TRAGÖDIE VON TORSTEN SCHWANKE
NACH GERTRUD VON LEFORT
DRAMATIS PERSONAE
MAGDEBURG, die Braut der Reformation.
STALLMANN, stolzer Ratsherr der Stadt.
REGINA, seine Nichte, eine junge, idealistische Jungfrau.
DIETRICH BAKE, Domprediger zu Magdeburg, die Stimme des unnachgiebigen Glaubens.
DIETRICH VON FALKENBERG, schwedischer Kommandant, der „Bräutigam“ wider Willen.
JOHANN T’SERCLAES GRAF VON TILLY, Feldherr der Katholischen Liga, gealtert und melancholisch.
GOTTFRIED HEINRICH GRAF VON PAPPENHEIM, feuriger General der Kavallerie.
BÜRGER UND BÜRGERINNEN von Magdeburg.
SOLDATEN beider Seiten.
ERSTER AKT: DIE BRAUTWERBUNG
SZENE 1
(Auf den Wällen von Magdeburg. Im Hintergrund die Türme des Doms. Auf den Mauern herrscht festliche, fast trotzige Stimmung. Bürger tanzen, trinken und blicken höhnisch auf das Umland, wo sich in der Ferne die kaiserlichen Truppen sammeln. Ratsherr Stallmann und Regina stehen an der Brüstung. Domprediger Bake tritt zu ihnen.)
STALLMANN
Seht hin, mein Kind, wie diese Mauern stehen!
Seit Monden kreist der Wolf um unser Nest,
Doch bricht an Magdeburg sich seine Klaue.
Sie nennen uns Ketzer, fordern uns tributpflichtig,
Als ob die Braut des Herrn sich beugen würd’
Vor einem Pfaffen-Kaiser aus Wien!
REGINA
Mein Oheim, ach, mir bangt beim Abendschein.
Das Feld dort draußen färbt sich rot wie Blut,
Und Tillys Heer wächst wie ein dunkler Wald,
Der uns das Licht des Lebens rauben will.
Ist unser Trotz denn reiner Gottesdienst,
Oder nur Hochmut, der dem Fall vorangeht?
BAKE
Schweigt, Mädchen, schweigt! Es ist der Glaube nur,
Der diese Stadt zum Fels im Meere macht!
Magdeburg ist die Braut, dem Herrn verlobt,
Geschmückt mit Wahrheit, rein vom Götzendienst.
Und glaubt mir, bald erscheint der Bräutigam:
Gustav Adolf, der Held aus Mitternacht!
Sein Schwert wird diese Drachenbrut zerschlagen.
Was schiert uns Tilly? Gott ist unser Schild!
STALLMANN
So ist’s! Der Wein schmeckt süß in dieser Nacht.
Soll Tilly hungern vor den Toren hier,
Wir haben Korn und Mut für sieben Jahre!
Die Elbe rauscht uns Freiheit in das Ohr.
(Ein Trompetensignal ertönt. Dietrich von Falkenberg, der schwedische Kommandant, tritt auf, gefolgt von einigen Offizieren. Er wirkt erschöpft, ernst und blickt düster auf die feiernde Menge.)
BAKE
Seht, Falkenberg! Der Bote unsres Retters!
Heil dir, Kommandant! Bringst du die Kunde schon,
Dass Schwedens Adler im Anmarsch ist?
FALKENBERG
(beiseite)
O blinder Wahn, der diese Mauern schmückt!
Sie tanzen auf dem Grab, das sie sich schaufeln.
(laut zu Stallmann und Bake)
Ich grüße euch, ihr Herren. Und auch euch, Jungfrau.
Ihr feiert laut, wo Schweigen weiser wär’.
STALLMANN
Warum so düster, Herr? Die Wälle stehen!
Ihr habt das Kommando, führt uns in den Sieg.
Mit Schwedens Hilfe halten wir die Stadt.
FALKENBERG
Die Wälle stehen, ja. Doch fehlt das Pulver.
Die Landsknecht’ murren, und der Graben dort
Ist viel zu seicht für Pappenheims Reiter.
Ihr sprecht vom König, als stünd’ er am Tor –
Doch Gustav Adolf zögert noch am Kufstein,
Vom Kurfürst von Sachsen aufgehalten,
Der ihm den Durchmarsch weigert.
REGINA
(erschrocken)
Gott im Licht!
So kommt er nicht? Wir sind allein im Sturm?
FALKENBERG
(sieht Regina an, bewegt von ihrer Unschuld)
Er kommt... doch wann? Die Zeit ist unsre Schere,
Die uns den Lebensfaden langsam trennt.
(zu sich selbst)
Ich bin gesandt, dies Kleinod zu bewahren,
Doch ach, ich bin der Bräutigam des Todes.
Ich muss sie halten, muss sie binden hier,
Damit das Reich des Königs Zeit gewinnt.
Und müsst’ ich diese Stadt im Feuer opfern!
BAKE
Was raunt ihr da von Opfern, Falkenberg?
Ihr schürt den Zweifel, wo der Glaube brennt!
Verkündet laut dem Volk, dass Rettung naht!
Ein zaghafter Führer bricht den Mut der Stadt.
FALKENBERG
(rafft sich auf, wechselt den Ton zu stolzem Trotz)
Ihr wollt den Mut? Wohlan, ihr sollt ihn haben!
Hört Bürger, hört! Der König schaut auf uns!
Magdeburg ist die Leuchte dieser Welt,
Das Bollwerk wider Roms Tyrannerei.
Wir weichen nicht! Und wenn der Feind auch stürmt,
Und wenn die Erde birst: Wir halten stand!
Für Gustav Adolf und das wahre Wort!
DIE BÜRGER
(jubeln)
Für Schweden! Für die Freiheit! Magdeburg!
FALKENBERG
(beiseite, während der Jubel anschwillt)
Ich lüge ihnen Hoffnung in das Herz,
Um sie an diese Mauern festzuketten.
O Magdeburg, wie schön bist du geschmückt –
Ich führe dich zum Brautbett aus Schafott.
REGINA
(tritt an Falkenberg heran, leise)
Ihr sprecht von Sieg, doch eure Augen weinen.
Was ist das für ein Bund, den wir hier schließen?
FALKENBERG
Ein Bund aus Blut, mein Kind. Ein stummer Eid.
Geh beten, Jungfrau. Bet’ für diese Stadt.
(Falkenberg wendet sich ab und blickt starr über die Brüstung in die Dunkelheit, wo die fernen Lagerfeuer der kaiserlichen Armee wie böse Sterne aufleuchten. Das Fest der Bürger geht im Hintergrund weiter, während die Musik düstere, tragische Töne annimmt.)
SZENE 2
(Das kaiserliche Hauptquartier vor Magdeburg. Im Zelt des Feldherrn. Auf einem Tisch liegen Landkarten, Belagerungspläne und ein schweres Kruzifix. Im Hintergrund hört man das ferne Trommeln und Lärmen des Lagers sowie das Echo der feiernden Stadt von den Wällen. Johann von Tilly sitzt in einem schweren Sessel, tief in Gedanken versunken. Gottfried Heinrich von Pappenheim tritt schwungvoll ein, die Rüstung staubig, den Degen halb gezogen.)
PAPPENHEIM
Es ist die Nacht der Torheit dort im Wall!
Sie tanzen, Tilly, hören unsre Trommeln
Und lachen nur, als wär’s ein Maskenfest.
Der Schwede schweigt, die Elbe trägt sein Wort
Nicht bis zu diesen hochmüt’gen Rebellen.
Was zögern wir? Das Eisen brennt im Feuer!
Erlaubt den Sturm! Noch vor dem Morgengrauen
Soll Pappenheims Reiterei die Tore brechen!
TILLY
(langsam, ohne aufzusehen)
Ihr spricht von Sturm, als wär’s ein Jugendspiel,
Ein Ritt durchs Korn im weichen Sommerwind.
Ihr seht nur Ruhm, Graf Pappenheim, und Ehre –
Ich sehe Blut, das aus den Gassen quillt.
Zweiundsiebzig Jahre wiegen schwer auf mir;
Ich habe manchen Sieg dem Kaiser eingetragen,
Doch jeder Lorbeer riecht nach Moder, Graf.
PAPPENHEIM
Der Krieg schmeckt nicht nach Rosenwasser, Herr!
Dies Nest ist das Herz des Ketzertums,
Das Bollwerk, das den Norden uns versperrt.
Zerschmettern wir es nicht mit einem Schlag,
Wächst Gustav Adolfs Macht mit jedem Tag.
