DRAMA
VON TORSTEN SCHWANKE
Prolog des Chors
(Der Chor tritt auf. Die Chormitglieder sind in aschgraue Gewänder gehüllt, die an die Sackkleidung der biblischen Klage wie auch an die Trauertrachten der polnischen Aufstände erinnern.)
O weh dem Land, das seine Kronen brach,
Die ihm der Herr aus Gnaden anvertraut!
Vom fernen Euphrat bis zur Weichsel Strand
Hallt wider das Gericht, das uns ereilt.
Wir stehen hier im Staub, ein Zeugnis dessen,
Was Stolz gebiert, wenn er die Demut vergisst.
Wie einst Jerusalem in Trümmer sank,
Weil es die Stimme seines Gotts verwarf,
So weint nun Zion an der Memel Fluss,
Sarmatiens Stolz liegt tief im Staub gebeugt.
Es ist dieselbe Schuld, das alte Leid:
Der Mensch vergisst im Glanz des lichten Tags
Den Quell, aus dem sein Heil und Leben quillt.
Der Chorführer:
Schaut hin, wo einst die goldnen Kuppeln glänzten,
Wo Tempel Gottes treu die Stadt bewachten!
Nun herrscht die Wüste, wo der Jubel scholl.
Und seht nach Norden, wo des Adlers Flug
Durch fremde Krallen jäh gebrochen ward!
Das Erbe wird geteilt, das Volk zerstreut.
Nicht fremde Macht allein brach unsre Kraft,
Es war der Keim des Zwiespalts tief im Innern,
Die goldne Freiheit, die zur Fessel ward,
Da man dem Bruder nicht mehr Bruder war.
Die Buße nur vermag den Riss zu heilen,
Der durch das Herz der matten Heimat geht.
Wir singen nicht vom Ruhm vergangner Schlachten,
Wir klagen um das Recht, das uns entwich.
Erkennt die Schuld! Beugt euer Haupt im Schmerz!
Vom Babylon der Klagenden getragen,
Schlägt diese Stunde Brücken durch die Zeit:
Jerusalems Prophet, Jeremia, raunt
Den Klageruf in polnisches Gebein.
Aus Asche soll, durch Reue tief geläutert,
Ein neues Volk des Geistes auferstehn.
Szene 1
(Ein Platz in Warschau, im Hintergrund die Silhouette des königlichen Schlosses, das jedoch düster und verlassen wirkt. Prophet Jeremia steht im Gewand eines barocken polnischen Predigers – ähnlich den Chronisten der Renaissance – im Vordergrund. Er hält eine zerbrochene Kette in der Hand.)
Jeremia:
Wie sitzt die Stadt so einsam, die voll Volks war!
Sie ist wie eine Witwe nun geworden,
Die einst die Fürstin unter Völkern hieß.
O Polen, Polen, das die Könige wählte,
Als wärst du selbst der Richter dieser Welt!
Du sprachst: „Ich bin frei, kein Gesetz zwingt mich,
Als was mein eigner Wille mir erlaubt.“
Nun sieh, der Feind steht hungrig vor den Toren,
Und deine Freiheit wird dir zum Gericht.
(Kanzler Zamoyski tritt auf, gezeichnet von Sorge, die Hand am Griff seines Säbels.)
Zamoyski:
Prophet des Unheils, schweigst du nimmer mehr?
Das Volk verlangt nach Trost in dieser Nacht,
Nicht nach den Ruten deiner harten Worte.
Wir haben Gott gedient, den Schild gewahrt
Vor Ost und West, das Abendland beschützt!
Ist das der Lohn für Wiens gerettete Stadt,
Dass unsre Grenze nun wie Glas zerbricht?
Jeremia:
Ihr schautet auf die Taten eurer Väter
Und hieltet sie für eignes, festes Recht.
Doch Recht ist wie der Strom, der stetig fließt;
Sobald er steht, wird er zum faulen Sumpf.
Ihr habt die Armen vor dem Tor vergessen,
Der Bauern Seufzen drang zum Himmel auf,
Indessen ihr im Prunk der Säle strittet.
Das Veto, das ihr heilig kühn genannt,
Es war der Dolch im Herzen eures Staates!
Zamoyski:
Wir wollten keine Knechte sein! Ist das
Ein Laster vor dem Höchsten, sag es mir?
Jeremia:
Wer Knecht der eignen Gier ist, wird am Ende
Dem fremden Herrscher untertan gemacht.
Hört nun das Wort des Herrn, das zu mir kam:
„Siehe, ich bring ein Volk von ferne über euch,
Ein mächt‘ges, dessen Sprache nicht verständlich.“
Sie kommen mit dem Wagen und dem Ross,
Zu tilgen euren stolzen Herren-Sinn.
Szene 2
(Der Chor teilt sich in zwei Gruppen auf den Seiten der Bühne.)
Chor I:
Die Erde bebt, der Adler seine Federn lässt,
Die Kronjuwelen werden fortgeschleppt.
Ist noch ein Schmerz gleich unsrem großen Schmerz?
Chor II:
Gerecht ist Gott, wir haben es verdient!
Wir bauten Häuser aus dem Blut der Schwachen,
Nun wohnen Fremde drin und lachen unser.
Jeremia:
(Erhebt die Hände zum Himmel)
Führ uns zurück, o Herr, zu dir, so kehren
Wir um! Erneure unsre Tage wie vorzeiten!
Denn hättest du uns ganz und gar verworfen,
Wo bliebe deines Namens ew‘ge Pracht?
Das Land wird wüst liegen für siebzig Jahre,
Bis es gelernt, was wahre Freiheit heißt.
(Dunkelheit bricht herein. Ein dumpfer Trommelwirbel kündigt den Einzug der fremden Heere an. Jeremia bleibt unbeweglich wie eine Statue im Schutt stehen.)
Szene 3
(Ein karger, hügeliger Landstrich. Im Hintergrund verliert sich die Weite der masowischen Ebene in einem fahlen, dämmernden Licht. Ein einzelner, vom Wind zerzauster Weidenbaum steht am Rand. Der junge Jeremia sitzt auf einem Stein, den Kopf in die Hände gestützt. Er trägt das einfache Gewand eines Landedelmanns, doch ohne Schmuck und Waffen.)
Jeremia:
Die Stille drückt wie Blei auf meine Brust.
Warum bin ich erwählt, das Licht zu scheuen
Und nur das Reißen des Orkans zu hören?
Ich wollte durch die kühlen Wälder streifen,
Den Pflug durch die geschwungne Scholle führen,
Im Kreise der Gefährten Lieder singen,
Die von der Liebe und dem Frühling künden.
Doch brennt ein Feuer mir im tiefsten Mark,
Das meine Jugend wie ein Stroh verzehrt.
(Ein plötzliches, unnatürliches Licht bricht durch die Wolken. Es ist kein warmer Schein, sondern ein gleißendes, erzfarbenes Glühen. Eine Stimme, mächtig und doch flüsternd wie das Rauschen eines nahen Sturms, hallt wider.)
Die Stimme:
Eh ich im Mutterleib dich bildete,
Hab ich dich schon erkannt; und ehe du
Aus Mutterschoß hervorgegangen, habe ich
Dich schon geheiligt, zum Propheten für
Die Völker dich gesetzt. Steh auf, mein Knecht!
Jeremia:
(Fällt auf die Knie, verbirgt das Gesicht)
Ach, Herr und Gott! Sieh her, ich tauge nicht
Zu reden, denn ich bin doch viel zu jung!
Mein Mund ist stumm, mein Geist ist ungeformt,
Wie kann ich vor die Großen dieser Welt,
Vor Könige und stolze Fürsten treten?
Sie werden lachen meines schwachen Wortes,
Und mich als Narren stoßen aus dem Tor.
