Eine Tragödie in fünf Akten
von Torsten Schwanke
PERSONEN:
GEORG „GIRGL“ JENNERWEIN, Wildschütz und Rebellenfigur
JOSEF PFÖDERL, königlicher Jäger und Girgls ehemaliger Kriegskamerad
VRENI, eine junge Kellnerin
DORFBEVÖLKERUNG / RECHTLER
AKT 1: DER UNGEZÄHMTE REBELL
Szene 1: Im Wirtshaus (Die Provokation)
Ort: Ein belebtes, verrauchtes Wirtshaus in Schliersee. Es ist Abend. Die Stimmung ist ausgelassen, Krüge knallen auf die Holztische. In der Mitte steht Jennerwein, ein Glas in der Hand, sichtlich der König des Abends.
(Girgl steht auf einer Bank, die Dorfbevölkerung johlt ihm zu. Er singt mit kräftiger Stimme ein Spottlied.)
GIRGL
(singt)
„Und a Wildschütz bin i, und des herzt mi so server,
genga d' Jager mir nach, nacha lach i bloß drüber!
Dem Kini sei Wild ghört am Bauern sei'm Feld,
weil der Herrgott d’ Natur für uns alle gstellt!“
(Lautes Gelächter und Beifall im Wirtshaus. Die Bauern klopfen auf die Tische.)
ALTER BAUER
Recht hast, Girgl! Bring uns des Fleisch, bevors die Herren in München beim Bankett verfressen! Bei uns dahoam schaun die Kinder in d' Röhren, und im Wald verfault d’ Pracht.
GIRGL
(springt von der Bank, klopft dem Bauern auf die Schulter)
Keine Sorg, Vaterl. Solang mei Büchs trifft und der Nebel am Fockenstein steht, hungert mir kein Einziger im Thal. Des Wild ghört dem, der d' Müh hat, ned dem, der den Zettel mit dem Siegel drauf hält. Vreni! Schenk ein, für alle! Auf d' Freiheit!
VRENI
(bringt die Krüge, schaut ihn besorgt an)
Girgl, mach ned so laut. Du weißt ganz genau, wer da draußen rumschleicht. Reiz den Teufel ned, wennst ihn ned füttern willst.
GIRGL
(lacht)
Sollen’s nur kommen, die Staatsdiener mit ihre grünen Röck’! Die stolpern ja schon über d' Wurzeln, bevor’s überhaupt mei’ Fährten riechen.
(Die schwere Wirtshaustür fliegt auf. Kühle Nachtluft dringt ein. Josef Pföderl tritt in die Stube. Er trägt die Uniform des königlichen Jägers, das Gewehr geschultert. Schlagartig verstummt das Lachen. Nur das Klirren eines Kruges ist noch zu hören.)
PFÖDERL
(bleibt an der Tür stehen, blickt kalt in die Runde)
A sauberes Gsindl g’sellt sich da wieder z’amm. Da herrin riecht’s ja schon meilenweit nach Pulver und Verrat.
GIRGL
(dreht sich langsam um, grinst provokant)
Schau an, der Pföderl Jappl. Hast dei’ Herrschafts-G’sicht aufgesetzt? Setz di her, trink a Maß. Vielleicht weicht des bisserl Amtsstuben-Gift aus deiner Seel.
PFÖDERL
(tritt langsamen, schweren Schrittes auf Girgl zu)
Mit Dieben trink i ned, Jennerwein. Und schon gar ned mit ehrlosen Hund’, die im Dunkeln das Recht mit Füßen treten. Du glaubst, du bist a Held, weil d’ den armen Leut’ die Reste hinwirfst? Du bist a Wilddieb, nix anders. Ein Verbrecher vor dem Gesetz und vor Gott.
GIRGL
(wird ernster, die Stimme wird tiefer)
Vor Gott, Jappl? Mach di ned lächerlich. Wir sind im Krieg g’wesen, nebeneinander im Schlamm g’legen. Da hast g’sehn, was das Leben wert ist, wenn die Obrigkeit es verheizt. Und jetzt spielst di auf als der große Richter? Das Wild im Wald kennt kein’ König und kein’ Jägermeister. Es ghört der Erde.
PFÖDERL
Wir haben einen Eid g’schworen, Girgl! Damals beim Regiment – und i hab ihn auch jetzt g’schworen, auf d' Kronen. Es gibt a Ordnung auf der Welt. Ohne Gesetz gäb’s nur noch Raub und Totschlag. Du bringst den Unfrieden ins Thal. Du vergiftest die Köpfe von den Leut’!
GIRGL
(tritt ganz nah an Pföderl heran, Auge in Auge)
I bring den Leut’ was zu beißen, Pföderl. Du bringst ihnen nur Zettel, Strafen und den Kerker. Wer von uns zwei hat jetzt die Ehr’ verloren? Du hast dei’ Freiheit gegen einen grünen Rock und a paar silberne Knöpf’ verkauft.
PFÖDERL
(greift instinktiv nach dem Riemen seines Gewehrs, zitternd vor Zorn)
Halt dei’ Frech’s Maul, Jennerwein! I warn di. Der Krug geht so lang zum Brunnen, bis er bricht. Du spottest über d' Jäger, du tanzt uns auf der Nasn rum. Aber merk dir eins: Da draußen im Revier, im tiefen Holz, da gilt kein Wirtshaus-G’schwätz. Da gilt nur das Auge und die Kugel.
GIRGL
(schaut ihm furchtlos mitten ins Gesicht)
Dann schau gut hin, Jappl, wennst mi das nächste Mal triffst. Ned, dass d’ vor lauter Angst das Zielen vergisst.
PFÖDERL
(schaut in die Runde der schweigenden Bauern, dann fixiert er Girgl wieder)
Der Tag wird kommen, Girgl. Und er ist näher, als du glaubst. Der Stolz kommt vor dem Fall. Gott g’nade dir, wenn i di am Berg erwisch.
(Pföderl dreht sich abrupt um und verlässt mit schweren Schritten das Wirtshaus. Die Tür fällt krachend ins Schloss. Eine schwere, unheimliche Stille bleibt zurück.)
VRENI
(leise, bricht das Schweigen)
Girgl... das war d’ Vorbot’ vom Tod. Der meint es ernst.
GIRGL
(schüttelt den Ernst ab, hebt trotzig sein Glas)
Soll er! Wer Angst hat vorm Sterben, der darf ned auf d' Welt kommen! Musikanten, spielt’s auf! Uns ghört die Nacht!
(Die Musik setzt zögerlich wieder ein, doch der Schatten des drohenden Konflikts hängt schwer im Raum.)
Szene 2: Das Liebesdreieck
PERSONEN:
GEORG „GIRGL“ JENNERWEIN
AGATHE, seine heimliche Geliebte und Mutter seines Kindes
JOSEF PFÖDERL, im Hinterhalt
Ort: Vor Agathes kleiner, wettergegerbter Holzhütte am Waldrand, hoch über dem Schliersee. Im Hintergrund ragen die finsteren Silhouetten der Berge auf. Es ist Nacht; der Mond bricht sich schwach durch das Geäst der Tannen.
(Agathe steht unruhig vor der Tür, zieht sich ein wollene Tuch enger um die Schultern. Sie horcht in die Nacht. Ein leises Knacken im Unterholz ist zu hören. Girgl tritt lautlos aus dem Schatten des Waldes heraus, die Büchs über der Schulter.)
