ENDSTATION BEGIERDE

VON TORSTEN SCHWANKE



für Suzana, die wunderschöne Blondine aus Kroatien




Erste Szene



Personen:


Blanche DuBois

Stella Kowalski, ihre Schwester

Stanley Kowalski, Stellas Ehemann

Eunice Hubbell, Nachbarin


(Ein ärmliches, doch buntes Viertel in New Orleans. Ein Haus, zwei Stockwerke hoch. Es ist Abend im frühen Mai, in den Dreißigerjahren. Blanche DuBois tritt auf, ganz in Weiß gekleidet, unsicher und fremd.)


BLANCHE (starrt ungläubig auf das Haus)

Sie sagten mir: Nimm die Desire-Trambahn,

Fahr durch die Friedhöfe und steige dann

Am Feld Elysium aus. Ist dies der Ort?

Das Himmelsfeld, das ich im Traum ersann,

Gleicht diesem düstren, engen Viertel nicht.

Mein Tun war unfreiwillig; wer es war,

Der mich auf diese Schienen stieß – ich weiß

Es nicht. Die Wollust und der Tod, sie paaren

Sich auf dem Weg, der mich hierher geführt.

Ich bin verloren, und mein Leben bricht.


EUNICE (tritt aus dem oberen Stock herab)

Suchst du hier irgendwen, mein schönes Fräulein?


BLANCHE

Ich suche Stella. Stella Kowalski.


EUNICE

Da bist du richtig. Hier im Parterre wohnt sie

Mit ihrem Stanley. Ich bin Eunice, wohne

Im Stock darüber. Warte nur ein Quentchen,

Ich lauf ums Eck und hole dir die Schwester.


(Eunice geht ab. Blanche bleibt allein zurück. Sie zittert, blickt sich suchend um, entdeckt eine Flasche Whiskey, gießt sich hastig ein Glas ein und trinkt es in einem Zug leer. Sie verstaut Flasche und Glas schnell im Schrank, als Stella herbeieilt. Sie fallen sich in die Arme.)


BLANCHE (wild erregt, lässt Stella nicht zu Wort kommen)

O Stella! Stella! Dass ich dich hier finde!

Wie siehst du aus? So blass und so verändert!

Nein, sag jetzt nichts, lass mich dich nur betrachten.

Du haust in diesen niedren, engen Räumen?

Das ist der Bunker, den du dir erwählt?


STELLA (lächelnd, reicht ihr ein Glas)

Trink erst mal, Blanche. Dir scheint es nicht zu munden?


BLANCHE (nimmt das Glas zögernd)

Ich rühre es kaum an... Doch sag, wie hältst du’s aus?

Die Gegend hier erschreckt mein tiefstes Innre.


STELLA

Ich lebe gern hier, Blanche. Ich bin zufrieden

Mit meinem Los. Schätz deine Fragen nicht,

Die mir das Neue madig machen wollen.


BLANCHE

Du wunderst dich gewiss, warum ich hier bin.

Man hat mich von der Schule her beurlaubt,

Der Dienst als Lehrerin griff meine Nerven

Zu heftig an. Nun bleib ich unbestimmt

Bei dir. Doch sag: Du wohnst mit Stanley hier?

Wie hälst du’s aus mit diesem wilden Proll?

Mich schaudert vor ihm.


STELLA

Ich liebe meinen Gatten grenzenlos,

Du kennst ihn nicht, du weißt nicht, wie er ist.


BLANCHE (geht in die Verteidigung über)

Du wirst mich tadeln, Stella! Ja, ich seh’s

In deinem Blick! Du denkst, ich sei an allem schuld!

Du kamst herbei, um dein New Orleans’ Leben

Für dich zu wählen. Ich blieb treu zurück.

Ich schuftete fürs Eigentum, fürs Erbe!

Ah, Belle Reve! Das Gut von unsern Ahnen!

Es ist verloren, Stella! Ganz verloren!

Eine Kette Tode fraß das ganze Geld.

Das Pflegen der Verwandten, all das Sterben,

Es hat mein Inneres zutiefst zerrüttet.

Ich wusch mich rein von Schuld, ich tat, was möglich –

Und du stehst da und richtest mich im Stillen!


STELLA (weint)

Ich richte dich doch nicht... o Blanche, das schmerzt.

Ich muss ins Bad, die Tränen zu verbergen.


(Stella flieht ins Badezimmer. Stanley Kowalski tritt ein, gefolgt von Mitch und Steve. Sie kommen vom Bowling. Stanley zieht sich das feuchte Hemd aus, greift nach einer Flasche und trinkt.)


STANLEY (mustert Blanche mit einem rauen, primitiven Blick)

Wer bist denn du?


BLANCHE (weicht seinem Blick aus, zitternd)

Ich bin die Schwester. Blanche.


STANLEY

Aha. Die Schwester. Ich wusste nichts von dir.

Was führt dich her? Und wie lang wirst du bleiben?

Was sind die Pläne? Hier ist’s ziemlich eng.


BLANCHE (starrt ihn entsetzt an, murmelt vor sich hin)

Er ist wie Rauch und Spinnenweben... roh und wild.

Wir sind wie Gegenpole hier gezeichnet,

Die sich im Hass und in der Sucht berühren...

(Laut, zu sich selbst)

Es bringt mich um. Das Denken an die Jugend,

Als ich vermählt war und der Knabe starb.

Der Tod, die Wollust... alles bricht zusammen.


(Blanche sinkt auf einen Stuhl und bettet stumm das Haupt in ihre Arme, während Stanley sie kalt beobachtet. Die transparenten Wände des Zimmers scheinen sich klaustrophobisch zu verengen.)





Szene 2


Personen:

Stanley Kowalski

Stella Kowalski, seine Frau

Blanche DuBois, Stellas Schwester


(Das Wohnzimmer der Kowalskis. Im Hintergrund hört man das Plätschern von Wasser aus dem Badezimmer. Stanley sitzt am Tisch, Stella tritt besorgt zu ihm.)


STELLA

Geduld, mein Stanley, sie ist noch im Bad.

Doch hör mich an, eh sie herausgekommen:

Belle Reve, das Gut – es ist für uns verloren.

Es ging dahin. Frag mich jetzt nicht nach Details,

Ich weiß es selbst nicht klar. Sei gnädig mit ihr.


STANLEY

Verloren? Ha! Das nenn ich vage Pracht!

Du schwebst in Wolken, Stella, doch ich stehe fest

Auf dieser Erde. Wo sind die Papiere?

Ein Gut verschwindet nicht im blauen Rauch!

Denkst du, ich lasse mich so leicht betäuben?


STELLA

Es ist vorbei, mein Schatz. Lass es jetzt ruhn.


STANLEY

Nichts wird geruht! Kennst du den Code nicht mehr?

Den Code Napoléon, der hier regiert?

Was dir gehört, gehört auch mir, mein Kind!

Und wenn man dich betrog – ward ich beraubt!

Wo ist der Kaufvertrag? Ich will ihn sehn!


