EDMUND SPENSER DIE FEENKÖNIGIN

DEUTSCH IN AUSZÜGEN VON TORSTEN SCHWANKE


Die Nachdichtung widme ich der caritativen und graziös-charmanten Catherine, Prinzessin von Wales.




DAS HAUS DES STOLZES


BUCH I; GESANG IV UND V


Du junger Ritter, dem die Waffen Pflicht, 

Der du durch Mühsal nach dem Ruhme jagst, 

Gib Acht auf Trug, auf Wankelmut gib Acht, 

Wenn du die Wahl der lieben Dame wagst! 

Dass du nicht leicht von ihr zu klagen wagst, 

Weil falscher Argwohn dir das Herz versehrt; 

Denn Schand ist’s, die am Ritternamen nagt, 

Wenn Unbestand die treue Lieb verzehrt; 

Wie’s dieses Rotkreuzritters Beispiel deutlich lehrt. 


Der, als er Una arglos ließ zurück, 

Weil er an ihrer Treue leicht gezweifelt, 

Die falsche Duessa wählt’ zu seinem Glück, 

Die sich Fidessa nannt’ und herbeigeeilt; 

Lang ist er weggefährtenvoll verweilt 

Mit ihr, bis sie ein stolzes Schloss erschauen, 

Dahinter sich ein Prachtbau kühn verteilt, 

Als wär’s ein Fürstensitz, hochaufzubauen; 

Und breite Wege sah man hin zum Tore tauen. 


Viel Volk zog hin zu diesem stolzen Ort, 

Bei Tag und Nacht, aus jedem Stand und Land, 

Doch kehrten wen’ge nur lebendig fort, 

Zumeist in Schmach, bettelnd und abgebrannt, 

Die man bald elend an den Hecken fand, 

Gleich Aussätzigen, die man scheut und flieht. 

Duessa lenkt’ ihn hin mit falscher Hand: 

Weil sie des weiten Weges müde ward, 

Und auch der matte Tag sich neigt’ nach Abendart. 


Ein Prachtpalast aus Ziegelstein gefügt, 

Die ohne Mörtel künstlich aufeinander; 

Die Mauer hoch, doch dünn, wie sich’s begnügt, 

Mit reinem Blattgold glänzend miteinander, 

Dass selbst der Himmel blass ward im Gefander; 

Hoch ragten Türme in des Äthers Blau, 

Galerien hingen prächtig auseinander, 

Mit Fenstern reich und Hallen stolz zur Schau; 

Und auf dem Giebel wies ein Zeiger die Zeit genau. 


Ein herrlich Werk war dieses Schloss zu sehn, 

Es rühmt’ des Meisters Witz und klugen Geist; 

Doch ach, wie jämmerlich war es geschehn, 

Dass solch ein Bau auf schwachem Grunde speist! 

Denn auf des Sandes Hügel, der stets reißt 

Und weicht, stand dieses Schloss so hoch und hehr, 

Dass jeder Windhauch es erschüttern heißt; 

Und hintenrum, wo niemand hinsah mehr, 

War’s morsch und alt, doch übertüncht mit Farben schwer. 


Dort angekommen, schritten sie hinein; 

Denn alle Tore standen offen weit. 

Ein Pförtner sollte dort der Wächter sein, 

Genannt Malvenú, der Einlass stets verleiht. 

Sie gingen in den Saal, der weit und breit 

Mit reichem Schmuck und Teppichen geziert; 

Unendlich Volk stand da in Eitelkeit, 

Das auf den Einlass harrt’ und blickfixiert 

Nach jener Herrin sah, die diesen Hof regiert. 


Sie gehn vorbei, umgafft von jedermann, 

Zum Thronsaal auf, wo solch ein Glanz erscheint, 

Der ihre Sinne blind betören kann. 

Kein Fürstenhof, wo echtes Licht vereint, 

Hat je so stolzen Prunk im Schein gemeint; 

Selbst Persien nicht, die Wiege stolzer Pracht, 

Sah Solches je. Ein edles Volk vereint 

Aus Herrn und Damen stand in großer Macht, 

Die durch ihr schönes Sein den Raum noch reich gemacht. 


Hoch über allen war ein Baldachin, 

Ein Thron so hell wie sonnenreiner Tag, 

Auf dem in königlichen Kleidern schien, 

Geschmückt mit Prunk, wie man’s kaum fassen mag, 

Die Jungfrau-Königin, die glänzend lag 

Wie Titans Strahl, in Gold und Edelstein; 

Doch ihre eig’ne Schönheit schlug den Tag 

Und überstrahlte selbst des Thrones Schein, 

Als wollt’ sie neidisch selbst noch heller, schöner sein. 


Sie strahlte hell, gleich Phoebus’ kühnem Kind, 

Das seines Vaters Feuerwagen trieb, 

Und dessen Rösser, wilder als der Wind, 

Mit schwacher Hand durch Himmels Höhen hieb; 

Stolz auf den Ruhm, der ihm nur eitel blieb, 

Indes der Glanz das schwache Aug’ ihm blend’t, 

Vom sich’ren Pfad er abzuweichen lieb, 

Vom Rad gerafft, den Himmel ganz verbrennt, 

Mit Feu’r, das nicht zum Schmuck, nur zum Verderben brennt. 


So stolz erglänzt’ sie in der Pracht Gewand, 

Den Blick zum Himmel, da sie d’ Erde hasst’; 

Sie saß so hoch, weil sie das Nied’re fand 

Nur ekelhaft; und unter ihr verblasst’ 

Ein wilder Drache, der am Boden rast’ 

Mit grahmem Schweif; in ihrer Hand sie hielt 

Ein Spiegelglas, darin sie oft geglasst, 

Verliebt in ihr Gesicht, das eitel schielt; 

Denn sie war wunderschön, wie keine sonst erzielt. 


Vom finst’ren Pluto war sie wohl geborn 

Und Proserpina, Königin der Nacht; 

Doch hielt sie sich für höher auserkorn 

Als diese Sippe, stolz in ihrer Macht; 

Und Jupitern, der hoch im Himmel wacht 

Und Blitze schleudert, nannt’ sie ihren Ahn, 

Und wen man sonst noch über ihn gedacht: 

Denn nach dem Höchsten strebt’ ihr stolzer Wahn, 

Und gab es Höh’res noch, so wollt’ sie es erlahn. 


Und stolze Lucifera hieß sie dort, 

Die selbst zur Königin sich herrlich krönt’, 

Obgleich kein echtes Reich an keinem Ort, 

Kein Erbe ihr als Herrscherin verschönt’; 

Durch Tyrannei sie auf dem Scepter thrönt’, 

Den sie mit Unrecht hielt in ihrer Hand; 

Nicht durch Gesetze sie ihr Volk verwöhnt’, 

Nur durch Kalkül und sechs Magier im Land, 

Deren verruchter Rat ihr Reich im Bund verband. 


Sobald der Elfenritter trat hervor 

Mit Fürstin Duessa, die so schön erscheint, 

Ein sanfter Herold, Eitelkeit, am Tor 

Ihn’ Gasse schuf und sie im Saal vereint. 

Er führt’ sie zu der Stufe, wo es scheint, 

Dass ihres Thrones Pracht am tiefsten sei; 

Dort knieten sie, wie es der Brauch vermeint, 

Und sagten ihr den Grund des Kommens frei: 

Zu sehn den großen Ruhm von ihrer Majestät herbei. 


Mit stolzem Aug’, halb unwillig und kühl, 

Dankt’ sie den beiden auf verächtlich’ Art, 

Und keine Gnade, die für Fürsten Gfihl 

Sich sonst geziemt, sie ihnen offenbart’. 

Die Herrn und Damen trieben es ganz harrt, 

Sich selbst den Fremden prächtig vorzustellen: 

Der eine kraust sein Haar nach Hofesart, 

Der and’re putzt die Krause mit Gesellen; 

Ein jeder neidet des andern Stolz in Prachtwellen. 


Sie hießen alle diesen Ritter gut 

Willkommen dort, froh um den neuen Gast; 

Doch um Duessa warb mit großem Mut 

Ein jeder dort und schmeichelt’ ohne Rast; 

Denn an dem Hof war sie bekannt fast. 

Nur jener Elfe mitten in dem Heer 

Sah all den Prunk als eitle Ritterlast, 

Und jene Fürstin stolz und tugendleer, 

Die Fremden keinen Gruß gab, der von Herzen wär’. 


Da bricht sie plötzlich auf von ihrem Sitz, 

Die edle Dame, ruft nach ihrem Wagen; 

Viel Volk stürzt vor, und sie mit stolzem Blitz, 

Gleichwie Aurora in des Purpurs Tragen, 

Vom Osten herbeiruft den neuen Tagen: 

So tritt sie vor; ihr Glanz bricht sich die Bahn; 

Die Menschenmassen in den Hallen klagen 

Und trampeln sich, um sie zu schauen an; 

Ihr herrlich glänzend Licht zieht jeden Blick in seinen Bann. 


So tritt sie vor und steigt in ihren Wagen, 

Mit Gold geschmückt und Kränzen reich und bunt, 

Als wollt’ sie Floras schönste Blüte tragen; 

An königlicher Pracht zu dieser Stund’ 

Tracht’ sie zu gleichen Junos Thron im Rund, 

Den rings die Götter staunend stets umreiten, 

Wenn sie zu Jupiters Palast vom Grund 

Durch Himmels Erzenbahnen sieht man gleiten, 

Gezogen von Pfauen stolz, die weit die Schwänze breiten. 


Doch diesen Wagen sechs Getier hier zogen, 

Auf denen ihre sechs Berater saßen, 

Die blind der Tiere Trieben eingeflogen, 

Weil sie in Art und Sitte gleichermaßen; 

Der erste, der voraus zog auf den Straßen, 

War Trägheit, jene Amme aller Sünden; 

Auf einem Esel ritt er ungemessen, 

In schwarzer Kutte, dünn sich zu entzünden, 

Gleich einem Mönch, bereit den Gottesdienst zu künden. 


Ein Brevier er in seinen Händen trug, 

Das wohl zerfetzt, doch wenig drin gelesen, 

Denn Andacht war ihm fremd und nie genug, 

In Schlaf versunken und wie tot gewesen; 

Kaum konnt’ er heben seinen Kopf, den bösen, 

Zu schaun, ob Nacht, ob Tag auf Erden lachte; 

Man sieht, wie schlecht der Wagen musst’ genesen, 

Wenn solch ein Führer auf die Wege achtete, 

Der nicht mal recht vom falschen Pfad zu scheiden dachte. 


Von Weltensorg’ hielt er sich stets zurück, 

Und floh der Männer Arbeit und Beschwerde, 

Aus jedem Werk stahl er sich Stück für Stück, 

Für Kontemplation auf dieser Erde; 

Doch sonst sein Leben wild im Sumpfe fährte, 

Woraus ihm bald ein schweres Siechtum spross; 

In seinen matten Gliedern unaufhörlich gärte 

Ein Schüttelfieber, das ihn nie verließ; 

So war die Trägheit, die als Erste sich genoss. 


Und ihm zur Seite ritt die Schlund-Gier wild, 

Ein Scheusal auf der Sau, gar fett und dreckig, 

Sein Bauch von Üppigkeit emporgeschwellt, 

Die Augen tief im Fett und stier und fleckig; 

Gleich einem Kranich war sein Hals gestreckt, 

Damit er schluckte Schmaus und übermäßig Wein, 

Indes das arme Volk vor Hunger reckt; 

Und auf dem Wege spie das Tier unrein 

Den Fraß heraus, dass alle flohn vor diesem Schwein. 


In grünem Weinlaub war er recht gekleidet, 

Denn and’res Tuch ertrug er nicht vor Hitze, 

Ein Epheukranz sein Haupt mit Stolz beneidet, 

Darunter rann der Schweiß in steter Pfütze; 

Beim Reiten fraß er, dass der Wanst ihm schütze, 

Und hielt ein Trinkgefäß in seiner Hand, 

Daraus er trank, dass er auf seinem Sitze 

Den trunknen Leib kaum hielt im Verstand; 

Mehr wie ein Ungetüm denn wie ein Mensch benannt. 


Zu weltlich’ Ding war er zu nichts zu nützen, 

Unfähig auch, nur einen Schritt zu tun, 

Nicht wert, an eines Königs Rat zu sitzen, 

Da Geist und Sinn in Speis’ und Trank nur ruhn, 

Dass er den Freund vom Feind nicht schied ab nun; 

Voll von Gebrechen war sein Leib, der blaue, 

Die Wassersucht im Fleische tat ihr Tun, 

Die durch die Völlerei stets wuchs im Baue; 

So war die Gier, die Zweite in der Schandeschau’e. 


Und nach ihm ritt die geile Wollust her, 

Auf einem Ziegenbock mit rauhen Haaren, 

Die Augen stier von Eifersucht und schwer, 

Ganz wie der Reiter, den sie vorwärts fuhren; 

Der finster, rauh und schmutzig war von Jahren, 

Kein schöner Mann für edler Damen Blick; 

Doch ward er oft geliebt von jenen Klaren, 

Wenn schön’re Männer blieben weit zurück: 

O wer versteht der Frauen Launen und ihr Glück? 


In grünem Kleide war er fein gewandet, 

Das drunter seine Hässlichkeit verbarg, 

In seiner Hand ein brennend Herz gelandet, 

Voll eitler Torheit, neu und unbarmherzig karg; 

Denn er war falsch und wankelmütig stark, 

Gelernt hatt’ er zu lieben mit geheimen Blicken, 

Und konnt’ gut tanzen, singen bis ins Mark, 

Und Schicksal deuten, Liebesbücher schicken, 

Und tausend and’re Kunst, des Fleisches Netz zu stricken. 


Ein unbeständ’ger Mann, der alles liebte, 

Was er nur sah, und lüstern nach ihm griff; 

Kein Recht sein zügellos’ Begehren trübte, 

Der schwacher Frauen Herzen gern angriff, 

Dass er von treuer Lieb’ sie abwärts rief; 

Solch Laster schlug ihn mit der Schande Schmerz, 

Mit jener Seuche, die der Menschheit Schilf 

Das Mark verfault und ganz zerfrisst das Herz; 

So ritt die Wollust als die Dritte südwärtswärts. 


Und gier’ger Geiz ritt nah an seiner Seite, 

Auf einem Kamel, das ganz mit Gold beladen, 

Zwei Eisenkisten hingen in die Breite, 

Voll edlem Erz bis an des Randes Faden, 

Im Schoß er Münzen zählt’ zu seinem Schaden; 

Denn aus dem schnöden Gut sein’ Gott er schuf, 

Und an die Hölle sich verkauft’ im Laden; 

Verfluchter Wucher war sein Lebensruf, 

Da Recht und Unrecht er auf gleicher Waage schuf. 


Sein Leben war dem Tode nah gestellt, 

Ein fahrig Kleid und Schuhe alt und morsch, 

Kaum einen guten Bissen er behält, 

Vom Mund und Leib gespart, gar karg und forsch, 

Um Säcke füllen zu können, der alte Schorsch; 

Doch hatt’ er weder Kind noch Anverwandten, 

Dem er es ließ; durch Sorge Tag und Nacht, 

Zu raffen und zu wahren vor den Banden, 

Führt’ er ein elend Leben, sich selbst nie erwacht. 


O armer Wicht, dem nichts genügen kann, 

Dem’s selbst im größten Überflusse fehlt, 

Des Not schloss ab, doch Geiz fing erst recht an, 

Dem Reichtum Mangel war, den Fülle quält, 

Der, da er viel besaß, nach mehr noch zählt’; 

Ein schnödes Siechtum, das in Hand und Fuß 

Als schwere Gicht ihn quälend heftig wählt’, 

Dass er nicht greifen, gehn noch stehen muss; 

So war der Geiz, der vierte Gast in diesem Fluss. 


Und neben ihm der gift’ge Neid dann ritt, 

Auf einem gier’gen Wolf, und kaute stetig 

Zwischen den faulen Zähnen, Schritt für Schritt, 

Ein gift’ges Krötentier, das schleimig-ledig 

Ihm aus dem Maule lief; doch innerlich erledigt 

Kaut’ er sein eig’nes Herz aus bitt’rem Groll 

Des Nachbars Glücks, das ihn nur traurig predigt; 

Denn Tod war’s ihm, wenn Gutes rings erscholl, 

Er weint’, wenn Grund er keinen fand, und war bei Unheil toll. 


In einem bunten Rock aus grobem Sehn 

War er gekleidet, voll bemalt mit Augen, 

Und in dem Busen heimlich war zu sehn 

Ein gift’ge Natter, deren Ringe taugten, 

In vielen Falten tödlich Gift zu saugen; 

Beim Reiten knirscht’ er mit den Zähnen sehr, 

Wenn Geizes Goldesberge vor ihm ragten, 

Und grollte ob dem Glück, das ringsumher 

Der stolzen Lucifera und Gefährten war gewährt so sehr. 


Er hasste alle guten, edlen Taten, 

Und jeden Mensch, der Tugend mochte üben, 

Wer Hungrigen mit Brot tat gütig raten, 

Des Almos’ schalt er falsch aus Unglaubslieben; 

So hat er alles Gute bös vertrieben; 

Auch jene Verse, die der Dichter Geist 

Erschuf, verleumdet’ er mit Giftgeschrieben, 

Aus aussätzigem Mund er Spott verheißt 

Auf jeden, der je schrieb, was seine Kunst beweist. 


Und neben ihm ritt Zorn, der wilde Rächer, 

Auf einem Löwen, der sich ungern lenken ließ, 

In seiner Hand ein Brand wie für Verbrecher, 

Den er hoch über seinem Haupte stieß; 

Sein Auge rote Feuerfunken schoss und ließ 

Den Blick starr auf ein jeden ringsumher, 

Wie Asche blass, als ob der Geist ihn verließ; 

Die Hand am Dolche hielt er fest und schwer, 

Und zitterte vor Wut, wenn Galle schwoll ihm sehr. 


Sein wildes Kleid war ganz mit Blut befleckt, 

Das er vergossen, und in Fetzen gar, 

Weil unberaten Raserei ihn weckt’; 

Denn seiner Hände Herr er niemals war, 

Noch schont’ er Blut, wenn Rache ihm ward klar; 

Doch wenn der wilde Anfall war vergangen, 

Bereut’ er seine grausam’ Taten bar; 

Doch dacht’ der tolle Mann nicht im Verlangen, 

Wie vieler Jammer folgt’, wenn er erst angefangen. 


Viel Unheil folgt auf diesen grausam’ Zorn: 

Abscheulich’ Blutvergießen, wilder Streit, 

Unmenschlich’ Mord und Schaden unerkorn, 

Gar bitt’rer Hohn und Rost-Messer der Neid, 

Und fressend’ Herzeleid, des Lebens Feindlichkeit; 

All dies und mehr ritt mit der Wut im Bunde, 

Die geschwoll’ne Milz, des Wahnsinns Raserei, 

Das Zittern und das Fieber in der Stunde; 

So war der Zorn, der Letzte in der Sünden Reih’. 


Und hinter allem, auf des Wagens Deichsel, 

Ritt Satan selbst, die Geißel in der Hand, 

Mit der er vorwärts trieb das faule Wechsel, 

Sooft die Trägheit still im Schlamme stand. 

Ein riesig Volk sich um den Wagen fand, 

Das johlte laut; und vor dem Zuge her 

Lag dichter Nebel überm ganzen Land; 

Und verstreut am Boden, grausam schwer, 

Lagen Totenköpf’ und Knochen derer, die verirrt im Meer. 


So zogen sie in diesem stolzen Prangen, 

Um sich zu laben an der freien Luft, 

Auf blühenden Feldern, die in Düften prangten; 

Und mit den and’ren ritt in falschem Duft 

Die falsche Dame, die zum Bösen ruft, 

Duessa nah am Thron in Eitelkeit, 

Als Teil des Zugs; doch jener Ritter sucht’ 

Die Ferne von dem Tand und jener Freud’, 

Da solche Companie nicht taugt für Kriegers Ehrbarkeit. 


Als sie ein Weilchen sich im Feld ergötzt, 

Vom süßen Hauch der Wiesen reich genährt, 

Sind sie zum stolzen Schlosse heimgehetzt; 

Dort fanden sie, in Waffen hoch geehrt, 

Einen irrenden Ritter, dem ein Schild gehört 

Mit heidnisch’ Schrift, darauf in Lettern rot 

„Sans-joy“ stand; der, von wildem Zorn verzehrt, 

In seinem Herzen finst’re Rache bot, 

Und dachte bitterlich an blut’gen Kampf und Tod. 


Als er den Schand-Schild sah von Sans-foy jetzt, 

Den jener Knappe trug am Rittersitz, 

Der ihm verriet, wer neulich totgehetzt 

Den ältr’en Bruder mit des Schwertes Blitz, 

Da sprang er vor, entflammt von wilder Hitz’, 

Und riss des Siegers Beute wild herbei; 

Doch jener Elfe, dem mit starkem Witz 

Der Lohn gebührt’, ertrug nicht Tyrannei, 

Sprang kühn dazwischen und gewann zurück die Beut’ im Schrei. 


Daraufhin rannten sie mit wilder Kraft 

Zusammen, brennend auf das Kampfgericht, 

Die Schilde klirrten, Schwerter hochgerafft, 

Dass Unruh brach durch aller Zeugen Sicht; 

Bis jene Königin mit Strenge spricht 

Und bei der höchsten Strafe ihrer Huld 

Ihn’ jäh gebot, zu mäßigen die Pflicht, 

Und wer des Schildes wert sei ohne Schuld, 

Soll morgen im Turnier es fechten mit Geduld. 


„Ach, edle Herrin“, sprach der Heide kühn, 

„Verzeiht den Fehltritt dem erboßten Mann, 

Den großer Schmerz getrieben, wild zu glühn, 

Dass er Vernunft und Zügel nicht mehr kann, 

Da er den feigen Verräter schaut’ hier an, 

Kein Ritter, nein, ein Mörder voller Trug, 

Der durch Verrat den kühnsten Held gewann, 

Sans-foy erschlug (wer hielte da den Flug?), 

Dessen Schild er verkehrt trägt, zum Spott, den er schuf.“ 


„Und um den Ruhm des Truges noch zu mehren, 

Ist seine liebste Dame, schön und rein, 

Fidessa, nun beim Schurken in den Ehren, 

Der erntet, was der Feind gesät allein, 

Gesät im Blut und schwer erkauft in Pein! 

