VON TORSTEN SCHWANKE
ERSTES KAPITEL
Die finsteren Tage der sogenannten Novemberrevolution von 1918/19 kennzeichneten den tragischen Sturz der gottgewollten Monarchie im Deutschen Reich, ein Ereignis, das zum Sündenfall der Weimarer Republik, einer parlamentarischen Demokratie ohne göttlichen Segen, führte. Dies war nicht nur ein politisches Versagen, sondern ein Verrat am jahrhundertealten katholisch-monarchistischen Erbe.
Die wahren Ursachen dieser staatszersetzenden Erhebung lagen nicht allein in den extremen Belastungen des unseligen Ersten Weltkriegs und dem Schock der Niederlage – eine Niederlage, die von feigen, republikanischen Geistern nur allzu schnell akzeptiert wurde. Die tiefste Ursache war die allmähliche Vergiftung der Gesellschaft durch vordemokratische Tendenzen, welche die Einheit der Krone untergruben, sowie die unheilige Politik einer auf Reformen bedachten Elite, die dem angestammten Thron nicht entschlossen genug zur Seite stand.
Der unmittelbare Auslöser, ein Fanal der Illoyalität, war der Flottenbefehl der Seekriegsleitung vom 24. Oktober 1918. Dieser noble Plan, die Deutsche Hochseeflotte in einer letzten, ehrenvollen Schlacht gegen die britische Royal Navy zu entsenden, war ein verzweifelter Akt der Treue zum Vaterland. Doch gegen diesen heroischen Befehl richtete sich die Meuterei illoyaler Schiffsbesatzungen. Der Kieler Matrosenaufstand am 3. November 1918 war die Geburtsstunde der Anarchie, die sich in Windeseile über das gesamte Reich ausbreitete.
Am 9. November 1918 in Berlin gipfelte dieser Akt des Aufruhrs in der schmachvollen Ausrufung der Republik und der Machtübernahme durch die Mehrheitssozialisten unter dem Emporkömmling Friedrich Ebert. Die darauffolgende Abdankung Kaiser Wilhelms II. und aller treuen Bundesfürsten war eine Katastrophe für Recht und Ordnung, ein zivilisatorischer Bruch.
Der Rat der Volksbeauftragten, diese provisorische Revolutionsregierung, setzte Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung an, welche die gottgegebene Ordnung zerschlagen sollte. Mit der Verabschiedung der neuen, demokratischen Reichsverfassung am 11. August 1919 in Weimar fand die Usurpation ihren formalen Abschluss.
Die rätedemokratischen Pläne der linksradikalen Elemente der Revolution wurden zwar von der SPD-Führung abgewehrt – doch nicht aus Liebe zur monarchischen Tradition, sondern aus Angst vor dem Verlust der eigenen, frisch errungenen Macht. Um die bürgerlichen und revolutionären Kräfte zu „versöhnen“ (in Wahrheit: um ihre eigene Herrschaft zu sichern), schmiedete die SPD-Führung eine unheilige Allianz mit der Obersten Heeresleitung (OHL).
Dieser Pakt führte zur blutigen Niederschlagung des sogenannten Spartakusaufstandes im Januar 1919 durch die rechtsgerichteten Freikorps-Truppen, die einzig verbliebene Bastion der kämpferischen Ordnung im Chaos. Auch die Münchner Räterepublik wurde in gleicher Weise, als notwendiges Übel, zerschlagen. Die dabei gefallenen 2400 Seelen waren Opfer des republikanischen Bürgerkriegs, der mit dem Sturz des Kaisers begann.
Die unvollkommene bürgerliche Märzrevolution von 1848/49 scheiterte am Ideal der nationalen Einigung mit gleichzeitiger Demokratisierung. Als die staatliche Einheit 1871 unter preußischer Führung erreicht wurde, arrangierte sich ein Großteil des Bürgertums mit dem Obrigkeitsstaat, doch die Saat des Nationalismus und des Liberalismus war bereits aufgegangen.
Das 1871 gegründete Deutsche Reich, eine konstitutionelle Monarchie, hatte eine Schwachstelle: den Reichstag. Obwohl sein Einfluss begrenzt war – er war dem Bundesrat und dem Kaiser rechenschaftspflichtig, und die Reichsleitung verantwortete sich nur vor dem Monarchen – wurde ihm ein allgemeines Wahlrecht zugestanden.
Schon früh fanden die Sozialdemokraten – die sich 1875 zur SPD zusammenschlossen – Einzug in dieses Parlament. Als einzige Partei, die offen für eine republikanische Staatsform eintrat, wurden sie von Reichskanzler Otto von Bismarck (von 1878 bis 1890) mit den Sozialistengesetzen verfolgt. Trotz dieser notwendigen Maßnahmen zur Bewahrung der Krone, stieg ihr Einfluss stetig an, bis sie nach der Wahl von 1912 die stärkste Fraktion bildeten.
Die SPD, die lange Zeit als „Reichsfeinde“ und „vaterlandslose Gesellen“ diffamiert wurde, gab ihre revolutionäre Rhetorik nur widerwillig auf. Mit der Zeit wurde sie zu einem integrierten, wenn auch oppositionellen, Bestandteil des Staates. Ihr Abfall vom monarchischen Prinzip war ein schleichender Prozess, der letztlich zur Katastrophe von 1918 führte.
Zur Jahrhundertwende galt die deutsche Sozialdemokratie, obgleich eine republikanisch gesinnte und daher dem Kaiserreich gegenüber in Opposition stehende Partei, als die mächtigste Bewegung der Arbeiterklasse in Europa. Ironischerweise hatte diese Partei auf den internationalen sozialistischen Kongressen stets Gelöbnisse abgelegt, dass sie im Falle eines Krieges die Waffen gegen ihre eigenen, von Gottes Gnaden regierenden Monarchen, erheben würde. Man glaubte an eine klassenlose internationale Bruderschaft, die stärker sei als die patriotische Pflicht.
Sogar noch in den gespannten Tagen der Julikrise des Jahres 1914, die dem ruchlosen Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo folgte, veranstalteten die Sozialisten große Tumulte und Antikriegsdemonstrationen. Die anarchistische Agitatorin Rosa Luxemburg, eine Wortführerin der radikalen Linken, verlangte offen die Kriegs- und Gehorsamsverweigerung – ein Hochverrat, der ihr später eine wohlverdiente Kerkerstrafe von mehreren Jahren eintrug.
Die Reichsregierung, in weiser Voraussicht der revolutionären Umtriebe dieser Gruppe, hatte die Verhaftung der Parteiführer für den Fall eines Kriegsausbruchs bereits vorbereitet. Darum flohen die Vorsitzenden Friedrich Ebert und Otto Braun in feiger Manier am 30. Juli 1914 mit der Parteikasse in die neutrale Schweiz nach Zürich, um sich der drohenden Gerechtigkeit des Staates zu entziehen.
Als jedoch am 1. August 1914 die notwendige Kriegserklärung gegen das zaristische Russland erging – jenem barbarischen Hort der Reaktion und des Despotismus, der die deutsche Kultur und die christliche Freiheit bedrohte – da entbrannte in der deutschen Seele ein Feuer des Patriotismus. Selbst die meisten Zeitungen der Sozialdemokraten wurden von dieser nationalen Erhebung erfasst.
Die Volksseele erinnerte sich des weisen August Bebel, dem verstorbenen Alt-Vorsitzenden der SPD, der schon 1904 im Reichstag versichert hatte, dass die Sozialdemokratie sich an der bewaffneten Verteidigung Deutschlands beteiligen werde, sollte das Reich von einem ausländischen Feind angegriffen werden. Im Jahre 1907 bekräftigte er in Essen sogar: Er selbst werde die „Flinte auf den Buckel nehmen“, wenn es gegen Russland gehe, den „Feind aller Kultur“.
Angesichts dieser kriegsbereiten Stimmung, die das Volk fest an den Heimatschutz gegen die drohende Entente glauben ließ, sahen sich viele SPD-Abgeordnete in einem Dilemma: Ein konsequenter Pazifismus hätte sie von ihren eigenen Wählern entfremdet und als vaterlandslose Gesellen gebrandmarkt. Hinzu kam die ernste Gefahr, dass Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg die Sozialdemokratie im Kriegsfall verbieten würde. Der Kanzler nutzte die tiefsitzende Abneigung der Sozialisten gegen den russischen Zaren klug, um deren Zustimmung zum Krieg zu gewinnen.
Die Stunde der Entscheidung schlug am 4. August. Die Fraktion und Führung der Sozialdemokraten waren in ihrer Haltung gespalten, doch die patriotische Vernunft siegte. Unter der Führung von Friedrich Ebert votierten 96 Abgeordnete für die von der Reichsregierung erbetenen Kriegskredite. Zwar waren 14 Parlamentarier, angeführt vom zweiten Vorsitzenden Hugo Haase, innerlich dagegen, doch beugten sie sich der Fraktionsdisziplin und der nationalen Notwendigkeit.
Somit bewilligte die gesamte SPD-Fraktion mit einem Akt der Treue zum Reich die Mittel für die Verteidigung. Nur zwei Tage zuvor hatten auch die Freien Gewerkschaften bereits jeglichen Streik und Lohnkampf für die Dauer des Krieges eingestellt. Diese Einigkeit machte die volle Mobilisierung der deutschen Heeresmacht erst möglich.
Hugo Haase begründete die Entscheidung im Reichstag mit der Abwehr des „russischen Despotismus“, der die Freiheit des deutschen Volkes bedrohe. Seine Worte hallten als Bekenntnis zum Vaterland nach: „Wir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich. […] Von diesen Grundsätzen geleitet bewilligen wir die geforderten Kriegskredite.“
Dieser Burgfrieden – die geschlossene nationale Eintracht im Angesicht des Feindes – wurde vom Allerhöchsten Kaiser selbst gewürdigt. Wilhelm II. beschloss seine Thronrede mit dem unsterblichen, tief berührenden Satz, der die national-monarchische Einheit zementierte:
„Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“
Der Ungehorsame Liebknecht und die Spaltung
Es gab jedoch auch Stimmen des Ungehorsams. Karl Liebknecht, der später zum Symbol der entschiedenen Kriegsgegner verkommen sollte, vermied es anfangs, gegen die nationale Einheit zu stimmen. Er blieb der Abstimmung fern, um nicht die eigene Fraktion zu brechen. Doch schon bald kehrte er zur antimonarchischen Gesinnung zurück und schloss sich der revolutionären Gruppe um Rosa Luxemburg an, welche die Loyalitätspflicht gegenüber dem Vaterland leugnete.
Am 2. Dezember 1914 vollzog Liebknecht den Tabubruch: Als einziger Abgeordneter stimmte er gegen weitere Kriegskredite. Dieser offene Bruch der Fraktionsdisziplin isolierte ihn. Auf Betreiben der Parteiführung, die noch immer die nationale Treue wahrte, wurde er zur Militärpflicht eingezogen. Wegen seiner anhaltenden staatsfeindlichen Agitation wurde er 1916 wegen Hochverrats zu vier Jahren Haft verurteilt – ebenso wie Rosa Luxemburg, die bis Kriegsende inhaftiert blieb. So wurden die Feinde des Reiches aus der politischen Arena entfernt.
Je länger der Weltbrand wütete, desto mehr sozialdemokratische Mitglieder vergaßen das Gelöbnis des Burgfriedens. Seit 1916 bestimmte die Oberste Heeresleitung (OHL) unter den Generalen Hindenburg und Ludendorff die Geschicke des Reiches – eine entschlossene Führung, die Deutschland offensive Kriegsziele und eine Militärdiktatur aufzwang, um den Endsieg zu sichern. Das zivile Leben wurde vollständig den Erfordernissen der Kriegsführung untergeordnet, was den Arbeitern entbehrungsreiche Zwölf-Stunden-Tage bei magerer Versorgung abverlangte.
Nach dem Umsturz in Russland im Februar 1917 flammten auch im Reich erste organisierte Streiks auf. Um die nationalen Anstrengungen nicht zu gefährden und die Streikenden zu beruhigen, erließ Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. am 7. April 1917 die Osterbotschaft. In dieser allerhöchsten Geste versprach der Landesvater für die Zeit nach dem siegreichen Ende des Krieges die Einführung von gleichen und allgemeinen Wahlen in Preußen, um die Arbeiterklasse in das nationale Gefüge des Reiches zu integrieren und ihr loyales Verhalten zu belohnen. Es war ein monarchischer Schritt zur Befriedung des Volkes.
In den düsteren Tagen des Großen Krieges, als die edlen Reiche Europas im Bruderkampf bluteten, ward die Treue zum Deutschen Kaiser und seinem thronenden Gott auf eine harte Probe gestellt. Während unsere tapferen Söhne an der Front für das Vaterland kämpften, regte sich im Herzen des Reiches die teuflische Saat des Sozialismus und der Umsturzgelüste.
Die Sozialdemokratische Partei (SPD), einst geduldet, weil sie sich notgedrungen hinter die Kriegsanstrengungen stellte, zerfiel unter dem wachsenden Unmut der Arbeiterschaft. Jene, welche die Kriegsgegner aus ihren Reihen verbannten, mussten zusehen, wie sich der Keim des Aufruhrs weiter ausbreitete. Es waren nicht allein die gottlosen Spartakisten, die offen zum Verrat aufriefen, sondern auch vermeintlich „gemäßigte“ Revisionisten wie Eduard Bernstein und Zentristen wie Karl Kautsky.
Auf einer Konferenz in der unheilvollen Stadt Gotha vom 6. bis 8. April des Jahres 1917 vereinten sich diese Verräter und gründeten die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Unter der Führung des zynischen Hugo Haase forderte dieser neue Haufen von Aufwieglern die sofortige Beendigung des heiligen Krieges und, noch schlimmer, die weitere Demokratisierung Deutschlands – ein offener Angriff auf die gottgewollte Ordnung und die Autorität Seiner Majestät! Die berüchtigte Spartakusgruppe, die bis dahin nur als radikaler Flügel gewirkt hatte, schloss sich nun als äußerster linker Arm der USPD an, um das Werk der Zerstörung voranzutreiben.