AGATHE (atmet erleichtert auf, läuft zwei Schritte auf ihn zu, bremst sich aber besorgt) Girgl! Um Gottes Willen, i hab dacht, sie haben di dawischt! Jedes Mal, wenn der Wind im Kamin pfeift, glaub i, es ist a Schuss g’wesen.
GIRGL (stellt seine Büchs an die Hüttenwand, nimmt sie sacht in die Arme) Geh, Deandl. So schnell derschlagen mi die Jager ned. Der Nebel liegt so dick im Hang, da sieht keiner die eigene Hand vor Augen – geschweige denn den Jennerwein. Wie geht’s dem Kleinen?
AGATHE (schaut zu Boden, weicht seinem Blick ein wenig aus) Er schlaft. Ganz ruhig. Er schaut dir ähnlich, Girgl... wenn er die Stirn so in Falten legt im Traum. Aber mir schnürt es d' Kehl’n z’amm, wenn i ihn anschau. I frag mi jeden Tag, ob er seinen Vater überhaupt kennenlernen darf, oder ob er als Waisenkind aufwachsen muss.
GIRGL (streicht ihr sanft über die Wange) Red ned so a Schand, Agathe. Mir fehlt nix. I bin frei wie der Adler am Himmel.
AGATHE (packt ihn heftig am Hemd) Frei? Das ist kein’ Freiheit, Girgl! Das ist a ständiges Davonlaufen! Der Pföderl Josef war heute Nachmittag da. Er hat nach dir g’fragt. Er hat auf den Tisch klopft und g’sagt, er weiß ganz genau, dass du dahoam bei mir ein- und ausgehst. Seine Augen... Girgl, seine Augen waren ned die eines Jägers, der seine Pflicht tut. Da war reiner Hass drin.
GIRGL (lacht kalt auf) Der Pföderl! Dem hab i erst vorhin im Wirtshaus d' Meinung g’sagt. Der soll nur kommen mit seiner Amts-Macht. Der traut sich ned an mi ran, solang der Tag hell ist.
AGATHE (flehend, mit Tränen in den Augen) Du verstehst es ned! Er liebt mi, Girgl. Er hat mi umworben, bevor du kommen bist. Und jetzt sieht er, dass i dir alles g’ben hab, was er sich gewünscht hat: mei Herz, mei Treu und unser Kind. Er wird di vernichten, ned wegen dem Wild im Forst – sondern weil du ihm mei Lieb g’stohlen hast! I bitt di inständig, lass das Wildern sein. Such dir ehrliche Arbeit im Thal. Tu es für mi, tu es für unsern Buam!
GIRGL (schaut starr in die Nacht, sein Gesicht verhärtet sich) I kann ned anders, Agathe. Versteh das doch. Im Thal, da erstick i. Da riecht alles nach Steuer, nach Zetteln und nach der Knute von den Herren in München. Wenn i im Wald steh, auf’m Gipfel, und den Hirsch im Visier hab... da spür i erst, dass i leb. Lieber sterb i jung als freier Mann, als dass i im Alter in einer engen Stuben verkümmer.
AGATHE (weint leise) Und was wird aus mir, wenn’s di derschlagen? Dann hab i keinen Mann, der Bub keinen Vater, und das ganze Dorf zeigt mit dem Finger auf die Wildschützen-Hur! Ist dir dein Stolz wirklich mehr wert als wir zwei?
GIRGL (schweigt einen langen Augenblick, sichtlich getroffen. Er nimmt sie fest in den Arm) Geh rein, Agathe. Es wird kalt. I muss weiter, bevor der Morgen graut. Aber i versprech dir... i pass auf mi auf.
(Er drückt ihr einen Kuss auf die Stirn, nimmt seine Büchs und verschwindet so lautlos, wie er gekommen ist, im dichten Tann. Agathe schaut ihm verzweifelt nach, bekreuzigt sich und geht langsam zurück in die Hütte. Die Tür schließt sich.)
(Die Bühne bleibt für einen Moment leer, nur der Wind weht. Dann bewegt sich ein schwerer Schatten hinter einer dicken Fichte auf der linken Seite. Josef Pföderl tritt langsam ins Mondlicht. Er hat sein Gewehr fest umklammert. Sein Gesicht ist vor Eifersucht und Zorn verzerrt.)
PFÖDERL (leise, mit bebender Stimme) Da steht er... bei ihr. Hält sie im Arm, küsst sie. Und sie weint um ihn, als wär er der Heiland persönlich. Mir hat sie keinen einzigen Blick g’schenkt. Nur Kälte, nur Verachtung hab i g’erntet, seit der Jennerwein im Thal den großen Rebellen spielt.
(Er hebt langsam sein Gewehr, zielt in die Richtung, in die Girgl verschwunden ist, senkt es dann aber wieder zitternd.)
PFÖDERL (weiter) Nein... noch ned. Ned hier, vor ihrer Haustür. Sie darf nie wissen, dass i es war. Aber du wirst dei' Grab finden, Girgl. Da draußen auf d' Bergen, wo kein Richter dir hilft und kein Gesetz di schützt. Mei’ Ehr’, mei’ Lieb... alles hast mir g’nommen. Das zahlst mir heim mit dei’m Blut!
(Er tritt zurück in den tiefen Schatten des Waldes. Der Wind schwillt an.)
Akt 2: Das Netz zieht sich zu
Szene 1: Die Jagdstrategie
Ort: Das Forstamt. Ein kahler Raum, an den Wänden hängen Geweihe, Forstkarten und ein strenges Porträt des Prinzregenten.
Personen: Der Oberförster, Jäger Pföderl.
(Der Oberförster geht mit schweren Schritten auf und ab. Er hält einen amtlichen Brief in der Hand, den er wütend auf den massiven Eichentisch knallt. Pföderl steht stramm, den Hut in der Hand, die Stirn in Falten.)
Oberförster: (schreit fast) Kruzitürken noch einmal, Pföderl! Mir platzt der Kragen! Schau dir das an, das Schreiben von der königlichen Generaldirektion aus München! Sogar da drom lacha’s uns scho aus! Der Jennerwein tanzt uns auf der Nasn rum, als gäb’s in ganz Oberbayern koa Gsetz und koan Anstand mehr. Gestern habn’s wieda an Sechsender gfundn, sauber ausgwaidat, direkt hinta der Risserkogel-Hüttn. Das war er, das is sei Handschrift!
Pföderl: (verbissen, leise) Ich weiß, Herr Oberförster. Der Hundling is gerissen. Er kennt jeden Schleichweg, jeden Gamssteig. Bei Nacht und Nebel findt der Kerschbaumer Girgl Wege, wo koa normaler Mensch unfallfrei geh ko.
Oberförster: (bleibt direkt vor Pföderl stehen, deutet mit dem Zeigefinger auf dessen Brust) Ausredn! Nix als faule Ausredn! Ich will koa Gejammer über Steige und Nebel hern! Du bist der Jäger, verdammt noamal! Du wirst dafür zahlt, dass der Wald sauber bleibt. Aber stattdessen lasst du dich von so am windign Wildschütz vorführen wie a Lausbua.
Pföderl: (beißt die Zähne zusammen) Ich dua, was ich ko. Ich bin Tag und Nacht draußn...
