DEUTSCH VON TORSTEN SCHWANKE
Möchte ein Maler dem menschlichen Antlitz den Nackens des Pferdes
Hals anfügen und bunten Gefieders Pracht von im Kreis sich
Eingesammelten Gliedern verknüpfen, sodass eine schöne
Frau am Oberleib unten schändlich in Fische sich ausprägt:
Würdet, o Freunde, wenn ihr zur Schau wäret, ihr das Lachen
Halten? Glaubt es, o Pisos, ein Buch wird jenem Gemälde
Ganz ähnlich sein, dessen Wahngebilde gleich Kranken im Fieber
Sich so fingieren, dass weder Fuß noch Haupt einer einzigen
Form sich fügt. – „Malern und Dichtern war immer zu allem
Wagen die Macht stets völlig gerecht.“ Wir wissen es; diese
Gnade erflehen wir wechselnd auch und gewähren sie wieder.
Aber doch nicht, dass Sanftes mit Wildem sich paart, dass Gemische
Schlangen mit Vögeln vollziehn, dass Lämmer sich tigern!
Schweren Beginnen und solchen, die Großes versprechen, wird oftmals
Purpurn ein bunter und flickender Lappen genäht, der weit hin
Glänzt, wenn Dianas Hain und Altar beschrieben und raschen
Wassers lieblicher Lauf durch die Auen, wenn wiederum Rheinlauf
Oder des Himmels regnerischer Bogen geschildert;
Aber es war an dem Ort dieser Schmuck nicht. Und vielleicht kannst
Du Zypressen nachahmen; was hilft's, wenn vom Schiffe der Schiffbrüchig,
Den es hoffnungslos wirft, um bezahltes Geld wird gemalt? Man
Fing an, eine Amphore zu formen; wie kommt es, dass raddrehnd
Gerade ein Krug entsteht? Dass das Werk sei, was immer du willst nur,
Einfach freilich zumal und ein einziges!
Größter Teil unsrer Dichter, o Vater und Jünglinge, werten
Sohns, wir werden getäuscht durch den Schein des Rechten. Ich ringe,
Kurz zu sein, und dunkel werd ich; wer Helligkeit suchet,
Dem fehlen die Kräfte, der Mut; wer Großes verspricht, bläht
Sich auf; wer allzu sicher den Boden beschleicht und der Stürme
Furcht sammelt, kriecht; wer wunderlich Dinge verändern
Will im Wahn, der malt an die Wälder Delphine, an Fluten
Einen Eber. Des Fehlers Flucht treibt mitten in Laster,
Fehlt die Kunst. Am Ämilischen Ring ein unterster Handwerker
Drückt die Nägel aus und bildet im Erz das gelinde
Haar nach, unglücklich im Ganzen des Werks, weil er nicht weiß,
Wie man das Ganze erschafft. Diesem möchte ich selber,
Hätt ich Dichtendes vor, nackt anzugehören, nicht eher
Wollen als mit schiefer Nase zu leben, der schwarz ich
Und schwarzhaarig ins Auge spring'st.
Nehmt euch Stoffe,
Ihr, die ihr schreibt, die den Kräften gleichkommen, und wägt es
Lange sich ab, was eure Schultern verweigern, was tragen
Sie denn vermögen. Wem recht ein Stoff auserlesen wird, den wird
Redekunst nicht verlassen und niemals die leuchtende Ordnung.
Dies wird Ordnung die Tugend und Anmut sein, wenn ich nicht irr, dass
Jetzt gerade man sagt, was jetzt gerade geredet sein soll, viel
Aber verzieht und für jetzt weglässt und im Moment spart,
Dieses liebt und jenes verschmäht der verheißende Dichter.
Auch bei Worten, behutsam und zart im Setzen, wirst du sie
Trefflich sprechen, wenn kenntlich ein Wort die geschickte Verknüpfung
Neu macht. Wenn es vielleicht um die Dinge zu zeigen vonnöten
Neu im Ausdruck verborgene ist, und erfundene Cethegen,
Die nicht hörten, zu formen gelingt und verliehen die Freiheit
Mäßig genommen wird, dann haben die neuerfundenen, neulich
Geprägten Worte Vertrauen, wenn aus griechischem Quell sie
Zugeflossen mit Mäßigung nur. Doch was soll man dem Plautus
Und Caecilius geben, das man Virgilius raubte
Und Varius? Warum wird mir Neid, wenn ich weniges erwerben
Kann, da die Zunge Catos und Ennius' vaterländischen
Soll's Gespräch bereichert und neue der Dinge Bezeichnungen
Brachte? Es war und es wird stets erlaubt sein, ein Zeichen
Tragend mit Gegenwartsnotiz benanntes Wort zu erzeugen.
