SATIRE
VON TORSTEN SCHWANKE
„Jetzt langts mir aber mit deinem Sexismus!“
(G.S.)
„An dem Tag rächten sich die Juden an ihren Feinden.“
(Bibel, Esther)
„Beleid'ge die Götter, die alten und neu'n,
Des ganzen Olymps Gelichter,
Und den höchsten Jehova obendrein
Beleid'ge nur nicht den Dichter!
Die Götter bestrafen freilich sehr hart
Des Menschen Missetaten,
Das Höllenfeuer ist ziemlich heiß,
Dort muß man schmoren und braten –
Doch Heilige gibt es, die aus der Glut
Losbeten den Sünder; durch Spenden
An Kirchen und Seelenmessen wird
Erworben ein hohes Verwenden.
Und am Ende der Tage kommt Christus herab
Und bricht die Pforten der Hölle;
Und hält er auch ein strenges Gericht,
Entschlüpfen wird mancher Geselle.
Doch gibt es Höllen, aus deren Haft
Unmöglich jede Befreiung;
Hier hilft kein Beten, ohnmächtig ist hier
Des Welterlösers Verzeihung.
Kennst du die Hölle des Dante nicht,
Die schrecklichen Terzetten?
Wen da der Dichter hineingesperrt,
Den kann kein Gott mehr retten –
Kein Gott, kein Heiland erlöst ihn je
Aus diesen singenden Flammen!
Nimm dich in acht, daß wir dich nicht
Zu solcher Hölle verdammen.“
(Heinrich Heine)
GOZILLA / JOSEF
Ein Garten. Weite, Stille. Später Abend.
JOSEF
Sie hatten recht, und hundertmal noch mehr:
Es ist hier gut — so ruhig, mild, gelassen.
GOZILLA
Ach, ruhig, ja — doch Ruhe ist nicht Glück.
Ein Garten, weit und grenzenlos wie hier,
Erdrückt mich fast… mir fehlt das rechte Wort.
Empfindest du es nicht?
JOSEF
Nein, keineswegs.
GOZILLA
Schon dies allein erscheint mir viel zu fern.
JOSEF
Fern? Fern wovon?
GOZILLA
Vom Mittelpunkt.
JOSEF
Vom Mittelpunkt? — Von welchem Mittelpunkt?
GOZILLA
Vom Zentrum! Einfach — von dem Zentrum!
JOSEF
Verzeih, doch „Zentrum“ ist ein leeres Wort,
ein bloßes Bild, ist subjektiv und ohne Maß.
Geometrisch gilt es nur, wenn man
den Umkreis nennt, der es umschließt.
GOZILLA
Mag sein.
JOSEF
Es ist ein relatives Weltgesetz.
GOZILLA (müde)
Sei gut, o Josef — und zerpflücke keine Fliegen.
Du weißt genau, was ich damit bezwecke.
Es liegt zu weit von uns — genügt dir das
als Maß, als Kreis, als Grenze deines Denkens?
JOSEF
Und dennoch: Mir gefällt der Ort. Zudem,
für Kinder ist das Leben auf dem Land doch besser —
mehr Raum, mehr Luft, ein weiter Horizont.
GOZILLA
Gewiss. Sehr klug gesagt. Doch kleines Manko:
Wir haben keine Kinder — nicht ein einziges.
JOSEF (nachgebend)
Nun ja…
GOZILLA
Und auch dein Bruder nicht, noch seine Frau.
So bleibt dein Argument dir selbst erhalten.
JOSEF
Wohin willst du? Du bist heut unerquicklich.
Ich verstehe wohl, dass du das Land nicht liebst —
doch leugnen kannst du nicht, es sei ein Ort
von seltner, reiner Schönheit.
GOZILLA (aufgebracht)
Und doch! Ich leugn’ es! Diese Wohnung hier
ist düster, kalt, unheimlich, tot und leer!
Kein Gold der Welt verlockte mich hinein!
Es ist entschieden — Ende der Debatte!
JOSEF
O Himmel!
GOZILLA
Ja — Himmel, ja, ganz recht!
JOSEF
Darf ich erfahren, was den Zorn entfacht?
GOZILLA
Nichts.
Ich will nur essen, dann nach Hause gehn.
JOSEF
Wenn ich dich so erblicke, sehne ich
Mich einzig nach dem Morgen dieses Tags.
GOZILLA
Zum ersten Mal sind wir uns einig, ja.
JOSEF
Hättest du nicht kommen wollen — sag es!
GOZILLA
Ich sagte es! Wieder und wieder! Doch du:
„Man darf den Bruder nicht enttäuschen.“
JOSEF
Nun gut! Jetzt bist du hier — bemühe dich!
GOZILLA
Ich bin bereits am Äußersten!
Und kalt ist’s auch! Denn solche Häuser frieren!
Was treiben sie dort draußen? Mähen Gras?
JOSEF
Du bist heut reine Nervenglut.
Ein Drink täte dir gut — er kühlt das Feuer.
GOZILLA
Vortreffliche Idee das — meinetwegen.
GOZILLA / JOSEF / STEVE
Der Garten. Steve tritt lebhaft hinzu.
STEVE
Nun sagt, gefällt euch unser kleiner Garten?
JOSEF
Wie herrlich, Steve — wie wahrlich prächtig!
STEVE
Und was ist mit dem Haus? Gefällt es euch?
JOSEF
Genial — ein Traum!
STEVE
Da kriegt man Lust aufs Leben auf dem Land, nicht wahr?
GOZILLA (übertrieben heiter)
Vollkommen! Genau das auch besprachen wir
Soeben — JOSEF und ich, ganz einig.
STEVE
Für uns war’s Liebe auf den ersten Blick!
JOSEF
Kein Wunder!
STEVE
Als wir es sahen, riefen wir sofort:
„Ach meine Güte!“ — Blitz und Flamme!
JOSEF
Hm.
GOZILLA
Ich möcht nicht kleinlich wirken, Steve,
Ein Blitz ist stets sofort da — sonst
Ist er kein Blitz, kein Schlag des Himmels.
STEVE (zeigt sich an die Stirn)
Ja, ja — natürlich! Reiner Pleonasmus!
Ich sage stets „Blitz auf den ersten Blick“ —
Und weiß genau, wie dumm das eigentlich klingt.
GOZILLA
Durchaus.
JOSEF
Gozilla, wir sind nicht bei der Akademie.
GOZILLA
Ganz richtig — dies hier ist kein Sprachgericht.
STEVE
Nein, nein — sie hat ja recht! Wir reden viel
Und merken nicht, wie schlecht wir sprechen.
Gozilla nur weist stets uns darauf hin —
Ein Glück, dass man ne Lehrerin
Zur Schwägerin besitzt!
Kurze Stille.
STEVE
Doch sagt — ist euch auch warm genug im Haus?
Ihr friert doch nicht ein wenig?
GOZILLA
Ein wenig kalt? Nein keinesweges. Wir erfrieren.
STEVE
Ich merke nichts davon — erst Fanny
Hat auf die Kälte hingewiesen.
Fraun frieren schneller als die Männer —
Es liegt wohl an dem Blut.
Das sind die kleinen Nachteile —
Auf dem Land… und bei den Frauen.
Ich seh’, ob ich die Heizung höher dreh.
Danach schau’ ich noch nach der Ente.
GOZILLA (leise, für sich)
Ja — geh nur, sieh nach deiner Ente.
STEVE ab.
GOZILLA / JOSEF
JOSEF
Würds viel dich kosten, höflicher zu sein?
GOZILLA
Hab ich denn jemanden beleidigt?
JOSEF
Mit Worten nicht — doch mit dem Ton.
GOZILLA
Dann fordere nicht Höflichkeit von mir,
Nur bitte mich, den Ton zu ändern.
JOSEF
So sei es: Ändre deinen Ton, ich bitte dich.
GOZILLA
(setzt an, kühl und gespannt)
Nein.
FANNY tritt hinzu.
FANNY
Es wird nun frisch, nicht wahr? Der Abend
Kühlt rasch. Heut dacht’ ich sogar dran,
Pulswärmer für das Haus zu kaufen.
JOSEF
Es geht noch — durchaus noch erträglich.
FANNY
Und sagt, wie findet ihr den Garten?
Ihr habt noch nichts dazu verlauten lassen.
JOSEF
Magnifique — ein wahrer Augentrost!
FANNY
Nicht wahr? Er wog sehr schwer bei unsrer Wahl:
So viele Bäume, viel lebend’ges Grün!
Wir waren wie vom Blitz getroffen…
GOZILLA
Sofort?
FANNY
Wir zögerten kaum — nun ja, ein wenig doch,
Weil dich Berlin nicht gerade nah gelegen ist.
Doch riefen wir: „Ach ja!“ — und dann,
So töricht es auch klingt, es weckt die Lust,
Kinder zu haben — viele, ganze Scharen!
JOSEF
Das stimmt.
FANNY
Und ihr — ihr nicht?
JOSEF
Doch… sicher…
FANNY
Gozilla?
GOZILLA
Ich habe keinerlei Verlangen,
In einem Garten Kinder zu empfangen —
Und zweitens ist bei uns die Sache klar:
Wir hassen Kinder — laut und teuer, lästig,
Sie ruinieren Leben. Nicht wahr, mein Josef?
JOSEF (gequält lächelnd)
Sie scherzt.
FANNY (verwirrt, gezwungen heiter)
Ach so? Nun gut… wie dem auch sei —
Ihr müsst doch hungrig sein inzwischen?
GOZILLA
So ziemlich.
FANNY
Die Ente ist ja noch im Ofen, doch wir warten —
Johanna kommt noch.
GOZILLA
Johanna?
FANNY
Ich lud sie ein.
JOSEF
Du hast Johanna für heut Abend eingeladen?
GOZILLA (misstrauisch)
Wer ist Johanna?
FANNY (unsicher)
War das verkehrt?
GOZILLA
Ich sagte nicht, dass es verkehrt sei —
Ich fragte nur: Wer ist Johanna?
FANNY
Wir sind doch viele — eine mehr
Macht keinen Unterschied.
GOZILLA
Darum doch geht es nicht.
(laut)
Wer ist Johanna, Teufel noch?!
FANNY
Was schreist du?
GOZILLA
Weil niemand Antwort gibt!
FANNY
Johanna ist Sekretärin Steves.
GOZILLA
Warum hast du sie eingeladen?
FANNY
Es kam ganz einfach so — du weißt ja,
Man tut oft Dinge ohne viel zu denken.
Ich rief heut Steve an im Büro,
Er war nicht da — so plauderte ich
Ein wenig mit Johanna. Und sie fragte,
Ob wir gut angekommen seien in dem Haus,
Mir schien — vielleicht auch irre ich —
Dass ihre Stimme traurig klang.
So lud ich sie nun ein, heut Abend
Mit uns das neue Heim zu feiern.
Sie nahm mit Freude an —
Was mich bestärkt, dass es doch richtig war.
JOSEF
Ja aber…
FANNY
Was?
GOZILLA
Ich… nein… ich finde diesen Plan befremdlich.
FANNY
Wie seltsam — denn genau das sagte auch dein Bruder:
„Befremdlich“, ja — exakt dasselbe Wort.
GOZILLA (bohrend)
Kennst du sie gut?
FANNY
Johanna? Nun… ein wenig — lose.
GOZILLA
„Ein wenig — lose“ — was soll das denn heißen?
FANNY
Sagen wir: nur flüchtig, kaum der Rede wert.
Dein Bruder meinte, du, du habest sie
Ihm selber vorgestellt.
GOZILLA
Du stelltest diese Dame deinem Bruder vor?
JOSEF
Ja.
GOZILLA
Nun, sag es doch!
JOSEF
Ich sag es ja! Lass mich doch reden!
Du fragst — und gönnst mir keine Antwort.
Ich stellte die Johanna Steve vor.
Es kommt daher, dass ich sie einst
Als Anwalt vor Gericht verteidigte.
GOZILLA
So, so!
JOSEF
Ein Strafverfahren — wegen Sexbelästigung.