Die Stimme:
Sag nicht: „Ich bin zu jung.“ Denn du sollst gehen
Zu allen nun, zu denen ich dich sende,
Und alles reden, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihrem Angesicht!
Denn ich bin bei dir, um dich zu erretten.
(Ein unsichtbarer Hauch berührt Jeremias Lippen. Er zuckt zusammen, als verbrenne ihn eine Glut.)
Die Stimme:
Sieh her, ich lege meine Worte nun
In deinen Mund. Ich setze dich am heut‘gen Tag
Über die Völker und die Königreiche,
Dass du ausreißen und zerbrechen sollst,
Verderben und zerstören – und doch auch
Danach zu bauen und zu pflanzen wieder.
Szene 4
(Das Licht verblasst, hinterlässt jedoch eine glühende Corona am Horizont. Jeremia richtet sich langsam auf. Seine Gestalt wirkt älter, vom inneren Kampf gezeichnet.)
Jeremia:
Es ist geschehn. Das Siegel brennt im Fleisch.
O schweres Amt, das mir die Jugend raubt!
Ich sehe schon den Abgrund sich bereiten:
Die Mauern Krakaus werden kläglich fallen,
Der weiße Adler blutet im Geäst.
Und ich – ich muss der Bote dieses Jammers sein!
Wie werden sie mich hassen, wenn ich rufe:
„Ergebt euch, denn der Herr hat uns verdammt!“
(allein, mit geballten Fäusten):
Warum nicht einen andren, starken Mann,
Der stolz im Panzer diese Last ertrüge?
Ich liebe dieses Land, die sanften Hügel,
Den Herzschlag dieses Volkes, das nun blind
In sein Verderben rennt. Und meine Hand
Muss nun das Beil an seine Wurzel legen?
O hättest du mich im Verborgenen gelassen!
(Der Chor tritt leise von den Seiten herauf, umgibt den ringenden Propheten.)
Chor:
Weh, Weh dem Rufer in der Wüste Zeit!
Er trägt das Wort, das wie ein Hammer schlägt,
Und wird doch selbst von diesem Beil getroffen.
Sein Herz schlägt für das Volk, das er verdammt,
Sein Mund spricht Tod, wo er nach Leben lechzt.
Chorführer:
Du kannst nicht fliehen, Jüngling, vor dem Ruf.
Der Gott der Väter hat dich angerührt.
Geh hin, und trage deines Volkes Fluch,
Auf dass aus deiner Klage einst das Heil
Des neuen Bundes für die Welt entspringe.
Jeremia:
(Blickt starr in die Ferne, seine Stimme festigt sich)
So sei es denn. Ich gehe meinen Weg.
Das Wort ist mir im Herzen wie ein Feuer,
Verschlossen ist es hier in meinen Knochen.
Ich wollt, ich könnt es bergen – doch ich kann nicht.
Es breche los der Sturm! Ich bin bereit.
(Er geht mit langsamen, schweren Schritten von der Bühne, während der Chor im Dunkeln verklingt.)
Szene 5
(Der Thronsaal in Jerusalem – eingetaucht im Prunk des polnischen Spätbarocks. Im Hintergrund schimmern vergoldete Adler, schwere Samtvorhänge und wuchtige Kruzifixe. König Zedekia – der die Züge des letzten polnischen Königs Stanislaw August Poniatowski trägt – sitzt im seidenen Prunkgewand auf dem Thron. Ihn umgeben Höflinge, Magnaten in kostbaren Gewändern und schimmernden Rüstungen, die Becher weinschwer erheben. Musik von Streichern verklingt eben im Hintergrund. Jeremia tritt ein, barfuß, in einen staubigen Bußmantel gehüllt. Ein Raunen geht durch die Menge.)
Zedekia:
Wer bricht in unsren Glanz mit düstrem Blick?
Ist dies die Stunde, uns den Wein zu sühnen,
Da rings das Reich in neuen Bünden steht?
Prophet, wir kennen deine Klage schon;
Sie schmeckt nach Galle und nach spätem Staub.
Schau um dich her! Der Hof ist reich und frei,
Die Krone glänzt, der Adel steht im Schild.
Was siehst du hier, das Gottes Zorn verdient?
Jeremia:
(Tritt dicht an die Stufen des Throns)
Ich sehe Tünche auf dem Grab der Welt!
Ich sehe Purpur, der die Wunden deckt
Des sterbenden Volkes. König Juda‘s, höre!
Du wählst den Pakt mit Ägyptens schwachem Rohr,
Du glaubst, dass Menschenwort dich retten kann,
Indes der König Babylons von Norden
Mit Eisen-Besen deine Gassen kehrt.
Nicht Mauern schützen dich, nicht Reiterschar –
Der Fäulniswurm sitzt tief im eignen Thron.
Ein Hofmarschall:
(Tritt vor, die Hand am Säbel)
Verräter! Lästerst du des Königs Macht?
Wir sind Sarmaten, frei im eignen Recht!
Kein Zar, kein Sultan und kein Babylon
Bricht diese Freiheit, die uns Gott verbrieft.
Uns schützt der Glaube und das goldne Band!
Jeremia:
Ihr nennt es Freiheit, wenn der Starke raubt
Und sich der Witwe Gut im Spiele teilt?
Ihr sprecht: Der Tempel! Hier ist Gottes Haus!,
Doch macht ihr es zur Räuberhöhle selbst.
Justiz ist feil, das Recht ein hohler Kauf,
Der Arme schreit, und niemand hört sein Flehen.
Drum redet Gott: Weil ihr die Umkehr weigert
Und lieber euren eignen Lügen glaubt,
Wird dieser Hof zum Aschenhaufen werden,
Und du, o König, wirst in Ketten gehen!
Szene 6
Zedekia:
(Steht auf, innerlich zerrissen, blickt auf seine Höflinge, dann zu Jeremia)
Du schlägst mir Wunden in die müde Brust.
Glaubst du, ich sehe nicht das Dunkel nahn?
Ich bin gefangen zwischen Pflicht und Stolz,
Die Großen drängen mich zu kühnem Stand,
Sie fordern Krieg – und ich soll feige weichen?
Wenn ich dem Chaldäer meine Tore öffne,
Wird mich mein eignes Volk als Knecht verfluchen.
Jeremia:
Es ist kein Stolz, der in den Abgrund springt!
Demütige dein Haupt vor Gottes Hand,
Brich den Vertrag mit Ägyptens falschem Schein,
Eröffne die Tore, tu dem Feinde auf –
So wird dein Leben und die Stadt geschont.
Wählst du den Krieg aus Angst vor Menschenwort,
Wird dieses Schloss im Flammenmeer versinken,
Und deine Augen sehen als das Letzte:
Wie man die Söhne dir vor deinen Augen schlachtet,
Eh dir das Licht des Tags auf ewig bricht!
Der Kanzler (einengend auf den König einredend):
Höre ihn nicht, Sire! Er bricht den Mut des Heers.
Er ist erkauft von Babylons Agenten,
Ein Feigling, der den Untergang beschwört,
Damit wir kampflos unsre Kronen geben!
In die Zisterne mit dem Strafpropheten!
Zedekia:
(Wendet sich schwach ab, winkt den Wachen)
Schafft ihn mir aus den Augen. Richtet ihn nicht,
Doch schweigen soll er in der finstren Nacht.
Ich kann das Urteil meines Bluts nicht ändern.
(Die Wachen ergreifen Jeremia. Er leistet keinen Widerstand, fixiert den König jedoch mit brennendem Blick, während er fortgezerrt wird.)
Jeremia:
O Erde, Erde, höre des Herren Wort!
Du schreibst den Namen dieses Königs in den Staub.
Zu spät! Das Rad des Schicksals dreht sich schon.
