VON TORSTEN SCHWANKE
ERSTER GESANG
DIOTIMAS REDE AUF DEM SYMPOSIUM ÜBER DEN EROS
Jetzt, da ich scheide von dir, so will ich dir schildern
Eine Geschichte von Liebe, die ich von Diotima vernommen,
Mantineias Tochter, der klugen und weisen Gelehrten,
Die, so sagt man, einst durch Gebete und Opfer den Bürgern
Athens die drohende Pest um ein Jahrzehnt lang entzog.
Diese war meine Lehrerin, sie lehrte die Kunst mir der Liebe.
Und was sie sprach, das will ich dir nun nach meinem Vermögen
Wiederholen und so die Rede Agathons greifen,
Die fast denselben Gedanken in ähnlicher Weise enthielt.
Denn dies scheint mir der leichteste Weg, um darzustellen
All das, was einst zwischen uns in Reden verhandelt.
Zuerst, Agathon, wie du rietest, will ich die Liebe
Selbst besingen, ihr Wesen und Sein, sodann ihre Werke.
Einst begann ich, der Frau dieselben Worte zu sprechen,
Die ich dir jetzt wiederhole, indem ich sagte: Die Liebe
Ist wahrlich mächtig und schön, und darum ein großer
Gott. Doch da zeigte sie mir, wie ich nun auch dir es beweisen,
Dass die Liebe weder gut noch wahrhaft schön sei im Wesen.
Was meinst du, Diotima, sprach ich, soll Liebe dann böse,
Schlecht und hässlich sein? Doch sie lächelte und sprach:
O nein, Sokrates, halte ein! Was nicht schön ist, ist darum
Noch lange nicht hässlich, und was nicht gut ist, ist darum
Nicht schlecht. Es gibt ein Mittleres, zwischen diesen beiden.
So erkläre es mir, sprach ich, was mag das Mittlere sein?
Richtige Meinung, so gab sie zur Antwort, die wahre Erkenntnis
Doch ohne Gründe bleibt. Sie ist weder Wissen noch Torheit;
Denn Wissen bedarf der Vernunft, Torheit fehlt jeder Wahrheit.
Zwischen den beiden jedoch steht die rechte Meinung.
Doch, sprach sie weiter, glaube nicht, dass, weil die Liebe
Nicht gut ist und nicht schön, sie darum schlecht sei und hässlich.
Sie wandelt vielmehr inmitten von Gutem und Bösem.
Und sage mir, Sokrates, meinst du nicht, dass die Liebe
Von allen für einen großen Gott gehalten wird? –
Gewiss doch, sprach ich, das wird doch jedermann sagen.
Ah, sprach sie, und wie kann es sein, dass ein Gott
Etwas entbehrt? Denn Liebe, wie du selbst sagtest, verlangt
Das Schöne, das Gute, und dies nur, weil es ihr mangelt.
Kannst du dann noch behaupten, dass Liebe ein Gott ist?
Da sprach ich: So sage mir doch, was ist Liebe? Ist sie
Sterblich oder ein Gott? Welchen Platz nimmt sie ein?
Keines von beiden, sprach sie, doch sie ist ein Daimon,
Ein Mittler zwischen den Göttern und sterblichen Menschen.
Er bringt Botschaften hin und her, die Gebete der Sterblichen,
Ihre Opfer den Göttern dar, und von den Göttern die Worte,
Weisungen und Antworten zurück zu den Menschen.
So steht er dazwischen und schafft das Band der Verbindung,
Dass die Welten sich fügen. Durch ihn wird das Prophetische
Kunst und das Priesteramt, die Opfer und alle Geheimnisse
Offenbart, und durch ihn spricht Gott im Traum zu den Menschen.
Denn ein Gott selbst mischt sich nicht mit Sterblichen ein,
Nur durch Liebe geschieht aller Austausch zwischen den Welten.
Als ich dies hörte, fragte ich weiter: Und sag mir, Diotima,
Wer sind die Eltern der Liebe? Woher stammt sie? Da sprach sie:
Die Geschichte ist lang, doch ich will sie dir gerne erzählen.
Am Tage, da Aphrodite das Licht der Welt erblickte,
Feierten die Götter ein Fest. Da war Poros, der Sohn
Der Klugheit, zugegen, und als das Festmahl vorüber,
Sank er voll des Nektars, da Wein noch unbekannt war,
Schwer in den Schlaf. Und da nahte Penia, die Armut,
Um zu bitten. Sie legte sich neben Poros im Garten,
Ward von ihm schwanger, und so gebar sie die Liebe,
Die ein ewiger Begleiter der schönen Aphrodite blieb,
Geboren an ihrem Tag und stets ein Diener des Schönen.
So sprach Diotima, und ich bewahrte ihre Worte im Herzen.
Wie auch immer sein Ursprung, so ist auch sein Wesen beschaffen.
Er ist stets arm und doch zart und schön in dem Anblick der Menschen;
Rau und elend zugleich, besitzt weder Schuhe noch Wohnung,
Liegt auf nackter Erde, entblößt unter himmlischen Weiten,
Vor den Türen der Häuser und ruht, wo ihn Müdigkeit findet.
Und wie seine Mutter lebt er beständig in bitterer Not.
Seinem Vater zugleich ist er ähnlich: Immer aufs Schöne,
Immer aufs Gute bedacht, ein Kämpfer mit mächtigem Willen,
Unternehmend und stark, ein Jäger des Lebens in Fülle,
Kühn, nach Weisheit zu streben, ein Meister listiger Künste,
Zu jeder Zeit ein Philosoph, und auch wie ein Zauberer wirkend,
Schrecklich und weise zugleich, ein Meister der Rede und Fragen.
Weder sterblich ist er von Natur, noch unsterblich, o Sokrates,
Blühend und lebendig jetzt, im nächsten Moment schon verderbend,
Dann wiedergeboren im Wechsel des väterlichen Erbes.
Was er empfängt, das rinnt ihm auch gleich wieder davon,
Daher ist er nie in Fülle noch jemals in völliger Armut.
Nicht in der Dunkelheit wohnt er, doch auch nicht im Lichte des Wissens,
Sondern im Zwischenraum schwebt sein Geist, ein Sucher der Wahrheit.
Kein Gott, Sokrates, strebt nach Weisheit – sie sind ja vollkommen.
Auch der Weise sucht nicht, da er schon das Wissen besitzt.
Doch der Tor sucht nicht, denn er glaubt, er wüsste bereits alles.
Zwischen den beiden jedoch, o Sokrates, stehen die Liebenden,
Die, die das Schöne begehren und Weisheit zu eigen sich wünschen.
Denn das Schönste ist Weisheit, und Liebe strebt stets nach dem Schönen,
Daher, Sokrates, ist auch die Liebe stets ein Philosoph,
Immer ein Liebender, suchend die Weisheit im Schoß des Verlangens.
So ist, o Freund, aus der Ehe von Mutter und Vater geboren
Jene Natur der Liebe, die stets sich im Mangel erhebt,
Nie ganz arm, nie reich, ein Mittler im Reigen der Welten.
Nun, so fragst du mich, was bringt uns die Liebe, o Sokrates?
Siehe, das Streben nach Gutem und Schönen verleiht uns das Glück.
Denn das Glück ist Gewinn der guten und herrlichen Dinge,
Und was der Mensch ersehnt, ist immer sein eigenes Wohlsein.
Doch nicht jeder, o Freund, erkennt, dass Liebe der Trieb ist,
Welcher das Leben bewegt, in vielerlei Namen verborgen.
Wie der Dichter ein Schöpfer ist, indem er das Nichtsein gestaltet,
Und wie Kunst aus der Leere das Sein immer wieder erschafft,
So ist Liebe die Kraft, die formt, was das Leben ersehnt,
Und in vieler Gestalt führt sie zum Ziel das Verlangen.