(Er springt auf, geht wütend zu Blanches Überseekoffer und reißt ihn heftig auf. Er schleudert Pelze, Modeschmuck und Kleider in den Raum.)


STANLEY

Schau diesen Tand an! Pelze, Gold und Samt!

Hier liegt das Gut! In Seide umgemünzt!

Sie hat das Erbe schamlos durchgebracht,

Um sich als Königin im Dreck zu sonnen!


STELLA (entsetzt)

Hör auf! Du schändest ihre ganze Welt!

Ich kann und will das nicht mehr mit ansehen!


(Stella verlässt zornig und den Tränen nahe das Zimmer. Kurz darauf öffnet sich die Badezimmertür. Blanche tritt frisch und elegant heraus, dampfend vom Bad. Sie ignoriert das Chaos im Raum mit einem koketten Lächeln.)


BLANCHE

Ah, frisch erquickt! Die Luft tut wahrlich gut.

Wie düster schaust du, Stanley? Steht mir dies?

(Sie dreht sich um)

Ein wenig Charme tut diesem Hause wohl.

Was regt dich auf? Mein Koffer steht so offen…


STANLEY (kalt)

Lass dieses Spiel. Die Karten liegen flach.

Wo ist das Geld von eurem großen Gut?


BLANCHE (merkt, dass ihr Flirten fehlschlägt; ihr Ton wird ernst und nüchtern)

Nun gut. Du willst die nackte Wahrheit sehn?

Des Weibes Charme ist Hälfte Illusion.

Ich spiele offen, wenn du Stahl verlangst.

Belle Reve ist tot. Bankrott. Vom Wind verweht.


(Sie geht zum Koffer, holt eine Mappe mit alten Dokumenten heraus und reicht sie ihm.)


BLANCHE

Hier, nimm! Lies selbst die Chronik unsres Sturms!

Es sind nicht Kriege, die uns so entmachten,

Nein, unsre Ahnen – eine lange Kette

Voll epischer Unzucht, Lust und wildem Drang –

Sie schufen diese Hypothekenlast!

Sie ließen uns nur Staub und Gräber stehn.

Die „Wollust“-Bahn fuhr mich zum Friedhof hin,

Das ist das Erbe, das mir übrigblieb.


STANLEY (starrt verwirrt auf die Flut von Papieren)

Was ist das für ein Wust? Ich les hier nichts…

Mein Anwalt wird das prüfen. Morgen schon.

(Er besänftigt sich langsam, packt die Papiere ein)

Du denkst, du wärst mir überlegen, Blanche.

Doch eines wisse noch, eh Stella kommt:

Sie wird ein Kind gebären. Sie ist schwanger.


BLANCHE (erfreut und sichtlich bewegt)

Ein Kind? O Stella! Ein neues Leben blüht!


(Stella kommt wieder herein. Die Stimmung ist merklich verändert.)


STELLA

Die Männer wollen Poker spielen, Blanche.

Komm, lass uns gehen. Wir sind hier im Weg.


BLANCHE

Ich folge dir, mein Stern. Geh nur voran.


(Stella geht hinaus. Blanche bleibt einen Moment allein an der Tür stehen, blickt auf den verstreuten Tand und dann zu Stanley.)


BLANCHE (leise, triumphierend vor sich hin)

Sein rauer Geist ward zahm durch meinen Duft…

Mein Jasmin siegte über seine Kraft.

(Ihr Blick verfinstert sich leicht)

Und doch… der Duft verfliegt im Augenblick,

Wenn er sich nicht mit seinem Dreck vermischt.

Das Spiel beginnt. Wer wird am Ende stehn?


(Sie geht ab. Stanley bleibt finster am Tisch zurück.)






Dritte Szene


Personen:


Stanley Kowalski

Mitch

Stella Kowalski

Blanche DuBois


(Ein verrauchter Raum. Am Küchentisch sitzen Stanley und Mitch beim Kartenspiel. Flaschen stehen umher.)


MITCH

Mein Herz ist schwer, das Spiel will mir nicht glücken.

Die Mutter liegt daheim, vom Tod bedrängt,

Und meine Sorge raubt mir jeden Mut.

Ich muss kurz weichen, um mein Haupt zu kühlen.

(Er geht ab in Richtung Badezimmer. Stella und Blanche treten ein.)


STANLEY (schaut grimmig auf)

Was sucht ihr hier? Zu früh seid ihr zurück!

Der Tisch gehört den Männern heut allein.

Kein Weibervolk stör diese ernste Runde!


(Mitch tritt aus dem Bad und bleibt wie angewurzelt stehen, als er Blanche erblickt.)


MITCH (leise zu sich)

Wer ist die Holde, die den Raum erleuchtet?


BLANCHE (bemerkt seinen Blick, fächelt sich Luft zu)

Ein fremder Geist in dieser rauen Stube...


STANLEY (schlägt auf den Tisch)

Spielt weiter, Männer! Teilt die Karten aus!


(Die Frauen setzen sich beiseite. Blanche schaltet ein Radio ein; sanfte Musik ertönt.)


STANLEY (auffahrend, brüllt)

Macht aus das Ding! Ich fordere jetzt Stille!

Verdammt sei das Gejaule, dämmt es ein!


(Mitch verlässt den Spieltisch und nähert sich Blanche, die im Halbdunkel sitzt.)


MITCH

Verzeih die Kühnheit, Lady. Darf ich dir

Vielleicht mit Rauchwerk dienen? Dieses Stück,

Die Schachtel hier aus Silber, trägt ein Wort,

Von einer Hand geritzt, die längst schon modert.

Ein totes Mädchen gab sie mir als Pfand.


BLANCHE (berührt)

Wie traurig-schön... Ein Denkmal alter Liebe.

Mein Herr, willst du mir wohl behilflich sein?

Das nackte Licht dort oben brennt zu grell.

Verbirg es mir in diesem Lampion

Aus dünnem Seidenpapier, das sanft es dämpfe.


MITCH (befestigt den Lampion)

Es sei getan.


BLANCHE

Ich dank dir. Weißt du noch,

Als ich als Lehrerin vor Kindern stand?

Es war ein Fest, der Jugend zuzusehn,

Wenn sich zwei Seelen in der ersten Glut

Des Lenzes fanden – selbst wenn mein Bericht

Vom englischen Vokabelzeug im Sand

Der jungen Leidenschaft vollends verrann.


(Blanche schaltet in trunkener Laune das Radio wieder ein und beginnt zu tanzen. Stanley springt rasend auf.)


STANLEY

Genug der Schande! Ich dulde es länger nicht!


(Er stürzt auf das Radio, reißt es aus der Wand und wirft es mit voller Wucht aus dem Fenster. Splittern von Glas.)


STELLA (entsetzt)

Du wildes Tier! Du Unmensch! Schandfleck du!


(Stanley holt aus und schlägt Stella blind vor Wut. Sie bricht zusammen. Die Mitspieler stürzen herbei und halten Stanley fest.)