Szene 7
(Der Chor tritt vor den fallenden Vorhang. Die Lichter flackern düster.)
Chor:
Der König schwankt, das Schicksal zieht die Bahn.
O blindes Volk, das seine Retter steinigt
Und seinen Mördern in den Jubel folgt!
Wie Babylon die Eisenkeile schmiedet,
So reitet schon der Kosak durch das Feld,
So teilt der Preuße, so nimmt der Russe sich
Das Land, das seine Warnung jäh verwarf.
Chorführer:
Die Brücke steht. Von Zion bis zur Weichsel
Ist es derselbe Pfad der eitlen Pracht.
Wer nicht hören will im lichten Tage,
Muss fühlen in der Knechtschaft langer Nacht.
Szene 8
(Der Vorhof des Tempels, der fließend in den Marktplatz von Warschau übergeht. Trümmer von Barrikaden und beschädigte Heiligenstatuen deuten die nahende Belagerung an. Eine unruhige Volksmenge hat sich gesammelt. Auf einem Podest steht Hananja, der falsche Prophet – gekleidet im prachtvollen Ornat eines Hofkaplans, das Kreuz an goldener Kette auf der Brust. Er wird von Magnaten und Offizieren umringt, die begeistert ihre Säbel schwenken.)
Hananja:
Hört her, ihr Bürger, hört das frohe Wort,
Das mir der Herr in dieser Nacht vertraut’!
Zerbrochen ist das Joch von Babylon,
Der stolze Zwingherr im Chaldäerland
Wird stürzen, eh das Jahr zu Ende geht!
Und du, o Polen-Juda, reich und groß,
Sollst deine Freiheit rein und unversehrt
Behalten wider aller Feinde Macht!
Gott ist mit uns, wer will uns widerstehn?
Der Tempel steht, der weiße Adler fliegt!
(Das Volk jubelt. Jeremia tritt aus der Menge hervor, das Holzjoch einer Ochsenkarre auf seinen Nacken gebunden. Der Jubel ebbt ab und weicht leisem Gemurmel.)
Jeremia:
Amen! Der Herr tue so, wie du gesagt!
Er lasse deine Worte Wahrheit werden
And bringe die Gefäße Gottes heim.
Doch höre, was vor mir und dir die Väter,
Die alten Seher, dieser Welt geweissagt:
Sie riefen Krieg und Pest und Teuerung
Dem Lande aus, das seine Sünden pflegt.
Erst wenn das Wort des Friedens sich erfüllt,
Erkennt man den Propheten, den der Herr
In Wahrheit zu den Völkern ausgesandt.
Du aber brichst ein Joch aus leichtem Holz
Und schmiedest uns ein Joch aus hartem Eisen!
Hananja:
(Tritt wütend an Jeremia heran, reißt ihm das Holzjoch vom Nacken und zerbricht es auf dem Boden)
Seht diesen Feigling, diesen Knecht des Feinds!
Wie Gott dies Holz zerbrach, so bricht er auch
Das eiserne Gesetz des Zaren-Königs!
In zwei Jahren, so spricht der Herr, bring ich
Den Raub zurück, den uns der Feind entwand.
Jeremia, du bist ein Landesverräter,
Erkauft mit Gold aus Babylons Schatztruhn,
Um unsrem Heer das mutge Herz zu rauben!
Szene 9
Ein polnischer Magnat:
(Zieht den Säbel und richtet ihn auf Jeremia)
Er spaltet unsre Kraft in ernster Stunde!
Da wir die Sensen schmieden für den Kampf,
Da unsre Jugend auf die Wälle eilt,
Verkündet er das Ende unsrer Welt.
Gehört der Mann nicht an den Galgenbaum?
Jeremia:
(Weicht nicht zurück, blickt dem Magnaten fest in die Augen)
Schlagt zu! Mein Blut wird diese Erde tränken,
Doch löscht es nicht das Feuer des Gerichts.
Ihr nennt mich einen Feind des Vaterlands?
Ich weine Tag und Nacht um diesen Strand,
Ich liebe diese Gassen mehr als ihr,
Die ihr mit stolzen Phrasen sie verkauft!
Ihr wiegt das Volk in falscher Sicherheit,
Ihr sprecht: „Es hat nicht Not, es ist kein Geist,
Der uns bedroht, wir sind das heilge Land!“
Ihr heilt den Schaden meines Volks nur obenhin,
Indem ihr ruft: „Heil, Heil!“, wo doch kein Heil ist!
Jeremia (zum Volk gewandt):
Sie lügen euch den Tod als Leben ein!
Sie sagen euch: „Die Freiheit ist gesichert“,
Doch meinen sie die Freiheit ihrer Gier.
Sie schicken euch als Schlachtvieh auf die Wälle,
Um ihre eignen Güter zu beschützen.
Hört nicht auf sie! Ihr Wort ist hohler Wind,
Der Funke, der das ganze Haus verbrennt!
Hananja:
Er lästert unsre Ahnen, unsre Pflicht!
Gott hat dies Volk zum Schild der Welt geweiht,
Wir können nicht vergangen sein wie Rauch!
Jeremia:
Auch Schilde brechen, wenn sie rostig sind!
Hananja, höre, was der Herr dir sagt:
Weil du auf Lügen dieses Volk geführt
Und einen falschen Trost im Markt gelehrt,
Sollst du noch dieses Jahr im Sande liegen.
Du stirbst, weil du Abfall von dem Herrn
Gepredigt hast im Angesicht des Tods!
(Hananja weicht bleich zurück, fasst sich an die Brust und wankt, von seinen Anhängern gestützt, von der Bühne. Die Menge murmelt verunsichert, zieht sich jedoch langsam von Jeremia zurück, bis er wieder völlig einsam im Vordergrund steht.)
Szene 10
(Der Chor tritt auf und stellt sich schützend um den Propheten.)
Chor:
Weh den Propheten, die aus eignem Herzen
Und nicht aus Gottes Munde Worte nehmen!
Sie malen Tünche auf die mürbe Wand
Und nennen es ein festes Bollwerk dann.
Chorführer:
Da kommt der Sturm, der diese Wand zertrümmert,
Der Regen fällt, der Hagel schlägt herab.
Wo ist dann eure Tünche, eure Pracht?
Chor:
Sie brandmarken als Feind, wer Wahrheit spricht,
Und küssen den, der sie im Schlaf ermordet.
So geht das Land der Knechtschaft stumm entgegen,
Ein Opfer seiner eignen Illusion.
(Im Hintergrund ertönt das dumpfe Grollen von Kanonenschlägen. Der Himmel färbt sich blutrot.)
Szene 11
(Das Bühnenbild wandelt sich in einem fließenden, traumartigen Übergang. Die orientalischen Tempelmauern Jerusalems scheinen im dichten, herbstlichen Nebel zu zerfließen. An ihre Stelle treten die barocken, doch sichtlich verfallenden Fassaden des Schlosses von Warschau und die Silhouette der Weichsel. Trümmer und Asche bedecken den Boden. Jeremia steht unverändert im Zentrum, doch sein biblisches Gewand hat sich in den zerschlissenen Kontusch eines polnischen Patrioten des 18. Jahrhunderts verwandelt. Der Chor trägt nun die dunklen Volkstrachten Sarmatiens.)
Jeremia:
Wo bin ich? War das nicht der Kidron Bach,
Der eben noch an meinem Fuße floss?
Und diese Mauern – sind es Zions Wälle,
Oder die Tore Krakaus, die im Rauch
Des Nordens jäh zusammengebrochen sind?
Die Zeiten stürzen ineinander stumm,
Das Leid der Jahrtausende schlägt eine Brücke:
Jerusalem ward Babylon zum Raube,
Und dir, Sarmatien, schlagen drei Giganten
Die ehrgeizigen Nägel ins Gebein.
