VON TORSTEN SCHWANKE
ERSTER GESANG
In alten Zeiten hielt mit fester Hand
Das Herzogtum von Bayern und von Österreich
Ein Fürst, bekannt im weiten deutschen Land,
Von edlem Stamme, hochgeboren gleich.
Ernst hieß der Herzog, dessen Herrschaft stand
In Frieden stark und in Gerechtigkeit,
Er wachte streng, doch milde überm Land,
War klug und treu zu jeder rechten Zeit.
Nach adlig frommer Sitte ward bedacht,
Dass er ein Weib von gleichem Stande nahm.
Ein edles Fräulein, schön und wohlbedacht,
Voll Tugend, die von königlichem Stamm.
Adelheid war ihr Name, hochgebracht,
Ihr Vater Lothar trug die Krone gram.
So ward in Chroniken dies wohl genannt,
Wie sich die Ehe schloss mit festem Band.
Sie schenkte bald dem Herzog einen Sohn,
Der Ernst genannt, gleich seinem Vater war.
Doch bald nach kurzer Zeit entschwand sein Lohn:
Der Vater starb – es schlug die letzte Jahr’.
Der Mutter blieb nun Leid als harter Lohn,
Doch trug sie Trost in ihrem Erben klar.
Sie ließ ihn lehren, sprachgewandt und weise,
In Sprachen wohlgebildet allerleiße.
Latein und Welsch, dazu das Griechenwort,
Er sprach sie bald mit hohem, hellem Sinn.
Und als er wuchs, trat er an Mannes Ort,
Mit edlem Geist, mit stolzem Adel drin.
Die Länder, die ihm standen als sein Hort,
War’n Bayern, Österreich – ihm treu gesinnt.
Und als er reif, da ward er klug und weise,
Mit Adelsschwert und Tugend reich im Preise.
Ein edler Graf, von gleichem Blute nah,
War ihm als Freund in Treue stets bereit.
Wetzel genannt, ein Mann von fester Schar,
Voll Klugheit, Tugend, stark in jeder Zeit.
So wuchs der junge Herzog, kühn und klar,
Mit Rat und Kraft zur großen Herrlichkeit.
Er führte hoch sein Reich mit kluger Hand,
In Stärke, Weisheit, fest und wohlverstand.
Die edle Mutter sah mit hoher Freud’,
Wie Ernst in Tugend wuchs von Jahr zu Jahr.
Doch blieb sie Wittib, war dem Herrn geweiht,
Und betete mit Andacht immerdar.
Die Welt doch bot ihr manche Not und Leid,
Reichtum und Jugend drängten sie sogar,
Dazu Versuchung, die sie oft erstritt,
Da Ehre, Macht und Wunsch nach Ehe litt.
So kamen Herren, Ritter, edles Blut,
Sie rieten ihr mit Worten sanft und fein,
Dass sie erneut ein Eheband nun tut,
Damit noch mehr ihr Erbe mög’ gedeih’n.
Doch ließ sie, hoffend auf des Höchsten Hut,
Den Ratschlag ungehört und blieb allein.
In Gottes Willen ließ sie’s lang verweh’n,
Obgleich ihr Herz oft schwankte, fortzugehen.
ZWEITER GESANG
Zu jener Zeit regierte streng und hehr
Das heil’ge Röm’sche Reich mit Kaisermacht,
Der große Ott, er herrscht’ mit stolzer Ehr’,
Der erste, den man Ott genannt mit Pracht.
Von Christi Geburt im Jahr, wie wir’s begehr’,
Neunhundert dreiunddreißig ward bedacht,
Daß man zum König ihn zu Aachen kürt’
Und seinen Namen weithin rühmend führt.
Geboren war er aus Braunschweigs Gebiet,
Ein Herzog Ott, sein Ahnherr edel war,
Des Herzogs Sohn, der hohen Sitten riet,
War Heinrich, der als Vogler wohlbewahr’.
Gefunden bei der Jagd, die Netze zieht,
Erkoren dann zum König immerdar.
Doch Ott, von dem die Sage hier berichtet,
War Kaiser, der durch Taten sich verpflichtet.
Er nahm mit Macht das stolze Straßburg ein,
Zerstörte es und gab’s in seinem Sinn
Den neuen Namen, der sollt ewig sein,
Da’s vormals Silbertal in Latein schien.
Die Ungarn zwang er nieder, groß und klein,
Zu Augsburg, eh er Kaiser ward, darin
Im Jahr neunhundert zweiundfünfzig stand,
Da Ulrich Bischof war in jenem Land.
Er zwang in seine Hand der Völker Schar,
Ungarn, die Winden, Franken, Friesen gar,
Die Behaim, Mailand, ferner auch fürwahr
Reußen, Lamparten, all’ in gleicher Schar,
Calabrien, Apulien wunderbar
Und Burgund samt Gefilden, zahlreich war
Das Reich, das unter seinem Szepter stand,
Gesichert durch des Kaisers starke Hand.
Als Landesherr, gerecht und fromm zugleich,
Ward er des Vaternamens wohl geehrt.
Er stiftete Magdeburg, mit großem Reich
Begabt mit Gütern, die er wohlvermehrt.
Zum Heil’gen Mauritz reicht’ er fromm sogleich
All seinen Segen, der das Haus verklärt,
Mit Äckern, Wiesen, Wein und großem Gut,
Das fromme Diener nähren soll mit Mut.
Und als er jung, in seiner Blüte stand,
Da ward ihm Ottegeba zugeeint,
Ein Weib von hoher Tugend wohlbekannt,
Die lieblich vor den Menschen und vereint
Mit Gott in Frömmigkeit, von heil’ger Hand
Geboren aus der Briten Königsschar,
Sie lebte treu an seiner Herrscherseit’,
Bis sie der Tod rief aus der Erdenzeit.
Da wandte sich der Kaiser, tief bewegt,
Im Gebet zu Gott mit treuem Sinn,
Ihr irdisch’ Gut ins Grab mit Ehr’ gelegt,
Verblieb er einsam, folgte Pflichten hin.
Doch bald ihn Sankt Pauls Wort von Neuem trägt,
Daß besser Eh’ als sündhaft’ Sehnsucht drin.
So riet er mit den Fürsten, wohl bedacht,
Adelheid zur Frau zu nehm’n mit Macht.
Gesandt ward Botschaft mit gewählten Wort,
Daß sie des Kaisers Gattin werden sollt.
Sie aber schrak, verwundert von dem Hort,
Denn ihr Entschluss war Tugend, rein und hold.
Doch Herzog Ernst, ihr Sohn, sprach klug und dort:
"O Mutter, tu, was Gottes Rat gewollt!
Dem Kaiser sei mit Treu’ und Mut gedient,
Daß Frieden bleibt und Ehr’ uns stets erschien."
Von solchen Worten, die der junge Fürst
Gesprochen kühn, ward Adelheid gestärkt.
Sie mildert, was in ihr gestrenge dürst’,
Zu Geistessachen, die sie sich bemerkt,
Und lang geübt mit scheinbar hehrem Fürst’.
Durch seine Botschaft, trefflich wohl bestärkt,
Tat sie dem Kaiser kund, mit Herz und Sinn,
Wann sie ihm ehlich zugewandt gewinn’.
Dem Kaiser ward, als er dies Wort vernahm,
Das Herz erfreut in hoher Seligkeit.
Er rief sogleich den Hof, der allzusam’
Mit Fürsten, Edlen prangt in Herrlichkeit.
Und als er kam mit reichem Ruhmeskram,
Da stand bereit in gleichem Schmuck und Kleid
Die edle Frau mit Herzog Ernstes Macht,
Die ihn mit Ehren aufgenommen sacht.
Dann führt der Kaiser sie mit hohem Glanz
Nach Mainz, wo feierlich die Hochzeit stand.
Mit Frohlockieren, Freud und Festestanz
Schließt er das Bündnis, das sie fest verband.
Ein jeder zog darauf mit Roß und Lenz
Zur Heimat, wie’s die Sitte wohl erfand.
Doch ward der Kaiser bald von Not getrieben,
Im Reich zu walten, das ihm anverblieben.
Nicht lang darauf, da forderte sogleich
Ernst, jenen Fürsten, jung und hochgeehrt.
Der kam mit Zügen, ritterlich und reich,
Mit Knechten, wohlgerüstet, hochbewehrt.
Der Kaiser grüßt ihn mild mit süßem Streich,
Wie auch die Mutter, die ihn hoch verehrt,
Und sprach: „Du Jüngling, edel, wohlgetan,
Du bist mir Sohn, den ich erheben kann!
Um deiner Mutter Lieb und ihr Bemühn,
Die stets mit Treue meinem Willen dient,
Will ich dir höchste Ehr und Würden ziehn,
Daß du mir ohne Zweifel dienstgesinnt.
Drum steh mir bei, das Reich mög’ unverziehn
Von Raub und Mord und Not bewahrt gesinnt,
Daß Gottes Schickung, deine Kraft zugleich
Bewahren Christi Kirche und das Reich!“
Darauf begann der Fürst mit Dankeswort,
Dem Kaiser Treu und Dienstbarkeit zu weih’n.
Sie blieben manches Tage wohl am Ort,
Bis sie mit Gaben reich bedacht daheim.
Der junge Herzog, ritterlich und dort
In aller Not dem Kaiser ganz gemein,
Galt ihm als Schutz, als fester, treuer Mann,
Wo’s Not tat, zog er gegen Feinde an.
Mit rechter Liebe schloß der Kaiser ihn
In seine Arme, samt dem Grafen wert.
Er war nicht Stiefsohn, sondern in Gewinn
Als Freund geachtet, herzlich hoch geehrt.
Er bot sich an, getreulich ohne Mühn,
Des Kaisers Ehr zu mehren, unversehrt.
So blieben sie in Freundschaft unverlor’n,
Bis Ernst am Hofe Kaiser gleich erkorn’.
Der Kaiser ließ ihn stets in hoher Zier
Als seinen Nächsten, allen wohlbekannt,
Hoch achten, nah bei seiner Seite hier,
Daß Ehr und Ansehn stets zu ihm gewandt.
So blieb er treu im Dienste für und für,
In kaiserlicher Würde wohl verwandt,
Ein Fürst, ein Schild, ein rechter Rittersmann,
Dem Reich ergeben, daß es blüh’n gewann.
DRITTER GESANG
Es war geschehn, dass einer, hoch vertraut,
Des Kaisers Rat, mit Namen Heinrich hieß,
Das Feuer Neidens in der Brust erbaut
Und falscher Worte Netz gewoben ließ.
Er klagte Ernst, den treuen Fürsten laut,
Durch Lügen an, mit heimlich dunklem Fleiß:
"O Herrscher, du, des Reiches Vater groß,
Bewahr dein Leben, sonst geschieht dir bloß!
Der Herzog Ernst, der stets dir nah geweilt,
Den du geliebet wie des Sohnes Bild,
Hat böses Tun im Herzen aufgeteilt,
Mit dunkler List, die er verbirgt gar wild.
Er sinnt auf Mord, er hofft, dass unverweilt
Des Kaisers Reich ihm falle zu als Schild.
So wehre dich, noch ist es nicht zu spät,
Eh dich sein Lug und Trug zu Grunde geht!"
Der Kaiser Otte sprach mit schwerem Sinn:
"O lieber Neffe, harter Worte Last!
So es ein andrer spräch, ich hielte drin
Für Lug und Trug, für eine falsche Rast.
Doch da du redest, glaub ich wohl darin,
Dass solche List mein Herze schwer umfasst.
Es trifft mich tief, denn lieb ist mir der Mann,
Den ich zu schützen stets gewillt getan.
Doch will ich sehen, ob dein Wort sich weist,
Denn oft betrügt Vertrauen uns gar sehr.
Ich stürze ihn, sein Glanz vergeht mit Geist,
Das Heerhorn schallt, mein Wort wiegt doppelt schwer."
So sprach der Kaiser, ward zu Zorn vereist
Und sandte seine Heere grimm und hehr,
Dass sie dem Herzog Ernst das Land zerstör’n
Und ihn mit harter Tat zur Erde schör’n.
Der Pfalzgraf zog mit frevelhaftem Schall
Und raubte, brannte, wütet’ ohne Maß.
In Österreich, da war sein Überfall,
Und Babenberg umfing er rings im Hass.
Doch standen Bürger auf mit starkem Wall
Und fochten klug, sie machten ihm Verdruss.
Gar viele fielen, als sie Kampf entfacht,
Die Stadt jedoch bewies sich voller Macht.
Da eilte Bote fort zu Herzog Ernst,
Der treu dem Kaiser war mit Herz und Sinn.
Er rief: "O Herr, dein Land wird wild ergänzt
Mit Blut und Brand, und Feind tritt grausam hin!
So komm mit Eil, du unser Schutz und Grenz,
Eh wir in Asche liegen kraftlos drin!"
Der Herzog hörte, weinte tief im Leid
Und sprach zu Gott: "Wie hast du das bereit?
Hab ich nicht stets dem Kaiser treu gedient,
Sein Ehr vermehrt, sein Reich mit Müh gestützt?
Nun werd ich hart mit Unrecht so verdient,
Obwohl mein Herz ihm niemals ward entblitzt!
Doch sei’s, ich muss nun handeln, wie’s mir ziemt,
Eh dieser Sturm mein Land in Stücke spitzt."
So rief er auf sein Volk zum raschen Streit
Und eilte fort in schwerer Kampfeszeit.
Und ohne Zögern hätt' er wohl bedacht,
mit klugen Räten, was ihm ziemt zur Macht.
Noch viele Schlösser hielt er stark bewacht,
die Kaisers Diener nicht ins Recht gebracht.
Dorthin gesandt ward Warnung wohl durchdacht,
dass er mit seinen, wenn Gefahr erwacht,
Zuflucht und sichren Aufenthalt bedächt,
ob Not ihn drängt, auf dass er nicht geschwächt.
Mit löw'nem Mut er tapf're Recken fand,
dreitausend zählten sich zu starker Hand.
Des Kaisers Schar sie fürchteten am Rand,
doch für die Stadt war Trost in ihrem Stand.
Sie eilten hin, vereint in festem Band,
bereit zum Schutz des Reichs in treuem Pfand.
Noch eh' der Morgen kam, mit starkem Sinn,
fuhr er hinan und drang auf Feinde hin.
Er nahm nicht einen, ließ sie nicht dahin,
sondern erschlug sie ohne Gnad' und Sinn.
Wer flüchten mocht', entkam dem blinden Grimm,
mit ihnen wich der falsche Graf von hin.
So kam er heim, den Bürgern wohl bekannt,
empfangen treu, doch nur auf kurze Hand.
Obwohl dem Pfalzgraf Heinrich ward zur Pein,
dass mancher Mitgenoss' ward hingemein,
so fasste Mut er, sammelt' Schar erneut,
der Flucht entronnen, feige doch zerstreut.
Er ordnet sie nach Kriegessitte weit,
bereit zu Streit und kühnem Kampfgeleit.
Der junge Herzog Ernst sich rüstet gleich,
mit Rittern, Bürgern, weise war sein Reich.
Er mahnte sie, zu fechten ohne Scheu,
in kluger Ordnung schritt er tapfer neu.
Wie Judas einst, ein Held, der stark und treu,
so zog er aus, der Feind ihm nicht zu scheu.
Der Kampf war hart, der Zweifel schritt entzwei,
bis Gottes Recht den Sieg ihm gab aufs Neu.
Doch teurer ward der Sieg als einst gemeint,
so viele starben, doch ihr Mut vereint.
Der Pfalzgraf floh, mit wenig' Dienern bloß,
er lebte schmachvoll, doch nicht ehrenlos.
Zum Kaiser lief er, fiel ihm bebend vor,
und klagte heulend ihm sein Leid und Tor.
Der Kaiser zürnte, schwur mit strengem Ohr,
zu rächen Ernst und all' sein stolzes Chor.
Er drohte Tod und Landesbann zugleich,
schwor Rache fest, als Herrscher stark und reich.
Doch sah Herzog Ernst mit klarem Blick,
was ihm geraubt ward durch des Kaisers Strick:
Die Städte, Dörfer, was man ihm entrück',
in kaiserlicher Hand durch Kriegesglück.
Da sandt' er Boten, weise, stark im Stück,
dass sie erklärten seine Not zur Brück'.