MITCH

Haltet den Raser! Zwingt ihn in die Knie!


STELLA (weint heftig)

Ich geh von hier! Ich bleibe keine Nacht!


BLANCHE (zitternd)

Komm mit mir, Stella! Fliehn wir nach dem Licht!

Hinauf zu Eunice, wo die Schutzfrau wohnt!


(Sie führt Stella die Treppe hinauf. Die Männer drängen den tobenden Stanley ins Nebenzimmer. Stille tritt ein. Nach einer Weile kommt Stanley, ernüchtert und nass vom kalten Wasser, auf die dunkle Straße.)


STANLEY (blickt starr nach oben, bricht zusammen)

Stell-ahhh! Mein Weib! Geh nicht von mir, Stell-ahhh!


(Eunice erscheint auf dem Balkon.)


EUNICE

Schweig, böser Hund! Und rühr sie nimmer an!


STANLEY (weint auf den Knien)

Stell-ahhh! Stell-ahhh!


(Die Tür oben öffnet sich. Stella tritt langsam heraus, wie hypnotisiert von der Stimme. Sie steigt die Stufen herab. Stumm sinkt sie in seine Arme. Stanley hebt sie auf und trägt sie schweigend ins Haus. Blanche tritt furchtsam aus dem Haus auf die Veranda, unfähig zu begreifen, dass Stella schon wieder bei ihm ist. Mitch tritt aus dem Schatten.)


BLANCHE (erschrickt, fängt sich aber sogleich)

Ah, du bist hier... Wie finster ist die Nacht.


MITCH

Das Pokerspiel gehört nicht in ein Haus,

In dem auch Frauen wohnen. Sieh den Brand,

Der dieses Heim durch wilde Wut verzehrt;

Das Weibliche verträgt den Würfel nicht.


BLANCHE

Du sprichst voll Weisheit. Doch mein Name, Herr,

Bedeutet „weißer Wald“, wie Obstbäume

Im ersten Lenz, wenn alles blüht und glänzt.


(Sie lächelt kokett im Schatten, verbirgt ihr Alter.)


MITCH

Du bist so rein, so voller Zärtlichkeit.

Ich fühl mich tief zu deinem Licht gezogen.


BLANCHE (beiseite)

Er merkt es nicht, dass längst mein Frühling floh...

(Zu Mitch)

Auch du kennst jenen herben Schmerz des Todes?


MITCH

Das Mädchen mit dem Etui verstarb.


BLANCHE

Und ich sah Ahnen nacheinander gehn,

Ein langes Sterben brach mir das Genick.

Nun such ich Schutz... an deiner starken Brust.


MITCH (betrachtet das Haus)

Es macht sie rasend, wenn er das vor Leuten tut.


BLANCHE (schaudernd)

Hörst du den Satz? Er wiegt wie schweres Blei.

Es kränkt sie nicht, dass er die Hand erhebt,

Nur dass die Welt den nackten Schlag bezeugt.

Das Tierische ist mir vollkommen fremd,

Ich flüchte mich in Samt und süß Parfüm,

Weil mich die Glut von dieser Welt erschreckt –

Und mich doch magisch in den Abgrund zieht.






Szene 4


Personen


BLANCHE

STELLA

STANLEY (tritt stumm auf)


(Das Apartment der Kowalskis. Es ist der Morgen nach der Pokernacht. Stella liegt behaglich und gelöst im Bett. Blanche stürzt herein, bleich und von Angst gezeichnet.)


BLANCHE

Gottlob, du lebst! Ich habe keine Nacht

In meinem ganzen Leben so durchwacht

Vor nacktem Grauen! Stella, süßes Kind,

Bist du versehrt? Hat er dir wehgetan?

Die ganze Nacht lag ich im Nebenzimmer,

Gepeitscht von Angst um dich, und starrte blind

In diese Finsternis — und du? Du liegst

Hier wie auf Wolken, sanft und unberührt?


STELLA (lächelt träge, streckt sich)

Beruhige dich, Blanche. Es ist vorbei.

Du machst aus einer Mücke einen Berg.

Wenn Stanley trinkt, wird er ein bisschen wild,

Das ist nun mal sein Wesen. Doch danach,

Wenn wir uns halten… Ach, du ahnst es nicht.

Es gibt da einen Reiz in seiner Wut,

Der mich berauscht. In unsrer Hochzeitsnacht,

Da nahm er meinen Schuh und schlug damit

Die Lampen kurz und klein.


BLANCHE (entsetzt)

Und das gefiel dir?!


STELLA

Es hat mich tief erregt, ich dacht’ nicht nach.

Ich liebe ihn, so wie er ist, und basta.


BLANCHE

Das ist der Wahnsinn, Stella! Reines Gift!

Du steckst in einer Falle, tief im Schlamm,

Und merkst es nicht einmal. Ich rette dich!

Wir müssen fliehen, heute noch, vorbei

An diesem Ungetüm. Ich weiß auch wie:

Shep Huntleigh! Ja, mein alter, reicher Freund

Aus Miami-Beach. Dem telegrafiere ich!

Er schickt uns Geld, holt uns hier raus

Aus diesem Elend, diesem Sündenpfuhl.


(Blanche stürzt zum Telefon, wählt hastig, wartet aufgebracht.)


Hier Western Union? Ja, ich möchte… Nein,

Ich… warten Sie.


(Sie legt den Hörer langsam auf, atmet schwer.)


Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Mein Kopf…

Er ist so leer. Und, Stella — um der Wahrheit

Die Ehre nun zu geben: Ich bin blank.

Kein roter Heller blieb mir, nicht ein Cent.

Ich brauche dieses Geld so sehr wie du.


STELLA (steht gelassen auf)

Ich brauche es nicht, Blanche. Begreifst du nicht?

Ich will aus meinem Leben gar nicht fliehen.

Ich liebe meinen Mann, ich bin vergnügt,

Und wie du über unsre Ehe denkst,

Ist mir ganz gleich. Was uns zusammenhält,

Geht tiefer als dein feines Vorurteil.


BLANCHE

Ich nenn’ es beim Altar- und Taufenamen:

Es ist die nackte, brutale Begierde!

Nichts weiter als Begierde! Wie der Name

Der klapprigen Straßenbahn, die durch die Gassen

Von New Orleans sich windet.


STELLA (sieht sie kühl an)

Sag mir, Blanche:

Bist du denn nie mit dieser Bahn gefahren?


BLANCHE (leise, beschämt)

Sie brachte mich hierher. Wo man mich schmäht,

Wo ich mich schäme, überhaupt zu sein.


STELLA

Dann steht dir, mein ich, dieses Stolzsein kaum

Zu Angesichte. Wenn du selbst sie kennst,

Die Kraft der Bahn, dann richte nicht über mich.


BLANCHE

Das ist für eine Nacht, für ein Abenteuer!

Ein Rausch im Dunkeln, ja, den kenn’ ich wohl!