Die Milde ist’s, die diesen Krieg verlängert!
Ein scharfer Schnitt – und Deutschland hat den Frieden.
TILLY
(steht mühsam auf, tritt an die Karte)
Ein scharfer Schnitt? Ihr wollt die Stadt zerstören!
Ich aber will sie ganz dem Kaiser schenken.
Ein starkes Bollwerk, reich an Gut und Korn,
Ein sich’rer Hafen für des Reiches Heer.
Was nützt uns eine Asche, schwarz und kalt?
Ich ford’re die Übergabe, keinen Mord.
Ich will, dass Magdeburg die Knie beugt,
Nicht, dass ihr Geist im Flammentod entweicht.
PAPPENHEIM
(lacht ungeduldig)
Sie beugen sich nicht! Habt ihr Bake gehört?
Er wettert auf der Kanzel wie ein Besess’ner.
Sie nennen euch den ‚Magdeburger Schlächter‘ im Voraus,
Obwohl ihr zögert wie ein alter Eidam,
Der vor der Brautkammer die Schritte zählt.
Sie wollen nicht die Gnade, sondern Streit!
Lasst mich das Hochzeitsbett aus Eisen schmieden!
TILLY
(schaudert, blickt ins Leere)
Sprecht nicht von Hochzeit! Dieses Wort ist Gift.
Mich überkommt seit Tagen eine Ahndung,
Ein finst’rer Schatten, der mein Haupt berührt.
Wenn ich auf diese stolzen Mauern blicke,
Seh’ ich kein Gold, ich sehe mein Gericht.
Gott schütze mich vor dieser Stadt... mir ist,
Als ob in Magdeburg mein Stern verbleicht.
Der Ruhm von Breitenfeld, von weißer Höh’ –
Hier wird er in den Staub gezogen werden.
Das Blut, das dort vergossen wird, es fließt
Auf mein Gewand und wäscht sich nimmer ab.
PAPPENHEIM
Ihr seid vom Alter müde, General.
Das ist der Geist der Kälte, nicht der Seher!
Die Kürassiere warten auf mein Zeichen,
Die Leitern liegen treibbereit im Graben.
Glaubt mir: Der Sieg wäscht alle Flecken rein,
Und Magdeburg wird kaiserlich gedeihen.
Gebt mir den Befehl!
TILLY
(wendet sich um, mit fester, melancholischer Stimme)
Nein, Pappenheim!
Wir warten noch. Ein letztes Mal ergeht
Das Schreiben zur Ergebung an den Rat.
Ich biete ihnen Leben, Schutz und Recht.
Erst wenn sie diese Hand aus Stolz ausschlagen,
Erst dann... gehört die Stadt den Todesklagen.
Geht nun. Und zügelt Euer wildes Pferd.
PAPPENHEIM
(beugt widerwillig das Haupt, im Abgang leise)
Ihr zögert uns den Sieg noch aus der Hand –
Doch bald brennt dieses Nest an jedem Rand.
(Pappenheim geht ab. Tilly bleibt allein zurück. Er tritt vor das Kruzifix, sinkt auf die Knie und faltet die Hände.)
TILLY
Herr, lass den Kelch an mir vorübergehen.
Ich bin dein Knecht, doch dieses Brautgeschenk
Ist mir zu schwer... Ich fürchte diesen Sieg.
SZENE 3
(Ein Gemach im Hause des Ratsherrn Stallmann. Gepflegte, wohlhabende Bürgervorstube. Im Hintergrund ein großes Fenster, durch das der Schein der nächtlichen Stadtlichter fällt. An der Wand ein Porträt der verstorbenen Mutter. Regina sitzt am Spinnrad, lässt es aber ruhen. Ihr Blick ist starr vor sich hin gerichtet. Ratsherr Stallmann tritt schwungvoll ein, einen schweren silbernen Pokal in der Hand, noch erhitzt vom Wein und den Reden auf den Wällen.)
STALLMANN
Was sitzt du hier im Dunkeln, meine Taube,
Und lässt das Rad des Hauses einsam stehn?
Draußen im Ratskeller fließt der Rheinwein strömen,
Die Bürger herzen sich, der Glaube siegt!
Man sollte meinen, dass ein junges Blut
Sich mitzufreuen weiß, wenn Freiheit singt.
REGINA
(steht langsam auf)
Ich hör’ sie singen, Oheim, ja, ich hör’s.
Doch klingt ihr Lied in meinen Ohren bang,
Wie Jauchzen derer, die im Nebel gehn
Und nicht bemerken, dass der Abgrund naht.
Ihr trinkt den Wein – trinkt ihr nicht auch das Blut,
Das morgen diese Straßen überschwemmt?
STALLMANN
Pfui über diesen Kleinmut, feiges Kind!
Es ist das Blut der Märtyrer, das uns heiligt.
Wir stehen fest für Gottes reines Wort!
Glaubst du, der Herr verlässt sein Eigentum?
Der Schwede schützt uns, und der Wall ist stark.
REGINA
Der Schwede schützt uns? Falkenbergs Gesicht
Brach mir das Herz! Er sprach von Sieg und Stand,
Doch seine Augen waren hohl und tot,
Als säh’ er Geister, die wir noch nicht schauen.
Oheim, ich flehe dich bei Gottes Wunden:
Such mit den Bürgern Frieden! Sendet Boten!
Eh’ Tillys Zorn die Tore uns zerbricht.
STALLMANN
(zornig, stellt den Pokal hart ab)
Frieden mit Rom? Mit jener Hure Babylon?
Dass wir den Papst anbeten und den Götzendienst?
Eh’ soll die Elbe rückwärts aufwärts fließen,
Eh’ soll mein Haus zu Schutt und Asche werden!
Wir sind die Jungfrau Magdeburg, unbefleckt,
Die keinen fremden Knecht im Bette duldet.
REGINA
Ihr sprecht von Jungfrauschaft und stolzem Recht –
Und wisst doch nicht, was draußen von uns spricht!
Die Magd am Brunnen raunte mir es zu,
Was kaiserliche Reiter sich erzählen,
Wenn sie im Kreis um unsre Mauern reiten.
Ein finstres Wort, ein Grauen ohne Maß...
STALLMANN
Was kümmert uns der Landsknecht frecher Spott?
REGINA
(schaudernd, nähert sich ihm)
Sie nennen diese Belagerung nicht Krieg.
Sie nennen sie... die Magdeburger Hochzeit.
Sie sagen draußen: Wenn die Braut nicht willig
Dem alten Tilly ihre Hand reicht,
Dann kommt Graf Pappenheim als Hochzeitsbitter.
Er wird die Brautjungfern im Blute baden,
Aus Brand und Rauch den Brautschleier uns weben
Und diese Stadt dem Tod zum Weibe geben!
Oheim, verstehst du nicht des Wortes Gift?
Es ist kein Spott, es ist ein Todesurteil!
STALLMANN
(betroffen, fängt sich aber sogleich im Stolz)
Die Magdeburger Hochzeit? Nun, wohlan!
Wenn sie uns so betiteln, diese Schinder,
Dann sollen sie den Brauttanz auch erfahren!
Wir tanzen nicht nach ihrer Pfeife Melodie.
Und wird es eine Hochzeit – gut! Der Herr
Ist unsre Zuflucht, er wird uns vermählen
Mit seiner Ewigkeit, wenn’s sein muss, Kind!
Wir weichen keinen Zoll. Geh auf dein Zimmer!
REGINA
(tränenüberströmt)
O blinder Stolz, der sich für heilig hält!
Du opferst mich, dich selbst und diese Stadt
Für ein Phantom aus Ehre und aus Hass.
Gott gnade uns, wenn diese Brautnacht nah’t.
(Regina flieht weinend aus dem Zimmer. Stallmann bleibt allein zurück. Er geht zum Fenster, blickt hinaus auf die dunkle Stadt, dann auf den Silberpokal. Er hebt ihn langsam an, doch seine Hand zittert leicht.)
STALLMANN
Die Magdeburger Hochzeit... Nun, so sei’s.
Gott schütze deine Braut vor Tillys Kuss.
ZWEITER AKT: DER FALSCHE BRÄUTIGAM
SZENE 1
(Der Sitzungssaal des Regierungsrates von Magdeburg. Ein schweres, holzgetäfeltes Gewölbe. Auf dem Tisch liegen spärliche Brotrationen und schwindende Listen der Munition. Ratsherr Stallmann, Domprediger Bake und weitere Ratsherren sitzen in tiefer Sorge beisammen. Die Stimmung ist gedrückt, das Hochgefühl der ersten Tage verflogen. Falkenberg steht abseits im Schatten.)
