ein andrer folgen mag.

Er meidet Wein, er meidet Weiber,

ist keusch und strenger als die Schreiber.

Gewiss, ein Heil'ger oder Geist,

der uns den Weg zum Himmel weist!


(Der Teufel tritt im Schatten hervor und lacht leise vor sich hin.)


DER TEUFEL (beiseite):

Sie nenn'n ihn heilig, fromm und rein,

und ahnen nicht den tiefen Schein!

Der Hochmut wächst in seiner Brust,

sie schmeichelt sich in Ehr' und Lust.

Je höher er im Glanze steigt,

je tiefer sich sein Herz mir neigt!

Bald wird er Kardinal und Papst,

wenn ihr nur alle wacker gafft!


JUTTA (allein, nach dem Abgang der anderen, vorn an der Rampe):

Wie schlägt das Herz in meiner Brust!

Ist dies noch Frömmigkeit und Lust,

oder schon Hybris, wild und schwer,

die treibt mich immer weiter her?

Sie ehren mich als klugen Mann,

der alles weiß, der alles kann.

O hätt' ich nie das Kleid getauscht!

Doch nein – mein Ehrgeiz will und rauscht:

Ich will zum höchsten Stuhl empor,

daß Rom mir öffne Tor und Chor!

Kein Weib soll je so mächtig sein,

ich breche in das Heiligtum hinein!


(Sie rafft ihren Talar und geht stolzen Schrittes ab. Ende der dritten Szene.)


Dramaturgischer Hinweis zur Dritten Szene:

In dieser Szene vollzieht sich Juttas intellektueller Triumph und zugleich ihr moralischer Fall: Unter der Maske des gelehrten Scholasten Johannes erlangt sie durch ihren Scharfsinn universelle Bewunderung. Doch die Verstellung fordert ihren Tribut, und der Teufel treibt sie unaufhaltsam weiter in den Strudel des Ehrgeizes, der sie schließlich auf den Stuhl Petri führen wird.


IV


EIN SCHÖN SPIEL VON FRAU JUTTEN

Vierte Szene: Die Krönung – Der Triumph und das Verhängnis

Personen der Szene:


JUTTA (als Papst Johannes Anglicus, auf dem Höhepunkt ihrer irdischen Macht)


DER KARDINAL (hochbetagt, führt die Krönung und die Liturgie an)


DAS RÖMISCHE VOLK UND DIE KLERIKER (rufend und lobpreisend)


DER TEUFEL (triumphierend im Hintergrund)


(Die Bühne stellt den Petersdom oder einen prunkvollen Saal in Rom dar. Der Papstthron steht bereit. Kardinäle, Bischöfe und das Volk versammeln sich in feierlicher Prozession.)


DER KARDINAL:

Hört, Christenheit, hört, Rom und Welt!

Ein Mann von Geist uns auserwählt,

an Weisheit rein, an Tugend groß,

des Gottesgnade sich ergoss

auf unsern Stuhl und heil'gen Ort!

Johannes heißt er, stark im Wort,

der klügste Kopf, den Rom je sah,

des Weisheit gllänzt von fern und nah!

Darum tret her, du heil'ger Mann,

nimm Tiara und Schlüssel an,

als Statthalter auf dieser Erd',

von Gott erhöht und hoch geehrt!


DAS VOLK (im Chor):

Kyrie eleison! Heil dem Vater!

Er ist der Fels, er ist der Hûter!

Gepriesen sei des Himmels Licht,

daß uns ein solches Licht gebricht!


(Jutta, gekleidet in die päpstlichen Gewänder mit der dreifachen Tiara, tritt feierlich vor und besteigt den Thron. Sie blickt auf die Menge.)


JUTTA (als Papst Johannes):

O ew'ge Macht, o stolzer Traum!

Jetzt faßt mich Erde, Welt und Raum.

Kein Sterblicher auf dieser Welt

hat jemals so den Ruhm erhellt!

Ich sitze nun auf Petri Stuhl,

geführt durch meinen klugen Schul,

regiere Rom und Christenheit,

in aller Würde und Herrlichkeit!