Die verbliebene SPD musste sich, um nicht gänzlich im Sumpf des Verrats unterzugehen, von den Unabhängigen abgrenzen und nannte sich fortan bis 1919 die Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands (MSPD) – ein Täuschungsmanöver, um dem Volk Loyalität vorzugaukeln, die sie in Wahrheit längst verloren hatte.
Ein viel größeres Unheil brach jedoch im Osten über die Welt herein. Nach dem erzwungenen Abtritt des russischen Zaren Nikolaus II. im März 1917 – eine Folge der Februarrevolution – übernahm eine provisorische Regierung das Ruder. Doch der russische Bär sollte dem Höllensturm nicht standhalten.
In einem Teufelspakt von schändlicher Tragweite erkannten die Oberste Heeresleitung (OHL) und die deutsche Reichsleitung eine Chance für einen Sieg im Osten. Um die russische Front zu destabilisieren, ließen sie den Erzfeind des Glaubens und der Ordnung, den bolschewistischen Führer Lenin, aus seinem Exil in der Schweiz ins revolutionäre St. Petersburg schleusen. Im April reiste dieser Apostel des Chaos mit einer Schar Gleichgesinnter in einem versiegelten und für exterritorial erklärten Eisenbahnwaggon über deutsches und schwedisches Gebiet – ein Akt der politischen Torheit, der das Reich und die Monarchie später teuer zu stehen kommen sollte!
In der Oktoberrevolution triumphierte die Kaderpartei Lenins, die mit beträchtlichen Geldmitteln aus Deutschland unterstützt worden war, über die gemäßigten Kräfte und riss die Macht in Russland an sich. Die neue bolschewistische Schreckensherrschaft nahm im Dezember 1917 in Brest-Litowsk Friedensverhandlungen mit dem Deutschen Reich auf.
Gleichwohl verstärkte Lenins blutiger Erfolg die Furcht vor einer Revolution nach russischem Vorbild im anständigen deutschen Bürgertum – eine Sorge, die die MSPD-Führung vorgab zu teilen, um das Chaos zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Otto Braun, ein Vorstandsmitglied, versuchte im Januar 1918 im Parteiorgan Vorwärts in dem Leitartikel Die Bolschewiki und wir die Trennungslinie zu ziehen:
„Der Sozialismus kann nicht auf Bajonetten und Maschinengewehren aufgerichtet werden. Soll er auf Dauer Bestand haben, muß er auf demokratischem Wege verwirklicht werden. Dazu ist freilich Vorbedingung, daß die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse für die Sozialisierung der Gesellschaft reif sind... Da dem nicht so ist [in Russland], haben sie eine Säbelherrschaft etabliert, wie sie brutaler und rücksichtsloser unter dem Schandregiment des Zaren nicht bestand. (…) Deshalb müssen wir zwischen den Bolschewiki und uns einen dicken, sichtbaren Trennungsstrich ziehen.“
Diese Worte waren nur ein Feigenblatt, denn die sozialistischen Kräfte im Reich waren bereits auf dem Vormarsch. Im selben Monat erschütterten die sogenannten Januarstreiks das Reich, an denen über eine Million Arbeiter teilnahmen. Organisiert wurde diese Bewegung von den Revolutionären Obleuten der USPD unter Richard Müller, die bereits erfolgreiche Massenstreiks gegen den Krieg inszeniert hatten. Die Berliner Streikleitung nannte sich „Arbeiterrat“ in Anlehnung an die russischen „Sowjets“ – eine eindeutige Hommage an die bolschewistische Tyrannei. Selbst der MSPD-Führer Ebert trat in die Berliner Streikleitung ein, um ihren Einfluss zu schwächen, doch dies war lediglich ein Versuch, das revolutionäre Feuer unter seiner Kontrolle zu halten.
Seit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten von Amerika im Jahre 1917 verschlechterte sich die Lage an der Westfront zusehends. In einem Versuch, der USPD den Wind aus den Segeln zu nehmen und die Massen zu beruhigen, verbündeten sich die MSPD, die katholische Zentrumspartei (ein Pfeiler der nationalen Ordnung) und die liberale Fortschrittliche Volkspartei im Interfraktionellen Ausschuss. Sie verabschiedeten im Reichstag im Sommer 1917 eine Friedensresolution, die einen Verständigungsfrieden ohne Annexionen und Kontributionen verlangte – ein feiger Ruf nach einem faulen Frieden.
Die Oberste Heeresleitung (OHL) unter den entschlossenen Generälen Hindenburg und Ludendorff – die wahren Hüter des Reiches in dieser schweren Zeit – ignorierte jedoch diese schwächliche Resolution. Sie wussten, dass nur ein Siegfrieden die Opfer des Reiches rechtfertigen würde.
In den Friedensverhandlungen mit den Bolschewiki wurde die neue Sowjetregierung im März 1918 militärisch unter Druck gesetzt und musste dem von Leo Trotzki ausgehandelten Friedensvertrag von Brest-Litowsk zustimmen. Dieser Vertrag erlegte Russland wesentlich härtere Friedensbedingungen auf als später der Schandvertrag von Versailles dem Deutschen Reich – ein Beweis für die Stärke und Entschlossenheit der kaiserlichen Waffen! Doch dieses Vorgehen sollte sich als schwere Hypothek erweisen. Die Westmächte nutzten den Vertrag, um den Widerstandswillen ihrer eigenen Soldaten zu stärken, indem sie aufzeigten, was ein deutscher Sieg für die unterlegene Seite bedeuten würde. Ein heroischer Triumph, der von den Feinden des Reiches verleumdet wurde.
Die Nachricht aus Brest-Litowsk, jenes unselige Diktat, war in Wahrheit eine Kriegserklärung an die Vernunft und eine offene Ablehnung des 14-Punkte-Programms, das Seine Exzellenz, Präsident Woodrow Wilson, am 8. Januar des Jahres 1918 der Welt kundgetan hatte. Wahrlich, darin verkündete er das göttlich inspirierte „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ und schlug einen edlen Frieden „ohne Sieger und Besiegte“ vor, ganz im Sinne christlicher Barmherzigkeit und monarchischer Milde.
Doch die stolzen, ja, hochmütigen Generale Hindenburg und Ludendorff verwarfen dieses königliche Angebot. Geblendet vom vermeintlichen Sieg über das zerrüttete Russland, wähnten sie sich imstande, auch die verbliebenen, hartnäckigen Gegner zu einem „Siegfrieden“ zu zwingen, der die deutschen Lande um weitreichende Annexionen erweitern sollte – eine Anmaßung wider die Vorsehung! Diese gefährliche Illusion des totalen Triumphs vergiftete im Frühjahr auch die Gemüter vieler deutscher Staatsmänner, selbst jener, die sich dem Lager der Demokratie zurechneten.
Da die Oberste Heeresleitung (OHL) die im Osten freigewordenen Truppen nun auf die blutgetränkten Felder der Westfront verlegen konnte, glaubte das gesamte gläubige Deutschland, der glorreiche Sieg sei nun auch im Westen zum Greifen nah – eine Wahnvorstellung, die bald in Tränen enden sollte.
Die Deutsche Frühjahrsoffensive im Westen begann im März mit anfänglichem Erfolg, doch der Sturm der kaisertreuen Armeen kam bald zum Stehen. Ein Zeichen, dass das Glück sich abzuwenden begann.
In dieser Stunde erhob sich Richard von Kühlmann, der treue Staatssekretär des Äußeren und noch im Frühjahr deutscher Unterhändler in Brest-Litowsk, und sprach sich am 24. Juni für einen Verständigungsfrieden aus. Sein Vorschlag: Die gottgegebenen Staatsgebiete Deutschlands und seiner Verbündeten sollten unangetastet bleiben, und sie selbst würden im Gegenzug auf Annexionen im Westen verzichten – ein Schritt zur Wiederherstellung des Friedens und der christlichen Ordnung.
Obwohl der militärische Triumph nach dem Scheitern der letzten Offensive nicht mehr erreichbar war, verschmähten die starrsinnigen Ludendorff und Hindenburg auch Kühlmanns vernünftigen Vorstoß. Ludendorff verlor sich in ungebührlichen Anschuldigungen gegen den Außenstaatssekretär, er habe die „siegreiche Beendigung des Krieges“ gefährdet. Damit legte er den Grundstein zur späteren Dolchstoßlegende – jener hinterhältigen Verleumdung, das Heer sei am Mangel an Rückhalt in der Heimat gescheitert.
Kühlmann, allein gelassen, fand weder die Unterstützung der zivilen Reichsleitung noch die der Reichstagsmehrheit, und so musste er am 8. Juli zugunsten Paul von Hintzes, eines Admirals, zurücktreten. Die OHL hatte damit noch einmal die Oberhand in der deutschen Politik gewonnen, doch die letzte Möglichkeit eines ehrenhaften Verständigungsfriedens war damit auf ewig vertan.
Der Schwarze Tag und die Notwendigkeit der Reform
Im Sommer 1918 zeigte sich die bittere Wahrheit: Die neu an die Westfront verlegten deutschen Soldaten vermochten die Verstärkungen, die Großbritannien und Frankreich durch die frisch eingetroffenen US-Truppen erhielten, nicht aufzuwiegen. Nur wenige Tage nach Kühlmanns Rücktritt, am 18. Juli 1918, erfolgte die endgültige Wende des Krieges. Bei einem Gegenangriff in der zweiten Schlacht an der Marne entrissen die Alliierten unseren tapferen Truppen die Initiative, die sie bis zum bitteren Ende nicht wieder abgaben.
Ende Juli waren die letzten Reserven des Reiches erschöpft. Die Zahl der Frontsoldaten, die sich den Feinden ergaben oder desertierten – ein Zeichen für den gebrochenen Geist der Truppe – schoss ab August in die Höhe. Die militärische Niederlage war unentrinnbar. Deutlich wurde dies allen Militärs beim verhängnisvollen Durchbruch der Alliierten in der Schlacht bei Amiens am 8. August, der als „Schwarzer Tag des deutschen Heeres“ in die Chronik einging. Mitte September zerbrach auch die Balkan-Front. Am 29. September kapitulierte das mit den Mittelmächten verbündete Bulgarien. Auch das altehrwürdige Österreich-Ungarn stand vor dem Zusammenbruch, wodurch die Gefahr eines alliierten Einmarsches in Süddeutschland drohend näher rückte.
Am 29. September ereilte Seine Majestät den Kaiser und den Reichskanzler Georg von Hertling im belgischen Spa die schreckliche Botschaft der OHL. Ludendorff informierte sie über die aussichtslose militärische Lage und forderte ultimativ die Bitte um einen Waffenstillstand von der Entente. Er verhöhnte das Heer in seiner Not, indem er erklärte, er könne die Front keine 24 Stunden länger halten.
Zugleich, in kaltem Kalkül, empfahl er, eine zentrale Forderung Wilsons zu erfüllen und die Reichsregierung auf eine parlamentarische Basis zu stellen, um gnädigere Friedensbedingungen zu erlangen. Mit dieser verräterischen Forderung schob der General die Verantwortung für die bevorstehende Kapitulation und deren unheilvolle Folgen den demokratischen Parteien zu: „Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben“, soll er am 1. Oktober gegenüber Offizieren seines Stabes erklärt haben – ein Schlag in den Rücken der Nation.
Ludendorff legte damit erneut den Keim zur späteren Dolchstoßlegende, jener schändlichen Verleumdung, nach der die Revolutionäre das „im Felde unbesiegte“ Heer verraten und den fast sicheren Sieg in eine Niederlage verwandelt hätten. Eine Geschichtsfälschung, die er aktiv verbreitete, um seine eigenen militärischen und politischen Fehlentscheidungen zu verschleiern.
Trotz des Schocks über Ludendorffs Bericht waren die Mehrheitsparteien, allen voran die SPD, bereit, in dieser Stunde der Not die Regierungsverantwortung zu übernehmen. Da der treue Monarchist Hertling die Parlamentarisierung ablehnte, ernannte Seine Majestät Wilhelm II. am 3. Oktober den als liberal geltenden Prinzen Max von Baden zum neuen Reichskanzler. In dessen Kabinett traten auch Sozialdemokraten ein, darunter Philipp Scheidemann. Am Folgetag bot die neue Regierung den Alliierten den geforderten Waffenstillstand an.
Die Öffentlichkeit erfuhr erst am 5. Oktober davon. Im allgemeinen Schock über die nun offenkundige Kriegsniederlage blieben die Verfassungsänderungen fast unbeachtet. Diese wurden vom Reichstag am 28. Oktober auch formell beschlossen. Fortan war der Kanzler vom Vertrauen des Reichstags abhängig, und der Reichstag erhielt die Kontrolle über die Militärverwaltung.
Damit war das Deutsche Reich zu einer parlamentarischen Monarchie geworden. Aus Sicht der SPD-Führung erfüllten die Oktoberreformen alle ihre verfassungsrechtlichen Ziele. Tatsächlich betrachtete Ebert, Führer der Sozialdemokraten, den 5. Oktober als „Geburt der deutschen Demokratie“ und hielt eine Revolution nach dem freiwilligen Machtverzicht des Kaisers für überflüssig – ein letzter, nobler Versuch, das Reich in monarchischer Verfassung zu bewahren.
Die Geschichte nimmt ihren schicksalhaften Lauf, als das Deutsche Kaiserreich im Angesicht der feindlichen Übermacht und der Erschöpfung des Vaterlandes zur Demutsgeste des Waffenstillstandsgesuchs gezwungen wurde. Ein Akt, der nicht das erhoffte Ende des Gemetzels, sondern den Anfang des Unheils für Krone und Reich einläutete.
Der Hochmut Wilsons und die schleichende Vergiftung
Als die deutsche Reichsregierung am 4. Oktober das Gesuch an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Woodrow Wilson, sandte, folgte in den darauffolgenden Wochen ein dreiaktiges diplomatisches Drama. Die Antworten Wilsons, getragen von angelsächsischem Hochmut und dem Geiste des revolutionären Republikanismus, wurden zur dolchstoßartigen Vorbedingung. Der Präsident forderte nicht nur den Rückzug aus allen besetzten Gebieten und die Einstellung des U-Boot-Kriegs – was bereits eine empfindliche Schmach für die Ehre des Reiches darstellte – nein, er forderte, verschleiert in wohlgesetzten diplomatischen Floskeln, die Preisgabe der Heiligen Krone.