Oberförster: (unterbricht ihn scharf) Dann dua gfeid mehr! Ich sag dir jetz was, Pföderl, und das is mein letztes Wort: Wenn der Jennerwein bis zum End vom Monat net in Ketten liegt – oda zumindest so hergricht is, dass er nia mehr a Gwehr anreißt –, dann bist du die längste Zeit königlicher Jäger gwen. Dann kannst dei Packl schnürn und deppat in die Gamsgassn schaun. Ich schmeiß dich naus, hast das verstanden? Ohne Zeugnis, ohne Ehr!
Pföderl: (wird bleich, seine Stimme zittert vor unterdrücktem Zorn) Herr Oberförster... das könnens net machn. Mein ganzes Lebn hängt an dem Rock!
Oberförster: (kalt) Mein Posten hängt auch dran. Und mein Ruf is mir heiliger als dei Existenz. Entweder er fallt, oda du fliegst. Such dir’s aus. Schluß mit der Gemütlichkeit. Reiß eam die Maskn vom Gsicht, stell eam a Fahnl, treib eam in die Enge, mir is jedes Mittel recht. Hauptsach, der Wildschütz is gschicht! (Er dreht sich um und rauscht mit wehendem Rocktrachtenjanker durch die schwere Holztür ab.)
(Pföderl bleibt allein zurück. Er starrt starr auf die geschlossene Tür, seine Hand ballt sich so fest um den Jagdhut, dass der Filz knackt. Er atmet schwer, geht langsam zum Fenster und schaut hinauf zu den Bergen.)
Pföderl: (zischend, zu sich selbst) Nauswerfn will er mich... wegn dem Hund. Wegn dem ehrlosen Bettler. (Er schlägt mit der Faust auf das Fensterbrett) Nein! Den Gfalln dua ich dir net, Jennerwein. Es reicht. Es hat lang gnuag ghoaßn, der Jennerwein is der Schönere, der Mutigere, der, den die Madln meng. Aber jetz geht’s um mei Haut. Jetz geht’s um alles.
(Er geht zum Gewehrschrank, schließt ihn mit einem lauten Ruck auf und nimmt seinen Stutzen heraus. Er streicht über den Lauf.)
Pföderl: Du hast di oft gnuag versteckt, Girgl. Du hast glaubt, der Berg ghört dir allein. Aber jetz werd der Wald eng für dich. Ich jag dich net mehr nur im Namen vom König... jetz jag ich dich für mich. Und wenn ich dich am Risserkogel stell, dann gnad dir Gott, Jennerwein. Weil ich dua’s nimmer.
(Er schultert das Gewehr mit einem grimmigen Lächeln, setzt den Hut auf und geht mit entschlossenen Schritten ab.)
Szene 2: Der Schwur im Wald
Ort: Eine tiefe, düstere Waldlichtung bei Nacht. Das Mondlicht fällt spärlich durch das dichte Geäst der Tannen. Im Hintergrund rauscht leise ein Gebirgsbach.
Personen: Georg „Girgl“ Jennerwein, Hias (sein treuer Jagdkamerad).
(Jennerwein sitzt gelassen auf einem umgestürzten Baumstamm und reinigt im fahlen Mondlicht den Verschluss seines Stutzens. Neben ihm liegt ein bereits erlegter Gamsbock. Hias steht unruhig daneben, blickt sich immer wieder suchend nach allen Seiten um und lauscht auf jedes Knacken im Holz.)
Hias: (leise, drängend) Girgl, mach voran, verdammt noamal! Pack mer’s. Das Pflaster da drom wird heiß. Mir gfoallt das gar net, dass mer so nah an der Forsthüttn vorbeiganga sind. Das Federl vom Gams schaut scho fast gspenstig raus im Mondlicht.
Jennerwein: (lacht leise und unbeschwert, ohne von seiner Arbeit aufzusehen) Geh weiter, Hias, mach dir net ins Hemd. Der Forstwart schlaft scho lang den Schlaf der Gerechten, und die Buam vom Amt huckn beim Bier im Wirtshaus. Wer soll uns denn segn? Der Mond is unsa bester Freund, der verrat uns net.
Hias: (schüttelt den Kopf, tritt näher an ihn heran) Du unterschätzt die Gschicht, Girgl! Diesmal is anders. Ich hab heut Nachmittag unten im Dorf den Pföderl gsegn. Der hat an Blick drauf ghabt, sag ich dir... wie a ghetzter Wolf. Der schäumt vor Wut. Im Wirtshaus habn’s erzählt, dass eam der Oberförster die Hölle heiß gmacht hat. Wenn er dich net bald erwischt, fliegt er aus’m Dienst. Der Pföderl hat nix mehr zu verliern, Girgl. Der schießt jetz ohne zu froagn!
Jennerwein: (steckt den Verschluss wieder in die Waffe, lässt ihn mit einem satten Klicken einrasten) Der Pföderl? (er schnaubt verächtlich) Vor dem hab ich koa Angst, Hias, und das gwiß net. Der trifft ja auf zehn Schritt koa Scheunentor, wenn er nervös is. Soll er nur kemma, der königliche Sesselhocker.
Hias: (greift Jennerwein fest an der Schulter) Girgl, horch mir zu! Das is koa Spaß mehr! Das is nimmer das alte Katz-und-Maus-Spiel, wo mer sich gegenseitig an Schnupftabak anbietet, wenn mer sich im Unterholz trifft. Der Pföderl hat an puren Hass auf dich. Weil die Madln dir nachlaufen und net eam. Weil die Leit im Tal über eam lacha und dich feiern. Der sucht net die Gsetzmäßigkeit, der sucht dei Blut! Weich eam aus, Girgl. Geh a Zeitl rüba ins Tirolerische, bis sich der Rauch verzogn hat.
Jennerwein: (steht langsam auf, schultert den Stutzen und sieht Hias direkt in die Augen; seine Stimme wird ernst, aber bleibt felsenfest) Ins Tirolerische? Ich? Vor dem Pföderl davonlaffa? Niemals, Hias. Eher friert der Schliersee im Hochsumma zu. Die Berg da drom, die ghern net dem König und net dem Oberförster. Die ghern dem, der den Mut hat, naufzugeh.
Hias: Du bist stur wie a Panzer! Er wird dich hinterrücks derschießen, Girgl! Von hint, aus’m Hinterhalt, wo du koa Chance hast.
Jennerwein: (schlägt sich lachend auf die Brust) Geh her, Hias! Schau mich an. Mich trifft koa Kugel! Das Gwehr, das mich derschießt, das muss erst noch schmiedet wern. Ich hab mein Schwur do drom auf’m Gipfel gleistet: Ich weich koam Jäger aus, und dem Pföderl scho glei dreimal net. Wenn er meint, er muss den Jaga spuin, dann soll er’s probiern. Aber er wird merkgn, dass der Jennerwein a zäher Brocken is.
Hias: (seufzt schwer) Du rennst in dein Untergang, Girgl. Ich spür’s im Kreuz. Das nimmt koa guats End.
Jennerwein: (packt den Gamsbock bei den Läufen und wirft ihn sich mit einer kraftvollen Bewegung über die Schultern) Jeds Lebn hat a End, Hias. Aber bis dahin leb ich, wie’s mir gfoallt – frei und ohne Herrn über mir. Pack dei Gwehr, und jetz gemma. Die Nacht is kurz, und der Berg ruaft uns.
