DEUTSCH VON TORSTEN SCHWANKE
EPODE I
Du fährst auf hohen Schiffen, zwischen Wällen hin,
mein Freund, im Kampfgetümmel,
bereit, o Maecenas, jede Gefahr für Caesar
mit deinem Leib zu tragen.
Was wir, für die das Leben, wenn du überlebst,
beglückt, sonst aber schwer ist?
Soll'n wir, wie du befahlst, nun die Ruhe pflegen,
die ohne dich nicht süß ist,
oder mit Mut die Lasten tragen, wie es sich
für keine feigen Männer
geziemt? Wir tragen sie, und dich durch Alpenhöhn,
die unbewohnt, durch Kaukasus,
oder zum äußersten Gestade westlich hin,
mit festem Geist begleiten.
Du fragst, was ich mit meiner Mühe nützen kann,
der schwach und wenig tapfer?
Als dein Begleiter wird die Furcht mir kleiner sein,
die fern von dir viel größer
mich packt: So fürchtet doch der Vogel bei den Jungen,
wenn er das Nest verlassend
der Schlangen nahen Leib erspäht, nicht so, als ob
er da wär, um zu schützen.
Ich diene liebend gern in diesem ganzen Krieg
in Hoffnung auf dein Wohlwollen;
doch nicht, damit mein Pflug vor vielen Rindern noch
sich mühsam vorwärts schleppe,
auch nicht damit mein Vieh vor Hitze des Gestirns
von Lukanien nach Kalabrien
umzieht, auch nicht, damit mein Haus in Tusculum
die Circe-Mauern überragt.
Genug und mehr hat mich dein gütiger Sinn begabt;
ich werde mir nichts häufen,
was ich als geiziger Chremes in der Erde birg,
noch als ein prassend' Tor verzehr'.
EPODE II
„Beglückt ist der, der fern von allen Geschäften ist,
wie jenes alte Menschengeschlecht,
das väterliche Felder mit eignen Ochsen pflügt,
von jedem Zins befreit und frei.
Er wird nicht durch des Kriegers schrilles Horn geweckt,
noch fürchtet er das zornige Meer;
er meidet das Forum und die stolzen Schwellen dort
der Bürger, die zu mächtig sind.
So bindet er den Zweig der reifen Reben nun
an hohe Pappeln, bräutliche Schau;
im tiefen Tal betrachtet er die Herden dort,
die muhend umherschweifend ziehn;
er stutzt mit der Sense die unnützen Zweige weg
und pfropft die edleren hinein,
verstaut in reinen Krügen den gepressten Honig schon
oder schert die schwachen Schafe ab.
Und wenn der Herbst das Haupt, das mit den Früchten schmückt,
vom Acker in die Felder hebt,
wie freut er sich, die Birnen, die er selbst gepfropft,
und Trauben, die der Purpur färbt,
zu pflücken, als Geschenk, Priapus, dir und dir,
Silvanus, Wächter an der Flur.
Er liegt mal gern unter der alten Steineiche dort,
mal auf dem zähen Grase gern;
indessen fließen Wasser an den hohen Ufern hin,
die Vögel klagen in dem Wald,
die Quellen murmeln leise, wenn das Wasser rauscht,
was leichten Schlaf herbeizulocken weiß.
Doch wenn das Winterjahr des donnernden Jovis nun
mit Regen und mit Schnee sich naht,
treibt er mit vielen Hunden, die beidseitig sind,
die Keiler in die Netze schnell,
oder er spannt mit leichtem Stab die dünnen Netze aus,
ein Trug für die verfressenen Drosseln bald,
und fängt den hasenängstlichen Hasen, fremden Kranich auch,
als angenehme Beute ein.
Wer möchte nicht bei alldem das, was Liebesleid
an Sorgen bringt, vergessen bald?
Doch wenn ein keckes Weib, das treu den Haushalt führt,
den Kindern auch zur Seite steht,
wie jene Sabinerin oder die, die die Sonne brüht,
die Frau des flinken Apulers,
das heilige Holz auf alten Herden schichten will,
wenn dann der müde Gatte naht,
das frohe Vieh in Flechtwerk sperrend, die Euter dann
der Zitzen trocken melken kann,
den diesjährigen Wein aus süßem Fasse holt
und ungewollte Speisen bringt:
Nicht könnten Lucriner-Muscheln mir gefallen so,
noch Steinbutt oder Papageifisch,
wenn ihn der Wintersturm aus östlichem Gestade her
zu diesem Meere heute treibt,
nicht würde Afrikas Vogel in den Magen gehn,
kein Rebhuhn aus Ioniens Land,
so köstlich wie die Olive, die vom fetten Zweig
der Bäume sorgsam ist gepflückt,
auch nicht die Melde, die das Feld so gerne liebt,
und Malven, die dem Körper gut,
das Lamm, das an den Terminalien geopfert ward,
der Zicklein, das dem Wolf entkam.