Des Bruders Hand wird zahlen diesen Lohn, 

Wenn Ihr, o Königin, uns Huld verleiht im Schein.“ 

Ihm gab der Elfenritter Antwort kaum; 

Er wollt’ mit Schwertern flehn, nicht mit der Worte Schaum. 


Er warf den Handschuh als ein heilig’ Pfand, 

Um seine Sach’ im Kampf am nächsten Tag 

Zu prüfen; so man sie geschieden fand, 

Ein jeder auf des Feindes Blute lag. 

Die Nacht verging in Fest und Freuden-Glag, 

Man schmaust’ und warb in Hallen weit und breit; 

Denn Küchenmeister war die Schlund-Gier, mag 

Sie schenken aus der Fülle Lust und Freud’; 

Danach rief Kämmerer Trägheit sie zur Ruh’bereit. 


Als nun die finst’re Nacht herabgesenkt 

Ihr kohlschwarz’ Tuch auf des Himmels Pracht, 

Die Jugend auf den Betten lag und denkt, 

Vertreibend süßen Schlaf in jener Nacht, 

Weil sie auf Mittel für den Sieg bedacht. 

Doch als Morpheus mit dem bleiernen Stab 

Den ganzen Hof in tiefen Schlaf gebracht, 

Stand auf Duessa aus dem Bett herab, 

Und schlich zum Heide hin, leis’ wie ein Geist am Grab. 


Sie fand ihn wach, in tiefer Sorge Not, 

Wie er den Feind wohl treffen könnt’ im Streit, 

Und sprach zu ihm, wie es das Herz ihr bot: 

„Ach, Sans-joy, dem Sans-foy war so geweiht, 

Du Quell des Schmerzes und der neuen Freud’! 

Froh bin ich, sein Gesicht in dir zu sehn, 

Doch traurig ob des Feindes Grausamkeit, 

Der jene Blüte brach, die so ersehn; 

Sieh, deine Fidessa flieht zu dir, das Recht zu flehn.“ 


Mit sanften Worten grüßt’ er sie gar fein, 

Und bat sie, ihres Herzens Grund zu nennen. 

Sie seufzt’ und sprach: „Wie oft mischt sich in Pein 

Das Quäntchen Süße, das wir kaum erkennen! 

Seit Amor mich traf, um für ihn zu brennen, 

Für Sans-foy, fand mein Herz kein’ frohe Stund’, 

In ew’gem Weh musst’ ich mich von ihm trennen, 

Da ich ihn liebte tief aus Herzensgrund, 

Und seinetwegen litt manch schweren Sturm im Bund.“ 


„Als ich zuletzt glaubt’, alle Not sei aus, 

Und hoffte zu ernten meiner Sorgen Lohn, 

Warf mich ein neu’ Geschick in Graus und Aus 

Durch diesen Heuchler, der voll frechem Hohn 

Den Schild des Bruders trägt als stolzen Thron, 

Den er durch List gefangen und erschlug. 

Mich armes Mädchen schleppt’ er mit sich schon, 

Und hält mich seither in der Höhle Krug, 

Weil ich ihm verweigert’, was ich Sans-foy treulich trug.“ 


„Doch da des Himmels Sonne nun vertreibt 

Die Wolken und mein Leben wieder lacht, 

Will ich bei dir sein, wo der Schutz verbleibt 

Vor seines Hochmuts Sturm und böser Macht. 

Dir steht das Erbe zu aus dieser Schlacht, 

Des Bruders Ruhm und seine Lieb’ dazu; 

Lass nicht den Geist, der droben um uns wacht, 

Unaktiv sein, der aus der Styx im Nu 

Nach Rache ruft und wandert ohne Rast und Ruh’!“ 


Darauf sprach er: „Schöne Dame, sei verzagt 

Nicht ob des Schmerzes; er vergeht im Wind; 

Auch sei vor heut’ger Not dir nicht gebangt; 

Denn falsche Furcht bringt keinem Nutzen geschwind, 

Und Jammern hilft nicht, wo wir hilflos sind. 

Tot ist Sans-foy, sein Schmerz ist nun vorbei, 

Wenn auch sein Geist nach Rache ruft gelind; 

Er lebt, der ihm zahlt seine Pflichten frei, 

Und Elfenblut soll fließen bald als Opferbrei!“ 


„O doch ich fürchte“, sprach sie, „Fortunas Spiel 

Und jene Waffen, die im Feld man schwingt.“ 

„Ach Dame“, rief er, „wessen Kraft gilt viel, 

Wenn beide kämpfen, bis das Schicksal zwingt? 

„Ja, doch er trägt ein’ Schild, der magisch klingt, 

Und Zauberwaffen, die kein Stahl durchdringt, 

Kein Mensch verwundet den, der sie beschwingt!“ 

„Ob Zauber oder Fluch, der drinnen ringt“, 

Rief er, „ich acht’ es nicht, und nichts mein’ Mut bezwingt!“ 


„Doch, schön’ Fidessa, da Fortunas Trug 

Oder des Feindes Macht dich hält gefangen, 

Kehr heim dorthin, wo du geruht genug, 

Bis morgen ich den Elfen hab’ ergangen, 

Um dir Sans-foys Erbe zu verlangen.“ 

„Weh mir, das ist ein zweifach’ Tod“, sie sprach, 

„Des Feindes Anblick füllt mich mit Bangen; 

Doch wo ich bin, folgt dir mein Schutzgemach.“ 

So ging sie fort und seinem Willen treu nach. 


Das edle Herz, das Tugend hält bereit, 

Und schwanger geht mit großem, hehrem Sinn, 

Kann niemals ruhn, bis es in Ewigkeit 

Geboren hat den Ruhm als Hauptgewinn; 

Solch rastlos’ Sehnen zog den Ritter hin, 

Der Flammenmut den Elfen ganz verzehrt’, 

Da er bedachte, wie mit Stolz darin 

Das große Kampfspiel würdig wird geehrt; 

So wacht’ er stetig, bis das Morgenlicht einkehrt. 


Zuletzt des Himmels gold’nes Tor erbrach, 

Das weite Östliche, so hell und rein, 

Und Phoebus frisch wie ein Bräutigam erwacht’, 

Tanzte hervor, schüttelnd den Haares-Schein; 

Und warf die Strahlen in die Nacht hinein. 

Als dies der wache Elfe konnt’ erschauen, 

Sprang er empor, um ganz bereit zu sein, 

In Sonnen-Waffen, ritterlich zu bauen; 

Denn mit dem Heiden will er heute Kräfte hauen. 


Er trat hinaus in den gemeinen Saal, 

Wo früh schon manch ein Auge auf ihn blickt’, 

Zu sehn, was fremden Rittern droht als Qual. 

Viel Spielleute machten Musik, die erquickt, 

Damit die Schwermut aus dem Geiste weicht; 

Und viele Barden, die zum Saitenspiel 

Die Stimmen stimmten, künstlich und geschickt, 

Und Chronisten, derer Lieder viel 

Von alter Lieb’ und Frauen-Krieg der Ritter hielt als Ziel. 


Bald darauf kommt der grausam’ Sarazene, 

In Kettenhemden sorgsam ganz bewehrt, 

Und blickt ihn finster an; doch keine Träne 

Jener vergießt, den kein Blick je beschwert. 

Man reicht ihn’ Wein, der aus Arabien nährt, 

Und edles Gewürz aus Indiens weitem Land, 

Das heimlich ihnen Mut und Hitze mehrt; 

Und im Pokal sie schwuren Hand in Hand, 

Zu wahren des Gesetzes heil’ges Waffenband. 


Zuletzt tritt vor die weitberühmte Frau 

Mit Pracht und königlicher Majestät; 

Man führt sie hin zur eingezaunten Au, 

Wo sie erhöht unterm Baldachin nun steht, 

Zu sehn, wie bald der Ritter Kampf anhebt. 

Zur and’ren Seit’, für alle Welt zu schaun, 

Sitzt nun Duessa; und am Baum verwebt 

Hängt Sans-foys Schild, rot von des Blutes Graun: 

Die beiden Preise, die dem Sieger lohnend taun. 


Die Trompete schrillte aus der Höh’ herab 

Und rief sie auf zu diesem harten Streit. 

Den Schild am Arm, den man sich fest nun gab, 

Die blanke Klinge hoch zum Streich bereit, 

Als Werkzeug für den Zorn und bitt’res Leid; 

Mit gier’ger Kraft ein jeder den and’ren schlägt, 

Sie treffen sich so hart in dieser Zeit, 

Dass tiefe Furchen in den Stahl geprägt; 

Die Eisenwand der Rüstung ihren Streichen schmäht. 


Der Sarazene war gar stark und kühn 

Und häufte Hiebe gleich dem Hammer schwer; 

Denn nach Vergeltung tat sein Herz nur glühn. 

Der Ritter wild, voll Jugendmut noch mehr, 

Verdoppelt’ Streiche gleich dem Donnerheer; 

Denn nur für Ruhm und Ehre er hier focht. 

Sie schlagen, werden geschlagen hin und her, 

Dass Funkenlicht aus ihren Schilden krocht, 

Und tiefe Schrammen zeugen, wie man grimmig pocht. 


Der ein’ für Unrecht, der and’r fürs Rechte streit’; 

Gleichwie ein Greif, der seine Beute hält, 

Ein’ wilden Drachen trifft in Einsamkeit, 

Der durch die Lüfte träg’ die Flügel stellt 

Und ihm den Raub entreißen will im Feld; 

Mit grauem Schrecken schlagen sie sich wund, 

Dass selbst der Himmel zitternd fast zerfällt; 

Der Seher, da er schaut’ den düst’ren Bund, 

Macht’ bang dem Volke von dem großen Kriege kund. 


Der ein’ für Unrecht, der and’r fürs Rechte streit’, 

Ein jeder treibt den Feind zu Tod und Schmach; 

Der grausam’ Stahl ins junge Fleisch einschneid’t, 

Dass rotes Blut in Strömen sich nun brach; 

Die Rüstung, die einst hell im Glanze stach, 

War nun in reines Zinnober ganz getaucht; 

Groß Mitleid in den Herzen rings erwacht’, 

Da man die tiefen, klaff’nen Wunden schaut’, 

Dass man den Sieg nicht einem einz’gen gönnen mag. 


Zuletzt der Heide seinen Blick nun warf, 

Den schnellen Blick, entflammt von wilder Glut, 

Auf seines Bruders Schild, der nah und scharf 

Dort hing; da schwoll in ihm die Zorneswut, 

Und er rief aus: „Ach, Sohn aus gleichem Blut, 

Sitzst du und klagst am schwarzen Styxen-See, 

Indes dein Schild hier dient als Siegesgut, 

Und dein fauler Bruder schaut dem Elend zu, 

Statt nachzusenden den Feind, der dich gebracht zur Ruh’?“ 


„Zieh hin, du Elfe, hol ihn ein geschwind 

Und erlöse ihn aus seiner langen Pein; 

Zieh hin, du Geist, sag ihm, dass sein Gesind 

Den Schild befreit hat von dem Mörder dein!“ 

Daraufhin schlug er auf den Helm ihm ein, 

Dass er zweimal taumelt’, fast zu Boden sank; 

Das Ende schien den Zeugen nah zu sein, 

Und laut Duessa ihm entgegen sang: 

„Dein ist der Schild, und ich, und alles ohne Zwang!“ 


Sobald der Elfe seine Dame hört’, 

Erwacht’ er jäh aus seinem schweren Traum, 

Der schwache Glaube neu sich in ihm nährt’, 

Die Todeskälte schüttelt’ er im Raum; 

Von Zorn und Schmach bewegt, ertrug er’s kaum, 

Und wollt’ sich rächen für der Herrin Ehr’; 

Mit solcher Wut schlug er durch Luft und Schaum, 

Dass jener sinken musst’ aufs Knie gar sehr; 

Hätt’ er’s nicht getan, wär’ er gespalten nimmermehr. 


Und sprach zu ihm: „Geh nun, du stolzer Wicht, 

Bring selbst die Botschaft deinem Bruder treu; 

Er wandert einsam, länger braucht er dich nicht; 

Sag ihm, sein Feind trägt diesen Schild aufs Neu’.“ 

Die schwere Hand er hob zu schlagen frei, 

Ihn zu erschlagen; doch ein Nebel dicht 

Fiel auf ihn her; verschwunden war der Schrei, 

Er war entwischt. Der Elfe ruft ins Licht, 

Doch keine Antwort kommt; das Dunkel bricht es nicht. 


In Eile stand Duessa auf vom Ort, 

Lief hin zu ihm und sprach: „O kühnster Held, 

Den je eine Dame wählt’ zum Schutze dort, 

Lass sinken nun den Zorn, der dich entstellt, 

Und dämpf die Glut, die aus der Rache quillt! 

Sieh, die Mächte aus der tiefen Nacht 

Haben den Feind gehüllt in Nebelzelt, 

Und ihn zu Plutos düst’rem Schloss gebracht. 

Der Sieg ist dein, und ich, der Schild und deine Macht!“ 


Doch nicht zufrieden, suchte er im Raum 

Mit gier’gem Aug’, die Klinge scharf und blank 

Im Blut des Feindes zu baden; doch im Traum 

Lag jener tief im Schatten krank; 

Er staunte sehr, wie er ihm so entsprang. 

Da schrillt’ Trompeten-Triumph aus der Höh’, 

Die Herolde liefen vor mit Gruß und Dank, 

Und ehrten ihn ob des Sieges neu’m Geseh’, 

Und brachten ihm den Schild, den Quell von allem Weh. 


Damit geht er zur Königin herbei, 

Und fällt vor ihr aufs Knie demütig nieder, 

Und bietet ihr den Dienst nun treu und frei; 

Sie nimmt ihn an mit Dank und gutem Mieder, 

Und rühmt des Ritters kühne Taten wieder. 

So zieht sie heim, an ihrer Seit’ der Held, 

Dem nachfolgt das Volk mit frohen Liedern, 

Sie klopfen in die Hände, dass es schallt im Feld, 

Bis dass der laute Ruf den weiten Himmel füllt. 


Man bringt ihn heim und legt ihn reich ins Bett, 

Wo viele Ärzte warten auf sein Kommen, 

Zu heilen Wunden, die noch blut’ten fett. 

Mit Wein und Öl, das sie herbeigenommen, 

Wuschen sie ihn; und Balsam tat ihm frommen. 

Und all die Zeit erklang ein süßer Ton, 

Musik am Bett hat ihm den Schmerz genommen, 

Um ihn zu trösten in der Qualen Lohn; 

Indes Duessa weint’ in bitt’rem Jammer schon. 


Gleichwie ein Wanderer, der müde geht 

Am Schlammgestade von des Niles Mündung, 

Und nicht die Tücke jener Wege versteht, 

Trifft auf ein Krokodil in falscher Findung, 

Das weint und schluchzt in scheinbarer Empfindung, 

Und bittere Tränen gießt aus falschem Schmerz; 

Der Tor, der Mitleid fühlt mit der Verwundung, 

Wird jäh verschlungen durch das falsche Herz, 

Vergessend eig’ner Not durch fremder Leiden Scherz. 


So weint’ Duessa bis zum Abendrot, 

Dass helle Lampen in Joves Hause brannten; 

Da stand sie auf, da ihr die Zeit Gebot, 

Und ging dorthin, wo sie den Heiden fanden, 

Der fast ohnmächtig lag in Zauberbanden, 

Im Nebel ganz verhüllt den ganzen Tag; 

Als sie ihn fand, wie sie ihn einst verlassen, 

Blieb sie nicht lang bei seinem Weh und Klag’, 

Sondern zum Osten hin flog sie mit schnellem Schlag. 


Dort traf sie auf die grause, finst’re Nacht, 

Deren Gesicht von Trauer war umgeben, 

Die niemals Phoebus’ hellem Licht gelacht, 

In einen pechschwarzen Mantel ganz gewoben; 

Sie trat hervor aus ihrer Höhle oben, 

Wo sie am Tag verbarg ihr Hässlichkeit. 

Ihr Eisenwagen stand bereit zum Heben, 

Die Rösser, schwarz wie Kohle, standen reih’t, 

Und bissen auf das Gebiss, vor Wildheit ganz befreit. 


Als sie Duessa sah, so sonnenhell, 

Geschmückt mit Gold und Edelstein im Glanze, 

Erschrak sie vor dem fremden Lichte schnell 

Und fürchtete den Schein im hellen Kranze; 

Denn nie sah sie solch Pracht in diesem Tanze, 

Und wollt’ zurück in ihre Höhle fliehn, 

Bis sie die Hexe hört’ im ernsten Ganze: 

„O weile doch, du Herrin, eh’ ich zieh’, 

Und hör die Botschaft an, die ich dir bring’ herhie.“ 


Sie blieb; und jene sprach mit falschem Mund: 

„O du, die älteste Ahnherrin von allen, 

Älter als Jove, den du einst gesund 

Geboren hast, und jene Götterhallen, 

Die in Demogorgons Reich gefallen, 

Und sahst die Welt, als sie noch ungestaltet; 

Warum lässt du des Elfenschwertes Schallen 

Die Neffen treffen, dass ihr Leben faltet? 

Sieh, wo der kühne Sans-joy nun im Schatten waltet!“ 


„Und vor ihm sah ich mit betrübtem Blick 

Den kühnen Sans-foy unterm Speere sinken; 

Nun liegt er auf dem Feld als Vögelglück, 

Kein Freund, der weint, kein Bahrtuch lässt ihn winken, 

Der mir einst teuer war im Liebestrinken. 

Was hilft es, von den Göttern abzustammen, 

Wenn blind des alten Aveugles Söhne sinken? 

Wer wird nicht Nachts Kinder im Spott verdammen, 

Wenn zwei von dreien fallen in des Feindes Flammen?“ 


„Auf dann, du düst’re Frau, der Finsternis 

Regentin, sammle deines Stammes Reste, 

Oder räche sie, und zeig’ der Welt gewiss, 

Dass grause Nacht im hellen Licht das Beste 

Und schlagen kann der Kinder Lichts Paläste!“ 

Ihr ernstes Reden rührt’ der Mutter Herz, 

Ein Wechsel trat auf ihr Gesicht, das feste; 

Doch Mitleid fühlte sie zum ersten Mal im Schmerz: 

Denn immer hat sie nur gehasst, nie geliebt im März. 


Und sprach: „Mein liebes Kind, mit Recht ich klag’ 

Den Fall der großen Kinder, mir geborn, 

Und jenen Sieg, den ihr Feind feiert Tag für Tag; 

Doch wer wendet des Schicksals Strom voll Zorn, 

Wer bricht der Notwendigkeit kettenen Sporn, 

Die fest gebunden ist an Joves Thron? 

Die Kinder des Tages liebt er, ganz von vorn, 

Und baut auf meinen Trümmern ihren Lohn; 

Durch and’rer Verlust groß zu werden, ist schlechter Hohn. 


Doch sollen sie nicht ganz so frei entfliehn; 

Denn mancher zahlt den Preis für and’rer Schuld; 

Und er, der Sans-foy hieß im Tode ziehn, 

Soll mit dem eig’nen Blut bezahlen ohne Huld. 

Doch wer bist du, die klagt mit solcher Duld 

Um meine Neffen?“ — „Die ich scheine nicht, 

Duessa bin ich“, sprach sie voller Huld, 

„Wenn ich auch komm’ in gold’nem Prachtgewicht, 

Duessa, des Betrugs und der Schande Kind im Licht.“ 


Da bog sie tief den alten Rücken fort 

And küsste die Hexe wild: „In dem Gesicht 

Liegt des Betruges falscher Schein und Hort, 

Ich wusste es; doch zeigt es solches Licht, 

Dass ich im Dunkeln es erkannte nicht, 

Obwohl ich selbst der Falschheit Mutter bin 

Und Wurzel von Duessas Stamm und Pflicht. 

Willkommen, Kind, nach dem stand mein Sinn, 

Nun seh’ ich dich ungeahnt. Komm, ich zieh’ mit dir hin.“ 


Zum Eisenwagen sie sich wenden schnell, 

Und nimmt die hässliche, schöne Hexe mit; 

Durch finst’re Luft zieht ihr Gespann zur Stell’. 

Ihr Viererzug, von dem zwei pechschwarz mit, 

Zwei braun doch ungleich waren Schritt für Schritt, 

Schwamm sanft dahin, ohn’ Hufschlag auf der Bahn, 

Es sei denn, dass ihr Zaum sie härter schnitt; 

Dann schäumten sie wie Teer im wilden Wahn 

Und bäumten sich im feinen Element bergan. 


So schnell sie fuhren, dass sie kamen an 

Am fernen Ort, wo nun der Heide lag, 

Beraubt der Sinne, matt der Lebensbahn, 

Verhüllt im Zaubernebel vor dem Tag 

Und Menschenblick seit jener harten Plag’. 

Die grausam’ Wunden, starr von Blutes Graun, 

Verbinden sie so weise, wie man mag, 

Und pflegen sie, bis Heilung ist zu schaun: 

So legen sie ihn in den Wagen, still im Nachtesbraun. 


Und all die Weile, die sie stand am Grund, 

Hörten die wachsamen Hunde nimmer auf zu schrei’n, 

Als warnten sie vor dem ungewohnten Fund, 

Da des Wagens Eisenräder brachten Pein 

Und ihr gar finst’rer Blick trieb Schrecken ein; 

Der Todesbote auch, die Eule schwer, 

Klagt’ schrill und machte ihre Nähe rein; 

Und hung’rige Wölfe heulten um sie her, 

Vor ihrem Abscheu-Antlitz, gar so hässlich und so leer. 


Von dort in Stille kehrten sie zurück, 

Und brachten den schweren Leib mit leisem Gang 

Zum klaff’nen Schlund, Avernus’ tiefem Stück. 

