MALEK INTERVIEWT HABECK

VON TORSTEN SCHWANKE


EIN FIKTIVES GESPRÄCH


Setting: Ein ruhiges Café in Berlin, abseits des Trägers. Der Duft von Filterkaffee liegt in der Luft. Malek, gläubiger Christ mit bodenständigem Blick für die Sorgen der Menschen im Handwerk und Alltag, sitzt Robert Habeck gegenüber. Auf dem Tisch: zwei Tassen Schwarztee.


Malek: Herr Habeck, danke, dass Sie sich die Zeit nehmen. Ich komme aus einem Umfeld, in dem man anpackt, wo man das Wort noch beim Namen nennt und wo sonntags oft die Kirchenglocken läuten. Wenn wir über die großen Krisen unserer Zeit sprechen – Klima, Wirtschaftssorgen, Vertrauensverlust in die Politik –, dann habe ich oft das Gefühl, die Menschen vermissen nicht nur Lösungen, sondern Trost und Haltung. Wo finden Sie Halt, wenn der Sturm am stärksten bläst?


Robert Habeck: (lächelt, blickt nachdenklich in die Tasse) Den Halt sucht man im Sturm ja meistens an den falschen Stellen – nämlich da, wo man ihn festhalten will. Aber im Ernst: Halt geben mir die Gespräche mit Menschen, die trotz allem ihren Laden weitermachen, die früh aufstehen. Und, ganz ehrlich, manchmal auch die Stille am Morgen. Die Einsicht, dass man nicht die Welt auf seinen Schultern trägt, sondern nur seinen Teil tun muss. Aber ich verstehe die Frage tiefer gemeint. Für viele ist es der Glaube. Bei mir ist es eher das Vertrauen darauf, dass Vernunft und Anständigkeit am Ende einen Wert haben. Wobei: Fehlt Ihnen das, Malek? Dass Politik wie ein kalter Verwaltungsakt wirkt statt wie eine Erzählung für das Miteinander?


Malek: Genau das ist es. Als Christ glaube ich an Schöpfungsverantwortung – das deckt sich ja mit dem Anliegen, die Umwelt zu bewahren. Aber die Art, wie Politik gemacht wird, wirkt oft wie ein erhobener Zeigefinger, während die Lasten bei denen landen, die ohnehin schon rechnen müssen, ob am Monatsende noch Geld für das Wesentliche da ist. Schöpfungsverantwortung heißt für mich: Bewahrung mit den Menschen, nicht gegen ihre Lebenswirklichkeit. Warum fällt es der Politik so schwer, diesen Respekt vor der kleinen Lebensleistung zu zeigen?


Habeck: Weil Politik oft unter dem Brennglas der Hektik stattfindet. Wir müssen Entscheidungen in Tagen treffen, die historisch gesehen Jahrzehnte bräuchten. Und ja, da macht man Fehler, da poltert man, da verliert man den Ton. Wenn man den Anspruch hat, die Welt zu retten, vergisst man leicht den, der einfach nur heil durch den Monat kommen will. Das nehme ich mir zu Herzen. Aber mal umgekehrt gefragt: Wie übersetzt man die biblische Idee der Bewahrung in eine Zeit, in der die fossilen Geschäftsmodelle das Fundament unseres Wohlstands waren? Gütig zusehen geht ja auch nicht mehr.


Malek: Gütig zusehen sicher nicht. Aber man muss die Leute mitnehmen, indem man ehrlich sagt: Es tut weh, es kostet Kraft, und wir lassen euch nicht allein im Regen stehen. Ein Zimmermann baut auch kein neues Dach, während er dem Bewohner das alte über dem Kopf abreißt, ohne Schutzleinwand. Vertrauen wächst durch Zuverlässigkeit. Wenn die Leute das Gefühl haben, die Richtung stimmt, tragen sie auch schwere Lasten. Fehlt der Politik heute manchmal der demutsvolle Blick auf das, was vor uns liegt? Demut im Sinne von: Wir wissen auch nicht alles besser?