Der Bote kam zum Kaiser angerannt,
die Kais'rin ward davon gleich wohlbekannt.
Sie sandte schnell ihn nicht aus fernem Land,
solang des Kaisers Meinung nicht benannt.
Doch barg sie wohl durch Lächeln ihr Gesicht,
die Angst im Herz, die fürchterlich ihr spricht.
Sie trat zum Kaiser, sprach mit kluger Sicht,
nach langem Reden folgte dann die Pflicht.
„Mein Herr, o Kaiser, hört mein Flehen an,
durch Gottes Lieb' und meines Herzens Bann.
Verzeiht dem Sohn, denn was hat er getan?
Lasst fürstlich Recht entscheiden seine Bahn!
Ein Urteil sei es, streng und wohlgetan,
nach aller Treu und Recht des Landes Plan.“
Der Kaiser schwieg, er neigt' sein Angesicht,
doch seine Antwort trug des Zornes Licht.
„O Frau, ich liebe dich mit Herzenspflicht,
doch deinem Flehen folg' ich dennoch nicht.
Dein Sohn mir schadet, trachtet nach Gericht,
sein böser Sinn kennt Gnade ewig nicht.“
Die Kaiserin, von Trauer tief gequält,
zog sich zurück, ihr Herz ward tief entseelt.
Und sie verließ die Halle voller Schmerz,
trat in die Kammer, sank zur Erde schwer,
mit ganzer Reue, flehend himmelwärts
zu Gott, dem Helfer aller Not umher.
„O Kaiser aller Kaiser, meines Herz’
Erbarmer, gnädig, rein und voller Ehr!
Zacharias hat dich geschaut mit Blicken,
in dir des Geistes sieben Gaben schicken.
Und ob ich Sünderin vor dir besteh,
so bitt ich dich mit Innigkeit und Klage,
laß mich erkennen, wer mit Lug und Weh
den Kaisersohn verklagt in falscher Sage!“
Kaum sprach sie aus, da ward’s vom Himmel jäh
verkündet ihr in donnergleicher Frage:
„Es war Heinrich, der Pfalzgraf, Otten Rat,
der deinen Sohn verraten hat zur Tat.“
Die Kaiserin erhob sich voller Leid,
ihr Herz von tiefem Weinen ganz bezwungen,
sie eilte vor den Kaiser und in Streit
stand dort der Pfalzgraf neben ihm geschlungen.
Mit Tränen rief sie aus in bittrer Zeit:
„O Richter, Herr der Toten und der Jungen,
sieh meine Trübsal an mit deinem Licht,
und richte, Herr, mit deines Zornes Gicht!
Mit Schmerzen hat er mich so schwer versehrt,
den Liebsten mir durch Lug von dir getrennt,
des Kaisers Gnade sei ihm nicht gewährt,
der mir mein Herz mit Kummer so verbrennt.
O Heinrich, Graf, was hat er je versehrt,
mein Sohn, der dir mit Treue sich erkennt?
Doch wisse wohl: Die Grube, die du hobst,
sie wird dein Fall, den du mit Lug erprob’st!“
Darauf verließ die Kaiserin den Saal,
und eilt zurück in ihre stille Kammer,
denn ihres Wortes Weissagung, zumal,
entfacht des Kaisers unversöhnlich Jammer.
Sie sandte heimlich Boten aus einmal
zum Herzog Ernst, erzählte ihm mit Hammer
des Kaisers Zorn, den unverrückbar harten,
der einzig Heinrich sei in diesem Taten.
Da stießen sie die Tür zum Saal mit Wucht,
mit frechem Zorn, den Waffen bloß zur Hand,
sie brachten Tod mit ihrer wilden Sucht,
den Pfalzgraf Heinrich würgten sie im Stand.
Sie wollten auch den Kaiser, doch mit Flucht
sprang er behend zur Kapell’ an der Wand.
So rettet’ er sich, sprang mit Eile fort,
und lebte noch – beraubt fast seines Orts.
Doch Herzog Ernst, in voller Racheglut,
sah Heinrich tot und sprach mit scharfem Ton:
„Dem Kaiser, wahrlich, sag ich keinen Mut,
er floh behend und ließ mich ganz davon.
Die Ursach war allein des Falschen Blut,
des Pfalzgraf Heinrichs Lug und falscher Lohn!“
So sprach der Bote, nahm der Gabe viel,
und ritt davon, so war’s der Kaiserin Spiel.
Mit Eile ritt er schnell nach Bayern heim,
wo Herzog Ernst ihn in der Burg empfing.
Er brachte ihm des Kaisers Zorn daheim,
der unbeirrbar um Verrat einst ging.
Und als der Herzog hörte diesen Reim,
sprach er, dass ihm nur ein Trost beding’:
„Wenn uns der ird’sche Kaiser nun verlässt,
so bleibt uns Gott, der uns mit Flügeln fest!“
VIERTER GESANG
Nach dem trachtete wild er nach Rache und Mord,
Nahm seinen Genossen, den Wetzel, als Hort,
Auch einen Dritten, so mutig und kühn,
Gleich Löwen, die nimmer vor Feinden entflieh’n.
Sie saßen auf Rossen, gar schnellem Geleit,
Und ritten nach Frankreich, zu dritt und bereit.
Dort wussten sie, bald wird der Kaiser entbieten
Den Hof zu Speyer für alle Gebieten.
Zur Vesperzeit kamen die drei Männer an,
Sie sprangen vom Pferde, gar stolz und voran,
Wie Edelleut‘, und der Herzog befahl,
Dass einer der Tiere zu warten hab’ Wahl.
Mit Wetzel zusammen, getrost und gewandt,
Ging er in den Palast, mit Mut unverwandt.
Doch wär‘ er geblieben, Graf Heinrich, bei dir,
Ich hätte ihm klärlich gesagt mein Plädier.
O Herr, du Allmächt’ger, so gnädig und mild,
Vergib ihm die Sünd‘, denn sein Leben zerfällt,
Und bringe die Seele von Heinrich zur Ruh,
Obgleich ihm sein Leib ward entrissen im Nu.
So sprach er und steckte sein Schwert in die Scheid‘,
Dann eilten sie fort aus dem Saal ohne Leid.
Sie sprangen zu Ross und verließen den Ort,
So schnell, dass kein Feind sie zu haschen mehr dort.
Doch bald ward ein Rufen, ein Toben, ein Streit,
Ein Lärmen von Dienern, die riefen mit Neid:
„Ermordet, ermordet, der Pfalzgraf ist tot,
Vom Herzog erstochen mit grimmigem Rot!“
Die Kunde lief schnell, wie ein loderndes Feuer,
Viel schneller als Ruhm oder ehrliches Steuer.
Die Herren des Reiches, das Volk und der Rat,
Sie eilten zum Kaiser und fragten nach Tat.
Den Pfalzgrafen fanden sie blutig und kalt,
Sein Haupt lag gesondert, von Leben entstalt.
So zogen die Männer, bewaffnet mit Macht,
Sie rüsteten Schwerter und speerliche Pracht.
Die Mörder zu suchen, mit Rache versehrt,
Doch Nacht gab den Flücht‘gen das schützende Heer.
Die Menge beschloss mit gemeinsamem Rat,
Zu ruh’n und zu warten auf kaiserlich Tat.
Der Kaiser vernahm es und zürnte mit Glut,
Er schwur seine Rache mit bitterem Mut.
Die Kaiserin eilte zum Leichnam herbei,
Sie sprach mit Bedacht, doch von Trauer nicht frei:
„O Heinrich, so höre, dein Tod tut nicht weh,
Dein Leib ist mir fremd, doch dein Seel‘ ich erfleh.“
Dann wurde der Tote in Würde begraben,
Mit Klagen von Fürsten, von Rittern, von Knaben.
Da sprach der Kaiser, von Zorne bewegt:
„Des Herzogs Vergehen sei nimmer gehegt!
Sein Gut und sein Land sei von nun an verlorn,
Dem Reich soll’s gehören, auf ewig erfrorn.
Geächtet sei jener mit Wetzel zugleich,
Gesucht und verfolgt in jeglichem Reich!“
So zog er mit Heeren von dreißigtausend,
Nach Bayern, das blühend und prangend im Haus stand.
Mit Ungestüm trat er Regensburg an,
Der Bürger entschlossen, bewaffnet sodann.
Mit Hellebarden, mit Schwertern und Blut,
Verteidigten sie ihre Stadt mit viel Mut.
Doch kaiserlich Heer war zu stark und zu groß,
Sie rangen mit Angst und mit bitterem Los.
Zweitausend der Krieger, begraben sodann,
Die blieben gefallen für Ehr und für Bann.
Die Stadt sandte Boten mit eilendem Ritt,
Zu Herzog Ernst, ihrem Schutze in Not.
Er hörte die Kunde mit Trauer so schwer,
Und sandte als Antwort, mit Treu und mit Ehr:
„Ich komme, ihr Bürger, mit starker Gewalt,
Auf dass euch der Feind nicht verderb‘ oder halt!“
FÜNFTER GESANG
Drauf ohne Säumen ritt er unverzagt,
Zum Fürsten hin, dem Herzog hoch geehrt,
Dem Heinrich, der ihn gastlich aufgenommen hat,
Wie sich’s gebührt, mit Ehren nicht verwehrt.
In seiner Kammer klagte er gar matt,
Mit Tränen, die geflossen ungehemmt:
„O Fürst, erstrahlend durch Geschlecht und Tat,
Mein Herr, von Tugend edel und bekannt!
Mich zwingt ein großes, schädlich bös Geschick,
Zu fleh’n um Huld in schwerer, harter Zeit.
GOTT woll’, dass meine Stimme dringe durch,
Dass euer Ohr mir Gnade gern verleiht.
Denn ohne Schuld trifft mich des Kaisers Fluch,
Viel Unrecht ist mir widerfahr’n bereits.
Regensburg fasst sein Heer mit harter Wucht,
Und meine Leute sanken schon im Streit.
Drum, edler Fürst, erkennt doch wohl, wie wert
Des Arztes Rat in schwerer Krankheit ist;
So auch in Not ein Freund, der helfen lehrt,
Die höchste Stütze und des Lebens List.
Drum zeigt, o Fürst, dass eure Huld nicht leer,
Und reicht mir Rat und Hilfe ohne Zwist,
Dass ich, geschützt durch euer treues Heer,
Mein Reich betreten kann mit gutem Schild.
Denn meine Bürger ruf’ ich auf zur Tat,
Dass sie die Stadt dem Kaiser übergeb’n,
Doch nicht, wenn dieser nicht gewähr’n mag,
Dass sie ihr Gut und Kleinod mit sich nehm’n.
Drum bitt’ ich euch, ihr Edlen voller Gnad,
Lasst mich gesichert hin zu ihnen geh’n.
Der Kaiser mag in Treu versprechen gar,
Dass man sie unversehrt wird zieh’n und seh’n.“
Der Herzog Heinrich hörte sein Gebet,
Sah wohl die Not und was dem Manne dräut,
Und eilte schnell, es war noch nicht zu spät,
Fünftausend Mann zu rufen kampfbereit.
Mit denen zog er aus, in Wehr gerät,
Zu schützen Ernst mit Mut und Festigkeit,
Und ihn zu führen, wie’s gebührt und steht,
Nach Regensburg mit aller Tapferkeit.
Er selbst ritt voran mit entschloss’nem Blick,
Und kam zum Kaiser hin mit festem Sinn,
Der, mit den Fürsten rings im Kriegsgezücht,
Empfing ihn ehrlich, doch mit Arg darin.
Doch als das Volk vernahm den Ruf und schritt
Des Herzogs Ernst, erhob sich Lärm und Sinn,
Der Kaiser rüstet schnell sein Kriegesheer,
Und seine Diener eilen, scharf und hehr.
Als dies der Herzog Heinrich vor sich sah,
Erschrak er tief und war ihm leid zumal,
Dass er so unbedacht, gar allzu nah,
Sich stürzte in des Kaisers wilden Strahl.
Doch schnell verbarg er, was sein Herz ersann,
Und sprach mit weisem Wort in klugem Wahl:
„O Herr, ich kam, dem Kaiser Ehr’ zu tun,
Nicht Zwietracht säh’n, nicht frechen Kampf zu ruh’n.
Es ist kein Feind, der sich hierher bewegt,
Es ist mein Volk, nicht Herzog Ernstes Schar!
Wir halten Frieden, der sich wohl erregt,
Wo Treue wohnt und Eintracht immer war.
Drum bitt’ ich euch, dass euer Blick nicht schlägt
Auf mich in Zorn, wo ich doch ehrlich fahr’:
Ich schirmte Ernst auf seinem eignen Pfad,
Damit er Frieden fänd’ in kaiserlicher Gnad.
Er will die Seinen mahnen, klug und mild,
Dass sie die Stadt nicht trotzig halten fest,
Doch dass der Kaiser, so er Gnade will,
Ihn sicher zieht, geschützt durch sichre Frist.
Drum bitt’ ich euch, der höchsten Ehr’ gewillt,
Dass ihr dies Recht gewährt in fester List,
Auf dass kein Schaden mir daraus ersteht,
Und euer Wort mit edler Gunst besteht.“
Er sprach es aus, mit zornentflammtem Blick,
Da rief er nach den Waffen, die in Eil'
Sein Dienstvolk brachte, stark und ohne Nick,
In großer Zahl und frevlem Kampfgeheul.
Der Herzog Sachsens sah den herben Strick,
Nahm Abschied kühl, verhohl'nen Unverweil',
Und schied voll Unmut, Widerstand im Sinn,
Von Kaiser Ott' und dessen straffem Zinn.
Die freche Jugend auf der Mauer stand,
Sie sah die Scharen nah’n in Waffen stahl,
Gleich einem Sturm, den Kaiser ausgesandt,
Als wär’s zum Kampf, mit wildem Kriegsappell.
Auch sahn sie Heinrichen aus fremdem Land
Von Ottens Seite eilen, ohne Wahl.
Sie kannten ihn nicht, wappneten sich schnell
Und sprangen wutentbrannt aus ihrem Fell.
Sie eilten kühnen Herzens aus dem Tor
Mit ihrem Banner, trotzig und bereit,
Zu kämpfen ohne Rast, mit starkem Chor,
In frecher Kühnheit, ohne Maß und Zeit.
Doch warnte kluger Rat des Kaisers Ohr,
So ward vermieden blut'ge Bitterkeit.
Denn hätt’ der Sachse sich mit Ernst vereint,
So wär' dem Reich der Untergang gemeint.
Drum rief der Kaiser Heinrich wieder heim,
Und sprach mit milder Gunst in sanftem Wort:
„O edler Fürst, sei uns im Bund gemein,
Die Fürsten, Diener stehn dir stets am Ort.
Dir sei vergönnt, was du gelobt in Reih’n,
So zieh mit Ernst, begleite ihn mit Hort.
Doch bleib dem Reich in Treue stets getreu,
Wie wir zu dir, in Wohlstand und in Reu'.“
Der Herzog bot mit Dank die Treue dar,
Und ritt voll Freuden zu des Kaisers Sinn.
Er ließ sein Heer, gewappnet und fürwahr,
Den Herzog Ernst zu führen, stark und kühn.
Der ward empfangen, freudig, wunderbar,
Mit Treue tief aus ihrer Herzen Grün.
Doch fragten sie: „Was ist das glänzend Heer,
Das ringsum schimmernd weilt, gleich wildem Meer?“
Er seufzte tief und sprach mit sanftem Wort:
„Sie sind nicht mein, nicht unter meinem Schutz,
Doch Sachsens Heinrich sandt’ sie mir hinfort,
Zum treuen Dienst, zum sichern Führungsnut.
Sie warten, draußen, vor dem offnen Ort,
Bis ich zurückkehr, fern von allem Trutz.“
Die Bürger sanken tief in Angst und Not,
Denn all ihr Hoffen hing an diesem Lot.
Sie klagten ihm den bittern Schmerz und Leid,
Den Mord, das Unglück in der letzten Zeit.
Er weinte mit, voll Trauer und Geleit,
Mit tiefem Gram und schwerer Bitterkeit.
„Ihr liebsten Freunde, ach, in Herzensleid
Wär' euch zu retten Wunsch und Pflicht zugleich.
