GESPRÄCH EINES LEBENSMÜDEN MIT SEINER SEELE

ALTÄGYPTISCHES POEM


DEUTSCH VON TORSTEN SCHWANKE



MANN:


Da öffnete ich meinen Mund zur Seele,

zu antworten auf das, was sie gesprochen:

Zu groß ist dies für mich am heutigen Tag,

denn meine Seele redet mir entgegen.

Es ist auch allzu viel an Übertreibung:

Mein Geist verlässt mich, achtet nicht, was ist.

Er soll sich kümmern um mein tiefstes Selbst,

mein andrer Teil, der Leben von sich stößt.

Doch darf er mir nicht widersprechen mehr,

denn er ist eingeschnürt in meinem Leib—

an Tagen schwerer Not verlässt er nicht.


Doch sieh, mein Geist verführt mich in das Dunkel.

Ich kann nicht hören, was er mir befiehlt,

weil er mich zieht zum Tod, eh ich ihn seh,

weil er mich wirft ins Feuer, das mich zehrt.

Was leidet er, dass er […]

den Rücken kehrt dem Bruder, der ihm nah?

Er soll doch bei mir sein in dunkler Stunde,

als Sprecher stehen jenseits und mich loben—

denn das ist einer, der sich selbst hingibt.


Mein Geist ist töricht, Elend zu ertragen,

er treibt mich fort, zum Tod, eh ich bereit.

Er macht mir süß den Westen: "Ist’s so schwer?

Das Leben ist ein Kreis;

die Bäume fallen.

Tritt auf das Chaos,

und leg mein Elend nieder.

Lass Thot mich richten,

und die Götter stillen;

lass Chons mich führen,

der die Wahrheit schreibt;

der Sonnengott höre,

der den Sonnenkahn beruhigt;

und Isdes möge sprechen

im heiligen Gericht—

denn meine Last ist schwer geworden,

und keiner hebt sie mir empor."


Süß wär’s, wenn Götter meine Tiefen scheuten,

was meine Seele mir dazu gesagt:

"Du bist kein Mann,

auch wenn du noch am Leben.

Was hast du denn davon,

wenn du das Leben liebst wie reiche Herren,

die sprechen: 'Ich bin nicht gegangen',

wenn alle andern schon gefallen sind?

Du wirst herausgerissen, ohne Blick,

während Entbehrte sagen: 'Wir bestehlen dich',

und du bist tot dabei,

doch dein Name bleibt lebendig.

Dort drüben ist ein Ort des Einkehrns,

ein Herzbehälter.

Der Westen ist ein Hafen—

für den, der weise ist, das Ziel der Fahrt."


Der Westen ist ein Hafen—

für den, der weise ist, das Ziel der Fahrt.

Doch meine Seele spricht in Nebelworten,

sie kennt mich nicht, und ich erkenn sie nicht.

Ich bin verwirrt durch das, was sie mir sagt:

„Verlass das Leben! Stirb, bevor du stirbst!“

Wie soll ich solchem Ruf Gehör noch schenken,

der mich verzehrt, noch eh mich Schmerz berührt?


Wenn einer stirbt, ist's Gottes Wille wohl.

Doch nicht, wenn man den Tod sich selber ruft.

Was bringt’s, zu fliehen, eh das Maß erfüllt?

Was eilt mein Geist? Was drängt ihn zu dem Ort,

wo keiner wiederkehrt mit klarem Blick?

Denn wer die Schatten liebt, verliert das Licht.

Die Tiefe zieht, doch ist kein Ziel darin.


KA-SEELE:


Da sprach die Seele wieder, leise, klar:

„Ich rufe nicht zum Tod, ich rufe Heim.

Du bist ein Gast, und deine Zeit ist kurz.

Warum willst du in dieser Finsternis

vergeblich dich mit falschem Glanz belügen?

Was ist dein Fleisch? Ein Kleid, das bald zerreißt.

Was ist dein Gold? Ein Schein, der bald verglimmt.

Was ist dein Ruhm? Ein Flüstern unter Steinen.


Doch was du bist – das geht nicht mit zugrunde.

Das lebt, wenn alle Uhren stille stehn.

Der West ist nicht das Ende, er ist Tor.

Du fürchtest ihn, weil du dich selbst nicht kennst.

