KINDERBIBEL: BUCH RUTH

VON TORSTEN SCHWANKE


FÜR MARA M.



ERSTES KAPITEL


In den Tagen, als die Richter über Israel herrschten, kam eine große Hungersnot über das Land. Die Ernten blieben aus, und die Menschen litten bittere Not. In der Stadt Betlehem lebte ein Mann namens Elimelech. Zusammen mit seiner Frau, die alle MARA nannten, und seinen beiden Söhnen Machlon und Kiljon entschied er sich, seine Heimat zu verlassen. Sie zogen in das Land Moab, um dort zu überleben.


Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihnen. Nach einiger Zeit starb Elimelech, und MARA blieb mit ihren beiden Söhnen allein zurück. Die Jungen heirateten zwei Frauen aus Moab, die eine hieß Orpa, die andere Ruth.


Zehn Jahre vergingen, doch dann traf MARA ein noch schlimmeres Unglück: Auch ihre beiden Söhne starben. Nun stand MARA ganz allein da, ohne Ehemann und ohne Kinder, in einem fremden Land. Ihr Herz war schwer vor Trauer.


Als MARA hörte, dass Gott seinem Volk in Betlehem wieder Brot geschenkt hatte, beschloss sie, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Sie machte sich auf den Weg, und ihre beiden Schwiegertöchter, Orpa und Ruth, begleiteten sie ein Stück des Weges.


Unterwegs blieb MARA stehen und sagte zu den jungen Frauen: „Kehrt um! Geht zurück in das Haus eurer Mütter. Ich danke euch für eure Treue und Liebe, die ihr mir und meinen verstorbenen Söhnen erwiesen habt. Möge Gott euch nun ein neues Glück schenken.“


MARA wollte nicht, dass die jungen Frauen ihr in ein ungewisses Leben folgen mussten. Sie küsste sie zum Abschied. Orpa weinte, umarmte ihre Schwiegermutter und kehrte schließlich schweren Herzens nach Hause zurück.


Doch Ruth dachte nicht daran zu gehen. Sie klammerte sich an MARA fest.


„Verlange nicht von mir, dass ich dich verlasse“, sagte Ruth fest. „Wohin du gehst, da gehe ich auch hin. Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, und dort will ich begraben werden. Nur der Tod soll mich von dir trennen.“


Als MARA sah, dass Ruth fest entschlossen war, bei ihr zu bleiben, hörte sie auf, ihr das Gegenteil zu sagen. Gemeinsam wanderten sie weiter, bis sie schließlich in Betlehem ankamen.


Die ganze Stadt war in Aufregung, als sie die beiden Frauen sahen. Die Leute fragten: „Ist das wirklich MARA?“


Doch MARA antwortete traurig: „Nennt mich nicht mehr No-omi (was so viel wie ‚die Liebliche‘ bedeutet), sondern nennt mich MARA – denn das Schicksal hat es sehr bitter mit mir gemeint. Ich zog mit vollen Händen aus, doch Gott hat mich mit leeren Händen zurückkehren lassen.“


So kehrte MARA mit Ruth, der Moabiterin, in ihre Heimat zurück, gerade als die Gerstenernte begann. Ein völlig neues, ungewisses Kapitel in ihrem Leben hatte begonnen.




ZWEITES KAPITEL


MARA und Ruth mussten sich in Betlehem erst einmal zurechtfinden. Da sie kein Geld und keine Erntevorräte hatten, fragte Ruth ihre Schwiegermutter: „Lass mich bitte aufs Feld gehen, um Ähren aufzulesen. Vielleicht finde ich einen Bauern, der so freundlich ist, mir die Reste hinter den Erntehelfern zu erlauben.“


Damals gab es ein Gesetz in Israel, das besagte: Wenn die Bauern ihr Getreide ernteten, sollten sie nicht jedes einzelne Ährchen aufheben. Die Reste, die zu Boden fielen, gehörten den Armen, den Witwen und den Fremden. So wollte Gott sicherstellen, dass niemand hungern musste. MARA nickte und sagte: „Geh nur, meine Tochter.“


Ruth machte sich auf den Weg. Durch einen Zufall – oder war es eine Führung Gottes? – landete sie ausgerechnet auf einem Feld, das einem wohlhabenden Mann namens Boas gehörte. Boas war ein Verwandter von MARAs verstorbenem Ehemann Elimelech.


