GOETHE UND DIE FRAUEN

VON TORSTEN SCHWANKE



die Mutter


Die Beziehung zu seiner Mutter, Catharina Elisabeth Goethe, geborene Textor, bildet das emotionale und kreative Fundament, auf dem Johann Wolfgang von Goethes gesamtes Leben und Werk ruhen. Von ihr, die er liebevoll „Frau Aja“ nannte, erbte er nicht nur seine vitale Lebenslust, sondern auch die ausgeprägte Gabe des Fabulierens. Während der strenge, pedantische Vater den Intellekt und die Disziplin des jungen Goethe forderte, öffnete die Mutter ihm das Tor zur Welt der Fantasie. Sie verstand es meisterhaft, dem Alltag eine spielerische, fast märchenhafte Note zu geben, indem sie dem Heranwachsenden abendliche Geschichten erzählte, deren Ausgang er am Folgetag selbst weiterspinnen durfte. Diese frühe Förderung der Einbildungskraft beschrieb Goethe später in dem berühmten Gedicht, in dem er seiner Mutter die „Frohnatur“ und die „Lust zu fabulieren“ zuschrieb.


Catharina Elisabeth war eine außergewöhnlich lebendige, humorvolle und warmherzige Frau, die im Frankfurt des 18. Jahrhunderts ein offenes Haus führte. Sie war weit mehr als nur die biologische Mutter; sie war Goethes erste Vertraute und seine glühendste Bewundererin. Ihr Optimismus und ihre tiefe Lebensweisheit, die sich oft in handfesten, sprichwörtlichen Ratschlägen äußerten, gaben dem Dichter ein Urvertrauen mit auf den Weg, das ihn zeitlebens durch persönliche und schöpferische Krisen trug. In ihren zahlreichen Briefen an den Sohn, aber auch an dessen Weimarer Freunde wie Herzog Carl August oder Charlotte von Stein, zeigt sie sich als eine Frau von immenser sozialer Intelligenz und Witz, die es verstand, die Brücke zwischen der bürgerlichen Frankfurter Welt und der thüringischen Hofgesellschaft zu schlagen.


Dieses enge Band blieb auch bestehen, als Goethe Frankfurt dauerhaft verließ, um in Weimar Karriere zu machen. Obwohl sich Mutter und Sohn in den späteren Jahrzehnten nur noch selten persönlich sahen, blieb die geistige und emotionale Verbindung intensiv. Catharina Elisabeth hielt in der Heimat die Stellung, regelte dort seine geschäftlichen Angelegenheiten und blieb der feste moralische Ankerpunkt in seinem Leben. Ihr Tod im Jahr 1808 traf Goethe tief, und es ist bezeichnend, dass er in seinem großen autobiografischen Werk „Dichtung und Wahrheit“ ihrer Gestalt ein bleibendes, liebevolles Denkmal setzte. Die unerschütterliche Lebensbejahung der Mutter wirkte im Sohn als jene produktive Kraft fort, die seine Naturphilosophie und sein literarisches Schaffen bis ins hohe Alter hinein prägte.



Seine Schwester


Die Beziehung zu seiner nur ein Jahr jüngeren Schwester Cornelia war die wohl intensivste, emotional komplexeste und zugleich tragischste Geschwisterbeziehung in Goethes Leben. In der Isolation des strengen Frankfurter Elternhauses wuchsen die beiden Zwillinge im Geiste heran. Sie teilten nicht nur die anspruchsvolle, vom Vater diktierte Ausbildung, sondern auch ihre tiefsten Gedanken, Ängste und literarischen Träume. Cornelia war Johann Wolfgangs erste Kritikerin, seine Muse und das weibliche Alter Ego, an dem er seine idealisierten Frauenbilder spiegelte. In ihr fand er ein intellektuelles Gegenüber auf Augenhöhe, das seine literarischen Ambitionen nicht nur verstand, sondern leidenschaftlich teilte.