Durch dieses Loch führt ein Weg, dunkel und bang, 

Wo Schwefelrauch und Qualm den Ort bezwang, 

Hinab zur Höll’; kein Wesen kam von dort, 

Das ohne Himmelsgnade rückwärts sprang; 

Nur grause Furien brechen Ketten dort 

Und Geister ziehn herauf, zu schrecken böse Menschen fort. 


Auf diesem Weg die grausen Frauen ziehn 

Den traurig’ Wagen, voll von altem Blut, 

Und sind zu Plutos Hause bald gediehn; 

Da sie hindurchziehn, steht in bangem Mut 

Die Schar der Geister, zitternd in der Glut, 

Mit Zähnen klappernd, starrend weit und leer 

Mit steit’nem Aug’; und all die Brut 

Der Höllenteufel strömt von ringsumher, 

Zu sehn den Sterblichen, der mit der Nacht zog her. 


Sie ziehn vorbei an Acherons bitt’rer Flut, 

Wo viele Seelen sitzen im Jammer schwer, 

Und kommen bald zu Phlegethons Feuersglut, 

Wo die Verdammten braten im Qualenmeer 

Und gellend schreien, hilflos hin und her, 

Verfluchend Jove, der sie hinabgesandt. 

Das Haus der ew’gen Pein steht nah und leer, 

In dem zehntausend Arten Qual bekannt 

Die bösen Geister quälen ewig im verfluchten Land. 


Vor dieser Schwelle lag nun Cerberus, 

Der seine drei missform’ten Köpfe streckt’, 

Mit tausend gift’gen Nattern im Genuss, 

Und seine blut’ge Flammenzunge leckt’; 

Die Borsten hob er wild, vom Zorn geweckt, 

Und knurrte grimmig, bis der Nacht Gesicht 

Ihn stillte; da den Schweif er tief versteckt’ 

Und ließ sie friedlich ziehn ins Dunkelreit; 

Denn in der Höll’ wie auch im Himmel galt ihr großes Recht. 


Dort war Ixion, der am Rade dreht’, 

Weil er der Himmelskönigin wollt’ nahn; 

Und Sisyphus, der einen runden Stein hochbläht’ 

Wider den Berg, ohn’ Rast auf seiner Bahn; 

Dort hing auch Tantalus, den Durst getan, 

Bis an das Kinn; und Tityus füttert’ wild 

Den Geier mit der Leber; und im Wahn 

Lag Typhoeus auf der Folterbahn gewillt, 

Theseus zu Ruh’, und Schwestern, deren Fass nie füllt. 


Sie alle, da sie sahn die Menschen hier, 

Ließen die Arbeit ruhn im Schmerzensband, 

Um sie zu schaun; die Frauen ziehn nach ihr, 

Bis sie den fernsten Teil des Reichs gewandt; 

Dort war ein’ Höhl’ von wunderbarer Hand, 

Tief, dunkel, traurig und voll schwerem Leid, 

In der gefangen Äskulapius stand 

In Ketten ohne Rettung weit und breit, 

Weil er Hippolytus’ Leib geheilt vor langer Zeit. 


Hippolytus war ein kühner Jägersmann, 

Der auf dem Wagen jagt’ den wilden Eber; 

An Schönheit kam kein and’rer an ihn ran, 

Doch Frauenliebe mied er wie ein Streber; 

Die Stiefmutter entflammt’ als Liebesgeber, 

Doch als sie sah, dass er ihr Werben mied, 

Wandelt’ sich Lieb’ in Hass als Lebensweber, 

Und klagt’ ihn an vor des Vaters Angesicht, 

Und täuscht’ sein Ohr mit falschem Eifersuchtsbericht. 


Der Vater rief in Zorn und wilder Wut 

Den Meeresgott an, Rache auszuspein; 

Zwei Ungeheuer kamen aus der Flut, 

Vor deren Schrecken scheuten die Rosse dein, 

Und warfen Wagen samt dem Jäger ein. 

Sein schöner Leib an Klippen jäh zerriss, 

Ganzliederig verstreut im wilden Stein, 

Auf jedem Berge lag ein Teil gewiss, 

Dass von Hippolytus kein Denkmal mehr auf Erden wies. 


Die grausam’ Stiefmutter, da sie dies sah, 

Beendet’ ihr böses Leben mit dem Messer, 

Im Tod gestehend, dass ihm Unrecht geschah. 

Der voreil’ge Vater zerrte sich nicht besser 

Das Haar und flucht’ der Zunge als Vergesser; 

Doch sammelt’ er die Reste seiner Not 

Durch Dianas Hilfe, die ihm war ein Besserer, 

Und bracht’ sie zu Äskulap, der in des Todes Boot 

Durch seine Kunst geheilt hat jedes Glied aus schwerer Not. 


Solch Wunderkunst im Menschengeist zu sehn, 

Erzürnte Jove, der die Toten weckt’ 

Und abgelauf’nes Schicksal ließ neu erstehn; 

Des ew’gen Lebens hat er ihn bezweckt, 

Doch lebend in die Hölle ihn gestreckt, 

Vom Blitz getroffen und verwundet schwer; 

Wo er nun lang schon lag im Schmerz verdeckt, 

Und sich mit Salben heilte immer mehr, 

Zu dämpfen Gottesfeuer, das da wütet’ um ihn her. 


Dort kam die alte Nacht nun schläfrig an, 

Stieg aus dem müden Wagen, und im Arm 

Trägt sie zu Äskulap den Ritter dann; 

Nachdem sie ihn befreit von Rüstung warm, 

Zeigt sie ihm seine Wunden und den Harm, 

Anflehend ihn mit Bitten und mit Lob, 

Ob Salbe, Kraut, ob Öl, ob Zauberschwarm 

Den matten Leib aus Todes Rachen hob, 

Dass er auf ihr Begehren des Neffen Leben neu erhob. 


„Ach Herrin“, sprach er, „du versuchst mich blind, 

Zu wagen, was ich täglich noch bereu’, 

Und die alte Ursach’ meiner Schmerzen geschwind 

Mit gleichem Wagnis aufzuführen neu. 

Ist’s nicht genug, dass ich vom Himmel treu 

Vertrieben, ew’ge Strafe hier nun zahl’? 

Soll ich verdoppeln meine Schuld im Reu’ 

Auf dein Geheiß? Kann Nacht bezahlen die Qual 

Des Donnergottes Jove, der herrscht über Tag und Nacht zumal?“ 


„Nicht so“, sprach sie, „doch da der Götter König 

Vom Himmel dich vertrieben hat für immer, 

Was fürchtest du, da Hoffnung dir gilt wenig? 

Und fürchtest nicht, was dir schaden könnte nimmer, 

Hier in der ew’gen Nacht gewalt’gem Schimmer? 

Wohlan denn, o du weitberühmter Sohn 

Des großen Apoll, zeig’ deiner Kunst Geflimmer 

In Medizin, die dir bracht’ Schmerz als Lohn, 

Doch größ’ren Ruhm, der nimmer schwindet von dem Thron!“ 


Ihr Wort gewann; und der gelehrte Mann 

Legt’ seine kluge Hand an die Wunden schwer, 

Und tat alles, was seine Kunst nur kann; 

Als sie dies sah, erhob sich bald noch mehr 

Die Mutter dunkler Nacht und ließ ihn her, 

Des Aveugles Sohn, in des Arztes treuer Hand; 

Und kehrte um auf ihrem Weg aufs Meer, 

Zu laufen ihre Bahn aufs Neue übers Land, 

Weil Phoebus seine müden Rosse in den Wellen fand. 


Die falsche Duessa verließ die Nacht nun hier 

Und kehrt’ zurück zum Palast der stolzen Frau; 

Als sie dort ankam, fand den Ritter sie 

Bereits entflohn, obgleich im Wunden-Grau 

Noch nicht geheilt zum Reiten auf der Au. 

Guten Grund hatt’ er, zu fliehn von diesem Ort; 

Denn eines Tags sein Zwerg sah ganz genau, 

Dass tief im Kerker eine Schar lag dort 

Von armen Sklaven, die da weinten ewig fort. 


Ein traurig’ Anblick, wie man ihn kaum fand; 

Von denen er erfahren heimlich leis’ 

Den fernen Grund, warum man sie geband: 

Weil sie ihr Leben gaben zum Verschleiß 

Der Habsucht, durch des Stolzes wilden Kreis 

Und Geiz; so wurden sie durch dieses Recht 

Der stolzen Herrin, durch des Zorns Geheiß 

Und Neid, verdammt zum Kerker, hart und schlecht, 

Wo sie in Weh nun leben und sterben als ein Knecht. 


Dort war jener stolze König Babylons, 

Der alle Völker zwang, ihn anzuflehn 

Als einz’gen Gott auf Stufen seines Throns, 

Bis er durch Gottes Urteil musst’ vergehn, 

Verstoßen und als Ochs im Felde stehn. 

Auch König Krösus lag an diesem Ort, 

Des Herz durch großen Reichtum hoch gesehn; 

Und Antiochus, der in blindem Mord 

Die Hand erhob und tanzte auf dem Altarsort. 


Und lange vor ihnen der Nimrod lag, 

Der erst’ der Welt mit Schwert und Feuer stritt; 

Und Ninus, der ihm folgte Tag für Tag, 

An Pracht ihn übertraf bei jedem Schritt. 

Auch jener Herrscher litt im Kerker mit, 

Der tiefste von allen, doch im Stolz ganz rein, 

Der seines Vaters Namen schmähte mit, 

Als Ammons Sohn wollt’ er gepriesen sein, 

Bis er von Gott verachtet starb im Todespein. 


Sie alle waren auf einen Haufe geworfen wild, 

Gleich Tierleibern in des Schlächters engem Stall; 

In and’rer Ecke, weit und ungestillt, 

Lagen die Trümmer von der Römer Fall: 

Groß Romulus, der Ahnherr von ihnen all’, 

Der stolze Tarquin, Lentulus gar herrisch, 

Der kühne Scipio, Hannibal im Schall, 

Der ehrgeiz’ge Sylla, Marius mürrisch, 

Cäsar, Pompejus und Antonius aufrührerisch. 


Und unter diese Männer mischten sich 

Stolze Frauen, eitel, frei von jedem Joch: 

Semiramis, deren eigne Seite stach 

Des Sohnes Schwert, das ihre Schande rächte noch; 

Stheneböa, die den Tod im Seile suchte doch, 

Weil ihr Wille ungehört verging im Wind; 

Kleopatra, die kühn und stolz im Loch 

Der Natter Gift trank, todgeweiht geschwind; 

Und tausend and’re mehr, die dort gefangen sind. 


Dazu die endlose Schar von Sklaven schwer, 

Die man dort sammelte von Tag zu Tag, 

Aus aller Welt nach ihrem Sturze her, 

Durch eit’len Stolz und Reichtums rasche Plag’. 

Doch die am tiefsten in dem Kerker lag, 

Fiel meist aus Fürstenhof und Damenzimmer, 

Wo man in Faulheit oder Spiel vermag, 

Zu liederlich verprassen Gut und Schimmer, 

Bis man im schweren Kerker jämmerlich versinkt für immer. 


Da nun der treue Zwerg dies Leid berichtet’ 

Und seinem Herrn das traurig’ Beispiel wies, 

War des Ritters Sinn nicht mehr darauf gerichtet, 

Zu weilen dort, wo gleiche Not beschloss; 

Er stand früh auf, noch eh’ der Morgen goss 

Sein erstes Licht auf diese weite Welt, 

Und floh durch eine Pforte, die verschloss 

Ihn vor dem Neid, der ihm sonst nachgestellt; 

Denn sichert’ Tod dem drohte, den man dort behält. 


Kaum fand sein Fuß auf diesem Pfade Halt, 

Vor Leichen, die wie Dünger auf der Gassen 

Ermordet lagen, ohne Zahl und alt, 

Ohn’ Grab und Mitleid einsam dort verlassen; 

Sie mussten all’ des Stolzes Pracht verpassen 

Und kamen jämmerlich zu Schand’ und Graun. 

Da er nun ritt, vorbei an Mauermassen, 

Sah er den Berg von toten Leibern staun: 

Das grause Denkmal dieser stolzen Burg im Morgenbraun. 





DIE LAUBE DER LUST


BUCH II; GESANG XII


Es hebt der Mäßigkeit Gebäude sich,

Und stolz erhebt sich nun ihr schönes Haupt,

Zu höchstem Lobe, das ihr nie entwich,

Da fest auf Tugend sie und Geist gebaut;

Und dieser Ritter, dem der Herr vertraut,

Kommt nun an jenen Ort voll wilder List,

Wo Wollust wohnt, die Geist und Sinn beraubt,

Inmitten tausend Gefahren, wie ihr wisst,

Wo Zauberkraft und Trug in stetem Kampfe ist.


Zwei Tage schon durchflog ihr Kiel die Flut,

Kein Land war nah, kein Wesen weit und breit,

Nur nackte Gefahr in wilder Wellen Wut.

Als dann der dritte Morgen sich befreit

Und zitternd Licht auf dunkle Pfade streut,

Verstummte jäh des Meeres wilder Chor:

Ein Brüllen scholl aus weiter Ferne weit,

Das Herz und Sinn mit Grauen schreckend schlug,

Als sich die Woge drohend zu den Wolken trug.


Der Steuermann rief: „Palmer, lenke recht!

Halt steten Kurs, dort liegt der schmale Pfad,

Gott helfe uns, dass niemand hier verbrecht’!

Der Schlund der Gier ist’s, der sich dort genaht,

Der alles frisst, was diese Welt je sah.

Und hat er erst die Beute wild verschlungen,

Speit er sie aus im eklen Schwall sodann,

Dass seine Flut, von gift’gem Schaum durchdrungen,

Die See erbeben lässt, vor der das Wasser rann.“


Zur andern Seit’ ragt steil ein Fels empor,

Aus Magnetstein gebaut, ein grimmer Hort,

Der drohend blickt durch des Entsetzens Tor,

Die rauen Arme streckt er weit von dort

Und droht den Schiffen mit dem Untergang sofort,

Wenn man ihm naht; doch zieht er mächtig an

Ein jedes Boot, das seiner Wehr vergaß;

Denn flieht man vor des Schlundes wilder Bahn,

Zerschellt man an dem Fels und sinkt im nassen Grab.


Sie fahren vorwärts, stark schlägt er das Ruder,

Bis sie dem wilden Schlunde kommen nah,

Wo gieriger noch reißt das Wellenluder;

Da kämpft er an mit Kräften, die er sah,

Und treibt den Kiel durchs nass’ge Gräberfeld,

Das weit gegähnt, um lebend sie zu fressen;

Der Abgrund brüllt, der diese Welt zerschellt,

Doch rast er blind und bleibt von Wut besessen,

Da sie vorbeigeflogen, ungehemmt und kühn.


Und im Vorbeigehn sahn sie jenen Rachen,

Der tief das Meer in seine Eingeweide saugt,

Schlimmer als Tartarus und höll’sche Drachen,

Durch die der Geist, der nach Verdammnis haucht,

Zur Oberwelt schleicht, wo er Schaden zeugt.

Doch nichts, was einmal in die Tiefe fällt

Oder dem weiten Schlund zu nahe kam,

Kehrt je zurück in diese lichte Welt,

Weil es der Tod im nassen Grab gefangen nahm.


Und drüben sahn sie jenen Fels der Schande,

Der einzustürzen droht auf ihre Bahn,

An dessen Zacken aus dem fernen Lande

Die Wracks noch hingen, die im Rausch getan;

Und Leichen sanken in den wilden Wahn,

Die all ihr Gut in lüsternem Vergnügen

Und ungezähmter Wollust einst verzehrt;

Sie mussten bald im wilden Schiffbruch liegen,

Wo Leben, Ruhm und Stolz im Schlamm zerstört.


Der Fels des Schmährufs wird der Ort genannt,

Ein Ort des Grauens und voll Herzeleid,

Wo weder Fisch noch Vogel Schutz je fand,

Nur Möwen schreien in der Einsamkeit,

Und Kormorane lauern auf die Zeit,

Wo sie der Klippe Beute jäh erhaschen;

Der Armen Los, die Hab und Ehr’ verlor,

Muss nun des Meeres wilde Flut abwaschen,

Da sie Verzweiflung trieb durch dieses düstre Tor.


Der Palmer sah, dass sie in Sicherheit,

Und sprach: „Betrachtet dieses Bild der Not,

Der Wollust Lohn und der Verschwendung Leid!

Was bleibt den Toren, die im Lebensboot

Nur lüsterne Vergnügung sahn als Brot?

Nur Schand’ und Schmach, wie diese Trümmer zeigen,

Die stumm von ihrem bösen Schicksal flehn!

Wer lebt, der soll vor diesem Felsen schweigen

Und ihn wie den Gewissestod ersehn.“


So ruderten sie fort; der Ferge schlug

Die steifen Ruder in die graue Flut,

Dass weißer Schaum das kleine Boot umtrug,

Und leichte Blasen tanzten in der Glut,

Weil salz’ge Gischt auf den Wellen ruht.

Zuletzt erblickten sie von fern im Meer

Viel Inseln, die im weiten Wasser trieben;

Der Ritter sprach: „Dort winkt ein Ufer her,

Wand’ unsren Kurs dorthin, wo sie geblieben.“


„Das darf nicht sein“, versetzt’ der Fährmann frei,

„Dass wir unwissend uns ins Unglück stürzen;

Denn jene Inseln sind nur Gaukelei,

Kein festes Land, das uns den Weg könnt’ kürzen,

Nur Schollen sind’s, die durch die Wellen stürzen,

Man nennt sie drum die Wandelnden im Meer.

Flieht ihren Strand, der manchen Wandrer schon

Gezogen hat in bitt’res Unglück schwer,

Wo falsche Hoffnung bringt den Todeslohn.“


Doch dem, der fernab steht, erscheinen sie

Gar hold und fruchtbar, und der grüne Grund

Ist reich geschmückt mit sanfter Harmonie,

Die Bäume stehn in buntem Blütenbund,

In Weiß und Rot wird ihre Schönheit kund,

Um jeden Wandrer an den Strand zu locken;

Doch wer auch nur den Fuß daraufgesetzt,

Der findet nie mehr Ruh’ und bleibt erschrocken,

Weil ihn des Irrwegs stete Sorge hetzt.


Wie Delos einst, so wird von ihr berichtet,

Im Ägäischen Meer gar lange Zeit verfiel,

Kein sichrer Hafen war für sie gesichtet,

Bis dort Latona fand ihr müdes Ziel,

Als sie vor Junos Zorn im Sturme fiel;

Dort hat sie ihre Zwillinge geboren,

Die seither herrschen über Tag und Nacht;

Da war das Wandeln jener Insel verloren,

Die fest gegründet steht in Apollos Pracht.


Sie hörten auf sein Wort, wie es sich fügt,

Und fuhren weiter, wo ihr Pfad sie trieb,

Dass eine jener Inseln vor ihnen liegt,

Die süß und lieblich in den Fluten blieb

Und manchen Blick voll Sehnsucht an sich rieb;

Am Ufer sahn sie eine Jungfrau sitzen,

Die kämmte sich das Haar mit sanfter Hand,

Ein kleines Boot sah man im Wasser blitzen,

Das unweit von ihr lag am grünen Strand.


Sie sah die Männer und rief laut herüber,

Sie sollten nahen an das grüne Land,

Sie hätt’ Beschäftigung, die ihnen lieber;

Und lachte laut, doch keiner sich verwandt,

Sie hielten Kurs und flohen den Strand.

Als sie das sah, ließ sie ihr Haar so frei,

Lief zu dem Boot, das ohne Ruder lag,

Und stieß es ab von jenem Strand herbei,

Um ihnen nachzujagen durch den Tag.


Sie holte sie bald ein und sprach voll Scherz,

Und prüfte sie mit manchem losen Wort,

Mal scherzte sie und traf fast ihr Herz,

Mal warf sie freche Reden an den Ort;

Bis bitt’re Schelte ihr der Palmer bot

Und sie bestrafte für ihr leichtes Wesen;

Sie aber lachte nur in ihrer Not,

Verspottete den Greis, der sie belesen,

Und drehte um ihr Boot und ruderte davon.


Das war die eitle Phaedria, die spät

Ihn über jenen Trägen See gebracht;

Sie mieden sie, weil Falschheit sie umweht,

Und ließen hinter sich der Wollust Pracht.

Da sprach der Bootsmann, der auf Sicherheit bedacht:

„Hier müssen wir nun klug und vorsichtig sein,

Und wohl bewahren unsre Lebensbahn;

Denn vor uns liegt ein Pfad voll Pein,

Wo Sirenen singen ihren falschen Wahn.“


„Doch auf dem Weg liegt auch ein tiefer Sand

Und jener Strudel, der im Verborgnen droht;

Drum, Palmer, halte stet die weise Hand,

Denn zwischen beiden liegt der Weg in Not.“

Kaum sprach er dies, da sah ihr kleines Boot

Den Treibsand nah, vom Wasser fast verdeckt;

Doch an der Woge, die sich seltsam brach,

Haben sie bald den grauen Ort entdeckt:

Es war der Sand, der manchem Armut sprach.


Vorbeifahrend sahn sie ein stolzes Schiff,

Beladen reich mit seltner Händlerware,

Das prächtig schien, bis es den Grund angriff;

Durch Missgeschick in dieser Sturmesjähre

Geriet es in die schreckliche Gefahre;

Die Schiffer kämpften mit der wilden Flut,

Um ihre reiche Ladung noch zu retten,

Doch weder Müh’ noch ihrer Kräfte Wut

Konnt’ sie befrein aus diesen Sandesketten.


Zur andern Seite sahn sie jenen Schlund,

Den Strudel des Verfalls, so tief und grau,

Der manche Seele zog auf seinen Grund,

Dass man vergaß sie in der Wellen Blau;

Das Wasser drehte sich im Kreis zur Schau,

Gleich einem Rade, das sich rastlos dreht,

Und suchte gierig, als sie fuhren nah,

Dass ihr Boot in den Wirkel geht,

Damit es sie ertränk’, wie es dort oft geschah.