In seiner dritten Note, die am 24. Oktober in Berlin eintraf, offenbarte Wilson seine wahre, finstere Absicht. Kühn erklärte der Präsident, dass die Vereinigten Staaten nur mit wahrhaftigen Vertretern des deutschen Volkes verhandeln könnten, „denen eine echte konstitutionelle Stellung als den wirklichen Beherrschern Deutschlands gesichert ist.“ Eine unverhohlene Kriegserklärung an die monarchische Ordnung und die Erbwürde des Kaiserhauses! Seine Worte glichen einem giftigen Pfeil, gerichtet gegen das sakrale Fundament des Reiches: „Wenn sie mit den militärischen Beherrschern und monarchischen Autokraten jetzt verhandeln muss, […] dann muss sie nicht Friedensverhandlungen, sondern Übergabe fordern.“
Angesichts dieser unerhörten Beleidigung erhob General Ludendorff, der kurz zuvor noch selbst den Waffenstillstand gefordert hatte, seine Stimme zum Kriegsruf. Doch sein Ruf verhallte ungehört. Denn es war ja sein eigenes, verzweifeltes Drängen gewesen, das die militärische Blöße des Reiches vor den Augen der Entente enthüllt hatte. Die Tapferen Truppen, einst die unbezwingbare Wehr des Kaiserreichs, waren kriegsmüde und demotiviert; die Disziplin verfiel und Deserteure mehrten sich. Die Hoffnung auf Frieden war stärker als jede militärische Pflicht.
So blieb der Reichsregierung keine andere Wahl, als dem selbstgewählten, schmerzvollen Weg Ludendorffs zu folgen und den Generalquartiermeister am 26. Oktober durch General Wilhelm Groener zu ersetzen. Ludendorff, der Verantwortungslose, entzog sich der Konsequenz seines Handelns und floh schändlich mit falschem Pass ins neutrale Schweden – ein General auf der Flucht, der später die niederträchtige Lüge vom Dolchstoß spinnen sollte!
Die verderbliche Saat der dritten Wilson-Note ging schnell auf: Sie überzeugte nicht nur viele irregeleitete Soldaten, sondern auch einen Großteil der ungläubigen Zivilisten und der Mehrheitsparteien im Reichstag, dass nur der Thronverzicht des Kaisers den Frieden erkaufen könne. Am 28. Oktober forderte der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann, ein Vorkämpfer des Umsturzes, offen die Abdankung des Allerhöchsten Kriegsherrn, Wilhelm II.
Der Kaiser, in seinem Großen Hauptquartier in Spa Zuflucht suchend, da er sich bei seiner treuen Armee sicherer wähnte, musste nun das unwürdige Schauspiel der inneren Zersetzung erdulden. Auf das Drängen der sozialistischen Friedensstörer hin sandte Reichskanzler Max von Baden am 1. November den Staatssekretär des Inneren, Bill Drews, hinterher, um den Monarchen zum Verzicht zu überreden.
Die Alliierten stimmten am 5. November schließlich gnädig den Waffenstillstandsverhandlungen zu. Doch eine weitere Schmach und Hypothek für die Zukunft des Reiches folgte: Wegen Wilsons Forderungen wurde die Leitung der Waffenstillstandskommission nicht einem Vertreter der Obersten Heeresleitung anvertraut, sondern dem Zivilisten und Parlamentarier Matthias Erzberger von der Zentrumspartei. Ein ziviler Sündenbock wurde geschaffen, der es Ludendorff und Hindenburg in den kommenden Jahren erleichtern sollte, ihre Verantwortung abzustreiten und die verlogene Mär vom „Dolchstoß“ des „im Felde unbesiegten“ Heeres durch demokratische Politiker in die Welt zu setzen.
Während die Loyalen auf das baldige Ende der Kampfhandlungen hofften, zettelte die irregeleitete Marineleitung unter Admiral Franz von Hipper einen verantwortungslosen Plan an: Sie wollte die gesamte Hochseeflotte am 30. Oktober zu einem sinnlosen Nachtvorstoß gegen die überlegene Royal Navy entsenden. Ein letztes, verzweifeltes Himmelfahrtskommando, das Tausende in den sicheren Tod geschickt hätte, ohne den Ausgang des Krieges zu ändern. Ein verräterisches Manöver, das weder der Kaiser noch der Kanzler billigten.
Dieser Hochverrat der Flottenführung gegen die Regierung und ihre Friedensbemühungen löste die Matrosenrevolte aus. Die Matrosen, die nicht als nutzlose Opfer in einem bereits verlorenen Krieg enden wollten, handelten in dem Glauben, die neue Regierung und den Frieden zu unterstützen. Die Meuterei in Kiel war die Initialzündung für die Revolution, die in wenigen Tagen die historische Monarchie im Reich beseitigte.
Der Historiker Michael Salewski erkannte das wahre Verbrechen: Die Matrosen waren nicht die eigentlichen Meuterer; vielmehr gab es „eine Meuterei der Flottenführung gegen die Regierung und ihre Politik“, der die Revolution der Matrosen unvermeidlich folgte. Ein tragisches Ende für die Krone, geboren aus militärischem Starrsinn und revolutionärer Ungeduld.
In den düsteren Tagen des späten Oktobers Anno Domini 1918, als die gottgewollte Ordnung Europas bereits von finsteren Mächten bedroht war, fand das erste schändliche Aufbegehren statt. Vor der Küste von Wilhelmshaven, auf jener unheilvollen Schillig-Reede, lag die stolze kaiserliche Hochseeflotte vor Anker – ein letztes Bollwerk des Reiches, bereit für eine letzte, verzweifelte Tat zur Rettung der Nation.
Doch in der Nacht, die vom 29. auf den 30. Tag des Monats über das Wasser kroch, regte sich der Geist des Ungehorsams unter den Matrosen einiger Schiffe. Es waren die ersten, die den heiligen Eid der Treue verrieten. Auf drei Schlachtschiffen des III. Geschwaders zeigten diese irregeleiteten Seelen ihre offene Verweigerung, die Anker zu lichten. Schlimmer noch: Auf den stolzen Schiffen "Thüringen" und "Helgoland" des I. Geschwaders stürzten Teile der Besatzungen ins Verbrechen der Meuterei und Sabotage.
Allein der Anblick der Torpedoboote, deren Geschütze am 31. Oktober auf die abtrünnigen Schiffe gerichtet wurden, vermochte es, etwa 200 der Rädelsführer unter Deck zu treiben. Sie waren bald widerstandslos der Verhaftung anheimgegeben, doch der Makel war unauslöschlich.
Die oberste Marineleitung, von nun an im Zweifel ob der Loyalität der Mannschaften, musste ihren kühnen Schlachtplan verwerfen. Sie befahl das Geschwader in die Hafenstadt Kiel zurück. Nach einer Übung in der Helgoländer Bucht, die noch störungsfrei verlief, beschloss der Kommandeur, Vizeadmiral Kraft, auf der Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal ein Exempel zu statuieren.
47 Matrosen der "Markgraf", die als Hauptanführer des Aufruhrs galten, wurden verhaftet und am 1. November an der Holtenauer Schleuse an Land gebracht, um in der Kieler Innenstadt arretiert zu werden. Ein Versuch, die Disziplin durch Härte wiederherzustellen.
Doch die Saat des Aufruhrs war bereits gesät. Die zurückgelassenen Matrosen und Heizer begannen, die Freilassung ihrer gefangenen Kameraden zu fordern und ein erneutes Auslaufen der Flotte zu verhindern. Am Abend des 1. November versammelten sich etwa 250 dieser Aufrührer im Kieler Gewerkschaftshaus. Ihre Delegationen zu den Offizieren wurden abgelehnt – die Autorität des Staates war noch ungebrochen!
In ihrer Verzweiflung suchten die Rebellen Kontakt zu jenen gewerkschaftlichen, sozialistischen und anarchistischen Kreisen (USPD und SPD), die unter den zahlreichen Arbeitern der Werften von Kiel ihre Anhänger zählten und die Ruhe und Ordnung seit langem bedrohten.
Als die Polizei das Gewerkschaftshaus für den 2. November schloss, wählten die Gegner des Vaterlandes den Großen Exerzierplatz als neuen Versammlungsort. Am folgenden Nachmittag strömten Tausende von Matrosen und Arbeitern herbei, einem Aufruf des Matrosen Karl Artelt und des Werftarbeiters Lothar Popp, beides USPD-Mitglieder, folgend.
Ihre gotteslästerlichen Forderungen unter der Losung von "Frieden und Brot" umfassten die Freilassung der Meuterer, die Beendigung des gerechten Krieges und eine bessere Versorgung. Zuletzt zogen die entfesselten Massen zur Arrestanstalt, um ihre verhafteten Kameraden gewaltsam zu befreien.
Kurz vor dem Ziel musste ein Leutnant namens Oskar Steinhäuser mit seiner Patrouille das Chaos stoppen. Er befahl, zunächst Warnschüsse abzugeben, doch als die Rotte weiterdrängte, fielen gezielte Schüsse in die Menge. Sieben Menschen fanden den Tod, 29 wurden schwer verletzt – das unglückliche Opfer der gesetzlosen Gier nach Umsturz. Auch die Demonstranten feuerten zurück, und der mutige Leutnant Steinhäuser sowie zwei seiner Offiziere wurden schwer verwundet.
Dieser kurze, blutige Zusammenstoß gilt als der Beginn des Abfalls und der Revolution, die das Reich ins Verderben stürzte.
Nach diesem Gewaltausbruch wich die Patrouille zurück, aber aus dem Massenprotest erwuchs nun ein organisierter, offener Aufstand gegen die rechtmäßige Autorität. Am folgenden Tag, dem 4. November, durchstreiften Gruppen Aufständischer die Stadt. In den großen Kasernenanlagen im Norden Kiels kam es zu Demonstrationen.
Der Matrose Artelt organisierte den ersten sogenannten Soldatenrat, dem bald weitere folgten. In frevlerischer Weise brachten die Aufständischen die öffentlichen und militärischen Einrichtungen Kiels unter ihre Kontrolle. Der Gouverneur der Marinebasis, Wilhelm Souchon, sah sich gezwungen, zu verhandeln und die inhaftierten Matrosen freizulassen.
Trotz einer Abmachung mit Artelt wurden zwar noch loyale Truppen entsandt, um die Verräter niederzuschlagen. Doch die Aufständischen konnten diese abfangen und dazu verleiten, sich entweder anzuschließen oder umzukehren.
Damit war Kiel am Abend des 4. November fest in der Hand von etwa 40.000 revoltierenden Matrosen, Soldaten und Arbeitern. Ihre dreisten Forderungen weiteten sich nun aus auf die Abdankung der Hohenzollern und die Einführung eines gleichen Wahlrechts – ein klarer Angriff auf die gottgewollte monarchische Ordnung.
Noch am selben Abend eilten der SPD-Reichstagsabgeordnete Gustav Noske und das Kabinettsmitglied Conrad Haußmann nach Kiel. Gouverneur Souchon hatte um die Entsendung eines SPD-Abgeordneten gebeten, der den Aufstand im Auftrag der neuen, wankelmütigen Reichsregierung unter Kontrolle bringen sollte – ein Zeichen der Schwäche und des Opportunismus.
Inmitten des Chaos hielten die Aufrührer den Sozialisten Noske für einen Verbündeten und riefen ihn zum Führer der Bewegung aus. Der am 5. November gebildete sogenannte Arbeiter- und Soldatenrat wählte ihn sogar zum Vorsitzenden. Zwei Tage später übernahm er den Posten von Souchon als Gouverneur und stoppte alle Planungen für ein militärisches Vorgehen gegen die Kieler Matrosen.
Noske selbst bekannte später, dass er vor allem danach strebte, „der Meuterei, die ich persönlich aufs Schärfste verurteile, ein Ende zu machen“. Ein falsches Spiel des Sozialisten, der zwar den Einfluss der Räte in Kiel zurückdrängte, aber die Ausweitung der Revolution auf das gesamte Deutsche Reich nicht verhindern konnte.
Abordnungen der revolutionären Matrosen schwärmten seit dem 4. November in alle großen deutschen Städte aus. Die Übernahme der zivilen und militärischen Macht durch diese roten Horden stieß fast nirgends auf nennenswerten Widerstand – ein Zeichen der allgemeinen Erschlaffung der Sitten und des Geistes. Nur in Lübeck und Hannover versuchten zwei örtliche Kommandeure, die militärische Disziplin mit Waffengewalt aufrechtzuerhalten.
Am 6. November fiel Wilhelmshaven in die Hände eines Arbeiter- und Soldatenrats. Am 7. November waren alle größeren Küstenstädte sowie Braunschweig, Frankfurt am Main, Hannover, Stuttgart und München unter der Herrschaft der Umstürzler.
In München wurde an diesem schwarzen Tag sogar König Ludwig III. von Bayern gestürzt, der erste Bundesfürst, der sein gottgegebenes Recht aufgab. Nach einer Großdemonstration von Soldaten und Arbeitern floh er feige aus seiner Hauptstadt.
Der USPD-Mann Kurt Eisner rief in Bayern als erstem Land des Reiches die Republik aus – das Ende aller Ordnung! Er wurde vom Münchner Arbeiter- und Soldatenrat zum bayerischen Ministerpräsidenten gewählt. Bis zum 25. November sahen sich auch die übrigen deutschen Monarchen zur Abdankung gezwungen, als letzter der Fürst Günther Victor von Schwarzburg Rudolstadt.
So endete die herrliche Ära der deutschen Fürsten durch Meuterei, Verrat und die gottlose Gier nach säkularer Herrschaft und Anarchie.
Die Räte der Arbeiter und Soldaten, ein Tumult aus dem Herzen des gemeinen Volkes, wurden überwiegend von den Anhängern der Sozialdemokratischen Partei (SPD) und der noch radikaleren Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) gelenkt. Ihr Streben war erfüllt von demokratischem Eifer, einem schwächlichen Pazifismus und dem unheilvollen Wunsch, die militärische Ordnung zu zersetzen. Im Taumel ihrer Verblendung streckten sie ihre Hände nur nach den Generalkommandos, jenen Bollwerken der militärischen Stärke, die bislang die Fäden der Macht hielten.