Während dem jungen Goethe als Mann jedoch alle Wege in die Welt, zum Studium und zur persönlichen Freiheit offenstanden, blieb Cornelia in den engen Konventionen der damaligen Zeit gefangen. Ihre tiefe Melancholie und das Gefühl der intellektuellen Unterforderung überschatteten ihr Leben. Johann Wolfgang war sich dieses Ungleichgewichts schmerzlich bewusst, und in seinen Briefen aus der Leipziger und Straßburger Studienzeit versuchte er ständig, sie zu belehren, zu formen und an seinem Leben teilhaben zu lassen. Das enge Band zwischen den Geschwistern geriet jedoch in eine tiefe Krise, als Cornelia 1773 Johann Georg Schlosser heiratete – einen engen Freund Goethes, der jedoch von starren moralischen und patriarchalen Vorstellungen geprägt war.


Die Ehe im badischen Emmendingen wurde für die hochgebildete, sensible Cornelia zu einem emotionalen Gefängnis. Abgeschnitten von ihrem vertrauten intellektuellen Umfeld und körperlich geschwächt, verfiel sie immer tiefer in Depressionen. Als sie im Jahr 1777 mit nur 26 Jahren nach der Geburt ihres zweiten Kindes starb, traf diese Nachricht Goethe in Weimar wie ein Vernichtungsschlag. Der Verlust der Schwester hinterließ eine lebenslange Wunde in seiner Seele, die er nie ganz überwand. Literarisch setzte er Cornelia in der Figur der unglücklichen, sensiblen Iphigenie und in den melancholischen Zügen der Gretchen-Figur im Faust ein unvergängliches Denkmal, in dem die Sehnsucht nach dieser verlorenen Seelenverwandten spürbar bleibt.



Anna Katharina „Käthchen“ Schönkopf


Anna Katharina Schönkopf, von Goethe meist zärtlich „Käthchen“ oder Annette genannt, war die erste große, leidenschaftliche Liebe des jungen Dichters und die Muse seiner Leipziger Studienjahre. Als der sechzehnjährige Goethe 1765 in Leipzig eintraf, fand er im Gasthof von Käthchens Vater nicht nur Kost und Logis, sondern in der drei Jahre älteren Wirtstochter rasch das Zentrum seiner Sehnsüchte. Käthchen war eine hübsche, lebhafte und durchaus selbstbewusste junge Frau, die mit ihrer natürlichen, unbefangenen Art einen scharfen Kontrast zur steifen Frankfurter Bürgerwelt bildete, aus der Goethe stammte. Sie faszinierte den angehenden Juristen zutiefst und entfachte in ihm eine stürmische, oft quälende Leidenschaft.


Die zweieinhalb Jahre währende Beziehung war jedoch von Anfang an von inneren und äußeren Konflikten geprägt. Goethe, jung und von stürmischen Gefühlen überfordert, quälte Käthchen mit unbegründeter Eifersucht und tyrannischen Launen. Er inszenierte emotionale Dramen, um ihre Liebe auf die Probe zu stellen – ein Verhalten, das er später selbstkritisch als eine Form von seelischer Grausamkeit reflektierte. Käthchen, die eine pragmatischere Sicht auf das Leben und ihre Zukunft hatte, hielt diesen emotionalen Stürmen mit einer Mischung aus Geduld und kühler Distanz stand. Ihr war bewusst, dass eine dauerhafte Verbindung mit dem Patriziersohn aus Frankfurt aufgrund der Standesunterschiede kaum eine Zukunft haben würde, weshalb sie sich schließlich dem besonnenen Juristen Christian Karl Kanne zuwandte.


Diese erste Liebeserfahrung und der schmerzhafte Verlust wurden zum entscheidenden Katalysator für Goethes literarische Entwicklung. Um seinen Liebeskummer und die nagenden Schuldgefühle über sein eigenes Verhalten zu verarbeiten, flüchtete er sich in das Schreiben. Es entstand die Gedichtsammlung „Annette“, in der er seine Gefühle erstmals in einer neuen, freieren und emotionaleren Sprache ausdrückte, die sich vom starren Barockstil der Zeit löste. Auch sein erstes vollendetes Drama, das Schäferspiel „Die Laune des Verliebten“, spiegelt unmittelbar die Eifersuchtsszenen wider, die er Käthchen zugemutet hatte. Käthchen Schönkopf war somit die Frau, an der Goethe die schmerzhafte Verknüpfung von Leben und Dichtung zum ersten Mal am eigenen Leib erfuhr – die Erkenntnis, dass er leidvolle persönliche Erfahrungen in Kunst verwandeln musste, um sich von ihnen zu befreien.



