GEDICHT VON TORSTEN SCHWANKE
ERSTER GESANG
Fragst du nach Gründen, Porphyrios, doch wie soll der Geist, der noch wandelt
Innerhalb engster Bezüge, das Wesen der Götter erfassen?
Denken, so lehrst du, sei Pfad; doch ich sage: Das Denken ist Schranke.
Höher als alles Erdenken und höher als menschliche Deutung
Thront die Natur der Unsterblichen, die das Sein erst begründet,
Ehe das Ich sich bekennt und im Spiegel des Geistes sich findet.
Nicht durch die Logik, noch durch der Worte geschliffene Ordnung,
Naht das Unendliche uns; denn der Logos ist bloß eine Spur nur.
Wer sich der Gottheit naht, der muss erst die eigene Enge
Lassen im heiligen Ritus, wo Wirken mit Wesen verschmilzt schon.
Nicht unser Wille erzwingt das Erscheinen der lichten Gestalten,
Nein, ihre Gnade allein ist es, welche den Geist uns erleuchtet,
Uns aus dem Kerker des Wähnens in göttliche Weiten enthebend.
Achte der Zeichen nun wohl, die der Ägypter in Tempeln bewahret:
Nicht sind es Symbole der Menschen, von sterblicher Hand erdacht worden,
Sondern von Göttern gesetzt als Brücken zum menschlichen Herzen.
Wer also forscht nach dem Wissen, der lasse die Zweifel des Geistes,
Tauche stattdessen voll Demut ein in das heilige Wirken,
Denn nur das Göttliche kann, was göttlich ist, selber verkünden.
Fragst du nun weiter, Porphyrios, wie man die Götter erkennt und
Wie die Erscheinungen unterscheiden sich, wenn die Himmlischen kommen?
Wisse: Der Ursprung der Dinge ist Einer, vor allem Getrennten,
Doch durch die Ordnung der Sphären entfaltet er vielfache Kräfte.
Wenn nun ein Wesen sich zeigt, so erscheint es in eigener Weise,
Ganz nach dem Rang seines Wesens und ganz nach der Stufe der Schöpfung.
Götter erscheinen in glänzender Fülle, vollkommener Einheit,
Füllend das All mit dem Licht ihres Seins, das den Geist überstrahlet,
Stetig und unverwandelt, in Ruhe, und dennoch in Wirken.
Erzengel erscheinen schon anders: Mit maßvoller Pracht und mit Ordnung,
Wahrhaftig stets, doch ihr Glanz ist gemessen, nicht grenzenlos leuchtend.
Engel hingegen, sie bringen die Botschaft von ferneren Höhen,
Wechselhaft oft in der Form, wie der Wind, der die Wolken bewegt nun,
Doch noch von göttlicher Wahrheit erfüllt, wenn sie dienend erscheinen.
Ganz anders wirken die Geister der niederen Sphäre, der Weltlauf,
Jene der Elemente, die Schatten und Trug uns vortäuschen,
Wandelbar, voller Gestalten, die gaukeln vor Augen der Menschen
Bilder von Macht und von Pracht, die vergehen, sobald man sie prüfet.
Wer nun die Geister will unterscheiden und wahre von falschen,
Muss in die Tiefe der Seele, wo leuchtet der Funke des Einen.
Nicht nach dem Äußeren gehe, nicht nach der Pracht des Erscheinens,
Sondern nach jener Kraft, die den Geist in die Stille der Wahrheit
Führt und erhebt über alles, was sinnlich den Menschen umwölket.
Götter verleihen das Wissen, das dauerhaft fest in der Brust bleibt,
Geben dem Geist die Gesundheit und lösen die Fesseln der Leidenschaft,
Während der Dämon, der niedere, nur für den Augenblick lodernd,
Leere zurücklässt im Herzen und Zweifel im Geiste des Suchenden.
Also vernimm: Nicht die Form, sondern Wirkung im Inneren prüfe,
Ob sie die Seele zum Höchsten hinlenkt, ob sie den Menschen
Wandelt zum Besseren, ob sie den Frieden der Götter uns schenket.
Denn wer das Wahre will schauen, muss selbst sich verwandeln und reinigen,
Dass er das Licht zu empfangen vermag, wenn die Götter sich zeigen,
Ohne die Trübung des eignen Begehrens, das alles verfälschet.
Wiederum fragst du, Porphyrios, wie man das Wirken der Geister
Klar von den Täuschungen trennt, die aus menschlicher Einbildung stammen,
Oder aus Regungen, welche den Geist in der Seele betören?
Höre die Lehre des Tempels: Der Mensch, wenn er rein ist und offen,
Wird von der göttlichen Macht, wie ein Saitenspiel, leise gestimmet,
Dass er die Schwingung des Höheren fühlt, die das eigene Denken
Übersteigt und ihn hebt in den Zustand, der über der Vernunft thront.
Denn wenn die Gottheit uns naht, so erfüllt sie den Geist mit der Schauung,
Nicht als ein Bild, das wir bilden im Innern aus eigenen Sorgen,
Sondern als strahlende Wahrheit, die plötzlich die Seele durchdringet.
Zeichen sind dies: Eine Stille, die alles Geschwätz der Gedanken
Völlig zum Schweigen verdammt, eine Wonne, die fern jeder Lust ist,
Sowie das Wissen, das unfehlbar strömt, ohne Suche der Logik.
Aber der Schein, der aus sterblichem Geist sich erhebt, ist ein anderes:
Er ist ein flackerndes Licht, das mit Wünschen und Hoffnungen spielt nur,
Sich aus der Vorstellung nährt und sich wälzt in den Formen der Sinne.
Göttliches Wirken ist fest, unverrückbar, wie Felsen im Meere,
Während der menschliche Wahn wie die Welle sich ständig verwandelt.
Wer sich der Gottheit naht, der verliert dort das Ich und den Eigensinn,
Wird in der Schauung verwandelt, das Selbst wird vom Lichte verzehret,
Dass nicht der Mensch mehr vollzieht, was geschehet, die Gottheit vollzieht es.
Wenn dich ein Bild nun ergreift und du fühlst dich erhoben, doch blickst du
Hinter das Bild auf das eigene Herz – ist noch Stolz dort verborgen?
Ist noch das Wollen des Menschen, die Sucht, etwas Großes zu scheinen?
Wisse, dann ist es ein Trug, eine Maske der niederen Geister!
Denn wo die Gottheit erscheint, da erlischt jedes menschliche Wünschen,
Dort bleibt nur Demut zurück und ein Staunen, das alle Begriffe
Wegfegt wie Spreu im Winde, und lässt nur das Wesen zurücke.
Achte daher auf die Wirkung: Erhebt sie den Geist über alles,
Was sich in Zeit und in Raum in die Netze der Dinge verstrickte?
Macht sie die Seele zum Einen hin offen, zum Ewigen fähig?
Dann ist es göttlich gewiss. Was hingegen nur Sinnenlust wecket,
Oder den Geist in den Kreisen der eigenen Meinung befestigt,
Lasse als Nebel zurück, denn es führt dich vom Ziele nur weiter.
Weiter nun fragst du, Porphyrios, ob man durch Zeichen und Opfer
Einen Zwang auf die Götter ausübt, dass sie dem Rufe gehorchen,
Ob sie als Diener erscheinen, wenn wir die Formeln rezitieren?
Wisse, mein Freund: Das ist Irrtum, ein Denken, das Götter erniedrigt
Auf das Niveau eines Sklaven, der folget dem Rufe des Herrn nur.
Niemals vermag die menschliche Kunst, die Unendlichen zwanghaft
Fest in den Bann ihrer Riten zu ziehen, wie Vögel im Käfig.
Götter erscheinen nicht durch den Zwang, sondern durch die Sympathie,
Durch die Verbundenheit all der Dinge, die unter dem Einen
Ihren festen Platz haben. Wie Saite auf Saite im Einklang
Schwinget, wenn eine berührt wird, so antwortet Gott auf den Ritus,
Weil der Ritus das Abbild der Ordnung der Götter im All ist.
Nicht der Mensch zwingt den Gott, sondern Gott in dem Menschen erwachet,
Weil durch das heilige Werk die Seele sich öffnet dem Lichte.
Wer also glaubt, durch die Macht seiner Worte die Götter zu binden,
Kennt nicht das Wesen der Götter, die frei sind von menschlichem Willen.
Sie sind das Maß aller Dinge, und niemals wird Maß sich dem Messenden
Unterordnen, es bleibt, was es ist: der unbewegliche Anker.
Wenn sich ein Gott zeigt, so ist es ein Gnadenakt, ist eine Wirkung
Jener Einheit, die alles umfasst und die Trennung aufhebet.
Alles Geschehen bei Tempelriten ist nicht ein Erwirken,
Sondern ein Schauen, ein Werden im Licht, das die Götter bereiten.
Frage daher nicht nach Zwang, frage nicht nach dem Willen des Menschen,
Frage nach jener geheimen Verwandtschaft der Seele zum Höchsten,
Die, wenn der Ritus sie weckt, wie ein Funke zum Feuer zurückkehrt.
Nicht wer am lautesten ruft, wird erhört, doch wer eins ist im Wesen,
Wer durch die Läuterung selbst zum Spiegel der Gottheit geworden.
Nur was sich gleich ist, kann sich erkennen; so ziehe das Irdische
Ab von dir selbst, wenn du willst, dass das Göttliche in dir erscheinet.
Ferner, mein Freund, du bezweifelst, ob Opfer den Göttern was nutzen,
Ob sie vielleicht gar die Götter erfreuen, wie Speisen die Menschen.
Wisse, das Göttliche braucht nicht der Gaben, die Menschen ihm bringen;
Unberührt bleibt sein Wesen von Nutzen, von Schaden, von Wünschen.
Keine Erhöhung erfährt es durch Opfer, noch Mindrung durch Fehlen,
Denn es ist in sich vollendet, in ewiger Fülle beständig.
Was sich verändert bei Opfern, das ist nicht das Wesen der Götter,
Sondern die Seele des Menschen, die durch die Weihe sich wandelt.
Wie man den Spiegel, der trüb ist, erst polieren muss, um das Antlitz
Wahrhaftig zu sehen, so reinigen Opfer die Sinne und Geister,
Dass sie empfänglich nun werden für das, was von oben herabströmt.
Nicht um den Gott zu bewegen, geschieht das heilige Wirken,
Sondern um uns zu bereiten, dass wir die Gottheit empfangen.
Dass in der Opferung Zeichen der Götter sich offenbarend zeigen,
Dient dem Erkennen der Wahrheit, die sonst dem Verstande verborgen.
Sollten die Götter die Gaben der Menschen als Speise genießen?
Nein, doch das Wesen, das ihnen verwandt, das in Stoffen verborgen,
Wird durch die Kraft der Weihe aus grober Materie gelöset
Und mit der höheren Ordnung, der geistigen, wieder vereinet.
