NACHGEDICHTET VON TORSTEN SCHWANKE
HYMNE AN DIE LIEBE
O Liebe, die seit langer, langer Zeit
Mit mächt’ger Hand mein armes Herz bezwang,
Die nun in mir mit wildem Widerstreit
Regiert und rast in jedem Teil so lang –
Wie gern dient’ ich dir, mindert’ meinen Drang,
Wenn irgendein Werk dir Gnade könnte bringen,
Wenn irgendein Dienst dein Feuer ließ bezwingen.
Nun aber, da die neue Flamme brennt,
Und ich in Not nach deiner Milde flehe,
Will ich besingen, was man dich nennt,
Die Siege, die ich in der Welt erspähe:
Wie viele Helden, die im Kampfe stehen,
Du trafst mit Pfeilen, grausam, unbarmherzig,
Bis selbst die Stärksten sanken dir gehorsam, schmerzlich.
Doch fürcht’ ich, dass mein Geist, von Leid geschwächt,
Zu matt sei, deine Wunder auszubreiten,
Dass mir die Worte fehlen, schlecht und recht,
Um deiner Gottheit Ruhm gerecht zu leiten.
Doch würdest du mit sanftem Flügelschreiten
Mich decken, still und gnädig, wie ein Traum,
Dann wüchs’ in mir die Kraft zu deinem Lob und Raum.
So komm denn, mächt’ger Gott der Liebesglut,
Aus silbern stillen Hallen, süß und rein,
Wo du in Venus’ Schoß in sel’ger Ruh
Die Flügel badest in Ambrosia-Seim,
Das süßer ist als Nektar, Wein und Wein.
Komm leise, fülle meine Brust mit Feuer,
Mit sanfter Wut, der Lieb’ geweiht und teuer.
Ihr Musen, die ihr oft die Pfeile fühlt,
Die er, erzürnt, in eure Herzen sandte;
Ihr Nymphen, die er zärtlich oft umspült,
Doch auch mit süßem Schmerz gefangen fandet –
Bereitet euch, dass ihr sein Lob empfanget,
Das euch erfreut, wenn ihr in Kummer standet,
Und euch erhebt, wenn ihr in Tränen wandet.
Und ihr, ihr Blüten jugendlicher Pracht,
Die stolz auf eure Schönheitssiege schaut,
Die euren Liebsten blendet mit der Macht,
Doch ihre Herzen hungern lasst und taut –
Rüstet euch, folgt ihm, der euch erbaut,
Und singt dies Lied auf allen euren Wegen,
Dem König, dem ihr dient, zu Ruhm und Segen.
SDas merkt der stolze Knabe nur zu gut,
Und taucht in solches Feuer seine Pfeile;
Durch Augen dringen sie mit kühlem Mut,
Bis sie das Herz durchbohren ohne Weile,
Entzünden Glut in jeder innern Zeile,
Die Blut verzehrt und Lebenswärme trinkt
Und Gram in jede arme Seele sinkt.
Dann klagen sie, in tiefstem Schmerz verloren,
Dem Urheber des Übels ihr Geschick;
Die Tage welken, Nächte stöhnen, bohren,
Sie hassen Leben, scheuen Himmelsblick.
Nur jenes Licht, das in den Augenstück
Der Angebeteten noch immer brennt,
Das seh’n sie – sterbend, weil es sie verbrennt.
Derweil, o Liebe, lachst du kalt und hehr
Über ihr Weh, machst dir ihr Leiden Spiel;
Sie liegen da wie Sklaven, kraftlos, leer,
Du triumphierst an ihrem Unterziel.
Und manchmal, dass der Tod nicht komme viel
Zu früh, verhärtest du das stolze Herz
Der Schönen, die sie lieben mehr als Schmerz.
So hast du oft an mir, ach wehe mir,
Dem treuen Knecht, dein grausam Werk vollbracht;
Mein Herz, zerschunden, blutet für und für,
Kaum blieb ein Teil, das nicht dein Pfeil entfacht.
Und mehr noch: Du hast ihr, die mich verlacht,
Das Herz vereist, dass keine Gnade rinnt,
Kein Tropfen Mitleid sich zu mir bestimmt.
Warum denn also preise ich dich noch,
Erhebe deinen Namen in mein Lied,
Da du mir keine Gunst gewährst, und doch
Nicht einmal sie zur Milde niederzieht,
Die mir mit kaltem Trotz entgegenzieht?
Was rühmst du dich, wenn sie in Freiheit geht
Und ich vergeh, von deinem Brand umweht?
Bist du, wie Menschen sagen, wirklich der,
Der Weltenvater, Hüter alles Lebens,
Der Herr der Wesen, mild und gütig sehr –
Wie kommt’s, dass du mit Feuersturm vergebens
Den triffst, der schuldlos ist, wie auch des Strebens
Entbehrt, der deine Macht verhöhnt und spottet,
Und deine treusten Diener grausam schrottet?
Doch scheint in solcher Härte Ruhm zu liegen:
Du prüfst die Besten, ob sie treu verbleiben,
Bevor du sie mit Gnade willst besiegen;
So lässt du sie durch Schmerz die Würde schreiben,
Damit sie, wenn sie endlich Gunst ergreifen,
Sie höher schätzen, weil sie schwer errungen,
Und fester halten, weil sie hart bezwungen.
Denn himmlische Gestalten sind so rein,
Dass irdisch Leid sie kaum zu rühren weiß;
Je standhafter die Seelen in sich sein,
Desto bewundernswerter ihr Geleis.
Doch niedre Geister, dumpf und ohne Fleiß,
Entflammen nicht an solcher hohen Zier,
Sie kennen Lust, doch wahre Liebe nie.
Denn Liebe herrscht in Treue, Wahrheit, Licht,
Erhebt sich aus dem Staub auf goldnen Schwingen
Hinauf zum Himmel, wo die Sonne bricht,
Und meidet niedre Lüste, die nur bringen
Den Mut der Feigen, die nicht höher dringen,
Die wie ein Maulwurf in der Erde kriechen
Und nie den Glanz des Himmelslichts erreichen.
Sein dumpfer Sinn, an Erde nur gewöhnt,
Erträgt das Feuer himmlischer Gestalten nicht;
Doch edler Geist, vom Funken angeföhnt,
Erhebt sich über Erdenschwere, bricht
Hinauf zum Himmel, wo die Sehnsucht spricht.
So reinigt Liebe jede dunkle Spur
Und formt den Geist zu höherer Natur.
Ihr Bildnis prägt sich tief in seinen Sinn,
Er nährt davon die hungrige Fantasie;
Voll ist er stets – doch nie genug darin,
Wie Tantalus, der Durst litt, aber wie.
So schwindet er in süßer Qual und Müh,
Denn nichts kann löschen, was in ihm entbrannt,
Seit erster Funke seine Brust entwandt.
Daran hängt all sein Denken, all sein Sein,
Nichts zählt für ihn, als dieses Ziel zu fassen;
Sein Hoffen, Sorgen, Freuen ist allein
Auf sie gerichtet, die ihn nicht verlassen
Im Traum, im Bild, im Licht, das nie will blassen.