Doch baut man darauf keine Ehe auf,

Kein ganzes Leben mit Genügsamkeit!

Er ist gemein, dein Stanley, animalisch!


(Stanley betritt unbemerkt durch die Hintertür die Wohnung. Er bleibt im Schatten stehen und lauscht mit finsterem Blick.)


Er hat den Geist des Urwalds noch in sich.

Ein Höhlenmensch, der Fleisch nach Hause schleppt!

Und seine Freunde bei der Pokernacht:

Ein Haufen Affen, der im Dunkeln hockt,

Sich schlägt und grunzt und Bier aus Kübeln säuft!

Du bist aus gutem Hause, Stella, wach doch auf!

Tritt nicht zurück in seine Steinzeitwelt!

Wir sind die Erben einer höheren Kultur,

Wir müssen streben, wachsen, Mensch sein, Schwester,

Und nicht als Tier im Dreck der Gasse enden!


(Stella hört ihr ermüdet, aber entschlossen zu. Stanley zieht sich lautlos zurück, schlägt die Außentür von außen zu und tritt erneut ein, als käme er eben erst nach Hause.)


STANLEY (ruft laut)

He, Stella! Bin zurück!


STELLA (bricht aus Blanches Nähe aus, läuft strahlend zu Stanley)

Oh, Stanley, Schatz!


(Stella wirft sich leidenschaftlich in seine Arme und klammert sich an ihn. Stanley hält sie fest, blickt über ihre Schulter hinweg zu Blanche und grinst sie langsam, triumphierend an. Blanche starrt die beiden fassungslos und voller Grauen an.)






Fünfte Szene


BLANCHE (schreibt am Tisch)

Mein lieber Shep, mein fernes Prachtexemplar!

Wie öde ist der Süden ohne dich.

Vielleicht, so dacht ich keck, besuch ich dich

In Dallas bald, auf einen kurzen Rausch ...


(Von oben hört man das Poltern und Kreischen eines Streits zwischen Eunice und Steve.)


STANLEY (tritt ein, mustert sie kalt)

Sag, Blanche, kennst du zufällig einen Shaw?

Ein Handelsmann. Er sagt, er traf dich mal.


BLANCHE (erstarrt, schreibt hastig weiter)

Ein Shaw? Der Name ist mir völlig fremd.


STANLEY

Er meint, er sah dich oft in Laurel, Blanche.

Dort gab es ein Hotel – das Flamingo.

Ein bunter Ort für Vögel wilder Art.

Er schwört, du hättest dort Logis gehabt.


BLANCHE (mit erzwungener Kälte)

Das Flamingo kenn ich nur vom Hörensagen.

Ein Schandfleck ist’s. Ich setzt kein’ Fuß hinein.


STANLEY (lächelt düster)

Nun, dieser Shaw verwechselt wohl das Gesicht.

Ich gehe mampfen. Grüß mir deine Briefe. (Geht ab)


BLANCHE (bricht in Panik aus, zu Stella)

O Stella, sag! Was weißt du von mir selbst?

Was redet man? Was drang zu deinen Ohren?

Ich war nicht brav, als Belle Reve uns verstarb.

Ein weiches Wesen bin ich, doch das Fleisch,

Es schwindet hin, die Jugend flieht davon,

Und Weichheit fängt im Netz der Zeit kein Glück.

Wie lang noch spiel ich diesen alten Trick?


(Stella reicht ihr schweigend ein Glas. Blanche zittert, das Glas entglitt ihrer Hand und zerschellt. Sie kreischt gellend auf.)


BLANCHE (atmet schwer)

Verzeih ... die Nerven. Mitch kommt heute Nacht.

Er weiß nicht, wie viel Jahre mich schon drücken.

Nur einen Kuss gewährt ich ihm im Dunkeln.

Ich muss ihn fangen, Stella! Muss ihn binden

Durch Ehestand, damit ich sicher ruhe.

Ein Hafen braucht mein schiffbrüchig Herz.


STELLA

Es wird schon werden, Schwester. Sei getrost. (Geht ab)


(Ein junger Zeitungsjunge tritt schüchtern an die Tür.)


ZEITUNGSJUNGE

Die Sammlung für die Abendpost, Madame?


BLANCHE (starrt ihn fasziniert an)

Komm näher, Knabe. Du bist jung und frisch.

Wie eine Frucht, die noch kein Sturm berührt’.

Ein Funke Licht in dieser grauen Welt.

Triffst du mich an? Versprichst du mir dein Kommen?


ZEITUNGSJUNGE (weicht verlegen zurück)

Ich muss jetzt gehn, die Runde wartet, Dame.


Blanche

Nur einen Augenblick. Ein Gruß der Jugend.


(Sie küsst ihn flüchtig auf den Mund. Der Junge flieht erschrocken. Im selben Moment biegt Mitch mit einem Blumenstrauß um die Ecke.)


BLANCHE (reißt sich zusammen, ruft fröhlich)

O Mitch! Mein Ritter! Pünktlich wie die Sonne!





Szene 6


Personen:


Blanche DuBois

Mitch (Harold Mitchell)


(Spät in der Nacht. Die Straße vor dem Haus ist in dämmriges, bläuliches Licht getaucht. Blanche und Mitch kehren vom Date zurück. Ihre Bewegungen sind erschöpft, die Stimmung ist gedrückt.)


BLANCHE

Verzeih mir, Harold. Ich war wahrlich heut

Kein guter Gast. Ich saß nur stumm daneben.

Die Leichtigkeit, die eine Dame ziert,

Hab ich verfehlt. Mein Geist war schwer wie Blei.


MITCH

Ach, Blanche, sag das doch nicht. Mir war es recht.

Darf ich... darf ich dir einen Kuss noch geben?

Zum Abschied nur? Ich weiß ja nie, was du

Erlauben willst. Du wiesest mich so oft

Schon streng zurück, wenn ich dir näherkam.


BLANCHE

Ein Kuss zur Nacht? Ein Gruß von Edelmut?

(Sie lächelt matt, ziert sich.)

Die Tugend, Mitch, ist einer Frau Juwel.


MITCH

Ich grolle deiner Sittsamkeit doch nicht!

Du bist ganz anders als die andern Frau’n,

Die ich bisher getroffen. Du hast Stolz.

Und Würde, Blanche. Das zieht mich zu dir hin.


(Sie betreten die Wohnung. Das Licht im Inneren ist spärlich. Mitch wirkt sofort befangen, er schwitzt stark, wischt sich die Stirn und lockert den Kragen. Blanche gießt zwei Gläser ein und reicht ihm eines.)


MITCH

Es ist so schwül. Das Hemd klebt mir am Leib.

Vergib, dass ich so plump und schwitzend hier

Vor dir nun stehe.


BLANCHE

(trinkt, flirtet mit den Augen)

Mitch, du bist ein Mann,

Ein ganzer Kerl. Die Hitze steht dir gut.