Das ist die Kunst der Theurgie: Die Dinge der Erde erheben,
Dass sie im Lichte der Götter ihre ursprüngliche Ordnung
Wiedererlangen und jene Verbindung erneuern, die alles
Bindet im Kosmos zusammen, vom Höchsten bis hin zum Geringsten.
Wer aber glaubt, dass die Götter sich freuen an Rauch oder Opfern,
Wie ein Sterblicher sich an der Speise erfreuet bei Tische,
Der verkennt völlig die göttliche Sphäre, die alles Erdenken
Weit übersteigt. Es sind die Gesetze der Hierarchie eben,
Dass durch das Niedre das Höhere wirkt, wenn die Seele in Eintracht
Sich dem Göttlichen zuneigt und rein von dem Schatten des Ichs ist.
Handle, doch wisse: Die Götter bedürfen der Gaben niemals;
Du nur bedarfst der Erhebung, die durch die Riten geschiehet.
Wiederum fragst du, ob körperlich Götter erscheinen, ob sie Gestalten
Nehmen aus Stoff, wie sie aus dem verdichteten Äther sich bilden,
Oder ob Geister in Formen sich kleiden, die menschlichem Auge
Sichtbar erscheinen, wenn sie die Schleier der Welt uns entheben.
Höre mein Wort: Das Göttliche selbst ist an keine Gestalt dort
Jemals gebunden, es ist, wie das Licht, das den Raum zwar durchflutet,
Doch von der Wand, die es trifft, nicht gefangen wird, niemals beschränkt ist.
Wenn in der Schauung ein Bild sich entfaltet, so ist nicht der Gott es,
Sondern ein Abbild, ein Leuchten, das er in der Seele entzündet.
Wie man in Spiegeln das Licht der Sonne wohl schauen kann, ohne
Dass die Gestirn-Substanz selbst in den Spiegel herab muss,
So ist das Bild in der Seele der Götter Abglanz und Zeuge,
Geprägt von der Kraft ihres Wesens, doch nicht ihr Wesen in Wahrheit.
Geister der niederen Sphäre, sie kleiden sich gern in die Stoffe,
Wirkend durch Dämpfe und Nebel, die Sinnen den Gaukler vortäuschen;
Götter jedoch wirken rein durch das Licht und das reine Erkenntnis,
Das in der Seele als Wahrheit aufleuchtet, jenseits der Sinne.
Glaube nicht, dass ein Gott, um zu wirken, den Leib sich erschaffe;
Er ist das Sein, das die Formen erst schafft und die Ordnung der Dinge.
Wenn es erscheint, so ist dies eine Gnadengabe, ein Zeichen,
Dass die Erkenntnis im Geiste die Grenze der Stoffe durchbricht schon.
Wer sich an Bilder vergafft, der bleibt in der Welt der Erscheinung,
Wer aber schaut auf das Wesen, das hinter dem Bilde die Kraft schenkt,
Der ist der wahre Theurg, der die Fesseln der Materie sprengt nun.
Prüfe die Schauung: Ist sie zerbrechlich und wandelbar? Fliehend?
Oder ist sie ein unverwandelbar Leuchten, das Wahrheit in sich trägt?
Götter erscheinen als Wahrheit, die ewig in sich schon bestanden,
Nicht als Gebilde, die erst durch das Opfer bei uns sich formen.
Lerne den Unterschied wohl: Das Göttliche ist das Ur-Licht,
Alles, was wir als Erscheinung wohl wahrnehmen, ist nur die Wirkung,
Die sich im menschlichen Geist, der gereinigten Seele, nun darstellt.
Nicht in der Welt ist der Gott, er ist überall – doch in der Seele
Findet der Mensch seine Spur, wenn er lernt, das Sichtbare loszulassen.
Ferner, Porphyrios, fragst du nach Stufen und Arten des Erscheinens:
Warum sind manche der Geister im Licht, manche dunkel und schattenhaft?
Wisse: Der Ursprung der Götter ist Einer, doch wirkt er in Stufen,
Jede Gestalt hat den Rang, der ihr eigen von Anbeginn inne.
Wie in der Sonne das Licht zwar einstrahlt in alles, doch Dinge
Unterschiedlich es reflektieren – der Stein nimmt es dunkel,
Glas es durchlässt, und der Spiegel es wirft in die Ferne zurücke –,
So ist der Geist, der die Götter empfängt, stets das Maß der Erscheinung.
Wenn sich die Götter den Menschen zeigen, so wandelt sich alles:
Licht, das die Welt überstrahlt, wird im Innern zur Klarheit der Seele.
Wenn aber niedere Geister erscheinen, so blähen sie auf sich,
Wollen als Götter erscheinen, mit Blendwerk und Schein uns betrügen,
Suchen die Seele mit Furcht oder Lust an das Niedere binden.
Daran erkennst du den Geist: An der Spur, die er lässt in dem Innern.
Götter schenken den Frieden, die Wahrheit, den Einklang der Seele,
Geister der Finsternis aber sie lassen nur Aufruhr zurücke.
Fragst du nach Ritualen, wie man die Götter zur Nähe bewegt nun:
Nicht ist es äußeres Tun, das den Willen der Himmlischen beugt,
Sondern es ist die Analogie, die das Gleiche zum Gleichen
Leitet durch heilige Zeichen, die Götter von alters uns gaben.
Wer in der Ordnung der Dinge die Sympathie der Symbole
Klar zu erkennen vermag, der erkennt auch den Weg zum Vollkommenen.
Nicht in der Vielfalt der Form ist das Göttliche jemals zu fassen,
Sondern im Einen, das in der Vielheit verborgen sich leuchtend
Zeigt dem, der rein ist und fähig, die Schleier der Materie zu lüften.
Also beachte den Rang: Was vom Einen direkt ist entsprungen,
Strahlend und rein und erhebend, das ist das Erscheinen der Götter.
Was sich vermischt mit dem Stoff, was sich kleidet in Dunst und in Schatten,
Das ist das Werk der Dämonen, die nur für die Sinnenwelt leben.
Wähle den Pfad, der die Seele erhebt in die lauteren Sphären,
Lass dich nicht täuschen von Bildern, die prunken, um dann zu vergehen,
Such das, was bleibt in der Zeit und die Seele zum Einen zurückführt.
Nur wer die Stufen der Ordnung begreift, der entgeht dem Getäusche,
Denn in der Hierarchie erst offenbart sich die Ordnung des Ganzen.
Weiter nun fragst du, wie sich der Wahrsager unterscheidet von jenem,
Der von den Göttern besessen in heiliger Ekstase wandelnd
Kündet die Zukunft voraus, da der Geist aus dem Leibe entwichen.
Höre den Unterschied scharf: Wer den Göttern sich öffnet im Geiste,
Bleibt in der Mitte des Wesens, er schaut, ohne selbst zu verlieren,
Was er als Mensch an Vernunft und an göttlicher Ordnung besitzet.
Götter, die nahen, sie bringen die Wahrheit als Licht in das Innere,
Stärken den Geist, statt ihn raubend zu lähmen wie Stürme die Ähren.
Wenn ein Gott in der Seele sich zeigt, so wird sie nicht dunkel,
Sondern sie strahlet vor Wissen, das weit über menschliche Grenzen
Hinausreicht; es ist eine Ruhe, ein Schauen des ewigen Seins nun.
Wer so begnadet ist, bleibt in der Kontrolle des göttlichen Funkens,
Kein Taumel, kein Schwanken der Sinne, kein Verlust der Besinnung,
Sondern ein helles, ein lauteres Wissen, das dauerhaft feststeht.
Ganz anders jene, die nur von den Dämonen ergriffen,
Jene, die schäumend vor Wut oder tosend in wüsten Erscheinungen
Brüllen die Zukunft voraus, wie ein Tier, das den Treiber nicht achtet.
Ihnen entweicht die Vernunft, sie sind Knechte der fremden Gewalt nur,
Ohne die eigene Kraft, in die Tiefe der Wahrheit zu schauen.
Sie sind wie Gefäße, die, leer und zerbrechlich, den Trank nicht bewahren,
Sondern er fließt ihnen aus, und sie bleiben in Nachsinn zurücke,
Wissend von nichts als dem Wirbel, der sie in der Tiefe verschlang nun.
Gottesbesessenheit, Freund, ist ein Aufstieg zum Lichte der Wahrheit,
Keine Zerstreuung der Kräfte, kein Verlust der bewussten Erkenntnis.
Götter verleihen dem Menschen die Fähigkeit, über sich selbst dort
Hinauszuwachsen, doch stets im Einklang mit seinem Wesen.
Wer also schaut, der erkenne den Grad der Besonnenheit, welche
In der Ekstase noch waltet – wo Ordnung ist, da sind die Himmlischen.
Wo aber Chaos und Schwindel regieren, da hüte dich wohl nur,
Denn es sind Mächte des niederen Laufs, die den Geist dir verwirren,
Statt ihn zu klären und fest in der ewigen Wahrheit zu gründen.
Fragst du noch, wie die Gottheit dem Menschen den Geist denn entzündet,
Ohne den Geist zu zerstören, der doch das Gefäß ihr bereitet?
Wisse: Der Gott nicht vermischet sein Wesen mit sterblichem Geiste,
Nein, er umstrahlet das Innere sanft, wie die Sonne den Garten,
Dass aus der Erde die Keime, die latent in der Seele schon schlummerten,
Endlich zur Blüte erwachen, geleitet vom göttlichen Strahle.
Nicht ist der Gott ein Eindringling, der gewaltsam die Sinne uns raubet,
Sondern ein Wirker, der alles, was edel, zur Reife nun bringet.
Wie man die Saiten des Instrumentes, das wohlgestimmt worden,
Anschlägt, dass Ton sich entfaltet, der vorher im Holze verborgen,
So ist die Seele des Menschen: Ein Werkzeug der Götter geworden,
Dass durch das heilige Wirken die verborgene Wahrheit erklinge.
Dass bei der Schauung der Körper wohl ruhet und Sinne verschließen,
Dient nur der Ruhe, damit nicht das Rauschen der Welt uns betöre.
Denn wenn der Gott in der Tiefe der Seele das Licht uns entzündet,
Wird das Bewusstsein geweitet, es löst sich die Enge des Raumes,
Und die Vernunft, sie erkennt nun das Wahre, das ewiglich feststeht,
Nicht durch ein Raten, ein Suchen der Logik, das mühsam sich quälet,
Sondern als Schau, als ein Wissen, das augenblicklich sich offenbart.
Wer also sagt, dass der Mensch in der Gottheit sein Selbst ganz verliere,
Der irrt, denn im Gegenteil: Er findet sich selbst erst im Lichte,
Stärker und reiner als je zuvor in der Welt der Erscheinung.