(Jennerwein geht mit großen, sicheren Schritten voran in die Dunkelheit des Waldes. Hias schaut ihm einen kurzen, besorgten Moment hinterher, schüttelt den Kopf, entsichert seine Waffe und folgt ihm schweigend.)
Akt 3: Der Tag der Entscheidung
Szene 1: Die Vorahnung
Ort: Agathes kleine Stube. Es ist der frühe Morgen des 6. November 1877. Das Licht ist noch dämmrig und grau, eine einsame Kerze brennt auf dem hölzernen Tisch.
Personen: Georg „Girgl“ Jennerwein, Agathe.
(Jennerwein steht am Tisch und überprüft ein letztes Mal seine Ausrüstung. Er füllt Pulver und Blei um. Agathe sitzt auf der Eckbank, hält eine Tasse Tee mit beiden Händen, rührt sie aber nicht an. Ihre Augen sind verweint und starr auf Girgl gerichtet.)
Agathe: (mit zitternder Stimme) Geh net nauf, Girgl. Ich bitt dich inständig, bleib heut da. Geh net auf’n Rinnerspitz. Ich hab die ganze Nacht koa Auge zua gaocht. Mir is so schwa im Herz, als läg a Grabstoa drauf.
Jennerwein: (schmunzelt leise, ohne die Arbeit zu unterbrechen) Geh, Agathe, schau raus, der Tag wacht grad auf. Der Himmel is klar, a bisserl Reif liegt auf den Wiesn – das is das beste Jagerwetter, das mer sich nur wünschen ko. Die Gamsn stehn heut guat im Hang.
Agathe: (steht hastig auf, tritt zu ihm und packt ihn am Ärmel) Du horchst mir net zu! Es geht net um die Gamsn, Girgl! Ich hab gschlaft für a Stund und hab traumt von dir. Du bist im Schnee glegn, und das ganze Weiß war rot vor Blut. Und der Pföderl is danebngstandn und hat glacht... so grausam glacht. Das war koa normaler Traum, das war a Warnung!
Jennerwein: (legt die Hand sanft auf ihre Wange) Träume sind Schäume, Madl. Der Pföderl schlaft jetzt no fest in seim warmen Bett und traut sich bei der Kältn eh net raus. Mach dir koa Sorgn. Ich kenn den Rinnerspitz in- und auswendig. Mir passiert nix.
(Jennerwein dreht sich um, um seine Jagdtasche von der Wand zu nehmen. Dabei streift er unglücklich mit dem Gewehrlauf das kleine, hölzerne Kruzifix, das neben der Tür im Herrgottswinkel hängt. Das Kreuz stürzt zu Boden und bricht mit einem harten Knacken genau in der Mitte entzwei.)
Agathe: (stößt einen hellen Schrei aus, schlägt die Hände vors Gesicht) Um Gottes willen! Das Kreuz... es is brochn! Jesus Maria, das is das Zeichen! Girgl, das bedeutet den Tod!
Jennerwein: (erschrickt für einen kurzen Augenblick, fängt sich aber sofort wieder. Er bückt sich und hebt die beiden Holzteile auf) Geh weiter... das war bloß a Ungschicklichkeit von mir. Der Nagel war halt alt und rostig. Das leim ich dir wieder, wenn ich herunt bin.
Agathe: (fällt vor ihm auf die Knie, tränenüberströmt, und klammert sich an seine Beine) Nein, nein, nein! Du leimst gar nix mehr, wenn du heut gehst! Der Herrgott hat sich abgwandt von dir, Girgl! Bleib da, ich fleh dich an! Wenn dir dei eignes Lebn nix wert is, dann denk an mich! Was soll ich denn tun ohne dich auf der Welt?
Jennerwein: (sieht sie mitleidig an, aber sein Gesicht verhärtet sich; der Stolz bricht durch. Er löst vorsichtig, aber bestimmt ihre Hände) Agathe, hör auf gfeid. Ich bin a freier Mann. Ich hab mich nia vor am Menschen beugt und ich fang gwiß net an, mich vor am zerbrochnen Holzstückl zu verbeugn. Wenn ich heut dahuck, aus Angst vor am Traum oda am Omen, dann hab ich scho verlorn. Dann bin ich nimmer der Jennerwein.
Agathe: (schluchzt laut auf) Dei Stolz wird dei Verderbn sein! Du liebst dei Freiheit mehr als mich!
Jennerwein: (schultert den Stutzen, setzt den Hut auf und tritt zur Tür) Ich muss gehn, Agathe. Der Berg duldet koan Aufschub. Ein Jaga, der Angst kriegt, verliert sein Blick. Vertrau mir einfach. Am Abend bin ich wieder da, und dann bring ich dir den schönsten Gamsbart mit, den’st je gsegn hast. Pfiat di Gott, Agathe.
(Er dreht sich um und geht schnellen Schrittes hinaus in die Morgendämmerung. Die Tür fällt mit einem schweren Schlag ins Schloss.)
Agathe: (bleibt allein auf dem Boden sitzen, starrt auf die zerbrochenen Teile des Kreuzes in ihrer Hand; flüsternd) Pfiat di Gott, Girgl... gnad dir Gott. Weil die Welt tut’s nimmer.
(Das Licht auf der Bühne wird langsam dunkler, bis nur noch die einsame Kerze auf dem Tisch brennt, die schließlich flackernd erlischt.)
Szene 2: Die Begegnung am Berg
Ort: Am Rinnerspitz. Ein karges, felsiges Berggelände über der Baumgrenze. Felsbrocken und spärliches, vom Reif überzogenes Gras prägen die Szenerie. Im Hintergrund herrscht eisige Stille.
Personen: Georg „Girgl“ Jennerwein, Jäger Pföderl.
(Jennerwein kniet mit dem Rücken zum Publikum hinter einem großen Felsen. Vor ihm liegt die erlegte Gams. Er hat die Ärmel hochgekrempelt und versorgt konzentriert das Tier. Sein Gewehr lehnt ein paar Schritte weiter weg an einem Stein.)
Jennerwein: (atmet schwer, redet leise mit sich selbst) So, mein schöner Bock... sauber getroffen. Mitten ins Blatt. Da hat der Hias gredt, was er will – der Rinnerspitz hat mich noch nia im Stich glassn. Jetz pack ich dich zam, und dann gings im Sauseschritt d’Hüttn untn an. Die Agathe wart’ bestimmt scho...
(Im Hintergrund taucht lautlos Pföderl zwischen den Felsen auf. Er hält seinen Stutzen im Anschlag, die Hände zittern leicht, aber sein Gesicht ist von blindem Hass verzerrt. Er schleicht sich Schritt für Schritt näher an den ahnungslosen Jennerwein heran. Er verzichtet auf jeden Anruf, das Gewehr fest im Visier.)
Pföderl: (leise, zischend zu sich selbst) Jetz hab ich dich, Wildschütz. Jetz tanzt nimmer. Jetz is aus mit dem Ruhm.
(Pföderl bleibt stehen, zielt genau auf Jennerweins Rücken. Ein markerschütternder Schuss bricht die Stille der Berge. Vögel kreischen auf.)
Jennerwein: (stößt einen dumpfen Schrei aus, ruckt heftig nach oben und bricht dann vornüber auf die Gams zusammen. Er presst die Hand an den Rücken, Blut sickert durch seine Finger. Er stöhnt schwer) Ahh...! Gott im Himmel... von hint... welcher Hund...