Doch keine Macht ist mir gegeben mehr,
So fleht zum Kaiser um des Lebens Ehr'.“
Mit jammervollem Gruß zog er von dann,
Die Bürger trostlos, Frauen klagend bang.
Er ritt betrübt mit seinen Mannen an,
Von Sachsen geschützt, doch innerlich zerklang.
Und Ott sah, dass die Stadt nicht brechen kann,
Drei Monde schon sie widerstand und zwang.
So ließ er bauen hohe Türm' und Stand,
Mit Klugheit, List und starkem Unterpfand.
Die Diener bauten Bollwerk, stark und fest,
Mit Eichen, Wiesbaum, Holz aus ferner Hand,
Sie setzten auf die Mauer ohne Rest
Die höchsten Türme, drohend über Land.
Dort spannten sie Geschosse, schwer und fest,
Bereit zum Wurf, wie Feindesgraus benannt.
Und voller Mut, voll Kriegsgedank' und Wut,
Begann der Sturm mit lautem Donnerglut.
Die Bürger sahn des Kaisers Macht erblühen,
Doch wollten sie nicht weichen, nicht vergehn.
Sie suchten, seine Werke zu verglühen,
Doch konnt' ihr Mut nicht gegen ihn bestehn.
Denn seine Helfer fielen ein mit Mühen,
Und warfen Wehren um und machten schön
Zerstört, was Bürger an der Mau'r erbauet,
So dass Regensburg bald vor Schrecken grauet.
Erschrocken rang das Volk nach Fried' und Gnaden,
Und Herzog Ernst befahl, die Hand zu beug'n.
Der Kaiser ließ von Güte sich entladen,
Doch mussten sie vor ihm die Kniee neig'n.
Mit all den Kleinod' und den letzten Gaben,
So viel ein Mann mit eignem Arm konnt' trag'n,
Verließen sie die Stadt mit schwerem Jammer,
Und zogen aus, gebeugt von Gram und Klammer.
Die Stadt war nun des Kaisers Hand gegeben,
Er setzte Diener, Herren, Amtleut' ein.
Die Bürger mussten fort, beraubt ihr Leben,
Ihr Heim verblieb in kaiserlichem Sein.
Dann brannt' er nieder Wehr und alte Strebens
Gerüst, das Seinen half beim wilden Pein,
Und zog mit grimmer Wut gen Ernstens Lande,
Von Feuersglut gezeichnet jede Bande.
Der Kaiser, nach vollbrachtem großen Siege,
Belohnt' die Seinen, teilt' das Volk in drei.
Den ersten sandt' er unter Hauptmanns Wiege
Mit Kriegesmacht nach Österreich herbei.
Der andre Trupp zog gegen Donauwiesen,
Zu rauben, brennen, plündern und dabei
Dem Herzog Ernst sein Land gewaltig nehmen,
In Tränen all sein Volk und Gut zu lähmen.
Den dritten Teil, den nahm der Kaiser selber
Und ritt mit harter Hand zum Lech hinfort.
Er schädigt' Dörfer, drang durch Fluss und Felder,
Mit Orlog, List und Krieg an jedem Ort.
Denn Kaisermacht war stark, doch voller Kälte,
Die schwere Tat gescheh' mit düsterm Wort.
Des Herzogs Erb' ward kaiserliches Pfande,
Zerstört, beraubt, verlor'nes Vaterlande.
Er nahm die Städte, brach die festen Burgen,
Und brannte Dörfer nieder, was er fand.
Des Herzogs Gut ward eingezog'n in Urgen,
Er selbst verjagt aus all sein eigen Land.
Doch litt der Kaiser selbst in blut'gem Sturme,
Verlor viel Volk, sein Heere war verbrannt.
Und Ernst, mit Wetzel und den letzten Treuen,
Begann, des Kaisers Stärke zu zerstreuen.
Mit Mannesschlacht, mit Raub, mit kaltem Brennen,
Zerbrachen sie so manches kaiserlich Haus.
Und ließen kühne Feinde niederrennen,
Mit Schwertes Schärfe tilgend ihren Graus.
So zahlten sie mit Blut für ihre Tränen,
Und brachten Tod den Feinden, Mann und Maus,
Verkauften ihre Not in letzten Kämpfen,
Bis dass der Krieg nur Leichen ließ zum Dämpfen.
SECHSTER GESANG
Der edle Herzog Ernst wohl eins erkannte,
Dass kaiserliche Macht sei stark und weit,
Und dass er bald in Todesnöten stande,
Wenn er nicht wich des Kaisers hartem Streit.
Drum war's ihm besser, dass er nunmehr wandte
Den Zorn von sich und zog in andrer Zeit
Von dannen, eh' in steten, wilden Kriegen
Sein Leben er verlor mit Kampf und Siegen.
Denn wäre nicht, dass er durch fromme Reue
Dem höchsten Kaiser tat Genüge hier,
So fänd' er ewiglich nur Höllen Treue
Und scheidet' nie aus Gottes Zornes Gier.
Drum sammelt' er, mit kluger Wahl aufs Neue,
Fünfzig Getreue, edel gleich an Zier,
Von hoher Art und Sitt' in allen Dingen,
Mit Tugend, Mut und trefflichsten Gelingen.
Dann sprach er zu den treuen Rittersleuten:
"Ihr, meine Freunde, mir in Treu' gesellt,
Mich drängt so mancher Grund, den ich soll deuten,
Warum mein Pfad sich anders nunmehr stellt.
Zum Ersten: Mangel lehrt mich, zu vermeiden
Den Krieg, da mir der Sold nunmehr entfällt.
Zum Zweiten: Wie ein Schiff dem Sturm muss weichen,
Muss auch ich vor Gewalt mich nunmehr neigen.
So sehr auch Kaiser Macht mich unverdientlich
Mit Ungerechtigkeit zu Boden zwingt,
So bleibt sein Arm doch stärker und besiegt mich,
Wenn er in voller Wut den Kampf erzwingt.
Doch was mich schmerzet, ist, dass ich empfindlich
Die Schuld in mir als größte Bürde bringt:
GOTT hab' ich oft durch meine Tat betrübet,
Der Leben gibt und nicht das Morden liebet.
Ich weiß nicht, wann der Richter zu mir schreitet,
Wann er an meine Tür zu klopfen geht,
Ob er mich schlafend oder wach' geleitet
Zu seinem Stuhl, wo keine Gnade steht.
Drum will ich, dass mein Herz sich ihm bereitet,
Eh' seine Strenge über mich verweht.
Ich will mit reuemütigem Verlangen
Zu seinen heil'gen Stätten nun gelangen.
Dort, wo der Herr das Licht der Welt geboren,
Wo er gelitten und gerichtet ward,
Wo er für uns am Kreuze ward verloren,
Und auferstand nach dreitägigem Harrt,
Dort will ich hingehen, ihm auserkoren,
In Andacht, die mein Herz geläutert wahrt.
Nun denkt, ob ihr mit mir die Fahrt wollt wagen,
Ob ihr bereit, mein Wort nun zu ertragen!"
Die edlen Ritter, voller heil'ger Triebe,
Gaben sich hin mit willigem Verstand,
Sie nahmen Kreuze an, aus treuer Liebe,
Und legten gläubig sich in GOTTes Hand.
Dass Niemand meinte, es sei Last und Hiebe,
Die sie nur zwang zu diesem heil'gen Stand,
So rüsteten sie frisch sich und in Ehre
Mit Waffen, tapferlich zum Streit und Wehre.
Da ward's verkündet, wie des Herzogs Streben
Sich nunmehr nur zu Gottes Ruhm gewandt,
Wie er den Weg zum heil'gen Ziel gegeben,
Mit treuem Herz und andachtsvoller Hand.
Die Freunde trauerten ob seinem Leben,
Die Feinde frohlockt’n ob des Wandels Stand:
So ritt er fort mit seinem ritterlichen Heere,
Nach Jerusalem, mit heil'ger Pilgerschwere.
Da hört’ die Kaiserin, die Mutter sein,
Und sandte Silber fünfhundert ihm gar,
Dazu auch Pelze, von Farben recht fein,
Mit Purpur prangend, so kostlich und rar.
Noch edles Kleid aus der Seide Gebein,
Bestickt mit Golde, so glänzend fürwahr.
Mit Dank empfing er’s von Adelheids Hand,
Und teilte es aus an sein wackres Gespann.
Nicht lange währte die Zeit, da geschah,
Dass kam der Tag für die Wallfahrt so heil.
Zum Herzog Ernst kam ein Volk, groß und nah,
Fünfzig der Ritter, mit frommem Geil.
Sie baten inständig, dass er sie da
Zu Brüdern mache, Gefährten im Teil.
Da lobte er GOTT mit herzlicher Kraft,
Und nahm sie auf mit süßer Geschafft.
SIEBENTER GESANG
Zum Letzten kam die Stund', von Tränen schwer,
Sie schieden aus dem teuren Heimatland
Und zogen fort, ihr Herz bedrückt gar sehr,
Nach Ungarn erst, wo man sie würdig fand.
Der König selbst empfing sie höflich hehr,
Gab reiche Gaben mit gerechter Hand,
Und sicherte den Weg durch dunklen Wald,
Bis Griechenland, wo man sie hoch bezahlt.
Der Kaiser dort erwies sich edel groß,
Mit Ehren nahm er sie in seine Hut,
Er sah des Herzogs Standhaftigkeit bloß
Und achtete ihn ob der kühnen Glut,
Mit hoher Ehr' gewährte er famos
Ihnen drei Wochen Rast mit gutem Mut,
Bis große Kiele kamen, wohlbelad'n,
Mit Waffen, Speis' und Notdurft für die Fahr'n.
Die Schiffe waren stark und wohl gerüst',
Gar klug bereitet nach der Kunst Gebot,
Ein Mastbaum ragte fest in seiner Büst',
Und Steuer, Anker standen all' in Not.
Die Winde zog das Segel, frisch geküsst
Von Stürmen, oder ruhte sanft im Lot.
Mit Rudern, Stühl'n, mit Stricken, wie es taugt,
Ward jedes Schiff von Meisters Hand gebaut.
Dann endlich stachen sie mit Mut hinfort,
Den Dank entrichtend für des Kaisers Gnad',
Sie segelten wohlauf von Griechen Ort
Und hofften auf des Meeres sanfte Saat.
Doch bald erhob sich stürmisch raues Wort,
Ein Ungewitter kam mit voller Tat,
Zerbrach die Wellen, riss die Schiffe tief,
Wo edle Jugend fand ihr letztes Rief.
Zwölf Schiffe sanken, Griechenvolk ertrank,
Mit ihm die, die dem Herzogs Wort gefolgt,
Die Brüder sahn dies Leid mit tiefem Dank,
Doch ihre Kiele, wild herum gewolkt,
Blieb'n treibend zwischen Wellen hart und krank,
Die Ruder abgebrochen, Stürme rollt’n.
Und Hunger kam, und Not ward schier zu groß,
Das Leben schwand, die Hoffnung blieb bloß.
Da riefen sie mit Innigkeit zum Herrn,
Der ihre Not aus Himmelhöhn ersah,
Sie flehten demutsvoll, die Stimmen fern,
Doch Seine Gnade stand in Sturm und Jahr.
Er half in Not, zerbrach die Wellen gern,
Und führte sie hinfort mit sanfter Schar.
So lernten sie in Sturm und harter Pein,
Daß stets der Herr wird Helfer ihnen sein.
ACHTER GESANG
Als nun der Morgen strahlend heiter dünt,
Kein Wind das hohe Meer zum Wogen zwingt,
Da sahen sie, von Hoffnung angezündt,
Ein fernes Land, das schimmernd vor ihnen blinkt.
Agrippa ward es wohl beim Namen günnt,
Benannt nach dem, der hier als Herrscher ging.
Da fasste Freude alle auf dem Kahn,
Und eifrig ruderten sie himmelan.
Das Meer geteilt mit starkem Ruderstreich,
Dem Ziel entgegen, das so nahe stand,
Und Gott war gütig, schickte sie sogleich
An jenen fruchtbar-herrlichen Gestad.
Sie sahn zuerst, in Glanz und Prunk zugleich,
Der Stadt gezierte, prächtige Gewand:
Mit Marmorsteinen kunstvoll fein verziert,
In Grün, in Rot, in Weiß gar reich staffiert.
Die Stadt umgab ein tiefer Wassergraben,
Mit klarem Fluss gefüllt in lautrem Glanz,
Und hoch darauf, auf Zinnen und auf Staben,
Viel goldne Türme standen stolz und ganz.
Kein Feind vermochte, dreist sich hier zu laben,
Die Mauern schirmten wohl vor Kriegsgetanz.
Doch leer die Stadt, kein Mensch war dort zu seh’n,
Das Volk, so schien es, war davon geträn.
Da sprach der Herzog: „Lasst die Anker los!
Die Segel neigt, und lenkt das Schiff ans Land!
Nun folgt mir, Männer, mutig, stark und groß,
Des Herrn Erbarmen führt uns wohlbekannt!
Nun wappnet euch, geschmückt mit Helm und Stoß,
Und gürtet scharf die Schwerter an die Hand!
Ob hier ein Christ, ob hier ein Heide weilt,
Das soll durch Mut und Weisheit uns erteilt.“
„Sind sie von gleichem Glauben, so mit Gunst
Woll’n wir um Nahrung bitten, sanft und fein.
Sind sie des Herrn nicht hold in ihrer Kunst,
So holt durch Kampf, was unser mag hier sein!
Denn Pilger sind wir, gänzlich ohn’ Gesunst,
Vertrieben aus dem Land der Freunde Reihn.
Drum wählet Waffen, nimmer hungert still,
Doch streitet ehrlich, wie ein Ritter will!“
Die Recken stimmten ein mit starkem Wort,
Bewaffnet schnell sich jeglicher gar wohl,
Und fuhren bald in Rennschiff eilend fort,
Der Herzog Ernst der Bannerträger soll.
Graf Wetzel trug die Seide blutig dort,
Zu Ehren Jesu, das war seine Roll’.
Zu Fuß nun zogen sie mit kühnem Schritt,
Zum Stadttor hin, gefasst auf jeden Schnitt.
Doch seltsam war’s: kein Tor war hier verschlossen,
Kein Feind zur Wehr, kein Schild, kein Speer erhoben.
Des wunderten sie sich, fast gar verdrossen,
Und standen still, wie ganz in Staub geschoben.
Da sprach der Herzog: „Wahrlich, dies beschlossen
Mit List die Feinde, klug und tief verwoben.
Vielleicht sie warten, dass wir sorglos geh’n,
Und wollen dann mit Stahl uns untergeh’n!“
„Drum fasset euch mit Mut, mit fester Kraft,
Lasst keinen Schritt getrennt vom andren sein!
Haltet das Banner hoch mit ganzer Haft,
Und folget mir ins Stadttor tief hinein!
Kommt Feind uns nah, so zeigt ihm eure Haft,
Und jagt ihn stürmisch in die Mauern ein!
Und ohn’ Erbarmen, schneidet, was ihr fand,
Denn Hunger droht, und Kampf bleibt uns verwandt!“
Mit diesen Worten drangen sie hinein,
Mit stolzer Stimme, laut ihr Sang erklang.
Kein Mensch zu seh’n, kein Feind in diesem Hain,
Kein Widerstand, der Eingang ruhig bang.
Da fanden sie im Schimmer Kerzenschein,
Ein Saal, der glich des Kaisers hohem Rang.
Mit Purpur reich die Tische all bedeckt,
Mit Gold und Silber prangend hocherweckt.
Und Speis und Trank in Massen wohlbereit,
Wie für ein Fest, so göttlich, reich und schön.
Die Schüsseln golden, Silber auch verstreut,
Met, Wein und Bier in Bechern glänzend höhn.
Was Wunder barg die Stadt in ihrem Kleid!
Doch wo die Menschen? War dies Zauberhöhn?
So standen sie in Staunen gar befangen,
Was mochte dies bedeuten, was erlangen?
Da sprach der Herzog Ernst zu seinem Heer:
"O Freunde, lobet Gott und danket sehr!
Der Herr, der alles Gute reichlich misst,
Bereitet uns die Tafel, wo sie ist.
So folgt mir nun, wie ihr es stets getan,
Und nehmt, was Leib und Kraft erhalten kann!
