DEUTSCH VON TORSTEN SCHWANKE
ERSTES BUCH
SERMON I
Wie kommt es, Maecenas, dass keiner, mit seinem Geschicke,
Das ihm das Los oder kluge Erwägung hat zugewiesen,
Je sich begnügt, doch stets das Leben der anderen anpreist?
„Glücklich sind sie, die Kaufleute“, ruft der vom Dienst schon ermattete,
Grauhaarige Krieger, geplagt von der Mühsal der Jahre.
Dagegen der Kaufmann, wenn Südwinde schütteln das Schifflein:
„Besser ist doch das Soldatentum.“ Warum? Man gerät in die Schlacht schnell;
Stunden beschert uns der Tod, oder strahlender Ruhm durch den Sieg dann.
Den Landmann preist der Rechtskundige, wenn in der Frühe des Tages
Klopfend am Tor der Klient um Rat bei dem Meister schon ansteht.
Der, den man riss aus der Ruhe des Feldes, der nun in der Stadt weilt,
Ruft, dass nur jene, die in der Stadt leben, selig zu nennen sind.
Ach, es sind so viel, dass ein Fabius, schwatzhaft und müde,
Kaum noch mitkäme. Doch kurz: Ich will dir den Kern nun enthüllen.
Wenn jetzt ein Gott spräche: „Seht, ich erfülle, was immer ihr wünscht mir:
Du, der Soldat, sei Kaufmann; du, der Rechtskundige, Ackersmann;
Tauschet die Rollen und geht! Warum zögert ihr?“ – Sie wollten nicht.
Doch sie dürften nun glücklich sein! Welch ein Grund, dass der zürnende
Jupiter ihnen nicht beide Backen aufbläht vor Wut nun
Und ihnen sagt, dass er künftig den Ohren die Gunst wohl verweigert?
Doch um nicht bloß, wie ein Spaßmacher lachend, das Ganze zu streifen –
Obwohl auch lachend die Wahrheit zu sagen, was sollte es hindern?
Wie man den Kindern ja gern mit Gebäck die Lehrmeister schmackhaft
Macht, damit sie beim Lernen der ersten Elemente verweilen –,
Lassen wir Scherz beiseite und suchen das Ernsthafte heute:
Jener, der schwer mit dem Pfluge die Erde durchfurcht, und der wüste
Wucherer, Krieger und Seefahrer, die durch die stürmischen Meere
Wagemutig hindurchfahren, sagen, sie brächten die Plackerei bloß,
Um dann im Alter in sicherer Ruhe den Tag zu verbringen,
Wenn sie den Vorrat an Speise gesammelt. So macht es die kleine,
Hoch emsige Ameise – nimm sie als Beispiel –, die schleppt mit dem Munde,
Was sie vermag, und fügt es dem Haufen hinzu, den sie aufbaut,
Wohlwissend, klug für die kommende Zeit. Doch sobald dann der Winter
Trübe den Himmel mit Zeichen von Wassermanns Kälte verwandelt,
Kriecht sie nicht raus, sondern zehrt von dem, was sie früher gesammelt,
Klug wie sie ist. Dich aber, dich hält weder glühende Sommerhitze
Fern vom Gewinn noch Winter, noch Feuer, noch Eisen, noch Meere;
Nichts steht dir im Wege, solange nur keiner reicher ist als du.
Was nützt es, riesige Mengen von Silber und Gold, die du heimlich
Tief in die Erde vergraben, mit Ängsten bewachst und versteckst du?
„Wenn man davon nimmt, dann schwindet es schnell auf den kleinsten Betrag hin.“
Doch wenn du nicht nimmst: Was hat denn der Prunk deines Haufens für Schönheit?
Hunderttausend an Weizen mag wohl deine Tenne gedroschen,
Doch wird dein Bauch davon nicht mehr vertragen als meiner; wie einer,
Der in dem Netz eine Last von Broten für andere schleppt, wohl
Unter der Last bricht, doch isst er deswegen nicht mehr als der Sklave,
Der ohne Last geht. Sag an: Was ist der Unterschied für den Menschen,
Der innerhalb der Grenzen der Natur lebt, ob hundert oder
Tausend er pflügt? „Doch es ist ein Genuss, aus dem großen Haufen zu nehmen!“
Wenn du uns lässt, aus dem kleinen die gleiche Menge zu schöpfen,
Warum nur rühmst du die Speicher mehr als die Körbe der Unseren?
Wenn dir von Wasser nur ausreicht ein Becher, ein Schluck vielleicht, sagst du:
„Ich wollte lieber aus jenem gewaltigen Strome wohl schöpfen,
Als aus dem kleinen Quell.“ Doch dann ergreift dich, wenn du mehr willst,
Als man braucht, der Aufidus-Strom und reißt dich mit Ufern ins Unheil.
Wer aber nur so viel braucht, wie er braucht, der schöpft weder schlammiges
Wasser noch muss er im Strom sein Leben bejammern und lassen.
Doch ein gewaltiger Teil der Menschen, vom falschen Verlangen
Ganz verblendet, meint: „Nichts ist genug, denn so viel man besitzt, gilt man.“
Was soll man tun? Lass ihn elend sein, denn er wählt es ja freiwillig.
Wie man in Athen von einem geizigen Reichen berichtet,
Der die Rufe des Volkes verlachte: „Das Volk zwar zischt mir,
Doch ich beklatsche mich selbst daheim, wenn ich Münzen im Kasten
Ansehe.“ Tantalus dürstet und hascht nach dem Wasser, das wegflieht –
Was lachst du da? Ändere den Namen, und schon erzählt die Geschichte
Dich! Du liegst auf den Säcken, die überall voll sind, und starrst nur
Gierig darauf, als wären es heilige Dinge, oder erfreust dich
Wie an gemalten Bildern. Weißt du denn nicht, was das Geld gilt,
Welchen Gebrauch es erlaubt? Man kauft Brot, Kräuter, ein Maß Wein,
Plus noch das, was die menschliche Natur nicht zu leiden vermag, wenn
Es ihr fehlt. Ist es ein Segen, vor Angst in der Nacht zu erblassen,
Tage und Nächte zu beben vor Dieben, vor Feuer, vor Sklaven,
Dass sie dich nicht bestehlen und weglaufen? Von solchen Besitztümern
Möchte ich stets ein ganz armer Schlucker nur bleiben, fürwahr!
Doch wenn dich Kälte geschüttelt und dich die Krankheit am Lager
Festgehalten, hast du dann einen, der sitzt bei dir, wärmt dich,
Holt den Arzt, damit er dich heilt und den Kindern und Lieben
Wiederbringt? Nein, weder Gattin noch Sohn will dein Heil noch dein Leben;
Alle Nachbarn, Bekannte, sogar die Knaben und Mädchen
Hassen dich. Wundere dich nicht, wenn du Silber vor alles ja stellst,
Dass dir niemand die Liebe erweist, die du niemals verdienst hast.
Oder glaubst du, du könntest Verwandte, die dir die Natur selbst
Ohne Mühe schenkt, bei dir halten als Freunde? Umsonst wohl
Mühst du dich ab, wie einer, der lehren will, dass ein Eselchen
Auf dem Felde im Laufschritt gehorcht, wenn man Zügel ihm anlegt.
Schluss mit dem Sammeln! Und wenn du nun mehr hast, fürchte doch weniger
Armut, und fang an, die Mühsal zu beenden, hast du erreicht, was
Du wolltest, damit du nicht endest wie Ummidius einst, der –
Kurz ist die Mär: Er war so reich, dass er Münzen nur maß, doch
War er so geizig, dass er sich kaum besser als Sklaven bekleidete,
Bis zu dem Ende, da er aus Furcht vor dem Hunger vor Angst starb.
Doch seine Freigelassene hieb ihn mit Äxten entzwei dann,
Tapfer wie Töchter des Tyndareus einst. „Was rätst du mir also?
Soll ich wie Naevius leben oder wie Nomentanus?“
Du gehst hin und willst Gegensätze mit roher Gewalt ja
Paaren: Wenn ich den Geiz dir verbiete, heißt das, ich fordere
Laster und Unrat? Zwischen Tanais und der Gattin Visellis
Gibt es ein Mittelmaß. Es gibt ein Maß für die Dinge, es gibt da
Feste Grenzen, bei denen das Rechte nur stehen kann, weder
Diesseits noch jenseits. Zu dem, was ich anfing, kehre ich nun zurück:
Keiner ist mit sich zufrieden, wie jener Geizhals, und lobt stets
Andere; blass wird er, weil des Nachbarn Ziege ein größeres Euter
Hat, und vergleicht sich nicht mit dem Haufen der Ärmeren, sondern
Müht sich, nur den und den zu besiegen. So stellt sich der Reichere
Immer dem Eilenden in den Weg, wie wenn aus den Startboxen
Wagen entstürmen, der Lenker die Rosse befeuert, die anderen
Überholt, doch verachtet den letzten, der hinten nun mitläuft.
Daher kommt es, dass selten wir einen finden, der sagt: „Ich
Habe gelebt als ein Glücklicher“, und der, den Ablauf der Zeit nun
Sättigend, wie ein Gast vom Mahle, das Leben verlässt dann.
Nun ist es genug. Damit du nicht meinst, ich hätte die Bücher
Des kranken Crispinus gestohlen, will ich kein Wort mehr hinzufügen.
SERMON II
Scharen von Gauklern und Schwätzern, von Marktschreiern, Bettlern und Mimen,
Bettelschmarotzer und alles, was solches Geschmeiß wir benennen,
seufzen vor Kummer und bangen; denn tot ist der Sänger Tigellius.
War er doch freigebig einst! Doch jener, der fürchtet, man nenne
ihn gar verschwenderisch, weigert dem Notleidenden Freunde die Hilfe,
wenn er vor Frost und vor Hunger beinahe den Geist aufzugeben.
Fragst du den anderen, warum er das Erbe des Vaters und Opas
schändlich verschleudert im gierigen Bauch, wenn er teuer die Speisen
kauft mit geliehenem Geld, bloß um nicht für einen Geizhals
oder einen Versager zu gelten: Er gibt dir die Antwort.
Hier wird er gelobt, dort gescholten. Der Reiche, Fufidius, zittert,
gilt er als Wüstling und Lump, da er Wucher mit Zinsen verlangt stets;
fünfzehn Prozent drückt er ab, und je ärger die Not eines Menschen,
desto gewaltiger presst er ihn aus; er lauert auf Söhne,
welche die Toga erst tragen und zitternd vor strengen Vätern.
„Großer Jupiter!“ ruft man entrüstet, sobald man das hörte.
„Doch was er selber verbraucht, das ist wohl für ihn das Geringste?“
Kaum ist es zu glauben, wie sehr er sich selbst seine Freude verwehrt dann;
schlimmer noch quält er sich selbst, als der Vater, von dem uns Terenz weiß,
wie er als Elender lebte, verstoßen vom eigenen Sprössling.
„Wohin zielt das?“ wirst du fragen. Dahin: Wenn die Toren die Fehler
meiden, so stürzen sie Hals über Kopf in die Gegenteile.
Maltinus wandelt einher mit zu langen Gewändern; ein anderer
rafft sie bis oben hinauf, dass man sieht, was man besser verbürge.
Rufillus duftet nach Pastillen, Gargonius stinkt nach dem Bocke:
Nichts gibt es in der Mitte. Da gibt es die einen, die niemals
Frauen berühren, die nicht ihre Knöchel mit Kleidern bedecken,
andere wieder begehren nur die, die im Bordell sich anbieten.
Als ein bekannter Mann aus dem Hurenhause dort hervorkam,
sprach der göttliche Cato: „Sei tapfer in deiner Tugend!“
„Denn sobald die Natur vom verderblichen Lüste entbrannt ist,
ist es nur recht, wenn die Jugend hierher ihren Drang einmal ableitet,
statt fremde Ehen zu schänden.“ – „Ich danke für solches Lob nicht“,
spricht Cupiennius, der nur das „weiße“ Vergnügen bewundert.
Doch hört zu, ihr, die ihr nicht wollt, dass das Ehebrechertum glücke:
Wie sehr die Lust doch mit Schmerz und mit Qual sich erkaufen muss teuer,
wie sie nur selten gelingt unter ständigen, argen Gefahren!
Einer stürzte vom Dach, einer wurde zu Tode gepeitscht dort,
jener entwich einer Räuberbande und stürzte ins Verderben,
einer gab Geld für den Leib, einer ward von den Sklaven bespien noch;
ja, es geschah sogar, dass man manchem die Scham und das Glied dann
abstritt mit scharfem Eisen. „Zu Recht!“ sagen alle – Galba verneint es.
Sicherer aber ist wahrlich die Ware der zweiten Klasse,
nämlich die Freigelassenen. Sallustius ist in sie ganz rasend,
nicht weniger sehr als der, der die Ehe der Gattin beschmutzt dort.
Wäre er aber bescheiden und wollte mit Maß und mit Einsicht
gütig und freigebig sein, er gäbe, was nötig und nützlich,
ohne sich Schande zu bringen. Doch nur in dem einen verschanzt er
seine Moral: „Ich berühre kein Weib, das vermählt ist!“ – so Marsaeus,
der sein Vermögen und Haus für die Mimen verschwendet im Wahnsinn:
„Nichts habe ich je mit dem Weib eines anderen zu tun gehabt!“
Doch er hat es mit Mimen und Dirnen, wo Ruf und Vermögen
schneller als durch die Ehe verloren geht. Ist es denn wichtig,
ob du beim Weib oder bei der Sklavin dich sündigst im Dunkeln?
Villius, Schwiegersohn Sullas, in Fausta verliebt, ward betrogen
durch diesen Namen allein und zahlte die Strafe noch drüber,
wurde geschlagen und floh vor dem Eisen, vom Hause verwiesen,
während Longarenus dort drinnen verweilte. Hätte sein Geist ihm
jetzt, als er solches erlitt, wohl die Worte des Gliedes gesendet:
„Was willst du noch? Habe ich etwa von dir eine Frau erst verlangt, die
konsularischer Herkunft ist und im Stola-Gewande?“
Was hätte er wohl erwidert? „Sie ist aus vornehmem Hause!“
Doch wie viel Besseres lehrt uns die Natur, die an Reichtum uns schenkt, was
wir nur brauchen, wenn wir nur recht zu verteilen vermögen,
nicht das Verbotene suchen! Wenn du Durst hast, verlangst du nach goldenen
Bechern? Wenn Hunger dich plagt, verschmähst du das Einfache gänzlich?
Wenn deine Sinne entbrennen, hast du kein Mädchen zur Hand dann?
Willst du vor Spannung zerspringen? Ich nicht; denn ich liebe die Liebe,
die mir leicht und bereit ist. „Später vielleicht“ oder „teurer“
oder „wenn erst der Ehemann fort ist“ – das hören bei anderen viele.
Philodemus hingegen wünscht sich nur die, die nicht teuer
ist und nicht zögert, wenn man sie ruft. Rein und hübsch soll sie sein nur,
sich nicht schöneres scheinen, als die Natur es ihr gab dann.
Wenn sie sich mir hingibt, ist sie für mich wie eine Göttin;
ich nenne sie, wie ich will. Und ich fürchte nicht, dass der Gatte
plötzlich vom Felde erscheint, dass die Tür bricht, der Hund bellt,
dass das Haus von Getöse erbebt und die Frau blass und zitternd
aus dem Bette entflieht, um ihr Leben und ihre Mitgift bangend.
Schlimm ist es, wenn man ertappt wird – das würde selbst Fabius zugeben.
SERMON III
Jeder der Sänger, er trägt diesen Fehler, dass er im Kreise
Freundlicher Zecher den Wunsch zu singen, wenn man ihn bittet,
Niemals erfüllt, doch wird er nicht gebeten, so lässt er
Niemals vom Singen wohl ab. So war der Tigellius, Sardus.
Selbst wenn Caesar, der ihn wohl zwingen konnte, ihn bäte
Durch die Freundschaft zum Vater und durch die eigene Güte,
Nichts erreichte er da; doch war es ihm selbst in den Sinn schon
Kommen, so sang er vom Ei bis zum Apfel die ganze Zeit hindurch
„Io Bacchae“ vollauf, mal mit der Stimme, die oben
Klang, mal mit jener, die tief auf den Saiten der Leier ertönet.
Nichts war stetig an ihm: Er rannte oft so, wie ein Krieger
Flieht vor dem Feind, dann wieder, als trüge er Opfer der Juno.
Oft mit zweihundert Knechten, dann wieder mit zehn nur, spazierte
Er durch die Stadt; bald sprach er von Königen, großen Tetrarchen,
Alles nur Großes; dann wieder: „Mir reiche man einen dreifüß’gen
Tisch und ein Schälchen mit reinem Salz und ein Tuch, das die Kälte,
Wäre es auch noch so grob, mir abzuwehren vermöge.“
Hättest du hundertmal zehn der Sesterzen gegeben dem Knauser,
Der sich mit Wenigem begnügt, so war nach fünf Tagen wieder
Nichts in der Tasche ihm mehr. Er wachte bei Nacht bis zum Morgen,
Schlief dann den Tag lang durch. Nie war ein Mensch so ungleich sich selber.
Nun mag einer mir sagen: „Was aber ist mit dir? Hast du
Keinerlei Fehler?“ – O doch, wohl andere, vielleicht sogar klein’re.
Wenn ein Maenius hinter dem Rücken den Novius schmähte,
„He, du!“, sprach da ein And’rer, „erkennst du dich selber denn nicht mehr,
Oder hältst du uns für so blind, dass du uns zu belügen
Glaubst?“ – „Ich verzeih’ mir ja selbst“, gab Maenius schlagfertig Antwort.
Solch eine törichte Art ist ein Übel, das tadeln verdient wohl:
Während du selber mit triefenden Augen die Fehler der And’ren
Stets übergehst, warum schaust du so scharf auf der Freunde Verfehlungen,
Gleich wie der Adler, als wärst du die Schlange von Epidaurus?
Doch dir geschieht es entgegen, dass jene nun wiederum eifrig
Deine Fehler erforschen. Ist einer ein wenig zu reizbar,
Wenig begabt für die spitzen Nasen der Leute von heute,
Kann er verlacht doch werden, weil ihm die Toga vielleicht wohl
Schlechter geschnitten erscheint und der Schuh am Fuße so locker
Hängt: Doch er ist ein guter Mann, kein and’rer ist besser,
Er ist dein Freund, und ein riesiger Geist in dem Körper, der ungepflegt
Wirkt, wohnt tief in ihm. Prüfe also dich selbst einmal gründlich,
Ob die Natur oder auch die schlechte Gewohnheit dir einst schon
Laster eingepflanzt hat; denn auf vernachlässigten Feldern
Wächst nur das Farnkraut, das man verbrennen muss auf dem Acker.
Kommen wir lieber dazu, wie oft eines Liebenden Augen
Blind für der Freundin Fehler sind, oder diese ihm sogar
Wohlgefallen, wie etwa Balbinus der Polyp der Hagna.
Wollten wir doch in der Freundschaft auch so irren und diesem
Irrtum den ehrenvollen Namen der Tugend noch geben!