Doch dort wird deine Wahrheit offenbar,

dort misst das Herz sich mit der Feder Maats,

und keiner täuscht, und keiner darf sich biegen.

Du wirst dich selbst erkennen, rein und nackt.“


MANN:


Mein Herz erbebt – und doch: ich widersteh.

Ich liebe das, was lebt, auch wenn es leidet.

Ich kenne Duft der Dattel, Glanz der Stirn,

die Wärme, wenn ein Kind sich an mich schmiegt,

den Klang der Harfe, Kühle eines Quells—

wie soll ich dies vertauschen gegen Schatten?


Du sprichst von Wahrheit, doch ich spür das Jetzt.

Du sprichst von Maß, doch meine Tage rinnen.

Du nennst den Tod ein Tor, doch ich seh' Mauern.

Ich will nicht gehen, ohne Ziel, allein.

Ich bin noch nicht bereit, mich selbst zu lassen.

Wenn ich vergehe, will ich Licht im Blick,

nicht Dunkel, das mich stumm ins Nichts verschlingt.


KA-SEELE:


Mein Herz soll mir gehorchen, nicht sich widern:

Ich kenne keine Schuld, bin ohne Makel.

Wenn er mit mir in Einklang steht, der Wille,

dann wird er selig sein, denn ich geleite

ihn bis zum Westen, wie in seiner Pyramide,

zu der ein Überlebender gekommen,

um Grabesdienst zu leisten, wie es ziemt.



MANN:


Ich spanne Zelt dir über deine Glieder,

und andre Seelen werden neidisch sein

in ihrer Stille. Dieses Zelt wird warm sein,

und andre Seelen frieren voller Neid.

Ich trinke von der Flut, vertreib die Dürre,

und andre Seelen hungern mir zum Neid.

Wenn du mich tötest so, mich niederstößt,

dann findest du kein Land im Westen mehr.

Beruhige dein Herz, mein Bruder, Seele,

bis einst der Erbe groß ist, der die Gaben

darbringt und dient am Tag des Grabgeleits,

der eine Bahre trägt zur Nekropole.


KA-SEELE:


Da öffnet meine Seele mir den Mund,

zu antworten auf das, was ich gesagt:

An Gräber zu gedenken – das bringt Schmerz,

das ruft die Tränen, raubt dem Mann sein Haus

und lässt ihn auf dem Hügel einsam liegen.

Du wirst nicht steigen können, keine Sonnen

mehr schauen je. Die, die mit Granit bauten,

vollendet ihre Werke, hohe Gräber –

wenn Baumeister Götter selbst geworden,

dann wird ihr Werk zerstört, vergeht mit ihnen.

Wie Tote, die am Ufer starben, namenlos,

weil keiner blieb, der ihres Endes sann,

so werden auch von Fischen und vom Wasser

besprochen die, die in Vergessen ruh’n.


Drum höre nun auf mich: Es ist gut,

zu hören, was dem Menschen wohltut.

Genieße das, was sich genießen lässt,

vergiss die Sorge und verfolge Freude.


Die alten Götter, die in Gräbern ruhn,

die Edlen, deren Werk die Zeit vollendete –

ihr Bau verging, ihr Ort ist längst vergangen,

ihre Umfriedung löst sich auf wie Traum.

Erkenn es an – und dennoch: Lass es los.

Es nützt dir nichts, dich daran festzuhalten.

Folge dem Herzen, solange du noch lebst.


Ein kleiner Mann bestellt sein Feld mit Fleiß,

er lädt die Ernte in ein Boot, er fährt

und feiert bald das Fest. Doch sieht er dann

den Sturm vom Norden drohn, da steigt er aus

mit Weib und Kind – und stirbt im Dunkel dort,

umringt von jenen, die das Ufer hüten.

So saß er, sprechend, klagend seine Not:

„Ich habe nicht geweint um sie, die starb,

denn sie kehrt nicht zurück aus Westenhand,

nicht auf die Erde zu den Lebenden.

Doch ihre Kinder, noch im Ei zerbrochen,

die Khenti sah, bevor sie Leben fanden –

um die nur trauert mir das Herz mit Schmerz.“


Ein kleiner Mann verlangt sein Abendbrot,

die Frau spricht: „Nein, das wird ein spätes Mahl.“

Er tritt hinaus – nur kurz –, kehrt dann zurück

als ein veränderter, ein fremder Mann.