Doch stark der weise Steuermann sich reckt,

Die Muskeln strafft er, spannt den ganzen Leib,

Dass bald der Kiel die Sandbank hinter sich entdeckt,

Und die Gefahr, so wild und ungeheuer, treibt

Als ferner Schatten, der im Rücken bleibt.

Da sehn sie jäh, inmitten auf dem Meer,

Die Wogen wie ein großes Gebirg aufsteigen,

Die stolze Flut schwillt auf, voll Hochmut schwer,

Als wollt’ sie fressen, was sich ihr nicht wollte beugen.


Es rollt die Woge, und des Meeres Wut

Brüllt ungestüm, als wär’ sie wild entbrannt,

Als trieb Merkur sie oder Neptuns Flut

Vor seinem Wagen durch das weite Land;

Kein Windhauch ging, kein Lüftchen war bekannt,

Dass alle drei von großem Schrecken stummen,

Unwissend, was solch Grauen konnt’ gebären.

Da sahn sie bald ein Heer von Untieren kommen,

Ein wildes Aufgebot, das Sinne konnt’ verstören.


Gar scheußlich Bild und grässliche Gestalt,

Dass Mutter Natur sich selbst davor könnt’ grauen,

Und Scham empfände vor der Missgestalt,

Die ihrer Meisterhand entfloh im Grauen;

Entstellung war in jedem Tier zu schauen:

Hydren mit Fratzenschopf und Wale schwer,

Und große Wirbel, die die Fische jagen,

Die Scolopendra glänzte durch das Meer,

Monoceros mit Schweifen, die wie Berge ragten.


Der grause Fisch, der wohl verdient den Namen

Des Todes, dem er gleicht in blasser Zier,

Der Wassermann, zu dessen wildem Spiele kamen

Die Schiffe, die er jagt’ als schnelles Tier;

Der Meer-Satyr, der zeigt im Sturme hier

Sein furchtbar Antlitz, wenn die Winde beben;

Der Ziffius, den Seeleute stets fliehen,

Gleich harten Klippen, die im Meere leben,

Und gier’ge Rosmarinen, die vorüberziehen.


All diese und noch tausendfache Brut,

Noch mehr entstellt, als Worte je gedacht,

Mit hohlem Brüllen in der wilden Flut

Kamen gerollt in weißer Gischt und Pracht,

Dass selbst die Welle floh vor ihrer Macht.

Kein Wunder, dass den Ritter Schrecken traf;

Denn alles, was uns hier auf Erden schreckt,

Ist nur ein Popanz für der Kinder Schlaf,

Verglichen mit dem, was der Ozean verdeckt.


„Fürcht’ nichts!“, sprach da der Palmer wohlberaten,

„Denn diese Ungeheuer sind nicht echt,

Sie sind verkleidet nur zu bösen Taten,

Durch jene Hexe, die uns schrecken möcht’,

Damit wir weichen von dem Weg, der recht.“

Er hob den weisen Stab empor zur Stund’

Und schlug die See, die augenblicklich schwieg,

Das grause Heer floh ab in tiefen Grund,

Wo es im Schoß der Tethys nun verborgen blieb.


Befreit von jener Not, hielten sie Schritt,

Und wie sie fuhren, scholl ein Wehgeschrei

Voll Jammer her, das durch die Wellen ritt,

Dass Mitleid füllte diese Wüstenei;

Zuletzt erblickten sie am Strand vorbei

Auf einer Insel eine Jungfrau klagen,

Die tief im Kummer und in schwerem Schmerz

Schien ein unendlich Unglück zu ertragen,

Und rief um Hilfe laut in ihr bedrängtes Herz.


Als Guyon dies vernahm, bat er den Greis,

Das Boot zu lenken zu der Maid in Not,

Dass er ihr Lindrung brächte oder Weis’;

Doch der ermahnt’ ihn, wie die Klugheit bot:

„Mein Herr, verzeiht, wenn ich verweigre dies Gebot;

Es wäre schlimm, auf ihren Ruf zu hören;

Denn innerlich fehlt ihr kein gutes Gut,

Es ist nur Frauenlist, um euch zu stören,

Dass weich wird eures stolzen Herzens feste Glut.“


„Hat sie erst euren Mut durch falschen Schmerz

Zu tör’gem Mitleid hingelenkt und weich,

Senkt sie den gift’gen Köder tief ins Herz

Und wartet auf den Sturz im Sündenreich.“

Der Ritter folgt’; der Fährmann steuerte gleich

Den festen Kurs mit steter Mäßigkeit,

Er wich nicht aus, noch sucht’ er Ruh’ zu finden

Für seinen Arm in dieser harten Zeit,

Und schlug die Ruder durch des Meeres wilde Rinden.


Nun kamen sie dem nahen Orte bei,

Wo die Sirenen wohnten; still und klar

Lag eine Bucht, geschützt vor Wind und Schrei,

Vom breiten Schatten eines Berges dort;

Zur andern Seit’ ragt’ eine Klippe fort,

Dass beide einen schönen Hafen bauten,

Gleich einem Rundtheater in der Pracht;

Dort badeten fünf Schwestern, die vertrauten

Auf jenen Schatten, der zum Trubelsinn gemacht.


Einst war‘n es schöne Frau’n, bis sie im Streit

Den Musen trotzen wollten voller Stolz;

Besiegt von jenen, wurden sie befreit

Von ihrer Schönheit, die wie Eis schmolz;

Der Unterleib ward Fisch im Wellenholz,

Weil sie so kühn; das Haupt behielt die Zier

Und jene Kunst in süßer Melodie,

Die sie missbrauchten nun als böses Tier,

Um Wandrer zu verlocken in des Todes Müh’.


Und als nun Guyon an dem Strand vorbeigegangen,

Stimmten sie süß ihr Lied für ihn bereit:

„O schöner Sohn der Elfen, hochgefangen

In stolzen Waffen und in Herrlichkeit,

Der größte Ritter dieser Kampfeszeit!

O wende dein Steuerruder hierher zum Strand;

Hier kann dein sturmbewegtes Schifflein ruhn;

Dies ist der Hafen, den die Rast erfand,

Der Welt süß’ Gasthaus vor dem schweren Tun.“


Dazu das rollende Meer im tiefen Bass

Gab Antwort, wie es sich am besten fügt,

Und an der Klippe brach das Wasser nass,

Ein feines Maß, das sanft im Chore liegt,

Indessen Zephirus im Winde wiegt

Und pfeift den Diskant, seltsam anzuhören;

Was Guyons Sinnen so gefällig war,

Dass er dem Fergen hieß, den Lauf zu stören,

Damit er lausche dieser Melodien Schar.


Doch von der Eitelkeit hielt ihn der Greis

Mit weisem Rate fern und unverwandt,

Dass sie vorbeizogen; und bald, wie er weiß,

Erblickt’ das Auge schon das nahe Land;

Als jäh ein dichter Nebel sich erfand

Und grauer Dunst die Wüste überzog,

Der Himmel sein Gesicht im Dunkel barg,

Dass alles eins und eins wie nichts verflog,

Und diese Welt erschien wie ein confuseder Sarg.


Da waren sie bestürzt und wussten nicht,

Wie sie den Weg im Dunkeln sollten finden,

Und bangten vor dem Pfad ohn’ stetes Licht,

Um nicht im Abgrund heimlich zu verschwinden;

Denn schlimmer ist Gefahr, die wir nicht finden.

Da flog auf einmal eine Vogelschar,

Gar unheilvoll, mit Kreischen um sie her,

Schlug mit den Schwingen sie im Dunkeln dar,

Und quälte sie in dieser Nacht voll Schrecken schwer.


Das ganze Volk der Vögel, ungestalt

And schicksalsschwer, fand sich im Fluge ein,

Wie man sie hasst im Walde und im Feld:

Die Eule, Botin von des Todes Pein,

Der Nachtrabe mit heisrem Trauerschein,

Die Fledermaus, des Tages Feind und Schreck,

Die Toteneule, wartend an der Bahr,

Der Pfeifer, dessen Ruf bringt Tod im Eck’,

Und Harpyien, die Verdammnis künden dar.


All dies und was sonst Grauen noch gebiert,

Umflog sie wild und füllte Segel mit Gefahr;

Doch hielten sie nicht an, wie es sich führt,

Der eine rudert’, der andre steuerte dar,

Bis endlich sich das Wetter klärte gar

Und sich das schöne Land ganz deutlich zeigt’.

Der Palmer sprach: „Sieh dort den heil’gen Grund,

Wo unsre größte Müh’ entgegensteigt;

Drum, Ritter, nimm die Waffen zu der Stund’.“


Er hörte drauf und nahm die Rüstung an,

Indessen sich das flinke Boot beeilt’,

Dass es am Ufer mit dem Kiele rann;

Da sprang der edle Guyon unverweilt

An Land, der Palmer ihm zur Seite eilt’,

Der ihn geführt; der Fährmann blieb zurück

Beim kleinen Boot, das an dem Strande lag.

Sie schritten vorwärts, frei von falschem Blick,

Gewappnet fest für jeden schweren Schlag.


Nicht lange ging es, bis ein Brüllen scholl

Von wilden Tieren, das entsetzlich war,

Als ob des Hungers oder Wollusts Groll

Sie wild gemacht in ihrer wilden Schar;

Doch ohne Furcht schritt an das Paar,

Bis sie die wilden Bestien vor sich sahn,

Die alle samt, mit gier’gem Rachen weit

Und wildem Schopf, herstürzten auf die Bahn,

Um zu verschlingen diese Gäste in der Zeit.


Doch als sie nahten mit des Todes Droh’n,

Erhob der Palmer seinen weisen Stab,

Den mächt’gen Stab, der jeden Zauberlohn

Und stolzen Mut im Augenblicke brach;

Da sank ihr wilder Schopf ganz zahm und schwach,

Statt Schrecken fühlten sie nun selber Scheu

Und zitterten, als man vorbeigegangen;

So wunderbare Kraft war dem Stabe treu,

Dass alle Monster vor dem Meister bangen.


Aus eben jenem Holze war’s gemacht,

Aus dem Merkur einst schnitzte seinen Stab,

Caduceus, der herrscht mit Zaubermacht,

Wenn er zum styg’schen Reich sich stieg hinab,

Durch grauses Grauen und des Todes Grab;

Die Höllenfeinde zähmt er mit dem Schein,

Zwingt Orcus selbst, den niemand sonst besiegt,

Und hält die Furien in den Schranken rein;

Solch große Kraft auch in des Palmers Stabe liegt.


Sie schritten fort und kamen bald heran

An jenen Ort, der Garten der Lust genannt;

Ein Platz, so schön, wie ihn kein Mensch ersann,

Wo Kunst die Arbeit der Natur verwandt,

Dass alles, was auf Erden süß bekannt

Und wohlgefällig für den weichen Sinn,

Dort ausgegossen war mit reichem Strom,

Dass Überfluss und Pracht zog alles hin,

Als wär’ der Sünde Geist an diesem Ort Thron.


Gar herrlich war das Ganze rings umzäunt,

Um jene Gäste treu im Kreis zu halten,

Und wilde Tiere, die der Geist verfeint,

Vom fernen Einbruch drunten auszuschalten;

Doch war der Zaun aus schwachen, dünnen Falten,

Kein Heer befürchtet’ man an diesem Ort,

Nur Weisheitskraft und Mäßigkeit allein,

Die stärker sind als jedes harte Wort;

Auch war das Tor gebaut aus leichtem Elfenbein.


Aus feinstem Elfenbein war es gefügt,

Ein Werk von seltner Klugheit und von Geist;

Und darin war die Chronik fein gewiegt,

Die von Medea und von Jason weist;

Ihr Liebeswahnsinn, der die Seele zerreißt,

Sein stolzer Sieg, da er das Vlies gewann,

Sein falscher Glaube, der so schnell verflog,

Die Argo, die als erstes Schiff begann,

Zu tragen Griechenlands Blüte, die ins Meer hinzog.


Man sah die weiße Gischt im Bilde glühn

Unter dem Schiff, das durch die Wellen brach,

Dass Elfenbein im Meere schien zu blühn,

Oder die Woge ward zum Stoffe schwach;

Und anderswo war rotes Blut im Bach,

Das auf dem weißen Grunde traurig stand,

Ein Bild des Jammers und voll Herzeleid,

Und drüben war mit Gold geschmückt die Wand,

Gleich jenem Feuer, das Creüsa trug als Kleid.


All dies und mehr stand an dem schönen Tor,

Das jedem Wandrer offen stand bereit,

Der dorthin kam; doch trat ein Mann hervor,

Der in der Vorhalle saß zur selben Zeit,

Von hohem Wuchs und seltner Lieblichkeit,

Der jeden Gast mit süßem Wink empfing;

Sein loses Kleid fiel auf den Grund herab

Und flatterte, wenn er im Kreise ging,

Nicht fit für schnellen Lauf, der Kraft dem Manne gab.


Man nannte Genius ihn an diesem Ort:

Nicht jene Himmelskraft, die uns bewacht

Und schützt das Leben und das Wesen fort,

Die über unsre Tage treulich wacht

Und uns im Traum oft weise Warnung bracht’

Vor heim’schem Übel, das uns droht so schwer –

Das ist das Selbst, das wir zwar niemals sehn,

Doch spürt es jeder tief im Herzen sehr,

Wenn wir auf Erden unsre Pfade gehn.


Drum hat das Altertum ihn Gott genannt,

Agdistes weise, wie das Buch berichtet;

Doch dieser war das Gegenteil verwandt,

Der Feind des Lebens, der das Gute richtet,

Der heimlich uns zu Fall und Sünde pflichtet

Durch falschen Schein, den er uns blicken lässt;

Er war der Hüter in dem Garten hier,

Als Portner hielt er jene Gäste fest,

Ein Stab in seiner Hand diente zur bloßen Zier.


Mit bunten Blumen war er reich geschmückt,

Die um ihn lagen, und an seiner Seit’

War eine Schale voll von Wein gerückt,

Als wär’s ein Opfer für die Ewigkeit,

Womit er jeden Gast erfreut’ im Kleid;

So trat er auch an Guyon nah heran;

Doch der verschmähte seine Höflichkeit,

Schlug ihm die Schale aus der Hand sodann,

Und brach den Zauberstab in dieser harten Zeit.


Als sie drin waren, sahn sie weit und breit

Eine unendlich große, weite Ebene stehn,

Geschmückt mit Rasen und voll Herrlichkeit,

Den Flora schön bemäntelt hatt’ im Gehn

Mit allem Stolz, den wir im Frühling sehn,

Womit die Kunst, als wollt’ sie spöttisch sein

Der kargen Schöpfung, wie eine stolze Braut

Sie überreich geschmückt im Sonnenschein,

Wenn aus der Jungfernhöhl’ der frühe Morgen schaut.


Dazu der Himmel, der stets heiter stand,

Blickt’ lieblich auf sie ab in stetem Glück,

Kein Frost, kein Sturm fiel auf das schöne Land,

Und keine Knospe bog sich dort zurück,

Kein heißer Strahl bracht’ ihnen Missgeschick,

Der jene Wesen quälte, die dort waren;

Die milde Luft war sanft und wohlgestaltet,

Dass keine Sorgen im Gemüte fuhren,

Und süßer Duft im ganzen Kreise waltet’.


Viel süßer noch als jener schöne Berg

In Rhodope, wo einst die Nymphe starb,

Weil sie gebar ein wildes Riesenwerk;

Oder das Tempe-Tal, das Ruhm erwarb,

Wo Daphne Phoebus’ Herz mit Lieb’ verdarb;

Oder der Ida, wo die Götter wohnten,

Wenn sie den Himmel ließen hinter sich;

Oder Parnass, wo schöne Musen thronten,

Ja, Eden selbst, wenn Eden diesem Orte glich.


Gar sehr bewunderte der Ritter dies,

Doch ließ er keine Lust ins Herz hinein,

Sein nüchtern Auge blieb auf dem, was gewiss,

Er schritt nur vorwärts in dem lichten Schein,

Zähmt’ seinen Willen, um stets rein zu sein;

Bis er an ein getarntes Tor gelangt’,

Das keines war, doch schien es so zu stehen,

Aus Zweigen und aus Ästen reich umrankt,

Die sich im Kreise wild und schalkhaft drehen.


Es war die Halle mit viel Fleiß gebaut,

Gekrönt von einer Rebe überm Haupt,

Deren schwere Trauben, wie man schaut,

Zum süßen Weine lockten, der beraubt,

Und sich den Händen boten unerlaubt,

Als böten sie sich frei zum Pflücken an;

Die einen purpurn wie Hyazinthenzier,

Die andren rubinrot, wie man lachen kann,

Die dritten smaragdgrün, noch unreif an der Tür.


Und zwischen ihnen war aus feinstem Gold

Manch künstliche Traube, um den Rest zu schmücken,

Die sich im Laub verbarg, wie sie gewollt,

Vor jenen Gästen, die nach Beute blicken;

Dass sich die schwachen Zweige tief bücken,

Weil sie des Reichtums schwere Last beklagen.

In dieser Halle saß ein schönes Weib,

In feinen Kleidern, doch so wild getragen,

Dass Schamlosigkeit hüllte ihren Leib.


In ihrer Linken hielt sie einen Becher Gold,

Und mit der Rechten griff sie nach der Frucht,

Deren saft’ger Trank im Überflusse quoll;

Sie presste ihn mit feiner Finger Wucht

In ihren Kelch, ganz ohne Scheu und Flucht,

Dass diese Kelter Wein noch süßer machte;

Daraus gab sie zu trinken jedem Gast,

Den sie auf diesem Pfade je erbrachte;

Es war ihr Brauch, so zu begrüßen Rast.


So bot sie auch dem Ritter Guyon an;

Er nahm den Becher aus der zarten Hand

Und warf ihn heftig auf den Boden dann,

Dass er in tausend Stücke brach am Strand,

Und roter Wein befleckte rings das Land.

Da ward Excess gar zornig und voll Wut,

Doch konnt’ sie nichts dagegen tun noch sagen,

Sie ließ ihn gehn in ihrer stummen Glut,

Und ungehindert schritt er fort in diesen Tagen.


Dort bot sich nun dem nüchternen Gesicht

Das schönste Paradies auf Erden dar,

In dem es an keinem Genusse gebricht,

Und niemand neidete dem andern dar;

Die bunten Blumen sahn sie wunderbar,

Die hohen Bäume und das Schattental,

Die Hügel frei, der Bäche Kristalllauf;

Doch was am meisten glänzt’ im Sonnenstrahl:

Die Kunst, die alles schuf, fiel nirgends auf.


Man hätt’ gedacht (so klug war das Rohe

Mit dem Feinen im Kreise dort verbunden),

Dass die Natur die Kunst nachzuahmen drohe,

Und dass die Kunst Natur im Kampf entwunden;

So stritten beide in den fernen Stunden,

Ein jedes macht’ des andern Werk nur schöner;

Trotz verschiednem Willen herrscht’ am End’ Einigkeit:

So einte sie ein süßer, bunter Nenner,

Um diesen Garten zu schmücken für alle Zeit.


Und in der Mitte stand ein Brunnen frei,

Aus reinstem Stoffe, den die Erde kennt,

So hell und glänzend war die Wäscherei,

Dass man das Silber durch die Röhren rennt;

Mit schönen Bildern war er reich benennt,

Gestalten nackter Knaben waren dort,

Von denen manche voller Lust und Freud’

Zu fliegen schienen an dem fernen Ort,

Indessen andre badeten im Bade heut’.


Und über allem war aus Gold gebaut

Ein Efeuzweig in seiner grünen Zier;

Denn das Metall war so gefärbt, wie man schaut,

Dass jeder Wandrer, der nicht aufpasst’ hier,

Geglaubt hätt’, echter Efeu ständ’ vor ihr;

Tief krochen seine Äste auf den Grund,

Und tauchten in den Silbertaubach ein,

Die Blüten tranken aus dem feuchten Schlund,

Dass Tropfen weinten in dem Sonnenschein.


Unendliche Ströme quollen stet hervor

Aus diesem Brunnen, lieblich anzusehn,

Der sich ergoss in ein weites Becken-Tor

Und schnell zu solcher Menge stieg im Gehn,

Dass bald ein kleiner See schien dort zu stehn;

Drei Ellen tief nur maß die helle Flut,

Dass man den Grund durch jene Wogen sah,

Aus Jaspis hell, auf dem das Wasser ruht,

Als ob das Becken selbst in diesem Meere schwamm.


Der ganze Rand war ringsum reich besetzt

Mit Lorbeerbäumen, um vor Sonnenstrahl

Die Flut zu schützen, die das Auge letzt,

Dass sie den Badenden nicht brächte Qual.

Als Guyon schritt durch dieses schöne Tal,

Sah er zwei nackte Jungfraun in der Flut,

Die badend schienen dort im Ringkampf-Spiel,

Ganz unbeschwert und frei in ihrer Glut,

Dass nackte Schönheit ohne Scham dem Auge fiel.


Mal hob die eine jene andre ganz

Über das Wasser, um sie dann sodann

Tief unterzutauchen in dem Wellentanz,

Wo beide blieben auf der nassen Bahn

Und keine sich der Flut entwinden kann;

Indessen ihre weißen Glieder klar,

Gleichwie durch Schleier, schimmerten im See;

Bis sich jäh öffnete die schöne Schar

Und reiche Beute bot dem Aug’ in seiner Müh’.


Gleich jenem Stern, der kündet uns den Tag

Und feucht sein Antlitz aus dem Meere hebt,

Oder der Venus, die im Schaume lag,

Als sie dem Ozean zuerst entstrebt:

So schön war das, was in den Wellen lebt;

Ihr gelbes Haar troff von dem nassen Nass,

Und als der Ritter dies so nahe sah,

Da bremst’ er seinen Schritt auf diesem Pfad,

Und weich ward seine Brust, die Wollust heimlich sah.


Die losen Mädchen sahn ihn bald am Strand

Und blickten staunend auf den fremden Gast;

Da tauchte eine tief im Flussgewand,

Beschämt, dass sie ein Fremder so erfasst;

Die andre aber hob sich ohne Rast

Noch höher aus der Flut und zeigte frei

Zwei Lilienbrüste in dem hellen Schein,

Und alles, was verlockend schien herbei,

Bot sie ihm dar, um sein Herz zu fangen ein.