Wie ein Vater den Sohn, so sollten wir Freunde den and’ren
Fehler nicht tadeln. Nennt doch der Vater den Schielenden „fein nur“,
Oder den Kleinen, wenn’s Kind kaum wächst, ein „Hühnchen“, wie etwa
Sisyphus, als er einst früh zu früh aus dem Schoße gekommen;
Nennt er den krummbeinigen „varus“, den and’ren mit Fehlern
An den Gelenken „scaurus“. Wenn einer zu sparsam nun lebt, so
Soll er „ein Häuslicher“ sein; ist einer zu albern und prahlt ein
Wenig zu sehr, so verlange er doch, als „gewandt“ seinen Freunden
Geltung zu finden; ist einer zu hitzig und frei in der Rede,
Soll er als „einfach und tapfer“ gelten; ist er zu feurig,
Zähle man ihn zu den Starken. Ich glaube, dies eint uns, dies hält uns
Freunde zusammen. Doch wir verkehren die Tugenden selber,
Wollen das reine Gefäß mit Unrat beschmutzen. Ein ehrlicher
Mensch lebt unter uns, ein sehr bescheidener Mann: Ihn nennen
Wir einen Trägen und Dummen. Ein And’rer flieht alle Fallen,
Keinem Bösen die offene Flanke er jemals entblößet,
Wo wir in dieser Art von Leben uns bewegen, wo scharfer
Neid und wo Verleumdung gedeihen: Statt „klug und besonnen“
Nennen wir ihn nur „schlau und verschlagen“. Ist einer zu einfach,
So wie ich selber es oft dir, Maecenas, entgegengebracht habe,
Wenn du beim Lesen vielleicht oder schweigend: „Er stört uns, er hat wohl
Keinerlei Taktgefühl“, so sagen wir. Ach, wie wir leichtfertig
Gegen uns selber ein ungerechtes Gesetz noch erlassen!
Keiner wird ohne Verfehlungen ja in das Leben geboren;
Besteht doch der Beste darin, dass ihn wenigste Fehler belasten.
Wenn mein süßer Freund, wie es recht ist, meine Tugenden gegen
Fehler aufwiegt, so möge er, wenn ich nur mehr Gutes besitze,
Mehr geneigt mir zu sein: Auf diesem Gesetz in der Waage
Wird er gewogen. Wer fordert, dass man die Beulen der Eigenen
Nicht am Freunde bemerkt, der verzeihe die Warzen des And’ren:
Billig ist es, dass man, wer Verzeihung verlangt, auch verzeihe.
Schließlich: Weil man das Laster des Zorns nicht gänzlich beseit’gen
Kann und auch And’res, das sturen Köpfen hartnäckig anhaftet,
Warum nutzt dann nicht die Vernunft ihre eigenen Maße,
Straft das Vergehen genau nach dem Maß, wie die Sache beschaffen?
Wenn man den Sklaven, der nur auf Befehl die Schüssel abräumte,
Halbgegessene Fische und laue Soße noch naschte,
Gleich ans Kreuz schlüge – so stünde man über Labeo als Irrer.
Wie viel toller ist dies, wie viel größer das Unrecht! Ein Freund hat
Kleines gefehlt, und wenn du das nicht verzeihst, giltst du als
Unliebenswürdig: Du hasst und fliehst ihn wie Ruson den Schuldner,
Wenn an den traurigen Tagen der Kalenden der Arme nicht Zinsen
Oder die Münzen von irgendwo herholt und bitter ertragen
Muss, wie er mit gerecktem Halse sich Geschichten anhört.
Hat er das Lager vollgepinkelt nach Zechen oder die Schüssel,
Die von Euandros’ Händen poliert war, zerbrochen: Ist deshalb
Weil er, hungrig, vor mir das Hühnchen vom Teller mir wegnahm,
Er mir ein weniger angenehmer Freund? Was soll ich denn tun, wenn
Er einen Diebstahl beging oder Treue brach, ein Versprechen
Nicht hielt? Denen, die sagen, dass alle Fehler gleich seien,
Fehlt es am wahren Gefühl; Sitten und Leben widersprechen,
Und der Nutzen selbst, die Mutter von Recht und Gerechtigkeit.
Als die Geschöpfe der Welt erst aus der Erde gekrochen,
Stummes und garstiges Vieh, da kämpften sie um die Eicheln
Oder die Höhlen mit Nägeln und Fäusten, später mit Knüppeln,
Und dann weiter mit Waffen, die erst die Notwendigkeit schuf nun,
Bis sie Worte dann fanden, um Sinne und Laute zu deuten,
Namen zu bilden; und da hörten sie auf mit den Kriegen,
Bauten die Städte und setzten die Gesetze, auf dass kein
Räuber noch Dieb noch ein Ehebrecher sei. Denn vor Helena war schon
Die Frau das furchtbarste Grund für den Krieg; doch vergingen in namlos
Tödlichem Kampf jene and’ren, die, wie das Vieh, um der Liebe
Recht sich mit Gewalt ein Weib stahlen, bis dort der Stärkere,
Wie in der Herde der Stier, sie schlug. Du musst also sagen,
Dass man die Rechte erfand aus Furcht vor dem Unrecht, wenn du
Zeiten und Fasten der Welt aufschlagen willst. Die Natur kann
Nicht das Gerechte vom Ungerechten unterscheiden, so wie sie
Gutes von Bösem, zu Fliehendes von dem Begehrbaren trennet,
Und die Vernunft wird nicht siegen, dass einer genauso viel fehle,
Der die zarten Kohlköpfe fremder Gärten zertreten,
Wie der, der nachts die heiligen Dinge der Götter gestohlen.
Es gebe ein Maß, das Sünden mit gleicher Strafe belege,
Dass man nicht den, der den Stock nur verdient, mit der Peitsche malträtiert.
Dass du mit Ruten nicht schlägst, wer Größeres eigentlich sühnen
Sollte, das fürcht’ ich nicht, wenn du sagst, dass Diebstahl und Raub doch
Dasselbe seien und drohst, mit der gleichen Sichel zu mähen,
Wenn man die Herrschaft dir gäbe.
„Wenn ein Reicher, der weise ist, auch noch ein guter Schuster,
Einziger Schöner und König ist, warum begehrst du, was du hast?“ –
„Du verstehst nicht, was der Vater“, so sagt er, „Chrysippus uns lehrte:
Der Weise fertigte niemals für sich die Schuhe, noch Sandalen,
Ist doch der Schuster ein Weiser!“ – „Wie das?“ – „Wie Hermogenes schweigt zwar,
Doch er ein Sänger bleibt und ein trefflicher Spieler; wie Alfenus
Vafer, das Werkzeug beiseite gelegt und den Laden verschlossen,
Schuster doch blieb: So ist der Weise der beste in allem
Handwerk, der einzige König.“ – Die lümmelhaften Buben
Zupfen dir nun am Bart, und wenn du sie nicht mit dem Stock schlägst,
Wirst du vom Haufen bedrängt, der rings um dich steht, und du brüllst und
Kläffst, oh du Größter der Könige, wie ein Verzweifelter!
Um es kurz zu machen: Während du als König zum Bade
Gehst, ohne einen Begleiter, außer Crispinus, der dir
Folgt, und meine süßen Freunde mir dann verzeihen,
Wenn ich als Tor einen Fehler beging, und ich ihre Fehler
Wiederum gerne ertrage: So werde ich, als ein Privater,
Mehr als du, König, selig mein Leben genießen.
SERMON IV
Eupolis, alter Cratinus und auch Aristophanes, Dichter,
Ja, wer sonst noch als Meister der alten Komödie galt hier,
Markierten jeden, der würdig der Schilderung war, weil
Schlecht er als Dieb, als Ehebrecher oder als Mörder
Oder durch andres verrucht war – mit größter Freiheit des Wortes.
Von ihnen hängt Lucilius ab, ist er ihnen gefolgt nur,
Änderte bloß den Rhythmus und Takt, doch gewandt und begabt mit
Feinerer Nase, wenngleich er schwer nur die Verse zusammen-
Fügte. Denn darin war er fehlerhaft: Oft in der Stunde
Diktierte er, als sei es Großes, zweihundert Verse,
Stand dabei auf einem Fuß. Wenn er schlammig dahinfloss,
War dort manches, was man lieber gestrichen gewollt hätt’;
Redselig, aber zu träge, die Müh’ des Schreibens zu tragen,
Echten Schreibens: Auf Menge, nicht Wert, lege ich keinen Wert. Doch
Crispinus fordert mich heraus mit Geringem: „Komm, nimm, wenn
Du willst, meine Tafeln; man gebe uns Ort und die Stunde,
Wächter dazu; wir wollen sehen, wer mehr kann schreiben.“
Götter sei Dank, dass sie mich als armen und schlichten Geistes
Formten, der selten und wenig nur spricht; du hingegen
Suchst zu imitieren – wie du es vorziehst –, was eingeschlossen
In Ziegenbälgen nach Luft ringt, bis das Eisen der Funke
Weich macht. Selig ist Fannius, der freiwillig Kapseln und Bildnis
Niederlegt, während niemand meine Schriften doch liest und
Ich vor der Menge aus diesem Grund zu rezitieren mich scheue,
Weil es Leute gibt, denen dies Genre gar nicht gefällt, da
Viele den Tadel verdienen. Such irgendwen aus der Menge:
Entweder quält ihn Geiz oder elendes, eitles Streben.
Jener ist wahnsinnig wegen der Lieb’ zu den Frauen, ein andrer
Brennt für die Knaben; den einen besticht der Glanz von Metallen;
Albius staunt vor dem Kupfer; ein andrer vertauscht seine Waren
Dort, wo die Sonne aufgeht, bis zu dem Ort, wo die Abend-
Gegend erwärmt wird; er stürzt durch Gefahren kopfüber dahin, gleich
Staub, den ein Wirbelwind aufwirbelt, fürchtend, vom Ganzen
Etwas zu verlieren, oder gierig, den Reichtum zu mehren.
Alle fürchten die Verse, sie hassen die Dichter. „Er trägt ja
Heu an den Hörnern“, heißt es, „flieh weit weg! Wenn er nur ein Lachen
Locken kann für sich selbst, wird er keinem Freunde verschonen,
Und was er einmal auf Papier niedergekritzelt hat, das will
Jeder, der wieder vom Ofen kommt oder vom Brunnen,
Jeden Knaben und jede Greisin wissen lassen.“
Wohlan, nimm einiges Wenige nun zum Gegenschlag an.
Erstlich will ich mich selbst aus der Zahl jener Dichter herausnehmen,
Denen ich Dichtung zugestehe; denn bloß das Ende
Eines Verses zu schließen, reicht nicht; und wenn einer schreibt, das
Sprechen so ähnlich wie ich, darfst du ihn nicht Dichter nennen.
Wer Begabung besitzt, wessen Geist göttlicher ist und wer mit
Starker Stimme zu klingen vermag, dem gib dieser Ehre
Namen. Darum fragten manche, ob das Werk der Komödie
Dichtung sei oder nicht, weil es fehlt an dem scharfen Geiste
Und der Kraft in den Worten wie Sachen, außer dass es mit festem
Fuß sich vom Sprechen unterscheidet, sonst ist es nur Sprechen.
„Doch der Vater, der brennt vor Zorn, weil der Enkel im Wahnsinn
Wegen der Buhle die Frau mit der großen Mitgift verweigert,
Betrunken, und – ein gewaltig’ Schandmal – vor Einbruch der Nacht mit
Fackeln umherzieht.“ – Würde Pomponius, lebte der Vater
Noch, etwa weniger hören als dies? Es genügt also nicht, nur
Reine Verse mit Wörtern zu füllen; wenn du sie auflöst,
Würde ein jeder sich ebenso aufregen, wie der verkleidete
Vater. Wenn du die Zeiten und Taktmaße raubst, die ich jetzt, die
Einst Lucilius schrieb, und die Wörter, die vorne im Bau erst
Standen, nun hinten versetzt und die letzten nach vorne verschiebst, dann
Findest du nicht – wie wenn du das „Nachdem die abscheuliche Zwietracht
Eisern die Pfosten des Krieges und Tore zerschlagen“ auflöst –
Noch die Glieder des Dichters, die auseinandergefallen.
Soweit dazu; ob es Dichtung sei, ist ein andres.
Nun will ich nur eines fragen: Ist dieses Genre des Schreibens
Rechtmäßig dir verdächtig? Sulgius scharf und Caprius gehen
Rau vor Wut mit den Schriften umher, ein Grauen für Diebe;
Doch wer rechtschaffen lebt und mit reinen Händen, verachtet
Beide. Dass du vielleicht wie die Räuber Caelus und Birrus
Wärst, das bin ich nicht, auch nicht Caprius oder Sulgius: Warum
Fürchtest du mich? Meine Bücher soll weder im Laden noch an der
Säule man finden, wo Schweiß der Menge und Hermogenes Tigellius
Drüberkommt, noch rezitiere ich’s irgendwem außer Freunden,
Und dies nur gezwungen, nicht überall oder vor jedem Beliebigen.
Manche rezitieren auf öffentlichem Marktplatz, viele auch beim
Baden: Der eingeschlossene Raum lässt die Stimme so süß klingen.
Das freut die Eitlen; sie fragen nicht, ob es ohne Verstand sei,
Ob zur falschen Zeit. „Du liebst es zu verletzen“, so heißt es,
„Und tust das böswillig.“ Woher nimmst du diese Behauptung
Gegen mich? Ist etwa einer der Männer mein Zeuge, mit denen
Ich gelebt habe? Wer den Abwesenden beißt, wer den Freund nicht
Schützt, wenn ein andrer ihn tadelt, wer freies Gelächter der Leute
Jagt und den Ruhm eines witzigen Kopfs, wer Dinge erfinden
Kann, die er niemals sah, wer Schweigen nicht wahren kann: Der ist
Schwarz in der Seele, den, Römer, meide! Oft magst du bei einem
Gastmahl an drei Betten zu vieren speisen sehen, und einer
Davon liebt es, alle mit Schmutz zu bespritzen, außer dem Gastgeber;
Nachdem dieser getrunken, und wenn der wahrhaftige Liber
Offenbart, was verborgen im Herzen liegt: Dieser scheint dir
Dann wohl umgänglich und fein und frei, mir aber als schwarze
Seele. Wenn ich nun lachte, weil der albere Rufillus so sehr nach
Pastillen riecht, Gargonius aber nach Ziegenbock, wirke
Ich beißend und neidisch auf dich? Falls ein Gespräch über die
Diebstähle des Petillius Capitolinus vor dir geführt wird,
Würdest du ihn doch verteidigen, wie es deine Art ist:
„Der Capitolinus ist seit der Kindheit mein Freund und Gefährte,
Vieles hat er auf meine Bitte hin getan, und ich freue mich,
Dass er unversehrt in der Stadt lebt; dennoch bewundre ich,
Wie er jenem Gericht entging.“ – Das ist der Saft der Tintenfische,
Das ist die blanke Vergiftung; dieses Laster soll fern von
Meinem Papier sein, und erst recht von meinem Gemüt, das versprech’ ich,
Wenn ich von mir sonst etwas Wahres geloben kann. Wenn ich freier
Einiges sagte, wenn etwas scherzhafter, so gib mir mit Nachsicht
Das Recht: Mein bester Vater erzog mich dazu, dass ich durch Beispiele
Laster meide, indem ich sie kennzeichne. Wenn er mich mahnte,
Dass ich sparsam und genügsam lebe von dem, was er mir selbst
Einst erworben: „Siehst du nicht, wie schlecht der Sohn des Albius
Lebt, und der arme Baius? Ein großes Zeugnis, damit man
Nicht sein väterliches Erbe verschleudern will.“ Und wenn er mich
Von der schmählichen Liebe zu Dirnen abhielt: „Sei nicht wie Scetanus.“
Dass ich nicht Ehebrecher sei, da ich erlaubte Lust finden
Konnte: „Der Ruf des ertappten Trebonius ist nicht der schönste“,
Sagte er. „Ein Weiser wird dir die Gründe nennen, was besser
Sei zu meiden oder zu suchen; mir reicht es, wenn ich den Brauch,
Den die Ahnen uns gaben, bewahre und dein Leben und deinen
Ruf, solange du Wächter brauchst, unversehrt kann schützen;
Sobald das Alter deine Glieder und deinen Verstand dann
Stärkt, wirst du ohne die Schwimmblase schwimmen.“ So formte er mich
Als Kind mit Worten; wenn er mir etwas befahl zu tun, so
„Du hast ein Vorbild, wonach du das tun kannst“, hielt er mir einen
Der ausgewählten Richter vor; wenn er es verbot, „Ob dies
Etwas Unredliches ist und nutzlos zu tun, oder nicht,
Zögerst du noch, wenn dieser und jener im bösen Gerede brennt?“
Wie das Begräbnis des Nachbarn die Kranken vom Essen abschreckt
Und sie vor Angst vor dem Tod zwingt, sich zu schonen, so schrecken
Oft die Schimpfereien der anderen zarte Seelen ab
Von den Lastern. So bin ich gesund von all jenen Fehlern,
Die ins Verderben stürzen, und hafte nur an den kleinen,
Denen du vielleicht verzeihst. Vielleicht hat mir davon auch
Langes Alter viel abgenommen, ein freier Freund, das eigene
Überlegen; denn wenn mich das Bettchen oder die Säulenhalle
Aufnimmt, bin ich nicht untätig: „Dies ist richtiger; tue ich
Dies, lebe ich besser; so werde ich Freunden gefallen; das macht
Jener nicht fein: Werde ich ihm wohl unbedacht einst auch
Ähnliches nachtun?“ Das überlege ich mir mit gepressten
Lippen; wenn mir etwas Freizeit gegeben ist, spiel’ ich mit
Schriften. Das ist einer jener kleinen Fehler; wenn du mir
Den nicht zugestehen willst, so möge ein großes Heer von Dichtern
Mir zur Hilfe kommen – denn unserer sind bei weitem mehr –,
Und wie die Juden werden wir dich zwingen, dich dieser Menge
Anzuschließen.
SERMON V
Aricia, klein doch mit freundlichem Gastmahl, empfing mich, nachdem ich
Groß-Rom endlich verließ; als Begleiter der Rhetor Heliodor,
Kenner der griechischen Lehren, der Weiseste weit und breit. Dann
ging es nach Forum Appii, voll mit Schiffern und listigen Wirten.
Faul wie wir waren, teilten wir uns die Strecke, die andre, die rüstig
schneller zu Fuß, an einem Tag schafften; die Appische Straße
ist für die Langsamen minder beschwerlich. Ich aber sagte
wegen des Wassers, das grässlich schmeckte, dem Bauch den Kampf an,
wartete grollend auf meine Gefährten. Da fing nun die Nacht an,
Schatten auf Erde zu breiten und Sterne am Himmel zu zünden.
Knaben schrien nun die Schiffer an, Schiffer antworteten fluchend:
„Hierher anlegen!“, „Ihr ladet zu viele!“, „Genug jetzt, ihr Leute!“
Während man Geld nun eintrieb und Maultiere band, verging eine
Stunde. Die Mücken und Frösche, die Plage, sie raubten den Schlummer.
Schiffer und Reisende, berauscht von dem Wein, der schon umgekippt war,
sangten vom fern sich die Liebsten im Wechsel. Der Reisende schließlich,
müde, begann einzuschlafen; der Schiffer, der Träge, die Maultier-
leinen am Stein nur befestigte, ließ es weiden und schnarchte.
Schon war der Tag angebrochen, doch merkten wir: Nichts kam vom Fleck mehr,
bis einer, jähzornig, aufsprang und mit dem Weidenstock wütend
Maultier und Schiffer auf Kopf und auf Lenden gehörig bearbeitete.
