DER SÄNGERWETTSTREIT AUF DER WARTBURG UND SANKT ELISABETH

VON TORSTEN SCHWANKE



Klingsor tritt vor, die Halle schweigt.


KLINGSOR


O Wartburg, Kron’ der Hügel,

wo Thüringens Herz erwacht,

hier webt der Geist der Wunder

in tiefer, heiliger Nacht.

Ich ruf’ die hohen Musen,

ich rühre das Sternenzelt:

Von einer Fürstin sing’ ich,

die Licht gebar der Welt.


Elisabeth, die Reine,

Gefährtin allem Leid,

du Rosenwunderkönigin

im Mantel milder Zeit.

Wo Tränen Straßen schufen,

ließ deine Hand sie blühn;

die Armen sprachst du selig,

gabst ihnen Brot und Glühn.


(Er breitet die Arme, wie ein Zauberer, aus.)


Was kennt ihr von der Liebe?

Ihr singt von süßem Kuss –

doch ihre Liebe linderte

der Wunden tiefsten Fluss.

Ein Herz so ganz verströmend,

dass selbst des Himmels Tor

in Demut sich verneigte

vor ihrer Seele Chor.



HEINRICH VON OFTERDINGEN


Da rauscht in dunklen Tiefen

des Südens Zauberkraft;

doch hier im Thürings Lande

weht stiller Himmelsduft.

Nicht Sterne will ich rufen,

nicht Schatten, die erschreckt –

ich sing’ von jener Liebe,

die sanft den Menschen weckt.


Elisabeth, du Linde,

die ihren Schatten teilt,

wenn Sommergluten brennen

und Not das Volk ereilt.

In deinem Blick lag Friede,

der still die Welt umfing,

und jeder Armut Wunde

heilt dein Gebet im Wind.


Du gingst durch kalte Kammern

mit Körben voller Brot,

und wo dein Fuß sich niedertrat,

verklang schon halbe Not.

Wer arm war, war dir Bruder,

wer müd, fand bei dir Rast;

du hobst die Welt im Stillen,

wo andre prahlten, stolz und blass.


So sing’ ich, nicht von Wundern,

nicht Zauber trug ich her:

Ihr Leben selbst war Wunder –

und jedes Wunder mehr.



WALTHER VON DER VOGELWEIDE


Ihr Herren, hört mein Singen,

das schlicht vom Herzen quillt;

denn wo die Wahrheit wohnet,

da wird kein Wort verspielt.

Ich sah auf vielen Wegen

der Fürsten Glanz und Pracht –

doch nirgends solche Güte,

wie sie Elisabeth vollbracht.


Nicht Zauber will ich preisen,

nicht Traum aus fernen Land;

ich sah die heil’ge Fürstin

mit eigen’ rührender Hand

dem Armen Brot darreichen,

dem Waisen Trost und Halt,

und jede ihrer Gaben

war warm wie Sonn’ im Winter kalt.


Wie still sie Lasten trug,

die andre kaum erkannt –

und dennoch blüht’ ihr Lächeln

wie Rosen überm Sand.

O reinster Edelstein,

den Thüringen je gewann!

Die Liebe war ihr Zepter,

ihr Reich ein Herz, das lieben kann.


Drum sprech’ ich ohne Zierde,

ohne Spur von Dichtertrug:

Wer solcher Frau gedenket,

der lobt zugleich genug.

Denn was sie leis’ vollbrachte,

das ragt durch Zeit und Welt –

und jeder Minnesänger

neigt sich vor ihr so still erhellt.



WOLFRAM VON ESCHENBACH


Ich tret’ in stiller Demut

vor dieses hohe Rund;

denn wo ein Herz wie ihres lebt,

da wird das Wort zur Stund’

zu minniglichstem Dienste,

zu flehentlichem Gebet.

Wer über Elisabeth singt,

der soll in Wahrheit stehn, 

nicht nur ein schmeichelnder Poet.


O Fürstin, reine Liebe,

die wie ein Quell entspringt,

aus dem der Durst der Herzen

sich still und neu empfängt.