Dreimal beglückt, wer solches Glück gewinnt –
Er segnet sich und preist sein eig’nes Kind.
Und selbst wenn er das Ziel nicht ganz erreicht,
So hält er sich doch glücklich immerhin,
Dass ihm ein Blick des Himmels ward, der gleicht
Dem reinsten Licht, das je die Welt umspinnt.
Sein Herz, ein Tempel, trägt die Göttin drin,
Die schöner ist als alles, was er sah –
Ihr Anblick ist ihm Seligkeit, so nah.
Dann grübelt er, was er vollbringen kann,
Um ihre Gunst zu werben, sie zu ehren;
Welch kühne Tat, welch Werk des starken Mann,
Welch Kampf, welch Schmerz, welch Sieg in wilden Heeren
Könnt’ ihr gefallen, könnt’ sein Glück vermehren?
Er scheut kein Leid, kein Schwert, kein wildes Meer –
Sein Mut, sein Heil, er trägt es alles her.
Du bist sein Gott, sein Führer in der Nacht;
Du, blind, verhüllst ihm jede Furcht und Not,
Und treibst ihn vorwärts, bis er’s vollbracht,
Durch Flammen, Wellen, durch des Stahles Tod.
Kein Hindernis, das deiner Kraft gebot,
Kann widerstehen, wenn du ihn entflammst
Und seine Hand mit deiner Stärke rammst.
Leander zeugt davon in wilden Fluten,
Aeneas in des Trojas Feuerglut;
Achill, der durch die Phrygerklingen tuten,
Und Orpheus, der in Höllen finstrer Brut
Für seine Liebe wagte Leib und Blut.
Durch Himmel, Hölle bahnst du ihnen Wege,
Die dir gehorchen, ehrst du ohne Zagen.
Und wenn er durch Gefahr und Qual und Pein
Nur einen Blick der Gunst erringen kann,
Dann malt er sich ein Paradies hinein,
Vergisst, was je an Leid ihn traf und spann.
Wär’s Tod gewesen – er stürb’ noch einmal dann,
Um so zu leben, wie er jetzt darf leben,
Wenn sie ihm nur ein wenig Gunst will geben.
Doch selbst, wenn ihm die Gunst geworden ist,
Ruht er nicht aus, noch findet er Genügen;
Er drängt voran, vom innersten zerfrisst
Das Sehnen ihn, noch näher sich zu fügen,
Bis er im Herzen selbst sich darf verbergen,
Geliebt als Erster – nein, geliebt allein,
Denn Liebe duldet keinen Nebenstein.
O welche Qual, die ihn in Furcht verstrickt,
Die schlimmer brennt als jede Höllenpein!
Vor seinem Geist erstehen, wild und blickt,
Gestalten, Schatten, Trugbilder hinein,
Die Schlaf ihm rauben, seinen Sinn zerteilen.
Wer nie geliebt, kann kaum begreifen, wie
Ein Liebender an solchem Gram verzieh.
Der nagende Neid, die Furcht, die Herz zerfrisst,
Die falschen Worte, die Gerüchte tragen,
Der Argwohn, der in dunklen Winkeln ist,
Die Freunde, die sich als Verräter schlagen,
Die Feinde, die sich freundlich vor ihm zeigen –
All dies und mehr, was keine Zunge fasst,
Macht Liebesleben zu verfluchter Last.
Doch schlimmer noch als all die Pein zuvor
Ist jener Wurm, die grässliche Eifersucht,
Die Herz und Seele frisst, ein Ungeheuer,
Das jede Freude in Verderben sucht,
Aus Angst, das Glück zu verlieren in der Flucht.
Ihr Götter, warum habt ihr dieses Tier
In Liebe selbst gesetzt, zu ihrem Zier?
Durch solche Qualen bahnst du dir den Weg
Zu deinem Himmel, Liebe, machst ihn teuer;
Wie nach dem Sturm, wenn sich die Wolke legt,
Die Sonne strahlt in neu entflammtem Feuer,
So führst du deine Kinder durch die Schleier
Des Purgatoriums, bis sie gelangen
Zu deinem Glanz, den sie in Schmerzen fangen.
Dort stellst du sie in Paradieses Ruh,
In sel’ger Lust, in himmlischem Genießen;
Sie trinken Nektar, ruhen selig zu
Mit Hebe, Hercules, in Venus’ Süßen,
Von ihrer Gnade reichlich zugeschossen.
Wie Götter liegen sie auf Elfenbein,
Mit Rosen, Lilien über ihnen fein.
Dort spielen sie mit deiner Tochter Lust
In reinen Freuden, frei von Tadel ganz;
An ihrem weißen Busen ruh’n sie just
Die müden Häupter nach dem sanften Tanz.
Dann krönen sie sie Königin im Glanz
Und schmücken deine Altäre mit Blumen,
Die ihren Dank in süßem Duft verströmen.
Ach Herr, dass ich dereinst die Hoffnung hätt’,
Nach all den Schmerzen, die ich still ertrage,
Zu finden, was mein Herz als Ziel erspäht,
Den Hafen, den ich mir so heiß behage,
Den Ort, der all mein Leid in Glück verschlage.
Dann dünkte mir kein Schmerz mehr Schmerz zu sein,
Und jede Qual nur Buße, leicht und klein.
Dann würd’ ich singen deinen ew’gen Ruhm,
Ein Hymnus, wie die Engel ihn erheben,
Dich über alle Götter, wie zu tun,
Als meinen König, Führer, Gott im Leben.
Bis dahin nimm, o Herr, was ich gegeben:
Dies einfache Lied, das ich zu Ehren dir
In Demut schuf – nimm’s gnädig an von mir.
HYMNE AN DIE SCHÖNHEIT
Ach Liebe, wohin führst du mich nun fort?
Welch wilde Glut entfesselst du in mir?
Mein schwaches Herz, zu voll von dir, wird dort
Von deinem Feuer nur verzehrt – und hier
Entfachst du neu Verlangen für und für,
Hebst mich empor, weit über meine Kraft,
Dass ich dein Wunder preise, das mich schafft.
Wie einst ich sang zu deinem eignen Ruhm,
So soll ich nun zu Ehren deiner Mutter
Ein hohes Lied erheben, hell wie Blum’
Im Morgenglanz, das Männerherzen flattert
Vor Staunen über jenes Himmelsgutter,
Aus dem herab so zauberkräftig bricht
Der Strahl, der jede Seele sanft umflicht.
Drum, Göttin, Königin der Schönheit, du,
Der Liebe Mutter, Quell der Weltbeglückung,
Ohne deren Gnade nichts im Nu
Dem sterblichen Blick erscheint in rechter Zückung –
Erleuchte mir die Augen, gib Entzückung,
Und schmücke dieses Lied mit deinem Schein,
Dass es dir würdig sei und heilig rein.
Dass es dir selbst gefalle – und auch ihr,
Deren unsterblich schönes Angesicht
Mein armes Herz durchbohrt hat, so dass mir
Nur Schmerz noch blieb und jede Hoffnung bricht.
