DER WERWOLF

GEDICHT VON TORSTEN SCHWANKE



Drei Männer ziehen hinaus in den Wald,

um Holz zu schlagen,

darunter ein Dritter,

dem man von jeher nachredete,

etwas stimme nicht ganz mit ihm.

Nach getaner Arbeit

ruhen sie erschöpft.

Der Dritte schlägt vor:

„Wollen wir ein Weilchen schlafen?“

Alle legen sich nieder.

Der Großvater jedoch

stellt sich nur schlafend,

die Augen einen Spaltbreit offen.

Er sieht, wie der Dritte sich versichert,

dass die Gefährten ruhen,

seinen Gürtel abwirft

und sich in einen Werwolf verwandelt –

einen Wolf von seltsamer,

unnatürlicher Gestalt.

Er rennt zu einer nahen Wiese,

reißt ein junges Füllen

mit Haut und Haar in Stücken.

Zurückgekehrt, legt er den Gürtel an

und liegt wieder da

als sterblicher Mensch.

Auf dem Heimweg am Stadttor

klagt der Dritte über Magenweh.

Der Großvater zischt ihm zu:

„Das will ich glauben,

wenn man ein ganzes Pferd

im Leibe trägt.“

Die Antwort des Mannes:

„Hättest du mir das im Walde gesagt,

so würdest du es jetzt nicht mehr sagen.“


Ein Weib,

als Werwolf gewandelt,

fällt über die Herde her

eines gehassten Schäfers.

Der Schäfer schleudert sein Beil,

trifft das Tier in die Hüfte.

Es kriecht ins Gebüsch.

Der Schäfer folgt der Spur,

will den Feind bezwingen,

findet jedoch nur ein Weib,

das mit einem Lappen ihres Kleides

das blutende Fleisch zu stillen sucht.


Im Jahr 1610

zu Lüttich

werden zwei Zauberer hingerichtet:

Sie hatten sich in Werwölfe verwandelt

und viele Kinder getötet.

Bei sich führten sie einen Knaben von zwölf Jahren,

den der Teufel in einen Raben verwandelte,

sobald die Raubtiere

ihre Beute zerrissen und fraßen.


Nahe Sommeraschenburg und Schöningen

erhebt sich ein großer Stein

im Dorfe Eggenstedt.

Einst lebte am Brandsleber Holze

ein Fremder,

von allen nur „der Alte“ genannt.

Er bot den Bauern seine Dienste an,

hütete ihre Schafe.

Eines Tages

fällt ein buntes, niedliches Lamm

in der Herde des Schäfers Melle.

Der Alte fleht unermüdlich darum,

doch Melle bleibt hart.

Nach der Schur

ist der Alte verschwunden –

und mit ihm das bunte Lamm.

Lange Zeit schweigt jede Spur.

Dann steht er plötzlich vor Melle

im Kattenthal und ruft höhnisch:

„Guten Tag, Melle,

dein bunt Lamm lässt dich grüßen!“

Der Schäfer packt seinen Krummstab.

Da verwandelt sich der Fremde,

springt als Werwolf heran.

Die Hunde hetzen ihn

durch Wald und Tal

bis nahe nach Eggenstedt.

Der Schäfer ruft:

„Nun sollst du sterben!“

Da steht der Alte wieder als Mensch da,

fleht um Gnade.

Melle schlägt mit dem Stock zu –

plötzlich sprießt ein Dornstrauch empor.

Der Rachsüchtige zerschlägt die Zweige.

Noch einmal bittet der Mensch um sein Leben.

Melle bleibt unerbittlich.

Als der Alte erneut als Werwolf entfliehen will,

streckt ein Hieb ihn tot zur Erde.

Ein Felsstein bezeichnet bis heute

das Grab des Unbekannten.


Wenn das Christfest verflossen ist,

zieht ein hinkender Junge umher,

ruft die dem Bösen Ergebenen zusammen.