(Der Geist des Hetmans tritt aus dem Nebel, bleich, eine zerrissene Konföderationsakte in der Hand.)
Der Geist des Hetmans:
Wir riefen um die Rettung unsrer Rechte,
Wir schufen Bündnisse im fernen Bar,
Doch ach, die Freiheit war ein hohler Wahn.
Die Nachbarn kamen nicht, um uns zu schützen,
Sie kamen, um die Beute aufzuteilen.
Die Weichsel führt nun rotes Blut zum Meer,
Wie einst der Bach im Tale Josaphat.
Jeremia:
Ihr wolltet Gott mit eitlen Messen kaufen,
Ihr hieltet euch für das gewählte Volk,
Das Christus dieser Welt als Spiegel diente.
Doch Gott lässt seiner nicht ein Spott sein, Hetman!
Wer auf den Thron der Gier das Zepter gründet,
Der muss den Kelch des Zorns bis unten leeren.
Die Republik der Edlen wird zerrissen,
Weil sie dem Volke selbst ein Kerker war.
Szene 11
(Der Chor tritt in zwei Reihen auf, die sich wie die Grenzen der Teilungsmächte von Ost und West um die Bühne schließen.)
Chor I:
Seht hin! Der Adler wird dreifach zerfleischt!
Der Preuße nimmt den Norden und den Strand,
Die Kaiserin im Osten bricht den Mut
Des letzten Königs, den sie selbst gesetzt.
Chor II:
Das Land verschwindet von der Weltenkarte,
Ein Name nur, im Wind der Zeit verweht.
Wo ist die Herrlichkeit von Jan Sobieski?
Wo ist der Glanz, der einst die Welt erschreckte?
Der Chorführer:
Jerusalem und Polen – Schwestern im Schmerz!
Die eine weinte an des Euphrats Ufern,
Die andre singt ihr Klagelied im Schnee
Des fernen Ostens, wo die Peitsche knallt.
Es ist der Pfad der Läuterung durch Tränen,
Den jede Nation am End beschreitet,
Die ihre Sendung im Erfolg vergaß.
Jeremia:
(Ergreift eine Handvoll polnischer Erde und lässt sie durch die Finger rinnen)
Doch horcht! Das Wort, das ich im Kerker schrieb,
Es gilt nicht nur dem Tod, es gilt dem Leben!
Wie Juda aus dem Babylon der Knechtschaft
Nach siebzig Jahren wiederum erschien,
So wird auch dieses Land aus seiner Asche
Ein neues Mal zum Licht der Welt erstehn.
Nicht durch das Schwert der alten Junkerpracht,
Nein – durch des Geistes tiefe, wahre Reue.
Szene 12
(Ein ferner, feierlicher Choral setzt ein – eine Mischung aus der biblischen Klage und den melancholischen Klängen einer polnischen Mazurka.)
Jeremia:
Ihr müsst vergehn, damit ihr neu erwacht!
Die Ketten werden eure Lehrer sein,
Im Dunkel werdet ihr das Licht erkennen,
Das ihr im hellen Mittagsglanz verhöhnt.
Polen, du wirst das Zion jener Völker,
Die durch das Leiden ihre Freiheit schmieden!
Chor:
Gerecht bist du, o Herr, in deinen Strafen,
Und wunderbar in deinen Wegen auch.
Du brichst die Krone, doch du heilst das Herz.
Wir gehn ins Dunkel, doch wir schaun das Licht.
(Der Nebel verdichtet sich wieder, bis alle Gestalten darin verschwinden. Nur das Leuchten der Weichsel bleibt im Hintergrund als ein Band der Hoffnung sichtbar.)
Szene 13
(Die Szene wechselt jäh. Das Bild des Verfalls weicht dem Aufblitzen einer eisigen Winternacht des Jahres 1655 – der Zeit der schwedischen „Sintflut“. Im Hintergrund brennen die Dörfer, doch die Wälle des Klosters Jasna Góra schimmern wie ein uneinnehmbarer Hort im Dunkeln. Hetman Stefan Czarniecki tritt auf, gehüllt in einen schweren, wolfspelzbesetzten Mantel, den Säbel gezogen, das Gesicht von Ruß und Schrammen gezeichnet. Seine Präsenz verdrängt den lähmenden Nebel.)
Czarniecki:
Das Land mag brennen und der König fliehn,
Die Großen mögen vor dem Fremden knien,
Doch solang ein Herz noch diesen Säbel hält,
Ist Sarmatien nicht verloren in der Welt!
Wir bauten nicht auf hohle Worte nur,
Wir bauten auf der Väter blutge Spur.
Vom Meeresstrand, wo uns der Schwede presst,
Bis hin zum Osten, der uns nicht verlässt:
Wir weichen nicht! Wer gläubig steht im Streit,
Dem wird die Nacht zur Morgenherrlichkeit.
(Jeremia tritt ihm entgegen, den Blick bewundernd, doch ernst.)
Jeremia:
Ein treuer Knecht in finstretster Gefahr!
Du bist der Fels, Stefan, wenn alles wankt.
Da Juda sank, gab es kein Schwert wie deins,
Das sich dem Henker mutig in den Weg
Geworfen hätt’. Du zeigst, was Standkraft meint,
Wenn nicht der Stolz, wenn Treue dich beseelt.
Gott schaut auf dich, er sieht den reinen Mut,
Der für die Brüder vergießt sein eignes Blut.
Czarniecki:
Prophet, ich kenne deine harten Sprüche,
Du nennst uns blind – doch blind ist nicht mein Arm!
Wir wissen wohl, dass wir gefehlt, gesündigt,
Dass mancher Edelmann das Recht vergaß.
Doch soll der Tempel drum dem Feind gehören?
Soll dieses Volk, das Gott als Schild geweiht,
Erbärmlich sterben in der Knechtschaft Zeit?
Nein! Aus dem Blute, das die Scholle trinkt,
Erwächst ein Geist, der nie im Staub versinkt!
Szene 14
(Krieger und Edelleute treten hinter Czarniecki. Sie formieren sich zu einer geschlossenen Phalanx. Ihre Rüstungen glänzen im Feuerschein.)
Czarniecki:
(Hebt den Säbel gen Himmel)
Wie Czarniecki über das Meer geschwommen,
Um zu retten das geliebte Vaterland,
So kehren wir aus jedem Abgrund heim!
Uns bricht kein König und kein fremder Zar,
Weil unsre Treue brennt auf dem Altar.
Jeremia, sing dein Klagelied den Schwachen –
Wir werden mit dem Stahl die Freiheit machen!
Jeremia:
So sieh, das Wunder wirkt durch deine Hand!
Nicht weil ihr stark, nein, weil ihr treu geblieben,
Wendet der Herr das Schicksal dieser Nacht.
Czarniecki, dein Name wird zum hellen Licht,
Das noch in Jahrhunderten der Enkel spricht,
Wenn rings das Land in neuen Fesseln liegt.
Du bist der Pfand, dass Polen nicht erliegt.
Szene 15
(Der Chor tritt auf, angeführt vom Chorführer, der ein zerschossenes Banner mit dem weißen Adler trägt.)
Chor:
Heil dem Helden, der im Dunkel wacht!
Er ist der Riegel vor der Tyrannei,
Der Typhon, der die wilden Fluten bricht.
Wenn auch das Reich in späten Tagen fällt,
Sein Geist bleibt als ein Denkmal für die Welt.
Chorführer:
Er schlägt die Brücke von der Tat zum Wort:
Wo Jeremia klagt und Buße ruft,
Da steht Czarniecki als der Rettung Hort.
Das Schwert allein ist stumm und ohne Geist,
Doch ohne Schwert das Wort im Staube reißt.
Chor:
So lernt vom Hetman, wie man Stand hält heut!