Vielleicht erbarmt sie sich und spendet Licht,
Ein Tau der Gnade meinem welken Herzen,
Nach langer Qual und ungestillten Schmerzen.
Als einst der Meister dieser Welt ersann,
Wie alles sei, was wir hienieden schauen,
Da stellte er ein Urbild sich voran,
Ein Muster, dem er alles ließ vertrauen,
So vollkommen, dass nichts mehr zu erbauen:
So schön erschien die Welt in seinem Blick,
Dass nichts zu bessern war an ihrem Stück.
Dies Wunderbild – wo mag es wohl bestehen?
Verborgen tief in Erdenhöhlen? Oder
Im Himmel, den kein sündig Aug’ kann sehen,
Aus Furcht, es zu entweihn? Es ist der Oder
Der Schönheit selbst, die alle Menschen fordert,
Deren Gestalt so übermenschlich strahlt,
Dass keine Zunge sie je ganz gemalt.
Und wie ein jedes Ding auf Erden trägt
Ein Teil davon, mehr oder minder rein,
So wird es schön, sobald der Strahl sich legt
In seine Form und hebt den Stoff, der sein
Nur dumpf und schwer war, in den lichten Schein,
Der alles Dunkel tilgt und alles klärt,
Was in der Tiefe göttlich ist und wert.
Denn himmlische Kraft durchdringt die starre Erde,
Erweckt sie heimlich, füllt sie still mit Leben,
Dass sie dem Blick des Menschen lieblich werde,
Und Freude in die müden Sinne weben.
Das ist die Macht, die du, o Königin, gegeben:
Vom Stern, der dir gehört, strömt sie herab
Und füllt die Welt mit Glanz von deinem Stab.
Das ist die Kraft, die allem Schönen wohnt,
Die Feuer weckt, die Herzen sanft entflammen,
Das Licht der Lampe, das im Antlitz thront
Und tief ins Innre dringt, um dort zusammen
Die Sinne zu berauschen und zu verdammen.
Damit versiehst du deines Sohnes Pfeil,
Der Mark und Leben trifft in einem Teil.
Wie töricht sind, die meinen, Schönheit sei
Nur Farbenspiel, ein zarte Haut voll Schimmer,
Ein Gleichmaß bloßer Teile – bald vorbei,
Vergehend wie ein Sommertag im Flimmer.
Als ob ein Bild, ein Duft, ein Blütenzimmer
Die Seele raubte, wie ein Blick es kann,
Der Herz und Geist betört in einem Bann.
Warum denn nicht die Blumen auf dem Feld,
Die bunter prangen, süßer Düfte geben,
Warum nicht Bilder, die die Kunst erstellt,
Die oft der Natur selbst das Maß erheben?
Warum vermögen sie nicht so zu beben
Im Herzen, wie ein Antlitz, das verklärt
Von innerem Licht die Seele heimwärts kehrt?
Ach glaubt mir, mehr als äußrer Schein ist’s doch,
Der solch ein Wunder in den Menschen wirkt.
Ich selbst erfuhr es oft – und wer es noch
Erproben will, wird finden, wie es birgt
Ein tieferes Geheimnis, das uns irrt:
Dass Schönheit nicht, wie Toren wähnen, sei
Nur das, was scheint – ein flüchtig Äußerlei.
Denn Rot und Weiß, die Wangen zart umspielen,
Verblassen einst, die Rosenblätter welken,
Die Lippen, die so süß den Blick befielen,
Vergehen, wie die Farben, die sie melken.
Das Haar, die Sterne, die die Nacht erhellten,
Verstauben einst und sinken in die Nacht –
Doch nicht das Licht, das wahre Schönheit macht.
Denn jene Lampe, deren Himmelsstrahl
Das Feuer nährt, das Liebende entzündet,
Verlöscht nicht, selbst wenn einst im letzten Mahl
Der Lebensgeist den Leib verlässt und mündet
Zurück zum Stern, von dem er ward verkündet.
Denn himmlisch ist ihr Ursprung, rein und frei,
Ein Funke aus des Himmels Herrlichkeit.
Denn als die Seele, die aus jenem Geist
Entsprang, der alles liebt und alles lenkt,
Vom höchsten Himmel niederstieg und reist
In diesen Leib, da ward ihr Licht geschenkt
Von jenem Stern, der alle Welt beschenkt.
Und dieses Licht bewahrt sie, mehr und minder,
Solang sie wohnt im Haus der Erdenkinder.
Und wenn sie wieder Fleisch und Blut durchdringt,
Dann prägt sie jedem Teil ihr Bildnis ein,
Wie hoch der Himmel sie zuvor bezwingt,
So strahlt sie nun im irdischen Gebein
Und schmückt das Haus, das ihr soll Wohnung sein,
Mit himmlischem Raub, den sie dereinst gewann,
Als sie noch frei im Sternenreiche spann.
Daher geschieht’s, dass jene Seelen rein,
Die himmlischem Licht am nächsten stehen,
Sich einen Leib erbauen, hell und fein,
Ein schönes Haus, darin sie gern verwehen;
Und selbst den schweren Stoff in Form versehen,
Dass man erkennt: dies ist der würd’ge Saal
Für eine Jungfrau‑Königin zumal.
So wohnt ein Geist, je reiner er erglüht
Und je mehr Himmelsstrahl in ihm sich birgt,
In einem Leib, der seine Schönheit zieht
Aus jener Kraft, die ihn nach oben richtet.
Denn aus der Seele wird der Leib gewirkt;
Die Seele ist die Form, die ihn gestaltet,
Die ihn belebt, erhält und fest verwaltet.
Drum, wo du einen schönen Körper siehst,
Von Anmut reich und edler Zier umgeben,
So wisse: dass darin ein Geist genießt,
Ein schönes Herz, das tugendhaftes Leben
Empfangen kann und selbst zur Tugend streben.
Denn alles Schöne ist von Natur auch gut –
Ein Zeichen reinen, sanften, edlen Blut.
Doch oft geschieht’s, dass eine gute Seele
In einem hässlich‑schweren Leib gefangen,
Durch widriges Geschick, durch dunkle Fehle
Des Stoffes, der sich störrisch ihr verhangen,
Und ihrer Form sich widersetzt mit Bangen,
So dass sie, wie sie will, nicht wirken kann
Und bleibt entstellt durch eines Körpers Bann.
Und oft – ach weh, wie schmerzt mich dies zu sagen –
Wird Schönheit selbst, obgleich von Himmel her,
Zum Spiel der Sünde, die sie will verjagen,
Zum Spott der Welt, zum Köder dunkler Gier.
Ein jeder sucht sie, doch nicht um ihr Ehr’,
Sondern um sie zu beugen, zu entweihen,
Und ihren Glanz in Schande zu verstreuen.
Doch trifft nicht sie die Schuld, die so missbraucht,
Sondern den, der sie zu Bösem niederzieht.