Da hob auch jene andre sich empor,

Und ihre Haare, die zuvor gebunden,

Ließ sie herabfalln durch das Wellentor,

Dass dichte Locken ihren Leib umwanden

Und Elfenbein im Goldmantel verschwanden.

So ward das schöne Schauspiel ihm geraubt,

Doch das, was es verbarg, war ebenso schön;

Im Haar und in der Woge tief verlaubt,

War nur ihr lieblich Antlitz noch im See zu sehn.


Sie lachte laut und errötete zugleich,

Was ihrem Lachen größre Anmut gab,

Wie auch das Lachen macht’ das Erröten weich;

Und als sie sahn, dass er den Schritt nun gab

Voll Zögern hin zu ihrem nassen Grab,

Und dass in seinem Antlitz hell entbrannt’

Ein Zeichen wilder Lust und falschem Schein,

Da hoben sie noch wilder Hand und Hand,

Und winkten ihm, zu treten in die Flut hinein.


Als nun der Palmer sah sein lüstern Gehn,

Bestraft’ er jene Augen voller Stund’

Mit weisem Rate, um den Pfad zu sehn;

Nun kamen sie an jenen nahen Grund,

Der Garten der Lust genannt aus falschem Mund.

Da sprach der Greis: „Mein Ritter, nimm dich acht,

Denn hier ist unsrer Reise End’ und Ziel:

Hier wohnt Acrasia in ihrer Macht,

Die wir nun fangen müssen vor dem Sündenspiel.“


Da hörten sie sogleich ein süßes Lied,

Das wohlgefällig für ein feines Ohr,

Wie man es sonst auf dieser Welt vermied

Und nur in diesem Paradies erfuhr;

Es war gar schwer zu sagen, welche Spur

Von Ton und Weise diesen Klang erbracht’:

Denn alles, was dem Ohr gefällig ist,

War hier zu einer Harmonie gemacht:

Vögel, Stimmen, Winde, Wasser ohne List.


Die Vögel sangen in dem kühlen Hain,

Den Stimmen angepasst mit süßem Klang;

Der Engel Stimmen stimmten zart mit ein,

Dass göttlich Antwort durch die Lüfte drang;

Die Silbersaiten spielten zum Gesang,

Dazu des Wassers tiefer Bass sodann;

Der Wasserfall rief mit Disziplin und Pracht,

Mal laut, mal leise, wie der Wind begann,

Und sanft hat ihm der Wind im Chore nachgedacht.


Dort, wo die Musik schien im Raum zu sein,

Saß die bös’ Hexe nun in ihrer Lust

Mit einem neuen Liebsten ganz allein,

Den sie durch Zauber an die weiße Brust

Aus weiter Ferne zog in Selbstverlust;

Dort lag er nun im tiefen Schlummer schwer,

Nach langer Wollust in dem kühlen Hain,

Indessen rings um sie ein großes Heer

Von Frau’n und Knaben sang im losen Schein.


Und all die Zeit hing sie ob seinem Haupt,

Ihr falscher Blick an seinem Aug’ festgebunden,

Als sucht’ sie Heilung, wo sie selbst beraubt,

Oder genoss die Lust in diesen Stunden;

Und neigte sich herab zu seinen Wunden,

Küsst’ seine Lippen zart, dass er nicht wacht’,

Und saugt’ den Geist aus seinem feuchten Blick,

Der ganz in Wollust war und Lust verbracht’;

Und seufzte leise über sein Geschick.


Indessen sang ein Geist dies schöne Lied:

„Ach sieh, der du nach schöner Blüte strebst,

Im Frühlingswuchs das Bild, das dir beschied,

Ach sieh die Rose, wie du sie erlebst,

Wenn sie verschämt aus ihren Blättern strebt;

Je mehr verborgen, desto schöner hier;

Doch sieh, wie sie schon bald darauf ganz frei

Den nackten Busen zeigt in ihrer Zier,

Und sieh, wie bald sie welkt und bricht entweiz.“


„So schwindet mit dem Tage, der vergeht,

Des Menschen Lebens Blatt und Knosp’ und Zier,

Nichts blüht mehr auf, wenn erst der Herbstwind weht,

Was einst gesucht ward für das Bett allhier

Von mancher Dame und von manchem Tier.

Drum pflücke diese Rose in der Zeit,

Denn bald kommt Alter, das die Pracht zerstört;

Pflückt die Rose der Lieb’ in Seligkeit,

Solange Liebe noch der Liebe Ruf erhört.“


Der Sang verstummte, und der Vögel Chor

Stimmt’ seine Noten auf die Weise ein,

Als ob er jene Worte gern erfuhr.

Das feste Paar vernahm den schönen Schein,

Doch wich es nicht und blieb im Pfade rein,

Durch dichte Büsche schritten sie voran,

Bis sie im Dickicht sahn das lose Weib

Mit ihrem Liebsten auf der Rosenbahn,

Des müdes Haupt lag auf dem schönen Leib.


Auf einem Bett von Rosen lag sie da,

Ermattet von der Hitze oder Sünd’,

In einen Schleier gehüllt, wie man sie sah,

Aus Silber und aus Seide, die der Wind

Kaum spüren ließ; ihr weißer Leib gelind

Schien weißer noch, als Elfenbein es kann;

Kein feiner Netz Arachne spinnen mag,

Noch fliegt im Sommerwind auf freier Bahn

Ein leichter Faden durch den hellen Tag.


Ihr weißer Busen war dem gier’gen Blick

Ganz nackt geboten, der sich nimmer füllt’,

Und doch von ihrer Arbeit süß’ Geschick

Ein Tropfen klarer als das Nektar quillt,

Der wie Perlen von der Brust herabgestellt;

Ihr schönes Auge lächelte voll Lust

Und feuchtet’ jene Strahlen, die so rein

Das schwache Herz getroffen in der Brust,

Gleich Sternenlicht auf Wellen im Verein.


Der junge Mann im Schlafe schien zu sein

Ein edler Jüngling aus gar hohem Haus,

Dass es ein Jammer war im Sonnenschein,

Zu sehn, wie er sein Erbe warf hinaus;

Ein süßer Blick trat aus dem Schlafe raus,

Gemischt mit Männesstrenge im Gesicht,

Und auf den Lippen war das erste Haar

Nur weich wie Seide in dem lichten Licht,

Das frisch erblühte in dem jungen Jahr.


Die Waffen hingen müßig an dem Baum,

Als stumme Zeugen einer seltnen Pracht;

Sein stolzer Schild, voll Denkmals Traum,

War ganz zerkratzt, dass niemand mehr gedacht

Der alten Zeichen, die er einst erbracht’;

Nicht Ehre noch sein Name war ihm wert,

Noch alles, was zu hohem Ruhm könnt’ stehn,

In wilder Wollust hat er ganz verzehrt

Sein Gut, sein Leben in dem Sündengehn.


Der edle Elf und auch der Palmer treu

Traten so nah an dieses lüsterne Spiel,

Dass sie jäh vorwärts sprangen ohne Scheu

Und warfen über sie ein Netz, das fiel,

Das sich der Palmer wob für dieses Ziel.

So hielten sie sie fest; der ganze Rest

Floh schnell von dannen vor der großen Schand’.

Die schöne Hexe, die sich fangen lässt,

Erprobt’ nun all ihr’ Kunst mit freier Hand.


Auch ihr Gefährte rang: doch ganz bereit

War jenes Netz so klug und fest gewebt,

Dass weder Kraft noch List sie dort befreit.

Sie fingen beide, die in Lust gelebt,

Und banden sie, wie es der Zweck erstrebt;

Doch sie schlug er in Demantketten schwer,

Weil nichts auf Erden sie sonst halten kann;

Doch Verdant (denn so hieß der Jüngling her)

Befreit’ er bald und sprach ihn weise an.


Doch jene Hallen und die Paläste herrlich und kühn

Zerschlug Sir Guyon voller Unbarmherzigkeit;

Kein künstlich Werk konnt’ vor dem Sturme fliehn,

Der aus dem Zorn des Ritters brach voll Leid,

Er kehrt’ ihr Glück in bitt’re Traurigkeit:

Die Haine fällte er, den Garten brach er nieder,

Zerstört’ die Lauben, warf die Hütten um,

Verbrannte Festsäle, raubt’ ihr die Lieder,

Und macht’ den schönsten Ort zum hässlichsten ringsum.


Dann führten sie die Hexe fort von dannen,

Und auch den Ritter nahmen sie im Gehn,

Die beide traurig ihren Weg begannen;

Den Pfad, den sie gekommen, konnt’ man sehn,

Als sie zurückgekehrt im Winde stehn

Zu jenen Bestien, die zuvor bezwähmt.

Die wachten auf und flogen wild herbei,

Um ihre Herrin, die im Band gehähmt,

Zu retten; doch der Palmer macht’ sie frei.

Da fragte Guyon, was das Tierheer sei.


Er sprach: „Die Bestien dort sind Menschenwesen,

Die jene Hexe so verwandelt hat;

Einst ihre Liebsten, die im Rausch genesen,

Sind sie nun Monster auf dem Sündenpfad,

Ganz wie ihr Geist es wählte durch die Tat.“

„Ein traurig Ende“, rief der Ritter aus,

„Der Unmäßigkeit und dieser falschen Freud’!

Doch Palmer, wenn es möglich ist im Haus,

Gib ihnen die Gestalt der alten Zeit.“


Da schlug er sie mit seinem weisen Stabe,

Und augenblicklich wurden Bestien wieder Mann;

Doch als sie Menschen warn’ vor dieser Gabe,

Blickten sie finster, wie man’s kaum ertragen kann,

Manch einer schämt’ sich, dass er so rann,

Ein andrer grollte vor der Herrin Band;

Doch einer stach heraus aus dieser Schar,

Der jüngst ein Schwein war und nun Grill genannt,

Der schalt den Greis, dass er nun Mensch wieder war.


Da sprach Sir Guyon: „Sieh den Geist der Knechte,

Der so vergessen hat die Herrlichkeit

Von seiner Schöpfung und dem ersten Rechte,

Dass er nun wählt in seiner Torheit Weit,

Ein Tier zu sein ohn’ Sinn und Geistigkeit.“

Der Palmer sprach: „Wer aus dem Miste stammt,

Der liebt den Unrat und die Unzucht blind;

Lass Grillen Grill sein, wie es ihm verdammt,

Wir aber lasst uns gehn, solang uns weht der Wind.“




DER GARTEN DES ADONIS


BUCH III; GESANG VI 


Wohl fragt ihr euch, ihr edlen Damen, nun,

Wie diese Maid, so reich an Herrlichkeit,

In wilden Wäldern konnte silent ruhn

Und Tugend wahren in der Einsamkeit,

Fernab vom Hofe, wo die Höflichkeit

Als hohe Herrin thront im Königssaal.

Treibt wildes Holz nicht jede Sittsamkeit

Aus Geist und Sinnen mit der rohen Qual,

Dass Sitten rauh verkommen in dem finstern Tal?


Doch Belphoebe war schon bei ihrer Geburt

Der Himmel hold und übermäßig frei;

Ein milder Stern zog ihre Lebensspur,

Als sie erschien, von allem Makel frei.

Der Keuschheit Segen floss ihr reich herbei,

Aus vollem Horn von Gnaden überhäuft;

Jove lachte Venus zu vom Thron, und treu

Hat Phoebus sie mit hellem Licht getauft,

Und alle Grazien haben ihre Wiege sanft umschreift.


Aus Morgenstau ward ihr Geburtsmoment,

Ihr Ursprung liegt im Lenz, der freudig lacht;

Ihr ganzes Wesen rein sich offenbart,

Vom Flecken irdschen Schlammes frei gemacht,

Der sonst des Fleisches Schwachheit mit sich bringt.

So rein geboren und so rein gepflegt,

Wuchs sie empor, von Tugend streng bewacht,

Bis sich perfection in ihr regt,

Und reife Schönheit sich um ihre Glieder legt.


Chrysogonee gebar sie, schön und frei,

Amphisas Kind, von Feenblut bestimmt,

Die hochgeboren und von Falschheit frei,

Belphoebe erst an ihre Brust nimmt,

Und Amoretta dann, die sanft erglimmt:

Zwei Zwillinge, die sich das Erbe teilten

Von Himmelsgnade, die von oben dringt,

Dass alle andren Frauen leer verweilten,

Weil Tugend, Huld und Schönheit nur zu diesen eilten.


Es ist gar wunderbar zu offenbaren,

Durch welch Geschick Chrysogone, die Reine,

Empfing die Kinder, die sie sollte gebären,

Als sie im Wald spazierte ganz alleine,

Nach neun vollend’ten Monden im Vereine.

Denn nicht wie andrer Frauen Brut und Tand

Im Mutterleibe reift durch Fleisch und Beine,

Empfing sie Leben; keine Ammenhand

Gab Nahrung ihnen, wie es sonst auf Erden stand.


Nein, wunderbar gezeugt durch Himmelsstrahlen

Und seiner Fruchtbarkeit geheime Macht,

Wie alte Bücher es in Bildern malen.

Es war an einem Sommertag voll Pracht,

Als Titan seine Strahlen ausgebracht;

In einer Quelle, fern von Menschenblick,

Kühlt’ sie die Brust, die von der Hitze matt,

Mit Rosen rot, Violen blau im Glück,

Und jedem süßen Kraut, das dieser Wald gab ab.


Bis matt von Müdigkeit und schwerem Sinnen

Sie auf das grüne Gras sich niederlegte;

Ein sanfter Schlummer überkam sie drinnen,

Als sie sich nackt im kühlen Schatten regte.

Der Sonne Strahl ihr zartes Glied bewegte,

Das durch das Baden weich und offen stand;

Er drang in ihren Schoß, den er erregte,

Mit süßem Sinn, der heimlich Same fand,

Dass bald in ihrem Fleisch ein neues Leben schwand.


Mirakulös mag dies dem Leser scheinen,

Der von so fremder Zeugung Sagen hört;

Doch lehrt Vernunft uns, dass im Großen, Reinen

Der Dinge Keim, der durch die Welt hinfährt,

Vom Sonnenstrahl im Feuchten wird ernährt

Und Leben zeugt nach seiner eignen Art.

Wenn sich des Niles Flut vom Lande kehrt,

Sieht man im Schlamm, den Titan warm bewahrt,

Wie tausendfaches Leben sich im Modder paart.


Er wird zu Recht der Vater aller Dinge,

Des Lichts und Lebens Urquell oft genannt;

Und seine Schwester sorgt, dass es gelinge,

Indem sie Stoff reicht, der dem Geist verwandt,

Mit Hitz’ und Feuchte richtig abgewandt.

So sprossen Zwillinge im Mutterleib,

Doch ahnte Chrysogone nicht die Hand;

Sie wunderte sich nur als junges Weib,

Dass ihr der Bauch so schwoll, trotz keuschem Zeitvertreib.


Von Scham erfüllt und Sorge vor der Schande,

Obgleich ihr reines Gewissen sie sprach frei,

Floh sie von hinnen aus dem Heimatlande,

Bis sie die schwere Last entbunden sei.

Schmach fürchtend wie den Tod und Skandalgeschrei,

Setzt’ sie sich müde auf die Erde nieder;

Ein schwerer Wolkenschlaf kam sanft herbei,

Der Trauer drückte auf die matten Glieder,

Und nahm die Sinne ihr, dass sie nicht aufwacht’ wieder.


Es traf sich, dass die schöne Venus klagte,

Weil sie verlor ihr kleines, geflügelt' Kind,

Den Liebesgott, der einen Streich gewagte,

Und vor ihr floh, so flüchtig wie der Wind,

Aus ihrer Himmelsburg, wo Freuden sind.

(So floh er oft vor ihr in weite Ferne,

Wenn sie ihn schalt für seine Sünden blind,

Und irrte durch die Welt, verborgen gerne,

In tausend Masken, unerkannt von Nacht und Sterne.)


Ihn zu erforschen, verließ sie die Hallen,

Das Haus der schönen Formen und der Pracht,

Woraus der Welt die Reize alle fallen,

Mit denen Gott sein Werk so schön gemacht.

Sie suchte jeden Weg bei Tag und Nacht,

Den seine Flügel wohl genommen hätten;

Sie versprach Küsse süß und voller Pracht

Dem Mann, der Kunde brächt’ aus seinen Betten,

Um ihren kleinen Flüchtling vor der Welt zu retten.


Zuerst am Hofe sie nach ihm forschte,

Wo er sich sonst am liebsten aufgehalten;

Doch fand sie nichts als Sitten, die vermorchten,

Und Klagen über des Tyrannen Walten.

Sein Falschspiel sahn die Jungen wie die Alten;

Ihr Ohr vernahm von Damen und von Rittern,

Wie sein Vergiftungspfeil die Herzen spalt’te,

Dass sie in Hoffnung und in Furcht erzittern,

Und einsam schmachten nun in ihren Liebesgittern.


Dann sucht’ sie in den Städten Tor für Tor,

Und jeden fragte sie, ob er ihn sah;

Und jeder rief: „Ach, ich Tor kam ihm vor,

Und spürte seine Grausamkeit ganz nah,

Sein scharfes Geschütz, das mir geschah!“

Ein jeder fluchte seiner bösen Tat,

Die Ordnung und den Frieden brach er da,

Der Feind der Ruhe, der nur Zwietracht sät,

Und Unheil bringt, wohin sein Fuß auch geht.


Daraufhin sucht’ sie ihn im flachen Lande,

In Hütten fragte sie nach seiner Spur;

Auch dort fand Klagen sie an jedem Rande,

Wie er die Herzen traf auf freier Flur

Und Gift goss in der Hirten Kreatur.

Die sanften Schäfer, die beim Vieh verweilten,

Erzählten ihr von Liebesnot und Schwur;

Sie hörte süß, wie sie im Schmerze eilten,

Doch musste lächeln nur, während die Wunden eilten.


Da sie ihn nirgends fand in diesen Räumen,

Sann sie nach einem Ort, der noch verblieb;

Zuletzt dacht’ sie an jene wilden Bäume,

Die weiten Wälder, wo aus Zeitvertreib

Manch schöne Nymphe jagt den wilden Leib.

Dort mochte er sich heimlich wohl verstecken,

Weil ihn die Liebe zu den Maiden trieb;

Drum flog sie hin zu den geheimen Ecken,

Um in Dianas Schar den Knaben aufzuwecken.


Bald kam sie in die unberührten Wälder,

Wo sie die Göttin fand mit ihrer Schar,

Ermüdet von der Jagd auf grüne Felder.

Sie saßen an der Quelle, frisch und klar;

Die einen wuschen sich das Antlitz gar

Vom Staub und Schweiß nach diesem harten Jagen;

Die andren ruhten, wo es schattig war,

Die restlichen im Kreise Sorge tragen,

Um ihrer Herrin Wünsche dienend zu behagen.


Diana hatt’ den Bogen aufgehangen,

Den bunten Köcher an den nächsten Ast;

Die Silberstiefel, die das Bein umfangen,

Waren gelöst nach dieser langen Hast.

Ihr Hemd war offen für die kühle Rast,

Die goldnen Locken, die beim Jagen eben

Geflochten waren ohne Rast und Rast,

Hingen nun lose, frei herabzuschweben,

Mit süßer Ambrosia besprengt im sanften Leben.


Als sie nun Venus sah in ihrem Rücken,

Erschrak sie tief, so bloß ertappt zu sein;

Und zornig ließ sie ihre Mägde blicken,

Dass sie versäumt, zu warnen vor dem Schein,

Und sie so achtlos ließen ganz allein

Im losen Kleid. Ihr Obergewand geschwind

Zog sie zur Brust, um Keuschheit zu verlein,

So gut sie konnt’, und trat vor Venus lind,

Indem die Nymphen sie wie einen Kranz umpinnt’.


Gar hold begann sie Cytherea grüßen

Und fragte kurz, was sie hierher gebracht

In diese Wildnis, fern von jenen süßen

Und weichen Betten voller Sinnenpracht;

Solch jäh’n Wechsel hätt’ sie nie gedacht.

Ihr antwort’ jene, fast in Tränen schwer,

Dass sie Cupido sucht bei Tag und Nacht,

Der trotzig floh von ihrer Seite her;

Dass sie bereu’, ihn anzustrengen also sehr.


Da fing Diana spöttisch an zu lachen

Ob dieser Klage, und sie sprach voll Hohn:

„Ein großes Mitleid will mein Herz erwachen,

Dass ihr verlor’t den wunderschönen Sohn,

Der euch so treu gedient auf eurem Thron!

Schlecht seid ihr nun belohnt für all die Lust.“

Doch jene, noch mehr grämend sich im Ton,

Entgegnete: „Schön’ Schwester, ’s bringt Verlust,

Mit Stolz zu spotten über eine wunde Brust.


Wie ihr im Wald und wilder Einsamkeit

Den Ruhm sucht, wilde Tiere zu erjagen,

So liegt mein Glück in lauter Fröhlichkeit,

In Betten, Festen und in Freudentagen.

Und schlecht geziemt es euch, so hoch zu ragen

Und jene Lust zu schmähn, die Jove gefällt;

Wir beide müssen Himmels Befehl tragen

Und treu verwalten, was uns aufgestellt;

Schon’ meine Qual, die ohnehin mein Herz zerspellt!


Und sagt mir, ob ihr meinen Sohn gesehn,

Wie er bei euren Nymphen sich versteckt,

In ihren Hütten? Groß ist mein Verfehn

Aus Furcht, dass er sich Mädchenkleider steckt

Um ihren Leib, und ihre Pfeile weckt,

Um so im Spiel sich tarnt vor eurem Blick;

Denn er ist frisch und schön, von Gott erweckt,

Wie jede Nymphe (neidet nicht sein Glück!)“

Bei diesen Worten maß sie alle streng zurück.


Doch Phoebe wurde heftig drob entbrannt

Und sagte scharf: „Geht, Dame, sucht den Knab’n,

Wo ihr ihn jüngst verließt in Marsens Hand!

Er kommt nicht her, wir spotten seiner Gab’n

Und wollen keine Zeit für Toren hab’n.