Habeck: (nickt langsam) Die Demut... das ist das schärfste Schwert und die größte Schwachstelle in der Politik. Gibst du zu, dass du es nicht genau weißt, heißt es sofort: Schwach. Weißt du es besser und liegst falsch, heißt es: Arrogant. Da ist das System gnadenlos. Und doch haben Sie recht: Ohne das eingestandene Nichtwissen, ohne die Empathie für den Schmerz des Wandels, wird Politik technokratisch. Ich glaube, wir müssen wieder lernen, Streit zu führen, der die Würde des anderen lässt.


Malek: Ein wunderbares Schlusswort. Ein Streit, der die Würde lässt, und ein Miteinander, das zählt. Danke für dieses offene Gespräch, Herr Habeck.


Habeck: Ich danke Ihnen, Malek. Das tut gut.


Ein kurzer Moment des Schweigens, bevor die Realität mit dem Klingeln eines Smartphones im Hintergrund zurückkehrt.


Das Smartphone klingelt nicht bloß – es ruft die Realität zurück. Es ist Christin, die anruft. Malek nimmt ab, tauscht ein paar warme Worte mit ihr aus (schließlich feiern sie in diesem Sommer ihr 30. Ehejubiläum, und der Alltag ruft mit kleineren und größeren Absprachen), während Robert Habeck gegenüber noch den Becher abstellt und in den Berliner Nachmittag blickt.


Setting: Das Telefonat mit Christin ist beendet (sie besprechen kurz die Pläne für den Abend und das gemeinsame Sommer- und Jubiläumsjahr), Malek legt das Handy aufs Holz, blickt auf und setzt sich wieder richtig an den Tisch. Robert Habeck ist noch da, schaut auf das Display, lächelnd.


Malek: (schmunzelt) Das war die Frau an meiner Seite. Seit 30 Jahren gehen wir durch Höhen und Tiefen, da merkt man sofort, wenn der Alltag anklopft. Aber es bringt mich zurück zu dem, was wir eben besprochen haben. Herr Habeck, lassen Sie uns mal konkret werden. Sie waren Wirtschaftsminister. Wenn ich sehe, wie Betriebe hier im Norden oder im Handwerk wegen Bürokratie, Energiepreisen und unsicherer Perspektiven stöhnen – wo fängt man an, dieses verlorene Gefühl von „Die hören uns zu“ reparieren, ohne dass es Wahlkampf-Folklore bleibt?


Robert Habeck: (reibt sich kurz über die Stirn, lehnt sich vor) Wissen Sie, das Ehrlichste, was man sagen muss: Wir haben in Deutschland einen Perfektionismus entwickelt, der uns erstickt. Jedes Gesetz muss jeden Sonderfall abfedern, bis am Ende niemand mehr durchsteigt. Wenn ein Handwerker dreimal die gleiche Bescheinigung schicken muss, ist das kein Umweltschutz oder Arbeitsschutz, das ist Bürokratie-Wahnsinn. Der Anfang ist langweilig, aber radikal: Streichen. Zehn Regeln raus für jede neue, die kommt. Und zwar dort, wo der Betrieb das atmen merkt. Aber Hand aufs Herz, Malek: Glauben die Leute noch an Vereinfachung, oder ist das Misstrauen inzwischen so tief, dass selbst die beste Entbürokratisierung als Trick wahrgenommen wird?


Malek: Das Misstrauen sitzt tief, ja. Weil in den letzten Jahren oft Entlastung versprochen und neue Verordnung geliefert wurde. Vertrauen gewinnt man heute nicht mit Konzeptpapieren, sondern mit vorübergehendem Aussetzen von Quatsch. Nehmen Sie die Dokumentationspflichten: Wenn ich als kleiner Betrieb mehr Zeit mit Zetteln verbringe als mit der Arbeit oder dem Nachwuchs, läuft was schief. Aber lassen Sie mich fragen: Sie als Grüner stehen ja für Transformation. Wie erklären Sie dem Meister, der sein Gas- oder Ölheizungs-Fundament seit 30 Jahren hat, dass der Wandel keine Enteignung durch die Hintertür ist?