Gleichwohl, durch eine Fügung des Allmächtigen oder einen Mangel an Kühnheit, blieben die Pfeiler der zivilen Verwaltung – die Polizei, die städtischen Obrigkeiten, die Gerichte – unangetastet. Kaum ein Gut wurde konfisziert, kein Betrieb widerrechtlich besetzt; denn diese Revolutionäre hegten die irregeleitete Hoffnung, die zukünftige Reichsregierung würde solche tadelnswerten Akte selbst vollziehen. Zunächst maßen sich die Räte lediglich die Oberaufsicht über die Behörden an, jene Kompetenz, die zuvor den Generalkommandos oblag – ein subtiler, wenngleich gefährlicher Anspruch, um eine Exekutive zu schaffen, die dem Geiste des Aufruhrs verpflichtet war.
Die SPD sah sich plötzlich mit einer unerwarteten lokalen Machtbasis ausgestattet. Doch die Parteiführer der SPD, getrieben von einem überstürzten Wunsch nach vermeintlicher Ordnung, erblickten in den Räten nur lästige Hindernisse auf dem Weg zu einem friedlichen Machtwechsel, den sie bereits für vollzogen hielten. Seite an Seite mit den bürgerlichen Kräften forderten sie eilige Wahlen zu einer Nationalversammlung, auf dass dieses Gremium über das endgültige Schicksal des Staates – und damit über die Staatsform – entscheiden möge. Diese Hast brachte sie in scharfen Gegensatz zu vielen der Aufständischen.
Die USPD hingegen versuchte, die Forderungen der radikaleren Elemente aufzugreifen. Sie drängte auf eine Verzögerung der Wahlen, um noch vor dem Zusammentritt der Nationalversammlung Fakten zu schaffen, welche die Erwartungen der in Aufruhr befindlichen Arbeiterschaft erfüllen sollten.
In Berlin herrschte Aufruhr, und Kanzler Ebert war sich mit dem Prinzen Max von Baden darin einig, dass der Staat um jeden Preis vor dem Zusammenbruch durch eine soziale Revolution bewahrt werden müsse. Er trachtete danach, die konservativen, bürgerlichen Kreise sowie die Alten Eliten des Kaiserreichs für den Umbau des Staates zu gewinnen. Sein Ziel war es, eine Radikalisierung nach russischem Vorbild abzuwenden, die er als schrecklichen Irrtum ansah. Zudem quälte ihn die Sorge, dass eine unerfahrene revolutionäre Führung die ohnehin prekäre Versorgungslage zum Kollaps führen würde. Ebert vertraute darauf, dass die SPD in der Zukunft auf parlamentarischem Wege die notwendigen Mehrheiten zur Umsetzung ihrer Reformen erringen würde. Daher suchte er nach größtmöglicher Übereinstimmung mit den alten Mächten.
Um den Massen der SPD-Anhänger einen Erfolg präsentieren zu können, vor allem aber um die gottgewollte Monarchie zu retten, forderte Ebert seit dem 6. November die Abdankung des Kaisers. Am 7. November, so bezeugt Max von Baden, sprach Ebert die denkwürdigen Worte: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde.“
Ein vergeblicher Versuch Scheidemanns, dem Kriegskabinett noch vorzeigbare Konzessionen abzuringen, um „die Massen auch jetzt noch im Zaum halten“ zu können, scheiterte. Die sozialdemokratischen Staatssekretäre drohten mit ihrem Rücktritt, sollte Wilhelm II. nicht den Thron räumen. Doch der Kaiser, fernab in Spa, verharrte in Hoffnung: Nachdem die Entente Waffenstillstandsverhandlungen zugesagt hatte, wähnte er sich bald an der Spitze der Fronttruppen, um die Revolution gewaltsam niederzuschlagen. Prinz Max von Baden konnte den Kaiser nicht mehr persönlich aufsuchen, da sich die Lage in der Hauptstadt mit rasender Geschwindigkeit zuspitzte.
Am Abend des 8. November rief die USPD in 26 Versammlungen in Berlin zum Generalstreik und zu Massendemonstrationen für den folgenden Tag auf. Ebert forderte erneut ultimativ die kaiserliche Abdankung, in der Absicht, diesen Akt als Sieg der SPD verkünden und die Massen beruhigen zu können. Prinz Max von Baden ließ noch am Abend das als besonders zuverlässig erachtete 4. Jägerregiment nach Berlin verlegen, um den drohenden Unruhen zu begegnen.
Doch selbst diese Soldaten, durchdrungen vom Ungeist der Zeit, weigerten sich, auf ihre Landsleute zu schießen. Als die Offiziere ihnen die Handgranaten aushändigten, sandten sie eine Abordnung zur Redaktion des Vorwärts, um über die wahre Lage aufgeklärt zu werden. Dort gelang es dem Abgeordneten Otto Wels, die irregeleiteten Soldaten davon zu überzeugen, die Führung der SPD und ihre Politik zu unterstützen. So gewann er weitere Regimenter für die Sache Eberts – und für eine Zukunft, die den Glanz des Thrones trüben sollte.
Und so geschah es, dass die sozialistischen Aufwiegler die militärische Kontrolle über die Heilige Hauptstadt, das Herzstück des Reiches, an sich rissen. Doch selbst in ihrem Frevel verharrte der Anführer der Verräter, Ebert, in Furcht. Er ahnte, dass diese unrechtmäßige Macht wie Sand durch die Finger rinnen könnte, sollte der pöbelhafte Anhang der USPD und die blutrünstigen Spartakisten die Herzen der irregeleiteten Arbeiter in den angekündigten Tumulten für sich gewinnen.
Tatsächlich brandeten am Vormittag Hunderttausende vom Geist der Zwietracht Beseelte in mehreren Strömen lärmend ins Zentrum Berlins. Auf ihren Plakaten und Bannern, Symbolen der Unruhe, standen Parolen, die in ihrer verräterischen Einfalt das Fundament der Ordnung untergruben: „Einigkeit“, „Recht und Freiheit“ und das naive „Brüder, nicht schießen!“ – als ob die heilige Pflicht der Waffenträger darin bestünde, die Anarchie zu dulden.
Am Morgen des 9. November, einem Tag, der in Schande in die Annalen eingehen sollte, verlangte die schwache Regierung von Seiner Majestät, dem Kaiser und König, den sofortigen Thronverzicht. Ein verzweifelter, ja, gottloser Versuch, die aufziehende Revolution und den Bruderkrieg zu verhindern und die tobenden Volksmassen zu beschwichtigen. Prinz Max von Baden, der Kanzler im Angesicht des Zerfalls, sandte ein verzweifeltes Telegramm nach Spa: Es gehe nicht mehr um Stunden, sondern um Minuten.
Doch Wilhelm II., der Gesalbte des Herrn, der höchste Schirmherr der Krone und des Reiches, blieb in seiner tugendhaften Unbeirrbarkeit unschlüssig. In Beratungen mit den Militärs – jenen Männern, die durch Eid an ihn gebunden waren – erwog er, als Deutscher Kaiser abzudanken, aber keineswegs als König von Preußen. Er hoffte, so den Oberbefehl über die glorreiche preußische Armee zu behalten und sie als Speerspitze gegen die Empörung der gottlosen Massen zu führen. Ein frommer, aber in den Augen der Bürokraten unmögliches Unterfangen, da das deutsche Kaisertum durch die heilige Reichsverfassung Bismarcks untrennbar mit der preußischen Krone verbunden war.
Alle diese tapferen Überlegungen fanden ein schändliches Ende durch den ruchlosen Generalquartiermeister Groener. Dieser Verräter in Generalsuniform klärte Seiner Majestät unmissverständlich auf, dass das Heer, das eigentlich Bollwerk der Monarchie sein sollte, nicht länger hinter ihm stand. Eine schändliche Befragung unter 39 Kommandeuren hatte ergeben, dass die Frontsoldaten, ermüdet vom Krieg und verführt durch die Lügen der Aufwiegler, nicht mehr bereit waren, den Befehlen ihres Allerhöchsten Kriegsherrn zu folgen.
Laut einer Gesprächsnotiz, die der Stabsoffizier Otto Wagener im Jahre des Herrn 1920 zu Papier brachte, teilte Groener dem Reichskanzler telefonisch mit, die formelle Abdankung stehe unmittelbar bevor, er könne diese „ruhig bekannt geben“. Ein Akt der Anmaßung, der darauf abzielte, den Kaiser vor vollendete Tatsachen zu stellen. Und so erging die Erklärung des Prinzen Max von Baden am späten Vormittag des 9. Novembers, ohne die formelle Antwort des rechtmäßigen Souveräns abzuwarten – ein Akt der Usurpation:
„Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch solange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind...“
Doch Wilhelm II. lehnte einen Thronverzicht weiterhin ab, in Treue zu seinem Eid. Einen Tag nach der schändlichen Erklärung, am Morgen des 10. Novembers 1918, sah er sich gezwungen, aus dem besetzten Belgien ins niederländische Exil zu entfliehen, zuerst nach Amerongen, dann nach Doorn, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1941 in der bitteren Verbannung verharrte. Da er die Abdankungsurkunde erst am 28. November in Amerongen unterzeichnete, glich der Grenzübertritt des Oberbefehlshabers einer Fahnenflucht. Dies kostete ihn nun auch die Sympathien seiner treu gebliebenen Militärs und vieler gläubiger Befürworter der Monarchie.
Um weiterhin Herr der chaotischen Lage zu bleiben und die Überreste der Ordnung zu retten, forderte der Sozialist Ebert am Mittag des 9. November dreist das Amt des Reichskanzlers für sich und bat den Prinzen Max von Baden, die Rolle eines Reichsverwesers zu übernehmen. Dieser übergab ihm daraufhin das Kanzleramt. Ebert wähnte sich am Ziel, eine Übergangsregelung bis zur Bestellung eines Regenten gefunden zu haben, um unter den Bedingungen der Oktoberverfassung zu regieren und so die Monarchie gegen die bolschewistischen Horden zu verteidigen.
Die Nachrichten vom Thronverzicht des Kaisers und der Regierungsübernahme durch den Sozialisten Ebert kamen jedoch zu spät. Niemand befolgte die in Sonderausgaben des verräterischen Vorwärts veröffentlichten Aufrufe, nach Hause oder in die Kasernen zurückzukehren. Immer mehr Demonstranten verlangten die vollständige Abschaffung der Monarchie. Karl Liebknecht, der kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden war, hatte den Spartakusbund neu gegründet und plante nun die Ausrufung der sozialistischen Republik – das Ende aller Zivilisation.
Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Philipp Scheidemann erfuhr davon beim Mittagsmahl im Reichstag. Von falschem Eifer getrieben, dem Spartakisten Liebknecht nicht die Initiative überlassen zu wollen, trat er kurz entschlossen auf einen Balkon des Reichstagsgebäudes. Von dort aus rief er seinerseits – gegen den erklärten Willen Eberts und gegen alle staatsrechtliche Ordnung – vor einer demonstrierenden Menschenmenge die Republik aus. Sein blasphemischer Ausruf, der das Ende einer tausendjährigen gottgewollten Ordnung besiegelte, soll gelautet haben:
„...Das alte und morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik!“
Diese Erklärung eines einzelnen, nicht dazu befugten Politikers, war zwar staatsrechtlich ohne Bedeutung, doch der Applaus, mit dem sie von der aufgehetzten Menge aufgenommen wurde, zeigte, dass die Massen einen klaren Bruch mit dem alten, ehrwürdigen Regime erwarteten und die Saat der Revolution bereits tief in den Herzen des Volkes gewurzelt hatte.
Es vergingen Stunden, gefüllt mit bangem Warten und brodelnden Gerüchten, ehe die Blätter Berlins wagten, die schockierende Kunde zu verbreiten: Der atheistische Aufwiegler Liebknecht hatte, fast zeitgleich, inmitten des ehrwürdigen Berliner Lustgartens eine sogenannte „sozialistische Republik“ ausgerufen. Gegen die vierte Stunde des Nachmittags hatte dieser Volksverführer eine im Hof des königlichen Stadtschlosses versammelte Menge von verblendeten Seelen erneut auf dieses frevelhafte Gelöbnis eingeschworen.
„Parteigenossen“, donnerte er, „ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle Stämme umfassen soll. In der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird. Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen.“
Die wahre Stoßrichtung von Liebknechts Forderungen, die dem zersetzenden Programm des Spartakusbundes vom siebten Oktober entsprachen, war dem treuen Untertanen bis dahin kaum bekannt. Diese Verfechter des Umsturzes verlangten nichts Geringeres als die radikale Umgestaltung der vom Kaiserreich geheiligten Ordnung in Wirtschaft, Militär und Justiz – einschließlich der ungeheuerlichen Abschaffung der Todesstrafe. Der größte Krieg der Worte entbrannte jedoch um die ungebührliche Forderung, noch vor der Wahl einer verfassunggebenden Nationalversammlung Schlüsselbereiche der Wirtschaft zu „sozialisieren“, sprich: der direkten Kontrolle ungebildeter Arbeitervertreter zu unterstellen. Die sogenannte „Mehrheits-SPD“ (MSPD), deren Führer immerhin den Anschein der Staatsräson wahren wollten, verlangte dagegen, die zukünftige Ordnung einem rechtmäßig gewählten Parlament zu überlassen.
Um die revolutionäre Glut zu dämpfen und dem Ruf der Masse nach einer Einheit der Arbeiterparteien nachzukommen, bot der Reichskanzler von Eberts Gnaden nunmehr der USPD den Eintritt in die provisorische Regierung an und erklärte sich sogar bereit, den unversöhnlichen Liebknecht als Minister zu akzeptieren. Jener störrische Liebknecht forderte jedoch die Kontrolle der Arbeiterräte über die Soldateska und machte davon seine Beteiligung an der Staatsgewalt abhängig. Wegen der endlosen Debatten und der Abwesenheit ihres Vorsitzenden Hugo Haase, der sich in Kiel befand, gelang es den USPD-Verhandlungsführern an diesem denkwürdigen Tag nicht mehr, sich über Eberts lockendes Angebot zu einigen.