Aus Buße und aus Mut wird Heil gebaut.
Wir schaun den Sieg im tiefsten Herzeleid,
Weil dieses Volk dem Herrn am End vertraut.
(Czarniecki und seine Krieger brechen mit einem lauten Ruf zum Ausfall auf. Jeremia blickt ihnen nach, die Hand segnend erhoben, während der Vorhang fällt.)
Szene 16
(Der Innenraum einer halb zerstörten Festung. Durch Breschen in den Mauern sieht man den nächtlichen Himmel, der vom unaufhörlichen Einschlag der Granaten und Brandpfeile blutrot erleuchtet wird. Hungernde Bürger und verwundete Soldaten schleppen sich im Hintergrund vorbei. Im Zentrum stehen Magnaten, Offiziere und hohe Würdenträger. Trotz des Elends tragen sie zerschlissene Seide, trinken aus goldenen Bechern und streiten heftig um Rang und Vorrecht.)
Erster Magnat:
Der Ostwall wich, weil deine Truppen flohn!
Du hieltest nicht die Stellung am Morast,
Um deine eignen Güter dort zu schonen!
Mein Regiment stand fest im Kugelregen,
Indess dein Banner feige sich verzog.
Zweiter Magnat:
(Trifft mit der Hand an den Säbelknauf)
Du wagst es, meine Ehre anzutasten?
Mein Ahnherr focht bei Wien in erster Reihe!
Wir sind dem König keine Rechenschaft
Und dir erst recht nicht schuldig in diesem Reich.
Das Veto steht! Ich wehre mich dagegen,
Dass man mein Volk für deine Fehler opfert.
Ein Bischof:
(Tritt vermittelnd, doch sichtlich hochmütig dazwischen)
Hört auf zu hadern, da das Ende naht!
Wir sind das Volk des Bundes, rein und heilig.
Wenn diese Stadt fällt, ist es Gottes Schmach,
Nicht unsre Schuld! Wir hielten treu den Glauben,
Wir bauten Tempel, zahlten jeden Zehnten.
Der Himmel selbst muss uns zu Hilfe eilen,
Will er sein eignes Bild auf Erden wahren.
Szene 17
(Jeremia tritt aus dem Schatten einer eingestürzten Säule hervor. Er ist abgemagert, sein Gesicht von Ruß geschwärzt, das Gewand zerrissen. Er hält eine leere Waagschale in der Hand.)
Jeremia:
O stolze Häupter, die im Abgrund tanzen!
Ihr messt die Ehre noch nach Ahnentafeln,
Da schon der Wurm an euren Kronen nagt.
Hört ihr das Schreien vor den Festungsmauern?
Das Winseln der Kinder, die vor Hunger sterben,
Weil ihr das Korn in euren Speichern bargt,
Um es Gewinn bringend im Krieg zu dealen?
Ihr sprecht von Gott und meint doch nur den Vorteil,
Ihr sprecht von Freiheit und meint das Privileg!
Erster Magnat:
Schweig, Bettler! Was verstehst du von dem Adel,
Der dieses Reich achthundert Jahr getragen?
Wir weichen nicht vor Babylons Despoten!
Jeremia:
Ihr weicht dem Feind nicht, doch ihr weicht dem Recht!
Die Mauern fallen, weil das Fundament
Aus Unrecht, Stolz und Geiz gemauert war.
Kein Retter kommt vom Himmel hoch herab,
Um eine Räuberhöhle zu beschützen.
Ihr habt die Not der Brüder nie gesehen,
Die Bauern wie das Vieh im Joch gehalten,
Die Städte ohne Schutz und Wehr gelassen,
Und nennt euch nun die Märtyrer der Welt?
Der Hochmut war es, der die Tore öffnete,
Der Egoismus zog die Gräben tief!
Der Bischof:
Er lästert wieder! In der letzten Stunde
Bricht er den letzten Rest von unsrer Würde.
Wir sterben aufrecht für das Vaterland!
Jeremia:
Ihr sterbt nicht für das Land, ihr sterbt für euch!
Weil ihr bis zuletzt die Sünden leugnet,
Wird dieser Untergang zur Schande werden.
Ihr geht in Knechtschaft ohne Ruhm und Glanz,
Zerschmettert auf dem Amboss der Geschichte,
Ein Warnbild für die Völker dieser Erde!
Szene 18
(Ein gewaltiger Schlag erschüttert das Gebäude. Die Decke bricht teilweise ein. Die Wachen fliehen schreiend. Die Magnaten stürzen im Chaos durcheinander, raffen ihre Becher auf und versuchen sich gegenseitig zu verdrängen, um die Ausgänge zu erreichen.)
(Der Chor tritt eilig auf und formiert sich im Vordergrund, während das Schloss im Hintergrund in Flammen aufgeht.)
Chor:
Das Urteil vollstreckt sich, die Schale ist voll,
Der Hochmut erntet sein eisernes Brot!
Sie sahn den Abgrund und schritten doch weiter,
Verblendet vom Glanze der eigenen Not.
Chorführer:
Kein Funke von Einsicht, kein Wort der Bedauern,
Sie schieben die Schuld auf den Fremden, den Freund.
So stürzen die Reiche, so bersten die Mauern,
Wenn innen der Bruder den Bruder verneint.
Chor:
O Polen, o Juda, im Schwefelrauch blind!
Die Strafe ist da, weil ihr taub wart dem Ruf.
Wir gehen ins Dunkel, wo die Ketten nun sind,
Zu lernen die Demut, die Freiheit erst schuf.
(Jeremia bleibt allein inmitten der Trümmer zurück, hebt die Hände über den brennenden Horizont und klagt leise, während der Vorhang fällt.)
Szene 19
(Die Trümmer von Jerusalem und Warschau sind eins geworden. Ein aschgrauer Dunst liegt über der Szene, durchbrochen nur vom glimmenden Rot der erloschenen Feuersbrünste. Im Hintergrund ragen die nackten Schornsteine und skelettartigen Reste der Paläste wie anklagende Finger in den bleiernen Himmel. Jeremia sitzt allein im Staub, den Kopf mit Asche bestreut. Er wiegt sich im Rhythmus der biblischen Totenklage hin und her.)
Jeremia:
Wie liegt die Stadt so wüst, die völkerreich war!
Die Fürstin der Provinzen liegt im Schutt.
Des Adlers Nest ist ausgebrannt und leer,
Am Weichselstrand bricht nun das Herz der Welt.
Sie weinet bitterlich in jener Nacht,
Die Tränen laufen ihr die Wangen nieder;
Es ist kein Tröster unter ihren Freunden,
Die Treulosen sind alle ihr zum Feind.
(Er greift in die Asche und lässt sie zu Boden fallen.)
Die Gassen Krakaus und Zions trauern,
Weil niemand mehr zu ihren Festen kommt.
Die Tore sind versunken in der Erde,
Die Priester seufzen und die Jungfraun weinen.
Ach, Herr, sieh an mein tiefes Herzeleid!
Mein Inneres kocht, mein Herz im Leibe bittet,
Weil ich so gänzlich ungehorsam war.
Draußen raubt das Schwert die junge Brut,
Und in den Häusern wohnt der bleiche Tod.
Szene 20
(Frauen aus dem Volk, gezeichnet von Hunger und Elend, treten schüchtern auf. Einige tragen tote Kinder in den Armen, andere suchen im Schutt nach Brot.)
Eine Mutter:
Prophet, ist noch ein Schmerz gleich unsrem Schmerze?
Die Zunge klebt dem Säugling am Gaumen
Vor großem Durst; die kleinen Kinder heischen
Nach Brot, und niemand ist, der es ihnen bricht.
Die an den süßesten Speisen erzogen wurden,
Sie schmachten jetzt auf nackten, harten Gassen.