Denn nichts ist gut, das nicht durch Scham verraucht,
Wenn Schuld es krümmt und in die Finsternis flieht.
Die Seele bleibt, wie sehr der Leib auch flieht,
In Schönheit rein, denn was unsterblich ist,
Entgeht dem Makel, den die Zeit bemisst.
Ihr schönen Frauen, Zierden dieser Welt,
Lebendige Abbilder des Himmelslichts,
Lasst nicht zu, dass man euren Glanz entstellt
Und eure Strahlen löscht durch falsches Nichts.
Gedenkt des Ursprungs eures Angesichts
Und wahrt die Gnade, die euch einst verliehen,
Die noch als Schatten in den Zügen glühen.
Verabscheut jenen Makel, jenen Brand,
Der höllisch lodert: ungetreue Lust,
Die Schönheit schändet, die mit falscher Hand
Euch schmeichelt, doch nur führt zu Schmach und Frust.
Sie ist der Knecht der Schande, nicht der Brust
Der Liebe treu; sie löscht den Sternenglanz
Und raubt der Schönheit ihren Himmelskranz.
Doch wahre Liebe, treu und lauter klar,
Erhellt den Strahl, der eure Schönheit krönt,
Und macht ihn heller noch, als er schon war,
Durch reines Feuer, das sich euch versöhnt.
Denn wie zwei Spiegel, die sich gegenüber höhnt,
Ein Bild verdoppeln, das sie beide tragen,
So lässt die Liebe Schönheit neu erfragen.
Drum sollt ihr eure Schönheit offenbaren,
Das himmlisch Gut, das in euch wohnt und glüht,
Damit die Menschen staunend offenbaren,
Wie reich die Quelle, die aus euch erblüht.
Denn was nützt Licht, das ewig dunkel blüht,
Und nie von liebenden Augen wird gesehen,
Als wär’s bestimmt, im Schatten zu vergehen?
Doch wählt mit Weisheit, wem ihr Liebe schenkt,
Den, der euch gleicht, der eurem Ursprung naht,
Der mit euch innerlich im Einklang denkt
Und dessen Schönheit eurem Bild entspricht.
Denn liebt ihr blind, so wird es nur zur Tat
Des Widerstreits, ein Krieg der Ungestalten,
Die nicht zusammenklingen, nur zerspalten.
Denn Liebe ist ein himmlischer Akkord,
Ein Einklang reiner Herzen, Stern an Stern,
Die sich erkennen, wie sie einst am Ort
Des Ursprungs wohnten, einander schon von fern.
Drum ist’s ein Unrecht, wenn ein fremder Kern
Sich bindet, wo der Himmel nicht verband –
Nur Gleiches findet Gleiches Hand in Hand.
Denn Liebe brennt nicht gleich beim ersten Blick,
Wie töricht meint, wer nur den Schein betrachtet.
Die wahre Liebe sucht ein tiefer Stück,
Ein reines Bild, das sie im Geist entfacht hat,
Vom Makel frei, vom Fleisch nicht mehr verflacht hat,
Das sie zur ersten Schönheit neu erhebt
Und in der Seele klar und lauter webt.
Dann formt sie dieses Bild nach jenem Licht,
Das in der Seele selbst noch immer glimmt,
Ein Funke jenes ersten Angesichts,
Das aus dem Ur‑Sonnenglanz herniederstimmt.
So schafft der Geist, der himmlisch sich bestimmt,
Ein Bild der Schönheit, das er ganz umschließt
Und als sein eigen Spiegelbild genießt.
Und sieht er nun, wie schön es innen sei,
Wie sehr es mit dem äußern Glanz sich paart,
Wie sehr es seinem Geist entspricht dabei,
So heftet er sein ganzes Sein und Art
An dieses Bild, das ihn so reich bewahrt.
Er hält es schöner, als es scheinen mag –
Und doch ist’s schöner noch, als er es wag’.
Denn Liebende besitzen schärfren Blick
Als andre Menschen, und im süßen Licht
Der wechselseit’gen Strahlen sehen sie zurück
Ins Innerste, das sonst dem Blick entbricht.
Die Strahlen tragen heimlich Angesicht
Zum Geist, und offenbaren, hell und klar,
Die Schönheit, wie der Tag den Morgen war.
In ihren Blicken sehen Liebende dann
Ein Heer von Pfeilen, fliegend hin und her,
Die kleine Feuerlanzen schleudern, wann
Sie treffen, und dann eilen sie zurück, als wär’
Mitleid ihr Bote, der dem süßen Heer
Der Augen meldet, was ihr Strahl vollbracht –
Und ein Blick heilt, was ihre Schärfe macht.
Wie viele Wunder lesen sie darin,
Die keinem andern Auge je erscheinen:
Ihr Lächeln nährt die Seele wie ein Sinn
Von Göttertrank, den himmlische Bankette meinen;
Ihr Blick ist Labsal, das die Schmerzen einen.
Doch wenn sie Worte sendet, mild und sacht,
Wie süß die Musik, die daraus erwacht.
Bald sehen sie auf ihrer Stirn vereint
Tausend Gestalten anmutvoller Gnade,
Bald in den Lidern, die sie halb verschleiert,
Zehntausend Blicke, die wie Sterne gerade
Im Frost der Nacht erglänzen ohne Schade;
Doch auf den Lippen, rosig wie im Mai,
Spielt keuscher Freude ganze Melodei.
All dies, o Cytherea, und noch mehr,
Sind deine Mägde, die dir dienstbar stehen,
Um deine Schönheit reich und licht und hehr
Mit zarten Schätzen würdig zu versehen,
Damit sie Sterblichen noch klarer wehen
Und du in ihrer Brust den Thron erhebst,
Und weit dein mildes Reich der Liebe webst.
Triumph, o Königin der Schönheit, führ
Dein Banner hoch, dass alle Welt erkenne,
Dass sie dir untertan ist – nah und für
Die Fernen, die sich deinem Glanz verpfände.
Sie sollen singen, dass dein Ruhm sich wende
Durch dieses Lied, das ich zu Ehren schrieb,
Der ich dein armer Diener bin und blieb.
Dafür, o Herrin, gib mir nur dies eine:
Dass jene, deren Schönheit mich gebannt
Und in die Kette ihrer Macht, der reinen,
Mein Herz gelegt hat, mir mit milder Hand
Ein Tröpfchen Gnade schenke, unverwandt,
Damit ich, der sie liebt und ihr verfallen,
Durch sie das Leben wieder darf empfangen.
Und du, o Venus’ Liebling, süß und klar,
Du frischer Quell der Gnade, meines Lebens
Göttin – wenn einst dein Auge offenbar
Dies zaghaft Lied erblickt, so sei nicht eben
Zu streng, und lass ein Tröpfchen Trost erheben,
Das meinen Gram, der lang mein Herz verzehrt,
Heilt – und zeigt, welche Macht dein Blick gewährt:
Dass Schönheit selbst den Todgeweihten hebt
Und ihn ins Licht zurück ins Leben webt.