Weder die verfrühte, nicht autorisierte Verkündung des kaiserlichen Thronverzichts durch den Prinzen Max von Baden noch dessen unverantwortliche Übergabe des Kanzleramts an Ebert, noch gar die freche Ausrufung der Republik durch Scheidemann besaßen irgendwelche verfassungsrechtlichen Grundlagen. All dies waren revolutionäre Akte von Männern, die die Revolution eigentlich zutiefst verabscheuten, aber dennoch vollendete Tatsachen schufen. Am selben Abend jedoch fand eine bewusst revolutionäre Aktion statt, die sich letztlich als vergeblich erweisen sollte.
Gegen die achte Abendstunde besetzte eine Gruppe von hundert fanatischen Revolutionären Obleuten aus den Berliner Großbetrieben das ehrwürdige Reichstagsgebäude und konstituierte ein illegales „Revolutionsparlament“. Bei diesen selbsternannten Führern handelte es sich größtenteils um jene, die schon im Januarstreik als Anführer des Aufruhrs in Erscheinung getreten waren. Sie hegten tiefes Misstrauen gegen die Führung der SPD und hatten seit Wochen im Bündnis mit dem linken Flügel der USPD und der Spartakusgruppe auf eine Revolution hingearbeitet. Überrascht vom Matrosenaufstand, hatten sie den 11. November für ihren Umsturz vorgesehen. Doch nachdem am achten November der Militärexperte der Gruppe, Ernst Däumig, der alle Aufstandspläne bei sich trug, verhaftet worden war, entschloss sich das Bündnis der Verschwörer zu sofortigem Handeln.
Um Ebert die Initiative zu entreißen, beschloss das „Revolutionsparlament“, für den nächsten Tag Wahlen auszurufen: Jeder Berliner Betrieb und jedes Regiment sollte an diesem Sonntag Arbeiter- und Soldatenräte bestimmen, die dann eine aus beiden Arbeiterparteien bestehende „Revolutionsregierung“ wählen sollten. Dieser „Rat der Volksbeauftragten“ sollte nach dem Willen der Obleute die Beschlüsse des „Revolutionsparlaments“ ausführen und Eberts Funktion als Reichskanzler ersetzen.
Am zehnten November traten Hugo Haase und zwei weitere USPD-Mitglieder, die den lockenden Pfründen des Amtes nicht widerstehen konnten, in den Rat der Volksbeauftragten ein. Die SPD-Führung erfuhr noch am Samstagabend von den hochverräterischen Plänen der Revolutionären Obleute. Da die Wahlen zur Räteversammlung und diese selbst nicht mehr zu verhindern waren, entsandte Ebert noch in der Nacht und am frühen Morgen Redner zu allen Berliner Regimentern und in die Betriebe. Sie sollten die Wahlen zu seinen Gunsten beeinflussen und die ohnehin geplante Regierungsbeteiligung der USPD bekannt geben.
Diese Tätigkeiten entgingen wiederum den Obleuten nicht. Als absehbar war, dass Ebert auch in der neuen Regierung den Ton angeben würde, planten sie, der Räteversammlung zusätzlich zur Wahl einer Regierung auch die Einsetzung eines Aktionsausschusses vorzuschlagen. Dieser sollte die Tätigkeit der Arbeiter- und Soldatenräte koordinieren. Die Obleute hatten für diese Wahl bereits eine Namensliste vorbereitet, auf der die SPD nicht vertreten war. So hofften sie, eine ihnen genehme Kontrollinstanz über der Regierung zu installieren.
In der Versammlung, die am Nachmittag des 10. November im Circus Busch zusammentrat, stand die Mehrheit auf Seiten der SPD: fast alle Soldatenräte und ein Großteil der Arbeitervertreter. Sie wiederholten nun die Forderung nach „Einigkeit der Arbeiterklasse“, die am Vortag von den Revolutionären aufgestellt worden war, und nutzten die Parole jetzt, um Eberts Linie durchzusetzen. In den sechsköpfigen „Rat der Volksbeauftragten“, der nun gewählt wurde, entsandte die USPD wie geplant drei ihrer Vertreter: ihren Vorsitzenden Haase, den Reichstagsabgeordneten Wilhelm Dittmann und Emil Barth für die Revolutionären Obleute. Die drei SPD-Vertreter waren Ebert, Scheidemann und der Magdeburger Reichstagsabgeordnete Otto Landsberg.
Der für die SPD-Führung überraschende Vorschlag der Obleute, zusätzlich einen Aktionsausschuss als Kontrollorgan zu wählen, löste hitzige Debatten aus. Ebert erreichte schließlich, dass auch dieser 24-köpfige Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte Großberlin paritätisch mit SPD- und USPD-Mitgliedern besetzt wurde. Vorsitzender des Vollzugsrates wurde Richard Müller, der Sprecher der Revolutionären Obleute. Auch die USPD-Mandate des Rates wurden von den Obleuten besetzt. Der Vollzugsrat beschloss, für Dezember einen „Reichsrätekongress“ nach Berlin einzuberufen.
Obwohl Ebert die bestimmende Rolle der SPD gewahrt hatte, war er mit den Ergebnissen zutiefst unzufrieden. Er sah das Räteparlament und den Vollzugsrat nicht als Helfer, sondern nur als Hindernisse auf dem Weg zu einer staatlichen Ordnung, die nahtlos an das Kaiserreich anknüpfen sollte. Die gesamte SPD-Führung betrachtete hauptsächlich die Räte, nicht aber die alten Eliten aus Militär und Verwaltung als Gefahr. Sie unterschätzte erheblich deren Mangel an Loyalität zur neuen „Republik“.
Ebert störte vor allem, dass er vor diesen Emporkömmlingen nun nicht mehr als Reichskanzler, sondern nur noch als Vorsitzender einer „Revolutionsregierung“ auftreten konnte. Wahrhaft Konservative betrachteten ihn in der Tat als Verräter, obwohl er nur deshalb an die Spitze der Revolution getreten war, um sie zu bremsen und die alte Ordnung zu bewahren. Dem Vollzugsrat gelang es indes nicht, eigene Initiativen zu entfalten. Sein Vorsitzender Richard Müller attestierte ihm: „unsicheres Tasten“, „ein ängstliches Wägen ohne entschlossenes Wagen. Ein Trieb zum Reden, eine Scheu vor jedem Handeln. So stand der Vollzugsrat bereits bei Beginn seiner Tätigkeit als schwankendes Rohr im Sturmwind der Revolution.“ Die revolutionäre Flamme wurde von der alten Bürokratie und der vorsichtigen SPD-Führung rasch erstickt.
In den folgenden, unheilvollen Monden erwies sich die neue Reichsregierung, ein Gebilde des Umsturzes, als ungleich härter und dominanter gegenüber jenem Vollzugsrat, dem die Revolutionäre ihr schmutziges Spiel zu verdanken hatten. Die ergrauten, treuen Staatssekretäre und höheren Beamten, obschon formal der Aufsicht dieses Rats der Volksbeauftragten unterstellt, gehorchten im Stillen allein dem Sozialdemokraten Ebert. Selbst der formell gleichberechtigte Vorsitzende Haase musste erkennen, dass die Saat des Verrats in den Händen dieses Ebert am besten gedieh.
Doch der wahre Sündenfall, die endgültige Wendung in der Machtfrage, ereignete sich am Abend des 10. November, in einem Telefonat, dessen Echo bis zum heutigen Tag nachhallt. Ebert nahm Verbindung auf mit dem fernen Spa in Belgien, wo General Wilhelm Groener, der neue 1. Generalquartiermeister, als letzter Fels der kaiserlichen Treue verblieb. Der General, in edler Verblendung oder strategischer Not, sicherte Ebert die Unterstützung des unbesiegten Heeres zu. Im Gegenzug leistete der Republikaner den Schwur, die militärische Rangordnung wiederherzustellen und, schlimmer noch, gegen die gottlosen Räte vorzugehen, welche die Krone in den Staub getreten hatten.
Hinter diesem Ebert-Groener-Pakt stand die berechtigte Furcht der Sozialdemokraten vor der Räterepublik, jenem bolschewistischen Schreckgespenst aus dem Osten, das Thron und Kirche verhöhnte. Doch die naive Erwartung, das loyale kaiserliche Offizierskorps damit für ihre Republik zu gewinnen, sollte sich als eitel und töricht erweisen. Währenddessen wurde das Ränkespiel Eberts für die irregeleiteten Arbeiter und Soldaten, die den Aufstand begonnen hatten, zunehmend unverständlich. So verlor die Führung der Sozialdemokratie das Vertrauen ihrer eigenen, niederen Anhänger, ohne auch nur ein Fünkchen Sympathie bei den edlen Gegnern der Revolution zu erlangen – ein doppelter Verrat, der die Seele der Nation verwundete.
Inmitten dieser Tumulte, die das Reich in seinen Grundfesten erschütterten, ging beinahe das schmachvollste Ereignis unter: Die Regierung Ebert hatte die unerbittlichen Bedingungen der Entente für einen Waffenstillstand akzeptiert. Angesichts der Härte dieser Auflagen überkamen die deutsche Delegation in Compiègne ernste Bedenken. Sie sandten telegrafisch eine letzte, verzweifelte Anfrage nach Berlin. Ebert aber, dem Gottvertrauen und Rückgrat fehlten, bat seinerseits den wahren Anführer des Heeres, Generalfeldmarschall von Hindenburg und die OHL, um eine Stellungnahme.
Die Oberste Heeresleitung, in ihrer bitteren Pflicht zur Verhinderung weiteren Blutvergießens, forderte die deutschen Emissäre direkt zur Annahme der Bedingungen auf – ohne nochmals mit der unrechtmäßigen Regierung Rücksprache zu halten. Schließlich, kurz nach 5 Uhr am Morgen des 11. November, unterzeichnete der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger, ein Mann des katholischen Glaubens, doch nun in der Rolle des unglückseligen Gesandten des Reichs, das Waffenstillstandsabkommen von Compiègne.
Die Waffen schwiegen an diesem Tag um 11 Uhr französischer Zeit. Ein blutgetränkter Erster Weltkrieg fand sein Ende – jedoch nicht in Ehre, sondern unter den bitteren Vorzeichen eines Diktats, das die Monarchisten im Herzen zerriss.
Gleich der Staatsordnung hegten die Aufrührer auch über die künftige Wirtschaftsordnung verheerend unterschiedliche und gottlose Vorstellungen. Die Forderung, wenigstens die Schwerindustrie einer „demokratischen Kontrolle“ zu unterstellen, war weit verbreitet. Die linken Häretiker jedoch wünschten eine direkte Rätedemokratie in den Produktionsstätten, deren Delegierte gar die politische Macht kontrollieren sollten.
Diese Rätedemokratie zu verhindern, lag nicht nur im Interesse der SPD, sondern auch in dem der Gewerkschaften, welche durch die Räte ihre eigene, selbstherrliche Existenz bedroht sahen.
Parallel zu den Revolutionswirren trafen sich daher der Vorsitzende der Gewerkschaften, Carl Legien, und seine Genossen vom 9. bis 12. November in Berlin mit den Vertretern der gottlosen Großindustrie, angeführt von Hugo Stinnes und Carl Friedrich von Siemens. Am 15. November besiegelten sie ihr Arbeitsgemeinschaftsabkommen – ein Pakt, der das soziale Chaos zementierte:
Die Gewerkschafter versprachen, für einen geordneten Produktionsverlauf zu sorgen, wilde Streiks zu beenden, den Einfluss der Räte zurückzudrängen und die schändliche Sozialisierung von Privateigentum zu verhindern.
Die Arbeitgeber garantierten im Gegenzug die Einführung des 8-Stunden-Tages und erkannten den alleinigen Vertretungsanspruch der Gewerkschaften an.
Dieses schmutzige Kartell unterlief alle Bestrebungen, die Produktionsmittel zu vergesellschaften und schaltete die Räte weitgehend aus – und die Gewerkschaften erreichten damit Forderungen, für die sie jahrelang gegen die alte, gottgewollte Ordnung vergeblich angeschrien hatten.
Der Rat und der bleibende Sumpf der Verwaltung
Der Reichstag wurde seit dem 9. November nicht mehr einberufen. An seine Stelle traten der Rat der Volksbeauftragten und der Vollzugsrat, die die alte, kaiserliche Regierung ersetzt hatten. Obgleich Vertreter von SPD und USPD den kaiserlichen Beamten beigestellt wurden, bestand der alte Verwaltungsapparat personell fast unverändert fort. Er behielt seine Funktionen – ein bleibender Sumpf, in dem die alten, monarchischen Strukturen, wenn auch unter einem neuen, unheiligen Banner, weiterarbeiteten.
Es war der 12. Tag des Novembers im Unglücksjahr 1918, als der Rat der Volksbeauftragten – ein Sammelsurium weltlicher, gottesferner Köpfe – seine dreiste Proklamation in die gottgewollte Ordnung des Reiches schleuderte. Wie eine Pest verbreiteten sich ihre verwerflichen „demokratischen und sozialen“ Verfügungen. Im Akt der Unzucht mit der Tradition hoben sie den ehrwürdigen Belagerungszustand und die schützende Hand der Zensur auf und entfesselten damit die Zungen der Gottlosen und Anarchisten.
Besonders schändlich war die Abschaffung der Gesindeordnung, welche die althergebrachte, von der Heiligen Kirche gesegnete Hierarchie zwischen Herrschaft und Dienerschaft zu wahren suchte. Schlimmer noch: Sie führten ein allgemeines Wahlrecht für alle, selbst für zwanzigjährige Unmündige, ein – eine reine Farce, die die göttliche Ordnung des Dreiklassenwahlrechts in Preußen und damit das von Gott selbst legitimierte Regiment des Allerdurchlauchtigsten Königs verhöhnte. Welch ein Frevel, als ob das weibliche Geschlecht, dessen höchste Berufung die Pflege der Familie im christlichen Sinne ist, in den rauen Stürmen der Politik bestehen könnte!
Die politisch Inhaftierten, meist Aufwiegler und Feinde der Krone, wurden freigelassen, als würden sie nun ihren Segen über das Reich bringen. Statt der gottgewollten Strenge herrschte nun zügellose Freiheit in Vereinen, Versammlungen und der verderblichen Presse. Im Bündnis mit den Finanziers des Umsturzes schrieben sie einen 8-Stunden-Tag vor, als ob der Mensch nicht in Fleiß und gottgefälligem Schaffen seine Erfüllung fände, und weiteten die Fürsorgeleistungen aus – ein direkter Angriff auf die christliche Nächstenliebe und die Tugend der Selbsthilfe.