Habeck: Indem man nicht dogmatisch auf ein Datum starrt, sondern auf die Machbarkeit. Die Richtung – klimaneutral zu wirtschaften – steht fest, weil die Physik nicht verhandelt. Aber das Wie muss flexibler sein. Wer heute saniert oder umsteigt, braucht Planungssicherheit und Förderung, die unkompliziert aufs Konto kommt, nicht nach einem Jahr und drei Steuerberatern. Und ganz ehrlich: Wir müssen aufhören, den Leuten einzureden, dass das Alte teuflisch war. Es war das Fundament, auf dem wir reich und stark geworden sind. Wer das Alte abwertet, wertet die Lebensleistung derer ab, die darin gelebt haben. Das war ein Fehler. Wie kriegt man diesen Ton im Dorf oder in der Runde am Biertisch wieder hin, wo sofort die Reflexe zucken?


Malek: Gar nicht am Biertisch, wenn die Meute schon heiß ist. Sondern davor. Beim Kaffee über dem Gartenzaun. Mit Nachbarn, die man mag, selbst wenn sie anders wählen. Zuhören, anerkennen: Ja, die Sorge ist berechtigt. Und erst dann sagen: Lass uns mal schauen, wie wir das hier konkret lösen. Politik fängt im Kleinen an – und hört da auch auf. Wenn der Staat sich kleiner macht im Alltag und verlässlicher im Grundsatz, kommt auch die Ruhe zurück.


Habeck: (nickt nachdenklich, trinkt den Rest seines Tees aus) Kleiner im Alltag, verlässlicher im Grundsatz. Das schreib ich mir auf. (lächelt) Hätten wir das vor fünf Jahren so klar gesagt, hätten uns die eigenen Parteitage wahrscheinlich gelyncht. Umso wichtiger, dass man das ausspricht.


Malek: Man wird ja älter – und hoffentlich klüger. Auf das Miteinander, Herr Habeck.


Setting: Die Sonne neigt sich über den Hinterhöfen Berlins, der Lärm der Stadt klingt gedämpfter. Robert Habeck klappt den Notizblock zu, schaut zu Malek rüber, der noch eine Tasse bestellt hat. Eine kleine Pause des Durchatmens.


Robert Habeck: (lehnt sich zurück, blickt aus dem Fenster) Weißt du, Malek, wenn wir über das Kleine reden – über den Gartenzaun, die Nachbarschaft, das Vertrauen vor Ort –, dann berührt das einen wunden Punkt der modernen Politik. Wir haben die Politik an die Institutionen delegiert, an Talkshows, an Algorithmen. Dabei passiert Gemeinschaft ja da, wo man sich kennt. Du hast vorhin von Schöpfungsverantwortung gesprochen. Wenn ich mir anschaue, wie nervös und hochemotional Gesellschaft verhandelt wird – Kulturkämpfe, Identität, wer zu wem gehört –, fehlt mir oft das Fundament. Wie schützt man den inneren Frieden im Dorf oder im Freundeskreis, wenn die großen Brandbeschleuniger täglich über die Bildschirme flackern?


Malek: (nimmt einen Schluck, schmunzelt leicht) Ganz einfach, indem man den Bildschirm auslässt und sich anschaut, wer neben einem steht. Bei uns im Norden – ob in Ostfriesland oder hier im Oldenburger Land, wo man sich kennt oder zumindest merkt, ob jemand anpackt oder nur redet – zählt Tatendrag mehr als Haltungsshow. Wenn der Nachbar Hilfe braucht beim Dach, fragt niemand nach dem Parteibuch. Aber das Problem ist: Die Politik befeuert diesen Kulturkampf oft, statt ihn zu kühlen. Man gewinnt Wahlen mit Angst oder Empörung. Wann fangen die Parteien an zu begreifen, dass Spaltung zwar kurzfristig mobilisiert, aber langfristig das Land unregierbar macht?


Habeck: (lacht bitter auf) Ehrliche Antwort? Wenn sie merken, dass sie selbst in dem brennenden Haus sitzen. Das klingt zynisch, ist aber so. Solange die Partitur der Erregung Stimmen bringt, gibt es einen Sog, dem sich kaum einer entzieht. Wer leise und differenziert spricht, taucht im Rauschen unter. Aber die Sehnsucht nach dem Gegenteil ist ja da – merkst du das im Bekanntenkreis auch? Dass die Leute eigentlich müde sind vom Dauerkampf?