Friederike Brion 


Die Begegnung mit Friederike Brion, der Tochter des Pfarrers von Sesenheim, markiert den eigentlichen Durchbruch Goethes zu einer völlig neuen Epoche der deutschen Literatur – dem Sturm und Drang. Als der einundzwanzigjährige Student im Herbst 1770 während seiner Straßburger Zeit in das idyllische Pfarrhaus im Elsass ritt, fand er dort eine Welt vor, die ihm wie ein lebendig gewordenes Arkadien erschien. In der jüngeren Tochter Friederike verliebte er sich Knall auf Fall. Sie verkörperte für ihn das reine, unverbildete Ideal von Natürlichkeit, Anmut und ländlicher Unschuld, fernab von jedem großstädtischen oder höfischen Prunk.


Die Monate dieser elsässischen Idylle entfesselten in Goethe einen bis dahin ungekannten kreativen Rausch. Inspiriert von seiner tiefen, glücklichen Liebe zu Friederike schuf er Gedichte, die mit ihrer emotionalen Unmittelbarkeit und Naturverbundenheit die Epoche der Erlebnislyrik begründeten. In Meisterwerken wie „Willkommen und Abschied“ oder dem „Mailied“ verschmelzen das subjektive Liebesgefühl und das Erleben der freien Natur zu einer untrennbaren, dynamischen Einheit. Nicht mehr das kunstvolle, distanzierte Spiel mit Worten stand im Vordergrund, sondern das pulsierende, echte Gefühl eines liebenden Herzens. Friederike wurde so zur ersten großen Inspirationsquelle des reifen Dichters.


Doch das ländliche Glück trug den Keim seines eigenen Endes bereits in sich. Je näher das Ende von Goethes Straßburger Studienzeit rückte, desto deutlicher spürte er, dass eine dauerhafte Bindung als Pfarrersehemann im Elsass mit seinen weitreichenden Lebens- und Geniestreben unvereinbar war. Im August 1771 verließ er Sesenheim überstürzt und ließ eine tief verletzte, untröstliche Friederike zurück. Dieser Abschied, den er später in seiner Autobiografie als eine schwere, von Schuldgefühlen geplagte Krise beschrieb, hinterließ eine bleibende Wunde bei beiden. Das Motiv der verlassenen, unschuldigen Frau – wie es sich später im Schicksal von Gretchen im „Faust“ oder in der Marie im „Götz von Berlichingen“ dramatisch niederschlug – entsprang unmittelbar diesem quälenden Sesenheimer Schuldkomplex, durch den Friederike Brion unfreiwillig zur Unsterblichkeit in der Weltliteratur gelangte.



Charlotte Buff


Die Begegnung mit Charlotte Buff im Sommer 1772 in Wetzlar wurde zum wohl folgenreichsten Wendepunkt in Goethes Leben und zum Funken, der ein weltweites literarisches Fieber entfachte. Der dreiundzwanzigjährige Jurist, der am dortigen Reichskammergericht ein Praktikum absolvieren sollte, traf die neunzehnjährige „Lotte“ auf einem ländlichen Ball und war augenblicklich von ihrer Erscheinung gefesselt. Charlotte verkörperte für ihn das Ideal weiblicher Fürsorglichkeit, natürlicher Anmut und heiterer Pflichterfüllung. Da ihre Mutter früh verstorben war, führte sie ihrer großen Schar von Geschwistern den Haushalt – eine Szene, die Goethe unvergesslich machte, indem er sie bei ihrer ersten Begegnung beim Brotschneiden für die Kinder darstellte.


Die Tragik und zugleich die ästhetische Triebkraft dieser Liebe lag in ihrer Aussichtslosigkeit. Charlotte war bereits fest mit dem besonnenen, pflichtbewussten Legationssekretär Johann Christian Kestner verlobt. Es entwickelte sich eine hochemotionale Dreiecksbeziehung, in der Kestner dem jungen, stürmischen Dichter mit bemerkenswerter Toleranz und Freundschaft begegnete, während Goethe in eine immer tiefere, schmerzhaftere Leidenschaft zu Lotte verfiel. Charlotte verhielt sich in diesem Spannungsfeld bewundernswert klar: Sie schenkte Goethe ihre herzliche Freundschaft und Zuneigung, zog jedoch eine unmissverständliche Grenze, als seine Annäherungsversuche zu leidenschaftlich wurden. Sie blieb ihrem Verlobten treu.