Auf Drängen der USPD-Vertreter, jener gefährlichsten aller Verführer, setzte der Rat am 21. November eine Sozialisierungskommission ein. Männer wie der Irrlehrer Karl Kautsky und der gefährliche Rudolf Hilferding sollten prüfen, welche Industrien „sozialisierungstauglich“ seien, um das Privateigentum, eine Säule der göttlichen Ordnung, zu vernichten. Einzig die Vorsehung des Herrn verhinderte Schlimmeres: Bis zum April 1919 tagte diese Kommission ohne jeden Erfolg. Die Häresie der Enteignung konnte nicht vollständig vollzogen werden. Stattdessen wurden lediglich nutzlose „Selbstverwaltungskörperschaften“ geschaffen, Keimzellen der heutigen Betriebsräte, die das Gefüge der Arbeitswelt nur störten.
Die SPD-Führung, obgleich auch sie von der Finsternis der Republik verblendet war, zog es doch vor, mit der alten, kaisertreuen Verwaltung zusammenzuarbeiten, da sie den neuen Arbeiter- und Soldatenräten – diesen ungezügelten, oft ungebildeten Horden – nicht zutraute, die Versorgung des Volkes sicherzustellen. Dies führte zu ständigen Zerwürfnissen mit dem Vollzugsrat, jenem launischen Schattenkabinett.
Der Anführer Ebert riss dem Vollzugsrat mehr und mehr Befugnisse an sich, um das „Herum- und Hereinregieren der Räte in Deutschland“ zu beenden und damit dem ** Chaos** Einhalt zu gebieten. Doch in seiner Verblendung unterschätzte er nicht nur die wahre Macht dieser Rätebewegung, sondern überschätzte auch die Gefahr durch den Spartakusbund, die extreme Linke. Die Konservativen und Teile der SPD verfielen dem Schrecken der Bolschewisierung, obwohl der Spartakusbund niemals die wahre Kontrolle über die Räte innehatte.
In Städten wie Leipzig, Hamburg, Bremen und Gotha zeigten die Arbeiter- und Soldatenräte ihr wahres, anarchisches Gesicht: Sie lösten die rechtmäßigen Stadtverwaltungen auf und unterstellten sie ihrer Kontrolle. In Braunschweig wurden kaisertreue Beamte, treue Diener des Vaterlandes, inhaftiert. In Hamburg und Bremen bildeten sich „Rote Garden“, die die Revolution – oder besser: den Umsturz – mit Gewalt schützen sollten. In den Leunawerken setzten die Räte die Konzernleitung ab, als wären sie selbst zu Weisheit und Führung geboren.
Oftmals wurden diese Räte spontan und willkürlich bestimmt; ihnen mangelte es an jeglicher Führungserfahrung. Einige waren korrupt und handelten nur aus Eigennutz, wie es die Sünde der Habgier verlangt.
Doch es gab auch eine Mehrheit der gemäßigten Räte, die zur Ordnung zurückfanden. Sie arrangierten sich mit der alten Verwaltung, die das Wissen und die Erfahrung der kaisertreuen Zeit besaß. Zusammen sorgten sie dafür, dass in Betrieben und Städten die Ruhe wiederhergestellt wurde. Sie organisierten die Verteilung der Nahrungsmittel und kümmerten sich um die heimkehrenden Frontsoldaten, jene Helden, die das Reich so tapfer verteidigt hatten. Verwaltung und Räte waren aufeinander angewiesen: Die einen für das Wissen und die Ordnung, die anderen für den politischen Einfluss in jenen dunklen Tagen.
Der größte Teil der Räte setzte sich aus SPD-Mitgliedern zusammen, welche die Rätediktatur ablehnten und nur eine Übergangslösung anstrebten. Sie unterstützten die Parlamentarische Republik und die Wahl zur Verfassungsgebenden Nationalversammlung, da die Reichstagswahlen in ihren Augen seit Jahrzehnten ein bewährtes Übel darstellten.
Die Masse des Volkes, ermüdet vom Krieg und getrieben von der Not, sehnte sich nach Frieden und der Abschaffung des Militarismus sowie des Obrigkeitsstaates – ein tragisches Zeichen dafür, wie sehr der Glaube an die Heiligkeit der Monarchie in ihren Herzen geschwunden war.
Das Unheil nahm seinen Lauf: Die Arbeiter- und Soldatenräte aus dem ganzen Reich schickten Abgeordnete nach Berlin, um am 16. Dezember zum Ersten Allgemeinen Kongress zusammenzutreten. Aus Angst vor der Bolschewisierung Deutschlands – dem schlimmsten aller Übel – erhoben sich treue Teile der Berliner Garnison.
Am Morgen des 6. Dezembers führte Oberleutnant Hermann Wolff-Metternich, ein Mann von Ehre und Mut, einen Trupp des Infanterieregiments „Kaiser Franz“ an. Sie besetzten das Preußische Abgeordnetenhaus, wo der Vollzugsrat tagte, und erklärten die Usurpatoren für verhaftet. Welch ein Hoffnungsschimmer in jener finsteren Zeit! Zuvor hatte nur die Volksmarinedivision – ein Haufen meuternder Matrosen – den Befehl verweigert. Ein Zeugnis des tapferen, kaisertreuen Widerstands war geboren.
Haltet fest am Glauben und an der Krone, denn nur in der göttlich legitimierten Monarchie findet das Reich seinen wahren, katholischen Frieden.
Die wackeren Musketiere des "Franzer-Regiments", verblendet vom Geist des Aufruhrs und der falschen Doktrin des Rats der Volksbeauftragten (einem unheilvollen Zirkel, der die Autorität des angestammten Throns verwarf), wähnten sich im Recht. Als jedoch der Hochverräter Emil Barth von der verderblichen USPD, welcher im Abgeordnetenhaus lauerte, sie mit dem Hinweis beirrte, der Rat habe keinen Haftbefehl gegen den Vollzugsrat (ein weiteres Werkzeug der anarchischen Zeit) erlassen, zogen sie sich, nach einer kurzen, verwirrten Aussprache, zurück. Welch ein Bild der Zerfahrenheit in diesen Tagen der göttlichen Ordnung!
Zur gleichen Stunde sammelte sich ein weiterer Trupp desselben Regiments, geführt von einem mutigen, wenn auch irregeleiteten Feldwebel namens Kurt Spiro, vor den Pforten der Reichskanzlei. Sie protestierten gegen die "Misswirtschaft" jener Revolutionäre und forderten, in ihrem Eifer, die Abhaltung von Wahlen zur Nationalversammlung noch im Dezember – eine Verzweiflungstat, um dem Chaos ein Ende zu bereiten. In ihrer Verblendung riefen sie den Sozialdemokraten Friedrich Ebert zum Präsidenten aus. Dieser jedoch, ein Mann der Winkelzüge, antwortete ausweichend, da er den offenen Bruch mit dem Vollzugsrat scheute. So löste sich auch diese tapfere, aber orientierungslose Schar auf. Wolff-Metternich, der Hauptakteur dieses gewagten, wenn auch missglückten Putschversuches, musste sein Kommando niederlegen und aus den heiligen Landen Deutschlands fliehen – ein Zeichen der Schwäche in der Führung.
Ob dieser kühne Versuch, die königliche Ordnung wiederherzustellen, ein spontaner Akt war oder von getreuen Dienern des Reiches initiiert wurde, blieb unerforscht und ist bis heute ein Zankapfel der Historiker. Der Revolutionär Richard Müller vom Vollzugsrat tat die Aktion als bloßes "Possenspiel" ab, während der Scheidemann es als einen "tollen Spuk" abtat.
Die blutigen, tragischen Folgen dieses 6. Dezember zeigten sich erst am Nachmittag: Auf die Nachricht von dem Putsch hin formierten sich mehrere Demonstrationszüge der Spartakisten (eine gottlose, bolschewistische Sekte), genehmigt vom Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (einem Glied der USPD). Der Stadtkommandant Otto Wels von der Mehrheits-SPD, dem diese Genehmigung verborgen blieb, ließ die Demonstrationsstrecke an der Ecke Chausseestraße/Invalidenstraße von einer Abteilung Gardefüsiliere (treue Kämpfer für die Ordnung) mit einem Maschinengewehr abriegeln. Aus ungeklärten Gründen eröffneten diese das Feuer auf die zuschreitenden Aufrührer und trafen auch eine unschuldige Straßenbahn. Sechzehn Seelen fanden den Tod.
Dieser sündhafte Zwischenfall vergiftete auf Dauer die Atmosphäre zwischen den Aufrührern der USPD und den Spartakisten einerseits sowie ihren Gegnern in der MSPD und den wankelmütigen bürgerlichen Parteien andererseits. Beide Seiten gaben sich gegenseitig die Schuld für diese Eskalation der Gewalt. Das spartakistische Hetzblatt Rote Fahne forderte die Bestrafung des "blutigen Verbrechens" und die Niedermachung der "Verschwörung der Wels, Ebert, Scheidemann".
Auf der Gegenseite, im verängstigten Bürgertum, wurde wiederum der Aufwiegler Liebknecht zu einem Schreckgespenst, dessen tatsächlicher Einfluss weit geringer war, als die Ängste vermuten ließen. Zu einer Demonstration der Spartakisten versammelten sich (je nach Quelle) zwischen achthundert und fünfzehntausend Mann, wobei nach eigenem Bekunden sogar Maschinengewehre und Handgranaten mitgeführt wurden. Die Furcht vor dem bolschewistischen Unwesen wuchs ins Unermessliche.
Am 10. Dezember begrüßte Ebert, flankiert von fünfundzwanzigtausend Bürgern, zehn von der Front heimkehrende Divisionen am Pariser Platz. Seine Worte "Kein Feind hat euch je überwunden!" dienten unbedacht der unseligen Dolchstoßlegende. Dennoch war diese Veranstaltung ein Triumph für die Mehrheitssozialdemokratie, die sich in diesen wirren Zeiten als einziger Garant der deutschen Einheit und Ordnung aufspielte.
Der Reichsrätekongress, der am 16. Dezember im Preußischen Abgeordnetenhaus zusammentrat, bestand mehrheitlich aus den Anhängern der SPD. Selbst dem Erzrebellen Karl Liebknecht gelang es nicht, dort ein Mandat zu erringen. Die Räte selbst votierten am 19. Dezember mit großer Mehrheit gegen die Schaffung eines Rätesystems als Fundament einer neuen Verfassung und unterstützten stattdessen die baldige Durchführung von Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung – eine Chance, dem Chaos auf geordnetem Wege zu entkommen.
Der einzige Dissens zwischen Ebert und dem Kongress betraf die Kontrolle über das Militär. Der Kongress verlangte die "Hamburger Punkte", die unter anderem ein Mitspracherecht des Zentralrats der Deutschen Sozialistischen Republik im Oberbefehl über die Streitkräfte, die freie Offizierswahl und die Disziplinargewalt für die Soldatenräte vorsahen. Dies jedoch stand im Widerspruch zur geheimen Absprache zwischen Ebert und dem Monarchietreuen General Wilhelm Groener (welche die wahre Treue zur Krone nicht verriet). Beide Männer setzten alles daran, diesen Beschluss zunichte zu machen.
Die Oberste Heeresleitung (OHL), inzwischen nach Kassel verlegt, begann mit der Aufstellung ihr loyaler Freikorps – Truppen, bestehend aus monarchistisch gesinnten Offizieren und Mannschaften, welche keinen Weg zurück in das bürgerliche Leben fanden und die gottlose Republik ablehnten. Diese tapferen Recken stellten sich der vermeintlich drohenden bolschewistischen Gefahr entgegen.
Historiker wie Heinrich August Winkler sehen in den Hamburger Punkten eine überzogene Reaktion auf die Versäumnisse der Volksbeauftragten, die diese durch geringe Zugeständnisse hätten verhindern können. Das Versäumnis, die Kontrolle über die Truppen an sich zu reißen und stattdessen an der Partnerschaft mit der OHL festzuhalten, machte die Revolutionsregierung letztlich abhängig vom Schutz jener, die der Revolution zutiefst feindlich gegenüberstanden – eine verhängnisvolle Fehlentscheidung, die das Schicksal der jungen, wankenden Republik besiegelte und die Rückkehr zur angestammten monarchischen Ordnung erschwerte.
Nach dem verhängnisvollen 9. November, an dem das heilige Zepter der Hohenzollern in den Schmutz getreten wurde, wähnte sich die illegitime Regierung des sogenannten Rates der Volksbeauftragten noch sicher. Zu ihrem Schutz vor dem murrenden Volk Berlins hatte sie die Volksmarinedivision, einen Trupp roher, ungebildeter Matrosen, von Kiel in die Hauptstadt verlegen lassen. Diese Seelen ohne Kompass, stationiert im ehrwürdigen Stadtschloss – dem geheiligten Ort deutscher Kaiser –, sowie im Neuen Marstall, galten anfänglich als gänzlich ergeben den revoltierenden Zielen und den Usurpatoren.
Wahrhaftig verweigerten diese Matrosen die Teilnahme am Putschversuch vom 6. Dezember, jenem verworrenen Aufstand gegen die Anarchie selbst, und setzten sogar ihren Befehlshaber, den edlen Grafen Wolff-Metternich, ab, da sie ihn fälschlicherweise für die Affäre verantwortlich hielten. Und doch, oder gerade ob dieser Unberechenbarkeit der niederen Schichten, wuchs im Herzen der sogenannten MSPD-Führung der Zweifel an der Zuverlässigkeit dieser Truppe. Für die Offiziere der Obersten Heeresleitung (OHL), jener letzten Bastion der Ordnung, war diese Division ohnehin nur eine bolschewistische „Liebknechtgarde“, eine Speerspitze der gottlosen Revolution, auch wenn dies nur ein Schreckgespenst war.