(Er versucht, sich mühsam auf den Ellbogen hochzuschleppen, um nach seinem Gewehr zu greifen, doch die Kraft verlässt ihn. Er bricht wieder in den Staub.)
Pföderl: (tritt langsam aus dem Rauch der Waffe hervor, das Gewehr noch immer im Anschlag. Er atmet stoßweise, blickt wild umher und tritt schließlich direkt an den am Boden liegenden Jennerwein heran) Schau schau, der große Jennerwein Girgl. Liegt im Dreck wie a arms Gamsl. Wer lacht jetz, Jennerwein? Wer is jetz der Herr im Bergwald?
Jennerwein: (dreht sich mit letzter Kraft mühsam auf die Seite, das Gesicht schmerzverzerrt. Er blickt nach oben und erkennt Pföderl. Ein bitteres, schwaches Lächeln huscht über seine Lippen) Du... Pföderl... Du ehrloser... Feigling. Von hint... wie a schäbiger... Straßenräuber. Net mal das Gesicht... hast mir... zeign traut...
Pföderl: (schreit ihn an, die Stimme überschlägt sich fast vor Wahnsinn) Halt dei Goschn! Das Gsetz schießt, wo es dich trifft! Du hast mein Ruf ruiniert, mein ganzes Lebn! Jetz is Zahltag!
Jennerwein: (keucht, Blut kommt ihm auf die Lippen) Mei Blut... wird dir koa Glick bringa, Pföderl. Der Berg... vergisst nix. Du wirst... koan Frieden mehr findn... nia mehr...
Pföderl: (außer sich vor Zorn und Angst vor den eigenen Worten des Sterbenden) Sterbn sollst, Hundling! Sterbn!
(Pföderl reißt sein Gewehr herum, packt es am Lauf und schlägt mit dem schweren hölzernen Kolben mit voller Wucht auf den Kopf des am Boden liegenden Jennerwein ein. Ein dumpfer Schlag. Jennerwein sackt völlig in sich zusammen und rührt sich nicht mehr. Totenstille setzt ein.)
Pföderl: (starrt mit geweiteten Augen auf den reglosen Körper. Das Gewehr entgleitet fast seinen Händen. Der Rausch des Blutes verfliegt, die Realität bricht ein. Er weicht zitternd drei Schritte zurück) Girgl? ... Girgl, steh auf! (Keine Antwort) Jesus Maria... er rührt sich nimmer. Er is hi. Er is tot.
(Das Pfeifen des Windes wird lauter, klingt fast wie ein Klagelied. Pföderl schaut sich panisch um, als würden die Felsen ihn anstarren. Er packt sein Gewehr fest, presst den Hut auf den Kopf.)
Pföderl: (schreit in die Leere) Ich hab’s tun müssn! Das war die Pflicht! (Er fängt an zu zittern, schaut auf seine blutigen Hände) Nein... nein, das war Mord. Sie wern mich aufhenga!
(Ein lautes Knacken im Holz im Tal bricht die Stille. Pföderl stößt einen Schrei aus, dreht sich um und flieht in wilder, kopfloser Panik, stolpernd und rennend, zwischen den Felsen hindurch den Berg hinab, bis er in der Dunkelheit verschwindet. Zurück bleibt nur der tote Jennerwein auf der kargen Erde, während der Wind heftiger bläst.)
Akt 4: Die Suche und das Schweigen
Szene 1: Das bange Warten
Ort: Das Dorfwirtshaus, das fließend in den Dorfplatz übergeht. Im Hintergrund stehen schwere Holztische, an denen einige Bauern und Holzknechte mit ernsten Mienen beim Bier sitzen. Im Vordergrund herrscht drückende, unruhige Stimmung.
Personen: Agathe, Jäger Pföderl, Hias, Dorfleute und Holzknechte.
(Es herrscht gedämpftes Murmeln. Die Leute tuscheln, köpfezusammengesteckt. Pföderl sitzt allein an einem Tisch im Eck, raucht nervös eine Pfeife und starrt stur in sein Glas. Seine Hand zittert leicht, als er das Bier ansetzt. Plötzlich stürzt Agathe herein. Sie ist sichtlich gezeichnet von schlaflosen Nächten, ihr Haar ist zerzaust, das Tuch hängt ihr lose um die Schultern.)
Agathe: (schreit voller Verzweiflung in den Raum) Vier Tag! Vier ganze Tag und vier schreckliche Nächt is er jetz fort! Das is net normal, das hat’s noch nia gebn! Der Girgl lasst mich net so lang alloa, ohne a Nachricht! Dem is was gschehn, ich spür’s doch in meiner Seel!
Hias: (steht von einem der Tische auf, tritt zu ihr und versucht sie zu beruhigen) Ruhig, Agathe, ganz ruhig. Der Jennerwein kennt jeden Winkel da drom. Vielleicht hat er sich im Nebel verlogn oda versteckt sich vor der Gendarmerei rüba im Tirolerischen. Du weißt doch, wie er is.
Agathe: (reißt sich los) Nein, Hias! Ihr redt’s euch das alle nur schön, weil ihr feig seid’s! Im Tirolerischen is er net! Er wollt auf’n Rinnerspitz, das hat er mir gagt! Und er is nimmer kemma! (Sie dreht sich langsam um, ihr Blick fällt auf Pföderl, der versucht, starr geradeaus zu schauen. Ihre Augen verengen sich voller Zorn. Sie geht schnellen, anklagenden Schrittes auf seinen Tisch zu). Aber einer hier im Raum... einer weiß ganz genau, wo der Girgl is!
Pföderl: (schaut nicht auf, klopft seine Pfeife auffallend heftig am Aschenbecher aus) Lass mich in Ruh, Weibsbild. Wenn der Wildschütz im Graben liegt, weil er z’deppat war zum Steigen, is das net mei Bier.
Agathe: (schlägt mit den Händen auf seinen Tisch, dass die Gläser scheppern) Lügner! Mörder! Schau mich an, Pföderl, wennst den Mut hast! Du hast eam nachgstellt! Du hast drom im Forstamt gschworen, dass du eam fertigmachst! Jeder im Dorf hat’s ghört! Was hast du mit’m Girgl gmoacht?!
Pföderl: (springt wild auf, die Bank fliegt krachend nach hinten. Er wird blass, seine Stimme überschlägt sich kurz) Halt dei unverschämte Goschn, sag ich dir! Was unterstellst du mir da vor den ganzen Leit?! Ich hab den Jennerwein seit ana Woch nimmer gsegn! Der Hund treibt sich irgendwo rum, und ich soll schuld sein?! Ich bin a königlicher Beamter, verdammt noamal! Ich halt mich an’s Gsetz!
Hias: (tritt misstrauisch einen Schritt näher, mustert Pföderl scharf) Wennst eam net gsegn hast, Pföderl... warum zitterst dann so? Und warum schaut dei Stutzen so sauber putzt aus, als hättest eam erst gestern vom Schmied gholt? Du gehst doch sonst net ohne Schmauchspuren aus’m Wald.
Pföderl: (weicht unmerklich zurück, greift nach seinem Hut, seine Augen wandern nervös von einem zum anderen) Weil... weil mich die Sache nix angeht! Ich muss mir von am Wildschützenpack und ana hysterischen Klagmutter koa Rechenschaft abverlangen lassn! Ich hab Dienst! (Er versucht, mit großen Schritten Richtung Tür zu gehen, rempelt dabei fast einen Holzknecht an).