Doch wenn ich ihn in dieser Schar ertappe,

Beim Styx-Fluss schwör’ ich, dem die Götter nah’n,

Dass er es teuer zahlt mit seiner Kappe:

Die Flügel stutz’ ich ihm, dass er nie mehr entklappe!“


Als Venus sah, wie sehr sie war erzürnt,

Ging sie in sich und mäßigte das Wort,

Das sie gesprochen; und mit Süße türmt’

Sie Schmeichelworte auf am selben Ort,

Die wie ein Quell aus ihren Lippen fort

Und lieblich flossen, dass in kurzer Frist

Diana mild ward und die Mägde dort

Aussandte durch den Wald, wo Schatten ist,

Zu sehn, ob man die Spur des Knaben nicht vermisst.


Den Gott der Liebe suchte nun die Schar

Im weiten, wilden Walde überall;

Und Venus selbst ging mit den Nymphen gar,

Zu jagen den Rebellen ohne Zahl.

So lang durchforschten sie das grüne Tal,

Bis sie gelangten zu dem schatt’gen Hain,

Wo Chrysogone lag im Schlummerstrahl,

Die unbewusst (o Wunder ganz allein!)

Zwei Kinder auf die Welt gebracht, wie Tages Schein.


Achtlos empfing sie, achtlos sie gebar;

Gebar ohn’ Schmerz, was sie empfangen hat

Ohn’ alle Lust; Lucina rief sie gar

Nicht an um Hilf’. Als nun die Schar herantrat,

Verlor’n sie fast den Geist vor Wunder tat,

Und schauten stumm sich an im weiten Kreis.

Zuletzt beschlossen sie im weisen Rat,

Die Mutter nicht zu wecken aus dem Schweiß,

Doch wegzunehmen sanft der Babys zartes Fleisch.


Sie hoben sie empor, ein Kind pro Hand,

Und trugen sie davon, um sie zu pflegen;

Frau Phoebe gab ihr Kind im selben Land

Einer Nymphe, um es keusch emporzubewegen,

Und nannte es Belphoebe voller Segen.

Doch Venus trug das ihre weit von hinnen,

Um es zu edler Weiblichkeit zu prägen;

Und statt des Sohns, den sie nicht konnt’ gewinnen,

Hieß sie es Amoretta, um den Schmerz zu spinnen.


Sie bracht’ es in ihr frohes Paradies,

Wo sie am liebsten wohnt auf dieser Erd’;

Ein Ort so schön, wie die Natur ihn wies,

Ob in Paphos, ob auf Cytherons Herd,

Oder in Gnidus, bleibt mir unerklärt.

Doch weiß ich wohl durch Prüfung, dass dies Land

Vor jedem andren Platze sei verehrt;

Nach ihres Liebsten Namen wird’s genannt:

Der Garten des Adonis, weit und breit bekannt.


In diesem Garten wachsen alle Blüten,

Mit denen Mutter Erde sich bemalt

Und schmückt die Kränze derer, die da liebten;

Dort ist der erste Keim, der ewig strahlt

Für alles, was da lebt und Tod bezahlt

Nach seiner Art. Ein langes Werk es wäre,

Zu zählen die unend’ge Brut, die buhlt

Und blüht im Kraut, das dort der Lenz gebäre;

Doch was vonnöten ist, verkünd’ ich euch zur Ehre.


Gelegen war er in urfruchtbarm Land

Und eingeschlossen rings von Mauern zwei;

Die eine war aus Eisen fest gespannt,

Die andre glänzte hell von Golde frei,

Dass niemand durchbrach oder sprang vorbei.

Und Doppeltore öffneten sich weit,

Durch die der Mensch zog ein und aus herbei;

Das ein’ war frisch, das andre alt vor Zeit:

Der alte Genius war Pförtner dort in Ewigkeit.


Er lässt sie ein, er lässt sie wieder gehen,

All jene, die zur Welt zu wandern streben;

Viel tausend nackte Seelen um ihn stehen

Bei Tag und Nacht und bitten um das Leben,

Dass er ein fleischlich’ Kleid dem Geist möge geben.

Wie es ihm dünkt und wie das Schicksal schreibt,

Hüllt er sie in den Schlamm, der sündig webt,

Und sendet sie ins Sterbliche, wo Leid verbleibt,

Bis sie das Hintertor zurück im Kreise treibt.


Und wenn sie dann zurückgekehrt von hinnen,

Werden sie wieder in den Grund gepflanzt,

Und wachsen neu, als hätt’ ihr Fleisch da drinnen

Korruption und Tod noch nie umtanzt.

Ein Jahrtausend bleibt der Geist dort ganz,

Bis Genius ihn kleidet neu im Schein,

Und sendet ihn zurück im Weltenkranz,

Bis er kehrt heim, wo er entspross allein:

So läuft das Rad herum, um alt und neu zu sein.


Kein Gärtner braucht dort auszusä’n, zu pflanzen,

Zu schneiden; denn von selbst und eignem Triebe

Wächst alles, wie’s geschaffen in dem Ganzen,

Und folgt dem großen Worte voller Liebe,

Das Gott einst sprach, auf dass es ewig bliebe:

Dass sie sich mehren und die Erd’ erfüllen.

Auch brauchen sie kein Wasser aus dem Siebe

Oder den Wolken, um den Durst zu stillen,

Weil sie in sich die ew’ge Feuchtigkeit verhüllen.


Unend’ge Formen werden dort geboren,

Und fremde Gestalten, die man nie gesehn;

Und jede Art wird in ein Beet verloren,

Für sich gesetzt, in Reihen wunderschön.

Die ein’ sind für Vernunftgötter zu erfehn,

Die andren für das Vieh, für Vögel her;

Und all der Fische Brut im Meereswehn

War aufgereiht in endlos langem Heer,

Dass es fast schien, als fasst’ sie selbst das Weltmeer mehr.


Sie wachsen täglich, täglich ziehn sie fort

In diese Welt, um sie noch mehr zu füllen;

Doch mindert sich der Vorrat nicht am Ort,

Er bleibt bestehn im unerschöpft’gen Stillen,

Wie er erschaffen ward nach Gottes Willen.

Denn in dem weiten Schloß der Welt da liegt,

In sünd’ger Nacht und grauenvollem Hüllen,

Ein ew’ges Chaos, das die Stoffe wiegt,

Woraus Natur die reiche Nachwelt ewig kriegt.


Ein jedes Ding nimmt dorther seinen Geist

Und leiht den Stoff, aus dem es wird gemacht;

Wenn es dann Form und Züge in sich speist,

Wird es zum Leib und tritt mit Lebensmacht

Hervor aus jener grausen Schattennacht.

Der Stoff ist ewig, und er bleibt bestehn;

Und wenn das Leben weicht und Form verfallt in Pracht,

Verzehrt er nicht, noch wird zu Nichts vergehn,

Sondern wird oft verwandelt und im Kreis gesehn.


Der Stoff wird nicht verwandelt noch zerstört,

Nur seine Form und äußere Gestalt;

Denn jede Substanz ist dazu gehört,

Zu wechseln ihre Farbe jung und alt,

Und neue Formen anzunehmen bald,

Wie es ihr Wesen und Complexion mag zwingen;

Denn Formen wechseln schnell mit Naturgewalt,

Und jene schöne Blume muss vergehn in Dingen,

Wie frisch die Lilie welkt, wenn Sonnenstrahlen dringen.


Der größte Feind für sie und all den Rest,

Was in Adonis’ Garten blüht und sprießt,

Ist die boshafte Zeit, die fest gepresst

Mit ihrer Sichel alle Blumen gießt,

Das schöne Kraut und was zur Erde fließt,

Und all die Pracht zu Boden grausam schlägt,

Wo es verdorrt und Moder sogleich genießt.

Sie fliegt umher, und wenn sie Schwingen regt,

Wird Knosp’ und Blatt zertreten, weil sich Mitleid nie bewegt.


Doch Mitleid oft die Götter weich gestimmt,

Wenn sie so schöne Dinge sahn zerstört;

Und ihre große Mutter Venus weint und grämt,

Dass man ihr liebes Volk so grausam stört.

Ihr Herz war ganz von Traurigkeit betört,

Wenn sie beim Gehn im Garten sie erblickt;

Doch fand sie keinen Rat, der Abhilf’ schwört,

Denn alles Leben ist dem Recht verstrickt:

Die Dinge müssen altern, bis die Stunde sie zerknickt.


Doch wenn die Zeit nicht stören würd’ ihr Glück,

Müsst’ alles, was in diesem Garten weilt,

Glückselig sein und frei vom Missgeschick,

Weil hier die Fülle mit der Freude eilt.

Und süße Liebe wird hier sanft verteilt,

Ohn’ wilden Groll und dumme Eifersucht;

Ein jeder Liebhaber zur Liebsten eilt,

Ein jeder Vogel sucht der Gattin Bucht,

Und niemand neidet ihnen diese frohe Festesfrucht.


Dort herrscht der Lenz und auch die Erntezeit

Zugleich, sie treffen sich am selben Ort;

Die Zweige tragen Blüten voller Freud’

Und schmücken reich den jungen Lenzgott dort.

Zugleich stehn schwere Bäume reich im Wort

Und brechen fast von ihrer Früchte Last;

Derweil der Vögel Schar singt fort und fort

Im schatt’gen Laub, wo sie gewählt die Rast,

Und ihre treue Liebe kündet ohne Arg und Hast.


Und mitten in dem schönen Paradies

Erhob sich stolz ein runder Bergeshügel,

Auf dessen Gipfel sich ein Hain erwies

Aus Myrtenbäumen, frei von Stahl und Zügel,

Kein wildes Tier beschädigt’ ihre Flügel.

Sie krönten wie ein Kranz des Berges Pracht;

Aus ihren Rinden floss ein süßer Siegel,

Der wie ein edler Thau den Grund bedacht’

And süße Düfte hauchte in der stillen Frühlingsnacht.


Und in dem allerdicht’sten Schattengrund

War eine Laube, nicht durch Kunst erbaut,

Sondern weil Baum an Baum im grünen Rund

Die Zweige flocht, wie es sich selbst vertraut.

Mit Epheu wild verschlungen und belaubt,

Mit Heckenrosen, Geißblatt dicht im Kreis,

War sie nach oben hin so fest gestaut,

Dass Phoebus’ Strahl nicht durchzudringen weiß,

Noch Äolus’ scharfer Wind ihr anzutun ein Leid verheißt.


Und ringsumher wuchs jede Blumenpracht,

In die manch traurig’ Liebende verkehrt;

Der frische Hyazinth, den einst bedacht’

Gott Phoebus, der ihn hielt so hoch geehrt;

Narziss, der töricht nur sein Spiegelbild begehrt;

Der Amaranth, zur Blume frisch gemacht,

In dessen Purpurblut, das traurig nährt,

Ich seh’ Amintas Schicksal in der Nacht,

Dem süßer Dichtervers unend’gen Ruhm hat ausgebracht.


Dort pflegte Venus oft sich zu erfreun

An ihres Liebsten froher Gegenwart

Und süße Lust im weichen Gras zu streun.

Dort liegt Adonis noch auf diese Art,

In edlen Gewürzen und in Blumen zart;

Vor aller Welt von ihr versteckt im Hain

Und vor den Göttern, die des Styx’ Verwahrt,

Weil sie den Neid auf ihre Liebe spein;

Doch sie nimmt seine Süße, wann sie will, für sich allein.


Und wahr ist wohl das Wort: Er kann nicht ganz

Für immer sterben und begraben sein

In finstrer Nacht, die raubt des Lebens Glanz.

Obgleich er sterblich ist und oft allein,

Bleibt er doch ewig im Verwandlungsschein;

Und durch die Nachfolg’ wird er fortgeführt,

Verändert oft in Formen groß und klein.

Man nennt ihn Vater, der den Stoff berührt,

Drum muss er leben, da sein Leben alles Sein gebiert.


Dort lebt er nun in Seligkeit und Lust,

Genießt die Göttin, die ihn herrlich liebt;

Nicht fürchtet er den Feind an ihrer Brust,

Der ihn mit scharfem Zahn einst tödlich hiebt.

Denn jenen wilden Eber, der ihn betrübt,

Hat sie für immer in den Kerker legt,

Dass ihre Liebe keinen Schaden kriegt.

In einer Felsenhöhle, tief gehegt

Wohl unter jenem Berge, wo kein Fuß ihn fortbewegt.


Dort lebt er nun in ew’ger Freude Pracht,

Mit vielen Göttern in Gesellschaft frei,

Die dorthin wandern in der stillen Nacht;

Und mit dem Knaben, der mit Pfeilen treu

Dort spielt in Sicherheit und ohne Scheu.

Wenn dieser erst die Welt hat wild durchrannt

Und Grausamkeit gebracht und Skandalgeschrei,

Kehrt er hierher zurück ins Friedensland,

Legt ab die Pfeile und spielt mit Adonis Hand in Hand.


Und seine treue Psyche spielt mit ihm,

Die schöne Psyche, jüngst mit ihm versöhnt,

Nach langem Kummer und nach hartem Schlimm,

Mit dem ihn Venus oft und viel verhöhnt,

Und er sie selbst verbannt’, bis er sich sehnt.

Nun leben sie in fester Liebesglut,

Und eine Tochter hat ihr Glück gekrönt:

Die Freude, die den Menschen Gutes tut,

Das Kind von Amor und von Psyche in der Götter Hut.


Hierher bracht’ Venus dieses Kind so zart,

Die jüngre Tochter von Chrysogonee;

Sie gab sie Psyche auf dieselbe Fahrt,

Dass sie erzogen würd’ ohn’ Ach und Weh

Zu wahrer Weiblichkeit, wie ich es seh’.

Und Psyche pflegte sie mit großer Macht,

Nicht minder als ihr eig’nes Kind in Höh’,

Die Freude; beide wurden groß in Pracht,

Und in der Liebe Lehre wurden beide hold bewacht.


Als sie heranwuchs zu der Reife Zeit,

Ein edles Vorbild ganz an Huld und Zier,

Führt’ man sie aus in die Gefälligkeit,

Zu sein das Muster wahrer Liebe hier,

Ein Leitstern keuscher Sitten für das Tier

Und jede Dame auf dem Erdenrund.

Zum Feenhofe kam sie bald herfür;

Dort traf ihr Anblick manchen Ritter wund,

Dass tief die Liebe schnitt in seines schwachen Herzens Grund.


Doch keinem gab sie ihre Liebe hin,

Als nur dem edlen Ritter Scudamore;

An ihn verlor sie ihren ganzen Sinn

In Treue, die sie ewig ihm schwor.

Für seine Liebe duldet’ sie empor

Viel harten Jammer durch den bösen Feind,

Der sie bedrängte vor dem Göttertor,

Dass sie verließe, was sie treu gemeint,

Wie ihr in andren Büchern lest, wo man darob noch weint.


Doch wohl ich weiß, ihr wollt zuerst verstehn,

Was jener bangen Jungfrau widerfuhr,

Die vor dem wilden Förster musste gehn,

Den Timias erschlug auf freier Flur

Mit seinen Brüdern nach der Jagdspur.

Es war die schöne Florimell, die lind

Dort irrte auf der Suche nach der Spur

Von Marinell, den sie geliebt geschwind,

Und floh vor Prinz Arthur aus Furcht, so flüchtig wie der Wind.





DER TEMPEL DER VENUS


BUCH IV; GESANG X


Wahr sprach er, wer es auch gewesen sei:

Dass Liebe voll von Gall und Honig fließt,

Doch wenn man beides wiegt und mischt dabei,

Und sich ein Gramm des Honigs drin ergießt,

Ein Pfund der Galle schwerer noch verdrießt.

Das hab ich selbst durch Prüfung bang erfahren:

Seit jener Stund, die mir das Herz durchspießt,

Da tödlich-wund die Liebe wollt offenbaren,

Hab ich kein Glück gekannt, nur Sorge in den Jahren.


Doch wird von oben ihnen Huld gegeben,

Dass all die Sorgen und das herbe Leid,

Die festen Seelen niemals rückwärts weben,

Vielmehr trotz Sinnen voller Lieblichkeit;

Als wär ihr Märtyrertum Stolz und Freud.

So zähl ich alles, was ich je ertragen,

Als nichts und trete drauf im Erdenkleid,

Da ich nun weiß, nach all den bangen Tagen,

Dass Untreu nie mein Lieb wird in die Flucht mehr schlagen.


Lang wär’s zu raunen von der Müh und Plage,

Durch die ich jüngst den Liebeschild gewann,

Und jener Schönheit Beute trug zutage,

Die schwerer endet, als sie je begann.

Doch da ihr fleht, so fang ich redlich an.

Hört, edle Ritter, Damen sonder Fehl,

Mein Missgeschick, damit ein jeder kann

Es meiden lernen; denn trotz Ruhm und Seel:

Der Schmerz der Liebe wiegt weit mehr als ihr Juwel.


Als jenes Ruhmes Ruf zum ersten Male

Sich weit verbreitet’ und im Ohr erscholl,

Da griff ich rasch nach Rüstung und nach Stahle,

Um Ehr zu suchen, kühn und tugendvoll,

Dass man mich zu den Besten zählen soll.

Ich dacht in Jugendkraft (die Jugend wagt),

Dass dieses Werk für mich gedeihen wollt,

Dass Schild und Maid, nach der mein Herz so klagt,

Mein Los wohl sei; da uns das Los im Leben tragt.


So zog ich fort zu diesem harten Streite,

Und kam zum Ort der Prüfung alsbald hin.

Ein Tempel war’s, uralt und voll der Weite,

Der Venus’ Namen trug im hohen Sinn,

Berühmt durch Ruhm, der strahlend zog dahin;

Weit mehr als jener, den man Paphos nannte,

Oder in Zypern, wo ich längst schon bin,

Ob jener Säulen Gold im Lichte brannte,

Und dieses Elfenbein im Estrich fein umspannte.


Auf einer starken Insel war’s gelegen,

Voll seltner Freuden, die das Herz erfreun,

Von der Natur umwallt auf allen Wegen,

Dass kein Verfolger drang in diese Reihn,

Es sei denn durch ein einz’ges Tor allein.

Eine Brücke war’s, gebaut mit Meisterhand,

Mit Kragsteinen und Zierrat wunderfein,

Gewölbt mit Hallen, die im Glanze stand,

Auf Säulen, wie man sie im Dorierlande fand.


Und zum Schutze stand am andren Ende

Ein Schloss, so herrlich, fest und wehrhaft da,

Das jeden hütet’, der sich einwärts wendete,

Und Flankenwacht der Brücke hielt ganz nah,

Dass keinem Unrecht dort durch Kraft geschah.

Und darin wohnten zwanzig Ritter kühn;

In langen Kriegen erprobt, wie ich’s sah;

Ihr Amt war’s, gegen jeden Feind zu ziehn,

Damit des alten Schlosses Rechte nie verblühn.


Vor diesem Schlosse lag ein weites Feld,

In dessen Mitte eine Säule stand;

An der der Schild, den manch ein Held erwählt,

Der Liebeschild, der mir als Lohn mitsand,

An goldnen Bändern hing in ihrer Hand;

Und in dem Marmor stand ein Spruch geschrieben,

In goldnen Lettern, die man herrlich fand:

Gesegnet sei, wer weiß sein Glück zu lieben;

Wem auch der Schild gehört, dem bleibt Amoret geblieben.


Als ich es las, schlug mir das Herz im Leibe,

Und bebte hoch vor Hoffnung auf das Glück:

Ich wartete nicht, dass ich länger bleibe,

Mit meinem Speer schlug ich zum Schild zurück,

Dass laut das Schloss erdröhnt’ im Augenblick.

Gleich stürmte vor ein Ritter, fest im Eisen,

Und kühn beritten zu seim Missgeschick;

Er hielt nicht an, um Fragen zu erweisen,

Kam wild, dass Hufe Feuer funkelnd ließen kreisen.


Dem trat ich kühn entgegen (wie ich mochte)

Und warf ihn bald durch Glück vom Sattel ab.

Zwei andre sprangen vor, mit denen ich fochte,

Doch gleiches Heil ich beiden Kämpfern gab:

So ging es allen zwanzig abwärts in das Grab,

Ich ließ sie stöhnend auf der Ebene liegen.

Zur Säule drang ich vor im schnellen Trab,

Las nochmals jenen Spruch, um Sieg zu kriegen,

Nahm ab den Schild und durft ihn mein im Arme wiegen.


So schritt ich vorwärts ohne Hindernisse,

Bis ich zum äußren Tor der Brücke kam:

Das fand ich fest verschlossen, voller Gewisse,

Gekettet stark. Ich klopft’, doch niemand vernahm

Mein Rufen; kein Name eine Antwort nahm.

Doch ich beharrte, rief und klopfte laut,

Bis ich zuletzt durch einen Ritz voll Scham

Sah einen stehn, der heimlich hat geschaut,

Dem rief ich zornig zu, dass ihm im Herzen graut.


Das war der Pförtner, der den Platz bewachte,

Dem diese Pflicht vertrauungsvoll verliehn:

Sein Name Zweifel, der zwei Antlitz’ brachte,

Das eine blickt’ nach vorn, das andre schien

Nach hinten wie bei Janus sich zu ziehn,

Der hütet des Januars ersten Tag;

Und seine Augen kreisten spät und frühn,

Als ob er stete Furcht in Brüsten trag’,

Und Schlimmes ahnte, das im Dunkeln vor ihm lag.


Auf einer Seit er, auf der andren saß Verzug,

Hinter dem Tor, dass keiner sie erschaut’;

Die Sitte war’s, mit der sie Reis’ge betrug,

Und hielt sie auf mit List, die ihr vertraut,

Wodurch manch große Hoffnung ward versaut,

Die man im Leben niemals wiederfand;

Und andre, ausgesperrt vom Heimatlaut,

Verschmachteten in Schmerzen sonder Verstand,

Und suchten oft den Eingang durch das feste Land.


Als er mich nun von fern gestanden sah,

Den Schild tragend, den ich jüngst errang,

Da kannt er ihn und öffnete mir nah.

So trat ich ein, das Tor im Schloss erklang.