Wie sich die Wälder nach Jahren der Blätter durch Neigung verändern,
Die ersten fallen, so geht des Vokabels uraltes
Alter zugrunde, und wie die Jünglinge blühen und kräftig
Sind die neugeborenen. Wir sind dem Tode geschuldet
Samt dem Unsern. Entweder der Ozean, reichend zur Erde,
Schützt mit Schwall die Flotten vor Aquilonen, ein Werk von
Königen, oder der unfruchtbare lang schon Sumpf, der für Ruder
Taugt, ernährt die Nachbarstädte und spürt die geschwere
Pflugscholle, oder der Fluss, der den feindlichen Kurs für die Früchte
Wandelte, lernte den besseren Weg: sterbliche Werke
Werden vergehen, geschweige der Sprache das Anreiz und bleibende
Gnade verharrt! Vieles wird neu entstehn, das jetzt schon versank, und
Fallen wird, was jetzt noch in Ehre steht, wenn es der Brauch will,
Welchem die Willkür obliegt und das Recht und die Norm des Sprechens.
Welcher Nummer die Taten der Könige konnten und Heerführer,
Dazu trübe Kriege beschrieben sein, zeigte Homerus.
Ungleich gefügten Versen war Wehklage erstlich,
Später auch ward eingeschlossen der Sinn des erfüllten
Wunsches; wer nun aber die zierlichen Elegien erzeugte,
Grammatiker streiten darüber, der Streit ist noch unter
Richtern. Archilochus' Wut bewaffnete eigener Iambus;
Diesen ergriffen des Buskins großen Gestalten und Schuhe,
Wechselnden Reden angepasst und den Lärm des Volkes
Überwindend und für das Handeln im Staate geboren.
Gaben die Musen den Fiedern der Götter die Knaben der Götter
Und den siegreichen Faustkämpfer und das im Kampf erste
Pferd zu nennen, der Jünglinge Sorgen und freien Weinstock.
Abgezielte Wechsellagen der Werke und Farben,
Warum werde als Dichter ich, wenn ich sie weder begreife,
Noch kenne, begrüßt? Warum soll ich unwissend aus Scham denn
Übel lieber als lernend verweilen? Dem tragischen Rhythmus
Mag die komische Sache nicht dienen; es zürnt ihr desgleichen,
Wenn man in privaten und fast des Buskins würdigen Versen
Erzählt das Mahl Thyests. Jedes an seinem
Orte bleibe das angeteilte, geziemende Stückwerk.
Manchmal erhebt doch auch die Komödie ihre die Stimme,
Zürnend der Chremes tobt mit geschwollenem Munde; es klagt auch
Meistens der Tragiker tonlos im alltäglichen Sprechen
Telephos und Peleus, wenn arm und verbannt jeder von beiden
Schleudert die Ampullen und ellenlange Vokabeln, falls er
Sorgt, des Zuschauers Herz zu berühren durch schmerzende Klage.
Nicht genug ist, dass schöne Gedichte da sind; sie sei'n süß
Auch, und wohin sie nur wollen, des Zuhörers Geist sie
Reißen. Wie zu Lachenden lachen, so fügen den Weinenden
Menschliche Antyle sich bei; willst du mich weinen sehn, klagen
Musst du zuerst dir selbst; dann werden mich deine Beschwernisse
Rühren, Peleus oder Telephos; sprichst du befohlenen
Dunst schlecht aus, so nick ich im Schlaf oder lache. Traurige
Mienen ziemt trauriges Wort, voll Drohungen zürnendes, spielend
Lockeres, Ernstes das ernste Gesagte. Denn Natur formt
Zuerst uns innerlich an zu des Schicksals jeglicher
Haltung; sie hilft oder treibt in den Zorn, oder stürzt in die
Erde mit schwerem Schmerz uns nieder und ängstigt; danach erst
Bringt sie des Geistes Regungen durch die verdolmetschende Zunge
Vor. Wenn des Sprechenden Reden den Schicksalen absonderlich
Sein werden, werden der Römer ritternde Scharen
Und die Fußgänger lachen. Es wird viel gelten: ob Götter
Sprechen oder ein Held, ob der reife Greis oder der in der
Blühenden Jugend noch glühende, ob die mächtige
Frau oder fleißige Amme, ob der wandelnde
Kaufmann oder der Pfleger des grünen Äckerchens, Colcher
Oder Assyrer, der in Theben genährte, in Argos.