Agathe: (schreit ihm nach, während er flieht) Lauf nur, Pföderl! Lauf! Aber das Blut klebt an dir! Der Herrgott sieht alles, und der Berg wird’s net verschweign!
(Pföderl stürzt fast aus der Tür hinaus ins Freie. Die Dorfleute murmeln düster. Ein alter Holzknecht steht auf und schlägt mit der Faust auf den Tisch.)
Alter Holzknecht: Da stimmt was net. Der Pföderl schaut aus, als hätt er den Teufel gsegn. Wenn der Jennerwein da drom im Fels liegt, verletzt oda... oda Schlimmeres... dann könna mer ihn net verfauln lassn wie a verrecktes Vieh.
Hias: (schultert entschlossen seine Jacke) Der Mo hat recht. Genug gwartet und geredt. Buam, packt’s die Bergstöck und die Seile zam! Wir gehn nauf. Wir suchn jeden Graben und jede Schartn ab, vom Risserkogel bis zum Rinnerspitz. Wer geht mit mir?
Mehrere Holzknechte: (stehen geschlossen auf) Ich! – Ich bin dabei! – Wir findn eam!
Hias: (zu Agathe, sanfter) Bleib du in der Stubn, Agathe. Bet für eam. Wir bringan dir den Girgl heim. So oda so.
(Hias und die Holzknechte gehen mit ernsten, entschlossenen Mienen ab. Agathe bleibt allein zurück. Sie sinkt auf die Knie, blickt starr nach oben, und fängt leise an, das Ave Maria zu beten, während das Licht langsam in ein kaltes, herbstliches Grau übergeht.)
Szene 2: Der Fund
Ort: Das Dickicht am Rinnerspitz. Ein unwegsames, steiles Gelände mit kahlen, knorrigen Latschenkiefern und grauen Felsblöcken. Ein dünner, kalter Teppich aus dem ersten Neuschnee bedeckt den Boden und die Äste. Es herrscht eine bedrückende, eisige Stille.
Personen: Hias, der alte Holzknecht, mehrere Männer der Suchmannschaft.
(Die Männer steigen mühsam und schweigend durch das Gelände. Sie sind erschöpft, die Gesichter starr vor Kälte. Hias geht voran, stützt sich auf seinen Bergstock und sucht mit suchendem Blick den Boden ab. Ein paar Schritte hinter ihm geht der alte Holzknecht mit einer Laterne, deren Licht fahl im grauen Tag flackert.)
Alter Holzknecht: (keucht, bleibt kurz stehn) Hias... es hat koan Wert mehr für heut. Der Schnee legt sich über alles. Wenn er wirklich da drom is, findn mer eam erst im Frühjahr, wenn der Lenz das Eis wegbringt. Die Kältn frisst uns ja selbst noch auf.
Hias: (verbissen, ohne anzuhalten) Nein! Ich geh net hoam, bevor ich net weiß, was Sache is. Der Girgl is koa Fuchs, der sich zum Sterbn in an Bau verkriecht. Der Rinnerspitz war sei Lieblingsplatz, der muss da...
(Hias stockt mitten im Satz. Er bleibt abrupt stehen, die Augen weit geöffnet. Sein Blick fixiert eine Stelle hinter einer dichten Latsche, wo eine menschliche Gestalt, halb vom Schnee bedeckt, starr am Boden liegt. Nur ein heraustehender Fuß und der vertraute grüne Jagdhut sind deutlich zu erkennen.)
Hias: (mit erstickter Stimme, fast flüsternd) Herrgott im Himmel... da drübn. Da liegt er.
(Die Männer halten den Atem an. Hias lässt seinen Bergstock fallen und stürzt blindlings durch das Dickicht. Er fällt neben der Gestalt auf die Knie und scharrt mit den Händen hastig den Schnee beiseite. Die Männer treten langsam, mit gezogenen Hüten, in einem engen Kreis dazu.)
Hias: (wühlt im Schnee) Girgl! Girgl, wach auf, verdammt noamal! (Er betastet die eiskalte Hand, zieht sie erschrocken zurück und sackt in sich zusammen) Er is kalt. Eisig kalt... Er is hi.
Alter Holzknecht: (kreuzt sich, leise) Das Walten Gottes... der Jennerwein Girgl is nimmer. Das gibt’s doch net... der stolzeste Jaga vom ganzen Oberland.
Hias: (untersucht den Leichnam, seine Trauer schlägt plötzlich in blankes Entsetzen und ohnmächtige Wut um) Wartet’s... schaut’s euch das an! Das war koa Sturz! Das war koa Unglück! (Er deutet auf den Rücken der Leiche) Da! Das Gewand is ganz schwarz verbrannt und voller Blut. Von hint! Mitten in den Rücken habn’s eam derschossn! Aus’m Hinterhalt!
1. Holzknecht: (tritt näher, entsetzt) Jessas Maria... von hint? Das is ja die reinste Schand! Koa echter Jaga schießt an Mann von hint über’n Haufen!
Hias: (dreht den Leichnam vorsichtig ein Stück zur Seite, weicht dann mit einem Schrei des Abscheus zurück) Um Gottes Willen! Schaut’s eam ins Gsicht! Das is ja gar nimmer der Girgl... zertrümmert habn’s eam den Schädel! Mit’m Gewehrkolben oda an schwarn Stoa! Wie an tollwütigen Hund habn’s eam hergricht!
Alter Holzknecht: (ballt die Faust, seine Stimme bebt vor Zorn) Das war der Pföderl. Koa anderer Mensch im Tal hat so an Teufel im Leib. Das war der blanke Hass! Das is koa Wildschützenjagd mehr, das is grausamster Meuchelmord!
(Die Männer stehen starr, die Gesichter von Zorn verzerrt. Einige fluchen leise, andere starren fassungslos auf den toten Freund. Hias sitzt im Schnee, er nimmt den blutigen, schneebedeckten Hut von Jennerwein und presst ihn an seine Brust. Seine Augen glühen vor heiligem Zorn. Er erhebt sich langsam, tritt direkt über den Leichnam und streckt die Hand zum Himmel.)
Hias: (schreit seine Wut in die Bergwelt hinaus) Hörst du mich, Pföderl?! Hörst du mich durch die Felsen hindurch?! Du hast den besten Kameraden derschossn, den ich je ghabt hab! Aber du hast dir damit dei eignes Grab gschaufelt!
(Er kniet wieder nieder, legt seine Hand auf das kalte, blutige Gewand von Jennerwein und spricht mit Grabesstimme)
Hias: Bei Gott und bei der armen Seel vom Girgl schwör ich dir das hier: Das Gsetz vom König mag feig sein und wegschaun, weil du an grünen Rock trägst. Aber mein Gsetz schlaft net! Ich werd net eher ruahn, bis ich dich gstellt hab. Ich jag dich durch jeden Wald, über jeden Gipfel, bis du für das büßt, was du dem Girgl angetan hast! Auge um Auge, Pföderl! Blut um Blut! Das schwör ich dir beim ewigen Berg!