Als die emotionale Last unerträglich wurde, floh Goethe im September 1772 überstürzt aus Wetzlar. Der quälende Verzicht und der kurz darauf erfolgte Freitod seines Wetzlarer Bekannten Karl Wilhelm Jerusalem, der sich aus unglücklicher Liebe zu einer verheirateten Frau erschossen hatte, verschmolzen in Goethe zu einem kreativen Urknall. In nur vier Wochen schrieb er sich im Frühjahr 1774 den Schmerz in seinem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ von der Seele. Das Buch wurde über Nacht zu einer Sensation, begründete Goethes Weltruhm und machte Charlotte Buff, die als reale Vorlage der Roman-Lotte unsterblich wurde, zur bekanntesten literarischen Projektionsfläche ihrer Epoche – eine Rolle, die ihr im späteren bürgerlichen Leben an der Seite Kestners nicht immer nur Freude einbrachte.



Maximilianne von La Roche


Maximiliane von La Roche, die Tochter der bekannten Schriftstellerin Sophie von La Roche, nimmt einen ganz besonderen Platz im Beziehungsgeflecht des jungen Goethe ein, da sie die unmittelbare Brücke zwischen seiner Wetzlarer Zeit und dem Welterfolg des „Werther“ bildet. Goethe lernte die damals erst sechzehnjährige Maximiliane, die von Zeitgenossen als Schönheit von seltener Anmut, mit tiefen, dunklen Augen und einem lebhaften Geist beschrieben wurde, im Spätsommer 1772 auf seiner Heimreise von Wetzlar kennen. Im Hause ihrer Mutter in Ehrenbreitstein verlebte er Tage intensiver geistiger und emotionaler Nähe, die ihn tief faszinierten und über den frischen Schmerz der Trennung von Charlotte Buff hinwegtrösteten.


Doch auch diese Verbindung war von vornherein von Melancholie und gesellschaftlichen Zwängen überschattet. Schon Anfang 1774 wurde Maximiliane aus rein pragmatischen und familiären Erwägungen mit dem wesentlich älteren, wohlhabenden Frankfurter Kaufmann Peter Anton Brentano verheiratet. Für die feinsinnige, in einem künstlerischen Umfeld aufgewachsene junge Frau bedeutete der Einzug in das streng handelsorientierte, nüchterne Haus des Witwers und Vaters mehrerer Kinder in Frankfurt einen tiefen Kulturschock. Goethe, der nun wieder in Frankfurt lebte, wurde rasch zum täglichen Gast im Hause Brentano. Er suchte Maximilianes Nähe, begleitete sie am Klavier und versuchte, ihr den Übergang in das ungeliebte bürgerliche Eheleben zu erleichtern, wobei die alte Glut ihrer gegenseitigen Zuneigung schnell wieder entfachte.


Diese Dreieckskonstellation führte bald zu heftigen Eifersuchtsszenen seitens des pragmatischen Ehemanns, der für die literarischen Schwärmereien des jungen Genies kein Verständnis aufbrachte. Nach einem heftigen Streit mit Brentano erhielt Goethe schließlich Hausverbot. Dieser erneute, schmerzhafte Verzicht im realen Leben wurde zum letzten, entscheidenden Mosaikstein für die Entstehung seines ersten Romans. In der Figur der Lotte im „Werther“ verschmolzen die Züge von Charlotte Buff und Maximiliane von La Roche untrennbar miteinander: Während die äußere Situation der Verlobung und das ländliche Umfeld von Charlotte stammten, lieh Maximiliane der Romanfigur ihre markanten dunklen Augen und jene melancholische Musikalität, die Werther im Roman so tief berührt. Über ihre eigene Person hinaus wirkte Maximiliane zudem als Ahnherrin der Romantik fort – sie wurde die Mutter von Bettina von Arnim und Clemens Brentano, die Generationen später Goethes Leben und Werk auf ganz neue Weise reflektieren sollten.