(Mitch fasst sich ein Herz, tritt plump näher und versucht, sie fest zu umarmen. Blanche entwindet sich geschickt und sanft aus seiner Umarmung, weicht einen Schritt zurück. In dem Moment, als ihr Gesicht von Mitch abgewandt, aber dem Publikum voll zugewandt ist, rollt sie genervt und spöttisch mit den Augen.)


BLANCHE

Nicht jetzt, mein Lieber. Schone mein Korsett

Und meine Nerven, die wie Saiten spannen.


(Sie wechselt rasch den Ton, blickt ihn prüfend und misstrauisch aus dem Schatten heraus an.)


Sag... hat mein Schwager Stanley je mit dir

Geredet? Über mich? Hat er erzählt?


MITCH

Der Stan? Er fesselt seine Zunge selten.

Doch dich versteht er nicht, das ist das Ganze.

Er hasst dich nicht, er ist nur rau von Art.

Doch lass den Stan. Sag, Blanche... wie alt bist du?

Ich frage für die Mutter. Sie will’s wissen.


BLANCHE

(weicht erschrocken zurück, lacht künstlich auf)

Das Alter einer Dame? Welch Begehren!

Es wechselt mit dem Licht, das man ihr schenkt.

Doch sprich von deiner Mutter. Wie geht es ihr?


MITCH

Sie ist sehr krank. Sie sorgt sich um mein Morgen.

Sie wünscht so sehr, mich bald vermählt zu seh’n,

Damit ich nicht allein und einsam bleibe,

Wenn sie nicht mehr auf dieser Erde weilt.


(Es entsteht eine Pause. Blanche starrt ins Leere. Aus der Ferne, leise und unheimlich, beginnt in ihrem Kopf die Polka-Musik – die Varsouviana – zu spielen. Das Licht um sie her verfinstert sich, nur ein schwacher Schein liegt auf ihrem Gesicht.)


BLANCHE

Allein... Ja, einsam. Dieses Wort brennt tief.

Ich war noch jung, ein Kind fast, als ich liebte.

Ein Junge war er, Allan. Und sein Licht

War so unendlich hell, so gleißend hell,

Dass es die Welt verschlang. Ich sah ihn an

Und war erblindet vor dem großen Glück.

Doch hinter diesem Licht war finstre Nacht.

(Ihre Stimme zittert; sie spricht wie in Trance.)

Ich konnt ihm nicht genügen. Eine Kraft

War in ihm wirksam, die ich nicht verstand.

Kurz nach der Hochzeit fand ich es heraus.

Ich öffnete die Tür... und sah ihn dort...

Mit einem ältren Freund. Ein stummer Schock.

Wir fuhren fort, zum Fest, als wär nichts rings.

Die Polka spielte – grad wie jetzt im Ohr –

Und auf dem Tanzplatz, mitten im Gedränge,

Da brach es aus mir aus: „Ich weiß Bescheid!

Du ekelst mich!“, so schrie ich in den Takt.

Er lief hinaus. Ein Schuss gellt durch die Nacht!


(Ein plötzlicher, imaginärer Schuss ertönt in der Musik. Die Polka bricht abrupt ab. Blanche schaudert.)


Er schoss sich in den Mund. Da brach das Licht.

Seit jenem Tag, da dieser Schein erlosch,

Gab es kein Licht mehr auf der weiten Welt,

Das heller war als diese Küchenkerze.

Nur Schatten blieben mir und dunkler Raum.


(Mitch, tief bewegt von ihrer Beichte, tritt sachte an sie heran. Er nimmt sie sanft in den Arm.)


MITCH

Du brauchst wen, Blanche. Und ich brauch jemanden.

Vielleicht... vielleicht sind wir das füreinander?


BLANCHE

(weint an seiner Schulter, flüstert)

Oh, Mitch... Vielleicht.


(Mitch hebt ihr Kinn und küsst sie innig. Das Licht erlischt langsam bis zum Blackout.)





Szene 7


(Ort: Das Apartment der Kowalskis. Herbst. Stella schmückt den Raum für Blanches Geburtstag. Stanley tritt ein.)


STANLEY

Die Zeit vergeht, der Herbst zieht in das Land,

Und du stehst hier und putzt die Wohnung raus,

Als gäb es Grund zu feiern. Stella, hör:

Ich habe nachgeforscht. Die weiße Lilie,

Als die sich deine Schwester gerne gibt,

Ist längst verwelkt. Sie ist kein unschuldig Kind.

Im „Flamingo“, dem Hotel von wildem Ruf,

Wo man die Augen schließt vor jedem Laster,

Selbst dort warf man sie raus! Ganz Laurel weiß,

Dass sie die Keuschheit wie ein Kleid verlor.

Man jagte sie auf einer Eisenstange

Aus ihrer Heimatstadt. Und auch die Schule

Verließ sie nicht aus freiem Willen, nein!

Sie wurde kühl gefeuert vor dem Jass,

Weil sie im Geheimen einen Knaben liebte,

Ein Kind noch, siebzehn Jahre alt und zart.


STELLA

Ich glaub dir nicht! Das sind nur gift’ge Lügen,

Die Neider spinnen, um sie zu zerstören.

Sie ist sensibel, Stanley, tief verletzt.


STANLEY

Glaub, was du willst. Doch eins ist heute klar:

Erwarte Mitch nicht zum Geburtstagskuchen.

Als treuer Freund war ich die Pflicht ihm schuldig,

Ihm zu erzählen, was ich nun gefunden.

Er wird sie sicher nicht mehr ehelichen.

Und hier – schau her: Ich kaufte dieses Ticket.

Am Dienstag fährt der Bus nach Laurel rückwärts.


(Blanche tritt aus dem Badezimmer. Sie blickt in die Gesichter der beiden und spürt die Kälte.)


BLANCHE

Was ist geschehen? Warum schweigt ihr so?

Ihr seht mich an, als wär ein Geist im Raum.


STELLA (weicht aus)

Es ist nichts, Blanche. Setz dich. Das Essen wartet.





Szene 8


(Ort: Fünfundvierzig Minuten später, der Geburtstagstisch. Ein leerer Stuhl bleibt für Mitch. Die Stimmung ist düster.)


BLANCHE (versucht verzweifelt, die Stille zu füllen)

Da war ein Witz... ein Mann, der einen Affen...

Ach nein, ich bring die Zeilen nicht zusammen.

Warum lacht niemand? Ist es denn so still?


STELLA (zu Stanley)

Wie du das Fleisch mit deinen Fingern packst!

Benutz die Gabel, Stanley. Sei kein Tier.


STANLEY (schlägt auf den Tisch)

Genug davon! Ich hab es satt, verdammt!

Seit diese Dame wohnt in meinem Haus,

Behandelt ihr mich wie ein Stück von Dreck!

Ich bin der König hier in meiner Burg!

Ihr nennt mich vulgär, blickt auf mich herab –

Ich gehe jetzt! Sucht euch den Anstand selbst!


(Stanley stürmt hinaus auf die Galerie. Blanche zittert.)


BLANCHE

Stella, ich flehe dich an, sag mir die Wahrheit.