Das ist die Einung, die keine Vermischung, kein Werden zum Gleichen
Jemals bedarf; es ist Hierarchie, es ist Ordnung der Gnade:
Gott bleibt in göttlicher Höhe, der Mensch in der menschlichen Tiefe,
Doch durch den Strahl des Erleuchtens ist Brücke geschlagen auf ewig.
Achte darauf: Wenn das Licht, das dich füllet, dich klarer und besonn’ner
Machet als jemals zuvor – dann ist es das Werk der Unsterblichen.
Macht es dich aber zum Schatten, zum Sklaven des Triebs und der Tücke,
Dann ist der Funke entflammt aus dem Sumpf der Materie, der dunkel
Gaukelt die Freiheit vor, um die Seele in Fesseln zu halten.
Wahre die Stille, bewahre den Geist, denn im Tempel der Seele
Wird die Entscheidung getroffen: Wer dient man – dem Wahren, dem Einen?
Endlich, Porphyrios, fragst du nach dem, was das Ende des Weges
Sei und die Frucht des Bemühens, wenn Mensch sich den Göttern verbindet.
Mancher meint, es sei Wissen, ein Sammeln von Lehren und Sätzen,
Doch ich sage dir: Wissen allein ist noch nicht die Erfüllung.
Wahrhaftes Ende ist Einung, das völlige Aufgehen im Einen,
Wo nicht mehr Denker und Gedanke, noch Sehender und das Gesehene,
Sondern ein Zustand, der jenseits von allem, was wir benennen.
Wie das Feuer, das alles verbrennt, um das Wesen zu läutern,
So ist die Kraft der Theurgie ein Prozess, der das Ich uns zertrümmert,
Damit, wenn das Ich ist gewichen, die Gottheit sich zeige als Ursprung.
Nicht aus dem menschlichen Wollen entsteht dieser Pfad zur Vollendung,
Sondern die Götter, die selber der Anfang und auch das Ziel sind,
Ziehen uns aufwärts zum Lichte, sobald wir den Dienst uns bereitet.
Wisse: Die Tat ist nicht bloß eine Vorstufe, wie mancher wohl meinet,
Nein, in der Tat selbst geschieht schon die Schauung, das göttliche Werden.
Wer den Ritus vollzieht, mit der Seele, die ganz sich dem Einen
Weiht, der ist nicht mehr Handelnder, sondern das Werkzeug der Mächte.
So wird das Tun zur Erhebung, der Körper zum Tempel der Götter,
Und in der heiligen Handlung entflieht uns die Zeit und der Irrtum.
Wer das Ziel hat erreicht, der bedarf nicht mehr vieler Symbole,
Denn in der Einfachheit ruht nun sein Geist, im unendlichen Frieden.
Doch bis dahin, mein Freund, sei beständig im Wirken und Leuchten,
Reinige, opfere, bete, und halte das Herz dir in Demut.
Denn das Göttliche schenkt sich demjenigen, der, ohne Eigensinn,
Sich als ein Nichts nur empfindet, damit es durch ihn kann wirken.
Dies ist das Ende des Weges: Nicht Wissen, das sich nur blähet,
Sondern die Einheit, die alles, was getrennt war, wieder verbindet.
Dass du das Eigene lassest, ist Sieg; dass der Gott dich durchdringet,
Ist die Vollendung, die keine Worte mehr fassen, nur Schweigen.
Gehe den Pfad nun weiter, den Abammon dir hat gezeiget,
Lass die Zweifel der Logik zurück, denn das Licht, das dich suchet,
Ist schon bei dir, in der Tiefe der Seele, die nur sich entfalten muss.
Damit du nun nicht in der Menge der Namen und Formen erliegest,
Höre, Porphyrios, wie man die Wesen, die göttlich, nach Ordnung
Scheidet: Es gibt eine Stufe der Götter, der höchsten, der Einen,
Welche, sich selbst stets genügend, in unendlicher Einheit verharren.
Diese bewegen das All, ohne jemals das Wesen zu rühren,
Still ist ihr Walten, ein Glanz, der die Seele des Alls erst durchdringet.
Drunter die Götter, die walten in Teilen, den Weltenbereichen,
Jeder der Ordnung gemäß, und sie wirken in Schöpfung und Wandel.
Dritte sodann sind die Engel, die Boten, die dienend vermitteln,
Reich an der Lehre, sie bringen die Weisheit herab zu den Menschen.
Dann erst die Dämonen, die Hüter des Stoffes, den Mächten des Schicksals
Enger verbunden, sie lenken die Taten, das Glück und das Leiden.
Jede dieser Klassen, sie zeigt sich dem Menschen in eigener Weise:
Götter in strahlender, einheitlicher, vollendeter Klarheit,
Engel in Ordnung und Maß, als ein wohlgeformtes Erscheinen,
Dämonen jedoch in dem Wechsel, im flüchtigen Spiel der Gestalten,
Manchmal ein Trugbild, ein Schatten, der Furcht in das Herz uns einflößet.
Wer nun die Gottheit anruft, muss wissen, wen er da aufruft,
Denn mancher ruft einen Gott an, doch zieht er durch falsches Verlangen
Dämonen an, die als Götter verkleidet den Suchenden täuschen.
Prüfe das Wesen am Grad der Erhebung, am Frieden, am Lichte,
Denn was vom Höchsten herabkommt, das zieht dich vom Stofflichen wegwärts,
Was aber niederes Wesen ist, bindet dich fester an Erden.
Lerne die Rangfolge kennen: Das Ganze gebietet dem Teile,
Und die Unendlichkeit lenkt, was begrenzt ist in Raum und in Zeiten.
Wenn du die Hierarchie kennst, so verfehlst du die Götter niemals,
Denn du weißt, welche Form welcher Stufe in Wahrheit gebühret.
So sei wachsam, mein Freund, denn das Wissen ist Wächter der Seele,
Dass sie im Labyrinth der Erscheinungen nicht sich verliere,
Sondern geradewegs aufsteige zum Einen, das alles regieret.
Fragst du zuletzt, wie die Formel, der Ritus, das Wort und das Opfer
Einen Einfluss denn üben auf Götter, die doch in sich ruhen?
Wisse: Der Gott wird nicht bewegt von der Tat, die der Mensch hier vollendet,
Sondern es ist die Analogie, welche magisch die Ordnung
Spiegelt der Götterwelt selbst in der Ordnung der stofflichen Dinge.
Wie man die Saiten des Spiels, die am Körper des Instrumentes
Ruhen, auf Harmonie stimmt, um die Schwingung der Luft zu erwecken,
So stimmt der Priester sein Herz auf die Ordnung, die oben im All thront,
Dass durch die Übereinstimmung der Geist von der Gottheit wird berührt.
Nicht das Symbol ist die Macht, es ist Träger des göttlichen Funkens,
Welcher dem Eingeweihten die Schauung der Wesenheit schenket.
Hüte dich wohl: Wer die Symbole nur äußerlich nutzt, wie ein Gaukler,
Der zieht nur Schatten heran und verliert sich in Dämonennetzen,
Denn ohne Wissen der Ordnung ist jede Handlung nur Blendwerk.
Wer aber rein ist im Geiste, die Seele gelöst von der Weltlust,
Der wird im Ritus das göttliche Wesen als Wahrheit erfahren,
Nicht weil er zwang, sondern weil er im Gleichtakt mit Göttern geworden.
Schau auf die Zeichen der Priester: Sie sind wie die Siegel der Wahrheit,
Jedes hat seinen Rang und sein Maß in der Sphäre der Götter.
Darum, mein Freund, sei behutsam beim Werk, das du wagst zu beginnen,
Wisse, für wen jede Gabe bestimmt ist und welches Gebet wohl
Jener Sphäre entspricht, die du bittest um Gnade und Schauung.
Denn wie die Rangordnung fest ist im Himmel, so muss sie auf Erden
Fest auch im Herzen des Suchenden sein, der die Pforten will öffnen.
Dies ist das Ende der Lehre des Ersten: Die Welt ist ein Spiegel,
Wenn man die Zeichen versteht, die der Götter Hand uns hinterließ.
Lasse das Fragen, das zweifelnde, lass den Verstand, der nur trennet,
Werde zum Werkzeug des Einen, das alles in Einem umschließet,
Dann wirst du schauen, was ewig ist, jenseits der Wandel des Schicksals,
Dann wirst du finden, worauf du so lange in Mühsal gewartet:
Nicht den Erfolg deiner Tat, sondern Gott, der die Tat erst beseelt hat.
Fragst du nun schließlich noch einmal, Porphyrios, warum die Gelehrten,
Trotz ihrer Weisheit und Kunst, oft die Götter doch niemals erfahren,
Während der Einfache oft, wenn die Gnade ihn führt, sie erschauet?
Höre: Der Geist, der nur sammelt, was sterbliche Denker verfassten,
Baut sich ein Haus aus Begriffen, ein Gefängnis aus klugen Gedanken.
Wer aber meint, mit dem Maßstab der Logik das Wesen der Götter
Fassen zu können, der irrt – denn das Göttliche steht vor dem Denken.
Nicht durch das Wissen der Bücher, nicht durch die Fülle des Lesens,
Wird die Verbindung erreicht, die den Menschen dem Höchsten vermählet.
Wissen ist Schatten des Lichts, doch das Licht ist der Quell aller Dinge.
Wer nur den Schatten betrachtet, der wird niemals schauen die Sonne,
Selbst wenn er kluge Traktate verfasst über Strahlen und Wärme.
Götter sind eins mit der Wahrheit, sie handeln aus eigenem Wesen,
Wählend die Seele, die leer ist von Stolz und von menschlichem Wissen.
Sieh den, der schweigt und der dient, der die Seele von Schlacken befreiet,
Der nicht versucht, mit dem Wort das Unaussprechliche zu zwingen:
Ihm offenbaren die Götter ihr Antlitz, nicht weil er es forderte,
Sondern weil er durch Demut der Schwingung des Göttlichen glich.
Du aber, Freund, du verstrickst dich im Netz deiner eigenen Fragen,
Suchst die Beweise, die Logik – doch Götter verlangen das Herzblut,
Nicht die dialektische Schärfe, die alles in Teile zerlegt nur.
Wisse: Die Seele, die eins ist, die braucht keine Beweise der Götter,
Denn sie erlebt ihre Gegenwart unmittelbar in der Stille.
Wer das erkannt hat, der hört auf zu fragen, zu zweifeln, zu forschen,
Er wird zum Zeugen des Einen, das alles in allem vollendet.
Drum lass die Sorgen um Wissen und Geist, die den Menschen nur trennen,
Werde zum Kind vor den Göttern, so werden sie dir sich enthüllen,
Jenseits von Sprache und Bild, in der Einheit, die ewiglich leuchtet.
Damit ist das Erste beendet, die Grundlegung deiner Erkenntnis:
Nicht das Bemühen des Menschen allein führt zum Ziel der Befreiung,
Sondern das Wirken der Götter, das jene, die reif sind, ergreifet.