Anna Elisabeth „Lili“ Schönemann


Anna Elisabeth „Lili“ Schönemann war die einzige Frau, mit der Johann Wolfgang von Goethe im förmlichen Sinne verlobt war, und sie verkörpert das schmerzhafte Ringen des Dichters zwischen bürgerlicher Bindung und der absoluten Freiheit seines Geniekults. Als der inzwischen durch den „Werther“ europaweit berühmte Dichter der sechzehnjährigen Bankierstochter im Neujahrswinter 1775 in Frankfurt begegnete, geriet er augenblicklich in den Bann ihrer eleganten, selbstbewussten und weltgewandten Erscheinung. Lili stammte aus einer vermögenden, französisch geprägten Patrizierfamilie und bewegte sich mit vollendeter Sicherheit in den glanzvollen Salons der Frankfurter Oberschicht, einer Welt, die sich stark von Goethes eher hanseatisch-strengem Elternhaus unterschied.


Die Liebe zu Lili stürzte Goethe in ein tiefes Wechselbad der Gefühle, das sein literarisches Schaffen in der Spätphase des Sturm und Drang maßgeblich prägte. Auf der einen Seite genoss er das glitzernde gesellschaftliche Leben an ihrer Seite, das ihn zu wunderbar leichten, fast galanten Liebesgedichten wie „Lilis Park“ oder „Neue Liebe, neues Leben“ inspirierte. Auf der anderen Seite empfand er die Konventionen dieser mondänen Salonwelt, die Verpflichtungen, die Bälle und das modische Spiel als einengend, ja als Bedrohung für seine schöpferische Unabhängigkeit. Trotz dieser inneren Zerrissenheit und gegen den Widerstand beider Familien trieb die energische Vermittlung einer gemeinsamen Freundin, Demoiselle Delf, die Verbindung voran, sodass im April 1775 die offizielle Verlobung gefeiert wurde.


Doch kaum war die Bindung besiegelt, wuchs in Goethe die Panik vor der ehelichen Festlegung. Er fühlte sich wie in einem goldenen Käfig. Um Abstand zu gewinnen und sein Inneres zu prüfen, floh er im Mai zu einer monatelangen Reise in die Schweiz, kehrte jedoch, unfähig sich endgültig zu lösen, noch einmal zu Lili zurück. Die Risse in der Beziehung waren jedoch nicht mehr zu kitten: Die kulturellen und religiösen Unterschiede zwischen den Familien sowie Goethes unbändiger Freiheitsdrang führten im Herbst desselben Jahres zur endgültigen, schmerzhaften Lösung der Verlobung. Als kurz darauf die Einladung des Herzogs Carl August nach Weimar eintraf, ergriff Goethe sie wie einen Rettungsanker, um dem Frankfurter Konfliktfeld zu entfliehen. Lili Schönemann, die er zeit seines Lebens als die Frau bezeichnete, die er am tiefsten und wahrhaftigsten geliebt hatte, blieb in seinem Werk als Urbild für die charakterstarken, opferbereiten Frauengestalten seiner Dramen präsent, insbesondere in der Figur der Stella und der Klärchen im „Egmont“.



Charlotte von Stein


Die Beziehung zu Charlotte von Stein ist das wohl faszinierendste, intellektuell reifste und am besten dokumentierte Verhältnis in Goethes gesamtem Leben. Als der sechsundzwanzigjährige Dichter im Spätherbst 1775 in Weimar eintraf, begegnete er der sieben Jahre älteren Hofdame und Ehefrau des herzoglichen Stallmeisters, die Mutter mehrerer Kinder war. Charlotte von Stein war keine klassische Schönheit, bestach jedoch durch eine außergewöhnliche seelische Reife, feinsinnige Bildung und die unnahbare Eleganz einer weltgewandten Aristokratin. Über ein Jahrzehnt lang wurde sie zur absoluten Mitte von Goethes Weimarer Existenz – als Geliebte im platonischen Sinne, als mütterliche Ratgeberin, strenge Kritikerin und unersetzliche Seelenverwandte.


Für den stürmischen, oft maßlosen Dichter des Sturm und Drang wirkte Charlotte von Stein wie ein beruhigendes, ordnendes Prinzip. Sie lehrte ihn die Kunst der höfischen Selbstbeherrschung, die Mäßigung und jene seelische Verfeinerung, die zur Grundlage seiner Weimarer Klassik werden sollte. Goethe überschüttete sie in den ersten zehn Jahren mit über tausend Briefen und Zetteln, die Zeugnis ablegen von einer fast symbiotischen Nähe. In ihr suchte er die „Schwester oder Frau“ aus einem früheren Leben, ein spirituelles Gegenüber, das seine leidenschaftliche Natur zähmte, ohne seine schöpferische Kraft zu brechen. Unter ihrem unmittelbaren Einfluss reiften seine großen klassischen Entwürfe wie „Iphigenie auf Tauris“ und „Torquato Tasso“, deren feinsinnige, moralisch erhabene Frauengestalten unmittelbar von Charlottes Wesen inspiriert waren.