Folge dem Ruhm oder bilde dir passendes selbst, o
Schreiber! Wenn du den ehrenwerten vielleicht uns erneuerst
Achilles, unermüdlich, zornig, unerbittlich, scharf, leugne
Er, dass Gesetze ihm sind geboren, er maße mit Waffen
Alles sich an. Sei Medea wild und siegreich, weinend
Ino, tückisch Ixion, die irrende Io, traurig Orestes.
Wenn du Unerfuchtes der Szene übergibst und
Wagst, eine neue Gestalt zu gestalten, bewahre sie bis zum
Ende, wie sie anfing, fortschritt und sich treu bleibt!
Schwer ist's, Gemeines mit Eigenart auszudrücken, und besser
Führst du das iunische Lied in die Akte ein, als wenn
Unbekanntes und Unbesprochenes du als Erster
Brächtest vor. Öffentlicher Stoff wird zum privaten
Recht, wenn du nicht im gemeinen und weiten Kreis umherirrst,
Noch dir sorgst, Wort für Wort treu wiederzugeben, als treuer
Dolmetsch, noch als Nachahmer in Enge springst, wo der Fuß dir
Vorwärts zu kommen durch Scham wird verwehrt oder Regel der Kunst.
Nicht wirst du so anfangen wie einst der zykli-sche Schreiber:
„Priamus’ Schicksal besing ich und edlichen Krieg.“ Was für ein
Großes versprechender Blähbauch wird hierfür entspringen?
Gebären werden die Berge, es wird ein lächerlicher
Maus geboren. Wie viel richtiger dieser, der nichts tut
Untauglich: „Sage mir, Muse, den Mann, der nach Trojas zerstörter
Zeit vieler Menschen Sitten und Städte gesehen!“ Er trachtet
Nicht Rauch aus dem Glanze, aus Rauch aber Licht zu gewähren,
Auf dass prächtige Wunder darnach er hervorruft, Antiphaten
Scylla zugleich mit dem Kyklopen und Charybdis.
Nicht Diomedes' Heimkehr aus Meleagers Verderben,
Nicht den trojanischen Krieg hebt er an von dem doppelten Ei an;
Stets zum Ende er eilt und in medias res den
Hörer reißt, wie wenn er bekannt ist, und lässt, was erhofft nicht
Durchgearbeitet glänzen kann, fort und vergisst es,
Und so lügt er, so mischt mit dem Wahren das Falsche zusammen,
Dass vom Anfang die Mitte, die Mitte nicht abweicht vom Ende.
Du, was ich und das Volk mit mir wünscht, höre an, wenn
Du Beifall brauchst, dem die Aula verweilt und die fortwährend
Sitzend der Sänger ruft: „Euch Klatschenden!“ Jedes des Lebens
Alters Sitten sind dir zu merken und wechselnder Wandel
Zuzuteilen der Natur und den Jahren.
Kinderstimmen schon kennt der Knabe und setzt mit dem festen
Fuß den Boden auf, brennt darauf, mit den Gleichen zu spielen,
Zorn sammelt er flugs und vergisst ihn und ändert sich stündlich.
Der bärtige Jüngling endlich, fern vom Vormund, freut sich
Über die Hunde und Rosse des sonnigen Campus, und wachsig
Wird er gewendet zum Laster, ist spröde den Mahnern,
Träge im Sorgen um Nützliches, verschwenderisch mit Geld,
Hochgemut, heißbegehrt und schnell, das Geliebte zu lassen.
Wenn sich die Studien wandeln, sucht das männliche Alter
Reichtum und Freundschaften, dient der Ehre und hütet sich davor,
Etwas zu tun, das bald zu verändern es mühe.
Vieles umringt den Greis an Beschwernissen, sei es, dass er sucht und,
Habend das Funde, misanthrop sich enthält und zu nutzen
Fürchtet, sei es, dass jegliches Ding er furchtsam und kühl führt,
Zögernd, mit langer Hoffnung, untätig, der Zukunft gierig,
Schwerer im Willen, klagend, der Zeiten Vergangenheit lobend,
Da er ein Knabe war, Zensor und Zuchtmeister der Jüngsten.