GOZILLA
Und du nimmst solche Fälle an?
JOSEF
Normalerweise nicht — doch ihr Bericht
Bewegte mich und rührte mein Gewissen.
FANNY
Sie nahm dich — für Belästigung?
JOSEF
Belästigung ist doch kein lächerlicher Vorwurf!
Man gilt zu schnell als Lügnerin.
FANNY
Steve hat mir nie davon erzählt.
JOSEF
Es ist auch keine weltbewegende Nachricht.
Ich tat nur meine Pflicht — nichts weiter.
GOZILLA
Und nun, wie ist sie — die Johanna?
FANNY
Ich kenne sie nicht sehr genau, doch
Sie ist sehr freundlich — und vor allem:
Sehr schön!
GOZILLA
„Sehr schön“?
FANNY
Ich würde sagen: fast beeindruckend.
(zu Josef) Ist das nicht auch dein Eindruck?
GOZILLA
Die Fanny fragt nach deinem Urteil.
JOSEF
Ja — und ich antwortete mit Skepsis.
Das ist mein Urteil — und nicht mehr.
GOZILLA
Doch wenn du sagst „beeindruckend“, o Fanny —
Wen denn beeindruckt sie? Und auch warum?
JOSEF (gereizt)
Ach niemand! Sie beeindruckt niemand!
Kurze, spannungsvolle Stille.
FANNY
Ihr solltet euch nicht steigern so hinein.
GOZILLA
Wir sind in keinem Zustand —
und warens vorher ebenso wenig.
FANNY
Wo ist Steve denn hin?
JOSEF
Ging in die Küche — wegen der gebratnen Ente.
FANNY (auf dem Weg ab)
Dann gehe ich, um über Steve zu wachen!
Bedient euch doch inzwischen — esst, genießt!
Fanny ab.
GOZILLA / JOSEF / DÖRTE / KONRAD / (später FANNY)
GOZILLA
Geht es dir gut?
JOSEF
Sehr gut.
GOZILLA
Du wirkst ein wenig…
JOSEF
Ich wirke wie?
GOZILLA
Ach — nichts.
JOSEF
Ich wirke überhaupt nicht!
Kurzer Stillstand.
DÖRTE und KONRAD treten lebhaft ein.
DÖRTE (begeistert)
Wie herrlich ist der Garten! Habt ihr’s auch gesehn?
Man wird ihn niemals satt!
KONRAD
Ein wahres Paradies! Man sieht schon Kinder
Auf Rasen, Wegen, Beeten laufen…
DÖRTE
So schöne Häuser — und zu solchem Preis —
als Fachfrau sag’ ich: äußerst selten!
Sie taten recht, sich eilig zu entscheiden.
KONRAD
Dank dir, o Dörte!
DÖRTE
Ja — sagen wir es ruhig: Dank mir!
Dank mir — und meiner Agentur!
Seit Monden setzen wir auf Luxus —
es läuft wie Feuer durch das Land!
KONRAD
Man glaubt, die Leute hätten wenig Geld —
doch wahrlich, sie besitzen immer mehr!
DÖRTE
Ein Manko: die Elektroheizung.
Entweder glüht man — oder man erfriert.
Ich zog mich viel zu leicht heut an.
GOZILLA
Wir frieren wie im Eispalast —
und meine Finger sind wie Stein geworden!
DÖRTE (mustert sich im Spiegelbild)
Ich hätte nie das Claudia-Schiffer-Kleid gewählt —
Ist viel zu dünn! Reiche mir mein Hermes-Tuch!
(zu Gozilla) Und sag — gefällt es dir?
GOZILLA
Dein ‚Claudia-Schiffer-Kleid? … Oh ja! …
Vielleicht machts dich ein wenig breiter.
DÖRTE
Wen rufst du an?
KONRAD
Den Theo — prüfe, obs ihm gut geht.
DÖRTE
Gib her.
(ins Telefon) O Theo, Schätzchen, ich bin’s!
Nein, nur um sicherzugehen…
Danach gehst du dann schlafen…
Und bitte iss was …
Und Küsse!
(legt auf, zu KONRAD)
Hat keinen Hunger — spielt grad Schach an dem PC.
GOZILLA
Sitzt er nicht eher
Auf irgendeiner schmutz‘gen website?
KONRAD
Halt ein, Gozilla — das ist nicht sein Stil!
DÖRTE
Er ist noch jung.
GOZILLA
Masturbation ist universell —
und sie beginnt erschreckend früh!
JOSEF
Gozilla — bitte!
Fanny kehrt zurück, mit Schalen voller Snacks.
FANNY / DÖRTE / KONRAD / GOZILLA / JOSEF
Das Esszimmer. Fanny bringt Schalen mit Snacks.
FANNY
Ich bring euch ein paar Kleinigkeiten,
doch lasst noch Platz für unsre Ente!
Ah, Konrad! Grade dich halt’ ich jetzt fest —
du sagtest, du wirst einen Blick drauf werfen.
KONRAD
Fanny, warum vereinbarst du denn keinen Termin?
FANNY
Zwei Monde Wartezeit!
Wenn du zu mir kommst, nutz ich die Gelegenheit.
Ich habe meine Praxis hier zu Hause —
Ich warte nicht wie alle andern in der Schlange.
Sie leuchtet mit einer Taschenlampe, die sie ihm reicht.
KONRAD
Ich kann hier doch nichts machen.
FANNY
Ich will kein Handeln — sieh du nur genau hin.
Sieh und dann sag, was du entdeckst.
KONRAD
So setz dich. Mach den Mund weit auf.
Weiter!
FANNY
Ahhhh!
KONRAD (untersucht genau)
Verflixt, welch Chaos!
Es ist ja Bagdad drinnen!
Wie lange ließest du dich nicht mehr prüfen?
FANNY
Die Zahnärztin ging in Rente.
Ihr Nachfolger… ist aus Afrika.
KONRAD
Er ist doch Zahnarzt?
FANNY
Ja, Zahnarzt, aber eben Afrikaner.
GOZILLA (scharf)
Ich wusste nicht, dass man in Deutschland
Afrikaner-Zahnärzte haben darf!
FANNY
Gozilla, es ist nur ungewöhnlich —
Wie ein chinesisch Restaurant, geführt von Friesen!
Ganz eigenartig, nicht?
GOZILLA
Also kann ein Zahnarzt nur ein Deutscher sein!
Die Zähne sind Privat.
GOZILLA
Privat? … du wirkst da sehr intim.
KONRAD (erklärend)
Hör zu: du hast drei Kariesstellen,
Ein loser Zahn, der Brückenzahn löst sich —
Mindestens zwei Monde Arbeit stehen an.
FANNY
So schlimm? Ich habe doch nur
Auf der andern Seite was gegessen —
Da tuts kaum weh.
KONRAD
Gewiss, wenn du nur auf der andern Seite kaust,
Scheint alles gelöst. Doch so kannst du nicht bleiben.
Du gehst direkt auf große Schwierigkeiten zu.
FANNY richtet sich auf, nimmt ihre Lampe wieder auf.
FANNY
Soll ich nun deine Sekretärin anrufen,
Um einen Termin zu machen?
KONRAD
Ja, sprich mit ihr —
Mit einer Austerngabel geht das nicht.
DÖRTE (mischt sich ein)
Nein, das ist keine gute Idee.
Konrad hat keine Zeit — alles gebucht, Fanny!
Er kann sich da nicht richtig kümmern.
FANNY
Was soll ich tun?
DÖRTE
Wenn du nicht zu deinem Schwarzen gehst,
es gibt ja viele andre Zahnärzte.
Sei auf den Gelben Seiten, such Zahnarzt, wähle.
JOSEF (scherzhaft)
Bei mir ist auch einer — nicht sehr geschickt,
aber Bayer!
FANNY (genervt)
Lacht ihr jetzt über mich?
KONRAD (zu Dörte)
Ich hätte selbst sie nehmen können.
DÖRTE
Ich finde es ungesund,
Die eigene Familie zu behandeln.
JOSEF
Dem stimm ich bei.
DÖRTE
Und teuer bist du auch —
Du wirst doch nicht berechnen?
KONRAD
Natürlich nicht.
DÖRTE
Nun, dann ists halt verlornes Geld.
Doch kommen wir nun endlich an den Tisch?
GOZILLA
Ich sterbe fast vor Hunger — zieht sich alles so.
GOZILLA / DÖRTE / KONRAD / JOSEF / (später FANNY)
Das Esszimmer. Alle sind versammelt. Gozilla wirkt gespannt.
GOZILLA
Ich sterb vor Hunger — zieht sich alles so!
DÖRTE
Es scheint, wir sind noch nicht vollkommen.
GOZILLA
Wer fehlt denn noch?
DÖRTE
Wer könnte fehlen?
GOZILLA
Johanna fehlt.
Sie ist doch eingeladen?
Wie kommt denn das?
DÖRTE
Es war ja Fannys glänzende Idee.
DÖRTE
Wer ist Johanna?
KONRAD
Johanna — ja, mit zwei N.
DÖRTE
Mit zwei N? Oder anders? Wer ist sie?
KONRAD
Wie soll ich sagen… Sie arbeitet mit Steve.
GOZILLA
Seine Sekretärin, scheint’s.
DÖRTE
Ich kenn sie nicht, hab nie von ihr gehört.
GOZILLA
Ich auch nicht.
DÖRTE
Kennst du sie gut?
KONRAD
Hm… gut? Wir kennen nie ganz jemanden.
Nur Ausschnitte, nur Seiten des Menschen.
DÖRTE
Welche Seiten waren das bei dir?
KONRAD
Nun, nur… zahnärztliche, zahnärztliche Aspekte.
Denn ich behandelte sie.
DÖRTE
War also deine Patientin?
KONRAD
Hä? …Nein, Steve hat sie zu mir gebracht.
Zweimal hab ich sie behandelt.
DÖRTE
Zweimal? Dann ist sie doch deine Patientin.
KONRAD
Ja, wenn du willst — sie ist meine Patientin.
DÖRTE
Gut, ich wollte es nur klären.
GOZILLA
Man sagt, sie sei sehr hübsch.
KONRAD
Hm… wer? Johanna?
GOZILLA
Und Fanny sagte sogar: „beeindruckend“.
KONRAD
Beeindruckend? Sie übertreibt.
Sie ist nicht beeindruckend — sie ist…
DÖRTE
Jung.
KONRAD
Jung, ja, etwa fünfundzwanzig, sechsundzwanzig.
DÖRTE
Das ist jung.
KONRAD
Es kommt drauf an…
DÖRTE
Nein, Konrad, es kommt nicht drauf an!
Sechsundzwanzig, das ist jung!
KONRAD
Gut, gut, erzürn dich nicht!
Sie ist jung, einverstanden. Was ändert das?
GOZILLA
Jung und beeindruckend.
KONRAD
„Beeindruckend“ — da widerspreche ich.
Wie würdest du sie beschreiben, Josef?
JOSEF (verlegen)
Ich? Wie ich sie beschreiben würde?
Hm… warum ich?
GOZILLA
Weil du sie kennst.
JOSEF
Süß...
KONRAD
Da hast du‘s — „süß“. Korrekt.
Sie ist süß.
GOZILLA
Wenn ich es recht verstehe, habt ihr euch
Die Dame untereinander weitergereicht?
KONRAD
Wie meinst du das, Gozilla?
GOZILLA
Erklär ich’s deutlich: Du verteidigtest sie als Anwalt,
Sie ist Steves Sekretärin,
Und sie nahm Konrad als Zahnarzt.
Sie hat sich gewissermaßen durchgeschlagen.
KONRAD
Man kanns so sehen, ja.
DÖRTE
Ihr kennt sie also alle drei!
KONRAD
Wir begegneten ihr nur flüchtig.
Steve kennt sie am besten,
Arbeitet täglich mit ihr.
Wir anderen haben keine
Regelmäßigen Beziehungen.
KONRAD
Ich sah nur ihre Zähne.
Ich sehe täglich Hunderte von Zähnen,
Doch ich kenne die Besitzer nicht intim.