Dieses hochemotionale, aber an die strengen Grenzen des platonischen Verzichts gebundene Gleichgewicht geriet jedoch in eine tiefe Krise, als Goethe 1786 ohne ein Wort des Abschieds nach Italien floh. Seine zweijährige Reise war auch ein Befreiungsschlag aus der emotionalen Enge dieser Weimarer Beziehung. Als er 1788 als sinnlich gewandelter, gereifter Mann zurückkehrte und kurz darauf die junge, bürgerliche Christiane Vulpius in sein Haus aufnahm, kam es zum endgültigen, schmerzhaften Bruch mit Charlotte von Stein. Sie fühlte sich vom Dichter tief hintergangen und verraten. Obwohl sich die beiden in späteren Jahren in einer distanzierten, von gegenseitigem Respekt geprägten Altersfreundschaft wieder annäherten, wurde die einstige Intensität nie wieder erreicht. Charlotte von Stein blieb dennoch die Frau, die aus dem genialen Stürmer und Dränger den weisen, klassischen Dichterfürsten geformt hatte.



Christiane Vulpius


Christiane Vulpius verkörpert die radikalste und zugleich beständigste Liebesbeziehung in Goethes Leben, da sie im krassen Gegensatz zu den intellektuellen und aristokratischen Frauenidealen seiner Weimarer Zeit stand. Als der neununddreißigjährige Dichter im Sommer 1788, frisch zurückgekehrt aus den sinnlichen Freiheiten Italiens, im Weimarer Park der dreiundzwanzigjährigen Christiane begegnete, entflammte eine Amour fou. Die junge Frau, die aus einer verarmten bürgerlichen Familie stammte und ihren Lebensunterhalt in einer Fabrik für künstliche Blumen verdiente, überreichte ihm eine Bittschrift für ihren Bruder. Goethe verliebte sich augenblicklich in ihre unbefangene, vitale und tief sinnliche Natur, die ihn an die römischen Frauen erinnerte, die er gerade erst verlassen hatte.


Gegen alle Konventionen der strengen Weimarer Hofgesellschaft nahm Goethe Christiane kurz darauf in sein Haus auf und lebte mit ihr in einer „Gewissensehe“ ohne kirchlichen Segen. Für das weimarische Bürgertum und den Adel, allen voran Charlotte von Stein, war diese Verbindung ein ungeheurer Skandal. Christiane wurde als das „Bettschatz“ des Dichterfürsten geschmäht, gesellschaftlich geächtet und vom gesellschaftlichen Leben komplett isoliert. Goethe jedoch fand bei ihr ein Refugium der Natürlichkeit und Wärme, das er in den sterilen Salons vermisste. Christiane schenkte ihm fünf Kinder, von denen jedoch nur der Sohn August das Erwachsenenalter erreichte, und sie führte ihm über Jahrzehnte hinweg mit großem praktischen Geschick den Haushalt.


Literarisch feierte Goethe diese erotisch und emotional erfüllte Verbindung in den berühmten „Römischen Elegien“, in denen er die antike Sinnlichkeit Roms direkt mit seiner neuen Weimarer Liebe verschmolz. Christiane war für ihn das „Erbschen“, das ihm Erdung und unerschütterliche Loyalität schenkte. Ihre große Stunde schlug im Oktober 1806, als französische Soldaten nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt plündernd in Goethes Haus eindrangen. Mit mutigem, entschlossenem Auftreten stellte sich Christiane den Soldaten entgegen und rettete dem Dichter vermutlich das Leben. Aus tiefer Dankbarkeit und um sie endlich gesellschaftlich abzusichern, heiratete Goethe sie wenige Tage später in einer stillen Zeremonie. Bis zu ihrem schmerzhaften Tod im Jahr 1816 blieb sie der verlässliche Lebensanker des alternden Dichters, der ihren Verlust tief betrauerte.