Säumige treibt ein anderer,

großer langer Mann

mit einer Peitsche aus Draht und Ketten

grausam und unbarmherzig vor sich her.

Zu Tausenden wandeln sie sich

in Wölfe.

Der Führer mit der eisernen Geißel

geht voran.

Sie zerreißen das Vieh im Feld,

lassen von Menschen jedoch ab.

Kommen sie an ein Gewässer,

schlägt der Führer mit der Rute hinein,

teilt das Wasser,

dass sie trockenen Fußes

hinüber wandern.

Nach zwölf Tagen

legen sie die Wolfsgestalt wieder ab.


Im Dorfe Hindenburg

erzählt man sich von einem Mann,

der einen Streifen Wolfshaut

mit Haaren besaß.

Um den Leib gebunden,

verwandelte er sich in einen Wolf

von ungeheurer Kraft:

Er zog ganze Fuder Heu allein,

trug Ochsen in seinem Rachen.

Er würgte das Vieh,

jagte die Menschen,

verschonte nur seine Frau.

Sie kannte den Zauberspruch,

den er sie gelehrt,

schnallte ihm den Lederstreifen ab

und gab ihm die menschliche Vernunft zurück.


Vor zweihundert Jahren

wimmelte die Rokower Straße

in Greifswald

von einer Menge Werwölfen,

die jeden nach acht Uhr abends überfielen.

Beherzte Studenten

schlossen sich zusammen,

zogen in finsterer Nacht aus.

Erst blieben ihre Schläge wirkungslos,

bis sie alle geerbten silbernen Knöpfe

sammelten

und damit die Ungeheuer erlegten.


Um das Jahr 1831

trieb sich bei Zarnow 

ein grimmiger Wolf umher,

der ein Kind riss.

Die Bauern schlossen ihn im Gebüsch ein.

Als sie ihn erlegen wollten,

stand plötzlich ein großer, fremder Mann

mit einer Keule vor ihnen –

der Werwolf war entlarvt.


Der Werwolf:

Ein Mensch,

der sich bei Nacht durch Zauber

in ein reißendes Tier wandelt,

um Blut zu saugen.

Er lebt unter den Lebenden.

Stirbt er und wird begraben,

kehrt er als Vampir aus dem Grab zurück

mit unstillbarem Durst.

Durch das Schmatzen an Grabtüchern

behält er die dämonische Macht,

die Seinen heimzusuchen,

bis ganze Familien aussterben.


Ein Jäger aus Danzig

trifft bei der abendlichen

Revier-Prüfung

auf einen riesigen Wolf.

Seine Kugel zerschmettert dem Tier

den rechten Vorderfuß.

Blutspuren folgend,

findet er in einer Waldhütte

einen Mann und eine Frau,

die ihm die Hand verbindet.

Der Mann gesteht,

ein Werwolf zu sein,

und wird lebendig verbrannt.


Im Dorfe Grabau

raffte ein plötzliches Sterben

die Jungfrauen dahin,

jede mit einer kleinen Wunde am Herzen.

Die Dorfältesten öffneten die Gräber

und fanden einen Leichnam,

unverwest, mit wachsenden Nägeln

und frischem Blut an den Lippen.

Sie schlugen ihm das Haupt ab,

trieben einen Dornenpfahl durch sein Herz

und verbrannten ihn zu Asche.

Das Sterben fand ein Ende.


Ein Gefangener wurde

vor Herzog Albert in Preußen gebracht,

beschuldigt, ein Werwolf zu sein.

Er gestand ohne Zwang:

Um das Johannisfest und zu Weihnachten

wurde er wild,

Wolfshaare wuchsen ihm unter Schmerzen,

ein unbändiger Trieb

erfasste ihn,

Menschen und Tiere zu zerfleischen.

Eine körperliche Verwandlung

in einen Wolf jedoch

trat an ihm niemals ein.