Doch Gold, Geschmeide, Purpur lasst zurück,
Denn Gier ist allen Übeln Grund und Strick.
Bescheiden seid! Denn ob auch fern von hier
Die Bürger sind, sie kehren bald dafür.
Drum stärket euch mit Speis' nach Not und Maß
Und sammelt ein, was uns noch frommt sodann!
Die Gaben traget hurtig, ohne Spaß,
Hin zu den Schiffen, was man tragen kann!"
So aßen sie und tranken ohne Pein,
Ihr Hunger ward gestillt, ihr Durst ward klein.
Als nun gesättigt war des Leibes Not,
Da trieb sie Fürwitz durch die Stadt hinfort.
Sie staunten, wo sie Gassen überschaut,
Wie Gold und Silber glänzte wohlgebaut.
Mit Meisterwerk aus kunstgeübter Hand
War jedes Haus mit Kleinod reich erkannt.
Die Schätze lagen offen, ungezählt,
Ein Kaiser hätt' sich dran fürwahr erwählt.
Doch folgten sie dem Herzog, wie befohlen,
Und luden Speis' und Trank in ihre Kolen.
Auf dass für manches halbe Jahr genug
Vorrat auf ihren Schiffen sicher trug.
Und als sie ruhten still am Meeresrand,
Da sprach der Herzog leise mit Verstand
Zum Grafen Wetzlan: "Folge mir allein,
Wir wollen dieser Stadt mehr kundig sein."
Sie schritten durch die Gassen, weit und breit,
Beschauten, was die Kunst der Zeit verleiht.
Bis sie zuletzt in einen Saal gelangt,
Der marmorhell in seiner Schönheit prangt.
Dort fanden sie gar prächtig aufgestellt
Zwei Lager, die an Zierde nichts enthält.
Mit Seide, Samt und Golde reich geschmückt,
Ein Anblick, der die Sinne bald entzückt.
Ein Garten lag daneben, wundersam,
Mit Zedern hoch, mit Wasser kühl und zahm.
Ein Quell floß sanft in goldne Zuber ein,
Die einem Bad erfrischend sollen sein.
Den Herzog lockt's, ins klare Nass zu geh'n,
Der Graf folgt gern, solch Lust ließ sich versteh'n.
Sie badeten, erfrischten sich gar wohl,
Und ruhten dann, gestärkt im Seidenpol.
Doch als sie rüstig aufgestanden sind,
Da sahen sie vom Fenster, wie geschwind
Ein mächt'ges Heer vom Meeresufer naht,
Ein seltsam Volk auf Rossen wohlgerat.
Ihr König, halb ein Mensch und halb ein Tier,
Ein Kranichhaupt, ein ungeheures Zier,
Er führte mit sich eine Jungfrau hold,
Gekleidet prächtig, reich an Perl' und Gold.
Sie war des Königs Tochter, fern gesandt,
Zum Ehebund in eines Fürsten Land.
Doch ward sie hier von diesen überwältigt
Und ihrer Hoffnung, ihrer Zukunft geschädigt.
Zwei Wächter führten sie, geschmückt gar sehr,
Mit starken Bogen, kunstvoll, edel, schwer.
Zwei Edle trugen vor ihr mit Bedacht
Ein Seidentuch, das farbenreich erdacht.
Und vor ihr schritt ein Fürst, an Würde reich,
Er trug ein Zepter, gülden, fest und weich.
So nahte sich das Heer der Stadt erneut,
Die einst verlassen war und menschenleer.
Der Herzog Ernst sah dies und war erneut
Gehüllt in Sorge, wog die Gefahr gar schwer.
Was wird nun folgen? Welche List gelingt?
Ob Kampf, ob Klugheit diesen Streit bezwingt?
So führten sie zum König hehr und milde
Die Jungfrau schön, mit Würde groß und Zier,
Hin zu dem Saal, wo Speis in reicher Fülle
Bereitet war, in hoher Pracht und Zier.
Dort saßen sie an blankgezierten Tische,
Wo einst zuvor mit seiner Ritterschar
Der Herzog Ernst gesessen und gegessen,
Doch Speis und Trank war ärmer als fürwahr.
Doch Spiele waren rings und frohe Lieder,
Musik erscholl, das Saitenspiel erklang.
Die Gaukler sprangen, lachten, tanzten nieder,
Der Jubel scholl, ein freudenvoller Sang.
Die Jungfrau aber, zornig, bang und trübe,
Sah an den Räuber, den sie tief verflucht,
Der mit dem Kranichhals voll falscher Liebe
Sich kühn zu ihrem Munde niederbucht.
Sie rief: „O wehe mir, du Gott der Ehren,
Wer löst mich aus des Fleisches Todes Pein?
Nur Christi Gnade kann dies Werk bekehren,
Nur er macht frei den armen Geist allein!"
Der Herzog Ernst, verborgen mit dem Freunde,
Hört' ihre Klage, sah ihr tiefes Leid,
Ergrimmte nun mit ritterlichem Feinde
Und sprach: „Auf, Wetzlaw, jetzt ist Rettungszeit!"
Doch sprach der Freund: „Zu stark ist unsre Feinde,
Wir sind zu zweit, doch ihrer allzu viel.
Wir müssen klug verfahren mit dem Feinde
Und warten erst auf unser bessres Ziel.
Denn wenn der Hof sich leert nach diesem Feste,
Dann wagen wir das kühne, schnelle Spiel!"
So warteten sie still, nach gutem Rechte,
Der Rat gefiel dem Herzoge gar viel.
Und als die Nacht herab sich still gesenket,
Da kehrt ein jeder in sein Lager ein.
Der König auch, von wenig Knechten lenkend,
Ging in die Kammer, prunkvoll, herrlich, fein.
Die Diener führten hin die junge Schöne,
Entkleideten sie fast bis auf das Hemd,
Doch als man ihr zu nahtrat ohne Schöne,
Da war Gefahr, die kaum ein Knecht erkennt.
Ein Diener lief zum König voller Zagen:
„Herr, Waffen! Waffen! Unser Feind ist nah!
Die Ritter Indiens sind hergetragen,
Die Jungfrau fordern sie mit krieger Schar!
Doch soll ihr Werk und ihr Beginnen schwinden,
Denn eh' sie kommen, greif ich kühn hinein
Und will mit Blut und Tod ihr Werk ergründen,
Damit sie nicht mehr nehmen, was ist mein!"
Doch als er sprach, da scholl des Königs Klage,
Mit wildem Kranichschrei und wirrem Schall.
Er wusste nicht, wo er sich selbst bewahre,
Dann stürmt' er auf sie zu im schnellen Fall.
Er traf mit scharfem Schnabel ihre Seiten,
Die Jungfrau sank, das Blut floß Rosenrot.
Ihr lauter Schrei durchdrang die dunklen Weiten,
Sie schrie um Hilfe, doch sie war in Not.
Da brach der Herzog mit Gewalt ins Zimmer,
Der Graf ihm folgte, Schwert in fester Hand,
Sie töteten den König und mit ihm für immer
Die Diener all, die ihm zur Seite stand.
Sie hoben auf die blasse, sterbensbleiche
Und wollten sie bewahren vor dem Tod,
Doch schon entschwand ihr Licht, ihr Atem weichet,
Ihr Blut floß hin, ein dunkles, tiefes Rot.
Mit letzter Kraft sprach sie mit sanfter Stimme:
„O Ritter, weh, zu spät kommt eure Tat.
Hätt' ich gelebt, wär' euch zu hohem Glimme
Ein Königsthron in India als Rat.
Nun ist mein Leben hin, mein Los entschieden,
Mein Sterben ist besiegelt, ohne Hohn.
Doch bin ich froh, euch Christen noch zu sichten,
So sterb ich selig und in Gottes Kron.“
Da wurden die zwei Herren voll Gram und Leid,
obwohl sie das Volk um den König erblickten,
das eilend sich regte in Hast und Geleit,
sie dennoch mit frommen Gedanken sich schmückten.
Den Toten bedeckten sie ehrvoll im Kleid,
ein purpurnes Tuch ihn in Würde umstrickten,
und baten den HERRN, der die Seelen bewahrt,
dass er ihn gnädig ins Himmelreich fährt.
Mit Schwertern bahnten sie tapfer den Gang,
durch tobende Menge voll wildem Geschrei.
Sie schlugen die Feinde, so oft sie entsprang,
ein Trupp, der die Helden zu stürzen sich weiht.
Da schleuderte mancher mit Steinen und Zwang
sein härtest Geschoss voller Grimm und dabei
mit krächzenden Stimmen, wie Kraniche tun,
die unliebsam Gäste zu töten in Ruhn.
Doch als sie erreichten das starrende Tor,
da fanden sie’s fest mit den Riegeln beschlossen.
Nun wichen sie klug aus dem Kampf und empor
in Schwibbögen stiegen sie, sicher geschlossen.
Ihr Schild hielt den Sturz von Geschoß und Empor,
das nieder sie warf in den Haufen der Trossen,
so dass sie hinaufstiegen, kühn wie ein Held,
als wären sie Löwen im jagdlichen Feld.
Doch endlich erhub sich ein mächtiger Schall,
den Schiffer vernahmen vom Herzoges Flotte,
sie eilten gerüstet, mit ritterlichem Fall,
und fanden das Tor in verriegelter Note.
Mit Äxten sie brachen die Pforte zu Ball,
durch Mühen und Schweiß ward’s ein Werk voll der Rotte.
Sie halfen den Herren, doch nimmer ohn Schmerz,
viel Blut ward vergossen, viel Feinde im Herz.
Nun flohen sie eilends dem Schiffe sich zu,
doch fanden das Meer mit den Feinden besetzt.
Der Herzog sprach laut: „Nun habt freien Mut,
denn selig ist, wer für den Glauben verletzt!
Verlieren wir hier unser irdisches Gut,
so sei unser Geist an den Himmel versetzt.
Drum greifet zum Stahle und kämpfet fürwahr,
denn Christus ist mit uns, mit ihm unsre Schar!“
Er sprach’s und erhob seine Banner mit Glanz,
die Feinde umfingen ihn schattenhaft wild,
sie schossen mit Pfeilen vergiftet und ganz,
doch hielten die Recken sich standhaft im Bild.
Sie schlugen der Gegner gar viele im Tanz,
fünfhundert vergingen durch Schwerter so mild.
Doch sahen sie klüglich, der Streit war nicht klug,
und wichen zurück mit bedächtigem Zug.
Der Herzog und Wetzilo blieben zur Wehr,
bis alle die Schiffe erreichten das Boot.
Sie hielten den Feind noch auf Sand und am Meer,
bis letztlich der letzte von Wunden bedroht,
sich einließ zum Kiel in des Wassers Begehr,
und endlich die Ruder sich zogen in Not.
Die Stricke gelöst und die Segel gespannt,
so fuhren sie fort aus dem feindlichen Land.
Doch sahen die Kraniche bald ihre Not,
sie eilten mit Schiffen, die Flüchtenden nah.
Da hielten die Helden sich wacker in Rot,
entwichen den Feinden mit List und Geschah.
Zwölf Tage und Nächte, durch Wind und Gebot,
sie fuhren, bis keiner mehr Ufer ersah.
Doch endlich erspähte der Wächter aus Ruh
am Mast einen Wald voller Segel im Nu.
Der Schiffmann sah das Unglück schnell sich nahen
Und Furcht erstarrte Herz und seinen Sinn.
Er sprach: "O Freunde, nichts kann uns bewahren!
Der Tod erwartet uns in kurzer Frist.
Drum hebt die Herzen auf in Gottes Namen,
Und betet, dass er gnädig uns bemisst!
Die Sünd erlös uns, Herr, mit Deinem Segen,
Dass unser Seel mag ewig bei Dir leben."
"Seht ihr die hohen Bäume dort erheben?
Das sind die Masten all der toten Schar,
Die vor uns schon dem rauen Meer ergeben
Und fanden hier ihr jähes Grab sogar.
Uns naht dasselbe Los, ob wir's erstreben
Ob fliehen, hilft nicht mehr die Fahrt Gefahr.
O jammervoll, o todgeweihte Reise!
Bald trinken wir den Tod in bitterm Greise."
Nach dieser Rede, schmerzerfüllt und bange,
Gab Herzog Ernst mit ernster Stimme kund:
"O Freunde, seht, es sei nicht Sorg und Klage,
Gott sendet uns dies Leid zu gutem Grund.
Er prüft uns, tilgt der Sünde schwere Plage,
Hat er den Tod bestimmt, so sei's gesund!
Lasst uns mit Treu und Glauben es ertragen,
So wird Er uns am Ende lohnreich tragen."
Die fromme Schar empfing mit heil'gem Sehnen
Des Sakramentes Würde, fromm und rein,
Und während sie zur Todesstätte gängen,
Wollt' Eisenstein das alte Schiff entzwein.
Magnetkraft zog den Kiel, das Holz zersprengend,
Ein Feuerschein stieg aus dem Wasser drein.
Die Masten brannten, Bäume fielen nieder,
Zerschmetternd traf es ihre treuen Glieder.
Der Herzog rang die Hände, voll von Schmerzen,
Und rief: "O Herr, was soll ich Armen tun?
Ich seh' die Besten sterben vor den Kerzen,
Die stets mir treu dienten ohne Ruh'n!
O käm' auf mich allein dies Los mit Schmerzen,
Anstatt mein Volk so jäh zugrunde nun!
Gott wollt', ich wär' in ihrem Steine liegend,
Anstatt ihr Blut so jammernd hier zu wiegen!"
Da kamen Greifen, aus den Felsen stiegen
Und stürzten sich auf Leiber, frisch erlegt.
Sie schleppten tote Menschen zu den Wiegen
Ihrer Brut, die an den Höhen festgelegt.
Von all den Männern, die den Tod hier kriegen,
Blieben nur sieben, von Gram bewegt.
Ihr Vorrat schwand, kein Brot mehr in den Taschen,
Verzweiflung kam mit bittren Hungersmaschen.
Da sprach Graf Wetzel: "Lasst uns Rettung wagen!
In Tierhaut nähen wir uns ein sogleich.
So mögen uns die Greifen hinfort tragen,
Ob tot, ob lebend, durch das Meerbereich.
Vielleicht wird Gott uns dennoch Heil verschaffen,
Dass Leben uns errettet sei zugleich.
Denn besser ist’s, den Fluch des Tods zu wagen,
Als dass uns hier der Hunger kommt zu plagen!"
Dem Grafen Wetzeln kam ein Rat zu Sinn,
Nicht menschlich nur, nein, göttlich war sein Hort.
Dem Herzogs Willen fügte er sich in
Und eilte rasch zum neuen Schiffe fort.
Dort fanden sie, dass Menschen tot darin,
Die reich geschmückt mit Gold und edlem Hort,
Auch Felle großer Ochsen, wohl in Zahl,
Der Fund erschien den andern sehr einmal.
Die Felle nähten sie nun fest und gut,
Segneten mit Vertrauen ihre Leut‘.
Gerüstet mit dem Harnisch, stark und mut,
Begaben sie sich in der Häute Häut‘.
Dann legten sie sich auf des Kieles Hut,
Damit die Greifen trügen sie erneut.
Die Freunde sah‘n es an mit bangem Blick,
Doch tat der Herzog es mit Gott im Glück.
Die Greifen kamen bald, sah’n totes Fleisch
Und stürzten sich auf ihre Beute dann.
Sie hoben auf, was schien an Aas so bleich,
Und trugen’s fort, wie’s ihre Sitte kann.
Doch war’s nicht Fleisch, ihr Biss ging tief und weich,
Jedoch die Rüstung hielt den Klauen stand.
So floh’n sie weit mit fliegendem Geschehn
Und wurden über‘s wilde Meer gesehn.
An fremder Felsstatt wurden sie gelegt,
Dort kam ihr Leben langsamlich zurück.
Mit scharfen Klingen schnitten sie bewegt
Sich aus den Häuten und vergaßen Glück.
Da sahn sie, dass kein Greif sich noch bewegt,
Die Alten waren fort mit schnellem Blick.
Da flohen sie, hinab ins dunkle Holz,
Verfolgt von Angst, doch voller Lebensstolz.
Von ihren Freunden waren zwei erneut
Gleichwie die ersten fort im Greifenschnell.
Sie flohen auch, wie’s ihrem Herrn gebeut,
Hinab ins Tal durch Fels und Dickicht schnell.