Marianne von Willemer


Die Begegnung mit Marianne von Willemer im Spätsommer 1814 markiert den glanzvollen Höhepunkt in Goethes spätem Schaffen und führt zu einer der faszinierendsten literarischen Symbiosen der Weltliteratur. Als der fünfundsechzigjährige Dichter auf einer Reise in seine alte Heimat das Ehepaar Willemer auf deren Landsitz bei Frankfurt besuchte, traf er in der deutlich jüngeren Marianne eine Frau von außergewöhnlicher Grazie, Musikalität und poetischer Begabung. Marianne, eine ehemalige Schauspielerin und Tänzerin, die von dem Bankier Johann Jakob von Willemer erst kurz zuvor geheiratet worden war, faszinierte Goethe augenblicklich durch ihren wachen Geist und ihre tiefe Empfindungsfähigkeit.


In der Kulisse des herbstlichen Rheingaus entbrannte zwischen dem alternden Dichter und der jungen Frau eine leidenschaftliche, spirituelle Liebe, die ganz im Zeichen des Orients stand. Inspiriert von den Übersetzungen des persischen Dichters Hafis flüchteten sich die beiden in ein poetisches Rollenspiel: Goethe wurde zum alternden Dichter Suleika, während Marianne in die Rolle seiner jungen Geliebten Suleika schlüpfte. Diese Maskerade erlaubte es ihnen, ihre tiefen Gefühle füreinander vor den Augen der Welt und des Ehemanns zu verbergen und ihnen dennoch im Medium der Kunst freien Lauf zu lassen. Es entwickelte sich ein lyrischer Dialog von seltener Intensität, bei dem sich die Liebenden gegenseitig Gedichte zukommen ließen.


Das Einzigartige an dieser Verbindung war, dass Marianne nicht nur als passive Muse fungierte, sondern selbst aktiv zur Feder griff. In einem kreativen Rausch, der die Grenzen zwischen den Identitäten der beiden Liebenden verwischte, verfasste sie mehrere Gedichte, die so vollkommen den Tonfall und die Genialität Goethes trafen, dass dieser sie ohne Zögern und unter seinem eigenen Namen in seine berühmte Sammlung „West-östlicher Divan“ aufnahm. Erst Jahrzehnte nach Goethes Tod wurde das literarische Geheimnis gelüftet, dass einige der schönsten und bekanntesten Verse des Werkes, darunter die innigen Sehnsuchtsgedichte an den Ost- und Westwind, in Wahrheit aus der Feder Mariannes stammten.


Der Abschied im Herbst 1815 auf dem Heidelberger Schloss war endgültig; die beiden sahen sich danach nie wieder, um die Reinheit und den Zauber ihrer Begegnung nicht durch die profane Wirklichkeit zu gefährden. Marianne von Willemer blieb für Goethe die Verkörperung einer späten, schöpferischen Wiedergeburt, die ihm bewies, dass die Kraft der Liebe und der Poesie keine Altersgrenzen kennt.



Ulrike von Levetzow


Die Begegnung mit Ulrike von Levetzow im böhmischen Kurbad Marienbad im Sommer 1821 entfachte in dem inzwischen über siebzigjährigen Goethe ein spätes, elementares Gefühlsdrama, das ihn noch einmal an die Grenzen seiner Existenz führen sollte. Als der Dichterfürst der erst siebzehnjährigen Ulrike begegnete, traf ihn die Liebe mit der unbändigen Wucht einer Naturgewalt. Ulrike, die mit ihrer Mutter und ihren Schwestern den Sommer in Böhmen verbrachte, war eine junge Frau von natürlicher, fast kindlicher Heiterkeit. Sie begegnete dem weltberühmten, gealterten Dichter ohne Scheu oder intellektuelle Ambitionen; für sie war er schlicht ein väterlicher, ungemein unterhaltsamer Freund, dessen Geschichten sie faszinierten. Goethe hingegen sah in ihrer Jugend, ihrer Unschuld und ihrer unbeschwerten Anmut die letzte Chance auf eine existenzielle Verjüngung.