Nicht weltlich war dein Feuer,

nicht stolz dein Diadem –

du saßest, mild wie Abendlicht,

bei Kranken, als wär es dein Emblem.


In dir war Mild’ und Schmerzen

wie Schwert und Harfenklang;

du liebtest bis zum Opfer,

und heiltest Angst und Bang’.

Und jede deiner Tränen

war wie ein Tropfen Segen,

der niederfiel auf Menschenlast

und sie erhob zum Lebensregen.


Drum sing’ ich nicht von Mächten,

die hoch die Welt regiert;

ich sing’ von jener Stärke,

die durch Erbarmen führt.

Und wer dein Leben höret,

der kennt den Himmel eher:

Denn wo ein Herz so leuchtet,

da wird die Erde ein wenig mehr.



REINMAR DER ALTE


Ihr edlen Herrn der Wartburg,

vernehmt mein schlicht Gemüt:

Ich suche nie das Laute,

nur Maß und rechte Sitt’.

Denn wo der Tugend Krone

in hellem Glanze steht,

da ziemt sich leiser Lobgesang,

der wie ein Weihrauch weht.


So sing’ ich von der Fürstin,

die keinem Leid entfloh,

die in des Lebens Schwären

wie mildes Wasser floss.

Elisabeth, die Gute,

die jeder Not sich neigt,

als wär die Welt ihr Mündel

und sie als Hüterin sich zeigt.


Ihr Herz war still und treu,

gereinigt wie Kristall;

nicht überstürzt in Werken,

doch rein in jedem Fall.

Sie gab, was sie nur hatte,

und gab noch mehr dazu;

und wer die Gabe nahm von ihr,

der spürte Frieden, Mutters Ruh.


Drum neig’ ich mich in Ehren

vor solchem Frauengut;

denn wo ein Herz so handelt,

da wohnt der wahre Mut.

Und aller Sang der Herren,

er möge prangen sehr –

doch bleibt ihr Werk das Höchste,

und jede Zung‘ schweigt vor dem Herrn.



TANNHÄUSER


Ihr Herren, die ihr singet

in frommer, stiller Art —

doch hört nun meine Saiten,

die sprechen heiß und hart.

Denn Lieb’ ist mehr als Milde,

mehr als ein sanfter Strahl;

sie brennt im tiefsten Innern,

ruft Sturm und Glut, des Herzens Qual.


So sah ich auch die Fürstin,

die heilig, mild und rein,

doch in der Seele Feuer

von Gottes Glanz erschien.

Nicht nur im stillen Spenden

lag ihres Wesens Macht —

sie liebte mit der Glutkraft,

die jede Wunde heilt und wacht.


Ich sah sie, wie sie wandelte

im Schmerz der Menschen Welt;

und wie sie auch zerbrochen

die Hände weiterstellt.

O solche Lieb’ ist Flamme,

die reiner brennt als Gold;

ein Feuer, das nicht friert,

auch wenn der Himmel schweigend rollt.


Drum sing’ ich nicht nur Tugend,

nicht nur der Werke Scheu;

ich sing’ von jener Liebe,

die alles macht aufs Neu’.

Elisabeth, du Flamme,

die Gottes Herz entfacht —

wer je dein Licht gesehen,

der trägt ein Glühen in der Nacht.



OSWALD VON WOLKENSTEIN


Von Bergen und von Meeren

bin ich heraufgestiegen;

hab’ Winde, Eis und Wüsten

durchstritten ohne Siegen.

Doch selten sah ich Orte,

wo solch ein Licht entbrennt

wie hier, wo man der Frau gedenkt,

die Armut küsset und erkennt.


Ich bin ein Mann der Wege,

der oft das Harte kennt;

die Welt ist voll von Schatten,

die leicht das Herz verbrennt.

Doch wenn ihr von der Heiligen

so minniglich erzählt,

so scheint’s, als strahl’ ein Morgenrot,

das selbst der Wandersmann erwählt.


Elisabeth, du Reine,

die Sanftmut nie verlor,

auch wenn der Sturm dich prüfte

und Leid für dich erkor —

du bist der Seele Hafen,

wo Heimat still erwacht;

ich sah in dir das Ebenbild

der Güte, die uns neu entfacht.