Vieles bringen die kommenden Jahre an Gütern mit sich, viel
Nehmen die gehenden fort. Dass nicht alternde Rollen
Knaben, Jünglingen männliche Rollen gegeben; stets wird man
Beim Angemessenen, altersgemäß Verweilenden bleiben.
Entweder geht auf den Szenen das Spiel vor oder wird getan erzählt.
Träger reizen die Geister die durch das Ohr uns gesandten
Dinge als solche, die treuen Augen unterstellt sind
Und die der Zuschauer selbst sich übergibt; doch nicht innen
Würdiges Tun tu auf die Szene und vieles verberge
Vor den Augen, das bald die gegenwärtige Rede
Erzählt. Nicht vor dem Volk soll Medea die Söhne abschlachten,
Nicht menschliches Fleisch öffentlich kochen der unheilige Atreus,
Nicht in Vögel Procne sich wandeln, Cadmus in Schlangen.
Was du so mir zeigst, hass ich ungläubig als Lüge.
Weder geringer noch fünffach übersteigender Akte
Sei das Stück, das begehrt zu werden verlangt und als Schau ständ;
Weder ein Gott misch sich ein, es treffe ein knotiges Band ein,
Das des Retters wert ist; die vierte redende Person streng sich nicht an.
Des Schauspielers Teil und das Männliche Amt soll
Halten der Chor und nicht zwischen den Akten ein Lied singen,
Das nicht dem Zweck einträglich dient und passend sich anfügt.
Dieser sei den Guten gewogen und rate in Treue,
Lenke Zürnende und liebe die Furcht vor der Sünde;
Dieser lobe des kurzen Tisches Mahl, dieser heilsame
Rechtschaffenheit und die Gesetze und offenste Tore;
Dieser berge das Anvertraute und bitte die Götter
Und fleh, dass die Fortuna den Elenden kehre, den Stolzen nehm ab.
Pfeife nicht, wie sie jetzt, von Messing umwunden, der Trombe
Wetteifert, sondern zart und einfach mit spärlichem Loch nur
Auszuhauchen verstand und beizustehn den Kapellen
Und noch nicht allzu dicht die Bänke zu füllen mit Blasen,
Wo wahrlich zählbar das Volk, als spärliches, frommes, tugendsames
Und ehrfürchtiges sich versammelte. Nachdem nun anfing,
Größer die Gaue zu dehnen der Sieger, und Städte breiter
Umschloss die Mauer, und mit Wein tagsüber der Genius ward besänftigt an
Festtagen ungestraft, kam Sinnen und Maßen Freiheit
Größere zu. Was verstand wohl der ungebildete, mühsal-
Freie Landmann, der mit dem Bürger gemischt, der Schandfleck dem Edlen?
So fügte der Flötner der alten Bewegung und Üppigkeit
Zu in der Kunst, und zog als Wanderer durch das Gestühl sein
Kleid; so wuchsen auch laut an den strengen Saiten die Stimmen,
Und es trug ungewöhnliche Redegewandtheit der steile
Ausdruck, und der Nützlichen kundiger Sinn und der Zukunft
Göttlicher Orakelspruch wich nicht von den Delphischen ab.
Der im tragischen Lied um den schändlichen Bock stritt, entblößte
Bald auch ländliche Satyrn und reizte rauh mit der ganz intakten
Schwere den Scherz dadurch, dass mit Lockungen und mit der süßen
Neuheit der Zuschauer mußte gefesselt sein, der des heiligen
Dienstes ledig und trank und gesetzlos. Doch solche Spötter,
Solche geschwätzige Satyrn zu lobpreisen, solche
Scherze zu wandeln in Ernst, wird geziemen, damit nicht irgendein
Gott, welcher Held auch immer herangezogen wird, der könig-
Lich im Gold und in Purpur vor kurzem geschaut ward, abwandre
In dunkle Schenken mit niedrigem Reden, oder, indem er
Flieht den Boden, er Wolken und Nichtiges fange.
Unwürdig, seichte Verse zu stammeln, wie Matronen
Die bei den Feiertagen zu tanzen geheißen sind, soll sich
Mischen den frechen Satyrn ein wenig beschämt die Tragödie.