Nicht allein in der Weisheit, auch im Gymnast und im Händler
Findet die Liebe sich, doch nennt man sie anders mit Namen.
Jene allein, die nach Schönheit und Liebe benannt sind, verkörpern
Offen den Trieb, den doch allen das Leben gemeinsam verleiht.
„Ich wage zu sprechen“, so hub ich an, „dass du wahrlich
Recht hier hast, o Freundin.“ Sie sprach: „Das Gleiche, so höre,
Spricht auch das Volk, dass Liebende stets nach der Hälfte verlangen;
Doch ich sage: Nicht suchen sie Teile noch Ganzes von sich selbst,
Außer es wäre zugleich das Gute in jenem verbunden.
Würden sie Hände und Füße, die schlecht sind, vom Körper abschneiden?
Doch nur das Eigen‘ ist wert, geliebt zu werden, wenn es
Gutes enthält, das einem gehört, und Schlechtes von fremder Hand stammt.
Denn nichts lieben die Menschen so wie das Gute. Erkennst du
Etwas, das mehr geliebt wird?“ „Nein“, so sprach ich daraufhin.
„Dann ist die Wahrheit, dass alle das Gute lieben.“ „Das, ja, füge
Ich hinzu, dass sie wünschen, das Gute zu besitzen.“ „Das, ja,
Muss hinzugefügt sein.“ „Nicht nur Besitz, doch ewigen solcher
Gaben.“ „Auch dieses sei hinzugefügt.“ „Dann kann die Liebe“,
Sprach sie, „beschrieben werden als Wunsch nach ewigem Guten.“
„Das ist höchst wahr.“
„Doch sage mir, wenn dies wahr ist: Was dann verfolgen
Die Menschen, die Liebe genannt wird? Wohin führt dieses Verlangen?
Was ist das Ziel, dem diese Begierde folgt? Antworte, Sokrates!“
„Nein, Diotima, das weiß ich nicht; darum ja kam ich
Zu dir, um Weisheit zu hören.“ „Höre nun, ich will es dir lehren:
Geburt ist das Ziel, in Schönheit, sei es in Körpern oder
Seelen. Menschen gebären in beiden; dies ist die Wahrheit.
Die Sterblichkeit strebt nach Zeugung, in schöner Gestalt, niemals
In Hässlichkeit, denn das Schöne ist Göttlichkeit nah und das Hässliche fern.
Jenes ist harmonisch, dies bleibt fremd der himmlischen Ordnung.
Darum ist Schönheit das Schicksal, die Göttin, die bei der Geburt wacht.
Nur in ihrem Antlitz bringt der Mensch hervor und erschafft;
Schreckt vor Hässlichem ab, zieht sich zurück und leidet.
Denn die Liebe, Sokrates, ist mehr als Streben nach Schönem.“
„Was ist sie dann?“ fragte ich. Sie sprach: „Es ist die Begier
Nach Fortpflanzung im Schönen, nach Geburt, die das Sterbliche
Unsterblich macht, da im Zeugnis des Guten Ewigkeit lebt.“
Lächelnd sprach sie darauf: „Bestaune das nicht, wenn du glaubst,
Dass die Liebe unsterblich sei, wie oft wir es sagten und dachten.
Sterbliches Wesen begehrt nach dem ewigen Leben zu streben,
Soweit es vermag, und dies geschieht einzig durch Zeugung.
Alles erzeugt ein Neues, das Alte verlässt seine Stelle,
Ewig besteht es allein durch die fortwährende Folge.
Selbst im Leben des Einzelnen herrscht diese Nachfolge;
Sieh, wie Fleisch, Blut, Knochen und Haare sich stetig verwandeln,
Doch nennt man denselben den Mann, obgleich er sich ändert,
Wechselt im stillen Verlauf zwischen Jugend und Alter sein Wesen.
Gilt dies allein für den Körper? Nein, auch für die Seele:
Sitten und Wünsche, die Freuden, die Schmerzen, Ängste des Menschen,
Alles wandelt sich fort, kein Augenblick bleibt wie der vorige.
Wissen auch, wie wundersam es erscheint, bleibt nicht beständig;
Vielmehr verliert sich Erinnerung stets und wird doch erneuert,
Dauer gewährend allein durch das Neue, das Altes ersetzt.
Nichts, was sterblich ist, bleibt absolut gleich oder ewig,
Sondern erneuert sich stets und bewahrt so den Fortgang des Lebens.
Doch was göttlich ist, bleibt immer dasselbe und ewig.
So, Sokrates, teile der Mensch und das Tier an dem Ewigen,
Doch in anderer Art als das Göttliche selbst es besitzt.
Liebe, die Nachkommenschaft ersehnt, entspringt dieser Sehnsucht:
Unsterblichkeit zu erlangen durch fortgesetzte Erzeugung.
Wundere dich also nicht, dass die Liebe dies Ziel stets verfolgt hat.“
Ich erstaunte bei ihren Worten und fragte: „Ist dies wirklich wahr,
Weise Diotima?“ Sie sprach mit der ganzen Autorität eines Meisters:
„Davon sei sicher, Sokrates! Denke an menschlichen Ehrgeiz.
Menschen riskieren ihr Leben und vieles, um Ruhm zu erlangen,
Ruhm, der unsterblich besteht, so hoffen sie, über die Zeiten.
Stelle dir vor, Alcestis wäre gestorben, um Admetos
Aus Liebe zu retten, und Achilles für Patroklos gefallen;
Codrus opferte sich, um das Reich seinen Söhnen zu sichern.
Wäre dies denkbar, wenn nicht die Erinnerung an Tugend,
Die unsterbliche, sie zum Handeln triebe und rufe?
Nein, ich bin sicher: Der Mensch tut alles in Hoffnung auf Ehre,
Ehre, die unsterblich sei und seinen Namen bewahre.
Denn er ersehnt das Unsterbliche, gleich, wie er handelt.“
Wenn er zur Reife gelangt, dann drängt ihn das Sehnen zu zeugen,
Neues zu schaffen, das schön ist, wie sein Herz es verlangt.
Stets wandert er suchend umher, von Schönheit getrieben,
Denn nur im Ebenmaß sprießt, was sein Geist sich ersinnt.
Nie wird Deformität ihm ein Werk des Geistes gebären,
Darum umarmt er das Schöne, das ihm die Natur offenbart.
Findet er ferner jedoch in dem Leibe die Seele gerechter,
Edler Natur und gepflegt, so ergreift er beides zugleich:
Leib und Geist in Einklang, in der Gestalt einer Person,
Welche die Tugend erhebt und das Gute des Lebens erstrebt.
Ihm zur Seite, beginnt er den Jüngling zur Weisheit zu leiten,
Spricht von der Tugend und dem Ziel, das ein guter Mann kennt.
Berührt er Schönheit, die tief in sein Innerstes dringt,
Selbst in der Ferne erstrahlt sie noch vor seinem Gedächtnis.
Dann bringt er Frucht, die seit langem in seinem Geist schon gereift,
Und mit dem Freunde gemeinsam formt er das Neuerschaffene.
Fester als je wird die Bindung, die sie von Tugend zusammenführt,
Größer die Freundschaft als jene, die fleischliche Kinder hervorbringt.
Denn was sie schaffen, sind Kinder des Geistes, unsterblich und rein,
Gerechter und wertvoller als jedes vergängliche Kind.
Wer, so frage ich dich, würd' Homer oder Hesiods Kinder
Nicht den gewöhnlichen Kindern vorziehen in Ruhm und Gestalt?