ERSTER RATSHERR
Die Speicher leeren sich. Das Mehl wird grau,
Und in den Gassen hungert schon das Kind.
Drei Monde halten diese Mauern stand,
Doch Tillys Ring zieht enger sich und enger.
Die Elbe schweigt. Wo bleibt das Rettungsheer?
Wir speisen uns mit Hoffnung, die verdorrt.
ZWEITER RATSHERR
Ich sage, Herr, wir müssen Boten senden!
Graf Tilly reichte uns die Hand zum Frieden;
Er bürgt für unser Leben, unser Gut.
Ist’s nicht ein größ’res Laster vor dem Herrn,
Die eig’ne Bürgerschaft dem Tod zu weihen,
Als einzulenken in der Not Gewalt?
STALLMANN
(springt auf, schlägt auf den Tisch)
Ihr sprecht von Übergabe? Hier im Saal?
Vergessen ist der Eid, den wir geschworen?
Die Stadt des reinen Wortes wirft sich weg,
Dem Feind entgegen wie ein feiles Weib?
Nein! Lieber Essen wir das Leder von den Schuh’n,
Als dass wir Tilly diese Tore öffnen!
ZWEITER RATSHERR
Leicht spricht von Hunger, wer noch Vorrat hat!
Doch seht das Volk: Der Hochmut ist gebrochen.
Wir sterben ungerächt im fernen Nest,
Und Gustav Adolf kommt uns nicht zu Hilfe!
BAKE
(mit donnernder Stimme)
Wer zweifelt, sündigt an dem Heil’gen Geist!
Die Not ist nur die Prüfung unsrer Treue.
Glaubt ihr, der Bräutigam vergisst die Braut?
Er sammelt seine Kräfte an der Spree,
Um Tillys Macht im Blute zu ersäufen!
Wer jetzt nachzugeben wagt, der treibt Verrat
An Gott, am Glauben und an dieser Stadt!
ERSTER RATSHERR
Der Glaube füllt den Magen nicht mit Brot,
Und Predigten besiegen keine Truppen.
Wir fordern Fakten! Falkenberg, sprecht Ihr!
Ihr schweigt im Eck – wie steht es um das Heer?
FALKENBERG
(tritt langsam aus dem Schatten in das Licht)
Ihr fordert Fakten, Herren? Nun, wohlan.
Die Wahrheit ist: Der Schwede zögert nicht.
Er wartet nur auf das gegeb’ne Zeichen!
Ich fing im Morgengrauen einen Boten ab:
Der König steht bereit! Drei Tagesmärsche nur
Trennen den Adler von der Elbe Strand.
Er blickt auf euch! Sein Auge wacht im Norden!
ZWEITER RATSHERR
(misstrauisch)
Ist dies Gewissheit, Herr? Oder nur Schein,
Um unser Sterben künstlich zu verlängern?
FALKENBERG
(tritt dicht an den Tisch, mit flammendem, hypnotischem Pathos)
Ein Schein?! Ich gab mein Wort, mein Blut, mein Leben
In eure Hand, als ich dies Tor betrat!
Glaubt ihr, ein schwedischer Kommandant besudelt
Die eig’ne Ehre mit der Feigheit Gift?
Magdeburg ist das Herz von Gottes Werk!
Brecht ihr den Mut, bricht ganz Europa ein.
Die Welt schaut atemlos auf diesen Wall;
Hier wird entschieden, ob das Licht erlischt
Oder der Tyrannei die Stirne bietet!
Wollt ihr als Knechte vor dem Kaiser knien?
Die Ehre wegwerfen für ein Stückchen Brot,
Das euch im Munde doch zu Asche wird?
STALLMANN
Nein, niemals! Hört den Ruf der Ehre an!
FALKENBERG
Ich binde mein Geschick an diese Stadt.
Wir stehen oder fallen als ein Leib!
Und wer von Frieden mit dem Wolf jetzt spricht,
Der schneidet selbst den Lebensfaden ab.
Haltet noch aus! Nur wenige Sonnenwenden,
Dann schmettern Gustav Adolfs Hörner laut,
Und diese Brautnacht endet im Triumph!
Ich schwöre es bei meinem Rittersitz:
Die Rettung naht – wenn ihr nur gläubig bleibt!
BAKE
Gott hat durch ihn gesprochen! Hört ihr es?
ERSTER RATSHERR
(ergriffen, wie die anderen)
Das Wort entflammt die Brust... Wir wollen stehen.
ZWEITER RATSHERR
(beugt das Haupt)
So sei es denn. Wir halten aus im Sturm.
FALKENBERG
(laut)
So geht auf eure Posten! Richtet das Geschütz!
Der König kommt! Das Banner hoch im Wind!
(Die Ratsherren, von Falkenbergs Rede mitgerissen, verlassen entschlossen den Saal. Nur Stallmann und Bake bleiben kurz zurück, nicken Falkenberg feurig zu und gehen ebenfalls ab. Falkenberg bleibt allein. Sein heroischer Ausdruck bricht sofort in sich zusammen; er sackt an der Tischkante ein und presst die Hände ans Gesicht.)
FALKENBERG
(leise, voller Verzweiflung)
Verzeih mir, Gott, die Sünde dieser Nacht!
Kein Bote kam. Der König steht noch fern,
Und Sachsen sperrt ihm starr die Wege zu.
Ich habe sie belogen... habe sie geweiht
Dem Untergang, der greifbar vor uns steht.
Ich band sie fest an mein verlor’nes Los,
Der falsche Bräutigam in diesem Spiel.
O Magdeburg, ich halte dich im Arm –
Und spüre schon, wie du im Tod erkaltest.
SZENE 2
(Eine Straße im Zentrum von Magdeburg. Im Hintergrund ragt die düstere Silhouette des Doms auf. Die Szenerie atmet den Geist des Niedergangs und der Hysterie: Trümmerteile liegen in den Gassen, hungernde Kinder sitzen an Hauswänden, während an anderer Stelle Bürger mit hohlen Wangen und brennenden Augen Kreuze hochhalten. Eine Prozession von Gläubigen zieht vorbei, angeführt von Domprediger Bake, der auf eine erhöhte Kanzel aus Holzfässern steigt. Das Volk drängt sich um ihn, darunter Stallmann und Regina.)
BAKE
(mit erhobenen Händen, die Stimme wie ein Posaunenschall)
Seht auf, ihr Knaben, seht auf, ihr Jungfrauen!
Die Stunde schlägt, da Spreu vom Weizen scheidet!
Was weint ihr um das Brot, das euch verdirbt?
Der Mensch lebt nicht vom ird’schen Masebrot,
Er lebt vom Worte Gottes in der Not!
Man sagt, der Feind steht grimmig vor dem Tor –
Ich sage euch: Der Engel des Gerichts
Steht über Tillys Haupt mit flamm’gem Schwert!
EIN BÜRGER
(schwach)
Wir hungern, Bake! Unsere Kinder sterben!
Die Brunnen schwinden und die Seuche kriecht!
BAKE
Lass sterben, was für diesen Staub nur lebt!
Ist Magdeburg denn eine ird’sche Stadt?
Nein! Das Jerusalem der neuen Zeit
Seid ihr! Erwählt, gesiegelt und geheiligt!
Und stünde Tilly mit der ganzen Welt,
Mit Satan und der Hölle Heer gesellt –
Ein einzig Wort des Glaubens stürzt sie nieder!
Das Wunder naht! Gott wird die Ströme wenden,
Die Mauern wachsen lassen in die Höh’,
Und Feuer vom Himmel wird die Knechte Roms verzehren!
DIE MENGE
(in hysterischem Jubel)
Jerusalem! Das neue Jerusalem! Gott mit uns!
REGINA
(zu Stallmann, entsetzt über den Taumel)
Oheim, hörst du ihn? Das ist nicht Gottes Geist,
Das ist der Wahnsinn, der die Sinne raubt!
Sie sehen Wunder, wo der Abgrund klafft,
Und preisen Gott, mitsamt der eig’nen Gruft.
STALLMANN
(völlig berauscht von Bakes Worten)
Schweig, Mädchen! Siehst du nicht den Strahl des Lichts?
Der Himmel brennt vor heil’ger Energie!
Wir sind die Braut, die durch das Feuer geht,
Um rein dem Bräutigam das Bett zu rüsten.