Die Frau beschwichtigt ihn mit sanften Worten,

doch hört er nicht, ist störrisch, abgewandt

und fern den seinen, die ihn liebend rufen.


MANN:


Da tat ich auf den Mund und sprach zur Seele:

Sieh, wie mein Name stinkt – wie Aas im Sommer,

wenn heiß die Sonne brennt zur Erntezeit.

Sieh, wie mein Name stinkt – wie Aal im Netz,

wenn Fangtag ist und gleißend steht der Himmel.

Sieh, wie mein Name stinkt – wie Enten faul

am Röhricht, dort, wo sie gebrütet haben.

Sieh, wie mein Name stinkt – wie Vogelschweiß,

im Nest, das man geschändet hat beim Jagen.

Sieh, wie mein Name stinkt – wie Krokodile,

an Orten, wo die Ufer Toten bringen.

Sieh, wie mein Name stinkt – wie eine Frau,

über die Lüge eines Liebenden erzählt.

Sieh, wie mein Name stinkt – wie ein tapfrer

Knabe, von dem es heißt, er sei dem Feind verfallen.

Sieh, wie mein Name stinkt – wie Hafenmeuter,

der Unheil plant, doch dem der Rücken droht.


Wem kann ich noch vertrauen heut im Wort?

Brüder sind schlecht geworden, Freunde hassen.

Wem kann ich noch vertrauen heut im Wort?

Herzen sind gierig, nehmen sich das Fremde.

Wem kann ich noch vertrauen heut im Wort?

Güte ist tot, und Strenge herrscht in allem.

Wem kann ich noch vertrauen heut im Wort?

Das Schlechte ist beliebt, das Gute fällt.

Wem kann ich noch vertrauen heut im Wort?

Ein Böser tut Unrecht und wird belacht.

Wem kann ich noch vertrauen heut im Wort?

Ein jeder raubt, kein Herz ist mehr gerecht.

Wem kann ich noch vertrauen heut im Wort?

Der Bruder wird zum Feind, der Freund zum Gegner.

Wem kann ich noch vertrauen heut im Wort?

Vergangenes ist tot – wer dankt noch heute?


An wen kann ich denn heute noch sprechen?

Die Brüder sind zu Schlechtem sich gewandelt,

man bringt nur Fremde in das Herz hinein.

An wen kann ich denn heute noch mich wenden?

Die Angesichter sind verschwunden ganz,

ein jeder senkt sein Antlitz vor dem Bruder.

An wen kann ich denn heute noch mich kehren?

Die Herzen sind vom Hunger ganz zerfressen,

es gibt kein Herz, auf das man bauen kann.

An wen kann ich denn heute noch mich öffnen?

Die Rechtschaffenen sind verschwunden nun,

das Land ist überlassen jenen, die verwüsten.

An wen kann ich denn heute noch mich neigen?

Kein Intimer mehr;

man wendet sich nur Fremden zu, um sich zu offenbaren.

An wen kann ich denn heute noch mich wenden?

Kein Sanftmut mehr;

der einst mit mir ging, ist nicht mehr da.

An wen kann ich denn heute noch mich wenden?

Denn mich bedrängt das Sehnen nach dem Freund.

An wen kann ich denn heute noch mich wenden?

Unrecht hat das Land geschlagen – ohne Ende.


Gewiss, was einst man sah, ist schon vergangen,

das Land ist preisgegeben seiner Schwäche.


Der Tod ist heut in meinem Blick wie Heilung,

wie einer, der vom langen Leiden ruht,

wie wer hinausgeht nach der Trauerzeit.

Der Tod ist heut in meinem Blick wie Myrrhe,

wie Duft, der aufsteigt unter Segelwind,

wenn man in Schatten sitzt und atmet frei.

Der Tod ist heut in meinem Blick wie Lotos,

wie Duft, der aus den Wassern leise steigt,

wie Ruhen an dem Ufer der Trunkenheit.

Der Tod ist heut in meinem Blick wie Ebbe,

wie Heimkehr nach dem Marsch durch fremde Länder.

Der Tod ist heut in meinem Blick wie Klarheit,

wie wenn sich Himmel aufklärt nach dem Sturm,

und man erkennt, was einst verhüllt gewesen.

Der Tod ist heut in meinem Blick wie Heimkehr,

nach Jahren, die in Knechtschaft zugebracht.