Die letzten drei verließen noch das Boot,
Doch einer blieb zurück in tiefem Groll.
Kein Freund war da, der ihm die Felle bot,
Und Hunger brachte ihm den Tod gar voll.
Die vier, die nun im Walde sich gefund‘,
Sie riefen Gott um Gnade, Trost und Licht.
Mit starkem Mut und festem Herzensgrund
Sie suchten Herzog Ernst, den Herrn, der spricht.
Da fanden sie ihn doch nach langer Stund‘,
Und Tränen floßen auf das Angesicht.
Umarmten sich, mit Freuden hoch bewegt,
Dass Gott sie gnädig hier zusammen trägt.
Als Herzog Ernst vernahm des Freundes Leid,
Der hungers starb, da weint‘ er bitterlich.
Er betete zu Gott in stiller Zeit,
Dass jener nun in Frieden ruhe sich.
Doch selbst war’n sie von Hunger hart gebeugt,
Und speisten nur, was wuchs im Forst für sich.
Mit Kräutern, Schwämmen, Wurzeln halfen sie
Dem Leibe not, doch blieb der Durst so wie.
Sie liefen durch den dunklen Wald gar weit,
Bis Sonnenuntergang mit schwerem Gang.
Dann sah‘n sie fern, in tiefer Felsenzeit,
Ein Wasser, das durch‘s Tal zum Tale sprang.
Mit letzter Kraft, durch Fels und Dunkelkeit,
Erreichten sie den Quell mit lautem Drang.
Sie tranken tief vom kühlen, süßen Nass
Und lobten Gott für diesen letzten Spaß.
Noch war in Herzen der Recken verborgen
Die Furcht vor Greifen, die grausam und wild;
Dass sie nicht hörten ihr heimliches Sorgen,
Nicht wieder schleppten sie fort in ihr Bild.
Drum hielten schweigend sie rastend am Morgen,
Am Wasser sitzend, das spiegelnd und mild,
Doch sah’n sie bald in den Tiefen sich regen
Der Fische Menge in glänzenden Wogen.
Den Hunger zu stillen nach Mühsal und Plage,
Ergriffen sie hurtig, was schwamm in der Flut;
Mit Gleve und Eisen, mit jagender Wage
Ward Fisch bald gestochen mit kühnem Mut.
Sie schlugen aus Steinen, die Kies hier in Lage,
Ein Feuer, das brannte mit lod’riger Glut;
Ein Teil briet den Fang auf glühenden Kohlen,
Ein and’rer kochte ihn, wohl mit Gehohlen.
Gegessen, gesättigt und frisch von den Mühen,
So wollten sie weiter, doch gab sich kein Pfad.
Die Berge erhoben sich ragend, ein Blühen
Des Himmels sie deckte wie festes Gestad.
Kein Vogel vermochte dort oben zu ziehen,
Der Aufstieg unmöglich, so hoch war die Tat.
Der Weg, den sie kamen, war steil nun und rau,
Verwehrte den Rückgang in schroffer Gefahr.
Da staunten die Helden, wie tief sie gefallen,
Und rieten gemeinsam, wohin nun ihr Gang.
Dem Wasser sie folgten durch finstere Hallen,
Bis vor ihnen ragte ein Berg, furchtbar bang.
Umschlossen von Felsen, durch Klüfte und Fallen,
Dort hallte das Wasser mit tosendem Klang;
Ein dröhnendes Brausen, als Schiffe zerbrachen,
Und in die Tiefen versanken mit Krachen.
Doch sah man auf einmal das Wasser verschwinden,
Kein Laut, kein Gurgeln, es ward nicht mehr kund.
Dann plötzlich begann es erneut sich zu winden
Mit donnerndem Tosen aus finsterem Schlund.
Die Ritter, verlassen von menschlichem Finden,
Sahn keinen Weg als die Wellen zum Grund,
Wieder hinaus in das Meer der Gefahren,
Daraus sie zuvor nur durch Gott sich bewahren.
Da kamen sie klüglich in göttlichem Rate,
Und fällten die Bäume mit fleißiger Hand;
Behieben die Stämme, in sorgender Tate,
Verflochten mit Weiden sie fest und gewandt.
Mit zitternder Hoffnung, voll Zweifel und Schwate,
Betraten sie zagend das wankende Band,
Und ließen sich treiben in donnerndem Strudel,
Hinab durch die finstere, tückische Rudel.
Das Erste des Schreckens: das Wasser sie schlug,
Das Floß ward zerrüttet in wilder Gewalt.
Die Zweite Gefahr war die finstere Trug,
Kein Licht, keine Sicht durch die schwärzeste Halt.
Das Dritte war Lärm, der an Felsen sich fug,
Der hallte und dröhnte in schrecklicher Spalt.
Kein Wort konnt’ vernommen, kein Ruf war zu hören,
Nur brausende Wasser, die alles zerstören.
Da riefen sie laut zu dem Herren der Zeiten,
Zu Christus, dem Retter, mit inbrünst’gem Fleh’n:
„O Heiland, Du schirmst uns in ewigen Weiten,
Errette uns, Herr, lass nicht untergeh’n!
Wie Petrus im Sturme, so wollst Du uns leiten,
Durch Gnade uns stärken, zu Hilfe uns steh’n!
Wie einst aus dem Meere, das Greifen regierten,
So hilf uns, dass wir nun den Abgrund passierten!"
Kaum endet das Beten, da schien ein hell Licht,
Durchstrahlte die Felsen mit göttlichem Schein.
Ein leuchtender Felsen erblickte man dicht,
Er trug einen Namen von herrlichem Sein.
Unio hieß er, von Einigkeit spricht
Sein Glanz, und kein zweiter mag gleich ihm doch sein.
Die Ritter entnahmen ein Stück aus den Massen,
Ein Juwel, das die Kaiser in Kronen einst fassten.
NEUNTER GESANG
So kam der Herzog mit den Seinen dann
Auf seinem Floß zur Arimasper Flur,
Das Wasser trieb sie an das Ufer ran,
Sie stiegen aus, doch litten Not und Spur.
Den Harnisch nahmen sie sich alsbald an,
Durch wilden Wald sie gingen voll Tortur,
Von Hunger matt, doch froh, dem Strom entrückt,
Der sie mit Wellen oft genug bedrückt.
Den Tag durch schritten sie im Waldesgrund,
Bis Städte hell und Schlösser stark gebaut,
So meisterlich, dass klar war jeder Bund,
Sie zu betrachten wohl das Aug erfreut.
Doch stand den Männern bald ins Herz der Fund:
Die Arimasper sind von seltner Art,
Mit einem Aug über der Nas gestellt,
Verzehren Fleisch, das wild ihr Zahn zerschellt.
Bald sahen sie die schönste Stadt im Land,
Die größer war als alle weit umher.
Sie meinten wohl, ein Fürst sei ihr bekannt,
Ein Herr von Macht und edler Tugend mehr.
Vor ihrem Tor ruhten sie aus am Rand,
Doch schauten Bürger fremde Blicke sehr,
Denn dass ein Gast zwei Augen hatte, war
Für sie ein Wunder, seltsam, furchtbar gar.
Als Staunen schnell durch alle Straßen flog,
Da lief das Volk in Hast zum Grafen hin
Und rief: „Herr, siehe, was am Tore zog!
Zwei Augen trägt ein jeder Fremdling drin!“
Der Graf erschrak, ward tief in Zweifel gewog
Und dachte: „Sind es Satyrn, die ich bin?
Halb Mensch, halb Bock, verirrt aus dunklem Wald,
Die irre gingen, fern der Heimat Halt?“
Dann rief er sie mit Ehren in sein Haus,
Empfing sie gut und fragte weise an,
Woher sie kämen, welch Geschlecht ihr Strauß,
Und was sie führte hierher unbekannt.
Da sprach der Herzog, dass er Antwort aus
Sich sparen müsse, bis sein Hunger bann’
Durch Speis und Trank, denn sie in großer Not
Schon lange litten Hunger, Schmerzen, Tod.
Der Graf befahl, mit Fülle sie zu laben,
An Speisen reich und Trank in Überfluss.
Als sie gestärkt, da sprach er wiederum:
„Nun sagt, was euch hierher geführt haben muss!
Auch Kleider gebt uns, dass wir nicht uns schämen,
Denn nackt und bloß ist uns ein harter Schluss.“
„Doch erst erzählt mir euer Sein und Stand“,
So sprach der Graf, mit höflicher Verstand.
Da sprach der Herzog mit betrübtem Blick:
„Der Kaiser Roms, mit Macht so weit geehrt,
Hat mich aus meinem Erbe wild gedrückt,
Vertrieben hart, wie Gott es nie begehrt.
Ich floh, denn er war übermächtig, schick
Mich über Meer zu dem, was hoch verehrt:
Nach Jerusalem wollt ich pilgern gehn,
Das Grab des Herrn mit heil’gem Aug besehn.“
Er sprach von Sturm und Kampf mit Kranichleuten,
Von Hungerqualen auf dem wilden Meer,
Vom Greif, der ihn mit Krallen festgeschnäbelt,
Und seinem Leid durch Berge rau und leer.
Der Graf, von solchem Wort tief aufgeschrecket,
Befahl ihm Kleider, seiden, weich und schwer,
Mit Gold durchwirkt, mit Steinen wohl geziert,
Damit er herrlich prangend ward geziert.
Doch hört der König bald mit großer Acht,
Wie dieser Graf die Fremdlinge nun hält.
Da sandt er eilig seine Boten sacht,
Gebot dem Graf, dass er sie ihm gesellt.
Der Graf, von Furcht zum Gehorsam gebracht,
Gab sie dem König hin mit dunkler Welt.
Doch Herzog Ernst war froh und sah den Grund,
Dass ihm beim König Ehre würde kund.
Einst, als der Morgen noch golden erwacht,
sah Herzog Ernst einen feurigen Schein,
Funken und Flammen, die fern in der Nacht
loderten hoch in das Dunkel hinein.
Staunend er sprach: „König, sieh, welch' Bedacht
feindliche Horden auf euer Gebiet sein!
Brand und Verderben sie treiben mit Listen,
lasst mich sie jagen und grausam vermissen!“
Doch der Monarch sprach: „Die Feinde sind schnell,
Männer aus Mohrenland, Scipoden genannt.
Ein Fuß nur schützt sie vor Sonnengebell,
fliehend entkommen sie flinker als Sand.
Keiner vermag sie zu greifen zur Stell’,
rennen auf Meeresgrund, fest wie am Land.
Niemals kann jemand ihr Eilen besiegen,
wollen sie fliehen, so wird es gelingen.“
Doch Herzog Ernst sprach: „Ruft Männer herbei,
tapfer und kühn, die zum Kampfe bereit.
Flugs sei’s vollbracht, denn ich schwör' frank und frei,
rasch wird mein Arm sie bezwingen im Streit!“
Rüstig geritten auf Pfaden entzwei,
sperrte den Fliehenden kühn er den Leid.
Viele ergriff er, die meisten erschlugen,
wenige flohen mit hastigen Zügen.
Einen gefangen er heimwärts gebracht,
siegesschwer trat er vor Königeshall’.
Dieser empfing ihn mit prangender Pracht,
lobte sein Werk vor dem ganzen Vasall’.
Ruhm ward ihm zuteil und Achtung gebracht,
Ehre von Einäug'gen, mächtig und all.
Doch da geschah es, dass Boten erschienen,
dunkler Gestalt und mit Ohren, die schienen.
Groß war ihr Wuchs und die Lappen so weit,
deckten den Leib wie ein flatterndes Zelt.
Botschaft sie brachten mit Drohung und Streit,
forderten Zoll von des Königes Geld.
„Herr“, sprach Ernst, „welch ein Volk voller Neid?“
„Pannochi nennt man sie“, hieß es im Feld.
„Jedes Jahr stehlen sie Steuer mit Listen,
nicht aus dem Recht, nur aus machtvollen Fristen.“
Da zog der Herzog mit rüstigem Heer,
schlug sie im Kampfe, ließ kaum einen flieh’n.
König und Reich war’n bedrängt nun nicht mehr,
frei war das Land von der Feinde Begier.
Zween er gefangen und brachte sie her,
König empfing ihn mit freudigem Sinn.
Reich ward er fürstlich belohnt nach dem Streite,
Land mit fünf Städten gewann er zur Weite.
Städte und Burgen, mit Mauern gezieret,
Herzog Ernst herrschte mit weiser Gewalt.
Gerechtigkeit hat er stets ausgeführet,
Frieden erhalten mit klugem Gestalt.
Lange die Zeiten sein Ruhm fortgespüret,
niemals verlor er der Ehre Gestalt.
So ward sein Name durch Taten geschrieben,
dass ihn die Menschen auf ewig verblieben.
ZEHNTER GESANG
In jenen Landen, nahe dran gelegen,
Da wohnten Cananei gar groß und wild,
Die Riesen, riesengleich, von Macht bewegt,
Die furchtbar wütend und mit Kriegen mild
Viel Dörfer schonten nicht, noch Schwert und Segen,
Arimaspis Reich ward schwer gequält im Bild,
Drum sandten sie mit übermüt'gem Worte
Zum König dort den Boten starker Sorte.
Ein Jüngling war es, fünfzehn Jahr erst alt,
Doch ragte er wie Eichen, hoch und breit,
In seiner Faust ein Baum, zum Kampf geballt,
Mit stolzem Grimm, voll Zorn und Kampfbereit,
Trat vor den König auf mit frecher Gestalt
Und drohte ihm mit Schande und mit Leid,
Er ford're Zoll von allem Gut und Leben,
Sonst würd' er Arimaspi ganz verweben.
Da war es, dass von fernem Land gekommen
Herzog Ernst, des Königs edler Gast,
Und als er diese Botschaft hat vernommen,
Da sprach er, ganz gefasst und ohne Hast:
"Die Riesen fordern Zoll? Sie sind verschwommen!
Ihr Wille ist von Bosheit nur erfasst!
Statt Gold zu geben, soll's das Schwert entscheiden,
Ob sie mit Unrecht hier die Lande meiden!"
Dem Riesen war solch Wort gar sehr zuwider,
Er kehrte heim mit glühend heißem Zorn
Und sagte seinen Brüdern unumwunden,
Was er gehört, was ihm gescheh’n davor’n.
„Ein Menschling sprach so keck zu mir hernieder,
Verhöhnt’ uns gar, als trieb er wilden Sporn.
Er sei des Königs Freund und kluger Rater,
Er will mit uns sich messen, harter Vater!"
Da ward ein Heer versammelt voller Wüten,
Die Riesen stürmten aus dem Lande auf
Mit Waffen, Macht und wilden Kriegsgebärden,
Sie plünderten, zerstörten Dorf und Hauf’.
Herzog Ernst vernahm solch böses Wüten,
Der König von Arimaspi zog drauf
Mit all dem Volk, geeint in fester Ehre,
Dem Herzog folgten sie mit ganzer Schwere.
Im dichten Walde lag nun unser Heer,
Dort mussten durch die Riesen ohne Wahl.
Da sprach der Herzog: "Lasst sie weitergeh’n!
Hier ist der Ort, wo wir sie schlagen all’!"
Und als sie kamen, wütend, wild und schwer,
Da schallten Hörner hell mit starkem Schall.
Die Helden stachen zu von unten nieder,
Die Riesen fielen um und kamen nimmer wieder.
Wer floh, den jagte man bis in das Feld,
Doch einer blieb, verletzt und voller Not.
Der Herzog fand ihn, als er hilflos fällt,
Er nahm ihn mit, bewahrte ihn vorm Tod.
Er pflegte ihn mit Liebe und erhellt
Die dunkle Seele, lindert sein Gebot.
Da ward der Riese treu dem edlen Manne,
Blieb stets bei ihm, in Treu’ ohn’ alle Wanne.
ELFTER GESANG
Zu jenen Zeiten ward dem Herzog kund,
Dass kleine Zwerge lebten wohl verborgen
In Indiens Landen, zwei Ellen im Bund,
Von Vögeln speisten sie sich aller Morgen.
Doch fraßen sie die Eier, und im Grund
Blieb dann der Vogel weniger geborgen,
Je mehr sie aßen, desto mehr sie litten,
Da Vögel ihre Feinde waren mitten.