HYMNE AN DIE HIMMLISCHE LIEBE
O Liebe, heb mich auf mit goldnen Schwingen,
empor vom Staub zu deiner Himmelshöh,
dass ich die Wunder dort vor Augen bringe,
die deine Macht vollbringt im lichten Reh,
wo irdisch Sehn nicht reicht so hoch und jäh,
damit mein Lied ein heiliger Hymnus werde
dem Gott der Liebe, König himmlischer Erde.
Oft sang ich Torheit – ach, wie sehr ich klage –
von jenem Wahn, den töricht „Liebe“ nennt;
in Jugendglut, in unbedachter Tage,
hab ich so manch verführend Lied entbrennt,
das leichte Herzen lockte, leicht verrennt.
Doch all dies töricht Werk verwerf ich nun
und stimme himmlisch Liebes Lob zu tun.
Und ihr, die einst mit gierig leerem Triebe
mein Feuer laset, stauntet über Glut,
und wähntet, euch zu wärmen an der Liebe –
da nun dies Feuer sank, in Asche ruht,
so löscht auch meinen Fehl mit mildem Mut;
wer alte Torheit neu mir vorzutragen,
beginnt nur seine eigne Schmach zu klagen.
Eh’ Welt und Zeit in ihrem Kreis bestanden,
eh’ Stunden rollten durch der Sphären Lauf,
war jene Macht, die alles hält in Banden,
in sich bewegt von Liebes Glut zuhauf;
sie liebte sich – denn Schönheit steigt daraus –,
und zeugte sich den Sohn, ihr Ebenbild,
rein, ewig, ohne Makel, sanft und mild.
Mit ihm regiert’ er vor der Zeiten Grenzen,
in Glanz und Macht, die nimmermehr vergeht,
und mit dem Dritten, der aus beiden glänzen,
dem heil’gen Geist, der weisheitsvoll besteht,
dessen Thron kein Gedank’ der Erde je versteht,
und den mein Zittern kaum in Worte fasst,
so hoch er über alle Schöpfung ragt.
O heil’ger Geist, du Quell von Licht und Gnade,
ergieß auf meinen Geist ein Tröpflein nur,
damit mein Lied, das ich in Demut lade,
durchströmt werd’ von der himmlischen Natur,
und Wort und Sinn sich einen zur Figur,
die deiner Werke Wunder recht verkündet
und deiner Liebe Macht im Lied verbündet.
Doch Liebe, reich an Kraft und Fruchtbarkeit,
erschuf erneut ein Heer von Engeln hell,
ein zahllos Lichtgeschlecht in Herrlichkeit,
das strahlend glänzt in seines Schöpfers Stell’,
und wohnt im Himmel, hoch und unvergällt,
zu dienen ihm in ew’ger Seligkeit
und teilzuhaben an der Himmelsfreudigkeit.
In dreifach reinen Chören steh’n sie da,
bereit zu fliegen, wenn sein Wille ruft,
oder zu schauen seines Lichtes Nah’,
wo Liebeshymnen tönen ohne Luft
von Tag und Nacht – denn dort ist nie die Gruft
der Dunkelheit, kein Ende ihrer Zeit,
nur ew’ger Glanz und ew’ge Seligkeit.
Doch Stolz, der Feind der Ruh und Liebes Gaben,
erhob sie frech zu ungebührlich’ Mut,
sie wollten über ihren Stand sich laben
und sitzen, wo nur Gott allein es tut;
der hellste von den Engeln, stark in Glut,
verführte Legionen, gegen Gott zu stehen –
und stürzte tief, nie mehr hinaufzugehen.
Der Höchste blies mit einem Hauch sie nieder,
hinab in Höllenglut und Finsternis,
wo sie in Hass verfluchen Licht und Lieder,
die sie verloren, als ihr Stolz zerriss.
So wurden sie der Sünde Lehr‘ gewiss:
Wenn selbst die Reinsten fallen durch Vermessen,
wie soll der Mensch auf eigne Kraft sich messen?
Doch Liebe, Quell von Gnade ohne Ende,
sah Raum im Himmel, leer durch jenen Fall,
und schuf aus Erde, Staub in seiner Hände,
ein neues Volk, ein neues Lebensall,
nach seinem Bild, so schön und überall
mit Weisheit, Würde, himmlisch reich bedacht,
dass er in ihm sich selbst erkennbar macht.
Doch auch der Mensch vergaß des Schöpfers Güte,
und fiel wie Engel einst in Sündennot,
warf seine Kinder in der Knechtschaft Blüte,
in Schmerz, der ewig lebt und ewig tot.
Bis Liebe selbst, der Herr, in höchster Not
den Menschen sah in hoffnungsloser Pein
und kam, ihn aus der Finsternis zu befrein.
Er zahlte selbst den Preis, den keiner tragen,
so schwer die Schuld, so tief der Mensch gefallen;
doch Liebe wollte nicht den Menschen klagen,
sondern ihn heben aus des Todes Krallen,
und ließ Erlösung über alles wallen –
so groß die Gnade, dass kein Herz sie fasst,
die Liebe selbst den Menschen heimwärts lässt.
Aus sel’ger Ewigkeit, aus Lichtes Schoß,
worin er herrschte in der Glorie Glut,
stieg er herab, in Demut tief und groß,
ein Knecht in Fleisch, in sterblichem Geblut,
damit er zahl’ der Sünde tödlich’ Schuld
und uns zurück in jenen Stand geleite,
den wir besaßen einst vor unsrem Leide.
Da Fleisch zuerst die Schuld auf sich genommen,
so musste Fleisch auch wieder Sühne sein;
kein Geist, kein Engel, höher zwar entglommen,
konnte dem Recht des Höchsten ganz gedeihn –
nur Mensch für Mensch, da Mensch verfiel allein.
Drum nahm er Fleisch aus einer Jungfrau Schoß
und ward für uns ein Mensch, uns lieb und groß.
Den Leib, der rein geboren ohne Makel,
gab er den Händen grausam, hart und roh;
sie rissen ihn, verspotteten den Edlen,
beschimpften ihn, der ihnen Gutes bot,
und nagelten ihn an des Galgens Holz,
den Gerechten tötend durch ein Unrecht schwer –
o welch ein Urteil, gottlos, falsch und leer!
O tiefer Stich der Liebe, unergründlich,
der seines Herzens Innerstes durchbrach,
so scharf, so brennend, schmerzlich, unversündlich,
dass Todesqual in seine Seele stach;
er starb, der nie des Todes würdig war,
um Feinde frei zu machen, die verirrten
und seinem heil’gen Willen sich verwirrten.
Welch Herz kann fühlen solch erbarmend’ Wunde,
welch Geist ermessen solch ein Liebesmaß?
Die Quelle, die in blut’ger heil’ger Stunde
entsprang, versiegt nicht, fließt noch immer nass,
um Seelen zu erneuern, krank und blass,
und rein zu waschen jene alte Schuld,
die tief im Fleisch verwurzelt lag in Huld.