Was war vorhin, als ich im Bade saß?

Hat er mit Mitch gesprochen? Sag es mir!


STELLA

Ich weiß von nichts. Frag mich jetzt bitte nicht.


BLANCHE (läuft zum Telefon)

Ich muss ihn rufen. Mitch muss doch erklären,

Warum er fehlt an meinem Wiegenfest.

(Sie wählt, wartet)

Er ist nicht da. Ich lasse ihm ein Wort...

(Sie legt auf, starrt ins Leere)


(Stanley kommt zurück, seine Wut ist verflogen, er umarmt Stella heftig.)


STANLEY

Hab keine Angst, mein Mädchen. Wenn sie fort ist,

Wird alles wieder so, wie es mal war.

Nur du und ich. Im Dunkeln. Wie am Anfang.


BLANCHE (sieht Stella, die Kerzen auf den Kuchen steckt)

Spar dir die Kerzen, Schwester. Steck sie weg.

Behalt sie für das Baby, das bald kommt.

Mein Geburtstag braucht kein falsches Licht.


STANLEY

Ich habe ein Geschenk für dich, mein Gast.

Damit du weißt, wie sehr ich an dich denke.

Ein Busticket. Nach Laurel. Einfache Fahrt.

Am Dienstag geht die Reise. Pack nur schon.


(Blanche versucht zu lächeln, ihr Gesicht verzerrt sich vor Schmerz. Sie presst die Hand auf den Mund und rennt ins Badezimmer, um sich zu übergeben.)


STELLA (wütend und den Tränen nah)

Das war grausam! Unnötig und gemein!

Man war schon immer grausam gegen Blanche,

Seit sie ein Mädchen war. Das brach ihr Herz

Und machte sie zu dem, was sie nun ist.


STANLEY

Du dachtest auch, ich sei gemein und wild,

Als wir uns trafen. Doch ich zog dich raus

Aus deinen Plantagenträumen, aus dem Schloss,

Herab in meinen Dreck - wir waren glücklich!

Bis sie erschien und Gift in alles goss.


STELLA (greift sich an den Bauch, stöhnt vor Schmerz)

Stanley... hör auf... Ich kann nicht mehr... Das Kind...

Es kommt. Es fängt jetzt an. Bring mich heraus.


STANLEY (sofort verändert, stützt sie zärtlich)

Ich bin bei dir. Ganz ruhig. Ich bin hier.

Vergiss den Rest. Wir fahren in die Klinik.


(Sie gehen ab. Die Bühne bleibt leer zurück, man hört nur das leise Schluchzen von Blanche aus dem Badezimmer.)





Neunte Szene


(Ort: Das Wohnzimmer der Kowalskis. Es herrscht dämmriges Licht. Blanche ist allein, sie trinkt aufgepeitscht und nervös. Aus der Ferne oder in ihrem Kopf ertönt die schwermütige Weise der „Varsouviana“. Plötzlich ertönt ein eingebildeter Schuss – die Musik bricht abrupt ab. Es klopft heftig an der Tür. Blanche fängt sich, versucht ein unbeschwertes Lächeln aufzusetzen und öffnet. Mitch tritt ein. Er hat getrunken, seine Kleidung ist ungeordnet, sein Blick finster.)


BLANCHE

Da bist du ja! Wie lang hab ich gewartet,

Gezählt die Stunden, die vergangen sind.

Ich dachte schon, du hättest mich vergessen!

Komm, setz dich, Mitch. Verzeih, wie ich hier ausseh –

Ein wildes Durcheinander! Doch das Fest,

Das abgebrochne Mahl, es ließ mich irre

Und einsam treiben. Willst du einen Schluck?

Hier steht noch Bourbon, köstlich und erfrischend…


MITCH (grob, weist das Glas ab)

Ich rühre Stanleys Schnaps nicht an. Kein Tropfen.


BLANCHE (versucht die Leichtigkeit zu wahren)

Wie streng du bist! Was ist dir widerfahren?

Du blickst so finster, wie ein Gewitterhimmel.

Hörst du es auch? Die Musik ist vorbei.

Sie spielt in meinem Kopf… die Melodie…

Und dann der Schuss! Erst dann wird alles still.

Ein schrecklich Ding. Doch sag, warum der Groll?

Hab ich gefehlt? Komm, lass uns fröhlich sein!


MITCH

Genug der Spiele, Blanche. Ich kam hierher,

Um endlich klarzusehen. Weißt du eigentlich,

Dass ich dich nie im hellen Tageslicht

Betrachtet habe? Niemals! Immer nur

Im Schatten dieses Zimmers, oder nachts,

Wenn kaum ein Schimmer auf dein Antlitz fiel.

Du suchst das Dunkel, meidest jeden Strahl,

Der Wahrheit bringen könnte.


BLANCHE (weicht zurück)

Mitch, das Licht…

Es ist so grausam, so unbarmherzig.


MITCH

Ich will dich sehen. Ganz und ungeschminkt.


(Mitch tritt entschlossen an die Stehlampe und reißt den bunten Papierlampion von der nackten Glühbirne. Grelles, weißes Licht flutet den Raum und trifft Blanche wie ein Schlag. Sie schreit auf und verbirgt das Gesicht.)


BLANCHE

Nein! Tu das nicht! Ich will den Zauber nur!

Ich will kein raues, nacktes Wirklichsein!

Der Alltag ist so kalt. Ich will Magie!

Ich lüge nicht aus Bosheit, sondern weil

Die Welt so hässlich ist – ich schmücke sie,

Damit man sie erträgt!


MITCH (löscht das Licht wieder; verbittert)

Es kümmert mich

Nicht, dass du älter bist, als ich geglaubt.

Das hätt ich dir verziehn. Doch was mich würgt,

Was ich nicht atmen, nicht ertragen kann,

Ist deine Wahrheit. Deine fleckige Nacht.

Die Schande, die man sich im Ort erzählt.


BLANCHE (etwas bricht in ihr auf; wild, ekstatisch)

Du willst die Wahrheit? Gut! So hör sie doch!

Ja, Fremde waren’s! Intim mit Fremden!

Ein Meer von Leibern, namenlos und grau,

In das ich stürzte, um nicht zu ertrinken!

Als Allan starb – mein Junge, mein Gemahl –,

Da blieb nur Leere, eine Wüste hier,

In meiner Brust. Und dieses tiefe Loch

Hab ich gestopft mit jener wilden Gier,

Mit jedem Mann, der mir ein Lächeln schenkte,

Um nur für Sekunden warm zu sein!

Ich dachte, du – ja du! – wärst meine Rettung.

Ein sichrer Hafen vor dem Untergang.


MITCH (verletzt, fassungslos)

Du hast mich nur belogen, jedes Wort

War Trug und falscher Schein.


BLANCHE

In meinem Herzen

Hab ich dich nie belogen, Mitchell! Nie!


(Draußen auf der Straße geht eine mexikanische Frau vorbei. Ihre Stimme klingt klagend und monoton.)