Gewiss, der dort ist, wird ein lebend Gott,

der straft das Unrecht dessen, der es tat.

Gewiss, der dort ist, steht im heiligen Boot,

und auserlesne Stücke gibt man ihm,

damit sie zu den Tempeln weiterwandern.

Gewiss, der dort ist, kennt die ganze Ordnung,

kein Hindernis, den Sonnengott zu bitten,

wenn er im heiligen Moment sich äußert.


O Seele, höre du jetzt lieber mich:

Ich bin nicht schuldig und ich fehlte nicht.

Ist seine Brust im Einklang nur mit mir,

so wird er Glück erlangen, denn ich führ

ihn in den Westen, wie in seine Gruft,

bewahrt und sicher, wie in Pyramiden,

zu dessen Grab ein Überlebender

das letzte Werk des Abschieds vollgebracht.

Ich spanne dir ein Zeltdach übers Grab,

und andre Seelen werden neidisch sein

in ihrer Regungslosigkeit und Kälte.

Ich spanne dir ein Dach, es bleibt dir warm,

und andre Seelen glühn vor heißem Neid.

Ich trinke Wasser an der Flut und heb

die Dürre fort – und andre, sie sind hungrig.

Treibst du mich so zum Tod, wie du nun sprichst,

so findest du im Westen keinen Ort,

an dem du landen kannst. Sei klug, mein Herz,

mein Bruder, harre aus, bis jener wächst,

der Opfer bringt und deines Grabes achtet

am Tag der Ruh, das Totenbett dir trägt

und dich geleitet zu der Totenstadt.


KA-SEELE:


Da öffnete mein Herz den Mund und sprach,

um zu erwidern, was ich ihm gesagt:

Du rufst das Grab ins Herz – das bringt nur Schmerz,

es macht den Mann betrübt und ruft ihm Tränen.

Er wird herausgerissen aus dem Haus

und bleibt allein zurück auf kahler Höhe.

Du kannst nicht aufstehn und nicht mehr die Sonn

erblicken. Jene, die aus hartem Stein

gebaut, aus Granit, ihre Pyramiden –

sie sind zerfallen, als die Baumeister

zu Göttern wurden; ihre Heiligtümer

sind wie die Toten, welche an dem Ufer

verstarben, ohne dass ein Freund sie barg,

vom Wasser fortgerissen und versunken

wie Licht der Sonn, wenn es vom Flusse spricht.

So höre mich: Das Hören hilft dem Menschen.

Genieß das Leben, wirf die Sorge fort.

Ein kleiner Mann, der pflügt sein kleines Feld,

belädt das Boot mit seiner reichen Ernte,

fährt fort mit Segel – bald ist Festeszeit.

Doch wenn er sah, wie sich der Nordwind regt,

sah in dem Boot die Sonne untergehn,

stieg aus mit Frau und Kind – sie starben bald

in dunkler Senke, rings umstellt von Dieben.

Und also saß er da und sprach hinaus:

„Ich habe nie geweint um die, die starb,

obwohl sie nie zurückkehrt aus dem West

zu einer anderen auf dieser Erd.

Doch um die Kinder trauert mein Gemüt,

die in dem Ei zerbrachen, kaum geboren,

die Khentis Antlitz sahn, doch nie das Licht.“

Ein kleiner Mann verlangt nach seinem Mahl,

die Frau ihm sagt: „Es wird erst Abendbrot.“

Da geht er fort, nur für ein kleines Weilchen –

kommt er zurück, ist er ein andrer Mann.

Die Frau fleht ihn nun an – er hört sie nicht,

ist voller Groll und meidet seine Leute.


MANN:


Da öffnete ich meinem Herzen Mund

und sprach, um zu erwidern, was es sprach:

Sieh nur, mein Name stinkt: mehr als Aas

in heißer Erntezeit, wenn glüht der Himmel.

Sieh nur, mein Name stinkt: mehr als das Netz

für Aale, das man hebt am heißen Tag.

Sieh nur, mein Name stinkt: mehr als die Enten,

die sich im Schilf mit ihren Jungen sammeln.

Sieh nur, mein Name stinkt: mehr als der Ort,

wo Nester raubt man und zur Jagd sich drängt.

Sieh nur, mein Name stinkt: mehr als das Blut

der Krokodile an dem Schlachtplatz dort.