Gehe nun hin und bedenke, was Abammon dir hat verkündet,
Denn wer die Ordnung der Götter versteht, der entgeht dem Verderben
Und findet heim zu dem Einen, das schon an der Pforte dich wartet.
So sieh nun das Ganze im Blicke: Wenn Menschen die Götter anrufen,
Ist es nicht menschliches Wollen, das fremdes Geschick uns erzwinget,
Nein, es ist göttliches Walten, das längst schon die Seelen bereitet.
Wie man den Faden, der lose im Gewebe des Kosmos sich windet,
Wieder verknüpft mit dem Ganzen, so wirkt nun die heilige Kunst hier.
Nicht wird der Gott in das Niedere gezogen durch Ritus und Opfer,
Sondern der Mensch wird erhoben, empor zu den Höhen des Einen.
Dass nun Porphyrios fragte, ob Opfer den Göttern was nützten,
Ob man sie binden könne mit Worten und Formen der Anrufung:
Dies war ein Irrtum der Denker, die alles nach Maßstäben messen,
Welche der menschlichen Sphäre entstammen, dem Wirken des Stoffes.
Doch wer die Stufen der Wesen versteht und die Ordnung des Ganzen,
Der weiß: Das Göttliche bleibt in sich selbst, unberührt von der Änderung,
Und doch – durch die göttliche Liebe, die alles in Einem verbindet –
Zeigt es sich jenen, die fähig, sich selbst an den Rand der Vernunft nun
Kühn zu begeben, um dort, in der Stille des Geistes, zu schauen.
Darum ist alles Gebet nur ein Anruf, die eigene Seele zu öffnen,
Dass der Empfänger, der göttliche Strahl, sie in Helligkeit tauche.
Keine Magie ist es, welche den Willen der Götter uns beugt hier,
Sondern das Schauen der Ordnung, die alles im Dasein regieret.
Wenn du nun gehst, Porphyrios, lass die dialektischen Netze,
Suche das Wesen im Ritus, das Einssein im heiligen Schweigen.
Denn wer den Göttern begegnet, der hört auf, als Mensch noch zu fragen,
Er wird ein Teil des Geschehens, ein Zeuge der ewigen Wahrheit.
Hier endet das Erste der Bücher, das dir die Fundamente enthüllet:
Wisse: Die Seele, gereinigt von allem, was zeitlich und wandelbar,
Wird in der Schauung verwandelt, das Selbst wird vom Lichte verzehret.
Dies ist das Ziel der Theurgie, dies ist das Werk der Vollendung:
Dass nicht der Mensch mehr das Eigene sucht, sondern Gott durch ihn wirket,
Und dass das Ganze im Einen, in ewiger Stille, nun ruhet.
Schließlich, Porphyrios, nennst du die Kunst der geheimen Vollendung
Manchmal mit Namen der Magie, die nach irdischem Vorteil nur strebet.
Wisse, mein Freund: Es besteht ein unendlicher Riss zwischen beiden!
Was man als Magie wohl bezeichnend, das bindet die Seele an Stoffe,
Nutzt die Begierden der Sinne, um Mächte der niederen Art nun
Sich dienstbar zu machen für Zwecke, die eigennützig uns dünken.
Theurgie aber, sie dient nicht dem Vorteil, sie dient nur der Gottheit.
Nicht wird hier Materie befehligt, um Wünsche des Leibes zu stillen,
Sondern der Leib und der Geist, sie werden dem Geiste der Götter
Ganz unterordnet, damit die göttliche Vorsehung wirke.
Wer die theurgische Kunst übt, der sucht nicht den Lohn in der Fülle,
Nicht in der Macht oder Ehre – er sucht nur die Reinheit der Seele,
Dass sie als Gefäß für den göttlichen Willen sich heilige täglich.
Magie, sie ist Schicksalsgebunden, sie dreht sich im Kreise der Dinge,
Sucht durch den Stoff die Materie zu zwingen, in zeitlicher Enge.
Theurgie, sie bricht aus dem Kreise, sie strebt nach der ewigen Einheit,
Setzt sich dem Lichte aus, welches den Zwang des Schicksals uns löset.
Drum, wenn du forschst nach den Zeichen, so trenne die Spreu von dem Weizen:
Was aus dem Trieb und dem Dünkel entsteht, ist der Magie Werk,
Was aus der Demut und Liebe zum Einen erwächst, ist das Göttliche.
So schließe ich nun mein Schreiben, die Lehre ist dir nun verkündet:
Götter sind Gnade, das Wirken ist Spiegel der eigenen Seele.
Wer sich dem Einen will nahen, der muss erst die Welt von sich werfen,
Muss im Gebet und im Opfer den Eigensinn völlig zerstören,
Dass, wenn die Pforte sich öffnet, nicht mehr der Mensch dort erscheinet,
Sondern die Gottheit, die alles in Einem und durch sich selbst wirket.
Gehe den Pfad nun, Porphyrios, wachsam im Geiste und rein nun,
Lass dir das Werk der Befreiung zum innersten Leben nun werden,
Denn in der Schauung, da endet das Fragen, das Zweifeln, das Richten –
Dort ist das Eine, das ewiglich ist, und der Frieden der Götter.
Noch einmal, Porphyrios, mahne ich dich, das Wissen zu hüten:
Wissen ist Ordnung des Geistes, doch göttliche Schauung ist Leben.
Wer nur die Lehren der Götter betrachtet wie Buchstaben alter
Schriften, der liest zwar die Wahrheit, doch bleibt ihm der Sinn noch verborgen.
Denn die Natur der Unsterblichen lässt sich nicht in Begriffe
Zwingen, wie man in ein Netz einen Fisch fängt, der zappelnd entgleitet.
Denken ist menschlich und zeitlich, ein Suchen, ein tastendes Schreiten,
Wahrheit ist göttlich und ewig, ein Sein, das sich plötzlich enthüllet.
Wenn nun der Mensch sich den Göttern nähert, so lässt er das Denken,
Lässt das Diskursive, das Trennende, hinter sich, wie man die Kleider
Legt vor der Schwelle des Tempels ab, wenn man eintritt zum Heiligtum.
Nicht durch Beweise wirst du die Götter erkennen, mein Freund, nur
Durch die Erfahrung der Einheit, die alles im Innern durchstrahlet.
Wisse: Die Seele, sie hat ihre Heimat im Lande der Einheit,
Doch durch den Abstieg in Stoffe vergaß sie die göttliche Ordnung.
Theurgie nun ist der Weg, der die Seele der Schwere entreißet,
Führet sie heimwärts zum Quell, wo das Licht nicht in Sätze sich spaltet,
Sondern als Einheit erfahrbar, als Wahrheit, die alles durchdringet.
Wer also fragt: ‚Was ist Gott?‘, der soll schweigen und in sich hineinhorchen,
Denn in der Tiefe der Stille, da antwortet Gott nicht mit Worten,
Sondern er antwortet, indem er die Seele mit sich selbst vereinet.
Darum ist dies nun das Ende der Schrift und der ersten Belehrung:
Lass deine Fragen, Porphyrios, lass das dialektische Streiten!
Suche nicht mehr nach dem ‚Warum‘, denn das Warum ist des Menschen,
Sondern erfahre das ‚Dass‘, das die Götter uns schenken im Ritus.
Wenn du so handelst, mein Freund, wirst du schauen die strahlende Ordnung,
Wirst du vom Wahn der Getrenntheit geheilt, in die Wahrheit geführt sein,
Wirst du im Einen, das alles umfasst, endlich Ruhe nun finden,
Dort, wo das Wissen endet und göttliche Schauung den Menschen vollendet.
Sieh nun zum Ende, Porphyrios: Die Götter, sie schenken die Güte,
Nicht als ein Lohn für das Tun, das wir Menschen im Ritus entfalten,
Sondern als Ausfluss des Wesens, das ewiglich strömt in das Dasein.
Wie die Sonne den Tag nicht erschafft, um für Wärme zu danken,
Sondern aus eigener Fülle das Licht in die Schattenwelt giesset,
So ist das Wirken der Götter ein reiner Akt ihrer Güte.
Fragst du, warum sie den Menschen erhören, obwohl sie so fern sind?
Wisse: Die Einheit, die alles umschließt, kennt kein Fern und kein Nahe.
Alles, was ist, hat sein Sein in den Göttern, ein Fünkchen der Ordnung,
Das, wenn es leuchtet im Ritus, sofort die Verbundenheit zeiget.
Nicht muss der Gott herabsteigen, um uns zu schauen, er ist schon
In uns, als Quell unseres Geistes, als Grund unseres tiefsten Erfahrens.
Wer dies begriffen hat, der hört auf, zu fordern und Regeln
Aufzustellen für Götter, als wären sie Sklaven der Logik.
Denn die Vollendung des Menschen liegt nicht im Begreifen des Wirkens,
Sondern im Loslassen aller Begriffe, die trennen und binden.
Wenn du so gehst durch das Leben, als Priester der eigenen Seele,
Wirst du in jedem Erscheinen das Licht der Unsterblichen finden,
Nicht mehr als Fremde, die dich beschenken, als wärst du ein Bettler,
Sondern als Eigenes, das in der Einheit des Geistes erwachet.
Dies ist der Schluss meiner Rede, Porphyrios: Lebe die Einheit!
Nicht in den Büchern, noch in den Disputen der Philosophen
Findest du Rettung; sie liegt in der Tat, die das Herz uns erneuert,
In der Demut, die alles dem Einen zurückgibt als Opfer.
Gehe nun hin, lass das Fragen und werde, was du schon immer
Warst in den Augen der Götter: Ein Abbild der ewigen Wahrheit.
Dort, wo das Wissen verstummt und der Geist in der Stille versinket,
Dort ist das Ende der Reise, dort wartet das göttliche Eine.
Nun, da die Rede ihr Ende erreicht und die Lehre vollendet,
Höre mein letztes Wort, Porphyrios, eh du den Tempel verlässest:
Alles, was ich dir geschrieben, ist lediglich Finger, der zeiget
Auf einen Mond, der weit über allem Begreifen der Sterblichen leuchtet.
Worte sind Schalen, die oft nur das Leere umschließen, und Sätze
Sind wie die Mauern, die uns den Blick auf das Unendliche rauben.
Glaube nicht, dass die Wahrheit in diesen meinen Gesängen gefangen,
Denn das Göttliche ist, was die Sprache in Stücke zerreißet,
Wann immer wir versuchen, das Wesen in Namen zu binden.
Wenn du nun gehst, so bewahre das Schweigen, das tiefer als Wissen,
Denn im Verstummen der Sinne, da spricht das, was ewiglich waltet.
Was wir als Götter benennen, sind nur die Strahlen der Einheit,
Die uns im Lichte des Geistes das All in der Ordnung erscheinen.