Kaum zur vierten Stunde erst konnten wir endlich aussteigen.
Dann, Feronia, wuschen wir Hände und Antlitz im Quell dir.
Nach dem Frühstück krochen wir weiter drei Meilen, bis Anxur,
welches auf weißen Felsen weit in die Lande hinaufschaut.
Dorthin sollte Maecenas kommen und Cocceius, beide
Botschafter, groß in den Dingen, geschickt, um Freunde zu einen,
die sich zerstritten. Hier musste ich mir die entzündeten Augen
schmieren mit Salbe. Bald kam nun Maecenas und mit ihm Cocceius,
sowie Capito, Fonteius auch, ein Mann, wie man ihn selten
findet, dem Antonius treu wie kein zweiter auf Erden.
Fundi ließen wir fröhlich zurück mit dem Praetor Aufidius,
lachend über den Hochmut des Narren, die Insignien, die er
trug: die Toga, den breiten Purpurstreifen, die Pfanne.
Müde dann nächtigten wir in der Stadt der Mamurren; Murena
bot uns das Haus, die Küche bereitete freundlich Capito.
Hell brach der nächste Tag an, der schönste von allen; denn Plotius,
Varius, ja Vergil trafen in Sinuessa uns wieder –
Seelen, so rein und so edel, wie keine die Erde je trug, und
keiner ist ihnen an Treue so innig verbunden wie ich nun.
Welche Umarmung, welch große Freude! Solang ich bei Sinnen,
würd' ich den köstlichen Freund wohl niemals gegen was andres
tauschen. Das Dörfchen am kampanischen Brückenbau bot uns ein Dach dann
und die Verwalter das Nötige: Holz und das Salz für die Speisen.
Von dort aus wurden die Maultiere früh in Capua abgeladen.
Maecenas ging zum Ballspiel, Vergil und ich uns zur Ruhe;
denn für die kranken Augen und Mägen ist Ballspiel schädlich.
Weiter dann nahm uns das Haus des Cocceius auf, das dort oben
über den Schenken von Caudium liegt. Nun, Muse, erzähle
kurz von dem Streit, wie Sarmentus, der Schmarotzer, und Messius Cicirrus
einander beschimpften, wer ihre Ahnen und wer ihre Väter.
Messius stammte vom edlen Oskergeschlecht; von Sarmentus
lebt noch die Herrin. Von diesen Ahnen her kamen sie beide,
um sich zu duellieren. Zuerst Sarmentus: „Du gleichest,
sag ich, einem wilden Ross!“ Messius lachte und schüttelte
seinen Kopf: „Ich nehm' es an!“, und er wieherte. „Wenn nur das Horn dir
nicht auf der Stirne geschnitten wär“, sprach er, „was würdest du tun, wenn
du schon so als Verstümmelter drohst?“ Denn eine hässliche Narbe
hatte die borstige Stirn über seinem linken Auge entstellt.
Viele Späße machte er über die Krankheit, die campanische,
über das Antlitz; er solle doch endlich den Hirten Kyklopen
tanzen: Er brauche dazu weder Larve noch tragische Schuhe.
Cicirrus hielt dagegen: Ob er die Kette schon wohl als
Weihgeschenk für die Laren gebracht habe, fragte er spöttisch;
dass er ein Schreiber sei, mindere nicht der Herrin sein Recht wohl;
schließlich fragte er ihn, warum er jemals geflohen sei, da ihm
doch ein Pfund Mehl genüge, so klein und so mager wie er sei.
Wir amüsierten uns köstlich bei diesem Gastmahl am Abend.
Geradeaus ging es nun nach Benevent; der bemühte Wirt dort
wäre fast selbst verbrannt, als er in der Glut kleine Drosseln
wendete. Denn durch die alte Küche, weil eine Flamme entwich, schlug
Vulkan, gierig und heiß, bis hinauf zum höchsten der Dächer.
Man sah, wie hungrige Gäste und Diener das Mahl sich zu retten
suchten und jeder nun schnell das Feuer zu löschen begehrte.
Von dort an fing Apulien an, mir die Berge zu zeigen,
die der Atabulus sengt; wir wären dort niemals hinaufgekommen,
hätte uns nicht in der Nähe Trivici ein Landhaus empfangen,
das uns mit beißendem Qualm aus dem Herd, wo feuchtes Geäst dann
brannte, die Augen mit Tränen füllte.
Hier wartete ich, der größte Tor, bis zur Mitte der Nacht auf
ein falsches Mädchen; doch Schlaf übermannte mein Sehnen;
Träume, in hässlichen Bildern, befleckten mein Nachtgewand und
meinen ruhenden Leib.
Vierundzwanzig Meilen von dort aus wurden wir mit dem Wagen
weitergezerrt; wir nächtigten in einem Städtchen, dessen Namen
man nicht im Vers unterbringen kann; doch an Zeichen erkennt man
es leicht: Das Wasser ist billig, doch ist das Brot dort bei weitem
das Beste, sodass der kluge Wanderer sich einen Vorrat
schultert. In Canusium ist das Brot zwar hart und das Wasser
nicht gerade besser – ein Ort, den einst Diomede gründete.
Unter Tränen verließ uns Varius hier, von den Freunden Abschied
nehmend. Wir kamen nach Rubi, erschöpft nach der langen Reise,
die durch den Regen noch schwieriger wurde. Der nächste Tag war
besser, der Weg jedoch schlechter, bis hin zu den Mauern von Barium,
reich an Fischen. Dann Gnatia, erbaut unter zornigen Nymphen,
gab uns den Anlass zum Lachen, als man uns weismachen wollte,
dass auf der heiligen Schwelle der Weihrauch ohne ein Feuer
schmelze. Das glaube der Jude Apella, ich sicher nicht; denn
Götter, so lernte ich, führen ihr Leben in völliger Ruhe,
und wenn die Natur etwas Staunendes wirkt, so senden die Götter
dies nicht traurig vom hohen Himmel herab zu den Menschen.
Brundisium ist das Ende der Reise und meines Gedichtes.
SERMON VI
Maecenas, nicht weil aus dem Volk der Etrusker gebürtig
Keiner vornehmer noch wäre als du, oder weil dir der Ahne,
Mütterlich wie auch väterlich, einst vor mächtigen Heeren
Befehl gab – wie meist es geschieht –, verziehst du die Nase
Über die Fremden hinweg, so wie mich, den Sohn eines Freien.
Wenn du verneinst, dass es wichtig sei, welcher Vater uns zeugte,
Solange nur frei wir geboren, so sagst du dir wahrlich:
Schon vor dem Machtwort des Tullius, der in niederen Schranken,
Oft schon haben doch Männer, die ganz ohne Ahnen entsprossen,
Redlich ihr Leben geführt und mit hohen Ehren geglänzt auch;
Während Laevinus, des Valerius Spross, durch den einst der Verstoßne,
Superbus, floh aus dem Reich, bei dem Volk, dem Richter, den du kennst,
Nicht einmal einen As wert war, da jenes, das töricht
Ehren oft Unwürd'gen gibt, nur dem Ruhm und dem Glanze verfällt,
Starr auf der Ahnen Bildnisse blickt. Was sollten wir tun dann,
Die wir dem Treiben der Menge so fern, so fern schon entwachsen?
Denn gesetzt, dass das Volk dem Laevinus die Ehren wohl eher
Gäbe als Decius, dem Neuen, und Appius, wäre ich Censor,
Mich wohl verdrängte, weil nicht ich aus freiem Vater geboren:
Wohl verdient! Denn ich hätte ja dann nicht in eigener Haut Ruh'.
Doch es entführt das strahlende Glück im gefesselten Wagen
Ebenso Fremde wie Vornehme. Was half es dir, Tillius, dennoch,
Wieder das Bündel der Macht zu ergreifen als Tribun des Volkes?
Neid wuchs dir nur, der, wärst du privat, wohl geringer gewesen.
Denn wer immer im Wahnsinn das Bein mit dem schwarzen Riemen
Schnürt und den breiten Streifen auf der Brust zur Schau trägt,
Hört doch sofort: „Wer ist dieser Mann? Aus welchem Geschlecht er?“
Wie wenn einer erkrankt, so wie Barrus, an jener Krankheit,
Und nun begehrt, man soll ihn für schön halten, überall hin geht,
Dass die Mädchen nur suchen und forschen, welch Antlitz, welch Wade,
Welcher Fuß, welcher Zahn, welches Haar er wohl habe – so zwingt auch
Jeder den Sterblichen, wenn er verspricht, er sorge für Bürger,
Sorge für Rom, für Italiens Reich und die Tempel der Götter,
Dass man nun forscht: Aus welchem Vater ist dieser entsprossen,
Ist eine unbekannte Mutter vielleicht sein Makel?
„Du, der Sohn eines Dama, des Syrers, du wagst nun zu fordern,
Bürger vom Felsen zu stürzen oder an Cadmus zu liefern?“
„Doch Novius, mein Kollege, der sitzt einen Grad nur hinter,
Denn er ist das, was mein Vater war.“ – „Meinst du, dass du nun Paulus
Oder Messalla bist? Doch dieser, wenn zweihundert Karren
Zusammen mit drei großen Leichenzügen sich stauen im Forum,
Tönt, dass er Hörner und Trompeten übertönt; das hält uns bei Laune.“
Nun kehre ich wieder zu mir, dem Sohn eines Freien, den alle
Zerren, weil ich nun, Maecenas, dein Tischgenosse bin heute,
Wie sie mich einst wohl zerrend zerfetzten, weil damals ein Römer-
Heer mir befohlen, als ich Tribun war. Das ist doch ganz anders:
Nicht wie man Neid auf mein Amt wohl hegen kann, hegt man ihn auch
Auf meine Freundschaft zu dir, der du sorgsam die Würd'gen dir aussuchst,
Frei von verkehrter Ehrsucht. Ich kann mich nun wahrlich nicht glücklich
Preisen, dass ich dich durch Zufall als Freund mir erworben;
Keinerlei Schicksal hat mich dir gebracht: Der vortreffliche Vergil,
Dann nach ihm Varius sagten dir einst, wer ich war. Als ich vor dich trat,
Stammelte ich nur ein wenig – die kindliche Scheu ja verbot mir,
Mehr zu berichten –, ich sagte nicht, dass ich aus edlem Vater,
Dass ich auf eigenem sullanischen Ross die Güter durchreiste,
Nein, ich erzählte, wer ich war. Du antwortest, wie deine Art ist,
Weniges; ich ging, und neun Monate später riefst du
Mich in den Kreis deiner Freunde. Das rechne ich hoch mir an, dass ich
Dir wohlgefalle, der du das Schlechte vom Guten nur trennst, nicht
Durch den Glanz des Vaters, nein, durch ein reines Leben und Herz.
Wenn mir ein Fehler nun oder zwei anhaften, Natur, die
Ansonsten recht ist, ähnlich als ob du bei edlem Körper
Sommersprossen nur tadlest – wenn niemand mich der Habgier
Zeigt, oder Schmutz, oder nächtliche Ausschweifung, wenn ich ein reiner,
Frei von Schuld bin, wenn ich Freunden lieb bin: So ist dies alles
Meines Vaters Verdienst. Der wollte, auf kargem Grundstück,
Nicht mich zur Schule des Flavius schicken, wohin die Großen,
Söhne von großen Centurionen, die Ranzen und Tafeln
Links an den Arm sich hängend, zur Schule gingen und monatlich
Ihren Sold in Kupfermünzen entrichteten, sondern
Wagte es, mich als Jungen nach Rom zu bringen, die Künste
Dort zu erlernen, die jeder Ritter und Senator wohl lehrt.
Wer die Sklaven gesehen, das Gewand, wie es in großer Menge
Sich schickt, der hätte geglaubt, es entstammten diese Ausgaben
Mir aus geerbtem Reichtum. Er selbst war mein treuester Wächter,
Bei den Lehrern stets präsent. Was viel sagen? Er wahrte mein Schamgefühl,
Den ersten Schmuck der Tugend, vor jeder Handlung, ja, vor
Jedem Schandfleck; er fürchtete nicht, dass man ihm es dereinst
Als Vorwurf auslege, wenn ich als Ausrufer oder, wie er war,
Als Einnehmer kleinliche Gelder einst wohl verdiente;
Ich hätte nicht geklagt. Doch jetzt gebührt ihm mehr Lob und mehr Dank mir.
Nichts soll mich reuen, bei gesundem Geist, solch Vaters; und deshalb
Nicht, wie die Menge, die leugnet, dass das, was sie tat, ihre Schuld sei,
Dass sie nicht freie und glänzende Eltern hat, werde ich mich
Nun verteidigen. Fern liegt meine Stimme, mein Denken von jenen.
Denn wenn die Natur geböte, von gewissen Jahren an rückwärts
Jeden Lebenslauf noch einmal zu gehen, und dass jeder
Sich nach seinem Stolz die Eltern erwählen dürfe, so bliebe
Ich, mit meinen zufrieden, und wollte nicht, dem Urteil des Volkes
Folgend, die Ruten und Stühle der Macht mir nehmen, wie einer,
Der von Sinnen ist; du, du nennst es wohl gesund, dass ich jenes
Lastende Amt, das ich niemals gewohnt war, nicht tragen wollte.
Denn mir müsste sogleich wohl Größeres gesucht werden, mehr noch
Gegrüßt, mehr Begleiter mitgeführt, damit ich niemals alleine
Oder auf Land oder fernher reise; mehr Sklaven und Pferde
Müssten ernährt werden, Kutschen wohl auch. Doch nun kann ich reisen,
Wenn es beliebt, bis nach Tarent auf dem kümmerlichen Maultier,
Dessen Rücken der Sack mit der Last wund reibt und der Reiter die Flanken.
Keiner wird Geiz mir vorwerfen, wie dir, Tillius, wenn du auf dem Wege
Nach Tibur als Praetor von fünf Sklaven stets bist begleitet,
Die den Nachttopf und den Weinkrug tragen. Das lebe ich doch weit
Bequemer als du, du herrlicher Senator, in tausend
Dingen mehr. Wo es mich lüstet, gehe ich alleine,
Frage, was Kohl kostet und Mehl, durchstreife das Forum
Oft am Abend, wenn es trügt, sehe zu bei den Wahrsagern, kehre
Dann heim zu meinem Teller mit Lauch, mit Kicher und Teigwaren.
Das Mahl wird von drei Sklaven gereicht, und ein weißer Stein trägt
Zwei Becher und eine Kelle, dazu steht ein billiger Krug,
Dazu ein Napf und ein Ölfläschchen, kampanisches Geschirr.
Dann geh ich schlafen, nicht sorgenvoll, weil ich morgen zur Frühstund'
Aufstehen müsste, zum Marsyas-Bild, das von sich behauptet,
Dass es das Antlitz der jüngeren Novier nicht zu ertragen vermöge.
Bis zur vierten Stunde lieg ich, dann streif ich umher, oder les ich,
Oder schreib ich, was mich still erfreut, salbe mich mit Öl,
Nicht mit dem Öl, das Natta stiehlt aus den Lampen. Doch wenn mir
Die heißere Sonne zu müde macht und zum Bade mich treibt,
Flieh ich das Campusfeld und das Ballspiel. Mäßig gegessen,
Nur so viel, dass der Bauch nicht den Tag lang hungert, genieße ich
Die häusliche Ruhe. Das ist das Leben von jenen, die frei sind
Von schwerer, elender Ehrsucht. Damit tröste ich mich, dass ich
Süßer wohl lebe, als wenn Quästor, Vater oder mein Oheim
Schon vor mir gewesen wären.
Wie der hybride Rupilius, König genannt, durch das Gift und
Gallenbittere Schlimme, das Persius ausgoß, bestraft ward,
ist, wie ich meine, bei jedem mit tränenden Augen, bei jedem
Scherer, so weit sie auch sind, hinlänglich zur Genüge bekannt schon.
Persius, reich durch Geschäfte, die weit er in Clazomenae
führte, hatte mit jenem, dem König, die mühsame Fehde;
hart war der Mann, und er konnt’ an Gehässigkeit selbst noch den König
übertreffen, voll Dünkel und Trotz, von so beißender Zunge,
dass er im Reden Sisennas und Barros mit Rossen, den weißen,
weit hinter sich schon ließ. Doch zurück zum König: Nachdem nun
nichts zwischen beiden zustande gekommen – so sind sie doch alle
rechtlich verhasst, wenn der Streit sie wie Tapfere, welche einander
feindlich begegnen, ergreift: Zwischen Hektor, dem Sohne des Priamos,
und dem mutigen Achilles war Zorn bis zum Tode entbrannt, und
nichts als das Ende durch Mors konnte sie endlich entzweien,
nur aus dem einen Grunde, weil Tugend in beiden von höchster
Art war; wenn aber Zwietracht zwei Feige, zwei ungleiche Kräfte
paart, wie bei Glaukos dem Lykier und Diomedes, da geht schon
einer als Schwächerer ab, wenn er freiwillig Gaben entsendet.
Als nun Brutus als Prätor das reiche Asien lenkte,
ficht dort das Paar, dieser Rupilius gegen den Persius, besser
könnte kein Kampf, wie der Bithus und Bacchius, jemals bestehen.
Beide stürmen zum Richter, ein großes Spektakel für alle.
Persius trägt seine Sache dort vor; die Versammlung entbricht in
Lachen; er lobt seinen Brutus und preist die Begleitung, er nennt ihn
Asiens Sonne und nennt die Begleiter die heilbringend’ Sterne,
nur den Rupilius nicht; der sei wie der Hund, der den Bauern
als das verhasste Gestirn gilt, herbeigekommen; er plätscherte
weiter wie ein winterlich’ Fluss, wo das Beil nur selten sich findet.
Dann der Mann aus Praeneste, auf den mit dem salzigen, reichlich
fließenden Schimpfwort der Grieche losging, er schleudert zurück ihn,
wie ein hartnäckiger, unüberwund’ner Winzer im Weinberg,
dem wohl mancher Wanderer wich, wenn er „Kuckuck“ ihm zuschrie.
Doch der Grieche, nachdem er mit italischer Essigflut übergossen,
ruft: „Bei den Göttern, o Brutus, ich bitt’ dich, der du die Könige
stürzen zu pflegen gedenkst: Warum bringst du diesen König
nicht um? Dies Werk, glaub’ mir, ist eines der deinen am würdigsten.“
SERMON VII
Einst war ich Stamm eines Feigenbaums, ein nutzloses Holzstück,
Bis der Schnitzer, im Zweifel, ob er mir die Bank oder den Gott selbst,
Priapos, schnitzen sollte, beschloss, dass ich Gott sein solle.
Gott ward ich da, nun der Schrecken für Diebe und Vögel vor allem:
Denn die Diebe bezähmt meine Rechte, der rötliche Holzpflock,
Der aus schändlichem Schoss sich erhebt, und die Vögel, die frechen,
Jagt meine Rute, am Scheitel befestigt, vom Garten fern fort.
Hierher trug man früher in engen und elenden Zellen
Leichen hinaus, die der Sklave im billigen Kasten noch fortschleppt;
Dort war ein Grab für die Armseligen, allen gemein als Stätte.
Pantolabus, der Possenreißer, und Nomentanus, der Wüstling,
Hielten dort tausend Fuß an der Front, in der Tiefe dreihundert
Hielt noch der Grenzstein, damit er nicht an die Erben sich wende.