Sieh nur, mein Name stinkt: mehr als die Frau,

die man beschuldigt wegen falscher Lust.

Sieh nur, mein Name stinkt: mehr als der Knabe,

von dem man sagt: „Er liebt, wen er doch hassen soll.“

Sieh nur, mein Name stinkt: mehr als der Hafen

des Herrn, der plant Verrat, doch selbst enttarnt.


Wem soll ich heute noch mein Wort vertrauen?

Die Brüder wurden schlecht; kein Freund mehr liebt.

Wem soll ich sprechen heute? Gier regiert,

ein jeder nimmt dem andern, was er hat.

Wem soll ich sprechen heute? Freundlichkeit

ist tot, doch Härte herrscht in jedem Herz.

Wem soll ich sprechen heute? Gutes zählt nicht –

man liebt das Schlechte, Gutes liegt im Staub.

Wem soll ich sprechen heute? Wer verfehlt,

macht alle lachen, obgleich’s böse Tat war.

Wem soll ich sprechen heute? Räuber sind’s,

ein jeder plündert seinen eignen Bruder.

Wem soll ich sprechen heute? Wer zu meiden ist,

ist nun ein Freund, der einst Vertrauter war.

Wem soll ich sprechen heute? Nie gedenkt

man dessen, der für andre einst gewirkt.

Wem soll ich sprechen heute? Brüder sind

nicht mehr wie einst – man liebt nun nur noch Fremde.

Wem soll ich sprechen heute? Alles ist

verloren – keiner hebt das Haupt zum andern.

Wem soll ich sprechen heute? Herzen sind

voll Gier, kein Herz mehr bleibt dir zugewandt.


Zu wem kann ich denn heute noch nur sprechen?

Es gibt nicht einen, der gerecht noch wäre.

Das Land gehört den Störern, den Verderbern.

Zu wem kann ich denn heute noch nur sprechen?

Kein Innigsein mehr – keiner, der mir nahe.

Man spricht nur noch mit Fremden, die nichts wissen.

Zu wem kann ich denn heute noch nur sprechen?

Es gibt kein stilles Herz mehr, das da wandelt.

Der einst mit mir ging, ist nunmehr dahin.

Zu wem kann ich denn heute noch nur sprechen?

Denn große Not ist mir – kein Freund ist da.

Zu wem kann ich denn heute noch nur sprechen?

Das Unrecht schlägt das Land, es kennt kein Ende.


Der Tod erscheint mir heute süß vor Augen,

Wie einem Kranken, der gesund nun wird,

Wie einer, der nach Trauer geht hinaus.

Der Tod erscheint mir heute süß vor Augen,

Wie Myrrhe riecht,

wie Segel im lebend’gen Wind.

Der Tod erscheint mir heute süß vor Augen,

Wie Lotosduft,

wie Ufertrunk beim Fest.

Der Tod erscheint mir heute süß vor Augen,

Wie Ebbe nach der Flut,

wie Heimkehr eines Mannes.

Der Tod erscheint mir heute süß vor Augen,

Wie wenn der Himmel endlich sich verklärt,

Wie einer, der das Fremde jetzt erkennt.

Der Tod erscheint mir heute süß vor Augen,

Wie Heimweh einen Heimgekehrten trifft,

Der viele Jahre war in Knechtschaft fern.


Gewiss, der dort ist, wird ein lebend’ger Gott,

Der Unrecht straft – den Täter und die Tat.


KA-SEELE:


Gewiss, der dort ist, steht im heil’gen Boot,

Und gibt die besten Gaben an die Tempel.

Gewiss, der dort ist, weiß, was alles ist,

Und darf zur Sonne sprechen ohne Schranke.


So sprach die Seele nun zu meinem Ohr:

Dann häng die Klage auf den Pfahl, mein Bruder,

Der du gehörst.

Du sollst ein Opfer bringen

Auf deinem Herde – kämpf um dieses Leben,

Sprich: „Bleibe bei mir, Sehnsucht, hier und jetzt.“

Verwirf den Westen – doch auch ihn begehre,

Wenn einst dein Leib die Erde ganz berührt.

Dann steig ich nieder nach deiner Ermattung.

So werden wir zugleich das Ziel erreichen.


SCHLUSS


So kommt es also – Anfang, Ende, gleich,

Wie man’s in alten Schriften wiederfand.