Nicht ich ungeschmückte und herrschende Namen alleine
Werd ich, o Pisos, und Worte, du Satyrn-Schreiber, lieben,
Auch werd ich nicht so ringen, vom tragischen zu trennen
Farben, dass gar kein Unterschied sei, ob Davus das Wort führt
Oder der Kühne Pythias, die den Simon um ein Talent schröpfte,
Oder der Dienerwächter des Gottes Silenus, der Zögling.
Aus Bekanntem gefügtes Gedicht will ich pflegen, damit ein Jeder dasselbe
Hofft, schwitzt stark und vergeblich sich plagt, obgleich er dasselbe
Wagte; so stark verknüpfte Reihung vermag, so stark kommt
Dem aus der Mitte Genommenen Ehre zu. Aus den Wäldern entführte
Faune sollen mir hüten, mein Richter, dass sie, wie eingeborene
Gassenhocker und fast vom Forum, nicht mit allzu zarten
Jünglingsversen jemals jugendeln oder den Schmutz von
Schandbaren Dingen ausstoßen; denn sie nehmen es übel,
Denen Pferd ist und Vater und Vermögen, noch wenn einer
Röstgerste kauft und Nüsse, nehmen sie es mit rechtem
Sinn an oder verleihn den Kranz. Eine lange Silbe,
Die auf eine kurze folgt, wird Iambus geheißen, ein schneller
Fuß; woher er auch hieß, den trimetrischen Namen zu mehren
Den iambischen, da er sechs Takte darbot, vom ersten
Bis zum extremen sich gleich. Nicht vor allzu langer Zeit, damit
Etwas langsamer er und schwerer an Ohren ankäme,
Nahm er beständige Spondeen in väterliche
Rechte gefällig auf und geduldig, doch nicht, dass von dem zweiten
Sitz er weichte oder dem vierten als Genosse.
Dieser zeigt sich sogar in den edlen Trimetern des Accius selten
Und erdrückt die auf die Szene geschickten Verse des Ennius
Mit großer Last oder mit allzu geschwinder Arbeit
Und fern von Munde der Kunst mit dem schändlichen Makel.
Nicht jeder Richter sieht ungereimte Gedichte, und mancherlei
Nachsicht ist Römischen Dichtern gegeben. Soll ich darum
Irren und lizenzvoll dichten? Oder soll ich meinen,
Dass alle meine Sünden sehen werden, im Schutz der
Nachsicht sicher bewahrt und achtsam? Ich wichen dem Laster
Endlich aus, nicht ward mir Lob. Ihr wendet die griechischen
Muster nachts mit der Hand, ihr wendet sie bei Tag.
Aber eure Vorfahren lobten des Plautus Gesänge und Witzworte,
Übermäßig geduldig bewunderten sie beides, um nicht
Stumm zu sein, wenn nur ich und ihr das Ungemäße vom feinen
Ausdruck zu trennen wissen und den legitimen Klang mit
Fingern und Ohren verstehen.
Die unbekannte Art der tragischen Camene erfunden
Zu haben und mit Karren gefahren zu sein wird Thespis
Gedichte, welche sie sängen und spielten mit Kot beschmierten
Gesichts. Nach diesem folgte der Masken und ehrlichen
Bühnenkleider Erfinder Aeschylus, legte auf mäßige Balken
Die Pulpiten und lehrte groß reden und glänzen im Buskin.
Folgte auf diese das alte Drama, nicht ohne viel Lob; doch
In das Laster verfiel die Freiheit und in die Gewalt, die
Werte gesetzlich zu regnen; das Gesetz ward empfangen, und der Chor schwieg
Schändlich, als man ihm nahm das Recht, zu schaden.
Nichts ließen unversucht unsre Dichter, und nicht minimales
Verdienten Lob sie, die griechischen Spuren zu verlassen
Gewagten und zu feiern die heimischen Taten, ob sie nun
Die Praetexta lehrten oder das Togata-Spiel.
Nicht an Tugend oder an glänzenden Waffen
Wäre mächtiger Latium als an Zunge, wenn nicht jedes
Einzige Dichters die Mühe der Feile störte und Zeit. Ihr,
Pompejanisches Blut, tadelt Gedichte, die nicht viel
Tage und mancherlei Streichung im Zaum hielt und auf den Nagel
Nicht zehnmal beschnitten und rein gezähmt hat!