DIE MEXIKANERIN (von draußen)

Flores… flores para los muertos… Flores…


BLANCHE (starrt ins Leere, völlig entrückt)

Blumen für die Toten… Ja, der Tod!

Er wohnte bei uns in Belle Reve, mein Freund.

Er saß am Tisch, er lag in jedem Bett.

Die Laken blutbefleckt, das Keuchen schwer,

Der Atem, der verrottet, eh er flieht.

Die alten Tanten, Onkel – alle starben,

Und ich stand da, hielt ihre schwachen Hände,

Bis sie erloschen. Oh, der Tod riecht süß…

Und nur das Leben, wild und ungestüm,

Konnt ihn vertreiben! Drüben bei dem Lager,

Die Soldaten, die riefen meinen Namen

In dunkler Nacht. Ich ging zu ihnen hin,

Weil nur die Lust den Tod besiegen kann!


(Mitch starrt sie stumm und verständnislos an. Das Gehörte übersteigt sein Begreifen. Er klammert sich an sein ursprüngliches Begehren und versucht grob, sie zu umarmen und zu bedrängen.)


MITCH

Du bist nicht zu gut für mich, wie du stets tatest.

Ich will nun das, was du mir vorenthieltst

Den ganzen Sommer lang. Komm her zu mir!


BLANCHE (windet sich los, stolz und verzweifelt)

Wenn du mich willst, so musst du mich auch freien!

Willst du mich heiraten?


MITCH (stößt sie zurück)

Dich heiraten?

Dazu bist du nicht rein genug, mein Mädchen.

Ich kann dich nicht in jenes Haus geleiten,

In dem mein’ alte Mutter glücklich wohnt.


BLANCHE (atmet schwer, ihre Augen weiten sich vor Entsetzen)

Geh fort. Geh augenblicklich aus dem Haus!

Bevor ich schreie! Geh! Ich warne dich!


MITCH (starrt sie stumpf und unfähig zu handeln an)


BLANCHE (gellend)

Feuer! Es brennt! Helft! Feuer! Feuer! Feuer!


(Mitch erschrickt über ihren Wahnsinn, weicht voller Panik zurück und stürzt blindlings aus der Tür. Blanche bleibt keuchend, zitternd im halbdunklen Raum zurück.)





Szene 10


Personen:


Blanche DuBois

Stanley Kowalski


(New Orleans. Das Apartment der Kowalskis. Einige Stunden später. Blanche ist betrunken, trägt ein zerschlissenes Abendkleid und Modeschmuck. Sie spricht zu imaginären Verehrern, blickt in einen Handspiegel, erschrickt und schlägt ihn zertrümmernd auf den Tisch. Stanley tritt ein, ebenfalls angetrunken, im Festtagshemd.)


BLANCHE (zu sich)

Ihr kommt zu spät, mein Herr. Das Schiff liegt da

Im Hafen schon. Ein Telegramm kam an ...

(Sie sieht sich im Spiegel)

Ist das mein Antlitz? Gott, wie alt und fahl!

Die Jugend flieht, der Glanz ist längst dahin!

(Sie schlägt den Spiegel zertrümmernd nieder)

Zerspring in tausend Teile, falsches Glas!


(Stanley kommt durch die Tür.)


STANLEY

Wer haust denn hier? Die Königin von Saba?

Was treibst du da im Staatskleid, alte Schwester?

Der Arzt schickt mich nach Haus. Das Kind lässt warten,

Vor morgen früh gebiert die Stella nicht.

Da bin ich nun. Was schaust du mich so an?


BLANCHE (versucht die Haltung zu wahren)

Ein Telegramm erreichte mich soeben.

Von Shep. Er lädt mich ein. Auf seine Yacht.

Die Karibik wartet. Eine Kreuzfahrt, Stanley!

Er will mich retten aus der Dunkelheit.


STANLEY (gutmütig, winkt ab)

Na sieh mal an! Der Öl-Baron schlägt zu!

Komm, begraben wir das Kriegsbeil für die Nacht.

Heut ist ein großer Tag, ein roter Tag:

Mein Kind wird bald geboren, und dein Graf

Erweist sich als spendabel. Trink ein Bier!

(Er reicht ihr eine Flasche, sie weicht aus)

Kein Bier für dich? Na gut, dann trink ich selbst.


(Stanley geht ins Bad, um sich umzuziehen. Blanche spricht weiter, fast in Trance.)


BLANCHE

Er ist ein Gentleman. Er sucht nur dies:

Die Einsamkeit zu teilen, den Verstand,

Denn Schönheit welkt, sie ist ein Hauch im Wind,

Doch Geist und Herkunft, die vergehen nie.

Wie seltsam, dass man mich bemitleidet, mich,

Die reich an Schätzen ist, tief im Gemüt!

Und doch – was tat ich hier? Ich warf die Perlen

Nur vor die Säue, die im Schlamme wühlen.


(Stanley tritt im seidenen Hochzeits-Pyjama aus dem Bad. Seine Miene hat sich verfinstert.)


STANLEY

Was sagtest du? Von Säuen war die Rede?

Ich habe deine Sprüche satt, du falsche

Und abgehalfterte Prinzessin, ja!

Du glaubst, ich schlucke deine Lügen noch?


BLANCHE (panisch, legt nach)

Auch Mitch war hier! Er kam zu mir zurück!

Er flehte auf den Knien um Vergebung!

Doch ich wies ihn zurück. Er kam zu spät.


STANLEY (tritt drohend näher)

Du lügst! Du lügst, dass sich die Balken biegen!

Kein Telegramm traf ein! Und Mitch war nie

An dieser Tür, um dich um Verzeihung anzuflehn!

Ich kenn den Mitch, ich kenne deine Tricks!

Die Maske fällt! Du bist am Ende, Blanche!

Vorbei das Spiel mit Licht und Schattenspiel!


BLANCHE (weicht entsetzt zurück)

Rühr mich nicht an! Ich muss ... ich muss ihn rufen!

(Sie rennt zum Telefon, wählt hastig)

Vermittlung! Schnell! Nach Texas! Zu Herrn Huntleigh!

Hier droht Gefahr! Die Schatten... Gott, die Wände!

Sie brechen ein! Stanley, bleib stehn, ich warne dich!


STANLEY (grinst böse, versperrt den Weg)

Wen willst du rufen? Deinen Geist aus Gold?

Es gibt kein Schiff, es gibt nur dich und mich.

Du hast dich fein gemacht für diesen Abend?

Du wolltest Action? Schau dich an, du Hure!


BLANCHE (schlägt eine Bierflasche am Tisch ab und hält ihm den Hals entgegen)

Kommst du mir nah, zerfetz ich dir das Antlitz!

Ich schwöre es! Ich wehre mich bis aufs Blut!


STANLEY

Ah, eine Wildkatze! Du willst es rau?

Das Spiel gefällt mir. Packen wir es an!