Heil dir, Prediger! Führ uns in die Schlacht!
BAKE
(peitscht die Menge weiter auf)
Ja, rüstet euch! Stimmt an das Lied des Siegs!
Kein Knecht des Papstes weicht aus diesem Ring,
Der nicht von Gottes Zorn zerschmettert wird.
Und wer verzagt, wer jetzt nach Frieden winselt,
Den treffe der Fluch des Himmels auf der Stell’!
Wir sind unbezwingbar! Singt dem Herrn!
(Die Menge verfällt in einen ekstatischen Choral. Einige fallen auf die Knie, strecken die Arme zum Himmel; andere tanzen wild und hohläugig durcheinander. Eine trunkene, endzeitliche Euphorie ergreift die Szene. Falkenberg tritt im Hintergrund auf, beobachtet das Schauspiel mit bitterer Miene und schüttelt den Kopf.)
FALKENBERG
(leise, für sich)
Sie trinken sich am eignen Blute satt,
Noch eh der Feind den Becher eingeschenkt.
Der Pfaffe baut aus Wahn ihr Sterbehaus,
Und ich... ich schlage fest die Nägel ein.
Gott helfe diesem neuen Mitternacht,
Das sich im Wahnsinn selbst zum Opfer bringt.
(Das Singen der Menge schwillt zu einem fast ohrenbetäubenden, unheimlichen Lärm an, während der Himmel über der Stadt sich durch ferne kaiserliche Leuchtkugeln unheilvoll rötlich färbt.)
DRITTER AKT: DAS ULTIMATUM
SZENE 1
(Das Zelt des kaiserlichen Feldherrn. Es ist späte Nacht. Kerzen brennen herunter. Auf einem Tisch liegt das mühsam aufgesetzte, versiegelte Ultimatum. Tilly sitzt erschöpft, den Kopf in die Hände gestützt. Ihm gegenüber stehen zwei vermummte Gestalten – der Erste und der Zweite Ratsherr aus Magdeburg, die heimlich durch die Linien geschlichen sind.)
TILLY
(reicht ihnen ein Dokument)
Hier steht es geschrieben, schwarz auf weißem Sand:
Ich sich’re euch den Schutz der Altäre zu,
Das Leben eurer Bürger, Weib und Kind.
Die Garnison der Schweden zieht frei ab –
Wenn Magdeburg die Tore morgen öffnet.
Es ist der letzte Rettungsanker, Männer,
Den ich der sinkenden Fregatte werfe.
ERSTER RATSHERR
(erleichtert, küsst das Papier)
Graf Tilly, Gott gesegne eure Milde!
Der Rat ist blind, von Bakes Wahn betört,
Und Falkenberg regiert mit hartem Schwert.
Doch wenn wir dieses Blatt dem Volk zeigen,
Wird der Hunger die Ketten des Zwangs zerbrechen.
ZWEITER RATSHERR
Wir schmuggeln es zur Stunde noch in die Stadt.
Die Mehrheit will den Frieden, glaubt es uns!
Wir wollen kaiserlich sein, wie es Väter waren,
Und retten, was vom Leben übrig blieb.
TILLY
So geht im Schutz der Nacht. Und walte Gott,
Dass euer Werk die stolzen Wälle bricht,
Eh’ das Geschütz das letzte Wort hier spricht.
(Die beiden Ratsherren verbeugen sich tief und schlüpfen eilig durch den Zeltausgang ins Dunkle. Tilly atmet schwer aus. In diesem Moment reißt Graf Pappenheim den Vorhang auf. Er hat das Gespräch belauscht; sein Gesicht glüht vor Zorn und kriegerischer Ungeduld.)
PAPPENHEIM
Ihr feilscht im Dunkeln mit dem Ketzervolk?!
Ihr werft die Gnade jenen Hunden nach,
Die uns seit Monden spottend widerstehen?
Ein Federwisch soll nun den Sieg ersetzen,
Den meine Reiter mit dem Huf ersehn?
TILLY
(erhebt sich majestätisch, mit ruhiger Strenge)
Ihr sprecht zu eurem Feldherrn, Pappenheim!
Ja, ich verhandle. Weil ein Tropfen Tinte,
Der dieses Volk zum Frieden niederschreibt,
Mir lieber ist als Ströme roten Bluts.
Der Kaiser will die Stadt, nicht ihre Asche.
Morgen im Morgengrauen geht die Post
Ein letztes Mal hinein. Und wehe dem,
Der meine Boten im Befehl gestört!
PAPPENHEIM
(tritt dicht an ihn heran, leise und drohend)
Ihr schont die Schlange, die euch morgen beißt.
Der Schwede zögert nur, er weicht doch nicht!
Wenn Gustav Adolf diese Frist benutzt,
Um uns im Rücken zu packen – brennt das Lager!
Ihr opfert unser Heer für eure Demut,
Die man am Wiener Hof als Feigheit schilt.
TILLY
Ich kenne meinen Dienst und Gott mein Herz.
Der Sturm bleibt stumm, bis diese Frist verstreicht.
Das ist mein Wort. Das ist mein fester Wille.
(Tilly wendet sich ab, umgeht den Tisch und zieht sich in den hinteren, dunkleren Teil seines Zeltes zurück. Pappenheim bleibt allein im Vordergrund stehen. Er blickt finster auf das Kruzifix, dann auf den Zeltausgang.)
PAPPENHEIM
(solang, mit geballter Faust)
Dein Wille, Greis, taugt für das Klosterbett,
Doch nicht für dieses Schicksals große Stunde!
Du gibst ihnen Frist? Ich werde sie verkürzen.
Wenn eure Boten morgen früh marschieren,
Sind meine Regimenter längst im Graben.
Ich werde diesen Brauttanz so entfachen,
Dass kein Vertrag der Welt ihn löschen kann.
Die Magdeburger Hochzeit wird gefeiert –
Und ich bin es, der den Taktstrom bricht!
SZENE 2
(Der Sitzungssaal des Regierungsrates von Magdeburg. Früher Morgen. Das Licht ist fahl und grau. Auf dem Tisch liegt das kaiserliche Ultimatum mit Tillys schwerem Siegel. Die Ratsherren sind in Aufruhr. Stallmann, Bake und Falkenberg stehen an der Stirnseite, während die gemäßigten Ratsherren auf die Übergabe drängen. Draußen hört man das dumpfe Murmeln einer unruhigen Volksmenge.)
ERSTER RATSHERR
(schlägt auf das kaiserliche Dokument)
Hier liegt das Leben! Hier ist Tillys Hand!
Er schwört bei Gott und seinem eignen Ruhm,
Dass uns kein Haar gekrümmt, kein Gut geraubt,
Und unser Glaube unbeschadet bleibt!
Was zaudern wir noch an des Grabes Rand?
Unterschreibt den Frieden, eh’ der Tag erwacht!
STALLMANN
Es ist ein Giftbecher, mit Gold bemalt!
Glaubt ihr dem Mörder von der weißen Höh’?
Sobald die Tore offen, bricht die Brut
In unsre Häuser, schändet Weib und Kind!
Es gibt kein Paktieren mit dem Antichrist!
ZWEITER RATSHERR
Der Hunger schändet uns schon jeden Tag!
Seht aus dem Fenster, wie das Volk verlangt,
Dass dieser Wahnsinn endlich ein End’ gewinnt.
Wir sind am Ende, Falkenberg! Gesteht es ein!
Das Pulver reicht nicht für den nächsten Sturm.
BAKE
(tritt vor, das Kreuz erhoben)
Wer dieses Siegel bricht, bricht seinen Eid,
Den er dem Schöpfer dieser Welt geweiht!
Soll Magdeburg, die reine Gottesbraut,
Sich huren mit dem kaiserlichen Knecht?
Lieber im Feuer sterben und im Licht,
Als dass wir weichen vor dem Strafgericht!
ERSTER RATSHERR
Genug der Kanzelworte! Falkenberg, sprecht Ihr!
Ihr seid der Soldat. Was sagt das schwed’sche Schwert?
Wenn keine Rettung naht, ist dies Papier
Der letzte Schild, der uns vor Pappenheim schützt.
FALKENBERG
(tritt langsam vor, hält eine versiegelte Depesche in der Hand. Beiseite)
Die Würfel müssen fallen. Gott verzeih mir,
Ich reiße sie mit mir in die Tiefe fort.
(laut, mit fester, triumphierender Stimme)
Ihr fragt nach Rettung, Herren? Seht herauf!