Heute darf man nun dort auf dem Esquil hübsch wohnen, gesund noch,
Wandeln auf sonnigem Wall, wo die Leute vor kurzem die tristen,
Weißen Gebeine der Toten auf schaurigem Felde noch sahen.
Nicht nur die Diebe und Tiere, die sonst diesen Ort mir beschwerten,
Sind mir als Sorge und Arbeit gegeben, nein, auch die Hexen,
Die mit Gesängen und Giften die Geister der Menschen verwirren:
Keine von ihnen kann ich verjagen, sie hindern am Wirken,
Sobald der wandelnde Mond sein schönes Gesicht uns enthüllet,
Sammeln sie Kräuter und Knochen, die schädlichen, unter dem Schimmer.
Selber sah ich Canidia schreiten, in schwarzem Gewande,
Nackten Fußes und mit aufgelöstem Haar, sie begann zu
Heulen mit Sagana, beide vor Blässe zum Fürchten entstellt schon.
Dann begannen sie, mit den Nägeln den Boden zu graben,
Rissen ein schwarzes Lamm mit den Zähnen in Stücke; das Blut floss
In eine Grube, auf dass sie der Schatten entlockten die Antwort.
Eine Figur war aus Wolle, aus Wachs die andere, kleinere;
Wolle bändigt die kleinere, die aus Wachs steht demütig da dort,
Wie ein Sklave, der bald durch die Strafe des Todes vergehen muss.
Jene ruft Hekate, diese Tisiphone, wildere Geister;
Schlangen sah man und Höllenhunde umherirren, während
Sich der Mond hinter hohen Gräbern verbarg, um nicht Zeuge zu werden.
Lüge ich, so mag der Mist der Raben mein Haupt mir besudeln,
Und es mag Julius hier, wie Pediatius und der Dieb Voranus,
Auf mich urinieren und mich mit ihrem Unrat beschmutzen.
Warum soll ich im Einzelnen sagen, wie Schatten im Wechsel
Sprachen und wie es mit Sagana schaurig und schrill dann erklang dort?
Wie sie den Bart eines Wolfs und den Zahn einer Schlange verbargen
Heimlich im Boden, wie lichterloh die Wachsfigur dann brannte,
Und wie ich, unfähiger Zeuge, erzittert bei ihren Gesängen
Habe und bei den Taten der beiden? Denn laut, wie ein Riss in
Einer Blase, da ließ ich einen Furz – meine Feigenholzhose
Platzte entzwei; da rannten sie fluchtartig weg in die Stadt ein.
Canidias Gebiss und das hohe Perückenteil von Sagana
Sah man dort fallen, die Kräuter und Zauberbänder vom Arme,
Unter dem Lachen und Scherzen der Leute, die alles dort sahen.
SERMON IX
Zufällig ging ich den heiligen Weg, wie es mir eben so eigen,
Grübelnd über ein Nichts, ganz in Gedanken versunken.
Da kam einer gelaufen, den kannte ich bloß vom Hörensagen,
Griff meine Hand und rief: „Wie geht’s dir, mein liebster Gefährte?“
„Bestens, so weit es grad geht“, sag ich, „und wünsche dir alles.“
Als er mir folgte, fragt’ ich: „Willst du was?“ – „Du musst mich doch kennen,“
Sagt er, „ich bin doch ein Gelehrter!“ – „Umso mehr schätz ich dich dann“,
Sag ich. Und wollte nur noch, dass der Mensch sich verpfeift, und ich eilte,
Bald schon blieb ich mal stehn, und flüsterte was meinem Burschen
In das Ohr, während Schweiß mir bis runter zu den Knöcheln hinabrann.
„O du Bolanus, wie glücklich bist du mit deinem Temperament!“
Dacht ich bei mir, während er alles mögliche schwatzt, von den Gassen,
Von der Stadt nur schwärmt. Da ich nichts ihm erwiderte, sagt er:
„Du willst schrecklich gern weg: Ich seh es schon lange; doch nutzlos,
Denn ich weiche nicht ab; ich folge dir, wohin dein Weg führt.“
„Lass es doch sein“, sag ich, „du musst nicht den Umweg machen; ich will nur
Einen besuchen, der dir nicht bekannt ist; er liegt hinterm Tiber,
Weit bei den Gärten des Caesar.“ – „Ich hab keine Eile, bin müßig,
Folge dir nach“, sagt er. Ich senk meine Ohren, wie’s nur ein Esel
Tut, wenn ihm eine zu schwere Last auf den Rücken geladen.
Er aber hebt an: „Wenn ich mich recht kenne, so wirst du Viscus
Oder Varius nicht höher als mich als Freund dann beurteilen;
Denn wer schreibt schon Verse so schnell und so viele wie ich nur?
Wer bewegt seine Glieder so sanft? Und mein Singen, da könnte
Selbst ein Hermogenes blass vor Neid werden.“ Hier bot sich die Chance,
Ihn mal zu unterbrechen: „Hast du denn Mutter, Verwandte,
Denen dein Leben wichtig ist?“ – „Keinen mehr hab ich, alle begrub ich.“
„Glückliche Leute! Ich bleibe nur noch. So vollende nun endlich
Mein Schicksal, das mir die alte Sabinerin damals, als Kind noch,
In der göttlichen Urne geweissagt hat: Den wird kein Gift je,
Kein feindliches Schwert, kein Husten, kein Seitenstechen, kein Alter
Durch Gicht je raffen; ein Schwätzer wird ihn wohl einst mal verzehren.
Möge er also, sobald er erwachsen ist, Schwätzer nur meiden!“
Wir waren bei Vesta, ein Viertel des Tages war schon fast vergangen,
Und er musste wohl dort, weil er vorgeladen, dem Gegner
Antwort geben; versäumt’ er dies, so verlor er den Prozess.
„Wenn du mich liebst“, sagt er, „bleib kurz bei mir!“ – „Ich sterbe, wenn ich kann
Oder das Recht der Zivilisten verstehe; ich eile, das weißt du.“
„Ich bin unsicher, was ich tun soll“, sagt er, „dich oder den Fall hier
Aufgeben.“ – „Mich!“, sag ich. Er: „Nein!“ – und beginnt vorauszugehen.
Da es schwer ist, gegen den Sieger zu kämpfen, so folg ich.
„Wie steht’s mit Maecenas bei dir?“, fängt er wieder von vorne an.
„Er ist wählerisch, klug und von festem Verstand.“ – „Keiner hat je mehr
Glück so geschickt genutzt. Du hättest einen Helfer, der dir
Den Rücken stärkt, wenn du mich bei ihm einführst; ich wette,
Du würdest bald alle verdrängen.“ – „So leben wir dort nicht, wie du glaubst,
Wie du meinst; dort gibt es kein reineres Haus, es ist fern von
Solcherlei Neid; mich stört es nicht, dass ein anderer reicher
Oder gelehrter ist; jeder hat seinen Platz dort.“ – „Du sagst da
Große Dinge, kaum glaublich.“ – „Doch so ist es.“ – „Das macht, dass ich noch
Mehr danach brenne, ihm nahe zu sein!“ – „Du musst es nur wollen,
Bei deiner Tüchtigkeit wirst du ihn schon noch bezwingen; er ist
Einer, der sich gewinnen lässt, drum ist der Zugang am Anfang
Auch so schwer.“ – „Ich werd’s mir nicht fehlen lassen: Mit Gaben
Bestech ich die Sklaven; wenn man mich heute ausschließt, geb ich
Nicht auf; ich such Gelegenheiten, treff ihn auf Straßen,
Führ ihn hin. Nichts gibt das Leben den Menschen ohne viel Mühe.“
Während er dies noch treibt, da begegnet uns Aristius Fuscus,
Der mein Freund ist und den jener nur allzu genau wohl kannte.
Wir bleiben stehen. „Wo kommst du her und wo willst du hin?“, fragt
Jener und gibt Antwort. Ich zupfe ihn an, drücke fest seine
Arme, die ganz schlaff sind, und winke mit Augen und Kopf,
Dass er mich rettet. Der Schalk, er tut, als verstünde er nichts,
Lacht nur – mein Herz brannte förmlich vor Zorn in der Leber.
„Du sagtest doch sicher, du wolltest geheim noch was mit mir besprechen?“
„Ich erinnere mich wohl, doch sag ich das besser bei passend’rer
Zeit; heute ist der dreißigste Sabbat: Willst du denn
Beschnittenen Juden eins auswischen?“ – „Ich habe gar keine
Religionsscheu“, sag ich. – „Ich aber schon; bin etwas schwach nur,
Einer von vielen. Verzeih; ich sprech später weiter.“ – Dass dieser
Tag so schwarz für mich aufging! Der Schurke entflieht und lässt mich
Unter dem Messer zurück. Da kommt zufällig sein Gegner
Auf ihn zu: „Wo willst du hin, du Scheusal?“, schreit er mit großer
Stimme, und: „Darf ich dich als Zeugen rufen?“ – Ich halte mein Ohr hin.
Er zerrt ihn vor Gericht; Geschrei ringsum, und ein Menschenauflauf.
So hat Apollo mich heute gerettet.
SERMON X
Dass du, Lucilius, fehlerhaft seist, wie Cato bezeugt hat,
dein Verteidiger selbst, das werd’ ich beweisen. Er rüstet
sich, die schlecht geformten Verse zu bessern, und dies zwar
um so milder, je besser er ist und feiner als jener,
welcher als Knabe mit Peitschen und nassen Stricken oft schmerzhaft
wurde bezwungen, damit er den alten Dichtern als Helfer
beistehn könnte im Kampf mit dem Ekel unserer Zeit hier,
er, der Gelehrteste unter den Rittern der Grammatikerzunft.
Doch, um zurückzukehren:
Freilich, so sagt' ich, es fließe in ungebundenem Metrum
dein Lucilius-Vers. Wer schwärmt für Lucilius so dumm,
dass er dies leugnen verfechtet? Doch wird auf demselben Blatte
er auch gelobt, weil er reichlich mit scharfem Salze die Stadt einst
rieb. Und gewiss: indem ich dies zugetehlt, geb' ich das andre
noch nicht zu; denn so müsst’ ich Laberius’ Possen ja auch als
schöne Gedichte bewundern. Es reicht drum nicht aus, den Mund des
Hörers zum Lachen zu öffnen, obwohl auch darin eine Kraft liegt.
Kürze tut not, damit der Gedanke rasch eile und sich nicht
hemme in Worten, die schwer das ermüdete Ohr nur belasten;
brauchen doch Sprache wir, bald ganz ernst, oft spielend im Scherze,
die bald die Rolle des Redners vertritt, bald jene des Dichters,
manchmal des feinen Städters, der klug seine Kräfte zurückhält
und sie mit Vorsatz dämpft. Ein scherzhaftes Wort bricht ja häufig
wichtige Dinge viel kräftiger auf und besser als Strenge.
Die, von welchen die alte Komödie gedichtet ward, standen
fest durch dies Prinzip; darin gilt es, sie nachzuahmen, die weder
je der hübsche Hermogenes las, noch der Affe dort, welcher
nichts außer Calvus und unserm Catullus zu singen gelernt hat.
„Großes bewirkte er aber, indem er die griechischen Worte
mischte mit den lateinischen.“ O ihr Spät-Lernenden! Glaubt ihr
wirklich, das sei so schwer und bewundernswert, was dem Rhodier
Pitholeon doch glückte? „Doch klingt eine Rede, in beiderlei
Sprachen gemischt, viel süßer, wie Chios-Wein, wenn man Falerner
beimengt.“ Wenn du nun Verse verfasst, so frage ich dich selbst:
Gilt das auch dann, wenn die harte Verteidigung dir des Petillius
bevorsteht? Vergisst du dann etwa das Vaterland und den Latino-
Vater, wenn Pedius Poplicola und Corvinus im Schweiße
ihre Plädoyers führen, und ziehst du es vor, mit den fremden
Wörtern das Heimische zu mischen, wie Canusiums zweisprachig Volk tut?
Als ich im Lande diesseits des Meeres geboren, im Griechischen
Verse zu machen versucht’, verbot es mir Quirinus, der nachts mir
erschien, als Träume die Wahrheit verkünden, und sprach so:
„Ebenso wahnsinnig trügest du Holz in den Wald, wie wenn du die
mächtigen Scharen der Griechen mit deinen Werken vermehren
wolltest.“ Während der schwülstige Alpinus den Memnon ermordet
und des Rheines schlammiges Haupt ungestalt formt, spiel' ich diese
Sachen hier, die nicht im Tempel ertönen im Wettstreit, wo Tarpa
richtet, noch wieder und wieder im Theater zu sehen sein wollen.
Du nur, Fundanius, verstehst es von allen Lebenden, reizend
Plaudereien zu dichten, wo Davus und die schlaue Dirne
Chremes, den Alten, betrügen; Pollio singt von den Taten
großer Könige im dreifach geschlagenen Metrum; das kühne
Epos führt so gewaltig wie niemand Varius; das Zarte
und das Elegante verliehen Virgil die im Felde sich freuenden Musen.
Dies hier war es, was ich – nachdem es Varro Atacinus
fehlgeschlagen versucht und manch anderer – besser wohl schreiben
konnte, wenn auch dem Erfinder geringer; ich wagte es nimmer,
ihm den Kranz zu entreißen, der fest auf dem Haupte ihm festsitzt
unter viel Lob.
Doch ich sagte, er fließe wie Schlamm und bringe
häufiger Dinge, die man tilgen müsste, als solche, die bleiben.
Wohlan, ich frage dich: tadelst du nichts im erhabenen Homer, du
Gelehrter? Ändert Lucilius nichts am freundlichen Accius, dem
Tragiker? Lacht er nicht über die Verse des Ennius, die an
Würde zu leicht sind, während er selbst von sich spricht, als sei er
nicht besser als jene Getadelten? Was verbietet denn uns auch,
wenn wir Lucilius' Schriften lesen, zu forschen, ob seine
eigne Natur, ob die harte Natur der Dinge ihm weigerte,
Verse zu formen, die besser gebaut und sanfter dahinziehen,
als wenn jemand – begnügt nur damit, sechs Füße zu füllen –
gern zweihundert Verse vor dem Essen geschrieben zu haben
liebt und ebensoviele nachher? So wild wie ein reißender Fluss war
ja das Genie des Etruskers Cassius, von dem das Gerücht geht,
dass er verbrannt sei auf seinem Stoß aus eignen Büchern und Kisten.
Es sei Lucilius, sag’ ich, gewiss auch freundlich und urban,
sei er auch feiner geschliffen als ein noch roher Erfinder
einer vom Griechischen unberührten Dichtkunst, und feiner
als die Menge der älteren Dichter; doch hätte das Schicksal
ihn in unsere jetzige Zeit erst hinabgeführt, würde
er vieles am Eigenen feilen, er schnitte wohl alles zurück, was
über das Perfekte hinausgeht, und kratzte beim Dichten sich häufig
seinen Kopf und bisse sich tief in die Nägel bis aufs Fleisch.
Wende den Griffel oft, wenn du schreiben willst, was noch ein zweites
Mal zu lesen sich lohnt; bemüh dich nicht, dass dich die Menge
anstaunt, sondern begnüge dich mit nur wenigen Lesern!
Oder willst du im Ernst, du Verrückter, dass deine Gedichte
in den niederen Schulen diktiert werden? Ich nicht; denn mir reicht es,
wenn der Ritter mir Beifall klatscht, wie die kühne Arbuscula einstens,
als sie, verhöhnt vom Volk, die anderen alle verachtete.
Sollte die Wanze Pantilius mich etwa bewegen, oder mich quälen,
dass Demetrius hinter dem Rücken mich beißt, oder dass der
alberne Fannius, der Tischgast des Tigellius Hermogenes, mich schmäht?
Plotius und Varius, Maecenas und auch Virgilius,
Valgius und der beste Octavius mögen dies billigen,
Fuscus und beide Viscer – oh, dass sie es loben, fern von
jedem Ehrgeiz! Ich kann dich nennen, Pollio, dich auch,
Messalla, mit deinem Bruder, und zugleich euch, Bibulus und
Servius, und mit diesen dich, redlicher Furnius, und noch
viele andere Gelehrte und Freunde, die ich mit Vorsatz
hier übergehe; ich möchte, dass diesen – wie immer sie seien –
meine Verse gefallen, und traurig wär' ich, wenn sie schlechter,
als ich es hoffe, gefielen. Dich, Demetrius, und dich, Tigellius,
heiße ich weinen inmitten der Sessel eurer Schülerinnen!
Geh, Knab’, und füge rasch diese Zeilen meinem Buche hinzu!
ZWEITES BUCH
SERMON I
Manche, die sagen, mein Lied sei zu scharf und die Grenze des Rechts wohl
Übertrete; die andern, mein Werk sei gehaltlos, und täglich
Könne man tausend der Verse aus meinen Gesängen wohl schreiben.
Sagt mir, Trebatius, was soll ich tun? Gib du mir den Rat an!
„Ruhe!“ – „Kein Vers mehr?“ frage ich dann, „gar keine?“ – „So ist es!“
„Schlimm soll es mir gehen, wenn ich das Beste nicht schriebe; doch schlafen
Kann ich bei Nacht nicht.“ – „Wer Schlaf braucht, der tauche sich dreimal
Völlig in Tiber, der ölige Leib, und er trinke bei Nacht sich
Wein, um die Sinne zu kühlen. Wenn dich aber Lust am Schreiben
Packt, so wage es doch, des unbesiegten Cäsaren
Taten zu rühmen; der Lohn für die Mühe wird herrlich dir sein dann.“
„Gerne, o Bester, doch fehlen die Kräfte; denn wer kann beschreiben
Schrecken der Lanzen, der Gallier Scharen, den brechenden Spieß dort,
Oder den Parther, der schwer aus dem Sattel stürzt, wenn er verwundet?“
„Dennoch, du könntest ihn preisen als gerecht und als tapferen Helden,
Wie einst Scipio es tat, der Weise, durch Lucilius' Feder.“
„Ich will nicht säumen, sobald sich die rechte Gelegenheit bietet;
Nicht geht das Wort ohne Takt in des Cäsaren Ohr, das aufmerksam
Horcht; denn reizt man ihn falsch, so tritt er zurück, stets sicher geschützt dort.“
„Wieviel besser ist dies, als mit traurigen Versen zu stechen
Pantolabum, den Schwätzer, und Nomentanus, den Wüstling,
Wenn jeder zittert und heimlich dich hasst, auch ist er unschuldig?“
„Was soll ich machen? Milonius tanzt, sobald ihm der Wein erst
Stieg in das Haupt und er doppelt sieht, und das Licht ihm nun schwankt dort.
Castor liebt Pferde, der andere Bruder, von Leda geboren,
Liebt den Faustkampf; so viele es Köpfe gibt, gibt es auch Wünsche.
Mich nun ergötzt es, die Worte in Verse zu binden, wie einst es
Tat der Lucilius, uns beiden weit überlegen an Geiste.
Er vertraute sein Herz wie einem treuen Gefährten
Einst seinen Büchern; und ob es ihm glückte oder missglückte,
Niemals suchte er Zuflucht bei andern. So liegt nun das Leben
Offen, als wäre es ganz in ein Votivbild gemalt, des Greises.
Ihm folge ich nach, ob ich Lukaner bin oder Apuler, zweifelnd;
Denn der Venusiner, der baut an der Grenze von beiden,
Ausgesandt, wie die Sage erzählt, von den Sabinern damals,
Dass kein Feind in das leere Land der Römer wohl eindringe,
Sei es, dass Apulien oder Lukanien Krieg uns gebracht hätten.