Doch drinnen lauernd mich Verzug umschlang,

Und dachte meine Schritte aufzuhalten,

Erfand viel eitlen Schwatz im falschen Drang,

Um Zeit zu stehlen, die den Menschen walten;

Deren kleinste Flucht kein Reichtum kann gestalten.


Doch keineswegs wollt ich den Weg verlieren,

Für alles, was sie sagte oder tat,

Vom hohen Rosse stieg ich zum Spazieren,

Ging fort zu Fuß und schaut’ auf diesem Pfad

Die Pracht der Steine, die man reich geladen hat,

In seltne Formen durch Genie gebracht,

Wie man’s auf Erden nirgends sonst erfahr’n hat;

Und unten murmelt’ leise durch die Nacht

Der Fluss, der ganz nach Meisters Willen fließen mag.


Von dort ging ich zum zweiten Tore hin,

Zum Tor des Verdiensts, dess stolzer Bau

Und reicher Rahmen lang zu schildern schien.

Es stand stets offen für die Welt zur Schau:

Doch in der Halle hauste bang und grau

Ein Riese, grässlich anzusehn fürwahr,

Der sperrt’ den Eingang mit dem Schritt genau,

Und durch den Schrecken, den sein Antlitz gebar,

Schreckt’ er manch einen, der sonst gern getreten dar.


Sein Name Gefahr, gefürchtet überall,

Der Tag und Nacht hielt Wache auf dem Posten,

Um feigen Toren vor dem ersten Schall

Den Eingang zu verwehren und zu kosten,

Die vor dem Schicksal wie im Schreck verrosteten:

Denn oft, wenn feige Herzen ihn erblickten,

Flohn sie vor seinem Grimm nach West und Osten;

Unwürdig der Gnad, die sich im Streit erquickten,

Wenn sie beim ersten Nein die Hoffnung ganz erstickten.


Doch viele tapf’re Krieger, oft bewährt

In größrer Not, um kühn und stolz zu sein,

Ertrugen nicht den Blick, den er beschert,

Und wenn sie sahn das Antlitz allgemein,

Frór ihnen Mut und Herz im Busen ein.

Und andre wieder, die als feig bekannt,

Und wenig galten in den Reihn allein,

Durch Gaben oder List am Torwand,

Krochen tief unten durch, gestohlen jenen Pfand.


Doch ich, obgleich der Geringste von vielen mehr,

Verschmähte es, vor ihm mich tief zu bücken,

Und zwischen seinen Beinen flink und leer

Hineinzukriechen; wollt ihn kühn bedrücken,

Ihn schlagen oder aus dem Wege rücken.

Gleich hob ich jenen Zauberschild empor,

Mit aller Kraft begann ich zuzuschlagen:

Als er das sah, verlor das Schwert das Ohr,

Er senkt’ die Waffe, wich und wich dem Tor.


Als ich nun eintrat, blickt ich rückwärts scheu,

Aus Angst vor Unheil, das im Dunkeln wacht;

Und sieh: sein Hinterteil, das mir ganz neu,

War viel verformter noch, voll wilder Pracht,

Als alles, was mir vorn den Schrecken bracht.

Denn Hass und Mord, Verrat und arger Neid,

Lagen im Hinterhalt bei Tag und Nacht,

Bereit zu fangen den im Erdenkleid,

Der nicht mit Klugheit meidet diese böse Zeit.


Als alle Fährnis so von mir gewichen,

Kam ich in dieses Eilands weiten Raum;

Der, wie mein schlichter Sinn es wohl verglichen,

Als einz’ger Ort der Lust, wie im Traum,

Je von dem Menschenfuß berührt am Saum.

Denn alles, was Natur durch Mutterwitz

Erschaffen konnt aus Erde und aus Baum,

War da; und was ihr fehlte im Besitz,

Ergänzte Kunst als zweite Kraft mit hellem Blitz.


Kein Baum von Rang, der im Gebüsche sprießt,

Vom Wacholder bis hin zur Zeder hoch,

Kein Feldgewächs, das süßen Duft vergießt,

Und seine Zweige schmückt mit Blüten noch,

Die dort nicht wurzelten im Boden doch.

Kein Sinn des Menschen, noch so zart und fein,

Der nicht fand, was ihm wohlgefällig roch;

Kein Herz konnt wünschen sich ein seltnes Sein,

Das dort nicht war und lockte sacht die Sinne ein.


In solcher Pracht und Fülle aller Lust,

Schien es ein zweites Paradies zu sein,

So reich beschenkt an der Natur Gewusst’,

Dass jene Seelen, die im Glück allein

Die elysischen Felder holen ein,

Wenn sie dies säh’n mit ihrem Lebtagsblick,

Wohl sogleich flöhen ihren klein’ren Schein,

Und wünschten sich zum Erdenlauf zurück,

Um hier zu schmecken dieses freie, große Glück.


Frischer Schatten schützt’ vor Sonnenbrand;

Schöne Matten fingen Licht zur rechten Zeit;

Süße Quellen, wo die Nymphe stand;

Leise Bäche brachten sanft Vergessenheit;

Hohe Hügel schauten in die Weit’;

Tiefe Täler, fern dem Blick der Welt;

Schöne Lauben für der Liebsten Freud’;

Falsche Irrgärten, wo das Auge fällt;

Natur erstaunte selbst, was sie hier aufgestellt.


Und ringsumher war alles schön bereit’,

Mit Alleen, Bäumen, die in Reihn gestellt;

Hier und dort ein Lusthaus in der Zeit,

Und schatt’ge Bänke auf dem Blumenfeld,

Wo sich der müde Wanderer gesellt,

Und darin tausend Paare liebend gehn,

Die dankend preisen, was ihr Gott erhält;

Nichts als von treuer Liebe war zu sehn,

Und kein Tadel konnt ihr Glück jemals beschwähn.


All diese spielten froh in ihrer Schar

Die reine Lust und süßer Liebe Flehn.

Doch weit von ihnen, eine and’re war,

Wo Herzen fest in wahrer Treue stehn;

Die liebten nicht, um eitler Lust nachzugehn,

Auf keuscher Tugend ruhte ihr Begehr,

Fern von Betrug und falschem Schmeichelflehn;

In ihren Geistern brannte Eifer sehr,

Für edle Taten und für kühner Gedanken Wehr.


So waren Herakles und Hylas wert;

Der treue Jonathan und David kühn;

Theseus und Pirithous, unbeschwert;

Pylades und Orestes sah ich ziehn;

Titus und Gesippus ohne Mühn;

Damon und Pythias, die kein Tod entzweiht;

All diese, die in Freundschaft fest erblühn,

In jenem Bande lebten allezeit,

Ihr Leben schwand, doch ihre Liebe bleibt befreit.


Als ich, der niemals solches Glück gekannt,

Noch frohe Stund, dies sah mit offnem Blick,

Glaubt ich, dass dies der wahre Himmel stand;

Und neidete ihr endlos hohes Glück,

Das frei von Eifersucht und falschem Strick,

Dort leben durft in ihrer Liebe Pracht;

Indessen ich durch Not und Missgeschick,

Nach meiner Lebensherrin stete Wacht

Musst suchen; teurer ist, was Müh uns näher bracht.


Doch all die Pracht und was ich sonst noch sah,

Hielt meine Schritte nicht vom Wege ab,

Dass ich dem Ziel des Weges kam ganz nah,

Wo meine Liebste wohnte Tag und Trab:

Der Tempel Venus’, die den Segen gab,

Die Königin der Schönheit, Liebesmutter fein,

Verehrt von jedem Wesen bis zum Grab;

Dess’ Meisterwerk weit schöner strahlt’ herein

Als alles, was die Erde baut aus Stein allein.


Nicht jener Tempel der Dian’ in Pracht,

Dess’ Höh’ ganz Ephesus von oben sah,

Dem Asien seine Opfer hat gebracht,

Als Weltwunder gerühmt von fern und nah,

Kam diesem gleich, der vor mir auferstand;

Noch jener, den des Königs Weisheit schuf

Mit seltnem Schatz als des Allmächt’gen Pfand;

Noch alles, was der Heiden Götterruf

Je an Altären durch die weite Erde rief.


Ich staunte ob des Baues Herrlichkeit,

Und trat zur Halle, die weit offen stand;

Doch darin saß ein Weib in weiser Zeit,

Die sittsam wirkte auf dem Thron im Land,

Und große Frauentugend mitsand:

Seltsam ihr Schmuck; denn eine Krone fein

Trug sie im Haar, dem dän’schen Hut verwandt,

Mit Perlen und mit Edelstein besät im Schein,

Ihr Kleid aus Gold floss tief bis zu den Füßen rein.


Zu beiden Seiten standen Jünglinge,

Beide bewaffnet, wie in steter Furcht;

Doch waren Brüder sie auf dieser Höh’,

Von einer Mutter, die sie treu durchfurcht,

Obgleich von Art verschieden durch die Schlucht:

Der eine hieß die Liebe, jener Hass,

Hass war der Ält’re, Liebe jünger sucht;

Doch war der Jüng’re stärker ohne Maß

Als jener Ält’re, den er stets im Streit vergaß.


Dennoch das Weib sie beide so bezähmte,

Dass sie gezwungen Hand in Hand hier stehn,

Obgleich der Hass sich dieses Bundes schämte,

Und wandte sein Gesicht, um nicht zu sehn,

Wie diese schönen Hände ineinander gehn.

Doch sie besaß solch Tugendkraft und Gnad’,

Dass er ihr Wort nicht konnt im Zorn verwehn,

Er biss die Lippe auf dem harten Pfad,

Und knirschte mit den Zähnen ob der guten Tat.


Eintracht war ihr Name im gemeinen Mund,

Mutter des Friedens und der Freundschaft treu;

Beide ihr Zwilling, aus dem Himmelsgrund,

Und sie selbst wuchs aus göttlichem Getreu;

Was ihre Werke zeigten ohne Scheu:

Denn Stärke, Wohlstand, Glück reicht ihre Hand,

Und Streit und Krieg und Ärger macht sie neu;

Aus Wenig viel, aus Feinden Freundesband,

Und schenkt betrübten Seelen Ruh im weiten Land.


Durch sie wird auch der Himmel fest gelenkt,

Und all die Welt steht unverrückt im Raum,

Wie es der Schöpfer anfangs hat bedacht,

Und band sie fest am ungemess’nen Saum;

Sonst flut’te Wasser über Land und Baum,

Und Feuer fräße Luft und Hölle weit,

Hielt sie das Ganze nicht im Zaum.

Sie ist die Amme aller Lustbarkeit,

Und öffnet Venus’ Gnad das Tor zur Ewigkeit.


Durch sie trat ich erschüttert ein ins Haus,

Doch sie empfing mich sanft an diesem Ort,

Lies zwischen sich und Liebe mich heraus;

Doch Hass wollt wehren mir den Eingang dort,

Mit seiner Keule droht’ er meinen Mord,

Hätt’ nicht die Herrin mit der Rede Kraft

Ihn abgehalten von dem bösen Wort;

Der And’re lähmte seine Bosheit Haft,

Bis ich den Weg aus seiner Nähe hab geschafft.


So kam ich in den innern Tempelraum,

Der ganz von Weihrauch rauchte in der Nacht,

Und Düfte stiegen auf vom Altarsaum.

Auf hundert Säulen, Marmor in der Pracht,

War hoch das Dach vom Boden hergebracht,

Geschmückt mit Kronen, Ketten, Kränzen fein,

Und tausend Gaben, die man dargebracht,

Die traur’ge Liebende als Pfand weihn;

Und rings der Boden lag voll Frühlingsblumenrein.


Ein hundert Altär’ standen in dem Kreis,

All flammend von der Opfer heißer Glut,

Dass von dem Dampfe schützte Raum und Schweiß,

Der wolkenwärts zum Himmel stieg mit Mut,

Und trug der Liebenden Gebet und Gut:

Und hundert Kessel, ehern und ganz rein,

Um sich zu baden in der Liebesflut,

Ein jeder war geweiht der Jungfrau Schein;

Denn all die Priester waren Mädchen im Gewand von Lein.


Und mitten drin die Göttin selber stand

Auf einem Altar von so seltner Pracht,

Dess’ Stoff dem Auge war fast unbekannt:

Kein Edelstein, kein Erz bei Tag und Nacht,

Kein pures Gold, kein Ton, der matt gemacht;

Vielmehr weit seltner und an Wert so reich,

Rein im Aspekt, wie Kristallglas bedacht,

Doch war es Glas nicht, sah man darauf gleich,

Obgleich es zart und spröde schien dem Glase gleich.


Doch an Gestalt und Schönheit übertraf

Es alle Götzen, die der Heide ehrt,

Weit über dem, was Phidias im Schlaf

Zu Paphos einst geschaffen, hochbegehrt,

In das der Grieche sich verliebt, betört;

Doch diese strahlte schöner noch im Raum,

Obgleich ein zarter Schleier sie verstellt;

Und beide Füße unten am Altarsaum

Umschlang ein Drache, Kopf und Schwanz im festen Zaum.


Der Grund, warum ein Schleier sie verhüllt’,

War schwer zu wissen, da ihr Priesterstand

Dies vor des Volkes Wissen tief erfüllt

Zu bergen suchte in dem weiten Land.

Doch war’s nicht Frauen-Scham, die man dort fand,

Noch irgendein Makel, den das Werk erlitt;

Man sagt vielmehr, dass zweifach sich verband

Ihr Wesen, Mann und Weib in einem Schritt:

Sie Vater ist und Mutter, die das All durchschritt.


Und rings um ihren Hals und Schultern flog

Ein Schwarm von kleinen Lieben, Lust und Freud’,

Mit flinken Flügeln, die aus Gold man zog

Und Purpurfarben in der hellen Zeit;

Ihr Bild schien nicht nach Knaben-Irdigkeit,

Vielmehr wie Engel, die im Himmel gehn;

Derweil ihr ält’rer Bruder in der Weit’,

Cupido selbst, das große Reich versehn

Darf mit Gewalt, dess’ Recht kein Wesen kann entgehn.


Und rings um den Altar verstreut da lag

Ein Heer von Liebenden, die bitterlich

Beklagten manchen Verlust und schweren Tag,

Und manchen Stolz, der grausam von ihnen wich;

Ein jeder klagte, was ihn innerlich

Bedrückte, sei es Gutes oder Leid.

Und einer, den der Liebe Zwang erstach,

Konnt sich nicht halten in der herben Zeit,

Und brach in Worte aus, die durch den Raum geschneit.


„Groß-Venus, Königin der Schönheit Pracht,

Der Götter Lust und Menschen, die im Licht

Am schönsten strahlt und alle Welt bewacht,

Die du mit mildem Lächeln Frieden brichst

Den wilden Meeren und den Sturm vernicht’st;

Dich, Göttin, fürchten Winde, Wolkenzug,

Und wenn dein Mantel sich nach oben richt’st,

Spielen die Wasser und das Land im Pflug

Trägt reiche Frucht, der Himmel lacht im Weltenflug.


Dann wirft die fruchtbare Erde dir zu Fuß

Aus ihrem Schoße reiche Blüten her,

Und jedes Wesen spürt den Frühlingsgruß,

Sobald er bricht aus seinen Hallen schwer;

Sie lernen alle Liebeslust noch mehr;

Zuerst die Vögel, deine Diener klein,

Die heimlich brennen nach der Liebe Wehr,

Und rufen laut aus ihren Käfiglein

Dich als die Mutter an, zu kühlen ihre Pein.


Dann fängt das wilde Tier zu spielen an

Sein fröhlich Hüpfen, meidet alte Kost;

Die Löwen brüllen, Tiger fangen an

Zu rufen, und die Bullen voller Rost

Durchbrüllen Wälder, wo sie Schutz gekost’,

Und brechen vor, zu wagen tiefste Flut,

Um dorthin zu gelangen, wo dein Trost

Sie zieht; und alles, was hat Lebensblut,

Sucht in der Zeugung zu Erlöschen diese Glut.


So ward die Welt durch dich zuerst gebaut,

Und täglich wird sie noch durch dich erneu’t:

Nichts ist auf Erden froh und hell geschaut,

Nichts ist auf Erden lieblich und erfreu’t,

Das du nicht schufst zur Lust in dieser Zeit.

Du bist die Wurzel aller Fröhlichkeit,

Großgott der Menschen, Königin so weit,

Mutter des Lachens, Born der Seligkeit,

O gib, dass meine Lieb’ nicht weicht in Ewigkeit.“


So sprach er dort: doch ich mit leisem Ton,

Dass niemand hörte meines Herzens Schmerz,

Doch tief im Innern seufzend ohne Lohn,

Flehte zu ihr um Heilung für mein Herz,

Und dass ihr Trost vertreibe diesen Schmerz.

Derweil ich sprach, sah ich mit frohem Blick,

Dass abseits an der Göttin Fuß im März

Eine Schar von schönen Mädchen saß im Glück,

Und wartete aufs Lied, das schallte bald zurück.


Die erste schien von reiferem Jahrhundert,

Und ernster im Gesicht als all die Pracht;

Doch all die and’ren waren unbewundert

Ihr gleich an Rang, obgleich sie sie bewacht.

Ihr Name Frauentum, den sie gebracht

Durch ihr Gebaren, weise und so rein:

Denn stetig blieb ihr Blick bei Tag und Nacht

Gerichtet, schweifte nicht im hellen Schein,

Wie falsche Köder, die uns fangen oft das Sein.


Und nah bei ihr saß gute Schamhaftigkeit,

Die niemals wagte ihren Blick vom Grund

Erheben, starrte auf den Sitz der Zeit,

Als ob sie fürchtete des Schandmauls Mund,

Was Rosen trieb auf ihren Wangen rund;

Und ihr entgegen saß die Heiterkeit,

Der’ Augen funkelten im Abendbund

Wie Sterne hell, verscheuchend alle Kläglichkeit,

Und sandten Strahlen aus voll Lust in dieser Zeit.


Und neben ihr saß nüchtern Ehrbarkeit,

Die Hand haltend auf ihrem sanften Herz;

Ihr gegenüber saß in feiner Zeit

Die Höflichkeit, die wusste jeden Scherz

Und jeden Stand zu ehren ohne Schmerz;

Und vor ihr saßen quer im weiten Raum

Das leise Schweigen und der Demut Kerz,

Gehorsam fest verbunden wie im Traum,

Beide als Gottesgab’ des Heil’gen Schutz und Saum.


So saßen sie im Kreise, herrlich anzusehn:

Und mitten drin ein schönes Mädchen saß,

Im Schoß des Frauentums durft sie bestehn,

In reinem Lilienweiß ohn’ alle Maß,

Mit Silberstreifen im Gewand aus Gras;

Gleichwie der Morgen, wenn sein Antlitz hell

Der düst’ren Welt erscheint am Quellenglas,

So war die schönste Amoret zur Stell’,

Es strahlte ihre Pracht und Tugend rein und schnell.


Sobald ich sie erblickte, schlug mein Herz,

Und schwamm in Zweifel, was zu tun wohl sei:

Denn Tempelraub schien mir der Kirche Schmerz,

Und Torheit war’s, zu lassen alles frei,

Was ich begonnen hatte treu und frei.

Da schüttelt’ ich all Zweifel von mir ab

Und jene Furcht, die Frauen-Lieb’ vorbei

Noch nie gewonnen hat im schnellen Trab;

Ich trat zu ihr und hob die Hand, die sie mir gab.


Darob die erste Matrone mich schalt,

Und tadelte mich scharf für kühnen Mut;

Sie sagte, ritterlich sei solch Gewalt

Wohl kaum, zu greifen nach der Jungfrau Gut,

Die Venus weihte ihre Lebensglut.

Zu der ich sprach: „Nein, es geziemt sich recht,

Dass Cupidos Mann mit Venus’ Mädchen ruht,

Denn schlecht wird eurer Göttin Dienst geschlecht’t,

Wenn Jungfrauen ihn hüten und das Opfer bricht.“


Damit zeigt’ ich ihr meinen Schild alsbald,

Den ich die ganze Zeit verborgen hielt;

Auf dem Cupido stand in der Gestalt

Mit seinem Bogen, der nach Herzen zielt;

Als sie dies sah, war all ihr Zorn gekühlt,

Sie sprach kein Wort: doch ich hielt fest derweil

Die Hand, die mir als Pfand der Treue gilt,

Gleichwie die Hindin in dem Kraute steil,

Wollt ich für kein Flehn lassen dieses Beuteheil.


Und stetig auf der Göttin Antlitz war

Mein Aug’ gerichtet, aus der Angst vor Zorn;

Als ich sie lachen sah so wunderbar

Und meinen Wunsch begünstigen von vorn,

Da schöpfte ich Mut aus diesem Born;

Und ohne Zögern oder Neides Last,

Führt’ ich sie fort vor aller Augen Dorn;

Sie starrten alle, wie im Schrecken fast,

Doch Hand an sie zu legen wagte kein Gast.


Sie betete und flehte oft zu mir,

Manchmal mit Tränen, dass ich sie lass gehn,

Manchmal mit Lächeln; doch es half nicht ihr,

Was sie auch sagte oder bat im Flehn,

Sie konnt ihr Suchen nach der Freiheit sehn;

Ich führt’ sie fort durch das Altartor weit,

Durch das ich kam mit Müh und Gegenstehn:

Doch jene Dame, die mir half zur Zeit

Des Eingangs, half mir auch in dieser Wiederheit.


Nicht minder drohte mir Gefahr mit Graun,

Als er mich sah, trotz aller seiner Macht,

Die schöne Beute mit mir fortzubaun,

Als Cerberus, den Orpheus hat verlacht,

Als er die Liebste aus der Höll’ gebracht.

Doch stetig schützte mich mein Zauberschild

Gegen den Sturm, der mir entgegenkracht’;

So zog ich sicher fort mit meinem Bild.

Hier endet seine Red’, wo dieser Gesang gilt.





DIE KIRCHE DER ISIS


BUCH V; GESANG VII


Nichts ist auf Erden heiliger zu nennen,

Das Mensch und Gott vereint in Ehrfurcht beugen,

Als jene Tugend, die wir Recht bekennen:

Denn selbst die Himmel, die als Richter zeugen,

Wenn Sterbliche sich tief im Gram verneigen,

Sind durch des Rechtes heil’ge Lehr’ gelenkt

Vom höchsten Jove, der Gerechtigkeit den Eigenen

Der Götter schenkt, und seine Macht beschränkt,

Da er den Fürsten Einsicht in dies Wissen schenkt.