Malek: Mde bis ins Mark, ja. Die Leute wollen ihre Ruhe, ihren Frieden, dass die Preise überschaubar bleiben, dass die Enkel eine Perspektive haben, die nicht nach Apokalypse klingt. Und sie wollen, dass man sie in Ruhe arbeiten lässt. Als Handwerker oder Arbeiter weiß man: Ein Haus baut man Stein auf Stein, nicht mit einer Brandrede. Herr Habeck, wenn Sie morgen noch mal neu anfangen könnten – nicht als Minister mit Zwangsack, sondern als jemand, der Gesellschaft baut: Was würden Sie ganz konkret anders machen in der Art, wie man mit den Menschen redet?


Habeck: (schweigt einen Moment, sieht fast ein bisschen müde, aber ehrlich aus) Ich würde nicht mehr versuchen, die Komplexität der Welt in einen Slogan zu pressen. Ich würde öfter sagen: „Ich weiß es gerade auch nicht besser, lass uns das zusammen ausprobieren.“ Und ich würde die Berliner Blase zwingen, drei Monate im Jahr in Betrieben zu arbeiten, die kein Startup sind. Wo geschwitzt, geschraubt und gerechnet wird. Nicht als Alibi-Besuch mit Sicherheitsweste und Helmkamera, sondern um mit anzupacken. Ohne Notizblock.


Malek: (nickt anerkennend) Das wär mal was. Ein Praktikum in der Realität. Aber wisse: Nach drei Wochen auf dem Bau oder in der Schreinerei würden viele flüchten. Umso wichtiger, dass die, die da bleiben, gehört werden.


Habeck: (greift nach seiner Jacke, lächelnd) Deal. Wenn ich das noch mal erlebe, ruf ich dich an als Lehrmeister.


Malek: Mach das. Kaffee kriegst du bei uns auch.


Setting: Draußen vor der Tür des Cafés. Die Berliner Spätabendluft ist klar, ein leichtem Wind trägt den Geruch von nassem Asphalt und Fernweh. Die Stadt hektisch im Hintergrund, aber hier vor der Tür stehen zwei Männer mit Handschlag.


Robert Habeck: (zieht den Kragen hoch, schaut noch einmal rüber zu den Tischen, dann zu Malek) Weißt du, was das Verbotene an diesem Gespräch war? Dass niemand eine Kamera draufgehalten hat. Man hat geredet, ohne gleich den Kopf abgerissen zu bekommen. Wenn man das öfter macht, bricht das System nicht zusammen – im Gegenteil, es atmet wieder. Sag mal, Malek... vermisst du manchmal den Horizont da oben, wo der Wind vom Deich kommt?


Malek: (schmunzelt, steckt die Hände in die Taschen) Jeden Tag, Robert. Wenn man gewohnt ist, dass der Blick drei Kilometer weit über flaches Land geht, erstickt man in engen Straßenschluchten auf Dauer. Aber man trägt den Horizont im Kopf. Wer weiß, wo die Wurzeln sind, verliert die Bodenhaltung nicht – egal, ob man in Berlin steht oder in Ostfriesland am Kaffeetisch sitzt.


Habeck: (nickt, reicht ihm die Hand, fester Griff) Merk ich mir. Und den Kaffee bei dir im Norden? Den heb ich mir auf. Gute Heimfahrt, Malek.


Malek: (schlägt ein) Mach's gut, Robert. Bewahr dir den klaren Blick – und trau dich, öfter mal den Stecker zu ziehen.


Habeck nickt noch einmal, dreht sich um und geht in die Dämmerung von Berlin-Mitte. Malek bleibt einen kurzen Moment stehen, atmet die kühle Abendluft ein, zückt das Handy – ein kurzer Blick aufs Display (Christin hat vorhin geschrieben, es ist alles gut daheim, der Abend klingt ruhig aus).