Bei diesem Mahle ist es schön, die satten Schaf'
zu sehn, wie sie nach Hause gehn,
die müden Ochsen sehn, die an dem Nacken schwer
den umgekehrten Pflug jetzt ziehn,
und alle Knechte sitzen, die das reiche Haus
wie einen Bienenschwarm umstehn.“
Dies sprach der Wucherer Alfius, und wollte nun
schon morgen Bauer endlich sein;
er zog an den Iden all sein ganzes Kapital,
sucht aber an den Kalenden es neu.
EPODE III
Wenn jemals jemand mit der gottverfluchten Hand
des Vaters Hals gebrochen hat,
der esse Knoblauch, schlimmer als das Schierlingskraut.
O harte Mägen der Schnitter ihr!
Welch Gift ist das, das so in meinem Innern wütet?
Hat etwa Schlangengift darin,
in diesen Kräutern eingekocht, mich hier getäuscht?
Hat Canidia die Speisen wohl bereitet?
Als Medea vor allen Argonauten einst
den Führer stolz bewunderte,
bestrich sie ihn, der fremden Stieren Joche legt,
mit diesem Saft, und Jason floh;
mit diesen Gaben, die sie so vergiftete,
verjagte sie die Nebenbuhlerin.
Nie drang so viel der Glut von Sternen jemals ein
in das durstige Apulien,
noch brannte das Geschenk, das Herkules sich nahm,
mit so viel Hitze auf der Haut.
Doch wenn du jemals so was, Maecenas, im Scherz
dir wünschtest, fleh ich heute dich:
Mag doch das Mädchen deine Hand beim Kuss abwehren
und ganz am Ende des Bettes ruhn.
EPODE IV
Wie zwischen Wölfen und den Lämmern Feindschaft ist,
so ist sie zwischen mir und dir,
du, den die spanische Peitsche an den Flanken zeichnet
und Fußfesseln, die hart aus Stahl.
Du magst auch stolz einhergehn mit dem vielen Geld;
das Glück ändert den Stand doch nicht.
Siehst du, wie du auf der heiligen Straße schreitest,
mit einer Toga, sechs Ellen weit,
wie die Gesichter derer, die dort gehn, sich nun
mit tiefer Abscheu abwenden:
„Der, den die Ruten des Triumvirn einst zerfurcht,
bis dass der Ausrufer fast schrie,
beackert tausend Morgen des Falernischen,
und mit den Rössern tritt er die Appia,
und sitzt als stolzer Ritter in der ersten Reih',
obwohl Otho es nicht wollte, dort.
Was nützt es, dass so viele Schiffe mit schwerem
Schnabel, das Gewicht so groß,
gegen die Räuber und die Sklavenhaufen ziehn,
mit dir als einem Militärtribun?“
EPODE V
„O ihr Götter, wer auch immer droben im Himmel
die Welt regiert und das Menschengeschlecht,
welch Toben ist das, was bedeutet der grimmige
Blick aller auf mich allein?
Ich bitte dich, bei den Kindern, wenn Lucina
den wahren Müttern bei der Geburt
beistand, und bei diesem leeren Schein des Purpurs,
bei Jupiter, der das hier verdammt:
Warum starrst du mich an wie eine Stiefmutter,
oder wie ein vom Stahl bedrohtes Tier?“
Wie der Knabe, mit zitterndem Mund so klagend,
die Kleider entrissen, dort stand,
ein unschuldiger Leib, der wohl die grausamen
Herzen der Thraker erweicht hätte:
Canidia, ihr Haar mit kurzen Vipern umwunden,
das Haupt völlig ungepflegt,
heißt wilde Feigenbäume, die aus Gräbern gerissen,
heißt Zypressen, die zum Tode bestimmt,
heißt Eier, mit dem Blut einer abscheulichen Kröte
bestrichen, und die Feder der Eule,
die bei Nacht schreit, und Kräuter, die Iolcos und
das giftreiche Iberien sendet,
und Gebeine, aus dem Maul eines hungrigen Hundes
gerissen, in Kolchier-Flammen brennen.