DÖRTE
Aber sie ist intim genug,
Um heute Abend eingeladen zu sein.
STEVE / GOZILLA / JOSEF / DÖRTE / KONRAD
Das Esszimmer. Die Spannung steigt. Gozilla wirkt zornig, alle anderen reagieren unterschiedlich.
KONRAD
Nein! Meiner Meinung nach nicht genug!
Ein Missgriff! Ganz offen gesagt: ich missbillige.
Es ist ein fast familiäres Fest —
Ich sehe nicht ein, was sie hier soll!
Reine Fanny-Initiative, doch gut:
Bei ihr zu Hause tut sie, was sie will.
Nun ja, jeder handelt, wie er will.
GOZILLA (ruhiger, aber bestimmt)
Reich mir die Nüsse.
KONRAD
Wie bitte?
GOZILLA
Die Nüsse!
KONRAD
Wo denn?
GOZILLA
Vor dir — sie springen dir ins Auge!
Steve tritt energisch hinzu, Josef, Dörte und Konrad folgen.
STEVE
Noch ein wenig Nachschub! (blickt in die Runde)
Was ist denn los? Friert ihr immer noch?
Keine Sorge, es wird warm — ich habe die Heizung erhöht.
KONRAD (zu Steve)
Sagt, warum habt ihr denn Johanna eingeladen?
STEVE
Ich habe sie nicht eingeladen! Ich war dagegen.
Es war Fanny. Du kennst sie —
Wenn ein Obdachloser klingelte,
Sie würde ihn im Bettenzimmer unterbringen!
DÖRTE
Weil sie… nun ja… Obdachlose…
STEVE
Nein, Dörte, es ist nur ein Bild.
GOZILLA
Es ist auch nicht abwegig, dass sie eingeladen ist,
Steve, du siehst sie ja jeden Tag.
STEVE
Ja, aber nur beruflich!
Sie nimmt Anrufe entgegen, grüßt die Leute,
bringt Kaffee — Sekretärin, Hostess, Telefonistin.
DÖRTE
Und daneben eine wahre Augenweide.
STEVE
Wie bitte?
DÖRTE
Man braucht doch ein ansprechendes Äußeres
Für solch einen Job.
STEVE
Das Aussehen zählt, ja.
DÖRTE
Siehst du, genau das sage ich!
Eine alte Frau hätte den Posten nie bekommen.
STEVE
Zwischen einem ansprechenden Äußeren
Und einer „sexuellen Bombe“ liegt ein Unterschied.
Natürlich — Kontaktberuf.
Wenn ein Kunde eintritt,
Ist er besser gestimmt, sieht er eine charmante Frau.
Sie ist… avisiert.
DÖRTE
Avisiert?
GOZILLA (zu Steve)
Bist du zufrieden?
STEVE
Zufrieden… professionell, so soll es heißen.
Sei präzise in deinen Fragen, Gozilla!
Wir schwimmen sonst im Unklaren.
GOZILLA
Professionell — sie erfüllt deine Erwartungen?
STEVE
Selbstverständlich! Absolut zufrieden!
Als Chef verlang ich viel von meinen Angestellten.
DÖRTE (ironisch)
Ah ja? Was genau?
STEVE
Hm… Pünktlichkeit, Fleiß und Einsatz…
JOSEF
Pünktlichkeit, Kompetenz, Hingabe.
DÖRTE
Verstanden, danke für die Übersetzung.
STEVE
Und dann… wozu darüber reden?
Ihr werdet sie sehen, wenn sie kommt.
GOZILLA
Ihre Anwesenheit sorgt für Aufruhr.
KONRAD
Ungehörig! Meine Sekretärin sehe ich jeden Tag —
Zu mir nach Hause lade ich sie nie ein.
DÖRTE
Ja, aber deine ist hässlich!
Sie erschreckt die Kinder. Vergleiche das Richtige!
KONRAD
Das hat doch nichts damit zu tun!
GOZILLA
Was für einen „Fall“ hattest du mit ihr?
JOSEF
Gozilla, ich hatte keinen Fall!
Beruhige deine Paranoia!
GOZILLA
Welche Paranoia? Du bist paranoid!
Als Anwalt — was für ein Fall?
Ein Anwalt arbeitet mit Fällen!
Ah ja! Du hast mich erschreckt —
präzisiere: welcher Fall?
Wer belästigte sie?
Warum regst du dich auf?
GOZILLA / JOSEF / DÖRTE / KONRAD / STEVE / FANNY
Die Gruppe sitzt oder steht um den Tisch. Gozilla ist aufgeregt, die Stimmung angespannt.
GOZILLA
Du bist es, der sich aufregt.
Ich frage schlicht: Wer bedrohte sie?
JOSEF
Einer ihrer Ex, ein halber Wahnsinniger.
Er rief mitten in der Nacht an,
Drohte ihr, wollte sie verletzen,
Mit Säure gar ihr Gesicht entstellen.
Man sah, wie gefährlich er war —
Es musste gehandelt werden!
DÖRTE
Warum bedrohte er sie?
JOSEF
Weil er krank war.
Er konnte nicht ertragen, dass sie ihn verließ.
Klassischer Fall: Männer,
Von Frauen verlassen, werden grausam.
GOZILLA
Und warum ließ sie ihn sitzen?
JOSEF
Entschuldige, ich habe die Akten nicht bei mir.
Wahrscheinlich, weil sie ihn nicht mehr liebte.
Und ich kann sie verstehen.
Äußerlich war er kein Gewinn…
Sie hingegen…
GOZILLA
Du sagtest, sie sei nur süß?
JOSEF
Ja, aber er hatte ein Alptraumgesicht,
Dazu ein armseliges Leben, ein Loser —
Völlig bedauernswerter Mensch.
Sie kam zu mir, wir erstatteten Anzeige,
Und…
DÖRTE
Und du hast gewonnen?
JOSEF
Natürlich habe ich gewonnen!
GOZILLA
Wurde er verurteilt?
JOSEF
Schwer — drei Monde auf Bewährung,
Schadenersatz, die genaue Summe entzieht sich mir.
GOZILLA
Und das war’s?
JOSEF
Das war alles!
GOZILLA
Sie hat dir nicht gedankt?
JOSEF
Doch, selbstverständlich.
GOZILLA
Wie hat sie gedankt?
JOSEF
Sie sagte: „Danke, Herr Anwalt.“
Gibt es andere Formen des Dankes?
GOZILLA
Als Frau gibt es sie.
JOSEF
Ah ja?
GOZILLA
Sonst nichts?
JOSEF
Sie hat normal bezahlt.
GOZILLA
Sie konnte es sich leisten?
JOSEF
Was sollen diese Fragen, Gozilla?
GOZILLA
Ich wundere mich nur.
Versteh mich nicht falsch, aber…
Du warst nahe genug,
Um sie deinem Bruder zu empfehlen?
JOSEF
Nah? Nein. Sie war arbeitslos,
Hatte früher als Sekretärin in der IT gearbeitet.
Assoziativ kam Steve ins Gespräch —
nur Logik, Gozilla! Nicht wahr, Steve?
STEVE
Ja, genau!
DÖRTE
Und du, Konrad? Wie kam sie in deine Praxis?
KONRAD
Ganz banal. Sie klagte über Zahnschmerzen,
Steve nannte meinen Namen —
Es ist Zufall, dass ich Zahnarzt bin.
STEVE
Wenn man mich fragt nach einem guten Zahnarzt,
Sage ich natürlich meinem Bruder Bescheid.
Und nach einem guten Anwalt…
GOZILLA
Schon wieder deine Voreingenommenheit!
Immer der Bruder.
STEVE
So ist das Familienleben!
GOZILLA
Familienleben… hm.
FANNY kommt mit einem heißen Gericht zurück.
FANNY
Alles gut hier?
JOSEF
Und die Ente? Lebendig oder tot?
FANNY
Fast fertig. Ich habe eine witzige Idee:
statt feste Plätze, machen wir ein Buffet!
Was haltet ihr davon?
KONRAD
Wie du willst — Hauptsache jetzt!
Ich verhungere sonst.
DÖRTE
Und Johanna? Habt ihr eure Meinung geändert?
STEVE
Alle sind sich einig: Ihre Einladung war keine gute Idee.
GOZILLA
Ich habe das nie gesagt!
Du verdrehst es, Steve.
Ganz im Gegenteil — ich finde die Idee interessant.
Kurze Pause. Alle blicken gespannt auf Gozilla.
FANNY / STEVE / DÖRTE / KONRAD / GOZILLA / JOSEF
Die Abendgesellschaft sitzt, die Ente ist fast servierfertig. Fanny versucht, die Stimmung aufzulockern.
FANNY
Sollen wir Musik spielen?
Ein wenig zur Stimmung,
Um den Abend zu beleben?
STEVE
Gute Idee.
Fanny nimmt ihr Telefon, spricht kurz und reagiert auf eine Nachricht.
FANNY
Hallo? Oh nein… was ist passiert?
Du bist krank? Schade um die Ente!
Ja, das wäre nett… Gut, ich halte sie warm.
Wenn man vom Wolf spricht…
Also, sie sagt, sie fühlt sich nicht wohl,
Hat Tabletten genommen.
Geht es ihr besser, kommt sie;
Wenn nicht, bleibt sie lieber unter der Decke.
Sie hat ohnehin keinen Hunger,
Wir sollen ohne sie essen.
DÖRTE
Diplomatisch, nicht wahr?
FANNY
Nein, eher eine klagende Stimme…
Sie sagte, ihr sei übel.
GOZILLA
Also sie will sich übergeben!
Gut, dann ist das Problem gelöst.
Pech für sie!
FANNY
Warum bist du so gemein?
GOZILLA
Was habe ich gesagt, das gemein war?
FANNY
„Pech für sie.“
STEVE
Das ist doch nicht gemein!
GOZILLA
Nein, überhaupt nicht.
DÖRTE
Doch eine Frage… Steve,
du kennst sie vermutlich am besten,
Kannst du antworten: Hat sie einen Verlobten?
STEVE
Hm… ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.
Das ist Privatsache.
KONRAD
Ist das wichtig?
DÖRTE
Nein.
KONRAD
Na dann, wozu die Frage?
DÖRTE
Ich habe doch auch das Recht,
Unwichtige Fragen zu stellen.
KONRAD
Recht hast du, Chefin.
DÖRTE
Danke.
STEVE
Ich habe sie nie danach gefragt.
Bei der Arbeit spricht man nur von Arbeit.
(dreht sich ab, scherzhaft)
FANNY
Ich habe sie gefragt.
STEVE
Du hast sie gefragt? Warum?
FANNY
Um zu wissen, ob sie allein kommt.
Wenn man für mehrere kocht, ist die genaue Zahl wichtig!
Nicht dass wir Ente für sieben statt acht vorbereiten.
GOZILLA
Und was antwortete sie?
DÖRTE
Uff, das interessiert mich!
FANNY
Sie kommt allein…
Aber ich habe den Eindruck, ihr Privatleben sei kompliziert.
GOZILLA
Was meinst du mit „kompliziert“?
FANNY
Ich weiß nicht genau… nur ein Eindruck.
STEVE (unterbricht)
Gut, da sie abgesagt hat,
Können wir vielleicht endlich zu Ernsthaftem kommen.
GOZILLA
Warte, Steve, du hast Fanny unterbrochen.
STEVE
Nein, ich habe nichts unterbrochen.
GOZILLA
Sie wollte noch fertigreden.
STEVE
Nun, Fanny, sprich weiter!
KONRAD
Kurz und bündig, bitte.
FANNY / GOZILLA / JOSEF / DÖRTE / KONRAD / STEVE
Die Abendgesellschaft sitzt am Tisch, die Stimmung ist locker, doch immer noch ein Hauch von Spannung liegt in der Luft.
FANNY
Wir plaudern ab und zu, am Telefon,
Über dies und jenes. Eines Tages gestand sie mir
Eine Art… wie soll ich’s nennen…
Sie sprach von einer „sehr freien Liebesbeziehung
Mit einem Mann, der es weniger war“.
