DAS KLEINE TESTAMENT
IM JAHR 1456.
DEUTSCH VON TORSTEN SCHWANKE
Vierhundertfünfzig Jahr’ und mehr,
Seit ich, Villon, ein Vagabund,
Den Kopf voll Gram und Sinn so schwer,
Gesteh’ ich meine Sünden kund.
Die Welt ist alt, mein Geist ist wund,
Wie Vegetius einst uns lehrt:
Ich zähle nach, bin nicht gesund,
Da nun die Welt sich abwärts kehrt.
Zur Zeit, als ich den Plan gemacht,
Um Weihnachten, in starrer Kälte,
Wenn Wölfe heulen durch die Nacht
Und Hunger herrscht in jedem Felde,
Da sah ich, wie das Schicksal melde:
Ein Gast kam, brach das Eisen auf,
Mein Herz, das sich dem Schmerz gesellte,
Nahm seinen traurigen Verlauf.
Ich mache nun mein Testament,
Da ich den Tod vor Augen seh’,
Ich beichte, wie das Schicksal brennt,
Und fühl’ das Maß von meinem Weh.
Ich klage Göttern, was geschehe,
Dass meine Reue bitter schmeckt,
Dass ich im süßen Sünden-Gehe
Die alte Qual in mir erweckt.
Wenn ich an meine Fehler denke,
An Schönheit, die so schnell verblasst,
An all die trügerischen Geschenke,
Die mich entblößt zur Stunde fasst.
Die Hose weiß – ein eitler Gast,
Ich hab’ die Gnade wohl verfehlt.
So nehm’ ich nun die Schläge Last,
Die meine arme Seele quält.
Sein Blick, der mich gefangen hält,
Der mich verdammt, auch wenn ich fleh’,
Er zwingt mich, wie es mir gefällt,
Zum Tod, der ich mich kaum verseh’.
Wenn Hilfe naht, oh weh, oh weh,
So grabt mich ein im kalten Sand.
Ich sterbe dort am Ufer des See,
Ein Liebhaber mit leerer Hand.
Wie schwer beginnt der neue Tag,
Wenn Lachen mir im Halse stockt,
Wie groß ist meine Klag’ und Schlag,
Wo mein Verstand in Schmerzen hockt.
Der Wald von Boulogne, der mich lockt,
Ist nicht mehr heiter, wie er war.
Mein Herz, das an dem Abgrund schockt,
Gott höre meine letzte Schar!
Im Namen Vater, Sohn und Geist,
Und ihrer, die den Segen bringt,
Weil Gottes Gnade Gutes weist,
Auch wenn der Tod am Rande singt:
Ich hinterlass’, wo man mich zwingt,
Guillaume Villon, mein Namensgut,
Das wie ein Pavillon erklingt,
Wenn ich verlasse Zelt und Blut.
Ythier, dem ich mich eng verbunden,
Dem geb’ ich meinen scharfen Stahl,
Wo ich schon viele Müh’ gefunden,
In diesem dunklen Jammertal.
Jehan le Cornu, trotz der Qual,
Weil er im Kerker für sechs Cent sitzt,
Den grüß’ ich hier beim letzten Mahl,
Bevor der Henker scharf nun blitzt.
Sankt-Amant kriegt das Pferd mit Mähnen,
Und Blaru meinen Diamant,
Die Eselin, die oft zum Sehnen
Mich brachte durch das ganze Land.
Und wer das Dekret wohl erkannt:
Die Karmeliten-Blase hier,
Susanne ist an ihr benannt,
Gehör’ den Frauen, nicht dem Stier.
Dem Metzger Found, der Schafe schlachtet,
Lass’ ich das Rind, das wohlbekannt,
Den Stumpf, den man so kaum beachtet,
Die Kuh, die uns nun völlig entwand.
Der Hässliche, der mit der Hand,
Sich weigert, mir das Pfand zu geben,
Den häng’ man an ein festes Band,
Zum Strick, dem Ende aller Leben!
Und Robert, Kleriker der Scharen,
Der im Parlament nicht fest nun steht,
Der gähnen muss in diesen Jahren,
Weil er den Sinn der Welt versteht.
Jehannetons Rock, der sich dreht,
Soll er zum Andenken nun kriegen,
Bevor der Geist im Wind verweht
Und alle falschen Götter liegen.