In Livland weiß man:

Wenn die Christnacht weicht,

ruft der hinkende Junge die Bösen,

ein langer Mann treibt sie

mit der Stachelgeißel an.

Sie nehmen Wolfsgestalt an,

überfallen die Herden,

bis nach zwölf Nächten

der Spuk ein Ende hat

und sie wieder Menschen werden.


Wo Menschenblut vergossen ward,

da ziehen nach dem Glauben

in Danzigs Umland

die Unterirdischen hin –

die Unnereerdschkens.

Einst erschoss sich ein Knecht im Stall;

alsbald schlugen die Erdgeister dort ihr Lager auf,

quälten und vertrieben das Gesinde

und wichen nicht,

bis der ganze Stall in Flammen aufging.

Anders als im milderen Volksglauben

kennt man sie hier nicht als gutmütig-tückisch:

Sie sind durchweg boshaft,

schadenfroh,

menschenfeindlich,

entsprungen der finstersten Nachtseite

der slawischen Dämonenwelt.

Sie sind es auch,

die in den Wochenstuben

schöne Kinder

durch elende Wechselbälge ersetzen.


Ein Schäfer,

kundig im Geigenspiel,

geht in der Nacht nach Hause.

Ein kleines, ganz in Gelb 

gekleidetes Männchen

tritt an ihn heran:

Ob er mitkommen wolle,

aufzuspielen und Geld zu verdienen?

Der Schäfer willigt ein.

In einem hellen Saal

tanzen hunderte Zwerge und Fräulein,

allesamt in Gelb.

Der Schäfer spielt zum Ball auf,

fortwährend,

bis er fast vor Erschöpfung zusammenbricht.

Da füllt man seine Taschen mit Geld

und mahnt ihn,

es erst zu Hause anzurühren.

Er wird fortgeführt;

ihm ist, als lege er sich daheim zur Ruhe.

Als er erwacht,

liegt er auf dem Kartoffelacker

unter einem Baum,

die Geige neben sich,

die Sonne steht hoch am Himmel.

Ein Traum?

Er greift in seine Tasche

und findet –

Schuppen von Tannenzapfen.

„Verfluchter Dreck!“,

schimpft er und leert die Taschen.

Zu Hause angekommen,

beim Ausziehen der Jacke,

klingt es metallen.

Er fühlt nach:

Ein paar uralte Mariengroschen

hingen noch am Futter fest.

Wie von Sinnen rennt er zurück

zu seiner Schlafstelle.

Kein Geld ist da –

nur ein schadenfrohes Gekicher

hoch oben in den Zweigen

und unten im Kartoffelkraut.


Zu Hamburg lebte

der Brauerknecht Hinrich Küsch,

gefürchtet für seine ingrimmige Art

und sein verteufeltes Antlitz.

Wer seinen grünen Augen begegnete,

den stach es so seltsam,

dass es ihm schmerzte

in Leib und Seele.

Man hielt ihn für einen Werwolf,

der sich bei Neumond in einen Wolf wandelt,

um nach der Lust seines schwarzen Herzens

zu morden und zu verderben.

Weil die Obrigkeit solche Unholde

nicht duldet,

die jeder Polizeigewalt spotten

und sich nach Belieben

zwischen Mensch und Tier wandeln,

lauerten Bruchvögte, Büttel und Henkersknechte

auf den Kerl.

Doch wer ihn ins Auge fassen wollte,

wurde von seinem stechenden Blick getroffen

und musste ablassen.

Im Jahre 1631

beging er einen offenen Mord –

nicht als Wolf,

sondern als Brauerknecht:

Er stach einen fremden Mann,

Augustin Brod, nieder.

Vielleicht hatte er Wolfshaut

und Zaubergerät nicht zur Hand

und vertraute auf seinen bösen Blick.

Doch das Blut des Ermordeten

spritzte in die Höhe,

traf ihn mitten ins Gesicht

und verklebte seine Augen.

Ehe er sich säubern konnte,

sprangen Bruchvogt und Diener herbei,

fesselten ihn und warfen ihn in das Verlies.