Gerade eben brach ein kühner Reiter
Durch Tillys Posten, blutend, doch voll Sieg!
Hier ist das Schreiben von des Königs Hand!
(Er bricht ein gefälschtes Siegel und entfaltet ein Papier)
STALLMANN
(vorgebeugt)
Was schreibt der Held aus Mitternacht? Verkünde es!
FALKENBERG
(liest mit künstlicher Begeisterung vor)
„An Magdeburg, mein treues Kleinod im Reich.
Haltet noch aus bis zu der dritten Stund’
Des morg’gen Tages. Meine Vorhut steht
Bereits bei Barby, schlägt den Feind im Rücken.
Ich komme selbst mit dreißigtausend Mann,
Um eure Ketten splittern zu lassen.“
(Er wirft das Papier auf den Tisch)
Nun wählt, ihr Herren! Wollt ihr Tillys Knechte sein,
Wenn morgen schon der König vor euch steht?
ERSTER RATSHERR
(fassungslos, greift nach dem Papier)
Ist’s möglich?... Barby? Das ist einen Tagesmarsch!
ZWEITER RATSHERR
Gott lob! Er hat uns doch nicht ganz verlassen!
BAKE
(jauchzend)
Das Wunder ist da! Das neue Jerusalem steht!
Zerreißt das Ultimatum! Werft es in den Kot!
STALLMANN
(greift Tillys Dokument und zerreißt es pathetisch vor aller Augen)
So antwortet Magdeburg dem stolzen Wien!
Wir geben nicht nach! Wir halten stand im Licht!
Meldet dem Volk, dass Gustav Adolf naht!
(Die Ratsherren stimmen in den Jubel ein, ergreifen ihre Waffen und stürzen hinaus, um die Nachricht auf die Wälle zu bringen. Bake folgt ihnen mit erhobenem Kreuz. Nur Falkenberg bleibt allein am Tisch zurück. Er starrt auf die Schnipsel von Tillys Ultimatum. Seine Hände zittern heftig).
FALKENBERG
(leise, mit erstickter Stimme)
Es ist vollbracht. Die Brücke ist verbrannt.
Mit einer Lüge hab’ ich sie vermählt
Dem großen Sterben, das nun Einzug hält.
Kein König steht bei Barby. Keine Macht
Errettet diese Mauern aus der Nacht.
Ich bin der falsche Bräutigam, der die Braut
An den Altar des Feuers hat gebaut.
Nun nimm uns, Schicksal, nimm uns ganz dahin –
Es gibt kein Zurück, wohin ich fliehend binn.
(Aus der Ferne ertönt plötzlich das dumpfe, unheilvolle Grollen kaiserlicher Kanonen – Pappenheims verfrühter Sturm beginnt).
VIERTER AKT: DIE BLUTHOCHZEIT
SZENE 1
(Auf den Wällen und in den Gassen Magdeburgs. Es ist die tiefe Nacht auf den 20. Mai 1631. Eine gespenstische, fast unnatürliche Stille liegt über der Stadt. Auf den Mauern sitzen Bürger und schwedische Landsknechte, die Waffen im Arm, tief in den Erschöpfungsschlaf gesunken. Die kaiserlichen Batterien schweigen; am Horizont ist das ferne Ziehen von Truppen zu erahnen, was die Verteidiger irrtümlich als Abzug deuten. Im Hause des Ratsherrn Stallmann brennt noch Licht. Falkenberg, Stallmann und Bake sitzen an einem Tisch, auf dem leere Becher stehen. Regina steht abseits am Fenster und blickt in die trügerische Dunkelheit.)
STALLMANN
(hebt matt den Becher)
Seht, wie sie weichen! Draußen herrscht die Nacht,
Und Tillys stolze Knechte ziehen ab.
Sie haben unsre Festigkeit gesehen,
Und Pappenheims Hochmut ist im Sand verweht.
Der Morgen bringt uns Schwedens Heldenkönig –
Wir haben diese Brautnacht überstanden!
BAKE
Der Herr hat das Gebet des Volks gehört.
Er sandte Schreckensgeister in ihr Lager,
Dass sie die Zelte brechen in der Flucht.
Schlaft ruhig, Bürger, Gottes Wache steht!
Jerusalem erwacht im Glanz des Siegs.
FALKENBERG
(wirkt seltsam abwesend, fast heiter im Angesicht des Endes; beiseite)
Lass sie nur schlafen. Es ist ihr letzter Traum.
Ich habe ihnen diesen Frieden noch geschenkt,
Ein kurzes Polster vor dem großen Brechen.
(laut)
Ja, betet, schlaft! Die Wälle sind bewacht,
Die Müdigkeit betäubt den langen Schmerz.
Genießt die Stille, die uns sanft umfängt.
REGINA
(dreht sich um, mit zitternder Stimme)
Ihr nennt es Stille, Oheim? Mir ist bang.
Dies Schweigen ist kein Frieden, es ist Gift.
Es liegt wie Leichentücher auf den Gassen.
Kein Hund, der bellt, kein Wind, der durch die Tore weht –
Als ob die Schöpfung selbst den Atem anhält,
Weil sie das Grauen scheut, das uns erwartet.
Falkenberg! Seht Ihr nicht das Zeichen dort?
Die kaiserlichen Feuer sind gelöscht,
Doch brennt ein neues Licht im Nebelgrund.
FALKENBERG
(tritt zu ihr ans Fenster, sanft)
Es ist der Frühnebel der Elbe, holdes Kind,
Der sich im ersten Strahl des Tages bricht.
Geh schlafen, Jungfrau. Deine Augen sind
Zu rein für diese späte Wacht.
REGINA
Ich kann nicht schlafen. Wenn ich meine Lider schließe,
Seh’ ich das Brautbett, von dem alle sprachen.
Es brennt, Herr Falkenberg! Es brennt so lichterloh!
Und Ihr... Ihr steht dabei im schwarzen Kleid.
FALKENBERG
(tief getroffen, wendet sich ab; für sich)
Sie schaut die Wahrheit durch den Schleier schon.
Ich bin der Hochzeitsbitter dieser Nacht.
STALLMANN
(gähnt schwer, erhebt sich)
Komm, Regina, lass den Träumen ihren Lauf.
Die Wächter schlafen auf den Wällen ein,
Weil keine Gefahr mehr droht aus Tillys Hand.
Der Kommandant wird für uns Wache halten.
Gute Nacht, Herr Schwede. Morgen sind wir frei.
BAKE
Gott segne euren Schlaf. Der Morgen tagt.
(Stallmann und Bake gehen ab. Regina zögert am Ausgang, blickt Falkenberg noch einmal mit unendlicher Trauer an und folgt ihnen dann schweigend. Falkenberg bleibt allein im Raum zurück. Das Licht der Kerze flackert einsam. Er tritt an das Fenster, schnallt seinen Degen fest und blickt hinaus auf die schlafenden Wälle, über denen der graue Morgen des 20. Mai heraufzieht).
FALKENBERG
Sie schlafen alle. Eine ganze Stadt
Träumt sich den Retter herbei aus dem Norden.
Sie wissen nicht, dass an den Gräben draußen
Die Sturmleiter schon lautlos angelegt wird.
Pappenheim rüstet im verdeckten Raum...
Ich hör’ das leise Knirschen eurer Stiefel,
Ich hör’ den Tod, der durch die Wiesen schleicht.
Nun denn, ich bleibe stehen auf dem Posten.
Ich habe euch belogen, um zu siegen –
Jetzt sterb’ ich mit euch, um das Wort zu siegen.
Die Stille schwindet... und der Brauttanz naht.
(In der Ferne, ganz leise und dumpf, ertönt der erste, vereinzelte Schuss eines kaiserlichen Vorpostens, gefolgt vom fernen, anschwellenden Ruf: „Jesus Maria!“)
SZENE 2
(Die Wälle und Straßen Magdeburgs. Morgengrauen. Der Nebel liegt dicht über den Gassen. Plötzlich zerreißt ein ohrenbetäubender Lärm die Stille: Kanonendonner, Trommelwirbel und das gellende Geschrei tausender Kehlen. Kaiserliche Truppen unter Pappenheim überrennen die Wälle. Bürger fliehen in panischer Todesangst durch die Straßen, Frauen schreien, Halbgekleidete Soldaten suchen nach ihren Waffen. Falkenberg stürzt mit gezogenem Degen auf einen Marktplatz, umgeben von einer Handvoll schwedischer Getreuer. Stallmann und Bake versuchen verzweifelt, fliehende Bürger aufzuhalten.)