DÖRTE (mechanisch wiederholend)
„Sehr freie Liebesbeziehung mit einem Mann,
Der es weniger war.“
KONRAD
Ich verstehe nichts.
Das ergibt keinen Sinn.
Reiner Kauderwelsch.
GOZILLA
Ich finde es klar wie Glas!
JOSEF
Was verstehst du?
GOZILLA
Sie schläft mit einem verheirateten Mann.
DÖRTE
Ich stimme zu.
Mehr Klarheit geht kaum!
FANNY
So habe ich es auch vermutet.
(Kurze Pause.)
STEVE
Fanny, nun hol endlich die Ente!
Sie wird sonst noch begehrlich!
GOZILLA (leicht sarkastisch)
Wir spekulieren schon eine halbe Stunde
Über ihr Leben, das uns nichts angeht —
langsam wird’s ermüdend!
Steve bietet Wein an.
STEVE
Josef, ein wenig Wein?
GOZILLA
Nein, danke, es geht.
STEVE
Dörte?
DÖRTE
Mein Glas ist voll.
STEVE
Fühlt ihr euch wärmer?
GOZILLA
Bei mir liegt es am Wein.
DÖRTE
Bei mir ebenso.
STEVE
Dann trinkt weiter, wenn es der einzige Weg ist.
KONRAD
Die Einrichtung ist noch nicht fertig!
STEVE
Nein, drei Viertel fehlt noch!
KONRAD
Ah ja, daran dachte ich schon.
Welchen Stil wählt ihr?
STEVE
Englisch. Wärmer.
KONRAD
Ah ja, nicht schlecht, Englisch…
Freundlich, ein Hauch von Saint Clair.
Das wirkt elegant.
GOZILLA
Mir egal. Vollkommen.
Fanny bringt die Ente herein.
FANNY
Und hier das Tier!
Das Warten hat sich gelohnt.
Riecht köstlich, nicht wahr?
KONRAD
Mmm! Herrlich!
STEVE
Josef, welche Sache bearbeitest du gerade?
JOSEF
Oh, mehrere.
KONRAD
Erzähl uns die wichtigste.
JOSEF
Ein Fall mit Schmiergeldern,
Zwei Abgeordnete verwickelt,
Bis über beide Ohren, die geben sich Mühe —
Die wahren Politischen, eingebildet, arrogant.
KONRAD
Und du verteidigst sie?
JOSEF
Nein, ich bin auf der Gegenseite.
STEVE
Und dann?
GOZILLA
Uns egal, Josef!
Langweilig, uninteressant!
JOSEF
Seht her: mein Beruf interessiert meine Frau nicht,
Wie angenehm.
GOZILLA
Du hast deine Krawatte bekleckert.
JOSEF
Welchen Bezug hat das?
GOZILLA
Keinen.
JOSEF
Richtig.
GOZILLA
Und du, Konrad? Was gibt’s Neues?
Konrad schaut unsicher, bereit für eine absurde Bemerkung.
FANNY / STEVE / GOZILLA / DÖRTE / KONRAD / JOSEF
Die Gesellschaft sitzt beim Abendessen, Fanny wirkt aufgeregt, Steve gespannt, die anderen beobachten sie neugierig.
DÖRTE
Ach, die Tage eines Dentisten sind so eintönig,
Was soll er dir berichten? Von Brücken nur?
GOZILLA
Ich fragte nur so, beiläufig.
FANNY
Nun, ich glaube, ich habe einen kleinen Scoop!
Ich wollte warten, bis wir alle versammelt,
doch da Johanna abgesagt, soll es heut geschehn.
KONRAD
Nun sprich!
FANNY
Ihr erratet’s nicht, mein Herz.
KONRAD
Nein…
FANNY
Doch!
STEVE
Bist du sicher?
FANNY
Der Arzt rief heut Nachmittag an, ganz bestimmt.
STEVE (leicht fassungslos, fast flüsternd)
Das… das ist… wunderbar!
DÖRTE
Ein wahrer Doppel-Erfolg! Erst das Haus,
Jetzt dies: Welch Glück uns widerfährt!
STEVE
Ganz genau: ein Doppel-Erfolg!
FANNY
Freust du dich?
STEVE
Ja, natürlich, ohne Zweifel.
FANNY
Doch du küsst mich nicht.
STEVE
Das… das hole ich nach.
FANNY
Kein leidenschaftlicher Kuss, das ist alles.
STEVE (scherzhaft, plötzlich)
Willst du, dass ich dich gar auf dem Tisch nehme?
Alle lachen. Fanny wirkt innerlich bewegt.
FANNY
Es fühlt sich seltsam an, nichts regt sich in mir,
ich bin wie zuvor. Wie eigenartig das ist!
GOZILLA
Vielleicht irrt der Arzt. Das kann geschehn.
FANNY
Nein… nein, ich glaube nicht.
JOSEF
Warum willst du es nicht glauben?
GOZILLA
Normalerweise fühlt man sich anders…
Doch was weiß ich schon, nie selbst erlebt!
Wem die Schuld gebührt?
DÖRTE
Doch, alles ist normal, Fanny.
Am Anfang spürt man wenig.
Erst nach zwei Monaten,
Da beginnt die Veränderung.
KONRAD
Sag es nur! Die Hölle war es! Sie erbrach sich,
Überall, unaufhörlich!
DÖRTE
Genug, Konrad, sei still!
KONRAD
Schämen muss man sich nicht!
Denk an die Fahrt im Wagen,
Ich musste das Auto verkaufen!
DÖRTE
Nun, genug davon!
KONRAD
Doch ich freue mich sehr für dich, Fanny!
Hier, ein Kuss von mir.
JOSEF (nachahmend)
Und von mir auch!
FANNY (gerührt)
Oh, das ist zuviel!
Das Telefon klingelt. Fanny hebt ab.
FANNY
Hallo? Ah ja… ja! Sehr gut!
Doch wir haben schon begonnen! Für den Kaffee dann,
Aber keine Sorge, es wird nicht zu spät.
Wir bewahren Kuchen auf, ihr mögt ihn ja…
Ah, sie hat aufgelegt.
Sie wird sich bemühen, wenigstens ein wenig zu erscheinen.
DÖRTE
Ah!
KONRAD
Ach, nichts weiter.
STEVE
Es wäre töricht, zu kommen, wenn sie sich nicht wohl fühlt.
FANNY
Ich habe nicht gedrängt. Sie entschied selbst,
Wir wollen beginnen und uns untereinander testen.
KONRAD
Sehr freundlich von ihr, wir fühlen uns geehrt.
Doch sie soll nicht zu spät kommen, sonst…
Ich will nicht zu spät zu Bett!
GOZILLA
Ich auch nicht, früh um halb neun wartet schon die Arbeit.
GOZILLA / JOSEF / FANNY / STEVE / DÖRTE / KONRAD
Das Abendessen ist vorbei, eine gewisse Spannung liegt in der Luft, Dörte und Konrad sprechen über ihren Sohn Theo. Gozilla, Fanny, Steve und Josef hören aufmerksam zu.
DÖRTE
Was uns den ersten Zweifel gab, war seine Langeweile
In der Schule. Wie alle Kinder, zunächst,
Von der Vorschule bis jetzt, totale Gleichgültigkeit.
KONRAD
Apathisch, wirklich.
DÖRTE
Mehr noch: von Depression durchdrungen.
KONRAD
Oft legte er sich in die hinterste Ecke,
Legte den Kopf aufs Heft und schlief ein,
Im Unterricht, als wär er gar nicht da.
DÖRTE
Und fragten wir ihn, ob ihm Lernen gefalle,
Er antwortete nur, ja, ja, gewiss.
Wir dachten, ein schlechter Lehrer sei’s wohl,
Nächstes Jahr wird es besser werden.
KONRAD
Doch erneut, gleiches Spiel, Jahr um Jahr.
Wir waren beschäftigt, ich spät zu Hause,
Dörte überlastet. Erst jetzt, zu dieser Zeit,
Nahmen wir das Problem ernst, suchten Fachleute,
Und der Befund traf uns wie ein Schlag.
DÖRTE
Hart, ja, es war ein Schock.
KONRAD
Wir standen fassungslos da.
DÖRTE
Theo ist ein Kind von hohem Geiste.
Kurze Stille, alle blicken gespannt.
FANNY
O mein Gott!
GOZILLA
Das… ist endgültig? Ihr seid euch sicher?
DÖRTE
Kein Zweifel.
GOZILLA
Manchmal warnt man umsonst.
KONRAD
Doch… alle Tests bestätigt. Ernsthaft.
DÖRTE
Sein Intelligenzquotient — 164!
FANNY
So hoch? 164?
KONRAD
Ja, fast zweihundert.
FANNY
Wahnsinn!
DÖRTE
Mit zehn Jahren lernt er das Chinesische…
KONRAD
Beinahe beunruhigend, er kann nicht geistig ruhen.
Ein wahres Verlangen nach Wissen,
Wie der Psychologe treffend erklärt.
GOZILLA
Doch… was soll daraus werden?
DÖRTE
Nächstes Jahr geht er in eine Spezialschule.
FANNY
Eine Spezialschule? Holla!
STEVE
Doch, Fanny, das ist gut. Warum das Erstaunen?
FANNY
Ja, gut, absolut! Doch… er ist anders als die andern!
DÖRTE
Ganz recht, unser Sohn ist kein Kind wie alle anderen.
FANNY
Ich hoffe nur, dass sein IQ nicht zu hoch steigt!
GOZILLA
Sei unbesorgt, dafür gibt es keinen Grund.
GOZILLA / JOSEF / FANNY / PRANCKY / DÖRTE / KONRAD / JOHANNA
Ein festliches Dessert wird vorbereitet. Fanny führt Johanna herein. Alle blicken gespannt auf die neue Ankömmlingin.
KONRAD
Jenseits der Klugheit liegt oft Gram und Leid.
GOZILLA
Und hätte man’s nicht früher erkennen können?
Per Ultraschall, durch Amniosynthese?
Heut’ vermag die Technik doch so viel, nicht wahr?
KONRAD (lächelnd)
Humor ist’s, Gozilla, kein Grund zur Sorge.
Nun denn! Lasst uns weitergehen!
Fanny, deine Apfeltorte ruft nach uns!
FANNY
Apfel, Banane – ihr werdet sie loben, glaubt mir!
(Türklopfen, Johanna erscheint.)
FANNY (mit strahlendem Gesicht)
Ah, Johanna! Welche Freundlichkeit,
Dass du den Weg zu uns gefunden hast!
Tritt ein, tritt ein!
JOHANNA (zögernd, den Mantel abnehmend)
Guten Abend!
FANNY
Bei diesem Wetter… dich friert es nicht etwa?
KONRAD
Der Ofen noch unsicher, wir tasten noch.
JOHANNA
Doch, es geht. Drinnen ist’s wärmer als draußen.
FANNY
Kennst du schon alle hier?
JOHANNA
Nur die Herren. Die Damen nicht,
Bis auf dich, Fanny. Guten Abend, Josef.
Und Gozilla, ist es nicht so?
GOZILLA
Es stimmt.
JOHANNA
Guten Abend, Gozilla.
Man hat mir viel von dir berichtet.
GOZILLA
Ich hoffe, nur Gutes.
JOHANNA
Sehr Gutes, Gozilla.
GOZILLA
Möge ich dich nicht enttäuschen.
JOHANNA
Guten Abend, Konrad. Elegant, wie du gekleidet bist.
KONRAD
Ah, so? Ich tat keinen Aufwand, aber danke.
JOHANNA
Bedeutet dies, wir umarmen uns nun? Neu?
KONRAD
Ja, genau. Verzeih.
JOHANNA
Wechselst du den Duft?
KONRAD
Vielleicht, ja… möglich.
Dörte, meine Frau.
DÖRTE
Ich nehme an, du hörtest von mir auch?
JOHANNA
Kaum, sehr wenig.
DÖRTE
Ah! Endlich weißt du, dass ich existiere.
KONRAD
Und wie steht es um dein Befinden? Wohlauf?