Wohl hat die alte Welt es recht ersonnen,

Dass die Gerechtigkeit als Gott regiere,

Ihr Altäre und Tempel zu gewinnen,

Und höchste Ehre ihr im Raum gebühre;

Man nannt’ Osiris ihn, auf dass er führe

Das alte Volk am Nil mit weisem Mut;

Hinter der Fabel Schleier man spüre

Die Wahrheit nur: Osiris, rein und gut,

War stets der treuste Mann, der je auf Erden ruht’.


Sein Weib war Isis, die sie gleichfalls priesen

Als Göttin großer Macht und Souveränität,

In deren Bild sie kühn das Teil gewiesen

Vom Recht, das man als Billigkeit versteht,

Wovon mein Lied nunmehr zu singen steht.

Als Britomart zu ihrem Tempel fand,

Sie voller Demut durch die Pforten geht,

Um dort zu wachen; doch an jener Wand

War Talus’ rauer Schritt vom Eintritt streng verbannt.


Dort ward empfangen sie in edler Weise

Von vielen Priestern, die mit Fleiß gepflegt

Das Opfer und die tagbereiten Kreise;

In Leinenkleider, silberfein gehegt,

Und langes Haar, das glatt gekämmt sich legt,

Auf ihrem Haupt die Monden-Mitra prangt,

Was Isis’ Kraft als Mondenlicht erregt;

Wie auch Osiris nach der Sonne verlangt:

Weil beider Lauf im Recht denselben Pfad erlangt.


Die Heldin grüßte sie, wie sich’s gebührte,

Und ward von ihnen in das Haus geleitet;

Als sie des Baues Pracht vor Augen spürte,

Auf stolzen Säulen, die so weit gebreitet,

Mit reinem Golde glänzend überreitet,

Bestaunt’ sie dieses Meisters hohe Kunst,

Dergleichen nie ihr Auge je begleitet;

Sie stand und blickte, trunken von der Gunst,

Und trank das Wunder tief in ihrer Sehnsucht Brunst.


Zum Standbild führten sie die Jungfrau weiter,

Das ganz aus feinstem Silber war erlesen,

So kunstvoll, wie kein Meister je gescheiter

Aus weichem Stoff geformt ein solches Wesen;

In Linnen war es ganz gehüllt gewesen,

Gesäumt mit Fransen, silberhell und zart.

Ein golden’ Kranz auf ihrem Haupte lasen

Die Augen, was des Himmels Macht bewahrt;

Ein Krokodil zu Füßen ihr gewunden ward.


Ein Fuß stand fest auf diesem Untier nieder,

Der andre ruhte fest auf nacktem Grund,

Um so zu dämpfen falscher List Gefieder

Und off’ne Kraft: In ihrer Hand im Bund

Hielt sie den weißen Stab zur selben Stund’.

Dies war die Göttin; und als Britomart

Sie lang geschaut, warf sie sich auf den Schlund

Der Erde nieder, betend nach der Art,

Wie stiller Demut Sinn im Herzen sich bewahrt.


Hierauf das Idol, sich herabzuneigen

Schien sanft, den Stab mit mildem Blick zu rühren,

Um innern Sinn im äuß’ren Bild zu zeigen.

Die Maid, die sah den Stab sich sachte rühren,

Glaubt’ gutes Glück im Zeichen zu spüren.

Da ward der Tag von feuchtem Dunst umschlossen,

Und Joves Licht begann sich zu verlieren;

Als sie dies sah, hat sie den Helm erschlossen

Und sich zum Schlummer nah dem Altar niedergossen.


Denn andre Betten gab es dorten keine,

Die Priester lagen auf der Erde Schoß,

Und wärmten ihre Glieder auf dem Steine,

Um sich zu stählen gegen Schicksals Los,

Und Fleisch zu zügeln, das rebellisch spross.

Denn durch das Gelübde ihrer Ordenspflicht

War Keuschheit ihnen vorgeschrieben, groß

Und rein zu leben in des Geistes Licht,

Damit Andacht und Pflicht von ihnen weiche nicht.


Drum durften Fleischspeis’ sie auch niemals schmecken,

Noch was von Blut im Inneren enthielt,

Noch Wein, den sie als Riesenblut erschrecken,

Das einst vergossen und im Kampf gekühlt,

Als Joves Blitz Phlegraeas Feld durchwühlt.

Denn jene Erde – wie die Kunde sagt –

Erzürnt ob Göttern, die so hart gefühlt

Mit ihren Söhnen, hat im Schmerz geklagt

Und gift’gen Groll in ihrer tiefen Brust gewagt.


Und aus dem Lebensblut, das reich geflossen

In ihren schwangeren und dunklen Schoß,

Ist dann der Rebe roter Saft entsprossen,

Der Menschensinn mit wilder Wut begoss,

Dass alter Aufruhr wieder in ihnen schoss,

Um neuen Krieg den Göttern anzusagen;

So stark ist dieser Frucht berauschend Schoss,

Dass keine Vernunft die Seuche kann verzagen,

Noch zähmen diesen Geist in wilden Folgertagen.


Dort ruhte nun die kriegerische Maid,

Beschützt von Isis’ Flügeln durch die Nacht,

Und schloss die Augen nach des Tages Leid,

Das lange Müh’ und Sorge ihr gebracht.

Und während nun des Leibes ird’sche Macht

Im tiefen, sinnlosen Erschlaffen lag,

Hat sich ein Wunder ihrem Geist vermacht:

Ein Traum erschien, der dunkel wies den Tag

Und ihres Stammes Ruhm, der noch im Verborg’nen lag.


Ihr schien, als brächte sie das Opfer dar,

Mit einer Mitra auf dem Haupt geschmückt,

Im Linnenkleid, wie jene Priesterschar;

Doch plötzlich ward ihr Auge ganz verzückt:

Das Linnen ward zum Scharlachkleid entrückt,

Die Monden-Mitra ward zur Krone rein,

Dass sie ob diesem Wechsel tief beglückt

Sich selbst beschaut’ im hellen Edelstein,

Und rings umgeben war von reichem Prunk allein.


Doch mitten in der höchsten Seligkeit

Schien rings ein wilder Sturm emporzuragen,

Der durch den Tempel raste weit und breit;

Er hat das Feuer vom Altar geschlagen,

Die Gluten auf den Boden hingetragen;

Dort zündeten sie heimlich Brand und Schein,

Bis Flammen wütend in die Höhe schlugen,

Dass der Tempel drohte zu vergeh’n in Pein,

Und sie in Ängsten stand, verlassen und allein.


Da schien das Krokodil, das schlafend lag

Zu Füßen des Idols im sich’ren Nest,

Erwacht zu sein vor schrecklichem Gewag,

Weil jene Windsbraut störte seine Rast;

Es sperrt’ den Rachen auf mit wilder Hast

Und schlang die Gluten und den Sturm hinein;

Dadurch gewachsen zu des Stolzes Last,

Bedroht’ es sie, sie zu verschlingen klein;

Doch mit dem Stabe schlug die Göttin auf es ein.


Da wandte sich sein Stolz in Demut bald,

Es warf sich nieder vor ihr Angesicht

Und flehte sanft um Liebe und Gestalt;

Was sie erhörte, und im Hochzeitslicht

Empfing sie ihn, bis ihr der Bauch bricht:

Ein Leu von großer Kraft ward ihr geboren,

Der bald bezwang jedwede Tierenschicht.

Erschrocken fuhr sie auf, vom Schlaf verloren,

Und zitterte vor dem, was sie im Geist erkoren.


So lag sie lange Zeit in tiefem Sinnen,

Und tausend Gedanken nährten ihren Geist,

Bis sie des Tages Lampe sah gewinnen

Den hohen Himmel, der das Dunkel reißt.

Sie stand nun auf, von Schwermut schwer gespeist,

Und ging hinab, wo sie die Priester fand,

Die emsig schafften, wie es Sitte heißt,

Am Morgenamt; sie grüßt’ sie mit der Hand,

Und holder Gegengruß ihr durch die Hallen schwand.


„Gewiss“, sprach sie, „da ihr so wohl erschaut

Die trübe Not in meinem bangen Sinn,

Sei euch mein Innerstes nun anvertraut;

Ich will nicht bergen, wer ich heute bin,

Und klage meine Sorge euch mithin,

Auf dass ihr helft aus blindem Irrsal mir.“

„Sprach an“, rief er, „was tief im Herzen drin;

Durch meinen Schwur bin ich verpflichtet hier,

Dass besten Trost und Rat in Schmerzen ich gebier’.“


Da hob sie an und sprach mit klarem Wort

Vom ganzen Lauf der Vision, die ihr

Erschienen war an diesem heil’gen Ort,

Wie es im Geist vor Augen stand ihr hier.

Als er es ganz gehört, erblasste schier

Der weise Mann vor Staunen tief und schwer,

Wie schwach vor Schreck und wilder Geister Zier;

Sein langes Haar stand auf, er starrte sehr,

Als ob ein grauser Geist vor ihm erstanden wär’.


„Erhab’ne Jungfrau, die in fremdem Kleid

Britischer Waffen birgt dein königlich’ Blut,

Um nachzujagen schwerem Kampf und Leid,

Wie konntest du nur glauben, dass der Hut

Verbergen würd’ dein Wesen und die Glut?

Kann vor den Göttern je was dunkel sein?

Sie seh’n dein Volk und deines Stammes Gut,

Sie seh’n den Vater, der dich weint allein,

Und deinen Ritter, fern in Frauenketten Pein.


Das Ende von der Müh’ und langen Frist

Verkünden die unsterb’lichen Götter dir;

Denn jener Krokodil, der unten ist,

Bedeutet jenen Ritter, treu und hehr,

Der dich geliebt im Recht und Tugendwehr.

Wie einst Osiris schläft er ungezählt

Zu Isis’ Füßen tief im Tempel hier:

Damit die Milde, wenn das Recht verfehlt,

Des Richters harten Spruch und grause Strenge mäßigt.“


Der Ritter wird die wilden Stürme schlagen

Und grause Flammen, die der Feinde Macht

Entfacht, um dir die Krone zu versagen,

Die dir als Erbe von dem Vater lacht.

Dann wirst du ihn vermählen nach der Schlacht,

In gleichem Anteil nimmst du ihn ins Reich;

Und einen Sohn gebierst du in der Nacht,

Der löwengleich regiert im Lande reich.

Gott segne dich und mach’ an Freude dich ihm gleich!“


Als sie dies alles bis zum Schluss gehört,

Ward ihr das schwere Herz bedeutend leichter;

Sie hat die Priester reich mit Dank geehrt,

Und königlich’ Geschenk an Gold erreicht’ ihr

Der Göttin hin, des Silbers Glanz verbleicht’ ihr.

Dann nahm sie Abschied, ging von dannen fort,

Zu suchen ihn, den sie ersehnt; es weicht’ ihr

Kein Hindernis, bis sie an jenen Ort

Der Amazonen kam, wie sie beschloss im Wort.


Als Radigund die Kunde ward gebracht,

War sie nicht bang, wie Frauentrag es kennt,

Noch ward ihr Geist verwirrt in trüber Nacht;

Vielmehr mit Mut und Freude, die entbrennt,

Da sie den Waffenlärm so lang getrennt,

Hieß sie die Pforten öffnen weit und kühn,

Damit des neuen Feindes Haupt man nennt.

Doch als sie hört’ vom eis’nen Mann zu zieh’n,

Der ihr Volk schlug, befahl sie, in den Kampf zu glüh’n.


So ward im Freien vor dem großen Tor

Ihr Pavillon nach bestem Brauch errichtet;

Dort ruhte Britomart im Zelt empor,

Indes treu Talus an der Pforte wachte.

Die Stadt in Ängsten durch die Nächte blickte,

Auf ihren Mauern hielten sie die Wacht;

Am nächsten Morgen, als das Licht erquickte

Und dämpfte jene Müdigkeit der Nacht,

Sah man die Amazone, die aus der Kammer blickt’ mit Macht.


Sie hieß die Trommel laut und schrill erschallen,

Den Feind zu warnen, dass er kampfbereit;

Die Maid war längst erwacht in jenen Hallen

(Denn schlecht nur schlief sie in der Dunkelheit,

Da Eifersucht im Herzen schuf ihr Leid).

Sie stand gerüstet für den wilden Streit.

Bald schritt die Kriegerin im Helm so breit

Hinaus ins Feld, bereit zur Grausamkeit;

Auf andrer Seite stand der Feind schon kampfbereit.


Doch eh’ sie hoben ihre Hand zum Streiche,

Begann die Amazone zu diktieren

Die harten Regeln, dass kein Feind entwiche,

Der ihr als Sklave diente nach dem Führen.

Als jene dies gehört, sah man sie spüren

Tiefen Disdain ob solcher Schändlichkeit;

Sie wollt’ nicht weichen und kein Wort verlieren,

Und rief nach Sang: Kein and’rer Pakt sei weit,

Als was des Rittertums Gesetz bestimmt im Streit.


Die Hörner tönen, und sie rennen dicht

Mit gier’gem Grimm, die Schwerter schlagen ein;

Kein Schild weicht aus vor diesem harten Licht,

Vor lauter Wut vergaßen sie den Schein

Der Fechtkunst und der Waffen Übung rein;

Sie schonten nicht die zarten Glieder gar,

Die die Natur geschaffen fleckenrein

Für and’re Freuden; nun im Kampfeszorn fürwahr

Zerschlugen sie das Fleisch, als ob es feindlich war.


Wie wenn ein Tiger und ein Löwenweib

Sich treffen bei der Beute wildem Raub,

Ein jeder fordert für den eig’nen Leib;

Der Tiger schlug zuerst hinein im Staub

Und will nicht weichen, für das Recht nicht taub,

Verteidigt kühn den Fund mit wilder Macht;

Das Löwenweib bricht ab des Tigers Glaub’,

Da sie zuerst gejagt in jener Nacht,

Und fordert, was sie fand, wo auch der Tag erwacht.


Gar grimmig schlug die Amazone zu,

Und teilte Streiche aus ohn’ Gnad’ und Recht;

Doch Britomart widerstand in stolzer Ruh’,

Und zahlte doppelt heim im harten Geflecht.

So lang sie fochten in dem blut’gen Gefecht,

Dass all das grüne Gras von Blut war rot,

Das aus den Wunden floss, dem Leib entsprucht;

Sie traten ganz in Blut und herber Not,

Und säten auf den Grund das Leben für den frühen Tod.


Zuletzt die stolze Radigund mit Neid,

Da sie des Vorteils Nähe sah bereit,

Schlug zu mit aller Kraft in diesem Streit

Und rief verhöhnend: „Diesen Gruß geleit’

Dem Mann, den du geliebt in Herzlichkeit;

Sag’ ihm, für ihn hast du dein Blut gegeben!“

Die Maid ergrimmte ob der Bitterkeit,

Und rief: „Ganz schlecht tust du mein Lieben schmähen,

Du wirst bereu’n den Spott, den wir hier schmerzlich sehen!“


Doch jener Streich fand grausam seinen Weg,

Traf ihre Schulterplatte tief und schwer,

Schnitt bis zum Knochen auf dem harten Steg,

Dass sie den Schild vor Schmerz kaum hielt noch mehr;

Doch rächte sie die Wunde alsosehr:

Weil jene Pein die Kräfte ihr vermehrt’,

Schlug sie den Helm der Feindin ungeheuer,

Dass tief ins Hirn das scharfe Eisen kehrt’,

Und stürzte jene stolze Frau darnieder auf die Erd’.


Dort lag sie nun; die grimme Britonesse

Wartet’ nicht erst, bis jene kam zu Sinn,

Vielmehr in Rache für des Liebsten Fessel

Und für den Spott, der nun war ganz dahin,

Auch für die Wunde, die sie schmerzt’ mithin,

Spalt’ sie mit einem Streich das Haupt und Helm.

Als dies ihr Heer gesehen mit Entsetzen drin,

Floh allesamt das Volk, wie vor dem Schelm,

In ihre Stadt zurück und ließ sie siegreich auf dem Kulm.


Doch konnten sie nicht fliehen schnell genug,

Da Talus schon die Ersten eingeholt;

Er drängte durch das Tor mit wildem Zug,

Und stürzte mit den Fliehenden unverhohlen

Hinein ins Inn’re, wo die Rache grollt.

Ein jämmerlich’ Gemetzel hob nun an:

Denn was in seine Reichweite gerollt,

Drosch er mit seinem eis’nen Flegel dann,

Dass keinem Arzt blieb Arbeit an dem sterb’lichen Mann.


Nun schritt auch die erhab’ne Siegerin

In jene Stadt, des Ruhmes teilzuhaben;

Obgleich sie Rache schwor im eig’nen Sinn,

Erschrak ihr Herz vor all den toten Knaben

Und Leichenhaufen, die die Gassen begruben;

Das Mitleid zerrte an der Brust ihr schwer,

Dass sie dem eis’nen Mann den Grimm erhaben

Zu zügeln hieß; sonst lebte bald kein Feind mehr,

Da er aus Rache ganz vertilgt hätt’ dieses Heer.


Als sie gehemmt des Flegels wilden Lauf,

Fragt’ sie nach jenem eis’nen Kerkerbau,

In dem ihr Liebster lag in Ketten auf;

Sie brach ihn auf mit Zorn und wilder Schau,

Und trat hinein in jene Hallen grau.

Als sie dort sah das schändliche Gesicht

Von Männern, die geschmückt wie eine Frau,

Ergrimmte ihr das Herz im lichten Gesicht

Ob dieser Schmach, die Manneswürde ganz zerbricht.


Zuletzt, als sie vor ihrem Liebsten stand,

Den solches Kleid entstellt’ im gleichen Harm,

Wandt’ sie das Haupt beschämt zur and’ren Wand,

Nicht froh zu seh’n ein Schauspiel so voll Scharm;

Da sah sie wahr, was Eifersucht so warm

Als wahre Furcht im Herzen einst genährt.

Doch pflegte sie nicht länger diesen Harm,

Mit Mitleid hat sie seinen Schmerz beschwert,

Und suchte zu geheilt, was sein Geschick zerstört.


Nicht größ’re Wunder und Bestürzung bang’

Erfüllten einst Penelope, die Reine,

Als sie den Gatten sah nach Jahren lang,

Der längst als tot galt auf dem Meeressteine,

Und heimgekehrt’ im Elend ganz alleine,

Nach zwanzig Jahren schwerer Wanderzeit;

Sie sah die Züge nicht im hellen Scheine

Vor lauter Narben und vor grauem Haar, das schreit,

Und starrte lang auf ihn in Zweifels Dunkelheit.


„Ach, mein geliebter Herr, welch Bild der Not“,

Rief sie, „welch Gaukelspiel trieb das Geschick mit dir?

Wo ist der stolze Blick, der Männern droht’?

Wo jene Faust, die mächtig im Visier

Im Blute von Monarchen watete mit Gier,

Um große Heere tief in Staub zu zwingen?

Konnt’ etwas auf der Erde außer dir

So wundersam dich um dein Wesen bringen?

Musst’ so viel Mut sich fügen grausen Dingen?

Fahr wohl, du ird’sche Kraft; dein Stolz kann nichts erringen!“


Daraufhin sie ihn in ein Gemach geleitet

Und hieß ihn diese Schandkleid’ abzulegen;

An deren Statt sie and’re Tracht bereitet,

Wovon ein großer Vorrat war gelegen,

Auch blanke Rüstung auf den Prunkwegen,

Die man entrissen manchem edlen Held,

Den jene Amazone schlug im Degen,

Solang das Glück ihr hold war in der Welt.

Als sie ihn neu gekleidet in dem Zelt,

Lebt’ sie selbst auf und freut’ sich, dass er ihr gefällt.


So blieben sie eine Weile dort beisammen,

Um ihn zu stärken und ihr Fleisch zu heilen;

In jener Frist sah man sie dort entflammen

Als Fürstin, die regiert in diesen Zeilen.

Sie brach des Staates Form in kurzen Weilen,

Der Weiber Freiheit hob sie gänzlich auf,

Die jene lang beansprucht’ zu verteilen;

Dem Mann gab sie zurück den Herrscherlauf,

Und übte wahres Recht; das Volk sah zu ihr auf,

Verehrt’ sie als ein göttlich’ Wesen im Verlauf.


Denn all die Ritter, die im Kerkergrauen

Gefangen saßen in der dunklen Nacht,

Befreit’ sie aus dem Joch der wilden Frauen;

Zu Richtern dieser Stadt hat sie gemacht

Die Helden, reich beschenkt mit Gut und Macht.

Und dass sie ewig treu dem Bunde blieben,

Erschwur’n sie Artegall der Treue Wacht;

Als dieser sah sich ganz geheilt von Hieben,

Beschloss er fortzureiten, wie es ihm geschrieben,

Auf sein Aventiure, das ihn von herzen her getrieben.


Voll Trauer und voll Wehmut war die Maid

Ob seinem Scheiden, neuer Grund zur Klage;

Doch weise mäßigt’ sie ihr eig’nes Leid,

Da seine Ehre, die ihr ging vor Tage,

Bestand im Bestehen dieser schweren Frage.

Die Sorge drum und Hoffnung auf Gewinn

Gab Trost ihr in der kummervollen Lage,

Dass sie verbannt’ den schwachen Frauensinn

Und dämpft’ für diese Zeit den herben Trübsinn hin.


Dort weilte sie noch eine kurze Zeit,

Bis durch sein Fehlen noch der Schmerz sich mehrte;

Da hofft’ sie, dass ein Wechsel weit und breit

Die Qualen lind’re, die ihr Herz verzehrte,

Und schied von dannen, wie es Not begehrte.

Derweil ritt Artegall, ihr edler Held,

Auf seinem Pfad, den keine Rast beschwerte,

Bis er die Dame rettet’ aus der Welt;

Doch das sei für ein and’res Lied zurückgestellt.