O sel’ger Born der Liebe, Blume der Gnade,
du Morgenstern, du Lampe ew’gen Lichts,
lebend’ges Bild des Vaters, Glanz der Pfade,
du König, Herr der Macht und des Gerichts,
du Lamm, verheißen vor der Zeiten Nichts –
wie könnten wir vergelten, was du gabst,
da du dein Blut für uns so teuer labst?
Doch forderst du für all dies Liebesleiden
nur Liebe wieder – nichts als Lieb’ allein.
Ach, wie gering ist das, was wir dir bieten!
Hättst du verlangt, wir gäben dir das Sein,
wär’s Unrecht? Nein – es wäre nur dein Recht gewesen.
Du gabst uns Leben, gabst es uns erneut;
drum sei dir Leben unser kleinster Zoll und Freud’.
Doch ließ er uns das Leben frei zurück,
befreit, gesegnet, wo wir einst geknechtet;
er fordert nichts als Lieb’ als Gegenstück,
wie er uns liebte, treu und ungeschwächt,
und uns mit ewigem Gebot verflechtet,
ihn erst zu lieben, der uns teuer kaufte,
und dann den Bruder, den er selbst erschuf.
Ihn erst zu lieben, ist gerecht und wahr,
der uns das Sein und Leben hat gegeben,
und als wir fielen, uns in Todes gar
aus zweitem Tod er rettete zum Leben,
und schließlich selbst als Speise uns gegeben
sein Fleisch, sein Blut im heil’gen Sakrament,
das unsre Seelen nährt, die er erkennt.
Dann lieben wir den Bruder, der gemacht
aus gleicher Form, aus gleicher Schöpferhand,
und der wie wir zur gleichen Heimstatt trachtet,
wie hoch wir hier auch stehn im Erdenland;
auch er ist teuer durch denselben Pfand,
durch gleichen Preis erlöst, wie wir’s empfangen,
auch wenn wir ihn gering zu achten prangen.
Und wären sie’s nicht – so gebietet doch
der Herr, sie zu umfassen mit der Liebe,
um seines Namens willen, seines Spruchs,
den er uns gab als letztes heilig’ Triebe;
was wir auch ihnen tun, es gilt ihm selber,
dem Herrn des Lebens, dem wir alle leben,
und was wir geben, ist ihm selbst gegeben.
So lehrt er uns durch Wort und heil’ges Tun
die Gnade, die er selbst an uns erwies,
damit wir gleich den Elenden uns zuwenden
und lieben, wie er uns geliebt, so süß,
und zeigen, dass wir seine Liebe grüßen,
indem wir Bruderliebe offenbaren
und seine Gnade in uns sichtbar tragen.
Drum rühre dich, o Erde, aus dem Schmutz,
in dem du wühlst wie Schweine in dem Kote,
und suhlst dein Herz in niedrer Lüste Trutz,
vergessend deines Herrn, des höchsten Gutes;
erhebe deinen Blick aus dunkler Flut,
damit du seine Gnade kannst erkennen
und seine Lieb’ in tausend Werken nennen.
Beginne dort, wo er als Kind gelegen
in armer Krippe, eingehüllt in Stroh,
zwischen dem Ochsen und dem Esel regen,
in Lumpen, arm, und doch so herrlich froh,
der Glanz des Himmels in der Niedrigkeit so roh,
als Hirten kamen, staunend, schlicht und klein,
und Könige sich neigten vor dem Sein.
Dann lies die ganze Chronik seines Lebens:
sein mildes Wandeln, seine reine Spur,
sein Kampf, sein Leid, sein Mühen nie vergebens,
sein Armutslauf, sein Dulden ohne Schwur,
sein Tun des Guten, rein in jeder Spur,
doch Hass empfing er, Neid von groß und klein,
obwohl er keinem tat den mind’sten Pein.
Und schau zuletzt, wie er von Schurkenhänden
gefasst, verraten, falsch verklagt ward dann,
wie sie mit Hohn und Spott ihn wollten schänden,
wie sie ihn schlugen, krönten, rissen an,
und schließlich zwischen Räubern hingen an,
durchbohrt an Händen, Füßen, an der Seite,
in bitterer Qual, in unsagbarer Weite.
Dann lass dein Herz, so hart wie Stein zuvor,
durchbohrt sein werden von gerechter Reue;
lass deine Seele bluten im Innern vor
dem Anblick seines Leibs, der Qual und Treue,
so wund, so zerschlagen durch der Sünder Reue;
und lass dein Geist, der Schuld an seinem Leid,
in Tränen schmelzen über seine Pein.
Wenn so dein Geist in Demut sich verneigt
und innerlich erweicht durch heil’ge Sicht,
dann heb dein Herz zu dem, der dich befreit,
und fleh zu seiner Gnade, die nie bricht;
lern ihn zu lieben, der dich liebt im Licht,
und trag in dir sein Bild, so rein und klar,
damit du wirst, was er in Liebe war.
Mit ganzem Herzen, ganzer Seel’ und Sinn
sollst du ihn lieben, seinem Wort dich neigen;
all jene Lieb’, die weltlich trügerisch rinnt
und schwache Geister blendet mit dem Eigen,
musst du verwerfen, aus dem Herzen treiben,
und dich ihm geben, frei und völlig klar,
der sich dir gab, so frei, so wunderbar.
Dann wirst du fühlen, wie dein Geist entbrannt
und hingerissen wird von heißem Triebe
nach seinem Selbst, das deine Brust entflammt
mit solcher Glut, mit solcher heiligen Liebe,
dass jede Faser brennt in reinem Siege,
und nichts auf Erden dir mehr Freude bringt
als sein Gesicht, das süß und lieblich winkt.
Von da an stirbt in dir der Welt Begehr,
und all ihr Glanz, den Menschen hoch verehren,
wird Staub und Schlacke deinem Blick so leer,
verglichen mit dem Strahl der Himmelshehren,
dessen Glorie alle Sinne kehren
und Fleisch und Auge blendet mit dem Schein,
doch Geist und Seele füllt mit Licht so rein.
Dann wird dein Geist von himmlischem Gedanken
ergriffen sein, weit über Menschenmaß,
und deine Augen, strahlend ohne Schranken,
erblicken klar die reine Gottesglut,
die stets vor deinem Angesichte ruht,
und deine Seele hebt in süßem Brand
der Liebe, die von oben dich entflammt.
HYMNE AN DIE HIMMLISCHE SCHÖNHEIT
Entflammt von eignem Geist, der staunend schaut
Die hohen Bilder, himmlisch ausgeprägt,
Deren Gestalt in süßem Glanz erbaut
Die Liebe weckt und Seelenflügel regt –
Möcht’ ich erzählen, was mein Blick erträgt,
Doch stockt mein Wort, mein Denken wird zu klein,
Und meine Zunge schweigt in Ehrfurcht ein.
So schenke mir, o Geist voll Macht und Licht,
Von dem all Weisheit, Gnad’ und Wahrheit fließt,
Ein Funken deiner Wahrheit Angesicht,
Dass ich, was mir in heil’ger Schau erschließt,
In schwachem Strahl den Sterblichen erschließ’,
Ein Bild der Schönheit, die bei dir besteht
Und die mein Geist in heil’ger Ferne sieht.