Wer wagt es nun, mich anzuschau'n

und zu bezweifeln mein Vertrauen?

Ich bin das Haupt, der Herr, der Christ,

dem alles unterworfen ist!


(Ein Schatten senkt sich herab. Der Teufel tritt lautlos vor den Thron, unsichtbar für die Menge, und legt eine eiskalte Hand auf Juttas Schulter.)


DER TEUFEL (mit hohlem, spöttischem Lachen):

Ha, ha! Wie hoch hat sich geschwungen,

wer Satans Trug hat hold empfangen!

Du bist nun Papst, du bist der Herr,

doch deine Stunde kommt viel schwerer!

Der Hochmut hat den Sieg errungen,

jetzt bist du ewig mein bezwungen!

Die Natur bricht durch das falsche Kleid,

und Blut und Schande folgt der Zeit!


JUTTA (schreit plötzlich auf, erbleicht und greift an ihre Brust):

Weh mir! Was brennt in meinem Leib?

Welch Schmerz durchzuckt das schwache Weib?

Die Stunde schlägt, das Siegel bricht,

ich kann verbergen mich nun nicht!

O Erd’, öffne dich und verschling’ mich tief,

ehe der Spott mich ewig rief!


(Sie bricht vor dem Stuhl zusammen. Bestürzung im Volk, Schreie der Kardinäle.)


DER KARDINAL:

Hilf Himmel! Was geschieht allda?

Der Papst stürzt nieder – o weh, o da!

Ein Weib gebiert in heil'ger Statt?!

O Greuel, der die Welt besudelt hat!


(Ende der vierten Szene.)


Dramaturgischer Hinweis zur Vierten Szene:

In dieser Klimax des Dramas manifestiert sich der Sturz durch Hybris: Im Moment ihres absoluten Triumphs – der Erhebung zum Papsttum – bricht Juttas Verstellung jäh zusammen. Die göttliche und weltliche Ordnung bricht sich Bahn, und die Verführte wird vom eigenen Ehrgeiz und dem teuflischen Spiel zu Fall gebracht.


V


EIN SCHÖN SPIEL VON FRAU JUTTEN

Fünfte Szene: Der Sturz, das Ende und der Ausblick – Epilog

Personen der Szene:


JUTTA (sterbend oder tief demütig, abgelegt die päpstlichen Würden)


DER KARDINAL (fassungslos und streng)


DIE GEISTLICHEN UND DAS RÖMISCHE VOLK (erschüttert und betend)


LUCIFER und DER TEUFEL (im triumphierenden Chor)


(Die Szene zeigt den Ort des Zusammenbruchs. Die dreifache Tiara liegt im Staub. Jutta, gezeichnet vom Schmerz und der Erkenntnis ihrer Sünde, liegt auf den Stufen des Altars.)


DER KARDINAL:

O unfaßbarer, schwerer Schreck!

Die Larve fällt, die Schande deckt

nun nimmer Rom und Christenheit!

Ein Weib hat sich im Hochmut weit

erhoben auf den höchsten Stuhl

und trieb mit Gott ein frevel'sch Spiel!

Fort mit den Kleidern, fort die Pracht,

die uns in solche Schmach gebracht!


JUTTA (schwach, aber mit klarem Geist):

Ihr Väter Roms, ihr Brüder mein,

laßt ab von Zorn und hartem Schrein!

Ihr seht das End’ von eitler Kunst,

von falschem Ruhm und Teufels Gunst.

Ich wollt’ sein wie ein Gott auf Erd’,

hab’ höher gegriffen, als mir wert;

durch Wissenschaft und stolzen Sinn

fiel ich in Satans Netze hin.

Doch Gott, der in den Himmel wohnt,

hat meine Hybris hart belohnt.

Ich sterbe hier in Schand’ und Schmerz –

doch reuevoll bricht mir das Herz.

Barmherzigkeit, o Herr der Welt,

eh’ mich der Abgrund ganz entstellt!


(Sie sinkt zurück. Ihr Leben erlischt. Die Geistlichen stimmen ein Klagelied an.)