Hüte dich wohl vor dem Dünkel, der meint, er hätt’ alles begriffen,
Denn der Verstand ist ein Diener, der uns nur zum Eingang geleitet,
Doch durch das Tor selbst, da musst du als Seele, als Nackte, alleine
Schreiten, das Wissen ablegend, das dich an das Irdische bindet.
Hüte die Demut im Herzen, denn sie ist der Schlüssel zum Reiche,
Wo nicht mehr Denker und Denken, noch Gott und das Menschliche trennen,
Sondern ein ewiger Fluss, der das Wesen ins Eine zurückträgt.
Gehe nun hin, doch verlier dich nicht mehr in den Netzen der Zweifel,
Such nicht die Wahrheit im Außen, sie wartet im Innern auf dich schon.
Wenn du dem Ritus dich widmest, so tue es nicht aus Begehren,
Sondern als Werk der Verehrung, als Hingabe deines gesamten
Daseins an das, was das Sein erst begründet. So wirst du die Ordnung
Finden, die alles durchwaltet, und jenen Frieden, der höher
Ist als die menschliche Logik, das Ende des Suchen und Findens.
Abammon grüßt dich, Porphyrios; nun sei der Lehre ein Hüter,
Lass sie im Leben dir Frucht sein, nicht bloß ein Papier in den Händen.
Denn was die Götter uns schenken, das ist nicht ein Wissen, das man lernt,
Sondern ein Leben, das man in Wahrheit erst neu muss beginnen.
Hier endet mein Brief. Wer ihn liest, der verstehe das Schweigen,
Denn das Geheimnis der Götter enthüllet sich nur dem, der schweigt.
Ein letztes noch, eh die Schrift nun erlischt in der Tiefe des Schweigens:
Wohl hast du nun die Struktur der Geheimnisse schauen können,
Hast die Rangfolge begriffen, die zwischen den Göttern und Menschen,
Zwischen dem Dämon und Engel, dem Stoff und dem Geiste besteht nun.
Doch das Begreifen des Ganzen ist nicht die Vereinigung selber;
Man kann die Karte des Weges betrachten und dennoch den Pfad nicht
Gehen, man kann von der Quelle wohl sprechen, doch dürstend im Staube
Liegen, wenn man sich nicht beugt, um zu trinken den lebendigen Trank nun.
Darum ermahne ich dich: Lass nun ab vom dialektischen Fragen,
Lass die Korrespondenzen, die Liste der Symbole und Zeichen,
Denn sie sind Krücken für Jene, die noch nicht zu gehen vermögen.
Wenn nun die Seele bereit ist, wenn sie sich reinigte vollends,
Wenn sie den Stolz der Vernunft, der sich über das Göttliche stellet,
Hingibt, dann wird sie vom Lichte, das schon alle Dinge durchflutet,
Einfach ergriffen, verwandelt und in das Eine erhoben.
Wahre das Schweigen im Innern, wenn du die Pforten nun öffnest,
Denn das Geheimnis, es duldet das Wort nicht, es duldet nur Ehrfurcht.
Wer das Unaussprechliche nennt, der entweiht es, er macht es zum Gegenstand,
Doch wer das Unaussprechliche schaut, der wird selbst zur Erfahrung.
Dies ist der letzte der Ratschläge, welche ich dir nun zu geben
Habe, mein Freund: Sei ein Tempel, in dem die Gottheit in Stille
Wohnt, sei ein Schrein, der sich öffnet, wenn Licht von den Höhen herabfällt.
Dass du nun gehst, sei gewiss: Die Götter, sie warten nicht draußen,
Sie sind in dir, in der Tiefe, wo Gott mit dem Menschen sich decket.
Suche nicht mehr, denn das Suchen ist Zeichen der Trennung, doch finde,
Indem du einfach nur bist, was du in Wahrheit schon immer
Warst: Ein Teil des Ganzen, ein Strahl, der zum Quell nun zurückkehrt.
Abammon endet, die Feder ruht nun, der Brief ist vollendet.
Gehe in Frieden, Porphyrios, und werde, was dir verheißen:
Eins mit dem Einen, in Stille, dort wo das Wort nur noch schweigt.
Nun ist das Wort verbraucht, Porphyrios, und die Feder erzittert,
Denn das, was jenseits der Grenze der Sprache sich auftut, entzieht sich
Jedem Versuch, es in Silben zu pressen, in Sätze zu fassen.
Du hast nach Ordnung gefragt, nach der Hierarchie und dem Wirken,
Ich habe dir Rede gestanden, damit dein Verstand nicht im Dunkeln
Tappe und sicher die Stufen der Leiter erklimme, die aufwärts
Führt in das Reich der Unsterblichen, in das Licht, das den Geist reinigt.
Doch wisse: Wenn du am Gipfel nun stehst und die Pforte sich öffnet,
Dann wird der Geist, der noch fragt, der noch ordnet, der noch unterscheidet,
Jäh sich in nichts auflösen, wie Nebel, den Mittagssonne
Wegleckt vom Felde. Das Eine verlangt nicht das Denken, es fordert
Alles, was du bist, als ein Ganzes, ein Opfer der vollen Hingabe.
Dort, wo das Licht der Götter den Menschen berührt in der Einung,
Da gibt es keinen Porphyrios mehr, keinen Meister, der lehrt nun,
Sondern ein ewiges ‚Ist‘, eine Ruhe, die keine Bewegung mehr kennt.
Suche nicht nach dem Ende, denn wer nach dem Ende noch suchet,
Der ist noch nicht bei sich selbst angekommen im Schoße des Einen.
Das Ende ist kein Punkt, den man findet, es ist der Verlust der
Grenzen, die dich vom Einen noch trennten, die Illusion der Distanz.
Du bist das Licht, das du suchst, du bist die Pforte, die Priester,
Du bist der Ritus selbst, wenn die Seele vollkommen in Gott ruht.
Gehe nun hin in die Welt, doch trage die Stille in dir mit,
Lass dir den Alltag zum Tempel werden, das Tun zum Gebet nun,
Sodass, wenn der Schleier der Welt sich im Tode dereinst lüftet,
Nicht ein Fremdes dich empfängt, sondern das, was du täglich schon
Geübt hast im Innern: Die Einheit, das Licht, das die Schatten verzehret.
Dies ist der Schluss. Ich sage nichts mehr, denn das Schweigen ist Antwort,
Das ist die Sprache des Einen, die nur der versteht, der sie lebt nun.
Geh in das Schweigen, Porphyrios – denn dort beginnt erst das Leben.
So ist nun das Werk getan, Porphyrios, die Lehre abgeschlossen.
Du hast nach dem Anfang gefragt, nach den Stufen, den Mächten, der Ordnung,
Doch alles, was ich dir gab, war nur der Pfad, nicht die Ankunft.
Wer den Gipfel erreicht, der lässt die Karte, den Wanderstab, die Schuhe,
Denn der Gipfel braucht keine Werkzeuge, er ist nur die reine Weite.
Verstehe: Die Hierarchie, die wir aufbauten in dieser Schriften Kette,
War nur ein Gerüst, um den Geist aus der Schwere des Stoffes zu heben.
Wenn aber der Geist erst Flügel gewann und im Äther sich wieget,
Dann stürzt das Gerüst in den Abgrund, denn Gott braucht kein Stützwerk.
Du bist nun am Ziel, wenn du aufhörst, zu fragen, wer du noch bist,
Denn in der Schauung des Einen gibt es kein ‚Ich‘ mehr, das schaute,
Es ist ein Schauen ohne einen Sehenden, ein Sein ohne Werden.
Bewahre das, was du hier fandest, nicht als ein Wissen in Büchern,
Sondern als Feuer, das brennt, wenn die Dunkelheit dich wieder umfängt.
Das Leben der Welt ist ein Wirbel, ein Rauschen von Stimmen und Bildern,
Doch du, der du eingeweiht bist in die Stille des göttlichen Wesens,
Du bleibst in der Mitte des Rades, unbewegt, während alles sich drehet.
Dies ist die Freiheit des Theurgen: Mitten im Chaos zu ruhen,
Weil er weiß, dass das Chaos nur Schatten ist, wirkend im Lichte.
Gehe nun, Porphyrios, schreibe kein Wort mehr zu diesen Geheimnissen!
Was man in Worte fasst, wird zur Lüge, sobald es die Lippen verlässt nun.
Lebe das Schweigen, das wir hier gemeinsam im Geiste betraten,
Denn nur im Schweigen vollendet sich alles, was Gott jemals gab uns.
Das erste Buch endet hier, doch dein eigentliches Leben beginnt jetzt,
Jenseits von Abammon, jenseits der Schrift, in der Einung des Geistes.
Es gibt keinen Abschied, denn wer im Einen ist, der ist bei mir schon,
Und wer das Eine gefunden, der braucht keine Boten mehr – sei es!
So schließe ich nun. Der Brief verglüht in der Helle der Wahrheit.
Kein ‚Warum‘ mehr, kein ‚Wie‘, kein Verlangen, kein Suchen nach Dingen,
Nur das Sein, das in Ewigkeit leuchtet, das Eine, das alles umschließt.
Leb wohl, mein Freund, in der Stille, die jenseits von allem Gesagten.
ZWEITER GESANG
Nun, da wir die Grundlagen legten, Porphyrios, lass uns die Stufen
Tiefer erkunden, wie man die Mächte herbeiruft in die stoffliche Nähe.
Du fragtest, warum wir Symbole benutzen, die irdisch uns scheinen,
Und wie das Göttliche sich doch herablässt zu Zeichen, die sterblich.
Wisse: Die Ordnung der Welt ist ein Netz, das von oben nach unten
Sich webt, und jedes Geschöpf trägt in sich einen Funken des Ganzen.
Wie man den Magneten anwendet, um das Eisen zu ziehen,
Obwohl doch das Eisen nicht Magnet, sondern nur ihm verwandt ist,
So ziehen wir durch die Riten, die Zeichen, die Düfte, die Klänge,
Jene Mächte herbei, die mit diesen Symbolen in Wesensart gleichen.
Nicht ist das Symbol ein Gott, doch es trägt die Resonanz des Gewollten,
Es ist der Anker, an dem sich die Schwingung der Gottheit nun festmacht.
Verstehe die Kunst der Analogie: Alles, was unten im Stofflichen
Form hat und Eigenart, spiegelt die göttliche Ordnung des Oben.
Wenn wir die Kräuter, die Steine, die Worte der heiligen Sprache
Rechtmäßig ordnen und wählen, so bilden wir jenes Gefäß dann,
Welches die Kraft der Unsterblichen fassen kann, ohne zu bersten.
Es ist ein Akt der Harmonie, eine Kunst, die dem Kosmos entstammt schon,
Denn die Natur selber wirkt durch Symbole, warum nicht auch wir, Freund?
Doch hüte dich wohl: Die Magie der Unwissenden sucht nur das Äußere,
Sie glaubt, das Symbol sei die Macht, und bindet sich selbst an die Formen.