Da ließ der Herzog, wohl mit klugem Rat,
Sein großes Heer und all die Streiter stehen,
Und nahm den Wetzeln mit sich auf die Tat,
Dazu noch Ritter, kühn und wohl ersehen.
Sie fuhren über’s Meer in rascher Fahrt,
Bis sie die kleinen Zwerglein dort erspähen.
Die sah’n die großen Männer, hoch und breit,
Und bangten sehr um ihre Lebenszeit.
Mit Zittern hoben sie die Händ’ empor
Und baten um ihr Leben voller Schrecken.
Die Ritter sprachen: „Friede ist im Chor,
Nicht sind wir hergekommen, euch zu necken.
Wir wollen helfen, dass ihr lebet fort,
Die Vögel sollen sich nicht weiter strecken.
Drum morgen ziehet aus und zeigt uns an,
Wo man ihr Nest und ihre Wohnung fand.“
Der Herzog fragte, wie es ihnen schad’.
Da trat ein Jüngling vor mit ernster Miene
Und sprach: „Ich reise stets mit größrer Gnad
Des Nachts, denn bei des Morgens hellem Scheine
Verbirg ich mich in Busch und Felsenpfad,
Denn Vögel trachten stets nach uns gemeine.
Wir sä’n und ernten nur zur Nacht allein,
Im Tage möchten wir nicht sicher sein.
Sie jagen uns, sie rauben unser Gut,
Sie lassen uns nicht ruh’n bei hellen Tagen.
So lebt in steter Angst die kleine Brut,
Und niemand kann den Schmerz und Jammer tragen.
Doch ihr seid groß, ihr habt den starken Mut,
Drum helft uns doch, den Feind hinauszujagen!
Vergeltet unsrer Pein, was uns geschah,
Und straft die Vögel, die uns plagten ja.“
Der Herzog hörte diese bitt’re Klag
Und nahm am Morgen seine starken Recken.
Sie zogen hin, wo in dem Vögelschlag
Sich Scharen sammelten in großen Flecken.
Da hob ein wilder Streit sich ohne Frag,
Die Schnäbel bissen, krallten, stachen, steckten.
Doch endlich, ob der Zwerge viele fielen,
Besiegten sie den Feind mit starken Zielen.
Der Frieden war gemacht mit Kampfesmut,
Kein Vogel sollte sie mehr je verderben.
Die Zwerge lebten lange frei und gut
Und konnten von der Feinde Fleisch nun erben.
Ein Jahr verging in Überfluss und Glut,
Sie mussten sich nicht weiter mehr bewerben.
Und als der Herzog zog von dannen fort,
Erhielt er Lob und Dank von diesem Ort.
Der Zwergenkönig sprach mit Ehrerbiet,
Er bot ihm Gold und Edelstein zum Lohne.
Doch nahm der Herzog keine Schätze mit,
Er bat um zwei der kleinen Völkersohne.
Der König willigte und gab ihm schlicht
Zwei Diener, klein von Glied, doch klug im Tone.
Mit reichem Segen zog der Herzog aus
Und kehrte heim in sein gewohntes Haus.
ZWÖLFTER GESANG
Als Herzog Ernst, ein weiser, frommer Mann,
Mit klarem Blick sein Wirken überdacht,
Sah er, dass Gottes Güte ihn umfahn,
Und jedes Werk nach seinem Wunsch vollbracht.
So wuchs in ihm der ew'ge Weisheit Bann,
Er sann auf Heil mit tiefer, heil'ger Macht,
Und hielt sich fest an seines Herzens Streben,
Dass sein Entschluss in Gottes Licht soll leben.
Einst schritt er mit den Seinen an dem Strand,
Dort, wo das Meer in endlos Wogen schlug,
Da ward ans Ufer, fremd in diesem Land,
Ein fremdes Schiff durch Winde hingefügt.
Es war der Mohren, fern aus Indiens Rand,
Die schwere Not und Hunger tief betrug.
Der Herzog sandte Boten hin zu fragen,
Was Herkunft sei, ihr Ziel, ihr Glaubenswagen.
Sie sprachen: „Christen sind wir, Herr, von weit,
Vom fernen Indien trieb uns Sturm hierher,
Nun lähmt uns Hunger, nimmt uns alle Freud‘,
Und niemand hilft, uns ist das Herz so schwer.
Wer Mitleid zeigt in dieser harten Zeit,
Dem danken wir mit frommem Fleh‘ um Ehr‘,
Auf dass der Herrgott, unser Hort und Licht,
Sein Heil dem gibt, der barmherzig verspricht.“
Der Herzog hört’s und fühlt im Herzen Glück,
Er speist sie reich und labt sie mildiglich.
Dann fragt er sie mit forschendem Geschick:
„Ist euer Land in Frieden, sicherlich?“
Sie seufzen tief: „In Krieges Ungeschick
Bedrängt ein Feind uns schrecklich fürchterlich.
Der König Babylons mit großem Heer
Will uns zum Abfall zwingen immer mehr.
Er will uns trennen von dem heil‘gen Licht,
Dass wir den Herrn verleugnen und verlorn,
Doch Gottes Schutz ist unser Zuversicht,
Wir fliehen nicht, auch wenn wir schwer zerfrorn.
Die Sünder spannen heimlich Lügen nicht,
Sie wollen, dass ihr Pfeil das Herz durchbohr‘n.
Doch unser Schutz ist Gottes starke Hand,
Die rettet uns aus Feindes Druck und Brand.“
Da ward der Herzog Ernst von Eifer heiß,
Er rief die Seinen, kühne Streiter all,
Und sprach: „Gott will, dass wir mit starkem Fleiß
Für Wahrheit kämpfen, wider Heidenprall.
Wir zieh’n nach Indien, dulden keinen Reiß,
Noch warten wir auf König’s kargen Schall.
Mit diesen Mohren fahren wir geschwind,
Zum Streit für Gott, der uns den Mut gewinnt.“
So fuhren sie in fremde Lande fort,
Den Kiel beladen mit des Krieges Gut.
Durch Wellen, Sturm und wildgefährlich Ort
Ertrugen sie mit Gott im Herzen Mut.
Und als sie kamen nach des Mohren Hort,
Da pries man Ernst mit hohem Lobesglut.
Der König hört‘ von seiner edlen Art
Und nahm ihn auf mit Ehren reich und zart.
Der Mohrenkönig bat ihn um Beredt,
Sein weiser Rat sei künftig ihm ein Licht.
Da sprach der Herzog wohlgesetzt und red‘:
„Ich folge gern, denn eure Ehr‘ ist Pflicht."
Bald war es so, dass keiner etwas tät,
Bevor nicht Ernst mit weisem Blick Gericht.
Dann kam die Kunde, dass der Feind heran,
Ein Heer so groß, das keiner fassen kann.
Der König und die Seinen wurden bleich,
Denn Babylon mit schrecklich wilder Macht
Zog her und wollte morden, furchtbar gleich,
Dass niemand seiner Wut entrinne sacht.
Da ward des Herzogs Flamme noch mehr reich,
Er sprach: „Nun denn, es sei mit Gott vollbracht!
Wir schützen euch vor Feindes dunklem Bann,
So zieht nun aus und zeigt, was Recht sein kann!“
Als Herzog Ernst das sah, da sprach er hehr
Zum König, seinem Herrn, mit sanftem Mut:
"Mein gnäd'ger Fürst, ich tröste euch noch mehr,
Auch ihr, ihr Brüder, stark in heil'ger Glut,
Denn Gott hat uns geschrieben dort ins Heer
Des Lebensbuchs, so fest wie ehern Gut.
So hört, was eure Priester stets gelehrt:
Was sel'ger ist, als wer gen Himmel fährt?
Kein Mühsal schwerer, als in Furcht zu steh'n
Und täglich seines Todes Last zu spür'n;
Doch größer Kraft mag nimmermehr entgeh'n,
Als wenn wir Teufels List gefügig führ'n.
Der Babylonier mag wohl droh'n und geh'n,
Doch soll kein Gläub'ger seinen Zorn berühr'n.
Wer aber fällt durch Fleisches Sündenleid,
Der ist bezwungen durch der Schwäche Kleid.
Drum fürchtet nicht, ihr Herrn, der Feinde Macht,
Die Leib nur töten, doch nicht unsre Seel‘,
Ihr Hoffen ruht auf Rossen, die sie bracht,
Ihr Ruhm ist prahlend, eitel, roh und hohl.
Wir aber sind durch Gottes Kraft gemacht
Zu Christi Volk, mit starkem Glaubensziel.
Drum lasst uns mutig rufen himmelwärts,
Und furchtlos zieh‘n in gläubigem Begehr!
So soll zurück, wer niedre Lüsten lebt,
Denn sterben oder leben – wir sind Sein.
Doch jene Heiden, die nach Mord gestrebt,
Sie bringen wir dem Höllenschlund hinein.
Ihr frecher Stolz, der sich in Bosheit hebt,
Soll uns mit Gottes Huld zum Siege sein.
Und hätten sie den Jupiter zur Wehr,
Mit Mahomets Abgott, leer und schwer.
Der König und das Volk, von Ernst gestärkt,
Hob'n sich, durch Gottes Wort zum Kampf bereit.
Ihr Heer war mächtig, wohl in Kraft bemerkt,
Und zog dem Feind entgeg‘ in fester Reih‘.
Der Feind indes in Wut die Tempel schänd't,
Viel Mütter töten ließ in blut‘ger Pein.
So stand das Heer, in heil‘gem Kampfgestählt,
Zur Rach' an dem, der Gottes Haus verheert.
Da sprach der König, ernst in Mut und Sinn:
"Ihr Ritter, Christi Schwert in heil‘ger Schlacht,
Gedenkt, wie grausam jene Frevler sind,
Die unser Volk gemordet, jäh und sacht.
Euch ruf‘ ich auf, erhebt euch wild und kühn,
Erlöst das Land aus finst‘rer Knechtschaft Nacht!
Denn wer sich heute feig vom Kampfe stiehlt,
Der trägt auf ewig Schmach als feiger Held."
Da sprach Herzog Ernst: "O Herr, gebiet,
Daß wohlgeordnet sei der Heeresstand,
Und weise an, wer unsre Banner zieht,
Daß mutig einer trägt die schwere Last."
Der König sprach: "Du, Ernst, in Ruhm erblüht,
Kein Besserer als du das Banner faßt.
So bitt‘ ich dich, in Gottes heilig‘m Krieg,
Führ‘ unsre Fahne treu zum heil‘gen Sieg!"
Da sprach der Herzog: "Herr, ich will's euch tun,
Denn große Not zwingt uns zum starken Streit.
So helfe Gott uns Rittern nun,
Und führe uns zum Sieg durch Seine Zeit!"
Dann zog das Heer mit lautem Siegesruh’n
Hinfort dem Feind, in heiligem Geleit.
Und als der Morgen rötlich strahlend kam,
Da hob sich Kampf und Gottes Lobesklang.
Da rief der Herzog an des Heilands Namen
Und fasste fest das Banner in die Hand.
Sogleich begann in hellen Kriegssamen
Sich um ihn scharen, jung und unverwandt,
Ein kühner Schwarm von Helden, nicht zu zahmen,
Graf Wetzel auch mit Rittern wohlbekannt,
Er sprach: "O Herr, die Zeit ist nun gekommen,
Kein Zögern mehr, das Schwert sei bald genommen!"
"Ihr haltet nun das Banner, drum voran!
Den Feind zu scheuen ziemt euch nimmermehr.
Laßt uns den Kampf ergreifen Mann für Mann,
Denn dort schon naht des Feindes wildes Heer.
Mit kühnem Arm und tapferem Verstand
Gewinnen wir des Krieges stolze Ehr.
Drum auf, kein Wort, kein leeres Sinnen mehr,
Nur blanker Stahl und Kampf sei unsre Wehr!"
Da ritt der Herzog mutig in die Menge,
Wo Feinde standen, zahlreich und bereit.
Die Ritter folgten ihm in enger Enge,
Mit ihnen auch ein Riese, kampfgeweiht,
Der schwang den Balken, dass mit hartem Schwenke
So mancher Heide in die Tiefe schreit.
Graf Wetzel rief: "Seht her, sie nahen dreist,
Nun gilt kein Wort – nur Kampf, der Stärke preist!"
Doch als der Herzog an den Angriff dachte,
Da kam der König, führend seine Schar.
Mit ganzer Macht, mit aller wilden Pracht,
So dass der Kampf nun furchtbar tobte gar.
Die Speere brachen, scharf die Klinge krachte,
Ein Schlachtgetös durchbrach das Morgengrau.
Der Tod ging um in blutig-ernstem Spiel,
Der Boden trank das Blut so rot und viel.
Der König sah den Herzog muthig schlagen,
Mit seiner Schar wie Löwen in der Schlacht.
Da ritt er an mit wütendem Behagen,
Doch Wetzel schlug mit kühner Heldenmacht
Den Feind vom Ross, mit Streichen ohne Zagen,
Und warf ihn hin mit eines Donners Kraft.
Der Riese half, mit Balken groß geschwungen,
Und viele Feinde hat er so bezwungen.
Die Heiden sahn den König niederliegen
Und stürzten schnell, ihm eilends beizustehn.
Doch einer nach dem andern ward zerschlagen,
Kein Feind vermochte noch den Kampf zu drehn.
Der Riese ließ die Balken wieder fliegen,
Und Heiden mussten todestrunken gehn.
So wich zuletzt das feindliche Gewimmel,
Zerstreut wie Rauch im weiten Sternenhimmel.
Der König, nun besiegt, sank in die Knie,
Er gab sich auf in des Gewinners Hand.
Die Heiden flohen, suchten sich zur Flucht,
Die Christen aber hielten fest ihr Land.
Sie suchten nun in blutigem Revier,
Wer Freund noch lebte oder wer verschwand.
Der Herzog fand gar trauernd seinen Mann,
Den Tod erlitten, einst sein treuster Bann.
Die Messe hielt er ihm mit heilgem Brauch,
Dem Leichnam bot er still das letzte Leid.
Dann sprach er zum gefangnen König sacht:
"Ihr sollt nun frei sein, euer Wort geweiht,
Wenn ihr mich führt, mit Treu' und ohne Trug,
Zum Heiligtum, zu Gottes großer Freud."
Der König sprach: "Ihr schlugt mich hart zu Boden,
Doch ich vergib's, denn Not gebot euch Noten."
Der Herzog ließ ihm sehn die tapfren Streiter,
Die mit ihm litten Not und große Pein.
Er schildert ihm, wie er auf rauhem Leiter
Gezogen war durch Meer und düstre Reihn.
Da sprach der König: "Setz mich nun als Bürgen
Frei aus des Inderkönigs hartem Pein,
So will ich euch mit Ehr und sicher führen,
Und euch in Frieden Gottes Stadt berühren."
Solch eine Verheißung des heidnischen Herrn
Macht froh unsern Herzog, er zögert nun nicht,
Zum König von Indien eilt er gern
Und spricht: "Da dein Reich durch Göttliches Licht
Gesichert nun ruht, von Feinden nicht fern,
So hoff ich, dass wohl es gefällt deinem Sicht,
Den König von Babylon loszugeben
Und rätlich zu sein für friedvolles Leben."
Doch Indiens König, mit strengem Gesicht,
Spricht: "Nicht willig geb ich ihn ledig und frei,
Er soll sich bekennen zum Christengedicht,
Sonst bleibet gefangen er ewig dabei."
Dies hört Herzog Ernst und missfällt ihm nicht,
Denn Glauben erzwingt man nicht, sondern neu
Wird er gepflanzt durch der Predigt Wort
Und durch Göttliche Weisung in heil'gem Ort.
Der König von Babylon kam nun heran,
Er ward zu dem Herrscher Indiens gebracht,
Er sprach: "Nicht zwing mich, du edler Mann,
Noch sei ich zu Christlichem Glauben gemacht!
Doch Gold will ich geben in reicher Bahn,
So viel es dir wert sei und dir gedacht,
Und schwör, dass ich weder dir noch dem Land
Ein Leid mehr tu oder Unheil entbrannt."
Da sprach aus dem Rate der König sodann
Zum Herzog: "O Retter, nach Göttlicher Macht,
Was hältst du von solchem erbot'nen Bann,
Und hat dich sein Wort wohl gütlich bedacht?"