Fast ein Jahr dauerte sein Prozess,

denn er hatte mehr zu gestehen

als ein gewöhnlicher Verbrecher;

bei Neumond gar

usste man ihn in schwerste Ketten legen,

wenn die Werwolfswut in ihm erwachte.

Endlich, um weiteres Grauen zu verhindern,

verurteilte man ihn zum Tode:

Er wurde ganz still und einfach

morgens um vier Uhr

zwischen den Toren enthauptet.

Das geschah im Morgengrauen,

um die Menge fernzuhalten

und jedes Unheil zu verhüten

durch den letzten Blick des Bösen

oder einen Tropfen seines verfluchten Blutes.


Es war einmal ein Vater

mit neun heiratsfähigen Töchtern;

die jüngste war die schönste.

Dieser Vater war ein Werwolf.

Eines Tages kam es ihm in den Sinn:

Wozu so viele Töchter ernähren?

Und er beschloss,

sie alle zu töten.

Er ging in den Wald, um Holz zu fällen,

und befahl den Töchtern,

ihm das Essen zu bringen.

Die älteste kam zuerst.

Nachdem er gegessen,

führte er sie unter dem Vorwand

einer gemeinsamen Grabstätte

zu einer tiefen Grube im Wald.

Dort stieß er sie hinein,

warf einen schweren Stein auf ihren Kopf

und erschlug sie.

Am Abend darauf

tat er dasselbe mit der zweiten Tochter,

und so fort,

bis nur noch die jüngste übrig war.

Die Jüngste wusste,

dass ihr Vater ein Werwolf war,

und wunderte sich bitter,

warum keine Schwester zurückkehrte.

Sie kochte Knödel

und folgte seiner Spur in den Wald.

Sie fand das Lager

und den rauchenden Ort,

wo zwei Köpfchen schmorten.

Als der Vater sie

zur selben Grube führen wollte,

bat sie ihn listig:

„Kehrt Euch um, Vater,

denn ich schäme mich,

mich vor Euch auszuziehen.“

Als er sich wegdrehte,

schmick!

stieß sie ihn in die Grube,

schnappte sich seine Kleider

und rannte um ihr Leben.

Der Werwolf kletterte leicht heraus

und nahm die Verfolgung auf,

brüllend wie ein entfesselter Bär.

Die Tochter warf ihm nacheinander

ihr Halstuch hin,

dann ihren Rock,

das Achselhemd,

das Leibchen

und zuletzt ihr Hemd.

Jedes Mal musste der Werwolf

das Kleidungsstück in mühsamer Arbeit

zerreißen, zerfasern, spinnen, weben

und von neuem zusammennähen,

was ihm jedes Mal eine halbe Stunde raubte.

Als sie ganz nackt war,

hörte sie ihn schnauben

und versteckte sich

auf einer Wiese

im kleinsten Heuhaufen.

Der schwere, wütende Werwolf

durchwühlte alle großen Haufen,

fluchte, dass die Erde bebte,

und zog schließlich ab,

da er dachte,

im winzigen Haufen könne sie nicht sein.

Nach drei Tagen

kam ein König zur Rast auf die Wiese;

sein Hund spürte das Mädchen auf.

Gefesselt von ihrer Schönheit,

nahm er sie zur Frau.

Sie stellte nur eine einzige Bedingung:

Niemals einen Bettler

über Nacht ins Schloss zu lassen.

Nach glücklichen Jahren

schlich sich dennoch ein Bettler ein,

der unter dem Besen nächtigen wollte.

Um Mitternacht

schnitt er den beiden schlafenden Königssöhnen

die Kehle durch

und legte das blutige Messer

unter das Kissen der jungen Königin.

Der entsetzte König

verstieß seine Frau

und band ihr die Leichen der Söhne

um den Hals.