Alter Holzknecht: (legt Hias die Hand auf die Schulter) Wir stehn hinter dir, Hias. Der Mörder wird in unsa’m Tal koan Fuß mehr auf d’Erden bringa. Aber jetz pack mer eam. Bring mer den Girgl hoam zur Agathe. Er soll a ehrliches Begräbnis habn.
(Die Männer bücken sich schweigend und heben den Leichnam Jennerweins vorsichtig auf ihre Schultern. Hias geht mit finsterem, eisernem Blick und Jennerweins Hut in der Hand voran. Die Suchmannschaft zieht langsam im Trauermarsch durch den fallenden Schnee ab. Die Laterne des alten Holzknechts verliert sich langsam im weißen Dickicht.)
Akt 5: Mythos und Gericht
Szene 1: Das Begräbnis (Die Eskalation)
Ort: Der Friedhof von Westenhofen (Schliersee). Ein herbstlich-kahler Gottesacker, umgeben von einer niedrigen Steinmauer. Im Hintergrund sieht man das große Grabkreuz, im Vordergrund das offene Grab Jennerweins. Es herrscht eine bedrohliche, aufgeladene Atmosphäre. Hunderte von Menschen – Holzknechte, Bauern, Wildschützen im Festgewand, Frauen in Trauertracht – drängen sich auf dem Platz.
Personen: Agathe, Hias, Jäger Pföderl, der Pfarrer, eine riesige, zornige Menschenmenge, Gendarmen.
(Die Szene beginnt mit einem dumpfen, rhythmischen Trauergesang der Menge. Der Sarg Jennerweins, über und über mit Tannenzweigen und Gamsbärten geschmückt, steht am Grab. Agathe, tief in Schwarz gekleidet, kniet stumm daneben. Hias steht wie eine steinerne Wache mit verschränkten Armen hinter ihr. Am Rand des Friedhofs, als Absperrung zur aufgebrachten Menge, steht Pföderl mit bleichem Gesicht, flankiert von zwei nervösen Gendarmen. Er hält sein Gewehr quer vor der Brust, um die Leute zurückzuhalten.)
Pfarrer: (steht mit dem Weihwasserbecken am Grab, spricht mit strenger, kühler Stimme) ...und so übergeben wir den Leib der Erde. Doch lasset uns nicht vergessen, Gemeinde, dass der Herrgott ein gerechter Richter ist. Wer das Gsetz des Königs bricht und das Gut des Nächsten stiehlt, der wandelt auf dunklen Pfaden. Die Kirche gewährt ihm die geweihte Erde, doch ein feierliches Hochamt bleibt einem treulosen Wildschützen verwehrt. Lasset uns beten für eine verirrte Seele...
Hias: (unterbricht den Pfarrer laut und voller Zorn) Halt’s die Goschn, Hochwürden! Genug von der Kanzel herab gepredigt! Der Girgl war koa verirrte Seele, das war der ehrlichste und mutigste Bua im ganzen Oberland! Er hat den Armen geholfen und sich vom gnadigen Herrn da drom nix gefallen lassn! Schamt euch, dass eam die Kirche jetz noch den Segen verweigern will!
Menge: (lautes, zustimmendes Gemurmel, Fäuste werden erhoben) Recht hat er! – Der Pfarrer hält doch nur zum Adel! – Schand is das! – Der Girgl war einer von uns!
Agathe: (erhebt sich langsam, mit tränenerstickter, aber fester Stimme zum Pfarrer) Ihr segnet jeden hergelaufenen Reichen, Herr Pfarrer, aber für an Mann, der von hint wie a Vieh derschossen worn is, habt’s nur harte Worte? Der Herrgott im Himmel is gütiger als ihr alle zam!
(Die Menge drängt nach vorne. Pföderl versucht, mit den Gendarmen die Kette zu halten. Er stößt einen jungen Holzknecht mit dem Gewehrlauf zurück.)
Pföderl: (schreit nervös, seine Stimme überschlägt sich fast) Zurückbleiben, hab ich gagt! Im Namen des Königs! Keinen Schritt weiter, sonst lass ich den Friedhof räumen!
(Die Menge fixiert Pföderl. Das Murmeln verstummt für einen eisigen Moment, dann bricht der Sturm los. Ein alter Holzknecht tritt vor und spuckt Pföderl direkt vor die Füße.)
Alter Holzknecht: Pfui Teufel! Schaut eam an, den königlichen Handlanger! Der Mörder steht am Grab und will uns das Trauern verbieten!
Menge: (schreit wild durcheinander) Judas! – Ehrloser Hundling! – Mörder! – Du hast eam von hint derschossen! – Schaut’s eam in die Augen, der feige Meuchelmörder!
Pföderl: (wird aschfahl, weicht einen Schritt zurück, hebt das Gewehr leicht an) Wer mich noch mal anrührt, den sperr ich ein! Ich hab nur mei Pflicht gtan! Ich weiß von nix!
Hias: (tritt aus der Menge heraus, direkt vor Pföderl; seine Augen brennen) Dei Pflicht, Pföderl?! Unsichtbar im Gebüsch hocken und an Kameraden feig in den Rücken schießen, das nennst du Pflicht?! Schau auf den Sarg! Da liegt er, und du hast das getan! Du kannst dich hinter den Gendarmen verstecken, so langst willst... aber das ganze Oberland weiß, wer du bist! Du bist der Judas vom Schliersee!
Menge: (drängt massiv nach vorn, die Gendarmen werden weggedrückt) Reißt eam das Gwehr weg! – Lynchtn sollt mer eam! – Auf den Mist mit eam!
Pfarrer: (ruft entsetzt, hebt das Kreuz) Frieden! Haltet Frieden auf dem geweihten Boden! Brecht net den Gottesfrieden!
(Die Situation droht völlig zu eskalieren. Die Gendarmen ziehen verzweifelt ihre Säbel, während die Holzknechte ihre Bergstöcke erheben. Pföderl schaut sich panisch um, der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Er sieht den puren Hass in hunderten Augen.)
Hias: (hebt die Hand, beschwichtigend zur Menge, aber mit eisernem Blick auf Pföderl) Halt’s ein, Buam! Net jetzt. Net hier auf’m Friedhof. Der Girgl soll sei Ruh habn. (Er wendet sich ganz nah an Pföderl, flüsternd, aber für alle hörbar) Lauf nur heim in dei Forsthüttn, Pföderl. Verriegel die Tür und fenster die Läden zu. Aber der Wind in den Bergen wird ab heut unsa Stimme tragen. Jeds Mal, wenn a Schuss fällt, wirst du glauben, der Hias steht hinter dir. Dei Urteil is scho gsprochen, Jaga. Du lebst noch, aber dei Geist is scho in der Höll.
(Pföderl erträgt den Druck und die Blicke nicht mehr. Er lässt das Gewehr sinken, dreht sich um und flieht – unter den lauten Buhrufen, Pfiffen und Beschimpfungen der gesamten Gemeinde – panisch vom Friedhofsgelände. Die Gendarmen folgen ihm hastig.)
Agathe: (tritt an das offene Grab, wirft eine Handvoll Erde auf den Sarg) Jetz bist frei, Girgl. Koa Jaga und koa König ko dich da drom mehr erreichen. Pfiat di Gott, mein schöner Wildschütz.
(Hias tritt neben sie und wirft Jennerweins grünen Hut ins Grab auf den Sarg. Die Menge zieht schweigend die Hüte. Das Trauerlied setzt wieder ein, mächtiger und düsterer als zuvor, während der Vorhang langsam fällt.)