Kurz darauf kam Boas selbst auf sein Feld, um nach seinen Arbeitern zu sehen. Er bemerkte die junge Frau, die fleißig Ähren aufhob. Er fragte seinen Aufseher: „Wer ist dieses junge Mädchen?“


Der Aufseher antwortete: „Das ist die Moabiterin, die mit MARA aus dem Land Moab zurückgekommen ist. Sie hat mich gefragt, ob sie hinter den Schnittern hergehen und ein wenig aufsammeln darf. Sie arbeitet seit dem frühen Morgen unermüdlich.“


Boas war beeindruckt. Er ging zu Ruth und sagte zu ihr: „Hör gut zu, meine Tochter. Geh auf kein anderes Feld. Bleib hier bei meinen Arbeiterinnen. Wenn du Durst hast, darfst du aus den Krügen trinken, die meine Leute gefüllt haben.“


Ruth verneigte sich tief und fragte erstaunt: „Warum bist du so freundlich zu mir? Ich bin doch nur eine Fremde hier.“


Boas antwortete: „Ich habe gehört, was du alles für deine Schwiegermutter MARA getan hast. Wie du deine Heimat verlassen hast, um ihr in einem fremden Land beizustehen. Gott wird dich für deine Güte belohnen.“


Am Abend hatte Ruth so viel gesammelt, dass sie einen ganzen Sack voll Gerste mit nach Hause brachte. Als MARA sah, wie viel Ruth geerntet hatte, staunte sie sehr. „Wo warst du heute? Wer hat dir das erlaubt?“, fragte sie.


Ruth erzählte ihr von Boas und von seiner großen Güte. Da hellte sich das Gesicht von MARA ein wenig auf. „Boas ist ein naher Verwandter von uns, ein Löser unserer Probleme“, sagte sie. „Es ist gut, dass du auf seinem Feld arbeitest, denn dort bist du sicher.“


So blieb Ruth die ganze Zeit der Gersten- und Weizenernte auf dem Feld des Boas. Sie arbeitete hart, blieb bei MARA und sorgte jeden Tag dafür, dass sie beide etwas zu essen hatten.



DRITTES KAPITEL


Die Erntezeit ging dem Ende zu. MARA beobachtete ihre Schwiegertochter genau. Sie sah, wie hart Ruth arbeitete und wie treu sie ihr zur Seite stand. Sie wollte, dass Ruth endlich zur Ruhe kommen konnte und ein eigenes Zuhause fand – und sie wusste, dass Boas ein guter Mann war.


Eines Abends sagte MARA zu ihr: „Meine Tochter, es wird Zeit, dass ich für dich sorge, damit es dir gut geht. Du weißt, dass Boas, auf dessen Feldern du gearbeitet hast, wie ein Bruder zu unserer Familie gehört. Heute Nacht wird er auf der Tenne sein, um die Gerste zu reinigen.“


MARA fasste einen ungewöhnlichen Plan. „Wasch dich, zieh deine besten Kleider an und geh zur Tenne. Aber lass dich nicht blicken, bevor er gegessen und getrunken hat und sich schlafen gelegt hat. Merke dir genau, wo er liegt. Dann geh hin, decke seine Füße auf und lege dich dort nieder. Er wird dir schon sagen, was zu tun ist.“


Ruth vertraute MARA vollkommen. „Ich werde alles so tun, wie du es mir gesagt hast“, antwortete sie.


Sie schlich sich in der Dunkelheit zur Tenne. Boas war fröhlich nach der Arbeit, hatte gegessen und getrunken und sich an das Ende des Getreidehaufens gelegt, um zu schlafen. Ganz leise schlich sich Ruth an, deckte seine Füße auf und legte sich dort hin.


Mitten in der Nacht schreckte Boas auf. Er drehte sich um und spürte plötzlich jemanden zu seinen Füßen. Erschrocken fragte er: „Wer bist du?“


Ruth antwortete mit fester Stimme: „Ich bin Ruth, deine Magd. Breite deine Decke über deine Magd aus, denn du bist ein naher Verwandter unserer Familie.“ In dieser Zeit bedeutete das: Ruth bat Boas, seine schützende Hand über sie zu halten und sie als seine Frau zu heiraten.