Doch meine Klinge, sie wird nicht von selbst den Lebenden schaden,
Sondern sie schützt mich wie ein Schwert, das fest in der Scheide
Ruht; warum sollte ich es ziehen, wenn Friede vor Räubern?
O du, Vater und König Jupiter, lass doch das Eisen,
Dass es verroste, dort liegen, und niemand kränke den Friedfert'gen!
Wer mich aber reizt – ich sage: Berühr mich nicht, lass mich in Ruhe! –
Der wird weinen und bald als Spottlied durch alle Straßen der Stadt gehn.
Cervius droht mit dem Gesetz und der Urne, wenn er erzürnt ist;
Canidia, wenn sie wen hasst, mit Giften des Albucius;
Turius droht mit dem Unheil, wenn einer vor seinem Gericht steht.
Wie nun ein jeder durch das, was er kann, die Anderen schreckt und
Natur ihn leitet, so schließe nun mit mir:
Zähne braucht der Wolf, Hörner der Stier; woher lernt er dies denn,
Wenn nicht von innen? Vertrau der Mutter dem mörderischen Knaben!
Nichts Schlechtes tut die fromme Hand – welch Wunder, dass niemals
Wölfe mit Füßen noch Stiere mit Zähnen den Gegner wohl schlagen –,
Nein, sie tötet die Alte mit Honig und bösem Schierling.
Kurz will ich sein: ob das Alter mich ruhig erwartet, ob später
Tod mich umflattert mit schwarzen Flügeln, arm oder reich ich,
Rom oder Exil, wie das Schicksal bestimmt, so schreibe ich stets dann.“
„O du Knabe, ich fürchte, du lebst nicht lang, und ein Freund der
Großen könnte dich wohl durch Kälte zur Ruhe wohl zwingen.“
„Wie? Als Lucilius damals es wagte, als Erster die Lieder
So zu verfassen und jenes Fell, das den Schein einer Tugend
Jedem wohl gab, abzuziehen, obwohl er im Inneren faul war:
War da Laelius oder der Mann, der den Namen von Karthago
Leidend empfing, wohl erzürnt, wenn sie Schlechtes in Versen gelesen?
Oder traf sie der Zorn, wenn Lupus durch Spottlied verschmäht war?
Doch er griff die Ersten des Volks und das Volk nach Stämmen zusammen an,
Hielt nur dem Guten die Treue und auch den Freunden des Guten.
Doch wenn sie, fern von dem Pöbel, im Stillen bei sich dann weilten,
Tugend des Scipio, sanfte Weisheit des Laelius,
Pflegten sie dort oft zu scherzen und locker zu spielen, bis endlich
Garte das Gemüse. Wer ich auch bin, wenngleich ich an Wissen
Unter Lucilius stehe, doch wird der Neid mir gestehen,
Dass ich bei Großen gelebt; und will er den Zahn in mich schlagen,
Trifft er auf Festes – es sei denn, Trebatius, du hättest Bedenken.“
„Ich kann hier wirklich nichts einwenden gegen deine Gedanken.
Dennoch, achte darauf, dass nicht durch Unkenntnis der heiligen
Rechte ein Streit dich plötzlich ereilt: Wer boshafte Lieder
Dichtet gegen wen, das Gesetz sieht ein Urteil dann vor.“
„Richtig, bei Bosheit; doch was, wenn einer die Wahrheit wohl lobend
Unter Cäsars Urteil wohl schreibt? Wenn er den, der nur Spott will,
Auspeitscht, da er selbst ja rein und frei von dem Fehler wohl dasteht?“
„Dann wird das Urteil gelöst durch ein Lachen, du gehst dann in Frieden.“
SERMON II
Welche Tugend, ihr Freunde, und wie groß das Maß sei des Lebens
Mit wenigem – nicht ist dies meine Rede, sie stammt von Ofellus,
Diesem bäuerlichen Weisen mit schlichtem, doch wachem Verstande –,
Lernt es nicht dort, wo die Tische und Platten in Glanze erstrahlen,
Wo das Auge geblendet von irrem Geleuchte und wo der
Sinn, an das Falsche gewöhnt, das Bessere von sich nun weiset,
Nein, hier, eh ihr gefrühstückt, erörtert es mit mir zusammen.
Warum? Ich sag es, wenn ich kann. Denn schlecht prüft das Wahre ein jeder,
Der vor Urteilen trübe. Ob jagend den Hasen, ob müde
Vom unbändigen Ross, oder wenn die römische Pflicht dich
Müde macht – sei es Ballspiel, das flüchtig den harten Gehorsam
Mit dem Vergnügen versüßt, sei es Diskus, der durch die Lüfte
Fliegt: Wenn die Arbeit den Ekel verdrängt hat, dann, durstig und hungrig,
Schmähe die Speise, so sie dir zu billig! Wenn nicht mit Falern
Honig aus Hymettos gemischt, willst du trinken? Der Keller
Ist leer, und das Meer, das den Fisch uns bewahrt, tobt stürmisch im Winter.
Brot mit ein wenig Salz wird den bellenden Magen schon stillen.
Woher kommt das, und wie wird es erreicht? Nicht im teuren Geruche
Liegt das höchste Vergnügen, es liegt in dir selber. Den Imbiss
Such dir durch Arbeit! Den feisten, den bleichen, den Völlerei-Kranken,
Weder die Auster noch der Fisch noch das Wild können diesen erquicken.
Dennoch gelingt es mir kaum, dass du nicht, wenn der Pfau erst serviert ist,
Lieber ihn als das Huhn wählst, getäuscht durch den Tand deiner Sinne,
Weil er mit Gold sich erkauft und den Schweif voll prunkender Farben
Aufspannt, als ob das etwas zur Sache nun täte! Genießest
Du die Federn, die du lobst? Hat das Fleisch denn denselben Glanz nun,
Wenn es gekocht? Obgleich es sich nicht unterscheidet im Fleische,
Lässt du dich täuschen durch äußere Form und begehrst das Verkehrte.
Woher weißt du denn sicher, ob dieser Wolf aus dem Tiber
Oder aus offenem Meer kommt, verschlungen zwischen den Brücken
Oder bei Tuscus' Mündung? Du lobst, Wahnsinniger, einen
Drittel-Zentner-Barben, den du in Portionen erst schneiden
Musst. Die Erscheinung verführt dich, ich seh es; doch was soll die Abkehr
Vor den großen Wölfen? Weil eben die Natur ihnen Maße
Größere gab, den anderen nur leichtes Gewicht. Selten
Verschmäht der hungrige Magen das Einfache. „Ein großer, ein prächtiger
Fisch auf der großen Platte!“ so wünscht es die gierige Kehle,
Würdig der Harpyien. Doch ihr, ihr Winde, ihr sollt nun
Fäulnis auf diese Speisen hauchen! Obwohl erst der Eber
Oder der Rochen riecht, wenn die Überfluss-Qual das Gemüt des
Kranken Magens verwirrt, wenn er lieber die sauren Zichorien
Will. Doch noch ist nicht alle Armut verbannt aus den Festen
Königlicher Pracht, denn schwarze Oliven und billige
Eier haben auch heute noch ihren Platz. Vor gar nicht langer
Zeit war Gallonius' Tisch durch den Stör als Feinschmecker-Protz berüchtigt.
Was? Hat damals der Rochen das Meer weniger reichlich genährt wohl?
Sicher war er und sicher das Nest des Storches, bis einer
Dich, den Prätor, als Lehrer des Prunks nun gelehrt hat. Wenn heute
Einer nun Taucher als Braten empfiehlt, so wird ihn der junge
Römische Adel belehren, denn lernbereit ist das Verderben.
Sorglos vom üppigen Leben des Reichen wird der Ofellus
Urteilen: Wer die Gefahr der Verschwendung zwar meidet, doch drüben
In das andere Laster verfällt, der irrt sich gewaltig.
Avidienus, der wahrhaft den Namen „Hund“ bei den Leuten
Trägt, der isst nur fünfjährige Oliven und wilde Kornelkirschen,
Schont sein Essig und Öl, das so übel riecht, dass man es kaum kann
Riechen, wenn er auch weiß bekleidet an Festen den Tag feiert,
Träufelt er doch aus dem Doppelhorn noch sein ranziges Öl auf
Kohl und spart nicht am alten Essig beim Festessen gar noch.
Welcher Lebensart soll der Weise nun folgen? Welcher
Soll er sich nähern? „Hier drängt der Wolf, dort der Hund“, sagt das Sprichwort.
Er soll wohlmaßvoll sein, nicht beleidigen durch seinen Schmutz und
Weder im einen noch im andern Extrem sich als Tor nun zeigen.
Nicht soll er grausam sein gegen die Sklaven, wie Albucius
Damals, wenn er befahl, noch so wie der einfache Naevius,
Der seinen Gästen nur öliges Wasser serviert: Auch dies ist ein Laster.
Höre nun, welche Vorteile maßvolle Kost dir doch bringt noch:
Erstlich: Gesundheit. Denn glaub mir, wie sehr die gemischten
Speisen dem Menschen schaden, erinnernd an jenes Gericht, das
Einfach dir einst gut bekam. Doch sobald du Gebratenes mischst mit
Gekochtem, sobald du Meeresgetier und Drosseln zusammen
Isst, wird das Süße zur Galle, und Schleim, der zäh im Magen
Treibt, wird Tumult verursachen. Siehst du, wie jeder bleich von
Dubiosen Mahlzeiten aufsteht? Doch der Leib, durch das Gestern
Schon schwer belastet, drückt auch den Geist und heftet das göttliche
Fünkchen des Geistes zur Erde. Der andere, schneller als jener,
Gibt nun die Glieder dem Schlaf, der gebührt; er ersteht nun erfrischt zu
Seinen Pflichten. Doch wird er zum Besseren manchmal wechseln,
Sei es, das Jahr bringt ein Fest, oder wenn er den Körper, den schwachen,
Stärken will; wenn die Jahre voranschreiten und das Alter
Sanftere Pflege verlangt. Was aber nützt dir jene Verwöhnung,
Die du als Jüngling und Starker schon jetzt vorwegnimmst für Tage,
Wenn dir die Krankheit naht oder das schleichende Alter?
Ranzigen Eber lobten die Ahnen, nicht weil die Nase
Ihnen gefehlt, doch glaub ich, mit diesem Gedanken: Der Gast, der
Später gekommen, konnt' ihn noch besser genießen, als wenn der
Gierige Herr ihn in frischem Zustande ganz schon verzehrte.
Wäre ich doch unter jenen Helden zur Welt wohl gekommen!
Gilt dir noch etwas der Ruhm, der als Lieder die Ohren
Eines Menschen erfreut? Große Rochen und Platten bescheren
Große Schmach und dazu noch den Schmerz. Dazu kommt noch der Zorn des
Oheims, der Nachbarn, der eigene Hass, und der Wunsch nach dem Tode,
Wenn dir der letzte Pfennig für den Strick fehlt. „Zu Recht“, sagt
Trausius, „wird er getadelt mit diesen Worten: Ich habe große
Einkünfte, Schätze, für drei Könige reichlich!“ – Doch ist denn
Nichts, was vom Überfluss übrig bleibt, besser zu nutzen?
Warum hungert ein Würdiger, wo du reich bist? Warum wohl
Stürzen die Tempel der Götter? Warum, o Unverschämter,
Misst du nicht etwas von deinem Schatz der geliebten Heimat?
Dir, nur dir wird auf ewig das Glück wohl hold sein, o du, der
Künftig der Feinde Gelächter! Wer wird bei zweifelndem Schicksal
Sicherer auf sich vertrauen: Derjenige, der an das Üppige
Leib und Geist nun gewöhnt hat, oder der, welcher mit wenigem
Sich begnügt, auf das Kommende schauend, in Frieden nun klug sich
Rüstet für Zeiten des Krieges? Damit du mir mehr noch glaubst:
Diesen Ofellus sah ich schon als Knabe, als er noch reich war,
Nicht mehr verbrauchen als heute, da er nun verarmt ist.
Sieh ihn auf seinem gepachteten Acker mit Vieh und den Kindern,
Tapfer, als Pächter: „Ich habe“, so sagt er, „an Werktagen niemals
Irgendwas Wahnsinniges gegessen, nur Kohl und ein Stückchen
Rauchfleisch. Und kam mir ein Gast nach langer Zeit oder Nachbar,
Frei von der Arbeit, bei Regen ein willkommener Gast, war
Gut es, nicht mit dem Fisch, den die Stadt liefert, nein, mit einem
Huhn oder Böckchen; dazu gab’s Nüsse und Trauben und Feigen.
Danach tranken wir Wein, ohne Zwang, und Ceres geehrt, dass
Hoch der Halm auf dem Felde nun stünde; es löste der Trank die
Sorgen von ernster Stirn. Mag Fortuna toben und neue
Unruhe stiften: Was kann sie mir nehmen? Wie viel hab ich weniger,
Seit der neue Besitzer kam, als ihr, o meine Kinder,
Glänzt? Denn die Erde hat uns die Natur nicht als Eigentum gegeben,
Weder ihm, noch mir, noch sonst wem. Jener hat uns vertrieben;
Ihn aber treibt entweder Bosheit oder die Unkenntnis des Rechts aus,
Sicherlich endlich vertreibt ihn der lebendigere Erbe.
Jetzt heißt der Acker Umbrēnus', einst war er Ofellus',
Niemandem gehört er, er dient dem Gebrauch erst mir, dann dem Andern.
Darum lebt tapfer und stellt dem Schicksal die trotzige Brust entgegen!“
SERMON III
„Selten nur schreibst du; kaum viermal im Jahr fragst du nach dem
Pergament, änderst das Werk immer neu, und du zürnst dir,
Weil du, dem Wein und dem Schlafe ergeben, kein würdiges Lied mehr
Singst. Was wird daraus? Selbst zur Zeit der Saturnalien flohest
Du hierher, nüchtern. Komm, sag etwas, das deinen Versprechen
Gleichkommt! Fang an!“ – „Ich kann nichts.“ – „Vergeblich beklagst du die Feder,
Schmähst das Papier, das Unschuldige leidet, geboren für Zorn der
Götter und Dichter, und doch war das Antlitz voll stolzer Gedanken,
Als du im warmen Gemach dich einst in die Stille zurückzogst.“
„Was half’s, dass du Plato bei Menander einst mühsam gestapelt?
Eupolis, Archilochus, welch’ große Begleiter! Willst du nun
Neid so besänftigen, indem du die Tugend verlässt? Du
Wirst nur verachtet, mein Armer. Entflieh der gefährlichen Sirene,
Trägheit, sonst musst du, was du im besseren Leben dir schufest,
Opfern mit ruhigem Sinn.“ – „Dass die Götter, Damasippus,
Dir für den Rat einen Scherer bescheren! Doch woher kennst du
Mich denn so gut?“ – „Seitdem mein ganzes Vermögen am Januus
Mittelpunkt brach, pfleg’ ich fremde Geschäfte, entblößt von dem eignen.
Einst liebte ich es, zu suchen, wo wohl jener schlaue
Sisyphus Becher gewaschen aus Erz, was ein stümperhaft’ Werk war,
Oder was spröde gegossen. Als Kenner taxierte ich Statuen
Auf hunderttausend; ich wusste allein, wie man Gärten und prächt’ge
Häuser mit Gewinn dann erwarb; daher gaben Leute der Straße
Mir den Beinamen ‚Merkur‘.“ – „Ich weiß es und staune, dass du nun
Von dem Leiden befreit. Doch vertrieb das neue ein altes,
Wie es zu gehen pflegt, wenn ein Schmerz in der Seite, im Kopfe
Wütet, und jener, der lethargisch, plötzlich zum Boxer nun wird und
Gegen den Arzt sich nun auflehnt. Solang du nicht Ähnliches treibst, sei
Wie du willst.“ – „Guter Mann, täusch dich nicht: Du bist auch nicht bei Sinnen,
Fast alle Narren sind wir, wenn man Stertinius glauben
Soll, von dem ich dies lehrte, als er mich tröstend belehrte,
Dass ich den weisen Bart wachsen ließe und ohne Verdruss nun
Vom Fabier-Wall wiederkäme. Denn als mir das Schicksal missglückte,
Wollte ich, das Haupt verhüllt, mich in den Fluss stürzen, da stand er
Rechts mir und sprach: ‚Hüte dich, irgendwas Unwürdiges
Dir anzutun! Falsche Scham quält dich, der du fürchtest, als Narr nun
Unter den Narren zu gelten. Zuerst will ich fragen: Was heißt denn
Wahnsinn? Wenn der nur dir eigen ist, sag ich nichts weiter; stirb tapfer!
Doch wen die törichte Blindheit, wer immer, der Wahres nicht kennt, blind
Vorwärts treibt, den nennt die Portikus Chrysipps und seine Schar auch
Wahnsinnig. Diese Formel erfasst ganze Völker, ja Könige,
Ausgenommen den Weisen. Nun höre, warum sie alle
Ebenso irren wie du, die dich nun einen Narren
Nennen. Wie Wälder, wenn man, verirrt auf den Wegen, vom rechten
Pfad nun abkommt, der eine geht links, der andere rechts dort,
Beide im selben Fehler, doch täuscht er auf andere Weise:
So halte dich für wahnsinnig; nicht klüger ist der, der
Dich nun verlacht, während er selber am Schwanz sein Verderben wohl mitzieht.
Eine Art von Torheit gibt es: das Fürchten vor Dingen,
Die nicht zu fürchten, wie Feuer oder Abgründe, Felsen, die man
Auf dem Feld plötzlich meint. Eine andre, ihr ebenbürtig,
Nicht klüger: durch Feuer und Flüsse hindurch stürmt man blindlings.
Rufe die liebende Mutter, die Schwester, den Vater, die Gattin:
„Hier ist ein Graben, dort ein Fels, hüte dich!“ – Er wird nicht mehr hören,
Als Fufius einst, der Trunkenbold, als er die Iliona
Schlafend spielte, während tausendzweihundert Catīni
„Mutter, ich rufe dich!“ schrien. Diesen Fehler des ganzen Volkes
Nenne ich Wahnsinn. Damasippus ist irre beim Kauf alter Statuen:
Ist sein Gläubiger bei Sinnen? Sei's drum. Wenn ich sage: „Nimm dies,
Was du nie mir zurückgibst“ – bist du wahnsinnig, wenn du es nimmst, oder
Eher ein Tor, wenn du ablehnst die Beute, die Merkur dir schenkt?
Schreib zehn von Nerius auf; nicht genug? Füg Tabellen der Cicutas,
Knotig und streng, hinzu, häng hundert Ketten daran noch:
Dennoch entflieht dieser Proteus, der schurkische, allen Fesseln.
Wenn du ihn vor Gericht zerrst, unter fremdem Lachen, da wird er
Eber, mal Vogel, mal Fels, oder Baum, wann immer es ihn freut.“
„Wenn es das Zeichen des Wahns ist, schlecht seine Sachen zu führen,
Gut aber, sie zu verwalten, so ist dann des Perellius Hirn weit
Ärmer, mein Bester, da er diktiert, was du nimmer zurückzahlst.“
„Ich lade nun jeden zum Hören ein, die Toga zu richten,
Wer durch falschen Ehrgeiz oder durch Liebe zu Geld nun bleich ist,
Wer durch Gier oder traurigen Aberglauben, wer durch ein andres
Geistiges Leiden erhitzt ist: Kommt näher, ich zeige, wie alle
Ihr seid wahnsinnig, kommt der Reihe nach, tretet heran nun!