BÜRGER
(schreiend im Vorbeifliegen)
Die Wälle sind gefallen! Pappenheim!
Die Kroaten sind im Graben! Alles flieht!
Gott hat uns ganz verlassen! Wehe uns!
STALLMANN
(mit einer Hellebarde)
Steht fest, ihr Bürger! Weicht nicht von dem Platz!
Wo ist das Wunder, Bake? Wo das Heer?
BAKE
(verzweifelt, das Kruzifix haltend)
Haltet die Tore! Rufet zu dem Herrn!
Er wird den Feind mit Blindheit schlagen... Ach!
(Ein Schuss fällt, Bakes Kreuz splittert)
FALKENBERG
(zu seinen Soldaten)
Hierher, ihr Schweden! Formt den Eisenring!
Lasst sie nicht durch zum Markt! Schießt, Musketiere!
(Zu Stallmann)
Ratsherr, bringt eure Nichte in den Dom!
Der Wall ist hin, die Stadt ist aufgerissen!
STALLMANN
Ihr habt uns Rettung zugesagt, Verräter!
Wo ist der König? Wo ist Schwedens Macht?
FALKENBERG
Hier steht das Schwert von Schweden – und hier stirbt es!
Fragt nicht nach Königen, schützt euer Blut!
(Graf Pappenheim stürzt an der Spitze seiner Kürassiere auf den Platz. Seine Rüstung ist blutbefleckt, sein Antlitz wild und triumphierend).
PAPPENHEIM
Schlagt nieder, was sich regt! Kein Pardon!
Die Braut ist unser! Brecht den letzten Trotz!
Ah, Falkenberg! Der schwedische Kurier!
Tritt vor und empfange dein Hochzeitsgeschenk!
FALKENBERG
(wirft sich Pappenheim entgegen)
Komm an, du Mörder! Nimm den letzten Zoll!
Ich gab mein Wort an Magdeburgs Altäre,
Und binde es mit meinem Blute fest!
(Es kommt zu einem heftigen, dramatischen Zweikampf zwischen Falkenberg und Pappenheim inmitten des Getümmels. Falkenberg kämpft mit der Kraft der Verzweiflung, wird jedoch von Pappenheims Reitern umringt. Ein kaiserlicher Musketier trifft Falkenberg in die Brust. Er sinkt in die Knie, hält sich aber mühsam aufrecht).
FALKENBERG
(mit ersterbender Stimme, den Blick nach oben gerichtet)
Es... ist vorbei. Der Schleier... er zerreißt.
O Magdeburg... ich konnt’ dich nicht erretten...
Ich sink’ ins Bett des Todes... vor dir her.
Gott... sei der armen... Seele... gnädig.
(Falkenberg fällt tot zu Boden. Seine Getreuen werden überrannt).
PAPPENHEIM
(schaut auf den Leichnam herab, lacht wild)
Da liegt der Bräutigam im eignen Saft!
Der schwedische Vogel hat das Nest verloren.
Nun gibt es keinen Führer, keinen Halt!
Hinein ins Zentrum! Holt die Beute euch!
Die Stadt gehört dem Sturm, dem Brandschatz, uns!
STALLMANN
(sieht Falkenberg fallen, sinkt in die Knie)
Der Kommandant ist tot... Das Banner sinkt.
O blinder Wahn, der uns in Ketten schlug.
Wir sind verloren... schutzlos... hingestreckt.
BAKE
(fliehend, blickt zurück)
Der Tod regiert! Das neue Jerusalem brennt!
(Pappenheims Truppen dringen mit lautem Siegesgeschrei weiter in die Stadt vor. Der Platz füllt sich mit Rauch, die Panik erreicht ihren Höhepunkt. Magdeburg, seines militärischen Führers und „Bräutigams“ beraubt, steht wehrlos im entfesselten Sturm).
SZENE 3
(Die Gassen Magdeburgs vor dem Dom. Das Bühnenbild versinkt in dichtem, wallendem Rauch und unheilvollem, tiefrotem Licht. Im Hintergrund lodern die Flammen bereits aus den Dächern der Patrizierhäuser. Überall herrscht das nackte Chaos der Plünderung: Kaiserliche Landsknechte und kroatische Reiter ziehen Gut aus den Fenstern; dazwischen irren Bürger wie Geister durch den Ascheregen. Stallmann, das Gewand zerrissen, das Gesicht rußgeschwärzt, schleppt sich mühsam vorwärts. Über ihm brennt sein eigenes Anwesen.)
STALLMANN
(starrt in die Flammen, fassungslos)
Mein Haus! Das Erbe meiner Väter birst!
Die Balken krachen, und das Gold schmilzt hin.
Wer warf die Fackel in der Vorstadt Brand?
War’s Pappenheims Knecht – oder des Nachbars Hand,
Der lieber alles in die Asche stürzte,
Als dass der Feind ein Linnen ihm geraubt?
O Eigendynamik des wilden Hasses!
Das Feuer fragt nicht, wer den Brand entfacht’,
Es frisst den Ketzer und den Kaiserlichen!
(Ein Trupp betrunkener kaiserlicher Soldaten stürzt auf ihn zu, drängt ihn beiseite und zündet im Vorbeigehen eine Barrikade an).
ERSTER SOLDAT
Brenne, du Ketzernest! Wir heizen ein!
Ein schönes Licht für Tillys großen Tag!
ZWEITER SOLDAT
Die ganze Stadt wird uns zum Hochzeitsfeuer!
Tragt raus das Linnen, lasst die Steine glühn!
(Die Soldaten ziehen lachend weiter. Regina stürzt aus dem Rauch, den weißen Schleier ihres Festkleids zerrissen, Ruß auf den Wangen. Sie klammert sich an Stallmann).
REGINA
Oheim! Die Welt geht unter im Gericht!
Die Elbe kocht, der Himmel ist geschwunden,
Und nur das Feuer redet noch zu uns!
Ist dies das Wunder, das uns Bake versprach?
Der Brautschleier, von dem ich nachts geträumt,
Er frisst sich brennend in mein eig’nes Haar!
STALLMANN
(fällt vor ihr auf die Knie)
Verzeih mir, Kind! Verzeih dem blinden Stolz!
Ich baute diese Ehe mit dem Tod,
Wir hielten uns für rein und gottgesegnet
And stürzten gläubig in den Feuerschlund.
Die Magdeburger Hochzeit ist vollbracht –
Ein Scheiterhaufen wird das Hochzeitsbett!
REGINA
(blickt mit wahnsinnigem, prophetischem Leuchten in die Glut)
Seht hin, wie schön die stolze Jungfrau brennt!
Sie wollte keinen ird’schen Fürsten freien,
Nun nimmt der Flammenfürst sie mit Gewalt.
Hört ihr das Singen in den Feuergassen?
Es ist das Jauchzen derer, die vergehn...
Kommt, Oheim, kommt! Der Dom steht noch im Rauch,
Vielleicht, dass Gott im Heiligtum uns schützt,
Wenn draußen schon die ganze Erde schmilzt!
STALLMANN
(richtet sich mühsam auf)
Zum Dom... zum Dom... bevor das Dach zerbricht.
(Sie fliehen tiefer in den dichten Rauch. Das Knistern des Feuers und das dumpfe Einstürzen von Mauern schwellen zu einem ohrenbetäubenden Getöse an. Das rote Licht frisst die gesamte Szenerie auf, bis die Umrisse der brennenden Stadt nur noch als schauerliche Silhouetten im Flammenmeer zu erkennen sind).
FÜNFTER AKT: DAS JÜNGSTE GERICHT
SZENE 1
(Das Innere des Magdeburger Doms. Die gewaltigen gotischen Dimensionen des Kirchenschiffs sind von dichtem, hereinziehendem Brandrauch erfüllt, der durch die hochgelegenen Fensterspalten dringt. Das Licht ist ein gespenstisches Wechselspiel aus dem fahlen Grau des verrauchten Tages und dem zuckenden, blutroten Widerschein des draußen wütenden Flammenmeers. Tausende Bürger – Männer, Frauen, Greise und Kinder – drängen sich in namloser Angst zwischen den Kirchenbänken, liegen auf den Knien oder klammern sich an die Säulen. Man hört ein vielstimmiges, verzweifeltes Schluchzen, Murmeln und Beten. Am Altar steht Domprediger Bake, die Hände flehend zum Kruzifix erhoben. Regina sitzt am Fuß der Kanzel, den Kopf auf die Knie gebettet. Stallmann liegt schwer verwundet neben ihr, gestützt von einigen Bürgern. Von draußen dröhnen unaufhörlich das dumpfe Brüllen der Soldateska, das Splittern von Holz, Schüsse und die gellenden Todesschreie der Stadt.)