(Er springt auf sie zu, packt ihr Handgelenk und zwingt sie, die Flasche fallen zu lassen. Sie bricht weinend in seinen Armen zusammen.)


STANLEY

Wir haben dieses Date schon seit Beginn,

Vom ersten Tag an, als ich dich sah. Kommt mit!


(Er hebt die wehrlose Blanche hoch und trägt sie auf das Bett, während die Schatten im Raum die Realität völlig verschlingen.)






Szene 11


Personen:


Stanley Kowalski

Stella Kowalski, seine Frau

Blanche DuBois, Stellas Schwester

Mitch, Stanleys Freund

Eunice, die Nachbarin

Der Arzt

Die Pflegerin

Steve und Pablo, Pokerspieler



(Das Apartment der Kowalskis. Einige Wochen später. Im Hauptraum läuft ein Pokerspiel. Stanley, Mitch, Steve und Pablo sitzen am Tisch. Stanley häuft sichtlich Gewinne an. Auf der Veranda stehen Stella und Eunice. Das Baby schläft drinnen.)


STANLEY

(wirft Karten hin)

Das Blatt ist mein! Das Glück ist mir gesinnt.

Her mit den Scheinen, her mit eurem Gold!


STEVE

Du hast die Teufelskarte heut gepachtet.


PABLO

Mensch, Stanley, lass uns auch mal einen Stich!


STANLEY

Wer wagt, gewinnt. Wer feige kuscht, verliert.

Mitch, du bist dran. Was ist? Wo bleibt dein Einsatz?

(Mitch starrt düster auf seine Karten und schweigt.)


(zur Veranda)


STELLA

Sie badet noch. Sie badet ohne Ende.

Eunice, hör mir zu. Man sagte mir,

sie brächten sie aufs Land, an einen Ort,

wo sie sich ausruhn kann. In ihrem Geist

verwirrt sich das mit diesem Shep Huntleigh,

dem reichen Mann aus Texas, weißt du noch?


EUNICE

Es ist das Beste, Stella. Glaub es mir.


STELLA

Ich weiß nicht, ob ich recht gehandelt habe...

Ich konnte ihre Kunde nicht glauben und

noch weiterleben hier mit meinem Mann.


EUNICE

Glaub es auch nicht! Hör niemals auf sie, Stella!

Das Leben fordert Mut. Es muss weitergehn,

man darf nicht rückwärts schaun, sonst bricht man ein.


(Blanche öffnet die Tür zum Badezimmer. Sie ist in einen Bademantel gehüllt, wirkt fragil, aber bemüht sich um Haltung.)


BLANCHE

Stella, mein Süßes? Legst du mir das Kleid bereit?

Das gelbe Samtkleid für die große Reise?


STELLA

(beherrscht)

Ja, Blanche, es liegt bereit. Ich helfe dir.


(Blanche zieht sich wieder zurück. Drinnen am Pokertisch.)


MITCH

(seufzt schwer beim Klang ihrer Stimme)

Ach, Gott...


STANLEY

(schlägt auf den Tisch)

Was soll das Winseln, Mitch? Spielst du nun mit,

oder willst du wie ein Waschweib hier verzaglich hocken?

Blase den Trübsinn aus!


BLANCHE

(hinter der Wand, erschrickt heftig)

Wer sprach da eben? War das... Stanleys Stimme?

Was geht hier vor? Nein, nein, ich sorge mich

um nichts an diesem Tag. Mein Koffer wartet.


(Sie kommt heraus, beginnt sich anzukleiden, spricht im Monolog vor sich hin.)


Ich hoffe nur, ich sterbe auf dem Meer.

An einer ungewaschnen Traube, ja,

die mir ein Fieber bringt auf blauem Grund.

Und man begräbt mich in der tiefen Flut,

im saubren, weiten, salzgen Ozean,

wenn Mittagszeit ist und die Sonne brennt.

Dort find ich Ruh, getragen von den Wellen...


(Es klopft an der Tür. Ein Arzt und eine Pflegerin in strenger, fast unheimlicher Anstaltskleidung erscheinen im Türrahmen.)


BLANCHE

(eilt freudig zur Tür)

Da ist er ja! Mein Retter! Mister Huntleigh!

(Sie stockt, sieht den Arzt, weicht entsetzt zurück.)

Nein... Nein, das sind Sie nicht! Wer sind Sie, Herr?


(Die Szenerie verliert ihre Realität. Unheimliche, verzerrte Schatten spielen an den Wänden. Die melancholische Musik der „Varsouviana“ ertönt, Stimmen hallen wider.)


DIE PFLEGERIN

(tritt kalt und bedrohlich näher)

Komm mit, Miss DuBois. Es ist an der Zeit.


BLANCHE

(panisch)

Rühr mich nicht an! Stella! Lass sie nicht rein!

Ich will zurück! Ich will... wo ist der Ausgang?!


(Blanche versucht zu fliehen. Die Pflegerin packt sie brutal. Stella stürzt vor.)


STELLA

Nein, lasst sie los! O Gott, was tun sie ihr?!


EUNICE

(hält Stella mit aller Kraft zurück)

Bleib hier, mein Kind! Du darfst jetzt nicht dazwischen!


MITCH

(springt auf, geht auf Stanley los)

Du hast das angerichtet! Du verfluchtes Schwein!


STANLEY

(stößt Mitch zurück)

Halt dein Maul, Mitch, oder ich schlag dich nieder!


(Mitch bricht am Pokertisch zusammen und schluchzt haltlos in seine Hände.)


DIE PFLEGERIN

(hält Blanches Arme auf dem Rücken gepackt)

Soll ich die Zwangsjacke nehmen, Doktor?


DER ARZT

Nein. Nur wenn es sein muss.

(Der Arzt nimmt langsam seinen Hut ab. Seine Miene wird sanft, menschlich und höflich. Er tritt direkt vor Blanche.)

Lass sie los, Madame.


(Die Pflegerin lässt Blanche frei. Blanche, schwer atmend, sieht den Arzt an. Seine Ruhe überträgt sich auf sie. Sie zittert, reicht ihm dann aber zögernd die Hand. Er hilft ihr sanft auf.)


BLANCHE

(sieht ihn mit traurigem, erhabenem Lächeln an)

Wer Sie auch sind, mein Herr... ich habe stets

mich auf die Güte Fremder nur verlassen.


(Der Arzt führt Blanche langsam und behutsam an den weinenden Männern vorbei nach draußen. Sie gehen ab.)


STELLA

(bricht in Tränen aus, läuft an die Tür)

Blanche! Blanche! Mein Schwesterlein! O Blanche!


STANLEY

(tritt unsicher und unbeholfen von hinten an Stella heran)

Stella... Mein Mädchen. Komm. Es ist vorbei.


(Er nimmt sie in die Arme. Sie weint bitterlich an seiner Brust. Am Tisch mischt Steve die Karten neu.)


STEVE

Das Spiel heißt Seven-Card Stud. Wer gibt die Karten?


(Der Vorhang fällt schnell.)