Weil das Genie weit glücklicher als elende Kunst wird
Glaubt und die gesunden Poeten vom Helikon ausschließt
Demokritos, kümmert ein großer Teil sich nicht darum, die Nägel
Abzuschneiden, meidet Bäder und sucht einsame Orte;
Er erlangt nämlich den Preis und den Namen des Poeten,
Wenn er sein unheilbares Haupt niemals der Anticyra
Trotzend dem Barbier Licinus anvertraut! O ich Unglücklicher,
Der ich im Frühlingsstunde die Galle spüle! Keiner
Möchte bessere Dichte machen; wahrlich nichts ist
So wert. Also werd ich als Wetzstein dienen, der scharf zu
Machen das Eisen vermag, selbst frei von dem Schneiden; ich werde
Das Amt und die Pflicht, selbst nichts dichend, lehren: woher man
Mittel bereitet, was den Poeten nährt und gestaltet,
Was geziemt und was nicht, wohin Tugend führt und wohin Irrtum.
Wohlzuformulieren ist des rechten Verstehens der Quell und
Anfang. Die sokratischen Schriften werden die Sache dir zeigen,
Und Worte werden der vorgefundenen Sache willig
Folgen. Wer gelernt hat, was er dem Vaterland schuldet und Freunden,
Mit welcher Liebe der Vater, der Bruder zu lieben und Gastfreund,
Was des Senators, was des Richters Pflicht sei, welche
Rollen im Kriege dem gesandten Feldherrn gebühren, der weiß wahrlich,
Was der Person gebührt, jedem zuzuteilen.
Ich werde den Kundigen heißen, das Muster des Lebens und der Sitten
Zu betrachten und lebendige Laute von daher zu führen.
Manchmal erfreut ein Drama mit Schauplätzen und richtig besitteten
Zügen, das bar jeder Anmut ist, ohne Gewicht und
Kunst, das Volk gewaltiger und fesselt es besser
Als inhaltlose Verse und wohlklingende Nichtigkeiten.
Griechischen Geist, den Griechen gab mit geläufigem Munde
Die Muse zu sprechen, die habgierig auf keines Lob war;
Römische Knaben lernen den Asse mit langen Rechnungen
In hundert Teile zu trennen. „Es sage der Sohn des Albinus:
Nimm vom Quincunx die Uncia weg, was bleibt über? . . . Du hättest
Sprechen können. — Triens. — Ei! Du wirst dein Vermögen
Retten können. Die Uncia kehrt zurück, was wird es?“ — „Semis.“
Wenn diese Pest und die Sorge um Geld einmal die
Geister erfüllt hat, hoffen wir, dass Gedichte gebildet
Werden können, die man mit Zedernöl reibt und zarter
Zypresse bewahrt?
Entweder nützen wollen oder erfreuen die Dichter,
Oder zugleich auch das Angenehme und Nützliche fürs Leben
Zu sagen. Was immer du vorschreibst, sei kurz, damit bald das
Gesagte die lenkbaren Geister vernehmen und treu behalten.
Alles Überflüssige fließt aus dem vollen Herzen.
Die erdichteten Gründe der Lust sollen dem Wahren nah sein,
Damit das Stück nicht fordere, was immer es will, geglaubt
Zu werden, und nicht aus dem Bauch der verspeisten Lamia
Lebendigen Knaben herauszieht. Die Scharen der Älteren
Scheuen das Fruchtlose, die Hohen Ramnes übergehn das
Strenge Gedicht. Jeden Punkt hat der errungen, der Nützliches
Mit dem Angenehmen mischte, den Leser gleichermaßen erfreuend
Und belehrend; dieses Buch verdient den Erlös bei den Sosiern,
Dieses durchquert auch das Meer und verlängert dem bekannten
Schreiber die lange Zeit.
Es gibt dennoch Mängel, denen wir nachzusehen wünschen;
Denn weder gibt die Saite den Klang, den Hand will und Geist,
Und dem Fordernden gibt sehr oft sie statt des Tiefen den Hohen,
Noch trifft immer das Ziel, was immer der Bogen bedroht.
Wahrlich, wo mehr im Gedicht glänzt, will ich durch wenige Flecken
Nicht beleidigt sein, die entweder Nachlässigkeit goss
Oder der Menschheit unzureichende Natur hütete. Was ist also?
Wie wenn ein Schreiber fortwährend denselben Fehler begeht,
Obwohl er gewarnt ist, der Nachsicht entbehrt, und der Zitherspieler
Ausgelacht wird, der immer auf dieselbe Saite verzieht,
So wird mir der, der viel strauchelt, jener Choerilus,
Den ich zweifach, dreifach gut mit Lachen bewundere; und dasselbe
Empöre ich mich, wenn manchmal der gute Homer schläft;
Wahrlich, dem langen Werk gebührt es, dass der Schlaf sich einschleicht.