DER KARDINAL UND DAS VOLK (im Chor):

De profundis clamavi ad te, Domine!

Herr, höre uns in dieser Stund'!

Die Welt ist eitel, blind und rund,

wer hoch sich schwingt ohn' Demutsschritt,

den reißet stolzer Sturz zu Mittedrit!

Kyrie eleison. Christe eleison.


(Aus den Schatten treten Lucifer und Belial hervor, mit Triumphgetöse und Spott.)


LUCIFER:

Ha! Wieder eine Seele mein!

Sie dachte klüger als Gott zu sein,

sie wollte steigen himmelan

als stolzer Herr und kluger Mann.

Nun liegt sie da im Staube tot,

gefangen in der Hölle Not!

Wer wider Gottes Ordnung strebt

und sich in eitlen Hochmut hebt,

der endet stets in unserm Reich –

des Teufels Beute gleicht sich gleich!


EIN SPRECHER (vor den Vorhang tretend, direkt zum Publikum):

Ihr lieben Christen, groß und klein,

nehmt diese Historie zum Schein!

Laßt ab von Hochmut, falschem Trug,

wer höher greift, als ihm genug,

und meint, er könne Gott gleich sein,

der stürzt herab in ew'ge Pein.

Behaltet Maß in eurem Sinn,

dann führt euch Gott zum Himmel hin.

Dabei ein End’ genommen hat

das schöne Spiel von Frau Jutt' Tat!


(Ende des Spiels.)


Dramaturgischer Hinweis zum Finale:

Mit diesem Epilog schließt Dietrich Schernberg sein moralisches Lehrstück ab. Der Sturz der "Papstin Johanna" dient im spätmittelalterlichen Theater als warnendes Exempel gegen intellektuelle Hybris, weibliche Grenzüberschreitung und den Hochmut, der vor dem Fall kommt – eingebettet in die Heilsgeschichte zwischen irdischem Gericht und göttlicher Barmherzigkeit.



KOMMENTARE



Unterhaltung mit Gemini

schreibe zu Dietrich Schernberg, Ein Schön


Spiel von Frau Jutten - einen traditionell-katholische literaturkritik


Eine traditionell-katholische Literaturkritik zu Dietrich Schernbergs geistlichem Spiel Ein schön Spiel von Frau Jutten (entstanden um 1480) nähert sich dem Werk nicht aus heutiger emanzipatorischer oder rein ästhetischer Sicht, sondern misst es an den unverrückbaren Maßstäben der scholastischen Theologie, der Ekklesiologie (Lehre von der Kirche) und der christlichen Morallehre des späten Mittelalters und der Gegenreformation.


Im Zentrum dieses Dramas steht die legendäre Gestalt der „Päpstin Johanna“ (hier Frau Jutte genannt) – ein Stoff, der aus einer traditionell-katholischen Perspektive eine immense theologische und provokante Brisanz besitzt.


1. Das theologische Fundament: Der Sturz durch Hochmut (Superbia)

Aus Sicht der traditionellen katholischen Moraltheologie ist Schernbergs Drama in erster Linie ein exemplarisches Lehrstück über die Todsünde des Hochmuts (superbia) und den daraus resultierenden geistlichen Absturz.


Der intellektuelle Größenwahn: Jutte strebt nach Wissen, Bildung und geistlicher Macht, die zu ihrer Zeit und in der von Gott gewollten Ordnung (dem ordo) nicht für Frauen vorgesehen sind. Ihr Verlangen, Gelehrte zu sein und schließlich gar den Stuhl Petri zu besteigen, entspringt keinem echten rühmenswerten Eifer, sondern einer diabolischen Selbstüberhebung.


Die Verkehrung der Schöpfungsordnung: Der Eintritt in die Männerwelt und das Verkleiden als Mann (Cross-Dressing) ist nicht nur ein Bruch mit den bürgerlichen Konventionen, sondern ein Auflehnen gegen die göttliche Schöpfungsordnung. Die traditionelle katholische Ästhetik sieht in einer solchen Grenzüberschreitung eine fundamentale Unordnung, die unweigerlich ins Verderben stürzen muss.