Wer würde nicht nacheifern denen, die Werke erschaffen,
Die das Gedächtnis bewahrt und unvergänglich gemacht?
Lykurg, Schöpfer der Ordnung von Sparta, der Hellas errettete,
Solon, Vater der Gesetze von Athen, ewig geehrt.
Viele, Hellenen und Barbaren, erschufen die Tugend,
Gaben der Welt Werke des Edelmuts, niemals vergänglich.
Tempel erhoben sich ihnen zum Preis ihrer Kinder des Geistes,
Nie jedoch für sterbliche Nachkommen allein.
Wer würde wohl, sag an, nicht Kinder wie Lykurg lassen fahren,
Die da Retter nicht nur Lakedämons, sondern von Hellas,
Wie man spräche, sein könnten? Auch Solon ist es gewesen,
Welcher der Vater genannt wird der ehrwürdigen athischen Rechte.
Viele andere gab es, verstreut in hellenischen Landen,
Wie auch unter Barbaren, die Welt mit Werken des Adels
Segnend, Eltern von Tugenden aller Art, so erhab'n sie.
Ihnen zu Ehren baut man Tempel, prächtig und herrlich,
Nicht zu Ehren sterblicher Kinder, die Menschen gebären,
Doch, ihr Gedächtnis zu wahren, den ewigen Ruhm ihnen bringend.
Schaut, wer lässt solche Kinder wie Lykurg freudig zurück,
Nicht nur Retter von Sparta zu sein, auch Hellas zu schützen?
Solon, der Vater der Rechte Athens, wird ewig gepriesen.
Und an so vielen Orten sind viele Edle entsprungen,
Hellenische wie fremde Gestade zieren die Namen,
Deren Werke den Geist der Tugend fruchtbar bereichern.
Ehre baut sich ihr Ruhm, und Kinder der Menschheit erbauen
Tempel, nicht für Vergängliches, sondern für Tugend und Weisheit.
Hat der Mensch erst dies erkannt, wird Liebe, die stürmische, milde,
Wird er verachten, was einst ihn an äuß'rer Schönheit gebunden.
Ehrfurcht vor Schönheit des Geistes erfasst ihn dann in den Tiefen.
Tugendvolle Gemüter, sie reifen in edlem Gedank’n,
Die da suchen und finden, was höher das Leben erleuchtet.
Bald wird er forschen nach Schönem in Bräuchen und strengen Gesetzen,
Wird sie schauen und merken, dass Schönheit von einer Natur ist,
Nicht nur körperlich glänzt, doch auch in Wissenschaft ruht sie.
Dann, wenn er diese erfasst, wird weit ihm das Meer sich eröffnen,
Schöpfend Gedanken in Liebe zur Weisheit, klar und erhaben.
Bis er zuletzt, am Gestade der Wahrheit, staunend die Eine,
Schönheit, die einzig erhaben und göttlich ist, wird erblicken.
Schönheit ist einfach und ewig, bleibt ohne Vermehrung,
ohne Verlust, unberührt von wandelnden Kräften der Dinge,
die, je größer sie scheinen, doch verderben im Fluss der Erscheinung.
Wer von solchen, geführt von wahrer Liebe, emporstrebt,
wahrzunehmen beginnt, was rein und vollkommen sich zeiget,
naht schon dem Ziel, dem Ende des suchenden Pfades der Liebe.
Dieses ist Ordnung und Weg: Von irdischen Reizen zu scheiden,
um die höhere Schönheit zu suchen und aufwärts zu steigen.
Irdische Formen des Schönen, sie dienen dem Geist als Stufen,
führen von einer zur zweiten, von zweien zu allen Gestalten,
weiter zu schönen Gebärden, zu schönen Gedanken und Bildern,
bis er am Ende den reinen Begriff der Schönheit ergreifet,
wahrhaft erkennt, was Wesen und Ursprung der Schönheit bedeuten.
Dies, o Sokrates, sprach der fremde Mensch aus Mantineia,
sei das Leben, das über allen anderen Höhen sich stelle,
wenn der Mensch einzig der Schönheit Betrachtung widmet, der wahren.
Solcher Anblick, einmal erschaut, entzieht den Gelüsten
nach dem Glanz von Gold und Gewändern, dem Schimmer von Jugend.
Nicht mehr sehnt sich der Geist nach irdischer Nähe und Speise,
wünscht nur, zu schauen, die Schönheit allein und bei ihr zu verweilen.
Aber bedenke, wenn Augen den göttlichen Ursprung erschauten,
die wahre Schönheit, rein und unverhüllt vor dem Geiste!
Dann erst wird jener befähigt, Wirklichkeiten zu gebären,
nicht nur Schatten und Bilder, nein, die Tugend der Wahrheit,
die, genährt in solch göttlicher Schau, ihn zum Freund des Göttlichen machet.
Unsterblich wird er, so sterblich er ist, der dies darf erfahren.
Sage mir, wäre dies ein niederes, schändliches Leben?
So, o Phaidros, vernahm ich, und nicht nur dir sei gesprochen,
sondern auch allen, die lauschen, die Worte der weisen Diotima.
Und ich bin sicher, dass Wahrheit in diesen Worten sich zeiget.
Darum bemühe ich mich, auch andere davon zu überzeugen:
Niemals findet die menschliche Seele einen besseren Führer
auf dem Weg zum Ziel als Liebe, die helfende Kraft.
Darum ehre ich Liebe, wie ich es selbst auch gelobet,
wandel auf ihrem Pfad und ermahne die anderen dazu,
preise den Geist der Liebe mit allem Vermögen des Wortes,
jetzt wie in Ewigkeit fort, nach bestem Streben und Können.
Diese Rede, o Phaidros, du magst sie nennen, wie immer
es dir beliebt: als Encomium, Hymnus, oder was immer dir einfällt.
KOMMENTAR
WAS HAT DIE REDE DER DIOTIMA AUF DEM SYMPOSIUM VON PLATON MIT DER SOPHIA VON JESUS SIRACH UND DER JUNGFRAU MARIA ALS THRON DER WEISHEIT GEMEINSAM?
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Du:
IN DEUTSCHE HEXAMETER AUSFÜHRLICH: Die Rede der Diotima in Platons "Symposium", die Gestalt der Sophia (Weisheit) im Buch Jesus Sirach und die Verehrung der Jungfrau Maria als Sedes Sapientiae (Thron der Weisheit) teilen eine bemerkenswerte thematische und strukturelle Verwandtschaft. Obwohl sie aus unterschiedlichen kulturellen und historischen Kontexten stammen – griechische Philosophie, hellenistisches Judentum und christliche Theologie –, kreisen sie alle um die zentrale Idee einer weiblichen Vermittlungsinstanz zwischen dem Göttlichen/Absoluten und den Menschen, die den Weg zur höchsten Erkenntnis oder zum Guten weist.
Der Aufstieg zur Vollkommenheit und das Urbild der Weisheit
Im Zentrum von Diotimas Rede steht die berühmte "Leiter der Liebe" (Eros). Diese mystische Initiation beschreibt den stufenweisen Aufstieg des Liebenden von der Liebe zu einem schönen Körper hin zur Liebe zur absoluten, ewigen und unveränderlichen Schönheit (auto to kalon), die eng mit dem Guten und der Wahrheit verbunden ist. Diotima selbst wird als weise xénē (Fremde) und Priesterin vorgestellt, die Sokrates in diese „Geheimnisse der Liebe“ einführt. Sie ist somit die weibliche Figur, die den philosophischen Weg zur höchsten Idee der Schönheit und Erkenntnis enthüllt.