Denn dass durch solch erhabnen Anblick klar
Die Herzen, die an eitlen Bildern hangen,
Erhoben werden zu dem, was wahrhaft war,
Und aus dem Staub zu himmlischem Verlangen
Sich heben, frei von irdischem Befangen –
Zu lieben lernen, mit gehorsamem Sinn,
Den Quell der Schönheit, dem ich mich verbind.
Von Bildern übervoll, die himmelwärts mich tragen,
Von Schönheit, die wie Atem süß entflammt,
Will ich erzählen – doch mein Wort bleibt vage,
Mein Denken ringt, mein Zunge wird verdammt
Zu Schweigen, weil das Große mich umklammert.
Beginnend also hier, wo unser Blick
Die niedre Welt mit fleischlichen Augen misst,
Steigt Geist empor, Schritt für Schritt, Stück für Stück,
Bis er das Reich des Unvergänglichen ist.
Wie Falken, die erst flattern, ungewiss,
Und dann, gestärkt vom Atem neuer Kraft,
Sich heben, bis ihr Flug die Wolken schafft.
Wer Schönheit sucht, erhebe nun den Blick
Zum weiten Bau des Alls, das uns umgibt,
Und lese dort, in jedem Teil und Stück,
Die zahllos’ Arten, die der Schöpfer liebt,
Deren Natur kein Sterblicher ganz beschreibt.
In weisem Maß ist alles dort gesetzt,
Und jedes Ding mit Schönheit übernetzt.
Die Erde ruht auf diamantnen Säulen,
Vom Meer umschlungen wie von Erzgewand;
Die Luft, die fließt, doch niemals kann verweilen,
Wird rings umgrenzt von feurig heller Wand,
Die keine Hand verlöscht, kein Sturm verbrannt;
Und über allem wölbt sich klar und rein
Der Kristallwall, der schließt das All hinein.
Daran erkennt man leicht, wie alles strebt
Hinauf, je weiter es vom Irdischen,
Und wie es reiner wird, je höher es schwebt,
Bis es im höchsten Ziel der Schönheit brennt.
Luft reiner als das Wasser, Feuer denn
Noch reiner als die Luft — und über Feuer
Der Himmel selbst, noch lichter, stiller, freier.
Drum richte deinen Blick auf jenen Kreis,
Der glänzend sich in ew’ger Ordnung dreht,
Das Haus der Götter, das man Himmel heißt,
Mit Sternen übersät wie Gras, das steht
In dichtem Feld, wo keiner sich vergeht.
Zwei herrschen dort, als König und als Königin,
Die Tag und Nacht dem Himmel Ordnung ziehn.
Und sag: Was sahst du je an Schönheit hier,
Das ihrem Glanz sich gleichzustellen wagt?
Kann selbst der schärfste Blick bestehen vor ihr,
Wenn Sonnenhaupt in Flammen niederjagt?
Wie viel erhabner jene, die noch ragt
Weit über sie, in reinster Himmelsbahn,
So hoch, dass sie kein sterblich Aug’ erschaun.
Denn über diesem Himmel, den wir sehn,
Sind andre, lichtdurchflutet, grenzenlos,
Nicht sterblich, nicht von Wandel angesehn,
Unendlich weit, erhaben, makellos,
Die keines Sonnenlichtes Strahl mehr braucht,
Weil ihr eigenes Leuchten sie durchdringt
Und jeden Glanz der niedern Sphären zwingt.
Und wie die Himmel steigen, Kreis um Kreis,
Bis sie den ersten großen Beweger finden,
Der alles trägt in seinem Machtgeleis
Und mit sich führt in unermessnen Winden,
So steigen auch die Schönheiten, die winden
Sich höher, heller, bis sie endlich ruhn
Im Schönsten selbst, dem alle Kräfte tun.
Schön ist der Himmel, wo die Seligen wohnen
Und Glück in voller Fülle sie umgibt,
Wo sie das Angesicht des Herrn belohnen,
Der ewig thront, der ewig liebt.
Noch schöner ist, was Plato hoch geübt:
Die reinen Formen, die der Geist ersann,
Und Intelligenzen, die von Gott empfahn.
Doch schöner noch das Reich der hohen Mächte,
Der Fürsten, die die Welt in Schutz umfahn,
Die über Könige und über Rechte
In himmlischer Gewalt erhaben stahn.
Und schöner noch die Throne, die getan
Sind über ihnen, wo die Ordnung ruht,
Von der die ird’sche Herrschaft Kraft und Gut.
Und schöner noch die Cherubim, die schweben
Mit goldnen Flügeln überstrahlt vom Licht,
Und Seraphim, die brennend vor ihm leben
Und Feuer tragen in ihr Angesicht.
Doch heller noch, in überstrahltem Licht,
Die Engel und Erzengel, die um ihn
In ew’ger Wache ohne Ende ziehn.
Und alle diese, die sich übertreffen,
Je näher sie dem Höchsten sich vereint,
Sind dennoch fern von dem, was wir nicht treffen
Mit Wort, mit Bild, das je ein Mensch gemeint.
Denn selbst wenn all ihr Glanz zusammen scheint,
Erreicht er nicht den Ursprung aller Pracht —
Wie soll die Zunge fassen, was er macht?
Verstumme, Zunge, und mein Geist erwäge,
Wie groß die Schönheit dessen sein muss, der
In seinen äußersten Strahlen schon die Wege
Mit Glanz erfüllt, den ich kaum fass’ so sehr.
Wie viel mehr dann das Inn’re, das noch mehr
In Wahrheit, Liebe, Weisheit, Seligkeit
Sich offenbart in Gnade, Macht und Zeit.
Dies zeigt er täglich uns in mildem Schein,
In seinem Bild der Gnade, das wir sehn,
Wie in einem Spiegel, klar und rein,
Durch den die Niedrigen zu ihm gehn,
Die sonst sein Angesicht nicht könnten stehn,
Das so erstrahlt in überirdisch Licht,
Dass selbst die Engel scheuen sein Gesicht.
Wir schwachen Wesen, die den Blick nicht heben
Zum Sonnenstrahl, der uns in Glut durchdringt,
Weil seine Spitzen, die zurück uns streben,
Das Auge trüben, das vor Helle ringt —
Wie sollen wir, die solch ein Licht bezwingt,
Die Herrlichkeit des höchsten Gottes schauen,
Vor der selbst Sonn’ und Mond in Schatten grauen?
Drum ist der Weg, der uns zu ihm gegeben,
Sein Werk zu sehn, das er in Schönheit schuf,
Darin, wie in ein Buch aus Erz geschrieben,
Zu lesen seinen Glanz und seinen Ruf,
Der Güte kündet, die aus Schönheit ruft;
Denn alles Gute ist in sich auch schön,
Und Schönheit lässt das Gute klarer sehn.
Sammle daraus die Federn deiner Sinne,
Und stärke so des Geistes hohen Flug;
Steig auf aus dieser dunklen Welt der Minne,
Deren dumpfer Dunst die Seele trübt genug.