Ist das die Strafe für der Väter Schuld?
Jeremia:
(Tritt zu ihr, voller tiefem Mitgefühl, seine Stimme bricht vor Schmerz)
Vom Himmel hat er Feuer in meine Gebeine
Gesandt und hat es mächtig lassen walten.
Er spannte meinem Fuße stracks ein Netz
And wandte mich zurück in meine Schande.
Das Joch von meinen Sünden ist geknüpft,
Durch seine Hand ist es zusammengeflochten,
Es geht mir an den Hals, bricht meine Kraft.
Der Herr hat alle meine Starken weggeworfen,
Die ich in meiner Mitte jemals treu besaß.
Jeremia (richtet den Blick nach oben):
Sieh hin, o Herr, wer sind die stolzen Sieger?
Sie klatschen in die Hände über dir,
Sie zischen und sie schütteln ihre Häupter
Über der Tochter, die sie nun verspottet:
„Ist das die Stadt, die man die Schönste nannte,
Der ganzen Erde Freude und ihr Stolz?“
Verschlungen ist ihr Glanz, ihr Recht zerbrochen.
Szene 21
(Der Chor tritt auf, ganz in Schwarz gehüllt, und kniet im Kreis um die Leidenden nieder.)
Chor:
Gedenke, Herr, was uns geraten ist!
Schau an und sieh doch unsre große Schmach!
Unser Erbe ist den Fremden zugefallen,
Und unsre Häuser sind in fremder Hand.
Wir sind wie Waisen, die vaterlos geworden,
Und unsre Mütter sind wie Witwen nun.
Chorführer:
Wir müssen unser Wasser teuer kaufen,
Und unser Holz empfahn wir nur um Geld.
Auf unsrem Nacken liegt der Treiber schwer,
Und wenn wir matt sind, lässt man uns nicht ruhn.
Chor:
Der Krone Glanz ist uns vom Haupt gefallen!
O weh uns, dass wir so gesündigt haben!
Darum ist unser Herz auch krank geworden,
Und unsre Augen sind vom Weinen blind.
Jeremia:
(Richtet sich langsam aus dem Staub auf, ein Strahl matten Lichts bricht durch die Wolken)
Doch du, o Herr, bleibst ewiglich bestehen,
Dein Thron besteht von Kind zu Kindeskind.
Warum willst du uns so ganz vergessen
Und uns verlassen eine so lange Zeit?
Bring uns, o Herr, zu dir zurück, so kehren
Wir um! Erneuere unsre Tage wie vorzeiten!
Denn hättest du uns gänzlich verworfen,
Wo bliebe deines Bundes ewger Trost?
Aus dieser Asche brennt das heilge Licht.
(Die Klagenden erheben sich langsam, gestützt auf Jeremia und den Chor. Sie blicken gemeinsam dem fahlen Morgenrot entgegen. Der Vorhang fällt langsam.)
Szene 22
(Die weite, eisige Steppe Sibiriens verschmilzt im fahlen Licht mit den Ufern der Ströme Babylons. Im Hintergrund sieht man gefangene polnische Aufständische in Ketten, die von Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten bewacht werden; daneben sitzen Gestalten im babylonischen Sklavengewand. An den kahlen Ästen vereinzelter Weiden hängen Geigen und Harfen. Das Volk sitzt am Boden, erschöpft vom langen Marsch in die Verbannung.)
Ein Gefangener:
An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten,
Wenn wir an dich, o teures Zion, dachten.
Und hier im Eis, wo nur der Nordwind brüllt,
Weint unsre Seele um des Adlers Land.
Die Häscher fordern Lieder von uns ein,
Wir sollen singen in der tiefsten Not,
Als wär der Schmerz ein Tanz für ihren Spurt!
Eine junge Frau:
Wie sollten wir des Herren Lied noch singen
In diesem fremden, gottverlassnen Land?
Vergess ich dein, Warschau und Salem, je,
So werde meine Rechte stumm und lahm!
Die Zunge soll an meinem Gaumen kleben,
Wenn ich im Leid nicht dein gedenke mehr.
(Jeremia tritt auf, er geht ungehindert durch die Reihen der Gefangenen. Er trägt kein Joch mehr, seine Gestalt strahlt eine ruhige, unerschütterliche Würde aus.)
Jeremia:
Weint nicht um das, was sterben musste, Brüder!
Die Ketten, die euch nun die Knöchel bluten,
Sie sind der Meißel in des Schöpfers Hand.
Ihr musstet fallen, weil der freie Stand
Zur Willkür ward, zum Jahrmarkt eitler Gier.
Nun lernt im Dunkel, was ihr Licht verbannt:
Die Gleichheit aller vor dem harten Brot.
Das Exil ist nicht der Tod des Volkes,
Es ist die Wiege, drin der Geist erwacht.
Szene 23
(Der Geist des Königs Zedekia / Stanislaw August tritt auf, blind, in zerfetztem Purpur, die Krone kraftlos in den Händen haltend.)
Der Geist des Königs:
Prophet, dein Wort traf ein mit schwerer Wucht.
Ich sah die Söhne fallen vor dem Thron,
Eh mir das Licht der Augen jäh zerbrach.
Nun bin ich König ohne Land und Volk,
Ein Schatten, der durch fremde Säle irrt.
Gibt es noch Hoffnung für das tote Haus?
Jeremia:
(Nimmt die Krone aus den Händen des Königs und legt sie sanft im Schnee ab)
Die alte Krone kehrt nicht mehr zurück,
Und das ist gut, mein König. Gottes Bund
Sucht keine Könige, die im Seidenglanz
Den Jammer ihres Volks im Spiele mieden.
Er baut ein neues Haus aus diesem Staub!
Hört, was der Herr durch meinen Mund euch sagt:
„Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten
Und esst die Früchte! Suchet stets das Heil
Der Stadt, in die ich euch verstoßen habe.
Denn wenn es ihr wohlergeht, so geht es auch
Euch wohl in eurer Knechtschaft langen Nacht.“
Jeremia (mit erhobener Stimme zum Volk):
Nach siebzig Jahren wird der Herr euch suchen!
Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch
Habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens
Und nicht des Leides, dass ich euch gebe
Die Zukunft und die Hoffnung, die ihr sucht.
Ihr werdet mich anrufen und ich will
Euch hören aus der tiefsten Ferne her.
Szene 24
(Der Chor formiert sich langsam neu. Die Glieder des Chors richten sich auf; die lähmende Trauer weicht einer konzentrierten, feierlichen Standhaftigkeit.)
Chor:
Wir nehmen an die Rute dieses Bundes,
Wir beugen uns vor dem gerechten Spruch.
Das Leid wird uns zum Feuer, das uns reinigt
Vom alten Makel, vom sarmatschen Fluch.
Chorführer:
Nicht mehr der Stolz des Blutes soll uns leiten,
Nicht mehr der Dünkel, der den Bruder maß.
Im Kerker lernen wir die neue Freiheit,
Die keinen Armen vor den Toren vergaß.
Chor:
So reife denn im Schoß der fremden Erde,
Du Neugeburt, die Gott uns auferlegt!
Wir gehn durchs Eis, damit das Herz der Heimat
Einst reiner in der Enkel Brüsten schlägt.
(Die Gefangenen nehmen sich an den Händen und blicken fest entschlossen in den grauen Horizont. Jeremia steht schützend am Anfang des Weges, während der Vorhang fällt.)
Szene 25
(Ein zeitloser Raum des Übergangs. Der stürmische Wind der Steppe schweigt. Auf der Bühne lagert ein dichter, silberner Urnebel, der den Boden verhüllt. Aus der Tiefe des Hintergrunds bricht ein sanftes, vertrautes Licht auf. Die Gestalt von Jeremias irdischem Vater, dem Priester Hilkija – gewandet in das schlichte weiße Gewand des Tempeldienstes, das zugleich an das Gewand eines alten polnischen Landedelmanns erinnert –, tritt langsam hervor. Jeremia, gezeichnet von den Jahren der Klage und des Exils, blickt auf und streckt die Hände aus.)