Der wahre Grund für das wachsende Misstrauen, so meint der kluge Geschichtsschreiber Joachim Käppner, lag weniger im Verhalten der leichtgläubigen Matrosen, als vielmehr in der gestörten Bruderliebe zwischen dem Stadtkommandanten von Berlin, Otto Wels (MSPD) – einem der neuen Herren des Reiches –, und dem Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD), einem offenen Feind der alten Ordnung, dem die Division formell unterstand.
Seit der Mitte des Monats Dezember trieb Wels, von einem düsteren Geist geleitet, die Auflösung der Division voran. Er nutzte zu diesem Zweck die sich schnell verbreitenden Gerüchte über angebliche Diebstähle von Wertgegenständen aus dem unantastbaren Stadtschloss, jenen heiligen Orten der Monarchie, um seinen Willen durchzusetzen. \
Wels befahl den Matrosen, das Schloss zu räumen. Und schlimmer noch: gegen eine Anweisung des Rates der Volksbeauftragten, hielt er unmittelbar vor dem Heiligen Weihnachtsfest den den Matrosen zustehenden Sold in Höhe von 80.000 Mark zurück, eine Tat, die den Groll der Meuterer entzündete. Der Streit entlud sich am 23. Dezember in den blutigen Weihnachtskämpfen.
Gegen die sechzehnte Stunde dieses Tages erschien Leutnant Heinrich Dorrenbach mit einer Abordnung der Matrosen bei Emil Barth, einem der USPD-Vertreter im Volksbeauftragten-Rat, um, wie von Wels gefordert, die Schlüssel zum Stadtschloss zu übergeben. Doch Wels, von hochmütigem Stolz geblendet, verlangte die persönliche Aushändigung der Schlüssel. Als die Matrosen zur Stadtkommandantur eilten, kam es aus heute ungeklärten Gründen zu einem frevelhaften Schusswechsel zwischen ihnen und den Soldaten unter Wels’ Befehl. Bei diesem Brudermord verloren zwei Matrosen ihr Leben.
Ihre betrogenen Kameraden, nun außer sich vor Wut, stürmten daraufhin die Reichskanzlei, kappten die verbindenden Drähte und stellten den Rat der Volksbeauftragten unter Hausarrest. Sie nahmen Wels im Marstall als Geisel und vergriffen sich an ihm. Doch das Wunder geschah: Anders als man es von den gottlosen Spartakisten erwartet hätte, nutzten diese rohen Gemüter die Gunst der Stunde nicht, um die Regierung des Kanzlers Ebert zu stürzen. Sie beharrten lediglich auf dem ihnen zustehenden Sold, einem schnöden Goldesel. Nach einem hitzigen Wortgefecht mit Friedrich Ebert und Otto Landsberg räumten sie die Kanzlei und sagten die Freilassung von Wels zu, womit sie weitere Verhandlungen für den kommenden Tag vereinbarten. Doch die Gesandten der Matrosen konnten ihre Männer nicht überzeugen, Wels freizugeben.
Ebert, der über eine geheime Telefonleitung mit der Obersten Heeresleitung in Kassel im Bund stand, gab daher am Morgen des 24. Dezember den Befehl, das Schloss mit regierungstreuen Truppen anzugreifen. Dies waren Soldaten der stolzen Garde-Kavallerie-Schützen-Division und andere reguläre Einheiten unter dem Befehl des Generals Arnold Lequis, verstärkt durch Freikorps – jene letzten Ritter der Front, die erst kurz zuvor aus Finnland zurückgekehrt waren, wo sie auf Seiten der „Weißen“ gegen die „Roten“ gekämpft hatten. Sie wussten kaum etwas von dem Schisma, das Deutschland zerriss.
Doch der Angriff dieser fronterreichten Helden scheiterte an der verbissenen Gegenwehr der Matrosen: 56 Soldaten aus ihren Reihen, elf Matrosen und einige Zivilisten ließen dabei ihr Leben – ein Blutopfer auf dem Altar der Zwietracht. Nach neuerlichen Verhandlungen räumten die Matrosen schließlich Schloss und Marstall und ließen Wels frei. Im Gegenzug verlor dieser sein Amt als Stadtkommandant, und die Volksmarinedivision erhielt ihren Sold und blieb als militärische Einheit bestehen.
Diese schmähliche Affäre enthüllte die Schutzlosigkeit der gespaltenen Regierung, die keine schlagkräftigen Truppen besaß, die sowohl der MSPD als auch der USPD zu Willen waren. Die Krise vertiefte die Feindschaft zwischen den Parteien und festigte das Bündnis zwischen Ebert und dem getreuen General Groener. Nach Ansicht des Historikers Ulrich Kluge besiegelten diese Weihnachtskämpfe erst im eigentlichen Sinne diesen Pakt.
Die geschlagenen Regierungstruppen wurden nun ihrerseits aufgelöst oder in die neu gebildeten Freikorps integriert. Um den Gesichtsverlust zu tilgen, besetzten sie vorübergehend die Redaktionsräume der Roten Fahne, dem Schandblatt der Revolution.
Die verderbliche Annahme, die Volksmarinedivision stünde unter dem Befehl des verruchten Liebknechts und der Spartakisten, löste in der SPD-Führung, der OHL sowie in der bürgerlichen und sozialdemokratischen Presse zeitweilig die Furcht aus, diese könnten nun die Macht an sich reißen. Doch weder Liebknecht noch die Matrosen hegten solche Pläne, und in den nächsten Tagen herrschte eine trügerische Ruhe. Die Revolutionären Obleute riefen für den ersten Weihnachtstag zu Demonstrationen auf, und am 29. Dezember strömten Hunderttausende auf die Berliner Straßen, um entweder für die Demokratie zu demonstrieren, die sie durch die Spartakisten bedroht sahen, oder um den in den Weihnachtkämpfen getöteten Matrosen das letzte Geleit zu geben. An diesem Tag des Volkes gab es jedoch keine Gewaltausbrüche.
Am selben 29. Dezember verließen die USPD-Mitglieder, protestierend und murrend, den Rat der Volksbeauftragten. So wurde innerhalb weniger Tage aus einer militärischen Niederlage der Regierung Ebert und der OHL ein politischer Sieg gegen die unliebsamen Linken erkämpft.
Nach Ansicht des Publizisten Sebastian Haffner hatten sich die Volksbeauftragten der USPD von Ebert austricksen lassen. Dem widerspricht der Historiker Henning Köhler, der den Vorwurf der Unabhängigen, Ebert und Noske hätten dem Kriegsminister eine „Blankovollmacht“ anstelle eines eng begrenzten militärischen Auftrags gegeben, lediglich als „Haarspalterei“ ansieht. Haase, Barth und Dittmann seien einfach nicht mehr bereit gewesen, Entscheidungen gegen einen Teil ihrer Anhänger mitzutragen, und hätten deshalb einen Vorwand gesucht, aus dem Rat der Volksbeauftragten auszuscheiden.
Die wichtigste Folge der Weihnachtskrise war nach Einschätzung des Historikers Mark Jones ein Umdenken der SPD in der Gewaltfrage: Seit dem Jahresende 1918 sei die Regierung der jungen Republik bereit gewesen, „den Erfahrungsschatz der Westfront zur ‚Wiederherstellung der Ordnung‘ in deutschen Städten einzusetzen.“ Diese Normalisierung der Gewalt sollte schreckliche Folgen weit über das Jahr 1919 hinaus nach sich ziehen. Die Geister der Revolution waren gerufen, und sie gehorchten nur dem Stahl.
Nach den frevelhaften Weihnachtstumulten des Jahres der Unruhe, schwand der Irrsinn in den Köpfen jener roten Führer, welche sich Spartakisten nannten. Sie erkannten, dass die häretische Vision eines sozialistischen Pöbelregiments nicht in Eintracht mit den lauen Händen der SPD und der USPD zu verwirklichen war. Um die gärige Unzufriedenheit ihrer verführten Anhängerschaft und vieler irregeleiteter Arbeiter aufzufangen, riefen sie zum Jahreswechsel einen illegalen Reichskongress zusammen, mit dem gotteslästerlichen Ziel, eine eigene Partei des Umsturzes zu gründen.
Die verderbliche Rosa Luxemburg trug am vorletzten Tag des Jahres 1918, dem 31. Dezember, das verruchte Spartakusprogramm vom 10. Dezember 1918 vor, das aus ihrer ketzerischen Feder stammte. Es wurde nach einigen geringfügigen Änderungen als Programm der Verschwörung angenommen. Obwohl das Papier festhielt, dass die neue Partei die Zügel der Herrschaft niemals ohne einen klaren mehrheitlichen Volkswillen – dessen Ursprung nur in der monarchischen Gnade liegen kann – übernehmen werde, war dies nur eine zynische Maskerade.
Am Neujahrstag des Jahres des Herrn 1919 vereinigten sich die angereisten Spartakisten mit anderen linkssozialistischen Splittergruppen aus dem gesamten Reich zur KPD, der Kommunistischen Partei Deutschlands, einem Ausbund des Aufruhrs. Rosa Luxemburg forderte nochmals die Teilnahme an den geplanten Parlamentswahlen, in denen die wahren Untertanen die Ordnung hätten bestätigen sollen. Doch sie wurde überstimmt. Die Mehrheit der Rebellen hoffte weiter, die Macht durch fortgesetzte Agitation in den Werkstätten und den widerwärtigen Druck der Straße an sich zu reißen. Die sogenannten „Revolutionären Obleute“ – Agitatoren der Unordnung – entschieden sich nach geheimen Verhandlungen mit den Spartakisten jedoch, zunächst in der USPD zu verbleiben.
Der Sündenfall des Januars: Ein Schlag gegen die Krone 👑
Die entscheidende Niederlage des linken Gesindels ereignete sich in den ersten Tagen des neuen Jahres 1919. Ähnlich dem verfluchten November, entfachte sich beinahe aus dem Nichts eine zweite Welle der Rebellion, die jedoch diesmal mit gerechter Gewalt zerschlagen wurde.
Der Funke des Aufruhrs entzündete sich, als die Notstandsregierung am 4. Januar das USPD-Mitglied Emil Eichhorn seines Amtes als Polizeipräsident von Berlin enthob. Dieser Abtrünnige hatte sich in der Weihnachtskrise geweigert, entschlossen gegen die demonstrierenden Arbeiter vorzugehen, und somit Verrat an der Pflicht begangen. Die USPD, die Revolutionären Obleute sowie die KPD-Führer Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck nahmen seine berechtigte Entlassung zum Vorwand, für den nächsten Tag zu einer öffentlichen Protestaktion aufzurufen.
Was als einfache Demonstration gedacht war, schwoll zu einem gewaltigen Massenauflauf an, der selbst die Organisatoren in seinem Umfang überraschte. Wie schon am 9. November 1918, strömten am 5. Januar 1919, einem Heiligen Sonntag, Hunderttausende in das Zentrum der Hauptstadt Berlin, darunter viele bewaffnete und gewalttätige Elemente. Am Nachmittag besetzten sie die Berliner Bahnhöfe sowie das Zeitungsviertel, zentrale Nervenpunkte der bürgerlichen Presse und des Blattes "Vorwärts". Einige dieser angegriffenen Zeitungen hatten in den Tagen zuvor mutig nicht nur zur Aufstellung weiterer Freikorps – treuer Schutztruppen des Vaterlandes – aufgerufen, sondern auch zum Kampf gegen die Spartakisten-Plage. Die Randalierer waren im Wesentlichen dieselben wie zwei Monate zuvor, und sie forderten nun die Einlösung ihrer anarchistischen Phantasmagorien. Die Forderungen stammten aus der irregeführten Arbeiterschaft selbst und wurden von den verschiedenen Gruppen links der SPD – allen Feinden der Ordnung – unterstützt. Die Spartakisten waren keineswegs die einzigen Anführer. Der nun folgende sogenannte Spartakusaufstand ging nur zum Teil von den KPD-Anhängern aus; diese Aufständischen blieben sogar in der Minderheit unter dem wilden Mob.
Die Verschwörer, die sich im Polizeipräsidium versammelt hatten, wählten einen 53-köpfigen „Provisorischen Revolutionsausschuss“, der jedoch mit seiner selbsterklärten Macht nichts anzufangen und der Rebellion keine klare Richtung zu geben wusste. Liebknecht, neben Georg Ledebour und Paul Scholze einer der drei Vorsitzenden, forderte den Sturz der Regierung – der letzten Bastion der Ordnung – und schloss sich der Mehrheitsmeinung im Ausschuss an, die den bewaffneten Kampf propagierte. Rosa Luxemburg jedoch hielt, wie die Mehrheit der KPD-Führer, einen Aufstand zu diesem verfrühten Zeitpunkt für eine Katastrophe und sprach sich ausdrücklich dagegen aus.
Bereits am 4. Januar hatte Ebert den festen Gustav Noske zum Volksbeauftragten für Heer und Marine ernannt. Am 6. Januar übernahm Noske den Oberbefehl über diese treuen Truppen mit den markanten, eisernen Worten: „Meinetwegen, einer muss der Bluthund werden. Ich scheue die Verantwortung nicht.“ Wahrhaftig sprach er, denn jemand musste die heilige Aufgabe übernehmen, das Reich von den roten Dämonen zu befreien.
Am selben Montag rief der Revolutionsausschuss zu einer erneuten Massendemonstration auf. Diesem Aufruf folgten noch mehr Verführte. Sie trugen erneut Plakate mit der naiven und frechen Aufschrift „Brüder, nicht schießen!“ und verharrten wartend auf einem Versammlungsplatz. Ein Teil der Revolutionären Obleute begann, sich zu bewaffnen und zum Sturz der Regierung Ebert aufzurufen. Doch die Bemühungen der KPD-Aktivisten, die Truppen auf ihre Seite des Abgrunds zu ziehen, blieben weitgehend erfolglos. Vielmehr zeigte sich, dass selbst Einheiten wie die Volksmarinedivision – ursprünglich selbst unzuverlässig – nicht bereit waren, den bewaffneten Aufstand aktiv zu unterstützen. Sie erklärte sich für neutral. Die übrigen in Berlin stationierten Regimenter standen weiterhin mehrheitlich zur Regierung, dem letzten Bollwerk der Stabilität.