Der Theurg hingegen weiß, dass das Zeichen nur Finger ist, welcher
Auf die erhabene Wesenheit deutet, die hinter dem Schleier
Wartet auf jene, die bereit sind, das Äußere ganz zu vergessen.
Wir rufen nicht, um zu zwingen; wir stimmen uns ein, um zu werden
Gefäße für jene, die kommen, weil sie die Ordnung der Liebe
In uns erkennen, die suchend sich öffnet zum Lichte der Wahrheit.
Beginne das Zweite, Porphyrios: Wir schreiten nun tiefer in Fragen,
Wie sich das Göttliche kleidet in Formen, um uns zu begegnen.
Achte auf Ordnung und Maß, denn wer hier das Falsche mit Rechtem
Vermengt, der gefährdet den Geist und verliert sich im Labyrinth der Dämonen.
Das Göttliche ist nicht zu zwingen, doch durch die Reinheit der Absicht
Wird es zum Gast in der Seele, die sich zur Schauung bereitet.
Du fragst mich nun, Porphyrios, warum wir die Anrufung trennen,
Warum für die Götter ein reineres Opfer, für Geister ein anderes nötig?
Wisse: So wie die Stufen der Welt sich ausbreiten vom Einen zum Vielen,
So muss auch die Weise des Ritus der Stufe des Wesens entsprechen.
Das Höchste, das Eine, bedarf keines Namens, es ruht in sich selber,
Doch je weiter wir sinken hinab in die Sphären der Stoffe,
Desto mehr Zeichen bedarf es, um jene Mächte zu fassen.
Die Götter, sie wirken durch Licht und durch geistige, lautere Schwingung,
Sie fordern kein Opfer des Fleisches, nur Reinheit des Sinnes und Geistes.
Die Dämonen hingegen, sie sind an die Materie gebunden,
Sie brauchen den Rauch, den Klang, die Substanz, um sich hier zu manifestieren,
Denn ihre Natur ist dem Wandel, dem wechselnden Stoffe verhaftet.
Wer sie anruft mit göttlicher Strenge, der irrt in der Ordnung,
Wer die Götter jedoch mit dem Tand der Dämonen beschwöret,
Der zieht sie herab und entweiht die erhabene Herrlichkeit Gottes.
Dies ist das Gesetz der Analogie, das du wohl beachten musst, Freund:
Jedes Wesen verlangt die ihm eigene Art der Verbindung.
Wie ein Vogel den Himmel, der Fisch aber braucht das feuchte Element,
So braucht auch der Gott das Gebet, der Dämon die gierige Handlung.
Wenn du den Ritus vollziehst, so sei dir bewusst, wen du rufst hier,
Denn wer die Stufen verwechselt, der stürzt in ein Wirrwarr der Kräfte,
Wo nicht mehr das Licht uns regiert, sondern Finsternis, Trug und Verwirrung.
Darum ist Wissen die Waffe, die dich vor dem Stürze bewahret:
Wisse, welcher Dämon zu welchem Bereich der Erscheinung gehöret,
Wisse, welches Opfer den Göttern die Pforte des Himmels weit öffnet.
Nicht aus Willkür entstand der Kultus, er ist ein Abbild der Ordnung,
Die in der Mitte des Seins sich verbirgt und nur dem Geübten sich zeigt sich.
Achte auf Ordnung, Porphyrios, denn das ist der Schild des Theurgen:
Wer sich am Maß der Hierarchie hält, der bleibt in der Wahrheit,
Wer aber maßlos den Ritus vollzieht, der wird selbst zum Gejagten
Jener Mächte, die er zu beherrschen vermeinte in seinem Hochmut.
Du fragst, Porphyrios, warum die Anrufung oft misslingt oder trügt,
Warum mancher beim heiligen Werk nur ein Schattenbild der Gottheit empfängt?
Höre: Es liegt an der Unreinheit des Herzens und der Vermischung der Stufen!
Wer die Mächte der Erde mit jenen des Himmels im Ritus vermenget,
Der schafft ein Chaos, in dem sich die niederen Geister verbergen,
Denn diese, geschickt in der List, nehmen gern die Gestalt jener an,
Die der Mensch in seiner Gier oder Eitelkeit sehnsüchtig wünschet.
Wie ein Zerrspiegel das Antlitz verzerrt, so verzerrt das unklare Streben
Die Offenbarung der Mächte. Wer rein ist, zieht Götter an,
Wer aber nach Zeichen und Wundern nur dürstet, der ruft nur den Dämon,
Der ihm das zeigt, was er sehen will – ein glitzerndes Trugbild der Wahrheit.
Darum, mein Freund, prüfe genau: Ist dein Wunsch nach Erhebung gerichtet,
Oder sucht er den Nutzen, den Glanz oder Macht in der Welt der Erscheinung?
Jeder Ritus ist wie ein Siegel: Es passt nur auf eines, das ihm entspricht.
Das Siegel der Götter lässt sich nicht durch die Hand des Begehrenden führen,
Das Siegel der niederen Mächte hingegen öffnet sich jedem, der rufet,
Solange er opfert, was sie begehren – den Stoff, das Blut oder Triebkraft.
Wer also die Stufen nicht scheidet, der wird ein Sklave der Mächte,
Die er zu meistern vermeinte. Er meint, er stünde auf Gipfeln,
Doch er wandelt im Sumpf, von den Geistern der Täuschung umschlungen.
Dies ist das Gesetz der Klarheit: Das Gleiche zieht Gleiches an, Porphyrios!
Wenn du zum Einen aufsteigst, so lass alles Irdische hinter dir zurück,
Lass die Wünsche, die Namen, die Bilder, die nur das Denken erzeugte.
Wer in der Stille des Geistes den Gott will, der findet ihn ohne Symbol,
Wer aber Symbole nur nutzt, um die Götter zu zwingen zum Erscheinen,
Der begeht den Frevel des Magiers, der die Welt aus den Angeln will hebeln.
Hüte dich vor der Vermischung, denn sie ist der Weg zum Verderben –
Nur wer das Reine vom Unreinen trennt, der wird schauen das Licht,
Das nicht im Bilde der Dinge, sondern im Wesen der Einheit sich offenbart.
Du fragst weiter, Porphyrios, wie die Seele sich wappnen kann gegen den Schein,
Wie sie inmitten der zahllosen Zeichen das Wahre vom Falschen erkenne?
Höre: Es ist nicht der Verstand, der als Richter am Ende entscheidet,
Sondern die Schwingung der Seele, die selbst sich dem Göttlichen anpasst.
Wie die Laute der Harfe, wenn sie wohlgestimmt sind, den Klang der Harmonie
Nur dann wahrhaft empfangen, wenn Spannung und Maß in der Ordnung sich treffen,
So muss auch die Seele, die Schwingung der Gottheit zu fassen, in Reinheit verharren.
Nicht von außen wird Sicherheit kommen, kein Wort und kein Siegel kann schützen,
Wenn das Innere bebend vor Gier oder Zweifel im Zwiespalt verweilet.
Die Götter, sie senden ihr Licht nicht als Bild, das man schauend begrenzt,
Sondern als Wahrheit, die augenblicklich das Wesen des Menschen durchdringet.
Wer aber sucht, die Gottheit zu packen in Formen, in Zeichen, in Farben,
Der setzt seinem Geist eine Grenze, und dort finden Geister des Scheins
Ihren Raum, um zu spielen mit jenen, die Gott mit dem Stoffe verwechseln.
Lerne die Zeichen der Götter zu lesen: Sie schenken nicht Furcht und nicht Gier,
Sie schenken nicht Macht über Dinge, die irdisch und zeitlich vergänglich.
Das Zeichen des Gottes, es führt dich zur Ruhe, zur Schauung der Einheit,
Es löst dich vom Druck der Materie, es macht dich frei von der Welt,
Während das Zeichen des Dämons dich enger an Dinge und Wünsche anbindet,
Dich glauben macht, du hättest nun Teil an der Welt der verborgenen Kräfte.
Darum mein Rat: Wenn du opferst und rufst, so befrage die Stille in dir!
Ist sie weit wie der Himmel, oder ist sie eng wie ein Käfig der Sorgen?
Ist sie hell wie das Licht, oder dämmrig voll flackernder, bunter Gedanken?
Wer sich im Lichte der Demut ergeht, den kann keine Täuschung berühren,
Denn die göttliche Wahrheit, sie duldet keinen Schatten in ihrer Nähe.
Du bist selbst der Ort des Geschehens, Porphyrios, hüte den Schrein,
Dass dort, wo das Göttliche ruhen soll, nicht das Menschliche herrscht –
Denn nur ein reines Gefäß kann das Licht der Unendlichkeit halten,
Ohne zu schmelzen im Glanz, ohne Trugbilder selbst zu erschaffen.
Du fragst, Porphyrios, ob man die Dämonen auch dann wohl bemerkt,
Wenn sie sich tarnen als Licht und als Boten der himmlischen Sphären?
Wisse: Die Täuschung ist ihre Natur, und sie wirken am stärksten dort,
Wo das Ich sich für heilig hält, ohne die Prüfung der Demut zu kennen.
Sie nähren den Stolz, sie flüstern von ‚Wissen‘ und ‚höherer Einsicht‘,
Sodass der Suchende glaubt, er sei schon zum Weisen geworden,
Während er tiefer in Bindung und Sorge um irdische Macht nur versinket.
Wie erkennst du nun, wenn die Schlange sich schmiegt in den Pelz einer Taube?
Nicht an den Worten, denn diese sind süß und verheißungsvoll immer,
Sondern am Früchte-Ertrag in dem Leben, das du nun bestreitest.
Wird durch das Wirken dein Herz denn weiter, gelassener, freier?
Oder wird es stolzer, getrennter, besorgter um eigene Größe?
Die Götter, sie schenken dir Stille und lösen die Fesseln der Trennung,
Die Dämonen, sie geben dir Unruhe, Machtgefühl, Gier nach dem Gestern.
Es ist eine feine, verborgene Grenze, die viele nicht sehen,
Da sie die Kraft der Erscheinung für göttliche Gnade verwechseln.
Doch wer die Stufen der Ordnung studiert, der lernt auch das Maß kennen,
Dass jede Erscheinung, die bindet an Stoff oder irdische Wünsche,
Ganz ohne Zweifel aus Quellen entspringt, die dem Göttlichen fern sind.
Gott aber, er fordert nichts außer der Hingabe, die dich befreiet,
Er will keinen Sklaven, der für ihn die Welt unterwirft und bewertet,
Er will eine Seele, die leer ist von allem, was zeitlich verfliegt nun.
Darum verharre in Wacht, mein Porphyrios, hüte dein Inn’res!
Wenn dir im Ritus ein Glanz erscheint, der dich stolz macht, so weiche,
Wenn dir ein Wissen erscheint, das dich dünkelhaft trennt von den Andern,
So verwerfe es gleich – denn das Licht ist der Feind jeder Trennung.