CHOR DER BÜRGER
(wimmernd, im Rhythmus des fernen Donners)
Aus der Tiefe rufen wir zu dir, Herr, höre unsre Stimme!
Lass deine Ohren merken auf die Stimme unsres Flehens!
Die Wasser gehen uns an die Seele, der Schlamm verschlingt uns,
O Gott der Gnade, dämme dieses Blutmeer ein!
STALLMANN
(mühsam sich aufrichtend, die Stimme heiser und schwach)
Regina... Kind... hält dieses Dach noch stand?
Mir ist, als ob die Steine selbst schon schwitzen,
Vom Atem dieses Feuers, das uns frisst.
Ist noch ein Gott im Himmel, oder hat
Der Teufel Tillys Mantel angezogen?
REGINA
(blickt starr vor sich hin, mit unnatürlicher Ruhe)
Der Dom steht fest, mein Oheim. Noch. Die Mauern
Sind dick wie das Vergessen, das uns bald umfängt.
Doch draußen wandelt der Verderber durch die Gassen.
Ich höre seine Hufe auf dem Pflaster schlagen.
Er sucht die Braut... Er lässt kein Haus zurück,
Das nicht im Rauch sein Totenlied verweist.
BAKE
(wendet sich mit wilder, fast brechender Energie zum Volk)
Weinet nicht über die Steine, die zerbrechen!
Weinet über die Sünde, die uns schlug!
Gott testet seine Kirche in der Glut!
Glaubt ihr, der Tempel Salomos war sicher,
Als Babylon vor seinen Toren stand?
Wir sind das Opfer auf dem Brandaltar!
Haltet den Glauben fest bis in den Tod!
Wer jetzt verzagt, verliert das ew’ge Leben!
EIN BÜRGER
(bricht aus der Menge aus, deutet zornig auf Bake)
Schweig, falscher Prophet! Du hast uns dieses Bett bereitet!
Mit deinen Worten hast du uns blockiert,
Als Tilly uns das Leben offered! „Jerusalem“,
So schriest du von der Kanzel, „wird nicht fallen!“
Nun sieh dich um! Das ist kein Gottesdienst,
Das ist die Schlachthausbank, auf die du uns geführt!
EINER DER RATSHERRN
(schwach, blutend)
Er hat recht! Die Schweden waren eine Lüge!
Falkenbergs Berichte... alles Trug und Schein!
Wir wurden hergegeben wie das Vieh,
Für einen Ruhm, den nur der Kirchhof kennt!
BAKE
(greift nach dem Altar, zitternd vor innerem Kampf)
Ich sprach das Wort, das mir der Geist gegeben!
Sollte ich vor dem Antichristen knien?
Lieber im Rauch des Heiligtums ersticken,
Als dass der Papst in diesen Hallen singt!
REGINA
(steht langsam auf, tritt vor den Altar, ihre Stimme schneidet durch das Weinen)
Seht Ihr es immer noch nicht, Dietrich Bake?
Der Himmel schweigt, weil Euer Hass ihn taub macht.
Ihr wolltet eine Hochzeit mit dem Licht,
Und habt den Hass mit unsrem Blut gefüttert.
Hört hin! Das ist kein gottesfürchtig Sterben.
(Ein heftiger Schlag gegen das große Portal des Doms ertönt. Die Menge schreit auf. Das Holz ächzt).
Da draußen steht der Bräutigam und klopft.
Er fordert seinen Zins. Er will das Fleisch.
STALLMANN
Sie brechen das Portal... Gott steh uns bei!
Die Eisenstangen schlagen an das Holz.
FRAUEN IM CHOR
Sie kommen! Ach, die Schinder! Schützt die Kinder!
Verbirg uns, finst’re Gruft, verschling uns, Erde!
(Das Portal erzittert erneut unter den Schlägen von Rammböcken. Splitter fliegen im Hintergrund. Die kaiserlichen Soldaten draußen rufen im Chor: „Jesus Maria! Magdeburg verloren!“)
REGINA
(tritt ganz dicht an das Portal heran, die Arme ausgebreitet)
Nun nimm uns hin, du große, dunkle Nacht.
Die Jungfrau Magdeburg legt ihren Schmuck ab.
Der Schleier ist aus Ruß, der Ring aus Eisen,
Und dieses Kirchenschiff wird uns zum Sarg.
O Falkenberg, du starbst im Gassenstaub,
Wir folgen dir im Flammenmeer nach Hause.
(Mit einem ohrenbetäubenden Krachen birst der Flügel des Hauptportals. Der Rauch des brennenden Domplatzes wälzt sich in einer dicken Kaskade in die Kirche. Im gähnenden, hellroten Spalt erscheinen die Silhouetten kaiserlicher Pikenierer und Kroaten, die Musketen im Anschlag, bereit, das Heiligtum zu stürmen. Das Volk weicht in nacktem Entsetzen bis zum Altar zurück. Das Jüngste Gericht über Magdeburg hat begonnen).
SZENE 2
(Das Innere des Magdeburger Doms. Unmittelbar nach dem Aufbrechen des Portals. Kaiserliche Landsknechte und kroatische Reiter drängen mit gefällten Piken und brennenden Lunten in das Kirchenschiff. Die Bürger weichen schreiend bis an die Stufen des Altars zurück. Plötzlich ertönt ein dumpfer, gebieterischer Trommelwirbel von draußen. Die Soldaten halten inne, bilden eine Gasse. Johann Graf von Tilly tritt langsam durch das zerstörte Portal. Er trägt seine eiserne Rüstung, doch sein Haupt ist entblößt; sein Gesicht ist aschfahl, die Augen tief und melancholisch in die Höhlen gesunken. Er stützt sich schwer auf seinen Feldherrnstab und blickt fassungslos auf das Elend im Dom und den roten Feuerschein, der durch die Fenster bricht.)
TILLY
(leise, mit bebender Stimme)
Ist dies der Sieg?... Ist dies des Kaisers Gabe?
Ich bat um eine Festung, reich und stark,
Ein stolzes Kleinod für des Reiches Krone –
Und finde einen rauchenden Altar,
Auf dem die Menschlichkeit lebendig brennt.
O Pappenheim, was hast du angerichtet!
Dein wilder Ritt hat diesen Ruhm geschändet.
EIN KROATISCHER HAUPTMANN
(tritt vor, grüßt mit dem Degen)
Der Markt ist unser, Herr! Das Ketzernest
Ist ganz gesäubert. Diese Schar am Altar
Ist der letzte Rest. Sollen wir das Eisen...?
TILLY
(hebt gebieterisch den Stab, mit plötzlichem Donner in der Stimme)
Halt!
Kein Streich mehr, sag ich! Steckt die Klingen ein!
Ist euch das Blut nicht bis zum Gurt gestiegen?
Dies ist ein Gotteshaus, ihr Schinder, hört!
Wollt ihr den Zorn des Himmels ganz entfachen?
(Die Soldaten weichen murrend zurück, senken die Piken. Tilly tritt weiter vor, blickt auf die Toten und Verletzten. Domprediger Bake tritt ihm mit erhobenem, zerbrochenem Kruzifix entgegen).
BAKE
Da steht er ja! Der Würger aus dem Norden!
Der Schlächter von Viennas blut’gem Thron!
Schau hin, Graf Tilly, schau auf deine Ernte!
Die Häuser brennen und die Kinder weinen,
Die Elbe trägt die Leichen in das Meer.
Du hast den Leib der Braut zu Schutt geschlagen,
Doch ihren Geist kriegst du mit Schwertern nicht!
Töte uns nur! Der Himmel ist uns offen!
TILLY
(blickt Bake traurig, ohne Zorn an)
Du bist der Prediger, der diesen Brand
Mit harten Worten auf der Kanzel schürte.
Ich bot euch Frieden an, wohl dreimal, Pfaffe!
Ihr habt die Hand des Kaisers ausgeschlagen,
Weil euer Stolz sich Gott im Spiegel wähnte.
Nun sieh das Volk, das deinem Wahn vertraute –
Wer ist der Schlächter nun in dieser Nacht?
BAKE
(sinkt, von der Wahrheit getroffen, in sich zusammen; das Kreuz sinkt)
Wir... wir wollten nur das reine Wort bewahren...