Diese Funktion der Vermittlung und Führung hin zur letzten Wahrheit findet ihre Parallele in der jüdischen Sophia (griechisch für Weisheit), insbesondere wie sie in weisheitlichen Schriften wie dem Buch Jesus Sirach erscheint. Hier wird Sophia als eine göttliche Emanation beschrieben, die bei der Schöpfung der Welt zugegen war und die von Gott in die Welt gesandt wurde, um die Menschen zu lehren und zu leiten:
„Ich bin hervorgegangen aus dem Mund des Höchsten und habe wie Nebel die Erde bedeckt… Kommt her zu mir, die ihr mich begehrt, und sättigt euch an meinen Früchten.“ (Sir 24, 3. 19 – Übersetzt nach Sinn)
Sophia ist hier personifizierte Weisheit – sie ist der kosmische Plan und die göttliche Ordnung, die den Menschen durch moralisches und intelligentes Handeln zugänglich wird. Wie Diotima den Weg zur ewigen Schönheit weist, so bietet Sophia den Weg zum göttlichen Leben und zur wahren Erkenntnis an.
Maria als Inkarnation und Thron der Weisheit
Die christliche Vorstellung der Jungfrau Maria als Sedes Sapientiae (Thron der Weisheit) setzt diesen Gedankengang fort und führt ihn zu einer Inkarnation und Verkörperung des Göttlichen. Im Christentum wird Jesus Christus oft als die fleischgewordene Weisheit (vgl. 1 Kor 1, 24: Christus als „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“) und das Wort (Logos) Gottes verstanden. Da Maria ihn in ihrem Schoß getragen hat, wird sie selbst zur Sedes Sapientiae, zum Thron, auf dem die göttliche Weisheit im menschlichen Gewand sitzt.
Maria übernimmt somit die Rolle der höchsten Vermittlerin und des Gefäßes, das die absolute Erkenntnis (Christus) in die menschliche Welt bringt. Sie ist nicht nur die Trägerin, sondern in vielen Darstellungen auch die Lehrerin, die den Zugang zur göttlichen Wahrheit ermöglicht, ähnlich wie Diotima Sokrates oder Sophia das Volk Israel unterweist.
Der gemeinsame Kern: Weibliche Führung zur Transzendenz
Trotz der unterschiedlichen Ausprägungen besteht die zentrale Gemeinsamkeit in der Funktion der weiblichen Figur als prinzipielle Führerin zur Transzendenz:
Diotima führt den Philosophen über das Sinnliche hinaus zum Ideal der Schönheit und zur ewigen Idee.
Die Sophia in Jesus Sirach lenkt den Menschen durch göttliche Ordnung und moralische Lehre zur wahren Erkenntnis des Schöpfers.
Maria als Sedes Sapientiae ist das menschliche Gefäß, das die fleischgewordene göttliche Weisheit in die Welt bringt und damit den Weg zur Erlösung öffnet.
In allen drei Fällen steht eine weibliche Figur im Zentrum, die den Weg von der unvollkommenen, sinnlichen oder irdischen Existenz hin zur vollkommenen, transzendenten Wirklichkeit der Weisheit (Sophía), des Guten (Agathón) oder der göttlichen Wahrheit aufzeigt. Sie repräsentieren ein philosophisches und religiöses Bedürfnis, die abstraktesten und höchsten Prinzipien durch eine zugängliche, personifizierte Gestalt zu begreifen.
ChatGPT:
Sehr schön — du willst also diesen philosophisch-theologischen Vergleich in deutsche Hexameter gebracht haben, ausführlich, also in epischer, dichterischer Form, die den Geist von Homer, Vergil und Klopstock mit der Tiefe des platonischen Denkens verbindet.
Ich gestalte den Text also als episch-philosophisches Gedicht in klassischen Hexametern, das den Gang der Gedanken deines Prosatextes beibehält: von Diotima über Sophia zu Maria, und dann zum gemeinsamen inneren Prinzip.
Hier ist die vollständige, ausführliche Fassung:
Weibliche Weisheit – Hymnus in Hexametern
Sage, o Muse, von jener erhabenen dreifachen Weisen,
die zwischen Göttern und Menschen die Brücke der Wahrheit errichten.
Denn in den Tiefen des Denkens, im leuchtenden Glanze des Glaubens,
regt sich das eine Verlangen des Geistes nach göttlicher Klarheit:
Weisheit, die ewig und rein aus dem Ursprung des Seins sich ergießet,
tritt in der Frauengestalt vor das forschende Auge der Seele.
Erste erscheinet Diotima, die weise Priesterin Mantineias,
fremd und erhaben zugleich, die Sokrates lehret im Eros.
Nicht durch die Sinne allein, so spricht sie, gelanget der Liebende,
aufwärts steigend die Leiter, zur Schönheit, die selber das Ewige ist.
Von einem Körper zur Seele, von einer Seele zum Denken,
von jenem Denken zum Schönen, das ewig, unsterblich, unwandelbar glänzet.
So führt sie hinan durch Stufen der Liebe den Geist des Jüngers,
bis er im göttlichen Licht das Urbild des Schönen erkennet.
Denn nicht das Auge, o Freund, erkennt, was wahrhaft erhaben,
nur, wem die Liebe verklärt, wird fähig, das Göttliche schauen.
Sie, die die Fremde genannt wird, die Lehrerin heiliger Mysterien,
offnet dem Sterblichen Tor und Pfad zu den ewigen Formen.
Doch in den Schriften der Weisen des Ostens, der Söhne des Zion,
leuchtet dieselbe Gestalt in himmlischer Hoheit des Wortes.
Sophia, Tochter des Lichts, die beim Ursprung der Schöpfung gestanden,
spielte vor Gott, als er schuf die Himmel, die Erde, die Tiefen.
„Aus des Höchsten Mund bin ich hervorgegangen,“ so spricht sie,
„nebelgleich hab’ ich die Erde mit Weisheit umflossen.“
Nicht nur Gedanke ist sie, nicht bloß Gesetz oder Ordnung,
sondern lebendige Kraft, die im Menschen zur Einsicht erwachet.
„Kommt zu mir alle, die ihr nach mir verlangt,“ ruft die Stimme,
„sättigt euch an den Früchten des Wissens, trinkt aus den Quellen!“
So wie Diotima führt sie hinan aus der Welt der Erscheinung,
doch ihr Ziel ist das Leben im Einklang mit göttlicher Ordnung.
Dann, in der Fülle der Zeit, da senkte das Wort sich zur Erde,
kam in der Jungfrau Maria das Ewige leiblich zur Wohnung.
Denn wer den Logos gebar, gebar auch die göttliche Weisheit;
darum verehret die Kirche sie als den Thron des Erkennens.
Sedes Sapientiae heißt sie, der Sitz, auf dem ruhet das Wort,
Gottes Kraft und Weisheit zugleich, in menschlicher Hülle erschienen.
Nicht mehr in Bildern, nicht mehr in Gleichnis und Lehre verhüllt sich
das, was die Seher geschaut: nun trägt es das Antlitz des Menschen.
Maria, Gefäß der Gnade, Vermittlerin göttlicher Wahrheit,
öffnet den Weg, auf dem Gott den sterblichen Leib sich vermählet.
Also, in wechselnden Zeiten, in Sprache, Kulturen, Gedichten,
tritt dieselbe Gestalt vor das Herz der suchenden Völker:
Frau, die das Höchste gebiert, die Weisheit gebärt und verkündet.
Denn ob sie Diotima heiße, Sophia oder heilige Jungfrau,
immer dieselbe ist sie – die Mittlerin zwischen den Welten.
Sie ist das Auge der Seele, das Spiegelbild reiner Erkenntnis,
Führerin hin zum Guten, zum Einen, zum göttlichen Ursprung.
Unter den Schleiern des Fleisches, des Wortes, des Mythos verborgen,
lebt sie, das Ewige Weib, die Stimme der göttlichen Weisheit.