Viel Nieswurz braucht der Geizige, vermutlich ist für sie alle
Anticyra nicht groß genug. Staberos' Erben ließen
Ihm auf sein Grab die Summe meißeln; wenn sie es nicht täten,
Wären sie zur Strafe verdammt, hundert Paare der Fechter
Dem Volk zu geben, und Festschmaus nach dem Urteil des Arrius,
Sowie so viel Korn, wie ganz Afrika erntet. ‚Ob ich dies töricht
Oder vernünftig gewollt, sei du mir kein Mentor!‘ – Ich glaube,
Dass Staberos dies weise sah. Was dachte er wohl, als er
Die Summe des Erbes in Stein meißeln ließ? Solang er noch lebte,
Glaubte er, Armut sei das Laster, kein anderes mied er
Strenger, als wenn er um einen Quadranten ärmer wohl stürbe,
Glaubte er selbst, er sei schlechter. ‚Denn alles: die Tugend, der Ruhm, das
Ansehen, göttlich und menschlich, das gehorcht dem schönen Reichtum;
Wer den sich erworben, der wird berühmt sein, tapfer und recht.‘
‚Weise auch?‘ ‚Ja, und ein König, und was immer er will.‘ Dies
Hoffte er, durch Tugend erworben, sei großer Ehre würdig.
Was ist dem ähnlich? Der Grieche Aristippus? Er hieß seine Sklaven,
Mitten in Libyen das Gold einfach wegzuwerfen, da es ihnen
Schwer auf der Reise lag. Wer von den beiden ist irrer?
Nichts beweist ein Beispiel, das nur einen Streit durch den Streit löst.
Wer Lyren kauft und sie alle an einem Ort nur aufhäuft,
Ohne den Eifer für das Spiel oder Musen, wer Leisten
Oder Schaber kauft, obgleich er kein Schuster ist, wer
Schiffsegel kauft, fern vom Handel: Den nennt man zurecht einen
Toren, einen Verrückten. Wie unterscheidet sich jener davon,
Der Gold und Münzen vergräbt, ohne den Nutzen des Schatzes
Zu kennen, und fürchtet, als wäre es heilig, ihn anzurühren?
Wenn einer vor dem riesigen Kornhaufen immerzu wach liegt,
Liegend mit langem Stock, und nicht wagt, auch hungrig, ein Körnchen
Davon zu kosten, sondern lieber von bitteren Blättern sich nährt;
Wenn er im Inneren tausend Fässer mit altem Falern
Hat – nein, nichts ist es: dreihunderttausend –, er trinkt nur Essig;
Oder er liegt auf Stroh, achtzig Jahre alt, während er in der
Truhe verrotten lässt Decken, das Fressen der Motten und Käfer:
Wahrlich, er schiene nur wenigen irre, weil doch die Mehrzahl
Der Menschen von ebendiesem Leiden befallen ist. Greis, den
Götter hassen, bewahrst du das Gut, damit dein Erbe, der Sohn oder
Sklave, es durchbringt? Fürchtest du Mangel? Wie wenig verkürzt doch
Jeder Tag von der Summe, wenn du mit besserem Öl nun
Salbtest dein Haupt, das von ungekämmtem Schorf noch entstellt ist?
Warum, wenn ein Weniges reicht, begehst du Meineid, stiehlst und raubst überall?
Bist du bei Sinnen? Wenn du anfingst, das Volk oder Sklaven,
Die du für Geld dir erworben, mit Steinen zu bewerfen, so würden
Dich alle Knaben und Mädchen für wahnsinnig erklären;
Wenn du die Gattin erwürgst und die Mutter mit Giften tötest,
Bist du bei klarem Verstand? Was denn? Du tust das nicht in Argos,
Wie Orestes, der in seinem Wahnsinn die Mutter mit Eisen
Tötete. Oder meinst du, er wurde erst wahnsinnig nach dem
Mord an der Mutter, und nicht schon vorher von Furien getrieben,
Ehe er das scharfe Eisen im Halse der Mutter erwärmte?
Doch seitdem man ihn für einen Mann mit nicht sicherem Geiste
Hielt, tat er nichts, was du mit Fug und Recht tadeln könntest:
Nicht wagte er, Pylades oder die Schwester Elektra mit Eisen
Zu verletzen, nur schmäht er beide, indem er die eine
Furie nennt, den andern sonst was, was die Galle ihm eingab.
Der arme Opimius, reich an Gold, das im Inneren lagert,
Der an Festtagen gewohnt war, den Wein aus Veji zu trinken,
An Werktagen den Trank, der verdorben, aus einer Campana-
Schale, wurde einst von einem großen lethargischen Schlaf so
Übermannt, dass der Erbe nun frohlockend und freudig um Kisten
Und Schlüssel rannte. Ein Arzt, sehr schnell und treu, weckt ihn
Auf diese Weise: Er heißt, den Tisch zu decken und Säcke
Voller Münzen auszuschütten, viele herbeizurufen
Zum Zählen: So richtet er den Mann auf; er fügt noch hinzu:
„Wenn du nicht dein Gut bewahrst, wird der gierige Erbe es rauben.“
„Während ich lebe?“ „Damit du lebst, also wache! Tu das!“ „Was willst du?“
„Deine Adern schwinden, Armer, wenn nicht Speise und gewaltige
Stärkung für den Magen, der sinkt, dir nun bald geliefert.
Zögerst du? Komm, nimm diese Reissuppe!“ „Was hat sie gekostet?“
„Wenig.“ „Wie viel dann?“ „Acht Asse.“ „Ach, was macht es für einen
Unterschied, ob ich durch Krankheit oder durch Diebstahl nun sterbe?“
Wer ist also bei Sinnen? Der, welcher kein Narr ist. Was ist der
Geizige? Narr und Verrückter. Und wenn einer nicht geizig ist,
Ist er sofort bei Verstand? Keineswegs. Warum, Stoiker? Ich sag es:
‚Dieser Kranke ist nicht herzkrank‘, so möge Craterus sagen,
‚über den Fall‘. Ist er gesund und wird aufstehen? Er wird es verneinen.
Er ist kein Meineidiger, kein Geiziger: er opfere den
Gerechten Laren ein Schwein; doch ist er ehrgeizig und kühn:
Er soll nach Anticyra fahren. Was ist denn der Unterschied, ob du
Alles, was du hast, in den Schlund wirfst, oder das Erworbene niemals
Nutzt? Servius Oppidius, reich an altem Vermögen, hatte
Zwei Güter bei Canusium, und er teilte sie unter zwei Söhne,
So heißt es, und sprach, als er starb, die Knaben an sein Lager
Rufend: ‚Nachdem ich sah, Aulus, wie du Nüsse und Knöchel
In weitem Gewand trugst, sie verschenktes und verspieltest, und dich,
Tiberius, sah beim Zählen, wie du ängstlich sie in den Höhlen
Verbargst, da fürchtete ich, es könnte euch zwietracht-volle
Torheit ergreifen, du Nomentanus, du Cicutas Wege
Gehend. Darum, bei den Göttern, beschworen seid ihr Penaten:
Du hüte dich, zu verringern, du, mehr anzuhäufen als das, was
Der Vater für genug hält und die Natur schon begrenzt.
Außerdem, damit euch nicht der Ruhm kitzelt, so binde ich euch beide
Durch einen Eid: Wer von euch Ädil oder Prätor geworden,
Der sei ehrlos und verflucht!‘ — ‚In Kichererbsen und Bohnen,
In Lupinen verprast du dein Gut, um im Zirkus auf breiten
Wegen zu schreiten und als ehernes Bild dazustehen,
Nackt an Feldern, nackt an Münzen, du Verrückter, der Ahnen;
Sicher, damit du den Beifall empfängst, den Agrippa nun erntet,
Du listiger Fuchs, der den edlen Löwen nachahmen wollte!‘ —
‚Warum verbietest du, Atride, dass man Aias bestatte?‘
‚Ich bin König.‘ – ‚Mehr frage ich nicht, der Plebejer.‘ — ‚Und ich befehle
Gerechtes, und wem ich nicht gerecht scheine, dem erlaube ich,
Ungestraft zu sagen, was er denkt.‘ — ‚Größter der Könige,
Mögen die Götter dir geben, die Flotte nach Trojas Eroberung
Heimzubringen. Darf ich also fragen und bald eine Antwort erhalten?‘
‚Frage!‘ — ‚Warum verwest Aias, der Held, nach Achilles der zweite,
Berühmt für so oft gerettete Achaeer, zur Freude
Des Volkes Priams und Priams selbst, da er unbestattet
Bleibt, durch den so viele Jünglinge ihrer väterlichen Grabstätte fehlten?‘
‚Tausend Schafe gab der Wahnsinnige dem Tode, laut schreiend, er werde
Den berühmten Odysseus und Menelaos mit mir zusammen
Ermorden.‘ — ‚Du, als du an Stelle eines Kalbes die Tochter
Vor den Altären in Aulis hinstelltest und auf ihr Haupt, Unmensch,
Gestreute Opferspeise und Salz warfst, bewahrtest du
Da den rechten Sinn?‘ — ‚Warum?‘ — ‚Was tat denn der wahnsinnige Aias?
Als er das Vieh mit dem Eisen niederstreckte, mied er Gewalt
Gegen Gattin und Kind; obwohl er viel Übles den Atriden
Wünschte, verletzte er weder Teukrus noch Odysseus selber.‘
‚Wahrhaftig, ich aber, um die Schiffe, die fest an dem feindlichen
Ufer hingen, zu retten, opferte klug ich mein Blut und besänftigte Götter.‘“
„Etwa, du Wahnsinniger?“ – „Mein, doch wahnsinnig bin ich nicht.“ – „Wer
Täuscht sich und hält für die Wahrheit, was aus dem Gewirr eines Frevels
Stammt, der gilt als verrückt; es ist einerlei, ob durch Torheit
Oder durch Zorn man irrt. Wenn Aias unschuldige Lämmer
Tötet, so ist er verwirrt. Wenn du klug ein Verbrechen begehst, nur
Wegen der Titel, des Tand, bist du festen Geistes? Ist rein doch
Dein Sinn, wenn das Herz auch voll Hochmut geschwollen? Wenn einer
Liebt, ein gepflegtes Lamm wie ein Kind in der Sänfte zu tragen,
Kleider ihm näht, ihm Zofen gibt, Gold schenkt, ihm Namen wie ‚Rufa‘
Oder ‚Pusilla‘ gibt und es einem kräftigen Manne
Als seine Gattin verspricht: Ihm entzieht der Prätor die Rechte,
Unter die Vormundschaft fällt er, die bei den Sinnen verweilen.
Was, wenn einer die Tochter für ein stummes Lamm opfert –
Ist er bei klarem Verstand? Sag das nicht! Wo also eine
Arglose Torheit herrscht, dort herrscht auch der höchste Wahnsinn.
Wer ein Verbrecher ist, der ist auch wahnsinnig; wer nach dem Schein der
Eitlen Ehre greift, den umtost Bellona, die gern sich
An blutigen Dingen erfreut. Nun komm, nimm dir den Nomentanus
Und die Luxuswelt vor. Denn die Vernunft wird beweisen, dass jene
Toren genauso verrückt sind. Sobald er die tausend Talente
Seines Erbes empfing, ließ er ausrufen: Fischer, Obsthändler,
Vogelfänger, Salbenverkäufer und all das Gesindel
Aus dem Tuscischen Viertel, samt Schmarotzern und Köchen, samt allem,
Was im Velabrum feil ist, sollen frühmorgens bei ihm sein.
Was dann? Sie kamen in Scharen. Der Kuppler ergreift nun das Wort: ‚Was
Immer bei mir und bei diesen zu Hause ist, glaube, es sei dein,
Forder es heute noch ein oder morgen!‘ – Nun höre, was darauf
Jener junge Mann klug entgegnet: ‚Du schläfst in den Stiefeln
Auf dem lukanischen Schnee, damit ich den Eber verzehre;
Du fischst Fische aus winterlichem Meer. Ich bin träge, unwürdig,
Solch ein Vermögen zu haben. Nimm du, nimm zehnmal den Betrag,
Dir ebenso viel, dir das Dreifache, von dem, das die Gattin
Mitten in der Nacht auf den Ruf hin herbeieilt!‘ – Aesops Sohn nahm
Einst von Metellas Ohr die Perle, um zehnmal den Wert als
Flüssiges Gold zu verschlingen, in Essig gelöst: War er klüger,
Als hätte er das in einen reißenden Fluss oder Klosett geworfen?
Die Brut des Quintus Arrius, ein Paar, das durch Neigung,
Torheit und Laster als Brüder sich gleicht, verzehrten den Reichtum
Nur für den Kauf von Nachtigallen: Wohin gehören sie,
Sind sie mit Kreide gezeichnet als Weise oder mit Kohle?
Wer als bärtiger Mann noch mit Puppenhäusern sich abgibt,
Wagen an Mauern schiebt, ungleiches spielt, auf dem Stock reitet,
Den mag die Umnachtung treiben. Wenn die Vernunft dir beweist, dass
Lieben noch kindischer ist als dies, dass es keinen Unterschied
Macht, ob man im Staube spielt, wie ein Dreijähriger früher,
Oder um die Liebe einer Dirne besorgt nun weint:
Ich frage: Würdest du das tun, was Polemon einst tat, als er
Sich wandelte? Die Insignien der Krankheit ablegen, Bänder,
Kissen, Halstücher, wie er, dem man die Kränze vom Halse
Stahl, als er betrunken war, nachdem ihn die Mahnung des Meisters,
Der nicht gegessen, ergriffen? Wenn du dem zornigen Knaben
Äpfel reichst, weist er sie ab. ‚Nimm, kleiner Hund!‘ – Er verneint es.
Gibst du sie nicht, dann begehrt er sie. Was ist der Liebende anders,
Ausgeschlossen, der mit sich ringt, ob er gehen soll oder nicht,
Wohin er ohnehin zurückkehrt, auch ohne dass man ihn riefe,
Und an der verhassten Tür klebt? ‚Soll ich nicht, auch wenn sie mich
Selbst ruft, eintreten? Oder besser das Leiden beenden?
Sie schloss mich aus; sie ruft mich zurück: Soll ich wiederkehren?
Nein, selbst wenn sie bettelt!‘ – Da spricht der Sklave, ein wenig
Klüger: ‚Herr, was weder Maß noch Vernunft hat, das lässt sich mit Regeln
Nicht behandeln. Das sind die Übel der Liebe: Krieg, dann wieder
Frieden. Wer diese Dinge, die wie die Stürme der Wetter
Blind im Zufall schwanken, mit festen Regeln zu binden
Sucht, der erreicht nicht mehr, als wenn er den Wahnsinn mit Ordnung
Bändigen wollte.‘ – Was? Wenn du die Kerne aus Picener-Äpfeln
Schnellst und dich freust, wenn du die Decke triffst, bist du bei dir?
Was? Wenn du lallst mit verbrauchtem Gaumen, bist du klüger als jener,
Der Häuser baut? Füge der Torheit noch Blut hinzu und
Wühle mit Schwertern im Feuer. Gleich! – Als Marius sich einst
Stürzte, nachdem er Hellas schlug, war er da besessen?
Oder wirst du den Menschen von der Schuld des geistigen Fehlers
Freisprechen und ihn wegen des Frevels verurteilen, indem du
Wie gewohnt den Dingen verwandte Namen gibst?“ – Ein Freigelassener
War es, der als Greis nüchtern die Kreuzungen ablief,
Mit reinen Händen flehend: ‚Eins nur!‘ – ‚Was ist denn so groß?‘ – ‚Eins,
Rettet mich vor dem Tode! Bei den Göttern ist das ein Leichtes!‘
Er war gesund an Ohren und Augen; den Geist hätte wohl
Sein Herr bei einem Verkauf verschwiegen, außer er war streitsüchtig.
Auch diesen Haufen stellt Chrysipp in die fruchtbare Sippe
Des Menenius. ‚Jupiter, der du große Leiden gibst und nimmst‘,
Sagt die Mutter des Knaben, der seit fünf Monaten schon liegt,
‚Wenn das kalte Quartanfieber den Jungen verlässt, wird er an jenem
Morgen, an dem du das Fasten gebietest, nackt im Tiber stehen.‘
Ob der Zufall oder der Arzt ihn aus der Gefahr hob:
Die wahnsinnige Mutter wird ihn, am kalten Ufer erstarrt,
Töten und das Fieber zurückbringen. Von welchem Übel
Ist ihr Sinn erschüttert? Von der Furcht vor den Göttern.“ – Dies alles
Hat Stertinius, der Achte der Weisen, mir als Waffe gegeben,
Damit ich in Zukunft nicht ungestraft angegriffen werde.
Wer mich wahnsinnig nennt, wird dasselbe von mir hören und
Lernen, auf das zu schauen, was an seinem eigenen Rücken hängt.“ –
„Stoiker, mögest du so alles, was du verlorst, teurer verkaufen:
Welche Art von Torheit – da es ja nicht nur eine gibt –
Hältst du bei mir für Wahnsinn? Ich scheine mir nämlich gesund.“ –
„Was? Wenn Agave das abgeschlagene Haupt des unglücklichen
Sohnes in Händen trägt, hält sie sich da für wahnsinnig?“ –
„Ich gestehe, ich bin ein Tor – man darf die Wahrheit zugeben –
Und auch wahnsinnig. Nur sag mir, an welchem Fehler des Geistes
Ich wohl leide.“ – „Hör zu: Zuerst einmal baust du, das heißt,
Du eiferst den Großen nach, obgleich du von unten bis oben
Nur zwei Fuß groß bist, und lachst über Turbos Geist und Gang,
Obwohl er in Waffen größer ist als dein Körper. Was bist du
Weniger lächerlich als jener? Ist es wahr, dass du alles,
Was Maecenas tut, auch tun musst, obwohl du so verschieden
Und so viel kleiner bist, dich zu messen? Die Frösche der abwesenden
Mutter, die vom Kalb zertreten wurden, als einer entkam,
Erzählten der Mutter, ein riesiges Ungeheuer habe ihre
Verwandten zermalmt. Sie fragte: ‚Wie groß? War es etwa so
Groß?‘ und blähte sich auf. ‚War es etwa so groß?‘ – Als sie sich immer
Mehr aufblähte, sagte einer: ‚Nicht einmal, wenn du dich zerplatzest,
Wirst du ihm gleich sein.‘ Dieses Bild passt nicht schlecht auf dich.
Füge nun noch deine Gedichte hinzu, das heißt: Öl ins Feuer,
Die, wenn ein Gesunder sie machte, auch du als Gesunder machst.