Boas war tief berührt. „Der Herr segne dich, meine Tochter“, sagte er. „Du hättest dir einen jungen Mann suchen können, egal ob reich oder arm, doch du hast dich für unsere Familie entschieden. Hab keine Angst. Ich werde tun, worum du bittest, denn jeder in der Stadt weiß, dass du eine tugendhafte und treue Frau bist.“


Dann fügte er ehrlich hinzu: „Es gibt zwar noch einen Verwandten, der dir im Recht nähersteht als ich. Morgen früh werde ich mit ihm sprechen. Wenn er seine Pflicht als Verwandter erfüllen will, soll er es tun. Wenn nicht, so wahr der Herr lebt, werde ich es tun.“


Ruth blieb bis zum Morgengrauen bei ihm. Bevor es hell wurde, damit niemand sie erkannte, gab Boas ihr als Geschenk sechs Maß Gerste mit in ihren Schleier.


Als Ruth zu MARA zurückkehrte, war diese schon gespannt. „Wie ist es ausgegangen?“, fragte sie. Ruth erzählte ihr alles und zeigte ihr die Gerste.


MARA lächelte gelassen. „Warte nun geduldig ab, meine Tochter, bis wir wissen, wie sich die Sache entwickelt. Boas wird heute keine Ruhe geben, bis er alles geregelt hat.“



VIERTES KAPITEL


Boas hielt sein Versprechen. Früh am Morgen ging er zum Stadttor von Betlehem, wo sich die Ältesten der Stadt versammelten, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Er setzte sich und wartete, bis der andere Verwandte, von dem er Ruth erzählt hatte, vorbeikam.


Boas rief ihn zu sich und lud zehn der Ältesten ein, Zeugen zu sein. Er sprach den Mann direkt an: „MARA, die aus dem Land Moab zurückgekehrt ist, möchte das Stück Land verkaufen, das unserem verstorbenen Verwandten Elimelech gehörte. Da du als Verwandter das erste Anrecht hast, es zu kaufen, wollte ich dich fragen: Willst du es übernehmen?“


Der Mann antwortete zunächst: „Ja, ich kaufe es.“


Doch Boas fuhr fort: „Wenn du das Land kaufst, nimmst du damit auch die Verpflichtung auf dich, die Witwe des verstorbenen Sohnes, die Moabiterin Ruth, zur Frau zu nehmen. So soll der Name des Verstorbenen in seinem Erbe bewahrt bleiben.“


Da überlegte es sich der andere Verwandte anders. „Wenn das so ist“, sagte er, „dann kann ich das Land nicht übernehmen. Ich möchte nicht mein eigenes Erbe gefährden. Übernimm du die Pflicht, Boas, ich kann es nicht tun.“


Nach dem damaligen Brauch zog der Mann seinen Schuh aus und übergab ihn Boas. Das war das offizielle Zeichen dafür, dass er auf alle seine Rechte verzichtete. Boas hielt den Schuh hoch und rief den Ältesten und dem ganzen Volk zu: „Ihr seid heute Zeugen! Ich habe alles, was Elimelech und seinen Söhnen gehörte, von MARA gekauft. Und mehr noch: Ich habe Ruth, die Moabiterin, zur Frau gewonnen, damit der Name ihres verstorbenen Mannes in seinem Erbe weiterlebt.“


Alle Menschen am Stadttor riefen: „Wir sind Zeugen! Gott segne diese Frau, die in dein Haus kommt!“


So heiratete Boas Ruth. Es dauerte nicht lange, da schenkte Gott ihnen einen Sohn. Die Frauen in der Stadt kamen zu MARA und gratulierten ihr: „Gepriesen sei der Herr! Er hat dich heute nicht ohne Erben gelassen. Dieser Junge wird dein Leben wieder mit Freude füllen.“


MARA nahm das Kind, hielt es in ihren Armen und kümmerte sich um ihn, als wäre es ihr eigenes. Die Nachbarinnen gaben dem Kind den Namen Obed.


Die Geschichte, die so traurig mit Abschied und Hunger begonnen hatte, endete in einer wunderbaren Weise. Ruth, die Fremde, war ein fester Teil des Volkes Israel geworden. Und sie wurde die Großmutter von König David – jenem großen König, aus dessen Familie viele Generationen später eine ganz besondere Hoffnung für die Welt hervorgehen sollte.


Für MARA war die Bitterkeit aus ihrem Leben gewichen. Sie hatte in Ruth eine Tochter gefunden, die ihr mehr wert war als sieben Söhne, und sie durfte miterleben, wie ihre Familie einen neuen, hoffnungsvollen Anfang fand.