Das Leben Robert, kurz bemessen,
Ich geb’ es auf, hab’ keine Lust.
Das Hauben-Geld soll man vergessen,
Verkauft es schnell mit froher Brust!
Ein Fenster nahe Saint-Jacques-Last
Soll man damit nun fertigbauen,
Dass man dort ruhig rasten lässt,
Wenn wir dem Tode in die Augen schauen.
Jacques Cardon schenk’ ich meine Seide,
Mein Riesentuch, das schwer und fein,
Dazu die Eichel, die ich meide,
Und zehn Kannen vom weißen Wein.
Ein Ach und Weh soll bei ihm sein,
Zwei Versuche, die nicht viel bringen.
Ich lass’ es ihm im Sonnenschein,
Bevor die Totenglocken klingen.
René de Montigny, mein Erbe,
Drei Hunde kriegt er nun von mir.
Raguyer, der im Geiste sterbe,
Hundert Franken – ich steh’ dafür!
Doch was ich nahm von Mensch und Tier,
Ich versteh’ nicht, wie das geschehen.
Sei nicht zu stolz, mein Freund, hier,
Lass uns die Welt mit Demut sehen.
Grigny bekommt die ganze Last,
Sechs Hunde mehr noch als René.
Das Schloss, das fest zur Burg dort passt,
Den Bergfried und den kalten Schnee.
Ein Schäferlied zum großen Weh,
Von Troja soll der Klang erklingen,
Dass Ruhe einkehrt, eh’ ich geh’,
Und wir im Wein das Ende singen.
Raguyer, ihm schenk’ ich den Ort,
Wo Popin einst die Not verrichtet.
Sein Schwestern-Clan findet das Wort,
Das dort im Tannengrün gedichtet.
Am Feuer, wo das Schinkenlichtet,
Da soll er dösen in der Welt.
Was dort im Dreck zum Boden pflichtet,
Ist alles, was für ihn noch zählt.
Für Mautainct und Basannier,
Das ist der Wille des Herrn auf Erden.
Ihr Pakete – tragt sie nun hier,
Soll’n sie doch ohne Sparsamkeit werden!
Dem Fournier, der in diesen Beschwerden
Mit löchrig’ Schuh’ und Hosen geht,
Soll’n diese Festtage nur Milde werden,
Bevor der Wind des Alters weht.
Dem Kavalier der Stadtwacht, ach,
Schenk’ ich die Lampe, die da leuchtet.
Für jene, die auf stolzer Sach’
Im Regen stehn, das Auge feuchtet.
Rubine, die die Nacht befeuchtet,
Oder ein Lied von Trojas Pracht,
Wenn man mich in den Kerker beuchtet,
Weil ich das Schicksal wohl bewacht.
Perrenet, sag’ dem Bastard gleich,
Er sei ein Wandrer ohne Ziel.
Dem Louis schenk’ ich butterreich
Das Fett, das in den Händen viel.
Die Liebe, sie ist nur ein Spiel,
Das ihn in den Ruin wird führen.
Er ist ein Handwerker, kein Stil,
Wird bald den Untergang verspüren.
Le Loup und Chollet, nehmt die Ente,
Die unter Wänden ihr wohl findet.
Das Ende kommt, die letzte Rente,
Wenn sich der Rauch im Dunkeln windet.
Ein Sack voll Tabak, der uns bindet,
Von Kopf bis Fuß mit Kohlen schwer.
Mein Schatten, der nun dort verschwindet,
Ist nun ein Pferdefuß, so leer.
Ich lass’ das Kind aus Troja nackt,
Verwaist und arm in dieser Welt.
Wenn man den Wurm mit List bepackt,
Ist das, was von dem Leben hält.
Vergebt mir, dass mein Geist entfällt,
Es ist nun Zeit, das Buch zu schließen.
Das Geld, das in die Hände fällt,
Soll nun in fremde Becher fließen.
Für Colin, Girard und Jehan,
Die Käufer meiner letzten Habe,
Sie stehen nun im Lebensplan,
Als Wächter über meiner Grabe.
Ich geb’ ihnen meine letzte Gabe,
Vier I-Punkte auf das Papier.
Wenn ich alt bin, wird diese Wabe
Ihr Festmahl sein – das wünsch’ ich mir!