Sie irrte umher,

bis ein Einsiedler sie zu einer Eidechse wies,

deren Heilkraut im Mund

die Wunden der Kinder schloss

und sie ins Leben zurückrief.

Dort lebten sie in der Einsamkeit,

bis der König sich auf der Jagd verirrte

und in ihrer Hütte Nachtlager suchen musste.

Um Mitternacht wecken sie die Söhne auf

und bitten sie:

„Erzählt uns eine Geschichte!“

„Ach“, antwortet sie leise,

„ihr selbst seid ja lebendige 

Geschichten in dieser Welt.“

Und nun erst offenbart sie ihnen

die ganze schreckliche Begebenheit.

Der König, der schlaflos zuhört,

erkennt sein schweres Unrecht

und führt sie heim in sein Schloss.

Doch der Werwolf findet keine Ruhe.

Er schleicht in das Schloss,

um zu spähen, was dort geschieht,

und bittet um ein Nachtlager.

Die Diener jedoch erkennen den Unhold

und zerren ihn vor den König.

Dort bricht er in Zittern aus;

da er nicht leugnen kann,

gestand er den Mord an den Kindern.

Der König, voll Zorn über seine Gottlosigkeit,

spricht das Urteil:

„Bindet diesen Grausamen auf einen Wagen

und stürzt ihn über die Felsen

in den Abgrund hinab,

dass er zerschmettert in den Meeresboden stürze,

der sich unter dem Schloss ausbreitet.

Fort mit ihm –

er ist es nicht wert,

dass Menschenhände ihn töten!“

Der Werwolf bricht das Genick

und stürzt zerschlagen in die Fluten.

Der König aber und die Königin

leben mit ihren schönen Söhnen,

so sie nicht gestorben sind,

bis auf den heutigen Tag.


Mein Urgroßvater war

von 1688 bis 1700 Pfarrer

im württembergischen Schwarzwald

zu Tummlingen.

Oft erzählte er seinen Nachkommen

eine sonderbare Geschichte aus seiner Pfarrei,

deren Wahrheit er verbürgen konnte –

auch wenn er die Begebenheit

mit ganz anderen Augen sah als seine Bauern.

Aus dem Pferche des Ortes

wurde immer wieder das fetteste Schaf geraubt.

Ein Wolf brach in der Dämmerung ein,

scheute den Schäfer nicht

und lief – das war das Auffälligste –

geradewegs aus dem Dorfe herzu

und mit seiner Beute dorthin zurück.

Der erschrockene Schäfer klagte sein Leid.

Keiner im Dorf war jedoch frei

vom allgemeinen Glauben an Wolfsmenschen,

außer dem herrschaftlichen Jäger.

Dieser legte sich heimlich auf die Lauer

und beobachtete, wie ein wohlbekannter Bürger

auf dem Felde unter einem Heuhaufen

seine Kleider ablegte

und sich in einen Wolf verwandelte,

der den Pferch anfiel.

Als der leibhaftige Wolf sich erneut nahte,

empfing ihn eine volle Ladung

aus der Jagdbüchse.

Verwundet entkam das Ungeheuer;

am nächsten Morgen lag

einer der Bürger gefährlich verwundet im Bett.

Ob er an den Wunden starb

und wie man gerichtlich verfuhr,

wusste mein Großvater nicht zu sagen,

da seine jugendliche Flüchtigkeit

damals auf solche Nebenumstände

nicht achtete.


Im Frühling des Jahres 1698,

zur Zeit der Wollscheren

und der Scheitflöße an der Saale,

gingen drei Männer und ein Weib

am hellen Nachmittag gegen zwei Uhr

bei schönem Sonnenschein

von der Flöße nach Hause.

Als sie nahe dem Dorfe Schala

ein starkes Geräusch vernahmen

und sich entsetzt umsahen,

kam ein grauenhaftes Wesen

hoch in der Luft von Westen her geflogen:

Sein Kopf war groß wie ein Weinfass,

die Augen glühten wie Hutschnallen,

sein feuriger Schwanz

war länger als eine Wiesenstange.