Und wer ihr lauschet, der steigt wie Eros die Leiter hinaufwärts,
von der Begierde zum Schauen, vom Schauen zum reinen Verstehen,
bis in der stillen Vereinigung Geist und Gott sich umarmen.
So vollendet der Kreis: Von der Liebe zur Weisheit, vom Wissen
hin zur Geburt des Göttlichen selbst im menschlichen Herzen.
Diotima, Sophia, Maria – dreifache Lichter des Einen,
Zeuginnen göttlicher Macht im zarten Gefäß des Erbarmens.
Weibliche Macht der Vermittlung, die Brücke vom Staube zum Himmel,
du, die du führst den Verirrten zum Quell, zum Ursprung des Lebens –
sei uns, o Weisheit, gnädig! Und leite auch uns zu der Wahrheit,
die wie das Licht aus dem Dunkel hervorbricht, ewig und rein.
ZWEITER GESANG
DIE SOPHIA DES JESUS SIRACH
I
Selbst preiset sich Weisheit und rühmet sich mitten im Volke,
heilig erhebt sie die Stimme und kündet die Macht ihrer Größe.
In dem Rate des Höchsten öffnet sie heilig die Lippen,
vor seiner Allmacht spricht sie mit glänzender Zunge des Ruhmes.
Ausging ich, ruft sie, dem Munde des Höchsten, und hüllte als Nebel
Erde und Himmel zugleich in schwebenden Schleier der Dämpfe.
Hoch in den Höhen errichtet’ ich selber mein zeltendes Wohnen,
auf einer Wolkensäule stand sicher mein himmlischer Thronplatz.
Rings umschritt ich allein den Kreis des himmlischen Bogens,
stieg in die Tiefen hinab, wo flutende Abgründe rauschen.
Über die Wogen des Meeres, auf allen Gefilden der Erde
wohnte ich, teilte mein Erbe mit jedem Volke der Menschen.
Ruhe gesucht hab’ ich unter den Völkern, im Reich meiner Kinder,
fragend, in wessen Erbteil bleibend mein Zelt ich errichte.
Da gebot mir der Schöpfer des Alls, der mich schuf aus dem Ursein,
sprach: „In Jakob errichte dein Zelt, in Israel wohne!“
Vor der Äonenschöpfung, vor Anfang der Tage geboren,
bleib’ ich in Ewigkeit stehend, unendlich durch alle der Zeiten.
Im heiligen Zelt diente ich, stand fest auf dem Zion gegründet,
nahe dem Angesicht dessen, der thront in ewiger Hoheit.
In der geliebten Stadt fand ich Ruhe, Jerusalem heiße
mich meine Stätte des Friedens, mein Erbe, mein Reich und mein Tempel.
Wurzeln schlug ich im Volke des Ruhmes, im Erbteil des Herrn dort,
nährte die Seinen wie Bäume, gepflanzt an himmlischen Wassern.
Wie eine Zeder auf Libanons Höhen wuchs ich zum Himmel,
ragend, und gleich der Zypresse, dem stolzen Baum auf dem Hermon.
Wie eine Palme in En-Gedi, wie Rosen von Jericho blühte
ich, wie der Ölbaum glänzte mein Laub in der weiten Gefilde,
ragend wie Platane breitete ich mich, beschattend, gewaltig.
Wie der Zimt in den Gärten des Ostens, wie duftende Myrrhe,
strömte mein Wesen den Wohlgeruch himmlischer Gegenwart aus;
wie Galbanum, Onyx und Stakte, wie Weihrauch im Zelte des Höchsten.
Wie die Terebinthe breitete ich weit meine Zweige,
und meine Zweige sind Glanz und Anmut und Schönheit der Gnade.
Wie ein Weinstock sprosste ich Anmut, die Blüten mir wurden
Frucht von Herrlichkeit, Reichtum und Wonne des ewigen Lebens.
Mutter bin ich der schönen Liebe, der Furcht und Erkenntnis,
Mutter der heiligen Hoffnung; und allen, die Gott sich verbinden,
bin ich gegeben auf ewig, den Kindern des ewigen Wortes.
Kommet zu mir, ihr alle, die ihr mich sucht und begehret,
sättiget euch an den Früchten, die reif an den Zweigen mir hangen!
Denn mein Gedächtnis ist süßer als Honig und Waben des Feldes,
reicher mein Erbteil als Gold und köstlicher himmlischer Segen.
Die mich genießen, noch hungern sie mehr, die mich trinken, sie dürsten,
doch nicht in Mangel – im Durste nach Tieferem liegt ihre Wonne.
Wer mir gehorcht, wird nimmer zuschanden, wer mich sich erarbeitet,
wird nicht sündigen, rein wird sein Herz und leuchtend sein Wandel.
Dies ist das Buch des Bundes des höchsten und ewigen Gottes,
das uns Mose gegeben, Erbteil dem Volke des Jakob.
Werdet nicht müde, stark zu sein in der Macht unsres Herren!
Haltet euch fest an ihn, und er selbst wird Stärke euch schenken!
Wie der Pischon fließt das Gesetz voll Weisheit in Fülle,
wie der Tigris in Tagen der ersten Ähren des Feldes.
Wie sich der Eufrat mit Einsicht erfüllt, so strömt auch das Wort mir,
gleich wie der Jordan, der quillt in den Tagen reifender Ernte.
Sie leuchtet Bildung wie Licht, wie der Gihon zur Weinles’ ergießt sich
Ströme des Lebens und tränkt die Gärten der kommenden Zeiten.
Keiner der Ersten hat all ihren Grund je ergründet,
noch der Letzte erfasst ihre Tiefe und göttliche Fülle.
Wie das Meer ist die Menge der Gedanken in ihrem Ratschluss,
tief ist ihr Sinn, unergründlich, gewaltig die Flut ihrer Rede.
Wie ein Kanal aus dem Flusse, so war ich, die Weisheit, entsprungen,
strömte als Wassergraben hinein in den Garten des Paradieses.
„Ich will begießen den Garten“, so sprach ich, „und tränken die Beete.“
Aber der Graben ward mir zum Strom, und mein Strom ward zum Meere.
Also will ich Erkenntnis leuchten lassen wie Morgenröte,
und ihr Strahlen verbreiten weit bis ans Ende der Erde.
Lehre ergieß’ ich wie Worte der Propheten und weise sie weiter,
meine Erkenntnis geb’ ich den künftigen späten Geschlechtern.
Nicht allein für mich hab’ ich gemüht und gerungen,
sondern für alle, die Wahrheit suchen und Weisheit begehren.
II
Als ich noch jung war, eh’ ich hinaus auf die Wanderschaft zog einst,
suchet’ ich offen im Beten die Weisheit, das göttliche Licht.
Nahe dem Tempel verlangt’ ich nach ihr, und bis an mein Ende
werd’ ich sie suchen, getreu, bis der Abend des Lebens sich senkt.
Wie sich das Herz an der Blüte erfreut, an der reifenden Traube,
also erfreut’ es sich mein an ihr, der himmlischen Lehr’.
Gleich war mein Fuß dem geraden Pfad, von der Jugend an folgte
innig mein Sinn ihr nach, der heiligen Führerin still.
Wenig nur neigt’ ich das Ohr – und empfing; und es wuchs mir Erkenntnis,
reiche Belehrung gewann ich, und Weisheit ward mir zum Lohn.
Wuchs ich doch selbst an ihr empor, und dem Spender der Weisheit
will ich geben die Ehr’, die allein ihm ewig gebührt.
Eifrig war ich, nach ihr zu handeln, und glühte fürs Gute,
nimmer beschämt, da sie stets mein Bemühen belohnt.