Sagana aber, behende, sprengend durch das ganze
Haus das Wasser der Unterwelt,
sträubt sich mit struppigem Haar, wie ein rauer
Seeigel oder ein Eber aus Laurentum.
Veia, von keinem Gewissen geplagt, schaufelte
mit harten Spaten die Erde auf,
stöhnend bei der Arbeit, damit der Knabe dort
eingegraben den langen Tag,
bis zu Tode schauend auf die Speisen, die zwei-
und dreimal gewechselt wurden,
dort verharrt, mit dem Mund nur so weit hervor,
wie die im Wasser Schwimmenden
mit dem Kinn aus der Flut ragen; auf dass das Mark
und die vertrocknete Leber ihm,
da er verhungert, das Liebesgetränk sei, wenn
die Augen am unerreichten Mahl
einmal verloschen sind. Und dass die Ariminerin
Folia, von männlicher Lust erfüllt,
dabei war, das glaubte Neapel und jedes
der umliegenden Städtchen auch,
sie, die die Gestirne und den Mond vom Himmel
mit thessalischem Zauberwort herabzieht.
Hier, den unbeschnittenen Daumen mit bleichem Zahn
nagernd, was sagte Canidia da,
oder was schwieg sie? „O ihr meiner Sache nicht
untreuen Zeugen, Nacht und Diana,
die ihr das Schweigen regiert, wenn die geheimen
Kulthandlungen vollzogen sind,
jetzt, jetzt seid ihr da! Wendet nun euren Zorn
und eure Macht auf die Häuser der Feinde!
Während die Tiere in den schrecklichen Wäldern
in süßem Schlafe erschlafft liegen,
sollen die Hunde von der Subura den alten
Ehebrecher, dass alle nur lachen,
verbellen, den mit Narden bestrichenen, wie
meine Hände vollkommener keinen schufen.
Was ist geschehen? Warum wirken die düsteren
Gifte der Medea weniger?
Mit ihnen floh sie, nachdem sie die stolze Nebenbuhlerin
gerächt hatte, Tochter des großen Kreon,
als das Gewand, das Geschenk, mit Verderben getränkt,
die neue Braut durch Feuer verschlang.
Doch kein Kraut und keine Wurzel, die im rauen
Gelände verborgen, entging mir je.
Schläft er in den Betten aller, die mit Vergessenheit
für meine Buhlerinnen bestrichen sind?
Ah, ah! Er geht frei, dank des Zaubers einer,
die kundiger ist als ich.
Nicht mit gewöhnlichen Tränken, Varus – o du,
der du noch vieles beweinen wirst –,
wirst du zu mir zurückkehren, noch wird dein Sinn,
wenn er gerufen, durch Mars-Gesänge kommen.
Etwas Größeres bereite ich, etwas Größeres
gieße ich dir als Verachtendem ein,
eher wird der Himmel unter das Meer sinken,
die Erde darüber sich breiten,
als dass du nicht in Liebe zu mir so brennst,
wie das Bitumen in den schwarzen Flammen.“
Darauf versuchte der Knabe nicht mehr, wie zuvor,
mit sanften Worten die Ruchlosen zu mildern,
sondern, zweifelnd, woher er das Schweigen brechen sollte,
stieß er thyestische Flüche aus:
„Gift der Magier kann nicht das Recht und das Unrecht
verkehren, nicht menschliches Schicksal wenden.
Ich verfolge euch mit Flüchen: Diese grauenvolle
Verwünschung wird durch kein Opfer gesühnt.
Wenn ich, zum Sterben bestimmt, erst einmal den Geist
aufgebe, werde ich nächtlicher Furor sein
und euer Antlitz als Schatten mit krummen Krallen
zerfleischen – denn solch Macht haben die Manen –,
und ich werde, auf eurer Brust lastend, den Schlaf
mit Entsetzen euch rauben.
Die Menge wird euch von Gasse zu Gasse mit Steinen
bis zum Erbrechen jagen, ihr alten Hexen!
Dann werden die Wölfe und Vögel vom Esquilin
eure unbestatteten Leiber zerreißen;
und das wird meinen Eltern, ach, die mich überleben,
dieses Schauspiel nicht entgehen.“
EPODE VI
Was belästigst du wehrlose Fremde, du Hund,
der du feige gegen die Wölfe bist?
Warum wendest du nicht deine leeren Drohungen,
wenn du kannst, gegen mich, der zurückbeißt?