Und Cotin, Vitry, geistlich mild,
Die Latein sprechen, ohne Grauen,
Sie sollen in ein schönes Bild
Der Mädchen aus dem Hause schauen.
Guillot-Gueuldry wird ihnen bauen
Ein Bett, bis sich die Zeit dann dreht.
Man muss der Zukunft wohl vertrauen,
Bevor der Geist im Wind verweht.
La Crosse, Saint-Antoine sei dein,
Das Billardspiel, der Topf, die Bälle!
Die Schweine im Stall, der Sonnenschein,
Die Vögel an der hellen Quelle.
Und meine Spinnennetze, schnelle,
Den Krankenhäusern reich’ ich dar.
Die Not, sie kommt wie eine Welle,
Wenn ich bald bei den Toten war.
Die Pferdegebisse, alt und schwer,
Dem Friseur, der an den Mähnen schneidet.
Die Schuh’ dem Schuster – ich hab’ sie nicht mehr,
Das Kleid, das wohl unter der Last nun leidet.
Was man für neun Francs noch erleidet,
Das geb’ ich dem, der es begehrt.
Mein Testament, das sich nun kleidet,
In das, was man am Ende ehrt.
Den Bettelorden, karg und schlicht,
Den Töchtern Gottes, fern der Welt,
Schenk’ ich den Senf, wenn’s an ihm bricht,
Und Honig, der den Gaumen hält.
An Fett und Schwein, was ihnen fehlt,
Soll’s bei den Schwestern nun nicht mangeln,
Auch wenn der Prediger nun wählt,
Ihr Brot mit beiden Händ’ zu angeln.
Den Goldenen Mörser, wohlbekannt,
Soll Jehan, der Krämer, nun behalten,
Und einen Galgen, nah dem Rand,
Um Senf und Tücke zu gestalten.
Saint-Mor soll ihn nun mit Gewalt
In seine Dienste fest einweben,
Bei Antoine – denn mein Leben wallt
Schon bald hinab in alle Leben.
Mairebeuf und Louvieulx, seht her,
Die Schale eines Eies bloß,
Ein Stück von Frankreich, lang her,
Das macht das Los wohl ebenso groß.
Dem Wächter, der in Gouvieulx steht,
Soll man noch mehr nun als Geschenk –
Wenn’s nach dem Prinzen, der versteht,
In seine Hand als Gabe lenkt.
Ich schreibe dies, die Nacht ist still,
Der Geist ist klar, das Ende naht,
Ich sag’, was ich noch sagen will,
Bevor der Tod den Weg nun trat.
Die Sorbonne-Glocke, zart und matt,
Ruft neun Uhr durch die kalte Luft,
Ich bete, dass mein Herz nun hat,
Was Gott für meine Feinde ruft.
Mein Sinnen ist nun fest gebunden,
Ich sehe die Erinnerung klar,
Habe die Speis’ der Welt gefunden,
Die mir sonst so fremd oft war.
Der Falke und der Geist, fürwahr,
Sie streiten sich in meinem Kopf,
Aristoteles, der einst so war,
Verlor den Faden, armer Tropf.
Die Fantasie, sie wacht nun auf,
Entfaltet sich im letzten Licht,
Sie nimmt nun ihren letzten Lauf,
Vergisst die Welt und ihre Pflicht.
Die Allianz, sie wankt und bricht,
Ich habe sie nun ganz verlassen,
Die Wahrheit, die das Herz verspricht,
In dieser Welt der schweren Gassen.
Mein Gefühl, das in der Ruhe liegt,
Das Denken ist nun fast vollbracht,
Das Ende, das den Geist besiegt,
Im Dunkel dieser kalten Nacht.
Die Tinte ist erstarrt, bewacht
Vom Frost, die Kerze ist nun leer,
Das Feuer hat mir nicht gelacht,
Ich schlaf’ und weiß nun nichts mehr sehr.
Geschrieben in der letzten Stunde,
Von Villon, dessen Ruf verblasst,
Kein Feigenbaum gibt mir die Runde,
Ich bin nur noch des Todes Gast.
Schwarz wie ein Tupfer, ohne Rast,
Kein Zelt, kein Heim, das mir geblieben,
Nur Holz, das nun die Welt entlastet,
Mein Kreuz, das ich in Schmerz geschrieben.