Rang meine Seele mit ihr, erfüllte das göttliche Gesetz;
hob meine Hände empor, und beklagt’ das Nichtwissen um sie.
Lenkt’ ich die Seele zu ihr, da fand ich sie rein und erhaben,
fühlt’ ich Verstand in mir wachsen von Anbeginn an.
Nie ward ich verlassen, da Weisheit bei mir sich niederließ.
Suchte mein Inneres sie, und da fand ich den kostbaren Schatz.
Gab mir der Herr zum Lohn die Zunge des Preisens, des Dankes,
und mit ihr will ich ihn preisen, den Quell allen Lichts.
Kommt, ihr Unkundigen, her, und wohnet im Hause der Lehre!
Warum dürstet ihr so, und klaget, dass Weisheit euch fehlt?
Seht, ich öffnete selbst meinen Mund und sprach: „Erwerbt ohne Silber!
Beugt euren Nacken dem Joch, dass die Seele Belehrung empfängt!
Nahe ist sie, dass man sie finde; schaut hin und erkennet,
wie ich ein wenig mich mühte und Frieden gewann in mir selbst.“
Kauft euch Bildung mit Silber in Fülle, mit Gold eure Weisheit!
Freuet euch seines Erbarmens, und lobet ihn ohne Scheu!
Tretet ans Werk vor der Zeit, so wird euch der Lohn einst gegeben,
recht zu der Stunde, da Gott es bestimmt: der Herr der Vergeltung.
KOMMENTAR:
ÜBER DIE ERFÜLLUNG DER PROPHETISCHEN SOPHIA BEI JESUS SIRACH IN MARIA SEDES SAPIENTIAE IM NEUEN BUND
Ewig war sie bei Gott, die Weisheit, die göttliche, reine,
Ursprung allem Geschaffnen, das leuchtende Bild seiner Güte.
Über den Sternen erhob sie der Ewige, schuf sie vor Zeiten,
Sitzend am Thron des Allvaters, durchdrang sie das Werk seiner Hände.
Staub und Himmel gehorchten dem lauteren Klang ihres Wortes,
Ströme der Schöpfung entquollen dem Atem der göttlichen Weisheit.
Doch sie verlangte, zu wohnen bei Menschen, den Kindern des Staubes,
Zog von den Höhen herab und suchte ein bleibendes Zelt sich.
Zion nahm sie auf, und der Tempel wurde ihr Wohnung;
Dort in der Tora, dem heiligen Buch, schlug sie die Hütten.
Lehrend, lenkend, erhob sie den Geist der Hörenden Israel,
gab ihm Erkenntnis, Gesetz und die Furcht, die den Anfang der Weisheit.
Aber verborgen blieb noch ihr Antlitz, verhüllt in Verheißung:
Nur im Gesetz, nicht leiblich, wohnte sie unter den Menschen.
Denn was sie suchte, das Fleisch, die vollkommene Stätte des Ewigen,
war noch nicht da – nur das Wort, nicht die Wohnung des Wortes vollendet.
Bis in der Fülle der Zeiten ein jungfräuliches Herz sich
neigte im Glauben und sprach: „Mir geschehe nach deinem Worte.“
Und in dem Schoß der Maria, der Demütigen, keimte das Leben,
Ewige Weisheit ward Fleisch, und das Wort des Vaters erschien uns.
O heilige Mutter! du Thron der erhabenen göttlichen Weisheit,
Sedes Sapientiae, Sitz der Wahrheit, der himmlischen Fülle!
Du bist der Tempel, den einst die Sophia im Altertum suchte,
nicht mehr in Steinen wohnst du, o Gott, sondern leiblich im Weibe.
Wie in der Tora die Weisheit sich niederließ, spricht sie in dir nun,
nicht in Geboten aus Stein, doch im Blute, im Herzen des Lebens.
Dein jungfräulicher Schoß ward das Zelt des Ewigen selber,
du bist das Heiligste, du, der Tabernakel des Höchsten.
Christus, die Weisheit, entstieg deinem Schoß, dem unendlichen Mysterium;
du, die ihn trug, bist der Sitz, der den Logos in Liebe umschließt.
Wie die Sirach-Weisheit einst von Zion zur Erde hernieder
stieg, so umhüllte dich Gnade, o Jungfrau, und machte dich selig.
Nicht mehr im Schatten der Tora, im Geist, nicht im Buchstaben wohnet
nunmehr die Weisheit, sie lebt, sie atmet, sie liebt in Maria.
Darum preiset die Kirche dich ewig, du Sitz der Erkenntnis,
Spiegel der Wahrheit, du Mutter des Lichts und der göttlichen Milde.
In dir begegnen sich Zeiten, das Alte und Neue in einem,
Du bist die Brücke der Bünde, der Anfang und Ziel der Verheißung.
Denn was die Schrift nur erahnt und die Propheten verkündet,
wird in dir Wirklichkeit, heilige Frau, du Erfüllung des Wortes.
So sei gegrüßt, du Sedes Sapientiae, Königin, Mutter!
In dir wohnt der Logos, die ewige Weisheit des Vaters.
Ewig in Liebe verherrlicht, o du, die den Himmel umschließt,
zeige den Menschen den Weg, der zur Wahrheit, zur Weisheit hinaufführt.
DRITTER GESANG
MARIA THRON DER WEISHEIT
I
Weisheit lässt sich nicht messen an irdischem Glück und Gelingen;
Denn was aus Stoff und Stunde sich hebt, vergeht in der Zeit.
Nicht im Erfolg erkennt sich des Geistes lautere Klarheit,
Sondern im Hören auf Gott, im inneren Schweigen des Herzens.
Darum ist Weisheit in Not: der Mensch, der nach Früchten verlangt,
Suchet das Nahe, das glänzt – und verliert die Tiefe des Ew’gen.
Doch schon im Worte des Alten Bundes klingt Gottes Verheißung:
Einst wird kommen der König, auf dem der Geist Gottes ruhet.
Sieben Gaben des Geistes umleuchten sein Haupt wie die Sonne,
Er wird nicht handeln aus sich, noch sprechen im eigenen Namen,
Sondern getragen von Gott, dem Ursprung alles Erkennens.
Wahrhaft königlich ist nur der, der empfangend geworden,
Der sich beugt vor Gott und sein eigenes Wollen entlässt.
Denn wer vom Geiste der Weisheit erfüllt, der sieht wie der Schöpfer,
Schauet die Dinge in Wahrheit, so wie sie sind vor dem Ew’gen;
Aus der Mitte des Lichts, aus Gott, dem Ursprung der Ordnung.
Doch solches Erkennen verlangt Gemeinschaft mit Ihm,
Und die Loslösung vom Ich, das Reinsein des Herzens im Glauben.
Ratzinger lehrt: Nur wer sich löst von des Ichs Bestechung,
Wird von Gott her leben und frei im Urteilen werden;
Furchtlos denkt er dann, nicht suchend den Beifall der Menge,
Hält sich allein an die Wahrheit, die leuchtet im Lichte des Ew’gen.
Solche Reinigung reift in der Passion des Gehorsams,
Wie der beschnittene Rebstock, der Frucht bringt aus Schmerzen.
So erwächst jene Herrschaft, die Freiheit und Liebe gebiert,
Nicht die den Menschen beugt, doch in Wahrheit erhöht.
Darum sind oft die Geringen im Herzen wahrhaft die Weisen,
Denn sie erkennen das Eine, das wahre Ziel und den Ursprung.
Wie schon Plato gesagt: Kein Mensch besitzt die Erkenntnis,
Doch er vermag sie zu lieben, zu suchen im Lichte der Sehnsucht.