Aufgepackt hatte es beiderseits

Körbe voll weißer Beute,

gleichend Wolle und Leinentuch.

Fiel ihm ein Stück herab,

streckte es die Krallen aus

und zog den Raub im Flug wieder empor,

bis es sich in einem nahegelegenen 

Hölzchen niederließ.

Als einer rufen wollte,

man müsse dem Räuber die Beute abjagen,

rieten die anderen ab –

und das ganz zu Recht,

denn geholfen hätte es ihnen nur,

wenn sie den Namen Gottes genannt hätten.

Zeugen dieses Wunders waren

Meister Heinrich Söffing, Böttcher;

Meister Hans Fischer, Schmied;

dessen Weib Magdalena

und der zehnjährige Sohn Hans Heinrich.

Am selbigen Tag

hatte ein Weib eine Meile entfernt

hundert Ellen Bleichtuch verloren.


Groß ist die Macht des Widersachers,

doch seine List und sein Trug

sind streng beschränkt

von den Ketten göttlicher Majestät.

Darum vermag der Satan

einen Menschen nicht wahrhaft

in einen Bären oder Werwolf zu verwandeln.

Was man von solchen Verwandlungen hört,

ist nichts als satanische Blendung

und Verwirrung der Phantasie –

sowohl beim Menschen selbst, der meint,

er sei zum Wolf geworden,

als auch bei denen, die ihn so erblicken.

Wenn solche vermeinte Wölfe

das Vieh reißen,

so ist es der Satan selbst

in angenommener Wolfsgestalt,

der das Gauchwerk bestärkt,

wo Gott es ihm zulässt.

Selbst gelehrte Männer wie Georgius Sabinus

wurden vom Teufel geplagt,

indem sie sich in der Christnacht

oder zu Johannes schauernd verkrochen

und meinten, sie müssten fliehen als Wölfe.

Im Kerker jedoch

fand sich keine Wolfsgestalt mehr an ihnen;

der Satan hatte sie nur geblendet

und selbst verwundet.


Um die Stadt Agran in Kroatien

trieb sich im Juli 1698

eine grausame Bestie in Wolfsgestalt umher,

die den Menschen schwer zusetzte,

das Vieh jedoch ungeschoren ließ.

Kein Hirte durfte sich blicken lassen;

Edelleute und Landvolk

zogen gemeinsam aus,

um das Ungeheuer zu töten.

Doch jede Falle schlug fehl,

geweihtes Pulver und Silberkugeln

richten nichts aus,

denn die Bestie verhöhnte ihre Verfolger

und zeigte sich stets an anderer Stelle.

Man vermutete Hexen dahinter;

dreißig Personen saßen gefangen,

und viele Bauern brachten 

ihre eigenen Weiber

in die Stadt,

drohend, sie sonst selbst zu verbrennen.

Man warf die Gefangenen

mit auf den Rücken gekreuzten Händen

in den Saufluss:

Schwammen sie oben,

galten sie als schuldig;

gingen sie unter,

wurden sie freigesprochen.


Im Jahr 1573

wurde zu Dole in Burgund 

ein Zauberer gefangen.

Er gestand,

in Wolfsgestalt in einem Weinberg

ein zehnjähriges Mädchen

überfallen, getötet

und zum Teil gefressen zu haben;

später habe er ein zweites Kind

angefallen,

wäre er nicht von drei Männern

verjagt worden.

Zu Besançon

führte Michael Verdün einst

den Peter Burgot an einen Ort,

wo ein grünes Wachslicht

mit dunkler Flamme brannte.

Sie opferten dem Teufel,

tanzten im Reigen,

salbten sich mit Zaubersalbe

und wurden zu Wölfen.

So durchstreiften sie den Wald,

wohnten wahren Wölfinnen bei

und zerrissen und fraßen

zu verschiedenen Malen

drei kleine Mädchen.