2. Ekklesiologische Integrität und die „Päpstin“-Legende

Die historische und legendarische Figur der Päpstin Johanna war und ist für die katholische Kirchengeschichtsschreibung ein wunder Punkt (und wurde später vor allem im Zuge der Reformation von protestantischer Seite gerne gegen das Papsttum instrumentalisiert). Eine katholische Literaturkritik bewertet Schernbergs Bearbeitung hierbei differenziert:


Fiktionalität statt historischer Realität: Da die moderne und traditionelle Geschichtsschreibung die Existenz einer Päpstin Johanna längst als antiklerikale oder satirische Legende entlarvt hat, lässt sich das Stück nur als Moralallegorie und nicht als historische Wahrheit lesen.


Die Unantastbarkeit des Petrusamtes: Das Drama zeigt paradoxerweise – gewollt oder unbewusst –, dass das Sakrament und das Petrusamt durch menschliche Sünde zwar kompromittiert, aber in ihrer göttlichen Institution nicht dauerhaft zerstört werden können. Juttas betrügerisches Papsttum endet im katastrophalen Gericht: Die Sünde wird entlarvt. Aus katholischer Sicht siegt am Ende die Gerechtigkeit Gottes, die die Anmaßung bestraft und die Integrität der Kirche von diesem Schandfleck reinigt.


3. Das Motiv der fleischlichen Schwäche und die Beichte

Ein zentrales Moment des Dramas ist Juttas Fall durch die Sünde des Fleisches (sie wird schwanger und bringt während einer Prozession ein Kind zur Welt).


Das Weibliche als Symbol der Concupiscentia (Fleischlichkeit): In der mittelalterlichen, asketisch geprägten Frömmigkeit gilt die Frau oft als anfälliger für die niederen Gelüste. Juttas Verstrickung in die fleischliche Liebe entlarvt den hohlen Schein ihrer vermeintlichen intellektuellen und geistlichen "Männlichkeit". Der Schein heiliger Gelehrsamkeit bricht unter der Last der natürlichen, ungezügelten Begierde zusammen.


Die Rettung der Seele im Tod: Bemerkenswert aus katholischer Sicht ist das Ende des Werkes: Trotz ihrer monströsen Anmaßung (sich als Frau auf den Stuhl des Papstes zu setzen) erlangt Jutte am Ende – nach tiefer Reue und dem Eingreifen der Gottesmutter Maria oder Heiliger (je nach Fassung) – doch noch Gnade und Seelenheil. Hier zeigt sich die mütterliche Barmherzigkeit der Kirche und Gottes, die kein noch so tief gefallenes Geschöpf verdammt, wenn es echte Buße tut. Dies mildert die reine Strenge des moralischen Urteils durch die katholische Heilszuversicht.


4. Fazit der traditionellen Literaturkritik

Dietrich Schernbergs Ein schön Spiel von Frau Jutten ist aus traditionell-katholischer Sicht ein ambivalentes, aber letztlich rechtgläubiges (orthodoxes) Warnspiel.


Positiv gewertet wird die moralische Stoßrichtung: Das Stück führt eindringlich vor Augen, wohin Hybris, die Übertretung der gottgegebenen Geschlechterrollen und die Anmaßung geistlicher Ämter führen – nämlich ins Chaos und unter das Gericht Gottes. Es ist ein Drama gegen den Hochmut und für die Demut. 

GRIN Verlag


Kritisch bleibt aus Sicht strenger Kirchenlehrer allenfalls, dass der Stoff das Papsttum überhaupt mit einem solchen Schandfleck in Verbindung bringt, selbst wenn die Fiktion mit der Entlarvung und der göttlichen Bestrafung der Sünderin ein moralisch korrektes Ende findet.


Das Werk erweist sich damit als ein spätmittelalterliches Meisterwerk der Exempel-Dramatik: Es bedient sich einer schockierenden Fabel, um letztlich eine zutiefst konservative, sakramental und moralisch geordnete Weltordnung zu bestätigen.