Der Herzog erwidert: "Ich meine es kann
Des Reiches Beständnis sein ewig gebracht,
Wenn Frieden bewahrt und bewilligt sein mag
Durch Göttliche Fügung an jeglichem Tag."
Der König von Babylon schwöret darbei
Und spricht: "Ich verheiß dir in fester Treu,
Dass nimmer ich noch die Meinen herbei
Dir schaden, o König, und deinem Getreu.
Sollst du es verlangen, so schwöre ich frei,
Und halte dies Eid ohne Arg und Reu.
Nun rat mir, wie dir es genehm erscheine,
Und folge dem Rat in wohlwollendem Scheine."
Da bat er, zu fliehen aus fremdem Land
Und heimzuzieh’n zu den Seinen in Ruh,
Sein Herz war betrübt ob der Ferne Stand,
Er sprach zu dem Herzog, vernommen im Nu:
"Willst du nach Jerusalem zieh’n unverwandt,
So eile mit mir und folge dem Tu."
Der Herzog, bereit, sprach Dank und Lob
Und folgte ihm willig aus freiem Gelob.
Dann kam er mit jenen, die wundersam schienen,
Zum Mohrenkönig in hohem Rat,
Er sprach: "O Herr, in Göttlichen Mienen
Schütz mich auf meines Weges Pfad!
Nach Freundschaft und Huld soll Segen dienen,
Den Göttliche Milde in Seligkeit tat."
Der Mohrenkönig, bewegt und schwer,
Sprach: "Bleib bei uns in Ehren mehr!"
Doch Herzog Ernst spricht mit sanftem Wort:
"Die Ehr und die Lust, die die Welt kann geben,
Verachte ich, denn ich zieh hinfort
Nach Gottes Stadt, die gepriesen im Leben.
Lasst mich nun ziehen zum heil'gen Ort,
Nicht länger kann ich hier verbleiben.
Doch bitt ich: Gedenket des Ritters mein,
In heil'ger Andacht sei er euch ein."
Mit Gold und Schätzen, mit reicher Zier,
Wird Herzog Ernst nun entlassen dar,
Er betet und segnet, und scheidet von hier
Mit Zähren im Auge, doch mutig und wahr.
Die Wege, die ferner sie trugen, schier,
Waren nicht mühsam, da Wunder gar
Die Leute des Herzogs mit Gaukelspiel
Erheiterten stets ihr trautes Ziel.
So ritten sie nun manche Tag’ und Nächte,
Der König nahte seinem Heimatland,
Die Kunde ward dem Volke bald gerechte,
Das jauchzend eilte, froh und wohlbekannt.
Doch als es sah die fremden bunten Knechte,
Da starrt’ es staunend, zagend, wie gebannt.
Doch als sie hörten, welch Geschick geschehen,
Da hießen sie ihn würdig einzugehen.
Bald scholl der Ruf, daß Babylon gefallen,
Wie es geschrieben steht, mit Angst und Graus,
Doch nun vergaß man längst der Trauer Schallen,
Denn Freud’ erfüllte jegliches Zuhaus.
Mit Klang von Saitenspiel und Orgelschallen
Zog aus die Stadt, ihr König war voraus.
Doch als sie sah’n des Herzogs wilde Scharen,
Da blieben sie erstaunt zurückzufahren.
Nun ritt der König ein mit Ehr’ und Pracht,
Der Herzog folgte mit der edlen Reih’,
Die Rosse stampften, schnaubten voller Macht,
Der Staub erhob sich auf dem Pflaster neu.
In güld’nem Saal mit Glanz und voller Tracht
Empfing der König ihn, wie’s Sitt’ und Treu’,
Er wies ihm Höf’ und Kammern, Saal und Räume,
Gezieret reich mit kostbarlichen Zäume.
Vierzehn Tage hielt man Freudenfest,
Der Herzog lebt’ in Ehre, Glanz und Ruhm.
Dann trat er vor den König, tief ernest,
Und sprach: „Nun sei erfüllt mein heil’ger Ruhm!
Denn wie du mir mein Wort gegeben fest,
So führ’ mich nun hinaus aus diesem Turm,
Mein Ziel ist ferne, meine Fahrt begonnen,
Gedenke, was du mir gelobt, ersonnen!“
Der König sprach: „Nie würd’ ich’s dir verwehren,
Denn du bewahrtest mich vor Not und Pein,
Mein Reich, mein Leben will ich dir gewähren,
Dir soll Begleitung wie versprochen sein.
Mit Rittern, Dienern, Treuen will ich ehren
Und senden, daß du sicher ziehest ein
In jene heil’ge Stadt mit Segensgaben,
Wo Gottes Zeichen über allem traben.“
Er schenkte Gold und Silber ohne Maß,
Er wählte Ritter, stark und unverzagt,
Zweitausend tapf’re Männer, kühn und blass,
Die Wehr gerüstet, wie der König sagt.
Sie sollten ohne Rast, ohn’ Fehl und Fraß
Den Herzog hüten, bis der Weg gesackt
In jene Stadt, die strahlt von Gottes Lichte,
Die ewig lebt in Herrlichkeit und Dichte.
Nun saß der Herzog fest auf seinem Roß,
Die Menge pries ihn mit Gebet und Sang.
Die Heiden, die ihn führten, ohne Stoß,
Zog’n sicher mit ihm, voller Acht und Zwang.
Bis an das Ziel, da sah er über Moos
Jerusalem, das hocherhaben sprang.
Der Hauptmann sprach: „Hier endet unser Wege,
Wir dürfen nicht hinüber in die Stege.“
Da neigt' der Herzog Ernst voll Demut sein Haupt,
Und dankte viel den Freunden seiner Reise,
Die ihn geleitet und betreut umlaubt;
Dann schied er segnend sie mit heilger Weise.
Zu Gott, der gnadenvoll ihn auferbaut,
Erhob er Lob und preist' in frommer Speise,
Da Er entgegen Hoffnung und Verstand
Ihn gnädig führte in die heilge Land.
Und als er kam zur Stadt Jerusalem,
Da ward der Ruf erschallt in schnellem Fluge;
Es sprach ein Jeder: "Seht, er kehrt hier ein!
Der Herzog Ernst, von göttlichem Genüge."
Da liefen Bürger all in Hauf' und Reihn,
Zu schau’n den Herrn, des edlen Volks Gefüge.
Sie hatten Kunde, wie er ausgezogen
Mit Kreuz und Schwert auf frommen Glaubenswogen.
Sie hörten, wie er mit viel Rittern treu
Zur Pilgerfahrt des Heiligtums geschieden,
Doch ward sein Heer durch Schiffbruch, wilde Scheu
Der Flut zerschlagen, tief im Meer gemieden.
Nun stand er hier, ein Fremdling, sonder Reu,
Von Gott bewahrt durch wunderbare Frieden.
Priester und Volk empfingen ihn mit Lied,
Der König selbst mit Königin ihm schied.
Und als das Wort umher getragen ward,
Dass mit dem Fürsten wunderliche Scharen
Von fremden Wesen eingezogen zart,
Da lief das Volk in Staunen und in Scharen.
Der Herzog ließ sein Volk in fester Art
Inmitten steh’n, sich fügen der Gefahren;
Sein Riese aber bahnt' mit Stangen mächtig
Den Weg, die Menge teilend kunstgerechtig.
Er eilte nun, mit frommer Glut entbrannt,
Zum heilgen Grabe, Herz von Dank durchflossen.
Dort fiel er hin, berührte tief den Sand,
Mit Tränen floss sein Fleh’n in Strömen großen.
"O süßer Tag!", sprach er mit sanfter Hand,
"Den allerhöchsten Dank will ich ergossen,
Da Gott mich führte durch so bittre Pein
Und gnädig sandte hier ins Heiligtum ein."
Mit lautem Ruf gelobt' er Gott die Zeit,
Ein Jahr im heilgen Land ihm fromm zu dienen.
Da ward mit Freud' vernommen sein Geleit
Vom König, Volk, in lichten Festestrienen.
Nicht lange währt’s, da klagten voller Leid
Die Tempelherren, Opfer schwerer Mienen,
Dass Heiden sie bedrängt mit Krieg und Brand
Und plündernd wüst verwüsten ihr Gewand.
Da sprach Graf Wetzel, wohl mit fester Stimm’:
"Sein Tugend ist bewährt in dunklen Tagen,
Und lebt er fort, so kehrt mit hehrem Grimm
Er Unrecht um, die Frevler hart zu schlagen.
Mit Gottes Hilf' vernichtet er gar schlimm
Den Feind, der frech sein Unrecht will ertragen.
Die Missetat, die euch die Heiden gaben,
Wird in gerechter Hand das Maß begraben."
So sprach er recht, und Ernst bewies es wohl,
Mit starker Faust des Christen Reich zu mehren.
Er nahm die Stadt, befreit von Heiden hohl,
Ließ Mut und Kraft sich unter Joch nicht kehren.
Ein Löwe kühn, in Gott erbaute er sehr wohl
Und schlug die Feind', die seine Kraft begehren.
Da floh des Feindes König voller Graun
Und wagte nicht, Jerusalem zu schaun.
Es ward sein Name, tugendhaft und rein,
Wie Honig suß in vieler Menschen Mund.
Ein Wohlgeruch schien seine Kraft zu sein,
Die Tugend schmückte ihn zu jeder Stund.
Als Adelheid, die Mutter stolz und fein,
Vom Sohn vernahm, er sei mit festem Bund
In heil'ger Stadt, da weint' sie bitterlich
Und seufzte tief im Herzen inniglich.
"Mein teurer Sohn, mein einzig teures Gut,
Wer gibt, dass ich, eh' mich der Tod hinrafft,
Noch einmal seh' dein liebes Angesicht,
Das voller Glanz und holder Anmut schafft?"
So klagte sie und rang in tiefer Wut,
Bis Ott' ihr nahte mit gewalt'ger Kraft
Und sprach: "O Frau, vernehmet meine Wort,
Euer Sohn Ernst lebt noch an heil'gem Ort."
"Doch hat ihn dort das Alter hart erwählt,
Grau ist sein Haar, gezeichnet seine Haut."
Da Adelheid dies hörte, wehgequält,
Weint' sie noch mehr und klagte laut und traut:
"Zu früh ist ihm die Jugend nun entstählt,
Das Leid hat ihm die Kraft hinweggeraubt.
Denn harte Müh' und Übel, unverwandt,
Haben ihn hart gezeichnet, mir bekannt."
Der Kaiser zog hinaus mit festem Tritt,
Doch Edle baten ihn mit starkem Wort:
"Verzeiht dem Herzog, nehmt ihn wieder mit,
Er sei willkommen euch an sich'rem Ort!"
Doch Ott' ergrimmt, verweigerte den Schritt
Und schickt' den Boten schroff und streng hinfort.
So blieb der Herzog fern in frommem Tun,
Dem Herrn geweiht, der ihm gab Mut und Ruhn.
Ein Jahr war um, voll Schweiß und harter Plag,
Voll heil'ger Müh' in Gottes heil'gem Land.
Und doch, so stark ein Herz auch schlagen mag,
Es sehnt sich heim, zum liebvertrauten Strand.
Drum bat er Abschied nach der Pilger Tag,
Vom König, Bischof, Herr'n am heil'gen Rand,
Samt all den Edeln, die ihn hoch geehrt,
Und zog hinweg, von Wehmut sehr beschwert.
Mit zweitausend Pilgern zog er fort,
Verlassen ward die heil'ge Gottesstadt.
Die Bürger weinten laut an ihrem Ort,
Sie trauerten, dass er sie lassen hatt.
So fuhr er heim mit sicherem Transport,
Durchzog das Meer auf Kiel mit starkem Blatt,
Gen Barus, wo die Menschen ihn empfahn,
Mit Ehr' und Würde führten sie ihn an.
Zu Rom er zog mit Staunen wundersam,
Die Edlen, Bürger eilten all' herbei.
Sein Heer aus fremden Wesen schien ein Gram,
Doch Staunen trug der Menge Blick herbei.
Als er zur Kirche schritt, ein hehr' Programm,
Da war kein Raum, die Menge war zu frei.
Und doch, mit Wonne und mit Ehr' zugleich,
Empfing man ihn in heil'gem Gottesreich.
Der Papst empfing ihn hoch und voller Ehr,
Gewährt' ihm Schutz, ein Heim in fester Burg.
Er bat ihn, dass er schildre dorten mehr
Von seinem Leid, der Arbeit langer Spur.
Als Ernst dies tat, da weinten viele sehr,
Er schildert' Unrecht, Schmach und harte Furcht.
Der Papst, die Edlen alle, voller Pein,
Verfluchten Ott', den Kaiser, ob der Pein.
Nachdem er samt den Seinen reuig trat
vor Papstes Ohr zur stillen Beichte hin,
nach christlich Brauch und Herzensbußestat,
befreite sie der Papst mit mildem Sinn
von Sünden, Bann und Missetat der Tat,
von Brand und Raub, von Krieg in wildem Sinn,
die sie begingen gegen Kaisers Recht –
vor Priestern, Rat sprach er das Urteil echt.
Und als dies alles war vollbracht sodann,
der Herzog still vor Demut niederkniet,
zu Petrus, Paulus, Heiligen hin sann,
die ruhen dort, bis Gottes Urteil zieht,
empfing er Segen, zog von dannen dann
mit seinem Volk, das ihm mit Treu gedieht.
Die Pilger alle, die mit ihm gefahren,
sie nahmen Abschied nach so langen Jahren.
Von Tag zu Tag zog er dem Lande zu,
das ihn gebar, doch als er es ersah,
da rang sein Herz, er sprach: „Ich meint’ in Ruh
würd’ enden meine Arbeit wunderbar.
Nun, wo ich steh in meines Vaters Hu’,
beginnt erst recht, was mich mit Schrecken nah:
Einst bot ich Fremden Obdach, die’s begehrten,
nun muß ich selbst als Fremdling Herberg werten.
O Herr, o Gott, der ewig waltet mein,
erblicke gnädig meine große Not!
Du kennst mein Herz, mein Tun war ehrlich rein,
so wende nun von mir des Kaisers Droh’n!
Ach, laß mich gnädig seiner Milde sein,
erhalt mich, Herr, vor Feindes jähem Tod!
Und laß mich sehn mit Freuden, was mich quält:
mein Mutterherz, das meine Not erzählt.“
DREIZEHNTER GESANG
Da kam der Herzog nun ins deutsche Land,
wo Kaiser Otte ließ ein Hoffest künden,
zum heil’gen Christtag ward es wohl benannt,
nach Nürnberg rief er alle seine Kunden:
die Fürsten, Ritter, Herren, unverwandt,
damit sie sich in Eintracht dort verbünden.
Da sann Herzog Ernst in tiefster Pein,
was für Gefahr ihm mochte sein.
Doch hegte er die Hoffnung voller Glut,
die Kaiserin, die Mutter, mög’ ihm helfen.
Drum ließ er all die fremde Wundersbrut,
nur Wetzel blieb, der treu ihm stets gesellten.
Bei Nacht betraten sie mit kühlem Mut
die Stadt, wo Türme hoch zum Himmel schwellen,
und hielten heimlich sich bedeckt und still,
damit sie keiner schauen will.
Zur Mette klangen hell die Glocken all,
das Volk zog andachtsvoll zur Kirchenpracht,
da sprach der Herzog, treu in Herz und Fall,
zu Wetzel, der ihm Schutz und Hilfe bracht:
„Ich geb mein Leben, auch das deine all
dem Herren an, der über alles wacht.
Willst du mir raten, eil’ ich froh hinein,
die Mutter zu erspähen mein.“
Da schien dem Wetzel wohl sein Wort bedacht,
so hüllte Ernst sein Angesicht geschwind,
trat in die Hall’, wo edle Pracht gelacht,
als wär er Almos’ner, dem Not beginnt.
Er schritt von Eck zu Eck mit stiller Wacht,
bis dass er sah, wo seine Mutter sind:
Die Kaiserin betete still und weich,
für ihres Sohnes Seligreich.
Mit Demut trat er dann zu ihr heran,
sein Herz voll Zittern, doch sein Blick wohl mild:
„O edle Frau, Erbarmen trag daran,
dass Gnade mir vom Kaiser wohl gestillt!