Denn wie ein Molosser oder ein gelber Lacon,
ein Freund, der den Hirten zur Hilfe kommt,
jage ich durch den tiefen Schnee, die Ohren gespitzt,
jedes Raubtier, das mir vorausläuft.
Du aber, wenn du den Hain mit deinem furchtbaren
Gebell angefüllt hast, schnüffelst nur nach der
hin geworfenen Speise.
Hüte dich, hüte dich! Denn gegen die Bösen
habe ich meine Hörner bereit,
so wie ich der verschmähte Schwiegersohn des Lycambes
war, oder der bittere Feind des Bupalus.
Oder soll ich, wenn mich einer mit schwarzem Zahn
angreift, wie ein weinender Knabe ungestraft bleiben?
EPODE VII
Wohin, wohin stürzt ihr, ihr Verbrecher? Warum
werden die Schwerter schon wieder gezückt?
Ist auf den Feldern und auf dem Meere nicht
schon genug Römerblut geflossen,
nicht, damit der Römer die stolzen Mauern der neidischen
Karthager niederbrennen konnte,
oder damit der unbesiegte Brite den heiligen Weg
in Ketten hinunterziehen musste,
sondern damit diese Stadt, ganz nach dem Wunsch
der Parther, durch ihre eigene Hand zugrunde gehe?
Das war niemals die Art der Wölfe oder der Löwen,
die doch nur gegen artfremde Tiere wüten.
Ist es blinder Wahnsinn oder eine stärkere Kraft,
oder ist es Schuld? Gebt mir Antwort!
Sie schweigen, und blasse Bleiche färbt ihre Gesichter,
der Geist ist betäubt und erschrocken.
So ist es: Die bitteren Schicksale jagen die Römer,
und die Schuld an der brüderlichen Tat,
seit das Blut des unschuldigen Remus auf die Erde
floss, ein Fluch für die späten Enkel.
EPODE VIII
Wie darfst du fragen, da der Altersschleier dich
schon längst befallen hat,
was meine Manneskraft wohl lähmen mag, wenn doch
dein Zahn schwarz ist und Falten
die Stirn im Alter tief zerfurchen und dein After
hässlich klafft zwischen
den dürren Backen, wie man es bei einer kranken
Kuh wohl sehen mag?
Doch reizen mich die Brust und jene faulen Brüste,
gleich wie die Euter einer
Stute, und der schlaffe Bauch und der Oberschenkel,
dürr auf den dicken Waden.
Sei glücklich du, und mögen Leichenzug und Ahnenbilder
beim Triumph dir folgen,
und keine Gattin gehe einher, die mit schwereren
Perlenketten beladen
dich übertrifft. Was? Weil die Schriften der Stoiker
auf seidenen Kissen liegen,
sind meine Nerven etwa minder starr, oder
erlahmt mein Glied etwa weniger?
Dass du es aber aus dem stolzen Schoss erregst,
daran musst du mit dem Munde arbeiten.
EPODE IX
Wann werde ich den Caecuber, der für Festmähler
zurückgelegt ist, nun,
weil Caesar siegreich ist, unter dem hohen Dach—
so freut es Jupiter—,
o glücklicher Maecenas, mit dir trinken, während
dazu Lyra und Flöten
ein Lied erklingen lassen, die eine dorisch,
die andere barbarisch?
Wie neulich, als der Neptun-Sohn, vom Gestade getrieben,
mit verbrannten Schiffen floh,
er, der der Stadt mit Ketten drohte, die er zuvor
den treulosen Sklaven
abgenommen hatte? Ein Römer—ach, ihr Nachfahren,
ihr werdet es leugnen—,
ein Sklave einer Frau, trägt Wälle und Waffen
als Soldat, und vor den
faltigen Eunuchen muss er dienen, und unter
den Feldzeichen der Schlacht
sieht die Sonne mit Schande ein Moskitonetz.
Zu diesem Anblick wandten zweitausend Gallier
die wiehernden Rosse, Caesar
preisend, und die feindlichen Schiffe im Hafen
liegen nun verborgen,
die Hecks nach links gewendet, in der Flucht.
„Io Triumphe“, zögerst du mit goldenem Wagen
und den unberührten Rindern?
„Io Triumphe“, du brachtest keinen Feldherrn heim,
der im Jugurthakriege
oder im Afrikanerkriege ihm gleich war, dessen
Tugend über Karthago
ihm ein Grabmal baute. Zu Lande und zu Wasser
besiegt, tauschte der Feind
das purpurne Gewand gegen das Trauerkleid.