Über drei Sommer hinweg steigerte sich Goethes Zuneigung zu einer verzehrenden Leidenschaft, die im Jahr 1823 ihren dramatischen Höhepunkt erreichte. Unfähig, die Qualen der Ungewissheit länger zu ertragen, bat er seinen engen Freund, Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, in seinem Namen hochoffiziell um die Hand der fast sechzig Jahre jüngeren Ulrike anzuhalten. Das Heiratsangebot stürzte Ulrikes Mutter in ein tiefes Dilemma zwischen dem Respekt vor dem Genie und den biologischen und gesellschaftlichen Realitäten einer solchen Verbindung. Ulrike selbst lehnte den Antrag sanft, aber bestimmt ab, geleitet von der klaren Einsicht in die Unmöglichkeit dieser Ehe und der Rücksicht auf Goethes eigene Familie, insbesondere seinen Sohn August, der das Erbe bedroht sah.


Der endgültige Abschied im September 1823 in Eger wurde für Goethe zu einer Katastrophe des Herzens. Auf der Rückreise im Wagen nach Weimar verwandelte sich sein seelischer Zusammenbruch in eines der erschütterndsten und reifsten Dokumente der Weltliteratur: die „Marienbader Elegie“. In diesem monumentalen Gedicht schrie sich der Dichter den Schmerz des endgültigen Verzichts, die Todesnähe und die Verzweiflung über das unerbittliche Altern von der Seele. Es ist die Tragödie des reifen Geistes, der am eigenen, unverändert jugendlich begehrenden Herzen leidet. Ulrike von Levetzow, die nach dieser Begegnung nie heiratete und ein langes Leben in Böhmen führte, ging als die letzte große Muse in die Literaturgeschichte ein – die Frau, die Goethe noch einmal die schmerzhafte Krone der leidenschaftlichen Inspiration aufsetzte.



Die Mater Gloriosa am Ende von Faust II


Am glanzvollen, metaphysischen Ende von „Faust II“ thront die Mater Gloriosa, die himmlische Muttergottes, als das alles übersteigende Prinzip der göttlichen Liebe und Vergebung. Sie bildet den Schlusspunkt nicht nur des monumentalen Dramas, sondern im Grunde des gesamten beziehungsreichen Frauenkosmos im Leben und Werk Goethes. In jener jenseitigen Sphäre, in der sich Fausts unruhige Seele nach dem Tod von den irdischen Schlacken befreit, erscheint die Mater Gloriosa in unendlicher Klarheit und Gnade, umgeben von Chören büßender Frauen. Sie ist die reinste Verkörperung des mütterlichen Urprinzips, frei von jeder irdischen Schwere, und fungiert als die höchste Richterin, die nicht straft, sondern durch Liebe erlöst.


Zu ihren Füßen zieht eine Schar von Sünderinnen herauf, unter denen sich auch das einst von Faust verlassene Gretchen befindet, das nun als „Eine Büßende, sonst Gretchen genannt“ auftritt. Gretchen fleht die Mater Gloriosa um Gnade für den Geliebten an, und die Gottesmutter gewährt diese Rettung auf eine zutiefst symbolische Weise: Sie fordert Gretchen auf, sich in die höheren Sphären zu erheben, da Faust ihr folgen werde, geleitet von der unverbrüchlichen Kraft seiner Erinnerung an sie. Hier schließt sich der Kreis zu Goethes eigenen Lebensstationen. All die realen Frauen, die er geliebt, verlassen, idealisiert oder schmerzhaft entbehrt hatte – von Friederike Brion über Charlotte von Stein bis hin zu Christiane Vulpius –, finden in dieser absoluten, himmlischen Frauengestalt ihre poetische Apotheose.


Die Mater Gloriosa verkörpert das spirituelle Ziel, auf das die gesamte menschliche Existenz in Goethes Philosophie zusteuert. Sie ist das Prinzip, das im berühmten „Chorus mysticus“, den allerletzten Zeilen des Dramas, besungen wird: Das Unzulängliche wird hier Ereignis, das Unbeschreibliche wird getan, und das „Ewig-Weibliche“ zieht die suchende Menschenseele hinan. Indem Goethe das Erlösungswerk ganz in die Hände dieser weiblichen Gottheit legt, setzt er der schöpferischen, verzeihenden und erhebenden Kraft der Frau das ultimative Denkmal. Die Mater Gloriosa fordert Faust nicht auf, sich durch intellektuelle Leistung zu rechtfertigen, sondern sie erlöst ihn durch die reine, bedingungslose Liebe, die sich im Weiblichen manifestiert und den Menschen über seine eigenen Grenzen hinaushebt.