Wie Malerei die Poesie: Es gibt eines, das, wenn du näher
Stehst, dich mehr ergreift, und manches, wenn du ferner abstehst;
Dieses liebt das Dunkel, jenes will unter dem Licht gesehn
Werden, das des Richters spitzfindiges Scharfsehen nicht fürchtet;
Dieses gefiel einmal, dieses wird zehnmal wiederholt gefallen.
O Größter der Jünglinge, obgleich du väterlicherseits
Zur Rechten gebildet wirst und durch dich klug bist, nimm dir dieses
Gesagte einprägsam mit: Das Mittlere und Erträgliche wird in
Sicheren Dingen zu Recht zugestanden; der Rechtsgelehrte
Und Redner von mittlerem Wert steht ab von der Tugend des beredten
Messalla und weiß nicht so viel wie Cascellius Aulus,
Aber er ist dennoch geschätzt; mittlere Dichter zu sein,
Haben weder Menschen noch Götter noch Säulen gewährt.
Wie unter angenehmen Tischen verstimmte Musik und dickes
Salböl und Mohn mit sardischem Honig beleidigen,
Weil man das Mahl ohne diese hätt führen können,
So ist das für des Geistes zu erfreuende Wesen erdachte
Gedicht, wenn es ein wenig vom Höchsten abweicht, zum tiefsten geneigt.
Wer das Spielen nicht weiß, hält sich fern von den Waffen des Campus,
Und der im Ballspiel Ungelernte und Kreiselspiel ruht,
Damit nicht die dichten Kronen ungestraft Lachen erheben;
Wer es nicht weiß, wagt dennoch Verse zu dichten. Wieso denn?
Frei und edelgeboren, zumal im Vermögen der ritterlichen
Summe von Münzen und fern von jeglichem Makel.
Du wirst nichts tun noch sprechen gegen die Minerva;
Dies ist dein Urteil, das dein Sinn. Wenn du jedoch einst
Schreibst, lass es zum Ohr des Maecius hinabsteigen und des Vaters
Und zu den unsrigen, und ins neunte Jahr halte es zurück,
Wobei die Membranen innen liegen; verwerfen wirst du können,
Was du nicht herausgabst; das entflohene Wort weiß nicht zurückzukehren.
Die waldlebenden Menschen, den heiligen Dolmetscher der Götter,
Deterierte Orpheus durch Mord und ekle Speise,
Deshalb genannt, die Tigern zu besänftigen und wilden
Löwen; genannt auch Amphion, der Gründer der Thebanischen Stadt,
Steine zu bewegen durch den Klang der Laute und durch sanfte
Bitte zu leiten, wohin er wollte. Dies war Einst die Weisheit,
Öffentliches vom Privaten zu trennen, Heiliges vom Profanen,
Wildes Begatten zu wehren, den Eheleuten Rechte zu geben,
Städte zu gründen, Gesetze in Holz einzuritzen.
So kam Ehre und Name den göttlichen Vatiern
Und den Gedichten. Nach diesen schärfte der ausgezeichnete Homer
Und Tyrtaeus die männlichen Geister in die märkischen Kriege
Mit Versen, durch Verse wurden die Orakel gesprochen
Und des Lebens Weg gezeigt und die Huld der Könige
Durch pierische Weisen versucht und das Spiel erfunden
Und das Ende langer Werke: dass nicht etwa dir Schande
Sei die der Lyra kundige Muse und Sänger Apollo.
Ob durch Natur nun lobenswert das Gedicht oder Kunst sei,
Wurde gefragt; ich sehe weder das Studium ohne reich reichende
Ader noch das rohe Talent von Nutzen; die eine so fordert
Des andern Hilfswerk und sie verschwören sich freundlich zusammen.