Oder er sucht das edle Kreta mit hundert Städten,
von Winden getrieben, die
nicht die seinen sind, oder er sucht die Syrtes
durch den Notos, oder er wird
auf ungewissem Meere umhergetrieben.
Bring her, du Knabe, die größeren Becher und
den chischen Wein oder lesbischen,
oder messe uns den Caecuber zu, der gegen die
aufsteigende Übelkeit hilft.
Es ist gut, Sorgen und Furcht um Caesars Taten
mit süßem Wein zu lösen.
EPODE X
Unter bösem Stern sticht das Schiff in See,
das den stinkenden Mevius trägt.
Erinnere dich, Südwind, daran, beide Flanken
mit grausamen Wogen zu peitschen;
schwarzer Ostwind, lass das Meer sich wenden
und die zerbrochenen Ruder weit zerstreuen;
möge der Nordwind aufstehen, so gewaltig, wie er
auf hohen Bergen die zitternden Eichen bricht;
kein rettendes Gestirn erscheine in dunkler Nacht,
wenn der traurige Orion untergeht;
er möge auf nicht ruhigerer See fahren,
als es die griechische Schar der Sieger tat,
als Pallas ihren Zorn von dem verbrannten Ilion
auf des Aias ruchloses Schiff wendete.
O welch Schweiß steht deinen Matrosen auf der Stirn,
und dir die gelbliche Blässe
und jenes unweibliche Jammern und die Gebete
an den abgewandten Jupiter,
wenn der Ionische Golf, unter dem feuchten Südwind
dröhnend, den Kiel zerbricht!
Doch wenn er als fette Beute am gekrümmten Gestade
hingestreckt den Möwen zur Nahrung dient,
wird ein wollüstiger Bock und ein Lamm
den Stürmen geopfert werden.
EPODE XI
Pettius, es freut mich nicht mehr wie früher,
kleine Verse zu schreiben,
vom schweren Liebeskummer getroffen, der mich
vor allen andern heimsucht,
zu brennen für weiche Knaben oder für Mädchen.
Dies ist der dritte Dezember, seit ich aufhörte,
wegen Inachia zu toben,
der das Laub von den Wäldern schüttelt.
Weh mir! Durch die Stadt—denn ich schäme mich
solcher Not—bin ich zum Gerede geworden,
und die Gastmähler bereue ich, in denen
die Mattigkeit und das Schweigen
den Liebenden verrieten und der aus tiefster Brust
geholte Seufzer.
„Dass gegen Gold nichts gilt die edle Begabung
eines Armen“, klagte ich dir,
als der schamlose Gott, durch heißeren Wein,
die Geheimnisse aus ihrem Ort lockte.
„Doch wenn in meiner Brust die freie Galle
wieder aufwallt, damit diese lindernden
Pflaster, die das Übel nicht bessern, der Wind
verweht, wird die Scham, nun befreit,
aufhören, mit dem Ungleichen zu streiten.“
Als ich dies ernsthaft vor dir gelobt hatte,
wurde ich, heimgegangen,
mit unsicherem Schritt zu Türen getragen,
die mir nicht wohlgesinnt sind,
und zu harten Schwellen, an denen ich mir
die Lenden und die Hüften stieß.
Nun hält mich die Liebe zu Lyciscus, der sich brüstet,
jedes Weibchen an Weichheit zu übertreffen;
von ihr können mich weder der Freunde freie
Ratschläge noch schwere Schmähungen
befreien, sondern eine andere Glut,
oder ein weißes Mädchen,
oder ein zierlicher Knabe, der sein langes Haar
wieder neu knotet.
EPODE XII
Was willst du von mir, du Weib, das nur
schwarzen Keilern würdig wäre?
Warum schickst du mir Geschenke und Briefe,
die weder einem strammen Jüngling
noch einer feinen Nase gerecht werden?
Denn ich rieche viel schärfer, ob ein Polyp
oder ein schwerer Ziegenbock in den
behaarten Achseln liegt, als ein scharfer Hund
den verborgenen Keiler im Busch.
Welcher Schweiß und welch übler Geruch wächst
überall aus den welken Gliedern,
wenn sie, bei schlaffem Glied, ihre unbändige
Wut zu stillen trachtet; es bleibt ihr
weder das feuchte Weiß noch die Farbe,
mit dem Kot eines Krokodils geschminkt,
und schon sprengt sie die Betten und das Haus,
indem sie sich aufbäumt.