Jeremia:
Bist du es, Vater? Schaut mein müdes Aug
Den Schatten dessen, der mich einst gelehrt,
Das Wort des Höchsten rein im Herz zu wahren?
O sieh mich an! Die Last hat mich gebeugt,
Der Jugend Lenz schwand wie ein kühler Rauch,
Ich sah die Heimat brennen, sah das Volk
In Ketten ziehn, verflucht von Freund und Feind.
Sag, Vater, warüm schlägt der Herr so hart?
Ist unser Leiden nur ein hohles Spiel,
Ein Zorn des Himmels ohne Sinn und Ziel?
Hilkija:
(Tritt sanft an seinen Sohn heran und legt ihm die Hand auf die Schulter)
Mein Sohn, der Mensch sieht nur den Augenblick,
Er misst den Weltenlauf nach seiner Spanne.
Du sahst den Tempel fallen, sahst die Stadt
Im Flammenmeer versinken – und du meintest,
Es sei das Ende aller Gotteswege.
Doch höre: Nicht zum Tode schlägt der Herr!
Das Erz muss in die Glut, wenn es vom Rost
Des Stolzes und der Sünde frei soll werden.
Der Untergang, den du beklagst mit Tränen,
Er ist die Kelter, drin der Wein gereift.
Jeremia:
Doch ach, das Weh ist groß! Der Unschuld Blut
Schreit aus der Erde, und die Knechtschaft drückt
Den Nacken jener, die doch frei geborn!
Warüm ward mir das schwere Amt gegeben,
Den Tod zu künden, wo ich Leben suchte?
Szene 26
Hilkija:
Glaubst du, der Pflüger reißt die Erde auf,
Weil er die Scholle hasset, die er bricht?
Er reißt sie auf, damit der Samen tief
In ihrer Brust ein neues Bett empfange.
So brach der Herr Jerusalems Altar,
So brach er auch Sarmatiens eitlen Glanz.
Die Republik der Edlen musste fallen,
Weil ihre Freiheit nur den Großen diente,
Indess der Arme in den Gassen fror.
Das Leid, das euch nun trifft im fernen Land,
Ist nicht Vernichtung – es ist Reinigung!
Hilkija (weist mit der Hand in die Ferne):
Sieh hin! Im Kerker schwindet nun der Zwiespalt,
Der Magnat teilt sein Brot mit dem Vasallen,
Sie lernen, dass sie ein Fleisch, ein Blut sind.
Aus dieser Gleichheit in der tiefsten Not
Erwächst ein Volk, das rein von Gier und Neid
Die wahre Freiheit in die Welt wird tragen.
Der Untergang war deines Landes Rettung!
Jeremia:
(Ein tiefes Verstehen erhellt sein Gesicht; er sinkt vor seinem Vater auf die Knie)
O Licht des Geistes, das die Nacht durchbricht!
Ich sehe nun den Pfad im dunklen Tale.
Der Herr verwirft uns nicht auf ewiglich,
Er bricht die Schale nur, damit der Kern
Zum Lichte dränge nach der Winterzeit.
So ist das Exil die heilge Schule,
In der das neue Herz des Volks entsteht?
Hilkija:
(Segnet das Haupt seines Sohnes)
So ist es, Sohn. Steh auf und trage Trost!
Wer säet mit Tränen, wird mit Freuden ernten.
Geh hin zu deinen Brüdern in der Nacht
And sag ihnen, dass Gott ihr Herz bereitet.
Das alte Polen fiel, das neue lebt
Bereits im Geiste, der den Tod besiegt.
Szene 27
(Hilkija tritt langsam zurück in das silberne Licht und verschwindet im Nebel. Jeremia richtet sich auf, seine Gestalt ist von einer neuen, inneren Kraft erfüllt. Der Chor tritt leise von den Seiten herauf.)
Chor:
Der Sinn ist kund! Das Dunkel weicht dem Strahl,
Das Leiden wird zum Läuterungsaltar.
Wir sehn den Weg durch dieses Tränental,
Das uns zum neuen Bunde führt fürwahr.
Chorführer:
Nicht Zorn allein war es, der uns vertrieb,
Es war die Liebe, die uns schmerzhaft heilt.
Was von der alten Pracht im Staube blieb,
Wird nun zum Erbe, das der Geist verteilt.
Chor:
Wir klagen nicht mehr um die sarmatsche Kron,
Wir schaun das Licht, das uns im Exil glänzt.
Aus Reue und aus Schmerz ersteht der Sohn,
Der eine neue Welt mit Freiheit kränzt.
(Jeremia wendet sich mit erhobenem Haupt dem Volk zu, das im Hintergrund aus dem Dunkel herantritt. Der Vorhang fällt feierlich.)
Szene 28
(Der Schauplatz öffnet sich weit. Der düstere Nebel des Exils beginnt sich unaufhaltsam zu lichten, und ein warmes, goldenes Morgenlicht – das an das Licht eines unzerstörbaren Frühlings erinnert – bricht von Osten her über die Szene. Die Ketten der Gefangenen fallen geräuschvoll zu Boden. Das Volk von Juda und die Söhne und Töchter Polens treten zusammen, geläutert und aufrecht. Jeremia steht auf einer Erhöhung im Zentrum; er trägt kein Gewand der Klage mehr, sondern ein lichtsames, weißes Festkleid.)
Jeremia:
Hört her, ihr Völker, hört des Herren Ruf,
Der durch die Jahrtausende das Herz erreicht!
Der Tag des Zorns ist nun an sein Richtmaß
Gekommen, und die Nacht des Jammers weicht.
Nicht mehr vom Tode will ich heute singen,
Nicht von den Trümmern, die die Weichsel führt,
Nicht von Zions verbranntem Heiligtum.
Ein neues Lied soll durch die Lande klingen,
Das euren Geist mit ewgem Troste rührt!
(Er breitet die Arme weit aus, die Menge blickt gläubig zu ihm auf.)
Siehe, es kommt die Zeit, so spricht der Herr,
Da will ich mit dem Hause Israel
Und mit dem Hause Juda einen Bund,
Ja, einen neuen, großen Bund aufrichten!
Nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern
Geschlossen habe, als ich sie bei der Hand
Gekriegt, zu führen aus Ägyptenland –
Den Bund, den sie gebrochen stetigbar,
Ob ich gleich ihr Gemahl und Tröster war.
Szene 29
Ein Bürger:
Prophet des Lichts, wie soll der Bund bestehen,
Wenn unser Herz so schwach und wandelbar?
Wird nicht der Stolz aufs Neue uns verfehlen,
Sobald das Reich ersteht im lichten Jahr?
Jeremia:
(Weist auf seine Brust)
Das ist der Bund, den ich nach diesen Tagen
Mit ihnen schließen will, so spricht der Herr:
Ich will mein heilig, unzerstörbar Wort
In ihr Gewissen, in ihr Inneres geben
Und will es ihnen in ihr Herze schreiben!
Nicht mehr auf Tafeln aus dem harten Stein,
Nicht auf Pergament, das im Feuer brennt,
Nein – in den Herzschlag eures eignen Lebens
Soll sich das Recht des Höchsten ewig weben.
Jeremia (mit prophetischer Ekstase):
Und ich will ihr Gott sein, und sie sollen
Mein Volk sein von nun an bis in Ewigkeit!
Es wird nicht mehr ein Bruder seinen Bruder,
Noch einer den andren lehren müssen, sprechend:
„Erkenne doch den Herrn!“, denn sie werden
Mich alle, beide Klein und Groß, erkennen.