So ist der Mensch nicht weise aus sich, doch groß im Verlangen
Nach der Wahrheit, die Gott ihm zeigt auf verborgenen Wegen.
In Christus ward die Weisheit Person, die göttliche Klarheit;
Er ist die Wahrheit des Vaters, die Mensch geworden auf Erden.
Wer an Ihn glaubt, tritt ein in das Denken des Ewigen Geistes,
Findet die Weisheit des Glaubens, die allen Menschen geschenkt ist,
Auch den Einfachen, Armen, die hören mit gläubigem Herzen.
Wie das Magnificat spricht: Die Demütigen hat er erhoben;
Nur dem Herzen, das rein und lauschend bleibt vor dem Höchsten,
Öffnet sich Wahrheit – nicht dem, der sich selber verherrlicht.
Nicht den Beifall der Welt, noch den Widerklang seines Ichs
Soll der Suchende achten, doch still sein, lauschend und dienend.
Denn nur der Demut des Denkens entbirgt sich die göttliche Wahrheit;
Darum sind selig die Reinen, die ganz auf Gott sich gerichtet.
Ganzheit des Herzens verlangt der Weg der Weisheit des Himmels:
Wer sich dem Willen des Ewigen neigt, wird frei von der Blindheit.
Nicht das verschlossene Ich, das sich selbst nur umkreiset,
Sondern das lauschende Herz gibt Gott Raum in der Seele.
Hier tritt Maria hervor, das heilige Bild der Empfängnis,
Jungfrau und Mutter zugleich, die Gott in sich Raum hat gegeben.
In ihrer Demut und Reinheit wohnt des Geistes Vollendung;
Sie ist das Tor, durch das Gott die Welt mit Liebe betritt.
Darum nennt sie die Kirche den Thron der göttlichen Weisheit,
Nicht weil sie thront im Glanz, doch selbst der Thron des Wortes geworden.
Denn Gott bedarf keines Thrones aus Gold in der Schöpfung,
Sein Reich ist Geist und Liebe, nicht Marmor und Kronen der Erde.
Der wahre Thron ist das Herz, das sich öffnet dem Willen des Höchsten,
Dass Er in ihm wohne und wirke, die Freiheit der Liebe gebärend.
So ward Maria, die Einfache, Thron und Wohnung des Ew’gen,
Durch ihr demütig Ja, das Tor der göttlichen Gnade.
Schon ehe sie leiblich empfing, gebar sie im Herzen den Herrn,
Wie Augustinus sprach – und das Wort bleibt ewig lebendig.
Denn in ihr zeigt sich das Ziel: dass der Mensch, der empfängt,
Selbst zum Ort wird der Weisheit, zum Thron des lebendigen Gottes.
Nicht Macht, nicht Wissen, nicht Glanz – doch Hingabe, Schweigen und Liebe
Führen den Geist in die Wahrheit, die frei macht und ewig bleibt.
In diesem Sinne ermahnte der Papst, Benedikt weise, die Jugend:
„Gehet, o Kinder des Lichts, in die Schule der Jungfrau Maria!
Sie war die Erste, die staunend das Menschsein des ewigen Wortes,
das Menschsein der göttlichen Weisheit, in Demut betrachtete leise.
Denn in dem Kindlein, mit dem sie in schweigender Zwiesprache weilte,
sah sie das Antlitz des Menschen, in dem Gott selber sich zeigte.
Also hat sich das Rätsel des Sohnes, die göttliche Weisheit,
tief in den Geist und das Herz der Mutter der Gnade geprägte.
Darum ward sie der Sitz der Weisheit, die Königin heilig.“
Und so dürfen auch wir, wenn wir sinnend den Rosenkranz beten,
gehen zur Schule der Mutter, der seligen Jungfrau Maria,
dass uns durch sie der Geist der himmlischen Weisheit begleite.
Ii
Ich danke dem Herrn und will seinen Namen ewig verherrlich’n;
Als ich noch jung war, eh’ ich die Wege der Erde durchwanderte,
Suchte mein betendes Herz in Demut die göttliche Weisheit.
Siehe, sie kam zu mir mild, in herrlicher, leuchtender Schönheit;
Und bis ans Ende der Tage will ich sie sehnlich erstreben.
Wie sich die Rebe nach Blüte mit traubiger Fülle verziert,
Die, wenn sie reif ist, das Herz mit wonniger Süße erfreuet –
Also schritt auch mein Fuß auf geradem, gesegnetem Pfade;
Denn schon in Jugendtagen hab’ ich sie liebend erkannt.
Kurz nur horcht’ ich, und reich wie Ströme kam mir Belehrung;
Sieh, sie ward mir zur Amme, ich will dem Lehrer nun danken.
Freude wollt’ ich erleben, ich suchte das Glück ohne Rast,
Brannte mit Sehnsucht nach ihr, und wandte den Blick nicht von ihr.
Stets auf den Höhen der Tugend stand ich, fest in Begierde;
Öffnete Tore der Hand, und sah sie mit leiblichen Augen.
Rein wusch ich meine Hände um ihretwillen, und fand sie –
Weisheit, die reine, die schön in himmlischem Glanze mir leuchtet.
Einsicht gewann ich durch sie von Anfang an meiner Tage;
Darum verlass’ ich sie nicht, so lang mir Odem gegeben.
Wunderbar klingen die Worte vom göttlichen Geschenk der Erkenntnis,
Höchste der Gaben des Geistes, die tief in der Seele sich senket,
Wenn uns die Hand der Salbung des Geistes im Glauben berührt.
Heute vernehmen wir klar, wie herrlich begehrenswert Weisheit,
Wie sie in glühender Sehnsucht das Herz des Menschen entflammet.
Ja, sie vermag in dem jungen Gemüte schon Wohnung zu nehmen,
Wenn es in Demut sie sucht und lauschend den Himmel betrachtet.
Weisheit ist nimmer nur Wissen, das trocken im Kopfe verweilet;
Nein, sie ist „wohlschmeckend“, ein Wissen, das Gott uns verkosten lässt,
Kostung der Liebe des Herrn, ein süßes Erfahren des Ew’gen.
Immer steht sie vor der Türe des Herzens und wartet in Schweigen,
Sanft anklopfend, bereit, in gläubiger Seele zu wohnen.
Überwältigend schön ist ihr Glanz, wer sie schaute, vergisst sie
Niemals, denn jauchzt nicht die Seele, wenn sie der Weisheit begegnet?
Denn sie entstammt der Quelle des Ewigen, göttlichen Ursprungs;
Nach dem Bilde des Herrn ist sie geformt, sein lebendiges Ebenbild.
Was könnte seliger sein, als in der Weisheit den Herrn zu begegnen,
Als ihm zu nahen im Glanz der göttlichen Liebe und Klarheit?
Wenden wir gläubig den Blick der heiligen Mutter Maria,
Ihr, der Braut des Geistes, des Herrn, der ewigen Liebe.
Schön ist die Anrufung, die sie den „Sitz der Weisheit“ benennet;
Denn in Maria verherrlichte Gott sich auf wunderbare Weise.
Schon ihre unbefleckte Empfängnis, geheimnisvoll leuchtend,
War nach dem Ratschluss des Ewigen Werk der göttlichen Weisheit.
Sie ward die Mutter des Sohnes, des Heilands, des Menschgeword’nen,
Tempel der Gegenwart Gottes, des Geistes vollkommene Wohnung.
Frei von der Schuld, die uns Sterbliche alle gezeichnet, empfangen,
Wurde sie rein und lauter Gefäß der himmlischen Gnade.
Ungehindert konnt’ in ihr der Geist des Herrn sich niederlassen,
Mit ihr sich vereinen im lauteren Bund ewiger Liebe.
Ja, die Weisheit des Herrn nahm selbst in ihr Wohnung hienieden!