Oder sie quält mich mit wilden Worten:
„Inachia schmachtet weniger als ich;
Inachia kannst du dreimal in der Nacht, für mich
aber bist du immer für ein einziges Werk weich.“
Verrecken soll jene Lesbia, die dir
den trägen Stier gezeigt hat,
als mir Amyntas aus Cos zugegen war,
dessen Standhaftigkeit im unbändigen Schoß
fester haftet als die junge Pflanze an den Hügeln.
Wem wurden die Gewänder aus der Wolle, die
zweimal in den Purpur von Tyros
getaucht wurde, bereitet? Dir natürlich,
damit du nicht unter den Gästen
einer wärst, den seine Frau mehr liebt als dich.
O ich Unglücklicher, vor dem du fliehst, wie
das zarte Lamm die Wölfe fürchtet
und die Rehlein die Löwen!
EPODE XIII
Ein grimmiges Unwetter hat den Himmel zusammengezogen, und Regen
und Schnee bringen Jupiter herab; nun tobt das Meer, nun der Wald
durch den thrakischen Nordwind. Lasst uns die Gelegenheit ergreifen,
Freunde, am heutigen Tag, solange die Knie noch jung sind
und es sich schickt, und die Stirn, die mit Sorgen bedeckt ist,
lösen. Du, hole den Wein hervor, der unter meinem
Konsulat, Torquatus, gekeltert wurde. Sprich von anderem nicht:
Vielleicht wird ein Gott dies mit gnädigem Wechsel
wieder in Ordnung bringen. Jetzt ist es gut, sich mit achämenidischer
Narde zu salben und das Herz mit der Leier des Cyllenius
von grausamen Sorgen zu befreien,
so wie der edle Centaur dem großen Schüler sang:
„Unbesiegter, sterblicher Knabe, von der Göttin Thetis geboren,
dich erwartet das Land des Assaracus, das die kalten Wasser
des kleinen Skamander teilen und der schlüpfrige Simois,
wohin die Parzen dir die Rückkehr mit sicherem Faden
abgeschnitten haben, noch wird deine meerblaue Mutter dich heim
bringen. Dort lindere alles Leid mit Wein und Gesang,
durch süße Ermahnungen die hässliche
Trauer zu besänftigen.“
EPODE XIV
Warum mich eine sanfte Trägheit mit solch tiefer
Vergessenheit in den Sinnen erfüllt hat,
als ob ich Becher getrunken hätte, die lethäischen Schlaf
bringen, mit ausgedörrtem Schlund,
mein edler Maecenas, du tötest mich durch ständiges Fragen;
denn ein Gott, ein Gott verbietet mir,
die begonnenen, längst versprochenen Jamben
zum Ende zu führen.
Nicht anders sagen sie, habe Anakreon von Teos
für den samischen Jüngling Bathyllus gebrannt,
der so oft auf hohler Schale den Schmerz seiner Liebe
besang, in nicht ausgearbeitetem Versmaß.
Du brennst selbst, Armer; doch wenn kein schöneres Feuer
das belagerte Ilion anzündete,
freue dich deines Schicksals; mich quält eine Freigelassene,
die sich nicht mit einem begnügt, die Phryne.
EPODE XV
Es war Nacht, und am klaren Himmel leuchtete der Mond
zwischen den kleineren Sternen,
als du, um die Macht der großen Götter zu kränken,
bei meinen Worten schwurst,
fester, als die Steineiche von der hohen Efeu-Ranke
mit weichen Armen umschlungen wird;
solange der Wolf dem Vieh und Orion den Seeleuten
als Feind das Wintermeer aufwühlte
und Apollos Wind die ungeschnittenen Locken bewegte,
sollte diese Liebe gegenseitig sein.
O Neaera, du wirst meine Tugend noch bitter bereuen;
denn wenn in Flaccus noch etwas Mann ist,
wird er es nicht ertragen, dass du dich dem Vorzuziehenden
ständig hingibst, und wird zornig einen anderen suchen
und nicht der Konstanz der beleidigten Form nachgeben,
sobald der sichere Schmerz eingedrungen ist.
Und du, wer immer du bist, der du glücklicher bist
und nun stolz auf mein Unglück einhergehst,
wenn du auch reich bist an Vieh und an weitem Land
und dir der Paktolus entgegenfließt
und dich die Geheimnisse des wiedergeborenen Pythagoras
nicht täuschen und du an Gestalt den Nireus übertriffst:
Ach, ach, du wirst weinen, wenn sie ihre Liebe zu einem anderen
verlegt hat; ich aber werde meinerseits lachen.