O Gott, warum hast du das Feuer nicht gelöscht?
REGINA
(tritt zwischen Bake und Tilly, frei von Furcht, den Blick rein auf den Feldherrn gerichtet)
Sucht nicht die Schuld bei Gott, ihr großen Herren!
Ihr habt den Krieg wie ein Turnier gespielt.
Der eine log uns Hoffnung in die Herzen,
Der and’re brach mit Eisen unsre Mauern,
Und dieser hier schürt’ Gottes Zorn im Hass.
Ihr wolltet alle diese Hochzeit feiern –
Nun schaut das Bett: Es ist aus Asche nur.
Graf Tilly! Seht mich an! Ich bin die Jugend,
Die diese Stadt bewohnte. Schaut den Ruß
Auf diesem Kleid, das einst mein Festkleid war.
Wollt ihr das Letzte auch noch niedertreten?
TILLY
(betrachtet Regina, tief erschüttert, beiseite)
Es ist die Ahndung... die mich nachts befiel.
Ihr Auge bricht mir meine alte Kraft.
Der Ruhm von fünfzig Jahren treuer Schlacht –
In diesem Mädchenblick wird er zu Staub.
(laut zu den Soldaten und Bürgern)
Hört meine Stimme! Es ergeht der Spruch:
Die Feindschaft schweigt. Das Morden hat ein Ende!
Ich schenke diesen Tausenden das Leben.
Ihr Bürger im Dom, ihr seid begnadigt!
Kein Soldat darf diese Schwelle kreuzen,
Kein Gut geraubt, kein Leben mehr verkürzt sein.
Ich bürge mit dem eignen Haupt dafür!
(Unter den Bürgern macht sich ein fassungsloses Schluchzen der Erleichterung breit. Einige sinken betend auf die Knie. Der kaiserliche Hauptmann verbeugt sich widerwillig).
REGINA
Ihr schenkt uns das Leben, Feldherr... doch was bleibt?
Wir leben fort in einer Totenstadt.
TILLY
(wendet sich langsam ab, schwer auf seinen Stab gestützt, mit unendlicher Melancholie)
Das Leben bleibt, mein Kind. Der Rest ist Asche.
Ich ziehe fort von hier, doch brennt der Fluch
Von Magdeburg auf meinem Feldherrnkleid.
Der Sieg ist mein – und ich bin doch besiegt.
Mein Stern verbleicht im Rauch von dieser Nacht.
Verzahnt das Tor. Und lasst die Toten ruhn.
(Tilly geht mit langsamen, gebrochenen Schritten durch das Portal ab. Draußen wallt der Rauch weiter, doch das Geschrei verstummt allmählich. Zurück bleibt das gerettete, aber tief traumatisierte Volk im rauchgeschwärzten Dom, während Regina schweigend auf die Trümmer blickt).
SZENE 3
(Die Ruinen von Magdeburg. Einige Tage später. Der dichte, schwarze Brandrauch hat sich weitgehend gelegt und den Blick freigegeben auf eine Landschaft des Grauens: Verkohlte Balken, eingestürzte Hauswände und rauchende Schutthalden füllen die Szene. Im Hintergrund ragen die ausgebrannten, aber unzerstörbaren Türme des Doms wie steinerne Zeugen in einen fahlen, grauen Himmel. Die kaiserliche Armee ist abgezogen; in der Ferne verhallen die letzten Trommelschläge. Auf einem Schutthaufen im Zentrum steht Regina, allein. Sie trägt ein einfaches, aschebeschmutztes Gewand. Der Wind weht leise durch die Trümmer.)
REGINA
(blickt starr über das Trümmerfeld)
Das Fest ist aus. Die Gäste sind gegangen.
Der stumme Wind streift durch das leere Haus,
Wo gestern noch der Stolz der Väter wohnte.
Wo ist das Jauchzen nun? Wo ist der Spott,
Der von den Wällen in das Feld erschallte?
Ein großer Friedhof unter grauem Licht –
Das ist das Werk, das uns der Hass gebracht.
(Domprediger Bake tritt langsam aus dem Hintergrund hervor. Er wirkt gealtert, gebrochen, ohne den einstigen Feuereifer. Seine Kanzelkleidung ist zerrissen).
BAKE
(leise, fast flüsternd)
Sie nennen es den Sieg des Kaisers draußen...
Und wir... wir nannten es den Dienst des Herrn.
Doch wenn ich diese Asche schaue, Mädchen,
Fragt mein Gewissen mich im tiefsten Schmerz:
Hat Gott den Brand gewollt – oder die Wut
Von Menschen, die sein Wort als Waffe führten?
Ich wollte Gottes Braut im Glanze sehen,
Und fand den Tod im rauchenden Ruin.
REGINA
(wendet sich zu ihm um, mit ruhiger, ernster Klarheit)
Ihr sucht die Antwort noch in euren Büchern?
Schaut hin, Herr Prediger! Hier liegt das Buch!
Geschrieben in die Steine dieser Stadt.
Ihr habt mit Phantomen um euch geworfen,
Vom Bräutigam im Norden laut geträumt,
Derweil der falsche Retter uns belog,
Um uns als Schild vor seine Ehre zu stellen.
Und Tilly, der den Blutrausch steuern wollte,
Wurde zum Knecht des Sturms, den er entfacht’.
Das ist das Ende von dem Lied der Großen:
Sie spielen Krieg – und wir bezahlen ihn.
BAKE
(beugt das Haupt)
Der Herr vergebe mir die blinde Fahrt.
Was bleibt uns nun, im Tal der Totenklagen?
REGINA
(tritt vom Schutthaufen herab, blickt nach vorn)
Es bleibt kein Ruhm. Kein Banner. Kein Triumph.
Das alte Magdeburg ist hingegangen,
Verschlungen von der eignen Hybris Flammen.
Doch blickt herab: Der Boden ist noch da.
Die Erde lebt, auch wenn der Stein zerbrach.
Wir müssen lernen, ohne Hass zu gehen,
Den Glauben nicht als Schwert, als Trost zu sehen.
Es wird ein langer, schwerer Weg nach Hause,
Aus diesen Gräbern in ein neues Licht.
(Sie bückt sich, hebt ein kleines, grünes Pflänzchen auf, das zwischen den verkohlten Steinen hervorbricht, und hält es behutsam in den Händen).
REGINA
Die Hochzeit mit dem Tode ist vorbei.
Nun lasst uns still das nackte Leben bauen.
(Regina geht langsamen, aber festen Schrittes an Bake vorbei nach vorn. Bake folgt ihr mit gesenktem Haupt. Das Licht verblasst langsam zu einem sanften, hoffnungsvollen Blau über den Trümmern, während die Musik leise und versöhnlich ausklingt).
ENDE DER TRAGÖDIE
WEIHEGEBET DEUTSCHLANDS AN DIE MAGD DES HERRN
O Magd des Herrn, die hoch erhoben schwebt,
In deren Schoß das Wort des Vaters lebt,
Du Schutzfrau in den Stürmen dieser Zeit,
Wir nahn uns dir in tiefer Beugsamkeit.
Blick gnädig auf das Land, das zu dir fleht,
Auf Deutschland, das in den Epochen steht.
Hier, wo der Väter Glaube einst erblühte
Und mancher Dom von deiner Ehre glühte,
Wo Kunst und Wort dir tausend Kränze wanden,
Sind heute Herz und Geist oft tief umfangen
Voll Zweifel, Kälte und im lauten Streit –
Wir bringen dir die Not der Gegenwart.
Wir weihen dieses Land dir ganz zu eigen:
Die Ströme, die durch grüne Täler steigen,
Die Städte, Wälder und das weite Feld,
Und jede Seele, die im Dunkeln weilt.
Nimm uns an deine Hand, du reine Pforte,
Und segne uns mit deines Sohnes Worte.
Mach uns zum Werkzeug Seines tiefen Friedens,
Dass wir im Bund des Bundes neu erblühen,
Den Hochmut brechen und die Demut wählen,
Um Heilung zu erflehn den kranken Seelen.
Sei du der Schild, der dieses Land bewahrt
Vor Zwietracht und vor falscher Geistesfahrt.
Du Magd des Herrn, wir legen ohne Scheu
In deinen Schoß das Herz des Reiches neu.
Führ Deutschland aus dem Nebel in das Licht,
Das aus den Wunden deines Sohnes bricht.
Dass unser Volk im Glauben fest erwacht
Und dich lobpreist bis in die ew’ge Nacht.