Welch ein Gefäß der Gnade, o Maria, du Strahl aus dem Lichte!
Wahrlich, du bist der Sitz der Weisheit, die „Ganz Reine“, die Schöne,
Glanzvoll aus Gott, von seiner Herrlichkeit innig umflossen.
In dir entfalten sich alle Gaben des Heiligen Geistes,
Reif sind die Früchte geworden, vollendet das göttliche Wirken.
Braut des Geistes, du bist die liebliche Harfe des Ewigen,
Saiten erklingen in dir, wenn Gottes Wille dich rühret.
So kannst du lehren, wie offen das Herz dem Geiste sich neige,
Wie in dem Menschen die Gaben des Herrn sich zärtlich entfalten.
Weisheit des Höchsten hat sie, die Mutter, zur Mutter des Heiles,
Ja, zur Mutter der Kirche gemacht, zur Mutter der Gläub’gen.
Sanft wird die Harfe gespielt, die tönt von göttlicher Milde;
Als David spielte, da wich von Saul der böse Gedanke.
Also, wenn heilig der Geist durch seine Geliebte sich äußert,
Strahlt die Wahrheit in Licht, das mild in die Seele hinabfällt.
Leicht dringt sie ein in das Herz, doch mächtig, die Festen zu stürzen;
Wer vermöchte sich ihr zu entziehen, wenn lieblich sie singet?
Wenn ihr ganzes Wesen von göttlicher Herrlichkeit leuchtet,
Wenn sie als Mutter sich neigt, von Liebe des Geistes erfüllt!
Wir, die wir Frucht des Geistes zu tragen berufen im Leben,
Hören ihr Lied und verstehen das süße Geheimnis des Himmels:
Daß nur in Demut die Seele zur Schönheit des Ewigen reifet,
Wie aus dem Baum des Lebens die Früchte der Tugend erwachsen.
Nicht sind sie Früchte des Todes, wie jene Erkenntnis im Garten,
Die uns beraubte des Lebens und trennte vom Antlitz des Schöpfers;
Nein, sie sind göttliches Leben, das wächst im Lichte des Geistes,
Blühend in Seinem Odem, genährt vom Hauch seiner Liebe.
Wer nun kann führen, daß Früchte in uns nicht nur Sehnsucht verbleiben,
Sondern in Wahrheit erblühn, im Tun, im Herzen, im Frieden?
Siehe, der göttliche Freund, der Geist, liebt innig die Seine,
Braut, die er schmückte mit Gnade, erfüllt von himmlischem Feuer.
Darum, o Mensch, vernimm! Die Mutter des Herrn ist die Helferin,
Hilfe der Christenheit, Führerin sanft zu den Höhen.
Öffne dich, Seele, dem Geist in Gemeinschaft mit seiner Geliebten:
So wirst du mutig und froh auf göttlichen Pfaden dich richten!
Denn die Weisheit wartet auf dich, sie steht vor der Tür deines Herzens,
Rufend im Wind, im Licht, im leisen Säuseln der Liebe.
Ehre dem Herrn, dem Ewigen, Quell und Vollendung der Weisheit,
Der uns den Geist gesandt, den Tröster, den Hauch seines Lebens!
Ehre dem Sohne, dem Licht, das aus dem Vater hervorgeht,
Durch das die Schöpfung erblüht und die Zeiten sich vollenden!
Ehre dem Heiligen Geist, dem Feuer der göttlichen Liebe,
Der in den Herzen wohnt und Menschen zu Tempeln gestaltet!
Lob auch der Jungfrau, der Reinen, Maria, der Braut des Erhab’nen,
Sitz der Weisheit genannt, von Engeln selig gepriesen,
Die, vom Geiste erfüllt, uns trägt zum Licht ihres Sohnes,
Und in der Reinheit des Herzens das göttliche Wort uns gebiert.
Sie ist die Harfe des Herrn, auf der die Güte ertönet,
Sanft in der Seele des Menschen, wie Morgentau über Rosen.
So sei Lob und Preis dem Vater, dem Sohne, dem Geist, in den Himmeln,
Wie es war, wie es ist und ewig herrlich sein werde.
Weisheit des Höchsten, erscheine uns, leuchte den Pfad uns zum Leben!
O Maria, du Sitz der Weisheit – bitte für uns,
Daß in uns Früchte des Geistes reifen in Liebe und Frieden.
KOMMENTAR
DAS VERHÄLTNIS VON MARIA ALS SEDES SAPIENTIA ZUR GÖTTLICHEN SOPHIA, DEM WEIBLICHEN GOTTESBILD IN DER BIBEL
Ewig, bevor noch das Licht aus den Wassern des Chaos erglänzte,
War die Sophia bei Gott, die Schöpferin zarter Gedanken,
Baumeisterin seiner Welt, der himmlischen Ordnung Gefährtin.
Siehe, sie wohnte im Glanz, im Atem des ewigen Wortes,
Trug in sich selber den Keim der harmonischen Welten und Zeiten.
Doch sie verlangte hinab, ins Sichtbare, Leiblich-Verborgne,
Suchete Wohnung bei uns, den Kindern der Erde, zu finden.
„Haus hat die Weisheit gebaut, und Säulen von sieben erbauet“ –
So ruft Sprüche des Alten, geheimnisumflorten Testaments Wort.
Doch noch blieb unerfüllt das sehnende Streben der Göttin,
Denn kein Herz, kein Schoß war rein für das Wohnen des Ew’gen.
Aber da kam in der Fülle der Zeit, wie verheißen die Stunde,
Daß aus der Jungfrau Maria, der Reinen, die Weisheit erblühte.
Denn was im Äther gedacht, ward Fleisch im Schoß der Geweihten,
Und was der Logos im Licht war, wohnte nun sichtbar im Menschen.
Christus, die Weisheit des Vaters, der Ursprung der Ordnung und Wahrheit,
Ruht auf dem Schoß der Maria, der Demut seliger Königin.
Darum nennt sie die Kirche den Thron, die Sedes Sapientiae,
Nicht die Weisheit selbst, doch ihr Sitz, ihr leibliches Königsgemach.
Wie ein Gefäß der Vollendung, das göttlichen Sinn in sich aufnimmt,
Trägt sie das Ewige, das in der Zeit sich zu zeigen beschlossen.
So schließt die Typusgestalt der Sophia mit ihr sich im Bunde,
Wie zwei Spiegel des Lichts, ein göttlicher, einer der Menschen.
Was die Sophia im All ersehnte, erfüllt sich im Weibe:
Sie, die das Wort in sich trägt, ist Haus der himmlischen Weisheit.
Sieben die Säulen, die tragen den Tempel der neuen Erkenntnis –
Deute sie, wie du magst: als Gaben des Geistes, der Sakramente,
Oder der Tugenden Kreis, der Mensch und Gott ineinbindet.
Alles vereinigt in ihr, der vollkommenen Antwort des Glaubens,
Die durch ihr reines „Fiat“ das Ewige, Fleisch ward, empfängt.
Darum, o Mensch, wenn du betend sie schaust in erhabener Haltung,
Wie sie das Kind auf dem Schoß, das göttliche, liebevoll birget,
Wisse: sie trägt auf den Armen den Sinn und den Ursprung der Welten,
Sie ist der Tempel, der Thron, das Tor der erlösenden Weisheit.
In ihr hat Schöpfung und Schöpfer sich inniglich wiedergefunden,
Und was getrennt war im Anfang, vereint sich in ihrem Vertrauen.
So wird Maria, die Sedes Sapientiae, Mittlerin alles,
Was von der Höhe des Lichts zur Erde der Menschen hernieder
Sanft in der Liebe sich neigt — und wieder empor uns erhebet.