Haben Sie spezifische Textstellen oder Aspekte (wie etwa die Rolle der Teufel im Spiel) im Blick, die in dieser Analyse noch vertieft werden sollen?


aus evangelisch-feministischer sicht


Aus einer evangelisch-feministischen Perspektive gelesen, öffnet sich bei Dietrich Schernbergs Ein schön Spiel von Frau Jutten ein völlig anderer, spannender Horizont. Während die traditionell-katholische Kritik das Werk als Warnung vor Hochmut (Superbia) und als Bestätigung der göttlichen Ordnung liest, sieht eine evangelisch-feministische Theologie und Literaturkritik in dem Stück ein faszinierendes subversives Zeugnis.


Das Drama wird hier zum Schauplatz eines Kampfes um weibliche Autonomie, dem Aufdecken patriarchaler Machtstrukturen und der theologischen Neubewertung von Körperlichkeit und Sünde.


1. Die Sehnsucht nach Bildung und Spiritualität als Widerstand gegen den Ausschluss

Aus feministischer Sicht ist Juttas Drang nach Wissen und ihr Aufstieg kein „verwerflicher Hochmut“, sondern ein legitimer Akt der Emanzipation in einer restriktiven, männerdominierten Welt.


Das Bildungsmonopol der Männer: Im späten Mittelalter war Frauen der Zugang zu Universitäten, wissenschaftlicher Bildung und theologischer Rede systematisch verwehrt. Juttas Entschluss, sich als Mann zu verkleiden (Cross-Dressing), ist aus dieser Sicht kein Betrug aus niederen Beweggründen, sondern die einzige strategische Möglichkeit, überhaupt an Bildung und geistlicher Autorität teilzuhaben.


Das Substantielle hinter der Maske: Paradoxerweise zeigt das Stück, dass Jutte hervorragend qualifiziert ist. Sie füllt das Amt des Papstes nicht schlechter aus als ihre männlichen Vorgänger – im Gegenteil: Sie beweist Intellekt und Handlungsfähigkeit. Das Drama entlarvt damit ungewollt das patriarchale System als Konstrukt: Wenn eine Frau als Mann verkleidet problemlos den Papst geben kann, zeigt dies, dass geistliche Kompetenz kein biologisches Vorrecht des Mannes ist.


2. Patriarchale Angst vor dem weiblichen Körper und der „Sündenfall“ der Schwangerschaft

Die Tatsache, dass Juttas Identität durch eine Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes während einer Prozession öffentlich aufgedeckt wird, birgt aus feministischer Sicht eine enorme symbolische und kritische Sprengkraft.


Die Instrumentalisierung des Körpers: Die mittelalterliche (und oft auch klerikale) Theologie stigmatisierte den weiblichen Körper und die Sexualität als Orte der Sünde und der Unreinheit (Concupiscentia). Schernbergs Stück führt Jutte genau an dieser Stelle zu Fall. Aus feministischer Sicht zeigt sich hier die Angst der patriarchalen Kultur vor der weiblichen Schöpferkraft (Mutterschaft): Die göttliche Schöpfung durch den Schoß einer Frau kollidiert mit dem elitären, sterilen Machtapparat der Kirche.


Das Trauma des öffentlichen Sturzes: Jutte wird nicht wegen theologischer Inkompetenz gestürzt, sondern wegen ihres natürlichen Körpers. Die öffentliche Bloßstellung und die Hatz auf die gebärende Frau spiegeln die jahrhundertelange gesellschaftliche Praxis wider, weibliche Autonomie und Sexualität zu kontrollieren und zu bestrafen.


3. Evangelische und feministische Gnaden- und Freiheitsdimension

Hier greift die spezifisch evangelische Komponente der feministischen Kritik, die sich von katholischen Leistungs- und Ämterstrukturen absetzt:


Freiheit von hierarchischen Zwängen: Die Reformation (und im Anschluss die evangelische Theologie) betonte das Priestertum aller Getauften und die Freiheit des Christenmenschen. Juttas Versuch, sich aus den engen Rollenmustern zu befreien, weist prophetisch über die starren Hierarchien des Mittelalters hinaus.