JOHANNA
Ja, warum fragst du?
Seh’ ich etwa krank aus?
STEVE
Nicht wahr, am Telefon klang es anders, mit Fanny.
JOHANNA (unterbrechend)
Das war früher. Nun ist alles anders.
Erstmal, euch alle zusammen zu sehen,
ist neu für mich, ebenso euch als Paare.
FANNY
Nimm Platz, Johanna! Fühl dich wie zu Hause,
setz dich, genieße den Abend.
GOZILLA (leise, zwischen den Zähnen)
Zu viel Gemütlichkeit kann auch riskant sein.
JOHANNA
Zuerst muss ich nur…
FANNY
Das kleine Geschäft, Johanna,
Das ist im ersten Stock. Steve, zeig ihr den Weg.
GOZILLA / JOSEF / FANNY / STEVE / DÖRTE / KONRAD / JOHANNA
(Johanna verlässt den Raum, geht die Treppe hinauf. Die anderen beobachten sie.)
GOZILLA
Hab’ ich mich verhört? Sagt sie wirklich „du“ zu dir?
STEVE
Ja, sie tut es. Warum?
GOZILLA
Nicht, dass es wichtig wäre… nur merkwürdig.
Bei mir in den Büros, da herrscht Hierarchie,
doch nicht allein durch das formelle „Sie“.
DÖRTE
Bei uns in der Agentur? Niemals!
Keine Angestellte hätte mich so geduzt.
KONRAD
Doch Johanna, sie ist einfach natürlich,
Spricht alle mit „du“ an, selbst dich, Josef.
JOSEF
Ah, ja? Auch mich?
GOZILLA
Wie? Auch dich?
JOSEF
Ja… als Klientin war sie bei mir, wir gewannen,
Also…
GOZILLA
Also spricht sie auch dich mit „du“ an,
wie sie es bei Konrad tut.
DÖRTE
Das ist neu! Du duzt deine Patienten?
KONRAD
Es kommt darauf an. Manche ja, manchmal praktisch.
Das „du“ ergibt sich oft spontan, unvermittelt.
STEVE
Schau’ die Engländer: „You“ zu jedermann,
freundlich, doch stets höflich – „You, my friend!“,
„You want some bread?“. Stets „You“,
Und dennoch ein höfliches Volk.
DÖRTE
Ist sie Engländerin?
STEVE
Nein, aber…
DÖRTE (nachdenklich)
Seltsam, diese junge Frau…
GOZILLA
Und in ihrer Kleidung – keine Scheu!
STEVE
Am Abend ja, tagsüber ganz zurückhaltend.
Im Büro fällt sie kaum auf, fast unsichtbar.
DAYID
Es ist ein Spiel. Sie zeigt die Frau mit Reiz,
obwohl sie weiß, dass sie’s nicht wirklich ist.
Eine Art zweite Ebene, ein subtiler Scherz…
DÖRTE
Die Nuance ist fein, wirklich subtil.
GOZILLA (eisig)
Doch ich lache. Viel, Josef.
FANNY
Nun gut, ich hol’ die Torte,
Bevor sie erkaltet.
(Alle setzen sich, essen hastig.)
GOZILLA
Schnell, wir müssen uns ranhalten,
Denn wie du siehst… (tippt auf ihre Taille)
STEVE
Ja, auch wir! Ich bin fix und fertig.
DÖRTE
Und ich? Ich bin topfit, wie immer!
GOZILLA (begutachtet Johannas Jacke)
Bei dir, Steve… nicht schlecht!
Die Sekretärin bezahlt man gut, was?
STEVE
Nein, keineswegs. Gold liegt nicht vor ihren Füßen,
Vielleicht hat sie reiche Freunde.
DÖRTE
Oder großzügige Bekannte.
FANNY
Und voilà! Die Pracht!
KONRAD
Wunderschön, in der Tat.
FANNY
Ein Haus, ja! Und wir – wie viele sind wir?
(Fanny zählt leise mit den Fingern.)
JOSEF
Nicht nötig, Fanny, ich koste nur,
Respektiere die Arbeit, mehr nicht.
(Johanna kehrt zurück.)
GOZILLA / JOSEF / KONRAD / DÖRTE / STEVE / FANNY / JOHANNA
(Johanna betritt den Raum, bewundert das Haus.)
JOHANNA
Euer neues Haus ist wirklich wunderschön!
FANNY
Ja, nicht wahr? Das ist alles Dörtes Verdienst!
Ihre Agentur kümmert sich um gehobene Immobilien.
JOHANNA
Ich weiß, bravo, Dörte.
(wendet sich an Fanny)
Das ist ein gewaltiger Unterschied zum Apartment
Am Boulevard – Tag und Nacht!
FANNY (verwirrt)
Wie bitte?
JOHANNA
Ich sage doch: Tag und Nacht!
Verglichen mit dem Boulevard.
FANNY
Du hast dort gewohnt?
JOHANNA
Natürlich war ich dort. Zumindest, glaube ich…
Ja, ich war dort.
FANNY
Nein, das kann nicht sein, Johanna.
Ich erinnere mich nicht,
Dass wir dich dort empfangen hätten.
JOHANNA
Warte, der Boulevard – das war doch die Wohnung
Im obersten Stock, mit dem Balkon rundum
Und den quadratischen Blumentöpfen, oder?
FANNY
Ja, genau. Quadratische Blumentöpfe.
JOHANNA
Ich könnte mir das nicht ausdenken.
GOZILLA
Wenn sie es sagt, dann stimmt es!
DÖRTE
Warum sollte sie lügen?
FANNY
Entschuldige, Johanna, aber ich erinnere mich
Wirklich nicht… Und wann war das überhaupt?
JOHANNA
Die genauen Daten? Ehrlich gesagt… keine Ahnung.
FANNY
Steve, erinnerst du dich?
STEVE
Äh… gute Frage. Leider… nein.
DÖRTE
Sieht so aus, als hättest auch du ein Problem
Mit den Daten, Konrad.
STEVE
Es wird dir schon wieder einfallen!
KONRAD (konzentriert)
Moment, lasst mich nachdenken…
Ah ja, jetzt kommt’s zurück.
Johanna war nie offiziell eingeladen.
GOZILLA
Ah! Sie ist quasi durchs Fenster hereingekommen!
STEVE (tippt sich an die Stirn)
Jetzt erinnere ich mich: Fanny war bei ihrer Mutter,
Ich im Büro. Ich musste nachmittags
Nach Berlin fliegen, doch kurz vor der Abreise merkte ich:
Ich habe meinen Pass vergessen!
Also bat ich Johanna, zum Boulevard zu gehen
Und ihn zu holen. Ich gab ihr den Schlüssel,
Und so hat sie die Wohnung gesehen.
JOHANNA
Genau so. Ich war dort, allein.
FANNY
Aber wann war das?
STEVE
Weiß nicht mehr genau… Wann hatte deine Mutter
Diese Herzkrankheit, Fanny?
Mit all den Operationen, Spezialisten aus der ganzen Welt…
FANNY
Vor zwei Jahren.
STEVE
Richtig, vor zwei Jahren! Du pendeltest zwischen Hamburg
Und dem Krankenhaus, ich war in Berlin
Bei Verträgen mit ostdeutschen Partnern…
Es passte einfach schlecht.
KONRAD
Gut, das Rätsel ist gelöst.
FANNY (leicht verlegen)
Mhm…
KONRAD
Fanny, willst du uns nicht ein Stück Kuchen servieren?
JOHANNA
Auch der Garten ist schön. Groß, wie es aussieht.
KONRAD
Riesig! Ein kleines Amazonien.
DÖRTE
Warum musste man für Berlin einen Pass mitnehmen?
GOZILLA
Dörte hat recht – eine ID hätte doch gereicht.
STEVE
Nein, hört zu. Ich erinnere mich:
Wenn ich Johanna den Pass holen ließ,
Habe ich wohl auch keine ID gehabt!
Es heißt nicht, dass man gar keine Papiere mehr braucht.
DÖRTE
…Mhm.
STEVE
Außerdem: Ich vergesse alles, verliere alles.
Ich war schon immer chaotisch, Fanny – nicht wahr?
FANNY
Ja… und nein… es kommt wohl oft darauf an.
STEVE
Dann musste ich es sein! Die Gründe sind schwer;
Deine Mutter hing am seidenen Faden.
KONRAD (verärgert)
Verzeih mir, doch ist es wirklich so wichtig?
Johanna sprach vom Haus, und wir versinken
Zwei Jahre zurück. Kein Wunder, dass
Die Erinnerungen verschwimmen so schnell.
Damals war die Sorge groß, die Mutter krank.
FANNY (erschrocken)
Wer… ist tot?
STEVE
Doch!
FANNY
Gar nicht! Meine Mutter lebt noch heut!
KONRAD
Bist du dir da sicher?
FANNY
Ja, sie wurde am Herzen oft operiert,
Doch ist sie vollständig wiederhergestellt.
KONRAD
Ah.
STEVE
Sie gedeiht! Sie rief uns sogar zuvor an.
DÖRTE (leise)
Schon wieder die Chance verpasst, zu schweigen.
STEVE
Verzeih.
JOHANNA
Pardon…
KONRAD
Entschuldige, Fanny. Ich glaubte, sie sei fort.
Vor zwei Jahren war sie alt, so krank, ich dachte,
Das Schlimmste sei geschehen.
FANNY
Nein, Konrad. Sie lebt, sie kommt und geht,
Sie isst, sie lebt… alles ist wohl.
KONRAD
Gut! Ich freue mich! Die Nachricht hebt den Abend;
Ein Glücksmoment, der unser Herz erfüllt.
DÖRTE
Genug! Nicht noch eine Schicht oben drauf.
STEVE
Fanny, Liebste, fahre fort, und serviere bitte.
FANNY
Wir sollten nicht zu lange verweilen.
Wir essen, reden, doch es bleibt kaum Zeit.
KONRAD
Zu dieser Stunde ist es noch viel kürzer.
GOZILLA
Sind wir wohlauf?
JOHANNA
Ja… doch Nachtfahrten mag ich nicht.
Du hast das Auto gewechselt?
JOSEF
Ich? Nein.
JOHANNA
Der Mercedes draußen beim Kommen—
War sofort klar, das ist gewiss von Josef.
JOSEF
Ah… ja, ja. Doch er ist anderthalb Jahre alt.
JOHANNA
So sehe ich es. Ersetzt das alte Modell.
Zuvor, ein Jaguar, Leder rot im Innern.
GOZILLA
Ah, du kanntest den Jaguar?
JOHANNA
Ich fuhr darin. Voll Knöpfe ringsum,
Wie ein Cockpit eines Airbus… er war stolz.
JOSEF
Nicht sehr. Ein Freund, Richter in Köln,
Besorgte ihn günstig—gebraucht, kein Luxus.
JOHANNA (schelmisch)
Josef, du schlaue List.
JOSEF
Keine List; völlig legal war es.
JOHANNA
Ich weiß… nur ein Scherz. Ein Anwalt spielt
Mit Grenzen, ohne sie zu übertreten.
JOSEF
Gut gesagt.
GOZILLA
Hör auf! Deine Worte schweifen, wirr und leer.
Wie habt ihr euch wirklich getroffen?
JOHANNA
Lustig, er erzählte es dir nie?
GOZILLA
Kurz. Sehr kurz.
JOHANNA
Er verteidigte mich einst in einem Fall.
Sehr gut, tatsächlich — er tat es wohl.
GOZILLA
Das glaube ich gern. Doch warum
Wandtest du dich zu ihm?
JOHANNA
Es war Zufall mit dem Auto. Mein altes versagte,
Eine öde Straße, ein rostiges Wrack.
Ich konnte den Motor nicht öffnen, hob nicht die Haube,
Und hielt den Daumen hoch, um zu trampen.
Das erste Auto hielt—und da war er.
DÖRTE
Ich wundere mich nicht.
JOHANNA
Und wer war das? Es war Josef.
JOSEF (zu Gozilla)
Ja, das war ich. Ich fuhr ganz ruhig dahin.