EPODE XVI
Schon wird die zweite Zeit durch Bürgerkriege jetzt
im Raubbau aufgerieben,
und Rom durch eigene Kraft stürzt jäh in sich zurück.
Die Stadt, die weder Marsi,
die stolz und drohend einst, noch Porsenas etruskisch Heer,
noch Capuas Macht bezwangen,
noch Spartacus, der wild, noch Allobroger, treulos oft
im Aufstand gegen alles,
noch Germanien, das grimmig mit dem blonden Heer,
noch Hannibal, den Eltern
ein Fluch, vermochten je zu stürzen: Wir, ein Stamm
von gottverfluchtem Geblüt,
wir tilgen uns nun selbst, und wildes Vieh bewohnt
dereinst den leeren Boden.
Ein barbarischer Sieger wird auf Asche stehn,
und klirrend wird das Ross dann
die Stadt mit festem Huf zertreten, und das Gebein
des Quirinus, das die Sonne
und Winde noch verschont, zerstreut ein Stolzer – ach,
ein Frevel, das zu sehen!
Vielleicht fragt ihr vereint, was uns noch retten mag,
die Schar der Besseren hier,
von diesem bösen Leid? Kein besseres Urteil gibt
es wohl: So wie die Phokaer
den heiligen Eid einst schwuren und den Acker samt
den häuslichen Altären
dem Zorn der Eber und der Wölfe überließen, so
lasst uns gehn, wohin uns
die Füße tragen oder Notos oder West
uns lockt auf blauen Fluten.
Ist das genehm? Wer hat wohl einen besseren Rat?
Warum noch zögern wir, das
Schiff zu besteigen, wenn der Wind uns günstig weht?
Doch schwören wir vor allem:
„Sobald die Felsen erst vom tiefsten Grund erhoben
im Meere wieder schwimmen,
dann sei die Rückkehr erst erlaubt; uns soll es nicht
verdrießen, heimzukehren,
wenn Po die matinischen Gipfel jemals wäscht,
wenn Apennin im Meere
sich neigt und Tiere sich in neuer Lust vereinen,
wenn Tiger sich mit Hirschen,
wenn Tauben sich mit Milauen paaren, wenn die Lämmer
die Löwen nicht mehr fürchten
und wenn der Ziegenbock das Salz der Flut liebt.“ – So
und mehr, was uns die Rückkehr
auf ewig trennt, soll uns als Stamm vereint nun leiten.
Geht hin, ihr Besseren, geht,
verlasst die Stadt! Die Weichen, die Hoffnungslosen,
die mögen auf dem Lager
verharren. Ihr aber, die ihr Mut habt, seid nicht weich,
fliegt über etruskische
Gestade hin! Uns harrt der Ozean, der alles rings
umspült. Wir suchen Äcker,
die glückseligen Inseln, wo die Erde uns
alljährlich Frucht gewährt, wo
der Weinstock ungeschnitten blüht, wo nie die Olive
uns täuscht und ihre Knospen
der Feigenbaum am eigenen Stamm in Würde trägt,
wo Honig aus der Eiche
uns quillt und von den hohen Bergen leise springt
das Wasser mit dem Rauschen.
Dort kommen ungerufen Ziegen an den Trog,
und freundlich bringt die Herde
die vollen Euter selbst zurück; kein Bär umkreist
am Abend unsre Hürden,
und niemals schwillt der Boden dort mit Vipern an.
Viel mehr noch wird uns staunen,
wie weder der gewalt'ge Ost mit Regenflut
die Erde uns zerfurcht noch
die Saat auf dürren Schollen uns verbrennen mag;
ein jeder Gott lenkt alles.
Kein Argo-Schiff kam je dorthin, kein unkeusch Volk
der Kolcher setzte Fuß hin,
kein sidonischer Seemann lenkte dort die Segel,
kein Schweiß des Odysseus-Heeres.
Kein Unheil schadet dort dem Vieh, kein Sternenbrand
bedrückt dort unsre Herde.
Jupiter hat dies Land der frommen Schar geweiht,
als er das Goldzeitalter
mit Erz beschmutzte; nun, da es mit Eisen härtet,
ist – wie ich es verkünde –
den Frommen dieser Weg zur Flucht nun aufgetan.