Das Ende als radikale Barmherzigkeit: Bemerkenswert ist, dass Jutte am Ende trotz allem nicht in der ewigen Verdammnis versinkt, sondern – oft durch die Fürsprache Marias oder durch Gottes unverdiente Gnade – gerettet wird. Aus feministischer Sicht bricht hier eine göttliche Solidarität durch, die stärker ist als das menschliche, richtende Kirchengericht. Gott sieht das Herz und die Not der Frau, während die patriarchal geprägte Institution Kirche nur nach formalen Gesetzen urteilt.


4. Fazit aus evangelisch-feministischer Sicht

Aus dieser Perspektive ist Dietrich Schernbergs Frau Jutten ein ambivalentes, aber im Kern protest- und emanzipationskulturgeschichtlich wertvolles Dokument:


Kritisiert wird die patriarchale Rahmung des Stoffes, die letztlich dafür sorgt, dass die ambitionierte Frau am Ende scheitern muss und ihre Befreiung nur über den Umweg der Maskerade und der Reue möglich ist. Das Stück bedient letztlich den Topos, dass Frauen, die nach Macht greifen, dafür bestraft werden.


Gewürdigt wird jedoch der Mut der literarischen Figur Jutte. Sie bricht die Tabus ihrer Zeit, fordert das Bildungsmonopol der Männer heraus und entlarvt das System von innen. Für eine feministische Theologie steht Jutte damit in der Tradition starker, suchender Frauen, die sich nicht mit den ihnen zugewiesenen engen Grenzen abfinden.


Welcher Aspekt interessiert Sie besonders – die Frage nach der weiblichen Identität und Maskerade oder das theologische Verständnis von Gnade am Ende des Stücks?


aus der sicht der göttin-spiritualität


Aus der Perspektive der Göttin-Spiritualität (Goddess Spirituality / Feminist Witchcraft / Matriarchale Theologie) wird Dietrich Schernbergs Ein schön Spiel von Frau Jutten zu einem geradezu mythologischen Drama. Es zeigt den tiefen Zwang und die Tragödie einer Kultur, die sich gewaltsam von der göttlichen Weiblichkeit abgeschnitten hat.


Während eine katholische Lesart Juttas Scheitern als göttliche Strafe für Hochmut feiert und eine feministisch-theologische es als feministischen Emanzipationsversuch in einer Männerkirche liest, sieht die Göttin-Spiritualität in Jutte eine Priesterin der Großen Göttin, die in einem exklusiv patriarchal-monotheistischen System gefangen ist und dort an dessen inneren Widersprüchen zerscheint.


1. Jutte als Archetyp der verdrängten Priesterin

In der Göttin-Spiritualität existiert die Vorstellung, dass Frauen von Natur aus mit den Zyklen des Lebens, der Intuition und dem schöpferischen Urgrund (der Großen Mutter) verbunden sind.


Die Maskerade als Entfremdung: Jutte muss sich als Mann verkleiden, um Zugang zu Wissen und spiritueller Autorität zu erhalten. Aus Sicht der Göttin-Spiritualität ist dieses Cross-Dressing ein Sinnbild für die jahrtausendealte Unterdrückung: Die weibliche Weisheit (die ursprüngliche Sophia) wurde von einer patriarchal geprägten Kirche entmachtet und unsichtbar gemacht. Frauen mussten die Identität des Unterdrückers annehmen, um überhaupt gehört zu werden.


Das wahre Gesicht des Papsttums: Dass Jutte eine hervorragende Päpstin abgibt, überrascht aus dieser Sicht keimwegs. Es verdeutlicht, dass die spirituelle Führung eigentlich eine ureigene weibliche Kompetenz ist, die das Patriarchat usurpieren musste, um seine weltliche Herrschaft zu sichern.


2. Der Körper als heiliger Tempel vs. die Verdammnis des Fleisches

Ein Kernstück der Göttin-Spiritualität ist die Heiligkeit des Körpers, der Sexualität und insbesondere der mütterlichen Schöpferkraft (Geburt und Fruchtbarkeit).