JOHANNA
Er wollte in Bremen plädieren.
Er lud mich ein: „Komm doch zur Sitzung,
Es ist eine öffentliche Verhandlung.“
Ich dachte: warum nicht? Ich ging,
Und ich muss sagen, ich war nicht enttäuscht.
Er zerdrückte, demütigte den Gegner,
Die Zuschauer fast tot vor Heiterkeit.
Dabei war der, den er verteidigte,
Nicht unschuldig—eine wahrhaft schlimme Kreatur!
Es war ein Betrüger,
Ein Bankier mehr oder weniger, der arme,
Naive Sparer überlistete.
Ein ehrlicher Mandant, das ist schön,
Doch ihn frei sprechen lassen—das ist brillant!
Großer Anwalt!
DÖRTE
Ich sah dich plädieren, du bist furchtbar,
Unglaublich scharf, man spürt die Macht in dir.
KONRAD
Das ist doch für meinen Bruder nicht für nichts!
GOZILLA
Ja, ja, wir wissen, er ist begabt.
Und dann? Hat er dir seine Karte gegeben?
JOHANNA
Ja… nein, besser: er lud mich gleich ein
Zum Abendessen, seine Siege zu feiern.
GOZILLA
Zum Abendessen?
JOHANNA
Ja… am selben Abend.
DÖRTE
Am selben Abend?
JOHANNA
Das feinste Restaurant von Bremen.
GOZILLA
Du übertreibst. Feinstes? Sicher nicht.
Sehr elegant zwar, doch…
JOHANNA
Für mich, die das nicht gewohnt ist…
GOZILLA
Mmh… und dann?
JOHANNA
Alles!
GOZILLA
Alles was?
JOHANNA
Der Wein, hundert Euro die Flasche,
Café, Digestif… alles mit Ehre und Respekt!
GOZILLA
Ah ja!
JOHANNA
Ein Geschäftsdinner, sozusagen.
GOZILLA
Na gut. Doch an jenem Abend
Entdecktest du ihn neu, sehr interessant.
JOHANNA
Da erzählte ich ihm auch alles über Tonio.
GOZILLA
Tonio?…
JOHANNA
Mein ehemaliger Verlobter, der mich quälte.
Er wollte mich entstellen mit Säure.
Er war ein Bündel von Schlimmem:
Alkoholiker, gewalttätig, besessen—
Alles zugleich!
DÖRTE
Darf ich fragen, wie es überhaupt so kam,
Dass er dein Verlobter wurde, bei diesem Grauen?
JOHANNA
Zu Beginn… jung, frisch, attraktiv…
Beim ersten Treffen war ich noch wilder als er.
Wir sprachen undeutlich, verschluckten Laute.
Normalerweise versteht einen keiner.
Außer man ist selbst betrunken.
DÖRTE
Nicht kürzlich jedenfalls.
JOHANNA (fast verlegen)
Wir kommunizierten so: „Gudn Abnd…“
Ja, so ungefähr. Ich wurde nüchtern,
Doch er nie ganz… er hatte etwas,
Etwas Einzigartiges, und ich…
GOZILLA
Ja?
JOHANNA
Nun… es ist mir etwas peinlich, das zu erzählen.
GOZILLA
Wir sind unter uns.
KONRAD
Ja! Es ist keine frohe Geschichte,
Wir sollten nicht zu lange verweilen.
Das Gespräch ist sehr, sehr konzentriert,
Fast unangenehm…
DÖRTE
Ich wette, Johanna möchte alles erzählen…
JOHANNA (scheu, fast flüsternd)
Du siehst nicht…
GOZILLA
Ich habe eine Idee, ja…
FANNY
Was für eine Idee?
GOZILLA
Die behalte ich für mich.
JOHANNA
Um es klar zu sagen, und den Unschuldigen zum Trotz:
Tonio liebte wie ein Gott.
Ob nüchtern oder betrunken,
Er hatte das Talent, mich zu überwältigen!
(Beeindrucktes Schweigen)
FANNY
Ach so…
GOZILLA (leise zu sich)
Ich hatte genau getroffen.
JOHANNA
Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: ich bin
Ein sehr körperlicher Mensch. Vernachlässige
Ich bestimmte Dinge, fällt Trauer mich an,
Ich schwinde, ich vergeh, ich welke dahin.
Manche Frauen leben allein und es reicht,
Auch manche vermählt, die ihr Mann nicht mehr berührt.
Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, wie man sich
Selbst befriedigt. Ich brauche meine Dosis.
JOSEF (zum Tisch)
Der Kuchen ist hervorragend, Fanny.
FANNY
Danke. Normalerweise, diesen hier, probier ich nicht.
JOHANNA
Was ist das kleine Extra, das ihn würzt?
FANNY
Zimt.
JOHANNA
Zimt! Alles verändert sich mit Zimt.
Zimt!
(zu Gozilla)
Nicht wahr?
GOZILLA
(gleichgültig)
Ja.
KONRAD
Fanny, ihr Talent liegt in der Patisserie.
DÖRTE
Und jetzt?
JOHANNA
Jetzt, was?
DÖRTE
Seit jenem Tonio, der so überaus begabt war…
GOZILLA
…du hast einen Verlobten, der explodiert?
JOHANNA
Ja, jetzt habe ich einen Verlobten.
Es stört euch nicht zu antworten,
Da ihn hier niemand kennt.
JOSEF
(zu Gozilla)
Also, bist du beruhigt?
JOHANNA
Sein Name ist Christoph.
JOSEF
(erleichtert)
Christoph!
DÖRTE
Amerikaner?
JOHANNA
Libanese.
FANNY
Libanese, dieser Christoph?
STEVE
Christoph Kolumbus!
(lachend)
JOHANNA
Das Problem: er pendelt zwischen Berlin und Beirut.
GOZILLA
Und das ist ein Problem, warum?
JOHANNA
Er ist verheiratet, hat fünf Kinder.
FANNY
Ah, das war es also, von dem du am Telefon sprachst:
„Eine sehr freie Beziehung mit einem Mann,
Der weniger frei war!“ Das war Christoph!
DÖRTE
Wenn seine Frau in Beirut wohnt, sollte doch Ruhe sein!
JOHANNA
Nicht mehr. Sie lebt jetzt in Berlin mit den Kindern
Und ist sehr misstrauisch.
DÖRTE
Das ist verständlich…
JOHANNA
Die Arme, er betrügt sie mit allem, was sich bewegt.
Auch mich betrügt er! Er ist ein heißer Typ.
FANNY
Ah ja…
JOHANNA
Mir egal, ich bin nicht verliebt.
Er ist geschickt für das, was man weiß,
Mir reicht das vollkommen. Und er ist Musikproduzent.
GOZILLA
Was für ein Zusammenhang?
FANNY
Interessant, Musikproduzent!
JOHANNA
Ja, interessant und vor allem interessiert.
Ja, und da wir schon bei den Enthüllungen sind…
Ich singe.
DÖRTE
Ah, wirklich? Du bist Sängerin?
JOHANNA
Fast, ich „trällere“. Ich bin nicht die Callas.
Christoph ließ ein Lied komponieren, nichts Besonderes,
Aber wir versuchen, es zu veröffentlichen.
Er meint, heute zählt für Sängerinnen mehr das Äußere
Als die Stimme.
FANNY
(zustimmend)
Fernsehen!
GOZILLA
Was das Äußere betrifft, da bestätige ich:
Du hast es definitiv!
STEVE
Also, wenn ich es richtig verstehe, willst du…
Mich verlassen?
JOHANNA
Wie bitte?
FANNY
Was meinst du mit „verlassen“?
STEVE
Ich meine, mir deine Kündigung geben.
JOHANNA
Noch nicht veröffentlicht, wir arbeiten an der Skizze.
Es sollte nächstes Jahr erscheinen.
STEVE
Jedenfalls, du hast dein Spiel gut verborgen.
JOHANNA
Ich finde nicht. Viele um mich wissen, dass ich singe.
STEVE
Ich jedenfalls nicht.
JOHANNA
Konrad wusste es!
DÖRTE
Konrad?!
JOHANNA
Nicht nur, dass ich dir davon erzählte,
Ich sang sogar ein kleines Stück für dich im Büro.
KONRAD
(verlegen)
Im Büro?
DÖRTE
Im Büro?!
KONRAD
Es ist möglich, doch das ist lange her.
FANNY
Welches Lied?
KONRAD
Ich weiß nicht mehr…
JOHANNA
„La Déclaration“.
DÖRTE
Welche Deklaration?
JOHANNA
„La Déclaration“ – der Titel von France Gall.
(zu Konrad)
Du hattest es geliebt!
KONRAD
(peinlich berührt)
Das ist sehr vage…
JOHANNA
Doch… es war an dem Tag,
An dem du von deinem Sohn sprachst.
Du warst besorgt, er war depressiv,
Er zog sich zurück, sprach kaum.
Und ich, um dich zu trösten, sang für dich:
Wenn ich allein bin und du nicht bei mir,
Fühle ich mich leer…
(Allgemeine Verwirrung über die zweideutigen Worte, ein Moment der Stille)
FANNY
Jedenfalls, du singst gut!
JOHANNA
(zu Konrad)
Nicht wahr?
KONRAD
(vortäuschend vergessend)
Nein, wirklich…
DÖRTE
Willst du es uns nicht noch einmal singen, ganz?
Vielleicht erinnert sich Konrad dann.
FANNY
Oh ja! Einfach so, a cappella!
JOHANNA
Nein, ich wage es nicht. Ich fühle mich lächerlich.
Trotz allem, ich bin eine sehr schüchterne Person.
GOZILLA
(ironisch)
Ha!
JOHANNA
Noch nicht genug Wein getrunken, um zu beginnen.
GOZILLA
Fürchtest du nicht, dass dein libanesischer Produzent
Mit dieser Geschichte von der Platte spielt?
Die Showbiz-Welt ist doch ziemlich korrupt!
JOHANNA
Ja, völlig einverstanden!
Deshalb habe ich den Vertrag lieber
Von ihm unterschreiben lassen.
GOZILLA
Weil du dich auskennst?
JOHANNA
Ich nicht, ich bin keine Expertin,
Doch ich ließ ihn Josef lesen,
Bevor ich unterschrieb.
JOSEF
Ich kenne einen großen Anwalt,
Ich werde es nicht versäumen!
JOHANNA
Ja, nun… ich habe ihn überflogen,
Es ist ein Standardvertrag.
JOSEF
Aber nicht so standardmäßig, wie du sagst.
Du hast viele Dinge ändern lassen,
Bevor du unterschriebst.
Und du hattest Recht.
JOHANNA
Josef blieb lieber im Hintergrund.
Wir saßen den ganzen Abend zu zweit,
Durchgingen alles, ich machte Notizen,
Wie eine ehrfürchtige Studentin vor ihrem Professor.
Dann schickte ich die Änderungen an Christoph,
Und wir unterschrieben.
(Kurze Pause)
STEVE
Es wird wärmer, oder? Soll ich runterdrehen?
JOHANNA
Nein, es geht.
FANNY
Noch ein Stück Kuchen?
(Allgemeines Murmeln der Ablehnung)
JOHANNA
Ach, übrigens, ganz vergessen:
Ich habe eine Schachtel Pralinen mitgebracht,
Sie liegt noch im Auto.
FANNY
Oh! Das hätte nicht sein müssen!
JOHANNA
Doch. Es ist das Mindeste.
FANNY
Nein, es ist ein ganz einfacher Abend,
Niemand hat etwas mitgebracht!
(Blicke der anderen)
JOHANNA
Ich bin ich, die anderen tun, was sie wollen!
Josef, könntest du bitte? Sei so gut.
Ich parkte direkt hinter dir. Der weiße Clio.
(flehend)
Bitte…
GOZILLA
Na los, Josef, wenn man dich so freundlich bittet!
JOSEF
(kühl)
Wie sehen sie aus, die Pralinen?
JOHANNA
(streng)
Wie sollen sie aussehen? Wie eine Bratpfanne?