EPODE XVII
„Ich strecke, Canidia, nun die Hände der Kunst entgegen,
ich flehe, bei Proserpinas
Reich und bei Dianas Mächten, die man nicht kränken darf,
und bei den Zauberbüchern,
die fähig sind, die Sterne selbst aus der Bahn zu reißen:
O spare mit den Sprüchen,
löse den Zauberwirbel, löse ihn schleunigst wieder!
Telephus zwang einst den Enkel
der Nereide, gegen den er so stolz die Schlachtordnung
der Myser aufgestellt,
gegen den er die spitzen Pfeile geschleudert hatte.
Die Mütter aus Ilion
salbten den mordgewohnten Hector, den man den Vögeln
und Hunden vorgeworfen,
nachdem der König, fern von Mauern und stolzer Burg,
sich vor Achilles warf,
den er, ach, so hartnäckig flehte. Die Gefährten des
mühevollen Odysseus
streiften die borstigen Häute durch Circes Willen ab;
da kam der Sinn zurück,
die Stimme und das Ansehen, das dem Gesicht gebührte.
Genug gestraft hast du mich,
die du bei Schiffern und bei Händlern so wohl bekannt!
Die Jugend ist entflohen,
die frische Farbe ist dahin, nur die Knochen sind
mit gelber Haut umspannt;
mein Haar ist weiß geworden durch deine Düfte jetzt,
keine Ruhe bringt mir Schlaf;
die Nacht bedrängt den Tag, der Tag die Nacht; ich kann
die atmende Brust nicht lösen.
So bin ich besiegt und muss nun glauben, o Elender,
dass sabinische Lieder
die Brust erschüttern und das Haupt unter Marser-Zauber
in Stücke birst. Was willst du
noch mehr? O Meer und Erde! Ich brenne, wie niemals
der Herkules gebrannt,
mit Nessus-Blut getränkt, noch wie der brennende Brand,
der auf dem Ätna wütet;
du aber bist eine Werkstatt für kolchische Gifte,
bis ich als dürre Asche
vom bösen Wind zerstreut werde. Welches Ende oder
welchen Lohn hast du für mich?
Sprich es aus! Ich büße, was du befiehlst, mit Treue,
bereit zur Sühne, ob
du hundert Farren forderst oder auf falscher Leier
dir wünschst, dass ich nun singe:
‚Du, die Keusche, die Gute, du wirst die Sterne einst
als goldner Stern beschreiten.‘
Castor, beleidigt durch das Schicksal der Helena,
und seines Bruders Geist,
sie schenkten dem Seher, besiegt durch sein Flehen, das Licht
zurück, das man ihm nahm;
und du – denn du kannst es! – löse mich aus dem Wahnsinn,
o du, die nicht aus Schmutz
der Väter stammt, nicht kundig, auf armen Gräbern den
Staub der Toten zu zerstreun!
Du hast ein gastlich Herz, reine Hände und einen Bauch,
der den Pactumeius trug,
und deine Hebamme wusch die Windeln, die von deinem
Blute rötlich waren,
so oft du, die Gebärerin, wieder genesen bist.“
„Was gießt du Gebete in meine verschlossenen Ohren?
Nicht härter sind die Felsen,
die Neptun im Winter mit hoher Flut an die Schiffer
schlägt, als mein Herz für dich.
Du hast ungestraft über die Cotytia gelacht,
die heiligen Liebesfeiern,
und als Priester das esqilinische Gift in die Stadt
mit meinem Namen getragen?
Was half es dir, die Paeligner-Hexen zu bereichern
und das Gift geschwind zu mischen?
Doch langsamere Strafen erwarten dich für dein Flehen:
Ein Leben, das dir verhasst,
wirst du als Elender führen, damit du für neue
Qualen stets verfügbar bist.
Tantalus, der Vater des treulosen Pelops, er fleht
um Ruhe, bar der Speise,
Prometheus fleht, der an den Vogel gefesselt ist,
Sisyphus will den Stein
auf dem Gipfel endlich lagern, doch Jupiters Recht
verbietet es. Du willst
dich von den hohen Türmen stürzen, wirst Schlingen dann
um deinen Hals vergeblich
legen, oder das norische Schwert in die Brust dir stoßen,
vor Ekel und vor Gram.
Dann werde ich auf deinen feindlichen Schultern reiten,
die Erde wird meiner Willkür
weichen. Wenn ich die Wachsbilder selbst bewegen kann –
wie du Neugieriger weißt –,
wenn ich den Mond mit meinen Worten vom Himmel ziehe,
wenn ich die Toten wecke
und Liebesränke braue, soll ich über das Ende
meiner Kunst an dir nur klagen?“