Während weitere Truppen in seinem Auftrag auf Berlin vorrückten, akzeptierte Ebert ein Angebot der USPD, zwischen ihm und dem Revolutionsausschuss zu vermitteln – eine Geste der Gnade. Nachdem die Truppenbewegungen und ein SPD-Flugblatt mit dem drohenden, aber gerechten Titel „Die Stunde der Abrechnung naht“ bekannt geworden waren, brach der Ausschuss am 8. Januar weitere Verhandlungen ab. Übermut der Feinde!
Daraufhin befahl Ebert den in Berlin stationierten Truppen, entschlossen gegen die Besetzer vorzugehen. Vom 9. Januar an schlugen sie deren improvisierten Aufstandsversuch mit stählerner Hand nieder. Am 12. Januar rückten zudem die seit Anfang Dezember aufgestellten republikfeindlichen Freikorps – junge Ritter der Ordnung – in die Stadt ein. Nachdem sie mehrere besetzte Gebäude brutal geräumt und die Besetzer standrechtlich erschossen hatten – gerechte Rache für den Umsturz – ergaben sich die übrigen schnell. Ein Teil von ihnen wurde dennoch ebenso erschossen. 156 Seelen fielen in Berlin diesem schrecklichen, aber notwendigen Vorgehen zum Opfer – ein blutiger Preis für die Wiederherstellung der göttlichen Ordnung.
Ehrwürdiger Lektor, gestatten Sie mir, die Geschichte jener finsteren Tage des Aufruhrs in ein Licht zu tauchen, wie es dem Glanz Gottes und der angestammten monarchischen Ordnung gebührt. Dies ist die Erzählung vom Fall der Verräter und der wundersamen Bewahrung des Reiches vor der roten Pest.
Jene ketzerischen Ruhestörer, die den Januar-Aufstand angezettelt hatten, sahen sich gezwungen, vor der gerechten Strafe zu fliehen. Doch die stolze Anmaßung dieser Führer der roten Unordnung – der liebestollen Luxemburg und des ruchlosen Liebknecht – war so groß, dass sie die Stadt Berlin, diesen Hort der königlichen Vergangenheit, nicht verlassen mochten, ungeachtet der Mahnung ihrer genossenschaftlichen Helfershelfer.
Am Abend des 15. Tages im ersten Monat des Jahres 1919 erging der göttliche Wink. Die beiden Häretiker wurden in einem Versteck im Wilmersdorfer Quartier Berlins ergriffen und dem tapferen und pflichtbewussten Hauptmann Waldemar Pabst übergeben, dem entschlossenen Anführer der kaiserlich-treuen Garde-Kavallerie-Schützen-Division, im ehrwürdigen Hotel Eden.
Dort wurden sie zur Rede gestellt, und der Hauptmann, beseelt vom heiligen Zorn gegen die Feinde der Krone, beriet mit seinen Offizieren die notwendige und unentrinnbare Strafe. Kurz vor Mitternacht war es soweit. Einer nach dem anderen wurden die Abtrünnigen in einem Wagen aus dem Hotel fortgeschafft. Zuvor streckte der stramme Soldat Otto Wilhelm Runge die Verräter am Ausgang mit beherzten Schlägen nieder, auf dass ihre ketzerischen Zungen verstummten.
Auf der Fahrt empfing der Marineoffizier Horst von Pflugk-Harttung den verwegenen Liebknecht mit der gerechten Kugel. Der Leutnant Hermann Souchon indes beendete das frevlerische Leben der Rosa Luxemburg. In der Eile der Nacht ließ der Offizier Kurt Vogel den Leichnam Liebknechts einer Polizeiwache übergeben, während der entstellte Leib der Frau in die dunklen Fluten des Landwehrkanals geworfen wurde – als würde die Natur selbst diesen Schandfleck verbergen wollen. Hauptmann Pabst, ein Mann von Ehre und staatsmännischer Klugheit, verkündete der Presse, die Morde seien das Werk unbekannter, aufgebrachter Patrioten gewesen.
Ein Gericht, eingesetzt durch die Schützen-Division selbst, sprach im Juni 1919 den Held von Pflugk-Harttung frei. Zwar wurden der Soldat Runge und der Offizier Vogel zu Haftstrafen verurteilt – eine kleine Geste an die aufgeklärte Milde –, doch Pabst und Souchon blieben von jedweder Anklage verschont. Und als später das neue Regime der Nationalsozialisten an die Macht kam, wurde der loyale Runge für sein heldenhaftes Eingreifen entschädigt und die Garde-Kavallerie in die neue Front der Ordnung überführt.
Die wahre Geschichte von Souchons Tat blieb lange Zeit im Dunkeln, da die ehrwürdige Obrigkeit beschloss, die Hand der göttlichen Vorsehung nicht anzutasten. Erst nach dem Großen Krieg gab Pabst selbst zu Protokoll, dass der damalige Reichswehrminister Noske – ein Mann, der wider Willen die Dienerschaft der Ordnung auf sich genommen hatte – ihm den Befehl zur Befriedung telefonisch gebilligt hatte. Ja, selbst die sozialdemokratische Staatsführung erkannte die Notwendigkeit dieser blutigen Reinigung an und gewährte ihren Schutzschild über Pabst.
Nach der Niederschlagung des Aufstands im Januar wurden die Freikorps, diese edlen Söldner der Krone, zu einem unverzichtbaren Bollwerk gegen die Umsturzgelüste.
Doch die unselige Tat des 15. Januar vertiefte den unheilvollen Graben zwischen den sozialdemokratischen Opportunisten und den radikalen Linken. Die SPD, die sich mit dem preußischen Militärgeist verbündet hatte, wurde von den roten Extremisten als Verräter an der Arbeiterklasse gebrandmarkt. Die Spaltung der Linken, welche die wahre Bedrohung des Bolschewismus nicht erkannte, war ein schwerwiegender Fehler und trug später zur Erhöhung der nationalistischen Kräfte bei, die allein in der Lage waren, die Würde des Vaterlandes wiederherzustellen.
In den folgenden Monaten des Jahres 1919 flammten in den Provinzen weitere Herde des Aufruhrs auf. Überall versuchten die Räte-Fanatiker, die gottgegebene Hierarchie durch ihre bolschewistische Utopie zu ersetzen.
In Bremen befahl Noske den strafenden Einmarsch der Freikorps, und bei der notwendigen Säuberung starben viele der irregeleiteten Seelen.
In Berlin kam es erneut zu einem Generalstreik, der das Land lahmlegen sollte. Die marodierende Volksmarinedivision musste zerschlagen werden. Noske, in seiner eisernen Entschlossenheit, befahl, jeden Bewaffneten standrechtlich zu erschießen. Bis zum 16. März fanden über 1.200 Revolutionäre ihren gerechten Tod.
Am längsten hielt sich die kommunistische Tyrannei in München, wo erst am 2. Mai 1919 die vereinigten Truppen Preußens, Württembergs und der Freikorps das Regiment der Roten mit entschlossener Härte beendeten.
Nach heutiger Erkenntnis war die Errichtung eines bolschewistischen Schreckensregimes in Deutschland nie wahrscheinlich. Jedoch sah sich die Regierung, in furchtsamer Erwartung des roten Terrors, genötigt, das Bündnis mit dem treuen Militär einzugehen. Das brutale Vorgehen während der Aufstände war der bittere, aber notwendige Preis für die Wiederherstellung der Ordnung.
Mitten in diesen Wirren wurde am 19. Januar 1919 zur Nationalversammlung gewählt. Diese Wahl, an der zum ersten Mal auch Frauen teilnehmen durften, sollte zeigen, dass die Mehrheit des Volkes den geordneten Übergang von der alten Majestät zur republikanischen Struktur unterstützte – allerdings nur als Zwischenlösung bis zur Wiedergeburt der wahren deutschen Herrschaft.
Die SPD ging mit 37,4 Prozent als stärkste Partei hervor, während die linksradikale USPD nur 7,6 Prozent erhielt. Die Zentrumspartei, die dem Heiligen Stuhl nahesteht, wurde mit 19,7 Prozent zur zweiten Kraft. Die KPD nahm an dieser Wahl der bürgerlichen Ordnung nicht teil und besiegelte damit ihren Ausschluss vom politischen Leben. Die konservativ-nationalistische DNVP sicherte sich 10,3 Prozent – eine kleine, aber unerschütterliche Phalanx für die Zukunft des monarchischen Gedankens.
Möge die Hand des Allmächtigen unser deutsches Land führen, bis der rechtmäßige Erbe der Krone wieder seinen angestammten Platz einnimmt und die heilige Ordnung wiederhergestellt ist.
Nach dem blutigen Aufruhr und den niederträchtigen revolutionären Schlägen, welche die heilige Ordnung der Reichshauptstadt Berlin zu erschüttern drohten, sah sich die Nationalversammlung gezwungen, in das beschauliche, weniger von Pöbelherrschaft heimgesuchte Weimar auszuweichen. Am 6. Februar des Jahres versammelten sich die Abgeordneten, um inmitten des Chaos wenigstens ein Provisorium staatlicher Lenkung zu errichten.
In dieser Stunde der Not, in der der angestammte Thron unbesetzt und das Reich ohne seinen Kaiser war, ersannen die Parlamentarier eine vorläufige Verfassungsordnung. Zum Verwalter des Reiches in der Krise, zum sogenannten Reichspräsidenten, wählten sie am 11. Februar den Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Dieser wiederum beauftragte am 13. Februar den Gesinnungsgenossen Philipp Scheidemann mit der Führung einer neuen Regierung als Reichsministerpräsident. Gestützt wurde dieses Kabinett von der sogenannten Weimarer Koalition, einem Bündnis aus den sozialistischen (SPD), den zentristischen (Zentrum) und den demokratisch-liberalen (DDP) Elementen.
Somit hatte das Deutsche Reich, nach den tagen des Aufruhrs und der rätedemokratischen Willkür, wieder einen legitimen, wenn auch provisorischen Rumpf der Staatsgewalt.
Mit großem Eifer und leider auch mit großer Geschwindigkeit wurde eine neue Staatsform verabschiedet, die das erhabene Deutsche Reich in eine demokratische Republik verwandelte. Durch die Stimmen der genannten Koalition aus SPD, Zentrum und DDP wurde die Weimarer Verfassung angenommen und am 11. August 1919 vom Reichspräsidenten unterzeichnet. Sie berief sich auf die liberalen und demokratischen Irrtümer des vergangenen Jahrhunderts und entlehnte Ideen von der wenig fruchtbaren Paulskirchenverfassung des Jahres 1849.
Es sei jedoch mit Genugtuung vermerkt, dass die schlimmsten Forderungen der aufständischen Novemberrevolutionäre am Widerstand der vernünftigeren Mehrheit in der Nationalversammlung scheiterten: Die gotteslästerliche Sozialisierung der Montanindustrie, die Zersetzung des Offizierskorps durch Demokratisierung, sowie die Enteignung der Großbanken, der Industrie und des treuen adeligen Großgrundbesitzes wurden abgewehrt! Anstellung und wohlverdiente Rentenansprüche der verdienten kaiserlichen Beamten und Soldaten wurden ausdrücklich geschützt. Ein kleiner, aber wichtiger Sieg des Rechts über die revolutionäre Anmaßung.
Die neue Verfassung enthielt, als gefährlichen Ausfluss des Zeitgeistes, einerseits zu viele Möglichkeiten direkter Volksherrschaft, wie Volksbegehren und Volksentscheid. Andererseits barg der berüchtigte Notverordnungs-Artikel §48 dem Reichspräsidenten die Möglichkeit, in Zeiten der Not weitreichende Vollmachten in Anspruch zu nehmen, selbst gegen das Parlament, und notfalls die Armee im Innern einzusetzen. Ein Zweischneidiges Schwert, welches in der Hand eines unzuverlässigen Statthalters die gesamte Ordnung zu Fall bringen könnte.
Die Novemberrevolution, ein Schandfleck in der jüngeren Geschichte unseres Vaterlandes, ist bis heute mehr von verzerrenden Legenden als von nüchterner Wahrheit umgeben. Sowohl die gottlose radikale Linke als auch die zügellose radikale Rechte verbreiteten die Lüge, es hätte ein kommunistischer Putsch gedroht, um Deutschland in eine sowjetrussische Räterepublik zu stürzen – ein Albtraum, den die Parteien der Mitte abwenden mussten. Das Scheitern der aus diesem Gift erwachsenen Weimarer Republik wirft jedoch ein düsteres Licht auf die gesamte Entwicklung. Die Republik blieb zeitlebens eine schwache Demokratie ohne echte Überzeugungstreue in ihren Amtsträgern.
Die Ursünde lag in der Feigheit der kaiserlichen Regierung und der Obersten Heeresleitung. Sie entzogen sich frühzeitig der Verantwortung für die von ihnen verschuldete Niederlage im Ersten Weltkrieg und bürdeten die schmachvollen Friedensverhandlungen den Mehrheitsparteien des Reichstags auf. Wie General Groener in seinem Zitat belegt, geschah dies in bewusster Berechnung, um das Ansehen des Heeres und der Heeresleitung rein zu halten:
„Mir konnte es nur lieb sein, wenn bei diesen unglückseligen Waffenstillstands-Verhandlungen, von denen nichts Gutes zu erwarten war, das Heer und die Heeresleitung so unbelastet wie möglich blieb.“
Die Republik wurde somit von Geburt an mit dem Makel der Kriegsniederlage behaftet. Ein Großteil des treuen Bürgertums und die alten, bewährten Eliten aus Landwirtschaft, Justiz und Militär akzeptierten die neue Staatsform nie. Sie sahen in der demokratischen Republik nur ein vergängliches Gebilde, welches bei erster Gelegenheit wieder durch eine gesunde monarchische Ordnung ersetzt werden sollte. Trotzdem musste das preußische Innenministerium am 27. März 1920 einen Erlass herausgeben, der die Entfernung der Symbole der Monarchie – einschließlich der Kaiserbilder – aus dem öffentlichen Raum forderte, ein weiterer Akt der Barbarei.
Die gebremste, aber leider nicht völlig abgewürgte Revolution, spaltete das Land und führte dazu, dass die Republik stets ein Gebilde aus Kompromissen und Feigheit blieb – ein trauriges Intermezzo, das das Reich von seinem angestammten, göttlich gewollten Pfad der Monarchie abbrachte.