GOZILLA, KONRAD, DÖRTE, STEVE, FANNY, JOHANNA versammelt
FANNY
(strahlend)
Ach, Johanna, ich hab’s dir noch nicht gesagt:
Ich bin schwanger!
JOHANNA
Nein! Wie wunderbar!
(kurze Pause)
Von wem?
Ich scherze! Ich freue mich sehr, Fanny.
FANNY
Danke.
JOHANNA
(zu Steve)
Siehst du, es gelingt dir!
STEVE
Hm?
JOHANNA
Siehst du, es gelingt dir!
(zu den anderen)
Nein, wir sprachen einmal im Büro,
Jeder fragte ihn, wann er ein Kind machen wolle…
FANNY
Und?
JOHANNA
Er dachte, das Problem liege bei ihm.
FANNY
Wirklich? Hast du das geglaubt?
STEVE
(vage)
Ja, ich weiß nicht mehr,
Vielleicht sagte ich es einmal so…
JOHANNA
Ich erinnere mich genau.
Damals war ich selbst gerade schwanger geworden.
(Stille der Überraschung)
DÖRTE
Du hattest ein Kind?
JOHANNA
Nein. Ich behielt es nicht… Ich konnte nicht.
FANNY
Er trat trotzdem auf?
JOHANNA
So könnte man sagen, ja.
Es war kein gewünschtes Kind…
Ein Unfall, könnte man sagen.
Der Vater… na ja, er war nie der Vater,
Da keine Geburt. Der Mann, der mir
Das kleine Wesen ins Herz gelegt hatte,
Konnte ein uneheliches Kind nicht tragen.
FANNY
Warum nicht?
JOHANNA
Er war schon verheiratet.
GOZILLA
Eindeutig.
FANNY
(zart lächelnd)
Dein libanesischer Produzent!
JOHANNA
Nein, nein, das war lange vor Christoph!
DÖRTE
Dann war es Tonio?
FANNY
Der, der dich entstellen wollte?!
JOHANNA
Nein, danach. Zwischen Tonio und Christoph.
Ich war bereit, dieses Kind zu behalten,
Auch wenn sein Vater es nicht anerkennen wollte.
FANNY
Es ist traurig.
JOHANNA
(die Leichtigkeit verlierend)
Er hätte es zu schwer erlebt.
Und ich wollte diesen Mann nicht unglücklich sehen.
Denn er, im Gegensatz zu Tonio oder Christoph,
Oder allen anderen…
Da war ich wirklich verliebt…
Verrückt…
(die Stimme gebrochen)
Er liebte mich nicht genug,
Um ein Kind zu machen…
Nur mein Körper interessierte ihn…
FANNY
Ach, die Männer, schöne Pobacken!
JOHANNA
Gleichzeitig gab mir die Natur
Einen harmonischen Körper,
Darüber will ich mich nicht beklagen.
(Johanna wendet sich ab, wischt ihre Tränen ab)
JOHANNA
Entschuldigt, ich hätte euch das nicht erzählen sollen.
(Alle sind zugleich bewegt und überrascht.)
JOSEF
(erschöpft)
Ich fand die Schokolade nicht!
Überall gesucht, im Handschuhfach,
Auf der Rückbank, selbst auf den Fußmatten—
Kein einziges Stück!
(Stille, dann…)
JOHANNA
Vielleicht hab’ ich sie zu Hause gelassen.
JOSEF
Ja, vielleicht… hättest du dich vorher erinnern können,
Bevor du mich rausgeschickt hast!
Jetzt friere ich mir die Finger ab.
GOZILLA
(scharf)
Was ist passiert, Josef?
JOSEF
Ich hab’s euch doch gesagt,
Ich hab die Schokolade nicht gefunden.
GOZILLA
War sie es?
JOSEF
Wer?
GOZILLA
„Sie“.
JOSEF
Was? Sie?
JOHANNA
Ich geh’ jetzt rein. Mir ist nicht wohl.
GOZILLA
Nein, zu einfach! Jetzt reden wir Klartext!
Keine Andeutungen mehr, kein Spiel!
Hattet ihr eine Affäre, Josef, ja oder nein?
DÖRTE
Mit Konrad etwa?
FANNY
Nicht etwa mit Steve?!
(Johanna schweigt einen Moment)
DÖRTE
Ja, mit wem?
GOZILLA
(zitternd)
Welcher von beiden, verdammt nochmal?!
JOSEF
Niemand! Keiner von uns dreien!
Seitdem sie hier ist, spielt sie nur mit uns.
STEVE
Sie führt uns an der Nase herum, es macht ihr Spaß!
Sie lässt sich einladen, sagt ab, kommt dann doch—
Und erzählt uns dann ihre Geschichten,
Streut Hinweise hier und da.
Am Ende gerät jeder in Panik,
Dabei hat niemand etwas zu verbergen!
Was für eine hinterhältige Person!
GOZILLA
Ah ja? Und warum tut sie das?
STEVE
Um sich zu rächen!
GOZILLA
Sich rächen wofür? An wem?
DÖRTE
Wenn sie sich rächen muss,
Dann hat jemand ihr wehgetan!
GOZILLA
Und der ist hier, eindeutig.
(Alle starren sich an, diesmal wird jemand verdächtigt)
DÖRTE
Niemand gesteht?
GOZILLA
Nein, anscheinend hat keiner den Mut.
STEVE
Ich.
FANNY
Steve?!
STEVE
Ja.
FANNY
Unmöglich…
JOSEF
(amüsiert, skeptisch)
Und du, Johanna… ihr habt…?
(zögerlich, zwei Hände ineinander verschränkt)
Nein…
STEVE
Endlich, ja!
Nicht mehr umständlich!
Ich werde euch nichts zeichnen müssen!
Da seid ihr, die drei!
Ihr suchtet einen Schuldigen—hier ist er!
Es ist vollbracht!
FANNY
(ungläubig)
Wirklich?
JOHANNA
Ja.
(nach kurzem Zögern)
Na ja… fast.
DÖRTE
Wie „fast“? Ja oder nein! Kein „fast“!
FANNY
Wie war es genau? Erzähl!
STEVE
Ich sage doch, ich war’s!
Wozu noch Worte?
FANNY
Es stimmt!!!
STEVE
Es war, als du bei deiner Mutter warst.
Ich war allein zu Hause.
Ich bat Johanna, um acht Uhr abends
Mir ein wichtiges Dokument zu bringen.
Sie kam, ohne Argwohn, im Glauben,
Du seist ebenfalls zu Hause.
Ich bot ihr Kaffee an, erzählte,
Du wachtest am Bett deiner Mutter—
Dass sie sterben könnte,
Dass ich mutlos, verloren sei…
Ich weiß nicht mehr genau, was ich sagte…
Ich streichelte ihre Brüste.
FANNY
Und nach den Brüsten?
JOHANNA
Ich stieß seine Hand sanft zurück,
Ohne ihn verletzen zu wollen.
Dann wollte er mich küssen—
Ich schlug ihn, und floh.
Am nächsten Tag rief er mich ins Büro.
Ich dachte, er würde mich entlassen.
Doch nein—
Er war kleinlaut, reumütig, fast rührend.
Er entschuldigte sich, ehrlich.
Ich entschuldigte mich für die Ohrfeige.
Er sagte, er habe sie verdient.
Ich versprach zu schweigen - für immer.
Und wir schwiegen…
Bis heute Abend. Es tut mir leid, Fanny.
FANNY
(weinend zu Steve)
Es tut mir weh, was du getan hast—
Während meine Mutter am offenen Herzen lag!
Du respektierst nichts. Du bist ein Monster.
DÖRTE
Vielleicht—doch bringt uns das weiter?
FANNY
Nicht weiter?!
GOZILLA
Von ein paar begrapschten Brüsten
Wird niemand schwanger!
FANNY
Ich weiß, wie Schwangerschaft entsteht!
Aber er hätte es tun können — er wollte!
STEVE
Vergib mir.
FANNY
„Vergib mir“—das ist kein Zauberwort!
STEVE
Was kann ich sonst sagen?
Aua!
FANNY
Es musste raus.
STEVE
(die Wange haltend)
Sanfter hätte es sein dürfen.
FANNY
Entschuldige.
STEVE
Ich liebe dich.
(Gozilla und Dörte wenden sich ab. Johanna zieht ihren Mantel an.)
FANNY
Du gehst?
JOHANNA
Ja. Gute Nacht, Fanny.
FANNY
„Gute Nacht“—nach diesem Chaos?!
GOZILLA
(den Weg versperrend)
Niemand geht, bevor wir die Wahrheit kennen!
JOHANNA
(trotzig)
Willst du mich schlagen?
KONRAD
Lass sie gehen, Gozilla. Es reicht.
DÖRTE
(eiskalt)
Konrad…
KONRAD
Ja. Ich sage: Sie darf gehen.
(Musik. Dunkel.)
Dörte allein mit Fanny. Dörte zerstört, Fanny tröstend.
FANNY
Er hat dich betrogen. Er hat dich belogen.
Du bist betrogen worden—
Ja, der Himmel ist dir auf den Kopf gefallen.
Aber so schwarz ist das Bild nicht.
Wenn du genau hinsiehst — hat er…
Seinen Fehler begrenzt.
DÖRTE
„Begrenzt“?
Was soll das heißen?
FANNY
Er hätte das Kind akzeptieren können—
Oder sich gar nicht darum scheren!
Männer, die überall Bastarde hinterlassen,
Gibt es zuhauf. Er hätte es tun können—
Doch er tat es nicht. Das zeigt,
Dass er noch Prinzipien hat.
Und Gefühle für dich.
Sie selbst hat es gesagt—
Es ging nur um Sex. Eine reine Affäre—
Was ist das schon? Nichts.
DÖRTE
Danke für den Trost, Fanny —
Doch du machst es schlimmer.
Bitte schweig. Du kannst es nicht verstehen.
FANNY
Ich kann es nicht verstehen?!
Und Steve und ich?
Mir ist dasselbe passiert!
DÖRTE
Nicht ganz.
FANNY
Gut — er war weniger charmant als dein Mann.
Glück für mich. Aber er wollte Johanna dasselbe antun!
Und ich? Ich habe vergeben. Denn Vergebung
Unterscheidet den Menschen vom Tier.
Und außerdem — wir trennen uns jetzt nicht,
Wo ich schwanger bin
Und wir uns für fünfzehn Jahre verschuldet haben!
DÖRTE
Wunderbar. Ich beneide dich um diese Stärke.
Ich habe sie nicht.
FANNY
Dein Konrad ist völlig fertig.
Er steht draußen im Garten wie ein Geist —
Bei dieser Kälte holt er sich noch den Tod.
DÖRTE
Gut.
FANNY
Nein, Dörte, so darfst du nicht reden!
All das ist meine Schuld.
Hätte ich Johanna nicht eingeladen…
Ach, welch ein Missgeschick!
Was bin ich für eine Närrin!
Manchmal bin ich die Königin der Dummheit.
(Gozilla tritt ein. Sie wirft einen Blick, sieht das Chaos.)
FANNY / DÖRTE / GOZILLA
FANNY
Wo sind die Männer? Man hört sie nicht mehr.
GOZILLA
Steve wäscht das Geschirr, und Josef trocknet es,
Konrad ist draußen, er raucht.
Vor einer halben Stunde war jeder eilig nach Hause,
Und jetzt…
(Dörte verschränkt die Arme, stumm.)
GOZILLA
Alles gut?
DÖRTE
Und bei dir?
GOZILLA
Die Frage gilt dir…
DÖRTE
Danke.
GOZILLA
(leicht verzweifelt)
Das Abendessen nahm eine unerwartete Wendung.
DÖRTE
Genug davon, ja.
FANNY
Man kann sagen, es ist völlig aus dem Ruder gelaufen!
GOZILLA
Ich hatte ein schlechtes Gefühl.
Josef bestand darauf, ich wollte gar nicht hierher.
FANNY
Warum wolltest du nicht kommen, Gozilla?
GOZILLA
Warum? Weil es mich langweilt.
Eine Stunde Fahrt—langweilig.