Wer strebt, das erwünschte Ziel im Laufe zu treffen,
Trug und tat viel als Knabe, er schwitzte und fror, er enthielt sich
Weibes und Weins; wer pythische Lieder als Flötner vorträgt,
Lernte zuvor und erbebte vor dem Lehrer. Nun ist es genug zu sprechen:
„Ich dichte bewundernswürdige Lese; sich den Letzten schnapp die
Krätze! Mir ist es schändlich, gelassen zu werden, und das, was
Ich nicht gelernt habe, glatt nicht wissend zu bekennen.“
Wie ein Herold, der zu kaufenden Waren die Menge
Zusammenruft, so befiehlt der Dichter den Speichelleckern,
Zum Gewinn zu gehen, der reicher an Äckern ist, reicher
An verzinseten Geldern. Doch wenn einer den Reichen, der schmackhaft
Etwas zu setzen versteht und für armen leichtfertigen Schutz bürgt
Und den verwickelten reißt aus finsteren Streiten, bestaunen
Werd ich, ob er den wahren vom lügenhaften Freund zu erkennen
Wissend ist im Glück. Ob du geschenkt hast oder du schenken
Willst wem etwas, woll nicht zu den Versen dir gemachten
Führen den vollen der Lust; denn er rufen wird: „Prächtig, recht, gut!“,
Wird darüber erbleichen, es wird sogar aus den freundlichen
Augen tröpfeln der Tau, er springt und schlägt mit dem Fuß auf
Die Erde. Wie jene, die angestellt klagen am Grabe
Und mehr als die Leidtragenden tun aus dem Herzen, so wird der
Spötter vom wahren Lobredner mehr noch bewegt.
Es heißt, dass Könige viele mit Schalen drängen und foltern
Mit purem Wein, wen auszuspähen sie mühen,
Ob er der Freundschaft würdig ist; wenn du Gedichte verfasst, werden
Niemals dich die Herzen betrügen, die unter dem Fuchspelz
Schlummern. Wenn du dem Quintilius etwas vortrugst: „Verbessere, bitte,
Das“, sprach er, „und das“; du leugnest, dass du es besser
Machst, zweimal, dreimal versucht vergebens; er hieß es vertilgen
Und schlecht gedrehte Verse dem Amboss zurückzugeben.
Wenn du den Fehler zu schützen statt zu verändern vorzogst,
Mied er ein weiteres Wort oder die vergebliche Arbeit
Ganz, dass du ohne Rivale dich selbst und die deine
Liebtest allein. Der gerechte und kluge Mann wird untaugliche Verse
Tadeln, die harten verwerfen, an ungeschmückte den schwarzen
Strich mit dem schrägen Griffel anlegen, eitle Verzierungen
Wegschneiden, wenig klaren das Licht zu geben zwingen,
Mehrdeutiges rügen, zu Änderndes zeichnen, er wird zu
Aristarchus, und nicht er wird sprechen: „Soll ich den Freund kränken
In Nichtigkeiten?“ Diese Nichtigkeiten führen in ernstes
Unheil den einmal verhöhnten und schmerzlich erfassten.
Wie den, den die finstere Krätze oder der Königs-
Schmerz drängt oder wahnsinniger Irrwitz und zürnende Diana,
Wollen die Klugen den tollen Berühren und fliehen den Dichter;
Unvorsichtige Knaben jagen und folgen. Während dieser erhaben
Verse von sich gibt und irrt, wenn wie der Amsel
Nachschauende Jäger fällt in den Brunnen oder die Grube,
Mag er „Helft mir doch lang“ rufen, „he, o Bürger“, es ist keiner,
Der ihn zu heben sich kümmert. Wenn einer sich kümmert, die Hilfe
Zu bringen und Seile herabzulassen: „Woher weißt du,
Ob nicht absichtlich hierher er sich stürzte und nimmer
Gerettet sein will?“, will ich sprechen und des s-ikolischen
Dichters den Untergang erzählen. Als unsterblicher Gott sein
Wuhle der Wunsch des Empedokles, sprang er kalt in den brennenden
Ätna. Man erlaube und lass es gestattet den Dichtern zu sterben;
Wer wider Willen erlöst, tut dasselbe dem Mörder.
Nicht einmal tat er dies, und wenn er gezogen zurück wird,
Wird er ein Mensch und legt der berühmten Art Tod die Liebe
Nicht ab. Auch ist nicht ersichtlich, warum er so Verse
Häufig erzeugt: ob er in der Väter Asche uriniert
Hat oder unkeusche den Bidental angerührt hat;
Sicher er rast, und wie ein Bär, wenn er die Schranken
Durchzubrechen vermochte, die man um den Käfig gestellt hat,
Jagt den unkundigen, kundigen Mann der bissige Rezitator;
Wen er ergriff aber, den hält und tötet er lesend,
Wie die Haut nicht lassende, bis voll von Blut sie, die Blutegel.