Das Aufbrechen des patriarchalischen Geflechts: Juttas Schwangerschaft und die Geburt während der Prozession werden aus dieser Sicht nicht als „Sündenfall“ oder Schwäche interpretiert, sondern als das Durchbrechen der göttlichen Wahrheit durch eine sterile, lebensfeindliche Männerordnung. Der weibliche Körper lässt sich nicht dauerhaft leugnen oder hinter Gewändern verstecken.


Das Sakrament der Geburt: Während die Kirche die Geburt als unrein oder als Beweis für fleischliche Sünde (Concupiscentia) wertet, feiert die Göttin-Spiritualität die Geburt als den ultimativen schöpferischen Akt. Juttas Sturz auf offener Straße vor den Augen der Öffentlichkeit ist symbolisch der Moment, in dem die Erdbedingtheit und die schöpferische Urkraft des Weiblichen die künstliche, weltfremde Männerhierarchie sprengen.


3. Der Teufel, die Dämonisierung und die Hexenverfolgung

Schernbergs Drama ist zeitlich (um 1480) nah am Beginn der großen europäischen Hexenverfolgung und dem Weltbild des Malleus Maleficarum (Hexenhammer) verortet.


Die Angst vor der mächtigen Frau: Die Figur der Päpstin Johanna (Jutte) verkörpert im patriarchalen Unterbewusstsein genau die Angst vor der „bösen, mächtigen Frau“, die die gottgegebene Ordnung unterwandert. Aus Sicht der Göttin-Spiritualität projiziert das Patriarchat seine eigene Angst vor der weiblichen Macht in Form von Teufelspakten und Täuschung auf die Frau.


Die Unterdrückung der Schamanin: Jutte erinnert an den archaischen Typus der Seherin, Priesterin oder weisen Frau (Heilerin/Schamanin), die im christlichen Mittelalter als Teufelsanbeterin oder Betrügerin verfolgt werden musste, weil ihr spiritueller Zugang zur Natur und zum Kosmos die absolute Deutungsmacht der kirchlichen Dogmen bedrohte.


4. Das Ende: Die Rückkehr zur Großen Mutter

Wie wird das Ende des Stücks – Juttas Buße und ihre vermeintliche Rettung – in der Göttin-Spiritualität gedeutet?


Die unbezwingbare mütterliche Barmherzigkeit: Wenn Jutte am Ende trotz ihres „frevelhaften“ Aufstiegs gerettet wird (oft vermittelt durch die Gottesmutter Maria), sieht die Göttin-Spiritualität darin das Fortbestehen des älteren, mütterlichen Urprinzips innerhalb oder neben dem strengen christlichen Vatergott. Maria fungiert hier als die verdeckte, mildtätige Facette der Großen Göttin, die ihre Tochter trotz der harten Strafen des Patriarchats in die Arme schließt.


Der ewige Kreislauf: Selbst wenn Jutte physisch scheitert oder stirbt, bleibt ihre Botschaft bestehen: Die Wahrheit lässt sich nicht dauerhaft einsperren. Der Mythos der Päpstin Johanna ist für die Göttin-Spiritualität ein subversives Trauma des Patriarchats, das unbeabsichtigt die unzerstörbare Macht des Weiblichen überliefert hat.


Welcher Aspekt dieser mythologischen und körperbezogenen Deutung spricht dich am meisten an – die Symbolik der Geburt als Sprengung des Systems oder Jutte als verhüllte Priesterin der Großen Göttin?


aus der sicht der sophien-theologen


Aus der Sicht der Sophien-Theologie (einer Strömung der feministischen Theologie, die sich auf das biblische Motiv der göttlichen Weisheit – Sophia – konzentriert) wird Dietrich Schernbergs Ein schön Spiel von Frau Jutten zu einem tiefgründigen Gleichnis über die Vertreibung, Unterdrückung und heimliche Wiederkehr der göttlichen Weisheit in einer von Dogmen erstarrten Welt.


In der Sophien-Theologie verkörpert Sophia den schöpferischen, lebensspendenden, immanenten Aspekt Gottes, der Bildung, Gerechtigkeit und Gemeinschaft stiftet. Das Drama liest sich aus dieser Brille wie ein theologisches Traktat darüber, wie das Patriarchat die Weisheit einsperren will – und wie sie sich dennoch ihren Weg bahnt.