Szene 2: Das bittere Ende (Epilog)
Ort: Die Bühne ist zweigeteilt.
Links: Ein düsteres, heruntergekommenes Eck in einer armseligen Kammer. Ein wackliger Tisch, eine fast leere Branntweinflasche, eine flackernde Sturmlaterne. Es herrscht drückende, schmutzige Dunkelheit.
Rechts: Das Grab von Jennerwein im fahlen, zeitlosen Mondlicht. Der Hügel ist heringewachsen, ein schlichtes Holzkreuz steht dort, geschmückt mit ein paar frischen Tannenzweigen.
Personen: Pföderl (gealtert, verwahrlost), Agathe (gealtert, in stiller Würde).
(Die Szene beginnt auf der linken Seite. Pföderl sitzt am Tisch. Er trägt keinen Jägerrock mehr, seine Kleidung is zerschlissen, sein Gesicht hohl und vom Alkohol gezeichnet. Er starrt mit irrem Blick ins Leere und klammert sich an das Schnapsglas. Seine Hände zittern unaufhörlich.)
Pföderl: (lallend, zischend vor Angst) Es hört net auf... das Rauschen im Wald... das is net der Wind. (Er trinkt hastig). Sie habn mich net einsperrn könna! Mangels Beweise, habn’s gagt! Freigsprochn vom Gericht! Aber was hilft’s... was hilft’s, wenn mich die ganze Welt verdammt? Kein Mensch schaut mich mehr an. Beim Wirtshaus weicha’s mir aus, als hätt ich die Pest. Kein Gruß, kein Wort... nur das Schweigen. Das grausame Schweigen im ganzen Tal...
(Ein kalter Windstoß weht durch die Kammer. Das Licht flackert. Pföderl springt panisch auf, reißt die Augen weit auf und starrt in eine dunkle Ecke der Bühne.)
Pföderl: (schreit) Wer is da?! Girgl, bist du das?! Geh weg! Ich hab dich doch derschossen! Mitten ins Blatt, du hast dich nimmer g rührt! Warum stehst du da und lachst?! Hör auf zum Lacha! (Er wirft das Schnapsglas in die Ecke, wo es klirrend zerbricht). Ich hab nur mei Pflicht gtan... nur mei Pflicht... Ich bin der Jaga, und du bist der Wildschütz! Warum find ich koan Frieden net? Warum holt mich der Rinnerspitz jede Nacht ein?!
(Pföderl bricht wimmernd auf den Knien zusammen, hält sich die Ohren zu und wiegt sich vor und zurück. Das Licht auf seiner Seite wird langsam schwach und kalt, er bleibt als Häufchen Elend in der Dunkelheit zurück.)
(Das Licht wechselt auf die rechte Seite, zum Grab. Es wird weich und feierlich. Agathe, sichtlich gealtert, aber aufrecht und gefasst, tritt langsam an das Grabkreuz. Sie streicht sacht über das Holz.)
Agathe: (leise, mit einer Stimme voller Wehmut und Stolz) Jedes Jahr um diese Zeit gemma die Gedanken nauf zu dir, Girgl. Der Mörder schleicht herum wie a lebendiger Toter, gestraft vom lieben Gott und der Verachtung von uns allen. Keiner nennt mehr seinen Namen. Aber dich... dich habn’s net vergessen. Im Gegenteil. Je länger du fort bist, desto lauter singa’s dei Lied im Tal. Jedes Kind kennt den Jennerwein. Du bist der König der Berge bliebn, frei für alle Ewigkeit.
(Agathe faltet die Hände, blickt hinauf zu den Sternen und beginnt mit klarer, trauriger, aber fester Stimme zu singen:)
Agathe: (singt)
Es war an einem Donnerstag,
Den sechsten November früh,
Da traf den Jennerwein ein Schuss,
Den er wahrlich nicht verdient.
(Während sie singt, ertönt aus dem Hintergrund, wie von Geisterhand aus den fernen Bergen, ein mächtiger, vielstimmiger Männerchor von Holzknechten und Wildschützen, der leise in die Melodie einstimmt. Der Gesang füllt den gesamten Raum.)
Chor und Agathe: (gemeinsam, anschwellend)
Am Rinnerspitz im kargen Fels,
Da fand sein Leben d’ Ruh.
Der stolzeste Jäger vom Oberland,
Dem drückt’ man die Augen zu.
(Agathe lächelt schwach, beugt sich vor und küsst das hölzerne Grabkreuz. Das Licht auf dem Grab strahlt in einem warmen, goldenen Schein auf, während die linke Seite mit Pföderl völlig im finsteren Vergessen versinkt. Der Mythos von Freiheit und Stolz triumphiert über die Schande des Verrats.)
VORHANG
Die Herrin der wilden Tiere
(Ein altbayerisches Volkslied zur Jägerei und zum Schutz der Kreatur)
1. Strophen
Am Berg drobn, wo die Felsen stehn,
wo d’ Wolkn durch die Gipfel wehn,
da wohnt a Frau in reinem Licht,
die schaut auf uns und richt’ uns nicht.
Sie tragt koa Kron aus Gold und Stein,
ihr Gwand is wie der erste Schnee,
sie hüt’ das Wild im Wald allein,
vom stolzen Hirsch bis zu der Rehgams, weh.
Refrain:
O heil’ge Jungfrau, Muttergott,
du Herrin über Berg und Tal!
Beschütz das Wild vor Jägerstod,
vor Kugel und vor Messerstahl.
Du lenkst die Tier’ mit sanfter Hand
durch d’ finstre Nacht und wilden Wind,
breit deinen Mantel über’s Land,
dass alle Wesen sicher sind.
2. Strophen
Wenn bei der Nacht der Jaga schleicht,
und leis das Laub im Unterholz erweicht,
dann bitt’n die Tier’ zur lieben Frau:
„Maria, hilf im Morgengrau!“
Sie schickt den Nebel tief und schwer,
sie treibt die Gamsn in die Wand,
da find’t koa Kugel den Weg mehr,
da schützt sie mit der gnad’gen Hand.
Refrain:
O heil’ge Jungfrau, Muttergott,
du Herrin über Berg und Tal!
Beschütz das Wild vor Jägerstod,
vor Kugel und vor Messerstahl.
Du lenkst die Tier’ mit sanfter Hand
durch d’ finstre Nacht und wilden Wind,
breit deinen Mantel über’s Land,
dass alle Wesen sicher sind.
3. Strophen
Und stirbt am End a Gamsbock treu,
dann macht sie eam das Lager neu.
Sie führt ihn auf die ew’ge Weid’,
wo’s koan Verrat gibt und koa Leid.
Drum Jaga, halt dei Gwehr gfeid still,
wenn d’ Herrin durch die Wälder geht,
weil wer die wilden Tier’ net ehrt,
vor dem bleibt auch ihr Himmel zugesperrt.
Refrain:
O heil’ge Jungfrau, Muttergott,
du Herrin über Berg und Tal!
Beschütz das Wild vor Jägerstod,
vor Kugel und vor Messerstahl.
Du lenkst die Tier’ mit sanfter Hand
durch d’ finstre Nacht und wilden Wind,
breit deinen Mantel über’s Land,
dass alle Wesen sicher sind.
(Leises Ausklingen mit Zither- oder Hackbrettklängen)