Denn wisset, fällt sein Zorn auf meinen Bann,
so leidet Ihr, mein Tod wär Euch ein Bild
von tiefstem Weh, das niemals mehr vergeht,
wenn mich des Kaisers Urteil schlägt.“
Die Kaiserin besah den Bettler bald,
erschrak, als sie die Züge wohl erkannt:
„Was furchtest du des Kaisers Zorngewalt?
Du bist mir fremd und doch mir wohl bekannt!
So sag, was dich in diese Stadt entfalt’,
woher du kommst aus fernem, dunklem Land?
Und hast du Mären je von Ernst vernommen,
der über Meer sei fortgekommen?“
Da sprach er schlicht: „Frau, Ihr seid meine Mutter!“
Ihr Blick ward trüb, von Tränen ganz umhüllt,
und leise kam’s aus ihres Herzens Gutter:
„Wie hat das Schicksal dich so früh enthüllt?
Wie wurdest du so alt in deiner Futter,
und war dein Leben also hart erfüllt?“
Der Herzog sprach mit traurigem Gesicht:
„Es steht geschrieben, hört und spricht:
Solch graues Haar und altes Bild
ward mir durch Müh’ und Arbeit wild.
Viel Sorg’ und Not, die mich umgab,
nahm mir der Jugend lichte Gab.“
Da fragte sie: „Lebt Wetzel noch, dein Freund?“
„Ja, Mutter, Gott ihn schirmt und treu vereint.“
Da naht die Kaiserin mit schnellem Tritt,
den Sohn zu fragen, was ihm wohlgefalle;
doch dieser sprach: „O Mutter, tretet nit
zu mir, auf daß nicht durch der Feinde Falle
ich werde deucht; denn ob mich einer tritt
in solchem Stund, so bin ich ohne alle
Verziehn des Todes. Doch, wenn ihr versteht,
wie ich die Gnad des Kaisers wohl erfleht,
so lasset nicht mit Rat und Hilfe aus,
mir beizustehn in diesem bittern Leide.“
Da ward die Kaiserin voll Angst und Graus
und sprach: „Mein Sohn, es naht zur heilgen Freude
des Bischofs hohe Mess und Lobeshauß.
So will ich ihm und edeln Fürsten beide,
die Freunde dein, mit frommer Bitte nahn,
daß sie den Kaiser wohl um Gnade flehn.
Und wenn die heilge Lesung ist geschehn,
der Bischof seinen hohen Segen gibt,
so fall dem Kaiser nieder zu den Zehn,
fleh um Barmherzigkeit, daß er dich liebt!
Doch deck dein Antlitz nicht vor ihm; ohn Wehn
dann wird dein Leben sein, vom Zorn getrübt.
Ich aber, samt dem Bischof, will bereit
den Kaiser mildern aus der Bitterkeit.“
Da stand der edle Fürst in Angst und Graun
und sprach: „Ich glaub, daß mit dem Morgenschein
mein aller Tage Licht wird untertau’n,
daß dies der letzte wird auf Erden sein.“
Die Kaiserin ging hin zu klugen Fraun
und Fürsten, riet mit ihnen treu gemein,
daß sie dem Herzog gnädig beistehn wohl,
den Kaiser bitten, ihm zu sei’n hold.
Der Morgen kam, die Sonne fuhr empor,
der Herzog trat mit Furcht und Andacht ein;
der Graf Wetzelo folgte hinterm Chor,
bereit, mit Schwert den Herrn ihm zu befrein,
sollt ihn Gefahr umfassen oder Tor
der Knechtschaft ihn verschließen insgemein.
Er wollt den Kaiser dann mit Mut erstechen,
und keinen Zorn und keine Gnad verfechten.
Nun saß der Kaiser hoch auf stolzem Sitz,
geschmückt mit Krone, Scepter, reichem Kleid,
und um ihn standen Fürsten, hochgefrizt,
in edler Pracht und voller Herrlichkeit.
Da kam die Kaiserin mit sanftem Witz,
geschmückt mit Purpur von der fernen Weit,
und all ihr Kleid in Steinen strahlt’ so helle,
als ob die Sonne leuchte auf der Schwelle.
Sie trat hinein, umringt von Frauen fein,
und nahm den Sitz am Kaiserthron mit Ruh,
ihr Leib so schön, so wohlgestalt und rein,
daß jeder schauend nickte ihr dazu.
Der Kaiser sprach zu ihr mit sanftem Schein:
„Frau Adelheid, ihr zeiget jetzo zu,
was euer edler Reiz mir stets verbarg,
und dies gefällt mir wohl, und das ist wahr.“
Sie aber sprach: „Mein gnädigster Monarch,
ich bin zu jeder Zeit bereit, zu tun
nach eurem Willen, doch das Höchste wach,
der ewig König, gieß euch sanftes Tun
und laß euch folgen nicht des Zornes Rach,
noch brechen mir der frommen Hoffnung Ruhn,
auf daß ihr gern nach keuscher Tugend strebt
und eure Majestät gerecht belebt.“
Als ward der Bischof mit Gewand geziert,
das hehr und heilig diesen Tag benannte.
Er hub das Amt an, wie es sich gebührt,
das Volk in Andacht sich zu ihm verbandte.
Die heil’ge Schrift er laut vernehmbar führt,
mit eignem Mund er sie dem Ohr bekannte.
Er predigt weislich, mahnet mild zugleich,
und also sprach er, tief bewegt und reich:
„Ohn Liebe ist kein Tugendwerk gefeit,
ohn ihre Wurzeln wächst kein edler Trieb.
Mag Tugend schmücken noch so weit und breit,
doch ohne Liebe bleibt sie leer und trüb.
Denn Gott gebot uns selbst in Ewigkeit:
›Das ist Mein Wort: Einander habt nur lieb.‹
Drum ohne Lieb ist’s keinem mehr gegeben,
Gott selbst zu schauen oder ihm zu leben.“
Er mahnte mehr: „Am heut’gen heil’gen Tag
kehr um und löse auf dein altes Band.
Leg ab den Zorn, der sich im Herzen lag,
die Feindschaft, die in dunkler Tiefe stand.
Denn Neid ist Mord, wie Johannes es sprach,
wer seinen Bruder haßt, reicht Satan Hand.
Drum lös’ die Schuld, sei gnädig, tu’s sogleich,
damit Gott selbst erlasse deine Schmach.“
Und unterdessen trat mit schnellem Gang
ein Mann hervor, in grauem Bußgewand,
der stumm und gebeugt durch’s Volke drang,
bis hin zum Kaiser, der in Majestät stand.
Mit Tränen und flehendem Wort und Gesang
er sprach: „O Kaiser, o Herr meines Lands!
Vergib mir gnädig, um Christi Geburt,
daß deine Gnade mein Flehn nicht entführt.“
Da kamen Fürsten und Edle herbei,
die von der Kaiserin Mahnung vernahmen.
Mit Flehen und Bitten, mit Andacht und Treu,
sie baten, daß Gnade den Reuigen nahm.
Der Kaiser erwog es, in ruhiger Reih’,
er sprach: „Ich weiß nicht, was trieb ihn zum Gram.
Nicht hebt man ihn auf ohne Urteils Kraft,
eh nicht erkannt ist, was Schuld er erschafft.“
Da trat die Kaiserin freundlich hinzu
und sprach mit sanfter, doch fester Gebärde:
„Vergebt ihm, mein Herr, lasst ihn kommen zur Ruh,
auf daß der Tag euch zum Heil gesegnet werde.
Vergönnt ihm Verzeihung, laßt Liebe nun zu,
wie Gott sie euch gibt, wie’s Gnade begehrte.
Denn wie ihr vergebt, so vergibt euch das Licht,
drum zögert nicht länger, o zürnet ihm nicht.“
Der Kaiser besänftigte Zorn und Gebot,
daß jener sich aufricht’ vom staubigen Grund.
Er reichte den Kuß ihm des Friedens in Not,
doch als er erkannte den Mann auf den Punkt,
ergriff ihn aufs Neue der zürnende Rot,
er blickte ihn an mit verzerrtem Mund.
Der Zorn in den Wangen entbrannte sogleich,
sein Blick ward finster, hart und bleich.
Doch Edle und Herren sie mahnten aufs Neu:
„O Kaiser, habt Gnade, so wie ihr verspracht!
Nicht widerruft sich, was heil’ger und treu
versöhnt ist durch Gott in heiliger Macht.
Denn solch ein Erlaß ist unwandelbar frei,
ein Wort, das gegeben, wird nimmermehr schwach.“
Der Kaiser nun sprach mit besonnener Müh:
„Wie ihr es begehrt, so geb’ ich es zu.“
Und als der Herzog sich nahte und sprach,
da rief er den Grafen herbei, seinen Knecht.
Mit Zagen, doch gehorsam, so stand er nun wach,
erschüttert von Angst um sein Leben, sein Recht.
Doch freundlich empfing ihn der Kaiser danach,
gab Gruß und Vergebung mit gütigem Flecht.
So ward er versöhnt, durch Gnade erhöht,
dem Willen des Kaisers nun nichts mehr verweht.
Die Kaiserin reichte ihm segnend die Hand,
und sanft und rein war ihr freundlicher Blick.
So hüllte man beide in herrlichen Stand,
in königliche, schmückende Stück.
Und hoch in der Messe, im heiligen Land,
ward ihrer Gnade kein Zweifel zum Strick.
Die Eintracht, die Liebe war sichtbar und rein,
und Friede erfüllte den festlichen Schrein.
Die heil’ge Messe war vollbracht zur Stund’,
der Bischof segnet’ all mit frommem Wort.
Nun traten Fürsten aus dem heil’gen Rund,
nach altem Brauch, in feierlichem Hort.
Graf Wetzel, wohlbekannt für seinen Bund,
führt’ Adelheid zur Herberg rasch hinfort,
wo schon gedeckt mit reicher Zier der Tisch,
bereit zu speisen köstlich und erfrisch.
Doch Herzog Ernst, von hoher Kunst bewegt,
entsandte einen Boten unverzagt,
der, ohne Säumen, rasch und unbelegt
die Spielleut’ rief, die sonderlich betagt.
Sie traten vor, vom Staunen hoch gehegt,
und vor den Kaiser man sie würdig tragt.
Da sah man Ungeheuer, fremd und wild,
so keiner noch mit eig’nem Aug’ erfüllt.
Ein Zwergenmann, kaum Ellen zweie groß,
ward auf den Tisch gestellt vor jedermanns Blick.
Dann folgte schon ein Riese stark und bloß,
des Größe schien ein ungeheures Stück.
Zwei Mohren schwarz, ihr Anblick war ein Schoß
des Schreckens, und das Volk wich tief zurück.
Dann kamen, seltsam, mit verhülltem Leib,
die Pannochi, von fremdem Volk umtreibt.
Doch größtes Staunen riefen jene zwei,
die aus Arimasp’ gekommen waren,
denn jeder nur ein Aug’ besaß dabei,
mitten auf Stirn, nach alter Sagenfahren.
Die Menge floh nicht, drängt’ sich voller Reih’,
begierig, das Geschaute zu bewahren.
Die Speis’ vergaß ein jeglich hoher Gast,
weil solch ein Bild ihm Herz und Sinnen faßt.
Der Herzog Ernst, ob solcher hohen Ehr,
hob an, den Stein, den unionem klar,
den er errungen, schwer und mühevleer,
in Leiden tief, wie’s niedergeschrieb’n war.
Den schenkt’ er Ott’ und sprach: »Von Herzens Wehr,
dies sei dein Gut, erkämpft durch Müh’ und Jahr!«
Sechs Tage saß der Kaiser tief bewegt,
und all sein Rat die Taten sich erwägt.
Da rief der Kaiser, von Gerechtigkeit
durchdrungen, Ernst zu sich mit treuem Wort:
»Mein Sohn, mein Fürst, so lös’ ich dir das Leid,
das Unrecht, das dich trieb aus Land und Ort.
Bayern, Österreich, in alter Zeit
gehörten dir – nun nimm sie all sofort!
Dich setz’ ich hoch in Reich und Hofesrat,
so sei mein Sohn, mein Herr in künft’ger Tat.«
Demütig neigt sich Ernst, bedankt sich tief,
mit treuem Herzen, vor des Kaisers Gunst.
Die Fürsten rühmen laut, was Gott beschlief,
und was durch Tugend ward zur höchsten Kunst.
Die Kaiserin, die all das Spiel erslief,
gab Dank für Wohlmut und für Herrschaftsbrunst.
So nahm der Fürst, was ihm versprochen war,
und blieb dem Vater treu, in Wort und Jahr.
Und wie sich all sein Glück gewandt erneut,
so war’s durch Gottes wunderbare Macht,
der durch Adelheid das Heil verstreut,
die stets in Gnaden seine Werke wacht.
Sie, die durch fromme Tugend stets erfreut,
hat solch ein Werk mit hoher Kraft vollbracht.
Und vieles mehr, das durch sie ist geschehn,
ward niedergeschrieb’n, damit es bleib’ bestehn.
In Salza stand, erbaut zu Gottes Ehr,
Ein heil'ges Haus, von Kaiserin geweiht.
Doch war dem Zimmermann das Werk zu schwer,
Die Balken all' zu kurz, ein Fehl' im Schneid'.
Da fürchtet' er den Zorn und sah sich leer
An Hoffnung, dass ihm blieb nur Flucht und Leid.
Doch Adelheid, so mild und sanft von Sinn,
Tröst' ihn und sprach: "Bleib hier, mein Sohn, nicht flieh!"
Sie riet ihm klug, zu warten seine Stund',
Wenn alle Werkleut' fern, solch Werk zu tun.
So kam die Kaiserin mit heil'gem Bund,
Nahm Balken auf mit frommem, starkem Ruhn.
Sie zog mit ihm und sprach: "Nun, sieh und kund!
Verlängert sei, was kurz zuvor gefluhn."
Da wuchsen Balken, fügten sich zum Bau,
Ein Wunder wirkte Gottes Gnade rauh.
Ein Lahmer lag, von Siechtum schwer geplagt,
Ihm reichte sie mit Lieb' und Sanftmut Frucht.
Sobald er aß, war' ihm kein Schmerz mehr näch;
Er sprang und ging, befreit von Not und Flucht.
So wirkte Adelheid mit Demut sacht,
Nahm Brot vom Tisch, es schien als arme Sucht.
Doch ward's verklagt, und Kaiser Otto kam
Zu fragen sie, was in der Hand sie nahm.
"Weinbeerlein, Herr," so sprach sie mild und fromm,
Doch als die Hand sie tat empor sogleich,
Sah Otto staunend, dass der Krumen Schwall
Verwandelt war in Beeren goldengleich.
Er staunt' und sah, welch' Heiligkeit sie trug,
Ihr Tugendglanz strahlt heller als ein Reich.
Ihr Werk war Demut, Heil und Liebestat,
Ein Licht der Frömmigkeit, das nie verblasst.
Doch Otto, zweifelnd, stellte sie zur Probt,
Er sprach: "Entblöß dich, nackt vor meinem Blick!"
Gehorsam tat sie's, wie er fordernd lobt,
Da hielt der Sonne Glanz den Mantel glück'.
Er sah das Wunder, legt' den Zorn sogleich,
Bat um Verzeihung, nahm den Fluch zurück.
So ward ihr Tugend stets geprüft mit List,
Doch Gott ihr schirmt', wo Not und Zweifel ist.
Ein andermal, da seufzt' sie tief und bang,
Der Kaiser sprach: "Warum betrübst du dich?"
Sie sah, dass Augsburghs Kirche ward zerfall'n,
Und sprach die Stund', den Tag, das heil'ge Licht.
Ein Bote ritt, es fand sich wohl zur Hand,
Es war, wie sie's geweissagt und bericht'.
Von da an ward sie hoch in Ehr' gesetzt,
Ihr Heiligsein von allen hochgeschätzt.
Von Wunderzeichen mehr zu schreiben hier,
Wär Müh' zu lang, wir lassen's nun besteh'n.
Drum beten wir zu Gott, er lenke mir
Und euch den Weg, dass wir ihn selig seh'n.
Sankt Adelheid, die heil'ge Frau, die Zier,
Sei unser Schutz in all' des Lebens Weh'n.
Der Dreifalt eine Ehr' sei Lob und Preis,
Und uns sein Gnad' geleit' ins Himmelreich.