Ich spreche nicht von deinem furchtbaren Zorn...“ – „Hör jetzt auf!“ – „...von deiner
Lebensart, die über deinem Vermögen liegt...“ – „Behalte dich bei dir selbst, Damasippus!“ –
„...von dem Wahnsinn wegen tausend Mädchen und tausend Jungen...“ –
„O du Größerer, schone endlich den Kleineren, du Wahnsinniger!“
SERMON IV
„Woher und wohin, Catius?“ – „Ich habe keine Zeit, bin eilig,
Will ich doch Merksätze notieren, die jeden an Weisheit übertreffen,
Sei es Pythagoras, Anytus’ Richter oder der gelehrte Plato.“
„Ein Fehler, ich gestehe, dass ich dich zur Unzeit nun störte;
Doch sei gütig, verzeih mir, ich bitte! Wenn dir nun gerade
Etwas entfallen sein sollte, du wirst es bald wiederfinden,
Sei es nun Natur oder Kunst, in beidem bist du ja bewandert.“
„Daran dacht’ ich ja eben, wie ich alles wohl festhalten könnte,
Da es ja feine Dinge sind, in feiner Rede vollendet.“
„Nenne mir den Namen des Mannes, und ob er Römer ist oder Fremder!“
„Ich werde die Lehren, wie sie im Geiste haften, vortragen, doch bleibt der
Autor geheim. Zuerst: Du sollst die ovalen Eier dir aussuchen,
Denn sie sind weißer und schmecken weit besser als jene runden;
Denn fest ist das Weiße, das in sich das Männliche hält, die Dotter.
Kohl, der auf trockenem Boden in Vorstadtgärten gewachsen,
Schmeckt weit süßer; nichts ist verwässerter als das Gewächs aus
Feuchtem Garten. Wenn dich ein Gast am Abend plötzlich überrascht und
Du fürchtest, das Huhn könnte hart für den Gaumen sich erweisen,
Sei so klug, es lebendig in altem Falern zu ertränken:
Dies macht es zart. Die Wiesenpilze sind von Natur aus
Die besten; bei andern traut man dem Urteil schwer. Der wird gesund die
Sommer verbringen, der das Mahl mit schwarzen Maulbeeren endet,
Die er vor der schweren Sonne vom Baume gepflückt hat.
Aufidius mischte den Honig in kräftigen Wein, doch das ist
Fehlerhaft; denn dem leeren Magen ziemt nur das Milde:
Lösche den Durst lieber mit süßem Met, das reinigt die Brust dir.
Wenn der Stuhlgang schwer ist, helfen Miesmuscheln und billige
Schnecken, um das Hindernis zu lösen, dazu das Kraut des
Ampfers, doch nicht ohne kühlen Wein aus der Insel Cos dazu.
Gleitende Muscheln füllen sich mit der wachsenden Mondsichel;
Doch nicht jedes Meer ist fruchtbar für edle Schalen:
Besser als Murex aus Baiae ist die Lucrinische Muschel,
Austern kommen aus Circeii, Seeigel aus Misenum,
Tarent, das weiche, brüstet sich mit den breiten Kammmuscheln.
Doch maße sich keiner vorschnell die Kunst der Gastmähler an, eh
Nicht die feine Vernunft der Geschmäcker genau ist erforscht.
Nicht reicht es aus, nur Fische vom teuren Markte zu raffen,
Wenn man nicht weiß, welcher Sud für welchen Fisch wohl geeignet
Ist, damit der Gast, wenn er satt, sich zurück auf den Ellbogen lehnt.
Ein Eber aus Umbrien, der mit Eicheln der Steineiche
Gemästet, biegt die runden Platten, da er zähes Fleisch meidet;
Denn schlecht ist der aus Laurentum, der von Schilf und Sumpfgras fett ist.
Rebenböcke sind nicht immer als Speise zu empfehlen.
Ein Weiser sucht die Keulen eines fruchtbaren Hasen aus.
Welche Natur und welches Alter Fische und Vögel wohl haben,
War vor meinem Gaumen noch keinem der Suchenden jemals enthüllt.
Es gibt Leute, deren Geist nur auf neue Gebäcke sich richtet.
Doch ist es keineswegs genug, die Mühe nur auf eine Sache
Zu verwenden, wie etwa nur darauf zu achten, dass der Wein gut
Ist, während man beim Olivenöl für den Fisch völlig achtlos bleibt.
Wenn du den Wein aus Massicum unter den klaren Himmel stellst,
Wird in der nächtlichen Luft alles Trübe sich schnell nun verflüchtigen,
Und der Geruch, der den Nerven schadet, wird schwinden; doch jene
Weine verderben durch Leinen, das den ursprünglichen Geschmack raubt.
Wer schlau den Wein aus Surrentum mit der Hefe des Falerner
Mischt, der bindet den Bodensatz gut mit einem Taubenei,
Weil der Dotter nach unten sinkt und das Fremde mit sich zieht.
Mit gebratenen Garnelen und afrikanischen Schnecken
Erweckst du den müden Trinker; denn Salat schwimmt auf dem
Säuerlichen Magen nach dem Wein; nach Schinken und Würsten
Lechzt er mehr und mehr, verlangt nach Erfrischung, ja, er zieht alles vor,
Was in unsauberen Garküchen heiß serviert wird.
Es lohnt sich, die Natur der zweifachen Soße zu kennen.
Die einfache besteht aus mildem Öl, das du mit dickem
Wein und einer Salzlake mischen sollst, die nicht anders als jene ist,
Die in der byzantinischen Tonne den strengen Geruch bekam.
Wenn dies mit Kräutern vermischt und aufgekocht wurde, dazu mit
Krokus aus Corycus bestreut, füge noch das Öl hinzu, das
Die gepresste Olive aus Venafrum von sich gab.
Äpfel aus Tibur übertreffen die aus Picenum an Saft:
Sie übertreffen sie an Aussehen, doch Venucula-Weintrauben
Passen in Krüge; besser ist es, Albaner-Trauben zu räuchern.
Ich bin es, der als Erster mit Äpfeln, mit Hefe und Salzlake,
Sowie mit weißem Pfeffer und schwarzem Salz in reinen
Schalen aufzutischen sich fand. Es ist ein riesiger Frevel,
Dreitausend Sesterzen auf dem Markt für Fische zu zahlen und
Sie in enger Platte zu drängen. Großen Ekel erregt es
Im Magen, wenn der Sklave mit fettigen Händen den Becher
Anfasst, während er Diebstähle nascht, oder wenn alter Schlamm
An dem Krater haftet. Welche Kosten entstehen schon für billige
Besen, für Tücher und Sand? Vernachlässigung ist ein großes
Verbrechen. Willst du mit schmutziger Hand auf den bunten Steinen
Reiben und purpurne Decken auf ungewaschene Polster breiten?
Du vergisst: Je weniger Sorge und Kosten diese Dinge
Verlangen, desto gerechter wird man tadeln, wenn sie fehlen,
Da sie nur den Tischen der Reichen vorbehalten sein sollten!“ –
„Gelährter Catius, bei unserer Freundschaft und bei den Göttern,
Erinnere dich, mich mitzunehmen, wenn du wieder hörst; du gehst, wohin
Du willst. Denn auch wenn du mir alles mit treuem Gedächtnis
Wiederholst, so kann ein Dolmetscher nicht denselben Nutzen bringen.
Dazu kommt der Ausdruck, die Haltung des Mannes, den du, glücklich,
Gesehen hast, was du nicht hoch einschätzt, weil es dir gelang; doch bei mir
Ist ein nicht geringes Verlangen, die verborgenen Quellen zu finden
Und die Lehren eines glücklichen Lebens dort zu schöpfen.“
SERMON V
„Beantworte mir noch dies, Tiresias, nach dem Gesagten: Wie kann ich
Wieder erlangen den Reichtum, die Güter, die mir verloren?
Warum lachst du?“ – „Ist es dir denn nicht genug, nach all den Gefahren
Endlich in Ithaka wieder zu sein und die Ahnen zu schauen?“
„O du, der niemals gelogen, du siehst doch, ich kehre nackt heim,
Arm wie ein Bettler, wie du mir geweissagt; und dort ist kein Vorrat,
Den nicht die Freier verzehrt! Und doch ist Adel und Tugend,
Fehlt das Vermögen dazu, wohl wertloser als ein Stück Seetang.“
„Da du die Armut so sehr nun fürchtest, ohne Umschweife höre:
Wie du wohl reich werden kannst. Wenn dir eine Drossel geschenkt wird
Oder ein seltener Bissen, so sende ihn dorthin, wo reichlich
Glänzt das Vermögen bei einem Greis; süße Früchte und alles,
Was dir der bebauter Grund an Ehren einbringt, die koste
Zuerst jener Reiche, der mehr als der Lar selbst Verehrung verdient.
Auch wenn er meineidig ist, ohne Herkunft, besudelt mit Blute
Eignes Bruders, ein Flüchtling: verweigere dennoch nicht, wenn er
Dich nun als Begleiter begehrt, stets außen an seiner Seite zu gehen.“
„Soll ich dem schmutzigen Dama das Geleit geben? So hab ich mich nicht
In Troja benommen, stritt ich doch immer mit besseren Männern.“
„Nun, so bleib arm!“ – „Ich will meinen starken Geist das ertragen
Lehren; ich trug schon Schlimmeres. Doch sag mir, du Seher, sogleich, wo
Ich das Vermögen und Berge von Geld mir erschleichen kann.“
„Ich sag es und hab es gesagt: Suche schlau überall testamentarisch
Erben von Alten; und wenn auch ein, zwei, die schlau waren, dir entkamen,
Dass der Verräter den Haken zerbiss, so gib nicht die Hoffnung
Oder die Kunst nun auf. Wenn einmal ein Prozess, ob groß oder klein,
Auf dem Forum geführt wird: Wer wohl als Reicher, doch kinderlos,
Schamlos und frech einen Besseren kühn vor Gericht nun verklagte,
Dem sei du treu als Verteidiger; achte nicht auf den Bürger,
Der an Ansehen und Recht wohl besser ist, wenn er im Hause
Söhne hat oder eine fruchtbare Gattin. ‚Quintus‘ oder ‚Publius‘ –
Weiche Ohren ergötzen sich gern an dem Vornamen – ‚deine Tugend
Machte mich dir zum Freund. Ich kenne das zweifelhafte Recht, kann
Klagen verteidigen; eher entnimmt man mir meine Augen,
Als dass ich dich, den Geringen, um eine leere Nuss ärmer
Sehen ließe; es ist meine Sorge, dass du nichts verlierst und
Nicht wirst zum Spott.‘ – Geh heim und pflege dein kleines Leben;
Sei der Anwalt selbst, beharre und dulde: Ob die rote
Hundsstern-Glut die Statuen spaltet, ob Furius, dick mit
Bauchfett, die Alpen mit winterlichem, bleichem Schnee wohl beschneit.
‚Siehst du nicht‘, fragt einer, der den, der daneben steht, mit dem
Ellbogen drückt, ‚wie geduldig er ist, wie er Freunden dient, wie er scharf ist?‘
Mehr Fische werden anbeißen, die Fischzucht wird wachsen. – Wer sonst noch
Einen schwächlichen Sohn in seinem glänzenden Hause
Aufzieht, damit nicht das allzu offene Werben um den
Ehemann dich entlarve, schlüpfe sacht als hilfreicher Diener
In die Hoffnung hinein, dass du als zweiter Erbe wohl nieder-
Geschrieben wirst, und wenn irgendein Zufall den Knaben zum Orkus
Sandte, du rückst in die Lücke: Nur selten täuscht dieses Glücksspiel.
Wer dir das Testament zum Lesen übergibt, achte darauf,
Dass du ablehnst, die Tafeln von dir fernzuhalten, doch blicke
Seitwärts und stiehl mit den Augen, was die erste Wachstafel wohl
In der zweiten Zeile besagt: Ob du Alleinerbe bist oder
Mit vielen zusammen, überfliege es mit schnellem Blick. Oft
Täuscht ein gewiefter Schreiber, ein Fünfmann-Beamter, den gierigen
Raben, und Nasica wird zum Gelächter des Coranus.“
„Bist du wahnsinnig? Spielst du mit mir und sprichst nur in Rätseln?“
„O du Laertiade, was immer ich sage, es wird sein oder nicht;
Denn zu weissagen schenkt mir der große Apollo die Gabe.“
„Doch sag, was dieses Märchen bedeuten soll, wenn es erlaubt ist.“
„Zu der Zeit, da der Jüngling, den Parthern schrecklich, vom hohen
Geschlecht des Aeneas entsprossen, auf Land und auf Meer groß
Sein wird, wird die hochgewachsene Tochter des Nasica, der fürchtet,
Seine Schulden zu zahlen, den starken Coranus wohl heiraten.
Dann wird der Schwiegersohn dies tun: Er gibt dem Schwiegervater
Die Tafeln und bittet, er möge sie lesen; Nasica nimmt sie,
Obwohl er sie ablehnt, endlich entgegen, liest schweigend und findet,
Dass ihm nichts hinterlassen ist, außer dem Weinen für ihn und die Seinen.
Dazu rate ich noch dies: Wenn eine betrügerische Frau oder
Ein Freigelassener den greisen Narren lenkt, so geselle
Dich ihnen zu; lobe sie, damit du in Abwesenheit Lob erntest.
Dies hilft auch, doch der Sieg liegt darin, das Haupt selbst zu stürmen.
Schreibt er schlechte Gedichte, der Tölpel: So lobe sie. Ist er
Ein Wüstling: Hüte dich, dass er dich fragt; gib ihm bereitwillig
Deine Penelope, wenn er sie begehrt.“ – „Glaubst du, dass eine,
Die so sittsam und treu ist, sich dahin lenken lässt, da doch
Nicht einmal Freier sie von ihrem rechten Wege vertreiben konnten?“
„Denn es kommt eine Jugend, die geizig ist mit dem Schenken,
Und die weniger Lust an der Liebe als an der Küche hat.
So ist Penelope sittsam; doch wenn sie einmal bei einem
Greis mit dir zusammen den Gewinn geteilt hat, wird sie
Wie ein Hund von dem fettigen Leder niemals mehr ablassen.
Was ich sage, ist geschehen, als ich noch jünger war. Eine alte
Schändliche Frau in Theben wurde so beigesetzt: Ihr Leichnam
Wurde vom Erben auf nackten Schultern, mit reichlich Öl gesalbt,
Herausgetragen, damit sie vielleicht, da sie tot war, noch entschlüpfe;
Ich glaube, weil sie zu sehr ihn im Leben bedrängt hat. Geh behutsam
An das Werk, sei weder zu eifrig, noch lass es an Mühe mangeln.
Den Schwerfälligen und Mürrischen kränkt das Geschwätz: Geh über
Das ‚Nein‘ und ‚Ja‘ nicht hinaus; sei wie Davus in der Komödie,
Steh mit geneigtem Haupt, ganz so, als ob du dich fürchtest.
Gehe durch Schmeichelei vor; rate ihm, wenn der Wind stärker weht,
Vorsichtig, sein teures Haupt zu bedecken; dränge dich vor, wenn
Die Menge drängt; gib dem Schwätzer das Ohr. Ein Unverschämter
Liebt es, gelobt zu werden: Solang er nicht ‚Genug jetzt!‘ mit
Zum Himmel erhobenen Händen ruft, treibe es weiter:
Blase den Schlauch, der wächst, mit geschwollenen Reden auf!
Wenn er dich endlich von langer Knechtschaft und Sorge befreit hat,
Und du wachend die Worte vernimmst: ‚Ulixes soll Erbe des
Vierten Teils sein‘, dann sag: ‚So ist Dama, mein Freund, nun
Nirgendwo mehr? Woher nehme ich wieder so einen treuen?‘ –
Streue dies immer wieder ein und, wenn du ein wenig weinen
Kannst, so verbirg das Gesicht, das die Freude verrät. Das Grab, das
Seinem Willen überlassen, errichte ohne Geiz: Das Begräbnis,
Hervorragend ausgerichtet, soll die Nachbarschaft loben. Wenn einer
Der Miterben etwa im Alter heftig hustet, so sag ihm,
Dass du von deinem Teil, sei es Haus oder Acker, der Käufer
Sein willst, und überlasse es ihm, da du dich über das Geld freust. Doch
Proserpina, die Gebieterische, zieht mich hinab: Lebe wohl!“
SERMON VI
„Das war mein Wunsch: Ein Stück Land, nicht allzu groß, mit einem
Garten, daneben ein Haus mit beständigem Quell und ein wenig
Wald dazu. Götter gaben noch mehr und Besseres. Gut ist’s.
Mehr noch erfleh’ ich nicht, Sohn der Maia, als dass du mir dieses
Eigentum dauerhaft machst. Wenn ich nicht durch böse Machenschaft
Mehr mir erwarb, und durch Schuld oder Laster nichts wieder verlor,
Wenn ich nicht töricht bete: ‚O wäre der Winkel dort drüben
Mein, der das Feld mir noch stört!‘ oder: ‚O fände ich doch einen
Topf voller Silber durch Zufall, wie jener, der, nachdem er den
Schatz fand, den Acker sich kaufte, den er zuvor als Knecht
Pflügte, mit Herkules’ Hilfe reich!‘ – Wenn mich erfreut, was ich habe,
So ist mein Flehen an dich: Mach mir das Vieh nur fett und
Alles, mein Geist ausgenommen, und steh mir bei, wie du es pflegst!“
Wenn ich vom Stadtlärm entfliehe in Berge und Burg, was soll ich
Eher besingen als Satiren, als das Gespräch der Musen?
Weder vernichtet mich eitler Ehrgeiz noch der bleierne Südwind,
Noch der herbstliche Hauch, der Libitina den Lohn bringt.
Vater des Morgens, oder willst du lieber Janus genannt sein,
Dem die Menschen den Anfang der Werke und Mühen des Lebens
Weihen – so haben die Götter beschlossen –, du sei der Gesänge
Anfang. In Rom raubst du mich: „Eile! Dass niemand zuvor dir das Amt tut,
Dränge!“ – Ob Aquilo peitscht oder Winter die Tage mit kürzerem
Kreise beschreibt, ich muss gehen. Wenn ich dann deutlich gesprochen,
Muss ich im Gedränge mich mühen und Unrecht den Säumigen tun.
„Was willst du, Verrückter?“ so schreit mich ein Unverschämter mit Zorn an,
„Was treibst du? Du stößt doch jeden beiseite, der im Wege
Steht, wenn du denkst an Maecenas, um eilends zu ihm zu gelangen!“
Das schmeckt, das ist Honig, ich leugne es nicht. Doch kaum auf dem Esquil
Angekommen, da stürzen hundert fremde Geschäfte
Über mein Haupt und umzingeln mich. „Roscius bat, dass du morgen
Vor der zweiten Stunde am Puteal ihm beistehen könntest!“ –
„Die Schreiber baten dich, Quintus, heute noch wegen der neuen
Sache zu denken, bei ihnen zu sein.“ – „Lass Maecenas dies Siegel
Draufdrücken!“ – „Ich will versuchen“, sag ich. – „Wenn du willst, kannst du“,
Sagen sie drängend.
Das achte Jahr flieht bald, seit mich Maecenas in seine
Reihe der Freunde aufnahm, doch nur dazu, dass er mich mitnehme
Auf der Fahrt im Wagen und mir Belangloses anvertraue:
„Wie spät ist es? Ist Gallina der Thraker dem Syrus gewachsen?
Die morgendliche Kälte beißt doch den Unvorsichtigen!“ – Und was
Man sonst noch gut in das löchrige Ohr zu legen vermag.
Durch diese ganze Zeit war ich täglich und stündlich des Neides
Ziel. Sah er die Spiele mit mir, spielte er mit mir auf dem
Felde: „Ein Glückskind!“ riefen alle. Kalt schleicht von den Rostra das Gerede
Durch die Straßen: Jeder, der mir begegnet, fragt mich: „O Guter –
Denn du musst es ja wissen, stehst du doch näher den Göttern –,
Hast du vom Daker gehört?“ – „Nichts weiß ich.“ – „Wie du immer spottest!“ –
„Die Götter sollen mich strafen, wenn ich etwas weiß!“ – „Sagt Caesar den
Soldaten die Äcker, die er versprach, in Italien oder auf
Triquetra?“ – Dass ich schwöre, nichts zu wissen, bewundern sie als
Einen Mann von seltener Stille und klugem Schweigen.