Denn ich will ihnen ihre Missetat
Vergeben und an ihre schweren Sünden
Nimmermehr gedenken in meinem Rat!
(Das Volk sinkt nicht in Furcht, sondern in tiefer, dankbarer Ergriffenheit auf die Knie. Die Menschen reichen einander über alle Standesgrenzen hinweg die Hände.)
Szene 30
(Der Chor tritt in strahlenden, weißen Gewändern auf und formiert sich zu einem großen, abschließenden Halbkreis um das geeinte Volk.)
Chor:
Der neue Bund steht fest im Fleisch geschrieben!
Kein Fremder bricht, was Gott im Herzen hält.
Aus Knechtschaft und aus Tod ist uns geblieben:
Die Liebe, die den Bruder nie verprellt.
Chorführer:
Jerusalem steht auf aus seinen Brücken,
Und Polen fliegt im neuen Adlerflug!
Nicht mehr die Waffen sollen uns entzücken,
Der Geist des Rechts ist unsers Siegs Genug.
Chor:
Geleert ist nun der Kelch der bittern Leiden,
Die Reinigung hat ihr Werk vollbracht.
Wir gehn ins neue Land mit großen Freuden,
Der Herr hat uns das ewge Licht gebracht!
(Das goldene Licht erstrahlt in voller Pracht und hüllt die gesamte Bühne in einen überirdischen Glanz. Jeremia hebt segnend die Hände über das Volk, während ein triumphaler, jenseits aller Trauer stehender Choral einsetzt. Der Vorhang fällt langsam und feierlich.)
Szene 31
(Das Bühnenbild hat jegliche irdische Schwere verloren. Ein unendlicher, lichter Raum öffnet sich, in dem die weiten Horizonte der Weichsellandschaft und die Hügel von Zion in einem verklärten, smaragdenen und goldenen Glanz verschmelzen. Im Hintergrund ragt kein Trümmerhaufen mehr empor, sondern die strahlende Silhouette einer neuen, geistigen Stadt. Das Volk – nun nicht mehr getrennt in Arm und Reich, in Knecht und Herr – steht in feierlichen, weißen Gewändern. In ihrer Mitte steht Jeremia, der den Blick fest nach vorne gerichtet hält. Der Chor tritt geschlossen an die Rampe.)
Chorführer:
Es schweigt die Klage, und das Weinen weicht,
Der Tod hat seine Stacheln jäh verloren.
Was durch die Nacht des Jammers schwer gebeugt,
Wird heut im Glanz des Geistes neu geboren.
Wir schaun nicht rückwärts mehr auf Asche, Staub,
Nicht auf die Teilung und der Ketten Band;
Das Leben ward dem Tode nicht zum Raub,
Es siegt die Hoffnung über Altar und Land!
Jeremia:
(Tritt vor den Chor, seine Stimme hallt kraftvoll und melodisch wider)
Hört ihr den Atem, der durch Gräber weht?
Es ist der Geist, der die Gebeine rührt!
Gott sprach zum Tal der Toten: „Stehet auf!“,
Und seht, der Mensch hat seine Kraft gespürt.
Polen, mein Zion, das im Schutt gelegen,
Du bist das Zeichen, dass kein Volk vergeht,
Das seine Treue durch die Stürme rettet
And fest im Glauben an das Rechte steht.
Die Teilungsmächte stürzen in den Staub,
Die Kronen der Tyrannen brechen jäh –
Doch unverstümmelt blüht des Geistes Laub,
Das ich im Kern des neuen Bundes seh.
(Er hebt eine goldene Ähre empor, die er aus dem Boden liest.)
Aus Tränen reifte diese reiche Frucht,
Das Leid war nur der Winter vor dem Lenz.
Nun bricht der Tag, den keine Nacht mehr sucht,
Das freie Volk empfängt des Friedens Kranz.
Nicht sarmatscher Hochmut baut die neue Welt,
Nein – die Solidarität, die unten anfängt,
Wo jeder Bruder fest den Bruder hält
And Gottes Wort das Herz mit Liebe tränkt.
Chor:
(Stimmt in einen triumphalen, vielstimmigen Hymnus ein)
Wir glauben an das Licht in finstrer Zeit,
Wir glauben an den Sieg, der uns verheißen!
Aus tiefster Ohnmacht und aus Herzeleid
Wird Gott das Volk zur Herrlichkeit entreißen.
Nicht in Verzweiflung endet dieses Lied,
Nicht im Verstummen an den Trauerweiden;
Ein ewger Frühling durch die Scholle zieht,
Der Herr erlöst uns von den alten Leiden!
Chor I:
Der Adler fliegt! Seine Schwingen sind rein,
Er steigt empor zur Sonne ohne Beben!
Chor II:
Jerusalem wird eine Leuchte sein,
Ein ewger Zeuge für das wahre Leben!
Jeremia:
(Richtete den Blick prophetisch nach oben, die Arme weit geöffnet)
Es ist vollbracht. Der Bund steht ewig fest.
Geht hin in Frieden, baut des Geistes Hort!
Solang der Mensch den Bruder nicht verlässt,
Lebt in der Welt das unzerstörbar Wort.
Die Auferstehung ist uns zugesagt –
Steh auf, mein Volk, der neue Morgen tagt!
(Unter den feierlichen Klängen eines mächtigen, jenseitsallerirdischen Chorals, in dem sich biblischer Lobgesang und die heroische Pracht eines triumphalen polnischen Hymnus mischen, erstrahlt die Bühne in einem blendenden, überirdischen Weiß. Das Volk hebt gemeinsam die Hände zum Licht. Der Vorhang fällt feierlich und langsam.)
EPILOG
Chorführer:
Ihr saht das Schwert, ihr saht die Flammen steigen,
Und fragtet: „Wo ist Gottes Rechte nun?
Ist er ein Götze, der im fernen Schweigen
Zuschaut, wie seine Völker wehgetan?“
O blinder Blick, der nur die Schale misst!
Das Leid der Welt ist kein verlorner Sand,
Der sinnlos in die dunkle Tiefe rinnt.
Es ist der Pflug, der unsre Brust zerreißt,
Damit der Geist den Hochmut jäh vergisst.
Chor I:
Der Untergang war nicht des Feindes Sieg,
Es war das Feuer, das den Rost verzehrt!
Die alte Adelsrepublik stand stolz
Auf Füßen, die aus reinem Ton geformt;
Sie musste brechen in der Zeiten Krieg,
Weil sie die Demut nicht im Glanze lernt’.
Chor II:
O freudig Unheil, das die Fessel bricht!
Denn erst im Kerker, wo der Prunk verbleicht,
Erkennt der Mensch des Bruders wahres Angesicht.
Der Schmerz wird hier zum heilgen Läuterungsbad,
Das uns vom Schmutz der eitlen Gier befreit.
Jeremia:
Ja, lernt das Rätsel dieser Nacht verstehn:
Ein Volk muss sterben, das im Geiste schläft,
Damit es aufersteh im lichten Tag!
Nicht mit dem Stahl, der nur Tyrannen schafft,
Nein, durch die Reue, die das Herz erweicht,
Wird jene Freiheit uns am End geschenkt,
Die kein Kosak und kein Despot erreicht.
Der Bund ist neu. Er steht im Blute rein,
Sarmatien stirbt, um ewig frei zu sein!
Chor:
So besiegeln wir den Weg, den Gott uns wies:
Wir weinen nicht am Ufer fremder Ströme,
Wir singen schon im Geist das Osterlied!
Der Tod ist nur die Wiege unsres Heils,
Die Auferstehung bricht aus diesem Schmerz.
Der Glaube siegt, die Hoffnung bleibt bestehn,
Wir sehn das Land aus seiner Asche gehn!