Das wahrhaft Göttliche lässt dich verstummen, es raubt dir den Willen,
Nicht wie ein Räuber den Beutel, nein, wie die Sonne den Frost von dem Acker.
So wirst du erkennen, wer mit dir spricht in der Stille des Geistes:
Der, der dich leitet zum Einen, ist Gott; der dich bindet zum Vielen,
Ist nur der Schatten, der im Labyrinth deiner eigenen Wünsche sich verbirgt.
Du fragst, Porphyrios, ob man durch den Ritus die Götter auch zwingen könne,
Dass sie erscheinen, wie man einen Diener zum Herrn in das Haus ruft?
Wisse, mein Freund: Das ist der Irrtum derjenigen, die in der Welt der Materie verweilen.
Die Götter sind nicht wie sterbliche Wesen, die man durch Geschenke oder Drohungen
An sich binden könnte. Sie sind das Licht selbst, das in die Leere der Seele
Einfällt, sobald diese die Pforten weit öffnet, ohne den Zwang des Eigensinns.
Wer die Götter ruft, der muss zuerst den ‚Rufer‘ in sich zum Verstummen bringen.
Denn solange das ‚Ich‘ noch die Hand an der Klinke des Heiligtums hält,
Wird die Tür fest verschlossen bleiben – nicht weil der Gott sich verweigert,
Sondern weil das ‚Ich‘ noch die Schwelle besetzt und für das Wahre keinen Raum lässt.
Die Anrufung ist keine Formel, die den Himmel bezwingt oder beugt,
Sondern eine Weise der Einstimmung, die das eigene Innere auf die Frequenz
Des Göttlichen bringt, sodass der Gott im Menschen sich selber erkennt.
Achte auf das, was im Ritus geschieht: Spürst du eine Spannung, ein Drängen?
Dann bist du noch im Reich der Dämonen, die durch dein Verlangen gefüttert werden.
Spürst du ein Loslassen, ein Weiten, ein Verschwinden der Grenzen der Person?
Dann ist die Gegenwart der Götter nah, denn sie suchen die Leere,
Nicht die Anwesenheit dessen, der noch seine Macht in der Welt sich behauptet.
Wir nutzen die Symbole, die Steine, die Worte, die heiligen Düfte,
Doch nur, um den Geist von der Last der Welt zu befreien, nicht um den Gott zu bedrängen.
Verstehe die Ordnung: Der Gott ist die Sonne, der Ritus das Fenster,
Das du vom Staub der Jahre reinigst, damit das Licht ungehindert einstrahle.
Du erschaffst nicht das Licht – du schaffst nur die Möglichkeit, dass es bei dir verweilet.
Hüte dich also vor dem Dünkel, dass du ein ‚Magier‘ seist, der die Mächte beherrscht!
Der wahrhafte Theurg ist der, der am meisten verschwindet,
Dessen Wille so sehr mit dem Willen des Einen verschmilzt, dass er nicht mehr unterscheidet,
Ob er es ist, der den Gott ruft, oder ob Gott durch ihn in sich selber ruft.
Das ist die Einung, von der die alten Weisen sprachen: ein Werden, kein Haben.
Gehe den Weg der Demut, Porphyrios, und du wirst finden, dass der Gott,
Den du suchst, schon längst in der Mitte deines Seins auf dich wartet.
Du fragst, Porphyrios, warum die Götter in so mancherlei Gestalt erscheinen,
Mal in blendendem Licht, mal als ein Beben, das durch die Glieder fährt,
Und manchmal nur als eine Stimme, die in der Stille des Geistes erklingt.
Wisse: Die Gottheit ist wesenhaft einfach, ein unteilbares Licht der Wahrheit,
Doch das Auge der Seele, das noch gefangen ist im Geflecht der sinnlichen Welt,
Kann dieses reine Licht nicht unmittelbar schauen, ohne zu verbrennen.
Wie das Auge, das aus dem Dunkel plötzlich in die Mittagssonne blickt,
Zuerst nur Blenden empfindet und sich erst an den Glanz gewöhnen muss,
So müssen die Götter sich kleiden in Symbole, in Bilder und in tönende Zeichen,
Damit unser Geist, der an das Stoffliche gewöhnt, sie zu fassen vermag.
Das, was du siehst, ist nicht der Gott in seinem wahren, unendlichen Wesen,
Es ist die Erscheinungsform, die er annimmt, um sich deinem Vermögen zu neigen –
Eine Maske der Güte, die den Pfad zu seinem verborgenen Antlitz erst bahnet.
Darum hüte dich wohl, in dem Bild, das dir erscheint, das Ende zu suchen!
Wer in der Erscheinung verharrt und das Symbol als die Gottheit verehret,
Der bleibt auf der Stufe des Bildes stehen und verpasst die wahre Begegnung.
Die Götter lehren uns durch ihre Bilder, dass alles Erscheinende nur ein Hinweis ist,
Ein Wegweiser, der auf den Ursprung deutet, der hinter der Form ewig ruht.
Wer wahrhaft schaut, der blickt durch das Bild hindurch, wie durch ein Fenster,
Er lässt sich nicht täuschen vom Glanz des Gewandes, er sucht den, der es trägt.
Die Vielfalt der Erscheinung ist nur der Spiegel deiner eigenen geistigen Reife.
Wenn du noch begehrst, wird dir die Gottheit in leidenschaftlicher Form erscheinen,
Wenn du noch zweifelst, wird sie als strafendes Licht oder Rätsel dich prüfen,
Wenn du aber leer bist und frei von dem Drang, dir ein Bildnis zu machen,
Dann wird das Licht sich enthüllen als das, was es ist: ein grenzenloses Sein.
Gehe also weiter im Werk, Porphyrios, doch hefte dein Herz nicht an das Sichtbare,
Lass die Formen kommen und gehen, wie Wolken, die durch den Himmel ziehen,
Doch bleibe mit deinem Geiste bei dem Einen, das in allen Formen nur leuchtet.
Denn wer das Bild loslässt, der empfängt den, dessen Abbild das Bild war –
Das ist die Kunst der Theurgie: Das Sichtbare nutzen, um das Unsichtbare zu sein.
Noch einmal, Porphyrios, mahne ich dich zur Wachsamkeit bei den Erscheinungen,
Denn die Welt der Dämonen ist geschickt darin, das Licht der Götter zu imitieren.
Du fragst: Woran erkennt man zweifelsfrei, dass das Schauen von oben stammt,
Und nicht aus den dunklen Kanälen der eigenen Einbildungskraft oder fremder Verführung?
Ich sage dir: Das Kriterium ist nicht die Leuchtkraft, auch nicht die Macht,
Denn auch die niederen Mächte können glänzen und durch Stärke beeindrucken.
Das Kriterium ist die Wirkung auf das Innerste deiner Seele.
Wenn das Licht von den Göttern kommt, so bringt es dir nicht nur Erkenntnis,
Sondern eine tiefe, unerschütterliche Ruhe, eine Stille, die alle Zweifel verschlingt.
Es ist ein Licht, das nicht brennt, sondern erweckt; es zerstört nicht das Ich,
Es lässt es vielmehr in der Erkenntnis der eigenen Kleinheit vor dem Einen schwinden.
Es kommt mit einer Autorität, die nicht mit lauten Stimmen oder Wundern überzeugt,
Sondern durch die schiere Präsenz der Wahrheit, die in dir selbst bereits leuchtete.
Die Täuschung hingegen, sie sucht immer das Ich zu nähren, es aufzublähen,
Sie lässt dich fühlen, dass ‚du‘ nun in das Geheimnis eingeweiht bist,
Dass ‚du‘ nun über den Dingen stehst, dass ‚du‘ eine besondere Mission hast.
Sie bringt dir ein Wissen, das dich von den anderen trennt und als ‚Weisen‘ abhebt –
Das ist das sicherste Zeichen des Dämons: Die Spaltung, die Aufwertung des Ichs.
Wenn du nach dem Schauen stolzer bist als zuvor, dann hast du den Dämon gesehen,
Denn die Götter hinterlassen bei dem, der sie schaute, nur Demut und Schweigen.
Wisse: Die Götter erscheinen nicht, um dein Ego zu befriedigen,
Sie erscheinen, um das Göttliche, das in dir schlummert, zu wecken und zu befreien.
Deshalb ist das beste Mittel gegen den Trug die stetige Übung der Bescheidenheit.
Wer sich selbst für nichts hält, dem können die Dämonen nichts bieten,
Denn sie finden in ihm keinen Ankerpunkt, an dem ihr Stolz andocken könnte.
Sie suchen die Lücken in deiner Selbstwahrnehmung, die Gier nach Bestätigung,
Die Sehnsucht nach einem ‚Besonderen‘, das dich aus dem Strom der Menschen hebt.
Hüte dich also vor dem Verlangen nach dem Spektakel, Porphyrios!
Das Göttliche ist nicht laut, es ist nicht theatralisch, es ist nicht fordernd.
Es ist die leise Stimme, die dich in die Wahrheit zurückführt, aus der du kamst.
Wenn du also vor dem Antlitz der Erscheinung stehst, so frage dich nicht:
‚Welche Macht ist dies?‘, sondern frage: ‚Macht dies mich reiner, stiller und freier?‘
Wenn die Antwort ein Ja ist, so bleibe und empfange die Gnade des Schauens;
Ist sie ein Nein, so kehre um, lass das Bild hinter dir und kehre in die Stille zurück.
Denn der Theurg kennt den Wert des Nein-Sagens gegenüber dem blendenden Schein,
Um das Ja zum Einen, das ewiglich in der Tiefe der Stille wohnt, zu bewahren.
Du fragst, Porphyrios, warum die Konzentration im Ritus so oft weicht,
Warum der Geist sich verliert in Gedanken, die fernab vom Heiligen liegen,
Während man doch meint, man stünde vor den Pforten der göttlichen Macht?
Wisse: Der Geist ist wie ein unruhiges Kind, das den Anblick der Weite fürchtet,
Und er flieht in die vertraute Enge der Sorgen und kleinen Begierden,
Sobald er die Schwelle erreicht, wo das Ich vor der Größe des Einen erbebt.
Die Zerstreutheit ist kein Zufall, sie ist ein Fluchtmechanismus der Seele,
Die das Licht nicht erträgt, weil sie sich noch im Schatten zu Hause glaubt.
Du darfst diesen Zustand nicht ignorieren, noch darfst du ihn wütend bekämpfen,
Denn Wut ist nur ein weiterer Gedanke, der dich vom Ziele entfernet.
Stattdessen erkenne die Regung, benenne sie kurz als ein Rauschen der Welt,
Und kehre mit Sanftheit zurück zur Mitte, zum Punkt, wo die Stille beginnt.
Wie man den Wind beobachtet, der die Flamme des Opfers hin und her treibt,
So beobachte den Geist, ohne selbst zum Wind des Gedankens zu werden.