Zwischen alledem schwindet der Tag, nicht ohne das Flehen:
O Landgut, wann seh ich dich wieder? Wann darf ich bei alten
Büchern, beim Schlaf und in müßigen Stunden die Sorgen des Lebens
Endlich vergessen? Wann gibt’s Kichererbsen, die Bohnen des Weisen,
Dazu ein Gemüse, mit reichlich Speck wohl schmackhaft gemacht?
O Nächte und Mahle der Götter! Wenn ich und die Meinen vor meinem
Eigenen Lar dann speisen und freche Sklaven bewirte
Mit den geheiligten Resten. Jeder trinkt, wie es ihm beliebt,
Aus ungleichen Bechern, entbunden von törichten Gesetzen,
Sei es, er trinkt kräftig den Wein, oder liebt es, sich mäßig zu laben.
So beginnt ein Gespräch, nicht über fremde Villen und Häuser,
Nicht ob Lepos gut tanzt; wir erörtern, was uns angeht und
Wissen wir sollten: Macht Reichtum glücklich oder die Tugend?
Was zieht uns zur Freundschaft, der Nutzen oder das Rechte?
Was ist die Natur des Guten, was ist das höchste Ziel?
Dazwischen erzählt Cervius, mein Nachbar, in seiner Art
Alte Märe. Wenn einer, unwissend, die unruhigen Schätze
Des Arellius preist, so beginnt er: „Einst kam ein Feldmaus-
Mann zu der Stadtmaus, ein armer Freund den alten Freund besuchen,
Beide alt, doch er war sparsam, pflegte jedoch seine Gastfreundschaft.
Was viel sagen? Er sparte nicht Kichererbsen noch langen Hafer,
Brachte eine getrocknete Beere und Reste von Speck, die er
Gierig anbot, um die Launen des städtischen Gastes zu heilen,
Der nur das Mahl kaum berührte mit seinem stolzen Gebiss,
Während der Hausvater selber auf frischem Stroh lag und nur
Dinkel und Lolch aß, das Beste des Mahls dem anderen lassend.
Endlich sprach der Städter: ‚Was hilft dir das Leben, mein Freund, am
Rücken des steilen Waldes zu fristen? Willst du nicht Menschen und Stadt
Dem Wald vorziehen? Komm mit, glaub mir, mein Begleiter, da alle
Wesen auf Erden dem Tode verfallen sind und es keine
Flucht gibt für Kleine noch Große. Darum, o Guter, solange
Es dir vergönnt ist, lebe in Freuden und denke daran, wie
Kurz dein Leben ist!‘ – Als dies den Landmann überzeugte,
Sprang er leicht aus dem Haus. Beide wandern das Ziel nun an,
Wollten die Mauern der Stadt in der Nacht nun heimlich betreten.
Schon hielt die Nacht in der Mitte des Himmels den Raum, als beide
Ihren Fuß in das reiche Haus setzten, wo auf den elfenbeinernen
Betten der Purpur leuchtete und Reste von großen Mahlen,
Die noch in Körben von gestern dort überreichlich standen.
Nachdem er den Landmann auf Purpur gebettet, flitzt der
Gastgeber wie ein geschäftiger Diener hin und her, setzt das
Mahl fort, übernimmt die Dienste, vorkostend alles, was er bringt.
Der Landmann, nun liegend, erfreut sich am Wandel des Schicksals, spielt
Fröhlich den Gast, als plötzlich ein gewaltiges Krachen der Türen
Beide von ihren Betten verscheuchte. Sie liefen erschreckt durch
Das ganze Gemach, das Herz voll Zittern, als das hohe Haus
Widerhallte vom Bellen der Molosserhunde. Da sprach der
Landmann: ‚Dieses Leben brauch ich nicht! Lebe wohl! Mich soll mein Wald
Und meine sichere Höhle vor Nachstellungen mit Dinkel wohl trösten!‘“
SERMON VII
„Schon lange hör’ ich zu und wollte dir, Herr, einiges sagen,
Doch fürcht’ ich’s.“ – „Davus?“ – „Ja, Davus, der treue Sklave, der dir ja
Dienlich ist, wie man meint, wenn Sklaven nur leben und atmen.“
„Wohlauf! Nutze die Freiheit des Dezember, wie’s unsere Ahnen
Wollten, und sprich!“ – „Ein Teil der Menschen erfreut sich beständig
An ihrem Laster und bleibt dabei; doch viele schwanken,
Bald das Rechte ergreifend, dann wieder dem Schlechten verfallen.
Priscus, der oft sich zeigte mit drei Ringen an seiner linken,
Lebte ungleich; er trug bald den Purpurstreifen, dann wieder keinen,
Flüchtete plötzlich aus großen Häusern, aus denen er kaum als
Ein anständiger Freigelassener je noch gekommen wäre;
Heute ein Ehebrecher in Rom, morgen will er in Athen
Leben, ein Sohn von Vortumnus, so launisch wie dieser in allem.
Der Gaukler Volanerius, nachdem die Gicht ihm die Glieder
Zerschlug, hielt sich einen Knecht, der für ihn die Würfel nahm
Und in den Becher sie warf, und zahlte ihm Tagelohn dafür:
Wer so beständig in seinem Laster verharrt, ist weit weniger
Elend als jener, der bald am straffen, bald am losen Seil zerrt.“
„Sagst du heute noch, du Galgenvogel, wohin das Gerede
Zielt?“ – „Auf dich!“ – „Wie meinst du das, du Nichtsnutz?“ – „Du preist das Glück
Und die Sitten des alten Volkes, doch wenn ein Gott dich
Plötzlich dahin versetzen würde, so würdest du zagen,
Weil du nicht fühlst, was du laut verkündest, oder weil du
Fest nicht das Rechte verteidigst und stecken bleibst in der Schlammflut,
Mühend dich, aus dem Dreck die Füße endlich zu ziehen.
In Rom wünschst du das Land; auf dem Lande erhebst du die ferne
Stadt in die Sterne. Wenn man dich einmal nicht lädt zum Essen,
Preist du das einfache Grün und sagst, du seist so glücklich,
Weil du nirgendwo trinken musst. Doch käme die Einladung
Von Maecenas: ‚Komm abends, wenn die Lampen angezündet!‘ –
‚Holt mir das Öl doch schneller! Hört niemand?‘ – brüllst du mit großem
Lärm und fliehst.“ – „Mulvius und die Schmarotzer, die dir nun Flüche
Zuwünschen, ziehen von dannen. Denn einer von ihnen wird sagen:
‚Ich gestehe, mein Bauch führt mich leicht, ich werde vom Duft wohl
Ganz benommen, bin schwach, träge, und, wenn du willst, auch ein Schlemmer.
Du aber, da du dasselbe bist wie ich, vielleicht noch ärger,
Tadelst mich als ein Besserer und hüllst dein Laster in schöne
Worte?‘“
Was, wenn du selbst, du Narr, als Sklave für fünfhundert
Drachmen gekauft, nun ertappt wirst? Spar dir das drohende Antlitz;
Behalte die Hand bei dir und deinen Zorn, bis ich dir sage,
Was der Pförtner des Crispinus mich einst gelehrt hat:
Dich fesselt eine fremde Gattin, mich ein kleines Mädchen;
Wer von uns beiden verdient wohl eher den Kreuzestod? Wenn meine
Natur mich treibt, so lässt mich das Mädchen, wenn sie mich nackt im
Scheine der Lampe empfängt, nicht berühmt oder sorgenbeladen
Gehen, denn keine Reichere oder Schönere muss mich dann meiden.
Du aber, wenn du die Abzeichen ablegst, den goldenen Ring,
Den Habit des Ritters, und als Dama aus dem Richter nun heraustrittst,
Das duftende Haupt unter hässlicher Kapuze verbergend –
Bist du nicht das, was du vorgibst? Ängstlich wirst du geführt,
Zitternd in Mark und Bein, während die Lust und die Furcht sich bekämpfen.
Was hilft es, ob du als Freier mit Ruten gepeitscht oder mit Eisen
Hingerichtet wirst, oder ob du, in der Truhe verkrochen,
Wohin dich der Schmutz der Ehefrau des Herrn nun hinunter
Schickte, gekrümmt mit den Knien das Kinn nun berührst? Hat der Gatte
Der ehebrecherischen Frau nicht gegen beide ein Recht,
Gegen den Verführer sogar noch mehr? Sie aber wechselt
Weder den Ort noch die Kleidung, und sie fürchtet dich und traut dir nicht.
Du gehst unter das Joch, wohl wissend, und gibst dein Leben und Ehre
Einem wütenden Herrn preis! Entronnen? Ich glaube, du fürchtest
Und wirst durch Schaden klug: Du wirst schon wieder nach dem suchen,
Was dich zittern lässt, o Sklave, so oft! Welches Tier, das einmal
Der Kette entronnen, kehrt freiwillig wieder zurück zum Strick?
„Ich bin kein Ehebrecher“, sagst du. Ich auch kein Dieb, wenn ich
Weise an silbernen Gefäßen vorübergehe. Nimm die Gefahr weg:
Schon springt die Natur hervor, die Zügel sind losgelassen.
Du willst mein Herr sein, der du so vielen Dingen und Menschen
Untertan bist, den auch das dreimal oder viermal verliehene
Recht der Freiheit niemals von der elenden Furcht befreien kann?
Und noch mehr: Denn ob er nun ein Stellvertreter ist, der einem
Sklaven dient, wie ihr sagt, oder ein Mitknecht – was bin ich dir?
Du, der mir befiehlt, dienst selbst andern und wirst geführt
Wie eine Holzpuppe an fremden Schnüren. Wer also ist frei?
Der Weise, der sich selbst beherrscht, den weder Armut
Noch Tod noch Fesseln schrecken, der tapfer den Begierden
Widersteht, Ehre verachtet, in sich vollkommen, rund und
Geglättet ist, an dem nichts von außen haften kann,
An dem die Fortuna sich bricht. Kannst du von alledem etwas
An dir selbst finden? Fünf Talente verlangt die Frau von dir,
Plagt dich, wirft dich vor die Tür, übergießt dich mit kaltem Wasser,
Ruft dich wieder: Reiß den Hals aus dem schändlichen Joch,
Sag: ‚Ich bin frei!‘ – Du kannst es nicht. Denn ein Herr drückt den Geist,
Nicht sanft, und stößt dem Müden die Stacheln ins Fleisch.
Oder wenn du starrst auf das Bild des Pausias, du Wahnsinniger,
Wer sündigt weniger, du oder ich, wenn ich die Schlachten
Von Fulvius, Rutuba oder Pacideianus mit gespannten
Sehnen bewundere, gemalt mit Rötel oder Kohle, als ob
Sie wirklich kämpften, Arme bewegten, träfen und wichen?
Davus ist ein Nichtsnutz und Faulenzer; du aber giltst als
Feiner Kenner der Alten und bist ein Schlauer?
Ich nichts, wenn ich an warmem Kuchen mich labe: Du hast
Tugend und Geist, der fetten Festmahlen Widerstand leistet?
Warum ist die Unterwerfung unter den Bauch für mich schädlicher?
Weil ich auf dem Rücken dafür zahle. Wie willst du straflos
Dich an Speisen vergreifen, die man mit wenig nicht haben kann?
Die Speisen, die man maßlos begehrt, werden bitter, und die Füße,
Die betrogen wurden, weigern sich, den sündigen Körper zu tragen.
Sündigt der, der bei Nacht als Knabe eine Traube stiehlt,
Während du Ackerland verkaufst, um dem Bauch zu dienen?
Dazu, dass du nicht eine Stunde mit dir allein sein kannst,
Keine Ruhe findest, dich selbst wie ein Flüchtiger und Streuner
Meidest, bald durch Wein, bald durch Schlaf die Sorge zu täuschen –
Vergeblich: Die schwarze Begleiterin drängt und folgt dem Fliehenden!“
„Wo ist ein Stein?“ – „Wozu?“ – „Wo sind meine Pfeile?“
„Der Mensch ist entweder wahnsinnig oder er macht Verse!“
„Wenn du dich nicht schleunigst von hier entfernst, wirst du als Neunter
Knecht auf meinem Sabinergut arbeiten!“
SERMON VIII
„Wie hat dir bei Nasidienus das Mahl des Reichen geschmeckt?
Denn als ich dich gestern suchte, hieß es, du seiest dort schon
Seit dem Mittag am Zechergelage.“ – „So gut, wie mein Leben
Nimmermehr besseres bot!“ – „So sag, wenn es nicht zu beschwerlich,
Welche Speise zuerst den zornigen Magen beruhigt?“
„Zuerst ein Lukaner Eber: Er war bei mildem Südwind
Gefangen, so sagte der Herr des Mahls; darum herum gab es
Scharfe Radieschen, Kopfsalat, Wurzeln, kurz alles, was den
Matten Magen erregt: Pastinaken, Salzlake, Weinhefe aus Kos.
Als das abgeräumt war, wischte ein Knabe mit purpurnem Tuch die
Tischplatte aus Ahorn ab, und ein zweiter sammelte alles,
Was unbrauchbar am Boden lag oder die Gäste stören
Könnte; wie die attische Maid bei den Riten der Ceres, so schritt
Dunkel der Hydaspes heran, den Caecuber-Wein nun bringend,
Alcon den Chier-Wein, der ohne Meerwasser war. Darauf sprach der
Hausherr: ‚Maecenas, wenn dir Albaner oder Falerner lieber ist,
Wir haben beides.‘“ – „Welch ärmlicher Reichtum! Doch wer speiste dort bei
Dir, Fundanus, das würde ich gerne erfahren.“
„Ich saß oben, nahe bei mir Viscus aus Thurii und weiter
Unten, wenn ich mich recht entsinne, Varius; mit Balatro
Vibidius, die Maecenas als seine Begleiter mitbrachte.
Nomentanus saß über dem Gastgeber, Porcius unter ihm,
Der Lächerliche, der ganze Pasteten auf einmal verschlang;
Nomentanus war dazu da, um mit dem Fingerzeig zu zeigen,
Was etwa verborgen blieb. Denn die übrige Schar – wir,
Sagt’ ich, aßen Vögel, Muscheln und Fische, die in sich einen
Geschmack bargen, den keiner von uns wohl kannte, wie sich
Sofort beim Verkosten der Leber vom Butt und der Meeräsche zeigte,
Die er mir reichte. Danach lehrt’ er mich, dass die Äpfel
Bei abnehmendem Monde rot werden – warum das so sei,
Hörst du besser von ihm selbst. Da rief Vibidius dem Balatro zu:
‚Wenn wir nicht zechend uns rächen, so sterben wir ohne Vergeltung!‘
Und forderte größere Becher. Da bleichte der Wirt und er
Wurde blass, denn nichts fürchtet er mehr als zechernde Gäste,
Sei es, weil sie zu frei mit der Zunge sind, sei es, dass heißer
Wein den feinen Gaumen für Speisen betäubt.
Die ganze Menge entleerte die Weinkrüge in Allifaner
Becher, Vibidius und Balatro, und alle folgten;
Die Gäste auf dem untersten Polster schonten die Krüge gänzlich.
Dann kam eine Muräne herein, die zwischen Garnelen
In einer Schüssel sich wand. Da sagte der Wirt: ‚Sie wurde trächtig
Gefangen, denn nach der Geburt wäre das Fleisch nur geringer.
Der Sud ist gemischt mit Öl, das die erste Kelter aus Venafro
Presste; mit Soße aus Säften des iberischen Fisches;
Mit fünfjährigem Wein, der jedoch diesseits des Meeres gewachsen,
Während des Kochens – denn Chier-Wein passt so dazu, dass kein anderer
Besser sich eigne –; mit weißem Pfeffer und nicht ohne Essig,
Der die Traube von Methymna in Essig verwandelte.
Grüne Rauken und bittere Alantwurzeln habe ich als Erster
Dazu zu kochen gelehrt; ungewaschene Seeigel setzte Curtillus
Dazu, weil die Brühe der Meerschale besser schmeckt als die Salzlake.‘
Indem er das sagte, stürzten die schweren Vorhänge herab,
Rissen schwarzen Staub auf die Schüssel, mehr als der Südwind
Im Felde von Kampanien aufwirbelt. Wir fürchteten Schlimmeres,
Doch als wir merkten, es gab keine Gefahr, richteten wir uns
Auf; Rufus aber hielt sein Haupt gesenkt und weinte, als ob
Sein Sohn im zarten Alter gestorben wäre. Wo wäre das Ende
Gewesen, wenn nicht der kluge Nomentanus den Freund so erhob:
‚Ach, Fortuna, welcher Gott ist grausamer als du gegen uns?
Wie freust du dich immer, das menschliche Schicksal zu verspotten!‘
Varius konnte sein Lachen kaum mit der Serviette bezwingen;
Balatro, der alles durch die Nase zog, sagte: ‚Das ist nun mal
Die Bedingung des Lebens; daher wird der Ruhm deiner Mühe
Niemals der Arbeit entsprechen. Dass du, damit ich so üppig
Speise, dich quälst und in Sorge zerfließt, dass das Brot nicht anbrenne,
Dass der Sud wohl gewürzt sei, dass alle Sklaven in Ordnung
Und wohlgekleidet servieren. Dazu kommen noch diese Fälle,
Dass Vorhänge stürzen, wie jetzt, oder ein Sklave den Fuß verstaucht
Und die Schüssel zerbricht. Doch wie bei einem Feldherrn, so zeigt
Das Unglück den Geist des Gastgebers, das Glück aber hüllt ihn in Schweigen.‘
Nasidienus entgegnete: ‚Mögen dir die Götter alles gewähren,
Was du erbetest: So ein guter Mann bist du und so ein angenehmer Gast!‘
Und verlangte nach Sandalen. Dann sah man, wie auf jedem Polster
Geheime Flüstertöne die Gäste voneinander trennten.“
„Kein Theaterstück hätte ich lieber gesehen! Doch sag mir schnell,
Was hast du danach noch gelacht?“ – „Während Vibidius die Sklaven
Fragte, ob der Krug denn auch zerbrochen sei, da man ihm keinen
Wein mehr reichte, und während Balatro die Lügen des Wirtes
Mit Gelächter begleitete, kehrtest du, Nasidienus, mit
Veränderter Miene zurück, als wolltest du durch Kunst das Glück
Wieder geradebiegen. Dann folgten die Knaben mit einer
Großen Schüssel, darauf die zerstückelten Glieder eines Kranichs,
Bestreut mit reichlich Salz und Mehl, dazu die Leber einer
Weißen Gans, mit Feigen gemästet, und die Keulen von Hasen,
Abgelöst, was viel besser schmeckt, als wenn man sie samt Rücken isst.
Dann sahen wir gebratene Amseln und Tauben ohne das Hinterteil
Aufgesetzt – ein feines Gericht, wenn der Hausherr nicht dessen
Natur und Ursprung erklärt hätte! Vor ihm flohen wir so,
Dass wir gar nichts mehr kosteten, als ob Canidia den Speisen
Gift eingehaucht hätte, giftiger als afrikanische Schlangen!“