Wie Adler, die aus eigener Kraft genug
Den Blick auf jene Sonne richten frei,
Geläutert von der Schwachheit Erdenschrei.
Und falle dann in heil’ger Scheu darnieder
Vor seines Thrones ehrfurchtsvollem Fuß;
Wirf dich mit zitternd reiner Seele nieder,
Und wage nicht, dass du hinaufschaun musst
Mit sterblichem, von Sünde schwerem Gruß;
Denn wenn sein Blick dich träfe unverwandt,
Zerfielest du zu Staub im selben Stand.
Ein Licht, das weit den Sonnenbrand überstrahlet,
Der aus des Titanen Stirne niederfährt,
Der selbst die dunkle Luft mit Feuer malet
Und alles, was da lebt, im Glanze nährt.
Doch dieses Licht, das dort am Throne währt,
Ist tausendfach an Klarheit ihm voraus,
Und macht die Weisheit selbst vor Staunen laus.
Denn dieses Licht, das unvergänglich scheinet,
Ist göttlich, rein, unendlich, wunderbar;
Durch das dem Herrn all Tun der Menschen einet,
Und selbst der Gedanken heimlichstes Gefahr.
Aus Wahrheit strömt es, die von Ewigkeit war,
Und durch die Kraft des Himmels wird es kund,
Das jede Tat durchleuchtet bis zum Grund.
In solcher Glorie ist sein Thron umgeben,
Verhüllt von seinem eigenen Licht so sehr,
Dass keiner, der mit schwachem Blick will streben,
Ihn schauen kann, denn Blitze zucken her,
Und Donner rollen unter seinem Heer,
Und Feuer stürzt, das seine Rache trägt,
Wenn seine Macht die Welt zum Zittern schlägt.
In seinem Schoß sitzt Weisheit, seine Liebe,
Die Königin der Himmel, reich geschmückt,
Mit Edelsteinen, die in hellem Triebe
Die Sterne selbst an Glanz zurückgedrückt.
Ihr Antlitz, das von Gottes Licht entzückt,
Erstrahlt so hell, dass selbst der Engel Schein
Nur matter Abglanz ihres Lichts kann sein.
Auf ihrem Haupt die Krone reinsten Goldes,
Ein Zeichen höchster Macht und Majestät;
In ihrer Hand das Szepter ihres Thrones,
Mit dem sie Himmel, Erd’ und Zeiten dreht,
Und alles lenkt, was unter ihr besteht.
Denn ihr gehorcht, was Gott zuerst erschuf,
Und wächst und waltet nach des Schöpfers Ruf.
Die Schönheit ihres Angesichts zu nennen
Vermag kein Mund, kein Pinsel dieser Welt;
Sie überstrahlt der Frauen schönste Bronnen,
Und Engelglanz vor ihrem Lichte fällt.
Von Gottes Antlitz selbst ist sie erhellt,
Und durch die Gnade ihres eignen Wesens
Erhöht sie sich noch über alles Lesens.
Kein Maler, der die Venus einst erschuf,
So dass die Welt sein Werk bewundert hält,
Könnt’ je erfassen ihren Himmelsruf,
Und selbst die Venus, wie die Sage stellt,
Wär’ gegen sie nur Schatten dieser Welt.
Hätt’ je der Dichter, der die Schönheit sang,
Nur einen Hauch von dieser Herrlichkeit
Gesehn, er hätt’ in ewigem Gesang
Ihr Angesicht gepriesen weit und breit,
Und all die Welt erfüllt mit seinem Kleid
Von Worten, die ihr Bild verklären sollten —
Wie sollt’ ich, Schwacher, solch ein Bild entrollen?
O Muse, du bist viel zu schwach und matt,
Ein solches Himmelsbild zu offenbaren;
Lass Engel singen, die sie schauen satt,
Und die Geheimnisse des Himmels wahren.
Mir sei genug, sie still im Herz zu tragen,
Und in der Liebe, die sie mir verheißt,
Zu ruhn, bis sie mein ganzes Denken speist.
Dreifach beglückt ist der, dem Gott gewährt,
Ihr Angesicht zu sehn in heil’ger Klarheit;
Denn wer dies Licht der Ewigkeit begehrt,
Dem wird zuteil die höchste Seligkeit.
Kein Wunsch bleibt offen, keine Bitterkeit,
Denn wer sie schaut, besitzt in einem Blick
Der Freude Fülle und des Lebens Glück.
Aus ihrem Schatzhaus strömt sie Reichtum nieder,
Nicht irdisch, sondern himmlisch, rein und klar,
Den Gott ihr gab, und den sie immer wieder
Den Seelen schenkt, die seiner würdig war.
Doch würdig ist nur, wen sie selbst erwählt
Und zu sich lässt in ihrer reinen Nähe;
Denn wer ihr Antlitz sieht, wird so beseelt,
Dass jede Lust der Erde von ihm gehe.
In solchem Glück, in solcher Himmelsnähe
Wird selbst der Sinn von Fleisch und Welt befreit
Und steigt empor in reine Geistigkeit.
Dort sieht er Dinge, die kein Wort vermag,
Und hört den Klang der himmlischen Gesänge,
Die durch den Himmel hallen Tag für Tag,
Und fühlt ein Glück, das keine Zeit verlänge.
Da schwindet alle Last, die einst ihn dränge,
Und nur das Eine bleibt ihm noch bewusst:
Das Bild der Schönheit, das ihn selig muss.
Und alles Irdische wird ihm zu Schmerz,
Was einst ihm süß, erscheint ihm nun als Last;
Sein Trost, sein Wunsch, sein Ziel, sein ganzes Herz
Ist nur auf das gerichtet, was nicht fasst
Die Welt, die nur in Schatten sich ergast.
Die Lampe, die die Menschen einst entflammte
Mit Liebe, die sich selbst verzehrt und frisst,
Wird nun verachtet, weil sie nur verdammte
Und nichts als eitler Schein und Trug mehr ist.
Der Stolz der Welt, der sich so hoch bemisst,
Wird Staub und Torheit, Reichtum wird zu Dreck,
Und Freude wird zu Schatten ohne Zweck.
So voll sind nun die Augen jener Klarheit,
Dass nichts mehr auf der Erde sie erfreut,
Als nur der Blick der himmlischen Wahrheit,
Die in ihr Herz sich unauslöschlich streut.
O meine Seele, die so lang’ zerstreut
In eitlen Bildern falscher Schönheit lag,
Und nun erkennt, wie sehr sie sich betäubt —
Lass ab von dem, was dich nur schmerzen mag.
Erhebe dich zu jenem höchsten Licht,
Aus dessen Strahl die wahre Schönheit quillt,
Das heilige Liebe in den Herzen bricht
Und jede Lust der Welt in Staub verhüllt.
Wenn dieses Licht dein ganzes Denken füllt,
Dann ruh in ihm, und lass von dieser Welt,
Die nur in Schatten ihre Bilder stellt.