Drum sing’ ich ohne Schmieden,

ohne viel Zier am Wort —

mein Leben war die Schmiede,

mein Lied ist rau und kurz.

Doch deiner Treue wegen

wird selbst mein Klang zur Zier:

Denn wer dich rühmt, o Heilige,

der findet Frieden hier.



Nun tritt Elisabeth selbst vor.

Nicht als Fürstin, sondern als demütige Dienerin Christi.

Sie dankt den Sängern — leise, mit jener stillen Güte, die stärker ist als jedes Lob —

und singt dann ein Lied vom Heiligen Grab, ein Pilgerlied, voll Sehnsucht, Schmerz und Hoffnung.


ELISABETH


Ihr edlen Sänger,

die ihr mit Herz und Saiten

mein armes Tun so hoch bescheiden preist —

ich bin nur Staub vor Gott,

ein Funken seines Lichts.

Doch euer Wort hat mich gerührt,

und ich dank’ euch mit dem einzigen,

das mir wahrhaft eigen ist:

mit einem Lied von jenem Ort,

der aller Seelen Sehnsucht birgt.


LIED DER ELISABETH


Vom Heiligen Grab


Ich ging den Weg der Fernen,

wo Staub die Straße webt,

und jede dürre Palme

wie stumm zum Himmel strebt.

Dort lag, im Schein der Sonne,

des Herren Grab so still —

und meine Seele bebte,

als ob sie seinen Ruf noch einmal hören will.


O Grab, du kühler Garten,

du Tor zur Ewigkeit,

du sahst den Tod zerstäuben

in helle Herrlichkeit.

Was hier in dunkler Erde

wie Stein und Schweigen ruht,

das ward im Ostermorgen

zum Quell der Gnade, Kraft und unvergänglichem Mut.


Ich kniete an den Stufen,

wo seine Wunden sangen

von Liebe ohne Schranken,

von Schmerzen ohne Prangen.

Und jede Träne, die ich ließ,

war wie ein neuer Eid:

Ich will den Armen sein,

als wär’s mein letzter Weg, mein Brot, mein stilles Kleid.


O Grab, du heil‘ge Stätte,

du Zeuge höchsten Lichts —

wer dich im Herzen trägt,

der fürchtet Dunkel nicht.

Denn aus der Tiefe deines Steins

brach Gottes Morgen frei —

und wem das Licht einmal beschien,

der trägt es weiter, still und treu.



ELISABETHS ROSENWUNDERLIED


Ich trug in Morgenfrühe

den Korb voll Brot und Not;

durch fremder Leute Straßen

ging ich in Gottes Gebot.

Da raunte leis der Winter,

die Kälte biss mich an —

doch in mir wuchs ein Feuer,

das nur die Liebe tragen kann.


O Herr, du kennst die Armen,

du kennst ihr bittres Los;

drum trag’ ich, was ich habe,

auf ihren Durst und Stoß.

Und wenn mich Welt und Ordnung

zur Rückkehr mahnen will —

so lass mein Herz dich hören

und geh voran in Güte mild und still.


Da trat der Fürst mir nahe

mit strengem, prüfendem Blick:

„Was trägst du dort, Elisabeth?

Dem Hof entfliehst du, Stück um Stück.“

Ich hob den Korb in Demut,

fand nur ein schlichtes Wort:

„Nur Brot für deine Menschen, Herr,

ein wenig Trost, ein wenig Hort.“


Doch als er in die Weiden

des Korbes nieder sah,

da lag kein Brot, kein Elend —

nur Rosen, duftend, nah.

Wie Frühling mitten im Winter,

wie Gnade ohne Grund;

und jeder Himmel öffnete

sein staunend Herz in jener Stund’.


O Rosen, süße Wunder,

die Gottes Hand erblüht —

wie mild ihr von der Liebe

der Armen Kunde zieht.

So will auch ich euch tragen

als Zeugnis seiner Macht:

Wer Liebe gibt in Dunkelheit,

dem wird ein Rosenwunder zugedacht.