1. Jutte als Inkarnation der verkannten Sophia (Göttliche Weisheit)

In den biblischen und apokryphen Traditionen (wie dem Buch der Weisheit oder den Sprüchen Salomos) ruft Sophia auf den Plätzen, sucht nach Schülern und drängt auf Erkenntnis.


Das Verlangen nach Bildung: Juttas Durst nach Wissen ist kein sündhafter Hochmut (Superbia), sondern der Ruf der Sophia, die nach Ausdruck in der Welt sucht. Sie will lernen, verstehen und das Leben ordnen.


Die Maskerade als Exil: Dass Jutte sich als Mann verkleiden muss, um auf den Stuhl Petri zu gelangen, spiegelt die Theologie der verdrängten Weisheit wider: In einer rein hierarchischen, von Männern dominierten Amtskirche hat die weibliche Weisheit keinen legalen Platz. Sie muss sich verstellen, unsichtbar machen oder die Maske des Systems annehmen, um überhaupt gehört zu werden.


2. Das Papsttum als Ort der Sophia-Entfremdung

Eine sophien-theologische Kritik blickt kritisch auf die Institution des Papsttums im Stück:


Kompetenz ohne Dogma: Jutte regiert als Papst nicht durch Gewalt oder rein weltliche Willkür, sondern durch Urteilskraft, Weisheit und Gerechtigkeit. Das Stück zeigt unabsichtlich: Das ist es, was ein geistliches Amt eigentlich ausmachen sollte – Weisheit (Sophia).


Die Sterilität des reinen Männer-Apparats: Die Institution bricht nicht an theologischen Fehlern Juttas zusammen, sondern an ihrem lebendigen, fleischlichen Körper. Aus Sicht der Sophien-Theologie ist die Kirche ohne Sophia (ohne das mütterlich-schöpferische Prinzip) ein totes, rigides Gefüge, das die Lebendigkeit des Geistes und des Körpers fürchten muss.


3. Der Körper, die Geburt und die Schöpfung

Die Szene, in der Jutte während der Prozession ein Kind zur Welt bringt, ist in der Sophien-Theologie der dramatische Höhepunkt:


Immanenz statt Jenseits-Verstiegenheit: Während das scholastische Christentum den Geist vom Fleisch trennen will und den Körper als sündhaft verdammt, steht Sophia für die Heiligkeit der Schöpfung im Hier und Jetzt.


Die Geburt als Offenbarung: Die Entbindung auf offener Straße ist keine Strafe Gottes, sondern das Durchbrechen der göttlichen Wahrheit in die sterile Männerwelt. Das neue Leben, das aus dem Schoß der Frau hervorgeht, entlarvt die künstliche Maskerade der Macht als hohl. Die göttliche Weisheit ist eben nicht totzukriegen – sie gebiert sich mitten im Zentrum des Machtapparats neu.


4. Das Ende: Die Versöhnung und das Überleben der Weisheit

Die Rettung durch Gnade: Dass Jutte am Ende trotz des öffentlichen Sturzes und der Anfeindungen gerettet wird, zeigt aus sophien-theologischer Sicht: Gottes Barmherzigkeit ist unendlich viel größer als das richtende Gesetz der Kirchenmänner. Die göttliche Weisheit verzeiht sich selbst, weil sie die menschliche Schwachheit und das Ringen um Wahrheit versteht.


Ein unbequemes Erbe: Das Drama hinterlässt eine tiefe subversive Botschaft: Die patriarchale Kirche mag die Frau auf dem Stuhl Petri stürzen und die Ordnung scheinbar wiederherstellen – aber der Mythos bleibt. Er zeugt davon, dass Frauen immer schon die geistliche Führung innehatten und dass die Unterdrückung der Weisheit nur eine Episode in einer Geschichte ist, die auf Befreiung drängt.


Spricht Sie an dieser sophien-theologischen Deutung eher der Aspekt der göttlichen Weisheit als verkanntem Bildungsdrang an oder die Heiligkeit des Körpers, die das starre System sprengt?