Sich über einen Garten oder Kamin freuen—langweilig.
Essen, das zu kalt oder zu fad ist—langweilig.
Von Anfang bis Ende, diese Art Abend—langweilig.
Eine Pflicht, nichts weiter.
FANNY
Bei mir zu Besuch, langweilig?
GOZILLA
Nicht bei dir, speziell nicht, Fanny.
Bei Menschen, die uns gleichgültig sind,
Wo wir nur aus Pflicht hingehen,
Zum Beispiel aus familiären Gründen.
Ich verstehe, dass Brüder sich sehen wollen,
Aber warum sollen wir, die Schwägerinnen,
Gefangen genommen werden?
FANNY
Ich sage dir, so fühle ich mich nicht!
Mit euch fühle ich mich nicht gefangen.
GOZILLA
Seien wir ehrlich, Fanny, nur eine Minute!
Eine kleine Wahrheit im Meer der Konventionen.
Wir drei sind nicht wirklich Freundinnen.
Es gibt keine Gemeinsamkeiten!
FANNY
Ach ja?
GOZILLA
Tu nicht so, als würdest du es nicht bemerken!
Wir interessieren uns für verschiedene Dinge.
Ich verachte Oberflächlichkeiten,
Liebe Lesen, Bildung, Lehren.
Dörte liebt Kleidung, Ausgehen,
Menschen aus ihrer Schicht treffen.
Und du, Fanny… was ist mit dir?
FANNY (suchend, ernst)
Nun… ich… Was bin ich eigentlich?
DÖRTE
Das Essen?
FANNY
Ja, das Kochen, ich steh dazu! Aber noch vieles mehr.
Nur weil ich Hausfrau bin, heißt das nicht,
Dass mein Leben uninteressant ist.
Ich liebe es, Gäste zu empfangen!
DÖRTE
Diesmal hast du es geschafft.
FANNY
Ich freute mich auf euch, die Wohnung,
Das Abendessen. Doch es lief nicht wie geplant…
DÖRTE
Das ist milde ausgedrückt.
GOZILLA
(herablassend)
Du hast es versucht.
FANNY
All meine Bemühungen…
GOZILLA
Es zählt nicht, was du getan hast, sondern das Ergebnis.
Du gibst dir Mühe, und doch geht alles daneben.
FANNY
Keine Sorge, ich habe verstanden!
Ich bin die alberne Schwägerin.
Ihr habt alles gesehen, gelesen,
Ich bin der Quatschkopf für einfache Dinge,
Sage nur Blödsinn.
Ihr seid gewöhnt an kluge Köpfe,
An Zitate von Baudelaire oder Proust.
Ich habe keine Konversation.
Und wenn ich etwas Wichtiges sage,
Interessiert es euch nicht.
Ich habe es heute gespürt:
Als ich sagte, ich sei schwanger,
Fandet ihr mich lächerlich.
Gozilla, ich sah, wie du die Augen rolltest.
Und du, Dörte, bist völlig gelangweilt,
Weil dein Kind einen IQ von 64 hat!
DÖRTE
154!
FANNY
(beleidigt, den Ton erhöhend)
Auch 300, wenn du willst! Mir egal!
Aber habt keine Angst: Wenn mein Baby geboren wird,
Werdet ihr nicht eine Stunde fahren müssen,
Um es zu sehen! Niemand wird es sehen!
Denn allen anderen ist es egal!
DÖRTE / GOZILLA
DÖRTE
Gar nicht schlecht, ihr Kleid, diesmal.
GOZILLA
Hm… naja.
JOSEF / DÖRTE / GOZILLA
JOSEF
Hat Fanny gerade geschrien?
GOZILLA
Sie schreit nicht, sie weint.
JOSEF
Warum?
DÖRTE
Kompliziert, ein Geflecht von Gefühlen.
GOZILLA
Ich erlaubte mir, ihr einiges zu sagen.
JOSEF
Und du musstest das wirklich?
GOZILLA
Musste nicht. Es tat mir gut.
JOSEF
Findest du nicht, dass der Abend
Schon voller Emotionen war?
Konntest du nicht ein wenig für später aufheben?
GOZILLA
(ironisch)
Welche späteren Male?
JOSEF
Willst du dich nicht entschuldigen?
GOZILLA
Wofür?
DÖRTE
(entscheidend)
Ich gehe zu ihr, sehe nach.
JOSEF / GOZILLA
JOSEF
Du, die sich fürchtete vor Langeweile,
Endlich ein Abend voller Geräusche und Wut.
GOZILLA
Ich verlangte nicht so viel.
JOSEF
Ich weiß. Zwischen uns, Gozilla…
Mit dieser Johanna… hast du nicht versucht,
Nur ein wenig, aus Höflichkeit?
GOZILLA
Du warst der Nervöseste von euch dreien,
Als du hörtest, sie sei eingeladen.
JOSEF
Ja, ich. Willst du wissen, warum?
Dieses Mädchen ist schwer neurotisch.
Sie lebt im Schmerz, braucht, dass man ihr leid tut.
Ich merkte es schon früh, bei ihrem Prozess.
Tonio war krank, gefährlich, ja.
Aber ihr Verhalten… es trieb ihn an die Grenze…
Sehr gefährlich, ungesund.
GOZILLA
Deshalb empfahlst du sie deinem Bruder,
Damit er sie in seiner Firma einstellt?
JOSEF
An wen?
GOZILLA
An Steve.
JOSEF
Ja, hallo… einen Moment.
Nicht auflegen…
DÖRTE / JOSEF / GOZILLA
DÖRTE
Fanny hat sich im Bad eingeschlossen.
Sie weigert sich, die Tür zu öffnen.
GOZILLA
Sie weint immer noch?
DÖRTE
Nein, ich hörte, wie sie ihre Zähne putzte.
Ich rief ihren Sohn an: „Hallo?
Noch wach? Was machst du?“
(Dörte am Telefon)
DÖRTE
Nein, mein Schatz, keine Sorge.
Alles in Ordnung, wir haben einen schönen Abend.
Warte nicht auf uns, bis bald.
KONRAD / DÖRTE
KONRAD
Mit wem telefonierst du?
DÖRTE
Mit Theo. Er macht sich Sorgen.
KONRAD
Zu Recht. Ich wäre auch besorgt,
An seiner Stelle. Gehen wir?
DÖRTE
(ihr Handy haltend)
Ja, eine Sekunde, ich rufe meine Mutter an.
KONRAD
Warum so spät, bei Nacht, die Mutter anrufen?
DÖRTE
Um sie zu informieren. Sei so nett
Und bring mich auf dem Heimweg vorbei.
KONRAD
Willst du dort schlafen?
DÖRTE
Wo sonst? Mit dir im selben Bett?!
KONRAD
Musst du wirklich deine Mutter
Über unsere Angelegenheiten informieren?
DÖRTE
Es sind keine „kleinen Angelegenheiten“, Konrad.
Eine kolossale Sauerei, die du mir zugemutet hast.
Und öffentlich noch dazu!
KONRAD
Gut. Ich dachte, du hättest Zeit gehabt,
Das zu relativieren. Du übertreibst.
Also, was sage ich Theo, wenn ich heimkomme?
DÖRTE
Was ihm sagen? Dass du eine völlig nymphomane
Frau ins Bett geholt hast, dass sie schwanger wurde,
Doch er keinen Halbbruder, keine Halbschwester bekommt,
Denn sie hat abgetrieben.
KONRAD
Und glaubst du wirklich, Theo will das hören?
DÖRTE
Er ist hochbegabt — soll es doch nützen!
KONRAD
(ruhig, für sich)
Totaler Nervenzusammenbruch.
DÖRTE
(am Telefon)
Mama, hier ist Dörte… Ich wecke dich?
Ich komme heute Nacht zu dir.
Nein, allein, nicht mit Konrad.
Ich erklär’s dir, wenn ich da bin.
Ja… ziemlich…
Nein, niemand ist tot, niemand verletzt —
Es ist viel schlimmer als das!
KONRAD
Du gibst deiner Mutter wieder einen Grund,
Mich noch mehr zu verachten.
DÖRTE
Sei ehrlich: Dir ist völlig egal, was sie von dir denkt.
KONRAD
Das stimmt.
DÖRTE
Wenn sie hört, dass du mit einer kleinen Hure
Ins Bett gestiegen bist, wird sie kaum erstaunt sein.
KONRAD
Vielleicht freut sie sich sogar.
DÖRTE
Nicht ausgeschlossen. Wir können gehen, wenn du willst.
STEVE / KONRAD / DÖRTE
DÖRTE
Steve, wir fahren jetzt nach Hause.
STEVE
Wo ist Fanny?
DÖRTE
Sie hat sich im Bad eingeschlossen.
Ich weiß nicht, ob sie weint
oder sich die Zähne putzt.
Richte ihr unseren Dank aus:
Die Ente und die Apfeltorte waren köstlich.
Und gratuliere ihr noch einmal zum Baby —
Das ging vorhin zu schnell vorbei.
Jedenfalls hatten wir einen großartigen Abend!
STEVE
Machst du dich über mich lustig?
DÖRTE
Nein — abgesehen von ein paar Details.
Perfekt ist schließlich nichts.
STEVE
Na gut. Ich bin froh zu sehen,
Dass trotz kleiner Geiselnahmen
Die Ordnung wiederhergestellt ist.
KONRAD
Ordnung… nicht wirklich.
STEVE
Warum?
KONRAD
Dörte braucht Abstand. Ein bisschen Luft.
STEVE
(erschrocken)
Abstand? In welchem Sinn?
GOZILLA / JOSEF kehren zurück
DÖRTE
Ruf morgen deinen Bruder an,
Er wird dir alles erklären.
(zu Konrad)
Wo ist mein Schal?
KONRAD
Ich weiß es nicht.
DÖRTE
Dann such ihn.
KONRAD
Wo hast du ihn hingelegt?
DÖRTE
(schroff)
Wenn ich dich bitte zu suchen,
Dann weil ich es selbst nicht weiß!
JOSEF
Ihr trennt euch doch nicht etwa?
DÖRTE
Josef, nimm es mir nicht übel,
Aber die Sache ist ernst genug,
Um mir Zeit zum Nachdenken zu nehmen.
STEVE
Dörte… Ich liebe dich wie eine Schwester.
Nimm dir Fanny zum Vorbild.
Man sagt doch:
Eine gestandene Beichte ist verziehen.
DÖRTE
Nein, danke für solche dümmlichen Parolen.
Ein Fehler bleibt ein Fehler.
(zu Konrad)
Wo ist dieser Schal?
KONRAD
Ich sag dir doch, ich weiß es nicht!
DÖRTE
Dann beweg dich!
GOZILLA
(legt ihm die Hand auf den Arm)
Dörte…
DÖRTE
Nimm deine Hand weg, Gozilla.
GOZILLA
Warum sprichst du so mit mir?
Ich stehe auf deiner Seite.
DÖRTE
Nein. Du standest nie auf meiner Seite.
Im Grunde freust du dich doch heimlich
Über das, was mir passiert.
Nicht einmal heimlich —
Man sieht es deinem Gesicht an!
Dieser falsche Ausdruck von Mitleid…
Dörte mit ihren Luxuskleidern,
Ihrer Edel-Immobilienagentur,
Ihrem Wunderkind-Sohn —
Und jetzt wird sie von ihrem triebgesteuerten Mann
Betrogen — geschieht ihr recht!
Gib’s zu, es macht dich glücklich!
GOZILLA
Du bist vom Schmerz völlig verwirrt,
Mein armes Kind!
DÖRTE
Ich bin nicht dein armes Kind!
GOZILLA
Wenn du es wissen willst:
Ich bin weder erfreut noch mitleidig —
Es ist mir egal.
DÖRTE
Dann ist es dir egal — und du kannst mich mal!
KONRAD
Dörte, beherrsch dich.
DÖRTE
Du gehst weiter deine Nutten ficken —
und lässt mich in Ruhe!
(FRAGMENT. DES DICHERS ZORN WAR VERRAUCHT)