Der Ritus gelingt nicht durch die Dauer der Handlung, noch durch die Fülle der Worte,
Er gelingt durch die Tiefe der Aufmerksamkeit, die in einem einzigen Augenblick
Sich so sehr verdichtet, dass sie die Barriere der Zeit einfach durchbricht.
Darum: Wenn dein Geist abdriftet, verliere nicht Mut und nicht Eifer,
Sondern kehre in den Moment zurück, als wärst du ein Wanderer,
Der stets wieder auf den Pfad zurückkehrt, sobald er den Boden verließ.
Es gibt keine ‚falsche‘ Zerstreuung, solange der Wille zum Einen beständig bleibt;
Das Problem entsteht erst dann, wenn du die Zerstreuung als Teil deines Seins akzeptierst,
Wenn du dich in die Geschichten verstrickst, die dein Geist dir als Wahrheit erzählt.
Hüte dich davor, die Bilder, die während der Zerstreuung im Innern aufsteigen,
Für Offenbarungen zu halten – es ist nur der Staub, der vom Boden aufwirbelt,
Wenn man die Tür zum Tempel ein wenig zu hastig und stürmisch aufstößt.
Wisse also: Die Stille, die du suchst, ist bereits in dir als Fundament vorhanden.
Das Rauschen der Gedanken ist nur die Oberfläche, die den Blick trübt,
Doch in der Tiefe ist das Wasser klar und unbewegt, wartend auf den, der innehält.
Übe die Wacht, Porphyrios, nicht als ein strenger Wächter, der alles verdammt,
Sondern als ein Liebender, der die Aufmerksamkeit zurückführt zum Einen,
Wie man einen Geliebten nach langer Reise wieder sicher nach Hause geleitet.
Wenn du so verfährst, wird die Zerstreuung mit der Zeit zum Schweigen werden,
Und das Schweigen wird zur Schauung, in der keine Gedanken mehr stören,
Denn dort, wo Gott ist, gibt es nur noch die Gegenwart des Seins, jenseits jedes Begreifens.
Fragst du mich nun, Porphyrios, wie man das brennende Sehnen,
Welches die Seele so fest an den Stoff und das Irdische kettet,
Endlich zum Schweigen wohl brächte, damit sie dem Göttlichen nahe?
Wisse: Das Wünschen ist Feuer, das nur, wenn man Brennholz ihm reiche,
Heftiger lodert und wächst; und der Stoff, der das Feuer ernähret,
Ist der verborgene Wahn, dass dir draußen an Fülle noch fehle.
Solange du glaubst, du bedürftest der Götter, um Glück zu erlangen,
Um dir an Wissen zu mehren, wird Gott nur ein Mittel zum Zweck sein.
Doch die Läuterung selbst, sie geschieht nicht durch Zwang der Gebote,
Denn auch der Wunsch nach der Strenge ist wiederum Wunsch nur, ein Götze,
Der sich im Tempel als Tugend verkleidet, um Stolz zu erzeugen.
Wahre Erlösung beginnt, wenn du schaust, aus welcher der Quellen
Jener Drang dir entspringt: Aus der Furcht vor der eigenen Leere!
Doch ist dies Leere nicht wahr; es ist nur das Gefühl der Trennung,
Das, wenn du tiefer in Stille verweilst, in sich selber zerrinnet.
Kann denn der Fisch in der Flut das Wasser mit Sehnsucht begehren?
Ist er doch selbst nur ein Teil, der im Strome des Lebens schon schwimmet.
Lerne den Pfad der Verwandlung, mein Freund, hin zur reinen Verehrung:
Lasse das Suchen nach Lohn, nach dem Zeichen, der Gnade, der Einsicht.
Wünsche dir nichts mehr, als dass dein Ich, dieses enge Gefängnis,
Durchlässig werde, damit nun das Licht der Unendlichen Einung
Einfach durch dich nur hindurchfließt, wie Glanz durch ein Fenster im Morgen.
Das ist die Freiheit, die keine Bedrängnis mehr kennt von dem Außen:
Wer nichts mehr brauchet, der ist für das Ganze im Innern schon offen.
Hüte dich wohl vor dem Dünkel, im Ritus den ‚Erfolg‘ zu erringen!
Keine Trophäe, Porphyrios, wartet auf jene, die Götter bezwangen,
Denn keine Macht lässt sich zwingen durch Menschen, die sterblich und schwach sind.
Ritus ist niemals ein Handeln, das Lohn aus dem Himmel erzwinget,
Sondern ein Akt des Entlassens, der Raum schafft für das, was schon immer
Wartet auf dich. Wenn du wieder nun stehst vor dem Heiligen, frage:
‚Was will ich hier noch erreichen?‘ Und findest du Reste der Hoffnung,
Wirf sie hinweg wie den Staub, der das Kleid dir im Winde beschmutzt hat.
Sei wie ein Blatt, das vom Schrifttum noch frei, auf dem Schöpfer nun harrt.
Denn wer mit sich selbst schon so voll ist, von Zielen und kleinen Begierden,
Findet den Göttern kein Plätzchen, wo sie in der Seele doch ruhten.
Leere ist Fülle, mein Freund, und das Ende des Wollens ist Anfang.
Wenn das Begehren des Wünschens erst stirbt in der heiligen Stille,
Dann wird das Licht, das die Zeit nicht mehr misst, in der Seele erwachen.
Geh nun und übe das Schweigen, das alle Gedanken beendet,
Denn wo das Suchen nun endet, da ist es vollbracht und gefunden.
Fragst du mich nun, Porphyrios, wie man die Zeichen der Götter
Rechtlich beurteilt, wenn sie, wie Blitze, den Himmel der Seele
Hell durchleuchten und Bilder uns schenken, die geistig erscheinen?
Wisse: Ein Bild ist ein Gast, der auf kurzem Besuch zu dir kommet;
Man soll ihn ehren, doch nicht an das Haus ihn mit Ketten nun binden,
Denn wer das Zeichen festhält, der hindert die Kraft an der Heimkehr.
Götter erscheinen, um uns zu befreien von irdischer Schwere,
Nicht aber, um uns an die Pracht einer Schauung auf ewig zu fesseln.
Lerne den Blick, der das Bild in dem Augenblick loslässt, wo es
Ganz sich enthüllet als das, was es ist: Ein Hinweis, ein Finger,
Welcher zum Einen nur deutet, das jenseits der Schauung doch ruhet.
Wer im Vergnügen der Vision sich verliert, der ist wie ein Wanderer,
Der auf der Karte das Ziel schon erblickt und, vor Freude entzückt nun,
Stehen bleibt, statt den Pfad bis zum Ende zu gehen in die Weite.
Dies ist der Fehler der Toren: Sie suchen das Gold in den Träumen,
Anstatt das Gold zu besitzen, das ewig in ihnen schon leuchtet.
Wisse, mein Freund: Was als Form dir erscheint, ist der Spiegel des eigenen
Inneren Standes; die Farbe, der Glanz und die Gestalt der Erleuchtung
Sind nur die Kleider, die Gott sich gewählt, um den Blick zu erfreuen.
Doch der Liebende schaut nicht das Kleid, er ersehnt nur den Träger,
Und so entkleidet der Weise die Schauung von allem, was zeitlich,
Bis nur die bloße, die reine, die schweigende Einheit verbleibet.
Wenn du also siehst, so sei dankbar, doch bitte nicht: ‚Bleibe!‘,
Sondern erbitte die Kraft, dass das Bild in der Seele zerrinne,
Auf dass der Gott selbst, ganz ohne Maske, in dir nun entstehe.
Denn wer das Bildnis vergöttert, der schafft sich ein zweites Götzenbild,
Auch wenn es glänzt wie der Äther und duftet wie würzige Opfer.
Wahre Theurgie ist Kunst der Entleerung, des lauteren Schauens,
Wo das Erscheinende durchsichtig wird für das eine, das Wesen.
Gehe den Weg, doch nimm nichts als Besitz in das Innere mit dir,
Lass die Erlebnisse hinter dir, wie der Baum seine Blätter im Herbste,
Denn nur der Geist, der von Bildern nun frei, in der Leere sich findet,
Kann die Unendlichkeit fassen, die alles Gesehene übertrifft.
Dies ist der Schluss: Wer das Bild nun vergisst, der wird selbst zur Erfahrung.
Nun ist die Rede am Ende, Porphyrios, alle Gedanken
Haben das Ziel nur umkreist, wie die Vögel den Gipfel des Berges.
Was ich dir sagte, war Anstoß, war Stütze und Wegweiser-Zeichen,
Doch du darfst nicht bei den Worten verweilen, als wären sie Götter.
Wissen ist Schatten der Wahrheit, ein Bild, das im Geiste sich formet,
Doch die Realität selbst, die entzieht sich der Form und der Silbe.
Wenn du nun liest, so vergiss, was geschrieben, und schau, was dahinter
Stumm in der Tiefe des Herzens die Antwort auf alles schon gibt.
Habe ich dich nun gelehrt? Nein, ich habe nur Tore geöffnet,
Die du seit Anbeginn in dir trugst, doch aus Furcht nie betreten.
Du bist der Pilger, das Ziel und der Pfad, der durch alles sich windet;
Du bist der Ritus, der Priester und auch die Verehrte der Mächte.
Wenn du dies tief in der Seele begriffen, dann fällt jede Last ab,
Dann wird das Suchen zum Finden, das Mühen zum ruhigen Atmen.
Alles, was ‚ich‘ und ‚du‘ noch getrennt hat, zerfällt wie der Nebel,
Wenn in der Mittagssonne die Klarheit des Einen erwachet.
Gehe nun hin, doch verlier nicht die Spur der geheiligten Stille.
Suche das Leben nicht außerhalb, nicht in den glänzenden Zeichen,
Sondern in dem, was in dir niemals wankt und niemals sich ändert.
Wenn du die Welt nun betrachtest, so sieh nicht die Dinge, sieh Ordnung,
Sieh die verborgene Einheit, die alles im Dasein zusammenhält.
Das ist die Kunst, die ich dir vermittelte: Mitten im Wirbel
Starr und unbewegt zu bleiben, ein Fels in der Brandung des Scheins.
Kein Wort mehr jetzt, denn die Stille ist Sprache der höchsten der Mächte.
Was man in Sätzen noch fasst, ist der Rest des vergangen Begehrens,
Doch wer das Eine nun schaut, der verstummt – denn das Wort ist zu eng nun.
Geh in das Schweigen, Porphyrios, lebe das, was du nun wissen,
Denn das vollendete Wissen ist Leben, das eins ist mit Gott selbst.
Hier endet alles. Der Brief wird nun Staub, und die Lehre verfliegt jetzt,
Nur die Präsenz, die allein, bleibt zurück, wenn das Denken nun schweigt.
Leb wohl in der Wahrheit, mein Freund, denn das ‚Ich‘ ist vergangen,
Nur das Eine noch wirkt – und das Eine bist du, in der ewigen Stille.